Feuerlicht und Federstaub

Ganda ist ein größeres Dorf, welches im Westen liegt. Hier wird mit den verschiedensten Städten gehandelt und auch mit allerlei Waren. Einige Züchter befinden sich hier, welche angeblich die besten Pferde haben.
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Whimrie
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Feuerlicht und Federstaub

Beitrag von Whimrie » Mittwoch 29. Juli 2026, 20:37

(Einstiegspost)

Der nächtliche Himmel über Ganda erschien Whimrie besonders groß – nicht nur heute, generell. Vielleicht lag das an dem Ausblick, den das Wagendach bot; daran, dass sich die breite, staubige Handelsstraße vor ihren Augen wie ein scheinbar endloses, dunkles Band nach Westen zog, während die Felder ringsum bereits in tiefblauer Finsternis versanken. Vielleicht lag es auch an den wenigen Laternen, die zwischen den Wagen, Stallungen und niedrigen Häusern des Dorfes noch brannten, an den kleinen, warmen Lichtpunkten unter einem gewaltigen Meer aus Dunkelheit. Oder aber der Himmel war hier tatsächlich größer. Weiter. Offener. Möglicherweise, weil die Götter ihn höchstselbst mit besonderer Sorgfalt über Ganda ausgespannt hatten, nur, damit alles darunter seinen Platz fand: die Pferdekoppeln und Weiden, die dunklen Dächer des Handelsdorfes, die vielen kleinen Straßen, die sich in seinem Zentrum kreuzten — die Schimmerkarawane, die langsam wieder zur Ruhe kam.
Whimrie, barfuß auf besagtem Wagendach sitzend, ließ die Beine über die Kante baumeln. Das alte Holz war vom Tag noch warm, fühlte sich rau und vertraut an ihrer Haut an, während sie den Wind dabei beobachtete, wie er über Wiesen und Felder zog. Er trug den Geruch Gandas heran – nach Gras und Heu, nach trockener Erde und altem Staub von der Straße, nach diesem unvergleichlich schweren, warmen Tiergeruch, der hierorts überall zwischen den Koppeln und Stallungen zu hängen schien. Angeblich, so hatte Jorek es zumindest behauptet, gab es hier die besten Pferde weit und breit. Whimrie wusste nicht recht, woran sie das hätte erkennen sollen. Pferde waren für sie … nun ja, Pferde eben. Manche freundlich, andere mürrisch, viele sehr groß, obwohl sie in ihrem Leben auch schon erstaunlich kleinen begegnet war — allesamt jedoch besaßen sie diese herrlich weichen Nasen, die sich wunderbar anfühlten, wenn man sie streicheln durfte.
Whimrie mochte diesen Moment, den, in dem sich die Spannung nach einem Auftritt langsam wieder auflöste. Noch vor kurzem hatte die Luft zwischen den Zeltplanen vibriert, vor Musik, aufgrund dunkler Trommelschläge und heller Flötentrillerei, aber auch wegen dem Staunen und Gelächter der vielen Leute. Nun hingen lediglich noch die letzten Töne zwischen den Wägen, der niedergetretene Staub roch bereits nach spätem Abendessen, vereinzelt wurde eine müde Stimme zu einem verspäteten Abschied erhoben. Ganda hatte die Schimmerkarawane auch heute nicht sofort wieder frei gegeben. Dafür war das Dorf zu neugierig, zu belebt, zu sehr daran gewöhnt, dass allerhand Leute mit ihren Waren und Tieren, ihren Gerüchten und Geschichten hier Rast machten. Noch immer standen einige Zuschauer am Rand des Lagers, das sich langsam zur Ruhe begab: Männer und Frauen, Bauern mit staubigen Stiefeln, Händler mit schweren Gürteltaschen und wachen Augen. Auch Kinder waren darunter, einige sogar, manche an den Händen ihrer Mütter, andere halb hinter älteren Geschwistern verborgen. Vor allem die ganz kleinen sahen gerne noch einmal zurück.
Whimrie lächelte ihnen zu. Nicht groß, nicht bühnenhaft, trotzdem duckte sich eines der Mädchen sofort kichernd hinter den Rock seiner Mutter, nur, um gleich wieder hervorzulugen. Whimries Federn an den Schläfen stellten sich vor Freude ein wenig auf. Sie konnte nichts dagegen tun. Kinder, die fröhlich waren, die sich versteckten, nur, um dann doch zu gucken, waren in Whimries Augen etwas beinahe unwiderstehlich Schönes — fast so schön wie weiche Pferdenasen. Oder bunte Blätter.
Selbst, als das Mädchen von der Mutter bereits weitergezogen wurde, den Kopf immer noch halb zu Whimrie zurückgedreht, blieb ihr Lächeln noch bestehen. Erst danach sank es langsam in etwas Ruhigeres hinab; nicht weniger glücklich, nur weniger nach außen gerichtet. Whimrie ließ den Blick von den letzten Zuschauern abgleiten, spürte nun stattdessen ihrem eigenen Körper nach. Das mochte sie ebenfalls. Ihre Knochen fühlten sich müde an, auf diese gute Art, warm und schwer, obwohl an Whimrie selbst eigentlich nichts besonders schwer war. Trotzdem zog es angenehm zwischen ihren Schultern, dort, wo die kräftigen Flügel aus ihrem Rücken wuchsen – ihre Arme, ihre Schultern, selbst die schmalen Muskeln entlang ihrer Rippen erinnerten sich noch an jede Bewegung, an jede Drehung, jedes Auffächern, jedes angespannte Halten in der Luft. Whimrie atmete tief ein, spürte, wie ihr Brustkorb sich unter dem dünnen Stoff hob. Noch immer summte der Auftritt in ihr nach, nicht nur als Bild, als Gefühl ... Der kurze, köstliche Herzschlag des Loslassens, dann der Fall, der eigentlich keiner war. Die Höhe, der Schwung, das Rauschen. Es dauerte immer eine kleine Weile, bis auch ihre Federn sich nach solchen Abenden beruhigten. Einige standen auch jetzt noch leicht ab, zerzaust, vor Aufregung immer noch ein wenig aufgeplustert. Ja, sogar in ihrem Haar hielten sich einzelne feine Federchen eigensinnig aufgerichtet, denn obwohl Whimrie gelegentlich die Hand hob, um eine davon behutsam zurück zu streichen – kaum einen Atemzug später spürte sie, wie sie wieder in die Höhe sprang.
Unter ihren Füßen indes schleppte Náal eine Requisitenkiste vorbei, beide Arme fest ums Holz geschlungen, mit ernstem, fest geradeaus gerichteten Blick, als sei er mit einer Aufgabe von königlicher Wichtigkeit betraut worden. Whimrie beugte sich vor, bis ihr Haar über ihre Schulter fiel.
„Náal“, rief sie, nicht laut genug, um die letzten Gäste zu erschrecken, aber doch so deutlich, dass er sie auf jeden Fall hören würde. „Du bist sehr fleißig heute!“ Obgleich der Elfenjunge nicht zu ihr hochsah, lehnte Whimrie sich zufrieden grinsend zurück. Dann öffnete sie langsam die Hand in ihrem Schoß.
Darin, mittig in ihrer Handfläche ruhend, lag ein winziges Schimmerplättchen.
Es war kaum größer als ein Fingernagel, dünn geschlagen, vermutlich aus Messing oder einem anderen billigen, goldig glänzenden Metall, wie Maelle es manchmal in kleinen Dosen aufbewahrte. Solche Plättchen wurden an Bänder, Armreifen, Gürtel oder schmale Lederriemen genäht, damit sie insbesondere im Feuerlicht hübsch aufblitzten. Nicht wertvoll. Nicht besonders, zumindest. Für Whimrie aber besaß dieses Schimmerplättchen dennoch den Wert eines halben Sterns.
Denn es musste von Senneths Kostüm stammen. Von einem der schmalen Bänder, die bei seinem Auftritt um seine Hüfte oder sein Handgelenk lagen, um das Licht seiner Flammen noch schöner über seinen Körper zu lenken. Dieses eine Plättchen war am Rand dunkel, nicht richtig verbrannt, aber vom Rauch berührt. Als Whimrie es zwischen zwei Fingern drehte, fing es den Abendglanz der Laternen auf und blinkte matt wie herabgebrannte Glut.
Sie hielt es näher an ihr Gesicht, schnupperte daran – und obwohl es eigentlich nach gar nichts roch, hüpfte ihr Herz trotzdem. Sie verstand nicht genau, warum. Es war schließlich nur ein verlorenes Stückchen Bühnenglanz. Senneth hatte bestimmt nicht einmal bemerkt, dass es fehlte. Und sollte es ihm aufgefallen sein, würde Maelle es wohl einfach ersetzen. Vielleicht stammte es auch gar nicht von Senneth selbst, sondern von irgendeiner anderen alten Requisite, und Whimrie hielt es nur deshalb für seines, weil sie es sehr gerne so wollte? Nun – sie schloss die Finger dennoch darum, drückte das kleine Plättchen trotzdem vorsichtig gegen ihre Brust, dorthin, wo unter der dünnen, luftigen Stoffbahn ihr Herz noch immer ein wenig schneller schlug als sonst. Kurz hielt sie inne, danach aber zog sie endlich einen der kleinen Beutel von ihrem Gürtel hervor, jenen mit den besonders wichtigen Dingen, nicht den gewöhnlich wichtigen, und ließ es hineinfallen. Es klimperte kaum hörbar gegen den besonders glatten Stein und die hübsche Holzperle, die sie am heutigen Morgen gefunden hatte. Dann lehnte sie sich zurück, beide Hände hinter sich auf das Wagendach gestützt, das Gesicht erneut dem Wind zugewandt ... Und war für einen Moment einfach nur glücklich.
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Re: Feuerlicht und Federstaub

Beitrag von Erzähler » Samstag 8. August 2026, 15:24

Es war schon einige Zeit her, seit die Schimmerkarawane ein Dorf von der Größe Gandas erreicht hatte. Das Königreich war gewaltig, doch viele der weiten Landflächen gehörten Äckern oder der unberührten Natur. Es gab eine Menge Flecke, an denen man sich hätte zurückziehen wollen. Für die Artisten, Gaukler und Schausteller der kleinen Truppe, die Whimrie so lieb gewonnen hatte, bedeutete das allerdings, von den Vorräten zu leben und je länger sie fernab jeglicher Zivilisation blieben, desto eher gingen diese zur Neige. So hatte Esmer ein weiterer Gutshof am Rand eines Trampelpfades nicht mehr ausgereicht. Natürlich wären sie dort herzlich und mit neugierigen Augen empfangen worden. Vielleicht hätte man ihnen sogar Nahrung und Unterkunft angeboten. Für den Moment wäre es ausreichend gewesen, aber langfristig gesehen brauchte die Schimmerkarawane endlich wieder ein paar Einnahmen, um ihre Vorräte aufzustocken. Das Handelsdorf Ganda bot ihnen beides: Die Möglichkeit, an reichlich haltbare Nahrung für sich, Futter für die Tiere und so manches Flickzeug oder Ersatzteil heranzukommen, ebenso wie die Gelegenheit, vor mehr als einer siebenköpfigen Bauernfamilie aufzutreten, bei der lediglich das Oberhaupt ein paar Fuchsmünzen springen lassen konnte.
Im Augenblick aber lag die Stadt im Dunkeln da. Nur wenige der Dorflaternen waren entzündet und ein nächtlicher Nebel breitete sich von Westen her bis an die Grenzen der Felder aus. Aber der Himmel war klar, so dass all die Sternbilder - göttliche wie jene ohne jegliche Bedeutung - zu sehen waren. Sie wirkten so nahe und glitzerten heute Nacht irgendwie heller. Selbst der Mond machte einen größeren Eindruck. Sein fahles Licht legte Passagen aus Zwielicht auf die ausgetretenen Wege zwischen den Dorfhäusern, ließ das Reetdach des Dorfbrunnens nahe dem Zentrum irgendwie geisterhaft leuchten und legte über alles diesen geheimnisvollen Schleier, dem etwas Mystisches nachsagte.

Die Wagen der Schimmerkarawane hatten sich zu einer so genannten Wagenburg auf dem großen Dorfplatz zusammengestellt, auf dem sonst der Markt stattfände. Esmer hatte mit dem Dorfschulzen eine Weile diskutieren müssen, da aber erst wieder in zwei Tagen Markttag in Ganda wäre, könnten sie die heutige Nacht noch hier raten. Morgen aber schon würden jene der Truppe, die fest anpacken konnten, einen geeigneteren Ort für ihre fahrbare Heimat suchen müssen. Der Dorfschulze hatte ein brach liegendes Feld gleich neben der Ortschaft vorgeschlagen. In der Dunkelheit der Nacht aber wollte niemand die Tiere der Karawane scheu machen oder ein Lagerfeuer vorbereiten. So kam es, dass es auch heute kein Lagerfeuer gab, an dem Jorek, Esmer oder Kaeln sitzen konnten. Aber Senneth war nicht umsonst Feuermagier. Ein vom Dorf bereitgestelltes Kohlebecken war Dank seiner Fähigkeiten schnell entzündet und erhellte das Zentrum der im Kreis zueinander stehenden Wagen wenigstens etwas. Und da es kein Lagerfeuer heute Nacht gab, hatte Whimrie sich dazu entschieden, die Sterne vom Dach ihres Wohnwagens aus zu beobachten. Ihre vogelartigen Füße wackelten leicht. Der Wind kitzelte sie zwischen dne Zehen, aber er war recht mild, so dass sie nicht fröstelte. Zusätzlichen Schutz bot ihr hierbei allerdings auch ihr Gefieder. Nachts brauchte sie das Geschirr nicht zu tragen und so konnte sie ihre Schwingen ausgebreitet über das Wagendach hängen lassen oder wie eine Decke halb über sich werfen. Allein das Geräusch ihrer raschelnden Federn, wenn sie sich bewegte, schenkte ein beruhigendes Gefühl der Wärme.

All das war bereits mehrere Tage her. Inzwischen hatte sich die Wagenburg versetzt, denn entgegen Esmers Erwartung, nur zwei Nächte mit einem Auftritt - jener aber groß - hier zu verbringen, war die Truppe nun schon fast eine Woche neben dem Handelsdorf "gestrandet". Ein paar Dinge hatten sich verändert. Wie angekündigt hatte sich die Karawane auf das freie Feld bewegt, das an einem Vormittag noch etwas vom hohen Gras befreit worden war. Jorek hatte kräftig mit angepackt und geholfen, die Halme wegzusensen. Anschließend hatte man die Wagen erneut im Kreis aufgebaut, dieses Mal aber mit mehr Abstand. Tagsüber hingen Wäscheleinen dazwischen, die nicht nur Kleidung trocknen ließen. Man band dort auch bunte Wimpel, befestigte Glöckchen und Keramik-Windspiele, damit der Wind allein die Anwesenheit der Schausteller ankündigen konnte. Und es funktionierte. Die Bewohner Gandas, sowie auch reisende Händler und andere, die das Dorf durchquerten, kamen neugierig herbei, bewunderten die fremdartigen Exoten und bestaunten wenig später die Auftritte, für die nur ein kleiner Obolus verlangt wurde. Aber die Zuschauer waren endlich so zahlreich, dass man einen guten Gewinn erwirtschaftete. Kinder drängelten ihre Eltern, die Tiere streicheln und füttern zu wollen. Anschließend wollte man aber auch nocht die Artisten sehen und jedes Mal nach Sonnenuntergang begeisterte Senneths Feuertanz-Einlage das ganze Dorf.
Die Schimmerkarawane erfreute sich solcher Beliebtheit, dass man sie einfach nicht mehr ziehen lassen wollte. Der Dorfschulze hatte sogar eine angenehme Summe der Dorfkasse entnommen, um die Gruppe Fahrender zu bezahlen, noch ein Weilchen zu bleiben. Bauern hatten geholfen, für Joreks Tiere eine Koppel auf dem Feld aufzubauen, damit sie sich während ihres Aufenthaltes etwas freier bewegen und das Wiesengras genießen konnten. Wie gesagt, es hatte sich einiges verändert, seit die kunterbunte Schar in Ganda eingetroffen war. Nur eines blieb gleich: Whimrie verbracht die späten Abende noch immer auf dem Dach ihres Wagens, betrachtete den Himmel und genoss die sanfte Brise in Haaren, Federn und zwischen den Zehen.
Sie lächelte einer Mutter mit Kind zu, denn selbst zu dieser späten Stunde fanden sich noch immer einige Dorfbewohner ein, um mit den Schaustellern zu plaudern. Das Kind aber war ausgebüchst, weil es unbedingt noch einmal die "tolle Vogelfrau" hatte sehen wollen. Natürlich würde Whimrie niemals erfahren, welch großen Eindruck sie bei dem Mädchen hinterlassen hatte. Sie sah nur das scheue Lächeln, aber auch die Neugier, die es wieder hinter dem Rock ihrer Mutter hervorlugen ließ, ehe jene ein Machtwort sprach und die Kleine mit sich Richtung Bauernhaus nahm. Es wurde Zeit zu ruhen. Auch Whimrie spürte das. Der letzte Auftritt hatte sie genauso gefordert wie alle anderen, aber auf die üblich adrenalinlastige, positive Weise. Jetzt beruhigte sich alles in ihr und ließ eine Müdigkeit mit sanfter Schwere zurück, die sich wie eine Nachtdecke über ihren Leib legen wollte. Jetzt wurden die Sterne besonders schön und schon bald wollte sie sich in ihr Nest im Wagen begeben. Aber noch nicht! Noch war es nicht soweit. Noch gab es so viele glitzernde Juwelen am Nachthimmel zu betrachten. Noch genoss sie den Nachhall des letzten Auftritt, der ihr Herz ein wenig antrieb und ihre Stimmung aufrecht erhielt.
Es führte dazu, dass sie sich über das Wagendach hinweg nach vorn beugte, um Naal ein Lob zuzurufen, denn der Junge arbeitete selbst jetzt noch und trug Kisten von einem Ort zum anderen. Sie wollte ihm ein wenig ihrer Fröhlichkeit abgeben, denn obgleich er sich langsam in ihre kunterbunte Truppe eingefunden hatte, so war Whimrie aufgefallen, dass er für einen Jungen seines Alters herzlich wenig lächelte. Er blickte so ernst. Sie hatte es heute wieder einmal bemerkt, weil die Dorfkinder wesentlich argloser und mit breitem Grinsen durch das Leben stromerten, dass es auch ihre Augen erreichte. Naal war ... einfach Naal. Ein dunkler Schatten, so dunkel wie seine Haut selbst und überaus still. Aber auch noch immer etwas schreckhaft, wenn er von anderen der Karawane angesprochen wurde, außer Esmer. Er befolgte zwar die Anweisungen aller und das sehr gewissenhaft, dennoch zuckte er nur bei ihm nicht zusammen, wenn man ihn ansprach. Auch jetzt ging ein erschreckter Ruck durch seinen Körper, so dass der Inhalt der Kiste zusammen mit ihm erzitterte.
Dann schaute er nach oben auf das Wagendach. Noch immer glomm Misstrauen in seinen violetten Augen. Er sollte federleicht in die Welt schauen, nicht mit diesem ernsten Blick, als vermutete er hinter Whimries Lob eine Falle, um ihn gleich zu packen und zu zerfleischen. Seine Finger klammerten sich fester um die Requisitenkiste. Naal nickte... und dann zuckte er doch nochmal zusammen. Seine Augen hefteten sich erneut auf die Hybridin. Whimrie hatte sich schon wieder zurückgebeugt. Ein kleines Kompliment hatte sie ihm geben wollen, ohne sich mehr dabei zu denken. Jetzt wollte sie eigentlich wieder den Himmel genießen, aber...

"Whimrie..." Ihr Name klang seltsam befremdlich, wenn er in einer anderen Sprache genannt wurde. Welche es war, konnte sie nicht sagen. Sie klang düstert, ein wenig harsch und konnte nicht einmal verhindern, dass ihr eigener Name dadurch nicht auch an Kälte gewann. Trotzdem klang er schön, weil es mit einer Exotik an sie herangetragen wurde, die sie in Bezug auf diesen Namen noch nie zuvor vernommen hatte. Nicht so. Darüber hinaus aber war es ... aufregend, Naal sprechen zu hören. Sie hatte ihn noch nie ein Wort sagen hören und jetzt sprach er ausgerechnet ihren Namen aus. Dass es von ihm kam, bewies, weil er die Kiste abgesetzt hatte und weiterhin zu ihrem Wagendach empor schaute. Er zögerte dabei, als wägte er ab, ob er sein Handeln bereuen und nicht doch lieber fliehen sollte. Doch da war etwas, das ihn nicht dazu bewegen konnte. Etwas, das ihn stehenbleiben ließ. Etwas, das Gefahr in seine Züge schrieb.
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Re: Feuerlicht und Federstaub

Beitrag von Whimrie » Sonntag 16. August 2026, 13:51

Gerade noch hielt Whim den Kopf in den Nacken gelegt, um einem besonders hellen Stern dabei zuzusehen, wie er zwischen zwei dünnen Wolkenschleiern hervorfunkelte, da erreichte ihr Name sie aus der Dunkelheit. Whimrie ... Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass tatsächlich sie gemeint war, und zwar nicht, weil ihr ihr eigener Name plötzlich fremd gewesen wäre, der gehörte selbstverständlich zu ihr, nein, sondern ... so hatte ihn schlichtweg noch nie irgendjemand ausgesprochen! Die Silben dunkler, der Klang kälter und rauer an den Kanten.
Whims Federn an den Schläfen stellten sich auf – wenn diesmal auch nicht vor Freude. Oder vielleicht doch? Ein ganz klein wenig zumindest? Weil Naal gesprochen hatte? Naal, der sonst kaum mehr Geräusche verursachte als ein Schatten auf trockenem Gras. Naal, dessen Schweigen sich längst so selbstverständlich anfühlte, dass Whimrie manchmal beinahe vergaß, dass er überhaupt eine Stimme besitzen musste. Und nun hatte er ausgerechnet ihren Namen gesagt? Ihren Namen, mit diesen fremden, harten Lauten, die so anders klangen als alles, was Whim in ihrem Leben bisher gehört hatte? Das Wagendach knarrte leise unter ihr, und ihre Schwingen raschelten, als sie sie dichter an ihren Rücken zog. Zuerst hatte sie hinunterlächeln wollen. Ganz automatisch. So, wie man lächelte, wenn jemand einen rief, insbesondere wenn dieser Jemand vorher noch nie gesprochen hatte und es darum ein kleines Wunder darstellte, ihn überhaupt sprechen zu hören. Doch noch ehe sich das Lächeln richtig auf ihrem Gesicht festsetzen konnte, sah sie den Blick, mit dem Naal zu ihr hochsah. Und blieb still.
Ihr Herz, eben noch warm flatternd vom Nachklang des Auftritts, machte einen kleinen unbeholfenen Satz.
Whimrie kannte dieses Misstrauen an ihm. Das hatte er oft an sich. Es saß in seinem Blick wie ein dunkler Schatten, und ... anfangs hatte sie noch geglaubt, Naal sähe vielleicht einfach so aus, weil manche Gesichter eben ernster dreinguckten als andere; so wie manche Pferde freundliche Nasen hatten und andere aussahen, als hätten sie am Morgen eine persönliche Beleidigung in ihrem Hafer gefunden. Aber mit der Zeit hatte Whimrie begriffen, dass es nicht nur Strenge, nicht nur eine scheinbar generelle Humorlosigkeit war, die Naals Miene zeichnete. Nein, es war mehr ein ... Warten, ein Lauschen, wie ein leises, gespanntes Rechnen mit irgendetwas, das vielleicht sogar ... weh tun könnte? In gewisser Weise erschrak Naal auch nicht wie jemand, der bloß überrascht wurde. Naal erschrak, als würde sein Körper sehr viel schneller mit furchtbaren Dingen rechnen, als sein Kopf begreifen konnte, dass gerade gar nichts Schlimmes passierte. Whimrie verstand nicht, was genau ihm widerfahren war — und möglicherweise hätte sie es davon abgesehen auch gar nicht in jene richtigen, erklärenden Worte fassen können, die Erwachsene für solche Umstände benutzten. Aber sie sah sehr wohl, dass Náal die Welt nicht wie andere Jungen in seinem Alter betrachtete. Er beobachtete alles aus sicherer Entfernung heraus, wie aus einem Versteck, stets bereit, sich bei der kleinsten falschen Bewegung wieder zurückzuziehen. Gerade deshalb hatte sie sich angewöhnt, in seiner Nähe vorsichtiger zu sein — freilich nicht immer erfolgreich, weil Whimrie eben Whimrie war und manches oftmals schneller aus ihr herausflatterte als es ein kluger Gedanke schaffen würde, aber sie versuchte es.
Das hier allerdings war anders. Unter dem vertrauten Misstrauen lag etwas ... Whimrie wusste nicht, was es war. Sie fühlte lediglich, wie es ihr in eisiger Erwartung das Gefieder aufplusterte. Keine baumelnden Füße mehr. Kein Federrascheln. Kein fröhliches Winken. Whimries Finger krümmten sich gegen das Holz, ihre Lippen zeigten den Versuch ein klitzekleines Lächelns. „Tut ... Tut mir leid. Hab ich dich erschreckt?“
Naal stand immer noch unter ihr, sah immer noch zu ihr hoch. Whimrie betrachtete die abgesetzte Kiste zu seinen Füßen, die verkrampfte Spannung in seinen Schultern, bevor sie sich schließlich diesem Blick widmete, der nicht mehr nur zu ihr hinaufsehen schien, sondern durch sie hindurch auf etwas, das Whimrie weder spüren noch sehen konnte. Ein kühler Windstrich glitt über das Wagendach und fuhr ihr zwischen die Haarfedern. Vorhin hatte sich das schön angefühlt. Jetzt allerdings kitzelte sie die Kälte, eine feine Gänsehaut nach sich ziehend, ohne dass es lustig gewesen wäre. Momente lang sagte Whimrie gar nichts mehr. Das war ungewöhnlich genug, um ihr selbst aufzufallen.
„Du hast meinen Namen gesagt“, stellte sie also leise fest, einfach nur, um irgendwas zu sagen, und obwohl es sich dem Klang nach beinahe wie eine Frage anhörte, war es keine. Ihre Augen blieben auf dem Elfenjungen haften, groß und aufmerksam, ohne die aufdringliche Fröhlichkeit, mit der sie sonst so oft in die Welt sah. „Er klang irgendwie … anders?“ Vielleicht hätte Whimrie nach dem richtigen Wort suchen sollen. Fremd hätte gepasst. Dunkel vielleicht auch. Schön, auf eine Art, die gleichzeitig nicht besonders warm oder auch nur freundlich klang. Wie Mondlicht auf Metall. Oder schwarze Steine in einem Flussbett bei Nacht. Fast ein bisschen unheimlich, aber trotzdem hübsch. „War das deine Sprache?“
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Re: Feuerlicht und Federstaub

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 26. August 2026, 12:42

Whimries Name besaß keine harten Konsonanten, sondern viele weiche Vokale, so dass er an sich schon so pluderig wie ihr Gefieder klingen müsste, aber das Lerium, das Naal soeben verwendet hatte, um ihn zu sprechen, schaffte es, sogar ihren Namen hart und fast schon kaltherzig klingen zu lassen. Selbst aus dem Munde dieses klenen Jungen besaß der melodische Aspekt etwas Düsteres. Doch dass Naal überhaupt gesprochen hatte und dann ausgerechnet sie angerufen hatte, seine Stimme zu hören, fegte all die Erkenntnisse über den Klang des Lerium zusätzlich beiseite.
Da stand er. Dunkle Haut und noch immer etwas unterernährt, auch wenn alle der Schimmerkarawane sich bemühten, ihn ordentlich durchzufüttern. Dadurch, dass sie Naal ebenso an den harten Arbeiten beteiligten, konnte er kaum ansetzen. Doch seine fast schwarze Haut wirkte gesünder, seit er ihnen folgte. Whimrie erinnerte sich an den Anblick der ersten beiden Tage, an denen Naal aufgetaucht war. Wie ein Schatten hatte er ausgesehen. Ein Schatten, der zu verblassen drohte und unsicher schien, ob er aus reinem Überlebenswillen das Risiko eingehen sollte, mit anderen zu interagieren oder ob er in den Schatten selbst blieb, bis sie ihn endgültig verschlungen hätten. Er hatte sich für ersteren Weg entschieden und das war gut. Einige wollten ihn gar nicht mehr missen. Gerade Esmer Vael zeigte unglaubliches Herz unter seiner anführerischen Schale, aber auch Whimrie mochte den jungen Dunkelelfen ins Herz geschlossen haben. Ein wenig zumindest, denn er weckte ihre Neugier. Dass es auch umgekehrt so schien, könnte man daraus interpretieren, dass sein erstes Wort innerhalb der Schimmerkarawane ihr galt. Noch immer hallte der Klang ihres Namens in ihrem Geist nach, während Naal zu ihr aufschaute.
Er zuckte nicht zurück, als sie sich auf dem Dach bewegte. Nur seine Augen huschten von ihr fort, sobald sie das Rosaviolett von Whims Iriden kreuzten. Etwas beunruhigte das Kind und doch wuchs die Unsicherheit, hier nicht gerade einen Fehler begangen zu haben. Man sah Naal an, wie er seine Optionen abwägte.
Sogleich entschuldige sie sich bei ihm, was einen verwirrten Glanz über seine Züge huschen ließ. Etwas, womit Naal definitiv nicht umgehen konnte. Etwas, das ihn unsicher und folglich misstrauischer werden ließ. Er griff die Kiste, hob sie an und machte einen halben Schritt zurück, ganz so, als hätte man ihn dazu aufgefordert, nicht länger faul herum zu stehen, sondern zu arbeiten. Er wollte flüchten. Whimries weitere Bemerkung fesselten ihn an Ort und Stelle.
"Du hast meinen Namen gesagt."
Naal nickte sacht.
"Er klang irgendwie ... anders? War das deine Sprache?"
Ein erneutes Nicken und ehe Naal sich wiederholt in die Nacht aufmachen konnte, landete eine Hand mit Schwung und mehr Wucht, als man es ihr zutrauen mochte, auf der Schulter des Jungen.
"Wer hat deinen Namen gesagt, Whim? Hey, Naal!" Senneths Stimme besaß immer ein unterschwelliges, rauchiges Timbre, wobei man es nicht mit dem Klang eines Mannes vergleichen konnte, der sich Jahrzehnte lang dem Tabak verschrieben hatte. Nein, bei dem jungrn Rotschopf war es anders und musste an seinen feuermagischen Talenten liegen. Gerade Whimrie war dies schon häufiger aufgefallen. Manchmal knisterten seine Bewegungen sogar leicht, als würde Holz in einem Lagerfeuer leise knacken und sein Blick schien hin und wieder wie von einem Schleier aus Qualm umwoben, was seine Augenfarbe nur noch mehr hervorstechen ließ. So wie aktuell sein Lächeln.
"Guter Auftritt heute. Du hast dich selbst übertroffen. Das Publikum im Ort redet noch immer von der geheimnisvollen Vogelfrau. Vor allem so ein Schnösel von außerhalb quatscht unentwegt in der Dorfkneipe über dich." Senneth grinste schief. Indirekt beichtete er Whimrie soeben, dass er nach seinem Auftritt eben nicht beim Aufräumen mitgeholfen haben musste, sondern einen heben war. Der Wind trug eine feine Nuance zu ihr herüber, die nach verbrannter Kohle und Bier roch.
Doch wo sein Aroma Whimries Nase kitzelte, da setzten Senneths Worte den kleinen Naal unter neue Spannung. Unter der Hand des Älteren zuckte er zusammen und starrte erst zu ihm hoch, dann wieder zu Whimrie. Schließlich aber umklammerte er die Kiste, bis seine Knöchel hellgrau hervortraten. Er heftete den Blick auf das Holz. Senneths Auftritt nahm ihm allen Mut, noch einmal seine Stimme erklingen zu lassen, während seine Hand ihn an einer Flucht hinderte.
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Re: Feuerlicht und Federstaub

Beitrag von Whimrie » Sonntag 30. August 2026, 17:31

Náal nickte, erst einmal, dann noch einmal – nur sacht, kaum mehr als flüchtige Bewegungen, die beinahe im Schatten seiner weißen Haare verloren gegangen wäre, aber Whimrie sah sie trotzdem. Ihre ganze Aufmerksamkeit hing an dem schmalen Jungen unter ihr, an seinen zu festen Fingern um die Kiste, an den angespannten Schultern, an diesem Blick, der nie lange dort blieb, wo man ihn hätte halten können. Sie aber sah ihn an und fragte sich, wie es wohl sein mochte, wenn die eigene Welt so klang – dunkel und kalt. Vielleicht war das der Grund, weshalb Náal kaum sprach? Weil Worte für ihn etwas waren, das man nur hervorholte, wenn es unbedingt sein musste? Nichts, das bunt und leicht gewesen wäre, sondern stattdessen hart und knapp? Whimrie wusste es nicht. Sie bemerkte lediglich, dass er aussah, als hätte er gerade etwas sehr Großes getan (oder sehr Dummes) und bereue es nun beinahe schon. Als stünde er nicht einfach mit einer Requisitenkiste im Arm zwischen den Wagen, sondern am Rande von etwas, von dem er sich eigentlich bereits wieder zurückziehen wollte. Whimrie wollte ihn nicht erschrecken.
Also schwieg sie und blieb einfach auf dem Wagendach sitzen, die Hände offen auf dem Holz, die Flügel dicht an den Rücken gezogen, während sie ihn mit einer Vorsicht betrachtete, die an einem sonst so flatterigen Ding wie ihr beinahe rührend unbeholfen wirkte.
„Schon gut, du musst nicht—“, begann sie leise, ohne selbst genau zu wissen, was er nicht musste.
Nicht antworten vielleicht. Nichts sagen. Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden.
Schon im nächsten Augenblick landete eine Hand mit Schwung auf Náals Schulter, und Senneths Stimme brach warm und rauchig in den schmalen Raum zwischen ihnen. „Wer hat deinen Namen gesagt, Whim? Hey, Náal!“ Eben noch hatte es nur Náals schmalen Schatten gegeben, die Kiste in seinen Armen, das unruhige Lauschen zwischen ihnen. Nun allerdings stand hier Senneth rum, mit seinem schiefen Lächeln, dem Geruch nach Kohle, Bier und ausgebranntem Feuer an sich, mit dieser warmen Selbstverständlichkeit, die überall Raum einnahm, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Und wie jedes Mal, wenn er unvermittelt irgendwo auftauchte, machte Whimries Herz einen kleinen Satz, als hätte es auf dem Wagendach den Halt verloren und sei einen halben Flügelschlag tief gefallen. Whimrie spürte die Wärme in ihre Wangen steigen, bevor sie richtig begriff, warum sie überhaupt rot wurde. Senneth war ja eigentlich nur Senneth. Und als er fragte, wer ihren Namen gesagt hatte, hätte Whimrie beinahe schon den Mund geöffnet. Náal, hätte sie sagen können. Náal hatte gesprochen. Náal hatte ihren Namen gesagt. Aber kaum lagen ihr die Worte auf der Zunge, wusste Whimrie, dass sie dieses kleine Geheimnis eigentlich nicht einfach so weiterreichen wollte. Nicht einmal an Senneth. Vielleicht auch gerade nicht an Senneth, der so hell und warm und unbekümmert neben dem Jungen stand, während Náal darunter wirkte, als würde er nur darauf warten, endlich fortlaufen zu dürfen.
„Nur der Wind“, grinste Whimrie – und nahm an, dass Senneth ihr das schon irgendwie durchgehen lassen würde, weil sie im Normalfall ja nicht so selten seltsame Sachen von sich gab. Gleich darauf glitt sie vom Wagendach zu den beiden hinab. Und als Senneth dann auch noch diese netten Dinge sagte ... da erstrahlte Whims Lächeln schon wieder ganz von selbst. Weil er sie gelobt hatte. Weil er gesagt hatte, sie habe sich übertroffen, und obwohl Whimrie nicht genau wusste, woran man erkennen konnte, dass man sich selbst mit irgendetwas übertraf, klang es nach etwas Gutem. Nach etwas, das größer war als vorher. Vielleicht hatte sie heute wirklich ein bisschen größer gewirkt. Oder schöner. Oder auch einfach nur weniger wie jemand, der im letzten Moment beinahe mit dem linken Fuß in einem Tuch hängen geblieben wäre. Whimrie jedenfalls wurde warm bis in die Spitzen ihrer aufgeplusterten Schläfenfedern. Und eigentlich hätte sie sich daraufhin bedanken wollen ... der Wind allerdings wehte ihr just in diesem Moment einen gierigen Hauch um die Nase, sodass Whim stattdessen auf die Zehenspitzen stieg, um auf Höhe von Senneths Lippen nach dessen Atem zu schnuppern.
Oh ja, der Geruch bestätigte, was der Wind ihr längst verraten hatte. Aus Whimrie brach ein kleines, helles Lachen heraus.
„Du warst schon wieder nicht beim Aufräumen“, stellte sie fest, wobei ihre Stimme mehr amüsiert als vorwurfsvoll klang. Natürlich war Senneth groß genug, um selbst zu wissen, was er nach seinem Auftritt tat – außerdem hatte Whimrie ganz grundsätzlich Schwierigkeiten damit, Senneth böse zu sein, insbesondere, wenn er so neben ihr stand, mit diesem schiefen Lächeln auf den Lippen und dem Rauch in der Stimme. Trotzdem gluckste sie beim Gedanken an ihren Karawanenführer. „Esmer hat dich hoffentlich nicht gesehen. Sonst schimpft er wieder.“
Ihr Blick huschte kurz zu Náal. Der Junge stand noch immer mit der Kiste da, als müsste er sich an ihr festhalten. Whimries Lächeln wurde einen Hauch weicher, bevor sie sich Senneth wieder zuwandte. „Jorek sagt, wer Bier trinkt, muss danach etwas essen“, erklärte sie dem jungen Feuertänzer. „Sonst passiert, äh ... irgendetwas im Kopf.“ Sie hielt inne, runzelte die Stirn. „Oder im Magen. Vielleicht zuerst im Kopf und dann im Magen. Oder andersherum." Whimrie zuckte mit den Schultern. „Egal. Es klang jedenfalls sehr unangenehm.“ Da Whimrie selbst noch nie Bier oder andere alkoholische Getränke getrunken hatte, musste sie sich freilich auf Joreks Wissen verlassen. Das tat sie in solchen Dingen bereitwillig. Jorek wusste erfahrungsgemäß über solche Sachen bescheid.
Ihre Augen wanderten erneut zu Náal, aber diesmal nicht bohrend, nicht neugierig auf diese Weise, die ihn festnageln würde. Nur freundlich. Ein kleiner, offener Platz in ihrem Blick, den er annehmen konnte, wenn er wollte. „Ich hab jedenfalls Hunger. Du auch, Naal?“ Whimrie blickte auf die Kiste hinab, die er noch immer fest umklammert hielt, dann lächelte sie. „Darf ich dir damit helfen? Es gibt bestimmt noch Fladenbrot zum Eintopf, wenn wir uns beeilen.“
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