(Einstiegspost)
Der nächtliche Himmel über Ganda erschien Whimrie besonders groß – nicht nur heute, generell. Vielleicht lag das an dem Ausblick, den das Wagendach bot; daran, dass sich die breite, staubige Handelsstraße vor ihren Augen wie ein scheinbar endloses, dunkles Band nach Westen zog, während die Felder ringsum bereits in tiefblauer Finsternis versanken. Vielleicht lag es auch an den wenigen Laternen, die zwischen den Wagen, Stallungen und niedrigen Häusern des Dorfes noch brannten, an den kleinen, warmen Lichtpunkten unter einem gewaltigen Meer aus Dunkelheit. Oder aber der Himmel war hier tatsächlich größer. Weiter. Offener. Möglicherweise, weil die Götter ihn höchstselbst mit besonderer Sorgfalt über Ganda ausgespannt hatten, nur, damit alles darunter seinen Platz fand: die Pferdekoppeln und Weiden, die dunklen Dächer des Handelsdorfes, die vielen kleinen Straßen, die sich in seinem Zentrum kreuzten — die Schimmerkarawane, die langsam wieder zur Ruhe kam.
Whimrie, barfuß auf besagtem Wagendach sitzend, ließ die Beine über die Kante baumeln. Das alte Holz war vom Tag noch warm, fühlte sich rau und vertraut an ihrer Haut an, während sie den Wind dabei beobachtete, wie er über Wiesen und Felder zog. Er trug den Geruch Gandas heran – nach Gras und Heu, nach trockener Erde und altem Staub von der Straße, nach diesem unvergleichlich schweren, warmen Tiergeruch, der hierorts überall zwischen den Koppeln und Stallungen zu hängen schien. Angeblich, so hatte Jorek es zumindest behauptet, gab es hier die besten Pferde weit und breit. Whimrie wusste nicht recht, woran sie das hätte erkennen sollen. Pferde waren für sie … nun ja, Pferde eben. Manche freundlich, andere mürrisch, viele sehr groß, obwohl sie in ihrem Leben auch schon erstaunlich kleinen begegnet war — allesamt jedoch besaßen sie diese herrlich weichen Nasen, die sich wunderbar anfühlten, wenn man sie streicheln durfte.
Whimrie mochte diesen Moment, den, in dem sich die Spannung nach einem Auftritt langsam wieder auflöste. Noch vor kurzem hatte die Luft zwischen den Zeltplanen vibriert, vor Musik, aufgrund dunkler Trommelschläge und heller Flötentrillerei, aber auch wegen dem Staunen und Gelächter der vielen Leute. Nun hingen lediglich noch die letzten Töne zwischen den Wägen, der niedergetretene Staub roch bereits nach spätem Abendessen, vereinzelt wurde eine müde Stimme zu einem verspäteten Abschied erhoben. Ganda hatte die Schimmerkarawane auch heute nicht sofort wieder frei gegeben. Dafür war das Dorf zu neugierig, zu belebt, zu sehr daran gewöhnt, dass allerhand Leute mit ihren Waren und Tieren, ihren Gerüchten und Geschichten hier Rast machten. Noch immer standen einige Zuschauer am Rand des Lagers, das sich langsam zur Ruhe begab: Männer und Frauen, Bauern mit staubigen Stiefeln, Händler mit schweren Gürteltaschen und wachen Augen. Auch Kinder waren darunter, einige sogar, manche an den Händen ihrer Mütter, andere halb hinter älteren Geschwistern verborgen. Vor allem die ganz kleinen sahen gerne noch einmal zurück.
Whimrie lächelte ihnen zu. Nicht groß, nicht bühnenhaft, trotzdem duckte sich eines der Mädchen sofort kichernd hinter den Rock seiner Mutter, nur, um gleich wieder hervorzulugen. Whimries Federn an den Schläfen stellten sich vor Freude ein wenig auf. Sie konnte nichts dagegen tun. Kinder, die fröhlich waren, die sich versteckten, nur, um dann doch zu gucken, waren in Whimries Augen etwas beinahe unwiderstehlich Schönes — fast so schön wie weiche Pferdenasen. Oder bunte Blätter.
Selbst, als das Mädchen von der Mutter bereits weitergezogen wurde, den Kopf immer noch halb zu Whimrie zurückgedreht, blieb ihr Lächeln noch bestehen. Erst danach sank es langsam in etwas Ruhigeres hinab; nicht weniger glücklich, nur weniger nach außen gerichtet. Whimrie ließ den Blick von den letzten Zuschauern abgleiten, spürte nun stattdessen ihrem eigenen Körper nach. Das mochte sie ebenfalls. Ihre Knochen fühlten sich müde an, auf diese gute Art, warm und schwer, obwohl an Whimrie selbst eigentlich nichts besonders schwer war. Trotzdem zog es angenehm zwischen ihren Schultern, dort, wo die kräftigen Flügel aus ihrem Rücken wuchsen – ihre Arme, ihre Schultern, selbst die schmalen Muskeln entlang ihrer Rippen erinnerten sich noch an jede Bewegung, an jede Drehung, jedes Auffächern, jedes angespannte Halten in der Luft. Whimrie atmete tief ein, spürte, wie ihr Brustkorb sich unter dem dünnen Stoff hob. Noch immer summte der Auftritt in ihr nach, nicht nur als Bild, als Gefühl ... Der kurze, köstliche Herzschlag des Loslassens, dann der Fall, der eigentlich keiner war. Die Höhe, der Schwung, das Rauschen. Es dauerte immer eine kleine Weile, bis auch ihre Federn sich nach solchen Abenden beruhigten. Einige standen auch jetzt noch leicht ab, zerzaust, vor Aufregung immer noch ein wenig aufgeplustert. Ja, sogar in ihrem Haar hielten sich einzelne feine Federchen eigensinnig aufgerichtet, denn obwohl Whimrie gelegentlich die Hand hob, um eine davon behutsam zurück zu streichen – kaum einen Atemzug später spürte sie, wie sie wieder in die Höhe sprang.
Unter ihren Füßen indes schleppte Náal eine Requisitenkiste vorbei, beide Arme fest ums Holz geschlungen, mit ernstem, fest geradeaus gerichteten Blick, als sei er mit einer Aufgabe von königlicher Wichtigkeit betraut worden. Whimrie beugte sich vor, bis ihr Haar über ihre Schulter fiel.
„Náal“, rief sie, nicht laut genug, um die letzten Gäste zu erschrecken, aber doch so deutlich, dass er sie auf jeden Fall hören würde. „Du bist sehr fleißig heute!“ Obgleich der Elfenjunge nicht zu ihr hochsah, lehnte Whimrie sich zufrieden grinsend zurück. Dann öffnete sie langsam die Hand in ihrem Schoß.
Darin, mittig in ihrer Handfläche ruhend, lag ein winziges Schimmerplättchen.
Es war kaum größer als ein Fingernagel, dünn geschlagen, vermutlich aus Messing oder einem anderen billigen, goldig glänzenden Metall, wie Maelle es manchmal in kleinen Dosen aufbewahrte. Solche Plättchen wurden an Bänder, Armreifen, Gürtel oder schmale Lederriemen genäht, damit sie insbesondere im Feuerlicht hübsch aufblitzten. Nicht wertvoll. Nicht besonders, zumindest. Für Whimrie aber besaß dieses Schimmerplättchen dennoch den Wert eines halben Sterns.
Denn es musste von Senneths Kostüm stammen. Von einem der schmalen Bänder, die bei seinem Auftritt um seine Hüfte oder sein Handgelenk lagen, um das Licht seiner Flammen noch schöner über seinen Körper zu lenken. Dieses eine Plättchen war am Rand dunkel, nicht richtig verbrannt, aber vom Rauch berührt. Als Whimrie es zwischen zwei Fingern drehte, fing es den Abendglanz der Laternen auf und blinkte matt wie herabgebrannte Glut.
Sie hielt es näher an ihr Gesicht, schnupperte daran – und obwohl es eigentlich nach gar nichts roch, hüpfte ihr Herz trotzdem. Sie verstand nicht genau, warum. Es war schließlich nur ein verlorenes Stückchen Bühnenglanz. Senneth hatte bestimmt nicht einmal bemerkt, dass es fehlte. Und sollte es ihm aufgefallen sein, würde Maelle es wohl einfach ersetzen. Vielleicht stammte es auch gar nicht von Senneth selbst, sondern von irgendeiner anderen alten Requisite, und Whimrie hielt es nur deshalb für seines, weil sie es sehr gerne so wollte? Nun – sie schloss die Finger dennoch darum, drückte das kleine Plättchen trotzdem vorsichtig gegen ihre Brust, dorthin, wo unter der dünnen, luftigen Stoffbahn ihr Herz noch immer ein wenig schneller schlug als sonst. Kurz hielt sie inne, danach aber zog sie endlich einen der kleinen Beutel von ihrem Gürtel hervor, jenen mit den besonders wichtigen Dingen, nicht den gewöhnlich wichtigen, und ließ es hineinfallen. Es klimperte kaum hörbar gegen den besonders glatten Stein und die hübsche Holzperle, die sie am heutigen Morgen gefunden hatte. Dann lehnte sie sich zurück, beide Hände hinter sich auf das Wagendach gestützt, das Gesicht erneut dem Wind zugewandt ... Und war für einen Moment einfach nur glücklich.
Der nächtliche Himmel über Ganda erschien Whimrie besonders groß – nicht nur heute, generell. Vielleicht lag das an dem Ausblick, den das Wagendach bot; daran, dass sich die breite, staubige Handelsstraße vor ihren Augen wie ein scheinbar endloses, dunkles Band nach Westen zog, während die Felder ringsum bereits in tiefblauer Finsternis versanken. Vielleicht lag es auch an den wenigen Laternen, die zwischen den Wagen, Stallungen und niedrigen Häusern des Dorfes noch brannten, an den kleinen, warmen Lichtpunkten unter einem gewaltigen Meer aus Dunkelheit. Oder aber der Himmel war hier tatsächlich größer. Weiter. Offener. Möglicherweise, weil die Götter ihn höchstselbst mit besonderer Sorgfalt über Ganda ausgespannt hatten, nur, damit alles darunter seinen Platz fand: die Pferdekoppeln und Weiden, die dunklen Dächer des Handelsdorfes, die vielen kleinen Straßen, die sich in seinem Zentrum kreuzten — die Schimmerkarawane, die langsam wieder zur Ruhe kam.
Whimrie, barfuß auf besagtem Wagendach sitzend, ließ die Beine über die Kante baumeln. Das alte Holz war vom Tag noch warm, fühlte sich rau und vertraut an ihrer Haut an, während sie den Wind dabei beobachtete, wie er über Wiesen und Felder zog. Er trug den Geruch Gandas heran – nach Gras und Heu, nach trockener Erde und altem Staub von der Straße, nach diesem unvergleichlich schweren, warmen Tiergeruch, der hierorts überall zwischen den Koppeln und Stallungen zu hängen schien. Angeblich, so hatte Jorek es zumindest behauptet, gab es hier die besten Pferde weit und breit. Whimrie wusste nicht recht, woran sie das hätte erkennen sollen. Pferde waren für sie … nun ja, Pferde eben. Manche freundlich, andere mürrisch, viele sehr groß, obwohl sie in ihrem Leben auch schon erstaunlich kleinen begegnet war — allesamt jedoch besaßen sie diese herrlich weichen Nasen, die sich wunderbar anfühlten, wenn man sie streicheln durfte.
Whimrie mochte diesen Moment, den, in dem sich die Spannung nach einem Auftritt langsam wieder auflöste. Noch vor kurzem hatte die Luft zwischen den Zeltplanen vibriert, vor Musik, aufgrund dunkler Trommelschläge und heller Flötentrillerei, aber auch wegen dem Staunen und Gelächter der vielen Leute. Nun hingen lediglich noch die letzten Töne zwischen den Wägen, der niedergetretene Staub roch bereits nach spätem Abendessen, vereinzelt wurde eine müde Stimme zu einem verspäteten Abschied erhoben. Ganda hatte die Schimmerkarawane auch heute nicht sofort wieder frei gegeben. Dafür war das Dorf zu neugierig, zu belebt, zu sehr daran gewöhnt, dass allerhand Leute mit ihren Waren und Tieren, ihren Gerüchten und Geschichten hier Rast machten. Noch immer standen einige Zuschauer am Rand des Lagers, das sich langsam zur Ruhe begab: Männer und Frauen, Bauern mit staubigen Stiefeln, Händler mit schweren Gürteltaschen und wachen Augen. Auch Kinder waren darunter, einige sogar, manche an den Händen ihrer Mütter, andere halb hinter älteren Geschwistern verborgen. Vor allem die ganz kleinen sahen gerne noch einmal zurück.
Whimrie lächelte ihnen zu. Nicht groß, nicht bühnenhaft, trotzdem duckte sich eines der Mädchen sofort kichernd hinter den Rock seiner Mutter, nur, um gleich wieder hervorzulugen. Whimries Federn an den Schläfen stellten sich vor Freude ein wenig auf. Sie konnte nichts dagegen tun. Kinder, die fröhlich waren, die sich versteckten, nur, um dann doch zu gucken, waren in Whimries Augen etwas beinahe unwiderstehlich Schönes — fast so schön wie weiche Pferdenasen. Oder bunte Blätter.
Selbst, als das Mädchen von der Mutter bereits weitergezogen wurde, den Kopf immer noch halb zu Whimrie zurückgedreht, blieb ihr Lächeln noch bestehen. Erst danach sank es langsam in etwas Ruhigeres hinab; nicht weniger glücklich, nur weniger nach außen gerichtet. Whimrie ließ den Blick von den letzten Zuschauern abgleiten, spürte nun stattdessen ihrem eigenen Körper nach. Das mochte sie ebenfalls. Ihre Knochen fühlten sich müde an, auf diese gute Art, warm und schwer, obwohl an Whimrie selbst eigentlich nichts besonders schwer war. Trotzdem zog es angenehm zwischen ihren Schultern, dort, wo die kräftigen Flügel aus ihrem Rücken wuchsen – ihre Arme, ihre Schultern, selbst die schmalen Muskeln entlang ihrer Rippen erinnerten sich noch an jede Bewegung, an jede Drehung, jedes Auffächern, jedes angespannte Halten in der Luft. Whimrie atmete tief ein, spürte, wie ihr Brustkorb sich unter dem dünnen Stoff hob. Noch immer summte der Auftritt in ihr nach, nicht nur als Bild, als Gefühl ... Der kurze, köstliche Herzschlag des Loslassens, dann der Fall, der eigentlich keiner war. Die Höhe, der Schwung, das Rauschen. Es dauerte immer eine kleine Weile, bis auch ihre Federn sich nach solchen Abenden beruhigten. Einige standen auch jetzt noch leicht ab, zerzaust, vor Aufregung immer noch ein wenig aufgeplustert. Ja, sogar in ihrem Haar hielten sich einzelne feine Federchen eigensinnig aufgerichtet, denn obwohl Whimrie gelegentlich die Hand hob, um eine davon behutsam zurück zu streichen – kaum einen Atemzug später spürte sie, wie sie wieder in die Höhe sprang.
Unter ihren Füßen indes schleppte Náal eine Requisitenkiste vorbei, beide Arme fest ums Holz geschlungen, mit ernstem, fest geradeaus gerichteten Blick, als sei er mit einer Aufgabe von königlicher Wichtigkeit betraut worden. Whimrie beugte sich vor, bis ihr Haar über ihre Schulter fiel.
„Náal“, rief sie, nicht laut genug, um die letzten Gäste zu erschrecken, aber doch so deutlich, dass er sie auf jeden Fall hören würde. „Du bist sehr fleißig heute!“ Obgleich der Elfenjunge nicht zu ihr hochsah, lehnte Whimrie sich zufrieden grinsend zurück. Dann öffnete sie langsam die Hand in ihrem Schoß.
Darin, mittig in ihrer Handfläche ruhend, lag ein winziges Schimmerplättchen.
Es war kaum größer als ein Fingernagel, dünn geschlagen, vermutlich aus Messing oder einem anderen billigen, goldig glänzenden Metall, wie Maelle es manchmal in kleinen Dosen aufbewahrte. Solche Plättchen wurden an Bänder, Armreifen, Gürtel oder schmale Lederriemen genäht, damit sie insbesondere im Feuerlicht hübsch aufblitzten. Nicht wertvoll. Nicht besonders, zumindest. Für Whimrie aber besaß dieses Schimmerplättchen dennoch den Wert eines halben Sterns.
Denn es musste von Senneths Kostüm stammen. Von einem der schmalen Bänder, die bei seinem Auftritt um seine Hüfte oder sein Handgelenk lagen, um das Licht seiner Flammen noch schöner über seinen Körper zu lenken. Dieses eine Plättchen war am Rand dunkel, nicht richtig verbrannt, aber vom Rauch berührt. Als Whimrie es zwischen zwei Fingern drehte, fing es den Abendglanz der Laternen auf und blinkte matt wie herabgebrannte Glut.
Sie hielt es näher an ihr Gesicht, schnupperte daran – und obwohl es eigentlich nach gar nichts roch, hüpfte ihr Herz trotzdem. Sie verstand nicht genau, warum. Es war schließlich nur ein verlorenes Stückchen Bühnenglanz. Senneth hatte bestimmt nicht einmal bemerkt, dass es fehlte. Und sollte es ihm aufgefallen sein, würde Maelle es wohl einfach ersetzen. Vielleicht stammte es auch gar nicht von Senneth selbst, sondern von irgendeiner anderen alten Requisite, und Whimrie hielt es nur deshalb für seines, weil sie es sehr gerne so wollte? Nun – sie schloss die Finger dennoch darum, drückte das kleine Plättchen trotzdem vorsichtig gegen ihre Brust, dorthin, wo unter der dünnen, luftigen Stoffbahn ihr Herz noch immer ein wenig schneller schlug als sonst. Kurz hielt sie inne, danach aber zog sie endlich einen der kleinen Beutel von ihrem Gürtel hervor, jenen mit den besonders wichtigen Dingen, nicht den gewöhnlich wichtigen, und ließ es hineinfallen. Es klimperte kaum hörbar gegen den besonders glatten Stein und die hübsche Holzperle, die sie am heutigen Morgen gefunden hatte. Dann lehnte sie sich zurück, beide Hände hinter sich auf das Wagendach gestützt, das Gesicht erneut dem Wind zugewandt ... Und war für einen Moment einfach nur glücklich.


