Das Anwesen der Faelyns

Sämtliche Straßen Andunies sind gepflastert und von schönen kleinen Häusern gesäumt. Meist Fachwerkhäuser, aber auch mal eine prächtige kleine Villa. Nur die ärmeren Bezirke der Bettler und Halunken sollte man meiden.
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Re: Das Anwesen der Faelyns

Beitrag von Erzähler » Freitag 6. November 2026, 16:11

Azura hatte ihren Kopf durchsetzen und Emmyth zu seinem im Sterben liegenden Vater begleiten können. Es war ihr sogar gelungen, direkt mit ihm zu sprechen. Leider prallte ihr Appell an ihm ab. Kathar Faelyn erwies sich im Winter seines Lebens als deutlich sturer als sie ihn bisweilen erlebt hatte. Vor allem aber hatte er keine guten Worte für seinen Zweitgeborenen übrig. Das erhoffte Gespräch verlief alles andere nach ihren Wünschen und plötzlich stand sie mit Emmyth wieder außerhalb des Schlafzimmers und wenig später in einer der vielen anderen Räumlichkeiten des Hauses. Ob sie überhaupt noch einmal eine Chance bekäme, anständig mit dem alten Dunkelelfen zu sprechen, blieb ungewiss.
Zunächst einmal musste Azura sich ordnen. All das tat sie Corax zuliebe und - das gestand sie sich immerhin zu Teilen ein - auch Emmyth. Sie war immer noch wütend auf ihn, wie er es hatte wagen können, ihr ein anderes Lebewesen zu einem derartigen "Spielzeug" zu machen, im Moment aber hielt sie jene Wut zurück. Wenn sie damit ihr inneres Flämmchen ein wenig nährend konnte, würde es schon später aufflammen, sobald sie es brauchte. Für den Augenblick gab es Wichtigeres zu tun. Wenigstens erkannte Emmyth das auch.
Trotzdem wurde es schwer für die Andunierin. Nicht zum ersten Mal stellte sie fest, dass nach einer immensen Nutzung ihrer magischen Kräfte, sich ein Pochen hinter ihren Schläfen bemerkbar machte. Es fühlte sich nicht nach einfach Kopfschmerzen an. Hier machte sich eine Migräne breit und je länger sie würde mit Emmyth sprechen müssen, desto unerträglicher würde es werden. Glücklicherweise bemerkte Emmyth ihren Zustand. Noch ließ er es sich nicht anmerken, aber er erkannte, dass es Azura schlecht ging. Doch ehe er sich zurücknehmen konnte, entschied Azura, auf ihn einzugehen. Denn sie hatte Fragen. Es kam ihr seltsam vor, dass sich Kathars Zustand so plötzlich derart verschlimmert hatte.
Emmyth zuckte daraufhin nur mit den Schultern. "Du wirst es kaum glauben, aber tatsächlich habe ich bisher nicht viele Dunkelelfen sterben sehen und schon gar nicht an Altersschwäche oder Krankheit." Er stieß ein unglückliches Lachen aus. Es musste nicht näher darauf eingegangen werden, dass gerade jene Bewohner aus Morgeria es waren, die ihrem Gott Faldor am besten opferten, indem sie das eigene Volk nach und nach ausdünnten. Gier nach Macht und Einfluss waren es, die sie zu Mitteln greifen ließen, welche ein unnatürlich frühes Ende für Kontrahenten, unliebsame Geschwister oder andere in höheren Positionen bedeutete. Assassinen waren in Morgerias Gesellschaft so normal wie in Andunie das erste Gläschen Apfelwein mit der Pubertät. Umso interessanter, dass Emmyth diesen schrecklichen Erlebnissen bisher hatte ausweichen können.
"Manchmal - so hat es mir der Mediziner von vorhin erzählt - kommt es vor, dass sich die Kranken kurz vor ihrem Ende noch einmal besser fühlen, ehe ... naja. Mein Bruder konnte diesen Moment offenbar durch die Güte der Götter erleben und muss unseren Vater nun nicht in diesem Zustand sehen. Ein bisschen beneide ich ihn schon darum." Tauschen wollte Emmyth mit Corax jedoch nicht. Denn sobald Kathar verstorben wäre, würde sich jemand um die Angelegenheiten des Hauses Faelyn kümmern müssen und das wäre der Erbe. Ganz gleich, ob der alte Elf Corax plötzlich vollkommen zu vergessen haben schien oder nicht. Sobald der Rabe wieder in Andunie wäre, würde er das neue Oberhaupt des Hauses sein. Bis dahin nahm Emmyth die Bürde und Pflichten auf sich. Ihm zuliebe, dem Fortbestand seiner Blutlinie zuliebe. Er wollte seinen wiedergekehrten Bruder offensichtlich unterstützen. Azura stand ihm in dieser Hinsicht in nichts nach, doch schien sie seine Worte anders aufzunehmen als sie ausgesprochen worden waren. Hinter ihren Schläfen stach es bereits gehörig.
Eine Hand landete auf ihrer Schulter. "Lass uns unsere Möglichkeiten abwägen, wenn wir uns ausgeruht haben. Ich sehe, dass dir etwas zu schaffen macht." Auf sich selbst ging er nicht ein, aber noch hatte Emmyth diesen Ernst nicht aus seinen Augen entlassen. Der Zustand seines Vaters beschäftigte ihn. Natürlich tat es das. "Ich gebe dir Zeit, dich auszuruhen." Dann schnippte er mit den Fingern und der kleine Blauschopf flatterte zu ihm herüber. Beide unterhielten sich kurz in dieser so befremdlichen, aber unheimlich schön klingenden Sprache. Dann nickte das Wesen und Emmyth erhob sich.
"Oh, er versteht dich übrigens, du kannst ihm also Befehle geben. Sein Name ist Peick. Ich glaube, das hatte ich schon erwähnt." Nun berührte auch der Dunkelelf seine Stirn, als wären Azuras Kopfschmerzen auf ihn übergegangen. Er seufzte. "Wie auch immer, Peick kann dir eine kleine Hilfe sein. Achte nur darauf, dass er von niemandem gesehen wird. Ich suche euch beide später wieder auf. Ich habe bedauerlicherweise nun einiges zu erledigen. Ruhe sanft, meine Königin." Er verabschiedete sich von Azura mit einem winzigen Kuss auf die Stirn, blickte kurz zur Seite und wandte sich anschließend der Tür zu.
Das Wesen mit den blauen Haaren und Schmetterlingsflügeln - Peick - flatterte derweil über das Bett und zog mit großer Mühe die Decke zurück. Dann klopfte er einladend auf das Kissen und sobald Emmyth gegangen war, wisperte er: "Wenn du ihm nicht verrätst, dass ich mit dir in Garmisch spreche, können wir uns unterhalten, große Königin."
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Re: Das Anwesen der Faelyns

Beitrag von Azura » Samstag 7. November 2026, 13:20

In ihrer Vorstellung hätte dieses letzte Treffen mit dem alten Faelyn vollkommen anders ablaufen sollen. Sie hatte sich vorgestellt, er würde lediglich bettlägerig sein, aber mit noch wachem Verstand. Dann hätte sie sich zu ihm gesetzt, hätte gewartet, bis er aufwachte, und ihm solange vorgelesen, um im Anschluss daran mit ihm über Corax' und Emmyth's Vergangenheit und Familie zu reden, noch so viele Informationen für ihren Raben zu sammeln wie möglich, ehe der letzte Beteiligte sterben würde.
Dass die Realität eine ganz andere sein und sie dem Sterbenden am liebsten den Hals umgedreht hätte für seine Bockigkeit, hatte sie sich nicht erwartet. Nein, diese Szene hatte absolut nichts gebracht, außer Bilder der Erinnerung, auf die sie hätt verzichten können! Kein Wunder, dass sie letzten Endes ihrem Fluchtimpuls nachgab und den Jüngeren der Brüder mit sich hinaus zog.
Auf dem Gang war ihr, als könne sie wieder atmen, aber der Nebel in ihrem Kopf, der ihre Gedanken immer dichter einhüllte, ließ dennoch nicht nach und die Erschöpfung kroch immer stärker ihre Glieder hoch. Wie sie es schaffte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, um bis in jenes Gemach zu gelangen, in das Emmyth sie führte, wusste sie im Nachhinein nicht mehr zu sagen. Es war jedoch eine wahre Wohltat und Erleichterung, als sie auf die Bettkante sank und wenigstens sich nicht länger auf den Beinen halten musste. Stattdessen konnte sie ihre letzten Reserven für das Gespräch nutzen, das sie nun unbelauscht mit dem jungen Dunkelelfen führen wollte.
Es beschäftigte sie, wie rapide es mit dem Zustand des Patriarchen bergab gegangen war, weil es ihr auch Angst vor der eigenen Sterblichkeit sowie dem eigenen Verfall machte. Bei seiner Erklärung nickte sie mit einem Seufzen und öffnete ihre Lider wieder, um auf den Betthimmel über sich zu sehen. "Bei eurer... sanftmütigen Art kommt solch ein Hinscheiden wahrscheinlich selten vor.", spöttelte sie träge und mit wenig Überzeugung. Ihr Kopf drehte sich in seine Richtung und sie winkte schlapp mit ihrer Hand ab. "Vergiss das, es sollte dich nicht kränken.", nahm sie ihre eigenen Wort gleich wieder zurück, ein deutliches Zeichen dafür, dass sie erschöpfter war, als sie ihnen beiden zeigen wollte.
Leicht zuckte sie bei seiner nächsten Bemerkung mit den Schultern. "Ich weiß nicht... Vielleicht hätte er Abschied nehmen wollen oder wird sich Vorwürfe machen, weil er nicht hier war..." Azura schluckte mühsam den Kloß in ihrem Hals hinunter und bemerkte das verräterische Brennen in ihren Augen, hervorgerufen von Schuldgefühlen, weil Corax im Prinzip wegen ihr diese letzten Momente verpasste.
Mit einem leisen Schluchzen wandte sie ihren Kopf wieder ab, blickte erneut auf den Himmel über sich und bekämpfte ihre Tränen, indem sie fortfuhr:"Oder er... er würde eine Dummheit begehen... wie immer..." Es sollte scherzhaft klingen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Zu viel Wahrheit und Befürchtung und Schuld lagen in ihren Worten. Schon wurde ihre Sicht unscharf und das Schluchzen drängte ein weiteres Mal an die Oberfläche.
So sah sie die Bewegung nicht kommen und zuckte leicht bei der Berührung an ihrer Schulter zusammen. Mit einem verräterischen Schniefen ruckte ihr Kopf zu Emmyth. Sie öffnete ihren Mund, wollte ihm eine ironische Paroli geben, schließlich hatte er schon vorhin ihre magische Leistung kleingeredet, doch statt Worte entkam ihr eine Mischung aus Seufzen und Schluchzen. Hastig schloss sie ihre Lippen wieder und biss die Zähne zusammen, während sie um ihre Fassung rang.
Auf diese Weise konnte sie auf seine Bemerkung weder zustimmend, noch ablehnend reagieren, sondern hörte ungewöhnlich still zu. Als der junge Faelyn schließlich ihr die Stirn küsste, schlossen sich ihre Lider und zuckten leicht, doch sie schreckte nicht länger vor seiner Berührung zurück.
Sie wartete einen Moment zu lange mit ihrer Reaktion, sodass ihre Hand, die nach seinem Arm griff, ihn verfehlte und kraftlos aufs Bett plumpste. "Emmyth...", hauchte sie leise und kämpfte darum, ihre Augen zu öffnen, ihn anzusehen. Er war bereits bei der Tür angekommen. "Re... rede mit meiner Mutter. Sie... sie weiß mehr, als sie... zugibt.", riet sie ihm mit dem letzten Rest an Kraft, sodass man ihr anhörte, dass sie drauf und dran war, einzuschlafen.
Indes kämpfte über ihrem Kopf das kleine Wesen... Peick mit der Decke. Während der Dunkelelf den Raum verließ, hörte sie ein einladendes Klopfen auf weichen Untergrund, das sie aus ihrer Kindheit nur zu gut kannte.
Ohne es bewusst zu tun, reagierte ihr Körper, rollte sich leicht zur Seite und schob und drückte sich so lange in Richtung des verheißungsvollen Kissens, bis sie mit einem Ächzen mit dem Gesicht voran drauf fallen konnte. Ihr Kopf drehte sich noch halb zur Seite, damit sie atmen konnte, während ihr bereits die Lider zufielen.
Wie von weiter Ferne drangen Worte in bekanntem Zungenschlag an ihr Ohr, ohne, dass sie diese richtig verstehen konnte. "Mhm... spä...ter...", kam es schlaftrunken von ihren Lippen und im nächsten Moment schlief sie ein, wie sie war, auf dem Bauch liegend, ein Bein angewinkelt sowie hochgezogen, sodass ihr Knie auf Höhe ihres Nabels war, die Arme seitlich von sich gestreckt. Die Kleidung war ihr verrutscht, das ausgestreckte Bein bis zur Kniekehle entblößt, auch ein Ärmel war hochgeschoben und das Oberteil hatte sich so zusammen gestaucht, dass ihr Unterkleid zwischen ihm und Rock sichtbar war. Ihr offenes Haar lag wirr um ihren Kopf und es würde eine Qual werden, es zu frisieren und wieder in Ordnung zu bringen. Eine Strähne befand sich sogar bei ihrem leicht geöffneten Mund und würde vermutlich früher oder später Bekanntschaft mit ihrer Spucke machen, wenn sie nicht mehr rasch genug schlucken würde.
Ihre tiefen Atemzügen zeugten davon, dass sie fest schlief und niemand würde sie so schnell wach bekommen. Nicht einmal jener merkwürdige Traum, den ihr Kopf ihr zusammensponn.

Sie bestand aus vielen kleinen Teilchen und war doch eine einzelne Persönlichkeit. Es war ein merkwürdiges Gefühl, das sie umgab, irgendwie schwerelos und doch beweglich, kalt, aber ohne sie frieren zu lassen. Dafür fühlte sie sich irgendwie... feucht an, so, als wäre sie selbst diese Feuchtigkeit, aufgeteilt in unzählige Tröpfen, die sich zu einer eigenen Wolke zusammen geschlossen hatten und von Luftströmungen getrieben wurden, bis sie immer mehr und immer zahlreicher wurden, um als leichter oder gar schwerer Regen auf die Erde nieder zu prasseln.
Um sie herum war kein Licht, keine gefährliche Sonne, die sie verdunsten hätte lassen, ehe sie herabfallen konnte. Trotzdem war ihr, als sähe sie unter sich eine weite Fläche, frei von menschlicher oder elfischer Besiedelung, während ein stärker werdender Wind sie vor sich hertrieb.
Wo war sie nur? Und... was war sie eigentlich? Warum war es ihr klar, ohne dass sie es in Worte fassen konnte, und wieso kam ihr das seltsam und zugleich vollkommen natürlich vor? Was passierte hier mit ihr?
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