(Erzählerpost zu: "Wo alles beginnt..." )
Hauptquartier der heiligen Inquisition - Haupthalle
„Eminenz ist zu gütig mich zu empfangen!“
Eine in einem Handschuh aus rotem Leder befindliche Hand wurde an die verborgenen Lippen unter der grauen Kapuze geführt. Der Ring, den die Lippen ehrfurchtsvoll berührten, trug das Zeichen der Inquisition.
„Ihr dürft euch erheben, Templer.“
Die Kutte des Mannes hob sich und ein leises Klingen verriet das Amulett, das an seinem Gürtel gegen seine Rüstung schlug. Das Sonnensymbol von Lysantor schaukelte kurz und glänzte kupfern. Das Abzeichen der Inquisition, das offene Auge des Gottes, sowie die Reiter der Templer waren im Rund gebunden und die Strahlen der Sonne waren schon ein wenig abgerundet, was auf langes Tragen hin wies. An einer Kette um den Hals prangerte ein weiteres Symbol, der goldene Löwenkopf der Templer. Gregorius Faust sah milde von seiner erhöhten Sitzposition auf den Mann hinunter, der sein Knie vor ihm gebeugt hatte und sich jetzt erhob. Der lange Mantel war leicht geöffnet und gab so die Ehrenzeichen preis, genauso wie die hochwertige Rüstung die jeder Templer sein eigen nannte.
„Was habt ihr zu berichten?“
„Ich habe wie befohlen die Spur soweit es ging zurück verfolgt und bin auf einen Bericht eines Hauptmanns aus Jersa gestoßen. Ein Trupp ausgesandter Soldaten ist nicht zum erwarteten Zeitpunkt zurück gekehrt. Ein Wagen mit den Leichen der Gruppe kam herrenlos nach Jersa, woraufhin ein Suchtrupp ausgesandt wurde. Der Schauplatz der Abscheulichkeit, den ich daraufhin besuchte, befand sich mitten in einem Waldstück. Es gab keine Überlebende. Kleidung und Äußeres gaben keine erkennbaren Hinweise mehr auf Herkunft, oder Abstammung. Die Verwundungen der Opfer zeigten die Merkmale des Feindes. Alles Leichen, einschließlich die der gefallenen Soldaten aus Jersa, sind exkommuniziert und verbannt worden, wie befohlen. Die Anathema wurde feierlich gesprochen, damit die Dunkelheit an diesen Ort nicht zurückkehren kann. Ihre Angehörigen erhielten den üblichen Brief und der Hauptmann ist instruiert zu schweigen. Doch wie es aussieht hat sich dennoch jemand vom Ort des Verbrechens gegen Lysantor entfernt. Einer der Soldaten wird vermisst.“
Der Inquisitor runzelte die Stirn, denn ihm gefiel nicht, was er da vernehmen musste.
„Ich konnte die Spur bis in eine Taverne hier in der Stadt verfolgen. Der Feind hat die Mauern Jorsas betreten und besudelt nun die Herzen der guten Menschen hier. Die Befragung eines Zeugen, ergab keinen Hinweis, da er sich an nichts erinnern konnte. Seine Worte waren frei von Lüge, aber der Auswurf der Finsternis wurde gefunden. Der junge Mann ist der Sohn des hiesigen Hauptmanns und dieser arbeitet eng mit uns zusammen. Sein Name ist Mark und er ist bisher das erste Opfer, soweit ich es herausfinden konnte. Leider hat sich die Spur auf dem Marktplatz verloren. Es ist auch kein Auswurf gefunden, oder sonstige Absonderlichkeit berichtet worden, neben dem üblichen kleinen Problemen mit Dieben und kleineren Streitereien.“
„Kleine Streitereien, können durchaus die Signatur des Feindes tragen. Ihr solltet das wissen!“
Der Templer schlug peinlich berührt die Augen nieder und sein Rücken versteifte sich unter der jähen Zurechtweisung. Die Stimme war scharf und duldete keine Fehler. Der Feind würde ebenfalls keine begehen!
„Kehrt auf die Straße zurück! Haltet Ohren und Augen offen. Ich bin mir sicher, dass er bereits wieder gespeist hat und gewachsen ist. Wenn er genügend Macht angesammelt hat werden wir einer Spur aus Leichen folgen, anstatt kleinen Hinweisen! Wir können uns jetzt keine Hysterie in Jorsa erlauben! Klärt das, bevor es entartet! Die Leute sind schon durch die grandessarischen Unruhen aufgebracht. Wenn wir Pech haben, gibt es schlimmstenfalls eine Verbindung zum Nachbarkönigreich und diesen Dämonenjägern, die sie dort angeblich anwerben. Ihr habt alle Befugnisse die ihr benötigt! Ich will Erfolge sehen! Ihr dürft euch entfernen!“
Der Templer machte eine tiefe Verbeugung und zog sich rückwärts zurück.
Die heilige Inquisition - Hauptquartier
- Erzähler
- Nicht-Spieler-Charakter

- Beiträge: 7637
- Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
- Geld: 0D, 0L, 0F
- Ausrüstung: [br][/br]
Re: Die heilige Inquisition - Hauptquartier
Zwischensequenz
(Inquisition - Kellergewölbe)
Ein Finger wurde gebieterisch zum Schweigen an die spröden Lippen geführt. Es herrschte Grabesstille in den Katakomben der heiligen Inquisition unter Jorsa. Der Schüler, schon ein Mann in seinen besten Jahren, sah seinem Meister zu. Dieser hielt einen gläsernen Kolben schräg vor seine von Falten umrahmten Augen. Die Flüssigkeit darin schwappte leicht hin und her, obwohl die Hand des Mannes vollkommen still hielt. Über Stunden hatten sie die Überreste aus dem Kupferkessel gesammelt, gefiltert, aufbereitet und extrahiert, bis nur noch diese winzige Probe übrig geblieben war. Es war kaum mehr als ein Tropfen der unwillig in seinem gläsernen Gefängnis die Wände hinauf glitt doch näherte er sich zu sehr der Öffnung, so hielt der alte Mann seiner Hand darüber und murmelte unverständliche Worte. Seine Hand glühte kurz auf und setzte einen Pfropfen aus Licht, gleich einem Funken in die Öffnung und der Tropfen zog sich tief in den untersten Winkel zurück. Ein Korken wurde darüber gesetzt und mit Wachs versiegelt. Vorsichtig betrachtete der Meister sein Werk und wog es vorsichtig in seinen Händen. Er drehte es langsam auf den Kopf, mal hier mal da lang, aber Licht und Dunkelheit blieben an ihren zugewiesenen Stellen im Reagenzglas fest verankert. Dann schaute er zu seinem Schüler und sprach:
„Es ist vollbracht. Gib Inquisitor Faust Bescheid.“
Der Schüler verließ sofort den dunklen Raum und sah noch kurz über seine Schulter zurück zum Meister. Dieser beugte sich lächelnd über eine Schale Wasser in die er das Reagenz langsam hinein gleiten ließ. Sein Lächeln wurde breiter als sich der Kolben zu drehen begann und dann in einer Richtung stehen blieb.
(Inquisition - Kellergewölbe)
Ein Finger wurde gebieterisch zum Schweigen an die spröden Lippen geführt. Es herrschte Grabesstille in den Katakomben der heiligen Inquisition unter Jorsa. Der Schüler, schon ein Mann in seinen besten Jahren, sah seinem Meister zu. Dieser hielt einen gläsernen Kolben schräg vor seine von Falten umrahmten Augen. Die Flüssigkeit darin schwappte leicht hin und her, obwohl die Hand des Mannes vollkommen still hielt. Über Stunden hatten sie die Überreste aus dem Kupferkessel gesammelt, gefiltert, aufbereitet und extrahiert, bis nur noch diese winzige Probe übrig geblieben war. Es war kaum mehr als ein Tropfen der unwillig in seinem gläsernen Gefängnis die Wände hinauf glitt doch näherte er sich zu sehr der Öffnung, so hielt der alte Mann seiner Hand darüber und murmelte unverständliche Worte. Seine Hand glühte kurz auf und setzte einen Pfropfen aus Licht, gleich einem Funken in die Öffnung und der Tropfen zog sich tief in den untersten Winkel zurück. Ein Korken wurde darüber gesetzt und mit Wachs versiegelt. Vorsichtig betrachtete der Meister sein Werk und wog es vorsichtig in seinen Händen. Er drehte es langsam auf den Kopf, mal hier mal da lang, aber Licht und Dunkelheit blieben an ihren zugewiesenen Stellen im Reagenzglas fest verankert. Dann schaute er zu seinem Schüler und sprach:
„Es ist vollbracht. Gib Inquisitor Faust Bescheid.“
Der Schüler verließ sofort den dunklen Raum und sah noch kurz über seine Schulter zurück zum Meister. Dieser beugte sich lächelnd über eine Schale Wasser in die er das Reagenz langsam hinein gleiten ließ. Sein Lächeln wurde breiter als sich der Kolben zu drehen begann und dann in einer Richtung stehen blieb.

- Erzähler
- Nicht-Spieler-Charakter

- Beiträge: 7637
- Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
- Geld: 0D, 0L, 0F
- Ausrüstung: [br][/br]
Re: Die heilige Inquisition - Hauptquartier
(Theia kommt von: Aufbruch nach Norden)
Das Geräusch der beschlagenden Hufe der Pferde hallte über das steinige Pflaster und warf sein Echo von den massiven Wänden des Innenhofes zurück. Eilige Schritte kamen herbei und es wurden ihnen die Zügel abgenommen. Nioma tänzelte ein wenig, denn sie spürte die Unruhe ihrer Reiterin, aber gehorchte brav.
Was war anders?
Wieso war dieses 'nach Hause kommen' so viel anders als alle davor?
Theia fröstelte es. Auch wenn sie ihre Gewandung gegen einen trockenen Satz getauscht hatte, so schienen die Tränen der Nacht, der Regen und die Kälte sich in ihren Knochen gehalten zu haben. Der Blick über den Hof verriet nur alt bekanntes und doch fühlte es sich unwirklich an, als müsste sie das alles träumen. Vielleicht würde sie auch morgen erwachen und die vergangenen Stunden und der letzte Tag wäre alles nur eine trügerische Einbildung gewesen? - Wunschträume einer Novizin.
Ihr Blick wanderte über die Gebäude in denen sie aufgewachsen und erzogen worden war, seit dem Vikram sie aus dem Kloster geholt hatte. Sie kannte jeden Winkel, jeden Flur und jede Nische. Sie kannte die Namen und Gesichter, die hier ein und ausgingen. Selbst den Großinquisitor Gregorius Faust hatte sie aus der Ferne schon ein paar Mal beobachten dürfen. Sie selbst war nie in seine Nähe gelangt, aber Bruder Calvin pflegte guten Kontakt zu ihm. Wo er der linke Arm der heiligen Inquisition in Jorsa war, da war ihr Mentor Vikram Talfaeren die Schwerhand und die richtende Axt. Und eben jene trat nun aus dem Portal, zwischen den hohen Flügeltüren hervor und schenkte ihr ein Lächeln.
Sein Mantel schwang leicht im Wind und bewegte das weiße Fell seines Pelzkragens. Hauptmann Talfaern war ein ansehnlicher und charismatischer Mann, aber vor allem war er Theia wie ein Vater. Seine blauen Augen wurden von ersten kleinen Falten umspielt, aber sein goldenes Haar zeigte noch keine Spuren des Alterns. Sein Anblick schenkte ihrem aufgewühlten Herzen sofort eine kleine Welle der Ruhe und Erleichterung. Sie war Zuhause. Dann ließ er seinen Blick von ihr abgleiten und zu Bruder Calven wandern, der gerade von seinem Pferd abstieg und dabei leise stöhnte. Er schob seine Kapuze von seinem kahl rasierten Schädel und streckte den Rücken durch. Dieser Mann war nicht für lange Ritte gemacht. Vikram überblickte die Szenerie und blieb an dem Kastenwagen hängen. Seine Brauen hoben sich. Calven trat vor und wedelte mit dem Arm:
„Bringt den Ketzer zur Späteren Befragung in den Kerker. Teilt Wachen ein und dann seid ihr entlassen.“
Vikrams Gesichtsausdruck gab kaum etwas preis, aber Theia kannte ihren Ziehvater gut. Er mochte es nicht, wenn Bruder Calven sich heraus nahm seine Männer zu befehligen, aber in diesem Fall hatte er ihm eben die vier Männer schließlich überlassen und es war nur rechtens, dass sie ihren Auftrag nun auch richtig zu ende brachten. Ritter Pablo, der ruhige Templer mit dem kleinen Spitzbart, öffnete den Karren und zog den Dunkelelfen heraus. Er musste ihn stützen, denn in der Enge waren dem Mann die Beine eingeschlafen und einige neue wund gescheuerte Stellen von der Reise fielen Theia ins Auge. Ansonsten schien es Rhaev soweit gut zu gehen. Die Verbände hatten gehalten, so wie seine Wunden. Vikram trat ein paar Schritte die Stufen hinunter und empfing Bruder Calven:
„Willkommen zurück, Bruder. Es hat länger gedauert als erwartet, wie ich meine. Gab es Schwierigkeiten?“
„Ich berichte euch gern gernauer, nur lasst mich erst etwas frisch machen und etwas essen. Die Reise war lang und entbehrungsreich für uns Diener des lichten Gottes und die Nacht war lang, nass und uns nicht wohl gesonnen.“
„Nun denn.“
Vikram trat beiseite und folgte Bruder Calven mit dem Blick, als dieser die Stufen erklomm und im Innern verschwand. Eine steile Denkfalte hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Dann wandte er sich zu Theia. Der Hof war inzwischen fast leer und die Pferde wurden in die Stallungen geführt.
„Willkommen, mein liebes Kind.“
Sein Lächeln war warm, wenngleich sein Blick fragend.
„Komm rein. Wie ist es dir ergangen? Du siehst durchgefroren aus.“
An seiner Seite traten sie in die tiefen Schatten des Anwesens am Rande der Stadt, wo Theia mit vielen anderen studierte, lernte und lebte. Hier wurden neue Templer ausgebildet, Novizen geformt und Seelen geprüft.
„Magistra Vasileos hat nach dir gefragt. Sie ist noch unpässlich, aber du sollst sie besuchen, sobald es dir möglich ist. Sie erwartet wohl einen Bericht, wie du dich geschlagen hast.“
Damit sprach er an, dass Theia als Vertretung mitgeschickt worden war. Nun war sie aber erst einmal mit ihrem Ziehvater allein und dieser führte sie zu seinen Gemächern, wo sie sich oft privat unterhielten, wenn es die Zeit zu ließ. Auch Theia hatte in diesem Trakt des Anwesens ihr Zimmer, was im stillen so manch ein anderer Novize ihr vielleicht neidete. Sie war nun mal das Mündel des Hauptmanns und hatte damit eine gewisse Sonderstellung, auch wenn sie es gewiss nicht zur Schau stellte. Ihr Vater öffnete die Tür zu eben jenem Raum, vor dem sie Tags zuvor ihn und Bruder Calven zufällige belauscht hatte. Der Raum empfing sie mit seiner Wärme, dem Duft nach Kaminholz und flackernden Licht der Flammen, dem vertrauten Anblick des Holzfußbodens, dicker Vertäfelungen an den Wänden, dem massiven Schreibtisch und den etwas chaotisch anmutenden Schriftstücken darauf. Vikram hatte einmal mehr vergessen seine Schreibfeder zu säubern und das Tintenfass offen gelassen, so dass es eintrocknen könnte.
An der gegenüberliegenden Seite des Raums standen Regale mit Büchern und zwei Sessel. In einem nahm er Platz und schien sein Mündel zu beobachten. Kannte er sie so gut, dass er ahnte, dass ihr etwas auf der Seele brannte? Und was würde sie ihm berichten?
Das Geräusch der beschlagenden Hufe der Pferde hallte über das steinige Pflaster und warf sein Echo von den massiven Wänden des Innenhofes zurück. Eilige Schritte kamen herbei und es wurden ihnen die Zügel abgenommen. Nioma tänzelte ein wenig, denn sie spürte die Unruhe ihrer Reiterin, aber gehorchte brav.
Was war anders?
Wieso war dieses 'nach Hause kommen' so viel anders als alle davor?
Theia fröstelte es. Auch wenn sie ihre Gewandung gegen einen trockenen Satz getauscht hatte, so schienen die Tränen der Nacht, der Regen und die Kälte sich in ihren Knochen gehalten zu haben. Der Blick über den Hof verriet nur alt bekanntes und doch fühlte es sich unwirklich an, als müsste sie das alles träumen. Vielleicht würde sie auch morgen erwachen und die vergangenen Stunden und der letzte Tag wäre alles nur eine trügerische Einbildung gewesen? - Wunschträume einer Novizin.
Ihr Blick wanderte über die Gebäude in denen sie aufgewachsen und erzogen worden war, seit dem Vikram sie aus dem Kloster geholt hatte. Sie kannte jeden Winkel, jeden Flur und jede Nische. Sie kannte die Namen und Gesichter, die hier ein und ausgingen. Selbst den Großinquisitor Gregorius Faust hatte sie aus der Ferne schon ein paar Mal beobachten dürfen. Sie selbst war nie in seine Nähe gelangt, aber Bruder Calvin pflegte guten Kontakt zu ihm. Wo er der linke Arm der heiligen Inquisition in Jorsa war, da war ihr Mentor Vikram Talfaeren die Schwerhand und die richtende Axt. Und eben jene trat nun aus dem Portal, zwischen den hohen Flügeltüren hervor und schenkte ihr ein Lächeln.
Sein Mantel schwang leicht im Wind und bewegte das weiße Fell seines Pelzkragens. Hauptmann Talfaern war ein ansehnlicher und charismatischer Mann, aber vor allem war er Theia wie ein Vater. Seine blauen Augen wurden von ersten kleinen Falten umspielt, aber sein goldenes Haar zeigte noch keine Spuren des Alterns. Sein Anblick schenkte ihrem aufgewühlten Herzen sofort eine kleine Welle der Ruhe und Erleichterung. Sie war Zuhause. Dann ließ er seinen Blick von ihr abgleiten und zu Bruder Calven wandern, der gerade von seinem Pferd abstieg und dabei leise stöhnte. Er schob seine Kapuze von seinem kahl rasierten Schädel und streckte den Rücken durch. Dieser Mann war nicht für lange Ritte gemacht. Vikram überblickte die Szenerie und blieb an dem Kastenwagen hängen. Seine Brauen hoben sich. Calven trat vor und wedelte mit dem Arm:
„Bringt den Ketzer zur Späteren Befragung in den Kerker. Teilt Wachen ein und dann seid ihr entlassen.“
Vikrams Gesichtsausdruck gab kaum etwas preis, aber Theia kannte ihren Ziehvater gut. Er mochte es nicht, wenn Bruder Calven sich heraus nahm seine Männer zu befehligen, aber in diesem Fall hatte er ihm eben die vier Männer schließlich überlassen und es war nur rechtens, dass sie ihren Auftrag nun auch richtig zu ende brachten. Ritter Pablo, der ruhige Templer mit dem kleinen Spitzbart, öffnete den Karren und zog den Dunkelelfen heraus. Er musste ihn stützen, denn in der Enge waren dem Mann die Beine eingeschlafen und einige neue wund gescheuerte Stellen von der Reise fielen Theia ins Auge. Ansonsten schien es Rhaev soweit gut zu gehen. Die Verbände hatten gehalten, so wie seine Wunden. Vikram trat ein paar Schritte die Stufen hinunter und empfing Bruder Calven:
„Willkommen zurück, Bruder. Es hat länger gedauert als erwartet, wie ich meine. Gab es Schwierigkeiten?“
„Ich berichte euch gern gernauer, nur lasst mich erst etwas frisch machen und etwas essen. Die Reise war lang und entbehrungsreich für uns Diener des lichten Gottes und die Nacht war lang, nass und uns nicht wohl gesonnen.“
„Nun denn.“
Vikram trat beiseite und folgte Bruder Calven mit dem Blick, als dieser die Stufen erklomm und im Innern verschwand. Eine steile Denkfalte hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Dann wandte er sich zu Theia. Der Hof war inzwischen fast leer und die Pferde wurden in die Stallungen geführt.
„Willkommen, mein liebes Kind.“
Sein Lächeln war warm, wenngleich sein Blick fragend.
„Komm rein. Wie ist es dir ergangen? Du siehst durchgefroren aus.“
An seiner Seite traten sie in die tiefen Schatten des Anwesens am Rande der Stadt, wo Theia mit vielen anderen studierte, lernte und lebte. Hier wurden neue Templer ausgebildet, Novizen geformt und Seelen geprüft.
„Magistra Vasileos hat nach dir gefragt. Sie ist noch unpässlich, aber du sollst sie besuchen, sobald es dir möglich ist. Sie erwartet wohl einen Bericht, wie du dich geschlagen hast.“
Damit sprach er an, dass Theia als Vertretung mitgeschickt worden war. Nun war sie aber erst einmal mit ihrem Ziehvater allein und dieser führte sie zu seinen Gemächern, wo sie sich oft privat unterhielten, wenn es die Zeit zu ließ. Auch Theia hatte in diesem Trakt des Anwesens ihr Zimmer, was im stillen so manch ein anderer Novize ihr vielleicht neidete. Sie war nun mal das Mündel des Hauptmanns und hatte damit eine gewisse Sonderstellung, auch wenn sie es gewiss nicht zur Schau stellte. Ihr Vater öffnete die Tür zu eben jenem Raum, vor dem sie Tags zuvor ihn und Bruder Calven zufällige belauscht hatte. Der Raum empfing sie mit seiner Wärme, dem Duft nach Kaminholz und flackernden Licht der Flammen, dem vertrauten Anblick des Holzfußbodens, dicker Vertäfelungen an den Wänden, dem massiven Schreibtisch und den etwas chaotisch anmutenden Schriftstücken darauf. Vikram hatte einmal mehr vergessen seine Schreibfeder zu säubern und das Tintenfass offen gelassen, so dass es eintrocknen könnte.
An der gegenüberliegenden Seite des Raums standen Regale mit Büchern und zwei Sessel. In einem nahm er Platz und schien sein Mündel zu beobachten. Kannte er sie so gut, dass er ahnte, dass ihr etwas auf der Seele brannte? Und was würde sie ihm berichten?

- Theia Talfaern
- Spieler-Charakter

- Beiträge: 11
- Registriert: Freitag 10. Juli 2026, 21:03
- Moderator des Spielers: Maruka
- Aufenthaltsort: Königreich Jorsan
- Steckbrief: Zum Steckbrief
- Rasse: Mischling (Elf/Mensch)
- Sprachen: Garmisch
- Beruf: Klerikerin in Ausbildung
- Fähigkeiten: Lichtmagie (überdurchschnittlich)
- Geld: 0D, 0L, 100F
- Ausrüstung: Münzbeutel
Umhängetasche
kleines Gebrauchsmesserchen - Tierische Begleiter: Nioma (Pferd)
Re: Die heilige Inquisition - Hauptquartier
Es hätte sie erleichtern müssen – ja, eigentlich hätte es Theia sogar außerordentlich erleichtern müssen, als Bruder Calven den Befehl zum Aufbruch gab. Immerhin; es bedeutete das Ende dieser Reise, die sich binnen weniger Stunden zu etwas entwickelt hatte, das sie sich in ihren schlimmsten Vorstellungen nicht hätte ausmalen können. Keine weitere Gewitternacht unter freiem Himmel. Nein, sie würden zurückkehren, nach Jorsa, zurück in die vertrauten Mauern der Bruderschaft, zu warmem Essen, einem richtigen Bett und all den kleinen, alltäglichen Gewissheiten, nach denen sich Theia inzwischen schmerzhaft sehnte, und dennoch ... Theia hatte Mühe, ihr Gesicht unter Kontrolle zu behalten, als Bruder Calven seine Anweisungen erteilte. Sie sah, wie Johan Rhaev die Decke vom Leib riss, sah dessen kurzen, hilflosen Versuch, die Augen gegen das Licht des anbrechenden Morgens abzuschirmen. Dann noch Calvens Bemerkung über das schwarze Blut, über die Schwärze seiner Seele ... Theia senkte den Blick. Sie hätte etwas sagen sollen. Vielleicht. Vermutlich. Zumindest war da dieser flüchtige Impuls, der in ihr hochkam, sich meldete und wollte, dass sie ihren Lehrmeister über das Geschehene informierte, doch da hatte dieser ohnehin bereits nach Johan gerufen, und Theia hielt den Mund geschlossen. Nicht der richtige Zeitpunkt, sagte sie sich. Außerdem ... Sie hätte doch ohnehin nicht gewusst, was genau es da überhaupt zu erklären gab! Theia schwieg also, während die Männer ihre wenigen Habseligkeiten zusammenrafften und sich daranmachten, das Lager aufzulösen, ging irgendwann lediglich selbst ihrer eigenen Arbeit nach; verstaute die Leinentücher, die sie später würde waschen müssen, kontrollierte ein letztes Mal den Inhalt ihres Heilerbeutels und achtete darauf – wie bereits mehrmals durch Bruder Calven ermahnt –, nichts zurückzulassen. Handgriff um Handgriff, ordentlich und gewissenhaft, bevor Matteo und Johan den Gefangenen unter den Armen packten und sie erneut innehielt. Götter, es bereitete ihr Unbehagen, zuzusehen, wie sie ihn auf die Beine zogen, wie seine Schritte hinter ihren größeren, kräftigeren Bewegungen zurückblieben und Rhaev mehr zwischen ihnen hing, als selbst aus eigener Kraft zu gehen. Die Wunden an seiner Seite mussten schmerzen ... Selbst nach ihrer Behandlung konnten die tiefen Verletzungen unmöglich vollständig verheilt sein, und die neue Haut, die sich an den verbrannten Wundrändern hatte bilden müssen, war gewiss noch höchst empfindlich. Er brauchte Ruhe, möglichst wenig Belastung. Vor allem aber durfte man ihn nicht einfach an den Armen zerren, als hätte er nicht noch vor wenigen Stunden mit hohem Fieber und beträchtlichem Blutverlust zu kämpfen gehabt!
In Theia brandete Unmut auf, und sie machte bereits einen halben Schritt vorwärts, um– Dann aber blieb sie stehen. Was wollte sie schon tun? Johan zurechtweisen? Matteo bitten, langsamer zu machen? Rhaev vielleicht sogar ihren eigenen Arm anbieten, damit er sich darauf stützen konnte? Und das alles vor Bruder Calven? Sie presste die Lippen zusammen. Es war beinahe unerträglich, mitansehen zu müssen, wie die Männer den Dunkelelfen in den Kistenwagen verfrachteten. Das dumpfe Geräusch, mit dem sie ihn hineinwarfen, kurz bevor die hölzerne Tür hinter ihm zuschlug, ließ etwas in Theias Magen schmerzhaft krampfen. Für einen Augenblick hatte sie das absurde Bedürfnis, zu dem Wagen zu gehen, die Tür wieder zu öffnen und nachzusehen, ob ... Ja, was eigentlich? Ob der Gefangene es bequem hatte? Theia wandte sich hastig ab.
Nioma empfing sie mit einem leisen Schnauben, als sie an ihre Seite trat, und beinahe war die junge Halbelfe ihrer Stute dankbar dafür, dass diese keinerlei Interesse an den moralischen Gewissensfragen ihrer Reiterin zeigte. Sie verlangte lediglich nach etwas Aufmerksamkeit, schnupperte neugierig an Theias Gewandung und versuchte anschließend, sich mit ihrem Kopf an ihrer Schulter zu reiben. Theia lächelte schwach. „Ja, ich weiß ...“, murmelte sie und strich ihr über die Stirn. „Du siehst auch schrecklich aus.“ Das stimmte nicht ganz. Nioma sah vor allem nass und ein wenig ungepflegt aus, was nach der vergangenen Nacht wirklich kaum verwunderlich war. Ihr Fell würde eine gründliche Bürste vertragen, ebenso ihre Mähne, in der sich einige kleine Blätter verfangen hatten, und vermutlich hätte Theia längst damit begonnen, diese zu entfernen, doch nun ... Ihr fehlte jede Kraft dazu. Stattdessen ließ sie ihre Hand, kühl und ein wenig zittrig, noch einen Augenblick an Niomas warmer Halsflanke liegen, schloss kurz die Augen und atmete den vertrauten Geruch ihres Pferdes ein. Dann saß sie auf.
Der Rückweg begann mit dem ersten Sonnenlicht. Und Theia, die sich so sehr nach ihrer Heimkehr gesehnt hatte, stellte bereits nach wenigen Minuten fest, dass sie sich vor ihr ... fürchtete. Dabei war es eine sonderbare, schwer zu greifende Furcht; keine, die sie offen vor irgendjemanden hätte benennen können, wie etwa die Angst vor Bruder Calvens Unzufriedenheit oder vor einer schlechten Beurteilung ihrer ersten größeren Aufgabe. Nein, es war vielmehr das Gefühl, dass mit jedem Schritt, den Nioma sie näher an Jorsa herantrug, etwas Unausweichliches auf sie zukam ... Ihr Blick wanderte immer wieder nach hinten. Zu der Kiste. Wie es Rhaev darin wohl gehen mochte? Ob die Erschütterungen ihm Schmerzen bereiteten? Ob der Verband hielt? Ob sich irgendwo unter dem verkohlten Gewebe vielleicht nun doch wieder eine Blutung geöffnet hatte? Was, wenn er wieder Fieber bekam? Wenn die Wunde aufriss? Wenn die Erschütterungen des Wagens ihm mehr zusetzten, als irgendwer vermutete? Theia biss sich auf die Innenseite der Wange, jedes Mal, wenn sie den Blick gezwungener Maßen wieder geradeaus richtete. Sie sollte froh sein, dass sie ihren Auftrag erfüllt hatte. Er war am Leben. Transportfähig. Vernehmungsfähig, zumindest vorerst. Vor einigen Stunden hatte sie genau darin noch ihre Aufgabe gesehen – eine schwierige vielleicht, eine, an der sie würde wachsen können, wenn sie sich ihr stellte. Außerdem hatte sie sich vorgenommen, gewissenhaft zu arbeiten, die Kenntnisse ihrer Ausbildung unter Beweis zu stellen und Bruder Calven keinen Anlass zur Unzufriedenheit zu geben. Sie hatte gehofft, Vikram stolz machen zu können. Und jetzt? Theia wusste, dass sie sich nicht von persönlichen Empfindungen leiten lassen durfte. Nicht von Erinnerungen, deren Wahrheitsgehalt sie selbst nicht mehr wirklich beurteilen konnte. Schon gar nicht von jener abscheulichen, unangebrachten ... Zärtlichkeit? War es tatsächlich so etwas wie Zärtlichkeit, die sich in ihr regte, wenn sie daran dachte, wie Rhaev im Schlaf seine Arme um sie geschlossen hatte? Theias Finger schlossen sich fester um die Zügel.
Sie hatte gebetet, hatte Lysanthor um Hilfe angefleht. Und er hatte geantwortet. War das nicht von Bedeutung? Musste es nicht von Bedeutung sein? Theia kannte die Lehren ihres Herrn – sie wusste, dass seine Gnade niemals wahllos, niemals grundlos gewährt wurde, dass seine Magie viel Übung, Hingabe und einen aufrichtigen Willen erforderte. Und sie wusste auch, dass göttliche Macht nicht dazu bestimmt war, die persönlichen Wünsche eines einzelnen Menschen zu erfüllen. Theia schloss für einen kurzen Moment die Augen, während Nioma sie mit ruhigen Schritten weitertrug. Wenn ihr Herr tatsächlich durch ihre Hände gewirkt hatte, weshalb ausgerechnet an einem Dunkelelfen? Weshalb an einem Feind, dessen Leben man nur deshalb erhalten wollte, um ihm möglicherweise später ein Ende zu setzen? Hatte Lysanthor sie bloß befähigt, ihre Pflicht zu erfüllen? Oder war seine Flamme womöglich ein Zeichen gewesen, dass eben dieses Leben bewahrt werden sollte? Ein Leben, das sie dabei war, auszuliefern?
Theia wurde übel. Zwar nicht genug, um sich übergeben zu müssen, aber doch mit jener unangenehmen Beständigkeit, die ihr den Magen immer weiter zusammenzog und jeden Gedanken an das ersehnte Mittagessen verdarb. Es war nicht richtig, so zu denken. Sie wusste es! Sie wusste, welche Richtung diese Überlegungen nahmen, und wie gefährlich es war, sich ihnen hinzugeben. Sollte sie ernsthaft glauben, den Willen Lysanthors besser deuten zu können als jene Männer, die ihr gesamtes Leben in seinen Dienst gestellt hatten? Bruder Calven? Vikram? Vielleicht war es Erschöpfung. Theia klammerte sich beinahe dankbar an diesen Gedanken. Es stimmte, sie hatte zu wenig geschlafen, zu wenig gegessen. Ihr Kopf schmerzte noch immer von ihrem Sturz im Keller, und die ungewohnte Magie hatte ihr offenbar weit mehr Kraft geraubt, als sie zunächst hatte begreifen können. Sie war müde, überreizt, empfänglich für alle möglichen törichten Überlegungen ... Möglicherweise brauchte sie einfach nur Ruhe. Ein warmes Bad. Ein ordentliches Bett. Und ein langes Gespräch mit ... mit irgendjemandem! Ihrem Vater vielleicht. Oder Magistra Vasileos?
Als die ersten vertrauten Mauern in Sicht kamen, hätte Theia jeder Angst zum Trotz beinahe laut aufgeatmet. Zuhause. Götter ... Es waren kaum zwei Tage vergangen, seit sie Jorsa verlassen hatte, dennoch schien ihr die Zeit dazwischen unendlich viel länger, fast so als lägen zwischen ihrem Aufbruch und dieser Rückkehr nicht bloß einige Stunden, sondern etwas, das sie unwiederbringlich verändert hatte. Dabei ... Nichts hatte sich verändert. Die Mauern standen noch immer, wie sie seit Jahren standen. Die Wachen an den Toren trugen dieselben Wappen, die Pferde wurden in dieselben Stallungen geführt, selbst die Geräusche waren vertraut – das Klappern beschlagener Hufen auf dem Pflaster, das Rufen der Stallknechte, das gelegentliche Scheppern der Rüstungen. Theia kannte das alles. Jeden Winkel davon. Trotzdem kam es ihr vor, als betrachte sie ihre Umgebung durch andere Augen. Nach dem langen Ritt fühlten sich ihre Beine unangenehm steif an, als ihre Füße wieder festen Boden berührten ... Dann allerdings öffneten sich die hohen Türen des Hauptgebäudes, und vergessen war alles andere. Vikram trat heraus. Groß, aufrecht, mit seinem goldenen Haar, den freundlichen blauen Augen und jener selbstverständlichen Würde, die selbst seine schlichtesten Bewegungen begleitete. Sein Mantel schwang leicht im Wind, und als sein Blick den ihren fand, schenkte er ihr ein Lächeln. Oh. Theia hatte nicht gewusst, wie sehr sie sich danach gesehnt hatte. Etwas in ihr zog sich schmerzhaft zusammen, zog spürbar in seine Richtung, und für einen winzigen, beschämenden Augenblick war sie versucht, einfach zu ihm zu laufen. Die wenigen Schritte über den Hof zu überwinden, wie ein Kind, und ihr Gesicht an seiner Brust zu verbergen und sich von seinen Armen umschließen zu lassen, so wie er es früher getan hatte, wenn ihre Albträume wieder einmal besonders schlimmer gewesen waren. Sie wollte ihm sagen, dass sie Angst hatte. Dass sie Dinge gesehen und gehört hatte, die sie nicht verstand. Dass sie nicht wusste, was richtig war. Und dass sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht einmal mehr sicher war, ob sie überhaupt wusste, woran sie diese Unterscheidung festmachen sollte. Nichts hätte sie sich in diesem Moment sehnlicher gewünscht ...
Doch sie war kein Kind mehr. Keine zwölfjährige Waise, die Trost suchte, sobald die Welt sich zu groß anfühlte. Also blieb sie stehen – aufrecht, mit zurückgezogenen Schultern, beide Hände ordentlich vor dem Körper gefaltet. Vikrams Aufmerksamkeit wanderte weiter, hinüber zu Bruder Calven, der gerade mit einiger Mühe von seinem Pferd stieg. Theia beobachtete, wie ihr Lehrmeister den Gefangenen in den Kerker bringen ließ ... Pablo hatte den Kistenwagen bereits geöffnet. Rhaev wurde herausgezogen, musste gestützt werden, weil seine Beine ihm nach der langen Fahrt den Dienst versagten. Theia bemerkte die wund gescheuerten Stellen, sah, wie er sein Gewicht verlagerte, und versuchte aus der Entfernung zu beurteilen, ob die Verbände gehalten hatten. Dann, wenige Augenblicke später, wurde Rhaev fortgeführt. Zum Kerker. Theia blickte ihm nach, bis sie sich dazu zwingen musste, ihren Blick zu lösen.
„Willkommen, mein liebes Kind.“
Vikrams tiefe, warme Stimme traf sie beinahe unvorbereitet.
Theia versuchte zu lächeln.
„Lysanthor sei Dank, wir sind wohlbehalten zurückgekehrt“, erwiderte sie leise. Wohlbehalten. Was für ein merkwürdiges Wort für jemanden, der sich fühlte, als habe man sein Innerstes nach außen gestülpt. Als Vikram sie fragte, wie es ihr ergangen sei, und bemerkte, dass sie durchgefroren aussah, senkte Theia kurz den Blick auf ihre Hände. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie noch immer ein wenig zitterten. „Die Nacht war ... anstrengend“, antwortete sie schließlich. Keine Lüge. „Es gab ein Gewitter. Und einige Schwierigkeiten mit dem Gefangenen.“ Auch das stimmte. Theia hob den Blick wieder, wollte etwas hinzufügen, vielleicht von seinem Fieber sprechen, von seinen Verletzungen, von ... was auch immer, denn sie wusste nicht, was sie ohne größere Bedenken würde ansprechen können, ohne ihn zu alarmieren, doch da hatte Vikram bereits begonnen, sie ins Innere zu führen. Sie folgte ihm beinahe dankbar. Als er Magistra Vasileos erwähnte, regte sich etwas Hoffnungsvolles in ihr. Olesia hatte nach ihr gefragt. Natürlich hatte sie das. Immerhin war Theia auf ihren Wunsch hin mitgeschickt worden. Sicher würde sie wissen wollen, ob ihre Schülerin den Anforderungen gewachsen gewesen war, welche Schwierigkeiten sich ergeben hatten und wie sie damit umgegangen war. Theia nickte.
„Ich werde sie aufsuchen“, versprach sie. „Sobald es mir möglich ist.“
Und vielleicht, dachte sie dann noch, würde sie ihrer Lehrmeisterin dann auch erzählen können, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Magistra Vasileos würde vielleicht Rat wissen, würde ihr vielleicht erklären können, weshalb eine Flamme auf ihr Gebet geantwortet hatte, obwohl Theia doch niemals gelernt hatte, Feuer zu befehligen.
Vikrams Arbeitszimmer empfing sie mit einer Vertrautheit, die Theias Kehle zuschnürte. Es roch nach Holz, nach Papier und Tinte, nach dem schwachen Rauch des Kamins. Die dicken Wandvertäfelungen schimmerten im warmen Licht und über den Boden tanzten jene kleinen, unregelmäßigen Schatten, die das Feuer zwischen den Möbeln umherhuschen ließ. Da standen die Bücherregale, die sie schon als Kind ehrfürchtig betrachtet hatte, die beiden Sessel, in denen sie so oft gesessen und ihrem Ziehvater von ihren Fortschritten berichtet hatte. Und natürlich der Schreibtisch. Theia betrachtete das massive Mobiliar einen Augenblick lang, wirkte dabei vollkommen gedankenverloren. Die Schriftstücke lagen in verstreuter Unordnung darauf, einige Bögen hatte man achtlos übereinandergeschoben, andere seitlich unter einem Buch hervorgezogen, und unmittelbar daneben stand das offene Tintenfass. Offen. Schon wieder. Theia blinzelte, bevor sie langsam an den Tisch herantrat, um das kleine Fässchen zu verschließen. Eine Bewegung, so selbstverständlich, so tief in ihren Alltag gehörend, dass sie erst begriff, was sie getan hatte, als der Deckel bereits festsaß. Wie oft sie ihren Ziehvater in all den Jahren wohl daran erinnert hatte, seine Schreibutensilien ordentlich wegzuräumen? Theia ließ die Finger einen Augenblick auf dem Deckel ruhen, dann jedoch glitt ihre Hand zurück an ihre Seite. Denn draußen, irgendwo unter diesen vertrauten Mauern, saß Rhaev in einem Kerker. Und sie hatte ihn dorthin gebracht. Hinter ihr hatte Vikram in einem der Sessel Platz genommen. Sie spürte seinen Blick, ohne sich sofort zu ihm umzudrehen. Natürlich bemerkte er etwas. Wie sollte er auch nicht? Vikram kannte sie seit Jahren. Er hatte sie aufwachsen sehen, hatte sie getröstet, gelobt und aufgerichtet, wann immer sie an ihren eigenen Erwartungen gescheitert war. Er wusste, wie sie aussah, wenn sie sich über eine gelungene Lektion freute. Wusste, wann sie etwas beschäftigte, wann sie sich schämte, wann sie versuchte, eine Enttäuschung hinter höflicher Zurückhaltung zu verbergen ... Er würde gewiss erkennen, dass sie nicht bloß müde war. Theia betrachtete die Schriftstücke auf seinem Tisch. Was sollte sie sagen? Wo sollte sie anfangen? Ganz am Anfang? Im Keller? Bei jenem schrecklichen Augenblick, in dem sie den Gefangenen erkannt hatte? Bei seinen Worten über den Überfall, über Sarma, über Drachen und Feuer?
Vikram wusste, dass sie aus den Trümmern ihrer Kindheit gerettet worden war. Er kannte ihre Geschichte, kannte zumindest jene Teile davon, die sie damals selbst hatte in Worte fassen können. Aber ... sie hatte ihm nie ausführlich von den Wochen erzählt, die zwischen dem Überfall auf die Herberge und ihrer Ankunft im Kloster gelegen hatten. Nie von ihrer Rettung. Und wenn sie ihm jetzt davon erzählte ... Was würde das ändern? Was würde er darüber denken?
Sie konnte nicht einfach verschweigen, was geschehen war. Nicht, wenn es tatsächlich Lysanthors Wille gewesen war. Nicht, wenn sie etwas vollbracht hatte, das sie selbst nicht verstand und das möglicherweise von Bedeutung für Rhaevs weiteres Schicksal war. Vielleicht war es sogar ein Zeichen. Theia hob den Blick. Schließlich wandte sie sich um.
Vikram saß in seinem Sessel und betrachtete sie. Theia wusste nicht, was er aus ihrem Schweigen, aus ihren zögerlichen Bewegungen und ihrem offenbar wenig überzeugenden Lächeln herauslesen mochte. Doch sie konnte sich kaum vorstellen, dass es ihm entgangen war, wie unruhig sie sich verhielt. Also ging sie zu ihm hinüber.
„Der Gefangene war schwer verletzt, als wir ihn übernahmen. Sehr schwer. Er hatte viel Blut verloren, und einige seiner Wunden waren bereits entzündet. Ich habe versucht, ihn so gut wie möglich zu versorgen, aber ...“ Sie stockte. „Aber zunächst konnte ich nicht viel mehr tun, als die Blutungen zu stillen, seine Verletzungen zu reinigen und ihn gegen das Fieber zu behandeln.“ Das war wahr. Vollkommen wahr. „Bruder Calven war darüber nicht besonders erfreut“, fügte sie leise hinzu. „Er hat mich gefragt, weshalb ich nicht einfach meine Magie einsetze.“ Bei der Erinnerung senkte sie kurz die Augen. Dieses Kind kann nichts. „Ich habe es versucht“, sagte sie schließlich. „Anfangs. Aber ich konnte mich nicht ausreichend konzentrieren.“ Wieder eine Pause. Theia atmete tief ein. „Später jedoch ... in der Nacht, während des Gewitters ... habe ich es noch einmal versucht.“ Sie suchte nach den richtigen Worten. Wie erklärte man etwas, für das man selbst keine Erklärung hatte? „Wir mussten den Keller verlassen, weil er während des Unwetters voll Wasser lief. Die Ritter brachten den Gefangenen nach oben, in die Ruine. Er hatte noch immer Fieber und ... und ich wollte wenigstens versuchen ... Ich habe Lysanthor um Beistand gebeten. Habe versucht, sein Licht, seine Wärme zu sammeln, so, wie Magistra Vasileos es mich gelehrt hat, und in seine Verletzungen zu lenken. Zunächst geschah nichts, doch dann ..." Theia schüttelte kaum merklich den Kopf, dann aber hob sie den Blick zu Vikram. In ihrem Gesicht lag nun etwas beinahe Flehentliches. „Ich habe Feuermagie gewirkt. Keine Lichtmagie, es ... Es war kein gewöhnlicher Heilzauber.“ Theia schluckte. „Ich hatte Angst. Zunächst dachte ich, ich würde ihm schaden. Er hatte Schmerzen, als es geschah, aber ich ... ich wusste nicht, ob ich aufhören durfte. Ich hatte diese Magie nicht vollständig unter Kontrolle, Vater. Jedenfalls nicht so, wie ich es gewohnt bin.“ Einen Augenblick lang schwieg sie, bevor sie ein kleines Stück näher trat, die Stimme nun zu einem Flüstern gesenkt. „Als es vorbei war, hatte ich kaum noch die Kraft, mich aufrecht zu halten. Meine Hände waren schwarz von Ruß, der Verband an seiner Seite ebenfalls. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber ... Ich habe ihn um Hilfe gebeten. Lysanthor, meine ich. Ich habe darum gebetet, dass er mich führt. Und dann ist das geschehen.“
Sie sah Vikram an, offen und unsicher zugleich, auf eine Weise, die sie sich vor Bruder Calven niemals erlaubt hätte.
„Meint Ihr ...“ Theia brach ab.
Die eigentliche Frage brannte ihr auf der Zunge.
Meint Ihr, dass Lysanthor will, dass dieser Dunkelelf am Leben bleibt?
Doch sie brachte es nicht fertig, sie auszusprechen.
In Theia brandete Unmut auf, und sie machte bereits einen halben Schritt vorwärts, um– Dann aber blieb sie stehen. Was wollte sie schon tun? Johan zurechtweisen? Matteo bitten, langsamer zu machen? Rhaev vielleicht sogar ihren eigenen Arm anbieten, damit er sich darauf stützen konnte? Und das alles vor Bruder Calven? Sie presste die Lippen zusammen. Es war beinahe unerträglich, mitansehen zu müssen, wie die Männer den Dunkelelfen in den Kistenwagen verfrachteten. Das dumpfe Geräusch, mit dem sie ihn hineinwarfen, kurz bevor die hölzerne Tür hinter ihm zuschlug, ließ etwas in Theias Magen schmerzhaft krampfen. Für einen Augenblick hatte sie das absurde Bedürfnis, zu dem Wagen zu gehen, die Tür wieder zu öffnen und nachzusehen, ob ... Ja, was eigentlich? Ob der Gefangene es bequem hatte? Theia wandte sich hastig ab.
Nioma empfing sie mit einem leisen Schnauben, als sie an ihre Seite trat, und beinahe war die junge Halbelfe ihrer Stute dankbar dafür, dass diese keinerlei Interesse an den moralischen Gewissensfragen ihrer Reiterin zeigte. Sie verlangte lediglich nach etwas Aufmerksamkeit, schnupperte neugierig an Theias Gewandung und versuchte anschließend, sich mit ihrem Kopf an ihrer Schulter zu reiben. Theia lächelte schwach. „Ja, ich weiß ...“, murmelte sie und strich ihr über die Stirn. „Du siehst auch schrecklich aus.“ Das stimmte nicht ganz. Nioma sah vor allem nass und ein wenig ungepflegt aus, was nach der vergangenen Nacht wirklich kaum verwunderlich war. Ihr Fell würde eine gründliche Bürste vertragen, ebenso ihre Mähne, in der sich einige kleine Blätter verfangen hatten, und vermutlich hätte Theia längst damit begonnen, diese zu entfernen, doch nun ... Ihr fehlte jede Kraft dazu. Stattdessen ließ sie ihre Hand, kühl und ein wenig zittrig, noch einen Augenblick an Niomas warmer Halsflanke liegen, schloss kurz die Augen und atmete den vertrauten Geruch ihres Pferdes ein. Dann saß sie auf.
Der Rückweg begann mit dem ersten Sonnenlicht. Und Theia, die sich so sehr nach ihrer Heimkehr gesehnt hatte, stellte bereits nach wenigen Minuten fest, dass sie sich vor ihr ... fürchtete. Dabei war es eine sonderbare, schwer zu greifende Furcht; keine, die sie offen vor irgendjemanden hätte benennen können, wie etwa die Angst vor Bruder Calvens Unzufriedenheit oder vor einer schlechten Beurteilung ihrer ersten größeren Aufgabe. Nein, es war vielmehr das Gefühl, dass mit jedem Schritt, den Nioma sie näher an Jorsa herantrug, etwas Unausweichliches auf sie zukam ... Ihr Blick wanderte immer wieder nach hinten. Zu der Kiste. Wie es Rhaev darin wohl gehen mochte? Ob die Erschütterungen ihm Schmerzen bereiteten? Ob der Verband hielt? Ob sich irgendwo unter dem verkohlten Gewebe vielleicht nun doch wieder eine Blutung geöffnet hatte? Was, wenn er wieder Fieber bekam? Wenn die Wunde aufriss? Wenn die Erschütterungen des Wagens ihm mehr zusetzten, als irgendwer vermutete? Theia biss sich auf die Innenseite der Wange, jedes Mal, wenn sie den Blick gezwungener Maßen wieder geradeaus richtete. Sie sollte froh sein, dass sie ihren Auftrag erfüllt hatte. Er war am Leben. Transportfähig. Vernehmungsfähig, zumindest vorerst. Vor einigen Stunden hatte sie genau darin noch ihre Aufgabe gesehen – eine schwierige vielleicht, eine, an der sie würde wachsen können, wenn sie sich ihr stellte. Außerdem hatte sie sich vorgenommen, gewissenhaft zu arbeiten, die Kenntnisse ihrer Ausbildung unter Beweis zu stellen und Bruder Calven keinen Anlass zur Unzufriedenheit zu geben. Sie hatte gehofft, Vikram stolz machen zu können. Und jetzt? Theia wusste, dass sie sich nicht von persönlichen Empfindungen leiten lassen durfte. Nicht von Erinnerungen, deren Wahrheitsgehalt sie selbst nicht mehr wirklich beurteilen konnte. Schon gar nicht von jener abscheulichen, unangebrachten ... Zärtlichkeit? War es tatsächlich so etwas wie Zärtlichkeit, die sich in ihr regte, wenn sie daran dachte, wie Rhaev im Schlaf seine Arme um sie geschlossen hatte? Theias Finger schlossen sich fester um die Zügel.
Sie hatte gebetet, hatte Lysanthor um Hilfe angefleht. Und er hatte geantwortet. War das nicht von Bedeutung? Musste es nicht von Bedeutung sein? Theia kannte die Lehren ihres Herrn – sie wusste, dass seine Gnade niemals wahllos, niemals grundlos gewährt wurde, dass seine Magie viel Übung, Hingabe und einen aufrichtigen Willen erforderte. Und sie wusste auch, dass göttliche Macht nicht dazu bestimmt war, die persönlichen Wünsche eines einzelnen Menschen zu erfüllen. Theia schloss für einen kurzen Moment die Augen, während Nioma sie mit ruhigen Schritten weitertrug. Wenn ihr Herr tatsächlich durch ihre Hände gewirkt hatte, weshalb ausgerechnet an einem Dunkelelfen? Weshalb an einem Feind, dessen Leben man nur deshalb erhalten wollte, um ihm möglicherweise später ein Ende zu setzen? Hatte Lysanthor sie bloß befähigt, ihre Pflicht zu erfüllen? Oder war seine Flamme womöglich ein Zeichen gewesen, dass eben dieses Leben bewahrt werden sollte? Ein Leben, das sie dabei war, auszuliefern?
Theia wurde übel. Zwar nicht genug, um sich übergeben zu müssen, aber doch mit jener unangenehmen Beständigkeit, die ihr den Magen immer weiter zusammenzog und jeden Gedanken an das ersehnte Mittagessen verdarb. Es war nicht richtig, so zu denken. Sie wusste es! Sie wusste, welche Richtung diese Überlegungen nahmen, und wie gefährlich es war, sich ihnen hinzugeben. Sollte sie ernsthaft glauben, den Willen Lysanthors besser deuten zu können als jene Männer, die ihr gesamtes Leben in seinen Dienst gestellt hatten? Bruder Calven? Vikram? Vielleicht war es Erschöpfung. Theia klammerte sich beinahe dankbar an diesen Gedanken. Es stimmte, sie hatte zu wenig geschlafen, zu wenig gegessen. Ihr Kopf schmerzte noch immer von ihrem Sturz im Keller, und die ungewohnte Magie hatte ihr offenbar weit mehr Kraft geraubt, als sie zunächst hatte begreifen können. Sie war müde, überreizt, empfänglich für alle möglichen törichten Überlegungen ... Möglicherweise brauchte sie einfach nur Ruhe. Ein warmes Bad. Ein ordentliches Bett. Und ein langes Gespräch mit ... mit irgendjemandem! Ihrem Vater vielleicht. Oder Magistra Vasileos?
Als die ersten vertrauten Mauern in Sicht kamen, hätte Theia jeder Angst zum Trotz beinahe laut aufgeatmet. Zuhause. Götter ... Es waren kaum zwei Tage vergangen, seit sie Jorsa verlassen hatte, dennoch schien ihr die Zeit dazwischen unendlich viel länger, fast so als lägen zwischen ihrem Aufbruch und dieser Rückkehr nicht bloß einige Stunden, sondern etwas, das sie unwiederbringlich verändert hatte. Dabei ... Nichts hatte sich verändert. Die Mauern standen noch immer, wie sie seit Jahren standen. Die Wachen an den Toren trugen dieselben Wappen, die Pferde wurden in dieselben Stallungen geführt, selbst die Geräusche waren vertraut – das Klappern beschlagener Hufen auf dem Pflaster, das Rufen der Stallknechte, das gelegentliche Scheppern der Rüstungen. Theia kannte das alles. Jeden Winkel davon. Trotzdem kam es ihr vor, als betrachte sie ihre Umgebung durch andere Augen. Nach dem langen Ritt fühlten sich ihre Beine unangenehm steif an, als ihre Füße wieder festen Boden berührten ... Dann allerdings öffneten sich die hohen Türen des Hauptgebäudes, und vergessen war alles andere. Vikram trat heraus. Groß, aufrecht, mit seinem goldenen Haar, den freundlichen blauen Augen und jener selbstverständlichen Würde, die selbst seine schlichtesten Bewegungen begleitete. Sein Mantel schwang leicht im Wind, und als sein Blick den ihren fand, schenkte er ihr ein Lächeln. Oh. Theia hatte nicht gewusst, wie sehr sie sich danach gesehnt hatte. Etwas in ihr zog sich schmerzhaft zusammen, zog spürbar in seine Richtung, und für einen winzigen, beschämenden Augenblick war sie versucht, einfach zu ihm zu laufen. Die wenigen Schritte über den Hof zu überwinden, wie ein Kind, und ihr Gesicht an seiner Brust zu verbergen und sich von seinen Armen umschließen zu lassen, so wie er es früher getan hatte, wenn ihre Albträume wieder einmal besonders schlimmer gewesen waren. Sie wollte ihm sagen, dass sie Angst hatte. Dass sie Dinge gesehen und gehört hatte, die sie nicht verstand. Dass sie nicht wusste, was richtig war. Und dass sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht einmal mehr sicher war, ob sie überhaupt wusste, woran sie diese Unterscheidung festmachen sollte. Nichts hätte sie sich in diesem Moment sehnlicher gewünscht ...
Doch sie war kein Kind mehr. Keine zwölfjährige Waise, die Trost suchte, sobald die Welt sich zu groß anfühlte. Also blieb sie stehen – aufrecht, mit zurückgezogenen Schultern, beide Hände ordentlich vor dem Körper gefaltet. Vikrams Aufmerksamkeit wanderte weiter, hinüber zu Bruder Calven, der gerade mit einiger Mühe von seinem Pferd stieg. Theia beobachtete, wie ihr Lehrmeister den Gefangenen in den Kerker bringen ließ ... Pablo hatte den Kistenwagen bereits geöffnet. Rhaev wurde herausgezogen, musste gestützt werden, weil seine Beine ihm nach der langen Fahrt den Dienst versagten. Theia bemerkte die wund gescheuerten Stellen, sah, wie er sein Gewicht verlagerte, und versuchte aus der Entfernung zu beurteilen, ob die Verbände gehalten hatten. Dann, wenige Augenblicke später, wurde Rhaev fortgeführt. Zum Kerker. Theia blickte ihm nach, bis sie sich dazu zwingen musste, ihren Blick zu lösen.
„Willkommen, mein liebes Kind.“
Vikrams tiefe, warme Stimme traf sie beinahe unvorbereitet.
Theia versuchte zu lächeln.
„Lysanthor sei Dank, wir sind wohlbehalten zurückgekehrt“, erwiderte sie leise. Wohlbehalten. Was für ein merkwürdiges Wort für jemanden, der sich fühlte, als habe man sein Innerstes nach außen gestülpt. Als Vikram sie fragte, wie es ihr ergangen sei, und bemerkte, dass sie durchgefroren aussah, senkte Theia kurz den Blick auf ihre Hände. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie noch immer ein wenig zitterten. „Die Nacht war ... anstrengend“, antwortete sie schließlich. Keine Lüge. „Es gab ein Gewitter. Und einige Schwierigkeiten mit dem Gefangenen.“ Auch das stimmte. Theia hob den Blick wieder, wollte etwas hinzufügen, vielleicht von seinem Fieber sprechen, von seinen Verletzungen, von ... was auch immer, denn sie wusste nicht, was sie ohne größere Bedenken würde ansprechen können, ohne ihn zu alarmieren, doch da hatte Vikram bereits begonnen, sie ins Innere zu führen. Sie folgte ihm beinahe dankbar. Als er Magistra Vasileos erwähnte, regte sich etwas Hoffnungsvolles in ihr. Olesia hatte nach ihr gefragt. Natürlich hatte sie das. Immerhin war Theia auf ihren Wunsch hin mitgeschickt worden. Sicher würde sie wissen wollen, ob ihre Schülerin den Anforderungen gewachsen gewesen war, welche Schwierigkeiten sich ergeben hatten und wie sie damit umgegangen war. Theia nickte.
„Ich werde sie aufsuchen“, versprach sie. „Sobald es mir möglich ist.“
Und vielleicht, dachte sie dann noch, würde sie ihrer Lehrmeisterin dann auch erzählen können, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Magistra Vasileos würde vielleicht Rat wissen, würde ihr vielleicht erklären können, weshalb eine Flamme auf ihr Gebet geantwortet hatte, obwohl Theia doch niemals gelernt hatte, Feuer zu befehligen.
Vikrams Arbeitszimmer empfing sie mit einer Vertrautheit, die Theias Kehle zuschnürte. Es roch nach Holz, nach Papier und Tinte, nach dem schwachen Rauch des Kamins. Die dicken Wandvertäfelungen schimmerten im warmen Licht und über den Boden tanzten jene kleinen, unregelmäßigen Schatten, die das Feuer zwischen den Möbeln umherhuschen ließ. Da standen die Bücherregale, die sie schon als Kind ehrfürchtig betrachtet hatte, die beiden Sessel, in denen sie so oft gesessen und ihrem Ziehvater von ihren Fortschritten berichtet hatte. Und natürlich der Schreibtisch. Theia betrachtete das massive Mobiliar einen Augenblick lang, wirkte dabei vollkommen gedankenverloren. Die Schriftstücke lagen in verstreuter Unordnung darauf, einige Bögen hatte man achtlos übereinandergeschoben, andere seitlich unter einem Buch hervorgezogen, und unmittelbar daneben stand das offene Tintenfass. Offen. Schon wieder. Theia blinzelte, bevor sie langsam an den Tisch herantrat, um das kleine Fässchen zu verschließen. Eine Bewegung, so selbstverständlich, so tief in ihren Alltag gehörend, dass sie erst begriff, was sie getan hatte, als der Deckel bereits festsaß. Wie oft sie ihren Ziehvater in all den Jahren wohl daran erinnert hatte, seine Schreibutensilien ordentlich wegzuräumen? Theia ließ die Finger einen Augenblick auf dem Deckel ruhen, dann jedoch glitt ihre Hand zurück an ihre Seite. Denn draußen, irgendwo unter diesen vertrauten Mauern, saß Rhaev in einem Kerker. Und sie hatte ihn dorthin gebracht. Hinter ihr hatte Vikram in einem der Sessel Platz genommen. Sie spürte seinen Blick, ohne sich sofort zu ihm umzudrehen. Natürlich bemerkte er etwas. Wie sollte er auch nicht? Vikram kannte sie seit Jahren. Er hatte sie aufwachsen sehen, hatte sie getröstet, gelobt und aufgerichtet, wann immer sie an ihren eigenen Erwartungen gescheitert war. Er wusste, wie sie aussah, wenn sie sich über eine gelungene Lektion freute. Wusste, wann sie etwas beschäftigte, wann sie sich schämte, wann sie versuchte, eine Enttäuschung hinter höflicher Zurückhaltung zu verbergen ... Er würde gewiss erkennen, dass sie nicht bloß müde war. Theia betrachtete die Schriftstücke auf seinem Tisch. Was sollte sie sagen? Wo sollte sie anfangen? Ganz am Anfang? Im Keller? Bei jenem schrecklichen Augenblick, in dem sie den Gefangenen erkannt hatte? Bei seinen Worten über den Überfall, über Sarma, über Drachen und Feuer?
Vikram wusste, dass sie aus den Trümmern ihrer Kindheit gerettet worden war. Er kannte ihre Geschichte, kannte zumindest jene Teile davon, die sie damals selbst hatte in Worte fassen können. Aber ... sie hatte ihm nie ausführlich von den Wochen erzählt, die zwischen dem Überfall auf die Herberge und ihrer Ankunft im Kloster gelegen hatten. Nie von ihrer Rettung. Und wenn sie ihm jetzt davon erzählte ... Was würde das ändern? Was würde er darüber denken?
Sie konnte nicht einfach verschweigen, was geschehen war. Nicht, wenn es tatsächlich Lysanthors Wille gewesen war. Nicht, wenn sie etwas vollbracht hatte, das sie selbst nicht verstand und das möglicherweise von Bedeutung für Rhaevs weiteres Schicksal war. Vielleicht war es sogar ein Zeichen. Theia hob den Blick. Schließlich wandte sie sich um.
Vikram saß in seinem Sessel und betrachtete sie. Theia wusste nicht, was er aus ihrem Schweigen, aus ihren zögerlichen Bewegungen und ihrem offenbar wenig überzeugenden Lächeln herauslesen mochte. Doch sie konnte sich kaum vorstellen, dass es ihm entgangen war, wie unruhig sie sich verhielt. Also ging sie zu ihm hinüber.
„Der Gefangene war schwer verletzt, als wir ihn übernahmen. Sehr schwer. Er hatte viel Blut verloren, und einige seiner Wunden waren bereits entzündet. Ich habe versucht, ihn so gut wie möglich zu versorgen, aber ...“ Sie stockte. „Aber zunächst konnte ich nicht viel mehr tun, als die Blutungen zu stillen, seine Verletzungen zu reinigen und ihn gegen das Fieber zu behandeln.“ Das war wahr. Vollkommen wahr. „Bruder Calven war darüber nicht besonders erfreut“, fügte sie leise hinzu. „Er hat mich gefragt, weshalb ich nicht einfach meine Magie einsetze.“ Bei der Erinnerung senkte sie kurz die Augen. Dieses Kind kann nichts. „Ich habe es versucht“, sagte sie schließlich. „Anfangs. Aber ich konnte mich nicht ausreichend konzentrieren.“ Wieder eine Pause. Theia atmete tief ein. „Später jedoch ... in der Nacht, während des Gewitters ... habe ich es noch einmal versucht.“ Sie suchte nach den richtigen Worten. Wie erklärte man etwas, für das man selbst keine Erklärung hatte? „Wir mussten den Keller verlassen, weil er während des Unwetters voll Wasser lief. Die Ritter brachten den Gefangenen nach oben, in die Ruine. Er hatte noch immer Fieber und ... und ich wollte wenigstens versuchen ... Ich habe Lysanthor um Beistand gebeten. Habe versucht, sein Licht, seine Wärme zu sammeln, so, wie Magistra Vasileos es mich gelehrt hat, und in seine Verletzungen zu lenken. Zunächst geschah nichts, doch dann ..." Theia schüttelte kaum merklich den Kopf, dann aber hob sie den Blick zu Vikram. In ihrem Gesicht lag nun etwas beinahe Flehentliches. „Ich habe Feuermagie gewirkt. Keine Lichtmagie, es ... Es war kein gewöhnlicher Heilzauber.“ Theia schluckte. „Ich hatte Angst. Zunächst dachte ich, ich würde ihm schaden. Er hatte Schmerzen, als es geschah, aber ich ... ich wusste nicht, ob ich aufhören durfte. Ich hatte diese Magie nicht vollständig unter Kontrolle, Vater. Jedenfalls nicht so, wie ich es gewohnt bin.“ Einen Augenblick lang schwieg sie, bevor sie ein kleines Stück näher trat, die Stimme nun zu einem Flüstern gesenkt. „Als es vorbei war, hatte ich kaum noch die Kraft, mich aufrecht zu halten. Meine Hände waren schwarz von Ruß, der Verband an seiner Seite ebenfalls. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber ... Ich habe ihn um Hilfe gebeten. Lysanthor, meine ich. Ich habe darum gebetet, dass er mich führt. Und dann ist das geschehen.“
Sie sah Vikram an, offen und unsicher zugleich, auf eine Weise, die sie sich vor Bruder Calven niemals erlaubt hätte.
„Meint Ihr ...“ Theia brach ab.
Die eigentliche Frage brannte ihr auf der Zunge.
Meint Ihr, dass Lysanthor will, dass dieser Dunkelelf am Leben bleibt?
Doch sie brachte es nicht fertig, sie auszusprechen.



