| Themis' Steckbrief |
Themis Tefrenet Tel-Tyvirr
Rasse:
Dunkelelfe
Alter:
112 Jahre
Geschlecht:
weiblich
Beruf:
Themis ist eine hochadelige Dame aus dem morgerianischen Haus Tel-Tyvirr. Als zweitgeborene Tochter eines matriarchalisch organisierten Adelsgeschlechts wurde sie nie primär für den direkten Herrschaftsanspruch erzogen, sondern für jene Bereiche, die ein altes Haus im Hintergrund zusammenhalten: Verwaltung, Korrespondenz, Sprachen, Vertragswesen und politische Repräsentation. Innerhalb ihres Hauses übernahm sie mit zunehmendem Alter auch Aufgaben im Bereich der Haushaltsführung und zeigte nach außen damit stets die pflichtbewusste Tochter aus gutem Hause, während sie im Verborgenen genau jene Position nutzte, um hier und dort kleine Verschiebungen vorzunehmen – um Strafen hinauszuzögern oder auch mal einzelne Diener und Sklaven dem Zugriff besonders grausamer Familienmitglieder und/oder Wachen zu entziehen.
Heimat:
Themis stammt aus Morgeria – der Name ihrer Familie besitzt dort noch immer viel Gewicht, doch hinter der ehrwürdigen Fassade bröckelt Einfluss, Besitz und politische Sicherheit zunehmend schon seit Jahren. Haus Tel-Tyvirr lebt vom Glanz vergangener Größe, sowie von dem verzweifelten Bemühen, eben jenen Glanz nicht gänzlich zu verlieren.
Gesinnung:
Themis besitzt einen ausgeprägt mitfühlenden Kern, doch sie lebt in einer Welt, in der offen zur Schau gestellte Güte ihr den Kopf kosten könnte. Sie folgt keinem strengen Ehrencodex und keiner naiven Vorstellung von moralischer Reinheit. Wenn nötig, lügt sie, fälscht Unterlagen, besticht Wachen, verschiebt Listen oder nutzt höfische Täuschung, um andere zu schützen. Ihr Ziel ist weder Ruhm noch Gerechtigkeit oder gar die Rettung der Welt. Sie möchte schlichtweg dort Leid verringern, wo sie es kann — selbst wenn sie dafür manchmal schmutzige, heimliche und moralisch nicht immer einwandfrei saubere Wege gehen muss. Ihre Gesinnung würde man demnach wohl bei neutral mit einem Hang zum Guten ansiedeln.
Magie:
Themis zeigt keinerlei magische Begabung.
Sprache:
Aus politischem Interesse wurde Themis nebst ihrer Muttersprache (Lerium) auch in Herendia unterrichtet, der Sprache der Nachtelfen. Da diese dem Lerium der Dunkelelfen in gewisser Weise durchaus verwandt ist, fiel ihr der Zugang dazu leichter als zu manch anderer Sprache. Nun beherrscht sie Herendia gewiss nicht mit derselben Selbstverständlichkeit wie Lerium, versteht jedoch genug, um einfache Texte, höfische Floskeln und grundlegende Gespräche einzuordnen.
In Garmisch, der gemeinen Sprache der Menschen, die in Morgeria häufig abwertend als Sklavensprache betrachtet wird, wurde sie darüber hinaus ebenfalls eingeführt. Themis spricht Garmisch deutlich besser, als es sich für eine dunkelelfische Adelige ihres Standes eigentlich gehören würde. Nicht vollkommen fließend, aber zumindest sicher genug, um einfachen Gesprächen zu folgen, knappe Unterhaltungen zu führen und Zwischentöne zu verstehen. Vor anderen Dunkelelfen verbirgt sie meist, wie gut sie diese Sprache tatsächlich beherrscht.
Ebenfalls bekannt sind ihr zudem einige Wortfetzen des Krzner – des rauen Gegrunzes der Orks. Wobei es sich hierbei sehr viel weniger um echtes Sprachvermögen handelt als um einzelne Befehle, Flüche und Warnlaute, die sie im Laufe der Jahre aus Dienstbotenfluren, Handelsgesprächen und Wachpostenunterhaltungen aufgeschnappt hat.
Religion/Glaube:
Themis verehrt vorrangig Manthala, die Göttin des Mondes und der Nacht. Sie ist die Hinterlistige, die Verschlagene, die dreiste Händlerin — eine Göttin, die nicht mit strahlender Güte lockt, sondern mit Geheimnissen, verborgenen Wegen und dem Versprechen, dass man nicht immer um jede Wahrheit wissen muss. Für Themis ist Manthala keine sanfte Trostgöttin; sie betet nicht zu ihr, weil sie sich Rettung erhofft, sondern deshalb, weil sie etwas in ihrem Antlitz erkennt, das zu ihrem eigenen Überleben passt. Verschleierung. List. Stille Abmachungen, nächtliche Wege und die Macht kleiner Lügen. Themis' Verehrung fällt dementsprechend zurückhaltend und persönlich aus. Keine lauten Gelübde, kein fanatischer Eifer, eher kleine Rituale – ein Blick zum Mond, ein geflüstertes Gebet in dunklen Stunden, der Duft dunkler Rosen, den sie für sich selbst wie ein Zeichen deutet. Themis weiß, dass Manthala hinter ihrer Schönheit große Tücke verbirgt, doch vielleicht liegt gerade darin der Grund, weshalb sie ihr vertraut. Eine ehrliche Göttin der Hinterlist ist ihr lieber als eine Welt, die grausam ist, sich selbst aber für gerecht hält.
Aussehen:
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Stets tadellos genug hergerichtet, damit niemand auf die Idee kommt, nach Rissen oder Ungereimtheiten zu suchen, nutzt Themis ihre Aufmachung tatsächlich wie eine Rüstung. Sie kleidet sich bevorzugt in dunkle, hochwertige Stoffe: Schwarz, Nachtblau, tiefes Violett oder dunkles Weinrot. Feine Silberstickereien, dezenter Schmuck und ein einzelner dunkler oder blutroter Edelstein nahe der Brust ergänzen ihre Kleidung. Ihre Haltung ist aufrecht, ihr Gang leise und gemessen. Themis bewegt sich mit der geschulten Eleganz einer Frau, die ihr ganzes Leben lang gelernt hat, gesehen und wahrgenommen zu werden. Sie kann kühl, abweisend, vielleicht sogar streng wirken. Nicht laut, nicht herrisch oder aufdringlich, aber schwer zu lesen. Sie lächelt selten offen, hält ihre Stimmung meist bedeckt. Ihre Hände ruhen oft gefaltet vor dem Körper, auf ihrem Schoß, an ihren Ärmeln, einem Ring oder nahe dem Verschluss ihres Gewandes. Sie wirkt wie jemand, der jedes Wort abwägt, jede Bewegung kontrolliert und selbst Erschöpfung noch in eine akzeptable Form zwingt. Gerade im höfischen Umfeld erscheint sie dadurch wie eine mustergültige Tochter ihres Hauses.
Kleine Eigenheiten zeigen sich nur, wenn man sie über einen längeren Zeitraum hinweg beachtet. Dann verrät ein genauerer Blick, dass diese Makellosigkeit nicht nur Erziehung, sondern Schutz ist. Unaufmerksamen, schlampigen Beobachtern mag entgehen, wie selten Themis wirklich entspannt die Schultern senkt. Wie ihr Blick in fremden Räumen nach möglichen Ausgängen sucht. Wie sie bei lauten Stimmen nicht sichtbar zusammenzuckt, aber doch einen Atemzug lang zu lange einfriert. Wie ihre Finger manchmal Stofffalten glätten, obwohl längst keine Falte mehr sichtbar ist. Wie sie auf unvorbereitete Berührungen stets etwas zu kontrolliert reagiert, besonders wenn sie an Handgelenk, Schulter oder Nacken erfolgen. Themis berührt den Schmuck in ihrem Haar, wenn sie grübelt. Ordnet Gegenstände fast immer unbewusst symmetrisch an, indem sie Schreibfedern verschiebt, damit sie parallel liegen, oder Tassen gerade richtet. In Momenten, in denen sie sich unbeobachtet vorkommt, manchmal auch nur in der Nähe ihrer schwarzen Katze Nedra, verändert sich ihre Haltung ebenfalls merklich: dann sinken ihre Schultern tatsächlich ein wenig ab, ihre Haltung wird weicher – und für einen Moment wirkt sie weniger wie eine Adelige und mehr wie eine Frau, die kaum jemals wirklich zu Atem kommt.
Persönlichkeit:
Themis wirkt nach außen hin wie eine Frau, die ihre Rolle verstanden hat. Ruhig, höflich, aufmerksam und beinahe unangreifbar beherrscht begegnet sie der Welt mit jener sorgfältigen Zurückhaltung, die man im morgerianischen Hochadel vermutlich als Tugend begreift. Sie spricht selten mehr als nötig, doch wenn sie spricht, wählt sie ihre Worte bewusst. Ihre Stimme bleibt hierbei meist leise, klar und gefasst; sie erhebt sie kaum, selbst dann nicht, wenn Ärger, Angst oder Widerwille in ihr aufsteigen. Wer Themis nur flüchtig begegnet, könnte sie für kühl, distanziert oder schlicht hervorragend erzogen halten. Tatsächlich versteht sie sich gut darauf, in höfischen Strukturen zu funktionieren. Sie kennt die Bedeutung von Etikette und Rang, von Schweigen und Andeutung. Sie weiß, wann ein Blick zu viel, eine Erwiderung gefährlich werden könnte und wann ein scheinbar gehorsames Nicken ihr mehr Spielraum verschafft als offener Widerspruch. Themis ist keine Frau, die Räume einnimmt. Sie beobachtet, hört zu, merkt sich Namen, Gewohnheiten, Schwächen und kleine Unachtsamkeiten. Ihre Intelligenz zeigt sich hierbei nicht in überheblicher Schärfe, sondern in Geduld. Sie lässt andere reden – und erfährt gerade dadurch oft mehr, als man ihr vermutlich freiwillig anvertrauen würde.
In Gesellschaft gibt sie sich pflichtbewusst. Maßvoll. Sie kann höflich plaudern, Gäste empfangen, Gespräche lenken und auch mal unangenehme Wahrheiten in schöne Worte kleiden. Dabei besitzt sie durchaus einen trockenen, feinen Sinn für Humor, der jedoch selten offen hervortritt. Manchmal zeigt er sich nur in einer etwas zu präzisen Bemerkung, einem kaum merklichen Heben der Braue oder einer Antwort, die höflich genug bleibt, um nicht beleidigend genannt werden zu können. Themis ist nicht unfreundlich, doch sie verschenkt Wärme nicht leichtfertig. Gerade deshalb kann sie auf andere schnell widersprüchlich wirken. Sie ist höfisch, aber nicht teilnehmend. Zurückhaltend, aber nicht feige. In einer Kultur, die Härte verehrt, hat Themis gelernt, ihre Sanftheit so tief zu verbergen, dass sie manchmal selbst nicht mehr weiß, ob sie überhaupt noch da ist. Gewalt ist ihr zuwider, auch wenn sie viel zu lange mit ihr gelebt hat, um von ihr überrascht zu werden. Sie erschrickt demnach nicht vor Grausamkeit, aber verachtet sie. Besonders abstoßend sind ihr jene, die sich an der Erniedrigung Schwächerer erfreuen oder Bedienstete, Sklaven und Abhängige behandeln, als seien sie Gegenstände.
Was Themis vor den meisten, manchmal auch vor sich selbst verbirgt, ist ein ungewöhnlich beharrliches Mitgefühl seit Kindheitstagen. Nicht das helle, naive Mitgefühl einer Idealistin, die glaubt, die Welt müsse gerettet werden. Themis weiß, wie Morgeria funktioniert. Sie weiß, dass Gnade gefährlich sein kann, dass jede Hilfe Spuren hinterlässt, dass auch nicht jeder Mensch gerettet werden kann, nur, weil man es sich wünscht. Gerade deshalb hat ihr Mitgefühl etwas Leises, Praktisches und manchmal beinahe Erschreckendes an sich. Themis verspricht keine Rettung, niemals. Dennoch verschiebt sie Strafe, legt Akten falsch ab, sorgt dafür, dass jemand in einen weniger gefährlichen Teil des Hauses versetzt wird. Für Themis besteht Güte nicht aus großen Gesten, sondern oft nur aus winzigen Eingriffen zur richtigen Zeit. Und dennoch: Themis trägt Schuld lange mit sich herum, auch dann, wenn sie objektiv kaum mehr hätte tun können. Sie denkt an jene, denen sie nicht geholfen hat, sehr viel länger sogar als an jene, denen sie helfen konnte.
In vertrauteren Momenten können kleine, liebenswerte Eigenheiten sichtbar werden. Themis hat eine Schwäche für alte Bücher, für Nachtblumen, schwarzen Tee, Mondlicht und Katzen. Insbesondere mit Kindern und kleinen Tierchen spricht Themis in einem Ton, den sie anderen Personen nur selten schenkt. Sie ordnet Dinge an, wenn sie nervös ist. Sie kann überraschend trocken kommentieren, wenn sie sich sicher genug fühlt, und besitzt eine stille Zärtlichkeit für alles, was in irgendeiner Form zerbrechlich und hilfsbedürftig erscheint. Themis ist damit keine offene Rebellin, keine strahlende Heldin. Nach außen bleibt sie eine dunkle Tochter Tel-Tyvirrs, eine Adelige mit makelloser Haltung und ruhiger Stimme. Darunter jedoch schlummert eine Frau, die zwar nicht jedem helfen kann, der es verdient hätte, aber trotzdem nicht aufhört, es zu versuchen.
Stärken:
Themis’ größte Stärken liegen in jenen Fähigkeiten begründet, die man ihr von Kindesbeinen an beigebracht hat, um aus ihr eine brauchbare Tochter des Hauses Tel-Tyvirr zu formen. Sie wurde schon früh streng unterrichtet, besitzt ein feines Gespür für die unsichtbaren Mechanismen von Rang und Namen. Sie versteht Verträge und Haushaltsbücher, kann Dienstpläne lesen, Besitzverhältnisse wie auch politische Formulierungen nicht nur oberflächlich begreifen, sondern ebenfalls erkennen, wo sich Absichten hinter Zeilen verbergen. Man mag ihr nie ein Schwert in die Hand gelegt haben, dafür jedoch kommt ihr ihre außergewöhnliche Selbstbeherrschung zugute. Themis ist daran gewöhnt, Mimik, Stimme und Haltung auch unter Druck zu kontrollieren. Sie wird selten laut, handelt selten überstürzt, zeigt selten Schmerz, Angst oder Wut. Diese Beherrschtheit macht sie schwer lesbar und erlaubt es ihr, auch in angespannten Situationen den Eindruck von Ruhe zu wahren. Gerade in höfischen Gesprächen und Verhandlungen kann sie dadurch länger beobachten, abwägen und auf den richtigen Moment warten, statt sich von unmittelbaren Gefühlen treiben zu lassen.
Eine weitere Stärke ist ihre ausgeprägte Beobachtungsgabe. Themis hört zu, merkt sich Namen, Gewohnheiten und wiederkehrende Muster. Sie achtet auf Zwischentöne, auf das, was nicht gesagt wird, auf Blicke zwischen Dienern, auf die Art, wie jemand reagiert. Dieses stille Sammeln von Eindrücken macht sie zu einer aufmerksamen Gesprächspartnerin. Auch ihre Sprachkenntnisse samt hervorragender Bildung gereichen ihr oft zum Vorteil. Themis ist nicht nur in der Sprache ihres eigenen Volkes sicher, sondern besitzt Kenntnisse über diese hinaus. Kenntnisse, die ihr helfen, fremde Kulturen, Andeutungen oder Gespräche einzuordnen. Besonders wertvoll ist dabei, dass sie unterschätzt werden kann: Eine dunkelelfische Adelige, die angeblich nur die Sprachen und Regeln ihres Standes kennt, hört vielleicht mehr, als andere ihr zutrauen würden. Dass sie diese Fähigkeiten nicht immer offen zeigt, macht sie umso brauchbarer.
Nicht zuletzt besitzt Themis auch eine leise, aber sehr beharrliche Form von Mut. Sie ist keine geborene Kämpferin, würde sich selbst vermutlich nie als tapfer bezeichnen. Doch sie hat bereits bewiesen, dass sie Risiken eingeht, wenn sie andere schützen will. Ihr Mut zeigt sich nicht in heroischen Auftritten, aber doch in der Bereitschaft, Gefahren auf sich zu nehmen, wenn dadurch jemand anderes eine bessere Chance erhält.
Schwächen:
Dort, wo ihre Stärken liegen, beginnen ihre größten Schwächen. Themis' Selbstbeherrschung, die sie nach außen so ruhig und schwer angreifbar wirken lässt, ist nicht nur Rüstung, sondern Fluch. Über viele Jahre hat Themis gelernt, jedes Gefühl zu ordnen, zu verbergen, zu ersticken, bevor es gegen sie verwendet werden kann. Dadurch wirkt sie zwar gefasst, selbst in Situationen, in denen andere längst die Fassung verlieren würden, doch ausgerechnet diese Ruhe kostet sie auch viel Kraft. Themis erlaubt sich nur selten, wirklich erschöpft, wütend, traurig oder verängstigt zu sein. Viel eher funktioniert sie weiter, bis der Moment vorüber ist — und bricht, wenn überhaupt, erst dann zusammen, wenn niemand mehr hinsieht.
Diese ständige Kontrolle macht sie unfassbar einsam. Themis ist daran gewöhnt, niemandem vollständig zu vertrauen und selbst freundliche Gesten zunächst auf mögliche Absichten zu prüfen. Nähe fällt ihr schwer, nicht weil sie keine Sehnsucht danach hätte, sondern weil sie zu gut weiß, wie gefährlich Vertrautheit werden kann. Wer Schwäche zeigt, macht sich angreifbar. Diese Überzeugung hat sich tief in ihr festgesetzt.
Auch die Gewalt, die Themis in Morgeria schon seit frühester Kindheit miterlebt, hinterlässt Spuren. Sie reagiert nicht offensichtlich empfindlich darauf; sie ist mit der Grausamkeit, den Strafen und der alltäglichen Entmenschlichung von Dienern und Sklaven viel zu gut vertraut, um noch von ihnen überrascht zu werden. Doch bestimmte Geräusche, Gerüche oder Gesten erreichen sie trotzdem: laute Stimmen, hastige Schritte über Steinböden, der Geruch von Blut oder heißem Metall, eine Hand, die ohne Vorwarnung nach ihr greift.
Berührungen lässt Themis nur ungern zu, insbesondere dann, wenn diese plötzlich, fordernd oder ohne vorherige Zustimmung geschehen. Körperliche Nähe bedeutete für sie zunächst Kontrollverlust; ein Griff an Handgelenk, Nacken, Schulter oder Kinn kann sie innerlich augenblicklich in Alarmbereitschaft versetzen und einfrieren lassen.
Eine weitere erwähnenswerte Schwäche ist ihr ausgeprägtes Schuldgefühl. Themis erinnert sich weniger an die Menschen, denen sie helfen konnte, als an jene, die sie zurücklassen musste. Sie weiß rational, dass sie nicht allen helfen kann, doch dieses Wissen lindert die Last kaum. Gerade Myrins ungewisses Schicksal begleitet sie wie eine offene Wunde: Themis hat alles riskiert, um sie aus Morgeria hinauszubringen, und weiß doch nicht, ob es gelungen ist. Diese Ungewissheit lässt sie anfällig für Zweifel, Selbstvorwürfe und gefährliche Entscheidungen werden. Wenn jemand in Not ist, fällt es ihr schwer, Abstand zu wahren — selbst dann, wenn Vorsicht klüger wäre.
Damit verbunden ist eine Risikobereitschaft, die Themis selbst vermutlich nicht als solche bezeichnen würde. Sie handelt nicht leichtsinnig aus Abenteuerlust heraus, sondern aus Verantwortungsgefühl. Insbesondere, wenn sie glaubt, jemanden schützen zu können, der dringend Hilfe benötigt, verschiebt sich ihr Maßstab dafür, was noch vernünftig ist. Eine gefälschte Liste mehr. Eine Lüge mehr. Ein heimlicher Gang mehr. Ein Gespräch mit der falschen Person mehr. Themis ist klug genug, Risiken zu erkennen, aber nicht immer bereit, sie zu vermeiden, wenn das bedeuten würde, jemanden sehenden Auges in sein Verderben laufen zu überlassen.
Auf der anderen Seite – kann auch ihre übertriebene Vorsicht zur Schwäche werden. Themis denkt in Umwegen, in Absicherungen, in möglichen Konsequenzen. Das kann sie in Situationen lähmen, in denen schnelles, offenes Handeln notwendig wäre. Sie wägt ab, beobachtet, wartet auf den günstigeren Moment — der möglicherweise niemals kommt. Offene Konfrontation liegt ihr nicht. Nicht, weil ihr Mut fehlen würde, sondern weil sie auf schmerzhafteste Weise gelernt hat, dass offener Widerstand in ihrer Welt selten belohnt wird. Wird sie also ihrer Sprache, ihrer Stellung oder ihrer inneren Vorbereitung beraubt, bleibt ihr oft nur noch das, was sie am meisten fürchtet: Ausgeliefertsein.
Am tragischsten ist hierbei vielleicht, dass Themis selbst Hilfe nur schwer annehmen kann. Sie erkennt die Not anderer schnell, die eigene erst spät. Vermutlich, würde ihr irgendwann einmal jemand aufrichtig zur Seite stehen wollen, würde sie zunächst mit Kälte, Misstrauen und Abstand reagieren. Großzügigkeit ohne Gegenleistung ist ihr fremd. Zuneigung ohne Besitzanspruch verdächtig. So bleibt Themis eine Frau, die Türen für andere öffnet, aber selbst nicht weiß, wohin. Ihre Schwächen machen sie verletzlich: einsam hinter ihrer Fassade, geprägt von Gewalt, gefangen zwischen Pflichtgefühl und Schuld — und vermutlich gerade deshalb bereit, für fremde Freiheit mehr zu riskieren, als für ihre eigene.
Das Haus Tel-Tyvirr:
Themis’ Leben wurde von Beginn an durch das Haus Tel-Tyvirr bestimmt. Ihre Familie war nicht nur Herkunft, sondern Gesetz und Käfig zugleich. Der Name öffnet Türen, zwingt sie aber auch in Rollen, aus denen sie sich bisher nicht befreien konnte. Innerhalb der Familie gilt Themis als brauchbar und tadellos erzogen — jedoch auch als Tochter, die nie ganz so hart, grausam oder unerschütterlich wurde, wie es das Haus vielleicht von ihr erwartet hätte.
Stammbaum:
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Schon früh lernte Themis, dass sie als Kind des Hauses Tel-Tyvirr niemals einfach Kind sein würde. Sie durfte nicht unbedacht lachen, nicht unkontrolliert weinen, nicht zu lange staunen. Durfte niemals zu offen ihre Gefühle zeigen – gar Mitgefühl empfinden. Gerade Letzteres fiel ihr schwerer, als irgendjemandem lieb war. Während ihre Geschwister und Cousinen schneller begriffen, welche Reaktionen in Morgeria erwartet wurden, blieb Themis auf eine Weise still und in sich gekehrt, die ihren Erziehern missfiel. Nicht, dass sie offen trotzig oder auch nur ungehorsam genug gewesen wäre, dass man sie einfach hätte brechen können. Sie war nur nicht ... hart genug, um als wirklich vielversprechend zu gelten. In ihr lag eine Abweichung, die sich schlecht benennen ließ: ein Art ... Zögern. Andere Kinder ihres Standes begriffen schnell, Grausamkeit als Sprache zu verstehen, genau so, wie es sein sollte: spöttische Grinser im richtigen Moment, interessiertes Hinsehen, die beiläufige Härte gegenüber jenen, die unter ihnen standen. Bei Themis hingegen war es ihre schweigsame Zurückhaltung, die ihre Familie misstrauisch machte — denn in Morgeria galt nicht nur offener Widerstand als gefährlich. Manchmal genügte schon der Verdacht, dass in einem Kind etwas heranreift, das man ihm längst hätte austreiben sollen. Und doch: Themis war kein rebellisches Kind. In vielen Teilen war sie durchaus lernwillig und aufmerksam. Etwas, das sie für ihre Erzieher und Hauslehrer schwerer greifbar machte, immerhin war sie nicht unbrauchbar, nicht aufsässig, nicht dumm. Im Gegenteil: Sie verstand schnell, erinnerte sich gut und fügte sich äußerlich beinahe jeder Erwartung, die an sie gerichtet wurde.
Das Heranwachsen in den großen, dunklen Hallen Tel-Tyvirrs hatte sich für Themis weniger wie Kindheit angefühlt als wie langsames Erfrieren. Wenn sie später an jene Jahre zurückdenken würde, würde sie sich vor allem an die Kälte erinnern. Nicht nur an die Kälte des schwarzen Steins unter ihren Füßen oder der Zugluft, die durch hohe Fenster und schmale Gänge pfiff, sondern an jene Kälte, die in allem anderen lag. In den Stimmen, den Blicken, den Regeln. In der Art, wie Zuneigung höchstens als Belohnung für Gehorsam gewährt wurde. Das Anwesen ihrer Familie ist weitläufig, ehrwürdig und voller Geschichte, doch für das Kind, das Themis damals gewesen war, hatte es sich oft grenzenlos leer angefühlt. Zu viele Schatten, zu viele Türen, hinter denen Stimmen miteinander sprachen. Zu viele Nächte, in denen sie wachgelegen und in die Finsternis über ihrem Bett gestarrt hatte, während irgendwo im Haus leise Schritte über Stein verhallt waren. Am deutlichsten erinnert sie sich an jene Stimme ihrer Tante Velyra. Schneidend scharf und so beherrscht, dass selbst ihr Zorn selten laut werden musste, um weh zu tun. Velyra hatte nie daran geglaubt, dass Kinder von selbst zu brauchbaren Mitgliedern des Hauses heranwachsen konnten. Man musste sie formen. Korrigieren. Brechen, wo sie sich falsch bogen, schleifen, bis jede unnütze Weichheit verschwand. Und in Themis – in Themis hatte Velyra etwas gesehen, das sie nicht dulden konnte: Nachgiebigkeit, Mitleid, Erschrecken vor Schmerz. Also machte sie es sich zur Aufgabe, all diese Regungen aus ihr herauszuschneiden, Schicht für Schicht, mit Worten, Strafen, Demütigungen und endlosen Lektionen in Haltung und Disziplin. Jedes Zögern wurde fortan bemerkt. Jeder falsch gesenkte Blick korrigiert. Zitternde Hände mit Rohrstockschlägen getadelt, bis Themis lernte, still zu halten. Tränen galten als Versagen. Angst als Unwürdigkeit.
Velyra selbst hätte es vermutlich Fürsorge genannt. Sie sorgte dafür, dass Themis lernte, gerade zu stehen, selbst wenn sie müde war. Zu antworten, auch wenn ihr der Hals eng wurde. Hinzusehen, wenn sie wegsehen wollte. Jede Lektion hatte denselben unausgesprochenen Kern: Themis durfte nicht schwächeln, niemals sichtbar. Nein, niemals hätte Velyra zugelassen, dass ausgerechnet ein Kind dem Haus zur Schwachstelle wurde. Wenn Themis also schon nicht von Natur aus hart genug war, dann würde man ihr besagte Härte eben beibringen — oder wenigstens eine Fassade an ihr hochziehen, die überzeugend genug war, um niemanden mehr nach dem fragen zu lassen, was darunter lag.
Und dennoch gelang es Themis nicht, Dienerschaft und Haussklaven Tel-Tyvirrs so zu betrachten, wie man es von ihr erwartete. Für ihre Familie waren sie Besitz. Sie waren arbeitende Hände und Rücken, die sich beugten. Irgendwelche Namen und Nummern auf Listen, die man nach Belieben verschieben, verkaufen, bestrafen oder ausradieren konnte. Für Themis aber blieben sie Personen. Menschen, Mischlinge. Wesen, die Vergangenheiten und Lebensgeschichten zu verzeichnen hatten, auch wenn niemand danach fragte; mit Ängsten, die sie in gesenkten Blicken versteckten, mit Hoffnungen, die sie nicht auszusprechen gewagt hätten. Mit kleinen Eigenheiten, an denen Themis sich gegen ihren Willen festhielt. Sie bemerkte, ohne es zu wollen, welche Diener bei Gewitter Angst hatten, welche Magd heimlich ein Stück Brot für jemand Jüngeren zurücklegte, welcher Haussklave nach den Namen seiner Kinder fragte, nur geflüstert, weil er herauszufinden versuchte, was mit ihnen geschehen war. Und vielleicht war genau das ihr unverzeihlichster Fehler: dass sie nicht aufhören konnte, hinzuhören, hinzusehen.
Zu ihren Schwestern blieb Themis’ Verhältnis allein dadurch von Beginn an schwierig. Saelith, die Älteste, war weniger grausam als pflichtbewusst, doch sie verkörperte jene Härte, die man einer Erbin Tel-Tyvirrs abverlangte, und begegnete Themis deshalb oft genug mit einer Mischung aus Ungeduld, distanzierter Sorge und kaum verhohlenem Unverständnis. Saelith verstand vermutlich nicht, weshalb Themis sich an Dingen wundrieb, die Morgeria schlicht in Ordnung hielten. Themis wiederum konnte nie ganz entscheiden, ob sie ihre ältere Schwester für ihre Härte fürchtete oder schlichtweg nur dafür bemitleidete, dass diese jene Härte als Tugend verstand. Aneira dagegen sollte für Themis zur schmerzhaften Erfahrung werden. Ihre jüngere Schwester lernte früh, Schwächen zu erkennen, Personen gegeneinander auszuspielen und Grausamkeit nicht nur als Werkzeug, sondern als regelrechte Kunstform zu begreifen. Aneira konnte durchaus charmant sein, lebhaft, sogar liebenswürdig, solange es ihr nützte — gerade diese Leichtigkeit jedoch machte ihre Skrupellosigkeit umso beunruhigender. Themis würde sie verachten für das, was sie anderen antat, doch irgendwo unter Abscheu und Misstrauen lag auch noch die Erinnerung an ein jüngeres Kind, das in denselben Hallen aufgewachsen war wie sie selbst. Vielleicht war das der grausamste Teil daran; dass Aneira nicht das Produkt morgerianischer Bosheit war, sondern in erster Linie das, was ihr eigenes Haus aus ihr geformt hatte.
Er beschädigte etwas in ihr, der Moment jener ersten Auspeitschung, der Velyra sie als Kind hatte beiwohnen lassen. Themis weiß heutzutage nicht mehr, welches Vergehen man dem Bestraften vorgeworfen hatte; ob es Diebstahl gewesen war oder Ungehorsam, vielleicht auch nur irgendeine Unachtsamkeit, ein Wort zur falschen Zeit. In ihrer Erinnerung blieb vor allem der Körper übrig, der Anblick des in Fetzen gerissenen Rückens. Das Geräusch des Leders. Das Surren der Peitsche. Das unterdrückte Stöhnen, das irgendwann brach. Die schluchzenden Schreie und der metallische Geruch von Blut, der sich mit kaltem Stein und feuchter Luft vermischte. Velyras Stimme neben ihr, kühl und gnadenlos, die ihr die Notwendigkeit von Ordnung erklärte. Themis hatte nicht weggesehen. Sie hatte es nicht gewagt. Aber etwas in ihr war damals gestorben, augenblicklich verkümmert, hatte sich unter dem Anblick eisern zusammengekrampft, schmerzhaft fest und nie wieder ganz gelöst. Noch Jahre später fand sich Themis in Nächten wieder, in denen sie aus dem Schlaf schreckte, die eiskalten Finger in die Decke gekrallt, das Echo eines Peitschenhiebs im Ohr und das entsetzliche Wissen im Herzen, dass diese Dinge wieder und wieder und wieder passieren würden. So, wie sie schon immer passiert waren. So, wie sie immer passieren würden.
Wirkliche Freundschaften außerhalb des Hauses blieben selten. Die Töchter Tel-Tyvirrs wurden nicht völlig isoliert aufgezogen; dazu war ein adeliger Name wie der ihre zu sehr auf Netzwerke, Verpflichtungen und Beobachtung angewiesen. Es gab Besuche anderer Häuser, Empfänge, Unterrichtseinheiten mit ausgewählten Töchtern und Söhnen verbündeter oder abhängiger Familien, flüchtige Bekanntschaften mit Cousinen, Cousins und jungen Adeligen, deren Lächeln ebenso sorgfältig erzogen war wie Themis’ eigenes. Doch nichts davon war je wirklich frei von Berechnung. Schon unter Kindern wurde verglichen, gewertet, geprüft: Wer zeigte zu viel Schwäche? Wer versprach Schönheit, Einfluss, Nützlichkeit? Wer war eine mögliche Verbündete, wer ein späteres Hindernis? Themis lernte in diesen Begegnungen früh, höflich zu sein, ohne vertraulich zu werden. Es gab Mädchen, mit denen sie Bücher teilte, Stickereien verglich oder auch mal während langer Empfänge nebeneinander saß, doch echte Nähe entstand daraus kaum. Zu deutlich spürte sie, dass jedes Wort weitergetragen werden konnte. Auch ihre Cousins und Cousinen waren weniger Spielgefährtinnen als Spiegel möglicher Erwartungen: manche schon jetzt hart und ehrgeizig, andere gebrochen höflich, beinahe verschüchtern, wieder andere so grausam verspielt, dass Themis sich in ihrer Nähe besonders still verhielt. Selbst Begegnungen mit möglichen Heiratskandidaten begannen früh, wenn auch zunächst kaum offen ausgesprochen. Ein Tanz, ein gemeinsames Mahl, ein höfischer Austausch zwischen Familien — selten wurde Themis gesagt, um was es bei einem Treffen ging. Sie verstand es trotzdem. Heiratspläne hatte es für die Töchter Tel-Tyvirrs so gesehen nicht erst gegeben, seit das Haus sichtbar ins Wanken geraten war. In alten morgerianischen Adelsgeschlechtern wurden solche Möglichkeiten freilich früh mitgedacht, verglichen, verworfen und wieder aufgenommen. Namen wurden in Gesprächen erwähnt, Bündnisse angedeutet, Blutlinien geprüft, Schulden und Vorteile gegeneinander abgewogen. Lange jedoch blieb vieles davon im Bereich höfischer Möglichkeiten. Saeliths Ehe musste sorgfältig gewählt werden, weil sie als Erbin die Zukunft des Hauses verkörperte. Themis als zweite Tochter hingegen war politisch ... flexibler einsetzbar, doch gerade deshalb würde man sie auch zurückhalten, bis ihr größter Nutzen eindeutig berechnet werden konnte.
Myrin kam zunächst nur als weiterer Name in dieses Haus. Eine junge Mischlingselfe unbekannter Herkunft, ein Kriegsgeschenk, rechtlos, entwurzelt, offiziell kaum mehr als billiger Besitz. Sie wurde Themis als persönliche Kammerzofe zugeteilt — eine Entscheidung, die vermutlich niemandem besonders bedeutsam erschien. Myrin war jung, vorsichtig und still genug, um als geeignet zu gelten. Für Themis bedeutete ihre Anwesenheit anfangs vor allem Unsicherheit. Sie wusste nicht, ob Myrin sie fürchtete, ob die junge Elfe sie verachtete oder nur als weitere Herrin betrachtete, der man besser nicht zu nahe kam. Myrin wiederum wusste sehr genau, dass Adelstöchter gefährlich waren. Die Annäherung geschah ... langsam. Zaghaft. Zunächst bestand sie nur aus alltäglichen Handgriffen: Haar bürsten, Gewänder richten, Schmuck ordnen, Wasser bringen, Kerzen löschen. Myrin sprach wenig, Themis noch weniger. Doch gerade in dieser Stille entstand nach und nach etwas, das sich keine von beiden sofort einzugestehen wagte. Kleine Gesten begannen Bedeutung zu tragen. Sei es ein Becher Wasser, der wortlos nähergeschoben wurde oder auch nur die Decke, die Myrin ihrer Herrin umkommentiert über die Schultern legte. Mit der Zeit wurden aus diesen Gesten erste Gespräche. Kurze, vorsichtige Sätze. Dann längere Nächte, in denen Myrin Themis das Haar flocht und beide miteinander sprachen, so leise, als könnten dem Gemäuer Ohren wachsen. Myrin wurde die erste Person, vor der Themis ihre Fassade nicht vollständig halten konnte. Sie sah die Müdigkeit in ihr, die Angst, den Zorn, die Scham — all jene Dinge, die Themis vor ihrer Familie sorgfältig vergrub. Und Themis sah in Myrin nicht nur eine Dienerin, nicht nur eine Sklavin, nicht nur jemanden, der ihr zugeteilt worden war. Sie sah eine Freundin in ihr. Vielleicht das erste Wesen, das ihr zeigte, dass Vertrautheit und Nähe sich ... schön anfühlen konnten. Doch je tiefer ihre Freundschaft zu Myrin wurde, desto deutlicher erkannte Themis auch, wie gefährlich diese Verbindung eigentlich war. Myrin lebte in einem Haus, in dem ein Gekritzel auf einer Liste über Leben und Tod entscheiden konnte. Sie war jung und schön, verfügbar und rechtlos. Jeder Tageslauf, jeder Befehl, jede Laune eines Familienmitglieds konnte sie in eine Lage bringen, aus der Themis sie nicht mehr herausverhandeln konnte. Anfangs versuchte Themis, die Gefahr durch Aufmerksamkeit zu verringern. Sie hielt Myrin in ihrer Nähe, änderte kleine Abläufe, sorgte dafür, dass sie bestimmten Personen nicht allein begegnete. Aber je älter Themis wurde, desto klarer begriff sie, dass die Nähe zur ihr keinen Schutz darstellte. Nicht in Morgeria. Nicht im Haus Tel-Tyvirr.
Der Entschluss, nach einem Ausweg zu suchen, kam nicht als große, heldenhafte Eingebung. Er wuchs leise in Themis heran, aus Angst und Schlaflosigkeit und der immer quälenderen Erkenntnis, dass sie Myrin innerhalb dieser Mauern vielleicht nicht würde helfen können, wenn es so weit wäre. Zunächst behielt Themis den Gedanken für sich. Sie prüfte ihre Ideen, hörte Gesprächen zu, in denen sie offiziell nichts zu suchen hatte, sammelte Möglichkeiten, verwarf sie wieder, begann von Neuem. Vielleicht war ein Teil von ihr überzeugt, Myrin erst dann einweihen zu dürfen, wenn der Plan sicher genug war, um kein bloßes grausames Versprechen zu sein. Doch schließlich, als Themis Myrin schließlich in einer Nacht davon erzählte ... brannte sich ausgerechnet dieses Gespräch tiefer ein in ihr Gedächtnis, als jeder Unterricht Velyras es seinerseits getan hatte. Sie hatte sich vorgestellt, Myrin würde hoffen. Vielleicht weinen, vielleicht zittern, aber am Ende würde sie verstehen, würde sie sich freuen. Stattdessen sah sie blankes Entsetzen auf dem Gesicht ihrer Freundin. Aus dem Flüstern wurde ein heftiger Streit, so leise geführt, wie zwei Personen eben streiten müssen, die nicht gehört werden dürfen. Myrin weinte. Sie warf Themis vor, wahnsinnig zu sein, grausam, selbstherrlich sogar, weil sie glaubte, nun ebenfalls über Myrins Schicksal entscheiden zu können. Themis blieb zunächst ruhig, dann verzweifelt, dann beinahe hart. Nicht aus Kälte heraus, sondern weil sie wusste, dass sie nachgeben würde, wenn sie sich von Myrins Angst berühren ließ. Aber sie ließ nicht ab. Myrin widersprach, weinte, schwieg, bevor sie wieder zu widersprechen begann. Erst irgendwann, nach Stunden, gab sie klein bei. Nicht, weil sie keine Angst mehr hatte. Sondern weil Themis Recht hatte. Sie würde sterben, wenn sie blieb. Nicht vielleicht, nicht möglicherweise, sondern unausweichlich auf die eine oder andere Art und Weise. Früher oder später würde Morgeria sie brechen, seelisch oder körperlich oder sowohl als auch. Themis wusste das. Myrin auch.
Die Durchführung des Plans verlangte in den darauffolgenden Wochen alles von Themis ab, was ihre Erziehung ihr beigebracht hatte. Sie fälschte Dienst- und Transportlisten, veränderte Einträge in den Haushaltsbüchern, bestach einen Wachposten, dessen Schulden sie kannte, und nutzte einen Händler, der mehr an Münzen als an Fragen interessiert war. Sie inszenierte Myrins Tod nicht groß und dramatisch. Ein Unglück. Ein Verlust. Unfälle passierten tagtäglich. Dann ein Name, der aus den aktiven Listen gestrichen wurde. Keine Leiche, keine große Suche, nur genügend plausible Unordnung, um in einem Haus voller größerer Probleme nicht sofort Verdacht zu erregen. Themis brachte Myrin bis an die Grenze dessen, was sie kontrollieren konnte. Danach blieb nur Ungewissheit.
Die Jahre nach Myrins Flucht waren für Themis von Schuld geprägt, von Angst und Trauer und Verlust. Nach außen funktionierte sie weiter. Sie erfüllte ihre Aufgaben, lernte, verwaltete, schrieb Briefe, empfing Gäste, ließ sich von Velyra korrigieren, von Saelith prüfen und von Aneira belächeln. Innerlich jedoch kreiste sie wieder und wieder um dieselben Fragen. Hatte Myrin überlebt? War sie gefasst worden? Hatte sie den falschen Personen vertraut? Hasste Myrin sie letztlich sogar dafür, sie in eine Freiheit gestoßen zu haben, die vielleicht nur eine andere Form von Gefängnis hätte werden sollen? Die Ungewissheit war schlimmer als jede Gewissheit hätte sein können. Themis hatte Myrin gerettet und zugleich verloren. Sie hatte ihr die Tür geöffnet, aber nicht sehen dürfen, wohin der Weg dahinter führte. Und diese Lücke, dieses Nichtwissen fraß an ihr. Themis begann, kontrollierender zu werden, noch nützlicher, noch makelloser. Sie stürzte sich in Verwaltungsaufgaben, in Korrespondenz, in Haushaltslisten und Finanzen, als könnten Zahlen und Namen die grausame Stimme in ihrem Inneren überdecken. Gleichzeitig fand sie gerade dort, in jenen Listen, etwas, das für sie weit mehr darstellte als bloße Ablenkung. Sie sah Namen, die bald verschwinden würden, wenn niemand eingriff. Und zum ersten Mal seit Myrins Flucht begriff Themis, dass sie Dinge tun konnte.
Sie begann erneut, vorsichtig und im Kleinen. Eine Strafe wurde verzögert. Ein Name versehentlich falsch übertragen. Eine Dienerin in einen weniger gefährlichen Haushaltsteil versetzt. Ein junger Sklave für eine Aufgabe eingeteilt, die ihn für einige Wochen außer Reichweite von seinen Peinigern brachte. Ein Eintrag unauffällig korrigiert. Ein Befehl missverstanden, aber auf eine Weise, die niemandem wichtig genug erschien, um nachzuforschen. Es waren keine großen Heldentaten. Oft nicht einmal echte Freiheit, die sie ihren Schützlingen schenken konnte. Manchmal war es nur ein Tag Aufschub oder auch nur ein weniger grausamer Herr, der die Strafe vollzog. Mit den Jahren entstand daraus ein kaum sichtbares Netz aus leisen Gefälligkeiten, kleinen Verschiebungen und gefährlichen Lügen. Themis wusste, dass sie nicht alle retten konnte. Sie wusste auch, dass der Versuch, es dennoch zu wollen, sie eines Tages zerstören würde. Es würde sie umbringen, früher oder später, würde sie den Kopf kosten. Themis weiß das, sie wusste es schon damals. Gleichzeitig aber begann sie zu jener Zeit zu begreifen, dass genau darin vielleicht der einzige Sinn lag, den sie ihrer Existenz abringen konnte.
Mit all dem schien Themis sich bereits abgefunden zu haben. Doch hinter den hohen Fassaden der dunklen Hallen und den sorgfältig gepflegten Stammbäumen ihrer Blutlinie bröckelte längst, was Generationen vor ihr aufgebaut hatten. Der Besitz ihres Hauses war belastet, Bündnisse waren ausgelaufen oder erkaltet, alte Schuldverhältnisse hatten sich zu Würgeschlingen zusammengezogen, und politische Fehlentscheidungen hatten Tel-Tyvirr in Abhängigkeiten getrieben, aus denen sich das Haus nicht mehr aus eigener Kraft befreien konnte. Themis’ Familie stand nicht vor einem plötzlichen Sturz, sondern vor etwas Schlimmerem: einem langsamen, würdelosen Ausbluten. So würden einstige Überlegungen nun also zu konkreten Verhandlungen führen müssen. Gewiss, nicht alle drei Schwestern würde man zwangsläufig im selben Moment verheiraten, doch ihre Körper und Namen würden spätestens jetzt mit deutlicher Dringlichkeit als politische Sicherheiten gehandelt werden. Saelith nimmt diese Aussicht vermutlich mit jener starren Pflichterfüllung hin, die man ihr beigebracht hatte — nicht frei von Bitterkeit, aber bereit, sich selbst als Preis für den Fortbestand des Hauses zu begreifen. Aneira dagegen würde eine baldige Verlobung weniger als Opfer sehen, als darin eine neue Gelegenheit für sich zu vermuten: ein neues Haus, neue Spielzeuge, neue Untergebene, die sich von ihr würden quälen lassen müssen. Themis auf der anderen Seite empfindet die Aussicht als drohenden Verlust von gleich zwei Dingen: ihrer eigenen verbliebenen Selbstbestimmung und ihres Zugangs zu jener Dienerschaft, die sie im Verborgenen zu schützen versuchte.Die Namen, die sie verschoben, die Strafen, die sie verzögert, all jene, die sie aus dem direkten Zugriff grausamer Hände gebracht hat — all das hängt an ihrer Stellung, ihrer Nähe zu den Listen, ihrem Zugang zu Türen, die ihr vielleicht bald verschlossen bleiben. So steht Themis am Beginn ihres Weges zwischen zwei drohenden Verlusten: dem eigenen Ausgeliefertsein und der Angst, jene zurücklassen zu müssen, für die sie Verantwortung übernommen hat.
Inventar:
- Siegelring des Hauses Tel-Tyvirr
- kleiner Münzbeutel
In ihrem Elternhaus wird Themis zumeist von einer schwarzen Hauskatze namens Nedra begleitet. Nedra ist kein magisches Wesen, sondern eine gewöhnliche Katze — wenn auch eine mit bemerkenswert sicherem Gespür dafür, welche Räume man besser meidet und welchen Personen man nicht zu nahe kommen sollte. Sie ist schlank, dunkel wie ein Schatten und bewegt sich mit jener selbstverständlichen Arroganz, die vermutlich allen Katzen eigen ist. Fremden gegenüber bleibt Nedra meist vorsichtig auf Abstand, während sie Themis mit stiller Selbstverständlichkeit folgt, sich in ihrer Nähe niederlässt oder nachts auf ihren Decken schläft. Für Themis ist Nedra weniger Besitz als Vertraute. Eben ein kleines, lebendiges Wesen, das kommt und geht, wie es will.
Einstiegspost:
Nachtblau und Rosenwein
















