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Theia Talfaern

Verfasst: Mittwoch 15. Juli 2026, 09:44
von Theia Talfaern
Drittcharakter von Themis Tefrenet Tel-Tyvirr


Name:
Geboren wurde Theia Talfaern unter dem Namen Mara Auenruh – als Tochter einfacher, ländlicher Leute, deren kleiner Hof zugleich als bescheidene Herberge und Raststätte diente. Diesen Namen legte sie später ab. Zu sehr gehörte er dem Kind, das im Feuer zurückgeblieben war.

Rasse:
Theia ist eindeutig halbelfischer Abstammung (Mensch/Mischlingselfe), auch wenn ihre elfischen Züge eher zurückhaltend ausgeprägt erscheinen. Sie besitzt die feinere Gesichtsstruktur, sowie eine gewisse Fremdartigkeit anhand ihrer spitz zulaufenden Ohren, doch nichts an ihr wirkt übermäßig entrückt oder auffallend elfisch. Auf den ersten Blick könnte man sie beinahe für ein sehr zart geratenes Menschenmädchen halten — zumindest so lange, bis Licht auf ihre Augen fällt oder ihr Haar aus der geflochtenen Ordnung rutscht und die feinen Linien ihrer Ohrspitzen freigibt. Es mag kleinlich erscheinen, doch innerhalb einer Gemeinschaft, die „absolute Reinheit“ nicht nur als geistiges, sondern auch als blutliches Prinzip begreift, gilt die Tatsache, dass ihr genauer Blutstatus nicht lückenlos eruierbar bleibt, kein nebensächlicher Makel. Es fällt kein offen ausgesprochenes Urteil darüber, zeigt sich aber durchaus manchmal noch in Blicken, einem Zögern, misstrauischen Nachfragen und zu langem Schweigen. Vikram Talfaerns Einfluss schützt sie hierbei vor vielem – doch auch sein Name kann nicht verhindern, dass Theia schon früh lernen musste, sich immer eine Spur tadelloser, frommer, disziplinierter und nützlicher zu präsentieren.

Alter:
18 Jahre alt

Geschlecht:
weiblich

Beruf:
Theia befindet sich noch in der Ausbildung zur Klerikerin, wurde jedoch bereits für verschiedene kleinere Begleitdienste und Praxiseinsätze eingesetzt. Meist geschah dies im Umfeld der Bruderschaft des Lichts, insbesondere dort, wo ihre Kenntnisse in Heilung, Versorgung oder ritueller Unterstützung von Nutzen waren. Sie ist keine Paladin und wird auch nicht als kämpferische Ordensritterin ausgebildet, ihr Weg ist ein klerikaler: Gebete, Heilkunst und Lichtmagie, sowie die strenge geistige Schulung in den Lehren und Grundsätzen Lysanthors.

Heimat:
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Ein kleiner, ländlicher Hof mit angeschlossener Herberge im westlichen Grasland Celcias. Der Hof lag an einer kleineren Reise- und Handelsstrecke, nicht bedeutend genug, um auf jeder Karte verzeichnet zu sein, aber doch gut erreichbar und schnell zugänglich, sodass insbesondere Händler, andere Bauern, aber auch Boten, Pilger und müde Reisende dort gelegentlich Rast einlegten. Die Auenruhs boten einfache Mahlzeiten an, aber auch gemütliche Plätze am Feuer, Versorgung samt Stallräume für erschöpfte Tiere, sowie einfache Betten unter einem warmen Dach.

Gesinnung:
Theia möchte gut sein. Vielleicht ist das einer der wahrsten Sätze über sie. Sie glaubt an Ordnung, an Wahrheit, an Mut und Ehre und an die Verantwortung, für Schwächere einstehen zu müssen. Sie glaubt daran, dass Licht die Dunkelheit vertreiben kann und dass Gebete in schwierigen Zeiten Halt geben können. Doch Theias Verständnis von Gut und Böse ist nicht unbedingt ihr eigenes. Es wurde ihr beigebracht, in sie eingebrannt. Ihre Trauer um die ermordete Familie wurde von der Bruderschaft des Lichts in eine klare Richtung gelenkt – gegen das Dunkle, gegen das Verdorbene, gegen all jene Völker, deren Blut verunreinigt ist. Theia ist deshalb nicht grausam aus Freude an Grausamkeit heraus. Aber sie ist geprägt von Vorurteilen, die sie für die Wahrheit hält. Ihr Herz ist weicher als diese Lehre. Auch ihre Hände wollen heilen, wo ihr Kopf verurteilt. Gerade darin liegt ihr innerer Konflikt.

Magie:
Novizin der Lichtmagie (überdurchschnittlich). Sie beherrscht die Grundlagen lichtmagischer Anwendung bereits zuverlässig genug, um bei kleineren Aufträgen der Bruderschaft unterstützend eingesetzt zu werden. In ihren Kompetenzbereich fallen einfache Heilungen kleinerer Verletzungen, das Lindern leichter bis mittelstarker Schmerzen, das Wärmen erschöpfter Körper, sowie das Erschaffen oder Verstärken von Lichtquellen. Ihre Magie ist nicht imposant, strahlend oder kampfentscheidend. Sie verlangt viel innere Ordnung und wirkt in kleinen, konzentrierten Gesten – als warmes Licht unter ihren Händen, als goldener Schimmer über oberflächigen Wunden, als Lichtschein in finsteren Räumen. Je stärker dabei Gefühle in ihr wirken, desto unzuverlässiger kann ihre Magie reagieren. Besonders Panik, Zorn oder Zweifel bringen sie schnell aus dem Gleichgewicht. Im Umfeld der Bruderschaft wurde ihr stets vermittelt, dass Lichtmagie gedankliche Klarheit, seelische Reinheit, Disziplin und unerschütterlichen Glauben verlange — eine Lehre, die Theia tief verinnerlicht hat, die sie nun aber zunehmend auch hemmt in ihrer magischen Entwicklung.

Lehrmeister:
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Bruder Calven Orisant
Ein lysanthorischer Priester höheren Alters, streng, ruhig, gebildet und überzeugt davon, dass Barmherzigkeit nur dann wahrhaftig ist, wenn sie der göttlichen Ordnung dient. Er hat Theia sämtliche Gebete und die liturgischen Grundlagen ihres Dienstes gelehrt. Er lobt selten, tadelt oft und präzise und hält Zweifel für eine Tür, die in die Dunkelheit führt.

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Magistra Olesia Vasileos
Eine erfahrene Lichtmagierin im Dienst der Bruderschaft. Die Magistra ist in ihrem Wesen nüchtern, wachsam und nicht besonders sentimental. Sie erkennt Theias Talent, aber auch ihre verkrampfte Haltung dahinter, mit der sie sich oft selbst blockiert. Olesia lehrt sie, dass das innere Licht in einem nicht heller wird, nur weil man fester und störrischer zu Lysanthor betet. Anders als viele Priester spricht sie weniger von Reinheit und mehr von Führung, Maß und Verantwortung. Ob sie damit bereits selbst im leisen Widerspruch zur Bruderschaft steht, bleibt offen.
Geistlich wurde sie (und wird sie immer noch) durch einen Priester Lysanthors unterwiesen, der ihr Gebete, Liturgie und die Lehre von Licht, Wahrheit und Gerechtigkeit vermittelt. Die praktische Schulung ihrer Magie erhält sie zusätzlich durch eine Lichtmagierin im Dienst der Bruderschaft, welche ihr beibringt, Licht nicht nur als Symbol göttlichen Urteils, sondern auch als Werkzeug der Heilung und Bewahrung zu führen.

Sprache:
Garmisch (Muttersprache)

Religion/Glaube:
Theia fand nicht in einem großen, erhabenen Moment zu Lysanthor. Da war kein strahlendes Wunder, keine göttliche Erscheinung, kein blendendes Licht, das plötzlich vom Himmel herabfiel und ihr den Weg zeigte. Für sie begann der Glaube viel kleiner – mit einer Kerze. Als Mara nach dem Überfall auf den Hof ihrer Familie im Kloster zurückgelassen wurde, war sie ein verstörtes, übergebliebenes Kind, das kaum sprach und nachts schreiend aus dem Schlaf fuhr. Sie verstand nicht, warum sie lebte. Nicht wirklich. Alles, was sie wusste, war, dass ihre Familie tot war, ihr Zuhause niedergebrannt. Im Kloster begegnete sie Lysanthor somit zunächst nicht als Gott des ehrbaren Kampfes oder der brennenden Gerechtigkeit, sondern ... als Licht in der Dunkelheit. Die Ordensschwestern entzündeten Kerzen in den Abendstunden, wenn die Gänge kalt wurden und die Schatten länger. Sie sprachen leise Gebete, deren Worte Mara noch nicht verstand, aber deren Rhythmus sie beruhigte. Die Flammen waren klein, warm, beherrschbar. Lysanthor stand für Wahrheit. Für Mut. Für Ehre. Für Gerechtigkeit. Für Theia waren das keine abstrakten Begriffe. Sie brauchte sie, weil sie sonst an der Sinnlosigkeit ihrer Vergangenheit zerbrochen wäre. Wenn es Gerechtigkeit gab, dann waren ihre Eltern nicht umsonst gestorben. Wenn es Wahrheit gab, dann würde das, was geschehen war, niemals in Vergessenheit geraten. Wenn es Licht gab, würde die Dunkelheit irgendwann weichen müssen.

Aussehen:
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Theia ist von zarter Gestalt, mit schmalen Schultern, feinen Händen und einem Gesicht, dem man jeder sturen Ernsthaftigkeit zum Trotz ansieht, wie unfassbar jung es in Wahrheit noch ist. Oft wirkt es, als habe man ein Mädchen viel zu früh in Rollen gesteckt, die eigentlich noch zu groß für es sind: die Robe einer Klerikerin, die Haltung einer Gläubigen, die Pflicht einer Dienerin des Lichts. Theia ist sehr schlank, ihr Äußeres noch von jener unaufdringlichen Körperlichkeit, die leicht übersehen werden könnte, wäre da nicht ihre auffallend helle, sonnenwarme Erscheinung. Das Haar hüftlang, glatt und goldblond, von einem angenehm weichen Ton, der im Licht fast honigfarben wirkt. Es fällt ihr weit über den Rücken, doch während ihrer Arbeit trägt sie es niemals offen. Dafür ist sie viel zu praktisch erzogen, viel zu streng mit sich selbst. Meist ist es sorgfältig geflochten, in einer langen schweren Flechte gebändigt oder im Nacken beziehungsweise am Hinterkopf festgesteckt. Dennoch lösen sich im Laufe eines langen Tages oft feine Strähnen daraus, besonders an den Schläfen oder im Nacken. Theia bemerkt das meistens erst spät — streicht es dann aber auch nur mit einer fast ungeduldigen Bewegung zurück, ohne sich großartig darum zu kümmern. Ihr Gesicht ist hell, jung, von feinen Sommersprossen über Nase und Wangen gezeichnet. Diese Sommersprossen nehmen ihrer Erscheinung etwas von der strengen Klerikalität, die sie sich so verbissen anzueignen versucht, lassen sie weicher, verletzlicher, aber auch ländlicher wirken, manchmal so, dass es wirkt, als würde unter Theia Talfaern noch immer Mara Auenruh hervorscheinen – das kleine Bauern- und Wirtshausmädchen, das damals noch barfuß über den Hof lief, mit Mehl an den Fingern und Heu im Haar. Ihre Augen sind von einem ungewöhnlich goldbraun, warm in ihrer Farbe, aber nicht immer im Ausdruck. Stattdessen ist Theias Blick aufmerksam, wach und oft ernster, als es zu ihrem noch jungen Alter passen will. Ihre restliche halbelfische Herkunft zeigt sich nur dezent. Die Ohren laufen leicht spitz zu, doch nicht auffällig genug, um sie sofort fremdartig wirken zu lassen.
Theia bewegt sich nicht mit jener Selbstsicherheit, die Menschen besitzen, die sich ihres Platzes in der Welt völlig gewiss sind. Ihre Bewegungen sind kontrolliert, aber eher sparsam. Sie steht gerade, hält die Hände oft vor dem Körper gefaltet. Dabei ist sie gar nicht wirklich schüchtern. Theia verschwindet nicht aus Angst vor Blicken und sie knickt auch nicht automatisch vor stärkeren Persönlichkeiten ein. Aber sie beansprucht dennoch keinen Raum, wenn man ihn ihr nicht ausdrücklich gibt. Das Schweigen, mit dem sie einen oft betrachtet, ist ebenfalls nicht leer, sondern aufmerksam. Manchmal wirkt es fast grimmig, weil sie beim Zuhören die Brauen leicht zusammenzieht und auch ihren Mund zu dieser strengen Linie zieht. Gerade jene Grimmigkeit ist es auch, in der der auffälligste Kontrast zu ihrem hellen Erscheinungsbild liegt. Theia sieht aus, als müsste sie von sanftem, sonnigen Gemüt sein, aber sie schaut nicht selten drein, als hätte ihr jemand in die Suppe gespuckt. Nicht offen feindselig, aber herb. Verschlossen. Angefressen. Wer sie nicht kennt, könnte sie für unfreundlich halten – das ist sie aber eigentlich nicht. Insbesondere in persönlichen Gesprächen, bei Lob, sanfter Zuwendung oder unerwarteter Freundlichkeit gerät ihre Strenge oft ins Wanken. Dann blitzt das Mädchen in ihr hervor: ein kurzer, irritierter Blick; eine Verlegenheit, die sie mit Sachlichkeit zu überspielen versucht, was beinahe komisch wirkt, weil sie so offensichtlich nicht weiß, wohin mit sich. Denn trotz ihrer Ausbildung, ihrer Ernsthaftigkeit und der Schwere ihrer Vergangenheit ist Theia dem Mädchen-Sein immer noch nicht ganz entwachsen. Das zeigt sich weniger in Albernheit als in kleinen Brüchen ihrer Selbstkontrolle. Sie kann erschreckend erwachsen wirken, doch wenn sie müde ist, wenn man sie überrascht, wenn Grim den Kopf in ihren Schoß schiebt oder auch Nioma ihr manchmal in den Ärmel schnobert, wird ihr Gesicht weicher. Dann sieht man plötzlich, wie jung sie ist. Wie wenig Zeit sie hatte, einfach nur Kind zu sein. Manchmal hängt ihr Blick an schönen Dingen fest, länger als sie zugeben würde: Sonnenlicht auf hellem Stein, rote Blumen am Wegesrand, ein hübscher, gut gearbeiteter Haarkamm, Kinder, die sorglos lachen. Theia erlaubt sich solche Blicke selten lange, und sobald sie merkt, dass sie geträumt hat, richtet sie sich wieder auf und wirkt verlegen, beinahe ertappt.
Ihre Grimmigkeit ist daher oft keine echte Härte, sondern einer gewissen Unbeholfenheit und auch dem Versuch, sich selbst zu schützen, geschuldet. Theia hat gelernt, dass eine gerade Haltung sie weniger angreifbar macht. Typisch sind für Theia deshalb auch kleine, kontrollierte Gesten. Gefaltete Hände. Ihr Daumen, der über ihre Knöchel streicht. Ein unbewusstes Berühren des Sonnensymbols an ihrer Kleidung oder auch das Ordnen gelöster Haarsträhnen. In ihrer klerikalen Kleidung bevorzugt Theia helle, schlichte Stoffe in Creme, Elfenbein, blassem Beige und Gold. Ihre Roben sind ordentlich, sauber, stets hochgeschlossen und bescheiden gehalten, mit zurückhaltenden Stickereien und kleinen, unauffälligen Sonnensymbolen Lysanthors verziert. Sie trägt nichts, das klirrt, funkelt oder unnötig Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wenn ihre Kleidung beschmückt wurde, dann lediglich im Dienst des Glaubens, nicht aus Eitelkeit heraus. Dennoch achtet sie sorgfältig auf ihr Erscheinungsbild. Unordnung wirkt unverzeihlich nachlässig für sie. Ein schiefer Gürtel, ein loser Saum, ein ungebundener Ärmel — all das muss gerichtet werden, sobald sie es bemerkt.

Persönlichkeit:
So still, ernst und pflichtbewusst Theia auch wirken mag, sie ist erst achtzehn Jahre alt. Dieser Umstand zeigt nicht nur in ihrem Alter, sondern in ihrem gesamten Wesen. Sie ist noch nicht fertig, noch nicht weise, auch wenn sie manchmal altklug klingen mag. Sie ist auch nicht unerschütterlich, selbst wenn sie sich allergrößte Mühe gibt, genau so zu wirken. Vieles an ihrer strengen Haltung ist weniger Reife als purer Selbstschutz. Theia möchte erwachsen, würdig und nützlich sein, sie möchte beweisen, dass Vikram sich nicht in ihr getäuscht hat, dass sie selbst - ihre Herkunft, ihr Blut, ihre grausame Vergangenheit - keine Schwäche sind, die es zu bereuen gilt. Dass sie den Namen Talfaern tragen darf. Gerade deshalb neigt Theia auch dazu, sich selbst zu korrigieren. Es lässt sich beobachten, zumindest gelegentlich, wie sie sich an ihren eigenen Gedanken stört und dann jene, die sie als besonders unpassend empfindet, innerlich zurückdrängt. Dann verhärtet sich ihr Blick, die Schultern richten sich, ihr Mund wird schmal. Theia führt kleine Kriege gegen sich selbst, beinahe ständig. Die meisten bleiben unsichtbar. Aber eben nicht alle.
Theia gehört somit sicherlich nicht zu jenen, die mühelos Wärme verbreiten, die Räume mit ihrer Gegenwart füllen oder Fremde durch rasches Lächeln für sich einnehmen. Ihre Art ist leiser, oft auch schwerer zugänglich. Sie ist zurückhaltend, prüfend und vorsichtig darin, wie viel sie von sich preisgibt. Anderen gegenüber tritt sie nicht offenherzig, sondern beobachtend auf. Ihre Antworten sind oft knapp gehalten, manchmal zu sachlich, gelegentlich sogar etwas schroff, besonders dann, wenn sie verunsichert wurde oder sich emotional berührt fühlt. Theia hat früh gelernt, dass sie Sicherheit in Haltung findet. Dabei fürchtet sie sich eigentlich nicht grundsätzlich davor, zu sprechen oder gesehen zu werden. Ebenso wenig liegt unter dieser Strenge ein kaltes Herz. Ganz im Gegenteil. Theia besitzt eine sehr ausgeprägte, beinahe instinktive Fürsorglichkeit — nur zeigt sie diese selten auf weiche, offensichtliche Art und Weise. Ihre Zuneigung sieht eher praktisch aus, ist manchmal unbeholfen, manchmal auch tadelnd und versteckt sich meist in sorgfältigen Handgriffen, scheinbar kleinen Gesten, sowie in dem Umstand, dass ihr gewisse Dinge einfach auffallen: wer schlecht schläft, wer sein linkes Bein schont, wer Tee mit Honig trinken möchte, weil er möglicherweise Halsschmerzen hat. Wer zu stolz ist, um nach Hilfe zu fragen. Personen, die Theia wichtig sind, werden somit vielleicht nicht immer übermäßig liebevoll von ihr behandelt, wohl aber stets sehr genau bemerkt.
Weiters ist Theias Persönlichkeit tief vom Glauben an Lysanthor geprägt. Für sie ist Religion keine bloße Weltanschauung, sondern Struktur, Halt und Überlebenshilfe. Nach dem gewaltsamen Verlust ihrer Familie bot der Glaube ihr eine Ordnung, in der ihr Schmerz nicht sinnlos bleiben musste. Lysanthor wurde ihr als Gott des Lichts, der Wahrheit, des Mutes und der Gerechtigkeit nahegebracht — und Theia klammerte sich an all das, an all diese Begriffe, weil sie ohne sie vermutlich an der der grausamen Unordnung ihres Schicksals zerbrochen wäre. Pflicht gibt ihr Sicherheit. Rituale geben ihr Halt. Klare Regeln beruhigen sie. Theia fühlt sich am sichersten, wenn sie weiß, was von ihr erwartet wird: wann sie beten soll, welche Worte bei einem Segen gesprochen werden, welche Reihenfolge eine Versorgung hat, wie ein Verband anzulegen ist. In solchen Momenten wirkt sie gefasst, konzentriert und ja, auch fast erwachsen. Doch dieselbe Ordnung, die ihr Halt gibt, engt sie auch ein. Theia wurde in einem Umfeld erzogen, welches gelegentliche Zweifel nicht als notwendigen Teil des Glaubens versteht, sondern als Schwäche, als beginnende Verunreinigung. Sie zeigt deshalb die Tendenz, innere Widersprüche zunächst gegen sich selbst zu richten. Wenn sie Mitleid empfindet, wo sie laut Lehre mit Verachtung reagieren sollte, sucht sie den Fehler zuerst bei sich. Wenn eine Frage in ihr aufkommt, prüft sie nicht das Gelernte, sondern zuerst ihren eigenen Gehorsam. Dadurch wirkt sie härter, als sie eigentlich ist — weil sie einerseits gelernt hat, ihrer eigenen Weichheit zu misstrauen, aber auch, weil sie andererseits bereits eine tiefe Verbitterung in sich trägt, auch wenn sie diese selten offen zeigt. Der Tod ihrer Familie ist keine abgeschlossene Erinnerung, sondern eine schlecht heilende Wunde, die unter ihrer Disziplin weiterarbeitet. Die Bruderschaft des Lichts lehrte Theia, dass bestimmte Völker, Glaubensrichtungen und Blutlinien nicht nur gefährlich, sondern grundsätzlich verdorben seien. Und weil Theias schlimmste Erfahrung tatsächlich mit Dunkelelfen und Orks verbunden ist, fiel diese Lehre auf fruchtbaren Boden. Die gepredigten Vorurteile sind nicht abstrakt, sondern emotional an ihre Vergangenheit geknüpft. Sie hängen an einem brennenden Hof, an ihren verlorenen Liebsten, an einem alten Namen, den sie abgelegt hat, weil es irgendwann zu sehr schmerzte, ihn zu tragen.
Das mag Theia nicht zu einer von Natur aus grausamen Person machen. Aber es macht sie dennoch gefährlich blind. Sie kann misstrauisch, hart und ungerecht urteilen, wenn diese alten Feindbilder in ihr berührt werden. Sie kann glauben, gerecht zu handeln, obwohl sie in Wahrheit nur das wiederholt, was grausame Männer und Frauen ihr beigebracht haben. Besonders tragisch daran ist, dass ihr Herz oft schneller Mitleid und Wärme empfindet als ihr Verstand es ihr erlaubt. Dann entsteht in ihr ein Kampf zwischen dem gelernten Urteil, dem gelernten Hass und dieser unmittelbaren menschlichen Wahrnehmung vor ihr. Theia ist nicht frei von Rassismus oder fanatischer Prägung. Im Gegenteil: genau diese Einflüsse gehören zu ihrem Ausgangspunkt.

Stärken:
Theia nimmt all ihre Pflichten ernst — manchmal sogar ernster, als gut für sie ist. Sie gehört nicht zu jenen, die ihre Aufgaben halbherzig erledigen oder Verantwortung leichtfertig abgeben würden, nur weil gerade niemand hinsieht. Wenn ihr etwas aufgetragen wird, versucht sie, es ordentlich, gewissenhaft und ohne Klagen zu erfüllen. Das zeigt sich nicht nur bei großen, bedeutsamen Aufträgen, sondern gerade in den kleinen Dingen: einem sauber angelegten Verband, ordentlich gefalteten Tüchern, gepflegtem Sattelzeug, rechtzeitig entzündeten Feuern oder auch einem Nachtlager, in dem für jedermann (und jederfrau) genügend Wasser bereitsteht. Für Theia beginnt ihr Dienst tatsächlich bereits dort, wo sie einfach nur darauf achtet, dass nichts Grundlegendes vergessen wird. In vielerlei Hinsicht gibt ihr Pflichtbewusstsein ihr Halt. Es macht sie zuverlässig, belastbar, macht sie selbst in gefährlichen, unsicheren Situationen nützlich. Notfalls kann sie sich an Aufgaben festhalten, um handlungsfähig bleiben. In gewisser Weise zeigt sich dadurch auch ihre besondere Standhaftigkeit. Dass sie nützlich bleibt, wenn sie Angst hat. Dass sie sich hinkniet und weiterarbeitet. Dass sie bei den Verletzten bleibt, obwohl Blut sie oft genug an alte Bilder erinnert und ihr Magen dabei eng wird. Ihre Hände zittern selten, wenn sie gebraucht werden. So kann sie Wunden betrachten, ohne sofort vor ihnen zurückzuweichen, kann Blut abwaschen, Verbände wechseln, Kräuter anreichen, Schmerzen lindern und selbst dann bei den Leidgeplagten ausharren, wenn andere durch deren Schmerzensschreie längst unruhig würden. Theia ist bei Weitem keine voll ausgebildete Heilerin oder meisterhafte Lichtmagierin, aber sie bringt etwas mit, das sich nicht allein aus Unterricht und Erfahrung lernen lässt: nämlich die Bereitschaft, bei Leid nicht wegzusehen. Vielleicht wird sie nicht viele tröstende Worte finden, doch sie bleibt. Sie setzt sich ans Krankenlager, zählt die Atemzüge, merkt, wann das Fieber wieder steigt. Sie achtet darauf, ob jemand aus Stolz Schmerzen verbirgt. In ihrer stillen, strengen, stets geordneten Art kann sie dadurch oft sogar mehr Trost spenden, als sie selbst begreift.
Besonders in klerikalen und heilenden Bereichen kommt Theia die sture Verbissenheit ihres eigenen Charakters oft zugute. Sie ist an Regeln, Wiederholungen und Selbstkontrolle gewöhnt. Sie steht früh auf, erfüllt ihre Pflichten, ordnet ihre Kleidung, kontrolliert ihre Ausrüstung und versucht, auch in langsamen und scheinbar unspektakulären Reisephasen nicht aus der Form zu geraten. Diese Disziplin macht sie in Ausbildung und Auftrag verlässlich. Davon abgesehen kann sie auch weitgehend problemlos auf Komfort verzichten, Hunger oder Müdigkeit eine Weile zurückstellen und sich auf Aufgaben konzentrieren, auch wenn sie innerlich unruhig ist. Sie arbeitet sorgfältig, wiederholt Übungen, nimmt jede Korrektur ernst und bemüht sich, ihre Lichtmagie (überdurchschnittlich) nicht von Launen oder Angst beherrschen zu lassen. Als Novizin beherrscht Theia hierbei vor allem einfache, unterstützende Anwendungen ihrer Gabe — Heilimpulse, Schmerzlinderung, wärmendes Leuchten —, befindet sich aber noch deutlich im Ausbildungsstand einer Lernenden.

Schwächen:
Vieles von dem, was sie stark macht, ist zugleich gefährlich nah dran an dem, was sie verletzt oder einschränkt. Theias größte Schwäche mag deshalb nicht in mangelnder Güte liegen, wohl aber in vielem von dem, was man ihr als Pflicht und Wahrheit beigebracht hat. Sie wuchs unter dem Einfluss stark rassistischer, fundamentalistischer Lehren auf. Bestimmte Völker, Blutlinien, Glaubensrichtungen und Wesen wurden ihr als dunkel, verdorben oder gefährlich vermittelt — und ihre eigene traumatische Vergangenheit machte es leicht, diese Deutungen anzunehmen. Sie kann deshalb ungerecht urteilen, besonders gegenüber Mischlingen, Dunkelelfen, Orks, Anhängern dunkler Gottheiten oder auch nur gegenüber jenen, die von der Bruderschaft als „verunreinigt“ betrachtet werden. Das macht Theia gerade zu Beginn nicht frei von Schuld. Sie mag ein gutes Herz besitzen, ja, aber ein gutes Herz wiegt leider keinen angelernten Hass auf – sie müsste erst lernen, ihrem Mitgefühl zu vertrauen. Woran sie ausgerechnet ihre eigene Abhängigkeit hindert, denn: Theia liebt und achtet Vikram. Er ist Ziehvater, Retterfigur, Lehrer und moralischer Bezugspunkt in einem. Gerade deshalb ist ihre Bindung an ihn auch so kompliziert aufgeladen. Sein Einfluss hat ihr Platz und Zugehörigkeit verschafft, hängt aber auch an ihm. Theia möchte ihn deshalb stolz machen, möchte beweisen, dass seine Entscheidung, sie aufzunehmen, richtig war. Sie betet für seine Rückkehr, sorgt sich um ihn, orientiert sich zu jeder Zeit stark an seinem Urteil. Das erschwert es ihr, ihn kritisch zu betrachten. Selbst wenn gelegentliche Zweifel an der Bruderschaft oder an bestimmten Lehren aufkommen, wird es für sie deutlich schwerer, all diese Zweifel auch auf Vikram zu beziehen. Ihn in Frage zu stellen hieße für Theia, ausgerechnet jenen Menschen in Frage zu stellen, der sie nach dem Verlust ihrer Familie zurück ins Leben geholt hat.
Vermutlich deshalb empfindet Theia Zweifel zunächst auch nicht als natürlichen Teil des Denkens, sondern als Gefahr. Man hat ihr beigebracht, dass Zweifel ein Einfallstor sein können: für Schwäche und Versuchung, für Dunkelheit oder auch moralischen Verfall. Entsprechend hart geht sie mit sich um, wenn Fragen in ihr aufkommen. Theia neigt dazu, ihre innere Konflikte nicht sofort zu prüfen, sondern zu unterdrücken. Wenn ihr Herz etwas anderes empfindet als das, was ihr Verstand erwartet, sucht sie die Schuld zuerst bei sich. Sie wird stiller, angespannter, wenn eine Situation nicht in die Ordnung passt, die man ihr beigebracht hat. Die Unfähigkeit, eigenständiges Denken als etwas Wertvolles zu begreifen, könnte sie noch lange daran hindern, notwendige Wahrheiten zu erkennen.
Weiters spricht Theia ungern über sich selbst. Was wie eine Tugend wirkt, macht sie oft einsam. Sie ist es gewohnt, ihr Innerstes einzig und allein Lysanthor offen darzulegen oder unerwünschte Gefühle notfalls auch mal über ihre Pflichten abzuarbeiten. Persönliche Gespräche fallen ihr somit schwer, besonders wenn sie sich dadurch verletzlich zeigen könnte. Wer Theia also nahekommen möchte, stößt oft zuerst auf kühle Förmlichkeit, knappe Antworten oder sachliche Ausweichbewegungen. Das bedeutet nicht, dass sie nichts fühlt. Eher fühlt sie zu viel und hat nur zu wenig Übung darin, es für sich zu ordnen und sicher auszusprechen. Generell erwartet sie zu viel von sich. Theia möchte ohne Fehler sein, möchte würdig sein, rein genug, nützlich genug, gläubig genug, dankbar genug. Sie möchte sich das Vertrauen ihres Umfelds verdienen, ihren Platz innerhalb der Bruderschaft rechtfertigen, möchte insbesondere beweisen, dass ihre Herkunft kein Makel ist. Diese innere Strenge treibt sie an, aber sie verletzt sich dadurch auch oft selbst. Theia verzeiht sich Fehler schlecht. Sie nimmt Kritik ernst, oft ernster, als sie möglicherweise gemeint war. Eine unbedachte Reaktion, ein zweifelnder Gedanke oder auch nur eine falsche Einschätzung ihrerseits können sie lange beschäftigen.
Davon abgesehen hat auch ihre Vergangenheit bleibende Spuren hinterlassen. Der Geruch von Rauch, brennendes Holz, Blut ... etwas derart Simples wie der eigentlich gemütliche Anblick eines Lagerfeuers könnte an manchen Abenden bereits reichen, um alte Erinnerungen in ihr wachzurufen. Theia würde das niemals offen zeigen, nicht freiwillig zumindest. In Wahrheit jedoch kann sie die Auswirkungen des Traumas oft weniger gut kontrollieren, als ihre äußere Haltung vermuten lässt. Reaktivierungen zeigen sich bei Theia selten laut. Sie ist kein Mensch, der vor anderen leiden möchte oder zusammenbricht, wenn sie es verhindern kann. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie zuerst stiller wird. Dass ihr Blick für einen Moment den sicheren Halt im Gegenwärtigen verliert, weil ein Teil von ihr auf etwas reagiert, das gar nicht hier ist. An manchen Abenden genügt das falsche Knacken eines Holzscheits, ein Funkenregen in der Dunkelheit oder der Geruch von angesengtem Stoff, damit ihr Körper schneller reagiert als ihr Verstand. Manchmal wirkt sie dann grimmig, fast so, als missbillige sie die Leichtigkeit derjenigen, die mit ihr zusammen um das Feuer herum sitzen — dabei versucht sie nur, nicht in eine Erinnerung zu rutschen, die sie zu diesem Zeitpunkt bereits wie einen kalten, hässlichen Abgrund in ihrem Rücken spürt. Besonders schwer sind für Theia Situationen, in denen sie sich hilflos fühlt. Hilflosigkeit ist der Kern ihrer alten Wunde. Das Kind, das zusehen musste, konnte nichts tun. Die junge Klerikerin, die sie heute ist, kann und muss hingegen etwas tun — irgendetwas. Blut und Verletzungen berühren sie schon allein deshalb auf eine gänzlich andere Art und Weise, als es Feuer tut. Gerade weil sie als angehende Klerikerin und Heilerin damit umgehen muss, hat Theia gelernt, beim Anblick von Wunden funktionsfähig zu bleiben. In vielen Fällen gelingt ihr das sogar erstaunlich gut. Es gibt ihr Halt, wenn sie helfen kann. Eine offene Wunde ist etwas, das gereinigt, verbunden, geheilt wird. Erst später, wenn niemand mehr etwas von ihr braucht, könnte sie die Erschöpfung dafür umso heftiger niederringen. In solchen Fällen zieht sie sich zurück, sofern man sie lässt. Theia sucht keine offene Aussprache, sondern einen Ort, an dem sie wieder Kontrolle über sich gewinnt: eine Kapelle, eine leere Kammer, den Brunnen im Klosterhof, Niomas Box, Grims Nähe. Sie wäscht sich manchmal länger als nötig, besonders wenn Blut an ihren Händen klebt oder sie Rauch auf ihrer Haut zu riechen glaubt. Sie kämmt oder ordnet ihr Haar, richtet ihre Robe, zählt ihr Inventar, entzündet eine Kerze. Theia selbst würde ihr Trauma wohl kaum als solches benennen. Viel eher spräche sie von Schwäche, von schlechter Beherrschung, Müdigkeit oder mangelnder innerer Ordnung. Sie sieht darin keinen natürlichen Nachhall des Erlebten – sondern lediglich einen Makel an sich selbst.

Lebensgeschichte:
Es geschah kurz vor Sonnenuntergang, und noch ehe Mara die ersten Reiter sah, hörte sie das Donnern der vielen Hufen. Dumpf und dunkel rollte es über die weiten Felder der Graslandebene, wie ein Grollen eines fernen Gewitters, das noch hinter dem Horizont lag, aber doch bereits versprach, alles unter sich zu begraben. Zuerst hatte es die Gäste der Herberge nur irritiert. Ein Händler war mit seinem Krug in der Hand vor die Tür getreten. Dann allerdings waren auch die Knechte aus den Stallungen gekommen, und schließlich hatte irgendjemand nach Maras Vater gerufen, der nun selbst bereits am Eingang zur Schenke stand, eine Hand über beide Augen gelegt, den Blick ratlos gen Westen gerichtet. Scheinbar von einem auf den anderen Moment, ging alles sehr schnell. Aus den Schatten des Abends brach eine Einheit dunkler Soldaten hervor: Dunkelelfen in schwarzen Rüstungen, schwer bewaffnete Orks, Reiter auf Pferden, aber auch auf unheilvollen, wolfsartigen Wesen, deren gewaltige Mäuler schäumten und nach all jenen schnappten, die sich zu langsam vor ihnen zurückzogen. Die Herberge Zur Auenruh war umzingelt, war gefallen, noch ehe jemand begreifen konnte, was genau geschah. Was folgte, war Lärm – Gebrüll, Geschrei, beides wild durcheinander, dann Fackeln, die in die Scheune flogen. Das trockene Holz fing Feuer, fraß sich durch die Ställe, in denen die eingesperrten Pferde scheußlich wieherten. Mara war erst zwölf Jahre alt, als ihre Kindheit und all das Glück ihrer kleinen, heilen Welt für sie mit einem Schlag endete. Sie kauerte unter einem Tisch, beide Hände fest auf den Mund gepresst und starrte zwischen Stuhlbeinen, herumtrampelnden Stiefeln und tanzenden Flammen hindurch - Blut, in dunklen, klebrigen Lachen, lief vor ihr über den Boden, über die vertrauten hölzernen Dielen, auf denen ihre Mutter noch am Morgen einige Brotkrümel zusammengefegt hatte. Mara sah Männer fallen, die sie kannte; Gäste, Nachbarn, Arbeiter. Ihren eigenen Vater. Sie hörte die Frauen im Hintergrund schreien. Oft zerbricht die Erinnerung an dieser Stelle, setzt sich falsch wieder zusammen. Manches hat ihr Geist verschluckt, anderes in einer Grausamkeit bewahrt, die bis heute keinen Sinn ergibt. Das Bild von ihm aber blieb – groß und dunkel vor dem Hintergrund der brennenden Bauten, wie er seinen Stiefel langsam auf den Kopf eines Mannes stellte, um sein Schwert in sorgsamer Präzision aus dessen Hals zu ziehen. Er stand dort, von Rauch und Flammen umgeben, und wandte ihr den Kopf zu, langsam, als hätte er alle Zeit der Welt. Mara konnte kaum atmen, als sein Blick sie unter dem Tisch fand. Noch heute wird ihr Brustkorb eng, ihre Handflächen kalt vor Schweiß, wenn eine Erinnerung auch nur zu nah an diesen Moment heranreicht. Sie hatte geglaubt, dass dies das Letzte sein würde, was sie sah: diesen Mann, diesen Dunkelelfen, der durch Feuer und Blut auf sie zukam. Doch er tötete sie nicht. Mara war zwölf Jahre alt, als Rhaev ihr das Leben rettete.
Davor war Mara Auenruh ein Kind gewesen, das in einer einfachen Welt, umgeben von einfachen Dingen und einfachen Leuten gelebt hatte. Die Herberge ihrer Familie war kein großer Ort gewesen, kein berühmtes Gasthaus mit vornehmen Gästen. Zur Auenruh hatte an einer Strecke gelegen, auf der Reisende dankbar gewesen waren, wenn sie vor Einbruch der Dunkelheit noch warmes Essen, frisches Wasser und einen Platz für ihre Pferde fanden. Im Sommer hatten die Türen stets offen gestanden, im Winter war die Kälte dafür durch jede Ritze gekrochen, und Maras Mutter hatte oft darüber geschimpft, während sie dennoch jedem, der fror, einen Platz näher am gemütlich knisternden Feuer zugewiesen hatte. Fiora Auenruh würde ihrer Tochter vor allem als Gefühl von Wärme in Erinnerung bleiben, als Geruch von Mehl an den Händen, von Kräutern in den Schürzentaschen, von Holzrauch im Haar und warmer Milch auf dem Herd. Sie hatte eine ruhige, geschäftige Art besessen, hatte mit wenigen Worten Ordnung in eine überfüllte Schankstube bringen können und Mara die Haare oft mit jener beiläufigen Zärtlichkeit geflochten, die einem Kind erst dann zu fehlen anfängt, wenn sie für immer verschwunden ist. Theias Vater dagegen war ein Mann mit wettergegerbten Händen, breiten Schultern und einer tiefen, vollklingenden Stimme gewesen; keiner, der leicht aus der Ruhe geriet, selbst wenn Gäste zu viel getrunken oder Händler zu hart gefeilscht hatten. Nein – Belkor Auenruh hatte selten streng durchgreifen müssen. Meist hatte es genügte, wenn er am Rand der Schankstube stand, sich mit dem Daumen über den Bart fuhr und einen Blick in die Runde warf. All das war ihr einst vertraut gewesen. Das Knarren der alten Dielen, das Poltern unterschiedlicher Stiefel in der Schankstube, das Scheppern der blechernen Krüge und die Stimme ihres Vaters, wenn er mit den Gästen plauderte. Theia hatte auch die Arbeit eines solchen Ortes gekannt: Wasser holen, Gemüse putzen, Decken ausschütteln, Hühner verscheuchen, im Stall nicht im Weg stehen, lächeln und freundlich antworten, wenn Fremde sie nach ihrem Namen fragten. Mara war kein sorgloses Kind gewesen – auf einem Hof gab es schließlich immer Arbeit, immer etwas zu tun – aber sie war ein Kind gewesen, das gewusst hatte, wohin es gehörte. Nach jener Nacht gehörte sie eine sehr lange Zeit nirgends mehr hin.
Rhaev nahm sie mit, als die anderen Dunklen die Herberge hinter ihnen restlos niederbrannten. Mara würde sich später nur bruchstückhaft an die ersten Stunden erinnern. Ein Arm um ihren Körper. Der harte Rand seiner Rüstung an ihrer Wange. Der Geruch von Metall, Leder, Blut und kalter, klarer Nachtluft. Sie muss gezittert haben, vielleicht hat sie sogar geweint – oder geschrieen. Vielleicht hat sie aber auch gar nichts gesagt. In ihrer Erinnerung war ihr Mund voller Asche.
Rhaev sprach kaum mit ihr. Nicht in jener Nacht und auch nicht in den Tagen danach. Er war nicht sanft. Er erklärte nichts, entschuldigte nichts. Er sagte ihr nicht, warum er sie mitnahm. Verriet ihr nicht, warum ausgerechnet sie. Aber er ließ sie nicht frieren. Er gab ihr Wasser, auch wenn sie die ersten Male kaum schlucken konnte. Er teilte sein Essen mit ihr, trockenes Brot, dünne Brühe, etwas, das stark nach Kräutern schmeckte und ihren Magen beruhigte. Wenn sie vor Erschöpfung vom Pferd zu rutschen drohte, hielt er sie fest. Wenn sie nachts aus Albträumen hochfuhr, schreiend und blind vor Panik, war er da – mit einem Mantel um ihre Schultern, mit einem Arm, der sie daran hinderte, blindlings in die Dunkelheit zu stolpern, mit einer rauen, dunklen Stimme, die ihr befahl, ihn anzusehen, Luft zu holen, zu atmen. Sie hasste ihn. Sie fürchtete ihn. Anfangs tat sie das wirklich. Doch die Reise dauerte lange. Zwei Wochen, vielleicht auch drei, vier oder mehr; Mara hätte es nicht sagen können. Kinder zählen Zeit anders, traumatisierte Kinder oft gar nicht. Es gab dunkle Wälder und ewig weite Felder, die unter dichtem Morgennebel verschwanden. Nächte unter freiem Himmel, in denen sie so nah bei ihm lag, wie sie es ertrug, ohne zu frieren. Manchmal begegneten sie niemandem. Manchmal versteckte Rhaev sie. Ein einziges Mal wagte Mara, nach seinem Namen zu fragen. Lange antwortete er nicht. Dann sagte er nur: „Rhaev.“ Mehr nicht. Sie wusste nicht mal, ob das wirklich sein Name war. Es war der einzige, den er ihr gab.
Als sie schließlich dieses abgelegene Kloster erreichten, verstand Mara zunächst nicht, dass ihre gemeinsame Reise genau hier enden sollte. Es war ein eigentümlich stiller Ort, diese scheinbar vergessene Ruine aus Stein, Wind, Kerzen und leisen Stimmen. Rhaev brachte sie bis in seine Mauern hinein, wo er mit jemandem sprach, sie übergab sie und dann wortlos verschwand, sobald die anderen Hände nach ihr griffen. In Maras Erinnerung blieb vor allem eines zurück: dass sie sich noch einmal nach ihm umdrehte und nach ihm rief, dass sie weinte, weil er sie zurückließ. Diese Wahrheit ist eine der grausamsten in Theias Erinnerung.
Die Ordensschwestern des Klosters jedoch nahmen sich ihrer mit einer Geduld an, die Mara damals noch kaum begreifen konnte. Sie war kein dankbares Findelkind. Nicht am Anfang. Sie sprach kaum, aß wenig, schlief schlecht und fuhr bei jedem unerwarteten Geräusch zusammen. Wenn Holz im Ofen knackte, krümmte sich ihr Magen. Wenn jemand zu rasch die Tür öffnete, sackte sie zu Boden. Beim Geruch von Rauch wurde ihr übel, obwohl in diesem Kloster Feuer nichts anderes tat, als Suppe zu wärmen und Licht zu spenden. Die Schwestern gaben ihr saubere Kleidung, ein schmales Bett, Brühe, Brot und Zeit. Vor allem Zeit. Sie zwangen sie nicht, mit ihnen zu beten. Sie verlangten nicht, dass sie erzählte, was passiert war. Wenn Mara nachts schrie, kam jemand. Irgendeine Schwester mit einer Kerze in der Hand, die in der Nähe blieb, bis Mara mit getrockneten Tränen auf ihren Wangen wieder eingeschlafen war. Und obwohl sie die Kerzen zunächst fürchtete, begann sie irgendwann, sich nach ihnen umzusehen. Abends, wenn die Dunkelheit in den Klostergängen dichter wurde, entzündeten die Schwestern überall die kleinen Flammen, meistens vor den schlichten Sonnensymbolen Lysanthors. Sie taten es sehr bewusst, mit ruhigen, unaufgeregten Händen. Eine Kerze nach der anderen. Kleine Lichter in goldenen, flackernden Punkten, über die Mara schließlich zu Lysanthor finden sollte. Nicht durch eine Predigt, nicht durch den Paladin, der da noch kommen sollte, um sie zu retten, nicht durch irgendein abstraktes Wunder, sondern durch Kerzen in einem dunklen Klostergang. Über einfache Gebete lernte Mara, wieder zu sprechen. Erst nur auswendig runtergemurmelt, bald jedoch mit einer Ernsthaftigkeit, die die Schwestern bemerkten. Sie erzählten ihr Geschichten vom Gott des Lichts, erzählten ihr von seiner Wahrheit und Gerechtigkeit. Worte, die Mara gleich einem Schwamm in sich aufsog. Denn Wahrheit bedeutete, dass das, was ihrer Familie geschehen war, nicht in Vergessenheit geraten würde. Und Gerechtigkeit klang danach, dass dieser Gott gesehen hatte, was geschehen war.
Vikram Talfaern kam zunächst als Besucher ins Kloster. Für Mara jemand, der wie ein echter Ritter aussah, wie ein Held aus einer alten Märchensage – mit seinen festen Schritten und dieser goldenen Rüstung, die stets den Geruch von kalter Luft und weiter Reise an sich hatte. Die Schwestern begegneten ihm mit Achtung, und auch Mara scheute vor seiner würdevollen Erscheinung zurück. Sie verhielt sich ruhig, beobachtend. Doch er bemerkte sie. Bei einem seiner Besuche fand er sie in der Kapelle, sitzend vor einer fast heruntergebrannten Kerze. Bei einem anderen sah er, wie sie einer jüngeren Novizin half, verschüttetes Wasser aufzuwischen. Einmal sogar richtete er eine Frage ganz direkt an sie, und Mara antwortete so knapp und ernst, dass eine der Schwestern später sagte, sie habe wie eine alte Frau geklungen. Darüber schmunzelte Vikram. Aber er kam wieder. Und wieder. Sprach mit ihr, fragte sie nach einfachen Dingen. Ob sie lesen könne. Welche Gebete sie kannte. Ob sie die Kerzen lieber morgens oder abends entzündete. Später erzählte auch er ihr Geschichten von Lysanthor, sanft, aber voller Überzeugung, gläubig bis in die Knochen. Und Mara hörte ihm zu, weil seine Stimme so angenehm klang, weil seine Geschichten allesamt so tröstlich waren. Ja – nach allem, was sie verloren hatte, war Vikram in seiner Beständigkeit, mit der er dem Kloster regelmäßig Besuche abstattete, genau das. Tröstlich. In gewisser Weise begann Mara, in Vikram eine Antwort auf ihre Gebete zu sehen. Nicht sofort. Nicht ohne Angst. Aber allmählich. Er war da. Er kam zurück, wenn er sagte, dass er zurückkommen würde. Und er sprach ihren Schmerz nicht klein, aber er gab ihrer Rettung Bedeutung. Unter seinem Blick war sie nicht nur das Kind, das überlebt hatte, weil es übrig geblieben war. Nein, sie konnte etwas werden. Er glaubte daran, dass sie etwas werden konnte.
Als Vikram sich dazu entschloss, sie bei sich aufzunehmen, stand Mara sehr gerade, viel zu gerade für ein Mädchen ihres jungen Alters, die Hände vor dem Körper gefaltet, während die Schwestern ihre wenigen Habseligkeiten zusammenlegten. Und selbst, als Vikram sie auf sein Pferd hob und das Kloster hinter ihnen zurückblieb, da wandte sie sich tatsächlich kein einziges Mal nach den liebgewonnenen Frauen um, die dort standen, um ihr mit Tränen in den Augen hinterher zu sehen. Sie hätte geweint, hätte sie das getan. Also hielt sie den Blick geradeaus gerichtet – sich nicht dessen bewusst, dass in diesem Augenblick begann, Mara Auenruh zu verschwinden. Nicht ganz. Niemals ganz. Aber doch genug, dass ein neuer Name an ihre Stelle treten konnte. Theia Talfaern.
Vikrams Weg führte sie zunächst nach Pelgar, seiner Heimatstadt und die Hauptstadt aller Menschen im östlichen Teil Celcias, wo der Glaube an Lysanthor stark verwurzelt war und die Bruderschaft des Lichts viele ihrer Fäden im Verborgenen zog. Für Theia war Pelgar überwältigend: größer, lauter und undurchschaubarer als alles, was sie zuvor gekannt hatte. Dort lernte sie rasch, dass die Bruderschaft, der Vikram angehörte, nicht einfach ein Orden war, über den am Marktplatz gesprochen wurde. Sie war ein Geheimbund, so nannte er es. Eine Struktur aus Zeichen, aus Prüfungen im Verborgenen. Theia lernte früh, was sie sagen durfte und was nicht. Wem gegenüber sie schweigen musste. Welche Begriffe besser nicht auf offenen Straßen fielen. Welche Fragen gefährlich waren. Sie begriff auch, dass sie sich ihren eigenen Platz in dieser Gesellschaft würde verdienen müssen. Durch Gehorsam, Disziplin, Nützlichkeit. Ihr unklarer Blutstatus war kein Vorwurf, den Vikram jemals gegen sie verwendet hätte, aber doch ein Zweifel, der in den Blicken mancher wohnte, die sie neben ihm betrachteten.
Als Vikram aus Gründen, die er ihr nicht näher erklärte, nach Jorsan versetzt wurde, folgte Theia ihm. Die Hauptstadt des jorsanischen Königreichs sollte schließlich zu dem Ort werden, an dem sie heranwuchs. Eine Stadt von sichtbarem Wohlstand, umgeben von Mauern und Spähtürmen, geordnet, sauber, friedlich. Ein Ort, an dem die Menschen einander mit Respekt begegneten, an dem Hilfe nicht nur gepredigt, sondern oft tatsächlich gelebt wurde. Jorsa war gütig und großherzig in einer Weise, die Theia irritierte. Der Tempel Jorsas sollte letztlich der Ort ihres geistlichen Unterrichts unter Bruder Calven werden. In Jorsan achtete man auf ein Gleichgewicht zwischen den Göttern, jeden Tag wurde ein anderer Gott von einem Priester angepriesen. Für Theia, die aus einer so stark lysanthorisch geprägten Welt kam, war auch das anfangs befremdlich. Dass andere Götter derart viel Raum bekamen. Dass Menschen beteten, ohne Lysanthor über alles zu stellen. Dass Frömmigkeit viele Stimmen haben konnte. Es war Bruder Calven, der dafür sorgte, dass Theia sich darin nicht verlor. Er unterwies sie in Lehre und Liturgie, vertiefte ihr bisher einfaches Wissen in Schrift und Sprache. Und unterrichtete dabei nicht sanft. Bruder Calven korrigierte jedes falsch gesetzte Wort, jeden unsauberen Gedanken, jedes Zögern, wenn sie Antwort geben sollte. Und vielleicht war ausgerechnet diese Strenge zunächst so wirksam, weil sie der Unordnung in ihr tatsächlich etwas entgegensetzte.
Dass in Theia mehr schlummerte als bloße Frömmigkeit, zeigte sich in kleinen, schwer zu ignorierenden Vorfällen. In der Wärme ihrer Handflächen, einem goldglühenden Schimmer, der sie in meditativen Zuständen zu umgeben schien. Bruder Calven deutete die Anzeichen zunächst mit Vorsicht, vielleicht auch mit Misstrauen; Licht war Gabe, aber Gabe verlangte Prüfung. Vikram jedoch erkannte darin eine Möglichkeit, in gewisser Weise sogar eine Bestätigung. Über seinen Einfluss — und wohl auch über ältere Kontakte, die er innerhalb der verborgenen Wege der Bruderschaft pflegte — wurde schließlich Magistra Olesia Vasileos hinzugezogen. Eine ältere Frau, eine Halbelfe, die zu einer weiteren Quelle des Wissens für Theia werden sollte. Wo Calven Antworten verlangte, verlangte Olesia Wahrnehmung. Wo der Geistliche von Reinheit sprach, sprach die Magierin von Gleichgewicht. Sie war nicht minder streng, nicht weniger fordernd, und gewiss keine Frau, die Talent mit Nachsicht belohnte. Unter ihrer Anleitung musste Theia lernen, ihr Licht nicht nur anzurufen, sondern zu halten; nicht nur darum zu bitten, sondern es zu führen. Olesia ließ sie dieselbe Übung wieder und wieder wiederholen, bis ihr die Arme schmerzten, die Augen brannten. Sie tadelte ungenaue Konzentration, hastige Atmung, magische Überreaktionen und jeden Versuch, Verbitterung als Entschlossenheit zu tarnen. Und anders als Bruder Calven schien sie Theias Zweifel auch nicht sofort als Makel zu betrachten. Für die Akademikerin war Licht kein bloßer Beweis von Glauben, sondern eine innere Kraft, die Führung brauchte — und wer sein Licht führen wollte, musste zuerst spüren lernen, woher es kam.
Dass Theia erste praktische Erfahrungen im Kottenhaus sammeln durfte, geschah nicht aus reiner Willkür und auch nicht allein auf ihren eigenen Wunsch hin. Zunächst war sie dafür in den Augen vieler noch zu jung, zu unerprobt und zu sehr Schülerin, um zwischen Krankenlagern, offenen Wunden, Sterbenden und fremden Schicksalen eingesetzt zu werden. Doch sowohl Bruder Calven als auch Magistra Vasileos erkannten auf ihre jeweils eigene Weise, dass Theias Ausbildung nicht einzig und allein im geschützten Raum verbleiben konnte. Calven sah im Dienst an Leidenden eine notwendige geistliche Prüfung: Wer Lysanthor dienen wollte, musste lernen, es dorthin zu tragen, wo Schmerz, Schmutz und Krankheit die Menschen niederdrückten. Für ihn war das Kottenhaus somit kein Ort bloßer Mildtätigkeit, sondern ein Prüfstein für Demut, Gehorsam und Standhaftigkeit. Olesia hingegen betrachtete es nüchterner und praktischer. Theias Lichtmagie durfte nicht nur unter kontrollierten Bedingungen funktionieren. Licht, so machte Olesia ihr stets deutlich, war im Ernstfall nur dann nützlich, wenn es nicht verloren ging, sobald die Welt um einen herum hässlich wurde. Offiziell trat Theia im Kottenhaus natürlich nicht als Gesandte der Bruderschaft auf — zu viel davon musste verborgen bleiben —, sondern als angehende geweihte Klerikerin im Dienste Lysanthors, begleitet und beaufsichtigt durch ihre Lehrer. Bruder Calven achtete darauf, dass sie sich in Auftreten, Gebet und Haltung keine Blöße gab. Olesia wiederum beobachtete, wie Theia ihre magische Begabung unter echter Belastung führte. Unter Aufsicht der praktizierenden Heiler durfte sie einfache Verbände anlegen, Wunden reinigen, Fiebernde mit kühlen Tüchern versorgen oder leise Gebete sprechen, wenn jemand darum bat. Später kamen Krankensalbungen und die ersten lichtmagischen Anwendungen hinzu: ein schwacher warmer Schimmer über entzündeten Stellen, beruhigende Lichtimpulse gegen Schmerzen, das Stabilisieren einer erschöpften Person nach starkem Blutverlust.
Für Theia wurde das Kottenhaus dadurch zu einem Ort widersprüchlicher Erfahrungen. Einerseits fand sie dort Pflichten und Aufgaben, die ihrem Wesen entsprachen. Sie konnte helfen. Sie konnte nützlich sein. Andererseits begegnete sie hier einer Form von Barmherzigkeit, die nicht immer zu den Lehren passte, mit denen sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit konfrontiert sah. Über dem Eingang stand, dass jedem Hilfe gewährt werden solle, der nach Heilung suchte. Jedem — nicht nur den Frommen, nicht nur den Reinen, nicht nur denen mit richtigem Glauben. Die Heiler des Kottenhauses fragten nach den Beschwerden, nach Wunden, nicht nach Herkunft, Stand oder Schuld. Für Theia war das schwerer zu begreifen, als sie zugeben wollte. So entstanden dort erste kleine Risse in ihr. Als kurze Irritation darüber, wenn Arzt oder Heiler einem Fremden mit unreinem Blut mit derselben Geduld und Güte begegnete wie einem ehrbaren Bürger. Als Unbehagen, wenn ein Mensch, den die Bruderschaft aufgrund irgendwelcher Glaubensgrundsätze vielleicht misstrauisch beäugt hätte, dankbar ihre Hand drückte. Als beschämend warmer Moment, wenn ihre Lichtmagie auf jede Form von Leid reagierte, ohne nach Reinheit zu fragen. Theia sprach darüber nicht. Sie betete später länger, strenger, als müsse sie die Unordnung in sich wieder glätten. Doch das Kottenhaus blieb einer der ersten Orte, an denen sie zu spüren begann, dass echte Barmherzigkeit seine ganz eigene Wahrheit kannte.
Davon abgesehen durfte Theia auch außerhalb des Kottenhauses - meist im Umfeld der Bruderschaft - erste kleinere Begleitdienste übernehmen, meist an Vikrams Seite oder unter zumindest unter Olesias Aufsicht. Dabei trat sie nicht als Kämpferin auf, sondern als junge Klerikerin in Ausbildung: Sie versorgte sprach Gebete, segnete, führte kleinere lichtmagische Anwendungen aus, trug Nachrichten oder half dabei, Rastplätze und Nachtlager abzusichern. Für Theia waren diese Aufträge gleichermaßen Auszeichnung und Prüfung, denn jeder Einsatz bedeutete, dass man ihr ein wenig mehr zutraute — und zugleich erwartete, dass sie sich durch Gehorsam, Verschwiegenheit und Nützlichkeit dieses Vertrauen verdiente. Der Auftrag allerdings, der nun vor ihr liegt, ist mit Abstand der größte und wichtigste, zu dem Theia bisher eingesetzt wurde. Gemeinsam mit anderen Anhängern der Bruderschaft soll sie einen gefangen genommenen Kriegsverbrecher eskortieren. Ein wichtiger Gefangener, bestimmt für Verhör, Urteil und anschließende Hinrichtung. Theias Rolle hierbei ist klar: Unterstützung, Versorgung, Gehorsam. Sie ist keine Entscheidungsträgerin. Nicht die Klinge. Nicht das Urteil. Nur ein kleines Licht im Gefolge jener, die richten. Dennoch empfindet sie Stolz darüber, aller Nervosität zum Trotz. Immerhin, dies würde kein kleiner Botengang werden, keine bloße Begleitung, kein Übungsdienst unter Aufsicht. Man hielt sie endlich für geeignet genug, um Teil einer ernsten Mission zu sein. Ein weiterer Schritt auf dem Weg, sich den Namen Talfaern verdient zu machen ...

Vikram Talfaern:
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Vikram Talfaern ist ein Paladin der Bruderschaft des Lichts und für Theia weit mehr als nur ihr Vormund. Er ist Ziehvater, Lehrer und moralischer Fixpunkt in einem — jener Mann, durch den aus Mara Auenruh schließlich Theia Talfaern wurde. Vikram hatte sich in seinem Leben nie dauerhaft an eine Frau gebunden und seinen Glauben stets über persönliche Wünsche gestellt; umso stärker wirkt es, dass gerade dieses verletzte, halbelfische Mädchen eines Tages zu jener Familie wurde, die er sich vielleicht nie offen erlaubt hätte zu ersehnen. In Theia sah er wohl nicht nur ein schutzbedürftiges Kind, sondern auch eine Fügung Lysanthors – also Geschenk und Prüfung zugleich.

Inventar:

Am Körper:
  • Münzbeutel
  • Umhängetasche
  • kleines Gebrauchsmesserchen
Umhängetasche:
  • Gebetshandbuch Lysanthors
    Ein schmales, abgegriffenes Buch mit Gebeten, Abschriften und kurzen Lehrsätzen.
    Manche Seiten sind an den Rändern leicht nachgedunkelt.
  • Kräuterbeutel
    Einige getrocknete Kräuter für einfache Anwendungen:
    beruhigende Aufgüsse, Wundreinigung, Fieber, Übelkeit und kleine Entzündungen.
    Die meisten davon kennt Theia eher über Geruch und Anwendung als über große theoretische Gelehrsamkeit.
  • Phiole mit geweihtem Öl
    Etwas, das für Segnungen, letzte Gebete oder rituelle Reinigung verwendet werden kann.
    Theia wird es sehr sorgfältig behandeln und nur ungern verschwenden.
  • Kerzenstummel und Zunder
    Theia reist ungern ohne die Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden.
    Nicht nur aus praktischen Gründen, sondern weil das Entzünden einer kleinen Flamme für sie ein wichtiger Halt ist.
Satteltaschen:
  • Wasserschlauch
    Schlicht, robust, aus Leder.
  • Kleine Ration
    Brot, getrocknete Früchte, Nüsse und Käse.
  • Dünne Handschuhe
    Für die Kälte beim Reiten oder beim Umgang mit rauem Material.
  • Reisemantel
    Ein heller, graubeiger Mantel, gut gepflegt.
    Theia nutzt ihn notfalls auch, um jemanden zuzudecken.
  • Kleines Fläschchen mit verdünntem Essig
  • Pflegeutensilien für Nioma
  • Wechselkleidung
  • kleines Heileretui
    Ein ordentlich gepacktes Etui mit Nadel, Faden, einer kleinen Schere, eine einfache Klinge, kleinen Salbentigeln.
    Alles ist sauber, eng zusammengelegt und nach Nutzen sortiert.
    Theia kontrolliert diesen Beutel häufiger, als notwendig wäre.
  • Waschwurzel, Kaustock, Haarkamm, einfache Haarnadeln
  • Leinentücher / Waschlappen
  • Decke
Tierische Begleiter:
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  • Grim:
    Grim ist eigentlich Vikrams Hündin — zumindest würde Vikram das vermutlich behaupten. Theia hingegen zieht ihn gelegentlich damit auf, dass Grim ihre Loyalitäten längst neu sortiert habe und nur aus Höflichkeit noch so tue, als gehöre sie ihm. Die achtjährige Wolfshündin begleitet Vikram seit jeher auf vielen seiner Wege und Aufträge. Für Theia wurde sie dadurch zu einer festen, tröstlichen Konstante: ein warmer Körper neben der Bank, ein raues Fell unter den Fingern. Grim ist kein hübsches Ziertier, sondern eine Gefährtin mit Charakter — wachsam, praktisch, wetterfest und klüger, als manche ihr zutrauen würden. Auf Reisen werden Grim durch Vikram manchmal ebenfalls kleine Taschen oder Beutel umgeschnallt, in denen leichter Proviant, Verbandszeug, ein Wasserschlauch, Kräuterbündel oder andere Kleinigkeiten verstaut werden. Theia achtet sehr genau darauf, dass die Riemen nicht scheuern und dass Grim nicht zu schwer beladen wird. Wenn Vikram ihrer Meinung nach dabei zu nachlässig wird, kann Theia erstaunlich scharf reagieren.
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  • Nioma:
    Theia kennt ihre dreijährige Stute gut, samt aller Eigenheiten, die sie ausmachen. Wie sie die Ohren stellt, wenn ihr ein Weg nicht gefällt. Wie sie beim Satteln manchmal die Luft anhält, bevor sie ein lautes Schnauben ausstößt. Theia mag besonders den Geruch ihres Fells — diese Mischung aus Staub, Heu, Leder, Sonne und Tierwärme, die ihr auf Reisen mehr Trost spendet, als ein ordentliches Gebet es manchmal vermag. Sie putzt Nioma gründlich und mit einer fast meditativen Sorgfalt. Striegelstriche fühlen sich für Theia beruhigend an. Aber auch davon abgesehen: Mähne entwirren, Hufe kontrollieren, Sattelgurt prüfen, Fell glätten. All das sind Tätigkeiten, bei denen Theia ein wenig ruhiger atmen kann.
Einstiegspost:
Aufbruch nach Norden

Re: Theia Talfaern

Verfasst: Mittwoch 15. Juli 2026, 19:42
von Maruka
Steckikontrolle:

Das hat Spaß gemacht zu lesen. :daumen:
Inzwischen kennst du ja den Ablauf, also los gehts:

Religion/Glaube:

Wenn es Wahrheit gab, dann würde das, was geschehen war, niemals in Vergessenheit geraten.

Stärken:
Bitte hier noch einen Satz mit ihrer Lichtmagie und die gewählte Stufe hinzufügen.

Lebensgeschichte:
Doch sowohl Bruder Calven als auch Magistra Vasileos erkannten auf ihre jeweils eigene Weise, dass Theias Ausbildung nicht im geschützten Raum von Tempel, Bibliothek und Akademie verbleiben konnte.
Ich hab viel an der Akademie gemoddet und finde, da passt Theia nicht rein. Bitte entfernen. Besser sie lebt abgeschiedener in den streng geführten Räumen eines kleinen Klosters vor Jorsan oder besser noch in dem privaten Anwesen ihres Mentors. ...Ist also noch zu klären: Wo genau ist sie unter gebracht? Zu Akademie des Lichts kann sie natürlich über die Studenten die ebenfalls im Kottenhaus lehren erste Kontakte bekommen haben, aber das würde ich gern selbst dann im Spiel ausbauen, da das großes Potenzial an neuen Zweifeln in sich tragen könnte. Du kannst es aber als Anmerkung rein nehmen und dass sie angehalten wurde, den Studenten sich nicht "aufzudrängen" und ihnen fern zu bleiben, da viele von ihnen als unrein angesehen werden.

Gemeinsam mit anderen Anhängern der Bruderschaft soll sie einen gefangen genommenen Kriegsverbrecher eskortieren. Ein wichtiger Gefangener, bestimmt für Verhör, Urteil und anschließende Hinrichtung. Der Weg soll in den Nordosten Celcias führen...

Hier würde ich dich bitten eine kleine Umformulierung vorzunehmen. Theia soll auf Geheiß ihres Mentors Vikram den Kriegsgefangenen von einem nördlichen Treffpunkt abholen und zum geheimen Stützpunkt der Bruderschaft des Lichts, also in ihr Zuhause bringen. Der Einstiegspost kann dann unterwegs beginnen auf einer Landstraße in Begleitung von Bruder Calven und vier weiteren stark gerüsteten Kämpfern der Bruderschaft. Sie reitet auf Nioma und Grim erwartet sie Zuhause, auch wenn die Trennung vielleicht nicht leicht war. Das erste Aufeinandertreffen mit dem Gefangenen würde ich gern ausspielen. Ok?

Ein letzter Gedanke, auch wenn ich Theias Geschichte sehr gelungen und rund finde. Wie steht es mit Erinnerungen an die Eltern? Wie war der Vater so? Wie sah ihre Mutter aus, wie rocht sie? Was sie die Halbelfe und ist Theia vielleicht nur zu einem Viertel ein Spitzohr, was die nur zart ausgeprägten elfischen Züge noch besser erklären könnte. Wenn du magst, kannst du dazu noch was einfügen, musst du aber nicht.

Bitte melde dich nach den Änderungen wieder hier.

Re: Theia Talfaern

Verfasst: Mittwoch 15. Juli 2026, 22:35
von Theia Talfaern
Danke für die Rückmeldung :)

Ich habe die Akademie des Lichts aus Theias Ausbildung entfernt und die Situation rund um den aktuellen Auftrags nun offen belassen, sodass sich alles Weitere dann einfach inplay ergibt. Die Ergänzung zu den Eltern und Theias Lichtmagie in den Stärken habe ich ebenfalls eingearbeitet.

(Lediglich den Blutstatus der Mutter habe ich offen gelassen; darüber weiß Theia tatsächlich nichts Genaueres.)

Zum Markieren besagter Textstellen habe ich diesmal Nimuk verwendet. lol

Re: Theia Talfaern

Verfasst: Donnerstag 16. Juli 2026, 08:34
von Maruka
Sehr gut. Passt für mich alles. Frei für Phase 2.

Re: Theia Talfaern

Verfasst: Freitag 17. Juli 2026, 14:33
von Kazel Tenebrée
Und auch hier ein huhu :wink:

Wieder sehr schön geschrieben. Mir fiel auf, dass in der Lebensgeschichte, ihr Heim von Dunkelelfen überfallen und zerstört wurde, sie aber später noch nach Pelgar kam. Du kannst das nicht wissen (Celcia existiert ja nun auch schon knapp 2 Jahrzehnte!), aber vor der dunklen Epoche waren Dunkelelfen in derart großer Zahl so gut wie gar nicht jenseits des Drachengebirges unterwegs. ABER! Daran soll es von meiner Seite aus nicht scheitern und da @Maruka als dein Mod, der auch Phase 1 erledigte, kein Problem damit hatte, habe ich ebenso wenig eines.

Wie auch schon bei Themis sind mir grammatikalische oder Rechtschreibfehler nicht aufgefallen, als dass eine 3. Phase notwendig wäre. Der Charakter wird für das Rollenspiel freigeschaltet, ich wünsche dir ganz viel Spaß :)

Re: Theia Talfaern

Verfasst: Samstag 18. Juli 2026, 08:28
von Maruka
Japp, hast Recht. Meine Gedanken dazu waren übrigens, dass ihre Geschichte noch in der Vergangenheit sich abspielt und ich dann vielleicht später ein paar Jahre überspringen kann. Muss hier ja nicht alles die gleiche Zeitlinie sein. ;) Der Fall Pelgars war halt erst nach dem sie mit ihrem Metor nach Jorsa beordert wurde und dort ihre Ausbildung begann. Sie sind noch rechtzeitig weg. Ob sie den Fall Pelgars überhaupt bewusst mitbekommen hat/wird ... wollt ich noch später klären.