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Welchen Weg soll ich gehen?

Verfasst: Freitag 14. August 2026, 10:23
von Erzähler
Synnover kommt von: Deutlich zu spät
Es sind 4 Monate vergangen...

Zeit. Zeit heilt alle Wunden. Es war ein abgedroschener Satz, der viel zu inflationär genutzt wurde. Im Grunde sagte er lediglich, dass man nicht wusste, was man anderes zum Trost sagen sollte. Es war nicht mal böse gemeint, aber wenn jemand trauerte und echten Schmerz empfand, dann brauchte man eben keine Phrasen. Man brauchte… im Grunde nichts. Nur eine Schulter, ein aufmunterndes Lächeln.
Synnovers Leben war niemals leicht gewesen. Geboren in Hymlia als Synnover Federflug, in der Wolkengasse wohnend mit seinen Eltern Pharo und Vella und später auch seiner Schwester Kira, hätte es ein besonnenes, friedliches Leben werden können. Er hätte die Luftmagie erlernt, wäre vielleicht Himmelsreiter geworden, hätte auf Turok den Himmel erobert. Talent dazu hatte er. Ein unbedachter Moment jedoch veränderte alles. Sein gesamtes Schicksal musste neu geschrieben werden und sein Weg wurde dunkel.
Die Zeit in Morgeria verlief anfangs erbärmlich, bis er sich hocharbeitete und sich in der kleinen Welt einen Namen machte. Das weiße Kaninchen wurde zum traurigen Star in einer grausamen Welt. Und plötzlich hatte das Schicksal wieder anderes geplant. Er begegnete Razag und lernte plötzlich, dass Freundschaft auf seltsamen Wegen kommen konnte. Aber er lernte auch, dass sein Leben eine Farce gewesen war. Dass sein Stand niemals echt gewesen war und Karrish ihn nur als Spielzeug und Einnahmequelle begriff. Sich damit auseinandersetzen zu müssen, war wohl das Schwerste, was er erleben musste. Synnover sah seine Heile-Welt-Blase bröckeln und musste sich selbst erkennen, wie er seinen eigenen Wert untergraben hatte. Wie er zugelassen hatte, dass man ihn brach.

Doch mit Hilfe seiner Weggefährten lernte er, dass noch nicht alles verloren war. Und plötzlich entwickelte er den Ehrgeiz herauszufinden, was seine wahren Talente waren. Was sein Herz beflügelte- was er wollte und was er nicht wollte. Dinge, die für viele selbstverständlich waren, wurden ihm mit einem Mal bewusst. Und am Ende… war da die Treppe nach oben, nicht mehr nach unten. Synnover stieg endlich auf und löste sich von seiner Vergangenheit. Er ließ sie auf dem Boden zurück, um im Himmel zu lernen, wer er war. Das Jahr in Hymlia war anfangs nur ein Schauspiel. Eines von vielen in seinem Leben. Bis er merkte, dass man ihm vollkommen ehrlich begegnete, nicht alles immer Lug und Trug war. Bis er sogar erkannte, dass sein Herz längst vergeben war. Aufrichtig und wahrhaftig. Erst als er begriff, dass er mehr Wert war als bloße Zierde oder Lustobjekt, da holte ihn seine Vergangenheit auf grausame Weise ein. Und er fasste einen Plan. Er würde sein Schicksal und das seiner Freunde selbst in die Hand nehmen. Er würde Zarrah nicht ihrem Schicksal überlassen. Er würde etwas tun, für andere!
Und andere taten etwas für ihn: Kira und Lariana brachten sich in Gefahr - für ihn. Für sein Wohl, für sein Herz. Beide Frauen wussten nicht, worauf sie sich einließen und schlussendlich, als der Kampf um Agash's Auferstehung, Karrish's Tod und Zarrah's Freiheit beendet war, kehrten sie in den sicheren Hafen Hymlia zurück… Und brachten das Böse mit. Agash lebte in Zarrah, das Ritual war geglückt. Die jüngste der Nachtklingen war dazu markiert worden. Sie besaß eine Narbe am Rücken, die ihr zugefügt worden war als ihre Geschwister sie brandmarkten, damit Agash ihren Wirt fanden. Zarrah wusste, dass Karrish und Yolintha die Dämonin auferstehen lassen wollten und sie wusste, welche Rolle sie selbst dabei spielen sollte. Alles fügte sich zusammen. Ihre Unnahbarkeit, ihr Handeln Razag und Syn zu befreien, weil sie sich Hilfe dabei erhoffte, die Schriftrolle der Ritualmagie zu finden… Um das Ritual stoppen zu können. Am Ende siegte jedoch das Böse und Zarrah wurde trotz all ihrer Bemühungen korrumpiert. Synnover erkannte seine Liebe zu ihr und sie gestand ihm ihre. Ihre Gefühle waren schon immer dagewesen und sie hatte niemals zu hoffen gewagt, dass sie jemals zur Sprache kämen. Gleichwohl war sie felsenfest überzeugt, dass Synnover zu Lariana gehörte. Weil sie selbst keinen Lichtblick für sich sah. Aber Syn entschied für sich. Und er liebte Zarrah ein wenig mehr als Lariana.
Dass die Himmelsbewohnerin das nicht gut aufnahm, wäre wohl auch zu viel verlangt. Doch was dann folgte, war das Ende von allem. Agash bemächtigte sich des Körpers von Zarrah. Die verletzte Elfe hatte nicht genug Kraft, um sich gegen die Dämonin zu wehren. Und Syn sah sich einer erneuten Knechtschaft ausgesetzt. Er spielte zwar nur, damit die Dämonin sich in Sicherheit wähnte und er Zarrah nicht verlor, aber das, was sie vor hatte war fatal: Hymlia vom Himmel zu reißen und auf den Scherben ihren Siegesmarsch über Celcia's freie Völker anzutreten.

Es verging kaum ein Tag, an dem Synnover nicht an diesen Moment dachte. Immer wieder tauchten die Bilder dessen vor seinem geistigen Auge auf und er durchlebte die letzten Sekunden wieder und wieder: "Hymlia liegt weit über den Wolken. Wenn die Himmelsstadt abstürzt, werden wir mit ihr fallen. Das ... kann nicht in Eurem Ermessen liegen. Wofür wärt Ihr dann hier auf Celcia? Ihr müsst doch ein Motiv haben, Herrin. Eines, hinter dem mehr steht, als mit einer Stadt von vielen unterzugehen.” Das waren seine letzten Worte an Agash. Er hörte noch ihr schrilles Lachen, hohl und ohne jede Freude. Zarrah's Gesicht verformte sich dabei auf groteske Weise. Die schwarzen Augen der Dämonin schimmerten boshaft und der Wind peitschte stärker und stärker. “Macht, Sklave. Macht!” waren die Worte, dor Syn noch hörte und dann war alles so schnell gegangen. Agash war bereit gewesen Hymlia auf den Erdboden fallen zu lassen und unter höhnischem Gelächter all die Menschen sterben zu sehen. Doch kurz bevor die Dämonin ihre Drohung auch in die Tat umsetzen konnte, wurden ihre Bewegungen staksig, abgehakt und in ihrem Gesicht entbrannte ein Kampf. Unter einem enormen Kraftakt gelang es Zarrah, die Kontrolle für einen einzigen aber entscheidenden Moment zu erlangen: Sie schenkte Synnover einen letzten Blick, bevor sie von Hymlia's Rand stürzte. Zarrah opferte sich für Synnover's Heimat und wählte den Tod, damit er leben konnte. In Freiheit.

Dieser Moment war das letzte Mal, dass er Zarrah's grüne Augen gesehen hatte. Sie waren alles, was ihm noch blieb. Alles was er brauchte, um die Hoffnung nicht aufzugeben. Während Agasj im Körper der Dunkelelfe fiel, löste sich der unsägliche Sturm auf und schaffte Ruhe im Reich des Himmels. Die Bewohner atmeten auf, die Gefahr war gebannt. Aber Synnover hatte nicht akzeptieren können, dass das Zarrah's Ende sein sollte. Er rief Turok zu sich, schwang sich auf dessen Rücken und stürzte der Frau nach, die einen Platz in seinem Herzen errungen hatte, ohne es jemals gewollt zu haben. Ihr Körper fiel schnell und Synnover konnte Turok nicht energisch genug antreiben. Er flog wohl sein schnellstes Manöver und doch… Zarrah's Körper fiel auf Celcia's Wasser nieder und ihre Knochen zerschellten an dem Aufprall.
Das war nun rund 4 Monate her. Synnover hatte Zarrah's Körper aus den Fluten des Stillen Meeres geborgen und war mit ihr aufs Festland geflogen. In seiner Trauer, seiner Verzweiflung, Zarrah erneut verloren zu haben, bemerkte er nicht, dass er verfolgt wurde. Er ließ Turok freie Hand und der Pegasi flog im ruhigen Tempo bis ins Eisreich. Hier fand Syn vor ungefähr 3,5 Monaten ein kleines Dorf zwischen dem Reich der Dunsthügel und dem Eisreich. Es war nicht sehr groß, aber es reichte und die Menschen dort waren hilfsbereit. Im seiner Not wusste Syn sich nicht anders zu helfen als die Dorfbewohner anzusehen, auf Knien anzuflehen, man möge ihm helfen die Elfe zu retten. Nachdem die Unsicherheit verflogen war, schälte sich ein schlanker Elf aus der Traube und bot ihm an, dass er Zarrah mit Hilfe seiner Eismagie einfror, damit Syn Zeit bekäme, eine Heilung zu finden. Sowohl für ihren Körper als auch für ihren Geist und Agash, von der er nicht wusste, ob sie noch da drin war oder nicht.

Seitdem lag die jüngste der Nachtklingen aufgebahrt in einer Hütte, die man ihm zur Verfügung gestellt hatte und rührte sich nicht. Ihre Haut war überzogen von Eiskristallen und einem blauen Schimmer. Sie wirkte wie aus Porzellan. Aber Synnover musste die schier endlose Suche nach Heilung nicht allein durchstehen: Bei dem Versuch, Zarrah zu retten, war ihm Lariana gefolgt. Die Hymlianerin hatte ihm geschworen, dass sie aufpassen würde, dass er durch Zarrah keinen Schaden nahm. Und sie hatte sich partout geweigert zu gehen. Ob Syn nun froh war, nicht allein zu sein oder er es stoisch akzeptierte wusste nur er. Fakt war, dass er dieses Mal ein Sicherheitsnetz hatte. Denn auch der Eismagier - Yael- war inzwischen ein guter Freund geworden. Yael war anfangs nur alle paar Tage gekommen, um den Eiszauber aufrechtzuerhalten. Aber es stellte sich heraus, dass er ein guter Zuhörer war und angenehm in der Gesellschaft. So wurde aus Syn, Lari und Yael eine eigene, kleine Familie, die sich zusammengetan hatte, um eine Heilung für Zarrah zu finden. Just in dem Moment, da Syn sich abermals an die Geschehnisse erinnerte, kehrte Lari von einer Tour zurück, die sie regelmäßig ins Eisreich unternahm, um Waren zu verkaufen und von dem Geld frische Lebensmittel besorgte. “Ich bin wieder da!’, rief sie und hängte ihre Garderobe auf, so, wie sie es immer tat. Es war zur Routine geworden und schon hörte Syn das Wasser plätschern, als Lari sich wusch. Die bescheidene Hütte war bereits fester Bestandteil von Synnover’s Leben und hier und dort fanden sich Hinweise in der Einrichtung. So lagen einige Kleidungsstücke herum, es gab 2 Schlafzimmer und eine Sitzgelegenheit. In einem der Zimmer lag Zarrah und in dem anderen schliefen Kari und er abwechselnd oder auch gemeinsam- Nur Synnover wusste, wie die Beziehung zu Lari derzeit war. Seine Worte hatte sie nicht vergessen und seine getroffene Wahl auch nicht.
Aber sie hatte auch ehrliche Gefühle für den Hymlianer und in seiner Nähe zu sein war sicher nicht so leicht. Lariana machte sich daran einen Korb abzustellen und wusch einiges an Knollen in dem Wasserbottich ab. “Wir müssen bald das Wasser tauschen…”, sprach sie ohne ihn groß zu meinen. “Was möchtest du heute zum Abendessen?”, fragte sie, während sie schon dabei war, sich darum zu kümmern. Syn konnte durch die Febster auf eine kleine Dorfgemeinschaft schauen, die sich hier ein autarkes Leben aufgebaut hatte. Aussteiger, wie sie sich selbst bezeichneten. Eine bunte Mischung aus allen, die in der Welt sonst keinen Platz fanden. Sie waren freundlich und einige kannte Syn inzwischen auch, aber man blieb höflich distanziert. Bis auf Yael- Der hochgewachsene Magier-Elf kam ohne anzuklopfen in die Hütte und machte es sich bequem. “Yael…, immer wieder eine Freude”, bemerkt Lariana spitz, weil sie sich erschrocken hatte. Yael grinste lausbubenhaft, streckte seine Fellstiefel auf dem Tisch aus und stöhnte wohlig. “Gleichfalls Lari!”, merkte er an und feixte. Dann suchte sein Blick nach Synnover. “Und? Hast du es dir überlegt? Wir können sie nicht ewig hier lagern… wir sollten sie vielleicht in die Eisberge bringen, damit der Zauber hält. Immerhin zehrt das ganz schön an meinen Kräften!”, meinte er und kreiste seine Schultern, als würde er das bildhaft darstellen wollen. Lariana war weiterhin geschäftig in der Küche und brachte dennoch ihre Meinung ein. “Ihr kennt meine Meinung. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob sie das hier übersteht und… so schmerzhaft das ganze ist, wir sollten auch in Betracht ziehen, dass unser Unterfangen Zarrah retten zu wollen scheitert. Vielleicht wäre nach all dem, was sie hat erleiden müssen und nach ihrem Opfer für Hymlia und uns es nur recht und billig, wenn wir sie gehen ließen…”, antwortete sie. Syn kannte ihre Meinung. Lari war ein wenig milder gestimmt im Bezug auf Zarrah, seit jene sich geopfert hatte, damit Agash Hymlia nicht zu Boden riss. Aber sie hatte auch schon seit einiger Zeit versucht, Syn davon zu überzeugen, dass er Zarrah aufgab. Dass er die Suche nach einem Heilmittel für ihre unzähligen, gebrochenen Knochen aufgab. Dass er ihre Seele ehrte, damit sie in Frieden ruhen konnte. Diese Unterhaltung führten sie gewiss nicht zum ersten Mal.. aber - führten sie sie womöglich zum letzten Mal?