Im Feldlager
Verfasst: Dienstag 12. November 2024, 18:03
Einstiegspost
„Er war bestimmt zwei Meter groß – mindestens! Vom Arsch bis zu den Ohren in Plattenrüstung. Und ein Schwert in den Händen, das die Hälfte von euch Pissern nicht einmal heben könnte!“
Wolf schmunzelte leise vor sich hin, als er Rutger beim Reden zuhörte. Er kannte die Geschichte. Sie war bestens einstudiert, jedes Wort perfekt abgewogen und unzählige Male auf seine Wirkung überprüft. Der alte Armbrustschütze hatte sie schon erzählt, als Wolf zum ersten Mal mit ihm am Feuer gesessen hatte. Damals war sein Platz noch bei den „Welpen“ gewesen – den neuen Rekruten, deren Namen niemand interessierte. Zu dieser Zeit hatte Wolf noch am kalten Boden hocken müssen und wurde regelmäßig zum Feuerholzholen verscheucht – immer dann, wenn die Geschichte an Fahrt annahm.
Nun saß er direkt neben Rutger auf dem mit Schafsfellen bedeckten Baumstamm, mit den anderen Veteranen seiner Einheit, ganz nah am Feuer, einen halbvollen Humpen Dünnbier in der einen und seine Pfeife in der anderen Hand. Seine Theresa lehnte schwer gegen seine Unterschenkel, das polierte Holz durch die lodernden Flammen mit einem hypnotisierenden Kampf zwischen Licht und Schatten bespielt. All das kam dem Gefühl von Geborgenheit am nächsten.
„Der Kerl sieht mich dort stehen, mit schlaffer Sehne und Bolzen im Maul, und denkt sich wohl ‚Freundchen, dich hol ich mir als nächsten. Du wirst jetzt halbiert. Nein, geviertelt!‘ “
Die Männer lachten und auch die Welpen grinsten zögerlich. Sie alle hatten Respekt vor Rutger. Nicht etwa, weil er ihre gemeinsamen Abende mit Geschichten wie dieser füllte. Auch seine Erfahrung und hilfreichen Ratschläge, die sie alle schätzten, war nicht der wahre Grund. Sie respektierten ihn, weil er für sie die Zukunft darstellte. Ihre Zukunft, oder zumindest eine Art von Zukunft, die sie sich alle für sich selbst wünschten. Rutger hatte wohl mehr als vierzig Winter erlebt, hatte zahlreiche Gefechte überstanden und das eine oder andere Mal dem Tod ins Auge geblickt. Und er war immer noch hier. Trank sein Bier, rauchte seine Pfeife. Schimpfte lautstark auf den König. Allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz ließ er sich nicht kleinkriegen. Es wirkte fast so, als ob er umso lebhafter werden würde, desto älter er wurde. Rutger war ihnen allen ein Wunder, eine wandelnde Anomalie. Selbst die Offiziere konnten sich seinem Charme nicht entziehen.
„Ich sags euch – Lysanthors Blitz soll mich auf der Stelle niederstrecken, wenn’s nicht so war – ich hatt in acht Sekunden meinen Schuss bereit, das muss mir mal einer nachmachen!“
Wie immer spielte Wolf an dieser Stelle brav mit und rutschte, mit demonstrativem Blick in den sternenvollen Nachthimmel über ihnen, ein Stückchen von Rutger ab. Es folgte ein freundschaftlicher Hieb auf die Schulter und das raue Gelächter der Männer. Mit Ausbleiben der göttlichen Abmahnung fuhr der Soldat fort, den Höhepunkt seiner Geschichte anstimmend.
„Hab‘ Wahnsinnsglück gehabt. Hab‘ ihn genau unter der Achsel erwischt, als er zuschlagen wollte. Hab‘ dann die Armbrust fallen gelassen und mich auf ihn gestürzt - ich hör die Rüstung heute noch scheppern! Dolch vom Gürtel, den Helm vom Kopf gezogen und…!“
Die Soldaten ums Feuer johlten ausgelassen, als sie dem alten Mann zusahen, wie er mit seiner Pfeife wild in der Luft herumstach. Rutger hatte immer schon ein Gespür für Theatralik gehabt. In einem anderen Leben hätte er sich als Gaukler auf den Jahrmärkten eine goldene Nase verdienen können. Oder wäre gar auf den Bühnen des Innenrings mit Blumen beworfen worden. In der Realität war er der Sohn eines Schweinebauern gewesen, der wie die meisten von ihnen den unerwarteten Besuch der Rekrutierer zum Opfer gefallen war. Freiwillige gab es wenige unter ihnen. Zumindest wenige, die es heute immer noch zugaben. Schließlich war es nicht so, dass es nach all den Jahren noch einen Unterschied machen würde.
Rutger beendete seine kleine Einlage und steckte sich die Pfeife wieder in den Mund, die anfeuernden Rufe seiner Kameraden sichtlich genießend. Er setzte sich hin, paffte ein paar Mal, die Glut im Pfeifenkopf beleuchtete sein runzliges Gesicht.
„Erst danach hab‘ ich gemerkt, dass der nicht mal ein Härchen am Kinn hatte. Muss noch am Vortag ein Knappe gewesen sein, so verdammt jung war der. Hätt‘ noch sein ganzes Leben vor sich gehabt, der dumme Junge. Hätt‘ sich ein edles Fräulein beschaffen, ein paar verzogene Gören in die Welt setzen können. Aber jetzt is‘ er tot…“
Die Männer wurden still und die Heiterkeit verschwand allmählich aus ihren Gesichtern. Sie wurden nachdenklich, wie jedes Mal an dieser Stelle. Auch Wolf konnte nicht ohnehin an diejenigen zu denken, die heute nicht bei ihnen am Feuer sitzen konnten. Kameraden. Freunde. Brüder. Es waren so viele, dass er sich an manche Gesichter gar nicht mehr erinnern konnte. Mit der Zeit waren sie zu vagen Schemen geworden, die irgendwo in seinem Gedächtnis vergraben lagen, wie die dazugehörenden Körper in den unmarkierten Massengräbern nahe dem Lager. Wolf war nur zu gut bewusst, dass dieses Schicksal ihnen allen bevorstehen würde. Auch Rutger. Auch ihm selbst.
„Ist noch Bier da?“
Rutger drehte sich nach dem kleinen Fässchen um, dass sie zu sich ans Feuer genommen hatten. Der Zapfhahn war noch offen und tropfte ins Gras. Wie immer war es viel zu wenig gewesen. Wolf reichte ihm seinen Humpen, nicht ohne zuvor seine Pfeife daran auszuklopfen.
„Nimm meins, ich geh schlafen.“
Er stand auf und griff nach Theresa. Die Welpen rutschten artig zur Seite, als er den Kreis um das Lagerfeuer verließ. Augenblicklich wich die Wärme der Flammen der kühlen Nachtluft und ein leiser Wind machte sich bemerkbar. Wolf stapfte durch das Lager, grüßte zwei vorbeigehende Pikeniere und spuckte aus, um den bitteren Geschmack des Biers loszuwerden. Als er bei seinem Zelt angekommen war, zog er den dünnen Stoff beiseite und schlüpfte geduckt durch den Eingang. Vier der Männer, mit denen er sich das Zelt teilte, schienen schon zu schlafen, der fünfte hatte vermutlich Wachdienst. Vorsichtig stieg Wolf über die im Dunkeln nur schwer auszumachenden Leiber, lehnte Theresa an den ihr angestammten Platz und ließ sich auf seiner Schlafstatt nieder. Er verschränkte die Hände hinter den Kopf und starrte hinauf zu dem im Wind flatternden Tuch des Zelts, nutzte es wie so häufig als Leinwand, um den überstandenen Tag Revue passieren zu lassen. Bevor ihm schließlich die Augen zufielen, zog er sich seine Wolldecke bis über das Kinn und drehte sich auf die Seite. Bald schlief er ein.
„Er war bestimmt zwei Meter groß – mindestens! Vom Arsch bis zu den Ohren in Plattenrüstung. Und ein Schwert in den Händen, das die Hälfte von euch Pissern nicht einmal heben könnte!“
Wolf schmunzelte leise vor sich hin, als er Rutger beim Reden zuhörte. Er kannte die Geschichte. Sie war bestens einstudiert, jedes Wort perfekt abgewogen und unzählige Male auf seine Wirkung überprüft. Der alte Armbrustschütze hatte sie schon erzählt, als Wolf zum ersten Mal mit ihm am Feuer gesessen hatte. Damals war sein Platz noch bei den „Welpen“ gewesen – den neuen Rekruten, deren Namen niemand interessierte. Zu dieser Zeit hatte Wolf noch am kalten Boden hocken müssen und wurde regelmäßig zum Feuerholzholen verscheucht – immer dann, wenn die Geschichte an Fahrt annahm.
Nun saß er direkt neben Rutger auf dem mit Schafsfellen bedeckten Baumstamm, mit den anderen Veteranen seiner Einheit, ganz nah am Feuer, einen halbvollen Humpen Dünnbier in der einen und seine Pfeife in der anderen Hand. Seine Theresa lehnte schwer gegen seine Unterschenkel, das polierte Holz durch die lodernden Flammen mit einem hypnotisierenden Kampf zwischen Licht und Schatten bespielt. All das kam dem Gefühl von Geborgenheit am nächsten.
„Der Kerl sieht mich dort stehen, mit schlaffer Sehne und Bolzen im Maul, und denkt sich wohl ‚Freundchen, dich hol ich mir als nächsten. Du wirst jetzt halbiert. Nein, geviertelt!‘ “
Die Männer lachten und auch die Welpen grinsten zögerlich. Sie alle hatten Respekt vor Rutger. Nicht etwa, weil er ihre gemeinsamen Abende mit Geschichten wie dieser füllte. Auch seine Erfahrung und hilfreichen Ratschläge, die sie alle schätzten, war nicht der wahre Grund. Sie respektierten ihn, weil er für sie die Zukunft darstellte. Ihre Zukunft, oder zumindest eine Art von Zukunft, die sie sich alle für sich selbst wünschten. Rutger hatte wohl mehr als vierzig Winter erlebt, hatte zahlreiche Gefechte überstanden und das eine oder andere Mal dem Tod ins Auge geblickt. Und er war immer noch hier. Trank sein Bier, rauchte seine Pfeife. Schimpfte lautstark auf den König. Allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz ließ er sich nicht kleinkriegen. Es wirkte fast so, als ob er umso lebhafter werden würde, desto älter er wurde. Rutger war ihnen allen ein Wunder, eine wandelnde Anomalie. Selbst die Offiziere konnten sich seinem Charme nicht entziehen.
„Ich sags euch – Lysanthors Blitz soll mich auf der Stelle niederstrecken, wenn’s nicht so war – ich hatt in acht Sekunden meinen Schuss bereit, das muss mir mal einer nachmachen!“
Wie immer spielte Wolf an dieser Stelle brav mit und rutschte, mit demonstrativem Blick in den sternenvollen Nachthimmel über ihnen, ein Stückchen von Rutger ab. Es folgte ein freundschaftlicher Hieb auf die Schulter und das raue Gelächter der Männer. Mit Ausbleiben der göttlichen Abmahnung fuhr der Soldat fort, den Höhepunkt seiner Geschichte anstimmend.
„Hab‘ Wahnsinnsglück gehabt. Hab‘ ihn genau unter der Achsel erwischt, als er zuschlagen wollte. Hab‘ dann die Armbrust fallen gelassen und mich auf ihn gestürzt - ich hör die Rüstung heute noch scheppern! Dolch vom Gürtel, den Helm vom Kopf gezogen und…!“
Die Soldaten ums Feuer johlten ausgelassen, als sie dem alten Mann zusahen, wie er mit seiner Pfeife wild in der Luft herumstach. Rutger hatte immer schon ein Gespür für Theatralik gehabt. In einem anderen Leben hätte er sich als Gaukler auf den Jahrmärkten eine goldene Nase verdienen können. Oder wäre gar auf den Bühnen des Innenrings mit Blumen beworfen worden. In der Realität war er der Sohn eines Schweinebauern gewesen, der wie die meisten von ihnen den unerwarteten Besuch der Rekrutierer zum Opfer gefallen war. Freiwillige gab es wenige unter ihnen. Zumindest wenige, die es heute immer noch zugaben. Schließlich war es nicht so, dass es nach all den Jahren noch einen Unterschied machen würde.
Rutger beendete seine kleine Einlage und steckte sich die Pfeife wieder in den Mund, die anfeuernden Rufe seiner Kameraden sichtlich genießend. Er setzte sich hin, paffte ein paar Mal, die Glut im Pfeifenkopf beleuchtete sein runzliges Gesicht.
„Erst danach hab‘ ich gemerkt, dass der nicht mal ein Härchen am Kinn hatte. Muss noch am Vortag ein Knappe gewesen sein, so verdammt jung war der. Hätt‘ noch sein ganzes Leben vor sich gehabt, der dumme Junge. Hätt‘ sich ein edles Fräulein beschaffen, ein paar verzogene Gören in die Welt setzen können. Aber jetzt is‘ er tot…“
Die Männer wurden still und die Heiterkeit verschwand allmählich aus ihren Gesichtern. Sie wurden nachdenklich, wie jedes Mal an dieser Stelle. Auch Wolf konnte nicht ohnehin an diejenigen zu denken, die heute nicht bei ihnen am Feuer sitzen konnten. Kameraden. Freunde. Brüder. Es waren so viele, dass er sich an manche Gesichter gar nicht mehr erinnern konnte. Mit der Zeit waren sie zu vagen Schemen geworden, die irgendwo in seinem Gedächtnis vergraben lagen, wie die dazugehörenden Körper in den unmarkierten Massengräbern nahe dem Lager. Wolf war nur zu gut bewusst, dass dieses Schicksal ihnen allen bevorstehen würde. Auch Rutger. Auch ihm selbst.
„Ist noch Bier da?“
Rutger drehte sich nach dem kleinen Fässchen um, dass sie zu sich ans Feuer genommen hatten. Der Zapfhahn war noch offen und tropfte ins Gras. Wie immer war es viel zu wenig gewesen. Wolf reichte ihm seinen Humpen, nicht ohne zuvor seine Pfeife daran auszuklopfen.
„Nimm meins, ich geh schlafen.“
Er stand auf und griff nach Theresa. Die Welpen rutschten artig zur Seite, als er den Kreis um das Lagerfeuer verließ. Augenblicklich wich die Wärme der Flammen der kühlen Nachtluft und ein leiser Wind machte sich bemerkbar. Wolf stapfte durch das Lager, grüßte zwei vorbeigehende Pikeniere und spuckte aus, um den bitteren Geschmack des Biers loszuwerden. Als er bei seinem Zelt angekommen war, zog er den dünnen Stoff beiseite und schlüpfte geduckt durch den Eingang. Vier der Männer, mit denen er sich das Zelt teilte, schienen schon zu schlafen, der fünfte hatte vermutlich Wachdienst. Vorsichtig stieg Wolf über die im Dunkeln nur schwer auszumachenden Leiber, lehnte Theresa an den ihr angestammten Platz und ließ sich auf seiner Schlafstatt nieder. Er verschränkte die Hände hinter den Kopf und starrte hinauf zu dem im Wind flatternden Tuch des Zelts, nutzte es wie so häufig als Leinwand, um den überstandenen Tag Revue passieren zu lassen. Bevor ihm schließlich die Augen zufielen, zog er sich seine Wolldecke bis über das Kinn und drehte sich auf die Seite. Bald schlief er ein.