[Einstiegspost]
Die Nacht war kalt gewesen, selbst für das Eisreich. Als Finja am Morgen den Handelsposten verlassen hatte, ahnte sie bereits, dass der Himmel klar bleiben und das Tageslicht die Temperatur nur geringfügig erhöhen würde - und genau so war es auch.
Es war gutes Schlittenwetter. Der Schnee hatte eine relativ harte Oberfläche, so dass Anuk kaum einsank und sie selbst auf ihren Schneeschuhen gut voran kam. Sie würde also nicht die ganze Zeit aufpassen müssen und konnte etwas mehr als sonst vielleicht ihren Gedanken nachgehen, während sie liefen. Kälte bedeutete hier Sicherheit, so paradox das auch klingen mochte, denn sie brachte Stabilität in den Schnee und verhinderte das Brechen der Eisfelder.
Die junge Eiselfe hatte gelernt, ihre Aufmerksamkeit zu teilen, wenn sie so wanderte. Der Fellrand ihrer Kapuze schränkte das Sehen ein und Geräusche drangen nur dumpf an die feinen Ohren, doch man lernte mit der Zeit, ungewöhnliche Laute zu erkennen. Sie hatte zudem Glück, denn ihre Augen waren ungewöhnlich scharf und in der Lage Bewegungen in weiter Ferne auszumachen. Alles in allem fühlte Finja sich sicher - vielleicht manchmal etwas zu sehr, doch war ihr auch nie eine ernsthafte Gefahr hier begegnet. Zumindest keine, der sie nicht hätte ausweichen können.
Nichts desto trotz beeilte sie sich, um noch vor dem Mittag zu der Gruppe Eisjäger aufzuschließen, die sie nur knapp verpasst zu haben glaubte. Es war mal wieder typisch und sie ärgerte sich nicht wenig. Sie hatte ihnen gestern abend nicht umsonst gesagt, dass es unsinnig wäre, so früh aufzubrechen. Was hatte man davon, wenn man im Halbdunkel herum stolperte? Nichts, denn die Robben würden ebenso noch nicht zu ihren Jagdplätzen unterwegs sein, jagten sie doch bevorzugt in der Abenddämmerung. Und wenn es zehnmal Tradition war. Es war dumm und sie hatte schließlich verkündet, dass sie keinen Wert darauf legte, dass man sie mitnahm, sie würde dann losziehzen, wenn sie es für richtig hielte.
Ob man sie nun tatsächlich ernst genommen hatte oder eher versuchte, sie zu erziehen? Jedenfalls hatte niemand es für nötig befunden, sie zu wecken. Anuk war beim ersten Tageslicht erwacht und hatte seine Herrin angestupst, bis sie aus ihren Schlummer gerissen worden war. Übertrieben genüsslich hatte sie dann ihren Tee getrunken, bevor sie ihre Ausrüstung gerichtet und sich auf den Weg gemacht hatte. Vielleicht hatte sie sich auch nur eingebildet, dass sie das ein oder andere Grinsen im Gemeinschaftsraum gesehen hatte. Jedenfalls war Finja zu stolz, um sich anmerken zu lassen, dass sie sich ärgerte, den Weg nun allein zurück legen zu müssen. Vor allem hatte sie nun Zeit, sich in Gedanken schon die Bemerkungen und das Gelächter auszumalen, das sie erwartete, wenn sie die Eisjäger einholen würde. Natürlich würde sie kein Wort sagen und so tun, als wäre nichts! Schließlich waren sie ja die Idioten und nicht Finja, die ausgeschlafen und guter Dinge sein würde. Und ihr Jagderfolg, den sie sich gerade für heute fest vorgenommen hatte, sollte ihnen schon das Grinsen aus den Gesichtern treiben.
Solche und noch ähnliche Gedanken gingen der junge Elfe noch lange durch den Kopf, während sie Stunde um Stunde den Spuren der Jäger folgte und sich dabei allmählich den Jagdplätzen der Robben an der Küste des Eiskanals näherte.
Eine einsame Wanderung
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Re: Eine einsame Wanderung
Es war nicht ganz so gelaufen, wie Finja sich das gedacht hatte. Obwohl sie einleuchtende Argumente besaß, für die nächste Robbenjagd erst später aufzubrechen, so hatte sie am Morgen feststellen müssen, dass die anderen Jäger bereits losgezogen waren.
Sehr zu ihrem Missfallen, aber das Wetter war heute wirklich nach ihrem Geschmack. Beständig und die Eisdecke war stabil. Ebenso, wie der noch relativ frische Schnee, der erst gestern gefallen war.
Zur Abwechslung war es schon seit dem Morgen wirklich schön, die blasse Sonne stand recht tief am Himmel und schickte ihre goldenen, wenn auch kaum wärmenden Strahlen über das Eisreich.
Eigentlich gab es für sie keinen Grund, schlechter Laune zu sein, aber sie ärgerte sich doch mehr über die ‘Uneinsichtigkeit’ der Anderen, wie ihr lieb war und wie sie es zugeben würde.
Das keiner sie geweckt hatte, war wohl ebenso durch das gute Wetter zu erklären. Sie wollte spät aufbrechen und ihren Willen bekommen, dann sollte es so sein. Denn durch das hervorragende Wetter, hatte sie keine Schwierigkeiten zur Gruppe später hinzu zu stoßen und die Ältesten in der Gruppe konnten sich sicher sein, dass ihr nichts geschehen würde.
Hätte sie sich also gestern bei Annikó nach dem Wetter erkundigt, wäre ihr die ‘Schmach’, so wie sie es ein wenig empfand, erspart geblieben.
Alles Jammern und Meckern nutzte dennoch nichts, sie musste ihren Weg ‘alleine’ durch die weißen Weiten zurücklegen, ein wenig langweilig, aber sie kam sie wenigstens nicht Drumherum, ihre Fähigkeiten zu schulen.
So wechselte sie zwischen dem Wappen gegenüber des Gelächters der Anderen, dem aufmerksamen Beobachten ihrer Umgebung und dem Genießen des Wetters.
Anuk jedenfalls gefiel dieser Ausflug, für ihn war es weder Arbeit noch eine anstrengenden Tätigkeit. Er genoss den Tag in vollen Zügen und rannte herum, wie ein junger Schneehüpfer. Immer mal wieder hier und dort, jagte er kleinen Verwehungen nach, schnappte nach rutschendem Schnee oder tollte um die Beine seiner Freundin … Tier musste man sein, dann blieben einem die ganzen Gedanken fern. Ein herrlicher Anblick.
Immerhin kam sie heute gut voran, noch etwas Positives, was sie dem Tag abringen konnte und so brauchte sie nicht einmal die Stunden, die sie eingeplant hatte. Schon aus der Ferne konnte sie mit ihrem geübtem Blick die Jäger an der Küste des Eiskanals erblicken. Sie hatten die Gunst des Tages genutzt und sich teilweise bis auf die Schollen hinaus gewagt. Der Wind blies nur ab und an böig vom Meer, dies verhieß gute Chancen, dass sie heute mit reichlich beute heimkehren würden.
Beste Gelegenheit also, dass Finja ebenso ihre Chancen nutzte und wieder einmal ihren Wert unter Beweis stellte. Sie konnte sich sogar überlegen, ob sie heute ausschließlich mit dem Speer jagte oder sich tatsächlich weiter am Fallenstellen versuchte.
Einer der Jäger war, wie immer, zum Wachen abgestellt und winkte ihr nun ausladend zu, da sie sich bis auf 300 Schritt genähert hatte. An der Bewegungen konnte sie eindeutig ihren ältesten Bruder Imion erkennen. Besonders von ihm würde sie sich vermutlich einiges anhören müsse. Sie hatte schon ‘schlimmeres’ überstanden und setzte ihren Weg unbeirrt, festen Schrittes fort. Anuk hingegen hatte es nicht mehr neben seiner Freundin gehalten und stürmte freudig auf den großen Elfen zu, der ihn ebenfalls freundlich begrüßte, sich dann aber wieder gewissenhaft um seine Aufgabe kümmerte.
Wie sie an ihm vorbei kam, schenkte er ihr sein breitestes Grinsen, was heraufbringen konnte.
“Na, Schlafmütze … hast du es auch endlich hier her geschafft?”
Sehr zu ihrem Missfallen, aber das Wetter war heute wirklich nach ihrem Geschmack. Beständig und die Eisdecke war stabil. Ebenso, wie der noch relativ frische Schnee, der erst gestern gefallen war.
Zur Abwechslung war es schon seit dem Morgen wirklich schön, die blasse Sonne stand recht tief am Himmel und schickte ihre goldenen, wenn auch kaum wärmenden Strahlen über das Eisreich.
Eigentlich gab es für sie keinen Grund, schlechter Laune zu sein, aber sie ärgerte sich doch mehr über die ‘Uneinsichtigkeit’ der Anderen, wie ihr lieb war und wie sie es zugeben würde.
Das keiner sie geweckt hatte, war wohl ebenso durch das gute Wetter zu erklären. Sie wollte spät aufbrechen und ihren Willen bekommen, dann sollte es so sein. Denn durch das hervorragende Wetter, hatte sie keine Schwierigkeiten zur Gruppe später hinzu zu stoßen und die Ältesten in der Gruppe konnten sich sicher sein, dass ihr nichts geschehen würde.
Hätte sie sich also gestern bei Annikó nach dem Wetter erkundigt, wäre ihr die ‘Schmach’, so wie sie es ein wenig empfand, erspart geblieben.
Alles Jammern und Meckern nutzte dennoch nichts, sie musste ihren Weg ‘alleine’ durch die weißen Weiten zurücklegen, ein wenig langweilig, aber sie kam sie wenigstens nicht Drumherum, ihre Fähigkeiten zu schulen.
So wechselte sie zwischen dem Wappen gegenüber des Gelächters der Anderen, dem aufmerksamen Beobachten ihrer Umgebung und dem Genießen des Wetters.
Anuk jedenfalls gefiel dieser Ausflug, für ihn war es weder Arbeit noch eine anstrengenden Tätigkeit. Er genoss den Tag in vollen Zügen und rannte herum, wie ein junger Schneehüpfer. Immer mal wieder hier und dort, jagte er kleinen Verwehungen nach, schnappte nach rutschendem Schnee oder tollte um die Beine seiner Freundin … Tier musste man sein, dann blieben einem die ganzen Gedanken fern. Ein herrlicher Anblick.
Immerhin kam sie heute gut voran, noch etwas Positives, was sie dem Tag abringen konnte und so brauchte sie nicht einmal die Stunden, die sie eingeplant hatte. Schon aus der Ferne konnte sie mit ihrem geübtem Blick die Jäger an der Küste des Eiskanals erblicken. Sie hatten die Gunst des Tages genutzt und sich teilweise bis auf die Schollen hinaus gewagt. Der Wind blies nur ab und an böig vom Meer, dies verhieß gute Chancen, dass sie heute mit reichlich beute heimkehren würden.
Beste Gelegenheit also, dass Finja ebenso ihre Chancen nutzte und wieder einmal ihren Wert unter Beweis stellte. Sie konnte sich sogar überlegen, ob sie heute ausschließlich mit dem Speer jagte oder sich tatsächlich weiter am Fallenstellen versuchte.
Einer der Jäger war, wie immer, zum Wachen abgestellt und winkte ihr nun ausladend zu, da sie sich bis auf 300 Schritt genähert hatte. An der Bewegungen konnte sie eindeutig ihren ältesten Bruder Imion erkennen. Besonders von ihm würde sie sich vermutlich einiges anhören müsse. Sie hatte schon ‘schlimmeres’ überstanden und setzte ihren Weg unbeirrt, festen Schrittes fort. Anuk hingegen hatte es nicht mehr neben seiner Freundin gehalten und stürmte freudig auf den großen Elfen zu, der ihn ebenfalls freundlich begrüßte, sich dann aber wieder gewissenhaft um seine Aufgabe kümmerte.
Wie sie an ihm vorbei kam, schenkte er ihr sein breitestes Grinsen, was heraufbringen konnte.
“Na, Schlafmütze … hast du es auch endlich hier her geschafft?”

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Re: Eine einsame Wanderung
Syn kommt von: Welchen Weg soll ich gehen?
Am nächsten Tag brach eine kleine Gruppe Freiwillige noch vor Sonnenaufgang auf. Sie positionierten sich vor der Hütte, die man Synnover überlassen hatte und warteten darauf, dass er erlaubte, Zarrah's Körper in den geschreinerten Sarg zu legen. Das dunkle Holz war schmucklos und sicher einer
Dunkelelfe ihres Standes nicht würdig. Aber das war hier egal. An dem Ort, an dem jeder anonym war, sie alle gleich und vor allem gleichgestellt. Niemand nahm Anstoß an ihrer Herkunft oder daran, dass Synnover tat, was er die letzten Monate getan hatte. Die Menschen, Elfen und gar ein Zwerg waren hier, um die letzte Reise der Elfe zu begleiten und Syn zu helfen, zu tun, was auch immer er tun musste. Niemand stellte Fragen, niemand versuchte, ihm ins Gewissen zu reden. Yael war das einzige bekannte Gesicht. Das von Lariana fehlte. Auch Turok war nicht mehr da, wenngleich der geflügelte Hengst sicher nicht freiwillig seinen Herrn verlassen hatte. Aber das Tier war schon immer feinfühlig gewesen und deshalb war die Bindung zu Syn etwas ganz besonderes. Turok hatte ihn erwählt. Vielleicht würden sie eines Tages einander wiedersehen. Jetzt jedoch begann ein Weg, der vorerst Abschied bedeutete. Der Tross aus vier Sargträgern und zwei Ersatzträgern, die jeweils ein Muli führten setzte sich in Bewegung, sobald Synnover bereit dazu wäre. Yael hatte noch mal eine erneute Schicht Eis über Zarrah gelegt, damit nichts schiefgeht.
Schließlich begann es und die Gruppe lief parallel zum Sonnenaufgang in Richtung Eisreich. Die Nähe dazu war allgegenwärtig. Tatsächlich hatte es in letzter Zeit häufiger geschneit und die Nächte waren mitunter bitter kalt gewesen. Die Sonne, die über dem Meer aufging, das irgendwo zu ihrer Rechten sein musste, hatte in diesem Teil der Welt keine Kraft. Hinter einem schweren Schleier aus Nebelschwaden, erkannte man die Sonne lediglich als matte Scheibe. Der Himmel über ihnen blieb grau und die Stille in den Dunsthügeln konnte bedrückend sein. Lichtete sich der Nebel irgendwann, konnte man jedoch eine recht schöne Landschaft entdecken. Heute aber nicht. Der Weg war uneben, es ging auf und ab und man musste aufpassen, nicht in feuchte Schlammpfützen zu geraten. Während sich die Gruppe durch den Nebel bewegte, leuchteten hier und dort kleine, feine Lichter auf. Irrlichter, wie Syn aus Erzählungen wusste. Sie lockten den Gutgläubigen in eine tödliche Falle und verleibten den Körper in das Habitat ein. Syn hatte einige Schauergeschichten über die Dunsthügel gehört und gelernt, dass Rumdett, die Piratenstadt in der er mit Crystin nach Antworten gesucht hatte, ebenfalls zu erreichen war. Hymlia lag rechter Hand über dem Meer, das wusste er ebenfalls.
Allerdings tat sich dieses Mal keine Himmelstreppe auf, die ihn, den verlorenen Sohn, heimkehren ließ. Nichts geschah in den Stunden der Wanderung. Synnover hatte die Gelegenheit, seinen Gedanken nachzudenken oder mit Yael oder anderen zu sprechen. Niemand würde sich aufdrängen. Auch das war etwas, das in den letzten vier Monaten zeitweise angenehm war. Denn im starken Kontrast dazu hat Lariana immer gestanden. Sie hatte nicht selten erwähnt, wie teilnahmslos dieses kleine Dorf aus Seelen war, die alle vor etwas davon liefen oder deren Herkunft man nicht wissen konnte. Anonymität war nicht ihrs, das hatte sie bereits bewiesen, als Syn ihr zum ersten Mal begegnete. Aber die schwarz-schillernde Welt Morgerias war einer trostlosen Leere gewichen, die Schwermut verursachen konnte. Oder reinigte. Synnover war aus den Fängen der Sklaverei entkommen, um in Hymlia sein wahres Potenzial zu entdecken. Er kratzte die Fassade seines aufgezwungenen Daseins ab und legte Stück um Stück frei, wer er sein wollte. Sein konnte. Es verlangte niemand, dass er sofort alles veränderte. Es reichte, dass er seinen Weg ging und nicht in die Arme vermeintlicher Sicherheit flüchtete.
Sofern Syn das Gespräch suchte, würde er jemandem finden, der es in Gang hielt, ansonsten aber blieb die Männergruppe mit der Frau im Sarg eher wortkarg. Nach einigen guten Stunden in denen das Wetter merklich eine Veränderung durchgemacht und an Temperatur verloren hatte, trat Yael an Syn heran und deutete auf eine weite Ebene vor ihnen. Syn erkannte mit Zwielicht der bereits versunkenen Sonne und zwischen einem beißenden Wind, die sie seit geraumer Zeit begleitete, dass dort eine weiße Einöde herrschte. Der Boden unter seinen Füßen war bereits seit Stunden fest und gefroren, jetzt aber benetzte auch weißes Pulver das einstige Grün des Grases. “Das Eisreich. Jetzt ist es nicht mehr weit”, bemerkte Yael und deutete linker Hand auf einen dunklen Schemen. “Das sind die Eisberge. Dort soll der Eisdrache hausen, dem das Land diese verfluchte Kälte zu verdanken hat. Mistvieh.” Einige Männer lachten leise über diesen Ausbruch an Gefühl, doch dann seufzte Yael. “Nunja. Ohne diesen verdammten Drachen gäbe es mich wohl nicht. Und ich bin großartig, das hättet ihr nicht verpassen wollen.” Wieder brummiges Gelächter, dieses Mal wohl eine Spur gehässiger. “Lasst uns zusehen, dass wir noch Meter machen. Scheiß Kälte. Das mag doch keiner. Nicht mal ich, und ich bin Eismagier!”, rieb sich Yael die Hände und seufzte. “Kann man sich nicht aussuchen. Im nächsten Leben werde ich Feuermagier.” “Damit du dir selbst einheizen kannst?”, kam eine knarzende Stimme seitens der Sargträger. Yael zuckte nur die Schultern und grinste Syn an. “Ob er noch scherzt, wenn ihm seine Eier wegfrieren?”, fragte er Halbleiter den Hymlianer, ehe er einen kleinen Eistrick locker aus dem Handgelenk zeigen wollte und jener nicht lange Bestand hatte. Sorgen mischten sich in das blasse Gesicht des Elfen. “Mist. Wird Zeit, dass wir dein Mädchen in die Berge bringen. Soll der Eisdrache über sie wachen..”, murmelte er und setzte mit einem Klopfen auf Syn's Schulter den Weg fort.
Am nächsten Tag brach eine kleine Gruppe Freiwillige noch vor Sonnenaufgang auf. Sie positionierten sich vor der Hütte, die man Synnover überlassen hatte und warteten darauf, dass er erlaubte, Zarrah's Körper in den geschreinerten Sarg zu legen. Das dunkle Holz war schmucklos und sicher einer
Dunkelelfe ihres Standes nicht würdig. Aber das war hier egal. An dem Ort, an dem jeder anonym war, sie alle gleich und vor allem gleichgestellt. Niemand nahm Anstoß an ihrer Herkunft oder daran, dass Synnover tat, was er die letzten Monate getan hatte. Die Menschen, Elfen und gar ein Zwerg waren hier, um die letzte Reise der Elfe zu begleiten und Syn zu helfen, zu tun, was auch immer er tun musste. Niemand stellte Fragen, niemand versuchte, ihm ins Gewissen zu reden. Yael war das einzige bekannte Gesicht. Das von Lariana fehlte. Auch Turok war nicht mehr da, wenngleich der geflügelte Hengst sicher nicht freiwillig seinen Herrn verlassen hatte. Aber das Tier war schon immer feinfühlig gewesen und deshalb war die Bindung zu Syn etwas ganz besonderes. Turok hatte ihn erwählt. Vielleicht würden sie eines Tages einander wiedersehen. Jetzt jedoch begann ein Weg, der vorerst Abschied bedeutete. Der Tross aus vier Sargträgern und zwei Ersatzträgern, die jeweils ein Muli führten setzte sich in Bewegung, sobald Synnover bereit dazu wäre. Yael hatte noch mal eine erneute Schicht Eis über Zarrah gelegt, damit nichts schiefgeht.
Schließlich begann es und die Gruppe lief parallel zum Sonnenaufgang in Richtung Eisreich. Die Nähe dazu war allgegenwärtig. Tatsächlich hatte es in letzter Zeit häufiger geschneit und die Nächte waren mitunter bitter kalt gewesen. Die Sonne, die über dem Meer aufging, das irgendwo zu ihrer Rechten sein musste, hatte in diesem Teil der Welt keine Kraft. Hinter einem schweren Schleier aus Nebelschwaden, erkannte man die Sonne lediglich als matte Scheibe. Der Himmel über ihnen blieb grau und die Stille in den Dunsthügeln konnte bedrückend sein. Lichtete sich der Nebel irgendwann, konnte man jedoch eine recht schöne Landschaft entdecken. Heute aber nicht. Der Weg war uneben, es ging auf und ab und man musste aufpassen, nicht in feuchte Schlammpfützen zu geraten. Während sich die Gruppe durch den Nebel bewegte, leuchteten hier und dort kleine, feine Lichter auf. Irrlichter, wie Syn aus Erzählungen wusste. Sie lockten den Gutgläubigen in eine tödliche Falle und verleibten den Körper in das Habitat ein. Syn hatte einige Schauergeschichten über die Dunsthügel gehört und gelernt, dass Rumdett, die Piratenstadt in der er mit Crystin nach Antworten gesucht hatte, ebenfalls zu erreichen war. Hymlia lag rechter Hand über dem Meer, das wusste er ebenfalls.
Allerdings tat sich dieses Mal keine Himmelstreppe auf, die ihn, den verlorenen Sohn, heimkehren ließ. Nichts geschah in den Stunden der Wanderung. Synnover hatte die Gelegenheit, seinen Gedanken nachzudenken oder mit Yael oder anderen zu sprechen. Niemand würde sich aufdrängen. Auch das war etwas, das in den letzten vier Monaten zeitweise angenehm war. Denn im starken Kontrast dazu hat Lariana immer gestanden. Sie hatte nicht selten erwähnt, wie teilnahmslos dieses kleine Dorf aus Seelen war, die alle vor etwas davon liefen oder deren Herkunft man nicht wissen konnte. Anonymität war nicht ihrs, das hatte sie bereits bewiesen, als Syn ihr zum ersten Mal begegnete. Aber die schwarz-schillernde Welt Morgerias war einer trostlosen Leere gewichen, die Schwermut verursachen konnte. Oder reinigte. Synnover war aus den Fängen der Sklaverei entkommen, um in Hymlia sein wahres Potenzial zu entdecken. Er kratzte die Fassade seines aufgezwungenen Daseins ab und legte Stück um Stück frei, wer er sein wollte. Sein konnte. Es verlangte niemand, dass er sofort alles veränderte. Es reichte, dass er seinen Weg ging und nicht in die Arme vermeintlicher Sicherheit flüchtete.
Sofern Syn das Gespräch suchte, würde er jemandem finden, der es in Gang hielt, ansonsten aber blieb die Männergruppe mit der Frau im Sarg eher wortkarg. Nach einigen guten Stunden in denen das Wetter merklich eine Veränderung durchgemacht und an Temperatur verloren hatte, trat Yael an Syn heran und deutete auf eine weite Ebene vor ihnen. Syn erkannte mit Zwielicht der bereits versunkenen Sonne und zwischen einem beißenden Wind, die sie seit geraumer Zeit begleitete, dass dort eine weiße Einöde herrschte. Der Boden unter seinen Füßen war bereits seit Stunden fest und gefroren, jetzt aber benetzte auch weißes Pulver das einstige Grün des Grases. “Das Eisreich. Jetzt ist es nicht mehr weit”, bemerkte Yael und deutete linker Hand auf einen dunklen Schemen. “Das sind die Eisberge. Dort soll der Eisdrache hausen, dem das Land diese verfluchte Kälte zu verdanken hat. Mistvieh.” Einige Männer lachten leise über diesen Ausbruch an Gefühl, doch dann seufzte Yael. “Nunja. Ohne diesen verdammten Drachen gäbe es mich wohl nicht. Und ich bin großartig, das hättet ihr nicht verpassen wollen.” Wieder brummiges Gelächter, dieses Mal wohl eine Spur gehässiger. “Lasst uns zusehen, dass wir noch Meter machen. Scheiß Kälte. Das mag doch keiner. Nicht mal ich, und ich bin Eismagier!”, rieb sich Yael die Hände und seufzte. “Kann man sich nicht aussuchen. Im nächsten Leben werde ich Feuermagier.” “Damit du dir selbst einheizen kannst?”, kam eine knarzende Stimme seitens der Sargträger. Yael zuckte nur die Schultern und grinste Syn an. “Ob er noch scherzt, wenn ihm seine Eier wegfrieren?”, fragte er Halbleiter den Hymlianer, ehe er einen kleinen Eistrick locker aus dem Handgelenk zeigen wollte und jener nicht lange Bestand hatte. Sorgen mischten sich in das blasse Gesicht des Elfen. “Mist. Wird Zeit, dass wir dein Mädchen in die Berge bringen. Soll der Eisdrache über sie wachen..”, murmelte er und setzte mit einem Klopfen auf Syn's Schulter den Weg fort.




