Aeneira besaß ein wirklich bemerkenswertes Talent dafür, selbst noch zwischen dem Rücken eines Stuhls und seiner Sitzfläche eine Gelegenheit zur Ungehörigkeit zu finden. Themis hatte die Bewegung ihrer jüngeren Schwester aus dem Augenwinkel natürlich wahrgenommen, dieses betont umständliche Hinabgleiten, das Rascheln ihres dunkelvioletten Kleides und schließlich die allzu vertraute Stimme, die sich dicht an ihr Ohr schmiegte. So süß, so honigweich, dass man beinahe hätte vergessen können, wie wenig Süße für gewöhnlich hinter ihren Worten steckte. „Wenn du nur hin und wieder die Beine ein wenig breit machen würdest, wüsstest du, dass selbst das langweiligste Vorspiel es wert ist, es durchzustehen.“
Oh. Nun, das war ... Themis hielt mitten in ihrer Bewegung inne, kaum länger als einen flüchtigen Wimpernschlag lang, ehe sie sich ebenfalls vollends auf ihrem Stuhl niederließ, doch dieser winzige Augenblick genügte bereits, um ihr die eigene Verlegenheit unangenehm bewusst werden zu lassen. Eine verräterische Wärme stieg ihr in den Nacken, hinauf bis in die feinen Ohrspitzen, glücklicherweise unter den kunstvoll gesteckten Strähnen ihres silberweißen Haares verschwindend. Man sah es ihr nicht an. Hoffentlich. Allerdings war die bloße Tatsache, dass sie überhaupt verlegen darüber reagierte, bereits ärgerlich genug. Bei Manthala, kannte Aeneira denn wirklich gar kein Schamgefühl?
Es gab tatsächlich wenige Dinge, die Themis derart zuverlässig das Gefühl vermittelten, nicht recht in die Gesellschaft zu passen, in die sie hineingeboren worden war, wie die bemerkenswerte Unbefangenheit, mit der andere über körperliche Vergnügungen sprachen. In Morgeria verhielt man sich diesbezüglich selten zimperlich – und Themis war immerhin keine weltfremde Klosterschülerin. Sie hatte genug gehört, genug gelesen und gewiss genug gesehen, um über die Gepflogenheiten ihrer Gesellschaft ausreichend unterrichtet zu sein. Theoretisch jedenfalls. Praktisch ... Nun. Themis senkte räuspernd die Lider, während sie eine kaum vorhandene Falte ihres Kleides glattstrich. Es war nicht so, als hätte sie niemals Neugierde empfunden, als wäre sie gänzlich unempfänglich für die Schönheit eines ansprechenden Gesichts, eine angenehme Stimme oder jene flüchtigen Augenblicke gewesen, in denen ein Blick ein wenig länger verweilte, als die Höflichkeit eigentlich verlangte. Aber zwischen derlei Empfindungen und der Vorstellung, jemanden tatsächlich so nahe an sich heranzulassen, dass nicht einmal Stoff und Haltung einen schützenden Abstand wahrten, lag für Themis ein Unterschied, den sie selbst nie recht zu überbrücken gewusst hatte. Nähe war ihr niemals als etwas Selbstverständliches begegnet und Berührungen in ihrem Leben viel häufiger mit Anweisungen, Zurechtweisungen oder der Prüfung ihres Äußeren verbunden gewesen als mit Zärtlichkeit. Und selbst dort, wo sie sich nach Letzterer gesehnt hatte, war ihr das Eingeständnis dieses Bedürfnisses stets eigentümlich schwergefallen. Dass sie in ihrem Alter noch immer Jungfrau war, machte die Angelegenheit freilich nicht gerade einfacher.
Nun war es nicht so, dass sie sich ausdrücklich dafür schämte. Zumindest redete sie sich das gern ein. Es war schließlich kein Vergehen, kein Makel ihrer Erziehung und gewiss auch kein Beweis irgendeiner Unzulänglichkeit. Dennoch wusste Themis, wie eigentümlich ihre Zurückhaltung in den Augen mancher Angehöriger ihres Standes wirken musste.
Ihre Hände kamen ruhig auf ihrem Schoß zu liegen, ihre Schultern sanken in jene makellose Haltung zurück, die Velyra ihr über Jahrzehnte hinweg eingeprägt hatte, und als sie ihren Blick schließlich über den gedeckten Tisch wandern ließ, war von der unangenehmen Wärme in ihrem Nacken nichts mehr zu erkennen. Jedenfalls hoffte sie das. Eine Erwiderung blieb sie ihrer Schwester in diesem Punkt wohl schuldig, immerhin hatte sie selbst keineswegs vor, das Gespräch zu vertiefen. Schon gar nicht, während sie hier saßen, ihre Tante nur wenige Plätze entfernt und vor ihnen ein Festsaal voller Menschen, die sich mit einer geradezu bewundernswerten Hingabe der Aufgabe widmeten, aus den Angelegenheiten anderer möglichst viel Vergnügen zu ziehen.
Ohnehin beanspruchte besagte Umgebung bereits mehr Aufmerksamkeit, als ihr lieb sein konnte. Der Saal hatte sich verändert, seit sich die Gäste an den Tafeln niederließen. Aus dem zuvor beinahe ziellos wirkenden Gewirr höfischer Begegnungen war eine Ordnung entstanden, die nach außen hin vollkommen natürlich erschien und deren sorgfältige Berechnung Themis doch an jeder Kleinigkeit ablesen konnte. Die Gespräche waren leiser geworden, hatten sich in kleinere Kreise aufgeteilt. Hier beugte sich ein älterer Adeliger zu seiner Tischnachbarin, dort wurde ein Kelch angehoben, ein Lächeln erwidert, ein leises Lachen hinter vorgehaltener Hand erstickt. Silberbesteck schimmerte auf dunklem Tischzeug. Die langen Reihen polierter Gefäße spiegelten die Lichter wider, bis die gedeckten Tafeln beinahe wie schmale Flüsse aus schwarzem Wasser und flüssigem Silber wirkten. Dazwischen glitten Diener hindurch, füllten nach, rückten zurecht, verschwanden wieder.
Und dann war da natürlich noch Manvarián. An dessen Platz hatte sie ihre Aufmerksamkeit zuvor nur kurz verweilen lassen, doch nun, da sie wusste, wo er saß, erwies es sich als erstaunlich schwierig, nicht in seine Richtung zu sehen. Nicht, weil er sie derart faszinierte. So weit würde sie gewiss nicht gehen! Aber er war ihr immer noch ein Rätsel, und Themis mochte keine Rätsel, deren Lösung sie nicht wenigstens ein Stückchen näherkam, also erlaubte sie sich, während ihre Finger gedankenverloren den Fuß ihres Kelches berührten, einen weiteren flüchtigen Blick. Er unterhielt sich mit der älteren Dame an seiner Seite; jener mit den vielen Smaragden. Offenbar hatte er gerade etwas Amüsantes gesagt, denn das Lachen der Frau trug sich vernehmlich über die nächsten Plätze hinweg. Themis hob hierbei kaum merklich die Brauen. Nun, es schien ihm jedenfalls nicht schwerzufallen, auch andernorts angenehme Gesellschaft zu sein. Sie beobachtete, wie er lächelte, wie er sich nicht etwa bemüßigt fühlte, das eigene Amüsement ebenso großzügig zur Schau zu stellen, sondern es bei jener zurückhaltenden, beinahe wissenden Regung seiner Mundwinkel beließ, die sie bereits aus ihrem Gespräch kannte. Auch seiner Nachbarin gegenüber also diese wohldosierte Freundlichkeit. Interessant.
Themis war gerade dabei, ihre Aufmerksamkeit wieder den übrigen Gästen zuzuwenden, als sie bemerkte, wie seine Finger das Glas umfassten. Er hob es nicht sofort an die Lippen, sondern drehte es langsam zwischen ihnen. Einmal. Ein zweites Mal. Dann ein drittes. Schließlich, als er den Kelch anhob, hob sich zugleich sein Blick. Ohne Umweg. Ohne jenes tastende Suchen, das man einem Zufall hätte zuschreiben können. Für einen kurzen Augenblick trafen seine violetten Augen auf ihre. Themis wandte den Blick ab, ließ ihre Aufmerksamkeit möglicherweise ein wenig zu abrupt, zu hastig weiterziehen, mit klopfendem Herzen darum bemüht, so zu wirken, als hätte sie lediglich ihren höfischen Pflichten entsprechend geprüft, ob es den Gästen an etwas mangelte. Ein helles, durchdringendes Klingen ersparte ihr glücklicherweise weitere Überlegungen.
Themis hob den Kopf, während sich beinahe augenblicklich die Stimmung im Saal veränderte, natürlich mit jener eingespielten Selbstverständlichkeit, die verriet, wie gründlich die Anwesenden in den Regeln solcher Zusammenkünfte unterwiesen worden waren. Gespräche verstummten, Stühle wurden zurückgeschoben, Kleidungsstücke gerichtet. Auch Themis erhob sich, strich mit einer weiteren beiläufigen Bewegung den dunklen Stoff über ihrer Hüfte glatt und nahm jene Haltung ein, die man von ihr erwartete. Gerade. Aufmerksam. Den Kopf weder zu hoch noch zu tief getragen. Ihr Blick fand ihre Mutter, die sich nun an die versammelten Gäste wandte.
Themis kannte diesen Anblick; die feierliche Würde, das wohlgesetzte Lächeln, die ruhige Gewissheit, mit der ihre Mutter den Blick durch den Saal schweifen ließ. Es war geradezu bewundernswert, wie mühelos sie es verstand, jedem Anwesenden für den Bruchteil eines Augenblicks das Gefühl zu vermitteln, ausschließlich seinetwegen hier zu stehen. Als hätte sie auf jeden Einzelnen gewartet. Als bedeutete ihr das Erscheinen all dieser Menschen tatsächlich etwas anderes als die Aussicht auf Bündnisse, Einfluss, Gefälligkeiten und jene gesellschaftliche Anerkennung, deren Verlust das Haus Tel-Tyvirr wohl schwerer ertragen hätte als den Verlust noch weiterer Reichtümer. Themis lauschte. Sie hätte die Worte beinahe selbst sprechen können, so vertraut waren ihr die Wendungen, die schmeichelnden Bekundungen, die sorgsam gewählten Pausen. Dennoch achtete Themis in diesem Moment auf weit mehr als bloß den Klang. Sie verfolgte die Richtung einzelner Blicke, verharrte auf jenen Gäste, die das Lächeln ihrer Mutter besonders eifrig erwiderten. Achtete auf die Frau mit den Smaragden, auf die älteren Vertreter der eingesessenen Häuser und auch auf Saelith neben ihr, deren Geburtstag all diesen Aufwand erst ermöglichte. Ein Fest zu Ehren ihrer Erstgeborenen. Ein wunderschöner Anlass. Beinahe hätte man ihn glauben können.
Als ihre Mutter den Kelch erhob, tat Themis es ihr gleich. Sie trank einen kleinen Schluck, senkte das Glas wieder und erwartete bereits die nächste Wendung des Abends. Dass ihr Vater die Opfergabe leiten würde, überraschte sie nicht. Naereth Tel-Tyvirr hatte sich sein Leben lang mit religiösen Pflichten umgeben, mit Gebeten, mit alten Überlieferungen, mit der gewissenhaften Einhaltung jener Rituale, die ihm offenbar leichter fielen als die weniger feierlichen Verpflichtungen eines Vaters. Themis dachte das ohne besondere Bitterkeit – es war keine neue Erkenntnis, nur eine jener Wahrheiten, an denen man sich lange genug gestoßen hatte, bis ihre Kanten irgendwann vertraut geworden waren. Sie verfolgte, wie er an ihnen vorbeischritt. Die Gewandung in schweren, makellosen Linien fallend, seine Miene feierlich, beinahe entrückt. Kein überflüssiger Blick, keine beiläufige Geste, nichts an ihm erinnerte in diesem Augenblick an den zurückhaltenden Mann, der in den eigenen Räumen oft so bemerkenswert wenig Raum einzunehmen verstand. Hier war er Priester, eine Stimme vor den Göttern. Ein Mann Faldors, dem Aufmerksamkeit nicht nur gewährt, sondern geschuldet wurde.
Themis wandte sich ein Stück, um ihm bis zur geöffneten Gartentür folgen zu können.
Draußen hatte sich die Dunkelheit längst über das Anwesen gelegt. Die letzten Reste des Tages waren einem tiefen, beinahe samtigen Blau gewichen, in dem sich bereits die ersten Sterne zeigten. Dann erklangen auch schon die ersten Worte des Gebets. Altes Lerium, in einer Form, wie Themis es im gewöhnlichen Gespräch kaum je zu hören bekam. Die Silben flossen schwer und getragen ineinander, manche durchaus vertraut, andere hingegen so ehrwürdig überliefert, dass ihre ursprüngliche Bedeutung hinter Jahrhunderten verschwunden schien. Sie kannte den Ablauf. Kannte die Anrufungen, den Wechsel der Betonung, das geduldige Anschwellen der Stimme ihres Vaters, wenn sich das Gebet seinem Höhepunkt näherte. Es war nicht das erste Mal, dass sie einer Opfergabe beiwohnte, und gewiss würde es nicht das letzte sein, dennoch senkte auch sie für einen Augenblick die Lider. Manthala. Die Göttin lag ihr näher als die ganze Pracht dieser faldorischen Zeremonie. Nicht, weil sie Manthalas Bruder geringgeschätzt hätte, sondern weil sie sich der Göttin der Nacht auf andere Weise verbunden fühlte als durch große Worte, Feuerbecken und kostbares Öl. Manthala gehörten die stillen Stunden, die verschwiegenen Bitten, die Gedanken, die Themis niemandem anzuvertrauen wagte. Die Dunkelheit war nicht immer freundlich, sie verbarg schließlich ebenso viele Grausamkeiten wie Möglichkeiten. Aber sie gab manchen Dingen wenigstens einen Ort, an dem sie vor fremden Augen bestehen durften. Themis formte kein hörbares Gebet, sie bat nicht um Reichtum, nicht um den Fortbestand ihres Hauses, obwohl sie wusste, dass genau dies von ihr erwartet worden wäre. Sie bat auch nicht um eine glückliche Wendung des Abends. Was hätte eine solche Bitte bedeuten sollen, solange sie noch nicht einmal wusste, für wen dieser Abend glücklich enden sollte?
Nein, sie bat, worum sie häufig bat – um Führung. Dann, als sie die Augen wieder vollständig öffnete, ruhte ihr Blick auf ihrem Vater. Seine Stimme hatte an Festigkeit gewonnen, das Licht der bereitgehaltenen Fackel zeichnete warme Reflexe auf die Gesichter der nächststehenden Priester. Im Öl des großen Beckens zitterte das Spiegelbild des Nachthimmels, ehe die Fackel gesenkt wurde. Themis beobachtete, wie das Feuer erwachte. Zuerst war es nur jene vertraute, beinahe feierliche Bewegung der Flammen, die sich über das geweihte Öl ausbreiteten und das Becken in warmes Licht tauchten. Doch als ihr Vater die nächste Geste vollführte, geschah etwas, das selbst Themis für einen Augenblick den Atem stocken ließ. Ein scharfes Zischen. Dann schossen die Flammen empor. Höher, als sie es erwartet hatte. Bedeutend höher. Blau und Grün brachen unvermittelt durch das flackernde Gold, wanden sich umeinander, leckten in die Dunkelheit wie aufgeschreckte, hungrige Geschöpfe. Das Licht warf harte Schatten über die Steinflächen des Gartens – ließen ihren Vater für einen kurzen, unwirklichen Augenblick nur noch als schwarzen Umriss erkennen.
Verborgen in den Falten ihres Gewandes, schlossen sich Themis' Finger unwillkürlich fester ineinander. Sie spürte, wie ihre Schultern sich versteiften. Dabei war es nicht allein die plötzliche Hitze oder das erschrockene Raunen der Gäste. Es war die abrupte Veränderung, dieses eine unvorhergesehene Ereignis in einem Ablauf, der bis dahin so sorgfältig geordnet gewesen war, dass selbst der kleinste Fehler hätte auffallen müssen. Und Fehler, das wusste Themis nur zu gut, blieben im Hause Tel-Tyvirr selten ohne Folgen.
„Da kriegt jemand Ärger!“ Themis wandte der Jüngeren nicht einmal den Kopf zu. Zu sehr war sie damit beschäftigt, das Geschehen zu verfolgen. Wer hatte das Öl bereitgestellt? Wer das Pulver? Wer würde später erklären müssen, weshalb die Flammen höher geschlagen waren als gewöhnlich? Und vor allem: Würde es irgendjemanden interessieren, ob der Betreffende tatsächlich einen Fehler begangen hatte? Denn so viel wusste Themis bereits aus eigener Erfahrung: Für ihre jüngere Schwester war Ärger ein hübsches Wort - ein kleines, heiteres Versprechen auf das Unglück eines anderen. Für einen jungen Priester, einen Diener oder irgendeinen unglücklichen Gehilfen konnte dasselbe Wort jedoch eine gänzlich andere Bedeutung haben. Themis hatte früh genug gelernt, wie weit die Auslegung eines Fehlers reichte, sobald jemand Mächtigeres beschloss, daran ein Beispiel zu statuieren.
Als Naereth schließlich den Segen Faldors und Manthalas verkündete, senkte Themis den Kopf in angemessener Ehrfurcht. Immerhin, es war geradezu bemerkenswert, wie schnell sich eine Unregelmäßigkeit in vollkommene Ordnung zurückverwandeln ließ, wenn nur genügend Menschen ein Interesse daran hatten, sie zu vergessen. Die Gäste nahmen das Ende der Zeremonie an, als habe es sich um nichts anderes als einen besonders eindrucksvollen Abschluss gehandelt. Erste Stimmen regten sich wieder. Die große Gartentür wurde geschlossen, und mit ihr verschwand auch die unmittelbare Nähe des Feuers. Zurück blieb nur ein flüchtiger Geruch nach erhitztem Öl, der sich zwischen die schweren Düfte des Weins und der bald aufgetragenen Speisen mischte. Die Aufmerksamkeit des Saals landete folglich erneut auf ihrer Mutter, die mit einem bestimmten Klatschen das Festmahl eröffnete.
Kaum war die letzte Unruhe verklungen, begann sich vor ihnen jener Überfluss auszubreiten, für den das Haus Tel-Tyvirr einst berühmt gewesen war – und den es sich ganz offenbar auch heute noch nicht nehmen lassen wollte. Gang um Gang wurde aufgetragen, jeder prächtiger als der vorherige, auf schweren Silberplatten, in kunstvoll geschliffenen Schalen aus dunklem Kristall und unter glänzenden Hauben, die von den Dienern mit feierlicher Sorgfalt gelüftet wurden. Den Anfang machten kleine, erlesen angerichtete Köstlichkeiten: in duftender Kräuterbutter geschwenkte Waldpilze, hauchdünne Scheiben geräucherten Fleisches, mit würziger Pastete gefülltes Gebäck und dunkle, beinahe schwarze Brote, deren Kruste unter der Berührung eines Messers verheißungsvoll knackte. Daraufhin folgten zarte Fischfilets in einer hellen, mit kostbaren Gewürzen verfeinerten Sauce, ehe schließlich die eigentlichen Prunkstücke des Abends erschienen: gewaltige Braten von Wild und Geflügel, deren glänzende, mit Honig und Gewürzen glasierte Haut im Licht der Lampen schimmerte, begleitet von geschmorten Wurzeln, süßlich eingelegten Früchten und schweren, beinahe schwarzen Weinsaucen, deren Duft sich hervorragend mit jenem des Dämmerrosenweins vermischte. Selbst die später gereichten Süßspeisen standen dem in nichts nach. Zarte, mit Buttercreme gefüllte Teigtaschen, kostbare Nüsse in glänzendem Zucker und kleine, mit hauchdünnen Silberblättchen verzierte Küchlein ließen kaum einen Zweifel daran, dass man an diesem Abend nicht bloß satt werden, sondern beeindruckt sein sollte. Und beeindruckt waren sie, die Gäste, wie Themis den zunehmend angeregten Gesprächen, den anerkennenden Blicken und gelegentlichen Ausrufen des Entzückens entnehmen konnte. Sie selbst hielt sich beim Essen selbstverständlich zurück. Nicht etwa, weil ihr die Speisen nicht mundeten; oh, ganz im Gegenteil, manches war von einer Qualität, die selbst jemand wie sie selten auf dem Tisch ihrer Familie gesehen hatte. Doch das eng geschnürte Mieder ließ ohnehin wenig Raum für ausgiebige Völlerei, und Themis hatte niemals zu jenen gehört, die sich bereitwillig einem Übermaß hingaben. Sie nahm von allem ein wenig, eben so, wie es sich gehörte, kostete mit angemessener Wertschätzung und ließ sich weder zu gierigem Zugreifen noch zu demonstrativer Enthaltsamkeit hinreißen. Auch an den Tischgesprächen beteiligte sie sich, zumindest dort, wo es angebracht erschien, mit jener sanften, beinahe unaufdringlichen Gewandtheit, die man ihr über viele Jahre hinweg anerzogen hatte. Ein freundliches Wort über die ausgezeichnete Zubereitung, eine höfliche Nachfrage, eine wohlgesetzte Bemerkung zu einer der vorgetragenen Anekdoten; nie zu viel, nie zu wenig, gerade genug, um aufmerksam und angenehm in Erinnerung zu bleiben, ohne selbst den Mittelpunkt eines Gesprächs an sich zu reißen.
Und der Vertreter des Hauses Manvarián? Nun, sie beobachtete ihn freilich nicht, vermutete aber, dass er sich im Laufe des Festmahls wohl ebenso mühelos in die Gesellschaft einfügte, wie Themis es auf ihre eigene, zurückhaltendere Weise tat. Während sie sich ihren Schwestern, den übrigen Familienmitgliedern und den wechselnden Tischgesprächen widmete, war er allem Anschein nach nicht weniger damit beschäftigt, den Abend in angenehmer Gesellschaft zu verbringen. Sie wechselten keine Worte, und zumindest Themis suchte auch nicht ausdrücklich nach seinen Blicken, doch wenn ihre Aufmerksamkeit gelegentlich doch mal über den mittleren Tisch wanderte, geschah dies mit derselben beiläufigen Freundlichkeit, die sie auch allen übrigen Anwesenden entgegenbrachte. Jedenfalls redete sie sich das ein. Es war schließlich nichts Ungewöhnliches daran, sich der Anwesenheit eines Gastes bewusst zu bleiben, mit dem man zuvor einige Worte gewechselt hatte. Schon gar nicht, wenn dieser Gast einem seinen Namen vorenthielt, mit einer Tanzaufforderung kokettierte und anschließend die Dreistigkeit besaß, sich wieder vollkommen unbeschwert seinen eigenen Angelegenheiten zu widmen. So schmunzelte sie also, wo es angebracht erschien, lauschte den Gesprächen, genoss in bescheidenem Maße die Köstlichkeiten und erlaubte sich hierbei nicht ein einziges Mal, den Kopf ausdrücklich nach ihm zu wenden. Die einzelnen Gänge vergingen in beinahe vollkommener Nichtbeachtung. Beinahe, wohlgemerkt. Denn so viel Mühe Themis sich auch gab, den Mann aus ihren Gedanken zu verbannen, so hätte sie doch jederzeit und ohne nachzusehen sagen können, wo genau zwischen all den Gästen das dunkle Violett seiner Gewandung zu finden war.