Nachtblau und Rosenwein
Verfasst: Sonntag 19. Juli 2026, 11:30
Einstiegspost
Es war erstaunlich, wie viel Mühe es kostete, unsichtbar zu bleiben. Themis hielt sich bewusst am Rand des Saales platziert, dort, wo das Gedränge geringer ausfiel. Wo auch die Gespräche nicht ganz so eng um einen herum zusammenschlugen. Dort, wo eine zweite Tochter Tel-Tyvirrs eben stehen durfte, ohne dass ihr Platz seltsame Fragen aufgeworfen hätte – sichtbar genug, um der Familie keine Schande zu machen, zurückhaltend genug, um nicht als eigentlicher Teil der Inszenierung verstanden zu werden. Um auch keinen Teil jener Aufmerksamkeit zu rauben, die an diesem Abend einzig und allein Saelith zustand.
Die dunklen Hallen Tel-Tyvirrs hatte man dem Anlass entsprechend herausgeputzt; über den hohen Spitzbögen des Festsaales brannten hunderte kleine Lichter in schmalen, geschwärzten Glasampullen. Ein fahles, mondähnliches Glimmen, das über polierten Stein kroch und sich in den zarten Silberstickereien all ihrer Banner verfing. Selbst zwischen den Säulen hingen die schweren Bahnen aus nachtblauer Seide, so dunkel, dass sie beinahe schwarz wirkten; die Zeichen des Hauses Tel-Tyvirr in silbernem Garn prangten darauf, vielfach wiederholt, stolz und unnachgiebig, als könne das Wappen allein verbergen, wie dünn der Boden unter ihren Füßen geworden war. Themis jedoch stand am Rand des sorgfältig erschaffenen Glanzes und wusste, wie teuer er gewesen sein musste.
Aufmerksam glitt ihr Blick über die gedeckten Tische, über die Schalen mit den bleichen Früchten aus fernen Kavernenhainen, über die Platten mit den kunstvoll angerichteten Speisen, an denen sich heute niemand wirklich sattessen würde. All das war Zeichen. Andeutung. Behauptung. Man zeigte, dass Tel-Tyvirr geben konnte. Dass Tel-Tyvirr noch immer Gastgeber war und immer noch genügend Einfluss besaß, um andere Häuser in seine Hallen zu laden und sie warten zu lassen, bis die Matriarchin sprach.
Offiziell lud das Haus zu Saeliths Geburtstag. Nun, so hieß es zumindest. Eine Feierlichkeit, dem Aufwand würdig genug. Und vielleicht stimmte das sogar. Vielleicht war dieser Abend tatsächlich nichts weiter als eine Feier zu Ehren der ältesten Tochter des Hauses, der Erbin, der zukünftigen Trägerin des Namens Tel-Tyvirr. Saelith selbst jedenfalls stand unweit der erhöhten Estrade, aufrecht und wunderschön in ihrer scheinbar unantastbaren Erscheinung, ihr Gewand aus feinster, tiefschwarzer Seide gefertigt, kostbar und makellos. Sie trug es wie eine Königin, wie etwas, das man ihr auferlegt hatte. Als Erbin. Als Erstgeborene. Als Tochter, die niemals vergessen durfte, dass sie immer mehr sein würde als nur sie selbst. Nach außen hin war dies ihre Nacht, ja. Doch Themis vermutete dennoch, dass der eigentliche Anlass ein anderer war.
Mehrere Treffen hatte es gegeben, zu ungewöhnlichen Stunden, mit Gesandten, deren Ankunft nicht angekündigt und deren Fortgang nicht kommentiert worden war. Ihre Mutter hatte seitdem diese besondere Ruhe an sich getragen, die nie wirkliche Gelassenheit bedeutete. Velyra hatte Saelith länger betrachtet als sonst. Selbst Aneira war auffallend aufmerksam gewesen, was an ihr beinahe immer ein schlechtes Zeichen darstellte. Eine Verlobung, munkelte die Dienerschaft. Ein Bündnis. Themis wusste es nicht sicher. In die Angelegenheiten ihrer Schwestern wurde sie schlichtweg nicht eng genug eingebunden, um Gewissheit zu besitzen. Besonders nicht, wenn es um Entscheidungen ging, die die Pflichten und Rechte einer Erstgeborenen betrafen. Nein. Saeliths Zukunft gehörte Saelith vermutlich ebenso wenig, wie Themis’ Zukunft Themis gehörte. Oder Aneiras Zukunft Aneira. Sie alle waren Eigentum des Hauses. Namen, Blutlinien, Möglichkeiten. Mehr nicht.
Sie hob den Kelch in ihrer Hand ein wenig an, schwenkte ihn langsam zwischen ihren Fingern, als könne sie darin eine Antwort finden. Morgerianischer Dämmerrosenwein. Alt, selten, beinahe unverschämt teuer; erkennbar vor allem an seiner Färbung, die im Dunkel des Kelches nicht rot wirkte, sondern tief und schwer wie geronnenes Blut. Selbst der Duft erschien Themis unvergleichlich würzig, dunkelblumig, mit dieser herben Tiefe im Geschmack, die sich an den Gaumen legte, kaum, dass der erste Tropfen überhaupt die Zunge berührt hatte. Bereits zum zweiten Mal an diesem Abend führte Themis das schwarze Kristallglas an ihre Lippen, trank jedoch kaum mehr als einen schmalen Schluck. Nein. Etwas Derartiges wurde nicht für bloße Geburtstage ausgeschenkt. Nicht einmal für die Geburtstage von Erbinnen.
Als sie den Kelch wieder senkte, lagen ihre Finger ruhig um den schmalen Stiel, ihre Hand vollkommen still. Freilich war auch sie selbst Teil des sorgsam erschaffenen Bildes. Man hatte sie nicht übersehen, natürlich nicht. Dafür war sie alleine schon zu groß in ihrer Erscheinung, zu auffällig in ihrer stillen Art, zu sehr Tochter dieses Hauses. Vermutlich wirkte sie mit ihren einhundertachtzig Fingern Höhe und ihrer schlanken, aufrechten Haltung selbst hier, ein wenig abseits, am Rand des eigentlichen Geschehens stehend, nicht annähernd so unscheinbar, wie Themis es sich insgeheim für sich selbst gewünscht hätte. Nein, ihre gesamte Erscheinung behauptete Zugehörigkeit. So musste es sein. Ihr Gewand, von eben jenem tiefen Nachtblau, das nur bei Bewegung seinen kühlen Schimmer zeigte, war ihr an den Leib geschneidert worden. Feine Silberstickereien zogen sich über Ärmel und Saum, kunstvoll genug, um ihrer Geburt zu entsprechen, zurückhaltend genug, um Saelith nicht die Ehre streitig zu machen. An ihrer Brust ruhte ein einzelner dunkler Stein, blutrot nur dort, wo das Licht ihn traf. Selbst ihr silberweißes, meist offen getragenes Haar hatte man dem heutigen Anlass entsprechend hochgesteckt, gebändigt durch wenige feine Flechten und schmale Ringe aus feinstem Silber, die daraus hervor schimmerten. Nicht eine Strähne hatte man dem Zufall überlassen. Nein, sie war tadellos hergerichtet. Tadellos genug zumindest, um nicht aufzufallen. Und vielleicht war genau das die größte Kunst an diesem Abend. Sich inmitten dieses imposanten Schauspiels nicht wie der Fremdkörper zu verhalten, der man eigentlich war.
Themis beobachtete, wie ihre Mutter zwischen den Gästen wandelte, mit jener festen, dunklen Würde, die unerschütterlich in ihrer Eleganz und Selbstverständlichkeit wirkte. Sie begrüßte Gäste, verteilte Worte, prüfte Abstände und Stimmungen. Auch Velyra entdeckte Themis nicht weit von der hohen Tafel entfernt stehen, schmal und aufrecht, mit einem Blick, der selbst auf die Entfernung hin die Schärfe einer frisch geschliffenen Klinge besaß. Aneira wiederum von mehreren jüngeren Adeligen umgeben, mit denen sie sich unterhielt, lächelnd, beinahe heiter, während eines der Mädchen neben ihr stets immer einen Hauch zu laut, immer einen Deut zu lange lachte. Themis wandte den Blick ab, bevor ihre Schwester bemerken konnte, dass sie beobachtet worden war. Dann wanderte ihr Blick zurück zu Saelith.
Die Älteste stand im Zentrum dieses Abends, wenn auch seltsam allein darin. Vielleicht bildete Themis sich das ein. Vielleicht las sie zu viel in die gerade Linie ihrer Schultern, in die unbewegliche Ruhe ihres Gesichts, in die Art, wie Saelith ihren Kelch hielt, ohne jemals daraus zu trinken. Vielleicht war ihre Schwester gefasst, weil sie gefasst sein wollte. Vielleicht auch, weil sie längst wusste, was heute verkündet werden sollte. Oder auch nur deshalb, weil Saelith schlichtweg schon immer besser als Themis darin gewesen war, ihre Pflicht nicht nur zu tragen, sondern sich von ihr erfüllen zu lassen. Themis wusste nicht, ob sie Mitleid empfand. Oder Sorge. Vielleicht beides. Vermutlich beides, auch wenn sie genauso wenig wusste, ob irgendetwas davon auch tatsächlich angebracht war.
Themis seufzte lautlos, bevor ein Diener nahe genug an sie herantrat, um ihr Wein nachzuschenken. Nur kaum merklich hob sie hierbei die Hand. Eine kleine Geste. Höflich. Ablehnend. Der junge Mann senkte den Blick sofort und wich zurück. Seine Finger zitterten um den Krughals, nur leicht, vermutlich nicht auffällig genug, dass irgendein Gast es bemerkt hätte, aber ... Themis bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es. Sie bemerkte es, wie sie auch die verschreckte Dienerin am Seitenportal oder den älteren Haussklaven am Weintisch bemerkte, welcher die Bereiche nahe der Estrade mied. Sie bemerkte alles davon, war sich sämtlicher kleiner Unruhen unter all jenen bewusst, die diesem Abend dienten, ohne Teil von ihm zu sein. Vermutlich lag es an der Anzahl der Gäste. An Velyras schneidender Aufsicht. An der Furcht, an einem Abend wie diesem einen Fehler zu machen. Themis nahm einen weiteren Schluck - dunkel und würzig, beinahe betäubend in seiner Stärke. Wie immer wäre es einfacher gewesen, nichts davon zu sehen.
Es war erstaunlich, wie viel Mühe es kostete, unsichtbar zu bleiben. Themis hielt sich bewusst am Rand des Saales platziert, dort, wo das Gedränge geringer ausfiel. Wo auch die Gespräche nicht ganz so eng um einen herum zusammenschlugen. Dort, wo eine zweite Tochter Tel-Tyvirrs eben stehen durfte, ohne dass ihr Platz seltsame Fragen aufgeworfen hätte – sichtbar genug, um der Familie keine Schande zu machen, zurückhaltend genug, um nicht als eigentlicher Teil der Inszenierung verstanden zu werden. Um auch keinen Teil jener Aufmerksamkeit zu rauben, die an diesem Abend einzig und allein Saelith zustand.
Die dunklen Hallen Tel-Tyvirrs hatte man dem Anlass entsprechend herausgeputzt; über den hohen Spitzbögen des Festsaales brannten hunderte kleine Lichter in schmalen, geschwärzten Glasampullen. Ein fahles, mondähnliches Glimmen, das über polierten Stein kroch und sich in den zarten Silberstickereien all ihrer Banner verfing. Selbst zwischen den Säulen hingen die schweren Bahnen aus nachtblauer Seide, so dunkel, dass sie beinahe schwarz wirkten; die Zeichen des Hauses Tel-Tyvirr in silbernem Garn prangten darauf, vielfach wiederholt, stolz und unnachgiebig, als könne das Wappen allein verbergen, wie dünn der Boden unter ihren Füßen geworden war. Themis jedoch stand am Rand des sorgfältig erschaffenen Glanzes und wusste, wie teuer er gewesen sein musste.
Aufmerksam glitt ihr Blick über die gedeckten Tische, über die Schalen mit den bleichen Früchten aus fernen Kavernenhainen, über die Platten mit den kunstvoll angerichteten Speisen, an denen sich heute niemand wirklich sattessen würde. All das war Zeichen. Andeutung. Behauptung. Man zeigte, dass Tel-Tyvirr geben konnte. Dass Tel-Tyvirr noch immer Gastgeber war und immer noch genügend Einfluss besaß, um andere Häuser in seine Hallen zu laden und sie warten zu lassen, bis die Matriarchin sprach.
Offiziell lud das Haus zu Saeliths Geburtstag. Nun, so hieß es zumindest. Eine Feierlichkeit, dem Aufwand würdig genug. Und vielleicht stimmte das sogar. Vielleicht war dieser Abend tatsächlich nichts weiter als eine Feier zu Ehren der ältesten Tochter des Hauses, der Erbin, der zukünftigen Trägerin des Namens Tel-Tyvirr. Saelith selbst jedenfalls stand unweit der erhöhten Estrade, aufrecht und wunderschön in ihrer scheinbar unantastbaren Erscheinung, ihr Gewand aus feinster, tiefschwarzer Seide gefertigt, kostbar und makellos. Sie trug es wie eine Königin, wie etwas, das man ihr auferlegt hatte. Als Erbin. Als Erstgeborene. Als Tochter, die niemals vergessen durfte, dass sie immer mehr sein würde als nur sie selbst. Nach außen hin war dies ihre Nacht, ja. Doch Themis vermutete dennoch, dass der eigentliche Anlass ein anderer war.
Mehrere Treffen hatte es gegeben, zu ungewöhnlichen Stunden, mit Gesandten, deren Ankunft nicht angekündigt und deren Fortgang nicht kommentiert worden war. Ihre Mutter hatte seitdem diese besondere Ruhe an sich getragen, die nie wirkliche Gelassenheit bedeutete. Velyra hatte Saelith länger betrachtet als sonst. Selbst Aneira war auffallend aufmerksam gewesen, was an ihr beinahe immer ein schlechtes Zeichen darstellte. Eine Verlobung, munkelte die Dienerschaft. Ein Bündnis. Themis wusste es nicht sicher. In die Angelegenheiten ihrer Schwestern wurde sie schlichtweg nicht eng genug eingebunden, um Gewissheit zu besitzen. Besonders nicht, wenn es um Entscheidungen ging, die die Pflichten und Rechte einer Erstgeborenen betrafen. Nein. Saeliths Zukunft gehörte Saelith vermutlich ebenso wenig, wie Themis’ Zukunft Themis gehörte. Oder Aneiras Zukunft Aneira. Sie alle waren Eigentum des Hauses. Namen, Blutlinien, Möglichkeiten. Mehr nicht.
Sie hob den Kelch in ihrer Hand ein wenig an, schwenkte ihn langsam zwischen ihren Fingern, als könne sie darin eine Antwort finden. Morgerianischer Dämmerrosenwein. Alt, selten, beinahe unverschämt teuer; erkennbar vor allem an seiner Färbung, die im Dunkel des Kelches nicht rot wirkte, sondern tief und schwer wie geronnenes Blut. Selbst der Duft erschien Themis unvergleichlich würzig, dunkelblumig, mit dieser herben Tiefe im Geschmack, die sich an den Gaumen legte, kaum, dass der erste Tropfen überhaupt die Zunge berührt hatte. Bereits zum zweiten Mal an diesem Abend führte Themis das schwarze Kristallglas an ihre Lippen, trank jedoch kaum mehr als einen schmalen Schluck. Nein. Etwas Derartiges wurde nicht für bloße Geburtstage ausgeschenkt. Nicht einmal für die Geburtstage von Erbinnen.
Als sie den Kelch wieder senkte, lagen ihre Finger ruhig um den schmalen Stiel, ihre Hand vollkommen still. Freilich war auch sie selbst Teil des sorgsam erschaffenen Bildes. Man hatte sie nicht übersehen, natürlich nicht. Dafür war sie alleine schon zu groß in ihrer Erscheinung, zu auffällig in ihrer stillen Art, zu sehr Tochter dieses Hauses. Vermutlich wirkte sie mit ihren einhundertachtzig Fingern Höhe und ihrer schlanken, aufrechten Haltung selbst hier, ein wenig abseits, am Rand des eigentlichen Geschehens stehend, nicht annähernd so unscheinbar, wie Themis es sich insgeheim für sich selbst gewünscht hätte. Nein, ihre gesamte Erscheinung behauptete Zugehörigkeit. So musste es sein. Ihr Gewand, von eben jenem tiefen Nachtblau, das nur bei Bewegung seinen kühlen Schimmer zeigte, war ihr an den Leib geschneidert worden. Feine Silberstickereien zogen sich über Ärmel und Saum, kunstvoll genug, um ihrer Geburt zu entsprechen, zurückhaltend genug, um Saelith nicht die Ehre streitig zu machen. An ihrer Brust ruhte ein einzelner dunkler Stein, blutrot nur dort, wo das Licht ihn traf. Selbst ihr silberweißes, meist offen getragenes Haar hatte man dem heutigen Anlass entsprechend hochgesteckt, gebändigt durch wenige feine Flechten und schmale Ringe aus feinstem Silber, die daraus hervor schimmerten. Nicht eine Strähne hatte man dem Zufall überlassen. Nein, sie war tadellos hergerichtet. Tadellos genug zumindest, um nicht aufzufallen. Und vielleicht war genau das die größte Kunst an diesem Abend. Sich inmitten dieses imposanten Schauspiels nicht wie der Fremdkörper zu verhalten, der man eigentlich war.
Themis beobachtete, wie ihre Mutter zwischen den Gästen wandelte, mit jener festen, dunklen Würde, die unerschütterlich in ihrer Eleganz und Selbstverständlichkeit wirkte. Sie begrüßte Gäste, verteilte Worte, prüfte Abstände und Stimmungen. Auch Velyra entdeckte Themis nicht weit von der hohen Tafel entfernt stehen, schmal und aufrecht, mit einem Blick, der selbst auf die Entfernung hin die Schärfe einer frisch geschliffenen Klinge besaß. Aneira wiederum von mehreren jüngeren Adeligen umgeben, mit denen sie sich unterhielt, lächelnd, beinahe heiter, während eines der Mädchen neben ihr stets immer einen Hauch zu laut, immer einen Deut zu lange lachte. Themis wandte den Blick ab, bevor ihre Schwester bemerken konnte, dass sie beobachtet worden war. Dann wanderte ihr Blick zurück zu Saelith.
Die Älteste stand im Zentrum dieses Abends, wenn auch seltsam allein darin. Vielleicht bildete Themis sich das ein. Vielleicht las sie zu viel in die gerade Linie ihrer Schultern, in die unbewegliche Ruhe ihres Gesichts, in die Art, wie Saelith ihren Kelch hielt, ohne jemals daraus zu trinken. Vielleicht war ihre Schwester gefasst, weil sie gefasst sein wollte. Vielleicht auch, weil sie längst wusste, was heute verkündet werden sollte. Oder auch nur deshalb, weil Saelith schlichtweg schon immer besser als Themis darin gewesen war, ihre Pflicht nicht nur zu tragen, sondern sich von ihr erfüllen zu lassen. Themis wusste nicht, ob sie Mitleid empfand. Oder Sorge. Vielleicht beides. Vermutlich beides, auch wenn sie genauso wenig wusste, ob irgendetwas davon auch tatsächlich angebracht war.
Themis seufzte lautlos, bevor ein Diener nahe genug an sie herantrat, um ihr Wein nachzuschenken. Nur kaum merklich hob sie hierbei die Hand. Eine kleine Geste. Höflich. Ablehnend. Der junge Mann senkte den Blick sofort und wich zurück. Seine Finger zitterten um den Krughals, nur leicht, vermutlich nicht auffällig genug, dass irgendein Gast es bemerkt hätte, aber ... Themis bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es. Sie bemerkte es, wie sie auch die verschreckte Dienerin am Seitenportal oder den älteren Haussklaven am Weintisch bemerkte, welcher die Bereiche nahe der Estrade mied. Sie bemerkte alles davon, war sich sämtlicher kleiner Unruhen unter all jenen bewusst, die diesem Abend dienten, ohne Teil von ihm zu sein. Vermutlich lag es an der Anzahl der Gäste. An Velyras schneidender Aufsicht. An der Furcht, an einem Abend wie diesem einen Fehler zu machen. Themis nahm einen weiteren Schluck - dunkel und würzig, beinahe betäubend in seiner Stärke. Wie immer wäre es einfacher gewesen, nichts davon zu sehen.