Nachtblau und Rosenwein

Die Gebäude hier zeigen deutlich den Stand eines Bürgers in Morgeria. Niedere leben in heruntergekommen Barracken, Krieger & Söldner in bunkerartigen Unterkünften oder Zelten. Mächtige Familien leben in finsteren Anwesen, die kleinen Schlössern gleichen.
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Themis Tefrenet Tel-Tyvirr
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Nachtblau und Rosenwein

Beitrag von Themis Tefrenet Tel-Tyvirr » Sonntag 19. Juli 2026, 11:30

Einstiegspost

Es war erstaunlich, wie viel Mühe es kostete, unsichtbar zu bleiben. Themis hielt sich bewusst am Rand des Saales platziert, dort, wo das Gedränge geringer ausfiel. Wo auch die Gespräche nicht ganz so eng um einen herum zusammenschlugen. Dort, wo eine zweite Tochter Tel-Tyvirrs eben stehen durfte, ohne dass ihr Platz seltsame Fragen aufgeworfen hätte – sichtbar genug, um der Familie keine Schande zu machen, zurückhaltend genug, um nicht als eigentlicher Teil der Inszenierung verstanden zu werden. Um auch keinen Teil jener Aufmerksamkeit zu rauben, die an diesem Abend einzig und allein Saelith zustand.
Die dunklen Hallen Tel-Tyvirrs hatte man dem Anlass entsprechend herausgeputzt; über den hohen Spitzbögen des Festsaales brannten hunderte kleine Lichter in schmalen, geschwärzten Glasampullen. Ein fahles, mondähnliches Glimmen, das über polierten Stein kroch und sich in den zarten Silberstickereien all ihrer Banner verfing. Selbst zwischen den Säulen hingen die schweren Bahnen aus nachtblauer Seide, so dunkel, dass sie beinahe schwarz wirkten; die Zeichen des Hauses Tel-Tyvirr in silbernem Garn prangten darauf, vielfach wiederholt, stolz und unnachgiebig, als könne das Wappen allein verbergen, wie dünn der Boden unter ihren Füßen geworden war. Themis jedoch stand am Rand des sorgfältig erschaffenen Glanzes und wusste, wie teuer er gewesen sein musste.
Aufmerksam glitt ihr Blick über die gedeckten Tische, über die Schalen mit den bleichen Früchten aus fernen Kavernenhainen, über die Platten mit den kunstvoll angerichteten Speisen, an denen sich heute niemand wirklich sattessen würde. All das war Zeichen. Andeutung. Behauptung. Man zeigte, dass Tel-Tyvirr geben konnte. Dass Tel-Tyvirr noch immer Gastgeber war und immer noch genügend Einfluss besaß, um andere Häuser in seine Hallen zu laden und sie warten zu lassen, bis die Matriarchin sprach.
Offiziell lud das Haus zu Saeliths Geburtstag. Nun, so hieß es zumindest. Eine Feierlichkeit, dem Aufwand würdig genug. Und vielleicht stimmte das sogar. Vielleicht war dieser Abend tatsächlich nichts weiter als eine Feier zu Ehren der ältesten Tochter des Hauses, der Erbin, der zukünftigen Trägerin des Namens Tel-Tyvirr. Saelith selbst jedenfalls stand unweit der erhöhten Estrade, aufrecht und wunderschön in ihrer scheinbar unantastbaren Erscheinung, ihr Gewand aus feinster, tiefschwarzer Seide gefertigt, kostbar und makellos. Sie trug es wie eine Königin, wie etwas, das man ihr auferlegt hatte. Als Erbin. Als Erstgeborene. Als Tochter, die niemals vergessen durfte, dass sie immer mehr sein würde als nur sie selbst. Nach außen hin war dies ihre Nacht, ja. Doch Themis vermutete dennoch, dass der eigentliche Anlass ein anderer war.
Mehrere Treffen hatte es gegeben, zu ungewöhnlichen Stunden, mit Gesandten, deren Ankunft nicht angekündigt und deren Fortgang nicht kommentiert worden war. Ihre Mutter hatte seitdem diese besondere Ruhe an sich getragen, die nie wirkliche Gelassenheit bedeutete. Velyra hatte Saelith länger betrachtet als sonst. Selbst Aneira war auffallend aufmerksam gewesen, was an ihr beinahe immer ein schlechtes Zeichen darstellte. Eine Verlobung, munkelte die Dienerschaft. Ein Bündnis. Themis wusste es nicht sicher. In die Angelegenheiten ihrer Schwestern wurde sie schlichtweg nicht eng genug eingebunden, um Gewissheit zu besitzen. Besonders nicht, wenn es um Entscheidungen ging, die die Pflichten und Rechte einer Erstgeborenen betrafen. Nein. Saeliths Zukunft gehörte Saelith vermutlich ebenso wenig, wie Themis’ Zukunft Themis gehörte. Oder Aneiras Zukunft Aneira. Sie alle waren Eigentum des Hauses. Namen, Blutlinien, Möglichkeiten. Mehr nicht.
Sie hob den Kelch in ihrer Hand ein wenig an, schwenkte ihn langsam zwischen ihren Fingern, als könne sie darin eine Antwort finden. Morgerianischer Dämmerrosenwein. Alt, selten, beinahe unverschämt teuer; erkennbar vor allem an seiner Färbung, die im Dunkel des Kelches nicht rot wirkte, sondern tief und schwer wie geronnenes Blut. Selbst der Duft erschien Themis unvergleichlich würzig, dunkelblumig, mit dieser herben Tiefe im Geschmack, die sich an den Gaumen legte, kaum, dass der erste Tropfen überhaupt die Zunge berührt hatte. Bereits zum zweiten Mal an diesem Abend führte Themis das schwarze Kristallglas an ihre Lippen, trank jedoch kaum mehr als einen schmalen Schluck. Nein. Etwas Derartiges wurde nicht für bloße Geburtstage ausgeschenkt. Nicht einmal für die Geburtstage von Erbinnen.
Als sie den Kelch wieder senkte, lagen ihre Finger ruhig um den schmalen Stiel, ihre Hand vollkommen still. Freilich war auch sie selbst Teil des sorgsam erschaffenen Bildes. Man hatte sie nicht übersehen, natürlich nicht. Dafür war sie alleine schon zu groß in ihrer Erscheinung, zu auffällig in ihrer stillen Art, zu sehr Tochter dieses Hauses. Vermutlich wirkte sie mit ihren einhundertachtzig Fingern Höhe und ihrer schlanken, aufrechten Haltung selbst hier, ein wenig abseits, am Rand des eigentlichen Geschehens stehend, nicht annähernd so unscheinbar, wie Themis es sich insgeheim für sich selbst gewünscht hätte. Nein, ihre gesamte Erscheinung behauptete Zugehörigkeit. So musste es sein. Ihr Gewand, von eben jenem tiefen Nachtblau, das nur bei Bewegung seinen kühlen Schimmer zeigte, war ihr an den Leib geschneidert worden. Feine Silberstickereien zogen sich über Ärmel und Saum, kunstvoll genug, um ihrer Geburt zu entsprechen, zurückhaltend genug, um Saelith nicht die Ehre streitig zu machen. An ihrer Brust ruhte ein einzelner dunkler Stein, blutrot nur dort, wo das Licht ihn traf. Selbst ihr silberweißes, meist offen getragenes Haar hatte man dem heutigen Anlass entsprechend hochgesteckt, gebändigt durch wenige feine Flechten und schmale Ringe aus feinstem Silber, die daraus hervor schimmerten. Nicht eine Strähne hatte man dem Zufall überlassen. Nein, sie war tadellos hergerichtet. Tadellos genug zumindest, um nicht aufzufallen. Und vielleicht war genau das die größte Kunst an diesem Abend. Sich inmitten dieses imposanten Schauspiels nicht wie der Fremdkörper zu verhalten, der man eigentlich war.
Themis beobachtete, wie ihre Mutter zwischen den Gästen wandelte, mit jener festen, dunklen Würde, die unerschütterlich in ihrer Eleganz und Selbstverständlichkeit wirkte. Sie begrüßte Gäste, verteilte Worte, prüfte Abstände und Stimmungen. Auch Velyra entdeckte Themis nicht weit von der hohen Tafel entfernt stehen, schmal und aufrecht, mit einem Blick, der selbst auf die Entfernung hin die Schärfe einer frisch geschliffenen Klinge besaß. Aneira wiederum von mehreren jüngeren Adeligen umgeben, mit denen sie sich unterhielt, lächelnd, beinahe heiter, während eines der Mädchen neben ihr stets immer einen Hauch zu laut, immer einen Deut zu lange lachte. Themis wandte den Blick ab, bevor ihre Schwester bemerken konnte, dass sie beobachtet worden war. Dann wanderte ihr Blick zurück zu Saelith.
Die Älteste stand im Zentrum dieses Abends, wenn auch seltsam allein darin. Vielleicht bildete Themis sich das ein. Vielleicht las sie zu viel in die gerade Linie ihrer Schultern, in die unbewegliche Ruhe ihres Gesichts, in die Art, wie Saelith ihren Kelch hielt, ohne jemals daraus zu trinken. Vielleicht war ihre Schwester gefasst, weil sie gefasst sein wollte. Vielleicht auch, weil sie längst wusste, was heute verkündet werden sollte. Oder auch nur deshalb, weil Saelith schlichtweg schon immer besser als Themis darin gewesen war, ihre Pflicht nicht nur zu tragen, sondern sich von ihr erfüllen zu lassen. Themis wusste nicht, ob sie Mitleid empfand. Oder Sorge. Vielleicht beides. Vermutlich beides, auch wenn sie genauso wenig wusste, ob irgendetwas davon auch tatsächlich angebracht war.
Themis seufzte lautlos, bevor ein Diener nahe genug an sie herantrat, um ihr Wein nachzuschenken. Nur kaum merklich hob sie hierbei die Hand. Eine kleine Geste. Höflich. Ablehnend. Der junge Mann senkte den Blick sofort und wich zurück. Seine Finger zitterten um den Krughals, nur leicht, vermutlich nicht auffällig genug, dass irgendein Gast es bemerkt hätte, aber ... Themis bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es. Sie bemerkte es, wie sie auch die verschreckte Dienerin am Seitenportal oder den älteren Haussklaven am Weintisch bemerkte, welcher die Bereiche nahe der Estrade mied. Sie bemerkte alles davon, war sich sämtlicher kleiner Unruhen unter all jenen bewusst, die diesem Abend dienten, ohne Teil von ihm zu sein. Vermutlich lag es an der Anzahl der Gäste. An Velyras schneidender Aufsicht. An der Furcht, an einem Abend wie diesem einen Fehler zu machen. Themis nahm einen weiteren Schluck - dunkel und würzig, beinahe betäubend in seiner Stärke. Wie immer wäre es einfacher gewesen, nichts davon zu sehen.

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Re: Nachtblau und Rosenwein

Beitrag von Erzähler » Sonntag 19. Juli 2026, 22:19

Das Haus Tel-Tyvirr mochte den Weg des Niedergangs beschreiten, aber es verstand noch immer alle Saiten der Kunst des äußeren Scheins. Das Anwesen erstrahlte wie zu Zeiten des Höhepunkts von Macht, Reichtum und Einfluss, das kostbarste Geschirr, blank poliert, war perfekt platziert, die Möbel waren allesamt entstaubt und frisch bezogen, Essen und Trinken von erlesenem Geschmack und reichlich vorbereitet.
Doch damit nicht genug, auch die Töchter waren herausgeputzt, wie schon lange nicht mehr. Nein, das traf es nicht ganz, denn sie waren ausstaffiert wie noch nie und allen dreien war bewusst, dass sie sich auf dem Präsentierteller befanden, ob sie es wollten oder nicht, darauf hatte Velyra selbst geachtet. Nichts, absolut gar nichts gab es, das an den Mädchen auszusetzen wäre. Wie perfekt dressierte Puppen hatten sie es sich gefallen lassen müssen und zeigten, was diese aristokratische Familie der nächsten Generation zu bieten hatte, drei Grazien, nach der sich jeder alle zehn Finger lecken sollte, ohne auch nur im Mindesten an den Rattenschwanz im Hintergrund denken zu können vor Begierde.
Während Saelith mit all ihrer Ausstrahlung und der Wahl ihrer Aufmachung in den eng gesteckten Grenzen Eleganz aus jeder einzelnen Pore zu verströmen schien, war es an Aneira, ihrem Stand als der Jüngsten, Verwegenen Ausdruck zu verleihen.
So glänzte die Älteste der Schwestern in ihrem mitternachtsblauen Kleid, das bei dieser Festbeleuchtung tiefschwarz wie ihre Haut wirkte, aus teuerster Seide mit den silbrigen Applikationen aus Spitze an all ihren Säumen. Lediglich die Ärmel waren ausschließlich aus silbriger Spitze gefertigt, wodurch ihre durchscheinende Haut einen entsprechenden Schimmer aufwies und dadurch der farbliche Akzent auf ihre schmalen Glieder gelenkt wurde. Diese Spitze lief in einem Spitz bis zu ihren Handrücken und war mit einer kaum merklichen Schlaufe rund um ihren Mittelfinger befestigt, um nicht zu verrutschen. Und sobald sie ihre Finger präsentierte, würden ihre gepflegten Fingernägel in Silber glänzen. Sofern er nicht auf ihrem berückenden Schwanenhals hängen blieb, den ihre Hochsteckfrisur offenbarte. Ihr Dekolleté konnte sich für elfische Verhältnisse ebenfalls sehen lassen, war Saelith schließlich mit etwas mehr gesegnet als viele andere Frauen ihrer Art, ohne dadurch bäuerisch oder gar menschlich zu wirken, machte es ihre hochgewachsene, gerade Erscheinung schließlich wieder wett. Ihr V-förmiger Ausschnitt schmeichelte ihrer Figur, ließ die Wölbung erahnen, ohne sie tatsächlich den Blicken preis zu geben. Gekrönt wurde ihre Aufmachung mit Schmuck aus reinstem Silber, eine filigrane Kette aus zart ziselierten Blättern zierte ihren Hals. Dazu passende Perlenohrringe mit jeweils einem nachtblauen Saphir steckten in ihren Ohrläppchen und am anderen Ende ihres linken Ohrs gab es noch einen silbernen, kleinen Ring. Und für jene, die unbedingt unter ihren Rock sehen wollten, würden erkennen, sobald sie einen gleitenden Schritt machte, dass sie ebenfalls nachtblaue Stiefeletten mit silbriger Schnürung trug. Auf diese Weise glänzte die Älteste der Drei nicht nur voller Eleganz, sondern präsentierte auch erhobenen Hauptes die Farben ihrer Familie, silbrig auf nachtblauem Grund.
Umso mehr Freiheit hatte dagegen Aeneira gehabt bei ihrer Farbwahl, weil sie auffallen durfte, ohne auf diese eingeschränkt Weise präsentieren zu müssen. Im Kontrast zu der anderen setzte sie nun vor allem auf Rot- sowie Violett-Töne, die ihr persönlich einfach am besten gefielen. Natürlich hatte sie sich im Schnitt ihres Kleides einschränken müssen, allerdings hatte es sie keine großen Opfer gekostet. Im Gegensatz zu der Älteren endete ihr Rock nicht direkt auf ihren Schuhspitzen, sondern durfte ihr Schuhwerk in Knöchelhöhe bereits entblößen. Und als wäre dies noch nicht Kontrast genug, trug die Jüngste geschnürte, beigefarbene Sandaletten, die nicht einmal im Ansatz versuchten, ihre perfekt manikürten, makellos in Blutrot lackierten Zehen zu verbergen. Wer von diesem ersten Anziehungspunkt seinen Blick in die Höhe wandern ließ, bemerkt einen schräg fallenden, plissierten Kleiderrock, der auf der einen Seite ihren zierlichen Knöchel erreichte, auf der anderen sogar eine Ahnung ihrer Wade preisgab. Und wenn auf dieses dunkelviolette Kunstwerk der Schneider das Kerzenlicht perfekt fiel, glänzte der Stoff nicht nur verheißungsvoll, sondern ließ auch noch die Silhouette perfekter, graziler Mädchenbeine erkennen, ohne sie tatsächlich zu entblößen. Hätten sich Saelith oder sogar Themis solch eine Aufmachung gegönnt, Velyra hätte sie windelweich geprügelt für so viel Frivolität. Zu Aneira hingegen passte es absolut perfekt und als wäre sie für nichts anderes geschaffen worden! Wer es nun noch schaffte, seinen Blick weiter anzuheben, würde über die sanfte Rundung mädchenhaft schmaler Hüften zu einem kostbaren Samtmieder gelangen. Wie auch der Rock war es von dunkelvioletter Farbe und passend zu dem Nagellack zeigte sich hier blutrote Schnürung, bewusst vorne, um den Blick auf die formvollendete, zierliche Figur der Trägerin zu lenken, während der Häkchenverschluss im Rücken vom Stoff verborgen blieb. Natürlich war Aeneira geschnürt worden, jedoch zeigte sich hier ebenfalls eines ihrer Privilegien. Denn während es bei ihr relativ harmlos, fast schon sanft geschehen war, mit noch ausreichend Platz zum Atmen, selbst nach einem etwas rascheren Tanz, wären ihre beiden Schwestern selbstverständlich bis zur Beinahe-Bewusstlosigkeit eingezwängt worden, um so dünn wie möglich zu wirken. Doch auch so war die Jüngste eine sehr schlanke Erscheinung und es reichte, um ihre Figur weiblicher zu formen, nach unten hin durch den zulaufenden Spitz ihres Mieder, nach oben hin zu dem Ansatz ihrer hochgedrückten Brüste, die natürlich lediglich sehr dezent bloße Haut präsentierten. Trug die Erbin des Hauses Spitzenärmel, so hatte das Nesthäkchen sich für einen Carmenausschnitt in blutrot entschieden, wodurch auch ihre Oberarme unbedeckt blieben. Ihre Unterarme und Hände hingegen steckten in dunkelvioletten Seidenhandschuhen. Auch bei ihr durfte der Schmuck nicht fehlen, passend zu ihren Schuhen trug sie cremefarbenes Geschmeide um ihren Hals und in ihren Ohren mit blutroten Rubinen darin. Und als kleinen Hingucker gab es auch ein Kettchen mit blutroten Rosenblüten aus Rubinen um ihr rechtes Handgelenk. Eine weitere Freiheit, die der Jüngsten gestattet worden war, war ihre Frisur. Hier gab es jeweils zu jeder Seite einen sorgfältig von ihrer Schläfe weg am Kopf entlang geflochtenen Zopf, der ihr ihre Pracht aus dem Gesicht hielt, während der Rest hinten offen in sanften Wellen herab fließen durfte.
Aber es gab auch ein einendes Kriterium der Schwestern, sofern Betrachter sich von all der übrigen Pracht losreißen und tatsächlich in die Gesichter sehen könnte. Sie waren allesamt lediglich dezent geschminkt, hatten in Schwarz betonte Wimpern und leicht silbrig glinzernde Lippen, sonst nichts. Hier hatte Aeneira ausnahmsweise einmal bei ihrer Tante Velyra auf Granit gebissen und es war ihr weder Rouge, noch ein blutroter Lippenstift gewährt worden.
Doch selbstverständlich waren nicht nur die Töchter eine Augenweide, auch die Hausherrin sowie ihre Schwester waren die pure Eleganz, wenngleich nicht mehr so aufreizend und in den Fokus rückend. Beide hielten sich, wie Saelith in Nachtblau-Silber, mit edlen Stoffen, raffinierten Schnitten und qualitativ hochwertigem Schmuck. Vaelissra bevorzugte dazu Schmuck mit dunkelrotem Granat, der hervorragend zu den schwarzen Opalen mit roten Einschlüssen ihres Gatten passte. Ihre Schwester hingegen trug mit Vorliebe goldene Citrine.
Und Themis? Für welche Farbkombination hatte sie sich entschieden? Welche Schnitte hatte Velyra ihr gestattet, welchen Schmuck und welche Frisur war ihr von kundigen Händen gezaubert worden?
So oder so, nicht nur das Anwesen und seine Ausstattung konnten sich sehen lassen, nein, auch die Gastgeber! Geladen indes war, was Rang und Namen hatte, wenngleich die Gästeliste sehr sorgfältig gewählt worden war. Schließlich musste darauf geachtet werden, dass allein das Haus Tel-Tyvirr an diesem Abend glänzte und zwar störungsfrei! Kein schlechtes Gerede durfte aufkommen, kein Risiko einer möglichen Absage eingegangen werden. Aber Vaelissra und Velyra waren erfahren und Meisterinnen ihres Fachs, sodass bislang keine Katastrophe eingetreten war. Im Gegenteil, alle Gäste waren erschienen und eifrig in ihrem Sinnen, dieses Ereignis miterleben zu dürfen. Somit war ein Erfolg schon einmal erreicht. Ob und welche es noch geben sollte, würde der Abend sowie ein Teil der Nacht noch zeigen.
Nun galt es erst einmal, das Fest nach der standesgemäßen Begrüßung in Schwung zu bekommen, mit einem wahren Festmahl aufzutrumpfen, ehe es später zum Tanz und zu der ein oder anderen Überraschung gehen könnte. Die ersten beiden Gänge waren bereits aufgetragen worden, scheinbar zwanglos und frei zur Entnahme, ehe es zu Tisch gehen mochte, um Zeit für Unterhaltung und lockere Konversation. Leise, betont untermalend, wurde Musik gespielt, um eine wohlige Atmosphäre zu schaffen.
Diese Gelegenheit hatte Themis genutzt, um sich nach ihrer Präsentation bei der Begrüßung ein wenig abzuseilen und das Treiben soweit wie möglich unbemerkt verfolgen zu können. Über die wahren Pläne, wohin dieser Abend führen sollte, war sie naturgemäß nicht in Kenntnis gesetzt worden. Aber sie hatte Augen und Ohren und sie war klug, sodass sie sich einiges zusammen reimen konnte. Es reichte jedoch nicht für Gewissheiten, sondern nur für Ahnungen. Somit musste sie spekulieren, ob allein Saelith an diesem Abend zur offiziellen Feier ihres Geburtstages ins Lampenlicht gerückt werden sollte oder auch sie, wenn nicht sogar alle drei Schwestern. Sie waren Ware, die zum Verkauf stand, nicht mehr und nicht weniger, und dessen war sie sich bewusst. War nun indes die Frage, wer der Meistbietende wäre!
Auch wenn das nicht bedeutete, dass Themis sofort auf sich aufmerksam machen musste, mehr, als notwendig wäre. So stand sie eben soweit zurück gezogen wie möglich und beobachtete ihre Familie ebenso wie die Gäste. Als ein Diener sich ihr näherte und ihr nachschenken wollte, bedeutete sie ihm, dass sie nichts mehr wollte. Gehorsam, unter kaum merklicher Nervosität wich er sofort zurück und verschwand geschickt in der Menge, um sie nicht länger zu behelligen. Auf diese Weise hatte sie wieder ihre Ruhe. Glaubte sie zumindest!
Denn als hätte Aeneira ihre Blicke vorhin gespürt, nutzte sie das ihr eigene Talent, sich regelrecht unbemerkt anzuschleichen, um sich an die Ältere heranzupirschen. Plötzlich, ohne Vorwarnung, ertönte direkt hinter Themis die wohl bekannte, stets leicht schmeichelnde Stimme ihrer kleinen Schwester:"Trink lieber mehr und genieße den Wein unverdünnt! Wer weiß, ob du am Ende des Abends noch einen klaren Kopf besitzen willst!" Als hätte sie nichts weiter als eine besonders raffinierte Heiterkeit erzählt, folgte ihren Worten ein leises Kichern, wie von einem kleinen, unbeschwerten Kind, das sie nie wirklich gewesen war. Sollte Themis den Kopf drehen und sie ansehen, würden ihr Augen entgegen blitzen, in denen so etwas wie boshafte Vorfrude glitzerte.
Doch sie käme nicht zu einer Antwort, da Aeneira sich sofort von ihr abwandte und zu ihrem eigenen Kreis zurückkehrte, der bereits sehnsüchtig auf sie zu warten schien. Zurück ließe sie Themis mit deren Gedanken dazu. Schon lachte wieder jenes Mädchen zu laut, das ihr zuvor schon aufgefallen war. Auch die anderen wirkten, als hätte Aeneira wie immer einen wunderbaren Witz gemacht. Da jedoch niemand aus deren Runde zu der Älteren hinüber sah, schien das Thema nicht sie zu sein.
Was allerdings nicht bedeutete, dass sie vollkommen übersehen wurde. Denn unvermittelt, wie schon zuvor durch ihre kleine Schwester, erklang nun von der anderen Seite her ungefragt eine weitere Stimme. "Mir scheint, spitze Zungen wollen stets neu gewetzt werden, um nicht abzunutzen.", ertönte ein ungewöhnlich warmer, samtiger, tiefer Bariton zu ihrer Linken. Sollte sie den Kopf drehen, bekäme sie einen der vielen Gäste zu sehen, der ihr mit einem feinen Lächeln, das mit seiner dezenten herablassenden Note regelrecht freundlich für ihresgleichen wirkte, mit dem Glas zuprostete.
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