Aufbruch nach Norden

Dies ist das südliche Königreich unter der Herrschaft des jungen und großzügigen König Richard dem Dritten. Armut findet man hier kaum, sondern meist Wohlstand und Zufriedenheit, einfach ein Reich zum Wohlfühlen.
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Theia Talfaern
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Aufbruch nach Norden

Beitrag von Theia Talfaern » Samstag 18. Juli 2026, 23:08

Es war noch früh; fahles, milchiges Licht, das sich nur zögerlich gegen die letzten kühlen Schatten der Nacht durchsetzte, hing über den Mauern Jorsas. Die Türme der Hauptstadt lagen hinter ihnen, noch nah genug, dass Theia sie hätte erkennen können, wenn sie sich im Sattel umgewandt hätte. Was sie nicht tat. Nein, auch am heutigen Morgen wollte sie nicht sehen, was sie hinter sich zurückließ. Die helle Silhouette der Mauern. Die Wachtürme. Das Versprechen einer Stadt, in der Menschen einander mit offenem Blick begegneten, in der die Händler vermutlich gerade ihre Stände öffneten, die Heiler bereits frisches Wasser erhitzten und Priester irgendwo im Tempel den Namen jenes Gottes vorbereiteten, dem dieser Tag gehören sollte. Also wandte Theia sich nicht um.
Stattdessen saß sie auf Niomas Rücken, die Zügel ordentlich zwischen den Fingern, den Blick nach vorn gerichtet. Die Stute schritt ruhig unter ihr, mit jenem gleichmäßigen, vertrauten Takt, der Theia normalerweise Trost und Sicherheit gespendet hätte, heute jedoch ... Das Leder in ihrem Griff knarrte leise, die Hufschläge drückten sich dumpf in den festgetretenen Weg, der aus der Hauptstadt hinaus und nach Norden führte. Hinter ihnen lag Jorsa. Vor ihnen der Auftrag. Theia atmete durch die Nase ein, langsam, wie Olesia es ihr beigebracht hatte. Sie hielt die Schultern gerade, den Rücken aufrecht. Ihre helle Reiserobe war unter dem Mantel sauber geordnet, die goldblonde Flechte lag schwer und sorgfältig gebunden über ihrer Schulter. Sie war vorbereitet. Das zumindest war es, was sie sich seit dem Aufbruch wieder und wieder sagte. Nioma schnaubte leise, und Theia senkte kurz den Blick auf den hellen Hals der Stute, auf die feinen Bewegungen der Muskeln unter Fell und Sattelzeug, die sie sanft beklopfte. Einen Moment lang regte sich dabei dieses Etwas in ihrer Brust, das bereits beim Abschied vom Anwesen unruhig gegen ihre Rippen gestoßen hatte. Vikram würde bei diesem Auftrag nicht dabei sein.
Dieser Gedanke begleitete Theia schon seit Tagen. Sie hatte gewusst, dass er nicht mitreiten würde. Natürlich hatte sie es gewusst. Vikram hatte ihr den Auftrag mit jener ruhigen Bestimmtheit übergeben, die keinen Widerspruch geduldet und kaum Raum für Fragen gelassen hatte. Bruder Calven würde sie begleiten. Vier schwer gerüstete Kämpfer der Bruderschaft würden an ihrer Seite sein. Nioma war verlässlich, der Weg besprochen, ihre Rolle klar umrissen. Alles war geordnet. Alles war vorbereitet. Sie war bereit. Und doch fehlte er. Nicht auf eine Weise, die Theia vor den anderen jemals offen hätte benennen dürfen. Sie war kein Kind mehr, das sich an Vikrams Mantel festhielt. Sie war achtzehn – Novizin der Lichtmagie, Klerikerin in Ausbildung und wohl mehr als alt genug, um nun endlich einen Auftrag auszuführen, ohne bei jedem Schritt nach ihrem Ziehvater zu sehen. Genau das war vermutlich ein Teil dieser Prüfung. Vielleicht hatte Vikram sie gerade deshalb geschickt. Vielleicht sollte sie beweisen, dass sie nicht nur in seinem Schatten stand. Dass sie mehr war als nur das halbelfische Mädchen, dem sein Name Schutz verlieh. Es hätte sie mit Stolz erfüllen sollen, mit vorfreudiger Aufregung. Heute aber wog der Gedanke - wog Vikrams Abwesenheit – unerwartet schwer. Möglicherweise, weil Vikram diese Art an sich hatte, die Welt einfacher erscheinen zu lassen. Nicht leichter, niemals leichter, aber doch wenigstens eindeutiger. An seiner Seite wusste Theia, welche Blicke sie auf welche Art zu deuten hatte, wann sie sprechen durfte, wann sie zuhören musste. Vikram war Strenge, ja. Er war Erwartung und Pflicht und Disziplin. Aber er war auch ... Heimkehr. Eine bekannte Stimme. War oft genug Wärme und Sicherheit in ihrem Rücken gewesen.
Theia presste die Lippen kurz aufeinander, richtete den Blick wieder auf die Straße. Schluss damit. Konzentration. Der Gedanke kam in Bruder Calvens nörgeliger Stimme. Dieser ritt nicht weit von ihr entfernt, eine dunkle, hagere Gestalt inmitten des kleinen Zuges, und im Moment wohl damit beschäftigt, sich mit einem der Kämpfer zu unterhalten, welche die Bruderschaft ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Schwer gerüstete Männer, deren Gesichter Theia nur teilweise kannte, deren Namen ihr aber genannt worden waren und die sie sich pflichtbewusst gemerkt hatte. Jeder einzelne von ihnen trug seine Waffen mit jener Selbstverständlichkeit, die Theia immer zugleich beruhigte und befremdete. Als wären Klinge, Rüstung und der Gedanke an Gewalt die natürliche Erweiterung ihrer Körper. Selbst die Pferde unter ihnen wirkten kräftiger als Nioma es beispielsweise tat, schwerer, an Gewicht und Eisen gewöhnt. Manchmal schlug Sonnenlicht matt auf Metall, wenn einer der Kämpfer die Haltung veränderte.
Theia trug kein Schwert. An ihrem Gürtel hing lediglich ihr kleines Gebrauchsmesser, verborgen genug, um nicht aufzufallen, nützlich genug, um damit rasch Verbände, Seile oder Brot zu schneiden. Ihre eigentliche Aufgabe jedoch lag auch nicht im Kampf. Sie war nicht die Klinge dieses Auftrags, nicht das Urteil und nicht die Hand, die die Kette führte. Sie war Begleitung. Gebet. Versorgung. Eine angehende Klerikerin des Lichts, ausgesandt auf Geheiß ihres Ziehvaters, um Bruder Calven und die Kämpfer der Bruderschaft zu unterstützen. Der Auftrag? Ein Kriegsgefangener sollte an einem nördlichen Treffpunkt übernommen und zum geheimen Stützpunkt gebracht werden. Nach Hause.
Theia hatte diesen Gedanken seit der ersten Unterweisung zum Auftrag nicht gemocht. Das Anwesen, die streng geführten Räume, die Kapelle, die vertrauten Wege zwischen Stallungen, Unterrichtszimmern und Gebetsort — all das war längst Zuhause geworden. Zuhause auf jene Weise zumindest, die nach dem Verlust von allem möglich gewesen war. Ein Ort, an dem sie wusste, wo ihre Dinge lagen. Wo Grim vor den Türen lag, als gehöre ihr jede Schwelle. Und nun sollte ein Gefangener dorthin gebracht werden. Ein Kriegsverbrecher, hatte man gesagt. Ausgerechnet nach Jorsa. Ausgerechnet dorthin. Theia kannte keine Einzelheiten, nicht mehr als nötig. Das war nicht ungewöhnlich.
Dennoch hatte sie in der Nacht vor dem Aufbruch länger wachgelegen, als sie es sich selbst hätte gestatten wollen. Nicht aus Angst, natürlich. Nicht aus Zweifel. Sie hatte nur … nachgedacht.
Über die Reise.
Über den Treffpunkt.
Über Verwundungen, die ein solcher Gefangener vielleicht mit sich brachte.
Über Gebete, die man vor einer Hinrichtung sprach.
Und darüber, ob sie dann wohl ebenfalls würde anwesend sein müssen. Währenddessen.
Keine dieser Fragen hatte Theia letztlich zu Ende gedacht – und auch jetzt schloss sie lediglich die Finger fester um die Zügel. Ein Auftrag. Ein Treffpunkt. Ein Gefangener. Ein Rückweg. Mehr war es nicht. Mehr würde es nicht sein. Sie löste den Griff wieder, bevor Nio darauf reagieren musste, und zwang sich, den Blick im Hier und Jetzt zu ankern. Konzentrierte sich auf die Straße, auf den Klang der Hufen, auf das Gewicht des Gebetsbuches in ihrer Tasche und auf die gleichmäßige Bewegung der Reiter um sie herum.
Herr des Lichts“, murmelte sie dann kaum hörbar, mehr Atem als Stimme, so leise, dass der Wind die Worte sofort aus ihrem Mund stahl. „Lenke meinen Blick zur Wahrheit. Meine Hände zur Pflicht. Mein Herz zur Standhaftigkeit.
Zuletzt geändert von Theia Talfaern am Sonntag 19. Juli 2026, 18:55, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Aufbruch nach Norden

Beitrag von Erzähler » Sonntag 19. Juli 2026, 13:50

Der sechs Seelen starke Tross der Bruderschaft hatte im Morgengrauen erst das Anwesen und dann Jorsa verlassen. Im Schritt waren sie auf ihren Pferden die noch vom Nebel geküssten Felder entlang geritten auf denen die Bauern das Korn bestellten. Einige Köpfe hatten sich hier und da wi neugierige Robben aus dem Meer der goldenen Ähren erhoben und ihnen hinterher geblickt. Rote Tupfen von Mohn und blaue Kornblumen säumten die staubigen Wege auf denen kleine Windrosen zwischen den Hufen der Tiere tanzten. Es war die lange Zeit der Abendsonne in der die Temperaturen stetig stiegen. An manchen Tagen wurde es in manchen Gebieten Celcias so warm, dass Pflanzen zu verwelken drohten. Doch das Königreich Jorsan hatte eine gesegnete Lage für reiche Landwirtschaft und die nahen westlichen Dunsthügel schickten in den frühen Stunden noch ihre feuchte Luft über die weiten bunten Wiesen. Jene undurchdringlichen Schwaden waren wie eine nächtliche Erinnerung, die im Licht Lysanthors dann langsam zerfaserte und den Blick klar werden ließ. Die Tage wurden länger und könnten zu mehr Tätigkeiten genutzt werden, denn während dieser Jahreszeit hielt sich die Sonne am Liebsten oben am Himmel auf und erwärmte die Welt mit ihren hellen Strahlen. Daher bekam diese Jahreszeit auch ihren Namen, denn noch am Abend konnte man die warme Sonne genießen und wartete länger auf die Nacht. Jeder Tag war ein Geschenk Lysanthors! Und heute stand nicht eine Wolke am Himmel. Ihr Sonnengott versprach einen guten Tag.

Nachdem sie die Ausläufer der Stadt verlassen hatten drängte Bruder Calven zur Eile. Erst trabten sie eine Weile, dann ließen sie die Pferde in einen sanften Galopp fallen. Für Nioma war das eine wahre Freude. Theia konnte ihre Stärke fühlen und die Bewegungen ihrer Muskeln, wie sie sich unter ihr streckten. Immer wieder ließen sie die Pferde laufen und schnelle und gemächliche Phasen ihrer Reise wechselten sich ab. Zwei mal ließen sie die Pferde halten und grasen. Die zunehmende Hitze zwang Mensch und Tier zur Rast. Die Männer in ihren Rüstungen litten am meisten. Theia konnte es an den glitzernden Perlen auf ihren Schläfen und auf manch einer rasierten Oberlippe sehen. Ihre eigene Gewandung war luftiger. Selbst für diesen kleinen Ausflug hatte man gut vorgesorgt und in den Pausen ließen die Reiter ihre Tiere an einem kleinen Bach trinken. Das kühle Nass fand auch den Weg in die Hände und Nacken der überhitzten Krieger. Theia beobachtete die Männer einen Moment. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, aber die Stimmung war gereizt. Gewiss lag es an der Hitze. Die vier waren ihr am frühen Morgen eilig von Bruder Calven mit ihren Vornahmen vorgestellt worden. Sie alle waren im besten Mannesalter bis auf
Ritter Pablo, ein sonnengebräunter dunkelhaariger Mann von 40 Sommern oder mehr, mit einer schiefen Nase über einem gepflegten Spitzbart.
Ritter Elias, ein kleiner blondlockiger Mann mit ungewöhnlich vielen Leberflecken.
Ritter Matteo, ein Kerl mit braunen Augen und Haaren und mehr Muskeln als sie je gesehen hatte.
und Ritter Johan, groß und hoch gewachsen, etwas schlaksig aber mit extrem hellblauen wachen Augen und hellbraunem Haar.
Theia wusste, normalerweise schickte man Söldner der Bruderschaft oder Agenten auf solche Aufträge, aber das hier waren alle samt ausgebildete Ritter, bzw. die Paladine gehörten zu Jorsas Zweig der heiligen Inquisition und Vikram war erst seit ein paar Monaten ihr Kommandant. Seit sie Pelgar verlassen hatten baute Vikram die hiesige Einheit der Bruderschaft auf und verstärkte die Reihen. Sie hatte auch einmal eher unfreiwillig den Rest eines Gesprächs zwischen ihm und Bruder Calven belauscht in dem dieser die „lasche Moral“ des hiesigen Zweiges bemängelte und sich nach Pelgar zurück wünschte. Die Versetzung war damals nicht von allen gut angenommen worden. Aber mit der Zeit hatte man sich daran gewöhnt nun für diesen „seichten Seitenzweig“ der Glaubenskirche Lysanthors zu arbeiten. Eben jener unzufriedener Bruder trat jetzt aber gerade zu ihr. Der Stoff seiner Kutte raschelte leise und er fächelte sich mit seinem langen Ärmel etwas Luft zu.
„Du wirst den Gefangenen versorgen, sobald wir eintreffen.“
Sie kannte ihn schon lange und seine scharfe Zunge. Es war ein Befehl und etwas schien ihn auch zu beschäftigen. Die steile Falte zwischen seinen Brauen verriet es. In der Nacht zuvor, als sie nicht hatte schlafen können und sie Fragen wach gehalten hatten, da hatte sie Schritte auf den Gängen gehört, aber es nicht gewagt ihnen nachzugehen. War er es gewesen, der des Nachts durch die Gänge geschlichen war? Oder ein Bote? Bruder Calven sah müde aus und tiefe Schatten langen unter seinen wässrig blaugrauen Augen. Es wirkte fast, als sei er nicht ganz bei der Sache, als redete er garnicht wirklich mit ihr, sondern erteilte nur Befehle. Er hatte ihr beim sprechen auch nicht ins Gesicht geblickt sondern seinen Augen suchten den nördlichen Horizont ab.
„Er muss wach und vernehmungsfähig sein, wenn wir ihn übernehmen. Das ist deine Aufgabe.“
, verdeutlichte er ihr noch einmal eindringlich und schien sich über irgendetwas zu ärgern. Er hatte es ihr schon vor ihrem Aufbruch gesagt und er neigte auch sonst nicht dazu sich zu wiederholen. Seine Gedanken schienen ganz wo anders zu sein und dann war es besser ihn nicht zu unterbrechen. Dann drehte er sich auch schon wieder um und stieg auf sein Pferd. Sein Blick war unstet und wirkte fast fiebrig aber nicht von Krankheit, sondern... von etwas anderem.

Ihre Reise ging weiter. Als die Sonne ihren Zenit erreichte, erreichten sie auch ihr Ziel. Sie hatten die Hautstraße in Richtung Jersa dem Grenzdorf verlassen. Kurz bevor die ersten Dachspitzen und Befestigungsanlagen wirklich zu sehen waren, hatten sie einen schmaleren Pfad genommen und ritten durch ein kleines Waldstück. Die Baumkronen warfen ihren Schatten und die Luft war etwas kühler. Es roch nach süßem Baumharz und dunkler Erde, als sie eine Lichtung und ein darauf stehendes windschiefes Haus erreichten, welches schon bessere Tage gesehen hatte. Der untere Teil war aus massiven Feldsteinen gemauert und der obere aus dicken Stämmen erbaut. Das Dach hatte hölzerne Schindeln, war aber an einer Seite wohl einmal von einem umstürzenden Baum getroffen worden. Die Reste lagen noch neben den Mauern und die Natur hatte bereits begonnen sich ihr Reich zurück zu erobern. Drei Pferde waren im einstigen Vorgarten locker an die Reste des gefallenen Baumes gebunden, den man wohl aus den Trümmern gezogen hatte und knabberten an den saftigen Moosen. Dahinter stand ein kleiner Wagen, geschlossen und kaum mehr als eine Kiste mit zwei Rädern und zwei Deichseln dass man ihn an ein Pferd hängen konnte. Es hätte hier durchaus idyllisch sein können, wenn da nicht die dumpfen Schläge und das Keuchen gewesen wären, die Theias Ohren erreichten. Das wenige Elfenblut in ihr ließ sie manchmal ein wenig früher oder ein wenig mehr hören als es ein normaler Mensch konnte. Ihr Körper reagierte und schloss die Finger fester um die Zügel. Ein Auftrag. Ein Treffpunkt. Ein Gefangener. Ein Rückweg. Mehr war es nicht. Mehr würde es nicht sein. Sie löste den Griff wieder, bevor Nio darauf reagieren musste, und zwang sich, den Blick im Hier und Jetzt zu ankern. Sie konzentrierte sich auf den Weg, auf den Klang der Hufe, auf das Gewicht des Gebetsbuches in ihrer Tasche und auf die gleichmäßige Bewegung der Reiter um sie herum, während sie näher ritten.
„Herr des Lichts“
, murmelte sie dann kaum hörbar, mehr Atem als Stimme, so leise, dass der Wind die Worte sofort aus ihrem Mund stahl.
„Lenke meinen Blick zur Wahrheit. Meine Hände zur Pflicht. Mein Herz zur Standhaftigkeit.“
Bruder Calven war voraus geritten, hob nun den Arm zum Zeichen des Haltens und erhob seine Stimme:
„HEE da.“
Sofort wurde es leise im Haus. Kurz darauf war ein Klacken zu hören und die Tür schob sich in den Angeln leise quietschend auf. Eine Gestalt trat in den Schatten des verwitterten Vordachs und Theia konnte nicht viel sehen, da Bruder Calven und zwei der Ritter ihr die Sicht verdeckten. Sie konnte aber gut hören was vor sich ging.
„Seid ihr die Leute, die ihn abholen sollen? Wo ist unser Geld?“
Bruder Calvens Schultern zucken leicht.
„Lysanthors Segen wird euch entlohnen und...“
„HAHah! Das reiht mir nicht! Ich will Zaster sehen, bevor wir ihn übergeben!“
Noch einmal hoben und senkten sich die Schultern des in Geduld geprüften Bruders.
„...natürlich werdet ihr auch bezahlt.“
Der Kerl hatte ihn unterbrochen und so etwas mochte Bruder Calven garnicht. Von der Seite sah sie sein Gesicht beim absteigen und die zusammen gebissenen Kieferknochen. Ein paar Adern standen an den Schläfen hervor. Auch die anderen stiegen nun alle ab. Matteo und Pablo flankierten ihren in seine Kutte gehüllten Anführer und traten näher. Theia erinnerte sich einmal an Bruder Calvens Worte, dass sie stets die Sprache der Gemeinen, das Celcianische, verwenden sollte denn so erreiche man den einfachen Geist der Ungläubigen besser.
„Lasst uns hinein gehen und den Gefangen in Augenschein nehmen.“
Die Gestalt zog sich zurück und Calven winkte Elias zu sich. Johan und Theia gebot er mit einem Fingerzeig erst einmal draußen bei den Pferden zu bleiben. Folgsam wartete sie und half Johan die Pferde anzuleinen. Der sicherte dann die nähere Umgebung, sah sich um und schien keinen Hinterhalt zu entdecken. Zumindest wirkte er nicht beunruhigt. Sie selbst band Niomas Zügel an den Rest eines verwitterten Holzzauns, dann konnte sich einem der offenen Fenster nähern. Von der Zeit und dem Wind zerrissene Vorhänge schwangen leicht darin und verdeckten die Sicht. Der Stoff war löchrig und verblichen, aber erzählte von der verblichenen Vergangenheit dieses Hauses. Wer hier wohl einst gelebt hatte? Jetzt war es nur noch eine dem Verfall überlassene Ruine, ein geheimer Treffpunkt und... einer Folterkammer!
Ein erneuter dumpfer Schlag, gepaart mict einem Geräusch, dass Luft aus dem Brustkorb eines Mannes presste folgte und ließ Theia unwillkürlich zusammen zucken. Calvins etwas entfernte Stimme erklang:
„Haltet ein.“
Geraschel und ein unwilliger Laut der Unlust.
„Hier ist euer Lohn. Ihr könnt nun gehen.“
„Oh, man dankt. Ihr könnt diesen verschwiegenen Dreckskerl gerne haben. Hat ganz schön Ärger gemacht! Kurz hinter der Grenze ist er uns fast abgehauen. Wulfe hat ihn aber von hinten erwischt und dann war nichts mehr mit wegrennen! Ha! Das haben wir ihn bereuen lassen!“
Die Lust an der Folter war deutlich in dieser Stimme zu hören und das Gelächter von anderen stimmte mit ein. Schritte folgten, wie als wenn jemand ein paar steinerne Stufen erklomm. Kiesel knirschten unter Stiefeln.
„Die heilige Inquisition ist euch dankbar. Lysanthor wird ihn richten, da seid euch gewiss.“
„Wie auch immer.“
Eine andere Stimme fragte etwas unterwürfiger.
„Lysanthor vergibt mir meine Sünden, wenn ich was für ihn tue, ja?“
„Klar doch Wulfe! Er bezahlt uns sogar das nächste Bier und vielleicht auch einen guten Fick.“
Gelächter erklang und die Schritte näherten sich der Tür. Als diese aufschwang blickte Theia nacheinander in drei ungewaschene wilde Gesichter. Der erste starrte sie an und grinste, der zweite blieb sogar stehen und schaute irgendwie hungrig und der letzte schob alle beiden weiter zu ihren Pferden. Er hatte die wachsten Augen und begriff wohl nach kurzem Zögern, dass sie in der Unterzahl und bei weitem nicht so gut gerüstet waren, dass es sich lohnen würde eine Novizin von der Gruppe zu trennen. Als sie sich umsah, sah sie Johan hinter sich und bemerkte, dass er die Hand auf das Heft seines Schwertes gelegt hatte. Die drei Männer huschten zu ihren Pferden, und ritten eilig davon. Ein ungutes Gefühl blieb aber. Den drei sollte sie niemals allein begegnen!
„THEIA!“
, bellte scharf Calvins Stimme zu ihr hinaus. Johan blieb draußen, aber sie trat in den Schatten des windschiefen Hauses. Ihre Augen brauchten einen Moment um sich an das Halbdunkel nach all dem lichten Sonnenschein zu gewöhnen. Der Innenraum war einst noch durch eine Wand geteilt worden, aber diese war ebenfalls eingestürzt. Geröll und vom Wind herein getragene Blättern langen auf dem hölzernen Boden, der unter ihren Schritten quietschte. Die Luft war trotzdem stickig. Bald würde hier alles zu morsch sein und einbrechen. Sie erkannte die Umrisse von Elias vor sich und wie er eine kleine lose Luke im Boden aus ihrem Weg räumte. Die anderen waren zuvor darüber getreten. Dahinter führten ein paar Stufen ins Dunkel. Ein Kartoffelkeller, nahm sie an.
„Der Gefangene ist dort unten. Versorge ihn, damit wir ihn transportieren können.“
Damit wandte er sich schon wieder an Elias:
„Prüfe den Wagen. Nicht das er unterwegs auseinander fällt und irgendwie muss er ihn ja zwischendurch aufgekriegt haben, wenn er geflohen sein soll.“
„Jawohl.“
Theias Blick war auf die Kellerstufen gerichtet. Sie hatte noch einen Moment warten müssen, damit sich ihren Augen anpassten, aber nun konnte sie die steinerne Treppe betreten. Die Kanten waren von vielen Schritten abgerundet und alt. Zum Glück waren sie nicht feucht, sonst hätte sie auf ihnen ausrutschen können. Es gab zwar einst einen Handlauf, aber auch der lag zerbrochen mit einigen kleinen Zweigen am Fuß der Treppe. Als sie unten ankam bemerkte sie auch wie niedrig der Raum war. Die Männer konnten hier kaum aufrecht stehen, aber es war deutlich kühler und die Dunkelheit war fast ...angenehm. Einen winzigen Moment lang fühlte sie etwas, dass sie unmöglich nicht mit diesem Ort verbinden konnte...
Geborgenheit?
Sie blinzelte. Dann wurde ihr Blick klar und richtete sich auf die vor ihr liegende Wahrheit. Da war ein Geräusch in ihren Ohren. Ein Summen und Rauschen und Metall rasselte. Eisen schabte über Stein. Der Geruch von Gefangenschaft, Blut und Schmutz drang ihr entgegen. Und dort saß er. Halbnackt, in schwere Ketten gelegt. Rhaev. Und der grausame Scherz daran war für einen Moment so ungeheuerlich, dass Theia ihn schlichtweg nicht begreifen konnte. Theia stand ihrem Retter nun ein weiteres Mal gegenüber. Alt genug, um zu wissen, was die Bruderschaft von ihr erwartete. Alt genug, um zu begreifen, dass das Licht, dem sie diente, von ihr verlangte, jenen Mörder zur Hinrichtung zu begleiten, der sie einst durch die Dunkelheit getragen, sie im Arm gehalten und ernährt hatte. Ein Bild stieg in ihr auf. Flammen umrandeten ihre Sicht und inmitten des rot goldenen Leuchtens, da stand er. ER hatte sie unter dem Tisch entdeckt und etwas gesehen...
Genau der gleiche Blick traf sie nun unvermittelt.
Rhaev.
Kein Wort des Erkennens kam über seine Lippen, aber dieser Blick sprach in ihrer Seele.
Ich kenne dich.
Sie musste seine Gedanken nicht hören um es zu wissen. Er stand dort, von Rauch und Flammen umgeben, und wandte ihr den Kopf zu, langsam, als hätte er alle Zeit der Welt. Mara konnte kaum atmen, als sein Blick sie unter dem Tisch fand. Ein Arm legte sich um ihren Körper. Der harte Rand einer Rüstung an ihrer Wange. Der Geruch von Metall, Leder, Blut und kalter, klarer Nachtluft. Sie zitterte, vielleicht weinte sie sogar – ihr Mund war voller Asche. Alles kam mit einem einzelnen Herzschlag wieder hoch. Rhaev sprach nicht, er sah sie nur an. Nicht in jener Nacht und auch nicht in den Tagen danach, auch jetzt nicht. Er war nicht sanft. Er erklärte nichts, entschuldigte nichts. Er sagte ihr nichts. Verriet ihr nicht, warum er ausgerechnet sie gerettet hatte. Aber er ließ sie nicht frieren. Er gab ihr Wasser. Er teilte sein Essen mit ihr, trockenes Brot, dünne Brühe, etwas, das stark nach Kräutern schmeckte und ihren Magen beruhigte. Es war als könne sie die Kräuter jetzt riechen. Wenn sie vor Erschöpfung vom Pferd zu rutschen drohte, hielt er sie fest. Wenn sie nachts aus Albträumen hochfuhr, schreiend und blind vor Panik, war er da – mit einem Mantel um ihre Schultern, mit einem Arm, der sie daran hinderte, blindlings in die Dunkelheit zu stolpern, mit einer rauen, dunklen Stimme, die ihr befahl, ihn anzusehen, Luft zu holen, zu atmen. Sie hasste ihn. Sie fürchtete ihn. Da waren die Nächte unter freiem Himmel, in denen sie so nah bei ihm lag, wie sie es ertrug, ohne zu frieren. Rhaev verschwand wortlos aus ihrem Leben. In Maras Erinnerung war vor allem eines zurück geblieben: dass sie sich noch einmal nach ihm umgedreht hatte und nach ihm rief, dass sie weinte, weil er sie zurückließ. Diese Wahrheit war eine der grausamsten in Theias Erinnerung.
„Rhaev.“
Hatte sie das gerade laut ausgesprochen? Erschrocken über ihre eigene Stimme kam sie zurück in das Hier und Jetzt. Ihr Blick war aber immernoch auf ihn gerichtet, auch wenn ihre Sicht verschwommen war. Immer noch drangen unaufhaltsam Informationen in ihren gequälten Geist. Er sah so schrecklich aus!
Blut lief ihm aus dem linken Auge über die Wange. Die Braue darüber war fast zwei fingerbreit aufgerissen und das Oberlied furchtbar angeschwollen. Seine gebrochene Nase blutete sehr stark, so dass seine nackte Brust in der Dunkelheit feucht schimmerte und seine Lippen waren aufgeplatzt. Über seiner rechten Schläfe hatte er eine große Beule die seinen Schädel merkwürdig unförmig aussehen ließ. Das alles schien ihn aber weniger zu stören. Er kauerte in einer unwürdigen Position am Boden, stützte seinen Ellenbogen ab, damit sein Rücken weder Wand noch den Boden berührte. Es brauchte nur zwei Schritte und Theia sah warum. Unterhalb des Schulterblatts und dort wo sich die Muskeln seitlich am Rumpf gleich einer Säge ineinander verzahnten, dort waren zwei klaffende Wunden und zollte von dem „Glück“ was er gehabt hatte, als vermutlich ein Bolzen oder scharfer Pfeil ihn am Rücken gestreift hatte, ein und wieder ausgetreten war und dort das Fleisch zerrissen hatte. Ein kleines Stück heller Knochen schimmerte in der Tiefe der Austrittswunde und ließ ihren Atem stocken. Er war von hinten erschossen worden, wie sie das Gespräch belauscht hatte und der Bolzen war von seinen Rippen abgeglitten, bevor er zwischen den seitlichen Muskeln wieder ausgetreten war. Etwas... etwas störte sie aber an dem Winkel. Er kam zu sehr von oben, oder? Woran sich der Geist so aufhängt, wenn er unter Stress steht. Dann ließ ein einziges kratzendes, fast tonloses Wort von ihm ihre Welt still stehen.
„Mara.“
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Re: Aufbruch nach Norden

Beitrag von Theia Talfaern » Montag 20. Juli 2026, 19:52

Klar und herrlich kühl plätscherte das Nass des Baches zu Theias Füßen, wo es sich in flachen Wirbeln an den hellen Steinen, den Wurzeln und den schmalen Gräsern brach, einen angenehmen Geruch nach feuchter Erde mit sich tragend. Eine friedliche Rast, hätte man denken können. Notwendig, nicht nur für die Reiter ihres Trupps, denn auch Nioma senkte dankbar den Kopf, als Theia sie ans Ufer führte, damit sie dort mit tiefen, gleichmäßigen Zügen trinken konnte. Theia summte bestätigend, ließ ihre Hand an dem warmen Hals der Stute liegen, dort, wo unter dem kurzem Fell die kräftigen Muskeln spürbar wurden. Einen Moment lang still in sich hinein lächelnd. Der Ritt hatte Nioma nicht erschöpft. Im Gegenteil. Theia hatte unter sich gespürt, wie sehr die Stute es genossen hatte, laufen zu dürfen; die gestreckten, kraftvollen Bewegungen, das Arbeiten der Muskeln, das leichte Schäumen am Gebiss und jener wachen Freude in jedem Schritt, wenn die Zügel ihr genügend Raum ließen. „Nicht zu gierig ...“, murmelte Theia dennoch leise, mehr aus Gewohnheit als aus wirklicher Sorge, und strich Nioma mit den Fingern über die Mähne. Erst danach hob sie den Kopf, um sich umzusehen.
Die Männer nutzten die Rast allesamt auf ihre Weise. Ihre Rüstungen mussten die zunehmende Hitze des Tages schier erbarmungslos machen, und obwohl keiner der vier Ritter offen klagte, sah Theia doch genug, um zu wissen, dass sie darunter litten. Ritter Pablo kniete am Bach und schöpfte sich Wasser ins Gesicht, das über seine sonnengebräunte Haut und in den gepflegten Spitzbart rann. Seine schiefe Nase vermutlich ein Zeichen alter Gewalt, das Theia bereits zuvor aufgefallen war. Auch Ritter Elias hatte sich die blonden Locken aus der Stirn gestrichen und benetzte sich den Nacken, während Ritter Matteo, der Theias Empfinden nach schier zu groß für jede gewöhnliche Bewegung erschien, sich nun ebenfalls zum Wasser hinabbeugte. So deutlich spannten sich die Muskeln an seinem Hals, seinen Händen, dass Theia unwillkürlich den Blick wieder abwandte. Johan, wie sie entdeckte, blieb hingegen ein wenig länger stehen, ehe er sich selbst einen Schluck Wasser genehmigte. Seine hellblauen Augen wanderten zuerst über die Umgebung, über Weg, Böschung und Baumgrenze, bevor er sich die Rast zu erlauben schien. Ja, sie waren eine Gemeinschaft, diese Männer. Nicht unbedingt eine übermäßig freundliche, wie Theia feststellte, wohl aber eine geübte. Ihre Bewegungen griffen ineinander, ohne dass viele Worte nötig gewesen wären. Einer achtete auf die Pferde, einer auf die Straße, einer lockerte schweigend irgendeinen Riemen, während der andere den Wasserschlauch an ihn weiterreichte. Theia stand nicht außerhalb davon, nicht ganz. Sie war Teil dieses Trosses, dieses Auftrags, dennoch spürte sie deutlich, dass ihre Gegenwart eine gänzlich andere war. Sie trug kein Schwert, kein Eisen, das mit derselben Selbstverständlichkeit an ihrer Seite hing wie ein verlängertes Glied. Ihre Hände waren für andere Dinge bestimmt. Für Verbände, für Versorgung und Gebete, falls nötig. Wach und vernehmungsfähig. Der Satz lag ihr bereits im Sinn, noch ehe Bruder Calven ihn erneut hätte aussprechen können.
Theia bemerkte sein Herantreten. Der Stoff seiner Kutte raschelte leise, und sein langer Ärmel bewegte sich in kleinen, ungeduldigen Bewegungen, mit denen er sich Luft zufächelte. Allerdings war es wohl nicht die Hitze allein, die ihn angespannt wirken ließ. Theia kannte Bruder Calven lange genug, um die kleinen Unterschiede zu bemerken. Seine Strenge war ihr vertraut, seine scharfe Zunge ebenso. Auch seine Ungeduld war nichts Neues. Aber diese Fahrigkeit an ihm, dieses unstete Suchen seines Blickes, der nicht bei ihr blieb, sondern immer wieder über Weg, Baumlinien und Horizont glitt — das passte nicht ganz zu ihm. Dunkle Schatten lagen unter seinen wässrig blaugrauen Augen. Nicht nur Müdigkeit, dachte Theia, und verbot sie sich den Gedanken beinahe im selben Atemzug wieder. „Du wirst den Gefangenen versorgen, sobald wir eintreffen.“ Theia nickte. „Natürlich, Bruder Calven.“
Er sah ihr beim Sprechen kaum ins Gesicht. Auch das fiel ihr auf. Es hätte ihr nicht auffallen sollen. Oder vielmehr: Es hätte keine Bedeutung haben sollen. Bruder Calven war nicht verpflichtet, ihr seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, wenn er ihr einen Befehl erteilte. Er war ihr Lehrer, ihr geistlicher Führer, eine Stimme der Ordnung in dieser Welt, die, wie er oft genug zu sagen pflegte, ohne Ordnung sofort zu Schwäche, Zweifel und Irrtum neigte. Wenn seine Gedanken bereits beim Ziel lagen, dann war das sein gutes Recht. Und dennoch. „Er muss wach und vernehmungsfähig sein, wenn wir ihn übernehmen. Das ist deine Aufgabe.“
Theia blinzelte. Einen flüchtigen Moment lang betrachtete sie die steile Falte zwischen seinen Brauen, seinen angespannten Kiefer, den Glanz von Schweiß an seinen Schläfen. Er wiederholte sich? Theia unterdrückte den Impuls, die Stirn zu runzeln. Bruder Calven wiederholte sich niemals, schon gar nicht aus Nachlässigkeit. Unwillkürlich dachte sie an die vergangene Nacht zurück. An die Dunkelheit im Anwesen, in der sie so lange wachgelegen hatte, die Hände über der Decke gefaltet, weil ihre eigenen Gedanken eine ganze Weile lang zu laut gewesen waren, um Schlaf zuzulassen. Sie hatte Schritte gehört. Leise, aber doch. Jemand war zu später Stunde im Anwesen unterwegs gewesen. Später, als es für gewöhnliche Pflichten passend gewesen wäre. War er es gewesen? Bruder Calven? Theia spürte, wie sie den Rücken durchdrückte, um sich zu besinnen. Diese Frage stand ihr nicht zu. Nicht jetzt. Vielleicht überhaupt nicht. Sie war hier, weil Vikram es so angeordnet hatte. Sie war hier, weil Bruder Calven sie führte. Ihre Aufgabe war klar, alles andere nur unnötige Grübelei. Also senkte sie schlussendlich den Blick gerade weit genug, um Gehorsam erkennen zu lassen. „Ja, Bruder Calven“, sagte sie, diesmal leiser als zuvor, aber immer noch fest genug. Auch diese Antwort schien Bruder Calven kaum wirklich aufzunehmen. Sein Blick war bereits wieder weitergewandert, hinaus über den Bachlauf, über die flimmernde Luft, über den Weg, der sie nach Norden führen würde. Dann drehte er sich ab, so abrupt, als hätte ihn ein anderer Gedanke plötzlich angestoßen, und kehrte zu seinem Pferd zurück. Theia blieb noch einen Atemzug stehen, während Nioma bereits den Kopf hob, um ihr das tropfende Maul zuzuwenden. Dann atmete sie langsam ein. Wenn Bruder Calven irgendetwas beschäftigte, hatte es vermutlich seine Gründe. Und wenn er ihr diese Gründe nicht nannte, dann waren sie schlichtweg nicht für ihre Ohren bestimmt. Zweifel war kein Werkzeug, das man ihr in die Hand gegeben hatte. Urteil ebenso wenig. Was ihr zustand, war die Pflicht. Und was sie kontrollieren konnte, war das, was besagte Pflicht betraf – ihre Hände, ihr Atem, ihr Beutel, ihre Aufmerksamkeit. Somit prüfte Theia, was sie ohnehin bereits geprüft hatte. Den Inhalt ihrer Satteltaschen. Leinentücher. Verbandsstreifen. Saubere Nadeln. Faden. Salbe. Kräuter. Wasser. Ein kleines Stück grober Seife. Alles an seinem Platz. Alles in Ordnung. Und als sie den Heilerbeutel wieder schloss, war ihre Miene erneut gesittet und ruhig.
In dem Moment, in dem sie ihr Ziel erreichten, hatte die Sonne längst ihren höchsten Stand gefunden. Die Hauptstraße lag inzwischen hinter ihnen, ebenso wie der offene Blick über die Felder. Kurz bevor sich in der Ferne die ersten Dachspitzen und Befestigungen hätten zeigen können, hatte Bruder Calven den Trupp auf einen schmaleren Pfad geführt, der sich zwischen Bäumen hindurchwand. Der Wechsel war sofort spürbar. Das Licht brach hier nicht mehr offen und hell über sie herein, sondern fiel in schmalen, flirrenden Bahnen durch die Kronen. Selbst die Luft war kühler, dichter, durchzogen vom süßen Geruch frischen Harzes und jener dunklen, feuchten Erde, die selbst an heißen Tagen die Erinnerung an Regen zu bewahren schien. Theia bemerkte auch den Augenblick, in dem die Stute unter ihr auf einmal aufmerksamer wurde. Erst war es nur ein Spiel der Ohren. Ein kurzes Zucken nach vorn, dann zur Seite, dann wieder nach vorn. Niomas Schritte blieben ruhig, aber ihre Aufmerksamkeit veränderte sich deutlich, wurde gespannter, wacher. Auch Theia hob den Blick.
Zuerst hörte sie ... Sie wusste nicht, was. Dumpf. Schläge? Ein Keuchen? Dann sah sie das Haus.
Windschief stand es auf einer Lichtung, müde, scheinbar in sich selbst zurückgelehnt, als hätte es vergessen, endgültig einzustürzen. Der untere Teil aus massiven Feldsteinen gemauert, darüber dicke, verwitterte Stämme, dunkel geworden von Zeit, Regen und Vernachlässigung. Sogar das hölzerne Schindeldach hing an einer Seite beschädigt herab; daneben lagen noch Reste eines gefallenen Baumes, halb zur Seite geschafft, halb von Moos, Gras und niedrigen Pflanzen zurückerobert. Früher einmal hätte es ein Zuhause gewesen sein können, ein einfaches vielleicht, ein raues, abgelegenes, aber dennoch eines, in dem irgendjemand einmal Feuer geschürt, Wasser geholt und Holz gestapelt hatte. Jetzt allerdings schien es nur noch ein Ort zu sein, den kaum jemand zufällig finden würde. Theia festigte den Griff um die Zügel. Im verwilderten Vorgarten standen drei Pferde, locker an die Überreste des gefallenen Baumes gebunden, gemächlich an Moos und niedrigen Gräsern rupfend, und dahinter – ein kleiner Wagen, geschlossen, niedrig, kaum mehr als eine grobe Kiste auf zwei Rädern, mit Deichseln, die man an ein Pferd hängen konnte. Theias Blick blieb daran hängen. Ob diese Kiste nicht zu klein wäre um–? Sie hatte keine Zeit, den Gedanken ordentlich zu Ende zu bringen. Erneut waren da diese ... Geräusche, dieser dumpfer Lärm, der kaum wahrnehmbar nach außen drang. Als Bruder Calven den Arm hob, hielt der Tross.
Zusammen mit Johan blieb Theia wie geheißen bei den Pferden zurück, woraufhin sie stieg abstieg, um zunächst Niomas Zügel an den Rest des verwitterten Holzzauns anzubinden, ehe sie auch die anderen Tiere geduldig zur Seite führte. Ihre Hand blieb an dem letzten Lederknoten liegen, den sie geknüpft hatte, prüfte ihn ein zweites Mal, dann ein drittes, obgleich er hielt. Dann erst trat Theia einen halben Schritt zurück. Stimmen drangen derweil aus dem Haus. Gedämpft durch Wände und Holz, aber nicht unverständlich.
„…die Leute, die ihn abholen sollen? Wo ist unser Geld?“
Theia hob den Blick. Bruder Calvens Stimme antwortete darauf, kontrolliert und scharf genug, dass selbst durch die Entfernung etwas von seiner gereizten Ungeduld hindurchschnitt. Lysanthors Segen, hörte sie. Entlohnung. Vergebung. Sünden. Irgendwann fiel noch ein anderes Wort. Eines, bei dem Theia unwillkürlich zusammenzuckte. Nicht merklich. Nicht so, dass Johan es hätte bemerken müssen, aber das Wort war ... Es klang hässlich aus diesem Mund, der es ausspuckte. Gierig. Grob. Vollkommen frei von jedweder Ehrfurcht. Und diese Männer ... Theia kam nicht umhin, bereits anhand des Gesprochenen zu bemerken, dass sie nicht wie Menschen klangen, die im Dienst der heiligen Inquisition dienten, nicht so, als würden sie einen Gefangenen übergeben, damit Recht gesprochen werden konnte. Nein, im Grunde klangen diese Stimmen nicht einmal nach Männer, die verstanden, dass Schuld und Strafe überhaupt Gewicht besaßen. Sie klangen, als lieferten sie Ware ab. Ärgerliche Ware. Beschädigte Ware vielleicht, und ... Theias Magen zog sich zusammen, ihr Blick wandte sich mit einem Mal vom Haus ab, glitt stattdessen zurück zu dem kleinen Wagen. Zu den Rädern. Zu der geschlossenen Kiste. Hände zur Pflicht. Sie atmete langsam ein. Blick zur Wahrheit. Sie atmete aus. Herz zur Standhaftigkeit. Dann schwang die Tür auf. Und Theia wurde still. Nacheinander blickte sie in die ungewaschenen Gesichter, die ihr entgegen kamen, jeden einzelnen Blick erwidernd, während ein klebrig-kühler Schauer um den nächsten über ihren Nacken kroch und sich zugleich etwas Kaltes, Stacheliges um ihre Rippen legte. Eine klare, scharfe Erkenntnis formte sich in ihr heran, so deutlich, dass sie keinen weiteren Gedanken daran würde verschwenden müssen. Diesen Männern sollte sie niemals allein begegnen. Nie. Dennoch weigerte sie sich, den Blick zu denken. Das war vielleicht das Einzige, was sie in diesem Moment wirklich kontrollieren konnte. Sie wich nicht zurück, machte sich nicht kleiner, hob aber auch nicht herausfordernd das Kinn. Sie stand einfach da, gerade, still, die Hände ordentlich vor ihrem Körper gehalten, als wäre ihr nicht bewusst, wie insbesondere dieser zweite Mann sie ansah. Als hätte sein Blick keine Stelle in ihr gefunden, die vor ihm zurückweichen, sich vor ihm verschließen, am liebsten klitzeklein zusammenrollen wollte.
Erst, als der Dritte die beiden weiter stieß, wagte Theia, weiterzuatmen. Es war ausgerechnet dieser, der die wacheren Augen besaß. Nicht freundlicher, nicht besser, nur wacher. Sein Blick glitt über Theia hinweg, an ihr vorbei, und tatsächlich bemerkte sie erst da den Ritter, der sich ihr in den Rücken gestellt hatte. Johan, dessen Hand schwer und ruhig auf dem Heft seines Schwertes lag. Theia sagte nichts, hielt nur den Rücken gerade, stocksteif geradezu, sodass die Haltung sie beinahe schmerzte, während sie beobachtete, wie die drei Männer auf ihre Pferde stiegen. Leder knarrte, Hufe scharrten, dann ritten sie auch schon davon, schneller, als sie gekommen waren, zwischen die Bäume zurück, hinaus aus der Lichtung. Das widerwärtige Gefühl jedoch, das sie hinterließen, blieb. Theia stand noch immer kerzengerade, als Bruder Calvens Stimme nach ihr rief. Ein scharfer, kurzer Laut — und Theia setzte sich in Bewegung, noch ehe sie bewusst darüber nachdenken konnte. Gehorsam hatte manchmal etwas Tröstliches. Er nahm einem für einen Augenblick die Entscheidung ab, was man tun, wohin die Füße gehen mussten. Trotzdem klopfte ihr Puls ungewöhnlich schnell.
Als Theia über die Schwelle des windschiefen Hauses trat, widmete sie dessen Innerem nur einen kurzen, knappen Blick. Mehr erlaubte sie sich nicht. Der Raum war stickig, vom Tag erwärmt. Dort, wo einst eine Wand gewesen sein musste, lagen Geröll, gesplittertes Holz und vom Wind hereingetragene Blätter auf dem Boden. Zerrissene Vorhänge bewegten sich träge vor einem offenen, möglicherweise längst zerbrochenen Fenster, löchrig und verblichen wie die letzten Reste eines Lebens, das hier einmal stattgefunden hatte. Dann fand ihr Blick die Luke im Boden. Lose. Zur Seite geschoben. Dahinter warteten Stufen. „Der Gefangene ist dort unten“, sagte Bruder Calven. „Versorge ihn, damit wir ihn transportieren können.“ Theia nickte nur, denn ihr Blick galt immer noch der den Stufen. Alt, schmal und abwärtsführend in ein Dunkel. Kurz presste sie die Lippen kurz aufeinander, kaum sichtbar, dann hob sie den Saum ihrer Gewandung zumindest so weit an, dass er ihr nicht unter die Schuhe geraten konnte, und setzte die ersten Schritte vorsichtig hinab. Die Luft wurde kühler, und vermutlich ... Es hätte unangenehm sein sollen. Ein Keller unter einer verfallenden Ruine, verborgen vor Sonne und Wind, zu niedrig gebaut für große Männer, zu dunkel, zu eng. Für den Bruchteil eines Atemzugs jedoch lag beinahe etwas Wohliges in diesem Abstieg. Die Hitze des Tages blieb über ihr zurück. Das grelle Licht, die staubige Straße, die Stimmen, die Blicke. Hier unten legte sich Dunkelheit über ihre Schultern wie ein schwerer, tröstlicher Mantel. Theia blinzelte irritiert unter dem Hauch Geborgenheit, den sie empfand. Gleich darauf allerdings traf sie auch schon der Geruch – Blut. Schmutz. Schweiß. Gefangenschaft. Darunter feuchte Erde und kühler, alter Stein.
Theia hob die Hand, hoch genug, dass das schwache, goldene Glimmen in ihrer Handfläche einen Teil der Finsternis weichen ließ. Ihr Licht, kaum heller als eine Kerze hinter dünnem Stoff verborgen, reichte aus, um Steine, Ketten und Schatten voneinander zu lösen. Zunächst ging ihr Atem noch ruhig, weil sie ihn dazu zwang. Dann allerdings fanden ihre Augen den Gefangenen.
Einen schier ewig andauernden Moment lang verstand Theia nicht, was sie sah.
Da waren zu viele Eindrücke auf einmal; ein Körper im Halbdunkel, halbnackt, in schwere Ketten gelegt, in einer Haltung, die nichts von Würde übrig ließ. Blutspuren, frisch, hellrot, aber auch altschwarz verklebt, zierte die dunkle Haut. Ein Gesicht zeichnete sich aus den Schatten heraus. Theia sah zuerst die angeschwollene Braue, die aufgeplatzte Lippen. Dann das wirre, schwarze Haar. Scharfe Gesichtslinien, selbst unter Blut und Dreck und Schmerz von eigentümlicher Schönheit.
Theias Hand erstarrte, alles an ihr erstarrte.
Das schwache Licht in ihrer Handfläche flackerte.
Das war ...
Vor lauter Schreck erlosch das Licht in ihrer Hand.
Schlagartig, als hätte Theia eine Flamme erstickt.
Dunkelheit schlug über dem Keller zusammen – schwarz, kühl, vollkommen - und Theia wich zurück, so heftig und unkontrolliert, dass ihr Rücken gegen die feuchte Steinwand stieß. Sie hielt die Luft an, starrte in die Finsternis. Einen Augenblick lang gab es nichts anderes mehr. Keinen Keller. Keine Ketten. Keine Bruderschaft. Keine Stufen neben ihr, keinen Bruder Calven über ihr, keinen Auftrag. Nur Dunkelheit und das Wissen, dass dort vor ihr etwas saß, das unmöglich dort sitzen konnte.
Etwas.
Jemand.
Ihre Augen gewöhnten sich an die kühle Schwärze. Langsam wurden aus dem Nichts Kanten. Dann Umrisse. Stein. Boden. Eisen. Ein Körper, ein gesenkter Kopf. Haare, lang und wirr, aber dunkel genug, um sie auch ohne Licht in der Finsternis erkennen zu können. Dann dieses Gesicht, zwischen schwarzen Strähnen hindurch, das Blut und Schatten zugleich trug. Rhaev. Sein Name löste sich in ihr, bevor sie begreifen konnte, dass sie ihn tatsächlich erkannte. Bevor sie verstand, dass seine Gestalt kein grausamer Irrtum ihrer Erinnerung war. Theia hörte ihre eigenen Gedanken nicht mehr. Hörte überhaupt nichts mehr außer einem dumpfen Dröhnen, das in ihrem Schädel anschwoll, in ihren Ohren hämmerte, ihr den Raum nahm, als wäre der niedrige Keller plötzlich noch enger geworden.
Hatte sie seinen Namen laut ausgesprochen?
Sie wusste es nicht.
Kein Sauerstoff gelang in ihre Lunge. Sie atmete nicht. Viel zu lange atmete sie nicht. Ihr Körper vergaß es einfach.
Erst seine Stimme brachte die Luft zurück.
Ein einziges Wort.
„Mara.“
Theia schnappte nach Atem.
Der Laut, der aus ihr herausbrach, war klein, erschrocken und fremd.
Und mit dem Atem kam alles andere.
Nicht nacheinander. Nicht geordnet. Es brach in sie hinein wie ein Rammbock gegen eine verriegelte Tür. Flammen. Rauch. Der Geschmack von Asche in ihrem Mund. Schreie, zu viele Schreie. Holz, das knackte und ächzte. Donnernde Hufen. Blut auf den Dielen. Der harte Rand einer Rüstung an ihrer Wange. Die eisig kalte Nachtluft in ihrer Kehle, die von der Hitze des Rauchs und dem Weinen ganz wund war. Eine dunkle Stimme, die ihr befahl zu atmen, genau in jenem Ton, der damals verhindert hatte, dass sie in die Dunkelheit davonlief.
Theia spürte mehr, als dass sie begriff, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich.
Dann drehte sich ihr Magen.
Sie wandte sich zur Seite, ihre Hände schlugen gegen die feuchte Mauer, ihre Finger spreizten sich auf altem Stein, während sie würgte. Krampfhaft, rau, aber leer. Ihr Körper bäumte sich gegen etwas auf, das nicht heraus konnte. Nichts kam. Ihr Magen gab nichts her.
Eine ganze Weile blieb Theia so stehen, gekrümmt, halb abgestützt an der Wand, die Stirn beinahe gegen den kühlen Stein gesenkt. Ihr Atem kam in flachen, abgerissenen Stößen. Zu schnell. Viel zu schnell.
Sie presste die Augen zusammen.
Einatmen.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
Nicht zu tief. Nicht zu flach.
Noch einmal.
Theia zwang Luft in ihre Lunge, zwang sie wieder hinaus, zwang ihren Körper zurück in etwas, das zumindest entfernt genug an Ruhe erinnerte. Ihr Puls raste überall zugleich. Unter ihrer Haut. In ihrem Hals. An ihren Handgelenken. Hinter ihren Augen und an den Rändern ihres Blickfelds. So viele Dinge empfand sie auf einmal, dass sie zusammengenommen nichts ergaben. Eine Taubheit, eine plötzliche Abwesenheit von allem. Eine Leere, die nicht wirklich leer war, sondern überfüllt, sodass nichts mehr darin Gestalt annehmen konnte.
Es gab nur einen Weg, dieses Chaos zu besänftigen.
Konzentration. Ordnung.
Theia biss fest die Zähne zusammen. Sie brauchte noch einige Atemzüge lang, doch die eiserne Starre ihres Kiefers sollte das Erste sein, das wieder ihr gehörte. Es folgten ihre Schultern. Dann ihre Händen, die sie langsam von der Wand löste. Sie richtete sich auf, noch immer schrecklich blass, aber wenigstens wieder aufrecht. Wieder gerade. Schließlich, als sie sich Rhaev erneut zuwandte, fühlte es sich seltsam entrückt an, wie sie ihn betrachtete. Fast, als sehe sie ihn nicht mehr mit ihren eigenen Augen. Dort saß er. Der Dunkelelf. Der Gefangene. Der Mann, der sie einst durch die Dunkelheit getragen hatte. Der Mann, den die Bruderschaft wach und vernehmungsfähig haben wollte. Theia sprach nicht, kein einziges Wort kam über ihre Lippen, als sie auf ihn zutrat. Ihre Schritte waren langsam, immer noch wackelig, aber nicht länger zögerlich. Sie hielt Abstand, gerade genug, um ihn nicht berühren zu müssen, noch nicht, noch nicht sofort. Stattdessen heftete sich ihr Blick an die einzelnen Wunden, eine nach der anderen, als könne sie sich selbst daran entlang aus dem Abgrund ziehen. Kopfverletzung. Beule an der Schläfe. Aufgerissene Braue. Stark angeschwollenes Lid. Gebrochene Nase, anhaltende Blutung. Fleischwunden am Rücken und am seitlichen Rumpf. Tief. Zerrissen. Verschmutzt. Verdacht auf Bolzenverletzung. Sichtbarer Knochen. Transportfähigkeit fraglich. Diesmal sah sie ihn an, ohne wirklich ihn zu sehen, nicht Rhaev. Noch nicht. Sie sah sein Zustandsbild, zwang tatsächlich jedes bisschen Aufmerksamkeit, das sich noch nicht in ihrer grausamen Erinnerung an Rauch und Feuer aufgelöst hatte, auf das, was vor ihr lag. Auf das, was man prüfen konnte. Was versorgt werden musste. Was sich benennen ließ.
Dann drehte Theia sich um, trat ohne ein weiteres Wort die Treppe wieder hinauf. Ihre Schritte vorsichtig, weil die Stufen alt waren, aber doch beinahe blindlings gesteuert, als bewege sie sich nicht selbst. Als werde sie von etwas geführt, das tiefer saß als ihr eigenes Bewusstsein. Oben trat sie dann geradewegs auf Bruder Calven zu. Automatisch. Pflichtbewusst. Ihre Hände waren kalt, aber ihre Stimme ruhig und geordnet. „Bruder Calven.“ Sie blieb vor ihm stehen, den Blick gehoben, auch wenn sie fürchtete, dass ihr Gesicht immer noch zu viel von dem Aufruhr verriet, der in ihr getobt hatte. Also hielt sie sich an die Worte. An Fakten. An das, was kein Zittern kannte, wenn man es nur knapp genug formulierte. Ganz genau so, wie sie es im Kottenhaus gelernt hatte. „Der Gefangene hat eine Kopfverletzung, seine Schläfe zeigt eine deutliche Schwellung, auch die Braue ist tief aufgerissen, das linke Auge zudem stark geschwollen. Die Nase scheint gebrochen und blutet weiterhin.“ Ihre Stimme war leise, aber klar. „Außerdem weist er zwei schwere Fleischwunden am Rücken und seitlichen Rumpf auf. Vermutlich durch einen Bolzen oder Pfeil verursacht. Die Wunden sind tief und verschmutzt. In einer davon ist Knochen sichtbar.“ Sie schluckte, dann fuhr sie fort: „Wenn möglich benötige ich heißes Wasser. Sauberes. Außerdem brauche ich Zeit, um die Blutungen zu versorgen und seinen Zustand zu beobachten. Besonders wegen der Kopfverletzung.“ Einen Moment lang hielt Theia inne. „Wenn sein Bewusstsein eintrübt, während er in den Wagen gesperrt wird, bemerken wir es womöglich zu spät. Ich halte es für unklug, ihn sofort abzutransportieren.“ Unklug. Nicht falsch. Es lag nicht an ihr, Entscheidungen zu treffen.
„Er soll wach und vernehmungsfähig sein“, wiederholte sie, und in diesem Satz lag Bruder Calvens eigener Befehl, sauber zurückgereicht. „Das kann ich nicht gewährleisten, wenn ich ihn nicht wenigstens einige Stunden beobachtet habe.“ Ihr Herz schlug noch immer zu schnell, dennoch wartete Theia nicht länger, als der Gehorsam es verlangte. Ob Bruder Calven ihren Einwand billigte, verwarf oder nur schweigend zur Kenntnis nahm — ihre Aufgabe blieb prinzipiell dieselbe. Also wandte sie sich ab, trat hinaus zu den Pferden und öffnete mit fahrigen, aber zielgerichteten Fingern die Satteltaschen an Niomas Seite. Sie suchte zusammen, was sie benötigte, dann schloss die den Heilerbeutel fester, als nötig gewesen wäre.
Schlussendlich wandte sie sich wieder dem Haus zu.
Hinab, dachte sie, und trat dann erneut über die Schwelle, durch den stickigen Raum, an der losen Luke vorbei und die alten Stufen hinab. In ihrer Handfläche sammelte sich wieder ein schwaches, goldenes Glimmen. Diesmal flackerte es nicht. Nein, diesmal durfte es nicht flackern. Wenn Bruder Calven ihrer Einschätzung folgte, würden die Ritter Feuer machen müssen. Wasser erhitzen. Nichtsdestotrotz würde sie Rhae– ... Den Gefangenen. Den Gefangenen würde sie nun zumindest einmal erstversorgen müssen.
Wie durch Wasser, wie durch Wolken bewegte sich ihr Körper und tat dabei alles, was er tun musste. Ihre Finger hielten den Heilerbeutel. In ihrer Handfläche glomm ein sanftes, goldenes Licht, gerade hell genug, um den Weg und später die Wunden erkennen zu können. Selbst ihr Atem ging nun wieder ruhig, weil sie ihn dazu zwang. Sie sagte zunächst nichts. Worte hätten Vorbereitung verlangt, und dafür hatte Theia keine Zeit gehabt. Nicht, als sie die Satteltaschen geöffnet hatte. Nicht, als sie Leinentücher, Verbandsstreifen, Salbe, Öl, Wasser, Nadel und Faden zusammengesucht hatte. Nicht, als sie wieder über die Schwelle des Hauses getreten war. Es gab keine richtigen Wörter für diesen Augenblick. Also kniete sie in angemessenem Abstand vor dem Gefangenen nieder und begann, ihre Utensilien auf einem sauberen Tuch auszubreiten. Ordnung. Leinen links. Wasser daneben. Öl. Salbe. Faden. Weitere Tücher, falls die Blutung stärker wurde. Alles sichtbar. Alles erreichbar. Alles dort, wo es sein musste.
Erst dann hob sie den Blick.
„Ihr habt mich verwechselt.“
Der Satz kam ganz von selbst – nüchtern und streng. Und vollkommener Blödsinn.
Sie erlaubte sich nicht, darüber nachzudenken, wieso sie das behauptete.
Nicht jetzt.
„Ihr habt eine Kopfverletzung“, fuhr sie fort, und diesmal klang ihre Stimme fester. „Ihr seid dehydriert. Erschöpft. Womöglich verwirrt. Ihr kennt mich nicht.“
Theia griff nach einem angefeuchteten Tuch und rückte näher, gerade so weit, wie es notwendig war. Ihre Hand zögerte nur einen winzigen Herzschlag lang, bevor sie einiges von dem Blut, das sein Gesicht zeichnete, entfernte. Anders ging es jedoch nicht. Sie musste wissen, womit sie es zu tun hatte.
„Ich werde Euch jetzt versorgen“, sagte sie. „Und Ihr werdet mich lassen und auf meine Fragen antworten, Dunkelelf.“
Sie führte das goldene Glimmen ihrer Hand seitlich vor seine Augen, prüfte, soweit Schwellung und Halbdunkel es zuließen, ob seine Pupillen auf das Licht reagierten. Sein linkes Auge war durch die Verletzung kaum brauchbar, die geschwollene Braue verzerrte die Haut darüber – dennoch schien die Reaktion, soweit Theia sie zumindest erkennen konnte, nicht auffällig genug, um sie sofort schlimmeres befürchten zu lassen. Ein wenig später tasteten ihre Finger auch schon behutsam die Beule an seiner Schläfe ab, ohne Druck, nur mit der Vorsicht einer Heilerin, die wissen musste, wo Schwellung und Schmerz begannen. Danach betrachtete sie den Riss an der Braue genauer, seine aufgesprungenen Lippen, die gebrochene Nase, deren Blut sich bereits dunkel über Mund, Kinn und Brust gezogen hatte. Schließlich wanderte ihre Hand zu seinem Kiefer, nicht sanft, sondern prüfend, um den Winkel seines Gesichts und die Beweglichkeit zu beurteilen.
„Ist Euch schwarz vor Augen? Seht Ihr doppelt? Ist Euch übel?“ Die Fragen kamen ganz sachlich. Immerhin musste sie wissen, ob sie sich tatsächlich zuerst seinem Kopf widmen musste - oder ob sie sich in ihrer außerklinischen Aufmerksamkeit bereits der (prinzipiell leichter zu versorgenden, wenn zugleich auch wesentlich imposanteren) Wunde an seiner Körperseite zuwenden konnte.

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