Klar und herrlich kühl plätscherte das Nass des Baches zu Theias Füßen, wo es sich in flachen Wirbeln an den hellen Steinen, den Wurzeln und den schmalen Gräsern brach, einen angenehmen Geruch nach feuchter Erde mit sich tragend. Eine friedliche Rast, hätte man denken können. Notwendig, nicht nur für die Reiter ihres Trupps, denn auch Nioma senkte dankbar den Kopf, als Theia sie ans Ufer führte, damit sie dort mit tiefen, gleichmäßigen Zügen trinken konnte. Theia summte bestätigend, ließ ihre Hand an dem warmen Hals der Stute liegen, dort, wo unter dem kurzem Fell die kräftigen Muskeln spürbar wurden. Einen Moment lang still in sich hinein lächelnd. Der Ritt hatte Nioma nicht erschöpft. Im Gegenteil. Theia hatte unter sich gespürt, wie sehr die Stute es genossen hatte, laufen zu dürfen; die gestreckten, kraftvollen Bewegungen, das Arbeiten der Muskeln, das leichte Schäumen am Gebiss und jener wachen Freude in jedem Schritt, wenn die Zügel ihr genügend Raum ließen. „Nicht zu gierig ...“, murmelte Theia dennoch leise, mehr aus Gewohnheit als aus wirklicher Sorge, und strich Nioma mit den Fingern über die Mähne. Erst danach hob sie den Kopf, um sich umzusehen.
Die Männer nutzten die Rast allesamt auf ihre Weise. Ihre Rüstungen mussten die zunehmende Hitze des Tages schier erbarmungslos machen, und obwohl keiner der vier Ritter offen klagte, sah Theia doch genug, um zu wissen, dass sie darunter litten. Ritter Pablo kniete am Bach und schöpfte sich Wasser ins Gesicht, das über seine sonnengebräunte Haut und in den gepflegten Spitzbart rann. Seine schiefe Nase vermutlich ein Zeichen alter Gewalt, das Theia bereits zuvor aufgefallen war. Auch Ritter Elias hatte sich die blonden Locken aus der Stirn gestrichen und benetzte sich den Nacken, während Ritter Matteo, der Theias Empfinden nach schier zu groß für jede gewöhnliche Bewegung erschien, sich nun ebenfalls zum Wasser hinabbeugte. So deutlich spannten sich die Muskeln an seinem Hals, seinen Händen, dass Theia unwillkürlich den Blick wieder abwandte. Johan, wie sie entdeckte, blieb hingegen ein wenig länger stehen, ehe er sich selbst einen Schluck Wasser genehmigte. Seine hellblauen Augen wanderten zuerst über die Umgebung, über Weg, Böschung und Baumgrenze, bevor er sich die Rast zu erlauben schien. Ja, sie waren eine Gemeinschaft, diese Männer. Nicht unbedingt eine übermäßig freundliche, wie Theia feststellte, wohl aber eine geübte. Ihre Bewegungen griffen ineinander, ohne dass viele Worte nötig gewesen wären. Einer achtete auf die Pferde, einer auf die Straße, einer lockerte schweigend irgendeinen Riemen, während der andere den Wasserschlauch an ihn weiterreichte. Theia stand nicht außerhalb davon, nicht ganz. Sie war Teil dieses Trosses, dieses Auftrags, dennoch spürte sie deutlich, dass ihre Gegenwart eine gänzlich andere war. Sie trug kein Schwert, kein Eisen, das mit derselben Selbstverständlichkeit an ihrer Seite hing wie ein verlängertes Glied. Ihre Hände waren für andere Dinge bestimmt. Für Verbände, für Versorgung und Gebete, falls nötig. Wach und vernehmungsfähig. Der Satz lag ihr bereits im Sinn, noch ehe Bruder Calven ihn erneut hätte aussprechen können.
Theia bemerkte sein Herantreten. Der Stoff seiner Kutte raschelte leise, und sein langer Ärmel bewegte sich in kleinen, ungeduldigen Bewegungen, mit denen er sich Luft zufächelte. Allerdings war es wohl nicht die Hitze allein, die ihn angespannt wirken ließ. Theia kannte Bruder Calven lange genug, um die kleinen Unterschiede zu bemerken. Seine Strenge war ihr vertraut, seine scharfe Zunge ebenso. Auch seine Ungeduld war nichts Neues. Aber diese Fahrigkeit an ihm, dieses unstete Suchen seines Blickes, der nicht bei ihr blieb, sondern immer wieder über Weg, Baumlinien und Horizont glitt — das passte nicht ganz zu ihm. Dunkle Schatten lagen unter seinen wässrig blaugrauen Augen. Nicht nur Müdigkeit, dachte Theia, und verbot sie sich den Gedanken beinahe im selben Atemzug wieder. „Du wirst den Gefangenen versorgen, sobald wir eintreffen.“ Theia nickte. „Natürlich, Bruder Calven.“
Er sah ihr beim Sprechen kaum ins Gesicht. Auch das fiel ihr auf. Es hätte ihr nicht auffallen sollen. Oder vielmehr: Es hätte keine Bedeutung haben sollen. Bruder Calven war nicht verpflichtet, ihr seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, wenn er ihr einen Befehl erteilte. Er war ihr Lehrer, ihr geistlicher Führer, eine Stimme der Ordnung in dieser Welt, die, wie er oft genug zu sagen pflegte, ohne Ordnung sofort zu Schwäche, Zweifel und Irrtum neigte. Wenn seine Gedanken bereits beim Ziel lagen, dann war das sein gutes Recht. Und dennoch. „Er muss wach und vernehmungsfähig sein, wenn wir ihn übernehmen. Das ist deine Aufgabe.“
Theia blinzelte. Einen flüchtigen Moment lang betrachtete sie die steile Falte zwischen seinen Brauen, seinen angespannten Kiefer, den Glanz von Schweiß an seinen Schläfen. Er wiederholte sich? Theia unterdrückte den Impuls, die Stirn zu runzeln. Bruder Calven wiederholte sich niemals, schon gar nicht aus Nachlässigkeit. Unwillkürlich dachte sie an die vergangene Nacht zurück. An die Dunkelheit im Anwesen, in der sie so lange wachgelegen hatte, die Hände über der Decke gefaltet, weil ihre eigenen Gedanken eine ganze Weile lang zu laut gewesen waren, um Schlaf zuzulassen. Sie hatte Schritte gehört. Leise, aber doch. Jemand war zu später Stunde im Anwesen unterwegs gewesen. Später, als es für gewöhnliche Pflichten passend gewesen wäre. War er es gewesen? Bruder Calven? Theia spürte, wie sie den Rücken durchdrückte, um sich zu besinnen. Diese Frage stand ihr nicht zu. Nicht jetzt. Vielleicht überhaupt nicht. Sie war hier, weil Vikram es so angeordnet hatte. Sie war hier, weil Bruder Calven sie führte. Ihre Aufgabe war klar, alles andere nur unnötige Grübelei. Also senkte sie schlussendlich den Blick gerade weit genug, um Gehorsam erkennen zu lassen. „Ja, Bruder Calven“, sagte sie, diesmal leiser als zuvor, aber immer noch fest genug. Auch diese Antwort schien Bruder Calven kaum wirklich aufzunehmen. Sein Blick war bereits wieder weitergewandert, hinaus über den Bachlauf, über die flimmernde Luft, über den Weg, der sie nach Norden führen würde. Dann drehte er sich ab, so abrupt, als hätte ihn ein anderer Gedanke plötzlich angestoßen, und kehrte zu seinem Pferd zurück. Theia blieb noch einen Atemzug stehen, während Nioma bereits den Kopf hob, um ihr das tropfende Maul zuzuwenden. Dann atmete sie langsam ein. Wenn Bruder Calven irgendetwas beschäftigte, hatte es vermutlich seine Gründe. Und wenn er ihr diese Gründe nicht nannte, dann waren sie schlichtweg nicht für ihre Ohren bestimmt. Zweifel war kein Werkzeug, das man ihr in die Hand gegeben hatte. Urteil ebenso wenig. Was ihr zustand, war die Pflicht. Und was sie kontrollieren konnte, war das, was besagte Pflicht betraf – ihre Hände, ihr Atem, ihr Beutel, ihre Aufmerksamkeit. Somit prüfte Theia, was sie ohnehin bereits geprüft hatte. Den Inhalt ihrer Satteltaschen. Leinentücher. Verbandsstreifen. Saubere Nadeln. Faden. Salbe. Kräuter. Wasser. Ein kleines Stück grober Seife. Alles an seinem Platz. Alles in Ordnung. Und als sie den Heilerbeutel wieder schloss, war ihre Miene erneut gesittet und ruhig.
In dem Moment, in dem sie ihr Ziel erreichten, hatte die Sonne längst ihren höchsten Stand gefunden. Die Hauptstraße lag inzwischen hinter ihnen, ebenso wie der offene Blick über die Felder. Kurz bevor sich in der Ferne die ersten Dachspitzen und Befestigungen hätten zeigen können, hatte Bruder Calven den Trupp auf einen schmaleren Pfad geführt, der sich zwischen Bäumen hindurchwand. Der Wechsel war sofort spürbar. Das Licht brach hier nicht mehr offen und hell über sie herein, sondern fiel in schmalen, flirrenden Bahnen durch die Kronen. Selbst die Luft war kühler, dichter, durchzogen vom süßen Geruch frischen Harzes und jener dunklen, feuchten Erde, die selbst an heißen Tagen die Erinnerung an Regen zu bewahren schien. Theia bemerkte auch den Augenblick, in dem die Stute unter ihr auf einmal aufmerksamer wurde. Erst war es nur ein Spiel der Ohren. Ein kurzes Zucken nach vorn, dann zur Seite, dann wieder nach vorn. Niomas Schritte blieben ruhig, aber ihre Aufmerksamkeit veränderte sich deutlich, wurde gespannter, wacher. Auch Theia hob den Blick.
Zuerst hörte sie ... Sie wusste nicht, was. Dumpf. Schläge? Ein Keuchen? Dann sah sie das Haus.
Windschief stand es auf einer Lichtung, müde, scheinbar in sich selbst zurückgelehnt, als hätte es vergessen, endgültig einzustürzen. Der untere Teil aus massiven Feldsteinen gemauert, darüber dicke, verwitterte Stämme, dunkel geworden von Zeit, Regen und Vernachlässigung. Sogar das hölzerne Schindeldach hing an einer Seite beschädigt herab; daneben lagen noch Reste eines gefallenen Baumes, halb zur Seite geschafft, halb von Moos, Gras und niedrigen Pflanzen zurückerobert. Früher einmal hätte es ein Zuhause gewesen sein können, ein einfaches vielleicht, ein raues, abgelegenes, aber dennoch eines, in dem irgendjemand einmal Feuer geschürt, Wasser geholt und Holz gestapelt hatte. Jetzt allerdings schien es nur noch ein Ort zu sein, den kaum jemand zufällig finden würde. Theia festigte den Griff um die Zügel. Im verwilderten Vorgarten standen drei Pferde, locker an die Überreste des gefallenen Baumes gebunden, gemächlich an Moos und niedrigen Gräsern rupfend, und dahinter – ein kleiner Wagen, geschlossen, niedrig, kaum mehr als eine grobe Kiste auf zwei Rädern, mit Deichseln, die man an ein Pferd hängen konnte. Theias Blick blieb daran hängen. Ob diese Kiste nicht zu klein wäre um–? Sie hatte keine Zeit, den Gedanken ordentlich zu Ende zu bringen. Erneut waren da diese ... Geräusche, dieser dumpfer Lärm, der kaum wahrnehmbar nach außen drang. Als Bruder Calven den Arm hob, hielt der Tross.
Zusammen mit Johan blieb Theia wie geheißen bei den Pferden zurück, woraufhin sie stieg abstieg, um zunächst Niomas Zügel an den Rest des verwitterten Holzzauns anzubinden, ehe sie auch die anderen Tiere geduldig zur Seite führte. Ihre Hand blieb an dem letzten Lederknoten liegen, den sie geknüpft hatte, prüfte ihn ein zweites Mal, dann ein drittes, obgleich er hielt. Dann erst trat Theia einen halben Schritt zurück. Stimmen drangen derweil aus dem Haus. Gedämpft durch Wände und Holz, aber nicht unverständlich.
„…die Leute, die ihn abholen sollen? Wo ist unser Geld?“
Theia hob den Blick. Bruder Calvens Stimme antwortete darauf, kontrolliert und scharf genug, dass selbst durch die Entfernung etwas von seiner gereizten Ungeduld hindurchschnitt. Lysanthors Segen, hörte sie. Entlohnung. Vergebung. Sünden. Irgendwann fiel noch ein anderes Wort. Eines, bei dem Theia unwillkürlich zusammenzuckte. Nicht merklich. Nicht so, dass Johan es hätte bemerken müssen, aber das Wort war ... Es klang hässlich aus diesem Mund, der es ausspuckte. Gierig. Grob. Vollkommen frei von jedweder Ehrfurcht. Und diese Männer ... Theia kam nicht umhin, bereits anhand des Gesprochenen zu bemerken, dass sie nicht wie Menschen klangen, die im Dienst der heiligen Inquisition dienten, nicht so, als würden sie einen Gefangenen übergeben, damit Recht gesprochen werden konnte. Nein, im Grunde klangen diese Stimmen nicht einmal nach Männer, die verstanden, dass Schuld und Strafe überhaupt Gewicht besaßen. Sie klangen, als lieferten sie Ware ab. Ärgerliche Ware. Beschädigte Ware vielleicht, und ... Theias Magen zog sich zusammen, ihr Blick wandte sich mit einem Mal vom Haus ab, glitt stattdessen zurück zu dem kleinen Wagen. Zu den Rädern. Zu der geschlossenen Kiste. Hände zur Pflicht. Sie atmete langsam ein. Blick zur Wahrheit. Sie atmete aus. Herz zur Standhaftigkeit. Dann schwang die Tür auf. Und Theia wurde still. Nacheinander blickte sie in die ungewaschenen Gesichter, die ihr entgegen kamen, jeden einzelnen Blick erwidernd, während ein klebrig-kühler Schauer um den nächsten über ihren Nacken kroch und sich zugleich etwas Kaltes, Stacheliges um ihre Rippen legte. Eine klare, scharfe Erkenntnis formte sich in ihr heran, so deutlich, dass sie keinen weiteren Gedanken daran würde verschwenden müssen. Diesen Männern sollte sie niemals allein begegnen. Nie. Dennoch weigerte sie sich, den Blick zu denken. Das war vielleicht das Einzige, was sie in diesem Moment wirklich kontrollieren konnte. Sie wich nicht zurück, machte sich nicht kleiner, hob aber auch nicht herausfordernd das Kinn. Sie stand einfach da, gerade, still, die Hände ordentlich vor ihrem Körper gehalten, als wäre ihr nicht bewusst, wie insbesondere dieser zweite Mann sie ansah. Als hätte sein Blick keine Stelle in ihr gefunden, die vor ihm zurückweichen, sich vor ihm verschließen, am liebsten klitzeklein zusammenrollen wollte.
Erst, als der Dritte die beiden weiter stieß, wagte Theia, weiterzuatmen. Es war ausgerechnet dieser, der die wacheren Augen besaß. Nicht freundlicher, nicht besser, nur wacher. Sein Blick glitt über Theia hinweg, an ihr vorbei, und tatsächlich bemerkte sie erst da den Ritter, der sich ihr in den Rücken gestellt hatte. Johan, dessen Hand schwer und ruhig auf dem Heft seines Schwertes lag. Theia sagte nichts, hielt nur den Rücken gerade, stocksteif geradezu, sodass die Haltung sie beinahe schmerzte, während sie beobachtete, wie die drei Männer auf ihre Pferde stiegen. Leder knarrte, Hufe scharrten, dann ritten sie auch schon davon, schneller, als sie gekommen waren, zwischen die Bäume zurück, hinaus aus der Lichtung. Das widerwärtige Gefühl jedoch, das sie hinterließen, blieb. Theia stand noch immer kerzengerade, als Bruder Calvens Stimme nach ihr rief. Ein scharfer, kurzer Laut — und Theia setzte sich in Bewegung, noch ehe sie bewusst darüber nachdenken konnte. Gehorsam hatte manchmal etwas Tröstliches. Er nahm einem für einen Augenblick die Entscheidung ab, was man tun, wohin die Füße gehen mussten. Trotzdem klopfte ihr Puls ungewöhnlich schnell.
Als Theia über die Schwelle des windschiefen Hauses trat, widmete sie dessen Innerem nur einen kurzen, knappen Blick. Mehr erlaubte sie sich nicht. Der Raum war stickig, vom Tag erwärmt. Dort, wo einst eine Wand gewesen sein musste, lagen Geröll, gesplittertes Holz und vom Wind hereingetragene Blätter auf dem Boden. Zerrissene Vorhänge bewegten sich träge vor einem offenen, möglicherweise längst zerbrochenen Fenster, löchrig und verblichen wie die letzten Reste eines Lebens, das hier einmal stattgefunden hatte. Dann fand ihr Blick die Luke im Boden. Lose. Zur Seite geschoben. Dahinter warteten Stufen. „Der Gefangene ist dort unten“, sagte Bruder Calven. „Versorge ihn, damit wir ihn transportieren können.“ Theia nickte nur, denn ihr Blick galt immer noch der den Stufen. Alt, schmal und abwärtsführend in ein Dunkel. Kurz presste sie die Lippen kurz aufeinander, kaum sichtbar, dann hob sie den Saum ihrer Gewandung zumindest so weit an, dass er ihr nicht unter die Schuhe geraten konnte, und setzte die ersten Schritte vorsichtig hinab. Die Luft wurde kühler, und vermutlich ... Es hätte unangenehm sein sollen. Ein Keller unter einer verfallenden Ruine, verborgen vor Sonne und Wind, zu niedrig gebaut für große Männer, zu dunkel, zu eng. Für den Bruchteil eines Atemzugs jedoch lag beinahe etwas Wohliges in diesem Abstieg. Die Hitze des Tages blieb über ihr zurück. Das grelle Licht, die staubige Straße, die Stimmen, die Blicke. Hier unten legte sich Dunkelheit über ihre Schultern wie ein schwerer, tröstlicher Mantel. Theia blinzelte irritiert unter dem Hauch Geborgenheit, den sie empfand. Gleich darauf allerdings traf sie auch schon der Geruch – Blut. Schmutz. Schweiß. Gefangenschaft. Darunter feuchte Erde und kühler, alter Stein.
Theia hob die Hand, hoch genug, dass das schwache, goldene Glimmen in ihrer Handfläche einen Teil der Finsternis weichen ließ. Ihr Licht, kaum heller als eine Kerze hinter dünnem Stoff verborgen, reichte aus, um Steine, Ketten und Schatten voneinander zu lösen. Zunächst ging ihr Atem noch ruhig, weil sie ihn dazu zwang. Dann allerdings fanden ihre Augen den Gefangenen.
Einen schier ewig andauernden Moment lang verstand Theia nicht, was sie sah.
Da waren zu viele Eindrücke auf einmal; ein Körper im Halbdunkel, halbnackt, in schwere Ketten gelegt, in einer Haltung, die nichts von Würde übrig ließ. Blutspuren, frisch, hellrot, aber auch altschwarz verklebt, zierte die dunkle Haut. Ein Gesicht zeichnete sich aus den Schatten heraus. Theia sah zuerst die angeschwollene Braue, die aufgeplatzte Lippen. Dann das wirre, schwarze Haar. Scharfe Gesichtslinien, selbst unter Blut und Dreck und Schmerz von eigentümlicher Schönheit.
Theias Hand erstarrte, alles an ihr erstarrte.
Das schwache Licht in ihrer Handfläche flackerte.
Das war ...
Vor lauter Schreck erlosch das Licht in ihrer Hand.
Schlagartig, als hätte Theia eine Flamme erstickt.
Dunkelheit schlug über dem Keller zusammen – schwarz, kühl, vollkommen - und Theia wich zurück, so heftig und unkontrolliert, dass ihr Rücken gegen die feuchte Steinwand stieß. Sie hielt die Luft an, starrte in die Finsternis. Einen Augenblick lang gab es nichts anderes mehr. Keinen Keller. Keine Ketten. Keine Bruderschaft. Keine Stufen neben ihr, keinen Bruder Calven über ihr, keinen Auftrag. Nur Dunkelheit und das Wissen, dass dort vor ihr etwas saß, das unmöglich dort sitzen konnte.
Etwas.
Jemand.
Ihre Augen gewöhnten sich an die kühle Schwärze. Langsam wurden aus dem Nichts Kanten. Dann Umrisse. Stein. Boden. Eisen. Ein Körper, ein gesenkter Kopf. Haare, lang und wirr, aber dunkel genug, um sie auch ohne Licht in der Finsternis erkennen zu können. Dann dieses Gesicht, zwischen schwarzen Strähnen hindurch, das Blut und Schatten zugleich trug. Rhaev. Sein Name löste sich in ihr, bevor sie begreifen konnte, dass sie ihn tatsächlich erkannte. Bevor sie verstand, dass seine Gestalt kein grausamer Irrtum ihrer Erinnerung war. Theia hörte ihre eigenen Gedanken nicht mehr. Hörte überhaupt nichts mehr außer einem dumpfen Dröhnen, das in ihrem Schädel anschwoll, in ihren Ohren hämmerte, ihr den Raum nahm, als wäre der niedrige Keller plötzlich noch enger geworden.
Hatte sie seinen Namen laut ausgesprochen?
Sie wusste es nicht.
Kein Sauerstoff gelang in ihre Lunge. Sie atmete nicht. Viel zu lange atmete sie nicht. Ihr Körper vergaß es einfach.
Erst seine Stimme brachte die Luft zurück.
Ein einziges Wort.
„Mara.“
Theia schnappte nach Atem.
Der Laut, der aus ihr herausbrach, war klein, erschrocken und fremd.
Und mit dem Atem kam alles andere.
Nicht nacheinander. Nicht geordnet. Es brach in sie hinein wie ein Rammbock gegen eine verriegelte Tür. Flammen. Rauch. Der Geschmack von Asche in ihrem Mund. Schreie, zu viele Schreie. Holz, das knackte und ächzte. Donnernde Hufen. Blut auf den Dielen. Der harte Rand einer Rüstung an ihrer Wange. Die eisig kalte Nachtluft in ihrer Kehle, die von der Hitze des Rauchs und dem Weinen ganz wund war. Eine dunkle Stimme, die ihr befahl zu atmen, genau in jenem Ton, der damals verhindert hatte, dass sie in die Dunkelheit davonlief.
Theia spürte mehr, als dass sie begriff, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich.
Dann drehte sich ihr Magen.
Sie wandte sich zur Seite, ihre Hände schlugen gegen die feuchte Mauer, ihre Finger spreizten sich auf altem Stein, während sie würgte. Krampfhaft, rau, aber leer. Ihr Körper bäumte sich gegen etwas auf, das nicht heraus konnte. Nichts kam. Ihr Magen gab nichts her.
Eine ganze Weile blieb Theia so stehen, gekrümmt, halb abgestützt an der Wand, die Stirn beinahe gegen den kühlen Stein gesenkt. Ihr Atem kam in flachen, abgerissenen Stößen. Zu schnell. Viel zu schnell.
Sie presste die Augen zusammen.
Einatmen.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
Nicht zu tief. Nicht zu flach.
Noch einmal.
Theia zwang Luft in ihre Lunge, zwang sie wieder hinaus, zwang ihren Körper zurück in etwas, das zumindest entfernt genug an Ruhe erinnerte. Ihr Puls raste überall zugleich. Unter ihrer Haut. In ihrem Hals. An ihren Handgelenken. Hinter ihren Augen und an den Rändern ihres Blickfelds. So viele Dinge empfand sie auf einmal, dass sie zusammengenommen nichts ergaben. Eine Taubheit, eine plötzliche Abwesenheit von allem. Eine Leere, die nicht wirklich leer war, sondern überfüllt, sodass nichts mehr darin Gestalt annehmen konnte.
Es gab nur einen Weg, dieses Chaos zu besänftigen.
Konzentration. Ordnung.
Theia biss fest die Zähne zusammen. Sie brauchte noch einige Atemzüge lang, doch die eiserne Starre ihres Kiefers sollte das Erste sein, das wieder ihr gehörte. Es folgten ihre Schultern. Dann ihre Händen, die sie langsam von der Wand löste. Sie richtete sich auf, noch immer schrecklich blass, aber wenigstens wieder aufrecht. Wieder gerade. Schließlich, als sie sich Rhaev erneut zuwandte, fühlte es sich seltsam entrückt an, wie sie ihn betrachtete. Fast, als sehe sie ihn nicht mehr mit ihren eigenen Augen. Dort saß er. Der Dunkelelf. Der Gefangene. Der Mann, der sie einst durch die Dunkelheit getragen hatte. Der Mann, den die Bruderschaft wach und vernehmungsfähig haben wollte. Theia sprach nicht, kein einziges Wort kam über ihre Lippen, als sie auf ihn zutrat. Ihre Schritte waren langsam, immer noch wackelig, aber nicht länger zögerlich. Sie hielt Abstand, gerade genug, um ihn nicht berühren zu müssen, noch nicht, noch nicht sofort. Stattdessen heftete sich ihr Blick an die einzelnen Wunden, eine nach der anderen, als könne sie sich selbst daran entlang aus dem Abgrund ziehen. Kopfverletzung. Beule an der Schläfe. Aufgerissene Braue. Stark angeschwollenes Lid. Gebrochene Nase, anhaltende Blutung. Fleischwunden am Rücken und am seitlichen Rumpf. Tief. Zerrissen. Verschmutzt. Verdacht auf Bolzenverletzung. Sichtbarer Knochen. Transportfähigkeit fraglich. Diesmal sah sie ihn an, ohne wirklich ihn zu sehen, nicht Rhaev. Noch nicht. Sie sah sein Zustandsbild, zwang tatsächlich jedes bisschen Aufmerksamkeit, das sich noch nicht in ihrer grausamen Erinnerung an Rauch und Feuer aufgelöst hatte, auf das, was vor ihr lag. Auf das, was man prüfen konnte. Was versorgt werden musste. Was sich benennen ließ.
Dann drehte Theia sich um, trat ohne ein weiteres Wort die Treppe wieder hinauf. Ihre Schritte vorsichtig, weil die Stufen alt waren, aber doch beinahe blindlings gesteuert, als bewege sie sich nicht selbst. Als werde sie von etwas geführt, das tiefer saß als ihr eigenes Bewusstsein. Oben trat sie dann geradewegs auf Bruder Calven zu. Automatisch. Pflichtbewusst. Ihre Hände waren kalt, aber ihre Stimme ruhig und geordnet. „Bruder Calven.“ Sie blieb vor ihm stehen, den Blick gehoben, auch wenn sie fürchtete, dass ihr Gesicht immer noch zu viel von dem Aufruhr verriet, der in ihr getobt hatte. Also hielt sie sich an die Worte. An Fakten. An das, was kein Zittern kannte, wenn man es nur knapp genug formulierte. Ganz genau so, wie sie es im Kottenhaus gelernt hatte. „Der Gefangene hat eine Kopfverletzung, seine Schläfe zeigt eine deutliche Schwellung, auch die Braue ist tief aufgerissen, das linke Auge zudem stark geschwollen. Die Nase scheint gebrochen und blutet weiterhin.“ Ihre Stimme war leise, aber klar. „Außerdem weist er zwei schwere Fleischwunden am Rücken und seitlichen Rumpf auf. Vermutlich durch einen Bolzen oder Pfeil verursacht. Die Wunden sind tief und verschmutzt. In einer davon ist Knochen sichtbar.“ Sie schluckte, dann fuhr sie fort: „Wenn möglich benötige ich heißes Wasser. Sauberes. Außerdem brauche ich Zeit, um die Blutungen zu versorgen und seinen Zustand zu beobachten. Besonders wegen der Kopfverletzung.“ Einen Moment lang hielt Theia inne. „Wenn sein Bewusstsein eintrübt, während er in den Wagen gesperrt wird, bemerken wir es womöglich zu spät. Ich halte es für unklug, ihn sofort abzutransportieren.“ Unklug. Nicht falsch. Es lag nicht an ihr, Entscheidungen zu treffen.
„Er soll wach und vernehmungsfähig sein“, wiederholte sie, und in diesem Satz lag Bruder Calvens eigener Befehl, sauber zurückgereicht. „Das kann ich nicht gewährleisten, wenn ich ihn nicht wenigstens einige Stunden beobachtet habe.“ Ihr Herz schlug noch immer zu schnell, dennoch wartete Theia nicht länger, als der Gehorsam es verlangte. Ob Bruder Calven ihren Einwand billigte, verwarf oder nur schweigend zur Kenntnis nahm — ihre Aufgabe blieb prinzipiell dieselbe. Also wandte sie sich ab, trat hinaus zu den Pferden und öffnete mit fahrigen, aber zielgerichteten Fingern die Satteltaschen an Niomas Seite. Sie suchte zusammen, was sie benötigte, dann schloss die den Heilerbeutel fester, als nötig gewesen wäre.
Schlussendlich wandte sie sich wieder dem Haus zu.
Hinab, dachte sie, und trat dann erneut über die Schwelle, durch den stickigen Raum, an der losen Luke vorbei und die alten Stufen hinab. In ihrer Handfläche sammelte sich wieder ein schwaches, goldenes Glimmen. Diesmal flackerte es nicht. Nein, diesmal durfte es nicht flackern. Wenn Bruder Calven ihrer Einschätzung folgte, würden die Ritter Feuer machen müssen. Wasser erhitzen. Nichtsdestotrotz würde sie Rhae– ... Den Gefangenen. Den Gefangenen würde sie nun zumindest einmal erstversorgen müssen.
Wie durch Wasser, wie durch Wolken bewegte sich ihr Körper und tat dabei alles, was er tun musste. Ihre Finger hielten den Heilerbeutel. In ihrer Handfläche glomm ein sanftes, goldenes Licht, gerade hell genug, um den Weg und später die Wunden erkennen zu können. Selbst ihr Atem ging nun wieder ruhig, weil sie ihn dazu zwang. Sie sagte zunächst nichts. Worte hätten Vorbereitung verlangt, und dafür hatte Theia keine Zeit gehabt. Nicht, als sie die Satteltaschen geöffnet hatte. Nicht, als sie Leinentücher, Verbandsstreifen, Salbe, Öl, Wasser, Nadel und Faden zusammengesucht hatte. Nicht, als sie wieder über die Schwelle des Hauses getreten war. Es gab keine richtigen Wörter für diesen Augenblick. Also kniete sie in angemessenem Abstand vor dem Gefangenen nieder und begann, ihre Utensilien auf einem sauberen Tuch auszubreiten. Ordnung. Leinen links. Wasser daneben. Öl. Salbe. Faden. Weitere Tücher, falls die Blutung stärker wurde. Alles sichtbar. Alles erreichbar. Alles dort, wo es sein musste.
Erst dann hob sie den Blick.
„Ihr habt mich verwechselt.“
Der Satz kam ganz von selbst – nüchtern und streng. Und vollkommener Blödsinn.
Sie erlaubte sich nicht, darüber nachzudenken, wieso sie das behauptete.
Nicht jetzt.
„Ihr habt eine Kopfverletzung“, fuhr sie fort, und diesmal klang ihre Stimme fester. „Ihr seid dehydriert. Erschöpft. Womöglich verwirrt. Ihr kennt mich nicht.“
Theia griff nach einem angefeuchteten Tuch und rückte näher, gerade so weit, wie es notwendig war. Ihre Hand zögerte nur einen winzigen Herzschlag lang, bevor sie einiges von dem Blut, das sein Gesicht zeichnete, entfernte. Anders ging es jedoch nicht. Sie musste wissen, womit sie es zu tun hatte.
„Ich werde Euch jetzt versorgen“, sagte sie. „Und Ihr werdet mich lassen und auf meine Fragen antworten, Dunkelelf.“
Sie führte das goldene Glimmen ihrer Hand seitlich vor seine Augen, prüfte, soweit Schwellung und Halbdunkel es zuließen, ob seine Pupillen auf das Licht reagierten. Sein linkes Auge war durch die Verletzung kaum brauchbar, die geschwollene Braue verzerrte die Haut darüber – dennoch schien die Reaktion, soweit Theia sie zumindest erkennen konnte, nicht auffällig genug, um sie sofort schlimmeres befürchten zu lassen. Ein wenig später tasteten ihre Finger auch schon behutsam die Beule an seiner Schläfe ab, ohne Druck, nur mit der Vorsicht einer Heilerin, die wissen musste, wo Schwellung und Schmerz begannen. Danach betrachtete sie den Riss an der Braue genauer, seine aufgesprungenen Lippen, die gebrochene Nase, deren Blut sich bereits dunkel über Mund, Kinn und Brust gezogen hatte. Schließlich wanderte ihre Hand zu seinem Kiefer, nicht sanft, sondern prüfend, um den Winkel seines Gesichts und die Beweglichkeit zu beurteilen.
„Ist Euch schwarz vor Augen? Seht Ihr doppelt? Ist Euch übel?“ Die Fragen kamen ganz sachlich. Immerhin musste sie wissen, ob sie sich tatsächlich zuerst seinem Kopf widmen musste - oder ob sie sich in ihrer außerklinischen Aufmerksamkeit bereits der (prinzipiell leichter zu versorgenden, wenn zugleich auch wesentlich imposanteren) Wunde an seiner Körperseite zuwenden konnte.