Der seltsame Alchemist

Nur wenige Stände sind hier zu entdecken, die meisten Händler bauen ihre Waren direkt auf ausgebreiteten Tüchern auf dem Boden auf. Überall riecht es nach Vieh und gammligem Stroh. Aber hier macht auch kaum einer sauber.
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Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 30. Mai 2012, 00:44

Tahmo kommt von Die Stadttore des Außenrings -> Das Wachhaus des Außenrings

Dadurch, dass der fremde Ladenbesitzer eine Brille mit dunklen Gläsern trug und weil seine Miene absolut faltenlos blieb, ließ sich nicht darauf schließen, was er von Tahmos Eintreten hielt. Garmisch verstand der Blondschopf schließlich nicht und so konnte er nicht wissen, dass der Verkäufer lediglich fragte, was jeder Händler gern von einem potenziellen Kunden wissen wollte.
Ja, es gab sogar Orte in Celcia, da tummelten sich Ladenbesitzer, der Sohn und ein Lehrling in einem kleinen Verkaufsraum und drängten sich der Kundschaft nahezu auf, um zu erfahren, wie man ihm denn helfen konnte. Dabei wollte der Kunde am ehesten Hilfe, die neugierigen Verkäufer wieder loszuwerden, damit er sich in Frieden umschauen konnte. Ganz so aufdringlich war dieser seltsam gekleidete Glatzkopf dann nicht. Er stand einfach nur da, wischte sich die Hände an einem Lappen, welcher nicht minder fleckig als sein Mantel war, und guckte in Tahmos Richtung.
Auch der rotäugige Hase verhielt sich still. Würden die Fussel seines wirren Pelzes nicht leicht durch seine Atmung bewegt und so an den Spitzen etwas zum Tanzen gebracht, könnte man ihn für ein ausgestopftes, ziemlich Angst einjagendes Kuscheltier handeln. Aber dieses Tierchen lebte und es musterte Tahmo weiterhin mit wachsamen Auge.
"Nun?", fragte der hochgewachsene Kauz, als er den Lappen über einen kleinen Bügel hängte, der an der Seite seiner Verkaufstheke befestigt worden war. Er trat hinter die Theke, um das gute Vorbild eines Verkäufers zu mimen. Bei seinem Anblick, inklusive seiner Ware war das allerdings ein äußerst schwieriges Unterfangen.
Dann endlich, kaum dass Tahmo sich erklärt hatte, regte sich etwas in der Mimik des Verkäufers. Die Mundwinkel zuckten. Sie hoben sich langsam, als hätten sie damit Schwierigkeiten, letztendlich gelang es aber und der Mann stieß das Lachen eines alten Herrn aus: leicht räuspernd und kratzig. "Achso, achso", sagte er mit der Stimme eines Mannes, dem man die Eigenschaften eines geselligen Großvaters genauso zutraute wie die eines wahnsinnigen Massenmörders. "Dann hast du mich eben gar nicht verstanden. Nein. Heiler bin ich nicht. Brauchst du einen? Siehst nicht verletzt aus. Aber helfen kann ich dir vielleicht doch, wenn du einen Husten hast oder Probleme mit den Augen. Ich hab auch Mittelchen zur Besserung von ... du weißt schon. Damit die Gattin wieder glücklich im Bette ist. Haha, das Zeug verkauft sich wahrlich gut. Das arme Grandessa, ohne mich gäbe es keinen Nachwuchs." Er merkte wohl, dass er abschweifte, denn plötzlich verstummte der Mann, zuckte zusammen, blinzelte, dass sich die brauenlose Haut über seinen Augen verzog und schaute Tahmo wiederholt an. "Ich plappere zu viel. Mein Name ist Oswald Blassmer, ich bin Alchemist. Und der pelzige Geselle auf meiner Theke heißt Maurice. Was kann ich für dich tun?"
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Montag 4. Juni 2012, 21:53

Tahmo war im ersten Moment froh das der Verkäufer und seine Kopfbedeckung schön brav hinter der Theke blieben und ihn nicht in ein aufdringliches Verkaufsgespräch verwickeln wollten....
Dann kam es jedoch viel schlimmer: Der Ladenbesitzer lachte!
Es war ein seltsames Lachen, das klang als hätte sich ein netter Großvater mit weißem Rauschebart an einem Stück Fleisch verschluckt welches gerade noch das Ohr seines Gegenübers dargestellt hatte. Tahmos Augenbrauen wanderten ein Stück weit nach oben um mit seiner Stirn zu kollidieren und in einem skeptischen Ausdruck zu verharren. Als sich der Fremde dann noch als Oswald Blassmer vorstellte, wusste Tahmo endgültig nicht mehr was er von dieser Situation halten konnte.
Scheinbar lieferten sich gerade Zufall und Schicksal ein eisernes Wettrennen darum welcher als nächstes bestimmen durfte was dem jungen Zauberlehrling blühte.
Nur gewann das Schicksal immer. Wo der Zufall würfelte, da spielte das Schicksal Schach und zwar mit zwei Damen... was man jedoch meist immer erst hinterher heraus fand. Das Schicksal gewann... sofern man sich selbst an die Regeln hielt.
Tahmo hielt ein gedankliches Schulterzucken für angebracht. Eigentlich konnte ihm das ja egal sein. Momentan schien er scheinbar die Leiter des Glücks um eine Sproße nach der anderen hinauf zu klettern... Dumm nur das man, je weiter hoch man kam, jederzeit äußerst tief stürzen konnte....
Und das Schicksal hatte oftmals eine äußerst masochistische Ader...
„Oh... Alchemist... auch gut...erm...“ Tahmo zögerte einen Moment, in seinem Kopf lieferten sich die Gedanken blutige Zweikämpfe darüber wer als erstes Gedacht werden durfte. Ein besonders gewitzter, einer von der Sorte die Ringrichter bestachen, ihren Gegnern die Schuhe zusammen knoteten und immer zu ein gewinnendes Lächeln im Gesicht hatten, schaffte es sich hinter Tahmos Stirn einzunisten. „erm.... ich bin neu hier un'... such' was wo'ch bissl arbeit'n kann. Brauchs' du jemandn'?“
Wie groß war die Chance das Blassmer wusste wo seine Freundin und Ikarus steckten? Hoffentlich groß genug! Zudem brauchte Tahmo eine neue Tarnung, warum also nicht bei dem alten Alchemisten und seinem psychopathischen Toupet einnisten? Draußen warteten nur Dunkelelfen und brutale Wachen. Manchmal musste man eben ein kleines Übel eingehen, um ein größeres Übel hinaus zu zögern. Vielleicht konnte er dadurch ein wenig mehr herausfinden.... Hoffentlich vergeudete er dabei nur nicht zu Viel Zeit.

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Gestalt » Samstag 9. Juni 2012, 09:00

Dieser seltsame Kauz gehörte ganz sicher nicht zu jenen Figuren, die versuchten, ihre Ware durch Aufdringlichkeit an den Mann zu bringen. Nein, er stand einfach hinter der Theke und brauchte nur Tahmo zu mustern. Schon bekam man den Eindruck, man sollte lieber etwas kaufen, damit man selbst nicht als Zutat in einem der Gläser landete. Der zottelige Hase mit dem dämonischen Auge trug nicht dazu bei, dass man sich besser fühlte. Er musterte die Kundschaft genau, tat im Grunde nichts Anderes, aber darüber war man letztendlich froh. Ob Hasen spitze Reißzähne besitzen konnten?
Der Alchemist jedoch entpuppte sich als ... recht freundlich. Das konnte einen noch unheimlicheren Eindruck erwecken, immerhin passte sein heiteres Lachen so gar nicht zu seinem Erscheinungsbild. Man erwartete höchstens ein finsteres, boshaftes Lachen, das dem eines Schurken oder Verrückten glich. Ein Lachen aus den tiefsten Tiefen des Harax, welches verdeutlichte, dass dieser armen Kreatur nicht mehr zu helfen war. Doch der Mann hinter der Theke klang auf bizarre Weise sogar beim Lachen recht herzlich, wenngleich es einem zusätzlich die Nackenhaare aufstellte. Er war eine Kuriosität in seinem eigenen Laden und das mochte bei den Göttern wahrlich etwas heißen! Wenigstens war er der Alchemist Oswald Blassmer, also eine von beiden möglichen Optionen, die Tahmo bei der Suche seiner Freunde weiterhelfen konnte. War es nun Zufall oder Schicksal, das seine Schritte geleitet hatte? Von beiden wusste man, dass sie durchaus sadistische Spiele trieben und so wäre es nicht verwunderlich, wenn der Blondschopf zwar endlich den Alchemisten gefunden hatte, dieser ihm aber nicht weiterhelfen konnte. Dann wäre der Fund nämlich genauso nützlich wie Feuermagie unter Wasser.
"Unterschätze mein Können nicht, Bursche", sagte Blassmer. Er rückte sich die Augengläser zurecht, dass das dunkle Glas kurz aufblitzte. "Auch Alchemisten haben viele Kenntnisse über Pflanzen - mehr noch als Heilkundige. Zudem kenne ich mich sehr gut mit der Anatomie der Humaoniden aus. Nicht nur Menschen, sondern auch Zwerge. Ohja, ich habe sogar einmal einen Elfen untersuchen dürfen - in letzter Zeit inzwischen häufiger. Diese Dunkelelfen ... mir schaudert es bei ihrem Anblick. Sie sind geradezu unheimlich, oh ja!" Das sagte der Richtige. Doch da verstummte Blassmer. Er hatte bemerkt, wie er so vor sich hin plapperte und Tahmo gar nicht mehr hatte zu Wort kommen lassen. Nun schaute er in dessen Richtung. Sein Hase tat es ihm gleich.
"Soso, Arbeit suchst du", gab der Alchemist schließlich von sich. "Und das bei mir, ja? Nun, ich bin nicht wählerisch. Gibt nur wenige im Außenring von Grandea, die überhaupt arbeiten können." Er nickte mehrmals, trat hinter der Theke hervor und marschierte schnurstraks in ein Hinterzimmer. Mit einer Schürze, sowie einem Besen, Eimer, Lappen und Staubwedel kehrte er zurück. All diese Dinge reichte er Tahmo. "Du bekommst zwei Füchse die Woche. Kann dir leider nicht mehr zahlen, wir leben in schlechten Zeiten. Dafür lernst du die Welt der Alchemie kennen, was meinst du? Ich werde dir nicht nur Tricks beibringen, sondern dich auch bei meinen Hausbesuchen mitnehmen und heute stehen davon noch drei Stück an. Also? Willst du immer noch für den alten Oswald Blassmer arbeiten? Falls ja, kannst du hier erst mal saubermachen, bis ich wichtigere Aufgaben für dich habe. Ach, oh ja, ich hab deinen Namen nicht verstanden. Wie war der noch gleich?"
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Mittwoch 13. Juni 2012, 23:06

Ehe sich Tahmo versah war er vom Zauberlehrling, über einen Gefangenen auf der Flucht hin zur Putzfrau befördert worden. Er wusste noch nicht genau wie er letztendlich darüber empfinden sollte.... momentan jedoch gab er sich vorerst damit zufrieden den Boden zu wischen.
Während in seinem Hirn also ein Krisenstab tagte welcher die aktuellen Ereignisse und kommenden Aktionen besprach, vergnügte sich der Rest von Tahmos Verstand damit, den Kaffee leer zu trinken und den Armen die nötigen Befehle zum Boden wischen zu geben.

Die Zunge in den Mundwinkeln schrubbte er nach Leibeskräften an einem besonders hartnäckigen, eingetrockneten Fleck herum welcher von Farbe, Oberfläche und Wiederstandsfähigkeit einer Orkhaut gleichkam.... und zwar dem Teil einer orkischen Haut welcher normalerweise eher selten zum Vorschein kommt.
Ich muss hier nur ein wenig bleiben... brav saubermachen, Vertrauen gewinnen und dann werde ich weiter nachfragen. Zudem ist das sicherlich eine optimale Tarnung und ein paar Münzen verdiene ich dabei auch noch. Ich darf mir nur nicht zu viel Zeit lassen... Ich hoffe Lua geht es gut... ihr darf einfach nichts schlimmes passiert sein...
Tahmo schluckte, verdoppelte seine Anstrengung den Fleck vom Boden weg zu bekommen...
Auch wenn sich ihm allmählich der Verdacht aufdrängte das der Fleck gekonnt dem Schrubber auswich und dann und wann sogar nach den Borsten zu schnappen schien.
Tahmo hielt inne... besah sich den Fleck genau und.... suchte sich schleunigst eine weniger lebendig wirkende Stelle des Bodens.
Dieser Blassmer ist wirklich ein seltsamer Kauz... aber er scheint Dunkelelfen ebenfalls nicht zu mögen, was ihn ja irgendwie netter macht. Zudem wollte er mich mitnehmen, dabei kann ich mich vielleicht ein wenig umhorchen und umsehen. Nebenbei lerne ich vielleicht sogar ein wenig über Kräuter... Aber zuerst muss ich Lua und Ikarus und Faro und Nachtwind finden und... noch ein paar andere Dinge loswerden

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Dienstag 19. Juni 2012, 23:53

Der Alchemist Blassmer ließ Tahmo seine neue Arbeit in Ruhe kennen lernen. Er verzog sich zurück in das Hinterzimmer, aus dem bald seltsame Gerüche und Dämpfe stiegen. Etwas blubberte und Glas klirrte leise, ohne dass das splitternde Geräusch hinzu kam, wenn es brach. Der Mann werkelte offenkundig sehr konzentriert an neuen Rezepturen für seinen bizarren Kuriositätenladen, denn als Apotheke konnte man dieses Geschäft einfach nicht bezeichnen. Es gab neben allem möglichen, wunderlichen Gerümpel noch eine ganze Menge Spinnen in den Verkaufsräumen. Tahmo scheuchte sie mehr als einmal mit seinem Wischer auf, dann krabbelten sie flink und über alle acht Beine stolpernd in die nächste düstere Nische. In den Ecken der Decke fanden sich ihre verwobenen Heime, der Boden blieb davon allerdings relativ befreit. Dafür fanden sich hier eingetrocknete Reste von Kerzenwachs oder seltsamen Flüssigkeiten. Tahmo konnte während seines Putzdienstes auch einen Brandfleck entdecken. Da half nur noch drüber zu schrubben, den bekäme er so einfach nicht fort.
Während der Blondschopf seiner neuen Tätigkeit nachging, wurde er von einem besonders scharf ins Auge genommen. Da Blassmer im Hinterzimmer war, blieb da nur noch sein Toupet von einem Hasen. Maurice beobachtete jeden seiner Schritte. Und plötzlich... "Der Fleck ist ein lästiges Ärgernis. Er mag niemanden, aber gehen will er auch nicht. Ach, es ist schlimm mit diesem Fleck. Mein Herr macht manchmal doch waghalsige Experimente da hinten." Die Worte besaßen einen seltsam fiependen Unterton. Außerdem war niemand sonst im Raum. Maurice musterte Tahmo. Er nieste und doch funkelte es in seinem verbliebenen Auge. Dann leckte er sich über das Schnäuzchen, mümmelte, dass es immer wieder auf und ab sank. Niemand würde ihm trotz diesen Verhaltens das unscheinbare und vor allem unschuldige Kaninchen abkaufen. Er legte ein Ohr schief. "Mümmel mümmel?", setzte er dann nach und weitaus ruppiger, dass es zum zotteligen Fell passte, "na komm schon! Hast du wirklich erwartet, ich wäre nicht verkorkst? Dieser Laden schreit vor fehlgeglückten Experimenten. Ich hatte Glück, dass ich nur sprechen kann, haha!"
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Samstag 30. Juni 2012, 10:59

"Der Fleck ist ein lästiges Ärgernis. Er mag niemanden, aber gehen will er auch nicht. Ach, es ist schlimm mit diesem Fleck. Mein Herr macht manchmal doch waghalsige Experimente da hinten."
Tahmo erstarrte! Und erwürgte dabei fast den Besenstiel zwischen seinen Händen. Wer hatte da gesprochen? Er war es ja inzwischen schon irgendwie gewöhnt plötzlich Stimmen in seinem Kopf zu hören... aber diese Stimme war neu... und sie war hinter ihm, statt in ihm – was er ausnahmsweise beunruhigender fand als sonst.
Langsam drehte er sich herum, sein Blick huschte prüfend durch den ansonst leeren Raum und blieb zuletzt auf dem weißen Toupet-Kaninchen hängen. Tahmo schluckte, er fand dieses Tier schon die ganze Zeit sehr eigenartig... Anfangs wollte er es einfach nur ignorieren, aber da es nun mit ihm sprach war das schwierig.
"na komm schon! Hast du wirklich erwartet, ich wäre nicht verkorkst? Dieser Laden schreit vor fehlgeglückten Experimenten. Ich hatte Glück, dass ich nur sprechen kann, haha!"

Tahmo zuckte unbeholfen mit seinen Schultern... irgendwie hatte es recht, hier war wirklich einiges verkorkst. Wenn man es also genau nahm, war dieses Kaninchen inmitten all dieser seltsamen Dinge sogar ziemlich normal. Also gab es wiederum keinen Grund beunruhigt zu sein!
Tahmo lockerte seinen Griff um den Besenstiel, welcher daraufhin erleichtert nach Luft schnappte.
„Wie.... mein's du das? Das du Glück hast nur sprech'n zu könn'n?“ Fragte er neugierig.

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Sonntag 1. Juli 2012, 10:53

Hase Maurice blieb ruhig auf seinem Platz auf der Theke sitzen. Belustigt beobachtete er die neue Arbeitskraft seines Herrn, wie diese erst von der Fußsohle bis zur obersten Haarspitze erstarrte und sich dann langsam umdrehte, um die Quelle der eben gesprochenen Worte auszumachen. Der Hase blieb vollkommen regungslos, sah man einmal von seinem Näschen ab, das zu einem ewigen Schicksal verdammt schien, sich ständig auf und ab zu bewegen. Viele liebten ja diesen Anblick, weil er die Hasenartigen so "niedlich" machte. Aber bei einem Geschöpft wie Maurice sah nichts niedlich aus. Der Blick aus seinem verbliebenen, roten Auge genügte, um von seiner niedlichen Schnauze abzulenken. Außerdem war und blieb er ein enormes Kaninchen, allein durch die langen Haare, die ein hypnotisches Eigenleben zu führen schienen, so wie sie im nicht vorhandenen Luftzug immer wieder auf und ab schwebten.
Das rote Auge fixierte Tahmo. Beide Blicke kreuzten sich. Das Kaninchen reckte die Ohren nach vorn. Man sah sie kaum, weil sie kürzer als sein Pelz waren, aber durch ihre dicke fielen sie dann doch noch auf. "Du bist verdammt neugierig, Kleiner", sagte Maurice. Sein Schnäuzchen wackelte. "Hör dir meine Warnung an: Du kannst gern neugierig sein, das mag mein Herr sogar, aber sei's besser nicht in seinem Hinterzimmer. Sonst bekommst du am Ende noch einen Eselskopf oder dir wachsen grüne Pickel ... oder wir haben noch einen dieser lästigen Flecke." Sein Kopf nickte zu dem Dreckfleck herüber, der sich schmollend einige Zentimeter weiter in die Mitte des Ladenraumes schob. Das entlockte dem Kaninchen nur ein leichtes Seufzen. Es kümmerte sich da viel lieber wieder um den Blondschopf. "Tahmo - ja, ich hab mir deinen Namen behalten, guck mich nicht so an - Ich war neugierig. Liegt in der Natur von Kaninchen. Ich war im Hinterzimmer und irgendwas ist mir da ins Fell getropft. Schon spross es wie Unkraut, lässt sich auch nicht kürzen. Das heißt, es lässt sich schon, aber morgen sähe ich dann wieder so aus. Dafür kann ich sprechen, was ich eigentlich sehr bevorzuge. Ich kann lästigen, kleinen Kindern sagen, dass sie aufhören sollen, mir an den Ohren zu ziehen. Und ich mag es, wenn sie anschließend rennen. Schnell rennen, aus dem Laden heraus." Er gab ein Glucksen ab. Doch dann legten sich die Löffel, die seine Ohren bildeten, nach hinten, eng an den Kopf heran. Er wirkte dadurch noch Furcht einflößender. "Aber die Experimente gehen nicht immer gut aus. Du hast den Fleck gesehen und der Besen, den du hältst ... das war mal ein Mensch. Er hatte Pech, dient dem Herrn aber immer noch gut und muss deshalb nicht als Feuerholz enden."
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Freitag 20. Juli 2012, 20:26

Tahmo betrachtete den Besen in seiner Hand... und entschied sich dann ihn behutsam an einem Regal abzustellen. Er murmelte ein kurzes „'tschuldigung“, jedoch nicht ohne sich dabei reichlich blöd vorzukommen. Dann nahm er sich fest vor den Rat des Hasens im Bezug auf das Hinterzimmer zu beherzigen und strich den Raum mit dicker, roter Farbe von seiner Gedanklichen Liste der Dinge die man neugierig erkunden sollte.
„Tjaaaah.... klingt jah nach'nem aufregn'den leben' hier in dem Lad'n.“ Meinte er etwas unbeholfen, ohne genaue Vorstellungen darüber zu haben wie man am besten ein angeregtes Gespräch mit einem Hasen führte. Sollte er ihn nach seiner Lieblings Karottensorte fragen? Nein, das erschien ihm bei jemanden wie Maurice gesundheitlich nicht gerade ratsam, zudem wusste Tahmo zu wenig über Karotten um ein informatives Gespräch darüber zu führen. Also entschied er sich einfach über das zu reden bei dem er zumindest ein wenig Ahnung hatte. Und das war neben grundlegenden Fertigkeiten des Fischfanges, sowie das Wissen darüber wie man aus allen Lebenslagen heraus jederzeit vom Regen in die Traufe und wieder zurück gelangte, eben die Magie. Tahmo wusste zwar das er nicht zu viel Preis geben durfte, damit seine Tarnung aufrecht blieb, hatte jedoch auch das Gefühl das es in einem Laden wie diesen bestimmt nicht auffiel wenn man mit einem derartigen Thema anfing.
„Uhm... also....aber.... zaubern o'er sowas kann'se nich' auch noch oder?“ Fragte er mit beiläufiger Unverfänglichkeit.

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Dienstag 24. Juli 2012, 09:37

Hatte der Besen gerade geniest? Als Tahmo ihn an ein Regal lehnte, flogen unter seinen Borsten einige Staubwolken auf. Ein Fussel huschte tänzerisch über den Boden, als hätte jemand ihn angepustet. Aber er Besen lehnte still an seinem Platz. Blassmers Alchemieladen war sehr merkwürdig. Er barg viele Geheimnisse, die meisten wollte man vermutlich nicht einmal lüften. In Ermangelung eines Themas, das Tahmo ansprechen konnte, um sich ein wenig mit dem Hasen Maurice zu unterhalten, brabbelte er zunächst wenig Informatives. Der Hase hob ein Ohr an. Es besaß kleine Narben, als hätte eine Katze versucht, es ihm noch mehr zu zerfetzen. Die wallenden Haarsträhnen schwebten vom Ohr aus wie der Schweif eines verlangsamten Geistes. "Aufregend, aber auch gefährlich. Oswald ist ziemlich irre, weißt du?" Und das sagte ein Hase, der nur noch ein Auge besaß, welches jedoch dämonisch bizarr leuchtete. Zudem konnte er reden und das wohl auch weitaus besser als so mancher tumbe Stadtwächter Grandeas. Maurice allein verkörperte viele Geheimnisse, war ein mystisches Wesen und irgendwie schien nicht einmal ganz klar zu sein, ob es sich bei dem Tier wirklich um einen echten Hasen handelte. Er selbst sagte dazu natürlich nichts. Warum auch? Nur weil ein in seinem Auge kleiner Bengel hier aufgekreuzt war, um den Boden zu fegen und sonstige, stupide Arbeiten für den alten Blassmer zu erledigen? Maurice gehörte nicht zu denen, die ihre Lebensgeschichte jedem aufzwangen. Da schwieg er lieber, musterte den jungen Mann mit aufmerksamen Blick.
Schließlich kam dieser auf das Thema Magie zu sprechen. Der Hase ließ das Schnäuzchen wackeln. "Du glaubst also, ich könnte nicht zaubern? Vielleicht kann ich es. Vielleicht kann ich dich in eine Kröte verwandeln oder in nahrhaftes Trockenfutter, das meinen Magen füllt. Du solltest mich in jedem Fall nicht reizen. Möglicherweise entdecke ich meine Magie erst noch, muss sie ausbilden und übe dann gleich an..."
"Rede nicht einen solchen Unsinn, Maurice!" Der Alchemist kehrte zurück, blickte sich im Raum um. Vor allem den Boden betrachtete er sich, nickte anschließend. Er hob den Kopf, richtete die Augen nun wohl auf Tahmo aus. Es war nicht ganz zu erkennen, da sie noch immer von den schwarzen Brillengläsern vollkommen verdeckt wurden. In diesen reflektierte sich das Licht, ebenso wie auf seinem blanken Schädel. Er wischte sich die Hände an seinem Mantel ab, so dass dieser noch mehr Flecke bekam. "Fegen kannst du ja, Bursche", sagte er dann, trat hinter die Theke. "Ach! Lass dir von Maurice bloß nichts erzählen. Außer Sprechen hat dieser kleine Flohbeutel nichts gelernt." Der Hase hob den Kopf, als Blassmer eine Möhre zum Vorschein brachte und sie dem Tierchen vor die Pfoten legte, welche unter all den Zottelhaaren nicht zu sehen waren. Dann förderte er eine kleine Kiste mit allerlei pflanzlichen Zutaten, aber auch Reagenzien und Fläschchen zu Tage. "Kennst du dich in der Kräuterkunde oder Alchemie aus? Ich brauche jemanden, der mir die Zutaten alphabetisch sortiert. Du weißt doch, was das Alphabet ist?" Er musterte Tahmo erneut. "Hm ... vielleicht könnte ich dich etwas ausbilden, wenn es an Wissen mangelt. Hilft mir ja nicht viel, wenn du nur putzen kannst. Wir könnten ins Hinterzimmer gehen, da zeig ich dir dann ein paar interessante Kniffe der Alchemie. Was meinst du?"
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Dienstag 31. Juli 2012, 10:51

Tahmo stutzte während er ein mühevolles Lächeln lächelte und genau wusste das er sicherlich nicht in dieses Hinterzimmer gehen würde, sofern er nicht wusste welche Schrecken ihn dort nun wirklich erwarten würden – das Problem mit unbekannten Schrecken war, das man sie sich nur zu leicht vorstellen konnte.
Also trat Tahmo kurzerhand an die auf dem Tresen abgestellte Kiste heran, nur um sofort die Nase zu rümpfen. Der Duft welcher aus dem Behältnis entwich und wohl von den zahllosen Kräuterbündeln und kleinen Fläschchen stammte, war so zäh und intensiv das man ihn Problemlos hätte abfüllen und verkaufen können. Er merkte wie sich ein paar kleinere Nasenhärchen schreiend verabschiedeten und anschließend in seiner Nase wohl in Flammen aufgingen. Um weitere Kollateralschäden zu vermeiden hielt sich Tahmo die Nase zu und nahm ein wenig Abstand, ehe er auf die Fragen des Alchimisten mit nasaler Stimme antwortete:
„Nkla' kann ich lesn'... ich sortier dir mal'n Kiste hier.... „ Erneut näherte sich Tahmo vorsichtig der Kiste um abermals hinein zu schielen. „Aber sagma'... was has'n du alles so in deim'n Hinterzimmer?“ Fragte er mit beiläufig nasalen Tonfall, während er mit spitzen Fingern eine kleine Phiole hervor angelte.

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 1. August 2012, 08:45

Oswald Blassmer runzelte die Stirn, was man aufgrund der mangelnden Haarpracht sofort wahrnahm. Er hatte keine Probleme mit dem von der Kiste ausgehenden Aroma. Zu lange beschäftigte er sich schon mit diesen Mittelchen und weiteren. Er war es gewohnt, dass ständig ein seltsamer, bestialischer oder stinkender Geruch um ihn herum schwirrte. Wahrscheinlich nahm er ihn überhaupt nicht mehr wahr. Dann nickte er. "Gut. Sortier den Inhalt, bitte alphabetisch. Die Flaschen sind beschriftet und an den Kräuterbündeln hängen kleine Schildchen mit Etikett. Räum alles ordentlich ein, dann kann ich es katalogisieren. Das sind nämlich die Proben für meine Kunden und ich hab einiges an Kundschaft."
Das mochte man angesichts der bizarren Objekte des Ladens, der vorherrschenden Leere und dem Geruch aus der Kiste bezweifeln, aber vielleicht kamen besagte Kunden auch erst im Laufe des Tages vorbei. Maurice mümmelte vor sich hin. "Mach schon, Junge", gab das Kaninchen von sich. "Die Arbeit macht sich nicht von allein." Plötzlich sprang es vom Tresen, traf mit einem dumpfen Aufprall am Boden auf und hoppelte ein wenig umher. Es erinnerte an einen riesigen Staubball, der über den Boden glitt. Es besaß etwas Tänzerisches, solange man das fehlende Auge und die abgewetzten Ohren nicht berücksichtigte.
"Du wirst noch erfahren, was ich im Detail im Hinterzimmer habe. Bis dahin gibt dich mit "allem" zufrieden. Da hinten wartet einfach alles auf dich. Du wirst es sehen."
Maurice stellte sich auf die Hinterbeine, drehte den Kopf beinahe vollends um und glubschte seinen Herrn aus dem verbliebenen, roten Auge an. "Du willst ihn wirklich mit hinter nehmen?"
Der Alchemist nickte. "Wenn er mit dem Inhalt der Kiste fertig ist, ja. Er hat zu lernen oder glaubst du, ich lasse meinen Lehrling unwissend über die hohe Kunst der Alchemie?"
Wenn Hasen lachend schnauben konnten, dann tat Maurice gerade genau dies. Es klang wie ein Prusten, aber mit nur zwei großen Schneidezähnen kam es nicht ganz so herüber wie bei einem Menschen. Zu Tahmo gewandt empfahl er: "Lass dir Zeit mit dem Sortieren." Derweil trat Blassmer wieder durch die Tür in das geheimnisvolle Hinterzimmer.
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Mittwoch 1. August 2012, 21:19

Tahmos unstillbare Neugierde ballte eine Faust und rammte sie in die Magengrube seines Misstrauens, welches begleitet von Oswalds Worten langsam in die Knie ging. Ja, der Alchemist schien zu Wissen wie er den jungen Magier Ködern musste. Die 'hohe Kunst der Alchemie', das klang einfach viel zu verlockend!
Ein Gedanke verließ plötzlich sein Versteck im Labyrinth von Tahmos Bewusstsein und setzte sich frisch, fromm und fröhlich in die erste Reihe um mentale Knabbereien zu naschen.
Tahmo fasst einen Entschluss, er würde ein wenig Alchemie lernen, konnte dadurch vorerst untertauchen und hoffentlich durch Blasmer mehr über Lua und Ikarus Aufenthaltsort in Erfahrung bringen. Zumindest schneller als wenn er sinnlos weiter durch die fremde Stadt irrte. Vielleicht konnte er auch mithilfe von Blassmer seinem Dämonischen Problem Herr werden, auch wenn er dem Alchemisten davon momentan sicher noch nichts erzählen würde.
Ja, Tahmo war plötzlich sehr guter Dinge.... was jedoch auch an den Kräuterdämpfen aus der Kiste liegen konnte. Bildlich dargestellt wirkten sich diese Dämpfe auf Tahmos Hirn ungefähr genauso aus als würde man ein einfarbiges Tuch nehmen, darauf buntes Konfetti streuen, ein Chamäleon hinzu fügen und das ganze dann mit blitzendem Lich bestrahlen – wobei Tahmos Hirn in diesem Fall das Chamäleon wäre.
Er schob die Kiste mit den nun alphabetisch sortierten Zutaten zur Seite, holte kurz tief Luft und massierte seinen Nasenrücken. Diese Geruchsexplosion würde er sicherlich tagelang noch schmecken. Wachsam schlich er sich auf Zehenspitzen in Richtung Hinterzimmer, um dreimal kurz an dem kühlen Holz der angelehnten Türe zu klopfen. „Erm... ich wär' dann fertig mit'm sortiern....“

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Sonntag 5. August 2012, 10:44

Solange sich sein dämonisches Problem nicht meldete, kam Tahmo vermutlich gut damit zurecht. Das hieß aber auch, dass er in dieser Zeit nicht zaubern durfte, was ihm unter Blassmers Fittichen wahrscheinlich sogar leicht fiele, um sich nicht zu verraten. Der Alchemist hatte ihn bisher nicht nach seiner Herkunft gefragt, obwohl der Blondschopf sich schon optisch von einem typischen Grandessaner unterschied. Aber vielleicht war es dem Mann auch egal, nicht einmal Maurice äußerte sich dazu. Das Kaninchen hoppelte durch die Stube, als suchte es nach etwas, ließ sich davon aber auch in keinster Weise abhalten oder ablenken. Zweimal knurrte es leise, doch das war es auch schon.
Auch Tahmo sollte sich nicht ablenken lassen, er hatte eine Aufgabe zugeteilt bekommen. Diese war nicht schwer, verursachte höchsten künftige Filterprobleme, was seine Fähigkeit zu riechen anging. In der nächsten Zeit würde er damit Schwierigkeiten haben, denn das Gemisch an Aromen, das ihm der Alchemist vor die Nase gesetzt hatte, waberte noch immer als Duftpartikel darin, als er bereits mit dem Sortieren der Flaschen und etikettierten Bündel fertig war. Doch er hatte es geschafft, alles schaute ordentlich aus. Jetzt ging es daran, die hohe Kunst der Alchemie zu studieren.

Kaum dass Tahmo angeklopft hatte, kam ein dumpfes "Nur herein!" von der anderen Seite der Tür. Der Raum dahinter machte im Gegensatz zum Laden einen normalen Eindruck, berücksichtigte man, dass dies ein Alchemielabor war. Denn genau so sah es aus. Die Wand gegenüber der Tür besaß zwei vergitterte, schmale Fenster, knapp unterhalb der Decke. Man konnte sie wohl eher als Rauchabzüge anstelle von Fenstern bezeichnen. Viel Licht gaben sie wirklich nicht her. Die Wand rechts daneben war gesäumt von einem einzigen, langen und deckenhohen Regal aus Holz und Metall. Es besaß keine Seiten- oder Rückenwände, denn das brauchte es nicht. Die Wand bildete sie. Darin standen viele solcher Kisten mit Inhalten, wie Tahmo sie soeben sortiert hatte. Aber es lagen auch andere, vereinzelte Zutaten herum. Alles war fein säuberlich beschriftet. Blassmer hielt Ordnung.
Der Alchemist selbst stand im übrigen vor einem breiten Tisch, den man mitten im Zimmer aufgestellt hatte. Darauf war ein wahres Konstrukt aus Gestellen, hängenden Flaschen, Kolbengläsern, verdrillten Röhren und Schläuchen aufgebaut. Überall brodelte oder dampfte es. Bunte Flüssigkeiten suchten sich einen Weg durch dieses gläserne Labyrinth, nur um dann gemächlich in irgendein Reagenz zu tröpfeln. Vor diesem Alchemie-Aufbau lagen weitere Zutaten, ein Schneidbrett mit Messer und andere Werkzeuge wie Zangen, Streichhölzer und dergleichen. An einem weiteren Tisch an der gegeüber liegenden Wand - also jene, der Blassmer gerade den Rücken zeigte - stapelten sich Bücher und Aufzeichnungen, zusammen mit Tintenfässchen, Federkiel und natürlich weiteren Zutaten aller Art. Unter dem Tisch stand ein rostiger, kleiner Käfig, in den Maurice vermutlich perfekt hinein gepasst hätte. Oswald Blassmer wandte sich hin und wieder dem Tisch zu, las auf einem ausgebreiteten Pergament, nickte oder schüttelte mit dem Kopf und kehrte dann zu seinem Versuch zurück. Plötzlich sprach er: "Es ist das größte Geheimnis der Alchemie und wer es lüftet wird für immer in die Geschichte eingehen. Die Möglichkeit, Gold herzustellen." Dann verfiel er wieder in Schweigen, winkte Tahmo aber heran. Er drückte sein bebrilltes Auge gegen einen Glaskoblen, nahm ihn aus seiner Halterung, schwenkte ihn und hängte ihn zurück. "Sieh dich nur um", sagte er dann wieder, "aber nichts ohne meine Erlaubnis anfassen! Sonst hack ich dir die Finger ab."
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Montag 6. August 2012, 19:41

Wenn es um eigenartig geformte Glaskolben ging, äußerten Alchemisten wohl denselben Geschmack und dieselbe Vorliebe wie eine geistesgestörte Elster. Tahmos wachsamer Blick fiel auf unzählige Phiolen, Tiegelchen, Schalen, Kolben und Gefäße mit beunruhigenden Formen aus denen beunruhigender Dampf waberte, blubberte und schäumte – meistens sogar all das gleichzeitig.
Die Luft in dem kleinen Hinterzimmer fühlte sich an als habe man sie in einer Socke gekocht und sie nun zum trocknen halbnass quer im Raum aufgehängt. Tahmos Beine schoben ihn etwas widerwillig in den Raum hinein, allzeit bereit einen explosionsartigen Rückzug anzutreten. Oswald Blassmer schien anfangs gar keine Notiz von ihm zu nehmen, sondern war ganz und gar in sein Experiment versunken. Eifrig huschte er zwischen ein paar ausgebreiteten Pergamenten, sowie dem massiven Tisch in der Mitte des Raumes hin und her, während er unverständliches murmelte – davon jedoch reichlich.
Also hatte Tahmo Zeit sich den Tisch genauer anzusehen. Er war nun kein Experte was Tische anging, konnte jedoch sagen das dieser Tisch reichlich alt sein musste und erkannte sogleich auf dem zweiten Blick das er farblich nun gar nicht mehr in das natürliche Farbspektrum für Tische passte – wobei er Anstriche in sämtlichen 'normalen' Farben in seine Erkenntnis hinzu nahm.
Der Tisch war übersät mit Flecken – mal pelzig, mal weniger pelzig – sowie einigen Kerben und Kratzern. Er schien also reichlich benutzt zu werden.
Nachdem er dem Möbelstück also ausreichend Beachtung geschenkt und sich weiter in den Raum hinein getraut hatte, musterte er mit erstaunen die wirre Apparatur aus Kolben, geringelten Röhrchen und Destilierfläschchen die man Mittig auf dem Tisch aufgebaut hatte und teilweise schon - aufgrund unzähliger Adaptionen zusätzlicher Röhren, Flaschen und Tiegeln – mancherorts über die Kanten des Tisches hinaus ragte und sich teilweise unter der Tischplatte sowie in einigen Regalen an der Wand fortzusetzen schien. Überall blubberten und röchelten die Tiegel wie eine Lungenkranke Großmutter in ihrem letzten Winter.
"Es ist das größte Geheimnis der Alchemie und wer es lüftet wird für immer in die Geschichte eingehen. Die Möglichkeit, Gold herzustellen."
Tahmo zog erschrocken die Luft ein, als Oswald Blassmer aus heiterem Himmel das Wort ergriff.
Gold? Versuchte der alte Alchemist also tatsächlich Gold herzustellen? War denn so etwas wirklich möglich? Oder war das nur der Wunschgedanke eines sehr skurrilen Geistes. Wenn ja, hatte er bisher sicherlich nur Misserfolge erlitten... Tahmo musste zwanghaft an Maurice sowie den Besen denken...
"Sieh dich nur um", sagte er dann wieder, "aber nichts ohne meine Erlaubnis anfassen! Sonst hack ich dir die Finger ab." Blassmers Mimik war dabei so hölzern wie ein Brett.
Blitzschnell zog Tahmo ein paar neugierige Finger von einem am Rand stehenden Glasball zurück und setzte ein breites Unschuldsgrinsen auf.
„Erm.... damit kann ma' wirklich Gold herstell'n? Mach'n Alchemist'n sowas?"
Tahmo schielte interessiert um die Apparatur herum. Er fand das wirklich interessant, musste also gar keine Neugierde heucheln wie es andere vielleicht getan hätten... Und konnte dennoch Versuchen den guten Blassmer ein wenig auszufragen.
".... Also...ich mein' ich dacht' bisher immer die stell'n sowas wie Heiltränke her un' naja, heil'n Leute die Verletz' o'er krank sin'"

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 8. August 2012, 09:08

Als Tahmo seine Finger von dem Glasball zurück zog, zuckten in dessen Innerem mehrere Blitze gleichzeitig auf. Sie schienen sich einen Moment orientieren zu müssen, dann aber strömten sie alle in die Richtung, aus der die neugierigen Finger gekommen waren. Nicht auszudenken, was wohl passiert wäre, hätte der Blondschopf die Kugel tatsächlich angefasst. Vielleicht wäre da das Abhacken seiner Finger dann noch die angenehmere Option gewesen. Blassmer hatte davon offenbar nichts bemerkt. Falls doch, so ging er nicht näher auf den Glasball ein. Er blätterte in seinen Aufzeichnungen, tippte dann mit einem seiner behandschuhten Finger auf das Pergament, nickte und wandte sich seiner Apparatur zu. Er drehte an einem kleinen Ventil, dass eine violette Flüssigkeit in den nächsten Kolben tropfen und sich dort zusammen mit etwas Rauchigem mischen konnte. Sofort entstand im Raum ein dünner Geruch von Petersilie. Die Flüssigkeit färbte sich grün.
"Es ist noch keinem bisher gelungen, Gold herzustellen. Aber jeder Alchemist versucht sich im Laufe seines Lebens daran, Bursche." Blassmer tippte das Kolbenglas an, schnupperte. "Nein, nein, nein", brummte er und erstmal zerfurchten Runzeln über seinen Brauen das Gesicht des Mannes. Erneut widmete er sich seinen Aufzeichnungen. Der Geruch von Petersilie nahm zu.
"Heiltränke sind eine Kleinigkeit, wenn man weiß, wie man sie herstellt. Ich bin Spezialist darin und habe erst heute meinen halben Bestand an die Wache von Grandessa geben müssen." Er hob den Kopf. Hätte man seine Augen hinter den dunklen Gläsern der Brille ausmachen können, wären sie wohl skeptisch zu Schlitzen verengt. Er musterte Tahmo. "Du weißt nicht zufällig was davon, Bursche? Oder bist du nur neugierig. In dem Fall kannst du dir das hier mal anschauen." Er griff zu einem Buch, das schon deutlich bessere Zeiten gesehen hatte. Der lederne Einband war an den Ecken abgewetzt, zwei um das Buch geschlungene Bänder hielten die lose zwischen den Klappen hängenden Seiten zusammen. Es musste einmal deutlich dicker gewesen sein. Eigentlich konnte man nicht einmal mehr wirklich von einem Buch sprechen, sondern eher von ein paar Notizen zwischen zwei dickeren Lederdeckeln. "Such das Rezept für einen Trank der Stärkung. Einen einfachen davon solltest selbst du hinkriegen. Die Zutaten findest du im Regal, wenn du nur gut genug suchst. Sobald du sie zusammen hast, solltest du den Anweisungen im Buch folgen, wie man sie mischen und welche Substanzen man über dem Feuer erhitzen sollte."
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Samstag 11. August 2012, 22:37

Das mit dem Gold herstellen war also noch niemanden bisher gelungen. Tahmo hatte sich so etwas schon fast gedacht und wenn er sich Blassmers bisherige 'Erfolge' vor Augen führte, beschlich ihn das Gefühl das der Alchemist auch noch Jahrzehnte von einem Erfolg entfernt war. Nachdenkliche Falten zerfurchten die Stirn des Mannes und gaben seinem Kopf somit kurz das Aussehen einer schrumpeligen Walnuss mit Altersflecken. Doch Blassmer gab sich wohl nicht lange sinnlosen Grübeleien hin, sondern füllte seine Zeit lieber mit Experimenten. Zeit war da sehr geduldig, es war ihr egal mit was man sie füllte und im Grunde war das auch jedem selbst überlassen.
„Heiltränke sind eine Kleinigkeit, wenn man weiß, wie man sie herstellt. Ich bin Spezialist darin und habe erst heute meinen halben Bestand an die Wache von Grandessa geben müssen.“ Blassmer hob den Kopf, unterbrach seine Arbeit kurz, „du weißt nicht zufällig was davon, Bursche?“ Blassmers Tonfall schaffte es die Beiläufigkeit in ein Korsett zu stopfen und es fest zu zuschnüren. Stille breitete sich aus, eine Schweißperle rann Tahmos Nacken hinab und war froh das Blassmers Blick sie hier hinten nicht traf, Beiläufigkeit japste kurz nach Luft, ehe der Alchemist sie erlöste: “Oder bist du nur neugierig. In dem Fall kannst du dir das hier mal anschauen."


„Nein, nein...“ erwiederte Tahmo hastig, „keine Ahnung.... ich halt mich immer von'n Wach'n fern....“ Er mahnte seine Gesichtsmimik zur Beherrschung, warf dem Alchemisten ein kurzes Grinsen zu, der alte Mann musste ja nicht wissen weshalb er sich von den Wachen fern hielt. Dann widmete er sich schnell dem Buch das ihm Blassmer zuschob. "Such das Rezept für einen Trank der Stärkung. Einen einfachen davon solltest selbst du hinkriegen. Die Zutaten findest du im Regal, wenn du nur gut genug suchst. Sobald du sie zusammen hast, solltest du den Anweisungen im Buch folgen, wie man sie mischen und welche Substanzen man über dem Feuer erhitzen sollte."
Eine einfache Aufgabe, sofern man wusste wie man mit den ganzen Tiegeln, Destilatoren, Bunsenbrennern und Dingen dessen Namen Tahmo nicht einmal erraten konnte umgehen musste.
Aber Tahmo wäre nicht Tahmo wenn er an solch eine Aufgabe nicht mit grenzenloser Neugierde, Abenteuerlust und einem Hauch Optimismus herantreten würde. Er suchte sich einen freien Platz an einem kleinen Nebentisch, schlug das Buch auf der entsprechenden Seite auf und fing an die Zutaten zusammen zu suchen. Er konnte dabei zwar nicht alle Worte entziffern – teilweise hatte er das Gefühl die Buchstaben der Worte versteckten sich plötzlich auf der Seite, oder wechselten die Plätze wenn er nicht hinsah, so als wollten sie mit dem neuen Gesicht das da über ihnen auftauchte ein wenig Schabernack treiben – aber zum Glück waren auch noch Bilder vorhanden die gelangweilt an Ort und Stelle blieben. Nach und nach konnte er alle Zutaten zusammensuchen. Ackerschachtelhalm, Arnika, Brennessel, Frauenmantel, Wolfshaar, Greifenfede, die Zutaten waren schnell zusammen gesucht, und die meisten davon dienten lediglich als Trägerstoff, Geschmacksneutralisator und wurden wegen der Bekömmlichkeit hinzu gemischt. Tahmo kam nicht umhin sich einzugestehen das er das Ganze äußerst interessant fand. Er hatte Pflanzen und Natur schon immer gerne gemocht, es war also sehr aufregend darüber zu lesen welche Wirkungen verschiedene Pflanzen auslösen konnten. Heimlich und darauf achtend das Blassmer gerade nicht zu ihm sah, blätterte er ein wenig weiter und fand eine Art Register mit verschiedenen, magischen Kräutern. Sie waren Tabellarisch angeordnet und als Tahmo diese Liste kurz querlesend überflog fiel ihm ein Kraut besonders ins Auge. Das Kleinblatt, welches die Macht hatte jemanden zu verkleinern ohne das ein Gegenmittel bekannt war – Tahmo strich das Kraut schnell von der Liste für eigene Verwendungszwecke und schob es auf die Liste für Verwendungszwecke bei Widersachern – leider konnte er diese Pflanzen nicht sofort in Blassmers Voratsschrankwand finden, also verschob er eine genauere Suche danach auf später. Dafür stolperte er bei einem weiteren Blick in das Buch plötzlich über eine Seite die den genauen Umgang mit den Destillierkolben, Tiegeln... und dem ganzen Rest... erklärte. Tahmo blinzelte, irgendwie kam es ihm so vor als hätte ihm das Buch die Seite mit Absicht finden lassen. Als wüsste es wie ein alter Bibliothekar genau was seine Leser suchten, guckte kurz im eigenen Register nach, servierte derweil dem wartenden Leser Tee und Gebäck und spazierte ins Hinterzimmer um eben mal die passende Seite zu holen und sie anschließend zu präsentieren. „Erm...danke...“ murmelte Tahmo und kam sich erneut doof vor weil er schon wieder mit Dingen redete... Trotzdem war ihm das Buch sympathisch. Er nahm es behutsam und trug es zu dem Destillierapparat um mit seiner Arbeit anzufangen. „Sag'mal“ - Beiläufigkeit zuckte zusammen, aus Angst davor erneut in ein Korsett gezwängt zu werden - „Bezahln' dich die Wach'n dann auch für die Tränke?“
Tahmo hoffte nach wie vor ein unbefangenes Gespräch führen zu können. Nun war er ja eigentlich nicht so der redseligste.... war es gewohnt mit Fremden nur das nötigste zu reden, doch hier war es anders. Er brauchte Informationen!.... und es half gegen die unheimliche Stille in der Alchemiestube...

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 15. August 2012, 08:21

"Aha", gab der Alchemist von sich, "bloß mit dem Gesetz nicht in Konflikt geraten. Ja, in Grandea tut man gut daran, diesem Vorhaben zu folgen." Er drehte an einem anderen Ventil. Es zischte in den Glaskolben und zurück blieb ein runzliges, kleines Etwas, das einer Rosine glich. Blassmer schüttelte den Kopf, schraubte dann den Kolben mit dem Rosinenfehlschlag ab und warf beides in einen Eimer, der nur zu diesem Zweck nahe des Tisches aufgestellt worden schien. Es folgte ein unbenutzter Kolben, der aber nicht im Eimer landete, sondern zum Ersatz des Fehlschlags wurde. Sofort begann Blassmer aufs Neue, ließ sich in seiner Arbeit auch in keinster Weise stören, obgleich er Tahmo seine eigene Aufgabe noch zwischendrin zugeteilt hatte. Er ließ den Jungen machen, der nicht sehen konnte, dass Blassmer ihn hinter seinen dunklen Augengläsern beobachtete. Diese Brille war ein Wunderwerk für solche Zwecke. Man konnte so tun, als arbeitete man, dabei geschahen gewisse Bewegungen bereits vollkommen mechanisch. Derweil ließ er seinen Blick schweifen, nur um zu sehen, dass sein Lehrling auch andere Teile des Buches betrachtete. Selbstzufriedenheit breitete sich auf den Zügen des bizarren Alchemisten aus. Er nahm den Blick von Tahmo. Der Bursche war neugierig, interessiert. Das Buch würde ihm gute Dienste leisten und er könnte es zu einem guten Alchemisten machen, wenn er dieses Interesse niemals ablegte.
Blassmer war bereits ein solcher Mann seines Berufsstandes und so arbeitete auch er weiter - für die Forschung und nur zu geringen Teilen aus Goldgier. Ein gutes Maß für jeden Alchemisten, der Erfolg haben wollte. Zu viel von seinem Laster und zu wenig Interesse führte zu Korruption. Er wollte nicht wie die meisten Bewohner Grandeas enden. Wie Stadtwachen beispielsweise. "Bezahlen? Ha!", stieß er plötzlich dermaßen laut aus, dass Maurice angehoppelt kam und einen vorsichtigen Blick von der Tür aus ins Hinterzimmer warf. Sein Herr und Meister zerstampte soeben einige Zutaten in einem Mörser. Er vermengte sie mit einem Enthusiasmus, dass es einem die Haare zu Berge stehen ließ. "Die Wache nimmt sich so einiges heraus, Junge. Da schuftet man tagtäglich, sammelt auf eigene Gefahr seltene und sehr kostbare Zutaten, nur um festzustellen, dass sie konfisziert werden müssen! Pha!"
"Durchatmen!", kam es von der Tür. Der Alchemist hörte auf den Rat seines Kaninchens. Es funktionierte. Er schüttelte den Kopf. "Nein. Niemand bezahlt, wenn es darum geht, im Namen des Königs etwas an sich zu reißen. Die einzigen, die wirklich zahlen, sind die Jorsaner. Die zahlen mit ihrem Leben." Es klang fast, als bemitleide dieser Grandessaner die Gefallenen auf feindlicher Seite. Besser war es wohl, diesen Eindruck nicht zu laut zu gewinnen. Möglicherweise besaßen Blassmers Hauswände nicht nur Ohren, sondern auch vorlaute und wachefreundliche Münder.
"Wie sieht es eigentlich bei dir aus? Bist du schonfertig?" Der Mann schielt plötzlich zu Tahmo herüber, dann wirbelte sein Kopf Richtung Tür. "Maurice! Komm her, der Junge hat etwas für dich!" Das Kaninchen erstarrte.
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Samstag 25. August 2012, 21:13

Tahmo schmunzelte kurz, da hatte er wohl eine empfindliche Stelle getroffen. Blassmer schien eindeutig nicht gut auf die Wachen zu sprechen sein, eine Gemeinsamkeit die er mit dem Alchimisten teilte, auch wenn die Gründe wohl unterschiedlich waren.
Das Schmunzeln gefror Tahmo jedoch sofort, als Blassmer ihm ohne Umschweife seine nächste Aufgabe zuteilte. Er sollte sein Gebräu testen... an Maurice...
Tahmo blickte den Hasen an, der Hase blickte zurück. Ein Geräusch breitete sich zwischen ihnen aus das klang als würde man eine Handvoll Stille nehmen, sie ausdehnen und wie eine Gitarrenseite an zupfen.
„A-an... Maurice? Nein..... das....was is' wenn ihm was passiert? Oder ich'n Fehler gemach' hab? Oder... neee... ich üb' lieber nomal!“

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Montag 27. August 2012, 19:21

Was hinter den finsteren Gläsern seiner Brille vorging, wusste nur Blassmer selbst. Aber darüber zogen sich die Brauen nicht nur nach oben, sondern zwischen ihnen entstand eine Furche, weil der Alchemist die Stirn runzelte. Dieser Ausdruck blieb etwa zwei Sekunden bestehen, ehe er in einen unergründlich monotonen Trott zurück verfiel. Seine Arbeit setzte er allerdings nicht fort, sondern schnappte sich einen Lappen, um die fleckigen Handschuhe daran abzuwischen, als trüge er sie gar nicht. Maurice hatte sich inzwischen ein wenig vom Türrahmen entfernt, allerdings genügte es, dass Blassmer ihn allein mit dem Gesicht anvisierte, um ihn sogar ins Zimmer springen zu lassen. Das Kaninchen ließ die Ohren hängen. Es war genauso wenig begeistert, Tahmos Tränklein zu schlucken wie der Blondschopf es war, diesen ersten Alchemieversuch jemandem einzuflößen.
Blassmer verschränkte die Arme vor dem, was man bei anderen Menschen Brust nannte. Da er so hoch gewachsen und dünn war, wirkte es eher, als verschränkte er die Arme vor ... nun ... einem Besenstiel. "Du hast dich mit dem Thema befasst und traust deinen eigenen Fähigkeiten nicht?" Er schritt vor, langte nach dem Trank und noch ehe Tahmo irgendetwas hätte tun können, hielt der Alchemist das Gebräu in Händen. Von Maurice kam ein seltsames Quieken, zu dem wohl kein anderes Kaninchen Celcias jemals in der Lage war. Aber er blieb artig an Ort und Stelle hocken. Blassmer näherte sich ihm, packte ihn im Genick und hob ihn hoch. "Maul auf", befahl er mit einer Routine in der Stimme, die offenlegte, dass Maurice nicht zum ersten Mal in seinem Leben als Versuchsobjekt dienen musste. Daher kam also der Begriff des Versuchskaninchens. Brav öffnete er das Mäulchen. Seine Zähne ragten daraus hervor. Es waren keine eckigen Hasenzähne, wie man es bei diesen normalerweise putzigen Tierchen gewohnt war. Nein, Maurice besaß kleine Reißzähne, spitz zulaufend. Vermutlich aß er auch nur selten Karotten und Salat, sondern vielmehr ... Fleisch. Jetzt jedoch bekam er Tahmos Trunk zu schmecken und sofort gab er würgende Geräusche von sich.
Blasser setzte das Kaninchen ab. Maurice hustete, würgte, hoppelte im Kreis. Dann erstarrte er zur Salzsäule, japste nur noch "Mein Herz!" und fiel seitlich um. Nicht einmal mehr seine Barthaare zuckten.
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Dienstag 4. September 2012, 23:14

Tahmo stockte der Atem während sein Blick sich ungläubig auf den regungslosen Maurice heftete.... Er konnte das Geschehene kaum fassen. Ja im Grunde konnte das Geschehen selbst nicht fassen was da gerade passiert war. Es verharrte kurz, sah sich um und schlich dann klammheimlich und peinlich berührt aus dem Raum. Dem Karnickel schien Tahmos Trunk wohl gar nicht wohl getahn zu haben, ganz im gegen Teil hat es ihm sogar den Rest gegeben. Oder spielte er nur einen bösen Streich mit Tahmo?... Nein, dazu sah er zu tot aus! Wobei Tahmo sich für den Hauch eines Momentes gar nicht so sicher war, er hatte ja noch nicht allzu viele Tote gesehen, schon gar keine toten Karnickel! zögernd griff er nach einer von Maurice weißen, plüschigen Pfoten. Hob sie hoch und... lies sie wieder fallen. Es erinnerte ihn irgendwie an einen mit Wasser gefüllten Lederschlauch der zu Boden plumpste. Tahmo schluchte, sein Magen zog sich zusammen und allein der plötzliche Kloß im Hals verhinderte wohl das er sich auch noch übergab - was bei dem Boden beruhigender weise keinen Unterschied gemacht hätte. Tahmos Blick glitt panisch zu Blassmer, der jedoch völlig regungslos hinter neben seinem Alchemietisch verharrte, mit einer Mimik so undurchschaubar wie Holzkohle.
Was hab ich nur getan? Ich wollte doch nicht..... wieso macht er nix? Steht einfach nur so da.... Tahmo blickte wieder auf Maurice, es war ihm vollkommen unverständlich wie Blassmer da nur so ruhig bleiben konnte. War er etwa so kaltherzig? ICH muss was tun! Aber was?.... Das Buch! Nun war Eile geboten, er huschte zu dem Buch, um die Seiten einem Orkan gleich durch zu blättern und nach einem Wirkungsvollen Mittel zu suchen. Wenn Blassmer schon nichts tat, so blieb es wohl an ihm die Initiative zu ergreifen. Schnell war er wieder im Register auf den letzten Seiten gelandet, ohne sich zu Wundern weshalb so ein umfangreiches und dickes Buch solch ein kleines Register enthielt. Aber das Buch brauchte wohl kein größeres Register, es war sogar stolz darauf seinem Leser einen möglichst kurzen, präzisen und dennoch komplexen Überblick über all seine Themen zu bieten. Meist wusste es vorher schon was sein Leser suchte und schacherte ihm dann nur noch fix die möglichen Begriffe zu. Sein Finger glitt über das alte Papier, er wusste nicht genau wonach er suchen sollte, nur das Worte wie 'Heilung', 'Wiederauferstehung', Gegenelixier', 'Allheilmittel' oder dergleichen sicherlich hilfreich waren.

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Gevatter Tod » Donnerstag 13. September 2012, 09:54

Tahmo hatte doch einen Heiltrank brauen sollen! Solche alchemischen Mittelchen sollten helfen! Und jetzt lag Maurice, das dämonisch-bizarr wirkende Kaninchen absolut reg- und leblos am Boden. Seine trotz allem putzige, kleine Kaninchennase wackelte nicht mehr. Mümmeln nannte man es. Er mümmelte nicht mehr. Seine Barthaare zuckten nicht. Er lag schlaff da, wie ein großer, weißer Fusselball, über den sich der Besen im Ladenraum sicherlich freuen würde. Was hatte Tahmo da nur angerichtet?! Am schlimmsten schien aber wohl Blassmers Reaktion, der da stand, nickte und sich vielmehr für die Reaktion seines Lehrlings zu interessieren schien, als für das Wohlergehen und die Rettung seines Langohrs. Er beobachtete, wie der Blondschopf sich zu dem Kaninchen niederbeugte, um eine Pfote anzuheben. Maurice zeigte keinen Widerstand. Die Pfote war warm, aber er war ja auch eben erst umgekippt. Die Wärme der Seele würde den Körper wohl erst im Laufe einiger Stunden verlassen haben. Das Leben an sich schien aber aus ihm gewichen zu sein.
Mit purer Verzweiflung, so schien es, griff Tahmo nach dem letzten Strohhalm, der ihm noch blieb und suchte Hilfe in dem Buch, das ihm den Trank beschert hatte. Blassmer verfolgte seine Handlungen. Er schaute tatsächlich nur ein einziges Mal zu Maurice und da auch nur flüchtig. Tahmo war jetzt wesentlich faszinierender. Er würde ihm gleich einige Fragen stellen, doch noch wollte er dessen panische Rettungsversuche nicht unterbrechen. Als sei er nicht anwesend, verharrte der Alchemist hinter seinem Tisch. Die Augen blieben hinter schwarzem Glas verborgen, die Mimik seines kahlen Gesichts ungerührt. Tahmo hingegen wälzte das Buch. Maurice war eben erst umgefallen, vielleicht gab es noch Rettung! Vielleicht gab es ein Gegenmittel!

Noch während seine Finger über das Register flogen, um ein Stichwort zu erhaschen, das ihm weiterhelfen könnte, wurde es irgendwie ruhiger um ihn herum, aber auch kälter. Es war, als hätte man eine Käseglocke über Tahmo gelegt, unter der sich nun Kälte sammelte, um am Glas Eissterne zu malen und zu kondensieren. Es war, als hauche ihm jemand Eiswasser in den Nacken, das sofort gefror und dann konnte er eine Stimme wahrnehmen. "Seltsam. Ich dachte, ich werde hier gebraucht. Da bist wohl nicht nur du hereingelegt worden, Sterblicher." Schräg hinter Tahmo stand eine Gestalt. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht und die lange Gewandung, die sie trug, schien genau dorthin zu enden. Es handelte sich um eine pechschwarze Robe, an einigen Stellen leicht abgewetzt, aber dennoch diese majestätische Erhabenheit, gepaart mit Unheil ausstrahlend. Trotzdem hatte sich auch ein Gefühl von Ruhe in den schwarzen Stoff eingeschlichen. Er bedeckte die Gestalt vollends und eine Kapuze über den Kopf trug ihr Übriges dazu bei. Das Gewand reichte sogar bis über die Füße. Sie konnte man nicht einmal erahnen, denn hier begann sich der Stoff in eine Art wabernden Nebel purer Finsternis zu formen. Wie uneheilvoller Qualm leckten diese Nebelzungen nach allem. Sie türmten sich auf, zerfielen wieder in sich, ohne Spuren oder Geräusche zu hinterlassen. Das Wabern breitete sich unter der gesamten, nicht vorhandenen Käseglocke aus. Aber nur am unteren Teil der Robe trat das Phänomen ein. Die weiten Ärmelsäume waren davon nicht betroffen, so dass Tahmo einen Blick auf zwei knochige Hände erhaschen konnte. Nein, so war es falsch beschrieben. Die Hände waren nicht knochig, sondern Knochen. Sie besaßen kein Fleisch, keine Sehnen, die sich um sie fügten und auch keine Haut, welche sich über all das spannte. Jedes Fingerglied zeigte sich als bleiches Knochenstück. Die rechte der beiden Händen hielt einen gewaltigen Holzgriff, an dessen oberem Ende ein Schnitter angebracht war: eine Sense.
Die Kapuze hob sich kurz. Man konnte einen blanken Schädel erkennen, weiß und irgendwie ... nun ... Tote lächelten immer auf diese unheimliche Art und Weise, weil ihre Zähne vollkommen freilagen, zusammen mit dem übrigen Gebiss und dem gesamten Kiefer. In den leeren Augenhöhlen dieses Schädels glomm etwas. "Ich bin hier überflüssig." Seine Stimme brachte Verwesung mit sich. Sie klang endgültig, aber seine Worte straften dieser Tatsache Lügen. Die Gestalt schaute Tahmo noch einmal an. "Ein kräftiger Ruck wird es tun." Dann drehte sie sich um, wandte sich ab und ... war weg. Die Käseglocke hatte sich aufgelöst, nicht einmal mehr die Kälte war auch nur ansatzweise zu spüren.
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Sonntag 16. September 2012, 13:09

So sehr sich der junge Zauberer auch anstrengte, er fand nichts hilfreiches in dem Buch. Anfangs bemerkte er den raschen Kälteeinbruch gar nicht, doch als seine Fingernägel blau wurden und seine Zähne zum klappern anfingen, lösten sich seine Gedanken vom Buch und blickten sich verwundert um. Ein uralter, in jedem vorhandener, tief verwurzelter Instinkt rang derweil in seinem Bewusstsein um Aufmerksamkeit. Hier konnte etwas nicht stimmen! Blassmer stand weiterhin regungslos da, nur wo man zuvor sagen konnte er sei wie zu einer Salzsäule erstarrt, erweckte es nun den Anschein als wäre er wirklich eine Salzsäule! Dann fiel Tahmos Blick auf den Alchemietisch. Das Blubbern in den Röhren hatte aufgehört, die Bläschen jedoch schwebten dabei wie erstarrt in den Gefäßen und Rohrsystemen!! Die Zeit hielt die Luft an, alles in dem kleinen Raum stand still... in gespannter Erwartung darauf was nun geschah.
"Seltsam. Ich dachte, ich werde hier gebraucht. Da bist wohl nicht nur du hereingelegt worden, Sterblicher."
Die Stimme klang so dumpf und hohl als stamme sie aus einem tiefen, von mehreren Erdrutschen heimgesuchten Grab. Der tief verwurzelte Instinkt in Tahmo stellte das gehüpfe ein und fiel anstandslos in Ohnmacht als der Blondschopf sich umdrehte und, im wahrsten Sinne des Wortes, dem Tod ins Gesicht blickte.“...!!“ War alles was er hervor brachte.
Er blickte in zwei Augenhöhlen die so schwarz waren wie das Innere einer Katze, an deren Grund irgendwo irgendetwas unheilvoll glimmte. Tahmo atmete, als müsste er Luft stehlen während sich ihm die Realität unnachgiebig aufzwang. Man musste nicht viel herumgekommen sein nur um zu wissen was oder wer da vor einem Stand. Nein, es war eher ein verborgenes Wissen, eine Information, eine Art Passfoto das jeder Schöpfer seiner Schöpfung vor anbeginn der Zeit mit den Worten „Ja und das hier ist der schwarze Mann, der kommt dich irgendwann holen und jetzt geh schön spielen.“ mit auf den Weg gibt. Tahmos Blick huschte kurz zur Sense. Die Klinge schien so scharf, daß jede vorbeikommende Brise sofort in zwei ziemlich verblüffte Zephire zerschnitten wurde.
"Ich bin hier überflüssig." Nein, es schien keine Stimme im eigentlichen Sinne zu sein. Mit den Worten selbst war soweit alles in Ordnung, jedoch erklangen sie direkt in Tahmos Kopf, ohne dabei den Umweg über seine Ohren in kauf zu nehmen. „...!!“ Tahmo konnte es immer noch nicht ganz fassen, er starrte die großgewachsene Gestalt weiterhin an. Der Tod grinste zurück – gut als Skelett blieb ihm fast nichts anderes übrig. Er konnte gar nicht anders als ein dauergrinsen im Gesicht zu tragen.
"Ein kräftiger Ruck wird es tun."
„...!!“ Tahmo nickte.
Dann drehte Tod sich um, sein langer Kaputzenmantel waberte wie Nebel mit ihm. Mit einem sichtbaren Plopp verschwand er wieder und die Zeit atmete endlich aus.

Tahmo bemerkte erst jetzt das bis eben noch eine beunruhigende Geräuschlosigkeit geherscht hatte. Keine Stille an sich, denn Stille war nur das Fehlen von Lärm. Geräuschlosigkeit war viel schlimmer. Und als hätte man eine unsichtbare Käseglocke angehoben, prasselte nun wieder das Blubbern des Alchemietisches auf seine Ohren. Der Junge schluckte, sein Gesicht hatte die Farbe der Kreide angenommen welche nun schwer in seinem Magen zu liegen schien. Unheilvoll hallten die Letzten Worte des Besuchers in seinem Kopf nach, was hatte er mit dem festen Ruck gemeint?
Sollte er Maurice vielleicht nur einmal kräftig schütteln? Das hier und jetzt holte ihn mit Siebenmeilenstiefel wieder ein, er konnte unmöglich weiterhin so dumm hier rumstehen. Egal was hier gerade... geschehen...war, noch gab es vielleicht Hoffnung für Maurice. Zudem hatte Tahmo keine Lust erneut einen derartigen Besuch zu bekommen.
Er wankte zu Maurice, kniete sich vor ihm nieder und... gab ihm einen kräftigen Ruck. Über das Geschehene konnte er danach noch nachdenken.

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 20. September 2012, 07:59

Vielleicht wollte das Buch auch nicht, dass Tahmo auch nur den kleinsten Hinweis zur Rettung des Kaninchen in ihm fand. Hätte es grinsen können, hätte es die Buchklappenwinkel ein Stück nach oben verzogen, aber irgendwie schienen sich die Buchstaben, die Worte und dann Sätze formten, auf dem Papier ein wenig an den Rändern zu heben. Es konnte aber auch ein Sinneswandel sein, hervorgerufen durch das Erscheinen einer Gestalt, mit der der Blondschopf in so jungen Jahren vermutlich noch nicht gerechnet hätte. Die Zeit schien angehalten zu haben und sich nun zu entscheiden, die Konsistenz von zähflüssigem Honig anzunehmen, der zu lange im Glas verbracht hatte. Die Welt um den Alchemielehrling herum stand beinahe still, er aber konnte sich frei darin bewegen - den Gevatter anblicken. Dieser stand ruhig da. Nun, er hatte wohl alle Zeit der Welt, zu ihm würde niemand heran treten und sagen: "Hier endet die Reise." Er war der Zeitlose, der einzige, welcher sich niemals um seine Berufung oder das Ende fürchten musste. Er war das Ende.
War es also doch geschehen, dass Maurice seine letzte Möhre geknabbert hatte? Oder kam der Gevatter wegen Tahmo? Er klärte es schnell auf. Man hatte ihn hereingelegt. Dabei sprach er mit einer Besonnenheit, als sei es nicht das erste Mal. Weder Wut, noch Enttäuschung oder Resignation lagen in seiner Stimme. Er gab Tahmo ein paar Worte mit auf den Weg, ehe er auch schon wieder verschwand. Die Zeit, dazu angehalten ohne die Anwesenheit des Zeitlosen, wieder flüssiger zu werden, lief fort. Das Blubbern in den Röhrchen nahm zu. Mit der verschwindenden Kälte schien wieder mehr Leben in den Raum zu kommen. Zumindest Oswald Blassmer bewegte sich etwas. Maurice hingegen lag weiterhin reglos am Boden.

"Etwas gefunden?", fragte der Alchemist und nickte auf das Buch, welches sich von selbst zugeklappt hatte. Ein deutliches Zeichen: Du liest vorerst nicht mehr in mir! Aber das brauchte der Blondschopf auch nicht. Er machte sich auf, den Rat des Gevatters zu befolgen, kniete sich zu Maurice und begann, an ihm zu rütteln. Blasser folgte Tahmo, stellte sich hinter ihn und lugte eine Weile über dessen Schulter. Hätte man ihm die schwarzen Augengläser abgenommen, hätte man gesehen, dass Neugier aus seinen Augen blitzte. Neugier darauf, wie lange Maurice durchhielt. Die Antwort lautete: nicht allzu lang.
"Hör auf mich zu rütteln!" Plötzlich regte er sich und knappte Tahmo in den kleinen Finger. In diesem Moment hob sich der linke Mundwinkel des Alchemisten. "Beenden wir das Spielchen", meinte er nur. "Du hättest ihn mit diesen Zutaten im Trank niemals töten können, Junge. Als ich entdeckte, dass Maurice diese Tot-Stell-Sache perfekt beherrschte, habe ich es zu meiner Form der Prüfung gemacht. So finde ich heraus, wie clever mutmaßliche Schüler sind. Du hast dich recht gut angestellt, muss ich sagen." Er legte eine Pause ein, in der er zu seinen Utensilien zurückkehrte. "Du hast den Tod gesehen?", fragte er beiläufig und schüttete ein paar Krümel, sowie kleine Federn in einen Mörser.
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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Tahmo » Donnerstag 27. September 2012, 17:00

„Autsch!“ Tahmo zog seinen Zeigefinger zurück, starrte verdutzt auf den Blutstropfen der sich bildete und steckte ihn sich in den Mund. Das tote Karnickel hatte ihn gebissen! Maurice lebte!Ihm fiel ein ganzes Bergmassiv vom Herzen, vorerst zumindest.
"Beenden wir das Spielchen", sprach der Alchemist, Tahmo blickte zu ihm. "Du hättest ihn mit diesen Zutaten im Trank niemals töten können, Junge. Als ich entdeckte, dass Maurice diese Tot-Stell-Sache perfekt beherrschte, habe ich es zu meiner Form der Prüfung gemacht. So finde ich heraus, wie clever mutmaßliche Schüler sind. Du hast dich recht gut angestellt, muss ich sagen."
Tahmo runzelte, mit dem Finger im Mund, seine Stirn, „W-waf? Daf war'n Teft?!“ Er fühlte sich wie jemand der nach Tagen des Durstes in einer Wüste endlich ein Wasserloch gefunden hatte, nur um nach dem ersten Schluck festzustellen das auf der anderen Seite ein Oger hinein pinkelte. Man hatte ihn reingelegt! Und zwar ziemlich übel, wie Tahmo fand. Er war ein wenig wütend auf den Alchemisten, denn er war nicht der Meinung das man mit dem Tod scherzen sollte – zumal der Tod da sicherlich auch eine ähnliche Meinung hatte. Der Alchemist legte eine Pause ein, in der er zu seinen Utensilien zurückkehrte. "Du hast den Tod gesehen?", fragte der Alchemist beiläufig und schüttete ein paar Krümel, sowie kleine Federn in einen Mörser.
Tahmo stutzte voll verdutzter Verwunderung. „Wie....waff...“ Er nahm den Finger aus dem Mund, „Was meins'te damit, ich hätt'n Tod gesehn'?“ Argwohn und Misstrauen lag nun in seiner Stimme welche jedes einzelne Wort extra betonte. Seine Augen zogen sich ein wenig zusammen um ihren mimischen Beitrag zu leisten. Er war sicherlich nicht scharf darauf gewesen den Tod zu sehen. Ja, im Grunde war das – sogar in einer Welt mit fliegenden Pferden, Knochendrachen, wandelnden Untoten, mausgroßen Kobolden, Wolkenstädten, Dämonen und Dunkelnachtelfen – dennoch etwas das einen irgendwie zumindest ein wenig erschüttern und aus der Bahn werfen konnte. Natürlich verdrängte das menschliche Gehirn derartige Begegnungen sehr effektiv, aber dennoch blieb ein gedanklich, fader Nachgeschmack. Tahmos neugieriger, aufgeweckter und wissensdurstiger Kopf war zu dem Entschluss gekommen später und in Ruhe darüber nach zu denken.

Tahmo starrte zwischen den blubbernden Phiolen und Tiegel hindurch, über den Alchemietisch hinweg und hinüber zu Blassmer. Der Blondschopf war angespannt, misstrauisch und ahnte nun mehr als zuvor das man diesen alten Mann wirklich nicht unterschätzen durfte.

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Re: Der seltsame Alchemist

Beitrag von Erzähler » Sonntag 7. Oktober 2012, 10:47

Maurice lebte! Er war niemals tot gewesen, aber der Trick - oder Test - hatte einwandfrei funktioniert. Nicht nur das Kaninchen schien darüber amüsiert, selbst Blassmer zeigte eine leichte Regung. Sein Mundwinkel zuckte zwei Mal nach oben, aber das war alles, was aus dem glatzköpfigen Alchemisten hervor zu locken war. Maurice hingegen zeigte nicht die Spur mehr von Selbstbeherrschung. Er zappelte und krümmte sich, wackelte mit den teils zerfetzten Ohren und stieß glucksende Geräusche aus, die man keinem celcianischen Kaninchen auch nur ansatzweise zutraute. Es ging ihm offensichtlich mehr als bestens. Tahmo brauchte sich nicht länger um das Wohlergehen des kleinen Fellballs zu kümmern. Maurice hatte mehr als gut zu den Lebenden zurückgefunden. Er leckte sich nun das Schnäuzchen, als wollte er den Geschmack von Tahmos Blut noch einmal auf der winzigen, rosa Zunge spüren.
Blassmer hingegen widmete sich weiter seinen Experimenten. Er zerdrückte die in den Mörser gegebenen Zutatet, stampfte und zerkleinerte sie mit dem Stößel, bis nichts mehr von der ursprünglichen Form zu erkennen war. Das Pulver gab er anschließend in einen Flakon, zusammen mit zwei oder drei Tropfen aus einem kürbisförmigen Glasbehälter. Anschließend verkorkte er das Ganze, das nun eher eine violetten Breimasse ähnelte als einstigen Körnern, Federn und Tropfen. Er stellte das Fläschchen neben sich auf den Tisch, begann von vorn. Ohne aufzublicken gab er endlich eine Erklärung für seinen Lehrling ab. "Du hast im Grunde tatsächlich einen Trank der Stärkung geschaffen, allerdings waren einige deiner Ingredenzien dazu gedacht, den Tod zu locken. Es gibt selbst in der Alchemie Möglichkeiten, den Gevatter zu rufen. Ich hoffe, er hat dir nicht allzu viel Angst bereitet." Nun hob Blassmer den Kopf. Die Bewegung gestaltete sich zackig und knapp, aber sie ließ die Wirkung nicht aus. Seine pechschwarzen Augengläser schimmerten im Licht, als er den Blick zielstrebig auf Tahmo richtete. "Du wirst den Knochenmann noch häufiger sehen, wenn du für mich arbeitest. Und nun schnapp dir das Buch. Es wird einer deiner neuen Gefährten und dich bei deinen Übungen begleiten." Er winkte zum Verkaufsraum herüber. "Auch wenn ich vieles vorrätig habe, wirst du selbst nach deinen Zutaten suchen. Hol dir eine Kräutersichel und mehrere Beutelchen aus meinem Lager. Dann begib dich auf die Suche in der Umgebung. Du wirst mir bis Sonnenuntergang drei unterschiedliche, alchemistische Erzeugnisse vorweisen - andernfalls setze ich dich vor die Tür."
Dann wandte sich Blassmer wieder seiner Arbeit zu. Lediglich Maurice schien hellauf begeistert, dass Tahmo nun hinaus in die freie Wildbahn sollte. Er hoppelte zu ihm herüber. "Nimmst du mich mit?", fragte das Kaninchen.
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