Elwin packte den Proviant ein und machte sich mit Wing auf der Schulter auf den Weg zur Arena. Der Boden unter ihren Füßen war vollkommen aufgeweicht, denn es regnete wieder einmal aus allen Wolken. Ringsum sammelten sich Turnierbesucher unter Planen oder Unterständen, um nicht nass zu werden.
Die Tropfen plätscherten in einem steten Rhythmus, der Elwins Weg begleitete. Kleine Rinnsale flossen an ihren Füßen vorbei. Der Saum ihrer Gewänder nahm eine bräunliche Farbe an. Schlamm spritzte bei jedem Schritt, aber daran war jetzt nun einmal nichts mehr zu ändern. Soviel zum Thema Umziehen. Nun, ihre Magierrobe war auf jeden Fall schicklicher als Timathians Nachtgewand und wahrscheinlich würde niemand auf ihr Äußeres achten, wenn Elwin Flutwellen und Sturzbäche über ihren Gegner hernieder prasseln lassen würde.
Wing schüttelte sein Gefieder, dass TRopfen spritzten. Er pfiff vergnügt. "Was für ein Wetter! Da gewinnst du doch auf jeden Fall, Elwin! So viel Regen!" Ja, man konnte sagen, die Magierin würde mit einem Heimvorteil ins Finale gehen. Wenn man davon ausging, dass dieser Stygmar nicht auch ein Wassermagier war, aber so sah er eigentlich nicht aus, als Elwin ihn kurzfristig in Augenschein hatte nehmen können.
Sie erreichte die Arena. Wachposten ließen soeben die ersten Zuschauer durch die offiziellen Eingänge ein. Die Wassermagierin musste sich durch den Seiteneingang in die Gänge und Korridore unterhalb der Arena selbst ins Innere befördern. Nur von dort konnte man den Arenahof erreichen. Dieser Bereich war ausschließlich für Turnierteilnehmer und -helfer gedacht.
Jenen vergitterten Eingang bewachte ein einziger Posten. Er stand schon beim letzten Mal da, als Elwin dort vorbei gekommen war. Damals, als sie gegen Gideon Windhaller hatte antreten müssen. Der Wachposten erkannte sie sofort wieder. "Alle drücken Euch die Daumen, werte Maga Fock!", grüßte er sie und salutierte. "Wir wollen nicht, dass jemand aus Morgeria gewinnt, schon gar nicht ein Nekromant. Diese Magie ist ... unheimlich." Da hatte der Wächter nicht ganz Unrecht. Nekromantie zählte selbst unter Magiebegabten nicht gerade zu einer angesehenen Magie-Art. Sie wurde vielerorts verachtet, in Zyranus nicht einmal gelehrt. Morgeria, da kamen die Dunkelelfen her. Dass man sich dort mit Nekromantie beschäftigte, erschien gar nicht mal so unwahrscheinlich. Elwin musste Acht geben, das Finale schien bedeutend schwerer zu werden als die Vorrunde.
Der Wächter schloss die Gittertür auf und ließ Elwin ins die katakombenartigen Gänge unterhalb der Arena. "Das Finale beginnt in einer halben Stunde. Nehmt Euch noch etwas Zeit zur Vorbereitung", meinte er, als er hinter ihr wieder das Tor verschloss. Kaum war Elwin aus der Reichweite des Wächters zwitscherte Wing leise: "Iss erstmal etwas. Danach schauen wir weiter."
Ein guter Vorschlag. Doch ehe Elwin überhaupt darauf reagieren konnte, hob sich etwas oder jemand aus den Schatten des vor ihr befindlichen Korridors ab. Zunächst erkannte sie nur ein Paar leuchtender Augen und seltsamer Zeichen, die wie ein Heiligenschein über dem finsteren Blick schwebten. Schießlich nahm alles Konturen an und Elwin erkannte, dass die Zeichen Hautbilder auf einem kahlen Schädel waren und zu einer Gestalt gehörten, die sie gleich noch einmal wiedersehen sollte: Stygmar, der morgerianische Nekromant, stand vor ihr.
Er sah unheimlich aus und irgendwie ... tot. Seine Haut war grau und erweckte den Anschein, dass er selbst so etwas wie ein lebender Toter war. Die Zeichen auf seinem kahlen Schädel entpuppten sich als eine Art Knochenmuster. Eine sonderbare Tätowierung. Das Gesicht selbst lag in Falten, was ihm einen verfallenen Eindruck schenkte.
Er hob einen Arm. Die graue Haut spannte sich straff über seine Knochen und war durchscheinend wie Pergamentpapier. Darunter schimmerte das bleiche Gebein wie Mondlicht. Eine faszinierende Kette mit fremden Runen lag um seinen dürren Hals und lenkte beinahe vollkommene Aufmerksamkeit auf sich. Er stierte Elwin aus bedrohlich dunklen Augen an, die Faldors Hölllenreich leibhaftig gesehen zu haben schienen.
Er schwieg Elwin an. Dann senkte er seinen Arm und richtete so seinen Magierstab auf die Frau. Es war ein knorrig wirkende Knochenstab, auf dessen Spitze ein goblinischer Schrumpfkopf gepinnt war. Er schimmerte in einem blassen violett und hüllte damit seinen Träger in ein nur noch unheimlicheres Licht. Dann drang plötzlich eine flaue Nebelwolke aus den Nasenlöchern des Schrumpfkopfes. Stygmar sog sie ein. Sein Blick blieb auf Elwin haften.
"Gleich ... beim Finale", drang es tief aus seiner Kehle wie Totengesänge und doch so krächzend, als wäre er ein Vorbote des Schnitters. Mit wallenden, grauen Gewändern und graziler Bewegung schritt er an Elwin vorbei in die Korridore davon. Ein beklemmendes Gefühl war das einzige, was zurück blieb.
Wing schauderte und versteckte seinen Schnabel unter dem Gefieder. "Gegen ihn trittst du an?" Sein Schnabel klapperte vor Unbehagen.