Das Versteck der Anderen

Jeder weiß, dass sich das geheime Versteck in der Stadt selbst befindet, aber nur Mitglieder der Wüstendiebe kennen den Weg dorthin. Niemand weiß, wo man suchen muss und bisher blieb diese Gemeinschaft unentdeckt.
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Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Freitag 18. Juni 2021, 13:41

Madiha kommt von Die Feuerakademie Cassandras -> Das Leben der Anderen

Die Gruppe war bereits unterwegs, noch ehe Madiha sich richtig klar werden konnte, dass Caleb wohlauf war. Sie ging neben ihm durch das Tunnelsystem oder hinter ihm, wenn die Gänge etwas schmaler wurden. Dabei hielt sie unentwegt seine Hand. Caleb wirkte fast vollends genesen. Er hielt sich mit der anderen Hand zwar immer noch die verbundene Hüfte, aber er grinste jedes Mal zu Madiha herüber, falls sich ihre Blicke trafen. Der Trank der Stärkung musste einiges bewirkt haben. Trotzdem war Caleb noch lange nicht vollends unversehrt. Er schritt langsamer voran als seine Vordermänner und regelmäßig stieß einer der Diebe hinter ihnen Madiha in den Rücken, dass sie zügiger laufen sollte. Haraams Männer ließen den falschen Vater samt Tochter zwischen sich gehen, um jede Möglichkeit einer Flucht direkt im Keim zu ersticken. Madiha konnte sich nicht einmal mit Devin unterhalten. Sie sah ihn nicht, wusste aber, dass er irgendwo weiter vorn bei Haraam sein mutte. Immerhin war er dessen Eigentum.
Aber sie fände Gelegenheit, sich mit Caleb zu unterhalten, während sie wo auch immer hin gingen. Solange sie dabei leise sprach, würden die Wüstendiebe nur ein gerauntes Gespräch zwischen Vater und Tochter vermuten. Das hieß aber nicht, dass ihre Hintermänner kein Auge auf die beiden hatten.

Der Weg erstreckte sich scheinbar über Stunden. Madihas Füße brannten und sie musste im Laufe der Zeit irgendwo auf einen spitzen Stein getreten sein, denn eine kleine Stelle an ihrer Fußsohle tat beim Auftreten besonders weh. Vielleicht hatte sie sich aber bereits bei dem Angriff auf die Stadt verletzt, es nur angesichts all der Ereignisse nicht so intensiv wahrgenommen.
Die Gruppe machte noch zwei Mal Rast, jeweils jedoch nur wenige Minuten. Dabei wurden Trinkschläuche herum gereicht, damit keiner von ihnen aufgrund von Wassermangel zusammenbrach. Somit erhielten auch Caleb und Madiha stets eine Ration. Niemand kam dem Mädchen nochmal so zu nahe wie anfangs, als sie bereit gewesen war, ihren Körper gegen Calebs Leben einzutauschen. Soweit sie es zu sagen vermochte, schien auch keiner über sie zu sprechen. Hin und wieder schnappte Madiha Wortfetzen auf, aber sie verstand diese nicht. Die Diebe blieben konsequent darin, ihre eigene Sprache zu nutzen, wenn sie sich unterhielten. Da aber auch Caleb nicht ein einziges Mal eingriff, schienen die Themen für sie ohne Belang zu sein.
Immer dann, wenn sich ihr Blick nicht mit senem kreuzte, veränderte sich Calebs Miene. Dann wirkte er ernst wie Madiha ihn noch nicht erlebt hatte. Seine Kiefermuskulatur war deutlich zu sehen und gelegentlich konnte sie sogar hören, dass er mit den Zähnen knirschte. Die Stirn war gerunzelt, der Blick finster. Wo auch immer es hin ging, er ahnte es wohl und es gefiel ihm nicht.

Endlich erreichte die Gruppe ihr Ziel: eine gemauerte Steinwand. Niemand schien überrascht, in die Sackgasse geraten zu sein. Caleb schaute zu Madiha hin. Er lächelte sie an, neigte sich in ihre Richtung und ließ dabei ihre Hand los. Denn er wollte ihr den Arm um die Schultern legen. Doch statt verschwörerisch mit ihr zu flüstern, hob er seine Hand plötzlich doch wieder etwas mehr an und schob sie von der Seite über ihre Augen.
"Ruhig bleiben, es ist alles in Ordnung."
Von vorn drang seit langem wieder die herrische Stimme des Anführers heran: "Kennt dein Gör unsere Geheimnisse?"
"Hältst du mich für einen Verräter, Haraam?"
, entgegnete Caleb. Ein betretenes Schweigen legte sich über die Versammelten, bis er aufstöhnte. "Öffne endlich den Zugang, wie du es vor hattest. Sie kann nichts sehen."
Vorn brummte es, dann war ein leises Klicken und kurz darauf ein metallener Mechanismus zu hören, bei dem offenbar einige schwere Ketten in Gang gesetzt wurden. Calebs Finger spreizten sich, so dass Madiha zwischen ihnen hindurch sehen konnte. Dann nahm er die Hand gänzlich von ihren Augen. Die Sackgasse war verschwunden. Der gang führte weiter und zwar schon nach knapp einem Meter in einen breiten Raum. Nein, das war ein Gewölbe, welches tief in die Erde führte und zu einem gewaltigen achteckigen Saal wurde. Entlang der okatgonen Wände führten breite Treppen bis tief zum Grund, wo in einem bunten, sternförmigen Mosaik ein protziger Springbrunnen stand. Auch er war sternförmig mit acht Zacken und aus weißem Stein gefertigt. An den Seiten seines niedrigen Beckens hatte jemand Kacheln angebracht, die verschiedene Sternmuster in Blau, Rot und Gelb zeigten. Aus der Mitte des Brunnens erhob sich die Statue eines stolzen Elefanten. Er stand auf einem Hinterbein, das andere angewinkelt, ebenso wie vir Vorderbeine, die er an seinen runden Bauch drückte. Ober seinen Kopf hinweg führte der Rüssel in Schlangenform das Wasser als spritzende Quelle zurück in das Becken, so dass der ganze Elefant im Regen stand. Die Halle wurde ansonsten von vielen Sitzgelegenheiten geziert. Teppich-Ecken wie Madiha sie aus den reichen Anwesen kannte, waren mit reichlich Kissen und Sitzpolstern ausgestattet. Überall fanden sich antik wirkende Tische, auf denen entweder Gebäck, volle Obstschalen oder ganze Sätze aus prunkvollen Teekannen mit passenden Tassen standen. Dazwischen fanden sich immer wieder Wasserpfeifen mit vier oder fünf Plätzen. Madiha konnte den Tabak erst riechen, als sie schon die Hälfte der Treppen zurückgelegt hatten.
Große Keramiktöpfe, manche in klassischem Terracotta, andere mit bunten Motiven bemalt, dienten unzähligen Pflanzen als Heim. Kleine Palmen, Kakteen, Feigengewächse und Wüstenrosen verteilten sich über die gesamte Halle Unterhalb der Treppen waren sogar Hängepflanzen in Flechtkörben angebracht. Woher all diese Lebewesen ihr Licht bezogen, konnte sich das Mädchen nicht beantworten. Es schien aber jeder einzelnen Pflanze gut zu gehen. Auf den ersten Blick wirkte keine vertrocknet.
Von der Halle führten achte Portale in weitere Bereiche. Manche luden ein, noch mehr Stufen in die Tiefe zu steigen, andere warteten mit breiten oder schmalen Korridoren. Unzählige Wüstendiebe fanden sich hier an diesem Ort. Es wirkte fast wie ein öffentlicher Platz unterhalb Sarmas. Die meisten waren vermummt wie Haraams Gruppe, aber hier und da konnte Madiha auch klassisch gekleidete Männer oder Frauen in bauchfreien Schleiertanz-Roben sehen. Interessant war, dass es nicht dabei blieb. Madiha erkannte auch Frauen unter den Vermummten. Sie waren bewaffnet, scherzten oder diskutierten mit ihresgleichen oder den Männern - auf einer Augenhöhle. Niemand duckte sich hier oder versuchte, nicht aufzufallen, wie Madiha es von den Sklaven gewohnt war. Zwar schlichen auch reichlich Bedienstete durch die Hallen, welche Nahrung oder Getränke servierten, doch jeder von ihnen strahlte einen inneren Stolz aus. Und überall dieser Prunk! Wandteppiche, Bodenteppiche, teure Vasen für die noch so kleinste Pflanze, vergoldete Ketten für golden schimmernde Laternen, die die komplette Halle erhellten. Es war wie im Märchen.

Am Fuß der Treppe angekommen sammelte Haraam seine Männer um sich. Er nickte einigen von ihnen zu. Sie erwiderten und strömten in verschiedene Richtungen davon. Devin erhielt vom Anführer eine Kopfnuss. "Such dir etwas zu Essen und mir eine freie Wasserpfeife ... und eine Hure, verstanden?"
Devin nickte. Er schulterte seine Tasche, um den Auftrag auszuführen. Hier unten schien niemand in Aufregung, was über ihren Köpfen vor sich ging. Doch das war nur der erste Eindruck. Madiha konnte an jedem der Diebe mindestens eine Waffe vorfinden. Die meisten besaßen auch Verbände oder wirkten erschöpft. Dieser Ort war zum Erholen gedacht, bevor man sich erneut in eine Schlacht wagte, dessen Ausgang sie selbst überhaupt nicht kannte.
"Eine Hure für dich, Haraam?", erhob Caleb plötzlich das Wort. "Dann nehme ich an, du hast nichts mehr mit mir zu-"
"Nicht so schnell, du Bastard. Jetzt schuldest du mir noch Verbandsmaterial und diesen Trank, den der Bengel dir eingeflößt hat. Ich geb dir einen Tageslauf Zeit, dann hak ich bei Devin nach, ob du seinen Vorrat aufgestockt hast. Und wag's bloß nicht, wieder abzuhauen. Wir finden dich, das weißt du."
"Abhauen? Ich?! Haraam ... ich hab oben geschaut, was passiert ist. Wirklich! Hatte niemals vor, meine Schulden bei dir einfach zu vergessen. Keine Sorge, dein Junge bekommt alles und ... ja, ich hab auch das Geld für dich. Nicht hier. Es ist oben. Ich muss also bald wieder hoch und es holen. Wenn du mich also entschuldigst..."

Haraams Blick auf Caleb war mit so viel Skepsis gefüllt, dass es ihm fast schon aus den Augen lief. Er wechselte den Fokus, richtete ihn auf Madiha. "Deine Tochter könnte als Pfand bei mir bleiben, bis du das Geld rangeschafft hast. Oder du zahlst in Naturalien. Sklaven kann ich immer brauchen."
Calebs Ausdruck versteinerte sich. Sofort griff er wieder nach Madihas Hand. "Meine Made kennt das Versteck, nicht ich. Deshalb muss ich sie mitnehmen. Sie muss mich führen."
"Das hast du dir ja gut ausgedacht. Na, meinetwegen ... Morgen um dieselbe Zeit, Caleb. Hier in der Halle. Sonst war es unser letztes Treffen, bei dem du mit heilem Auge davonkommst."

Caleb nickte. Haraam wandte sich ab. Seine verbliebenen Männer folgten ihm. Er suchte sofort eine freie Wasserpfeife mit genug Sitzplätzen auf. Erst als er weit weg von ihnen war, wagte Caleb tief auszuatmen. Madihas Hand hielt er immer noch.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Samstag 19. Juni 2021, 07:48

Madiha’s kleiner Kosmos ließ in diesem Moment nicht zu, dass sie sich mit etwas anderem beschäftigte, als das was direkt vor ihr lag. Nie war es für das Mädchen relevant geworden, sich um mehr als die Belange ihres Herren zu kümmern und sie hatte gelernt, dass die äußere Welt für sie nicht existierte. Nie hörte sie von Andunie, von faldorischen Fledermäusen oder dem dunklen Volk. All das war Neuland für die einstige Sklavin und es überflutete sie. Sie hatte in den letzten Stunden völlig ausgeblendet, dass oberhalb ihres Kopfes, eine Machtübernahme stattfand. Ja, sie hätte es nicht mal als solche bezeichnen können, denn sie wusste nichts davon, dass politisch sich so viel in der Welt tat. Ihr Augenmerk galt nur dem kleinen Kosmos um sie herum. Dunia, Ilmy und Caleb. Die drei einzigen Menschen, die sie kannte und die so etwas waren, wie Bezugspersonen. Der Angriff auf Sarma war für diese drei Personen, völlig in den Hintergrund gerückt. Auch das hatte das Mädchen verdrängt und irgendwann, würden all diese aufgestauten Dinge, mit brachialer Gewalt auf sie niedergehen, soviel stand fest. Doch sie bestimmte, dass jetzt noch nicht der Zeitpunkt dafür war.
Sie hatte sich neben Caleb gesetzt und spürte, dass sie hundemüde war. Es war vielleicht ein erstes Indiz dafür, dass sie zu vieles einfach beiseite schob und es sich in ihrer Seele einnistete, um irgendwann wie ein Fass aus schwarzer, klebriger Flüssigkeit, überzuquellen. Madiha hatte Devin gerade die Frage nach seiner Hoffnung gestellt, als sie seinen Blick auffing. Dieser traf die Sklavin so unverblümt, dass sie wegschauen musste. Sie fragte sich augenblicklich, ob sie auch so einen Blick hatte, denn das, was sie darin erkannte, fand sie auch in sich selbst. Er war nicht freiwillig hergekommen, er hatte ganz andere Pläne gehabt. Pläne für sein Leben… in Freiheit. Madiha verstand den Arzt, auch ohne etwas sagen zu müssen. Devin war ihr nicht unähnlich, das spürte sie irgendwie. Es führte dazu, dass auch sie sich dieser Frage stellen musste und feststellte, dass sie sich ihrem Schicksal einfach ergeben hatte. Dass sie tat, was sie tun sollte, weil es einfach immer schon so gewesen war. Hätte sie vielleicht, vor dem Sklaventum, ein Leben gehabt, wie Devin, vielleicht wäre sie etwas hartnäckiger gewesen, an einer Veränderung zu arbeiten. Doch sie wuchs darin auf. Buchstäblich und niemand schenkte dem Mädchen Flügel, mit denen es hätte davon fliegen können. Einzig und alleine ihr Wille, aus eigenem Antrieb geboren, suggerierte ihr, dass es etwas anderes gab. Sie hatte das nie näher definiert, wusste nicht, wonach sie genau suchte, nur dass sie es irgendwann fand, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Vielleicht war sie in der Beziehung auch einfach naiv und Devin erkannte die grausame Wahrheit hinter alldem. Dann würde Madiha irgendwann wieder in Gefangenschaft geraten und ihrem Herren dienen, bis sie starb. Doch dann hatte sie wenigstens ihren Traum nicht aufgegeben. Ebenso wie sie nicht hatte aufgeben können, als es um Dunia ging oder Ilmy… oder Caleb.„Gib nicht auf..“, erwiderte sie noch leise, ehe sie nickte, um Calebs Ration zu verwahren. Sie hielt seine Hand und spürte, dass es ihm immer besser ging, dass er sich erholte.
Es löste bei Madiha eine gewisse Ruhe aus, die ihr im Kopf einen bleiernen Zustand bescherte. Ihr Körper wollte sich so gerne ausruhen, aber ihr Verstand ließ es einfach nicht zu. In ihr regierte die Verdrängung weiterhin und das hielt sie davon ab, sich den Schreckensbildern, vor ihrem geistigen Auge, auszuliefern. Zusätzlich wollte Madiha nicht einschlafen, weil die Diebe in der Nähe waren. Sie vertraute ihnen nicht und hatte Angst, ob sie ihre Situation ausnutzten. Also saß das Mädchen schweigsam da, hielt mit ihrer Hand, die des andunischen Diebes und wartete geduldig, dass er sie endlich wieder unverhohlen angrinste.

Das nächste was Madiha merkte, war ein Rütteln an ihrer Schulter. Unwillig verzog sie das Gesicht, versuchte das Störende zu vertreiben. Es fiel ihr schwer, sich wieder in die Realität zu kämpfen und erst, als die harsche Stimme des Bärtigen in ihren Verstand sickerte, öffnete sie die Augen. Sie fühlte sich seltsam. So als hatte sie erst vor einigen Sekunden in den Schlaf übergleiten wollen und wurde nun, viel zu früh, geweckt. Ihr gelang es nur mühsam, die Situation zu erfassen und noch ehe sie sich richtig der Müdigkeit entledigt hatte, befand sie sich auf den Beinen und folgte Haaram und seinen Männern durch die Gänge. Madiha gähnte, wischte sich über das Gesicht und blickte auf ihre Hände, die immer noch grausam aussahen, nach dem was passiert ist. Sie erschrak augenblicklich, als sie sich schlagartig erinnerte. Doch bevor sie panisch werden konnte, spürte sie die warmen Finger, die sich um ihre Hand legten. Madiha folgte, noch immer etwas benommen, dem Arm der zur Hand gehörte mit den Augen und schaute nur kurze Zeit später in das Gesicht von Caleb. Ihr Herz setzte für zwei Schläge aus, ehe sich ein ehrliches, erleichtertes Lächeln in ihr Gesicht stahl. Sie wäre ihm am Liebsten um den Hals gefallen, doch sie drückte seine Hand, vielleicht etwas zu fest, bevor sie sich dessen bewusst wurde und lockerer ließ. Während der Weg sie weiter führte, beobachtete sie ihn ganz genau. Er wirkte fast vollständig genesen, nichts sprach noch von der eigentlichen Schwere der Verletzung. Lediglich kleinere Anzeichen gaben Hinweis, dass er noch nicht ganz der Alte war. Madiha passte sich seinem Schritt an und warf nur kurz einen finsteren Blick über ihre Schulter, während sie immer wieder in den Rücken gestoßen wurde. Ihr lag etwas auf der Zunge, doch sie schwieg. Sie brauchte nicht noch eine Situation, in der sie sich einer Übermacht gegenüber sah.
Der Weg war lang und immer wieder spürte Madiha, wie sich unter ihrem Fuß ein Schmerz ausbreitete der sie piesackte. Wann hatte sie sich verletzt? Ihr war das gar nicht aufgefallen, in all der Aufregung. Einen Moment lang, versuchte sie sich daran zu erinnern, wann es passiert sein mochte, aber sie konnte nicht recht den Finger darauf legen. Vermutlich war es bei ihrem Versuch, in die Schule zu gelangen, geschehen und seither hatte sie einfach keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Calebs Lächeln lenkte sie davon ab, wenn er sich zu ihr drehte. Sie erwiderte dieses und konnte nicht verbergen, wie froh sie war, dass er neben ihr lief. Nach einer Weile, traute sie sich auch, das Wort an ihn zu richten: „Ich bin so froh, dass du..“, sie stockte und so richtig war nicht der Moment, ihr lag es dennoch auf der Seele: „Caleb, ich hatte solche Angst. Wie, wie geht es dir jetzt?“, fragte sie zögernd, denn sie wusste nicht, inwieweit der Trank ihm wirklich half. Bis zur vollständigen Genesung? Heilte seine Wunde? So wie es aussah, verursachte diese noch Schmerzen, aber Madiha war dennoch dankbar und erleichtert, dass er überhaupt wieder laufen… und lächeln… konnte. Es gab noch so vieles, was sie ihm sagen und so einiges, was sie wohl für immer totschweigen wollte, doch jetzt war einfach nicht der Moment dafür. Sie waren nicht sicher, das verriet ihr sein Gesicht, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Es wirkte so ernst, so besorgt, dass Madiha nervös auf das wartete, was kommen sollte. Ihre Füße brannten vom langen Marsch, als sie endlich anhielten und offenbar in einer Sackgasse standen. Madiha hatte gar keine Zeit sich zu fragen, ob sie sich verlaufen hatten, als Caleb ihre Hand losließ, um sie über ihre Augen zu schieben. Ihr Herz klopfte sofort schneller, doch seine Stimme beruhigte sie etwas. Trotzdem war Madiha angespannt und die zähen Sekunden, in denen sie die seltsame Sprache bemühten, ließen sie kribbelig werden. Das Geräusch, ließ Madiha etwas zusammenzucken und durch Caleb's Finger hindurch sah sie, wie sich die Wand zurückschob, bevor er ihr die Sicht wiedergab. Madiha wirkte überrascht und einmal mehr davon angetan, was dieser Bund unterhalb ihrer Heimatstadt, geschaffen hatte.

Der Weg hinein war kurz und Madiha fand sich in einer völlig anderen Welt wieder. Mit großen Augen, versuchte sie alles zu erfassen, was sich ihren Augen darbot. Ihr Herz klopfte aufgeregt und die Vielfältigkeit kitzelte ihre Sinne. Hier herrschte reges Treiben, doch als erstes, wurde das Graublau ihrer Augen, von dem prunkvollen Springbrunnen und dem Elefanten darin, gebannt. Ihr Mund klappte auf, als sie näher traten und sie sog das Bild tief in sich auf. Sie vergaß völlig die Schrecken um sie herum. Sei es der Angriff, Calebs Schicksal oder die Tatsache, dass Haraam immer noch hier war. Madiha drehte sich, während sie alle dem Bärtigen die Stufen hinunter folgten, um sich selbst, den Kopf immer wieder in sämtliche Richtungen drehend, damit ihr bloß nichts entging. Es war aufregend, es war wunderschön. Überall grüne Pflanzen, die nicht vermuten ließen, wie ausgetrocknet dieser Teil der Welt war, obwohl er am Wasser lag. Die Farbenpracht war überwältigend und überall waren Männer und Frauen gleichermaßen Vermummte oder Tänzer. Madiha’s Blick heftete sich an eine Frau, die ausgelassen mit einem anderen Dieb scherzte und niemand stellte offenbar ihre Autorität in Frage. Sie trug Waffen bei sich, ebenso wie viele andere es taten und jetzt wurde sich Madiha bewusst, wie abgekämpft einige aussahen. Das kindliche Leuchten in ihren Augen, ebbte ganz leicht ab, als die Realität sich langsam wieder einschlich, doch sie war völlig verzaubert von diesem Ort. Das Mädchen hatte nicht mal mitbekommen, dass sich einige von der Gruppe lösten, erst als Haraam das Wort an Devin richtete, kehrte auch Madiha wieder zur Gruppe zurück und sah dem Arzt betreten nach, als dieser sich um die Wünsche seines Herren kümmern ging. Sie hätte ihm gerne noch etwas gesagt, doch sie verstand auch, dass man jede Sekunde, in der man so tun konnte, als wäre man kein Sklave, ausnutzen wollte. Madiha merkte, wie ihre Aufmerksamkeit erneut abgelenkt wurde, während sie neben Caleb stand und nur am Rande dem folgenden Gespräch lauschte. Es roch das Tee und Tabak und sie erkannte in einigen der gemütlichen Sitzecken die Wasserpfeifen, die es auch bei Abbas und Khasib gegeben hatte. Ihr Blick wurde sehnsüchtig, als sie die Kissen betrachtete. Oh, wie gerne wäre sie in ihnen versunken und nie wieder aufgestanden. Ihre Füße jubelten, bei dem Gedanken, doch sie wurde aus dieser Wunschvorstellung gerissen, als sie sich angesprochen fühlte. Madiha zuckte unter Haraams Blick zusammen, wann hatte er sie angesehen?! Wieso? Doch Caleb griff nach ihrer Hand und verneinte die Idee, mit dem Pfand. Madiha fiel ein großes Kamel vom Herzen, denn wenn sie hätte bei Haraam bleiben müssen, wäre sie selbstständig zurück zu Khasib gegangen. Der Bärtige machte ihr Angst und in seinem Blick lag so vieles, was sie verabscheute… Offenbar war dem Anführer aber nicht danach, noch mehr Ärger heraufzubeschwören und stimmte Caleb’s Plan zu. Er entfernte sich nach seiner Drohung, konnte es offenbar kaum erwarten, sich endlich bedienen zu lassen und noch einen Moment, ruhte Madiha’s Blick auf ihm. Finster wurde ihr Gesicht, als Erinnerungen an ihren Verstand kratzten, doch sie zwang sie wiedermal, dem ganzen einen Riegel vorzuschieben. Sie sperrte das Erlebte aus, drehte sich Caleb etwas zu und sah, wie er sich etwas entspannen konnte. Nun standen sie hier… alleine, jedenfalls in näherer Umgebung und es entstand eine seltsame Pause in der Madiha ihre eigene Unsicherheit förmlich greifen konnte.

Sie ließ seine Hand ebenfalls nicht los, war sie doch das Einzige, was sie sich derzeit sicher fühlen ließ. Immer mal wieder, lächelte sie unsicher zu ihm hoch. Da war es wieder, dieses warme, unbekannte Gefühl in ihrem Bauch. Eigentlich wollte sie ihm um den Hals fallen, doch sie wagte es einfach nicht. „Du solltest dich eigentlich ausruhen.“, hörte sie sich plötzlich sagen und zuckte selber unter ihrer Stimme zusammen. Es hätte so vieles gegeben, was sie ihm sagen könnte, doch sie wagte es noch immer nicht. Sie wagte nicht, sich die Erleichterung einzugestehen, zu sehr fürchtete sie sich davor, dass alle Dämme brachen und sie es nicht ertragen könnte wirklich zu fühlen, was sie eben fühlte. „Was hast du jetzt vor?“, fragte sie ihn nach einer erneuten Pause und lenkte von dem speichwörtlichen Elefanten im Raum ab. Ihr Umgang mit ihm wirkte irgendwie unbeholfen und ihre Nervosität konnte man ihr an der Nasenspitze ansehen. Immer wieder huschte ihr Blick zu den Obstschalen, zu den Kannen mit Tee und dem Gebäck. Sie hatte Hunger. Und Durst, das wurde ihr schlagartig bewusst. „Meinst du… ich könnte einen Schluck Wasser haben?“, sie ließ dann doch irgendwann seine Hand los, nicht weil sie sich sicher fühlen würde oder es vorzog, ihn nicht mehr zu berühren, damit er ihr nicht wieder abhanden kommen konnte, doch sie fischte in ihrer Hose nach seiner Flasche, die sie ihm dann entgegen hielt. „Ich hab' sie aufbrauchen müssen.“, murmelte sie vage und spürte, wie ihre Augen brannten, weil sie sich so zusammenreißen musste, ihm nicht schluchzend in den Armen zu liegen. Stattdessen, verzog sie nur einen Mundwinkel, hob die Schultern entschuldigend und lächelte schief.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 24. Juni 2021, 11:38

Den ganzen Weg über durch das geheime Tunnelsystem des Bundes der Wüstendiebe hatte Caleb nicht gesprochen. Er reagierte mit freundlichen Gesten, einem Lächeln oder einem Blick in Madihas Richtung, doch verzichtete auf Worte. Einzig auf ihre Frage, wie es ihm jetzt ging, hatte er schlcht geantwortet: "Mach dir keine Sorgen."
Damit musste Madiha sich dann begnügen, bis sie ihr Ziel erreichten. Entweder handelte es sich um ein viel zu großes, viel zu protziges Lager der Diebe oder sie waren an deren Hauptquartier angekommen. Vielleicht handelte es sich aber auch um einen unterirdischen Schwarzmarkt für absolute Luxuswaren. Nicht einmal die reichsten Sultanate Sarmas zeigten so viel Prunk auf einem Fleck - zumindest, soweit Madiha es aus ihren Erfahrungen herleiten konnte. Sie verbrachte etwas Zeit damit, die Szenerie zu bestaunen. Dann verabschiedeten sich Haraams Männer wortkarg und er selbst eher forsch. Immerhin stellte er Caleb vor ein Ultimatum. Einen Tag hatte dieser nun Zeit, seine Schuld zu begleichen. Ausgerechnet bei Haraam. Wenn, dann stünde Caleb eher in der Schuld von Devin, dem Heilersklaven. Nur jener hatte offensichtlich auch nicht mehr zu melden als alle anderen armen Seelen an der Oberfläche. Er konnte sich wohl glücklich schätzen, zum einen ein junger Mann zu sein und zum anderen mit seinen Fähigkeiten einen Nutzen zu haben. Madiha wäre in Haraams Kreisen garantiert wieder ein Schicksal in der Horizontalen zugeschrieben worden. Der Kelch ging glücklicherweise an ihr vorbei, weil sie Calebs Lüge weiterhin aufrecht erhielt. So standen der falsche Vater und seine ebenso falsche Tochter nun allein in der Halle. Ringsum geschah das Leben und für einen Moment schien es, als seien sie beide nur Beobachter am Rande dessen.
Dann atmete Caleb tief durch. Er klang erleichtert. Langsam senkte sich sein Blick auf Madiha. Er schaute sie mild an, drückte ihre Hand.
"Wir beide sollten uns ausruhen und das werden wir - leider nicht für lang." Ihnen blieb nur ein Tag Zeit. Wenn Caleb wirklich das Geld in irgendeinem Versteck hatte, um wenigstens bei Haraam seine Schulden zu begleichen, würde er es holen müssen. Die Vorstellung, schon wieder loszuziehen, damit die Füße noch mehr schmerzten und das Loch im Magen sich in ein immer stärkeres Gefühl des Unbehagens bereitete, waren nicht verlockend. Auch Caleb sah man an, dass er nun lieber eines der Sitzkissen aufsuchen wollen würde, um sich etwas zu erholen. Sei es nur für eine oder zwei Stunden: sie beide brauchten die Zeit, um für Weiteres gerüstet zu sein. Das und etwas im Magen.
Trotzdem würde Madiha sich dem Willen ihres Begleiters fügen müssen. Das oder weglaufen, inmitten eines geheimen Hauptquartiers einer Gruppierung an Dieben, deren dunkelste Seite sie durch Haraam lüsterne Blicke schon schon hatte kennenlernen müssen. Nein. Es war klüger, an Calebs Seite zu bleiben. Trotzdem wollte sie dessen Ziele nun kennen, also fragte sie nach.
"Wir brauchen eine Pause, soviel steht schon mal fest. Die Flasche kannst du am Brunnen auffüllen, dafür ist er da. Dann stauben wir eine Kleinigkeit zu Essen ab und suchen Dunias Behausung auf. Ich bin sicher, sie und Ilmy sind längst hier." Er grinste auf, legte seine freie Hand wieder an die Hüfte. Dort, wo sich Madihas Naht unter dem Verband verbarg. "Ich will, dass Dunia sich das nochmal ansieht, bevor ich für weitere Probleme Pläne schmiede. Alles andere hat Zeit. Und Made!" Mit ein wenig mehr Entschlossenheit in seinem Griff zog er Madiha dichter an sich heran. Zwar stand niemand in der Nähe der beiden, der hätte lauschen können. Dennoch senkte Caleb die Stimme, verengter die Augen als wolle er gleich eine Verschwörung mit ihr aushecken und neigte sich etwas zu ihr herunter. Letzteres korrigierte er schnell, als die Hüfte ziepte. "Wenn ich wirklich jemandem etwas schulde, dann bist du es. Ich verdanke dir mein Leben." Mit einem kaschierten Grinsen und deutlich lauter fügte er an: "Willkommen im Bund der Wüstendiebe, Töchterchen! Was willst du dir zuerst ansehen? Oder brennen deine Füße von der Reise?"
Caleb nickte zu einer freien Ecke mit reichlich bunten Obstschalen, kristallenen Karaffen, einer Wasserpfeife und ganz vielen gestapelten Sitzkissen. Die Stelle war noch frei. Sie könnten dort erst einmal Erholung finden. Das wäre aber auch bei Dunia möglich, so wie Madiha die Pfleferin inzwischen kannte. Außerdem schien auch Ilmy bei ihr zu warten. Die Frage blieb, wie weit es bis zu ihrer Diebesbehausung wäre und ob Madihas Magen bis dahin nicht die Galle hoch käme vor Hunger.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Freitag 25. Juni 2021, 17:33

Nie in ihrem Leben hatte Madiha derlei viel Prunk und Protz auf einem Haufen gesehen. Sie staunte mit großen Augen und offenem Mund, als sie das Lager der Diebe betraten und die Eindrücke auf sie niederregneten. Es war bunt, es war geschäftig und überforderte ihre Sinne auf eine Weise, die sie kaum kannte. Abbas war zwar ein reicher Sarmaer gewesen, doch bis auf ein paar Luxusgüter, wie Brot, Fleisch und diverse Früchte, aus anderen Städten importiert, lebte er bescheidener. Khasib machte sich persönlich nichts aus Obst und Delikatessen, ihm gefielen teure Gegenstände, die er in seiner Villa ausstellen konnte. Doch das hier, sah sie zum ersten Mal. Madiha’s Blick ruhte auf dem Elefanten, der das Wasser über sich ergoss und einen Kreislauf bildete. Es war faszinierend so etwas in Sarma zu sehen. Jeder wusste, dass Wasser knapp war. Ihre Augen lösten sich widerstrebend von dem Brunnen und sie wurde sich der acht Ausgänge bewusst, bevor sie ihren Kopf etwas drehte und die vielen Sitzgruppen bedachte. Die Kissen luden sie sofort ein, sich setzen zu wollen, doch noch war nicht die Zeit. Bevor sie an eine Pause denken konnte, musste sie noch die dunkle Wolke, namens Haraam loswerden. Der Mann machte ihr Angst und bewirkte, dass sich Madiha stets unbehaglich fühlte. Abgelenkt von dem Treiben hier im Lager, bekam das Mädchen nicht mit, wie sich Caleb und der Bärtige unterhielten, bis der Andunier ihre Hand griff und sie offenbar Gegenstand des Gesprächs wurde. Madiha schaute auf den Anführer und ihr Blick wurde dunkel, auch wenn sie seiner grinsenden Fratze ausweichen musste. Sie sollte als Pfand für Calebs Schulden dienen und ihr drehte sich der Magen um. Doch auch hier ließ Caleb sie nicht im Stich und sie wurde etwas mutiger, als sie Haraam ansah.
Dieser schien sich nicht damit aufhalten zu wollen, Caleb und ihr das Weiterkommen zu erschweren, sodass er kurzerhand ein Ultimatum stellte und verschwand.

Madiha atmete aus und spürte, dass die Anspannung etwas von ihr abfiel. Auch er schien sich langsam wieder etwas zu entspannen und so standen sie einen Moment schweigend nebeneinander, während Madiha die Frauen bewunderte, die sich offenbar einen Platz in den Reihen verdient hatten. Es war also möglich sich zu beweisen und sogar respektiert zu werden. Vielleicht konnte sie das auch irgendwann. Ihren Wert erhöhen und sich so einen Platz verdienen. Irgendwo, wo sie willkommen wäre, ohne Gegenleistungen erbringen zu müssen. Sie würde dafür hart arbeiten, beschloss sie und blickte langsam zu dem Wüstendieb an ihrer Seite. Madiha musterte Caleb einen Moment und spürte die Unsicherheit, die sie übermannte. Es dauerte einen kleinen Moment, bevor sie ihm sagte, dass er sich ausruhen sollte. Erst dann sah er sie an und ihr Blick hielt seinem nur Sekunden stand, bevor sie ihn senkte. Seine Worte ließen sie kurz lächeln. „Wer rastet, rostet..“, sagte sie und ihr Lächeln wurde zu einem Grinsen, ehe sie die Schultern hob. „Hab ich mal gehört.“. Natürlich sehnte sie sich nach den weichen Kissen und der Möglichkeit, ihre schmerzenden Füße auszuruhen, doch sie würde Caleb folgen, wenn er es verlangte.
Madiha war rebellisch genug gewesen für zehn Leben und ordentlich auf die Nase gefallen. Ihr reichte es vorerst und so blieb sie neben ihm stehen und nickte nur, als er das Wort wieder an sie richtete. Er sprach von Dunia und sie sah ihn hoffnungsvoll an.„Sie wohnt hier? Wie weit ist es?“, fragte sie eilig, denn die Aussicht, sich in die Nähe der Schwester zu begeben, lockte ihr Sicherheitsempfinden hervor. Madiha wollte das vertraute Gesicht unbedingt sehen, sie hoffte, sie könnte… ja.. was könnte sie denn? Madiha zögerte etwas und ihr wurde bewusst, dass die Schwester sie dafür zurechtweisen könnte, dass sie Caleb nicht davon abgehalten hatte, sich in diese Situation zu begeben. Nein, sie war ja sogar schuld daran, als sie ihm von Ilmy erzählte. Ilmy… oh wie gerne würde Madiha das pausbäckige Gesicht der Magierin sehen. Ilmy würde sicher die richtigen Worte finden können und sie könnte sich etwas wohler in ihrer Haut fühlen, ja vielleicht könnte sie sogar vergessen, was geschehen war, seit sie Dunia verlassen hatte. Außerdem brannte das Wüstenkind darauf, zu erfahren, wie es den beiden Frauen ergangen war. Etwas in Gedanken versunken, tauchte Madiha aus ihnen auf und blinzelte Caleb an, als dieser sich auf seinen Verband fasste. „Das sollte sie unbedingt. Ich… ich hab ziemlich gepfuscht.“, sie lächelte unsicher und entschuldigend.

Dann spürte sie einen Ruck an ihrer Hand und trat einen Schritt vor, darauf bedacht nicht gegen den Dieb zu prallen und womöglich Schmerzen zu erzeugen. Überrascht reckte sie den Kopf, um zu hören, was er sagen wollte. Das was er dann aussprach, öffnete Madihas Mund ein wenig und ein stummes „was?“, kam hervor. Dann runzelte sie die Stirn, als könnte sie nicht glauben, was er sagte. Meinte er das ernst? Oder ironisch? Was hatte sie schon getan? Außer es schlimmer zu machen, zumindest glaubte sie das. Doch seine Worte bewirkten etwas bei ihr. Es breitete sich ein warmes Gefühl in ihrer Brust aus, das sich tatsächlich im Gesicht, als Lächeln und ihren Augen, als Leuchten, zeigte. Sogar ihre Wangen wurden etwas rot. „Du? Du schuldest mir nichts. Du hast noch mehr als einen Gefallen gut bei mir.“, kam dann erstaunlich selbstsicher von ihr. Sein Dank gab ihr etwas, was sie nicht klar benennen konnte, doch sie drückte etwas den Rücken durch und wirkte etwas sicherer. Dann war der Moment vorbei und Caleb setzte sein bekanntes Grinsen auf und trat wieder ins Rampenlicht. Madiha folgte lächelnd seinem Willkommen mit dem Blick und schüttelte ihre lange Mähne. „Ich bin müde, Caleb. Aber ich möchte nicht hier bleiben. Lass mich schnell die Flasche auffüllen und dann lass uns verschwinden…“, sagte sie und ihr Blick traf Haraam, der sich gerade die Frauenauswahl ansah. Ihr wurde schlecht und dunkle Erinnerungen ließen die Schatten auf ihrem Gesicht tanzen. Nein, sie würde hier keine Entspannung finden. Sie wollte zu Dunia und Ilmy. Vielleicht konnte Madiha da etwas ausruhen, sich zurückziehen und das was passiert ist, irgendwie… verarbeiten. Oder zumindest noch tiefer begraben, damit es niemals wieder hervorkommen konnte. Und zu allem Überfluss, gab es da immer noch die Bedrohung über ihren Köpfen. Das Sklavenmädchen wusste nichts über Kriege doch sie wollte von Caleb hören, wie es war und sie wollte wissen, was sie nun tun sollten. Doch zu aller erst, wollte sie die Flasche auffüllen und sich vielleicht eine Dattel für den Weg mitnehmen, damit sie nicht vor Hunger vergehen würde.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 30. Juni 2021, 13:11

Würde sie gänzlich auf ihren Körper hören, so hätte Madiha sich wohl sofort blindlings auf einen der Kissenhaufen gestürzt, um dort für Stunden zu schlafen. Vielleicht hätte irgendjemand - Caleb?! - ihr sogar die brennenden Füße massiert. Der Durst war spürbar, auf Nahrung könnte sie noch eine Weile verzichten, aber das größte körperliche Bedürfnisse war im Augenblick Schlaf. Doch Madiha galt als Rebellin. Selbst gegen sich wagte sie aufzubegehren, aber das aus gutem Grund. Hier würde sie Sclaf finden, vermutlich aber keine Erholung. Haraam und seine Spießgesellen trieben sich irgendwo herum. Aus dem Augenwinkel heraus konnte sie ihn sogar in der Masse an Dieben wiederfinden. Er unterhielt sich mit einem Vermummten und grifft dabei einer an einer Kette geführten Sklavin unter den zerrissenen Lumpenrock. Sein Lachen dröhnte bis zu Madiha herüber. Die ganze Szene befiel sie mit Unbehagen, so dass sie sich auf andere Gründe konzentrierte, warum Schlaf hier in der großen ... Begrüßungshalle des Bundes der Wüstendiebe keine gute Idee erschien.
Ein sehr gewichtiger Grund war die Information, dass Dunia hier irgendwo wohnte. Sogleich sprang das Mädchen darauf an und hakte nach. Sie erntete ein Schmunzeln aus dem Gesicht ihres Begleiters. "Jeder Dieb erhält einen Unterschlupf, sobald er dem Bund beitritt. Mit irgendetwas müssen sie die Skeptiker und Einzelkämpfer der Straßen schließlich locken." Er hob den Blick, ließ ihn über die Halle schweifen. "Wenn wir zügig gehen, sollten wir binnen zehn Minuten ihr Quartier erreichen. Es ist nahe dieses Hauptknotenpunktes, weil Dunia direkt neben ihrem Lazarett wohnt. Verletzte und Kranke sollten nicht erst Stunden lang durch Gänge gezerrt werden müssen, um von ihr versorgt zu werden. Ein Stückchen ist es dennoch."
Bevor sie die Herausforderung des zurück zu legenden Weges in Kauf nahmen, nutzte Caleb die Gelegenheit, sich bei Madiha zu bedanken. Ob es stimmte oder nicht, er sah sich in ihrer Schuld. Er sah sie als seine Lebensretterin an und seine Worte schenkten Madiha ein unsagbar warmes Gefühl in der Brust. Das war neu und sie konnte nicht damit umgehen. Verlegen spielte sie ihre Tat herunter: "Du schuldest mir nichts. Du hast noch mehr als einen Gefallen gut bei mir."
"Ha!"
, lachte Caleb erheitert auf. "Das ist mal was Neues, dass ich auf der anderen Seite der Gefallen stehe. Das weiß ich wirklich zu schätzen, kleine Made." Er grinste. Vielleicht war es seine Art, mit ungewohnten Situationen umzugehen. Er begegnete ihnen allen mit einem Lächeln. Dann nickte er Madiha zu und deutete auf die Feldflasche. "Aber füll erst einmal unsere Vorräte. Ich warte hier." So blieb er zurück. Stolz. Er setzte sich nicht. Doch die Hand verharrte weiterhin am Verband. Der sture Dieb spielte nach wie vor den Starken, als wolle er jemandem imponieren. Sein Blick ruhte auf Madiha, huschte nach einer Weile aber auch über andere Köpfe hinweg.
Sie hingegen konnte ihr Vorhaben in die Tat umsetzen. Das Brunnenwasser war kühl. Allein die wenigen Spritzer, die Madiha beim Erreichen des Beckenrandes auf die Haut tropften, erfrischten sie. Der Blick zum Grund des Brunnens war klar. Es handelte sich um unsagbar hochwertiges, sauberes Wasser. Niemand warf Abfälle, Münzen oder irgendwelche Zusätze hinein. Jeder wusste um den Wert des lebensspendenden Nasses. Madiha konnte sich erfrischen, doch für eine körperliche Reinigung durfte sie die Flüssigkeit nicht verwenden, wenn sie nicht als die einzig Respektlose hier gesehen, entdeckt und vielleicht sogar dafür bestraft werden wollte. Das müsste warten, obgleich sie in ihrem Leben ohnehin nie oft die Mögichkeit erhalten hatte, sich zu waschen. In Cassandras Feuerakademie war es ein alltäglicher Luxus gewesen, den sie nach ihrer Zeit im Tunnellabyrinth sicher vermisste. Hier jedoch musste sie sich beherrschen. Dass sie aber die Feldflasche füllte und selbst einige Schlucke mit den Händen auffing, kümmerte keinen.
Sobald sie fertig war und sich etwas erfrischt fühlte, kehrte sie zu Caleb zurück. Mit gefüllten Trinkvorräten könnte es weitergehen zu Dunia ... dachte sie. Das Mädchen entdeckte eine Gruppe Fremder bei Caleb. Es handelte sich um niemanden, den sie kannte. Haraams Leute waren es nicht. Zwei Männer, eindeutig Zwillinge, standen ihrem Begleiter gegenüber. Sie trugen weite Pluderhosen und Hemden aus hellem Leinen. Dazu Turbane. Madiha konnte dicke Edelsteinbroschen als Verschluss der Turbanbinden über der Stirn ihrer Träger erkennen. Bei einem handelte es sich um einen hellgelben Topaz, der andere war ein waldgrüner Smaragd. Nur so ließen die Männer sich unterscheiden, die sich sonst anscheinend wie ein Ei dem anderen glichen.
Smaragdmann tippte Caleb gerade sehr energisch gegen die Brust, während Topasmann die Arme verschränkte. Hinter ihnen standen weitere Männer. Jeder Anführer schien mit seiner eigenen Truppe an Schlägern durch die Unterwelt zu stiefeln. Diesen hier sah man noch mehr als Haraams Männern an, dass sie zu jeglicher Gewalt bereit waren. Bewaffnet bis an die Zähne und mit Mordlust im Blick starrten sie Caleb in Grund und Boden. Der ließ sich dadurch nicht beeindrucken.
Die Gruppe war in ein Gespräch vertieft, als Madiha sie erreichte und so schnappte sie nur einen Teil davon auf.
"... zurückzahlen willst, Caleb? Glaub nicht, du entkommst uns, nur weil über unseren Köpfen jetzt eine andere Macht die Stadt regiert."
"Das werden sie im Übrigen nicht lange. Wir alle arbeiten daran und du solltest es auch tun. Als Wüstendieb bist du dem Bund verpflichtet und hast dich dessen Entscheidungen zu fügen."
"Und deine Schulden zu begleichen. Vergiss das nicht, du Strauchdieb!"

Caleb hob beschwichtigend die Hände. Er grinste die Zwillinge an. "Aber aber, meine Herren. Ihr kennt mich doch. Ich würde nie-"
"Oh ja, wir kennen dich sehr gut, Caleb."
"Ein bisschen zu gut."
"Daher wissen wir, dass es besser wäre, dich von einem deiner Langfinger zu befreien, um die Notwendigkeit der Schuldenrückzahlung etwas präsenter für dich werden zu lassen. Oder soll es deine spitze Zunge sein? Dann könntest du dich nicht mehr weitere vier Monate herausreden."

Caleb wedelte eifriger mit den Händen. Er versuchte, sich Gehör zu verschaffen, kam aber nicht gegen die aufgestaute Wut der Edelsteinturbane an. Beide redeten jetzt wild durcheinander auf ihn ein, so dass man nur Wortfetzen heraushören konnte. Was man mitbekam, genügte aber. Sie warteten offenbar schon Monate auf eine Rückzahlung, die Caleb ihnen schuldete und jetzt hatten sie ihn endlich in die Enge getrieben. Es gab kein Entkommen. Sie wollten ihren Anteil und sie würden ihn bekommen - ob als Münzen oder Körperteile, die sie Madihas Begleiter abtrennen wollten.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Donnerstag 1. Juli 2021, 13:19

Wie viel Zeit war eigentlich bereits vergangen, seit Madiha von Dunia geweckt wurde? Es fühlte sich für das Mädchen an wie Wochen, während ihr Blick sehnsüchtig an den Kissen hing, in denen sich teilweise Vermummte und Gefolgsleute aalten. Wie gerne wäre sie auch in den Kissen versunken und hätte sich die nächsten Monate nicht mehr gerührt. Es war nicht alleine die körperliche Erschöpfung, die sie in Form von schmerzenden Füßen quälte, sondern auch die seelische. Madiha fühlte sich ausgelaugt und überfordert. Noch nie hatte sie sich solche Sorgen um jemanden gemacht und wenn das Gefühl mit der Sorge um Dunia ihren Anfang nahm, steigerte das Erlebnis mit Caleb es in ungeahnte Höhen.
Sie hätte ihn da auch einfach liegen lassen können, um sich selber davon zu machen und sich irgendwie durchzuschlagen. Sie hätte Sarma vielleicht verlassen und hinter sich lassen können, doch wenn sie ehrlich war, wäre das ganz gewiss die blödeste Idee gewesen. Außerdem musste sie sich eingestehen, dass sie sich pflichtschuldig gegenüber Caleb fühlte. Sein Eingreifen in ihre Situation, immer und immer wieder, führte dazu, dass sie ihn nicht alleine lassen wollte. Vielleicht war das eine andere Art von Sklaverei. Sie wusste es nicht zu benennen und als er ihr seinen Dank entgegenbrachte, war sie völlig verwirrt und unbeholfen. Es löste ein völlig neues Gefühl in ihr aus, das sie tatsächlich beflügelte, auch wenn sie ihm auswich. Seine Antwort brachte ihren Blick allerdings wieder zu ihm zurück und sie lachte leise. „Irgendwann wird dich diese Liste an Gefallen einholen.“, meinte sie unbedarft und zuckte die Schultern.

Sie ließ ihren Blick kurz schweifen, bevor sie nickte und die Flasche zückte. „Ich bin gleich wieder da.“, sagte sie noch, bevor sie sich etwas zögernd von Caleb entfernte. Sie warf einen Blick über die Schulter und sah, wie seiner auf ihr ruhte. Er ließ sich den Stolz nicht nehmen stehen zu bleiben. So sehr er auch versuchte das Bild des Schelms zu zeichnen, er war in Madihas Augen doch viel mehr. Vielleicht würde sie irgendwann den ganzen Dieb kennenlernen, wenn die Zeit es zuließ und das Schicksal nicht anderweitig plante.
Jetzt aber näherte sie sich dem Brunnen und bekam schon beim Näherkommen einige Tropfen ab. Sie hinterließen kleine Spuren auf ihrer schmutzigen Haut und sie merkte, wie gerne sie sich endlich gewaschen hätte. Der Brunnen lud geradezu ein, sich in das kühle Nass zu setzen, doch das hätte Madiha nicht mal gewagt, wenn das Wasser dafür gedacht gewesen wäre. Also achtete sie peinlich genau darauf, nur die Flasche zu füllen, um daraus einige Schlucke zu nehmen. Sie hatten immer noch das wilde Aussehen, aufgrund der blutigen Angelegenheit und des Schmutzes auf dem Boden der Gänge. Wenn Dunia nur zehn Minuten entfernt war, dann würde sie den nötigen Rest an Durchhaltevermögen auch noch zusammenkratzen und den Weg erwartungsvoll beschreiten. Warum es ausgerechnet Dunia, Ilmy und Caleb waren, die ihr auf einmal wichtig erschienen, und einen bisher ungeahnten Willen entlockten, ergründete sie nicht. Madiha füllte die Flasche erneut bis zum Rand, nachdem sie sie gierig leer getrunken hatte und wischte sich noch über die nassen Lippen und das Kinn, als sie sie im Umdrehen verschloss und den Blick zu Caleb schweifen ließ.

Er stand noch immer da, wo sie ihn zurückgelassen hatte, doch befand er sich in Gesellschaft. Madiha beobachtete die Szenerie und ihr wurde schnell klar, dass es sich nicht um Freunde handelte, als der Mann mit dem Smaragd Caleb gegen die Brust tippte. Sofort verdunkelte sich ihre Miene und sie spannte sich an. War es denn möglich?! Gab es denn niemanden hier, der Caleb nicht an den Kragen wollte? Madiha ließ die Augen über die bewaffneten Schläger wandern und Angst erfasste sie, da diese Gruppe noch unheilvoller aussah, als die von Haraam. Nur zögernd kam Madiha langsam näher, um die Gesprächsfetzen aufzuschnappen. Innerlich stöhnte sie. Wieder ging es um Geld. Was hatte Caleb bloß getrieben? Wieso hatte er solche Mengen an Geld benötigt, dass ihm jetzt jeder ans Leder wollte? Die Sklavin trat noch näher und hörte die Drohung die erfolgte. Was sollte sie tun? Was konnte sie überhaupt tun? Diese Kerle sahen aus, als wären sie zu allem entschlossen und Caleb war nun wirklich nicht in der Verfassung eine Hetzjagd durch die Gänge zu machen. Außerdem würde man sie vermutlich finden, wenn Dunia nicht weit wäre und man die Freundschaft der beiden kannte. Madiha überlegte fieberhaft, ob sie helfen könnte. Als der eine Zwilling damit drohte, irgendwelche Körperteile abzuschneiden, merkte sie auf. Nicht schon wieder, er war gerade erst auf den Beinen und brauchte Ruhe. Jetzt standen hier wieder Schuldeneintreiber, die sich vor ihnen aufbauten und sich anschickten ihr Weiterkommen zu boykottieren. In ihrem Innern setzte sich etwas fest, was sie schon öfter gespürt hatte. Sie spürte wie sie die Wut packte. Die Wut über den Umstand, dass sie nicht aufbrechen konnten, die Wut darüber, dass sie Ruhe brauchten und von einem Unglück ins nächste stürzten. Madiha bekam einen seltsam festen Ausdruck im Gesicht. Ihre Augen funkelten den Turbanzwillingen entgehen und sie straffte ihre Schultern durch, um etwas größer zu wirken. Dann trat sie einen halben Schritt vor, zwischen die streitenden Männer und starrte sie mit bitterbösem Blick an.
Was genau sie dazu trieb, dazu befähigte, sich in das Gespräch einzumischen, wusste sie nicht. Es war ein flammendes Gefühl in ihrem Innern, das sich weiter und weiter aufbaute und sich langsam ihre Kehle hochschob. „Jetzt passt mal auf!“, erhob sie messerscharf ihre Stimme, „Ich habe genug davon! Er beschafft euer Geld schon noch, doch nicht so lange ihr ihn hier aufhaltet und diskutiert!“. Ihre Stimme war nicht laut aber ungewohnt energisch. Die Wut und die Angst, die sie ganz ihrer eigentlichen Natur entsprechend, fühlte, vermischten sich und brachten ihr Innerstes zum Brodeln. Sie wollte hier endlich weg, wollte endlich durchatmen können und sich für einen Moment ausruhen und vor allem sicher fühlen. Es passte ihr gar nicht, dass die Männer sie aufhielten. Der Klumpen schob sich weiter, fühlte sich fast identisch an, wie bei Khasib, als sie ihn zur Rede stellen wollte. „Also geht uns endlich aus dem Weg, sonst garantiere ich für gar nichts mehr.“ zischte sie. Sie hatte ihre Hände zu Fäusten geballt und hatte das Gefühl, dass sich ihre Wut schrecklich entladen könnte, wenn sie nicht aufgehalten werden würde. Das alles geschah, ohne dass Madiha genau gewusst hätte, was sie tat. Das Gefühl der Angst und Verzweiflung trieben ihre Rage hoch und von dem Moment an, fühlte sie sich fast wie fremdgesteuert.
Der Klumpen ließ sich nicht von ihr aufhalten und auch ihre feste Stimme, so seltsam das aus ihrem Mund sein mochte, kam ganz automatisch. In diesem Moment, konnte man sie getrost als einen echten Hitzkopf bezeichnen.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Freitag 9. Juli 2021, 15:39

Ihre Worte von vorhin mussten Madiha nun wohl wie ein schlechter Scherz vorkommen. Hatte Caleb deshalb eher leidlich aufgegrinst, als sie gemeint hatte, seine Gefallen würden ihn noch eines Tages einholen? Dieser Tag schien nun gekommen zu sein. Wie sonst sollte man sich die Gruppe erzürnter Sarmaer erklären, die sich bei ihrem Begleiter versammelt hatte und nun sehr energisch auf ihn einredete? Caleb stellte sich ihnen wagemutig entgegen. Nein, er würde gern, aber sie ließen ihn überhaupt nicht zu Wort kommen. So würde er seine Gefallen niemals zurückzahlen können. Nicht, dass er im Moment dafür Zeit und Ruhe hätte. Es war ohnehin ungeheuerlich, dass ausgerechnet jetzt jemand sein Geld einforderte, wo doch über ihren Köpfen Sarma teils in Schutt und Asche gelegt worden war und von irgendeiner feindlichen Macht erobert wurde!
Das alles, gepaart mit erneuter Verzögerung Sicherheit bei Dunia und Ilmy zu finden schürte nachhaltig Madihas Zorn. Ihre Augen funkelten beinahe so hell wie die Edelsteine in den Turbanen der Gruppenführer. Es siegte jedoch zunächst die Furcht, denn ihr inneres Feuer brauchte noch mehr Brennstoff. Zunächst fast scheu und mit der Schüchternheit des braven Töchterchens, das Caleb vielleicht erwartete, gesellte sie sich an dessen Seite. Er nahm sich trotz der Tirade, die über ihn hernieder ging, die Zeit, Madiha anzulächeln. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit erneut Smaragd und Topas. Beide Männer verstummten nicht. Sie sprachen nun nur noch eifriger auf Caleb ein, dass diesem gehörig die Ohren klingeln mussten. Selbst Madiha musste feststellen, wie schwer es wäre, gegen diese beiden Leute anzusprechen. Als sie dann aber eine ernste Drohung aufschnappte, kochte die Wut in Madiha empor. Es schien so heftig zu sein, dass sie sie als Hitze nach außen strahlen musste, denn Caleb zuckte urplötzlich einen halben Schritt beiseite und starrte zu ihr herab. Ehe die übrigen Männer darauf reagieren konnten, wurde ihre Aufmerksamkeit ohnehin von Madiha eingenommen. Diese explodierte nämlich - nicht wörtlich! Sie ging nur verbal hoch, dafür aber ordentlich. Der Kochtopf in ihrem Inneren brodelte über, erfasste die Umstehenden mit seinem heißen Geblubber und hielt sie in den Blasen gefangen. Nun waren sie es, die keine Chance erhielten gegen die Stimmgewalt des Mädchens anzukommen. Selbst Caleb schaute überrascht und erstaunt aus der Wäsche.
Was Madiha nicht merkte, war, was sich hinter ihrem Rücken abspielte. Dort kochte es nämlich ebenfalls hoch und generell fiel es nur wenigen auf. Die Wüstendiebe in der Halle waren zu sehr mit sich selbst oder ihren Missionen beschäftigt, als dass sie sich Zeit wie die jüngste Besucherin nahmen, um die Schönheit des Saales in sich aufzunehmen. Anblicke, die zur Gewohnheit geworden waren, lockten nicht mehr sofort. Caleb hingegen fiel es auf. Er starrte an Madiha vorbei und zum Brunnen hinüber. Dort spritzte der Rüssel nicht länger plätschernde Wassermassen in das Backen zu seinen Füßen. Das Wasser veränderte seinen Zustand. Es entkam der Rüsselspitze, nur um sich direkt im Fall gen Becken in Dampf zu verwandeln. Jener ging wie ein Nebelschleier über dem Elefanten nieder, regnete in das Becken herab oder stieg sogar ein wenig auf, um den Brunnen wie eine Wolke zu umhüllen. Geheimnisvoll und schön sah es aus, aber Caleb erkannte etwas Anderes darin: Gefahr.
Noch immer schimpfte Madiha mit den Turbanmännern. Jene gewannen langsam an Fassung zurück. Topas hob einen mit schweren Goldringen beschmückten Zeigefinger. Smaragd aber sprach: "Jetzt hör mal zu, du ungezogene Hu-"
Weiter kam er nicht. Schwer landete etwas auf Madihas Schulter. Warm, kräftig. Eine vertraute Geste, auch wenn sie diese erst ein- oder zweimal zuvor gespürt hatte. Der Druck auf ihr war beinahe schmerzhaft. Caleb nutzte seine Kraft, um ihre Wut zu zerstreuen. Er füllte die Emotion mit Verwirrung, denn niemals sonst würde er Madiha so anpacken. Jetzt drückte er Haut und Muskeln ihrer Schulter so sehr unter seinem Griff zusammen, dass er mit etwas mehr wohl ihren Knochen hätte brechen können.
Schmerz war ein hilfreiches Werkzeug unter den richtigen Umständen. Hier hatte er wahrlich Erfolg. Ob Madihas Zorn wirklich abebbte und mit ihm auch ihre Predigt den Schuldeneintreibern gegenüber, blieb abzuwarten. Er sorgte dennoch dafür, dass etwas erstickt wurde. Ein Feuer, tief in ihr, bevor es noch mehr Einfluss auf die Außenwelt nehmen konnte. Der Nebelschleier im Hintergrund wandelte sich zurück in das quirlige Wasserplätschern.
Dann erhob Caleb die Stimme: "Meine Tochter hat Recht. Mit allem. Ich zahle es euch zurück, doch dazu muss ich es holen. Vorher jedoch heißt es, einem Heilkundigen einen Besuch abzustatten." Er grinste und blickte nach oben. "Hab da oben wirklich was abgekriegt. Das können die Herren Zwillinge natürlich nicht wissen. Ihr macht euch die Hände nicht schmutzig, um Sarma - unser aller Heimat! - zu retten. Es täte euch gut, mal nach oben zu gehen." Plötzlich funkelten die Augen des Diebes auf, als er sie wieder auf die beiden Männer richtete. War es ihr Glanz oder der der Edelsteine, welcher sich im jeweils anderen spiegelte? Das Grinsen auf Calebs Lippen erweiterte sich. Seine gesamte Miene verriet Madiha zum allerersten Mal, dass auch er skrupellos und gierig schauen konnte. "Sei es nur, weil derzeit alle fetten Pfeffersäcke von Sultanen ihre Anwesen haben aufgeben und flüchten müssen. Die Eroberer können nicht überall sein. Mit ein wenig Geschick lässt sich von dem einen oder anderen sicherlich der Reichtum ... umverteilen."
Damit traf Caleb voll ins Schwarze. Sein Appell an die Geldgier der Turbane hinterließ Früchte. Auch in ihre Augen trat die Gier. Topas leckte sich sogar die Lippen und stupste die Schulter seines Bruders an. Dieser nickte. "Wir geben dir Zeit bis morgen früh, Caleb. Dann wollen wir das Geld in unseren Händen halten."
"Mit einem entschädigenden Bonus für die Wartezeit"
, ergänzte Caleb. Damit erreichte er die Männer erneut, stellte sie offenbar endültig zufrieden. Sie tauschten Blicke und wandten sich ab. Ihr nun untereinander aufkommendes Gespräch drehte sich plötzlich darum, eilig Straßenkarten zu besorgen und Leitern und Werkzeug, um in Häuser einzubrechen ... sowie jede Menge Säcke für eine reiche Beute.
Caleb sah ihnen lang genug nach, bis er glaubte, sie wären außer Hörreichweite. Dann endlich lockerte sich der Griff an Madihas Schulter. Er ließ jedoch nicht los, beugte sich zu ihr herab. Sein vertrautes Lächeln erreichte sie. "Wir sollten nicht länger trödeln. Ich bin sicher, Ilmy wartet sehnsüchtig auf dich. Komm!" Er schob Madiha in Richtung einer der acht Gänge und hinaus aus der Halle. "Zorn also", murmelte er dabei. "Den solltest du wirklich im Zaum halten lernen."
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Samstag 10. Juli 2021, 12:30

In ihrem Leben hatten Sorge um jemand anderes oder das Bedürfnis nach Sicherheit nie so eine große Rolle gespielt. Seit Madiha in Diensten bei Khasib war, hatte sie sich eine stoische Einstellung angeeignet. Sie ermöglichte ihr das Überleben in seiner reinsten Form. Es ging nur darum selber den Tag und die Nacht zu schaffen und wenn die Sonne über den Horizont geklettert war, ging es erneut darum. Es gab keine Menschen, denen etwas an Madiha lag und auch sie selber hatte niemanden erwählt, mehr zu sein, als ein bloßer Bettenbeleger in ihrem Schlafraum.
Natürlich gab es kleine Hilfen untereinander. Die eine Sklavin, die die Wunden abzudecken wusste mit angerührten Pasten. Die andere, die es verstand Flicken zu setzen und die Kleidung haltbarer zu machen und man half sich diesbezüglich. Nur Madiha hatte nie etwas beisteuern können, da sie viel zu früh in den Dienst gestellt wurde. Sie wusste wie man sauber machte und einen Kamin entzündete. Darüber hinaus? Nichts. Madiha hatte zudem nie gelernt sich emotional vernünftig mit heiklen Situationen auseinander zu setzen und deshalb passierte es, wenn zu vieles auf einmal auf sie niederging, dass sich etwas in ihr freisetzte. Würde man Madiha danach fragen wüsste sie nicht mal wie sie es beschreiben sollte. Es war etwas Körperloses, etwas zorniges und es baute sich in ihr auf, bis sie das Gefühl hatte, dass es aus ihr herausbrechen wollte. Bisher ist das nie geschehen und Madiha hatte insgeheim Angst davor, wenn der Moment käme.

Doch jetzt, jetzt stand sie da und funkelte mit hellen Augen auf die beiden Zwillinge die sich im Ton vergriffen. Erst war da die immense Angst um Caleb und die Hilflosigkeit ihn retten zu wollen und es nicht zu können. Dann die Verzweiflung, als sie den dummen Fehler machte, für die Rettung seines Lebens jeden Preis zahlen zu wollen und prompt wieder auf das Einzige reduziert zu werden, für das sie nie etwas hatte lernen müssen. Und jetzt die Wut darüber, dass sie aufgehalten wurden und sie generell unsicher war, wie es weitergehen sollte. Es war zu viel und baute sich zu einem Inferno auf, das sich schnell Bahnen brechen wollte.
Sie hatte ihren Unmut verbalisiert und niemand hätte dem schmutzigen Sklavenmädchen sicher so einen Ausbruch zugetraut, war sie doch eher ruhig und zurückhaltend. Doch jetzt nicht. Madiha atmete schneller, während sie nicht mitbekam, dass Caleb sie überrascht ansah und sogar ein wenig Abstand zwischen sich und Madiha brachte. Sie hatte nur den zornigen Blick, wild funkelnd, für Smaragd und Topas und keiner entkam ihrem Zorn. Als Topas den Finger hob, Smaragd aber das Wort erhob, reckte sie sogar herausfordernd das Kinn, als wolle sie sagen „sag ruhig ein falsches Wort und das wars".
Doch Smaragd kam nicht dazu seine Beleidigung zu vollenden. Madiha spürte plötzlich die Schwere auf ihren Schultern und mehr noch: Schmerz. Er sickerte langsam in ihr Bewusstsein und stirnrunzelnd wandte sie den Kopf. Es rauschte in ihren Ohren, als sie Caleb hinter dem Druck erkannte. Sofort richtete sich ihre Wut auch gegen ihn, denn dass er ihr wehtat, gefiel ihr überhaupt nicht. Madiha ruckelte mit dem Oberkörper, um sich dem Griff zu entwinden , doch Caleb verstärkte den Druck und sie fürchtete schon, dass ihr gleich die Knochen brach.
Sie hielt inne in ihren Bewegungen, legte aber ihre Rechte auf seine Linke und krallte sich daran fest. Ihr Gesicht verriet wie unangenehm es war und doch zeigte dieses Eingreifen des Diebes seine gewünschte Wirkung. Sie war zwar immer noch wütend, doch ebbte dieser sich aufbauende Zorn ab, verlor an Höhe und versank in einer gleichmäßig schwelenden Wut irgendwo unten in ihrem Bauch. Seine Worte hörte sie wie durch einen Schleier, der Sinn dahinter sickerte erst nach und nach in ihren Verstand. Sie sah zu ihm hoch, während sich ihre Hand etwas lockerte, und erkannte das diebische Funkeln und gierige Grinsen in seiner reinsten Form bei ihm. Es lief ihr kalt den Rücken hinunter bei dem Anblick, doch offenbar hatte Caleb eine geschickte Nase dafür, sich an die Begehrlichkeiten von anderen anzupassen.
Er schaffte es den anderen Dieben fixe Ideen in den Kopf zu setzen und sie ließen tatsächlich ab von ihnen. Niemand interessierte sich noch für Madiha’s Ausbruch und das war gut so, denn wer wusste schon, was sie erwartet hätte.

So sah das Mädchen den beiden Zwillingen und dem jeweiligen Gefolge nach, als sie spürte wie sich der Druck etwas lockerte. Madiha atmete instinktiv auf und ließ auch ihre Hand sinken. Sie spürte, wie sich Caleb etwas zu ihr neigte und musterte ihn seitlich. Sein Grinsen erschien und sie ließ ihre Augen wandern, blieb jedoch neutral im Gesicht. „Du kannst mich jetzt loslassen.“, meinte sie kühl und ließ sich von seinen Worten nur bedingt verleiten, weicher im Gesicht zu werden. Ihre Wut war nur noch ein Schatten dessen und trotzdem wirkte sie ablehnender, als noch vor seiner notwendigen Attacke auf sie.
Widerwillig ließ sich das Mädchen zum Ausgang dirigieren. Geduldig wartete Madiha, bis er die Tür geöffnet hatte und trat hindurch. Sie wartete noch, bis sie in dem dahinterliegenden Gang alleine waren, dann schüttelte sie seine Hände endgültig ab. Sie hatte die Arme verschränkt und sah ihn ernst an. „Wie meinst du das?“.
Ihre Stimme war angespannt, sie verstand nicht, wieso er ihr wehtun musste, um ihren Wutausbruch zu unterbinden. Immerhin wollte sie ihm helfen und er war es, der dauernd in Schwierigkeiten steckte. Madiha wusste ja nicht, was sie hätte anrichten können, wenn er es nicht getan hätte. Das man ihr mit der Androhung oder der Durchführung von Schmerzen Einhalt gebot kannte sie. Dass Caleb sich ebenfalls dessen bediente, hätte sie jedenfalls nicht gedacht und so rückte sie ein Stück von ihm ab, versuchte sich abzukapseln, um nicht Gefahr zu laufen, einem Wolf im Schafspelz auf den Leim zu gehen. „Egal, wir sollten wirklich gehen. Ich hab' genug.“, meinte sie dann leise und ging tatsächlich zwei Schritte voraus, auch wenn sie den Weg nicht kannte.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Freitag 16. Juli 2021, 16:02

Ob Madiha den Ausdruck "blind vor Wut" kannte? Falls ja, konnte sie vielleicht nachvollziehen, warum Caleb zu drastischeren Mitteln hatte greifen müssen als ihr nur ein Signal zu geben. Sie anzusprechen wäre angesichts der zuhörenden Zwillinge keine Lösung gewesen. Der Dieb hatte im Gegensatz zu ihr allerdings etwas bemerkt, nämlich den Dampf aus dem Elefantenspringbrunnen. Das hatte ihn weit genug alarmiert. Madiha war wütend. Blind vor Wut. Sie hätte ein Augenzwinkern, seichtes Kopfschütteln oder vielleicht sogar ein Fingerzeichen sicher übersehen, aber Schmerz ließ sich nicht so leicht ausblenden. Caleb hatte ordentlich zugedrückt. Die Schulter der Heranwachsenden pochte und ziepte, wo seine Finger Haut und Muskeln gequetscht hatten. Etwas kräftiger und Caleb hätte ihr die Knochen gebrochen, da war Madiha sich sicher! Genauso war sie davon überzeugt, dass er es getan hätte, wäre ihre Hand nicht ihrerseits Signal gebend auf seiner gelandet. Sie mochte nicht die Kraft besitzen, ihn abzuschütteln, aber dieses Zeichen sollte genügen. Vor allem, weil Caleb im Gegensatz zu ihr keinen Wutschleier über die Augen geworfen hatte.
Langsam ebbte die Zornwoge ab, die Madiha überspült hatte wie einen verlassenen Strand. Sie hinterließ aufgewühlten Sand, der sich für das gewohnte Auge erst neu zu etwas Schönem formen musste. So spürte das Mädchen eine innere Bitterkeit beim Gedanken daran, dass es ausgerechnet Caleb war, der ihr Schmerz zugefügt hatte. Keinen, wie Abbas oder Khasib ihn ihr zugefügt hatten und dennoch ... allein die bloße Existenz schuf eine Kluft zwischen ihr und dem Dieb. Während sie diese Erkenntnis packte, gelang es ihrem Begleiter, die beiden Turbanträger abzuschütteln. Sie verdrückten sich, erwarteten dennoch die Begleichung seiner Schuld ihnen gegenüber. Nur nicht jetzt. Bei wie vielen Sarmaern hatte er eigentlich noch eine Rechnung offen? Wie viele von ihnen würden noch kommen? Weder Madiha noch Caleb schienen gewillt zu sein, es herauszufinden. Der Dieb drängte auf freundliche Weise zur Eile und ließ auch endlich Madihas Schulter los. Mit etwas Widerwillen begleitete sie ihn dann doch durch einen der großen Torbögen. Die Portale wurden extra für einige Passanten, darunter eben auch Madiha und Caleb, aufgetan. Dahinter zogen sich erneut Gänge. Sie erinnerten nur bedingt an das Labyrinth, weil sie deutlich breiter, höher und besser beleuchtet waren. Der Tunnel verzweigte sich dennoch und kleine Gruppen verteilten sich mit der Zeit. Caleb und Madiha folgten dem Strom, bis sie selbst abbogen. Da erkannte das Mädchen den Unterschied zu den schmalen Labyrinthgängen: Hier hausten die Wüstendiebe, samt Anhängern. Sie lebten in einer eigenen Version Sarmas und zwar genau unterhalb der Stadt, tief im kühlen Wüstensand und offensichtlich mit besserem Zugang zu kostbarem Trinkwasser.
Die Wände der Tunnel bestanden nicht mehr vollkommen aus Stein. Sie bildeten auch die Front einiger Wohnbauten, die direkt ins Erdreich gehauen zu sein schienen. Das erinnerte eher an Geschichten von Zwergen, welche sich ganze Lebensräume in die Berge schlugen. Trotzdem besaß dieses unterirdische Sarma noch immer seinen wüstenreichen Charme. Die Architektur hatte sich kaum verändert. Es gab weniger Zwiebeldächer. Genauer gesagt: keine. Hier brauchte es keine Dächer, denn das Erdreich bot eine Grenze zum Himmel. Das hielt die Wüstendiebe aber nicht davon ab, wenigstens die Außenwände wie jene Gebäude Sarmas aussehen zu lassen. Es streiften weniger Hühner umher. Katzen, Esel und Kamel waren auch nicht zu sehen, aber einige Bewohner stellten dennoch Keramik neben ihre Schwellen oder schmückten fensterartige Luftlöcher mit allerlei Ketten, Pflanzen und sogar Vorhängen. Zwischen den Gebäuden waren unterhalb der Gangdecke sogar Wäsche- oder Kräuterleinen gespannt. Von letzteren hingen neben Bündeln Basilikum, Pfeffer oder scharfen Paprikaschoten auch zusammengebundene Datteln oder Bananen. Caleb griff im Vorbeigehen nach zweien und reichte Madiha die Hälfte der Beute. Niemand behelligte ihn dafür. Das Mädchen konnte nicht sagen, ob es hier unten zum Gesellschaftsbild gehörte oder ihr Begleiter einfach nur mehr als geschickt war, so dass der Diebstahl niemandem außer ihr aufgefallen war. Letzteres schien wahrscheinlicher zu sein.
Die angebotene Frucht lenkte allerdings nicht von der Bitterkeit in ihrem Inneren ab, welche ihr Wutschwall am Strand ihrer Seele hinterlassen hatte. Nach wie vor fühlte sie eine Spur davon in Calebs Nähe - so wie sie den pochenden Nachhall ihrer Schultermuskulatur fühlen konnte. Sie rückte im Gehen ein wenig von ihm ab. Er bemerkte es nicht. Caleb beschäftigte sich gerade mit anderen Dingen. Glücklicherweise dachte er laut genug darüber nach, dass wenigstens Madiha es mitbekam. Er sprach von Zorn und dass sie ihn würde im Zaum halten müssen.
„Wie meinst du das?“, fragte das verstimmte Mädchen daraufhin sofort. Caleb grinste sie von der Seite her ... nicht an. Er schaute ernst, das erste Mal und allein das musste für eine Gänsehaut sorgen. "Glaubst du, ich hab dich nur in die Akademie dieser Feuerfurie Cassandra gesteckt, damit du eine sichere Unterkunft hast?" Er brummte auf. "Mich wundert es nur, dass niemand bemerkt hat, was bei dir einen feurigen Effekt auslöst. Tja, ich weiß es jetzt. Bin nämlich clever und hab es sofort gesehen!" Er tippte sich neben sein rechtes Auge und jetzt grinste Caleb auch wieder. "Dir ist wohl nicht aufgefallen, dass du hinter dir beinahe aus dem Springbrunnen eine kochen heiße Quelle geschaffen hättest. Mit Magie musst du wirklich aufpassen, wenn du sie nicht kontrollieren kannst. Aber die Akademie ist anscheinend nicht der richtige Ort für dich ... oder hast du dich dort so wohl gefühlt, dass du wieder zurück willst? Dunia wird garantiert nach dem Rechten sehen, vor allem, weil sie herausfinden will, ob die Eindringlinge auch die Akademie unterworfen haben. Du hättest dann also eine Ansprechpartnerin, wenn ..." Caleb zögerte. Er kratzte sich den Nacken, schaute sich verstohlen um und senkte dennoch die Stimme, obwohl niemand sich um die beiden kümmerte. "Kann sein, dass sich unsere Wege trennen. Vorausgesetzt, du willst wirklich zurück in die Magierschule ... oder um Sarmas Freiheit kämpfen."
Was Caleb genau meinte, würde Madiha später erfragen müssen. Denn jetzt blieb er vor einer Wandfassade stehen, vor der sich schon einige andere Sarmaer versammelt hatten. Sie waren verletzt. Die meisten hielten sich Körperteile, unter deren Hand die Kleidung Blut gesprenktel war. Einer setzte gerade seinen offensichtlich bewusstlosen Kameraden ab. Caleb musterte die kleine Warteschlange. Er seufzte. So schnell würden er und Madiha nicht zu Dunia gelangen. Er sollte sich irren. Denn plötzlich drückte jemand von innen zwei hölzerne Fensterläden weit auf, um den rundlichen Oberkörper so weit hinaus zu lehnen, dass nicht nur die zerzausten Haare unter einer Heilerinnenhaube herausfielen, sondern beinahe auch weibliche Merkmale aus einer zu locker gebundenen weißen Schürze.
"MADIHA!", tönte Ilmys vor Überraschung und Erleichterung Stimme wie ein Donnerrollen über die Wartenden hinweg. Sofort schossen dem pausbäckigen Mädchen die Tränen in die Augen. Sie wedelte eifrig mit einer Hand, um der Gerufenen zu signalisieren, dass sie warten sollte. Dann wurden die Läden wieder zugezogen. Es schepperte von Innen. Dann polterte es, als Ilmy offenbar übereilig gen Tür rannte. Jene wurde aufgerissen, das Mädchen walzte hindurch, an den verwirrten Wartenden vorbei und auf Madiha zu, um sie in die weit aufgerissenen Arme zu ziehen. "Dir geht es gut, oh dir geht es gut! Ich hatte solche Angst, dass Caleb dich nicht findet. Oh, den Göttern sei Dank! Ich hab mir solche Sorgen gemacht! Oh, Madiha! Oh ... oh ..." Alles andere ging in herzzerreißendes Schluchzen unter.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Sonntag 18. Juli 2021, 01:22

Schmerz. Er war nichts neues. Er begleitete sie ihr ganzes Leben und sie kannte sich damit aus. Dennoch fühlte es sich anders an und sie ergründete nicht wieso das so war. Es mischte sich eine bittere Note in dieses Gefühl und sie verstand nicht, woher die Bitterkeit kam. Es brachte Madiha dazu, sich von Caleb zu distanzieren. Sie zog sich körperlich und geistig vor dem Dieb zurück, während sie seine Hände deutlich auf ihren Schultern spüren konnte, obwohl er sie längst losgelassen hatte. Es tat weh. Auf eine Weise, die schwerer wog, als jemals der Rohrstock oder die Peitsche es gekonnt hätten. Das Mädchen spürte, dass sie die Wut mit jedem Schritt durch die Gänge weiter verlor und bald war sie vollständig verschwunden. Was blieb war das Wissen, dass Caleb nicht gänzlich anders zu sein schien, als sie naiver Weise geglaubt hatte. Sie hatte sich zu schnell von ihm verleiten lassen, dass sie ihn mochte. Auch jetzt, während er sie durch die andersartigen Gänge führte, konnte Madiha sich seinem Einfluss kaum entziehen. Er versprach ihr, ohne es je gesagt zu haben, Sicherheit und sie fragte sich, ob sie sich nicht verrannte. Was wusste sie schon über ihn? Vielleicht war es auch nur ein Trugbild, weil sie sich auf niemanden stützen konnte? Vielleicht idealisierte sie ihn auf eine Weise, die ihr aufgrund ihrer Unerfahrenheit einfach nicht bewusst werden konnte. Madiha blickte Caleb verstohlen an, während er sich an den Früchten anderer bediente. Ihr Blick suchte sich ein anderes Ziel, während sie das Obst annahm und aß. Es war köstlich und zeigte ihr, wie hungrig sie war und wie flau sich ihr Magen anfühlte. Die Erlebnisse wogen wie Steine und drückten ihr auf den Bauch, sodass die Süße der Banane sich unangenehm anfühlte. Ihr Mund klebte seltsam und sie hätte gerne ausgespuckt, doch undankbar wollte sie auch wieder nicht sein.

Madiha ließ den Blick schweifen, während sie dem Dieb folgte und erkannte, dass der Bund hier unten eine ganze Stadt errichtet hatte. Wie schon so einige Male zuvor, war das dunkelhaarige Mädchen gebannt von dem handwerklichen Geschick und dem Ausmaß der Vereinigung. Sie hatte ja keine Ahnung, dass Sarma unterhalb des Wüstensandes so aussah. Die Bewohner der unterirdischen Stadt hatten sich sogar Mühe gegeben und versuchten eine Illusion von Normalität zu erschaffen, indem sie Krüge, Zierschmuck und Stoffe benutzten, um ihre Eingänge und Fensterlöcher zu schmücken. Madiha war wirklich beeindruckt und vergaß einen Moment lang all die Sorgen und die unschönen Fragen, die sich in ihren Verstand fraßen. Sie lächelte sogar, als sie zwei Frauen entdeckte, die sich beide zu einem Plausch aus den Fenstern lehnten und offenbar tratschten. Alles wirkte so… normal. Surreal, aber auch normal. Ob diese Leute hier sich nicht darum sorgten, was oberhalb passierte? Der Angriff sickerte wieder in ihren Verstand und sie erinnerte sich an die Bilder, die sich vor Stunden in ihre Netzhaut gebrannt hatten.
Caleb hatte es schlimm erwischt, als er oben gewesen war und auch die Turbanzwillinge sprachen davon, dass Sarma einen Widerstand mobilisierte. Caleb sprach von Hinrichtungen, von Übernahmen… Madiha hatte das alles am Rande aufgeschnappt, aber ihr Verstand schaffte es nicht, die Informationen zu bewerten. Überhaupt bemerkte sie, dass sie sich verspannt anfühlte und sich ein nerviger Kopfschmerz an ihren Schläfen einnistete. Plötzlich murmelte Caleb und sie horchte auf. Das was er sagte, ließ Madiha nachhaken und die Antwort folgte tatsächlich. Die grau-blauen Augen ruhten auf ihm, während er sich ihr zuwandte und sie fast schon erwartete, dass er sie angrinste. Doch er hatte einen ernsten Ausdruck im Gesicht, was seltsam fremd wirkte und ihr sofort das ungute Gefühl im Magen verstärkte.

Seine Worte halfen dabei auch nicht wirklich, denn während er sprach, wurde Madiha etwas langsamer und runzelte die Stirn. Im Grunde hatte sie gar nicht darüber nachgedacht, wieso sie in der Akademie gelandet war. Und sie sollte was getan haben? Sie? Madiha warf überflüssiger Weise einen Blick über ihre Schulter, als könnte sie den Springbrunnen noch sehen und blieb etwas ratlos zurück. Nein, das hatte sie ganz und gar nicht bemerkt. Ihr Blick wanderte wieder zu Caleb zurück, der nun etwas vorgegangen war und sie schloss eilig wieder zu ihm auf. Magie? In mir? Aber ich dachte.., weiter ließ sie Caleb nicht denken, denn er sprach bereits weiter und bescherte ihr erneut eine Gänsehaut. „Wieder zurück?“, fragte Madiha verwirrt. Ihr war gar nicht in den Sinn gekommen, dass das eine Option war. Überhaupt war sie längst nicht soweit darüber nachzudenken was zukünftig ihr Plan war. Ja sie hatte ja nicht mal einen!
Madiha schaffte es derzeit nur von Situation zu Situation und nichts in ihr regte sich, wenn sie über das ‚Morgen' nachdachte. Seit Stunden hetzte sie durch die Unterwelt Sarmas, schnappte hier und dort Hinweise auf, die die Stadt oberhalb ihres Kopfe betraf und Caleb wollte wissen, was sie tun wollte? Madiha schnaubte, als ihr keine Erwiderung darauf einfallen wollte. Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Hatte er etwa einen Plan? Wusste er etwa, was er wollte? Wie konnte er nicht ob der Lage die Nerven verlieren wollen? Madiha verstand es nicht. „Caleb, ich hab absolut keine Ahnung.“, sagte sie ehrlich doch er senkte leise die Stimme und offenbarte ihr eine Wahrheit, die sie gar nicht in Betracht gezogen hatte. Die verborgen hinter einem Schleier auf sie gelauert hatte. Er würde Sarma verlassen. Ob mit oder ohne sie wäre dabei belanglos. Und sie verstand es sogar, in Anbetracht der vielen Schlingen in denen er sich ständig verhedderte.

Madiha kam jedoch nicht dazu, sich weiter die nötigen Gedanken dazu zu machen. Er blieb vor einer Häuserfront stehen und sie schaute sich, die Ablenkung von den düsteren Gedanken dankbar annehmend, um. Sie musterte die vielen Verletzten und zog die Arme um sich. Hier lebte man nicht unbehelligt weiter. Sie alle schienen Opfer der Gräueltaten der Angreifer zu sein und suchten nun offensichtlich den Beistand der Heilerin. So wie Caleb. Madiha schenkte dem Dieb noch einen Seitenblick, als sie sah wie die Fensterläden geöffnet wurden. Das Gesicht, welches ihnen mit deutlich mehr entgegen purzelte ließ sie erstmal gar nichts fühlen. Sie starrte Ilmy an und ganz langsam sickerten die Emotionen in Madihas Verstand und letztlich auch in ihr Herz. Sie fühlte sich seltsam, irgendwie hibbelig und nervös aber auch erleichtert und von einer Last befreit, als sie die Stimme hörte und kurz darauf das Poltern vernahm. Madiha lachte sogar leise, was seltsam skurril wirkte. Dann trat die Elevin aus der Hütte und schloss Madiha in ihre Arme. Die Wucht der Erleichterung, presste der Sklavin die Luft aus den Lungen und sie brauchte eine verzögerte Sekunde, bis sie auch ihrerseits Ilmy umarmte. Danach spürte Madiha wie die Anspannung etwas abfiel und ihr weiche Knie bescherte. Sie fühlte, wie der Druck von Ilmys Umarmung sie zusammenhielt und konnte durch die Worte der Erleichterung verdrängen, dass sie sich augenblicklich all dem was sie erlebt hatte, ergeben wollte. Doch die Last wäre zu groß, hätte sie niedergedrückt und das konnte sie nicht zulassen. Also kniff Madiha die Augen zusammen und drängte die Tränen zurück, die entstehen wollten.„Ilmy! Ich bin so froh, dass es dir gut geht. Ich… es tut mir so leid, dass du so lange alleine warst ich.. es ist so viel pass-. Es ging nicht früher.“, presste Madiha hervor und löste sich, nachdem sie einen Moment ausgeharrt hatte, von Ilmy. Sie hatte es tatsächlich geschafft die Ohnmacht zurückzudrängen und schaffte sogar ein Lächeln in die Richtung der Anderen. Madiha musterte sie einmal und lachte leise auf.„Steht dir gut.“, spielte sie auf die Haube an und wandte sich kurz zu Caleb.„Er muss zu Dunia.“, sagte Madiha dann erstaunlich sicher in ihrer Stimme. „Er ist verletzt und sie muss sich das ansehen…“, erklärte sie. Madiha schob alles beiseite. Sie erlaubte sich nicht über all die kleinen Details nachzudenken und ließ nicht zu, dass sie in die Knie ging. Es war wesentlich leichter sich auf andere Dinge zu konzentrieren, als auf die Frage was sie davon hielt, dass Caleb vielleicht verschwinden würde. Oder wie es weiter gehen sollte.
Madiha verbot sich diese Gedanken und drückte Ilmy lächelnd den Arm, während ihr Blick auf Caleb fiel. Ihm schenkte sie einen nachdenklichen Blick, der das Lächeln etwas einfrieren ließ. Dann wandte sie sich wieder der Magierin zu. Noch immer war Madiha schaurig anzusehen, doch sie blickte zu den Verletzten und dem Bewusstlosen. „Meinst du, sie findet noch Zeit für ihn?“, fragte sie und bekam einen neutralen, fast schon emotionslosen Ausdruck im Gesicht. „Er war ziemlich verletzt, ein Heiler hat ihm geholfen aber.. es wäre besser wenn sich Dunia das noch mal angucken könnte.“, hob sie die Schultern und wusste, dass Caleb nicht so dringend war wie die anderen hier. Erneut schaute sie zum Dieb. Seine Worten sickerten ihr wieder ins Gedächtnis. Sie brauchte definitiv Zeit um sich all dem Erlebten und den Entscheidungen stellen zu können. Doch jetzt wollte sie nicht, jetzt brauchten sie Dunias Fachkunde.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Freitag 23. Juli 2021, 19:03

Caleb erwartete keine Antwort auf seine Frage, jedenfalls nicht im Moment. Ob Madiha wieder zur Feuerakademie der Hexe Cassandra zurückkehren würde, brauchte er jetzt nicht zu wissen. Noch nicht. Dafür erfuhr Madiha zwischen den Zeilen, wie es um die Loyalität des Diebes bedient zu sein schien. Entgegen des ersten Eindrucks und seinem Drängen, an der Oberfläche nachsehen zu wollen, was vor sich ging - was ihm letztendlich auch nur Ärger und eine Verletzung eingebracht hatte - zeigte Caleb sich lange nicht so patriotisch Sarma gegenüber wie angenommen. Er ließ hindurch blicken, dass er nicht bleiben würde, ganz gleich wie seine Begleiterin sich entschied. Plante er bereits eine Flucht aus der Stadt heraus? Hatte er sich deshalb unbedingt oben umsehen wollen?
So wie Madiha ihm zunächst keine Antwort gab, so blieb auch er eine all den ungestellten Fragen schuldig, die sich auftürmten. Stattdessen gingen beide zügig weiter die unterirdischen Gänge entlang. Sie kamen an Wohnbauten in der Wand vorbei und das Mädchen erhaschte sogar zwei Frau, die miteinander tratschten. Was die beiden von den an der Oberfläche lebenden Sklaven oder Waschweibern unterschied, waren zum einen ihre Kleidung, zum anderen die Themen, über die sie sich unterhielten. Madiha fiel auf, dass beide Frauen gut ausgerüstet waren. Die eine trug ausschließlich schwarz und selbst der Überwurf, der bis auf ihre Augen den ganzen Kopf bedeckte, zeigte sich in Farben schluckendem Stoff. Die andere hingegen trug einen Lederharnisch mit Gürtel, der ihr einmal quer über die Brust hing. Sie war bewaffnet. Und plötzlich verwandelte sich der Tratsch in einen Austausch von Informationen. Es ging hier unten trotz der Illusion von Normalität alles andere als normal zu. Nur weil die beiden Frauen im Plauderton und sich einmal quer über die Straße unterhielten, tauschten sie kein albernes Geschwätz aus. Madiha schnappte auf, dass irgendein "Gehörnter" hingerichtet werden soll. Dann unterhielten sich beide kurz über Sklaventreiber, die für Bordelle die Frauen aus anderen Gebieten Celcias heran schafften und dass es diesem "Luthrokar" nun Recht geschah, dass auch er noch seinen Kopf verlieren würde. Viel mehr bekam sie dann aber nicht mehr mit, denn Caleb drängte zur Eile. Oder vielmehr marschierte er nun, dass es unmöglich gesund für ihn sein konnte. Er beherrschte sich jedoch, wieder an seine Seite zu fassen. Dennoch war die eingetretene Schweigsamkeit ihres Begleiters ein deutliches Zeichen dafür, dass er mit sich im Stillen und den Schmerzen seines Körpers nach wie vor zu kämpfen hatte.
Endlich erreichten sie das mutmaßliche Heim von Schwester Dunia. Dass sie richtig waren, wurde durch Ilmys Auftauchen deutlich. Mit einem Übermaß an Wiedersehensfreude fiel sie Madiha sofort in die Arme, noch ehe diese anderweitig reagieren konnte. Caleb gelang es noch, einen halben Schritt zur Seite zu machen, damit er nicht zum Opfer der heranstürmenden Ilmengard Wollweber wurde. Längst rannen dicke Tränen über die Pausbacken des anderen Mädchens. Auch ihr musste ein Stein vom Herzen fallen. Sie hatte sich wirklich und ganz aufrichtig Sorgen um Madihas Wohlergehen gemacht. Und sie zeigte es offen, ungeniert.
Als sich der Moment zu einem längeren Zeitintervall ausdehnte, welches drohte, Madiha ersticken zu lassen, wurde sie endlich wieder losgelassen. Ilmy lockerte ihre Arme und zog sich etwas zurück. Sie schniefte beherzt, wischte sich mit dem Saum ihres Ärmels die Tränen aus dem Gesicht und einmal unter der Nase entlang. Dann lächelte sie ihrer Freundin so strahlend entgegen, dass es anstecken konnte. Sie schüttelte den Kopf. "Dir muss es doch nicht leid tun. Erst Recht nicht, als ich hörte, dass Caleb wieder zu dir zurück musste, weil die Gefahr groß war. Ich bin so froh, dass dir nichts geschehen ist. So ... so .... froh-oh-oh-ohhhh." Ein Schluchzen schüttelte Ilmy und erneut kullerten Tränen. Sie konnte nichts zurückhalten. Aber was ihr nicht gelang, erreichte ihre Freundin durch den löblichen Kommentar über ihr neues Äußeres. Ilmy gewann ihre Fassung zurück, lächelte erneut - dieses Mal verlegen. Dann schaute sie an sich herab, als wüsste sie nicht, was sie trug. "Danke! Die Sachen sind auch deutlich bequemer als meine Elevenrobe." Denn tatsächlich trug Ilmy neben der Haube auch eine Schürze , beides weiß und die Haube war ordentlich gestärkt worden. Das hochgeschlossene Leinenkleid darunter hatte man dunkel gefärbt. Es musste jedoch älter sein, denn das Schwarz des Stoffes war ausgebleicht und wirkte nun eher dunkelgrau. Trotzdem erkannte man Ilmy anhand der Kleidung eindeutig als Pflegerin. Wäre Madiha in dieser Richtung noch ein wenig besser informiert, hätte sie sogar durch Ärmelllänge des Kleides und Art der Schürzenschnürung gesehen, dass Ilmy das Gewand eines Pflegerlehrlings trug. Ich helfe Dunia aus. Sie ist wirklich großartig und bringt mir viel bei. Vielleicht könnte ich mir das sogar ansehen." Sie nickte zu Calebs verletzter Stelle hinüber, ohne zuvor gesehen zu haben, wo jene war. Dunia hatte ihr wirklich schon etwas beigebracht, wenn Ilmy bereits ein so wachsames Auge darauf hatte. Caleb winkte mit einer Hand ab. "Ihr beiden übertreibt ja vollkommen! Das ist nicht einmal ei..."
"-ein Kratzer! Oh Caleb. Eines Tages stirbst du an etwas, von dem du behauptest, es sei nur ein kleiner Pickel."
Dunia tauchte in der Tür auf. Wie Ilmy trug sie die Gewandung einer Pflegerin mit Schürze und Haube. Sie verschränkte die Arme und musterte sowohl Caleb als auch Madiha. Ihr Blick haftete länger auf Letzterer. Oh, sie hatte nichts davon verloren. Die vertraute Strenge legte sich über Madiha wie der Schleier der Nacht über die Wüste: kalt und plötzlich, aber dennoch so vertraut Willkommen.
"Bist du wohlauf?", fragte sie das Mädchen knapp und jeder, der Dunia nicht kannte, hätte aus ihrer Tonlage nicht den Hauch einer Emotion heraus gehört. Madiha aber wusste darum. Die Schwester ließ eine Spur Sorge mitklingen, jedenfalls würde das einstige Sklavenmädchen es erkennen. Noch ehe sie allerdings antworten konnte, wandte Dunia sich erneut Caleb zu: "Wirst du an deinem Ist-nur-ein-Kratzer-halb-so-schlimm verbluten? Wenn nicht, musst du dich noch gedulden. Ich habe vorher einen Mann zu operieren."
"Sie wartet nur noch darauf, dass der Schlafmohn wirkt."

Madiha hatte schon einmal von Schlafmohn gehört. Die reichen Sultane nahmen es ein, um in einen besonderen Traumschlaf zu fallen, in dem sie Manthala angeblich näher wären als irgendjemandem sonst. Manchmal schluckten sie auch einen Löffel Laudanum, der eigentlich dazu diente, die panischen Lustsklavinnen für ihre erste Nacht zu beruhigen. Es war nie vorgekommen, dass man Madiha Laudanum auch nur angeboten hätte. Schlafmohn musste aber eine Spur anders wirken, wenn man es auch bei Operationen verwenden konnte.
"Ich kann warten", entgegnete Caleb. Dennoch legte er sich nun eine Hand an die Hüfte, wo unterhalb des Verbands die Wunde lag, die Madiha so erschreckt hatte. "Kannst du operieren und dich mit mir unterhalten? Es bleibt nicht viel Zeit für ein gemütliches Gespräch unter vier Augen bei Tabak, Gebäck und einem Stelldichein."
Dunia rollte mit den Augen und schnaubte. Sie betrachtete die wartende Schlange vor ihrem Haus. Dann nickte sie, hielt aber Sekunden später einen Finger direkt unter Calebs Nase. "Wenn du störst, werfe ich dich sofort hinaus."
"Als hätte ich dich jemals... in Ordnung, ich halte mich zurück."

Die beiden verschwanden ins Haus. Ilmy und Madiha blieben zurück, ohne dass einer von beiden noch einmal mit Madiha gesprochen hätte. Dafür war Ilmy nun hier. Sie lächelte, noch immer mit verweintem Gesicht. "Ich werde sicher auch gleich gebraucht, aber ich kann dir einen Platz zum Ausruhen anbieten. Das Bett ist wirklich bequem. Außerdem gibt es Feigen, Datteln und ein ganz tolles Fladenbrot dazu, das mit Kräutern gespickt ist. Ich bin sicher, du brauchst erst einmal etwas Schlaf." Trotzdem würde Ilmy ihr vorab sicher alle Fragen so gut es ging beantworten, sofern Madiha welche hätte.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Sonntag 25. Juli 2021, 12:19

Es war gut, dass es nicht mehr dazu kam, dass Caleb von Madiha eine Antwort wollte. Das einstige Sklavenmädchen hätte überhaupt nicht gewusst, was sie darauf antworten sollte. Alles war verwirrend, beängstigend und Madiha funktionierte seit Stunden nur noch instinktiv. Über kaum etwas hatte sie gründlich nachgedacht, das Für und Wider abgewogen. Alles passierte aus dem Impuls heraus zu leben oder am Leben zu halten. Dass in ihr der Wunsch aufkommen könnte, für jemand anderes Partei zu ergreifen, war für sie vollkommen neu. Ihr Leben war bisher von dem Willen zu überleben gefüllt, nie hätte sie gedacht, dass sie ihre Bedürfnisse und Ängste jemand anderes freiwillig unterordnete. Oder war das gar nicht freiwillig geschehen? Hatte sie einfach nur Angst alleine zu bleiben in einer Welt, die sie nicht verstand? Solche und andere Fragen, würde sie gewiss irgendwann wälzen müssen doch noch schaltete ihr Verstand nicht ab. Während sie mehr und mehr nach Luft schnappte, als Ilmy sie so fest in ihre Arme schloss, trat vorerst die Erleichterung in den Vordergrund, dass es dem pausbäckigen Mädchen gut ging. Ilmy löste sich etwas von Madiha und so kam letztere zu Atem. Das verweinte Gesicht ließ Madiha die Nase kraus ziehen, während sie in dem Grün der anderen verweilte. Ilmy schniefte unüberhörbar und ihre herzliche Art, ließ Madiha sich augenblicklich entspannen. Sie spürte wie nach und nach die Beklemmung, die Anspannung in ihr abfiel und sie hätte auf der Stelle einschlafen können. Ilmy’s Lächeln steckte Madihas Mund an und sie erwiderte es, wenn auch nicht ganz so offen, wie es von der Andunierin kam. „Alles ist gut, Ilmy. Wir sind hier.“, versuchte Madiha sie zu trösten und rieb ihr über den Arm, um Mut zu spenden. Woher sie selbst die Stärke nahm, nicht gleich wieder in Tränen auszubrechen, wusste sie nicht, doch sie hatte offenbar genug Tränen vergossen und hatte das Gefühl, völlig leer zu sein.

Madiha versuchte Ilmy abzulenken und sprach ihre neue Garderobe an. Sie ahnte, dass die Elevin sich bei Dunia nützlich machte und hatte das Gefühl, dass es ihr gut zu Gesicht stand. Ilmy bestätigte Madiha’s Eindruck kurz darauf und die Dunkelhaarige lächelte schief. Offenbar hatte auch die Magierin entdeckt, dass Dunia viel mehr zu bieten hatte, als ihre Strenge und Kühle, mit der sie so einige sicherlich bewusst auf Abstand hielt. Doch Madiha war dafür zu ausgehungert nach Zuwendung und Ilmy einfach zu offen und gutherzig, als dass sich die beiden Mädchen davon einschüchtern ließen. Und so kam jetzt auch Ilmengard Wollweber in den Genuss, Zugriff auf Dunias Expertise zu erhalten. Die Sarmaerin blickte zu Caleb und bat Ilmy, dass sich Dunia seine Verletzung ansah. Sein Veto ließ Madiha die Zähne aufeinander beißen, denn es war alles andere als eine Kleinigkeit. Immerhin hatte sie… nein, die Gedanken waren zu schmerzhaft, als dass sie sie zulassen konnte und Dunia erschien im rechten Moment, sodass ihr Verstand abgelenkt wurde. Als Madiha die Schwester erblickte, hatte sie den Impuls ihre schützenden Arme zu suchen. Doch das Mädchen blieb an Ort und Stelle stehen und rührte sich nicht. Erst als sie das Wort an Madiha richtete, straffte sie etwas die Schultern und klappte den Mund auf, um zu antworten, doch kam sie nicht mehr dazu, denn Dunia wandte sich an Caleb. Madiha hatte erkannt, dass Dunia ihr eine kleine Prise Sorge, um ihr Wohlergehen, zu Teil werden ließ, doch als die beiden Älteren ins Haus verschwanden, hätte sie sich gewünscht, dass man ihr Gelegenheit gegeben hätte wenigstens ein Wort mit Dunia zu wechseln. Doch Madiha begründete es mit den zahlreichen Verletzten und hoffte, dass die Krankenschwester ein Auge auf die Wunde von Caleb werfen würde.
Sie sah noch einen Moment zum Eingang, wo die beiden verschwunden waren und kaute angespannt auf ihrer Unterlippe. Was hatten die beiden zu bereden, was sie nichts anging? Madiha schnaufte und schüttelte die unsicheren Gedanken ab, bevor sie sich Ilmy zuwandte. Ein Blick in das Gesicht des Mädchens half tatsächlich, um den Großteil der Zweifel und Ängste beiseite zu wischen und so nickte Madiha, um Ilmy zu folgen, als sie ihr Essen und ein Bett anbot. „Ilmy.. ich muss mich dringend waschen“, kam es leise von Madiha, die nach wie vor eine völlig verschmierte Tunika trug und an ihren Händen und Armen blutige Zeugnisse von Calebs Wunde trug. Ganz zu schweigen von dem ekelerregenden Duft Haraams, der ihr subjektiv betrachtet anhaftete. „Fladenbrot klingt großartig“, sagte sie dann, als die Bilder drohten ihren Verstand zu umnachten.

„Erzählst du mir, was passiert ist? Hast du es in die Höhle geschafft zu der du wolltest? Und was ist auf dem Weg zu Dunia passiert? Caleb hatte.. er hatte..“, Madiha fluchte leise und rieb sich über die Augen. Dann atmete sie tief durch und lächelte kläglich. „Er hatte keine Gelegenheit viel zu erzählen. Hast du dich oben umsehen können? Ich bin noch nicht oberhalb der geheimen Gänge gewesen. Was weißt du über die Angreifer und wer ist dieser Gehörnte? Ich habe Frauen gehört, die sich darüber unterhielten, dass er hingerichtet werden soll. Caleb sprach auch davon.. was geht denn nur vor?“, plapperte Madiha ihre Ängste in Grund und Boden und hielt damit die Erinnerungen fern, die drohten sie zu überrennen.
Sie schüttelte den Kopf. „Und … was ist denn der Plan, was passiert jetzt? Hast du eine Ahnung?“, fragte sie Ilmy und sah sie verständnislos an. „Und wieso reden die alleine miteinander… geht uns das ganze vielleicht nichts an?“, grollte sie missmutig und es lag viel mehr die Angst und der Druck in ihrem Innern zugrunde, als ehrliche Wut über das Ausschließen ihrer Person. Vermutlich war Ilmengard Wollweber nicht die richtige Ansprechpartnerin doch Dunia und Caleb entzogen sich ihrem Ansturm an Fragen und so blieb nur die Freundin, die sie erst seit kurzem hatte. Je mehr Fragen Madiha aussprach, desto mehr formten sich neue in ihr und lösten eine wahre Flut an ihnen aus. Sie plapperte und plapperte und irgendwann murmelte sie fast für sich selbst, während sie Ilmy folgte. "...und wenn er verschwinden will, wieso sagt er es denn nicht einfach. Wozu drumherum reden dann soll er doch gehen.", knirschte sie ungehalten und stieß den Atem aus. "...was soll überhaupt dieses blöde Getue, er wäre fast gest..- naja war ja keine Kleinigkeit und jetzt tut er so, als wäre nichts." Madiha konnte ihre Gedanken kaum noch aufhalten. Die sich langsam über sie legende Ruhe und das Gefühl etwas Sicherheit zu haben, lösten ihre inneren Barrikaden mehr und mehr und führten dazu, dass sie sich mit ihrem Erlebtem irgendwann auseinandersetzen musste.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Freitag 30. Juli 2021, 08:12

Ilmy ließ Madihas Hand nicht los, als sie sie in Dunias Haus führte. Wie die übrigen unterirdischen Bauten war es direkt in den Stein eingelassen und im Inneren entsprechend kühl. Licht erhielt man von Öllampen, die an schweren Ketten von der niedrigen Decke hingen. Was von außen unscheinbar gewirkt hatte, entpuppte sich im Inneren als eine richtige Krankenstation. Es erinnerte an die Untergrundversion der Station der Feuerakademie. Man sah, dass Dunia Wert auf Ordnung und Sauberkeit legte, doch hier bekam sie den Staub der Steine nicht vollkommen aus den Räumlichkeiten. So fegte sie ihn in eine der Ecken, wo Eimer und Kehrbesen bereit standen, um ihn sonstwohin zu schaffen. Der Raum teilte sich in drei Bereiche. Da gab es eine Art Empfang mit mehreren Sitzgelegenheiten. Kein Stuhl passte zum nächsten und doch bot die Ecke gleich neben dem Eingang Platz für mehrere Patienten. Im Moment war alles belegt. Ein Sarmaer lag sogar auf drei zusammengerückten Sesseln, während neben ihm ein weiterer mit Turban kniete und ihm leise zusprach. Der Verletzte schwitzte stark. Sein Freund presste eine Art Verband gegen die Schulter des Mannes. Der Stoff war dunkelrot.
Daneben saßen weitere Männer und Frauen, deren Verletzungen man teilweise überhaupt nicht ausmachen konnte. Sie alle besaßen eine stoische Geduld, doch man erkannte, dass jeder um eine baldige Behandlung hoffte. Dass Caleb nun an all diesen Leuten offenbar vorbeigezogen war, musste frustrierend sein. Er und Dunia befanden sich in einer durch Vorhänge abgetrennten Ecke, die den zweiten von drei großen Bereichen des Raumes einnahm. Sie unterhielten sich leise, aber energisch. Man konnte Calebs Silhouette sehen. Er lehnte mit dem Hintern an einem Tisch, während Dunias Schatten geschäftigt von einer Seite auf die andere lief. Zugleich hörte man Schubladen und das sanfte Klirren von Schalen und Besteck. Medinzinerbesteck. Sie würde Caleb sofort behandeln.
Die letzte Ecke des Raumes war ebenfalls durch einen Vorhang von der Außenwelt abgetrennt. Von dort drang die leidliche Kulisse der Verletzten zu Madihas Ohren. Sie kannte diese Laute bereits von der Krankenstation, wenngleich sich ihr hier ein wahres Orchester bot, wohingegen in der Feuerakademie meist nur Solokünstler unterwegs waren. Wie viele vom Bund der Wüstendiebe hatte es doch bereits erwischt! Obgleich sie Schurken und Halsabschneider waren, kämpften sie um ihre Heimat. Das war durchaus beeindrucken.
Ilmy gab Madiha nicht viel Zeit, sich die Krankenstation anzuschauen. Sie brachte ihre Freundin durch eine der Seitentüren und in den eigentlichen Wohnbereich der Pflegerin. Eine Küche, von einer vergessenen Kanne Tee und einer Tasse auf dem kleinen Tisch abgesehen, ordentlich und aufgeräumt. Zwei Personen konnten an dem Holztisch sitzen mit Blick auf die Kochnische, deren Abzugsrohr in unbekannte Gefilde führte. Ein halb offener Vohang zeigte eine echte Keramikwanne in einem Alkoven. Daneben befand sich eine Wasserpumpe. Madiha erkannte nur, worum es sich handelte, weil sie dieses Konstrukt aus Abbas' Heim kannte. Wenn man lang und mit viel Kraftaufwand pumpte, ließ sich Wasser aus den Tiefen der Insel befördern. Wo in anderen Teilen Celcias eine solche Pumpe zum Standard gehörte, galt sie in Sarma als luxuriöse und sehr teure Anschaffung. Allein die vorherige Planung, wo man sie bauen könnte, dass auch Wasser gewonnen werden konnte, war enorm. Es überraschte, hier in Dunia kleinem Reich eine solche Konstruktion zu sehen. An der Pumpe selbst hing ein Eimer, der Madiha sofort an eine wichtige Sache erinnerte. Sofort sprach sie es an, ehe Ilmy Gelegenheit erhielt, ihre Freundin durch eine weitere Tür zu ziehen.
"Waschen? Oh ... oh, natürlich! Das wäre wirklich besser. Hm." Ilmy blieb stehen, schaute sich um und nickte. Dann ließ sie Madihas Hand los, um mit de Finger zum Tisch zu deuten. "Setz dich. Ich gebe dir sofort etwas von dem Fladenbrot. Dann kannst du Essen bis ich die Wanne voll habe."
Eifrig suchte Ilmy nach dem Brot, einem Messer und einem Küchenbrett. Sie schnitt gleich zwei sehr dicke Scheiben für irhe Freundin ab und griff auch noch eine saftig aussehende Kaktusfeige aus einem Obstkorb. Alles brachte sie an den Tisch, wischte anschließend die Krümel von der Anrichte. Man sah bereits jetzt Dunias Einfluss in ihrem Handeln. Dann zog Ilmy den Vorhang bei der Wanne gänzlich beiseite. Sie stellte den Eimer unter die Pumpe, ehe sie die Tätigkeit aufnahm, was Wasser zu fördern. Die Pumpe quietschte bei den ersten Versuchen. Es dauerte eine ganze Weile, bis erste Wasserplatscher den Eimerboden trafen. Anschließend floss es jedoch gut bei jedem Pumpengang. Sobald der Eimer voll war, unterbrach Ilmy ihre Arbeit und leerte ihn anschließend in der Wanne aus. Sie vergaß auch nicht, unter dem Keramikzuber ein Feuer zu entfachen, damit das Wasser sogar heiß würde. Madiha stand ein Luxus bevor, den sich garantiert sehr viele Sarmaer im Moment ersehnten.
Das pausbäckige Mädchen machte sich erneut an die Arbeit. Es würde noch lange dauern, bis die Wanne soweit gefüllt wäre, dass jemand sich darin nicht nur waschen, sondern auch entspannen könnte. Die Freundinnen erhielten also Gelegenheit, sich zu unterhalten, welche Madiha sofort wahrnahm. Die Fragen sprudelten aus ihr hervor wie nun das Wasser aus der Pumpe.
Ilmy versuchte, Ordnung in all das Chaos zu bringen. Wieviel doch bereits von Dunia auf sie abfärbte! "Lass mich nachdenken. Am besten, ich fange von vorn an. Und du solltest von dem Brot essen, während ich spreche!" Sie nickte streng. Nein, das gelang ihr nicht. Nur Dunia besaß diese Gabe. "Ich hab mich am Strand sofort in einen der Höhlen versteckt, die es in den Klippen der Küste so gibt. Was immer in Sarma vorging, wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich konnte nur ahnen, dass es arg schlimm sein musste. Selbst die lästigen Möwen, die sich sonst immer an der Klippe tummelten, waren ausgeflogen. Zwei Mal bin ich auf ihrem Kot ausgerutscht, aber das war nichts im Vergleich zu den Schrecken, denen ich entkommen konnte." Kurz verfiel sie in Schweigen. Ilmy blickte Madiha an. Die tapfere, die große Madiha, welche wagemutig zurückgerannt war, um Dunia zu finden. "Ich hab mich feige in den Höhlen versteckt und darauf gewartet, gerettet zu werden." Bevor erneut ein Schwall Tränen losbrechen konnte, wischte Ilmy sich eilig über die Augen. Das gab ihr die nötige Kraft, mit der Geschichte fortzufahren. "Ich habe sehr lange gewartet. Ich saß in der kühlen und feuchten Höhle, lauschte dem Krach und versuchte, mich nur auf das Meeresrauschen zu konzentrieren. Dann hörte ich irgendwann nur noch das und ich ... ich ... muss eingeschlafen sein. Denn als ich die Augen aufschlug, stand die halbe Höhle unter Wasser. Die Flut kam und ich würde ertrinken. Rasch watete ich ins Freie, wobei mich eindringende Wellen immer wieder zurückdrängen wollten. ich machte mir Sorgen, wo du so lang geblieben warst. Als ich endlich am Strand ankam und auf einer sicheren Felsenanhöhe Platz fand, lauschte ich erneut. Mittlerweile war es Nacht geworden. Man hörte keine Felsbrocken mehr in die Stadt einschlagen und die Schreie der Sarmaer waren fast gänzlich verstummt. Trotzdem hatte ich zu große Angst, um nachsehen zu gehen." Jetzt konnte Ilmy sich nicht mehr zurückhalten. Sie schluchzte, wischte sich unentwegt die Augen, aber der Tränenfluss war bereits losgebrochen. "Aus mir wird niemals eine Magierin, so feige wie ich bin!", klagte sie.
"Hast du dich oben umsehen können? Ich bin noch nicht oberhalb der geheimen Gänge gewesen. Was weißt du über die Angreifer und wer ist dieser Gehörnte? Ich habe Frauen gehört, die sich darüber unterhielten, dass er hingerichtet werden soll. Caleb sprach auch davon.. was geht denn nur vor?“[/color]
Ilmy schüttelte hilflos den Kopf. Wenigstens sorgte Madihas nicht enden wollender Strom an Fragen dafür, dass die Tränen bei der Freundin eingedämmt wurden. Sie raufte sich zusammen. "Ich war nicht oben. Ich hab mich nicht getraut. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich saß auf meinem Felsen wie gelähmt. Es war kalt, meine Kleidung war nass und du ... du warst immer noch nicht da. Als Caleb plötlzich auftauchte, hab ich geschrien. Ich hielt ihn für einen der Angreifer, doch er bekam mich schnell unter Kontrolle. Er sagte, ich müsse rasch mit ihm kommen, weil er dich noch holen müsste. Das ... das hat mir sehr geholfen. Ich bin mit ihm gegangen. Er führte mich hierher und gab mich in Dunias Obhut. Tja, seitdem bin ich hier. Ich habe der Schwester geholfen, wo ich konnte. Es hat mich von der Sorge um dich abgelenkt." Erneut schüttelte sie den Kopf. "Nein, ich war nicht oben. Aber ich habe all die Diebe hier davon reden hören. Dunkelelfen sind's ... und ... Orks! Sie haben Sarma angegriffen, eingenommen und viele getötet. Jene, die gefangen genommen wurden, sind nun Sklaven. Wer überleben will, hat sich ihrem Willen zu beugen. Um ein Exempel zu statuieren, soll jemand hingerichtet werden. Der Gehörnte, sagst du? Dann weißt du in dieser Hinsicht mehr als ich." Sie schüttete den letzten Eimer Wasser in die Wanne, prüfte dann die Temperatur darin mit einem Finger. Anschließend suchte ilmy einige Handtücher und ein Stück Kernseife für Madiha zusammen. "Ich habe nur mitbekommen, was so vielen hier angetan worden ist. Zwei Sarmaer sind in Dunias Stube gestorben, eine ... eine Kriegerin direkt unter meiner Hand. Ich hab Dunia assistiert, aber sie hat die Frau nicht ... sie ... sie hat nicht..." Ilmy verstummte erneut. Sie mochte sich am Strand versteckt gehalten haben, aber auch an ihr war der Schrecken nicht vorüber gezogen.
„Und wieso reden die alleine miteinander… geht uns das ganze vielleicht nichts an?“
Das brachte die einstige Elevin der Feuerakademie tatsächlich dazu, schwach zu lächeln. Mild schaute sie zu ihrer Freundin herüber. Zum dritten Mal schon schüttelte sie den Kopf. "Lass die beiden. Dunia mag es nicht sagen, aber ich habe gemerkt, wie groß ihre Sorge um Caleb war. Und ich glaube nicht, dass sie uns bewusst ausschließen, um uns etwas vorzuenthalten. Du brauchst Ruhe, Madi. Wenn du dich gewaschen und ein paar Stunden geschlafen hast, kannst du wieder die Heldin von Sarma sein, ja? Aber bitte ... erhol dich jetzt erst einmal selbst. Mir zuliebe, in Ordnung?"
Ilmy plätscherte mit zwei Fingern im Wasser. "Schau! Es ist jetzt warm genug. Du kannst den Vorhang vorziehen, dann wird absolut niemand dich stören. Und ich suche dir etwas Frisches zum Anziehen heraus. Später kannst du Caleb dann selbst fragen, warum er so ein sturer Bock ist, der nicht einsehen will, wie sehr er sich immer wieder in Gefahr bringt." Diese Worte klangen nicht nach Ilmengard Wollweber, aber zu einer Schwester Dunia passten sie ungemein gut.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Freitag 30. Juli 2021, 23:58

Madiha folgte dem Zug an ihrer Hand und drehte immer wieder den Kopf, um sich umzusehen. Sie betraten die Krankenstation und das Mädchen fühlte sich augenblicklich an die Akademie erinnert. Auch hier rief alles nach Dunia und Madiha erkannte, dass die Schwester ein unsagbar wichtiger Teil dieser Gemeinschaft sein musste. Sie wurde von Ilmy weiter gezogen und erhaschte im Vorbeigehen die vielen Patienten im Warteraum, die alle auf Dunia warteten. Die ihr Vertrauen und ihre Leben in die fähigen Hände der Schwester legten. Madiha bewunderte Dunia dafür. Sie war wichtig, galt als angesehene Persönlichkeit und niemand wollte gerade in diesen Zeiten ihre Fachkunde missen. Für Madiha, das Sklavenmädchen ohne nennenswerte Fähigkeiten, kam das einer Heldengeschichte gleich. Die Krankenschwester hatte schon immer Eindruck auf sie gemacht doch jetzt, als sie die Gesichter der Verletzten vorbeiziehen sah, die nur auf sie warteten, steigerte sich die Ehrfurcht vor Dunia nochmal.
Als ihr Blick auf den blutenden Sarmaer fiel, hatte Madiha ein schlechtes Gewissen. Sie und Caleb hielten Dunia von den wichtigen Aufgaben ab. Gut, Caleb musste auch behandelt werden, doch gab es deutlich dringendere Fälle, das erkannte selbst Madiha. Und sie selber nahm Ilmy, die offenkundig eine große Hilfe darstellte, in Beschlag und alle anderen mussten warten. Madiha folgte der Freundin mit einem betretenen Blick. Ihre Augen erfassten Caleb und Dunia in einem Behandlungsplatz, doch Ilmy zog sie weiter und Madiha folgte artig. Hier betraten sie die Küche und sofort erkannte sie die Handschrift der Pflegerin. Alles war, trotz der vielen Arbeit, aufgeräumt und sogar recht heimelig, wie Madiha fand. Sie sah sich einmal in dem Raum um, während Ilmy sich sofort daran machte, ihr eine Möglichkeit zum Waschen zu verschaffen. Das Mädchen blickte zu der Pumpe und staunte. Sie erkannte den Sinn dahinter, doch wusste sie auch, dass so etwas keine Selbstverständlichkeit war. Es war erstaunlich, wie viel Komfort unter der Erde herrschte. Schon das Diebesversteck verfügte über so viele Annehmlichkeiten, die Madiha sonst nur aus den Häusern der Reichen kannte, während die Zwischenschicht oberhalb ihres Kopfes nach Wasser lechzte, wie sie zerknirscht feststellte.
Doch bevor ihre Gedanken weiter eine gewisse Richtung annahmen, hatte Ilmy ihr bereits Brot und Obst auf den Tisch gestellt und Madiha lächelte milde, als sie sich setzte. „Danke, Ilmy" murmelte sie. Bevor sie allerdings abbiss, schaute sie zweifelnd zu der Wanne, die Ilmy füllen wollte. „Oh aber das kann ich doch mach-..“, setzte Madiha an, der es reichlich unangenehm war, dass sie aß, während Ilmy schuftete, doch da quietschte schon die Pumpe und verschluckte ihren Ansatz.

Also konzentrierte sich Madiha auf die vielen Fragen, die sich formten und ließ sie alle auf einmal los, was Ilmy dazu veranlasste, erstmal alles zu sortieren. Madiha biss in das Brot und augenblicklich meldete sich ihr Magen und der Hunger, den sie in all der vielen Aufregung längst vergessen hatte. Also biss sie erneut herzhaft ab und hatte das Gefühl, nie so etwas Gutes gegessen zu haben. Mit vollen Wangen, schaute sie zu Ilmy die sich fleißig ans Wasserpumpen und Beantworten ihrer Fragen machte. Kauend lauschte Madiha ihren Erzählungen und ab und zu wurde sie in ihren Kieferbewegungen langsamer, wenn Ilmy das Erlebte widergab. Mitgefühl regte sich in der Dunkelhaarigen und Schuldbewusstsein keimte in ihr auf, weil sie Ilmy so lange hatte warten lassen. Sie war ganz alleine gewesen, ohne zu wissen was passiert war und ob sie, Madiha, überhaupt noch lebte.
Es war ein seltsames Gefühl, dass die zarten Freundschaftsbande, die sie bis hierher geknüpft hatten, überhaupt solche Gedanken und Gefühle zuließen. "Aus mir wird niemals eine Magierin, so feige wie ich bin!" Hörte Madiha durch ihre Gedanken und schaute auf. Sie schüttelte energisch den Kopf: „Nein Ilmy, du bist doch nicht feige. Du hattest Angst und das ist völlig normal. Zeig mir einen, der keine Angst hat zurzeit.“, versuchte sie die Andunierin zu besänftigen. Madiha schob sich gerade das letzte Bisschen der ersten Scheibe in den Mund, als sie weiter sprach. Sie versuchte Ilmy abzulenken und löcherte sie weiter mit Fragen. "Nein, ich war nicht oben. Aber ich habe all die Diebe hier davon reden hören. Dunkelelfen sind's ... und ... Orks! Sie haben Sarma angegriffen, eingenommen und viele getötet. Jene, die gefangen genommen wurden, sind nun Sklaven. Wer überleben will, hat sich ihrem Willen zu beugen. Um ein Exempel zu statuieren, soll jemand hingerichtet werden. Der Gehörnte, sagst du? Dann weißt du in dieser Hinsicht mehr als ich. Ich habe nur mitbekommen, was so vielen hier angetan worden ist. Zwei Sarmaer sind in Dunias Stube gestorben, eine ... eine Kriegerin direkt unter meiner Hand. Ich hab Dunia assistiert, aber sie hat die Frau nicht ... sie ... sie hat nicht..." .

Madiha hörte auf zu essen und sah Ilmy unentwegt an, während sie erzählte. Es traf einen Nerv, als Ilmy erwähnte, dass alle versklavt wurden, die sich nicht auf die fremde Seite schlugen und Madiha musste noch herausfinden, was das für sie bedeutete. Überhaupt war sie davon beeindruckt, dass sich die Diebe den Angreifern entgegen stellten, dass sie für eine Sache gemeinsam eintraten und jeder seinen Teil dazu beitrug. Ihre genurmelten Gedanken, griff die Elevin dennoch auf und sprang für Dunia und Caleb in die Bresche. Madiha zog ein Gesicht und nickte langsam. Sie hatte Recht. Sie brauchte vielleicht doch etwas Ruhe und wenn sie ehrlich war, dann würde sie sicher Tage schlafen können. Trotzdem beschäftigten sie all die Vorkommnisse, die Erlebnisse und sie hatte insgeheim Angst was mit ihren mühsam errichteten Mauern passieren würde, wenn sie Ruhe fand. Dennoch, nach Ilmys Erzählungen und ihrem Erlebnis, schob die einstige Sklavin ihre eigenen Überlegungen zur Seite. Madiha hörte auf zu essen und wischte sich die Krümmel von den Händen, bevor sie sich erhob, um den kleinen Tisch ging und Ilmy in die Arme schloss: "Mir tut es sehr leid, dass du das erleben musstest, der Kriegerin nicht helfen zu können. Aber ihr habt beide euer bestes getan, davon bin ich überzeugt.“, lächelte sie ihr aufmunternd ins Gesicht und nahm ihr Seife sowie Handtücher ab. „Danke Ilmy.. für alles. Du..“, Madiha zögerte und bedachte das Mädchen mit einem unsicheren Blick. „Ich bin wirklich froh, dass Caleb dich gefunden und hierher gebracht hat..“, murmelte sie und wich etwas dem eigentlichen Ausspruch, der ihr auf der Zunge lag, aus, auch wenn sie es absolut ehrlich meinte.

Dann wandte sich Madiha dem Badezuber zu. Sie schaute in die spiegelnde Oberfläche und legte die Handtücher, sowie die Seife, auf den Badewannenrand. Sie zog den Vorhang hinter sich zu und atmete langsam aus. Sie war angespannt, das spürte sie deutlich. Sie fühlte, wie ihr das Fladenbrot etwad Auftrieb gegeben hatte doch sie fühlte sich gleichzeitig leer und ausgelaugt. Sie hatte Hemmungen, das Wasser zu nutzen, aus Angst, dass sie von den Bildern geflutet würde, die sie so mühsam zurückhielt. Letztendlich musste sie sich aber waschen, sodass sie sich vornahm, sich zu beeilen. Madiha entledigte sich der Hose und spürte das Gewicht der Feldflasche, die sie kurz rausfischte und betrachtete. Sie strich mit den dünnen Fingern darüber, legte sie dann beiseite und zog die Tunika aus. Auch hier warf sie einen Blick drauf. Es war die hübsche, petrolfarbige Tunika, die ihr einen gewissen Glanz für die Prüfung geben sollte. Madiha erinnerte sich, dass sie sich wirklich hübsch gefühlt hatte, gerade als Dunia ihr dieses Kompliment gemacht hatte. Madiha lächelte leicht bei dem Gedanken daran, doch die Schatten brauchten nicht lange, bis sie wieder die Oberhand hatten. Das dürre Mädchen legte auch die Tunika beiseite, die nun fleckig und zerschlissen wirkte. Bevor sie ins Wasser glitt, dachte sie kurz hinter sich die Fratze von Haaram zu sehen, sodass sie sich erschrocken umdrehte, doch sie mahnte sich selber nicht so dumm zu sein und rief sich selber zur Ordnung, indem sie sich klarmachte dass das, was Haraam und seine Männer mit ihr hatten tun wollen und teilweise getan hatten, ihr tägliches Brot seit Jahren gewesen war. Nichts besonderes.
Madiha tauchte endlich ihr Bein in das Wasser, stieg dann ganz ein und glitt in die Wanne. Oh was war das warme Wasser herrlich und dass sie sichbeeilenwollte, war schnell vergessen. Sofort spürte sie, wie ihre Muskeln sich entspannten, wie ihr Körper die Wärme dankbar annahm und wie die Müdigkeit in ihren Verstand kriechen wollte. Madiha griff die Kernseife, tauchte sie ins Wasser und wusch sich endlich das Blut von ihren Händen und Armen. Sie musste inzwischen ordentlich schrubben, doch nach und nach gelang es ihr, bis sie wieder gänzlich sauber war. Einzig unter ihren Fingernägeln blieb ein kleiner Rest, doch das würde mit der Zeit verschwinden. Nun saß sie da, mit nassen und glatten Haaren, die schwer über ihre Schultern hingen, die Hände um ihre Unterschenkel gelegt und starrte auf die wellige Wasseroberfläche. In ihren Augen sammelten sich einzelne Tränen, die lautlos in die Wanne tropften. Was war ihr Leben doch kompliziert geworden und wie sehr sehnte sie sich nach ihrem gewohnten Umfeld, so grausam es auch gewesen war. Dort kannte sie sich aus, dort war sie Zuhause. Madiha saß eine ganze Weile dumpf vor sich hinbrütend da, bis ihre Hände und Füße schon ganz schrumpelig waren. Dann kletterte sie endlich aus dem inzwischen kühlen Wasser und trocknete sich ab, bevor sie die neuen Sachen von Ilmy suchte. Nachdem sie sich hatte anziehen können, schob sie den Vorhang zurück und suchte den Raum nach der einstigen Elevin ab.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Sonntag 15. August 2021, 14:27

Stress war ein besserer Verwalter als der Mensch selbst, denn er setzte Prioritäten in der Liste an Problemen, die sich einem Menschen täglich stellten. Bei den geringfügisten Dingen meldete er sich überhaupt nicht, denn da kam es nicht drauf an, in welcher Reihenfolge der Mensch sie anging. Erst wenn es kritisch wurde, erwachte der Stress aus seinem Schlummer und dann präsentierte er sich mit einer divenhaften Attitüde, die allein darauf ausgelegt war, ihm und nur ihm die volle Aufmerksamkeit zu zollen. Als Gegenleistung verteilte er die Wichtigkeit der Probleme um. So hatte er es auch bei Madiha getan, als die ihr nach wie vor nur als Dunkelelfen oder dunkles Volk bekannten Eindringlinge Sarma attackiert hatten: Unwichtigere Dinge und eigene Bedürfnisse waren in den Hintergrund gerückt, um den wirklichen Problemen Platz zu machen. Nun, da sich das Chaos über ihrem Kopf langsam legte, kehrten diese Kleinigkeiten an die Oberfläche zurück. Caleb war am Leben, hatte es in den offenbar sicheren Unterschlupf des Bundes der Wüstendiebe geschafft und befand sich nun sogar unter Dunias Obhut. Er wurde versorgt. Außerdem hatte Madiha ihre Freundin Ilmy wiedergefunden, der es eindeutig besser erging als ihr selbst. Es war Zeit, die Stufe des Stresses zu mindern und sich wieder den eigenen Bedürfnissen zuzuwenden. So bemerkte die einstige Sklavin erst mit dem Bissen ins Brot, wie sehr sie ihren Körper doch belastet hatte. Hungrig kam man nicht weit und während sie aß, spürte sie sogar das sanfte Zittern ihrer Muskeln, die alles gegeben hatten. Jetzt brannten sie, fühlten sich verspannt und verknotet an. Der Magen schrie auf, dass sogar Ilmy einmal zu ihr herüber sah und grinste. Sie nickte Madiha zu. "Iss alles auf", forderte sie mit fast schon mütterlicher Strenge. Dann kümmerte sie sich wieder darum, die Wanne mit Badewasser zu befüllen und darunter das Feuer anzuheizen. Es sollte die beste Idee sein, die Ilmy in den letzten Stunden in die Tat umgesetzt hatte. Denn kaum, dass Madiha sich in dem heißen Wasser befand, prickelte ihr gesamter Körper. Die Wärme strömte in alle Glieder, lockerte Verspannungen und umgarnte sie mit einem Gefühl von Geborgenheit. Dem würden Müdigkeit, sowie die Sehnsucht nach einem komfortablen Schlafpatz folgen, aber erst nach dem Bad. Es ging nicht einmal um Hygiene. Madiha sollte nun wirklich entspannen und das konnte sie auch. Der Vorhang wurde zugezogen. Sie war ganz für sich, wenngleich sie jenseits des Stoffes ihre Freundin weiterhin hantieren hörte. Doch das leise Rumpeln und Rascheln störte nicht. Vielmehr vermittelte es ein Gefühl von Sicherheit.
Madiha konnte endlich abschalten. Nun, sie hätte es gekonnt, aber es gan noch immer so viele Dinge in ihrem Kopf zu verarbeiten, dass es ihr selbst im Badewasser zunächst nicht möglich war, loszulassen. Das schlechte Gewissen drückte mit nadelfeiner Spitze in ihren Nacken. Es erinnerte sie daran, wie sehr Ilmy gelitten haben musste und nun offenbar eine Schuld auf ihre Seele bürderte, die nicht der Wahrheit entsprach. Sie war keineswegs feige, nur weil sie sich zum Strand gerettet hatte. Madiha hatte ihr das auch gesagt und damit ein Lächeln auf die Lippen der anderen gezaubert. Zwar eines, das noch nicht ganz an die Worte glaubte, aber immerhin! Und dann hatte die pausbäckige Elevin Madiha durchaus in Verlegenheit gebracht, als diese argumentierte, dass doch alle im Moment Angst hatten. Du nicht. Diese Worte waren gefallen, schnell aber standfest. Ilmy glaubte wirklich daran. Sie hielt Madiha nach wie vor für eine urtapfere Kriegerin, die sich beim Angriff auf Sarma lieber noch einmal in die Feuerakademie gewagt hatte, um zu helfen. Tapfer, heroisch! Eine Heldin. Solche Bezeichnungen für ihre Handlungen waren zwar nicht laut ausgesprochen worden, aber in diesen zwei kleinen Wörtern - du nicht - schwang jede Silbe davon mit.
Was sie darüber hinaus aber ebenfalls zum Nachdenken bringen mochte, waren die Informationen über diesen Gehörnten. Auch hier wusste Ilmengard mehr als sie selbst. Mit Verachtung hatte sie den Titel wiederholt und erzählt, dass hinter dem Gehörnten ein Mann namens Darak Luthrokar stünde - ein Sklaventreiber, der fernab der Insel Belfa vor allem Frauen und junge Mädchen entführte, um sie in Sarma an die Hurenhäuser zu verschachern. Ilmy habe auch nur deshalb davon gewusst, weil Schwester Dunia sehr abfällig darüber gesprochen hatte. Ihr selbst sagte der Name ansonsten nichts. Natürlich nicht! Ilmy trieb sich schließlich auch nicht in irgendwelchen Bordellen der Stadt herum. Dunia allerdings ... auch die Worte ihres Mitschülers Palm schwirrten durch Madihas Geist. Sein Vater habe Dunia geholfen, aus dem Bordell wegzukommen. Außerdem hatte auch Caleb erzählt, dass er und Dunia... hatte er sie gekauft?
Es gab so viel, über das man nachdenken konnte. Vor allem dann, wenn man in einer Wanne mit dampfendem Wasser hockte und keinen anderen Gesprächspartner hatte. Doch langsam machte sich die Müdigkeit breit. Als Madihas Finger und Zehen eher sonnengebräunten Rosinen glichen, weil sie runzlig und schrumplig waren, meldete ihr Körper sich erneut. Die Muskeln hatten sich entspannt, jetzt verlangte der Kopf nach Ruhe. Würde er nicht bald Schlaf bekommen, müsste das Mädchen mit Konsequenzen rechnen. Bereits jetzt stellte sich ein spür- aber noch verdrängbares Stechen hinter der Stirn ein. Auch das Hirn brauchte Erholung.
Sie verließ die Wanne, trocknete sich ab und schlüpfte in einen Satz simpler, aber dunkel gefärbter Leinenkleidung. Die Hose saß viel zu locker und würde bei dem dürren Mädchen gen Knöcheln rutschen, wenn Madiha sie nicht festhielt. Das Hemd war ihr auch zu groß. Die Kleidung gehörte eindeutig eine ausgewachsenen Frau - groß und ansehnlich, wie Schwester Dunia. Ob sie ihre Sachen trug? Ilmy hatte ihr die Kleidung hingelegt. Das war auch gut so. Ihre eins so schöne, petrolfarbene Tunika würde mit einem guten Stück Kernseife und kräftigem Schrubben sicher noch zu retten sein, aber frisch gewaschen sollte sie den vor Blut und Dreck starrenden Fetzen Stoff nicht mehr überstreifen.
Mit der zu großen Kleidung einer anderen am Leib lüftete sie schließlich den Vorhang. Der Raum dahinter war kühler, das Badewasser hatte ihre kleine Ecke Privatsphäre ordentlich warm gehalten. Eine flache, bauchige Kerze schwamm in einer ebenfalls flacher gehaltenen Schale auf dem Tisch. Sie verströmte einen Kräuterduft, den Madiha zuvor gar nicht wahrgenommen hatte. Nun drang das Aroma zu ihr durch und sorgte mit dem unterschwelligen Lavendel dafür, dass sie sich nur umso schläfriger fühlte.
Plötzlich tauchte Ilmy im runden Bogen eines Durchgangs auf. Jener führte in weitere Gefilde von Dunias Heim. "Oh, gut, du bist fertig! Ich wollte langsam nach dir sehen. Nicht, dass du noch im Badewasser ertrunken wärest." Sie gluckste, machte Madiha dann Platz. "In dem Raum hinter mir kannst du schlafen. Niemand wird dich stören. Ich wecke dich spätestens, wenn Dunia und ich eine Mahlzeit einnehmen, in Ordnung?" Ilmy tippte sich nachdenklich gegen die Lippe. Dann meinte sie: "Oh und Caleb geht es soweit auch gut. Wichtig ist jetzt, dass er keinen Wundbrand bekommt - sich also nichts entzündet, aber Dunia hat ihm eine stinkgende Paste aufgetragen, dass der arme Mann gewinselt hat wie ein Schlosshund. 'Wie kannst du mir das nur antun, Liebste?', hat er gejammert und Dunia hat ihn daraufhin mit einem Stück Verband verdroschen." Offenbar war die Tracht Prügel der Schwester von harmloser Natur gewesen, denn bei Ilmy löste die Erinnerung daran nur erneutes Glucksen aus. "Die beiden verstehen sich auf seltsame Weise irgendwie gut." Das rundliche Mädchen atmete durch. Schließlich richtete sie sich pflichtbewusst die Haube. "Ruh dich aus, Patientin Madiha! Schwester Ilmy kümmert sich um dich ... äh ... später dann. Ich muss jetzt nämlich wirklich Dunia helfen. Wir haben immer noch eine lange Schlange an Patienten, die uns brauchen. Aber nachher sind wir alle sicherlich für dich da."
Sie zeigte in den Raum hinter sich, in dem Madiha sich nun erholen sollte. Ob sie sich wirklich schlafen legte, blieb ihr überlassen. Der Raum besaß Dunias Charme. Er war ordentlich herausgeputzt. Kein Staubkorn fand sich dort, obgleich die Wände mit zwergenhafter Architektur in den Stein gehauen worden waren. Man hatte sie glatt geschliffen, dass sie sich wie ein Flusskiesel anfühlten. Hier unten gaben sie sogar eine Frische ab, die man an Sarmas Oberfläche viel zu oft vermisste.
Der Raum an sich war schlicht gehalten. Es gab ein ordentlich gemachtes Bett. Statt eines Nachttisches war in den Fels eine Nische eingelassen worden. Dort fand sich ein Tablett mit Karaffe und gestapelten Bechern und glänzendem Messing. Über dem Bett fand sich ein hölzernes Regalbrett, auf dem Dunia eine Büchersammlung zwischen zwei Stützen der Größe nach sortiert aufgereiht hatte. Einige Buchtitel ließen sich von Madiha nicht sinngemäß entziffern. Sie mussten in einer anderen Sprache geschrieben sein. Vermutlich handelten sie aber auch von der Anatomie des Menschen, Heilkräutern der Insel Belfa oder aber ... das kleinste Buch ganz am Ende des Brettes machte nur durch seine goldenen Lettern auf dem schwarzen Leder auf sich aufmerksam. Dort stand in güldenem Sendli: Giftmischerei - die Kunst der Assassinen.
Der übrige Raum bot auf den ersten Blick wenig Aufregendes. Es gab einen Raumtrenner, hinter dem ein Drittel einer dicken Kommode vorlugte, sowie die Ecke eines kleinen Tisches mit Waschschale und Kanne. Am Fußende des Bettes stand ene Truhe und davor ein Paar herausgeputzter, wenngleich etwas abgewetzter, schwarzer Stiefel mit Lederriemen als Zierde um die Stiefelschäfte. Der Raum selbst war fensterlos, so dass die kleine Öllaterne neben der Tür als einzige Lichtquelle herhalten musste. Wenigstens befand sich direkt über ihr ein Loch in der Decke, das wohl auch als Dunstabzug diente, falls man einmal eine Kerze und keine Laterne zur Hand hatte.
Dies war also Dunias kleines, privates Reich. Und Madiha sollte hier nun schlafen. Ob sie das wirklich tun würde? Ihr Körper wäre ihr dankbar. Andererseits ließ Ilmy sie nun gänzlich allein mit einer Truhe, Kommode und Büchern, die Schwester Dunia offenbar sehr interessierten.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Mittwoch 18. August 2021, 21:43

Du nicht. Zwei Worte, die erst jetzt Zeit fanden, wirklich in ihren Verstand zu sickern. Madiha starrte auf die sich wellende Wasseroberfläche und betrachtete ihr eigenes, verzerrtes Gesicht. Ilmy hatte es geschafft, dass Madiha sich verlegen fühlte. Hatte ihr ein Schnauben entlockt, als sie unweigerlich an die Gänge der Diebe denken musste. Die zwei Worte hatten es geschafft, dass vor ihrem geistigen Auge die Bilder aufflammten, die ihr auch jetzt noch eine Heidenangst einjagten. Als ob. Ich habe ständig Angst. , hatte sie missmutig gedacht und nur vage gelächelt, um das Thema nicht weiter zu vertiefen. Im Badewasser, mit sich und ihren rotierenden Gedanken alleine, kam das seltsame Gefühl allerdings wieder hoch. Ilmy schien wirklich zu glauben, dass Madiha so etwas wie Heldenmut besaß. Schon bei ihrem Entschluss in die Akademie zu laufen und nach Dunia zu sehen, sagte sie etwas Ähnliches. Madiha sah aus müden, grau-blauen Augen aus dem Wasser empor und sie beobachtete, wie ein Tropfen ihr Spiegelbild verzerrte. Nein, sie war keine Heldin und Ilmy würde das sicher irgendwann erkennen. Madiha war weder todesmutig, noch besonders mutig beseelt und in den quälenden Momenten, die sie um Calebs Leben gebangt hatte, hatte sie erkannt, dass sie nichts anderes, als Angst hatte. Doch diese Angst verleitete sie dazu, weiter zu gehen. Sie trieb die junge Sarmaerin an und stellte sich als Motor heraus. Und der Wille, dem Leben trotzig die Stirn zu bieten und schlussendlich eine Veränderung zu erreichen. Ob das allerdings für sie möglich sein würde? Madiha wusste es nicht. Jetzt noch weniger, als mit dem Sand in jeder Körperöffnung und halb besinnungslos, vor Hitze.
Sarma war überrannt worden. Dunkle Schergen hatten es geschafft ihre Heimat, so wenig sie gut zu ihr gewesen war bisher, einzunehmen und nun wurden sie gefoltert, hingerichtet und versklavt. Etwas regte sich in dem jungen Herzen, eine Art Stimme die ihr leise zurief und um Aufmerksamkeit buhlte. Sie forderte die Siebzehnjährige auf, sich dem zu stellen, was mit ihrer Heimat geschah. Doch Madiha hörte bisher nicht zu. Zu unwillig war ihr Kopf, denn Sarma war grausam zu ihr und vielen anderen Frauen und sie schuldete diesem trockenen Wüstenloch rein gar nichts. Sie hatte Ilmy’s Worte nicht vergessen, die ihr von Darak Luth..Luthrokar erzählt hatte und, dass auch er ein Sklaventreiber war. Sympathie oder Mitleid konnte er für seine Taten oder sein Schicksal jedenfalls nicht von Madiha erwarten. Zu surreal waren die Informationen, zu undurchsichtig. Und woher wusste Dunia das alles? Hatte sie Mädchen gekannt, die dieses Schicksal ereilt hatte? Und was hatte Palm's Vater damit zu tun?! Wer war überhaupt Palm's Vater? Und wieso hatte er Dunia aus dem Bordell geholt? Und was war mit Caleb und Dunia?

Madiha seufzte und spürte ihre schrumpeligen Finger. Sie durchbrach den Strudel ihrer Gedanken, indem sie sich aus der Wanne quälte und die zuckenden Muskeln merkte, die aufgrund der letzten Anstrengungen protestierten. Sie fühlte sich erschlagen. Die Müdigkeit kratzte an ihrem Verstand und auf einmal sehnte sie sich nach einem ruhigen Fleckchen, an dem sie sich einen Moment ausruhen konnte. Das warme Bad war schon mal ein guter Anfang. Doch fegte es nicht die bleierne Schwere fort. Madiha kletterte in die neuen Sachen und blickte an sich hinab. Sie verschwand regelrecht in der Kleidung und als sie einen Schritt auf den Vorhang zu machte, rutschte ihr die Hose über den dünnen Hintern. Erschrocken klaubte Madiha den Hosenbund auf und quetschte ihn vorne zusammen, sodass sie ihn mit einer Faust halten konnte. Erst dann wagte sie es, den Vorhang aufzuschieben und spürte die erfrischende Kühle dahinter. Mit geröteten Wangen suchte sie den Raum nach Ilmy oder den anderen ab und blickte auf, als die Elevin eintrat.
Erst jetzt roch sie den Kräuterduft und mit einem Mal meldete sich das Pochen in ihrem Kopf auch an den Schläfen. Ihr Geist verlangte nervtötend nach Ruhe und Madiha hatte Mühe, den Worten von Ilmy gänzlich zu folgen. "Oh, gut, du bist fertig! Ich wollte langsam nach dir sehen. Nicht, dass du noch im Badewasser ertrunken wärest." Madiha hob knapp einen Mundwinkel.„Gar nicht so abwegig, ich kann gar nicht schwimmen“, antwortete sie irgendwie unpassend, doch war es das, was ihr just im Kopf herumschwirrte. Sie beobachtete, wie die Andere sich an die Lippe tippte. "Oh und Caleb geht es soweit auch gut. Wichtig ist jetzt, dass er keinen Wundbrand bekommt - sich also nichts entzündet, aber Dunia hat ihm eine stinkende Paste aufgetragen, dass der arme Mann gewinselt hat wie ein Schlosshund. 'Wie kannst du mir das nur antun, Liebste?', hat er gejammert und Dunia hat ihn daraufhin mit einem Stück Verband verdroschen.". Madiha lachte leise bei den Gedanken daran. „Das hötte ich gerne gesehen..“. Dennoch störte sie etwas daran. Vielleicht war sie pragmatischer in all den Jahren geworden und ihr fehlte inzwischen der gute Sinn für Leichtigkeit, selbst in schweren Zeiten, doch ihr wäre es lieber gewesen, wenn sie erfahren hätte, wie es nun für sie weiter gehen sollte? Sollte sie etwa hier bleiben? Wie Ilmy Dunia helfen? Was hatte Caleb gemeint, als er sagte sie würden eventuell getrennte Wege gehen? Auch dafür hatte Madiha's Gedankenkarusell jetzt Zeit: Zukunftsangst. Immerhin kannte sie sich in der Welt nicht aus, wusste rein gar nichts und kannte nur dieses Drecksloch von Sarma. Was sollte sie anfangen?

Madiha löste sich davon, als Ilmy über die Beziehung der beiden sinnierte und sie nickte ihrer Freundin zu. „Sie haben eine Vergangenheit. Das verbindet..“, hörte sie sich sagen und fragte sich, ob es darüber hinausging. Madiha schmunzelte Ilmy an, als sie ihr versuchte Anweisungen zu geben.„Jawohl, Schwester Ilmy", stimmte sie mit ein und hatte den Sinn für Humor doch noch nicht gänzlich eingebüßt. Oder Ilmy war es, die ihrer eigenen Seele etwas Wärme gab. Madiha war dankbar dafür, ohne dass Ilmy wusste wie sehr. Sie half ihr, noch über frische Kleidung, Essen oder ein Bad hinaus. Sie schob mit ihrer Fürsorge die grauenvollen Schatten beiseite und ließ Madiha einen Moment die Sonne spüren. Leise tapsend, mit nackten Füßen, folgte sie ihrer Freundin, als jene auf den Raum deutete. Madiha lächelte abermals und ließ die Narben sich seltsam verziehen dabei. „Danke Ilmy, du weißt nicht wie sehr..“, murmelte sie ihr zu, bevor sie die Schlafkammer betrat.

Madiha ließ den Raum mit Ilmy hinter sich und schaute sich, am Eingang ausharrend, um. Sofort ahnte sie, dass dies Dunia's Reich sein musste. Sie konnte alles mit einem Blick erfassen und atmete tief durch. Das Zimmer besaß nicht viel und doch bot es so viel Komfort, den Madiha längst nicht gewöhnt war. Langsam ging sie weiter in den Raum und besah sich alles ganz genau. Die Neugierde drängelte sich vor die Müdigkeit und hielt sie einen Moment wach. Die Siebzehnjährige ließ die Finger ihrer freien Hand über die Truhe wandern, schürzte die Lippen, während sie sich fragte, was da wohl drin war. Doch vorerst ließ sie die Truhe außer acht und blickte auf das Bett. Oh wie einladend es doch war! Sofort kämpfte sich die Müdigkeit wieder nach vorne und am Liebsten hätte Madiha sich einfach fallen gelassen und ihren wuscheligen Kopf ins Kissen gepresst. Doch da blitzte das kleine Bücherregal am Rande ihrer Augen auf und sie hob den Kopf. Sie stieg auf das Bett und legte den Kopf schräg, um die Einbände lesen zu können. Die ersten Bücher sagten ihr nicht mal ansatzweise etwas, sodass sie zügig das Interesse verlor. Nur eine kleine Randnotiz nahm sie auf und legte ein weiteres Teil im großen Dunia-Puzzle: Offenbar sprach die Heilerin auch andere Sprachen. Zumindest las sie in ihnen. Madiha’s Blick fiel auf das kleine Büchlein am Rande des Regals. Zögernd betrachtete sie die Lettern und entzifferte nach einigen Anläufen den Titel. Giftmischerei - die Kunst der Assassinen? Verblüfft warf Madiha einen Blick zurück zur Tür und widmete sich danach wieder dem Buch.
Sie zog es aus dem Regal, zuckte kurz, als die anderen Bücher zur Seite kippten und fing sie mit der anderen Hand auf. Das hatte jedoch zur Folge, dass sie ihre Hose erneut verlor und sie erneut zucken ließ. Sie stellte eilig die Bücher wieder auf, ließ das Giftmischerbuch aufs Bett fallen und zog die Hose wieder hoch, ehe sie vom Bett hüpfte. Dabei fiel ihr Blick erneut auf die Truhe. Madiha biss sich auf sie Unterlippe. Sie sollte nicht. Das wusste sie. Doch sie war viel zu neugierig. Auch das wusste sie. Also schlich sie sich zur Truhe und betrachtete sie nochmal. Sie stellte die Stiefel etwas zur Seite, bevor sie sich vor die Truhe kniete und prüfte, ob sie sich öffnen ließ. Sobald das der Fall war, würde sie den Deckel etwas anheben und hineinlinsen, bevor sie sie gänzlich öffnete. Wenn sie alles inspiziert hatte, würde sie sich endlich aufs Bett setzen, das Buch an sich nehmen und rücklings ins Kissen sinken. Noch einen Moment versuchte sie die Lettern im Buch zu entwirren, bevor sie schlussendlich den Kampf gegen die Müdigkeit verlor und mit dem Buch auf dem Körper, die Füße auf dem Boden vor dem Bett, einschlief.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 26. August 2021, 19:28

Madiha hatte sich in den letzten Stunden einiges abverlangt, körperlich wie mental. Sie war an ihre Grenzen gestoßen und endlich, als auch ihr Leib bemerkte, dass es Zeit für eine Pause war, ließ er sämtliche Kraftreserven außer Acht. Das Bett war zu einladend gewesen. Der trotzige Kampf, den ihre Neugier ausfocht, währte nur kurz. Das Eintauchen in den Schlaf war umwoben von den letzten Bildern ihrer Erinnerung. Sie sah noch das Bücherregal, spürte den ledernen Einband des Buches über die Giftmischerei der Assassinen zwischen ihren Fingern und schon umfing sie die wohlige Wärme von weichen Laken und noch weicheren Kissen. Was Madiha begrüßte, war der pure Luxus. Selbst, wenn es sich tatsächlich nur um ein eher simples Schlaflager handelte, hatte die einstige Sklavin nicht einmal dieses je besessen. Ihre Erinnerungen an weiche Unterlagen waren stets mit dem beschämenden Schmerz des körperlichen Missbrauchs verbunden gewesen. Hier aber lag sie nun allein. Niemand über und niemand in ihr. Sie hatte Platz, Freiheit und konnte erstmals in ihrem Leben auch das auskosten, was den einfachen Sarmaer abendlich begrüßte, um wieder Kräfte zu tanken. Ihr Körper nahm sich all die Kräfte. Er wagte es nicht, zu träumen. Manthala war gnädig mit dem jungen Leben. Nicht ein Schreckensbild des Erlebten suchte sie heim. Ganz traumlos blieb Madiha allerdings auch nicht ... oder war das die Wirklichkeit, als sie in einen schattigen Raum wie den Dunias gestoßen wurde, um dort ihre Stimme dumpf sprechen zu hören? Sie diskutierte mit jemandem und zwischen den gefalteten Lidern ihrer Augen meinte Madiha die schattenhafte Silhouette eines Mannes zu erkennen. Traum oder Wirklichkeit? Erlebte sie eine Szene, die in Dunias Kammer stattfand oder spielte ihr Geist ihr nur einen Streich? Was auch immer es war, sie konnte nicht darauf reagieren. Ihr Körper ließ es nicht zu. Er war bleischwer und müde, kribblete leicht in den Extremitäten, aber sie besaß nicht einmal die Kraft, die Augen ganz zu öffnen. Nur ihre Ohren klärten sich langsam, so dass Dunias Stimme schärfer zu ihr durchdrang. Falls es dir Wirklichkeit war, reichte nicht einmal ihr strenger Ton aus, sie zu wecken.

"... du dir dabei? Willst du sie wirklich wieder bei mir abschieben? Schon wieder? Ist das dein Ernst?!"
Zwei Schatten unterhielten sich. Der Schlankere gehörte Dunia, denn sie sprach gerade. Er bewegte sich hinter den Raumteiler und wenig später hörte man jemanden Wasser irgendwo einschenken. Der andere, breitete und größere Schatten seufzte auf. Madiha kannte den Laut. Er hatte ihr tiefste Erleichterung ihrer Seele verschafft, nachdem sie schon glaubte, ihn verloren zu haben. Und dann war dieser Laut das erste Lebenszeichen von ihm gewesen. Caleb. Das war Caleb.
"Seufze nicht", schalt Dunia von der anderen Seite des Raumtrenners. Stoff raschelte.
"Du klingst, als wär sie dir ein Dorn im Auge. Hat sie sich so schlecht benommen? Willst du sie nicht bei dir haben?"
"Das Kind ist gut und tüchtig. Natürlich begrüße ich ihre Anwesenheit. Aber das kannst du ihr nicht antun. Und du kannst deine Verantwortung nicht wieder auf mich abschieben, Caleb!"
"Verantwortung? Sie ist nicht meine To-"
"Aber sie ist dein Problem! Du hast sie gerettet. Du hast in ihr Magie entdeckt. Du hast sie zu mir gebracht und nun willst du sie fallen lassen - nachdem sie dein Leben gerettet hat."
Die Worte waren so scharf, dass Madiha träumte, sie streiften eiskalt ihre Wange. "Stell dich endlich den Konsequenzen, die du mit deinen Taten begehst."
"Das ... das habe ich!"
"Nein. Du hast sie gerettet und nun willst du sie loswerden, aber Madiha ist keine Strohpuppe, die man nach dem Spielen in die Ecke legt. Sie mag nicht deine Tochter sein, aber sie ist mit dir verbunden - durch deine Tat."
Versöhnlicher fügte sie hinzu: "Außerdem wissen wir beide, dass es besser für dich wäre, sie an deiner Seite zu haben. Sie tut dir gut, merkst du es nicht?"
Ein geschnauftes Lachen. "Dank ihr lebe ich noch, natürlich merke ich das."
"Idiot!" Etwas schepperte und man hörte das Platschen von Wasser. Die Schale musste durch den Raum geflogen sein und hatte Caleb offenbar verfehlt. Es reichte immer noch nicht aus, um Madiha zum Eingreifen zu bewegen. Sie konnte nicht, selbst wenn sie wollte. Ihr Körper forderte seinen Tribut und der nannte sich Erholung. Er würde nun nicht nachgeben.
Jetzt war es Dunia, die seufzte: "Du willst das wirklich tun. Sie - uns! - allein lassen."
Schweigen.
"Caleb, ich li-"
"Nein! Sag es nicht, wenn du es nicht so meinst ... und das tust du nicht. Dein Herz gehört dem Bündnis der Wüstendiebe und der Heilkunde. So sehr, dass du hierbleiben wirst. Für mich ist darin kein Platz und das wissen wir beide. Inzwischen ist Sarma eingenommen, meine ... Kontakte fordern, was ihnen zusteht."
"Und wieder einmal kannst du nur Gefallen verteilen."
"Nein, nicht einmal mehr das. Es ist vorbei."
"Und du rennst..."

Schritte. Zurück blieb eine unliebsame Stimmung. Das Gefühl von Kälte nach einer innigen Umarmung.
"Ich segle", antwortete Calebs Stimme. Dann sank der Traum zurück in Schwärze.

Madiha fühlte das Buch. Jenes über Giftmischerei. Jenes, auf dessen Einband das Wort "Assassine" gestanden hatte. Es lag nicht mehr auf ihrem Bauch, wurde nicht mehr von ihren Händen gehalten. Es war irgendwie unter sie gerutscht und eine Kante drückte ihr nun in den Rücken hinein. Der Schmerz war auszuhalten, aber er lockte sie langsam aus dem Schlaf heraus. Vor allem war die Position nun immer weniger zu ertragen, wenngleich sie es kuschelig hatte. Jemand musste ihr eine Decke über den Körper geworfen und sie schön eingepackt haben. Auch in Sarma war dies notwendig. Die Nächte konnten eisig sein und unter der Erde fand kein Hitze treibender Sonnenstrahl die Haut.
Mehr noch als die Ecke des Buches aber riss ein Geräusch das Mädchen aus dem Schlaf. Ein Schluchzen. Jemand weinte leise und rührte mit einem Löffel in einer Keramiktasse, dass dieses vertraute, gleichmäßige Geräusch erklang, das sie selbst kannte. Heißer Tee, in den Pausen zwischen ihren körperlichen Diensten und der harten Hausarbeit, die man von einer Sklavin wie ihr erwartete. Aber das Schnattern der anderen Sklavinnen fehlte. Stattdessen war da dieses Schluchzen.
Endlich drang auch das Aroma des Tees bis zu ihr durch und weckte sie. Köstlicher Hibiskus-Tee, keine Seltenheit in Sarma, aber nicht für jeden zu bekommen. Furchtig lockte er Madiha, sich aufzurichten und sich selbst eine Tasse zu gönnen. Sie würde den Raum so vofrinden, wie sie ihn vor dem Einschlafen zuletzt wahrgenommen hatte. Die einzige Ausnahme bildeten ein Eimer mit Lappen nahe der Tür, wo ein Fleck auf dem Boden noch trocknen musste, sowie die blutige Kleidung einer Heilkundigen, die über dem Raumtrenner hing.
Dunia war nicht hier. Ilmy war nicht hier. Das Schluchzen kam aus dem Nebenraum, wo Madiha zuvor noch gebadet und gegessen hatte. Ein Vorhang war vor den Durchgang geworfen worden, doch reichte schon ein Spalt aus, um den Duft des Getränks und die Laute der Heilkundigen zu ihr wehen zu lassen. Dunia ... weinte. Leise und für sich, wahrscheinlich, weil sie glaubte, nicht gehört zu werden.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Donnerstag 26. August 2021, 22:48

Es war als würde sie endlich einem erbitterten Kampf nachgeben, als sie sich zurücklehnte und ihren Körper in die weichsten Kissen bettete, die sie jemals gefühlt hatte. Sofort merkte Madiha, dass sie nicht länger aufbegehren wollte und selbst die Neugierde verabschiedete sich mit einer Verbeugung, als die Müdigkeit die Oberhand gewann. Schwärze umfing sie. Reine, tiefe und vor allem traumlose Schwärze. Jetzt war keine Zeit für den Verstand, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen. Manthala hatte anderswo zu tun und überließ Madiha dem Einzigen was ihr jetzt wirklich half: Erholung. Regeneration. Madiha konnte kaum die bleierne Schwere erkennen, die sie in die Kissen drückte und sie war längst nicht mehr im Stande über irgendetwas nachzudenken oder etwas zu tun. Sie hatte endgültig verloren und schlief so tief, so friedlich wie seit sehr langer Zeit nicht mehr. Selbst in der Feuerakademie hatte sie nicht einen solchen Schlaf kennengelernt. Ihre Angst, dass sie heimgesucht würde von allem was so passiert war, blieb unberechtigt. Sie schwebte schwerelos in einem Raum aus Dunkelheit. Friedlich und selig. Bis sich die Szenerie seltsam veränderte.
Dumpf klangen Geräusche an ihr Ohr und ihren Geist. Ob sie nun zu träumen beginnen würde? Madiha konnte Rascheln hören und leises Schaben auf dem Boden. Orientierungslos versuchte sie die Geräusche auszumachen, unsicher, ob sie real waren oder sie lediglich träumte. Dann entdeckte sie einen Schemen und runzelte die Stirn, zumindest glaubte sie es zu tun. Ihr ganzer Körper fühlte sich so… weit weg an. Als gehörte er nicht zu ihr und sie hätte keine Befehlsgewalt über ihn. Also blieb ihr nur dem Schauspiel beizuwohnen. Schattenhaft bewegten sich die Schemen am Rande ihrer Aufmerksamkeit. Träumte sie das? Sie erkannte Dunia’s Stimme und meinte auch einen männlichen Schemen auszumachen. Was ging hier vor? Sie lauschte, oder träumte davon, als Dunia’s Stimme erneut einsetzte und ihr die Worte ans Ohr und an den Rand ihres Bewusstseins trugen. Um wen es da wohl ging? Offenbar redete Dunia mit jemanden über jemand anderes. Ein Seufzen. Etwas kribbelte in ihrer Herzgegend, als sie das Seufzen als etwas Vertrautes, etwas Wichtiges erkannte. Die Erkenntnis, dass es sich beim zweiten Schatten um Caleb handelte, kämpfte sich mühsam durch den schwarzen Sumpf ihrer Erschöpfung. Offenbar träumte sie eine Szenerie, die natürlich diejenigen als Protagonisten wählte, die sie am Besten kannte. Das Gespräch ging weiter und plötzlich wurde Madiha kalt. Etwas in der Stimme Dunia’s, ließ sie frösteln und sich nach etwas sehnen, was ihr Wärme spendete. Doch sie war nach wie vor unfähig etwas zu tun oder etwas an ihrer Situation zu verändern. Die Worte, mal von Dunia , mal von Caleb gesprochen, ließen sie verwirrt zurück. Ging es etwa um sie? Stritten sie darum, wer sich ihrer annehmen sollte?
Madiha wollte abermals ihre Stirn runzeln und zumindest in ihrer Vorstellung tat sie das auch. Ein seltsames Gefühl mischte sich ihrer Müdigkeit bei. "Nein. Du hast sie gerettet und nun willst du sie loswerden, aber Madiha ist keine Strohpuppe, die man nach dem Spielen in die Ecke legt. Sie mag nicht deine Tochter sein, aber sie ist mit dir verbunden - durch deine Tat. Außerdem wissen wir beide, dass es besser für dich wäre, sie an deiner Seite zu haben. Sie tut dir gut, merkst du es nicht?" Madiha. Das war sie, ganz eindeutig. Sie sprachen also wirklich über sie. Doch was gesagt wurde, erfasste Madiha nicht wirklich. Alles wirkte so verzerrt und unwirklich. Sie musste träumen- gerade die letzten Worte die aus Dunia’s Mund kamen, bezeugten es. Madiha tat niemandem gut. Sie war eine Belastung und deshalb musste das ein Traum sein, ganz eindeutig. Das Scheppern, ließ Madiha zusammenzucken, zumindest in ihrem Kopf. Die Unruhe, die teilweise hitzigen Worte rüttelten an ihrem Bewusstsein, doch die Müdigkeit war noch nicht bereit die Oberhand abzugeben. Sie bestimmte, was Madiha durfte und was nicht und offenbar war einfach nicht die Zeit, sich jetzt ins Wachen zurück zu kämpfen. Also beließ das Mädchen es dabei, überließ ihrem Körper den Zeitpunkt zu bestimmen, wann sie aufwachen dürfte und sank mit einem seltsamen Gefühl zurück in die tiefschwarze Stille zurück.

Das Nächste was sie hörte, ließ sie tatsächlich langsam aufsteigen und Stück um Stück zurückkehren aus diesem immens wichtigen Schlaf. Die Erholung hatten sie und ihr Körper gebraucht. Es war beinahe schon lebensnotwendig gewesen, denn die Stunden seit dem Angriff waren verheerend gewesen. Jetzt jedoch lockte etwas sie aus diesem Schlaf heraus. Ein leises Klingen, das ihr vage vertraut vorkam. Dazu ein eher unregelmäßiges Geräusch, das sie im ersten Moment nicht wirklich zuordnen konnte. Nach und Nach schaffte ihr Geist es, sich hervor zu kämpfen und schließlich erreichte er, mithilfe eines bekannten Geruchs, das Ende. Madiha kniff die Augen zusammen, bevor mehr Leben in sie zurückkehrte. Sie versuchte sich an der Nase zu kratzen, als sie feststellte, dass ihre Hand eingeschlafen war. Dann fiel ihre Aufmerksamkeit auf das fiese Pieken in ihrem Rücken. Es war ein Drücken, das zwar nicht schmerzhaft aber störend war. In ihren Körper kam mehr Bewegung, als sie spürte, dass man sie offenbar zugedeckt hatte. Die Decke raschelte und sie bewegte sich energisch, um sowohl ihre Beine von der Decke, als auch ihren Rücken von dem Druck zu befreien. Sie spürte den Ledereinband an ihren Fingern und erinnerte sich schlagartig an das Bücherregal und wie sie eingeschlafen war. Orientierungslos öffnete das Mädchen die Augen, blinzelte, rieb sich einmal darin und gähnte ungeniert herzhaft. Einen Moment lag sie da, den Blick an die Decke geheftet, ehe sie sich langsam aufrichtete. Erneut vernahm sie das Klingen und dann das… Schluchzen? Madiha schaute mit angehaltenem Atem zum Raumtrenner. Mit gespitzten Ohren lauschte sie nach mehr, doch es blieb bei den beiden Geräuschen und so ganz war ihr Verstand noch nicht wieder da, sodass sie im ersten Moment gar nicht verstand, wer dort saß.
Das Mädchen ließ die Füße aus dem Bett gleiten und erhob sich. Bevor die Hose sich abermals verabschieden konnte, hatte sie den Bund gepackt und hielt sie an Ort und Stelle. Der feine Duft nach Hibiskus lockte Madiha einige Schritte näher an die Trennung von Schlaf- und Wohnraum. Sie erinnerte sich gut an die Momente, in denen sie sich an der heißen Tasse festgehalten hatte, um die Pausen etwas in die Länge zu ziehen. Ihr hatte der Tee immer besonders gut geschmeckt. Doch viel mehr, als das Rühren in der Tasse und der Geruch, war es das Schluchzen, das ihrer Aufmerksamkeit bedurfte. Madiha ging auf leisen, nackten Sohlen näher an den trennenden Stoff heran und lugte durch einen Spalt in den Raum dahinter. Sie war sich sicher, dass sie Ilmy sehen würde, doch zu ihrer großen Überraschung, war es Dunia die am Tisch saß und weinte. Madiha zuckte einen Moment zurück, da das Bild so unerwartet war. Dabei fiel ihr Blick auf die blutige Kleidung, auf den Fleck und den Eimer am Boden. Ihr Verstand versuchte das alles zu begreifen und zu etwas Sinnvollem zusammenzusetzen, doch nichts ergab wirklich Sinn. Erneut spähte sie hinaus und dann traf sie eine bittere Erkenntnis. Hatte sie womöglich gar nicht geträumt? Hatte sie das Gespräch zwischen der Heilerin und dem Dieb womöglich gar nicht ihrer Fantasie zu verdanken? Etwas kitzelte die Siebzehnjährige im Nacken. Ihr Herz klopfte, als sie den Mut fasste und sich hinter dem Vorhang hindurchschob. Madiha harrte einen Moment schweigsam aus, den Blick unsicher auf Dunia gerichtet. Sie wusste nicht so recht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Sie erinnerte sich an das geträumte Gespräch und an den Teil, in dem es sehr persönlich wurde. Offenbar verband Dunia und Caleb doch mehr, als nur diese Geschichte, die Caleb Madiha erzählt hatte. Mitleid regte sich in ihr und gleichzeitig ein Ziehen in ihrer Magengegend. „Ist er weg?“ hörte sie sich plötzlich fragen und wusste gar nicht, woher das auf einmal kam. Doch sie sah aus, als kannte sie die Antwort bereits, während sie sich nun endlich mehr in den Raum schob und vor dem Tisch stehen blieb. Ihr Gesicht war emotionslos, gewappnet während sie die Antwort erwartete. Ihr wurde klar, dass sie nicht geträumt hatte. Dass sie das Gespräch wirklich geführt hatten. Madiha wusste nicht so Recht, wie sie Dunia begegnen sollte. Sie empfand Mitleid mit der Schwester, doch ihre verkorkste Vergangenheit machte es ihr nicht gerade leicht, sich emotional immer richtig zu verhalten, sodass sie Dunia eine Weile einfach nur anschaute. Dann erweichte sich doch noch ihr Gesicht und sie lehnte sich etwas unbeholfen über den Tisch, um Dunia’s Hand kurz zu tätscheln, bevor sie sich wieder aufrichtete und sich verlegen räusperte. "Ist.. da noch Tee?", fragte sie, um die Situation irgendwie anders zu gestalten. Dunia war ein Fels in der Brandung. Dass sie weinte, verwirrte Madiha und ließ sie sich unwohl fühlen.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 9. September 2021, 18:56

Melisse. Melissen-Tee und ein Schuss beruhigender Baldrian für die Nerven. Diese Mischung würde sich Madiha möglicherweise für immer mit der Erinnerung an das Bild einprägen, das sich ihr präsentierte. Dunia saß an dem kleinen Tisch in ihrer Küche, an dem das Mädchen irgendwann früher selbst gesessen und sich mit einer kleinen Mahlzeit gestärkt hatte. Jeder Bissen hatte ihre Lebensgeister geweckt, nur um diesen nochmal genug Kraft für das anschließende Bad zu schenken. Dunia könnte ebenfalls eines gebrauchen. Ihre Kleidung war von Blut gesprenkelt, ihr Gesicht zierte ein sanfter Glanz. Das Mädchen wusste jedoch, dass es sich nicht um Schweiß handelte. Die Heilkundige weinte. Ihre Augen glitzerten durch den dichten Tränenschleier hindurch. Sie sah erschöpft und unglücklich aus. Ein Bild, das sich zusammen mit dem Aroma des Tees bei Madiha einprägen sollte, obgleich es keines wäre, an das sie sich gern erinnern würde. Dunia hatte sie bislang als starke und sehr emanzipierte Frau in einer Domäne erlebt, die von Männern regiert wurde und in der man den Wert einer Frau in Kamelen aufwiegen konnte. Jetzt saß sie in sich zusammengesunken da, umklammerte die heiße Tasse Tee und ließ die Schultern hängen, dass es einem das Herz brechen konnte. Sie selbst sah gebrochen aus. Nicht so wie all die Sklavinnen, von denen Madiha sich nur durch ihren engstirnigen Trotz unterschieden hatte. Nein, anders gebrochen. Und das Mädchen ahnte den Grund.
Ob es Neugier, Sorge oder die Unerträglichkeit des Anblicks selbst war, die Madiha den Vorhang zurückziehen und hindurchschlüpfen ließ, musste nicht aufgeklärt werden. Wichtig war, dass sie die Küche betrat. Fast lautlos, weshalb Dunia auch nicht sofort den Kopf hob. Erst als ihr Gast fragte, ob er wirklich weg war, zuckte die Pflegerin zusammen. Dann richtete sie sich auf, tupfte die Tränen aus den Augen und strich ihre Kleidung glatt. Sie antwortete allerdings nicht sofort, damit die wenigstens die Stimme nicht brüchig und verweint klang. Tatsächlich besaß Dunia genug Selbstbeherrschung durch Jahre lange Disziplin, um wie immer zu klingen. Die Maske der Professionalität legte ihr die Illusion innerer Ruhe auf. Vielleicht etwas, das sie nun mehr benötigte als eine Tasse Tee.
"Er ist gestern noch los, um sich nach einem Fluchtweg umzuhören. Heute früh ist er zum Hafen, um sich mit einer Gruppe zu treffen, die ihr Heil auf dem Festland sucht." Sie pausierte, sammelte Kraft für die nächsten Worte. "Weit, weit weg. Auf dem Festland." Dann griff sie nach ihrer Tasse. Sie trank nur einen kurzen Schluck, weil Madiha ebenfalls nach Tee fragte. Eine unangenehme Stille lag in der Luft, die beinahe so seltsam war wie der Moment, in dem das Mädchen Dunia hatte schluchzen hören. Sie erhob sich, um zum Kessel in der Kochnische zu gehen. Dort griff sie nach einer gewaltigen Schöpfkelle und einem Becher. Letzteren füllte sie, so dass ein weiterer Schwall des Melissen-Aromas bis zu Madiha herüber wehte. Nur die Nuance Baldrian fehlte.
Mit der vollen Tasse kehrte die Heilkundige zu ihrem Gast zurück. Sie bot ihr den zweiten Stuhl an und setzte sich wieder. Nichts deutete mehr auf den schwachen Moment hin, den sie zuvor noch gezeigt hatte. Sie nahm einen erneuten Schluck Tee. Dann schaute sie zu Madiha herüber. "So wie er es bei seinem ...", wieder musste sich durchatmen, "Abschied erklärt hatte, geht die Reise wohl Richtung Andunie. Ilmengard wird ihn dennoch nicht begleiten. Sie ist eine tüchtige, junge Frau. Das kann der Bund nun gebrauchen." Dunia konnte sie gebrauchen. Das war zwischen den Zeilen herauszuhören. Ilmy war ihr offenbar eine große Stütze und schien bei der Pflegerin bleiben zu wollen. "Wenn du auf den Tee verzichtest, holst du ihn vielleicht noch ein. Für einen Abschied ... für eine Mitreise ... um ihn an den Ohren hierher zurück zu schleifen." Sie zuckte mit den Schultern. Dass es ihr nicht gleichgültig war, kaschierte sie mit der distanzierten Haltung ebenso sehr wie sie zu wissen schien, welchen Weg Madiha einschlagen würde. Möglichkeiten gab es genug. Sie könnte zur Akademie der Feuerhexe Cassandra zurückkehren, um dort zu helfen oder vielleicht sogar ihr altes, neues Leben aufzugreifen. Sie könnte schauen, wie es um Sarma stand. Vielleicht ergaben sich Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden - allein oder im Bund der Wüstendiebe. Dunia könnte sicherlich einiges in die Wege leiten, wenn Madiha sie nur darum bat. Oder sie suchte die Spur des Diebes, um ihn zurückzuholen, zu verabschieden ... oder jenen Weg mit ihm zu gehen, mit dem Schwester Dunia offenbar bereits mehr als rechnete. Neben dem Stuhl, auf dem Madiha Platz genommen hatte, stand ein gepackter Rucksack, an dessen Seitenlasche sogar ein Dolch befestigt worden war.
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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Sonntag 19. September 2021, 09:12

Das Bild was sich ihr bot bewirkte bei Madiha Unbehagen. Nicht weil ihr schlicht das Mitgefühl fehlte, daran lag es gewiss nicht. Madiha bewies sogar ausgesprochen viel Mitgefühl, wie sie selber verwirrt feststellte. Sie hatte sich das in den vielen Jahren ihres Aufwachsens abgesprochen und hielt sich für jemanden, der sich, sobald er die Chance hatte, um sich selber bemühte. Doch die letzten Erlebnisse kratzten an diesem Bild und legten eine ungekannte Empathie frei. Sie musste feststellen, dass sie bereit war, unaussprechliches zu tun, um jemanden zur Seite zu stehen den sie gar nicht kannte. Und sie kümmerte sich nicht um ihr eigenes Heil, sondern vergaß die neue Freundin am Strand nicht. Madiha hätte noch vor wenigen Stunden behauptet, sich fortan nur um sich zu scheren, als Resultat ihrer Misshandlungen. Doch sie konnte nicht. Sie stand hier, vor der Frau, die ihr mit ihrer Strenge und Disziplin auf eine Weise geholfen hatte, die ihr unbekannt gewesen war. Madiha schluckte, um den trockenen Mund zu befeuchten. Das Bild, welches sich ihr bot, löste in ihr Unsicherheit aus. Sie wusste nicht damit umzugehen, dass die starke und disziplinierte Dunia weinte. Weinen gehörte zu ihrem Leben dazu. Es war ein ständiger Begleiter, auch wenn sie selber eher selten wirklich weinte. Doch die Mädchen um sie herum, die sich nachts in ihre Kissen drückten, weil sie dachten, man höre ihr Schluchzen nicht, die waren stets da gewesen. Die hellen Augen legten sich auf die Frau vor sich die erst jetzt wieder mehr Haltung annahm. Madiha räumte ihr den Moment des Innehaltens ein und ließ die Augen sinken, bis Dunia die Stimme erhob. "Er ist gestern noch los, um sich nach einem Fluchtweg umzuhören. Heute früh ist er zum Hafen, um sich mit einer Gruppe zu treffen, die ihr Heil auf dem Festland sucht."

Die Worte drangen nur langsam in ihren Kopf und ein Rauschen stellte sich ein, welches ohrenbetäubend anschwoll. Ihr Herz klopfte und ihr kam das Gespräch wieder in den Sinn, welches der Dieb und die Schwester geführt hatten. Er hatte sich also wirklich aus dem Staub gemacht. Ohne sich zu verabschieden. Ohne den Mut zu haben, ihr zu sagen, was er vorhatte. Sicher, Madiha wusste dass sie eine Last war und sie nahm ihm diesen Umstand nicht mal übel. Doch dass er einfach verschwand… Madiha presste die Zähne aufeinander und hob den Blick. Vielleicht fiel Dunia auf, dass es in ihren Augen blitzte und Madiha Mühe hatte, nicht wütend auf den Tisch zu hauen. Entbehrungen und Demütigungen hatte sie bereits viele Male ertragen doch was neu war, war die Enttäuschung. Die Enttäuschung darüber, dass sich jemand aus dem Staub machte, der zumindest ihr auf eine Art wichtig geworden war. Caleb war ihre Konstante. Und das hatte sie sich gewiss nicht so ausgesucht oder bewusst entschieden. Es war einfach so. Madiha kaute schwer an dem Brocken, dass er sie zurückließ und sie ballte ihre Hände zu Fäusten, während Dunia den Tee holte und ihn dampfend vor ihr auf den Tisch stellte. Madiha blieb nichts anderes, als ihren Blick auf den Becher zu richten. Sie rührte sich nicht und sagte nichts zu Dunia die sich erstaunlich schnell fasste und weitersprach. "So wie er es bei seinem ... Abschied erklärt hatte, geht die Reise wohl Richtung Andunie. Ilmengard wird ihn dennoch nicht begleiten. Sie ist eine tüchtige, junge Frau. Das kann der Bund nun gebrauchen. Wenn du auf den Tee verzichtest, holst du ihn vielleicht noch ein. Für einen Abschied ... für eine Mitreise ... um ihn an den Ohren hierher zurück zu schleifen."
Die Worte brauchten einen Moment, um Madihas Verstand zu erreichen. Es war fast so, als würde der aufsteigende Dampf aus dem Becher sich verlangsamen und mit ihm die Zeit im Raum. Madiha’s Ohren rauschten und ihre Gedanken überschlugen sich. Es gab so viele Ängste, so viel Wut und Enttäuschung in ihr, die es ihr schwer machten die Worte richtig zu interpretieren.

Schickte Dunia sie nun auch weg? Versuchte die Schwester sie ebenso loszuwerden, wie es Caleb getan hatte? Nein, so durfte sie nicht denken. Oder? Ihr Blick fiel auf den Rucksack der gepackt bereit stand. War das ihr Weg? Oder sollte sie hier bleiben, bei Ilmy und Dunia und sich ebenso nützlich machen? Konnte sie das überhaupt? Und sollte sie Caleb erneut hinterher laufen? Wozu? Damit er eine weitere Gelegenheit bekam, ihr zu zeigen wie wenig er sie bei sich haben wollte? Das Mädchen war angespannt und man sah ihr ihre Überlegungen deutlich an. Das Mienenspiel in ihrem Gesicht zeugte von der Unerfahrenheit solche Situationen zu bewerkstelligen. Dass Dunia ihr nicht zeigte, dass es eine Entscheidung gab, die Madiha treffen konnte und Dunia gefallen könnte, bestätigte sie darin, dass sie keinen Platz hatte. Es war sicherlich ein gutherziger Akt, Madiha selber entscheiden zu lassen, doch das würde sie erst sehr sehr viel später in ihrem Leben verstehen können. Endlich öffneten sich die Lippen des Mädchens und doch entwich vorerst nur ein langer Atemzug. Madiha’s Haltung entspannte sich etwas, ehe sie den Blick vom Rucksack riss und Dunia anschaute. „Danke, Dunia. Für deine Hilfe und deine.. Geduld.“, sagte sie leise und die Unsicherheit, die Verlorenheit ob ihres Schicksals stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Madiha wusste nicht, was sie erwarten würde. Es war schlicht besser nichts zu erwarten, wie sie gerade erneut festgestellt hatte und so wollte sie es handhaben. Sie würde versuchen, ihren Weg woanders zu bestreiten. Sarma schuldete sie nichts und doch.. vielleicht kehrte sie irgendwann zurück und hatte ihren Platz gefunden. Jetzt jedoch, trieb sie die Aussicht auf etwas Besseres von hier fort. Nicht unbedingt zu ihm, Caleb. Er hatte sie enttäuscht und sie würde ihre Lehre daraus ziehen, wiedermal. Doch er war auch ihre Möglichkeit hier heraus und die wollte sie nicht ungenutzt lassen. Madiha griff mit kalten Fingern nach dem Rucksack und hob ihn an. Er war schwer und die Last erdrückte sie beinahe. Sie hätte hierbleiben können, hätte mit Ilmy helfen können. Doch ihr zerstörtes Selbstvertrauen und das Gefühl, nicht willkommen zu sein, das zweifelsohne aus ihr selbst entsprang, trieben sie weiter. Immer weiter. Madiha schulterte den Rucksack, bevor sie ihren Hosenbund verknotete, um ihn nicht immer halten zu müssen. Sie sah sich nach ihren Schuhen um, die sie in einer Ecke fand und mechanisch anzog. „Du weißt nicht zufällig, wie ich auf dem schnellsten Weg zum Hafen komme?“, fragte sie während des Anziehens. Dann blickte sie auf die Tasse Tee und zögerte kurz. Sie griff nach dem warmen Gefäß, hob es hoch und der Geruch von Melisse umfing sie. Er würde sie erinnern an das hier. Und an Dunia. Dann prostete sie der Krankenschwester zu, nahm einen kleinen Schluck und nickte. „Leb wohl, Dunia.“, meinte sie und dachte kurz an Ilmy.
Sie würde ihr auf Wiedersehen sagen, falls sie sich begegneten, denn sie wollte sich nicht aus dem Staub machen ohne Ilmengard Wollweber für ihre Freundschaft zu danken. Danach würde sie sich auf den Weg machen.. nicht zu Caleb. Er hatte nur die Idee, die sie übernehmen wollte. Nein, der Dieb hatte ihr bewiesen, dass er sie nicht bei sich haben wollte und so wählte Madiha eine andere Möglichkeit: Sie wollte raus aus Sarma, weg von einem Leben, dass für sie nur Sklaverei kannte. Und wenn Caleb ihre Möglichkeit dazu war, würde sie ihn nutzen, bis sie sich irgendwann alleine durchschlagen konnte.

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Re: Das Versteck der Anderen

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 30. September 2021, 19:34

Das Bild, das Dunia ihrem Gast bot, brachte Madihas Selbstbild ins Wanken. Immer hatte sie geglaubt, nur sich selbst vertrauen und sich demnach auch nur um sich selbst sorgen zu müssen. Niemals hätte sie geahnt, wie sehr sie doch andere Personen in ihr Herz ließ und das nur, weil sie wie Ilmy freundlich zu ihr waren oder wie Dunia streng, aber gerecht. Als sie die Pflegerin nun jedoch so erschüttert sah, machte sie eine für das Leben im Grunde typische Entdeckung. Die meisten bemerkten es als Jugendliche, vor allem bei den Eltern und wenn diese langsam in die Jahre kamen. Das Bild ihrer Erzeuger, Erzieher und Familienoberhäupter bekam Risse, bröckelte oder brach ganz in sich zusammen. Niemand konnte es leugnen. Jeden ereilte die Erkenntnis früher oder später, dass gewisse Vorbilder - im meisten Fall eben die Eltern - gar nicht die unerschütterlichen Helden waren, für die man sie immer gehalten hatte. Sie waren weder unverwundbar, noch besaßen sie Antworten auf all die Fragen und Probleme, die das Leben für Lebende bereit hielt. Auch sie konnten sich verletzten, sowohl körperlich als auch mental. Sie fochten ihren eigenen Kampf aus, jeden Tag und wussten selbst ebenso wenig, woher sie all die Kraft nehmen sollten, es bis zum nächsten Morgen zu schaffen. Nicht nur für sich, sondern auch für ihre Liebsten, seien es die Kinder, Nachbarn oder sogar Ältere, um die sie sich kümmerten. Sie wussten nichts, besaßen keine übernatürliche Gabe. Jeder einzelne von ihnen war genauso so verloren wie alle anderen, doch gegenüber Jüngeren, die zu einem aufsahen, verbarg man diese innere Unsicherheit. Wie sollte man es jenen auch beibringen, die in solchen Personen ein Idol sahen? Man musste ihnen stark und unverwundbar begegnen, allein schon, damit sie selbst danach strebten. Wen in jungen Jahren bereits die Erkenntnis ereilte, dass es keine unverwundbaren, allwissenden, unsterblichen Helden gab, fiel und würde niemals genug Kraft aufbringen, selbst zum Idol und starken Vorbild für andere zu werden, wenn es einmal soweit war.
Wie sah es nun mit Madiha aus? Wie jung war sie? Zu jung? Würde sie an dem Bild, das Dunia ihr bot, ebenfalls zerbrechen? Oder weckte es neue Kraft in ihr, geboren aus dem bloßen Trotz, sich nicht dieser erschütternden Erkenntnis hinzugeben? War sie stärker als diese Wahrheit des Erwachsenwerdens? Wuchs in ihr nicht sogar gerade das Bedrüfnis heran, etwas zu tun? Madiha war so. Sie konnte nicht untätig bleiben. Etwas brannte in ihr, wollte hinaus und Dunia helfen. Selbst bar jeder Logik, sie einfach zu verbrennen, damit sie ein Ende fände und nicht länger dieses Bild der Schwäche in die Welt brachte. Vielleicht erschreckte Madiha sich selbst vor diesen inneren Gedanken. Flüchtig entzündeten sie sich, wie ein Funken. Sie strahlten schnell auf, erloschen aber ebenso rasch wieder. Es sei denn, man schenkte ihnen genug Aufmerksamkeit, sowie Nahrung, damit der Funke zu einem gewaltigen Brandherd heranwuchs.
Madiha blieb vernünftig. Sie schürte das innere Feuer nicht. Sie barg es unter einer Löschdecke aus Mitgefühl und dem Willen, nicht untätig zu bleiben. Dunia mochte keine Kraft haben, etwas zu unternehmen. Madiha mochte diese vielleicht ebenfalls nicht aufbringen, aber das Mächen besaß eine gehörige Portion stoischen Trotz zum Ausgleich. Sie würde Caleb nicht einfach davonkommen lassen. Nicht so. Nicht mit Schwester Dunia, die allein gelassen hier saß und um diesen räudigen Dieb weinte! Nicht mit ihr selbst, die sich nicht hatte verabschieden können!
Madiha ließ ihr inneres Feuer nicht aufbrausen, dieses Mal nicht. Sie hätte zwar gern mit bloßer Faust Dunias Küchentisch zerschlagen, aber sie rührte sich nicht. Der Tee dampfte unangerührt vor ihr im Becher. Dafür aber verwandelte sich das Mädchen. Sie weckte kein inneres Feuer, sie wurde selbst zu einem. Dunia gab ihr mit jedem Wort Nahrung, das durch ihren Verstand sickerte. Schwester Dunia legte etwas wie eine Spur Hoffnung als schmalen Zweig auf den dicken Scheit ihrer Worte. Vielleicht würde Madiha sie nun auch verlassen. Vielleicht aber und da knackte der schmale Stecken, vielleicht zerrte das Mädchen Caleb auch an seinen Ohren zurück. Zurück zu ihr. Jemand tauschte die Rollen. Wo das Bild eines Idols in sich zusammenfiel, enstieg der Asche ein neues.
Das Vorbild aber griff nicht nach dem Strohhalm, den die Schwester ihr so unauffällig ihr es möglich war, entgegen hielt. Denn Dunia plante selten nur eine Richtung. Immerhin hatte sie nicht nur einen Weg aus dem Bordell gefunden - sofern das stimmte -, sondern war daraufhin mehr als einen Pfad gegangen. Pflegerin, Mitglied des Bundes der Wüstendiebe, interessierte Leserin über Meuchlergifte ... Sie plante in mehrere Richtungen und sie legte nun auch Madiha mehrere Pfade offen. Wenngleich sie die Hoffnung besaß, das Mädchen würde sich für einen entscheiden, den sie selbst nich hatte gehen können, versteckte Dunia vor ihr auch nicht einen anderen Weg, der sie selbst mit neuem Schmerz zurücklassen könnte. Natürlich waren die Bande zwischen beiden Frauen nicht so eng geknüpft worden wie es zwischen ihr und Caleb den Anschein hatte, aber es bestand kein Zweifel daran, dass Dunia ihre kleine Last vermissen würde. Ihre Schülerin. Ihr auferlegte Mündel, das sie mit so viel Stolz in den strengen Worten zur Prüfung für angehende Magier geschickt hatte. Sie ließ Madiha nur ungern ziehen, sollte es dazu kommen. Sie nahm Abschied. Nicht so wie Caleb.
Madiha haderte dennoch mit sich. Sie konnte sich nicht entscheiden. Weder, wie sie über ihre Möglichkeiten fühlen sollte, noch welche sie wählen würde. Ihr ganzes Leben war erneut aus allen Fugen geraten. Zwar lag vor ihr kein Scherbenhaufen, aber sie fühlte sich, als würde sie auf Eierschalen laufen müssen. Jeder Schritt schien irgendetwas zu zerbrechen. Wie sollte sie das Ende wohlbehalten erreichen?
Andererseits war es möglicherweise nötig, manche Dinge zu zerbrechen und in ihrer gewohnten Form enden zu lassen. Wo sie zerstört wurden, entstand Veränderung. Man musste zugreifen und sie zu etwas Nützlichem formen, ehe es zu spät wäre. Genauso wie man aus einer zerbrochenen Schale das Eigelb und den Dotter auffing, um eine Mahlzeit zu haben. Eine, die stärkte, satt machte. Wer zu lang wartete, verdarb sich den Magen.
Es wurde Zeit.
„Danke, Dunia. Für deine Hilfe und deine.. Geduld.“
Dunia lächelte. Nicht erleichtert, weil sie die kleine Last nicht länger würde tragen müssen. Hinter diesen Lippen verbarg sie tapfer die aufkommende Trauer um den bevorstehenden Verlust. Wer sich so bedankte wie Madiha, würde niemanden hierher zurückbringen. Es waren Worte des Aufbruchs. Noch jemand machte sich aus dem Staub.
"Du besitzt Anstand", erwiderte die Schwester. Sie streckte die Hand nach Madihas Fingern aus, umschloss und drückte sie. Ihr Griff war fest. Dunia nickte. "Verlier das nicht auf deiner Reise. Und ..." Sie seufzte, blinzelte verräterisch schnell mit den Wimpern. Dann lachte sie wehleidig auf. "Er ist ein undankbarer, egoistischer Dummkopf, dessen Schuhe in jedes Fettnäpfchen Celcias passen, als wären sie dafür gemacht! Er ... weiß es nicht besser. Er hatte es auch nicht leicht und ..." Die Schwester räusperte sich, nahm auch in ihren Formulierungen wieder Haltung an. "Hab ein Auge auf ihn, ja? Für mich. Er wird sich gewiss in Schwierigkeiten bringen und es würde mich beruhigen, wenigstens eine Stimme der Vernunft bei ihm zu wissen."
Selbst wenn Madiha bisher nur entschieden hatte, es dem Dieb nachzumachen und ihr Glück außerhalb von Sarma zu finden, so schien Dunia bereits zu wissen, dass sie ihre Reise nicht allein machen würde. Sie hatte geplant. Das tat sie immer. Und so löste sich ihre Hand von Madihas, als jene den Rucksack schulterte. Mit dem Finger wies sie an die Seite des schweren Gepäcks. Dort fand sich, an einer Lederlasche befestigt, ein schmaler Behälter. Länglich, schlank und aus verstärktem Leder ließ er sich mit mit einem Deckel verschließen.
"Eine Kartentasche", erklärte Dunia. "Es ist verboten, Karten von den unterirdischen Systemen der Wüstendiebe anfertigen zu lassen, deren Gänge auch direkt zum Hafen führen. Deshalb wäre es besser, du bringst die Papiere rasch von hier fort." Sie hatte es geahnt. Nein! Sie hatte es geplant, einen von vielen Wegen. Dass Madiha nun diesen ging, hatte selbst Dunia nicht wissen können.
„Leb wohl, Dunia.“
Erneut brachte Madiha ihr eigenes Weltbild ins schwanken. Dunia rang um Fassung. Sie atmete hörbar durch, straffte sich, konnte aber nicht mehr durch Blinzeln verhindern, dass Tränen über die Schwelle ihrer Lider schwappten und ihre Wangen benetzten. Also trug sie sie mit Würde, aufrechter Haltung und gerecktem Kopf. "Vergiss nicht: Perfektion. Also ... bleib genau so."
Sie konnte es nicht tun. So wie sie Caleb weder hatte aufhalten, noch ihn umarmen oder sich liebevoller von ihm verabschieden hatte können, genauso wenig konnte sie nun ihre Arme um Madiha legen. Die Worte und die Zeilen dazwischen mussten reichen. Es war mehr, als Dunia jemals zuvor im Leben anderen entgegengebracht hatte - mit einer Ausnahme. Und sie hoffte insgeheim, das Mädchen würde sich wenigstens diese Ausnahme zum Begleiter machen. Dass Caleb das Kind nicht von sich stieß, sollte sie ihn einholen, wusste sie. Darin hatte Dunia keine Zweifel. Sie kannte den Dieb.


Du kannst nun am Hafen Sarmas ein neues Thema eröffnen. Bitte gib mir dann per PN Bescheid, wo es weitergeht.
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