Überlebenskunst

Diese Schenke verdankt ihrem Namen der Hitze im Innern. Die Wüste Sar ist nichts dagegen. Manch einer fragt sich, wie es die Gäste überhaupt aushalten. Mit viel Wein und Wasser lautet die Antwort.
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Egge-Sheggede
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Überlebenskunst

Beitrag von Egge-Sheggede » Mittwoch 28. September 2011, 01:25

"Irgendwas stimmt nicht...", dachte sich Egge-Sheggede, als er durch die große Tür des "glühenden Gasthauses" trat. Die letzten paar Tage hatte er sich auf dieser gottverdammten Insel mit Temperaturen herumgeschlagen, die den Schweiß beinahe schon wieder verdampfen ließen, doch heute hatte das Wetter sich ein wenig geändert, Wolken bedeckten den Himmel und gaben Schutz vor der sengeden Sonne. Fröhlich über dieses angenehmerer Klima wollte Egge-Sheggede nichtsahnend in dieses Gasthaus um erneut wieder mit einer Hitze Konfrontiert zu werden, die der Wüste, die sich um die Stadt herum erstreckte, alle Ehre machte. Jeder einzelne der Menschen - und natürlich auch sonstigen Lebewesen - wirkte wie ein kleiner Ofen und wärmte das Gasthaus so ein wenig mehr auf. Anscheinend hatte der Architekt des Hauses nicht sonderlich viele Gedanken über die Belüftung der Stube gemacht, die Luft schmeckte nämlich alt und abgestanden. Die Stimmung in der Gaststätte war angeheitert fröhlich, genau nach dem Geschmack des reisenden Spielers. Der Großteil der Besucher waren einfache Leute wie Seemänner oder Tagelöhner. An einem eher abseits stehenden Tasch sah Egge-Sheggede zwei etwas besser gekleidete Männer sitzen, die wahrscheinlich Händler waren. Ein wunderschönes Barmädchen - wallendes blondes Haar, ein wenig größer als die Durchschnittsfrau und eine Figur wie sie einer Göttin gebührte - lief mit einem Tablett voller leerer Gläser am Landstreicher vorbei, zweinkerte ihm zu und bat ihn freundlich herein. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht folgte Egge-Sheggede der Einladung der Dame und setzte sich dann an einen der wenigen freien Plätze am Rand des Thresens. Die Laute lehnte der Musiker wie immer an die Theke neben sich und passte auf, dass niemand ausversehen dagegen stoßen und sie umwerfen würde. Ein etwas übergewichtiger Gastwirt mit dicken Backen und einer weißen Schürze um den Wanst kam nach einigen Augenblicken zum Reisenden und sprach mit einem etwas kommisch klingenden Akzent: "Mahlzeit, junger Mann, un' willkommen hier im glüh'nd'n Gast'aus. Was willste denn zum trinken ham?" Egge-Sheggede musste an die überaus leichte und wenig gefüllte Geldbörse denken, die er mit sich herumschleppte. In manchen Ländern war es Brauch, dass man im Gasthaus Wasser umsonst bekam, doch hier in einem Wüstenstaat wäre nach kostenlosem Wasser zu fragen wohl recht unverschämt. "Der junge Mann hat einen Vorschlag zu machen. Ich bin Egge-Sheggede," Bei diesen Worten zog er auf übertriebene Art den Hut und hielt in sich nach einigen Schlenkern vor die Brust. Zudem deutete er eine Verbeugung an, mehr war im Sitzen nicht möglich. "meines Zeichens Musiker, Geschichtenerzähler und Unterhalter. Und zudem leider recht mittellos. Was haltet ihr davon, dass ich Eure Kundschaft ein wenig bei Laune halte und dafür gebt ihr mir ein Bier und eine kleine Mahlzeit aus und ich kann meinen Wasserschlauch bei Euch wieder auffüllen? " Der Gastwirt blickte Egge-Sheggede einen kurzen Moment, in dem der Musiker seinen Hut wieder aufzog, an und nickte. "Ja, nach sowas siehste aus. Ich sach dir, das Wasser und das Bier bekommste jetz gleich, was zu Fuddern gibts dann hinnerher. Ham wir ein Jeschäft?" Der Musiker bejahte, hielt dem Wirt seine Hand zum Einschlagen hin und nachdem kräftig geschüttelt wurde gab der Reisende seinen Trinkschlauch ab und bekam ihn gefüllt und in Begleitung eines Kruges kühlen Bieres wieder. Zu schade nur dass Egge-Sheggede am Thresen saß; wäre er an einem Tisch gesessen so hätte vielleicht die Barmaid seinen Trunk gebracht. Nachdem Durst und Hitze zeitweise mit einem tiefen Schluck des nicht sonderlich berauschend schmeckenden Bieres beseitigt worden waren suchte der Unterhaltungskünstler nach einer geeigneten Bühne. Einen freien Tisch, auf den er sich stellen konnte, gab es leider derzeit nicht, doch ein altes Fass, das zur Dekoration an einer Seite des Schankraumes stand, würde wahrscheinlich auch reichen. Den Rucksack, den Egge-Sheggede immer bei sich trug, sowie den ausgefransten grünen Umhang legte er neben das Fass, das Bier stellte er auf einen Fenstersims in der direkten Reichweite. Dann machte der Spielmann einen großen Satz, der ihn auf das Fass beförderte. Oben angekommen nahm er die beiden kleinen Finger in den Mund und stieß einen durchdringenden Pfiff auf, der fasz das ganze Gasthasu dazu brachte, einen Moment lang still zu sein und sich zur Quelle dieses Geräusches hin umzudrehen. "Hört, hört, ihr guten Leut', Mannen und Damen, ich will euch allen diebesgleich einen kurzen Moment eurer Zeit und rauben, euch ein wenig Aufmerksamkeit stehlen und darauf hinweisen, dass ich ab sofort alle geschätzten Beuscher des "glühenden Gasthauses" mit Spiel und Gesang erfreuen möchte. Höret mir zu oder lasset es bleiben, doch wisset, dass des Musikers schönster Lohn ein begeistertes Publikum ist." Einige Leute widmeten sich wieder ihren Gesprächspartnern, andere blieben mit ihren Blicken bei Egge-Sheggede. Das war aber ganz normal so, man konnte Leute nicht dazu zwingen, einem Musiker zuzuhören. Wer zum Beispiel gerade mit einer schönen Dame zu Tische saß, dem war es nicht zu verübeln, wenn er sich eher ihr widmete als dem Spielmann. Allgemein verübelte es Egge-Sheggede niemandem wenn er sich nicht auf ihn konzentrierte. Dass jedoch ein paar der Augenpaare weiterhin erwartungsvoll zu ihm aufschauten stimmte ihn glücklich. "Wenn euch meine Kunst gefällt, so ist ein reisender Musiker immer erfreut vom Anblick einiger Münzen in seinem Hute." Geschickt schnippt der Spielmann von unten gegen seine Hutkrempe worauf hin diese wirbelnd in die Luft flog nur um einen Augeblick später gefangen zu werden. Egge-Sheggede warf den Hut vor das Fass auf den Boden und nahm dann seine Laute. "Doch genug des Geredes, so fangen wir denn an." Welches Lied der Musiker zum Besten geben würde, hatte er sich schon wärend seiner einleitenden Worte überlegt. Zur Eileitung zupfte er über den Akkorden C und G, aus denen auch der Großteil des Liedes bestand, eine lustige Melodie, dann schlug er den G-Akkord komplett an und ließ ihn eine kleine Weile in das Gasthaus hinenhallen. Nach einem tiefen Atemzug begann er dann, dass recht schnelle Lied zum Lautenspiel zu singen.
  • "Ich fuhr einst auf großen Schiffe quer über die Meere von dieser Welt,
    bestaunte die Wellen und Inseln und Riffe und auch un'sren Käpt'n, denn der war ein Held.
    Der hatte so manche Seeschlacht geschlagen und keine Seefahrt schien dem Käpt'n zu schwer,
    er hatte gekämpft gegen wilde Piraten und außerdem konnt' keiner trinken wie er.

    Rum und Schnapps und Wein und Bier,
    Nicht eins, nicht zwei, nicht drei, nicht vier,
    und wer nur vier Gläser trinken kann,
    ja den holtder Klabautermann.

    Der Kapt'n hatt' wertvolle Fracht aufgeladen, drei Truhen Gold im Schiffsbauch versteckt,
    ein diebischer Seemann hat davon erfahren und die Finger tief in die Truh'n reingesteckt.
    Doch unser Kapt'n has mitbekommen, er hat den Seemann sehr heftig verhaut
    und als er denn Dieb in die Zelle gesteckt hat rief er zur Feier des Tages ganz laut:

    Rum und Schnapps und Wein und Bier,
    Nicht eins, nicht zwei, nicht drei, nicht vier,
    und wer nur vier Gläser trinken kann,
    ja den holt der Klabautermann.

    Am nächsten Tag zog auf ein Sturm, die Wellen schlugen bis an das Deck
    und wenn man sich nicht recht festhalten konnte, dann kam 'ne Welle und man war weg.
    Doch uns'ren Kapt'n bringt nichts aus der Ruh', er schiffte uns auch raus aus dieser Gefahr,
    dann rief er laut: "So, jetzt was zu trinken und dann ist doch alles wunderbar."

    Rum und Schnapps und Wein und Bier,
    Nicht eins, nicht zwei, nicht drei, nicht vier,
    und wer nur vier Gläser trinken kann,
    ja den holt der Klabautermann.

    Als wir in den Hafen liefen ein und alle Mann gingen vom Schiff aus an Land
    da hat unser Käpt'n zu uns noch gesagt: "Die Schiffahrt mit euch war sehr int'ressant.
    Wir hatten so manches Abenteuer, so muss 'ne Seefahrt eigentlich sein."
    Und als er dann wieder anfing mit singen, da stimmten wir alle jubelnd mit ein:

    Rum und Schnapps und Wein und Bier,
    Nicht eins, nicht zwei, nicht drei, nicht vier,
    und wer nur vier Gläser trinken kann,
    ja den holt der Klabautermann.

    Rum und Schnapps und Wein und Bier,
    Nicht eins, nicht zwei, nicht drei, nicht vier,
    und wer nur vier Gläser trinken kann,
    ja den holt der Klabautermann."

    Versteckt:Versteckten Text anzeigen
    OT-Information: Vom Rythmus und Melodie ist das Lied etwa damit zu vergleichen.
Egge-Sheggede grinste, denn beim letzten Refrain hatten eine angeheiterte Gasthausbesucher laut mitgejohlt - ein Zeichen dafür dass es gefallen hatte. Als er zu Ende gespielte hatte klatschte der Großteil der Zuhörer Beifall, der Spielmann würdigte das seinem Publikum mit einer tiefen Verbeugung. Vom Musizieren durstig nahm der Reisende seinen Bierkrug und trank einen Schluck des mittlerweile angewärmten Gerstensaftes. Dann winkte er den Angetrunkenen zu, die mitgesungen hatte, und verkündete dann allen, die es interessiert: "Danke, verehrte Spektatores, danke. Ich hoffe, euch hat mein Spiel gefallen." Als die Worte im Raum verhallt und unter den wieder aufkeimenden Gesprächen Anderer verschwunden waren hüpfte Egge-Sheggede von seinem Fässchen, legte den Hut darauf dass man soenden konnte wenn man wollte, und setzte sich mit seinem Hab und Gut an den Tisch der Angetrunkenen, wo er schwungvoll mit Schulterklatschern und dergleichen empfangen wurde. Der Spieler schloss einen kurzen Moment die Augen, lehnte sich in seinen Stuhl und trank einen weiteren Schluck Bier, dann hörte er seinen Magen grummeln und blickte zu Gastwirt hinüber. Hatte diesem Egge-Sheggedes Lied so sehr gefallen, dass er ihm nun etwas zu Essen spendieren würde? Der Spielmann war gespannt.

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Re: Überlebenskunst

Beitrag von Erzähler » Samstag 1. Oktober 2011, 14:42

Egge-Sheggede würde sich noch wundern, wenn er die Schenke des Nachts verließ. Zwar war es um diese Jahreszeit wärmer, als in anderen Regionen Celcia's, doch die Temperaturen kletterten selten des Tages auf über 5 Grad. Es war eine trockene Kälte und damit nicht ganz so dramatisch, wie eine nasse. Nachts fielen die Temperaturen deutlich in den Minusbereich, was das Übernachten in einer Unterkunft nötig machte. Das volle Gasthaus war der beste Beweis dafür, dass eben die Temperaturen nicht zum Draußen-Sein anregten, sondern sich Gesellige jedweder Rasse in das Gasthaus schlugen. Hier war es warm und laut, die Stimmung zufriedenstellend. Der Wirt hatte diese Jahreszeit am Liebsten, da eben die Kälte die Durstigen hertrieb. Zufrieden stand er an seinem Thresen und erteilte - wie es für einen guten Besitzer üblich war - Anweisungen an seine Schankkraft. Das Mädchen wirbelte mit einer ansteckenden Leichtigkeit durch den besetzten Schankraum und bediente was das Zeug hielt.

Erst als Egge-Sheggede sich an den Thresen setzte, wurden die Beine des Mannes gelockert und er wuchtete seinen Wanst zu ihm herüber. In typischer "Ich-bin-der-Barmann"-Manier, lehnte er seine Arme auf den Thresen und schaute den Neuankömmling an. Er versuchte Egge-Sheggede zunächs auf Sendli - der einheimischen Sprache - anzusprechen, doch als der junge Mann etwas ahnungslos dreinschaute, schwenkte der Wirt auf celcianisch um und die beiden konnten ihr Geschäft abfertigen. Im Nu hatte Egge-Sheggede seine Laute gepackt und erheiterte das Publikum mit seinem Gesang. Einige stimmten fröhlich mit ein, andere scherten sich nicht darum und wieder andere fühlten sich sogar etwas dadurch gestört. Böse Blicke lasteten auf dem Spielmann und verärgertes Gerede machte sich breit. Nachdem Egge-Sheggede geendet hatte, verblassten die bösen Blicke und es kehrte etwas Ruhe ein. Das war natürlich die Gefahr in diesem Gewerbe: Man konnte es nicht allen recht machen und hin und wieder musste auch der Spielmann seine Niederlage einstecken und wurde kurzerhand aus der Schenke geworfen, sofoern sich genug Gegner fanden. Dann war oft nichts mehr mit seinem Handel und der Wirt hatte einen netten Reibach gemacht. Doch dieser hier war fair und gab dem Reisenden einen Teil der "Bezahlung" bevor er seine Arbeit getan hatte - ein mächtiger Vertrauensbweis. Egge-Sheggede hätte ja auch daneben hauen können. Doch ein Teil der Bezahlung steht nun noch aus und hoffnungsvoll, wandte sich der Spielmann an den Wirt. Dieser fing seinen Blick auf und nickte zur Bestätigung. Er sprach kurz mit dem blonden Mädchen, welches dann eine Suppe und ein Stück Brot auf ihr Tablett stellte und federleicht zu Egge-Sheggede schwebte. Sie platzierte alles vor ihm auf den Tisch und zwinkerte, nahm die Bestellungen der anderen Männer am Tisch auf und flog wieder von dannen.

Die Suppe, dampfend und heiß, war zwar nicht das Beste was es gab, doch sie schmeckte einigermaßen, war gut gewürzt und füllte den Bauch. Das Mädchen, welches dem Singenden bereits aufgefallen war, hatte inzwischen ein reges Interesse an Egge-Sheggede entwickelt. Sie brachte die Getränke der anderen am Tisch und stieß dann den jungen Barden scheinbar zufällig an. Dabei verschüttete die Blonde etwas auf ihrem Tablett, was es nötig machte, dass sie dies bereinigte. Sie griff nach dem Tuch an ihrer Schürze und dabei fiel, ungesehen von jedem anderen am Tisch, ein kleiner Zettel heraus, direkt auf Egge-Sheggedes Bein. Sie entschuldigte sich mit einem erfrischendem Lächeln bei all den Anwesenden und eilte von dannen, um die Kleckerei zu entfernen. Nach diesem seltsamen Moment, ging alles seinen gewohnten Gang. Das Mädchen schien den Barden nicht weiter zu beachten und es war nun an Egge-Sheggede, das seltsame Verhalten des Mädchen's zu erklären.
Sollte der junge Mann den Zettel öffnen, so würde er in krackeliger Handschrift eine Notiz erkennen können. War er in der Lage das Geschriebene zu entziffern? Immerhin war sein Lesen und Schreiben gleichermaßen schlecht und doch erschien es unbedingt erforderlich, dass er erfuhr, was auf dem Zettel stand. Denn am Ende des Satzes, vielleicht vermochte er das zu erkennen, prunkte ein Ausrufungszeichen. Es musste sich um etwas Wichtiges handeln. Sollte er jemanden fragen, wenn er es nicht selbst lesen konnte? Aber wenn er das tat, wie konnte er sicher sein, dass ihm auch mitgeteilt wurde, was dort stand? Oder woher sollte er wissen, dass es nicht absolut nur für ihn bestimmt war? Oder sollte er das Mädchen darauf einfach ansprechen und gestehen, dass er es nicht lesen konnte?

Falls der junge Barde doch genug der geschriebenen Sprache mächtig war, so würde er folgende Notiz lesen können: Gefahr. Triff mich draußen!
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Re: Überlebenskunst

Beitrag von Egge-Sheggede » Sonntag 2. Oktober 2011, 01:18

Erleichtert atmete Egge-Sheggede auf, als er den Blick des Gastwirtes sah. Scheinbar war der Wirtshausbesitzer zufrieden gewesen mit der Vorstellung des Barden, denn er wies die gutaaussehende Schankmaid etwas an, woraufhin diese einen Suppenteller und ein Stück Brot auf ihr Tablett lud und es zu Egge-Sheggede brachte. Als sie sich ein wenig nach vorn lehnte um Teller und Brot auf dem Tisch vor dem Glücklichen zu platzieren, konnte der Taschenspieler nicht wiederstehen, einen genaueren Blick auf die Dame zu werfen. Ihr schöner Hals fiel dem jungen Mann am meisten auf. Die Haut war ebenmäßig, glatt und sah zart aus. Eine kleine Schweißperle, die wohl von der Hitze des Gasthauses aus den Poren der Schönheit gelockt worden war, rann von der Schläfe aus am Ohr entlang und dann eben jenen Schwanenhals hinab wo sie letzten Endes unter dem Kleid der Frau verschwand. Als Egge-Sheggede tief einatmete konnte er die Dame vor sich sogar riechen; sie hatte einen sehr angenehmen, natürlichen Geruch. Der Gaukler mochte Parfum nicht, Männer und Frauen, die sich damit einschmierten, wollten ihren natürlichen Duft verbergen, als wäre er eine Abscheulichkeit oder ein hässliches Monster. Wer stattdessen sich selbst und alles an sich akzeptieren und lieben konnte, der konnte auch wahrlich glüklich werden. Bevor die Dame wieder verschwinden musste ließ sie dem Spieler noch ein Zwinkern zum Abschied da, das wie ein stilles Versprechen aussah. Dass die anderen Männer am Tisch noch alle ein Bier bestellt hatten war dem Weltenbummler entgangen, so sehr war er von der Schankmaid verzaubert worden. Ihr Geruch verblieb sogar noch einige Augenblicke lang an Egge-Sheggedes Platz bevor er dem Duft der Suppe wich. "Frauen, meine größte Schwäche.", gestand sich der Barde in Gedanken selbst ein.

Ein kräftiger Klapps auf seinem Rücken, der Egge-Sheggede beinahe gegen den Tisch drückte, riss ihn aus seinen Gedanken. "Lass es dir mal schmecken, Barde!", rief einer seiner Tischgenossen und verlor dabei ein Stück des Fleisches, das er gerade aß, aus seinem Mund. Es verhedderte sich im dunklen, zotteligen Bart des Mannes und blieb da hängen. "Ebenso, mein Bester.", antwortete der Spielmann munter und bugsierte einen Löffel der Suppe geschickt und ohne auch nur einen Tropfen zu verlieren in den Mund. Das Essen schmeckte weder besonder gut noch besonders schlecht, doch es war warm und vor allem kostenlos. Zudem war die Portion recht groß und zusammen mit dem Brot würde es locker reichen um den Hunger des Spielmannes zu stillen. Das Brotstück war leider zu klein um einen Teil davon für denn folgenden Tag aufzusparen und einzupacken, zudem würde es wahrscheinlich recht unhöflich wirken. Als Egge-Sheggede ein paar Löffelchen voll Suppe zu sich genommen hatte fing sein Magen an, Blut zu wittern. Erst jetzt bemerkte der Spieler nämlich, wie hungrig er wirklich gewesen war. Mit der Zeit lernte man, den Hunger so lange zu ignorieren bis es lebensgefährlich wurde oder man etwas zu Essen gefunden hatte. Jetzt, da Egge-Sheggede einmal mit dem Essen angefangen hatte, verlangte es ihm ein hohes Maß an Selbstbeherrschung ab, die Suppe nicht im Unverstand herunterzuschlingen, den Teller einfach an die Lippen zu setzten und die heiße Brühe wie Wasser herunterzukippen. Bei den Tischmanieren der Leutchen um ihn herum würde er wahrscheinlich damit noch nicht einmal auffallen, dennoch zügelte der Barde seine Hand und aß so langsam und kontrolliert wie möglich. Aß man langsam konnte man nämlich länger essen.

Als die Schankmaid das nächste Mal zum Tisch kam um den anderen die Getränke zu bringen war der Barde gerade noch am essen. Dabei musste er sie wohl mit dem Ellenbogen angerempelt haben, denn für einen kurzen Moment strauchelte die Blondine, kam aus dem Gleichgewicht und verschüttete ein wenig Bier auf ihr Tablett. "Oh, ich bitte inständigst um Verzeihung, die Dame.", sprach er ihr sofort entschuldigend entgegen, doch die Schankkraft nickte ihm nur kurz zu und machte sich dann daran, ihr Tablett zu säubern. Als sie begann, mit einem mitgeführten Tuch den verschütteten Gerstensaft aufzuwischen, hatte der Spieler noch einmal die Gelegenheit, die Frau vor sich zu betrachten. Dieses Mal blieb er nicht am Hals hängen sondern bestaunte das Gesicht der Dame. Ihr strahlenden blauen Augen hatten etwas von einem seichten Teich, in dem man im Sommer schwimmen ging. Wie auch am Hals war ihre Haut im Gesicht wunderschön und ebenmäßig, die Lippen waren von einem sinnlichen hellrot und eine kleine Stupsnase rundete das ganze noch ab. Die Frau war wirklich der sprichwörtliche Hammer. Doch etwas stimmte nicht. Egge-Sheggede entging nicht, dass die Augen der Schönheit von Zeit zu Zeit unruhig hin und her huschten, beinahe so als würde die Dame versuchen, etwas auszumachen was nicht da war. Ihr scheinbar perfektes Lächeln wirkte bei genauerem Betrachten aufgesetzt und auch die Stirn der Blondine kräuselte sich ein wenig. Sie wirkte besorgt, wenn nicht sogar beunruhigt. War es wegen dem verschütteten Getränk oder war sie schon die ganze Zeit in dieser Stimmung? Egge-Sheggede versuchte, sich an die vorherigen Begegnungen mit der Schankmaid zu erinnern, doch als er sie beim Betreten des Gasthaus bemerkt hatte war sie zu weit weg gewesen und beim zweiten Mal, als sie dem Musiker seine Suppe brachte, hatte der Spielmann auf anderes geachtet. Doch ehe er das Mädchen noch weiter betrachten und mehr aus ihren Handlungen und Blicken lesen konnte, entschuldigte sie sich mit ihrer engelsglockengleichen Stimme für den Vorfall und eilte letztlich von dannen.

Erst einige Momente später fiel dem Spieler das kleine Zettelchen in seinem Schoß auf. Diesen musste die Schankmaid dort platziert haben, jemand anderes konnte es gar nicht gewesen sein. Innerlich nickte er ihr anerkennend für diese Gechicklichkeit zu - Nicht einem Egge-Sheggede selbst hatte diese List bemerkt und er hatte eigentlich Talent für derart Heimlichkeiten. Das Mädchen musste filnke Finger haben. - während er das letzten Bisschen Suppe aus dem Teller mit seinem letzten Stückchen Brot aufsog und dieses dann mit einem großen Bissen verspeißte. Unauffällig faltete er mit der linken Hand die kleine Notitz in seinem Schoß auseinander während er mit der Rechten seinen nun auch bald leeren Bierkrug zum Munde führte und einen kleinen Schluck nahm. Als das Stück Papier entfalten war, erkannte der Barde etwas, was ihm nicht gefiel: Wörter. Er hätte ja damit rechnen können das auf einem Zettel, der ihm zugeschoben wurde, etwas geschrieben stand. Nun musste der Reisende nur noch entschlüsseln, was genau die Bedienstete des Gasthauses dem Spieler nun mitteilen wollte. "Komm schon, Lydia hat mal angefangen dir das beizubringen. Du schaffst das.", feuerte Egge-Sheggede sich in Gedanken selbst an, doch außer den 2 "a"s konnte der Bauernjunge nur erkennen, das wohl kein "O" dabei war, denn die waren so schön rund und leicht zu merken gewesen. Wie nun konnte Egge-Sheggede entziffern was dort geschrieben stand? Er konnte einen von seinen Tischgesellen fragen, doch dann fiel ihm das eigenartige Verhalten der Schankfrau wieder ein. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, mit dem Zettel herumzuwinken und andere zu bitten, ihn vorzulesen.

Egge-Sheggedes Blick machte die Runde an seinem Tisch und tastete jeden der fünf Männer gut ab. Ihre Trunkenheit war in allen Fällen schon weit fortgeschritten, sie sahen aus wie einfache Arbeiter die ihren wohlverdienten Feierabend genossen und all zu helle wirkten sie auch nicht. Er traute ihnen, vielleicht konnte der Taschenspieler ja ein wenig mit ihnen improvisieren. "Hört mal her, Freunde, höret!", verkündete er überschwänglich und bekam sofort die Aufmerksamkeit der Tischgenossen. "Ich mag zwar kein Magier sein, aber ich werde es dennoch schaffen, ein wenig Zauberei in diesen Raum zu bringen um euch auch weiterhin zu unterhalten." Fünf Augenpaare verharrten mehr oder wenig auf dem Reisenden als dieser sich, ohne vom Stuhl aufzustehen, zum Boden bückte und seinen Rucksack nach seinem Kartenspiel durchsuchte. Als er fündig wurde nahm er die oberste Karte und versteckte sie in der rechten Handfläche, wobei der Tisch und Egge-Sheggedes Oberkörper diesen Handgriff vor den fünf Zuschauern verbarg. Das Kartenspiel hielt der Spieler in der linken Hand, mit den Kartenrücken nach oben, knapp über der Tischkante während die rechte Hand langsam in Egge-Sheggedes Schoß wanderte und die einzelne Karte dort mit dem Zettelchen der Schankmaid tauschte. Da für viele Kartenspiele die beiden Narren, die bei Egge-Sheggedes Kartenspiel druckgleich waren, nicht benötigt wurden, war es nur ganz normal, dass man sie entweder ganz oben oder ganz unten im Kartenstapel lagerte. Wenn man dann ein Spiel beginnen wollte, konnte man einfach die obersten oder untersten beiden Karten weglegen und hatte damit die Narren entfernt ohne den ganze Stapel durchsuchen zu müssen. Und wenn man fertig gespielt hatte legte man die Narren einfach wieder unter den Stapel oder - wie Egge-Sheggede es bevorzugte - oben drauf. Einer der Narren lag nun im Schoße des Spieleres, der andere befand sich noch an oberster Stelle Stapels. Geschickt schnippte der linke Daumen eben jenen Narren vom Kartenspiel so herunter, dass er sich auf dem Weg nach unten ein halbes mal drehte und mit dem Gesicht nach oben auf dem Tisch landete. In bunten Klamotten und mit Narrenmütze drehte er den Betrachtern eine Nase. "Das ist einer meiner besten Freunde und ich hab ihm einen Brief geschrieben." Bei diesen Worten zog der Zaubernde das kleine Zettelchen hervor und legte es auf den Tisch. "Leider hab ich meinen Freund irgendwann aus den Augen verloren." Egge-Sheggede nahm den Narren, schob ihn in in die Mitte des Kartenspieles und hob dann zusätzlich den Stapel noch drei, viermal kunstvoll ab. Dabei teilte er das Kartenspiel nicht nur in zwei kleine Stapel sondern in drei oder vier, die er kunstvoll zwischen den beiden Händen hin und herschob, kreisen ließ und dergleichen. Das sah nicht nur eindrucksvoll aus sondern erfüllte auch einen Zweck: Das erste Abheben beförderte den Narren, den der Falschspieler in den Stapel gesteckt hatte, wieder nach oben auf das Deck. Das war eine elementare Technik, die er schon tausende Male benutzt hatte und so funktionierte, dass man den Stapel dort, wo man die Karte hineinschob, auf der dem Zaubernden zugewandten Seite ein wenig auseinanderhielt und einen kleinen Spalt erschuf. Hob man nun an exakt dieser Lücke ab, so landete die Karte wieder oben auf dem Stapel. Die restlichen Bewegungen sahen imposant aus, veränderten aber die Reihenfolge des Stapels nicht im geringsten. So lag nun einer der beiden Narren in Egge-Sheggedes Schoß und der andere auf dem Kartenstapel oben drauf. "Deswegen kann die Post ihm den Brief nicht zustellen. Aber irgendwo hier drin in dem Stapel muss er ja sein. Mag jemand mal den Brief vorlesen, vielleicht bekommt mein Freund das ja mit." Der Mann mit dem Fleischklumpen im Bart griff nach dem Zettel und als er ihn außeinanderfaltete hielt der Spieler den Kartenstapel ein wenig näher zu seinem Tischnachbarn, so als könne der Narr ihn dadurch besser verstehen. Mit rumpelnder Stimme verkündete der Trinker: "Gefahr. Triff mich draußen! :" Die Worte ließen Egge-Sheggedes Gedanken sich überschlagen. Bevor er aber über sie und ihre Bedeutung nachdenken konnte musste er das hier fertig bringen, sonst würden die Tischgesellen vermutlich noch Verdacht schöpfen. Während seiner nächsten Sätze wanderte die rechte Hand des Barden wieder in den Schoß, um den Narren dort auf die selbe Art und Weise wie schon zuvor in der Handfläche zu verstecken. "Ja, bei solchen Themen ist es natürlich sehr ungeschickt, wenn die Briefe nicht zugestellt ankommen, oder? Ich habe irgendwann mitbekommen, dass ein verrückter Zauberer in die Stadt..." Dabei hielt er das Kartenspiel ein wenig nach oben. "...gezogen war und dort herumexperimentierte. Daher wollte ich, dass mein Freund sich mit mir vor den Stadttoren trifft um über einen Urlaub zu reden, weit weg von komischen Zauberern. Aber als ich ihn dann besuchen wollte stand ich gerade noch ein paar Schritte von den Stadtmauern entfernt als eine gewaltige Explosion..." Während dem letzten Satz hatte Egge-Sheggede den Kartenstapel umgederht sodass nun die Bilder der Karten nach oben zeigten und - viel wichtiger - der zweite Narr nun ganz unten war. Bei den Worten "gewaltige Explosion" bog der Falschspieler den Kartenstapel mit der linken Hand so, dass er sich nach oben wölbte. Als er dan den Druck aus der Hand nahm wurden die Karten wie ein Geysir oder eine Fontäne nach oben in die Luft geschleudert. Nur die letzte Karte, den Narren, hielt er fest, drehte die Hand sofort um und legte sie so auf den Tisch, dass sie den Narren darin verdeckte. Die rechte Hand des Zauberers hielt nun einen der beiden Narren versteckt, der zweite lag auf dem Tisch und die linke Hand Egge-Sheggedes lag darüber. Die restlichen Karten fielen langsam zu Boden während der Spieler weiterredete: "...die Hälfte der Stadt in die Luft sprengte. Zauberer, Leute, ich sag´s euch, sind gefährlich. Aber mein Freund..." Egge-Sheggede zog die linke Hand weg und offenbarte damit dass eine Karte auf dem Tisch lag. Sie zeigte jedoch mit dem Rücken nach oben, daher konnte man nicht sehen, um welche Karte es sich handelte. Mit der rechten Hand fuhr der Spieler nun über die Karte und nahm sie auf, dabei ließ er den zweiten Narren so auf die Karte fallen, dass er komplett verdeckt wurde. "...hat es natürlich heil rausgeschafft." Mit diesen Worten drehte Egge-Sheggede die rechte Hand um und offenbarte den Narren, der darin lag. "Und wir haben uns sogar gefunden." Ein kleines Schnipsen mit der linken Hand und ein kleines Schieben mit dem rechten Daumen vollendeten den Effekt und ließen aus dem einen Narren zwei werden. Anerkennender Beifall von den Tischgesellen und Erleichterung bei Egge-Sheggede, dass sie ihm seine inprovisierte Geschichte abgekauft hatten - "Gepriesen sei der Alkohol!" - beschäftigten den Spieler als er sich seinen anderen Karten, die auf dem Boden lagen, zuwandte und alle 52 aufhob. Einige waren schutzig, andere kleibrig weil sie in eine kleine Bierlache gefallen waren, das Spiel musste erst gereinigt werden bevor Egge-Sheggede damit wieder arbeiten konnte. Damit war eine Einnahmequelle des Abends im Eimer, doch der Inhalt des Zettelchens machte dem Spieler deutlich mehr Sorgen.

Als die Karten wieder im Rucksack verstaut waren nahm Egge-Sheggede einen tiefen Schluck aus seinem Bierkrug und leerte ihn damit. "Ich bin mal schnell ein wenig frische Luft ergattern, Kameraden. Bis gleich.", verkündete er der Runde, salutierte, und verzog sich dann. Vorsichtshalber nahm er Rucksack, Umhang und Laute gleich mit und vor allem den Hut, in dem sich ein wenig Kleingeld gesammelt hatte, welches hastig in den Rucksack gesteckt wurde, ließ der Landstreicher nicht zurück. All sein Hab und Gut bei sich tragend ging er durch das volle Gasthaus hinaus in die blaue, kalte Nacht. Es war wirklich eisig geworden, der Musiker bekam eine Gänsehaut und es schüttlte ihn kurz als er auf die Straße vor dem Gasthaus trat. Der Mond war aufgegangen und blickte auf den Falschspieler herab; funkelnde Sterne glitzerten am wolkenlosen Firmament und ließen Egge-Sheggede abschweifen. Ob Lydia sich wohl auch gerade die Sternlein ansah? Mit dem Blick in den Himmel gerichtet aber hellwachen, aufmerksamen Ohren stand der Spieler eine Weile dort draußen und wartete darauf, dass die holde Maid ihn denn besuchen würde, auf dass er sie rittersgleich von grimmigem Unheil bewahren konnte. Ja, das hörte sich nach einem neuen Abenteuer und einem neuen Lied an. Egge-Sheggede war gespannt.

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Re: Überlebenskunst

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 20. Oktober 2011, 23:17

Der Barde schnappte sein Hab und Gut und trat hinaus.
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