Des Schattens Lehrling

Das Zentrum der celcianischen Diebesgilde und Sitz dessen Patrons. Dieser rühmliche Palast befindet sich unterirdisch und ist nur Mitgliedern der Diebesgilde bekannt.
Er beherbergt neben geraubten Schätzen und einem eigenen Manthala-Tempel auch den sogenannten Schatzgang.
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Fran Flickenschuh
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Des Schattens Lehrling

Beitrag von Fran Flickenschuh » Dienstag 14. November 2017, 09:37

Fran rieb sich den Schlaf aus den Augen. So einen gesegneten Schlaf wie dieses Mal hatte er lange nicht mehr gehabt. Einen tiefen, traumlosen Schlaf, ohne von den Schmerzen des Hungers oder der Kälte wach gerüttelt zu werden. Seine Augen blinzelten und suchten Orientierung. Er versuchte sich zu entsinnen, wo er war, wie er her gekommen war und wie er die Ruhe gefunden hatte, ohne Angst vor dem Einschlafen verspürt zu haben. Nach dem Tod seiner Eltern war diese nämlich sein ständiger und einziger, treuer Begleiter im Wohnviertel des Außenrings gewesen. Das Leben hatte ihn gelehrt, wer es wagt, die Augen zu schließen, legt keinen Wert auf seine eigene körperliche Unversehrtheit oder das wenige Hab und Gut, das sich noch im eigenen Besitz befand.

Bildhafte Erinnungen drängten langsam in seinen Geist. Er war durchgefroren und hungrig. Das Bild des halborkischen Türstehers kam ihm in den Sinn. Der Kerl sah furchteinflößend aus, hatte ihm jedoch Einlass in die Schänke gewährt. Dann war da das Mädchen, das lachte, Schatten, die tanzten. Er, Fran Flickenschuh, hatte sie tanzen lassen und schließlich der ältere Mann, mit langem, schmalen Gesicht, langen schwarzen Haaren, die zu einem Zopf gebunden waren und den feingliedrigen, langen Fingern, so dass dessen Hand wirkte, wie die eines Adligen. Vito war der Name des Mannes dessen Hand auf seiner Schulter geruht und ihm das Gefühl vermittelt hatte, den Weg in ein neues Zuhause, ja sogar in ein neues Leben zu beschreiten.

Fran schob die Wolldecke beiseite und setzte sich auf den Rand des Bettes. Er reckte die Schultern und streckte Arme und Beine aus. Er verspürte keine Schmerzen von einer ungünstigen Schlafposition oder schlechtem Schlafuntergrund, was ihn den Tag mit guter Laune beginnen ließ. Er wuschelte sich durch sein Haar.

"Wenn du aufwachst, wirst du ein neuer Mensch sein", waren Vitos Worte gewesen, bevor dieser ihn mit der Wolldecke zugedeckt und er eingeschlafen war. Nun war es also soweit. Von heute an durfte er sich der Diebesgilde zugehörig fühlen. Der Morgen eines Diebes begann schon einmal viel besser als der eines verarmten Bettlerjungen aus dem Armenviertel Grandeas. Wie wohl der restliche erste Tag als Dieb sein würde? Vito hatte ihm auf dem Weg hier her erklärt, dass er wohl hart arbeiten und eine Menge lernen müsse. Dietriche, Schattenmagie, Entscheidungen treffen, Kodexlernen...eine Menge Begriffe waren gefallen und Fran hatte nur die Hälfte davon, wenn überhaupt, verstanden.

Das Zimmer, indem er sich im Augenblick befand, war spartanisch eingerichtet und maß drei mal drei Schritte in etwa. Das Bett nahm die volle Längsseite des Zimmers ein. Neben dem Holzbett stand eine kleine Komode mit Waschschüssel und Wasserkaraffe. Seine Kleidung lag gesäubert und getrocknet auf einem Stuhl und über dessen Lehne hing ein sauberes, aber altes Handtuch. Da es dem Zimmer an einem Fenster fehlte, war die einzige Lichtquelle eine Öllampe, die auf dem Tisch neben dem Stuhl stand. So wusste der Junge nicht, ob es Tag oder Nacht war oder wie lange er geschlafen hatte. Aber er fühlte sich ausgeruht. Unter dem Türspalt hindurch drängte der Geruch frischen Brotes in das kleine Zimmer. Fran rieb sich den Bauch. Er war weniger hungrig als am Tag zuvor, denn er hatte am Abend einen Eintopf spendiert bekommen. Das erste Mal in seinem Leben, dass seine Leistung angemessen bezahlt worden war. Dennoch brachte der Geruch seinen Appetit in Wallung. Wer weiß, wann es das nächste Mal ein ausgiebiges Mahl geben würde? Mit einem Satz stand der Junge aufrecht neben der Komode, spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht, das noch warm war und verriet, dass jemand nach ihm geschaut und das Wasser aufgefrischt hatte, während er geschlafen hatte. Schnell waren Hemd und Hose übergestreift und die knarzende Holztür geöffnet. Vor ihm ging nach links und rechts ein schmaler, langer Flur ab und eine Treppe führte ins untere Stockwerk. Mit jedem Schritt ächzte die Treppe unter seinen Füßen, ganz gleich, wieviel Mühe sich der Junge gab, leichtfüßig und leise hinunter zu gehen. Unten angekommen folgte Fran den gedämpften Stimmen und hielt vor einer Tür inne. "Ich sage euch, der Junge hat Talent. Ich habe gesehen, wie er die Schatten tanzen ließ", hörte er Vitos Stimme sagen. "Aber ein geborener Einbrecher ist er nicht. Er steht gerade vor der Tür", erwiederte eine Frauenstimme und es folgte Gelächter. Den Stimmen nach befanden sich etwa fünf Personen in dem Raum hinter der Tür. Vito, mindestens eine Frau und drei weitere Personen. Irgendeine dieser Personen versetzte der Tür einen Stoß, so dass sie aufschwang und die Sicht auf den hochgeschreckten Jungen freigab.

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Re: Des Schattens Lehrling

Beitrag von Erzähler » Sonntag 19. November 2017, 19:59

Auch dieser Raum hatte kein offensichtliches Fenster und wurde allein durch eine Öllampe auf einem abgewetzt aussehenden Tisch erleuchtet.
Um diesen herum standen drei Personen, einer davon Vito. Neben ihm stand eine Frau, die kaum kleiner als er war. Pockennarben verunzierten ihr quadratisches Gesicht, aber ihr Blick wirkte freundlich, als sie ihn neugierig musterte.
Zur anderen Hand des Diebes stand ein breitschultriger kleiner Mann mit blondem Schopf und verfilztem blonden Bart. Dort, wo sein rechtes Ohr hätte sein sollen, war eine breite Narbe, die sich bis auf seine Wange zog.
In einer der Ecken, an der Stelle, die am wenigsten vom Lichtschein berührt wurde, zeichnete sich die Silhouette einer weiteren Person ab, die einen Kapuzenumhang trug.
Direkt an der Tür stand eine vollbusige Rothaarige, deren weite Bluse ihre Schultern herab gerutscht war und einzig das äußerst eng geschnürte Mieder sorgte dafür, dass ihre Brüste nicht entblößt wurden. Sie schürzte missmutig die vollen Lippen.

Die letzte Person hätte er fast übersehen, so schmal war sie. Dafür konnte er kaum den Blick wieder von ihr abwenden, nachdem er sie einmal entdeckt hatte.
Ihre Haut schien makellos und porzellanweiß und stand im starken Kontrast zu den dunklen großen Augen in ihrem Gesicht. Ihre Züge waren fein und symmetrisch, ihr Haar sauber und voll und so hell, dass es fast weiß wirkte. Und eine Spur Andersartig, genauso wie ihr filigraner Körperbau. Das Adjektiv ‚Schön‘ wurde ihr nicht gerecht.
„Dafür ist er ja jetzt hier, Nadia. Ich bin sicher, nach ein paar Tagen in unserer Obhut wird ihn selbst Xandija nicht mehr hören.“
Versicherte Vito zuversichtlich.
Die ‚Schönheit‘ lachte Hönisch auf.
„Ach Vito. Du und deine kleinen Schützlinge. Wie lange hat der letzte gehalten? Drei Monate? Und wir müssen seinen Dreck immer noch wegräumen.“
Sie schwebte förmlich auf Fran, wobei das ‚auf ihn herabblicken’ eher ein symbolisches war, denn sie überragte ihn kaum. Mit spitzen Fingern erfasste sie sein Kinn und hielt es, auch als er wiederstand leisten wollte, weiter fest.
Aber nicht ihre Kraft hinderte ihn nicht daran, sich zu lösen. Vielmehr waren es ihre grausamen Augen, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließen. Sie fletschte die Zähne und ließ ihn los, wobei ihre Fingernägel rote Striemen an seinem Kinn hinterließen.
„Nutzlos.“
Spie sie aus und stolzierte aus dem Raum. Stille folgte ihr, bis sie den Flur durch eine weitere Türe verlassen hatte.

„Dann wars das wohl für heute, wa?“
Rumpelte der blonde Mann in tiefem Bariton und verließ den Raum durch eine weitere Türe, genauso wie die verhüllte Person in der Ecke.
Die rothaarige tätschelte Fran noch einmal den Kopf und ging ebenfalls, so dass nur noch Vito und die unscheinbare Frau im Raum waren.
„Hast du gut geschlafen, Fran?“
Fragte Vito den Jungen freundlich.
„Begleite mich doch, dann zeige ich dir den Essensraum.“
Er deutete auf eine weitere Türe im Raum und ging zielstrebig darauf zu. Bevor er den Raum verließ drehte er sich nochmals um und wandte sich an die letzte erwachsene Person im Raum.
„Ich übergebe ihn danach in deine…“
„Nein, bevor der Kleine nicht die Basis beherrscht, kann ich nichts mit ihm anfangen, und ich kann derzeit keine Zeit freimachen, um ihm extra Stunden zu geben. Diesmal kümmerst du dich um deinen Schützling. Wenn er für mich nützlich geworden ist, sprechen wir wieder darüber.

Unterbrach ihn die Frau mit den Pockennarben. Verstimmt nickte Vito und winkte Fran, ihm zu folgen. Gehorsam einfordernd und nicht gewillt, längere Zeit abzuwarten führte er den Straßenjungen durch einen langen, fensterlosen schmalen Gang. Nach wenigen Abzweigungen traten sie in einen größeren Raum voller langer Tische und Bänke, in dem vereinzelt Personen unterschiedlichster Couleur saßen.
An einer Durchreiche stand eine ältere Dame und unterhielt sich mit einem wettergegerbten Mann mittleren Alters. Vito wunk ihr zu und sie nickte mit missmutig verzogenem Gesicht.
„Setz dich.“
Befahl der Dieb unnötigerweise und ließ sich an einem leeren Tisch nieder. Abschätzend betrachtete er Fran und nach wenigen Minuten erschien die ältere Dame und stellte lautstark Haferschleim und ein paar Scheiben frisches Brot für Fran auf den Tisch.
„Wohl bekomms.“
Grollte sie verstimmt und ging schnurstracks zurück in die Küche.
Vito grinste spottend in die Richtung der Alten und sah Fran dann nachdenklich an.
„Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir einen Dieb aus dir machen können, Fran. Bis jetzt habe ich nicht zu viel versprochen, was?“
Er zwinkerte ihm zu und sah ihn neugierig an.
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Fran Flickenschuh
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Re: Des Schattens Lehrling

Beitrag von Fran Flickenschuh » Montag 20. November 2017, 08:43

Die Laune des Jungens sank in den Keller. Er fühlte sich wie Vieh auf einem Viehmarkt, dem man die Schnauze aufriss, um die Zähne zu prüfen und den Schwanz hoch hielt, um ihm in den Allerwertesten zu sehen. Nicht in Sorge um die körperliche Unversehrtheit, sondern um auf Tauglichkeit zu prüfen. Fran spürte die verächtlichen Blicke auf sich ruhen und nahm wie von selbst eine Duckmäuserhaltung ein. Zwar blickte die Pockennarbige recht freundlich, doch ihr Anblick milderte den Umstand, begutachtet zu werden, nicht. Der Anblick des breitschultrigen Blondens mit Bart, dem ein Ohr fehlte und der stattdessen eine riesige Narbe auf der Wange präsentieren konnte, ließ darauf schließen, dass das Diebesleben alles andere als ein leichtes und unbeschwertes Leben war. Es verriet auch, warum eine Begutachtung des Jungen so notwendig war. Sofort stellte Fran selbst in Frage, ob er wirklich für dieses Leben gemacht sei. Der Kapuzengestalt schenkte Fran kaum Beachtung, denn ganz offenbar wollte diese Person nicht näher beachtet werden. Die vollbusige Rothaarige verstärkte sein Gefühl des Unbehagens mit ihren geschürzten Lippen und dem abfälligen Blick. Doch die Krone setzte dem Ganzen dieses filigrane, faszinierend schöne und doch so...gefährlich wirkende Wesen auf, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Der Junge schluckte schwer, als sie sein Gesicht in ihren Händen hielt. Er wollte dem Griff trotzen und sträubte sich gegen die Berührung, doch sie ließ keinen Widerstand zu. So blieb ihm nichts, als diese Begutachtung wie versteinert über sich ergehen zu lassen. Irgendetwas in ihm brach. Wahrscheinlich war es die Erwartung, dass er von Anfang an eine Art Welpenstatus haben würde. Schließlich war er ja bedeutend jünger an Lebensjahren und Lebenserfahrungen. Doch wenn er nun genau darüber nachdachte, war er auch kein kleines Kind mehr. Er war schließlich an der Schwelle zum Erwachsensein. Alt genug, um auf dem Feld zu arbeiten und sich selbst durchs Leben zu kämpfen. Woher stammte also die Vorstellung, er hätte eine Art Welpenstatus?

Einer nach dem anderen verließen sie den Raum und ließen Fran und Vito allein zurück. Der Junge wurde das Gefühl nicht los, dass er bereits einer Prüfung unterzogen worden war, die er leider vermasselt hatte. Wenn er doch nur wüsste, wodurch? Erst mit Hilfe Vitos Stimme erwachte Fran aus seiner Starre. J...ja ganz gut hab ich geschlafen..., antwortete er und er schallte sich dafür, dass seine Stimme belegt und unsicher klang. Jede Anweisung seitens Vitos klang wie ein Befehl und Fran war bemüht, sich gehorsam und gelehrig zu zeigen. So folgte er Vito den Gang entlang in einen weiteren Raum, wo es scheinbar zu Essen gab. Sie ließen sich an einem leeren Tisch nieder und Fran vermied es, die hier befindlichen Leute näher in Augenschein zu nehmen. Er kannte noch keinen Diebeskodex, konnte sich aber lebhaft vorstellen, dass sich niemand von ihnen gern anstarren ließ. Um so erleichterter war er, als ihm das Essen gereicht wurde. So hatte er etwas, auf das er sich konzentrieren konnte. Er ließ sich Vitos Frage durch den Kopf gehen. Dieser hatte ihm ein neues, anderes Leben versprochen und jeden Tag eine warme Mahlzeit. Er hatte nichts davon gesagt, dass man ihn mögen, geschweige denn lieben würde. Er hatte auch nicht gesagt, dass das Diebesleben ungefährlich und unbeschwert sei. Nein, all das waren Frans Hoffnungen gewesen oder Wünsche und Träume. Vito konnte nichts dafür, dass er, Fran, bestimmte Erwartungen an ein neues Leben erhoben hatte. Immerhin hatte Fran in einem weichen Bett geschlafen, musste keinen Hunger und auch keine Kälte leiden. Er hatte Angst, aber das würde sich bestimmt bald legen, denn mit Vito an seiner Seite fühlte er sich sicher. Es schien, als habe der Mann hier eine bedeutende, wenn auch nicht die höchste, Position inne. Somit hatte Fran immerhin einen Fürsprecher und hatten die anderen nicht etwas von einem Schützling gesagt? So gehörte dies wohl auch zu Vitos Aufgabe, ihn zu beschützen.

Nein, Ihr habt nicht zu viel versprochen, gab Fran kleinlaut zu verstehen und blickte auf den Teller mit der Grütze. Er wollte sich am liebsten über das Essen hermachen, war sich jedoch unsicher, ob er schon beginnen durfte oder doch lieber abwarten sollte, bis auch sein Gegenüber zu essen begann. Man hörte zwar vieles über Diebe, doch wusste der Junge nicht, wieviel Wahres an den Geschichten dran war. Es ist nur..., er überlegte, wie er seine Frage formulieren sollte, ohne unhöflich zu wirken und Vito vor den Kopf zu stoßen, bin ich denn wirklich hier erwünscht? Und glaubt Ihr, dass aus mir ein...guter Dieb werden kann?

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Re: Des Schattens Lehrling

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 23. November 2017, 23:02

Welpen Status? Ja, wie hatte er nur auf die Idee kommen können?! Das hier war schließlich Grandessa – und wer erwartete schon, so etwas wie Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft bei einer Diebesgilde zu finden?
Und doch hatte es aus Vitos Mund fast so geklungen. Und sehnte sich nicht jedes Straßenkind heimlich nach einem sicheren warmen Ort, nach Menschen, die es beschützten und liebten?
Irgendwo gab es das sicher – Kinder die Kinder sein durften. Die geliebt wurden, die sich nicht darum sorgen mussten, ob sie die Nacht über einen Unterschlupf, oder etwas zu Essen finden würden. Aber Fran war keiner davon.
Zumindest ließ ihn das Schicksal nicht völlig im Stich. Man hatte ihm eine Chance gegeben. Nun war es an ihm, sie zu ergreifen. Ihm war nur nicht klar gewesen, dass das hier der Anfang der Reise, nicht deren Ende war – und das das Atem holen zwischen den Sprints noch auf sich warten ließ.

"Es ist nur..., bin ich denn wirklich hier erwünscht? Und glaubt Ihr, dass aus mir ein...guter Dieb werden kann?"
Vito musterte ihn nachdenklich.
„Fran …“
Er machte eine Kunstpause.
„Iss. Ich habe bereits gefrühstückt. Aber gut, dass du, im Gegensatz zu manch anderem Bengel hier Manieren hast, und weist, wie man sich seinem Lehrmeister gegenüber verhält.“
Vito wirkte äußerst zufrieden und ein wenig belustigt.
„Es ist völlig egal, ob du hier von jedem erwünscht bist. Ich bin mir sogar sicher, je mehr du dein potential ausschöpfst, desto mehr werden die Leute dich wegwünschen! Wenn du deine Sache gut machst, hast du in Windeseile einige Neider!“
Er beugte sich triumphierend vor, als wäre das ein erstrebenswerter Zustand.
„Das wichtige ist, dass die RICHTIGEN Leute deinen Wert kennen und auf deiner Seite sind – und glaub mir, mit deinen Fähigkeiten kannst du es kaum vermasseln.“
Beteuerte der Dieb voller Überzeugung.
„Also will ich von dir nie wieder solche unsinnigen Selbstzweifel hören, Kleiner. Du wirst allen, die du heute gesehen hast, beweisen, dass mein Vertrauen in dich mehr als nur gerechtfertigt war.“
Er fixierte Fran.
„Hast du das Verstanden?“


ooc: Bitte markiere wörtliche Rede entsprechend ("..."), das macht den Text um einiges leichter lesbar ;)
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Re: Des Schattens Lehrling

Beitrag von Fran Flickenschuh » Montag 27. November 2017, 09:02

Der Aufforderung, zu essen, kam Fran ohne Umschweife nach. Zu tief verwurzelt war die Angst, über einen längeren Zeitraum nichts mehr zu Essen zu bekommen. Dabei war er auch gar nicht wählerisch. Die Grütze war wie ein Festessen für ihn. Ein Sättigungsgefühl kannte der Junge gar nicht mehr und so tauchte der Löffel hastig in die Grütze, klirrte anschließend gegen Frans Zähne und verschwand in dessen Mund. Vito hatte Recht. Was scherte er sich darum, ob er erwünscht war? Seit Mutter und Vater tot sind, gab es keinen Ort, an dem er jemals erwünscht war. Überall war er ein Maul mehr, das gestopft werden wollte und das war nirgends wünschenswert. Aber er konnte sich schließlich auch nicht in Luft auflösen. Irgendwohin musste er ja und da war ihm dieser Ort lieber als manch anderer Ort. Auch wenn er hier noch nicht alles und jeden kennen gelernt hatte.

„Das Wichtige ist, dass die RICHTIGEN Leute deinen Wert kennen und auf deiner Seite sind"

Der Junge runzelte die Stirn und blieb über dem Teller und dem darüber schwebenden, gefüllten Löffel hängen und blickte Vito fragend an. Die Frage stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. "Woher weiß ich, wer die RICHTIGEN Leute sind? Und wie mach ich, dass sie meinen 'Wert' erkennen? Ach ja und...was ist mein Wert?" Kurz grübelte er, ob man ein Menschenleben in Geld messen könnte. Sicher wären dann Adlige teurer als Bauern, aber wo sortierte man dann Diebe ein? Waren das nicht jene Menschen, auf die die Menschheit gern verzichten würde?

Die Frage nach den 'Richtigen Leuten' war sicher auch eine wichtige Frage, denn es klang aus Vitos Mund, als sei es die alles entscheidende Frage, um die sich das gesamte Diebesleben drehte. Kaum hatte Fran sie ausgesprochen, schallte er sich selbst einen Narren. Wenn die Frage so leicht zu beantworten gewesen wäre, dann bräuchte er vermutlich keinen Lehrmeister wie Vito und die Diebe würden sich nicht in Gruppen zusammen schließen. Nun, da die Frage aber einmal ausgesprochen war, konnte er genauso gut auf eine Reaktion seitens Vito warten, auch wenn Fran nun mit schallendem Gelächter rechnete.

Insgesamt fühlte er sich jedoch besser, als nach der unangenehmen Vorstellungsrunde im Vorraum vor dem Speisesaal. Vitos Worte munterten auf und Fran nahm sich fest vor, Vitos Rat zu befolgen und allen zu beweisen, dass Vito sich nicht getäuscht hatte, sondern Recht daran tat, in ihn zu vertrauen. Der Löffel tauchte wieder in die Schüssel und klapperte mit jedem Eintauchen. In wenigen Augenblicken hatte Fran sein Frühstück beendet. Zufrieden schob er die Schüssel von sich. "Ihr sagtet, ich habe eine Gabe. Was wisst Ihr über diese Gabe? Und wie 'pflege' ich diese Gabe?" Ja, das waren die Worte, die Vito gestern abend an ihn gerichtet hatte, mit denen er seine Neugierde geweckt und ihn an sich gebunden hatte. Nicht, dass Fran diese Entscheidung nun bereute, aber er wollte diesen eigentlichen Auslöser, der zu seiner Entscheidung führte, einen neuen Weg in seinem Leben zu beschreiten, nicht aus den Augen verlieren. Darum musste er diesen Punkt dringend zur Sprache bringen.

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Re: Des Schattens Lehrling

Beitrag von Erzähler » Sonntag 7. Januar 2018, 20:37

"Woher weiß ich, wer die RICHTIGEN Leute sind? Und wie mach ich, dass sie meinen 'Wert' erkennen? Ach ja und...was ist mein Wert?"
Vito beantwortete Frans Frage:
„Instinkt, mein Freund Instinkt.“
Er lachte etwas selbstironisch.
„Aber ich schätze das ist eine gänzlich unzufriedenstellende Antwort, was? Der Trick ist, zu verstehen wie Organisationen und Menschen funktionieren. Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Und nur Kinder und Idioten suchen nach einfachen Antworten.“
Vito musterte Fran mahnend, so als wollte er verdeutlichen, dass er von dem Jungen besseres erwartete.
„Ich könnte dir sagen, wen ich als wichtig erachte, aber im Moment reicht es, wenn ICH deinen Wert erkenne. Und wenn du ein nur halb so guter Schüler bist, wie ich erwarte, wirst du es mir schon bald selbst sagen können.“
"Ihr sagtet, ich habe eine Gabe. Was wisst Ihr über diese Gabe? Und wie 'pflege' ich diese Gabe?"

Fragte Fran.
„Ahh und nun kommen wir dazu, was dein Wert ist. Die Gabe, die du hast, ist ein Grund. Zugegebener Maßen das wichtigste und herausstechendste. Es ist die Gabe der Schatten – und das niedliche Schattenspiel, das du da in der Taverne vollführt hast, ist nur der geringste ihrer nutzen. Es ist das, was aus einem guten Dieb einen legendären Meister machen kann! Oder noch viel mehr – aber am Ende liegt diese Entscheidung bei dir.
Aber du hast noch mehr. Du bist Einfallsreich und hast es bis jetzt geschafft dich über Wasser zu halten. In Grandea keine leichte Übung.“

Er stand auf und deutete auf die Schüssel.
„Bring sie dort drüben hin und dann zeige ich dir ein bisschen von deinem neuen Zuhause.“
Fran folgte den Anweisungen und dann führte Vito ihn durch eine der Türen aus dem Speiseraum. Die Gänge waren eng und etwas Rußig von den Lampen an den Wänden. Irgendetwas musste für eine ordentliche Belüftung sorgen, denn die Luft roch nicht abgestanden.
„Zu gegebener Zeit werde ich dich zu einem Lehrer schicken, aber vorher würde ich gerne deine Anderen Talente ans Licht bringen. Schließlich nutzt dir ein Mantel aus Schatten wenig, wenn du laut wie ein Pferd herum stapfst!“
Sie betraten einen Raum, in dem diverse Puppen in allerhand Kleidung standen, mit unterschiedlichen Taschen behangen. Außerdem gab es allerhand Wände mit eingelassenen Fenstern und Türen. Eine der tragenden Außenwände hatte unterschiedliche Beläge, die unterschiedlich schwierig zu erklettern schienen. Einige Personen standen im Raum, kaum jemand über zwanzig und niemand unter zehn. Sie übten sich im Taschendiebstahl und im Schlösser knacken.
Dabei bedienten sie sich nicht nur der Trainingsgegenstände, sondern übten auch aneinander.
Am Ende der Halle scharten sich ein paar Kinder um die unscheinbare Frau, die Fran vor dem Frühstück bereits gesehen hatte. Die, die angeblich keine Zeit für ihn hatte.
„Ah, da ist Olga ja mit ihren Schützlingen. Sie pickt sich die besten unter unseren Straßenkindern raus und bildet sie aus. Beizeiten wirst du auch unter ihnen sein – wenn du nicht bis dahin längst zu gut für den Rest bist.“
Er nickte der missmutig blickenden Frau nochmals zu und ging weiter.
Sie passierten noch die wichtigsten Stationen: Den Abort, die Waschräume, einen kleineren Trainingsraum für körperliche Ertüchtigung, die Schlafräume der anderen Kinder und Jugendlichen – es kamen immer Sechs in einem Raum unter – sowie ein Aufenthaltsraum. Und natürlich diverse Gänge und Räume, die Fran NICHT betreten sollte. Und kein einziges Mal begegnete ihnen Tageslicht.
Schließlich kamen sie wieder in Frans Zimmer an, das nur einen Gang entfernt von den Wohnräumen der Kinder war.
Er hatte inzwischen erfahren, dass die Zimmer in diesem Flur etablierten Dieben gehörten, die ihre Ausbildung abgeschlossen hatten. Offenbar genoss er hier einige Privilegien.
„Du wirst dich sicher einige Male verlaufen. Merke dir nur. Ist eine Türe verschlossen, bleibt sie so, und alle Türen mit einem schwarzen Dolch darauf sind Tabu.“
Er musterte den jungen Nachdenklich.
„Ich denke wir fangen heute klein an. Ich werde dir zeigen, wie du dich leise bewegst und morgen möchte ich, dass dich niemand mehr diese Treppe hinunter gehören hört. Wenn doch, wirst du solange üben, bis du es kannst.
Hast du ansonsten noch Fragen?“
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Re: Des Schattens Lehrling

Beitrag von Fran Flickenschuh » Donnerstag 11. Januar 2018, 19:43

Fran schluckte schwer. Es klang, als habe Vito große Erwartungen an ihn. Was wenn er ihnen nicht gerecht wurde? Was, wenn er langsamer lernte, als Vito Geduld mit ihm hatte? Wenn er die Erwartungen der anderen Diebe erfüllte, würde er sich als herbe Enttäuschung entpuppen. Nicht nur sein eigener Ruf wäre dahin, auch Vitos Ruf wäre stark angeschlagen. Und wenn man bedachte, dass Vito hier eine angesehene Persönlichkeit war, dann würde sein Ruf einen viel größeren Schaden erleiden. Nein, er musste sich zusammen nehmen, Vitos Worte schnell einprägen und noch schneller lernen.

Fran war nicht entgangen, wer sich unter der Horde Straßenkinder befand. Er war nicht der Jüngste unter ihnen und die Straßenkinder hatten ihm sicher einiges an Straßenwissen voraus. Doch davon durfte er sich nicht einschüchtern lassen. Vito hatte Recht. Immerhin hatte er sich die letzten zwei Jahre über Wasser halten können. Außerdem hatte er die Gabe und die schien nicht weit verbreitet unter den jungen Dieben. Vielleicht stach er dadurch aus der Masse heraus und womöglich würde er damit auch die übrigen, erwachsenen Diebe beeindrucken können. Doch ganz allein auf diese Gabe konnte er sich nicht verlassen.

Die erste Lektion war ganz einfach. Alle verschlossenen Türen sind zu und damit für ihn undurchlässig. Klar, das klang logisch. Alle Türknäufe mit einem Dolch sind tabu. Auch das hatte er verstanden. Die Treppe leise herunter gehen, so dass ihn niemand hörte. Da wurde es schon schwieriger. Aber auch das schien noch nicht die Königsdisziplin der Diebe darzustellen. Er hatte es begriffen und bedeutete mit einem Kopfschütteln, dass er keine weiteren Fragen hatte. Im Gegenteil, er brannte darauf, dass es endlich losging. Er beobachtete den Lehrmeister aufmerksam, als dieser ihm zeigte, wie man die Treppe geräuschlos rauf und runter stieg. Dabei war besondere Vorsicht bei jenen Stufen geboten, die besonders leicht zu knarzen begannen. Fran merkte schnell, welche Stufen es betraf. Wenn man die Treppe in und auswendig kannte, konnte man die Stufen einfach auslassen. Ging man aber eine unbekannte Treppe hinauf oder hinab, musste man besonders vorsichtig sein und am besten vorher bemerken, wann eine Stufe knarrte, bevor sie zu knarren begann. Dabei kam es auf die Gewichtsverlagerung an sowie auf das Gespür unter den Sohlen. Fran wusste nicht, wie oft er die Treppe hinauf und hinunter gelaufen war, aber am Ende war er sich sicher, dass ihn morgen niemand hören würde. Als nächstes würde er daran arbeiten nicht nur lautlos, sondern auch zügig die Treppe zu passieren.

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Re: Des Schattens Lehrling

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 25. Januar 2018, 20:56

Voller Eifer machte sich Fran daran, seine erste Lektion zu Meistern. Er war ein kluger Kopf und schon bald begriff er, wie er sein Gewicht verlagern musste und wie der Fuß aufzusetzen war. Das tat er mit einer Hingabe und Gewissenhaftigkeit die ihresgleichen suchte. Vito blieb dabei nicht die ganze Zeit bei ihm, sondern verließ ihn, nachdem er sicher war, dass der Junge seine Anweisungen verstanden hatte.
Es war nicht so, dass es Knochenarbeit war, auch wenn das Schleichen der Körperspannung und äußerst präziser Bewegungen bedurfte, aber Frans Geist begann schon bald zu wandern ob der relativ eintönigen Übung. Sein Körper indessen begann vertraut mit der Bewegung zu werden und auch, wenn er sich noch immer konzentrieren musste, um leise zu sein, gelang ihm das Schleichen immer besser.
Und es war irgendwann wirklich langweilig! Immer wieder denselben Abschnitt ab zu laufen und dasselbe zu tun wurde für den einfallsreichen Jungen bald zu einer ganz eigenen Herausforderung aber er biss die Zähne zusammen und arbeitete an seinen Fähigkeiten.
Gerade war er zum wiederholten Male die Treppe geräuschlos hinuntergegangen und zweifelte daran, auch nur einen weiteren Durchgang ertragen zu können, da hörte er von oben eine helle Stimme:
„Was tust du da?“
Fragte ein Junge, der am Kopf der Treppe aufgetaucht war. In seinen Händen hielt er einen Putzeimer und einen Lappen.
Sein Straßenköter blondes Haar stand ihm zu allen Seiten ab und unzählige Sommersprossen übersäten sein spitzes Gesicht. Er war schlaksig und seine Kleider waren zerknittert und an vielen Stellen geflickt.
Frans Blick blieb bei der Musterung des anderen Kindes an dessen linkem Bein hängen, das seltsam klumpig und verformt war. Der Andere schien es mit einigen Stoffstreifen, die er darum gewickelt hatte, verbergen zu wollen, aber der Klumpfuß war zu grotesk, um von irgendetwas verborgen werden zu können.
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Re: Des Schattens Lehrling

Beitrag von Fran Flickenschuh » Mittwoch 6. Juni 2018, 10:05

Fran wischte sich über die Stirn und blinzelte, als er den Jungen musterte. Er versuchte sich, zu entsinnen, ob der Junge zu der Gruppe der anderen Jungen gehörte, die er vorhin gesehen hatte, aber als sein Blick auf den Klumpfuß fiel, beantwortete er für sich selbst die Frage mit einem gedanklichen „sehr unwahrscheinlich“.

Fran erwiderte: Nichts, sag mir lieber, was du hier tust? Er war ein wenig genervt, was allerdings nichts mit dem Jungen zu tun hatte, sondern mit der Übung, die ihm inzwischen aus dem Hals raushing. Wenn er es genau bedachte, sollte er eigentlich froh sein, dass der Junge aufgekreuzt war. So konnte er ohne schlechtes Gewissen eine Pause einlegen. Außerdem war Fran recht zufrieden mit sich selbst und er wusste, dass er Vito ebenso stolz machen würde, wenn er ihm das Ergebnis seiner Übungen präsentierte.Musst du hier putzen? fragte Fran in der Hoffnung, dem wäre wirklich so und er hätte noch einen triftigen Grund, die Übung pausieren zu lassen. Er deutete bei der Frage auf den Putzeimer des Jungen und kam diesem ein paar Treppenstufen entgegen.

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