Die Ruinen des Wohlstandes

Sämtliche Straßen Andunies sind gepflastert und von schönen kleinen Häusern gesäumt. Meist Fachwerkhäuser, aber auch mal eine prächtige kleine Villa. Nur die ärmeren Bezirke der Bettler und Halunken sollte man meiden.
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Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Erzähler » Montag 10. August 2015, 18:18

Thomas kommt von: An den Toren Andunies

Der Wagen rollte weiter und sie ließen den trostlosen Anblick hinter sich. Thomas erkannte einige Straßenzüge überhaupt nicht wieder, aber nach einer Weile wusste er doch, dass sie durch das Viertel der Adligen fuhren. Manche Anwesen waren komplett dem Erdboden gleich gemacht, andere sahen so aus, als wäre Andunie nie gestürmt worden. Und doch fiel dem Steinmetz etwas auf, was vielleicht sonst kaum ein anderer bemerkt hätte. Etwas war seltsam in der Stadt und Thomas viel es sofort auf. Es war nicht nur das allgemeine schlechte Gefühl, dass er hatte, seit dem sie die Stadtmauern passiert hatten, es war noch viel intensiver. Es war als stiege er über ein Grab, oder als schrien die Steine zu ihm, dass er weg bleiben solle! Galle kroch ihm den Hals hinauf und um so weiter sie fuhren um so schlimmer wurde es. Doch es gab nicht nur diese emotionalen Anzeichen, dass etwas sich hier verändert hatte, es war der Stein selbst, der seine Aufmerksamkeit forderte. Erst waren es nur Schatten, vermutlich Dreck, der die einstigen schönen hellen Häuser der Stadt verschandelte. Dann konnte man vielleicht eine Art Ascheschicht für die Verfärbung des Gesteins verantwortlich machen, doch das war dann noch immer nicht das Ende. Sie kamen an eingerissenen Mauerresten vorbei, die von unten her richtig tief schwarz geworden waren, als sickerte die Farbe aus dem Erdreich empor und durchdrang dann den Stein. Der Stein färbte sich schwarz wie durch Magie, so dass selbst am Tag Straßen und Gassen eine unheimliche Aura durchströmte. Vielleicht sollte er später Rasmussen darauf ansprechen, der ebenfalls den Meistergrad der Steinmetze trug. Das hier war kein natürlicher Vorgang, soweit Meister Mercer es wusste!
Abermals kamen sie um eine Kurve und bogen in eine Straße ein, in der jedes Haus dem Erdboden gleich gemacht worden war, jedes bis auf zwei. Das erste Haus, vor dessen Tor sie auch hielten, war ein kleines Anwesen, dunkelgrau mit einst wohl cremefarbenen Mauern. Ein schöner Torbogen wurde von Orks bewacht und dahinter befand ein dreiflügliges Hauptgebäude und zwei Nebengebäude, die gemeinsam ein U bildeten. Bevor sie durch das Tor eingelassen wurden, spähte Geison wie Tom die Straße hinunter zu dem zweiten Gebäude. Es stand allein und war pechschwarz. Seine Mauern waren alt, gewaltig groß und von grausamer Schönheit und doch war es dem Steinmetz fremd, so wie es dort alles Licht verschluckte. Dann verdeckte die Außenmauer des Zielanwesens die Sicht und der Wagen kam zum stehen.
„AUSSTEIGEN!“
, brüllte ein Ork und sofort wurde die Tür des Käfigs aufgerissen. Grob wurden sie heraus gerissen und so wie einige Andere auch stürzten und stolperten sie mehr oder weniger übereinander hinaus auf den Innenhof. Bewaffnete Orks und auch Dunkelelfen, Menschen, vornehmlich der Stadtwache beglotzten die Neuankömmlinge. Die Halsbänder und Handfesseln rieben an der Haut und Tom wurde von einem kräftig gebauten Menschenmann auf die Beine gerissen. Die dunklen Haare waren nur an den Rändern des Halms zu erahnen, den er trug und seine Augen waren schwarz wie die Nacht. Auf seinem Rücken prangerte eine Streitaxt. Er hielt ihm an Halsband am ausgestreckten Arm und musterte ihn, als hätte er einen faulen Apfel in der Hand.

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„Spritzt sie ab, füttert sie und sperrt sie weg. Morgen müssen sie anständig aussehen, das ist wichtig!“
Sofort eilte ein andere Dunkelelf herbei und zerrte Thomas von ihm weg. Er nickte zackig und erwiderte nur:
„Jawohl!“
Es war schon ungewöhnlich, dass ein Dunkelelf vor einem Menschen kuschte und auch sofort handelte. Binnen weniger Minuten wurden alle 15 Mann vom Hof in das linke Nebengebäude geführt und der angeordneten Behandlung unterzogen, die zwar zügig eingeleitet wurde, aber jedoch einige stunden insgesamt dauern sollte. Jeder einzeln wurde weg geführt und es durfte nicht gesprochen werden. Wer Fragen stellte wurde nur von einem der Orks an geknurrt.
Erst wurden ihnen tatsächlich die Fesseln abgemacht, dann wurden sie entkleidet und von einem großen Ork in einem Nassraum mit einer Ladung eisigem Wasser übergossen. Es gab sogar ein kleines, hartes, krümelndes Seifenstück mit dem sie sich gründlich abreiben sollten. Dann noch ein eisiger Guss und ein Tuch zum trocken reiben. Sie erhielten einen Stapel neuer Kleidung, einfach aber fest und einheitlich, dann ging es weiter zu einem Mann der sie untersuchte. Im späteren Verlauf sollte sich sogar herausstellen, dass das so etwas wie ein Arzt gewesen war und Meister Grimm hatte Medizin bekommen. Nach dem sie sich angezogen hatten und neue Fesseln angelegt bekommen hatten, jedoch dieses Mal nur um den Hals, wurden sie in Einzelzellen gebracht die auf einem langen Flur jeweils zehn auf jeder Seite sich gegenüber lagen. Dann wurde Essen gebracht. Ein Teller lauwarme, dicke Suppe mit nicht zu definierendem Inhalt, die aber gar nicht so schlecht schmeckte, Brot vom Vortag und für jeden einen großen Becher Milch. So gut hatten sie seit Wochen nicht gespeist!
„So was nennt man Henkersmahlzeit!“
, witzelte Geison finster aus der gegenüberliegenden Zelle, nachdem man sie dann allein gelassen hatte. Die Schlösser waren massiv und an Flucht war nicht zu denken … oder?
Es gab nur zwei vergitterte Fenster jeweils neben den Türen an den Enden des langen Flurs. Von dort schien etwas Tageslicht hinein das aber kaum bis zur Mitte gelangte. Dort waren stattdessen zwei leere Fackelhalter angebracht. Das Halbdunkel in dem sie sich befanden war sogar seltsam tröstlich und bot etwas Privatsphäre. Etwas dass die Männer seit Wochen ebenfalls sehr hatten entbehren müssen! In den kleinen Zellen gab es nur ein Loch im Boden, was die Notdurft aufnahm und einen Strohsack. SAUBER und FLOHFREI! Geison maulte sarkastisch:
„Morgen sind wir tot! Ganz sicher!“
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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Thomas Mercer » Mittwoch 12. August 2015, 00:15

Der Pelgarer schloss für einen Moment seine Augen, als die Finger des Orks sich ihm gefährlich näherten. Bitte nicht, bitte nicht!. Er wollte auf keinem Fall schon am ersten Tag in Andunie für Aufsehen sorgen oder unbedacht ins Visier eines Ansässigen geraten. Es waren Kleinigkeiten und Zufälle wie diese: ein unbedachtes Wort, ein falscher Blick, eine unglückliche Berührung, ein winziges Missgeschick und so weiter, die das Leben eines Sklaven besiegeln konnten. Er versteifte sich und hockte starr da, ausweichen konnte er nicht, wollte er nicht, denn sonst drohte das gleiche unglückliche Los jenem Kameraden, der durch die plötzliche Berührung irgendwelche überraschten oder mürrischen Geräusche von sich geben würde. Er hockte da und betete zu still Lysanthor, es möge ihm kein Leid geschehen. Bisher hatte Thomas stets unsägliches Glück gehabt und war selten Ziel von Gemeinheiten oder gar körperlicher Züchtigung geworden. Doch man durfte sich nie entspannen, die Angst nie verlieren, ansonsten lief man Gefahr nachlässig zu werden und den entscheidenden Fehltritt zu unternehmen. Einjeder von ihnen hatte eine ganz eigene Strategie für sich entwickelt, wie er die Sklaverei überleben konnte. Thomas versuchte so gut es ging zu kuschen, ohne sich jedoch in Spionage oder Kollaboration mit den Dunklen zu verstricken. Auch das konnte gefährlich sein. Nicht alle Sklaven waren Zahnlos. Er war für solcherlei Ränkespiele nicht gemacht. Er sprach nur die Sprache der Steine, nicht jene der Intrigen, der Spione oder Verschwörer.

Sein Herzschlag beruhigte sich allmählich wieder, als sich der Ork von ihnen entfernte. Er zuckte unwillkürlich zusammen, als der Ork grollend seinen Befehl von sich gab. Der Steinmetz fürchtete die Grünen. Sie waren weit derber als ihre dunkelelfischen Genossen. Ihre Strafen waren vielleicht nicht so perfide, wie jene der Dunkelelfen, jedoch meist brutaler und körperlich. Dunkelelfen verstanden sich hingegen auch auf psychische Folter oder Gruppenstrafen. Jeder Besatzer war anders, jeder Dunkelelf, jeder Ork ein individueller Folterknecht.

Der Steinmetz schluckte leer, als sie an dem Mahnmal vorbeifuhren. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt Garmisch gesprochen hatte. In Pelgar war die Sprache sofort von der Obrigkeit verboten worden und jedes Wort in der Sprache der Stadt wurde als mögliche Verschwörung oder Verrat gedeutet. Die Sklaven hatten kein Anrecht sich in einer Sprache zu unterhalten, die ihre Herren nicht verstanden. Im Gegenzug hatten die Herren jedoch absolut kein Interesse daran, dass die Sklaven Lerium lernten. Zumindest nicht die einfachen Arbeiter. Nicht nuscheln, nicht nuscheln. Prägte er sich ein, denn das könnte ihm durchaus passieren. Erschöpfung, Angst und Unsicherheit waren eine verheerende Mischung.

Thomas wandte seinen Blick nicht von der Umgebung ab, als Geison weitersprach. Der Gute musste ziemlich Erschöpft und am Ende sein, dass es seine Zunge so lockerte. Er starrte ihn entsetzt an, als er den potenziellen Stadtherren einen Bastard nannte. „Bist du verrückt?!“ Hauchte der Steinmetz nervös. „Hüte deine Zunge Geison, du wirst sie noch brauchen. In Städten sind die Augen und Ohren überall.“ Thomas machte sich oft Sorgen um Geison – berechtigterweise. Skeptisch blickte er zu Rasmussen. Vielleicht waren die Ohren sogar bereits hier im Wagen.
„Vermutlich werden wir ohnehin nichts mit dem Herren zu tun haben. Wir sind hier wegen den Mauern.“ Damit machte er sich in erster Linie selbst Mut. Sie waren Facharbeiter. Sie wurden gebraucht. Sie waren Kriegsrelevant. Das war ihre Lebensversicherung. Ihre Aorta. Geison sollte mit seiner Zunge nicht verderben, was seine Hände ihm erhielten. Zu sterben war hier schliesslich keine Kunst...überleben hingegen schon.

Die Umgebung veränderte sich. Die Richtung welche sie eingeschlagen hatten irritierte den Pelgarer. Er hätte erwartet, dass man sie sogleich zu einer Sklavenbarracke bringen würde. Die Steine schrien, klagten und versuchten ihren Freund – den Steinmetz vor diesem Ort zu warnen. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihm breit, je tiefer der Wagen in den Stadtkern vordrang. Er drehte sich ganz zu den Gittern um und umschloss die Stäbe mit seinen schwieligen und bleichen Pranken. Er betrachtete sich die Steine. Gebrochene Steine. Schwarze Steine. Kranke Steine? Es wirkte, als wären sie verflucht. Er drehte sich zu Rasmussen um, entschied sich aber vorerst zu schweigen. Nicht hier, nicht in diesem Wagen, nicht jetzt. Ausserdem wurde er von dem Anblick des schwarzen Anwesens abgelenkt. Das schien beinahe die Quelle dieser allgegenwärtigen Schwärze zu sein. Er konnte sich an den Bau gar nicht erinnern, konnte ihn nicht einordnen. Was in Lysanthors Namen ging hier vor sich? Selbst wenn ihn das Phänomen als solches interessierte und seine fachliche Neugierde weckte, er fürchtete sich davor, mit diesen Steinen zu arbeiten. Er hatte sich so in seine Gedanken vertieft, dass er von dem Ork regelrecht überrascht wurde. Ehe er es sich selbst versah stolperte er in den Hof und fiel unglücklich auf die Knie. Er keuchte auf. Seine Glieder schmerzten, sein rechter Fuss war eingeschlafen und sein Rücken ächzte. Kurz registrierte er die bewaffneten Männer. Er war selbst schon darum bemüht möglichst schnell auf die Beine zu kommen – liegen zu bleiben war unter Umständen tödlich – doch da kam ihm ein Mensch schon zuvor und riss ihn am Halsband hoch. Ein höchst unangenehmer Ruck ging dabei durch seinen Nacken. Er wollte sich erst bereits entschuldigen, doch seine Worte blieben ihn im Halse stecken, als er in die Augen des Fremden starrte. Sofort senkte er demütig seinen Blick. Er musste dem Drang widerstehen, sich mit den Pranken an das eigene Halsband zu fassen. Das wäre zu nahe an der Hand des Mannes und es war zu wehrhaft. Es war demütigend. Rein von der Masse und körperlichen Stärke her, könnte es Thomas vermutlich locker mit dem Mann aufnehmen. Doch er war kein Krieger, hatte keine Axt auf den Rücken geschnallt und keine Besatzungsmach hinter sich. Die Götter hatten gespielt, die Würfel waren gefallen. Er wusste nicht Recht, wer sie geworfen hatte. Lysanthor? Warum? Womit sollten sie eine solche Prüfung provoziert haben? Doch wer war er, um die Absichten der Götter zu beurteilen?
Sie waren nichts Weiteres als Nutztiere. Dies wurde durch die Wortwahl des Mannes deutlich. Er war etwas anderes, obwohl er ein Mensch war. Wie nur und wer war er überhaupt? Wollte es Mercer überhaupt wissen? Wie verräterisch, wie böse und wie kaltblütig musste man als Mensch sein, um unter den Dunkelelfen einen solchen Posten zu erhalten?

Warum zur Hölle war ihr aussehen wichtig? Wem würden sie vorgestellt werden?! Es blieb keine Zeit für Gedanken, zumal ihn Denken ohnehin zu sehr anstrengte. Zu gross war die Erschöpfung, zu drängend der Hunger. Erleichtert rieb er sich die Handgelenke, als man ihnen die Kettenglieder abnahm. Sie wurden regelrecht abgefertigt. 15 zitternde und erschöpfte Männer standen in der Nasszelle. Sich schlotternd die Blösse bedeckend. Er keuchte auf, als man ihn mit eiskalten Wasser übergoss. Dennoch gab er sich alle Mühe den Anweisungen so schnell wie möglich nachzukommen. Zumal die Reinigung tatsächlich ein seltener Luxus war. Gründlich schrubbte er sich sauber. Wetzte sich den pelgarischen Staub aus Leid und Elend ab, um den andunischen zu empfangen. Kaum war die Seife aufgebraucht, setzte es auch schon den nächsten Eimer. Schlotternd ergriff er das Tuch und trocknete sich ab. Wenigstens war er nun wieder etwas wacher. Die Kleidung war überraschend Robust. Besser, als der Fetzen, den man ihnen in Pelgar zugestanden hatte. Es war extrem wie viel Menschlichkeit und Würde ein spartanisches Bad und ein Satz neuer Kleider einem Menschen zurückgeben konnten. Thomas strich sich über seinen frischgewaschenen Bart. Er war ziemlich lange geworden in der Zwischenzeit. Gerne würde er ihn stutzen. Er sah damit nämlich durchaus etwas wild aus, zumal ihm seine Haare auch schon bis in den Nacken reichten. In Pelgar hatte man sich schliesslich nicht um das Aussehen ihrer Sklaven gekümmert. Was also blühte ihnen, wenn es plötzlich auf die Kosmetik ankam? Thomas war sich nicht sicher, ob er das alles als gutes Zeichen auffassen sollte.

Als er endlich begriffen hatte, dass er eine Art körperliche Untersuchung über sich ergehen lassen musste, wurde ihm mulmig zu Mute. Hoffentlich hatte er nichts, was den Mann beunruhigte. Flohbisse, waren bei Sklaven vermutlich nicht unüblich und sein Rückenleiden konnte er gut kaschieren, sofern man ihn nicht gezielt darauf testete. Offenbar schien der Mann aber zufrieden mit ihm und seinem Zahnstatus. Es überraschte ihn, dass man Grimm sogar behandelt hatte. Sie besassen hier offensichtlich Wert. Kein Wunder, in Andunie dürften Steinmetze eine noch grössere Rarität sein als in Pelgar. Viele seiner Berufsgruppe waren niedergemetzelt worden. Grosse starke Männer wurden schnell zum Ziel, wenn es um die Erstürmung einer Stadt ging.

Thomas hatte überlebt, weil er gar nicht auf den Gedanken gekommen war den Schmiedehammer gegen den Feind zu erheben oder sich gar eine Waffe in die Hand drücken zu lassen. Er hatte sich sofort ergeben...wie ein Feigling. Nichts worauf er stolz war. Thomas konnte es kaum glauben, als man ihnen nur das Halsband wieder anlegte. Das würde den aufgescheuerten Handelenken guttun, zumal die Kettenglieder sein Handwerk behinderten. Normalerweise trug er eine Armschiene aus Leder, zum Schutz. Er liess sich in seine Zelle sperren und hockte sich sogleich hin. Energie war ein kostbares Gut und er wollte sie nicht sinnlos verbrauchen. Das Essen trieb ihn die Tränen in die Augen. Er wusste nicht, wann er zuletzt Milch getrunken hatte. Er erinnerte sich daran, wie Beth ihm jeweils Milchreis zubereitet hatte. Er sah sie vor sich, schön wie immer, ihre Haut bronzenfarben vom Feuerschein. Wie sie da stand und lächelnd Milch in die grosse Pfanne über dem Feuer goss. Er erinnerte sich an den Geruch ihrer Haut und ihrer Haare, wenn sie sich jeweils geliebt hatten. Möge Lysanthor über dich und Louisa wachen.. Ein einfaches Gebet, das war alles, was er für seine Familie tun konnte und dies war schrecklich wenig.
Die Suppe schmeckte köstlich und wärmte den Bauch. Er zerriss das Brot und warf die Stöcke in den Teller hinein. Eine wahre Wohltat. Vor dem Krieg hatte er ein gutes Leben gehabt, hatte Fleisch und Bier zu schätzen gewusst... und so viele Dinge einfach als Selbstverständlich erachtet. Nun lehrte ihn das Leben auf die harte Tour, dass nichts selbstverständlich war.

„So was nennt man Henkersmahlzeit!“ Thomas spähte erst in den Gang hinein, bevor er Geison antwortete. „Hast du dir die Menschen an den Galgen draussen angesehen? Die waren nicht so hübsch angezogen wie wir, Geison.“ Er wandte sich vom Gitter ab um sich zu erleichtern. Körperliche Bedürfnisse blockierten irgendwann den Geist, wenn sie zu drängend wurden. Man konnte sie nicht ewig ignorieren. Ausserdem – so unschön es klang – musste man jede Kackgelegenheit im Stillen nutzen, wenn sich schon mal eine bot. Es gab nichts schlimmeres, als auf dem Bauplatz einen Aufseher anzufragen, ob man denn aufs Klo gehen durfte. Das war schon ein Kontakt mit einer Wache zu viel. Thomas wollte lieber gar nichts mit ihnen zu tun haben. Wenn er sich nur auf seine Arbeit konzentrieren konnte, ohne Aufsehen zu erregen, da fühlte er sich am sichersten. Vor „seinen“ Männern hingegen, hatten sie inzwischen wohl jegliche gegenseitige Scham verloren. Es gab kaum irgendein privates Geheimnis, welches man voneinander hüten konnte. Man kriegte mit, wenn der Kamerad hustete, Wanzen hatte, Blähungen und wann er sich gar „heimlich“ einen runterholte. Man kannte sich und die dazugehörigen Ausdünstungen inzwischen in und auswendig.

Thomas trat wieder ans Gitter heran. „Wir werden nicht sterben. Nicht wenn wir ihnen Morgen geben können, was sie von uns wollen... und sie scheinen etwa von uns zu wollen, was ihnen wichtig ist. Warum sonst, sollten sie so einen Aufwand für uns betreiben? Wir sind für sie wertvoll, Geison! Sie gewähren uns Milch!“ Wahrlich ein Luxusgut für Sklaven. „Sie halten uns in Einzelzellen und nicht in einer dieser durchseuchten Baracken. Verdirb dir ...verdirb uns das nicht mit deiner verfluchten Zunge!“ Gruppenzüchtigung war schliesslich ein beliebtes Mittel. Es gab hunderte von äusserst Schmerzhaften Strafmassnahmen, die nicht zwingend einen bleibenden körperlichen Schaden nach sich trugen. Wenn die Dunkelelfen sie bestrafen wollten, dann konnten sie es jederzeit tun. Ihr Status gab ihnen allen also nur eine relative Sicherheit. Thomas schwieg eine ganze Weile. Für einen Moment überlegte er sich, ob er sich einfach hinlegen und schlafen sollte, doch die Eindrücke der Stadt würden ihn ohnehin wachhalten, daher hockte er sich ans Gitter. „Habt ihr das Haus gesehen vorhin? Das Schwarze? Dieses Mauerwerk...sowas habe ich noch nie gesehen. Als wäre die Dunkelheit in den Stein gedrungen. Als hätte das Gemäuer die Schatten der Stadt in sich aufgesogen...und die Augen von diesem menschlichen Herrn... sie waren pechschwarz.“ Bei dem letzten Satz flüsterte Thomas leise. Er hatte ständig Angst, dass seine Worte die falschen Ohren erreichen könnten. „Wer ist er?“

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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Erzähler » Montag 17. August 2015, 21:27

Bis auf den kleinen Ausrutscher von Geison am Stadttor blieb die Reise nach Andunie rein recht ruhig. Einmal hatte Tom ihn zu geraunt:
„Hüte deine Zunge Geison, du wirst sie noch brauchen. In Städten sind die Augen und Ohren überall.“
Skeptisch blickte er zu Rasmussen, dem zweiten Meistersteinmetz in der Gruppe, aber dieser schien nur Augen für die Umgebung zu haben.
„Vermutlich werden wir ohnehin nichts mit dem Herren zu tun haben. Wir sind hier wegen den Mauern.“
Waren sie das? Die Fahrt ging tief in die Stadt hinein, weg von den Mauern und ihren Ruinen, bis sie ihre neue Unterkunft erreichten, die sich als erstaunlich luxuriös heraus stellte. Nicht nur die medizinische versorgung erstaunte sein Gemüt, das Essen und sogar der frische Strohsack waren Zeugen, dass sie nun Sklaven mit einem gewissen Wert waren.

„So was nennt man Henkersmahlzeit!“

Thomas spähte erst in den leeren Gang hinein, bevor er Geison antwortete.
„Hast du dir die Menschen an den Galgen draußen angesehen? Die waren nicht so hübsch angezogen wie wir, Geison.“
„Wir werden nicht sterben. Nicht wenn wir ihnen Morgen geben können, was sie von uns wollen... und sie scheinen etwa von uns zu wollen, was ihnen wichtig ist. Warum sonst, sollten sie so einen Aufwand für uns betreiben? Wir sind für sie wertvoll, Geison! Sie gewähren uns Milch!“

Was wahrlich ein Luxusgut für Sklaven war!
„Sie halten uns in Einzelzellen und nicht in einer dieser durchseuchten Baracken. Verdirb dir ...verdirb uns das nicht mit deiner verfluchten Zunge!“
Geison Sima starrte auf seinen leeren Teller und nickte langsam, aber das Funkeln in seinen augen war noch nicht ganz erloschen. Auch er hatte einmal eine Familie gehabt, Freunde und liebe Menschen die er entweder verloren oder hatte zurück lassen müssen und jeder ging mit dem Verlust anders um. Thomas schwieg eine ganze Weile, doch dann musste er fragen:
„Habt ihr das Haus gesehen vorhin? Das Schwarze? Dieses Mauerwerk...sowas habe ich noch nie gesehen. Als wäre die Dunkelheit in den Stein gedrungen. Als hätte das Gemäuer die Schatten der Stadt in sich aufgesogen...und die Augen von diesem menschlichen Herrn... sie waren pechschwarz.“
Bei dem letzten Satz flüsterte Thomas leise. Er hatte ständig Angst, dass seine Worte die falschen Ohren erreichen könnten.
„Wer ist er?“
Aus unterschiedlichen Zellen drang leises, verängstigtes Gemurmel auf seine Frage hin, bis Geisons Nachbar links von ihm etwas lauter sprach:
„Wer er auch ist, er ist einflussreich genug um sich uns und eine kleine Armee leisten zu können. Habt ihr die Leute auf den Mauern gesehen? Ich meine in der ganzen Stadt und auch hier … Für was auch immer er uns braucht, er wird es bekommen.“
Der Mann noch eine Zelle weiter meinte:
„Stimmt und sie trugen die alten Rüstungen der Stadtwache aber in den Farben der neuen Stadtherren. Ist schon etwas her, dass ich hier war aber da bin ich mir sicher. Die Rüstungen waren die selben. Er muss was höheres sein, wenn sogar die Dunklen ihm gehorchen.“
Eine weitere Stimme, die Thomas als Meister Grimms erkannte meinte:
„Vielleicht haben sie sie der Einfachheit halber eingefärbt, wie sie es laut unserm Meister Mercer mit allem hier machen. Ich muss morgen mal auch auf die Steine achten... Das Holz war überall verrußt oder ganz frisch geschlagen … Aber ich finde, wir sollten jetzt alle zu Ruhe kommen und versuchen, unseren von Wanzen freien Schlafstätten den nötigen Respekt zu erweisen, sprich: Haltet den Mund ICH WILL SCHLAFEN!!“
Damit war dann tatsächlich Ruhe, denn Meister Grimm war der Älteste unter ihnen und irgendwie hatte ihm das einen gewissen Status eingebracht. Selbst wenn sie demokratisch abstimmten war waren es häufig seine Argumente oder seine Stimme, die die Wage etwas mehr zu seiner Seite hin zu neigen vermochte. Rasmussen ärgerte sich häufig und gern über ihn und hatte ihn schon des öfteren einen „alten Sack“ genannt, aber Meister Grimm ließ sich durch seine, wie er es nannte: „Neckereien“ nicht aus der Ruhe bringen. So ergab es sich auch an diesem aufwühlenden Abend, dass sich nach einigem leisen Gemurmel nun 15 Häupter nieder legten.

Man sagt ja, die erste Nacht unter einem fremden Dach und der Traum den man dort hätte, hätte prophezeiende Kräfte, aber Thomas Mercer schlief wie ein Stein. Kaum hatte sein Kopf den Strohsack erreicht, so weckte ihn auch schon ein dumpfer Knall und ein donnernder Ruf:
„AUF DIE BEINE!“
Scheppernde schwere Schritte folgten und Thomas hob gerade den Kopf als die erste Gestalt vor seiner Gittertür sich gerade vom Boden aufrappelte. Es war dunkel, doch er wirkte dabei irgendwie nur wenig größer als ein Stuhl, doch deutlich breiter ... Es war wohl ein Mann in gleicher Kleidung wie sie alle und wurde gerade von zwei weiteren, größeren auf die Beine geholfen. Dahinter kamen zwei Orks den Gang dann entlang und wenig später hörte man das Klappen von drei Zellentüren. Sie hatten also noch drei Leute mehr bekommen. Lachend verschwanden die Wächter bald und Thomas hörte am anderen Ende des Ganges leises, aber leider unverständliches Getuschel. Dann war auch bald wieder Ruhe und er schlief mit dem leisen Geräusch von Regentropfen auf dem Dach wieder ein.

Diesmal war es der Geruch von Porridge, der ihn zusammen mit einem hölzernen Scheppern weckte, als ein Junge von vielleicht 15 Sommern ihnen die Schalen unten durch die Türen schob. Er reichte jedem noch einen hölzernen Löffel und sobald sie ihn etwas fragen wollten, öffnete er den Mund und zeigte seinen narbigen Rest einer abgeschnittenen Zunge, als Zeichen, dass sie ihn nichts fragen sollten. Seine Augen waren neugierig und trotz seiner Behinderung schien er noch nicht ganz gebrochen zu sein, denn er grinste frech, wenn er seinen Stumpen zeigte. Er war ein typisches Kind Andunies, ein einfacher Junge, ohne jedes Wiedererkennungsmerkmal, solange er den Mund geschlossen hielt und noch nicht einmal sehr mager. Er hatte helle Haut, braunes Haar und aufmerksame grüne Augen die jeden genaustens musterten.
Abermals gab es einen Becher Milch und einen frischen Eimer Wasser für jeden der Gefangenen und nur eine viertel Stunde später wurden sie an ihren Halsbändern an die Kette gelegt, eine lange Kette mit schweren Gliedern und hinaus auf den Hof geführt. Insgesamt waren sie nun 18 Mann und einer von ihnen ein Zwerg, wie man nun deutlich sehen konnte. Man ließ sie sich auf den langen Balken setzen, wo sonst wohl Pferde angeleint wurden und dort warteten sie. Die Wächter standen fast gelangweilt in kleinen Gruppen herum und unterhielten sich leise, so dass auch sie sich bald zu ein paar geflüsterten Worten hinreißen ließen. Rasmussen fragte als erster die drei Neuen. Er versuchte freundlich zu klingen, aber so ganz gelang ihm das nicht.
„Hey, wer seid ihr?“
Der Zwerg sah ihn von unten an und man meinte mit einem fast verächtliches Schmunzeln auf seinen Lippen:
„Und wer seid ihr, dass ihr mich fragt, Hey?“
Rasmussen zuckte leicht, aber fuhr schnell fort:
„Mein Name ist Rasmussen, Meistersteinmetz.“
Dann wartete er und wurde doch noch belohnt. Die drei nächtlichen Neuzugänge wurden von dem Zwerg vorgestellt:
"Ich bin Schmiedemeister Lagazor Belegar und das ist Meister Bernhard Thein, Feinschmied seiner Zunft und sein Geselle, Jan Hellerson."
Er wirkte jetzt irgendwie mürrisch, aber unter seinem dichten Bart war sein Gesichtsausdruck schwer zu lesen.
"Wir waren zu fünft, aber die Grünhäufte, die uns her geschafft haben ..."
Seine Kiefer malmten und man hörte ein leises Knirschen, als er seine weitere Geschichte verschluckte. Ein Ork stampfte gerade quer über den Hof und sah zu ihnen hinüber. Als er weg war, sprach Lagazor weiter:
"Ich kann froh sein, dass ich noch lebe, aber werde meines Lebens sicher nicht mehr froh!"
Damit war für ihn alles gesagt und nur die Anderen schienen noch nicht ganz so verschlossen. Der mit einigem Abstand jüngste Mann der Truppe war nun Jan, der Feinsschmied-Geselle. Er hatte vielleicht 18 oder 20 Sommer gesehen und war doch schon in Gefangenschaft geraten. Er war es der weiter berichtete:
"Meister Thein versteckte uns in seinem Keller, als vor einigen Monaten die Dunklen kamen. Es ging alles furchtbar schnell und ich hörte sie über meinen Köpfen trampeln. Ich hab ein paar Tage da unten gesessen und irgendwann haben sie uns doch gerochen, mich und den Lehrling. Udgar, so war sein Name ... sie haben ihn ..."
Stille trat kurz ein und Jan fügte noch so leise hinzu, dass man es kaum hören konnte
... gegessen! ... Er war doch erst 12! 12! Er hatte grad erst angef...."
"Schhhh..."
Meister Thein legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte sie leicht, während er in die Gesichter der Leute um ihn herum sah.
„Ich habe meinen Lehrling verloren und er seinen Bruder.“
Damit wies er leicht mit dem Kopf nickend zu Meister Belegar.

Eine Weile später, der Morgen war schon fortgeschritten und der Himmel klarte langsam etwas auf, da trat der Mann vom Vortag auf den Hof und sofort nahmen alle Wachen Haltung an. Auch die Sklaven stellten sich sogleich in Reih und Glied auf. Der Mann mit den pechschwarzen Augen blinzelte ins Licht und schaute finster. Er trug nur eine Lederhose und offene Stiefel, gähnte und rieb sich den Nacken, während er seinen Kopf langsam kreisen ließ. Dann erblickte er den Haufen Sklaven und kam langsam auf sie zu. Ein Dunkelelf, der auf den ersten Blick wie ein Bürokrat in langer Robe und Notizen unter dem Arm aussah, trat an seine Seite und sprach:
"Sklaven! Ihr habt hier den Hauptman der Wache, Garth Harker, vor euch! Ein wahrhaft grausamer und gewalttätiger Mann eurers Volkes, dass er sogar dem Blute Faldors aufgefallen ist und sich bewährte! Verfallt nicht dem Glauben, nur weil er ein Mensch wie ihr seid, dass er mehr Milde walten lassen würde, wenn ihr Fehlverhalten zeigt, denn so ist es nicht! So ist es ganz und garnicht und ihr tut wohl daran, wenn ihr ..."
"ES REICHT! Ich kann für mich selbst sprechen."
Der Dunkelelf trat untertänig zurück, aber man sah es kurz in seinen Augen blitzen.
"Es ist einfach. Macht was von euch verlangt wird und ihr werdet leben, vielleicht sogar besser als die meisten in dieser verfluchten Stadt! Macht etwas dummes und ihr werdet euch wünschen zu sterben! So einfach ist das und nun nennt eure Namen und was ihr gelernt habt! Du da! Fang an!"
Seine Hand wies unglücklicher Weise auf Thomas, vieleicht weil er einer der Größten in der Gruppe war und er ihn schon gestern am Schlawittchen hatte. Der "Bürokrat" nahm seine Notizen zur Hand und schaute aufmerksam auf eine Liste, als wollte er dort eine Bestellung geliferter Päckchen abhaken. Wahrscheinlich kam das der Wahrheit sehr nahe.
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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Thomas Mercer » Dienstag 18. August 2015, 11:51

Thomas fühlte sich etwas schlecht, als Geison plötzlich verstummte. Der Steinmetzmeister kratzte sich etwas unangenehm berührt am Hinterkopf. Sie alle trugen ihre eigene traurige Geschichte unter ihrer Brust und bei jedem drückte sich dieses unerträgliche Leid anders aus. Wer war er schon, um jemanden anderes den Mund zu verbieten? Er seufzte. „Tut mir leid Grison.“ Meinte er versöhnlich. „Ich...bin nur besorgt.“ Schweigend hörte er sich die Theorien zu dem neuen Herren an. „Die alten Rüstungen der Stadtwache?“ Er strich sich durch seinen Bart. Warum nicht? Auch ehemalige Stadtwächter waren letztlich nur Menschen, die überleben wollten und für die Dunkelelfen mochte es durchaus attraktiv sein, wenn Menschen sich um Menschen kümmerten. Das sparte ihre eigenen Ressourcen. Vermutlich waren die Wächter im Grunde auch nur Sklaven mit Schwertern in der Hand. Thomas war sich nicht ganz sicher, wie stabil die Macht dieses Menschen war. Vielleicht stand er gerade in der Gunst der Stunde. Sowas konnte sich aber auch ändern. Schliesslich sprach Meister Grimm ein Machtwort und beendete die Diskussionen. Thomas zog sich auf seine Schlafstätte zurück. Schon lange hatte er nicht mehr so bequem gelegen. Er verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf und starrte ins Dunkel hinein. Er schloss seine Augen und verweilte im stillen Gebet an Lysanthor. Er bat um Schutz für seine Tochter und seine Frau und alle Freunde und Verwandten, die noch irgendwo da draussen waren. Was wohl mit seinem Bruder passiert war? Ob er in Sicherheit war? Diese ständige Ungewissheit nagte an seinen Nerven. Doch die Anstrengungen der Reise erforderte ihren Tribut und Thomas schlief für seine Verhältnisse ungewöhnlich schnell ein. Er träumte nicht, oder konnte sich zumindest nicht daran erinnern, als er durch die donnernde Stimme eines Wachmanns geweckt wurde. Verdutzt hob er seinen Kopf an, nicht zu hoch, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er beobachtete die Gestalt schweigend, die sich den Gang entlang schleppte. Ein Zwerg? Kurz darauf quietschten die Zellentüren erneut. Thomas legte sich wieder zurück. Der Morgen würde schon preisgeben, was die Nacht vor ihnen verbarg. Drei weitere arme Seelen, die unter das Joch der Sklaverei geraten waren. So viel war klar. Schlaf. Er brauchte die Erholung und so fielen ihm erneut die Augen zu. Als er das nächste Mal erwachte, war es bereits Morgen. Er streckte sich in seiner Schlafstätte aus, hatte aber Mühe sich sogleich aufzusetzen. Die Nacht steckte ihm tief im Kreuz und am Morgen waren die Beschwerden stets am Schlimmsten, da nützte auch weiches Stroh nichts. Er musterte den Jungen, der ihnen das Essen brachte. „Wie heis...“ Er kam nicht dazu die Frage zu beenden, denn da streckte ihm der Junge auch schon seine abgetrennte Zunge entgegen. Thomas versetzte dieser Anblick ein tiefer Stich ins Herz. Er musste unweigerlich an seine Tochter denken. Er musterte den Jungen nachdenklich. Offensichtlich schien er mit seinem Schicksal einigermassen zurecht zu kommen und so überwand sich Thomas, ihm ein freundliches Lächeln zu schenken, auch wenn ihm angesichts der Gewalt, die man selbst Kindern antat, nicht wirklich zum Lächeln zu Mute war. „Hab dank, Junge.“ Meinte der Steinmetz, als der Junge ihm die Milch in die Zelle stellte. Der grosse Steinmetzmeister erhob sich und streckte erst seinen Rücken durch. Er lief einige Minuten in der Zelle auf und ab und versuchte seine verhärtete und schmerzende Muskulatur einigermassen in den Griff zu kriegen. Die ganze Prozedur hatte sich zu einer Art Morgenritual entwickelt, denn er wollte nicht, dass die Dunklen ihn Humpeln oder steif Gehen sahen. Nach einer Weile hockte er sich im Schneidersitz auf sein Strohlager und zog sein Frühstück zu sich. Er genoss jeden Löffel und zwang sich dazu, die Portion nicht zu schnell zu verschlingen. Nach dem Frühstück wurden sie auf den Hof geführt. Die Steine rochen feucht. Der nächtliche Regen lag noch immer in der Luft und der Morgen begrüsste sie mit einer frischen Brise, die vom Meer her kam. In Reih und Glied marschierten die Schicksalsgenossen und hockten sich schliesslich hin. Nur schon dass man sie sitzen liess, war ein seltener Luxus. Ihr neuer Besitzer schien zumindest ein gewisses Bewusstsein über die Endlichkeit der menschlichen Energie zu haben und nicht unbedingt Wert darauf zu legen, die Sklaven sinnlos zu verschleissen. Das war Gut.

Thomas schwieg auch noch eine ganze Weile, nachdem die Sklaven schon lange angefangen haben zu tuscheln. Doch hob auch er interessiert seinen Blick, als Rasmussen herauszufinden versuchte, wer die Neuzugänge waren. Eine Andeutung eines Lächelns zeigte sich auf Thomas Gesichtszügen, als der Zwerg ihn auf die Schippe nahm. Er hatte früher so oft und gerne gelacht...

Der Steinmetzmeister hob eine Augenbraue, als der Zwerg ihnen eröffnete, dass sie ursprünglich zu fünft waren. Ein jeder von ihnen konnte sich sofort ausmalen, was wohl mit den anderen passiert sein mochten, aber das was der junge Geselle da erzählte war schockierend! Gegessen?! Die haben den jungen Gegessen?! Ein Anflug von Übelkeit überkam ihn. In Pelgar war er auch Zeuge verschiedenster Grausamkeiten geworden. Man hatte die Leute schliesslich öffentlich gefoltert und hingerichtet...aber gegessen?! Er wurde blass und schluckte leer, während sich seine Hände zu Fäuste ballten. Ob sie Louisa auch...
Er petzte die Augen zusammen und spürte wie sein Herz ihm bis zum Hals klopfte. Wut und Verzweiflung machte sich in ihm breit und er sah, wie seine Finger zu vibrieren begannen und schweissnass wurden. Wann hörte dieser Wahnsinn endlich auf?! Er starrte verbissen auf seine Füsse. Wie konnte Lysanthor so etwas nur zulassen?! Wie nur?!
Sie warteten eine ganze Weile und so konnte Thomas seine Gedanken schweifen lassen. Er musterte die Steine des nächstgelegenen Gemäuers. Ein Schmiedemeister. Das war nichts Ungewöhnliches auf einer Baustelle. Die Abnutzung der Meissel war immens und sie stumpften sehr schnell ab, die meisten Steinmetze hatten deshalb meist eine eigene kleine Esse und einen Wetzstein in ihrer Werkstatt. Ausserdem brauchte man eine hohe Anzahl an Metalldübel, um das Baugerüst am Bauobjekt befestigen zu können. Er konnte aus der Zusammensetzung der Leute nicht wirklich erschliessen, ob sie tatsächlich „nur“ zur Mauer geschickt werden würden.
Ihr neuer Herr trat auf den Hof. Die Sklaven nahmen Haltung an. Thomas wusste nicht recht, ob er seinen neuen Herrn anzusehen hatte oder nicht. Jeder hatte da so seine eigenen Gewohnheiten und Regeln. Die einen mochten es nicht, wenn sie von dem Abschaum von Sklaven angesehen wurden, andere empfanden es als eine Provokation, wenn man nur immer auf den Boden starrte, wenn man mit ihnen sprach. Es dauerte wirklich seine Zeit, bis man sich an einen neuen Vorgesetzten gewöhnt hatte. Die Aufmachung des Mannes irritierte ihn, es wirkte so, als wäre er direkt aus den Federn gestiegen und zu ihnen gekommen. Als er den Nacken kreisen liess, wurde Thomas etwas mulmig zu Mute. Hoffentlich waren dies nur Morgenübungen... denn auch Menschen, die sich auf einen Kampf oder ähnliches Vorbereiteten, machten sowas. Er wäre nicht der Erste, der erstmals ein Exempel an einer neuen Gruppe statuierte, um von Anfang an die Verhältnisse klar zu stellen.
Es war seltsam zu sehen, wie der Dunkelelf vor dem Mann kuschte. Garth Harker. Der Hauptmann der Stadtwache? Also ging es vermutlich doch um die Restaurierung der Verteidigungsanlagen.

Ein wahrhaft grausamer und gewalttätiger Mann eurers Volkes, dass er sogar dem Blute Faldors aufgefallen ist und sich bewährte! Daran hegte Thomas keine Zweifel. Der Steinmetz hatte sogar den Eindruck, dass man einen Menschen mehr zu fürchten brauchte, als einen Dunkelelfen. Musste sich ein Mensch in den Reihen Faldors nicht ständig beweisen? Er konnte nur Beten, dass Harker dies nicht mehr nötig hatte. Thomas zuckte zusammen, als Harker den Dunkelelfen rüde unterbrach und ihm entging auch dessen Reaktion nicht. Dieser Dunkelelf hatte vermutlich auch nicht damit gerechnet, dass er nach der erfolgreichen Erstürmung der Stadt einem Menschen unterstehen würde... Die Probleme ihres Herrn würden automatisch zu ihren eigenen werden. Schliesslich waren sie von dessen Launen und Stimmungen komplett abhängig. "Es ist einfach. Macht was von euch verlangt wird und ihr werdet leben, vielleicht sogar besser als die meisten in dieser verfluchten Stadt! Der Steinmetzmeister blickte hoffnungsvoll auf. Selbst wenn er sich gleichzeitig dafür schämte, so klammerte er sich dennoch an jeden Krümel Hoffnung, der ihm ihre Besatzer zuwarfen. Andere würden dies verächtlich als Hörigkeit bezeichnen, doch was sollte man tun? War es vermessen, einfach nur möglichst gut leben zu wollen? Er hatte diesen Krieg weder gewollt, noch entschieden. Unerbittlich folgte ein Tag auf den Nächsten und selbst wenn er den Besatzern ihre Grausamkeiten nie verzeihen würde, so war er doch bereit das ihm Möglichste zu tun, um sich mit ihnen zu arrangieren. Ja, es war ein Pakt mit dem Teufel, aber die einzige Alternative, war eine mit dem Tod zu schliessen... und ja, da gab es vereinzelt mutige und tapfere Herzen, die sogar an Widerstand dachten. Dazu gehörte er selbst jedoch nicht. Solange er nicht wusste, was mit seiner Familie passiert war, würde er sich davor hüten den Namen „Mercer“ in jenen eines Abtrünnigen Sklaven zu verwandeln. Die Sippenhaft war vermutlich vorprogrammiert. Du da! Fang an! Thomas blickte nervös auf. Sein Herz begann zu rasen. Es war nicht immer von Vorteil, der grösste einer Gruppe zu sein. Man hielt ihn dann automatisch auch oft immer für den Anführer, oder sonst eine Reizfigur. Wenn man den Grossen drankriegte und weichklopfte, würden die Kleineren erst recht kuschen. Eine unfaire, wie aber auch effiziente Taktik. Aber vielleicht war es ja auch nur ein Zufall gewesen. Das war ein weiteres Element, welches die Gefangenschaft so unendlich ermüdend und anstrengend machte. Man wusste nie, ob es hinter den kleinen und grösseren Gemeinheiten ein System gab oder nicht. Man konnte sich seiner Position und seines Lebens nie sicher sein, nie.
Nicht nuscheln, nicht nuscheln!. Thomas straffte seinen Rücken und entschloss sich dazu, den Hauptmann anzusehen. Der Erste zu sein war immer Grauenhaft, weil einem die Vorlage des Vormannes fehlte.

„Thomas Mercer, Herr. Steinmetzmeister.“ Sprach er laut und deutlich, wenn auch mit einem hörbaren vibrieren in seiner Stimme, ehe er seinen Kopf wieder senkte und leer schluckte. Er spannte sich unruhig an. Er hatte sich angewöhnt, sich in der Regel mehr als nur kurz zu fassen. Die meisten Dunkelelfen mochten kein Gefasel. Für einen Moment wäre ihm beinahe noch ein „Zu Diensten, Herr“ von den Lippen gerutscht, aber er wollte keinesfalls als kriegerisch erscheinen. Denn diese Taktik funktionierte meistens auch nicht wirklich gut. Er betete, alles richtig gemacht zu haben. Er konnte nicht verhindern, dass seine Hände leicht zitterten. Er hatte Angst vor diesem Mann, wie vor jeden, der in der Lage war ihm ohne weiteres unsägliche Schmerzen zukommen zu lassen. Was wohl auf der Liste des Dunkelelfen so alles Stand? Ob die Dunkelelfen Informationen über das Verhalten der einzelnen Sklaven erfassten und einander weitergaben? Thomas konnte es nur hoffen, denn darauf würde stehen, dass er ein guter Sklave war, oder? Dragsil wäre doch nicht Arschloch genug, ihm einen schlechten Leistungsnachweis auszuweisen?!

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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 19. August 2015, 10:16

„Thomas Mercer, Herr. Steinmetzmeister.“
Hauptmann Harker sah ihn an und musterte ihn von oben bis unten und wieder hinauf. Sein Gesicht war ausdruckslos, dann machte er sich auf dem Weg zu ihm, wähend sein Adjutant ihm mit zwei Schritt Abstand folgte. Seine langen Schritte verkürzten schnell den Abstand und auch wenn er gerade vollkommen unbewaffnet war, so wäre es absoluter Selbstmord gewesen, auch nur an etwas agressives zu denken, denn irgendwo hörte man deutlich das leise Knarren einer sich spannenden Sehne. Zwei Schritt vor Thomas blieb er stehen und befahl:
"Dreh dich!"
Da sie nur noch an den locker sitzenden Halsschellen aneinander gekettet waren, konnte man sich ohne viel Mühe in diesen um die eigene Achse drehen. So viel Freiheit hatten sie lange nicht mehr gehabt. Harkers kundiges Auge suchte derweil nach etwas und der Steinmetz war sicher froh seine Lockerungsübungen gemacht zu haben. Auch wenn sein Rücken ihm immer wieder Probleme bereitete, so war es sicher gut, dass er nicht ausgerechnet jetzt den brennenden Schmerz von seiner Wirbelsäule bis in Fuß reißen spürte. Trotzdem war es sicher unangenehm seinem neuen Herrn kurz den Rücken zukehren zu müssen, aber es passierte nichts schreckliches, ganz im Gegenteil! Als Thomas sich wieder umgewand hatte, sah ihn sein Herr an und kaute auf der Innenseite seiner Wange, dann folgte ein langsames Nicken und der Dunkelelfe sprach in seinem Rücken:
"Thomas Mercer, Steinmetzmeister, Familie, Frau und Tochter ..."
"Familie!..."
unterbrach ihn der Hauptmann mit fester Stimme, eine Stimme die er kaum erhob und doch über den ganzen Hof gut zu verstehen war, denn er spach betont langsam und sehr deutlich.
"Familie ist gut! Wisst ihr warum? Weil sie uns antreibt am Leben zu bleiben! Weil sie uns Hoffung schenkt und uns daran hindert unserem Namen in den Schmutz zu ziehen, nicht wahr Thomas Mercer?"
Es war keine Frage auf die man wirklich eine Antwort erwartete, vielleicht ein zustimmendes Nicken oder wenn ein kurzes "Jawohl, Herr!" oder in der Art. Garth Harker fuhr auch ohne beides weiter fort am Beispiel des großen Meistersteinmetz etwas zu verdeutlichen:
"Seht euch diesen Mann an! Groß, schon fast gewaltig, aber nicht gewalttätig! Ein starker Arbeiter ohne Kampfnarben, ohne Brandzeichen oder Spuren der Folter! Ein Mann der weiß wie man überlebt, weil er weiß was ihm wichtig ist im Leben! Er ist ein glücklicher Mann, denn er hat ein Ziel und er weiß sich anzupassen."
Jetzt sah er die lange Kette entlang in die Gesichter der anderen Sklaven. Alle hatten sie ihren Blick auf ihn gerichtet und durch ihre Vergangenheit geprägt, sah man bei so manchem die Furcht, dass Thomas gleich einen schrecklichen Tod sterben würde.
"Dieser Mann sollte euer Vorbild sein wenn ihr Nachts nicht schlafen könnt! Wenn ihr an eure Familien und Freunde denkt, die so weit von euch weg einer ungewissen Zukunft engegen blicken! Wenn ihr jedoch ..."
Sein Assistent räusperte sich leise im Hintergrund und etwas funkelte in Garths Augen. Die kleine Unterbrechung hatte zur Folge, dass er wärend er weiter sprach zu dem Dunkelelfen wieder aufschloss und auf dessen Notizen sah.
"Wer von euch hatt noch Familieund möchte schnell zu ihr zurück?"
, fragte er und einige begannen zögerlich die Hände zu heben. Harker lächlete, auch wenn dieser Ausdruck seine abgrundtief schwarzen Augen nicht erreichen konnte. Er nahm dem Elfen den Stift aus der Hand und tippte sich damit an die Unterlippe.
"Und wer von euch möchte einfach nur leben?"
Alle hoben die Hand und Harker grinste. Dann wandte er sich halb zu seinem Adjutanten, halb zu ihnen. Er legte dem Dunkeelfen seine Hand fast freundschaflich auf die Schulter und spach:
"Sieh, sie wollen alle leben! Keiner will sterben und alle sind sich einig. Menschen sind so. Menschen wollen leben und manchmal auch für andere da sein. Menschen leben gerne und intensiver als Elfen, weil sie eine kürzere Lebensspanne zur Verfügung haben. Die Intensität macht den Unterschied! Euer Leben ist so viel länger, dass ihr den Augenblick nicht mehr zu schätzen wisst. Ihr plant und lasst euch so viel Zeit für alles. Menschen handeln intensiver!"
Damit rammte er seinem Adjutanten den Stift von unten tief in den Hals. Die vor Überraschung geweiteten Augen quollen hervor und drehten sich noch ein Stück, bevor sein Gehirn bemerkte, dass es von seinem Körper getrennt worden war. Purpurne Flüsse breiteten sich in harten Pulswellen über seine Brust aus und flossen über Harkers Hand. Ohne jede Regung zerrte der Hauptmann den zuckenden Leichnahm hinter sich her, während er auf Thomas zu kam und fort fuhr:
"Der Augenblick zählt! In einem lebt ihr, im nächsten könnt ihr tod sein, egal welcher Stellung ihr euch inne glaubt."
Er wechselte die Hand, starrte Thomas einen Moment an und fuhr dann mit dem blutigen Daumen ihm senkrecht über die Stirn, vom Haaransatz bis zum Nasenrücken. Das Elfenblut fühlte sich warm und klebrig an. Harker drehte sich nach Thomas kurz zur Seite und winkte einem anderen Dunkelelfen. Dieser, einer der Wächter, kam sofort und wagte kaum den Leichnahm anzusehen. Dafür sah er seinen Hauptmann fest in die Augen, auch wenn seine Kiefer angespannt warern.
"Mach für ihn weiter!"
"Jawohl!"
Er nahm die Notizen auf und Harker wandte sich dem nächsten links von Thomas zu.
"Wie ist dein Name?"
"Geison Sima, Architekt"
"Du hattest deine Hand nicht gehoben, als ich nach Familie fragte. Wirst du mir Schwierigkeiten machen?"
"Nein, Herr!"
"Gut, denn wenn du es tust, wird Mercers Louisa für deine Dummheit bezahlen müssen!"
Geison erstarrte und erhielt das blutige Zeichen auf der Stirn.

So ging es dann weiter. Jeder wurde nach seinem Namen und Funktion gefragt und erhielt sein blutigen Markel. Erst viel später sollte ihnen auffallen, dass die Zeichen unterschiedliche Formen hatten. Als der Hauptmann sich schon wieder in seine Privatgemächer zurück gezogen hatten, erhielt jeder eine kleine Probeaufgabe nach seinen Fähigkeiten zugedacht. Man testete sie. Sie wurden einzeln auf dem Hof an verschiedenen Stellen angekettet, erhielten Werkzeug und einen Rohling. Dann überließ man sie sich selbst. Jeder konnte wenn dann nur leise mit seinem nächsten Nachbarn reden und bei Thomas war das zur Linken Rasmussen und zur Rechten einer seiner jüngeren Gesellen, ein Mann mit Namen "Baptiste". Jeder war mit seinem eigenen Werstück beschäftigt, so dass es sehr ruhig war und nur das Klingen ihrer Arbeit war deutlich zu hören. Nur einmal traf Geisons Blick den von Thomas und ein stilles Versprechen lag darin. Ein Versprechen und große Last.
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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Thomas Mercer » Donnerstag 20. August 2015, 22:56

Das war genau die Art von Aufmerksamkeit, die er nicht haben wollte! Sein Herz begann abermals zu rasen, als er von Harker so eingehend gemustert wurde. Nervös starrte er geradewegs auf den Boden. Er spannte sich am ganzen Körper an, als sich der Mann auf ihn zubewegte. Er hatte doch nichts Falsches getan! Oder? Er sah den Hauptmann an, als er den Befehl erhielt sich zu drehen. Er wandte sich um. Seine Ketten rasselten, als er sich bewegte. Seine Nackenhaare stellten sich augenblicklich auf und er spürte die unangenehme Präsenz des Hauptmanns in seinem Rücken. Er fürchtete jeden Moment geschlagen oder gepeitscht zu werden. Die Kettglieder klackerten leise, weil Thomas am ganzen Leib zitterte. Ein Schweissfilm bildete sich auf seiner Stirn. Lysanthor hilf! Lysanthor hilf! Lysanthor sei meiner Gnädig! Thomas hielt seine Hände überkreuzt auf dem Rücken, damit der Hauptmann sie ständig sehen konnte. Der Steinmetzmeister hielt die Augen geschlossen, bis er sich wieder umdrehen durfte. Allmählich entspannte er sich wieder und musterte den Hauptmann verunsichert. Die Geste die er machte hatte etwas Anzügliches und Beunruhigendes. Warum kaute er auf seiner Backe herum? Gefiel ihm was er sah? Oder ärgerte es ihn, dass Thomas Kräftiger war als er selbst? Was ging diesem Mann nur durch den Kopf? Was war seine Geschichte? Thomas konnte ihn überhaupt nicht einschätzen und dies war äusserst beunruhigend.

"Thomas Mercer, Steinmetzmeister, Familie, Frau und Tochter ..." Er blinzelte. Als die Dunkelelfen Pelgar übernommen hatten, erhielten sie natürlich auch Zugriff auf die gesamte Verwaltung der Stadt. Es war unheimlich mit welcher bürokratischen Effizienz ihre Herren vorgingen. Sklaven wurden registriert und erfasst. Alles war gut organisiert und durchstrukturiert. Ein Beamtenapparat des Grauens hatte sich gebildet, vor dem nichts verborgen blieb...weder Schulden, begangene Straftaten oder aber auch die Familie. Er schluckte leer, als Beth und Louisa erwähnt wurden.

"Familie ist gut! Wisst ihr warum? Weil sie uns antreibt am Leben zu bleiben! Weil sie uns Hoffung schenkt und uns daran hindert unserem Namen in den Schmutz zu ziehen, nicht wahr Thomas Mercer?" Ihm schnürte es förmlich die Kehle zu. „Ja, Herr.“ Brachte er gerade noch deutlich genug aus sich heraus, damit man ihm kein Nuscheln anlasten konnte. Der Steinmetz verlor jegliche Farbe im Gesicht. Er musste unweigerlich an den Jungen von heute Morgen denken. Er sah den Stumpf seiner Zunge vor sich und das neckische Grinsen. Zweimal geblinzelt und es blitzte Louisas Gesicht auf. Den Mund hatte sie weit aufgerissen, doch kein Schrei drang aus ihrer Kehle, sondern nur Blut das von ihrer abgetrennten Zunge herausquoll. Er schauderte und schluckte leer. Wieder einmal hatte er das Gefühl verrückt zu werden. Seine Gedanken entgleisten ihm immer wieder, wenn er zu sehr unter Druck geriet, wenn die Angst zu gross wurde. Praktisch ein jeder der Männer kannte dieses Phänomen. Der Geist ging auf Reisen, wenn er die Realität nicht mehr ertrug.

"Seht euch diesen Mann an!“ Er spürte die Blicke der anderen auf sich. Groß, schon fast gewaltig, aber nicht gewalttätig! Ein starker Arbeiter ohne Kampfnarben, ohne Brandzeichen oder Spuren der Folter! Ein Mann der weiß wie man überlebt, weil er weiß was ihm wichtig ist im Leben! Ein Feigling. Ein Drückeberger. Ein Sklave. Seine unterwürfige und gehorsame Haltung fand nicht immer nur Zuspruch in den Reihen der Sklaven. Man wusste, dass man sich im Ernstfall nicht auf ihn verlassen konnte. Klar, im Grunde war Mercer ein lieber Kerl und half wo immer es ging, doch wenn es zu brenzlig wurde entwickelte er sich zum Totalausfall.
Er ist ein glücklicher Mann, denn er hat ein Ziel und er weiß sich anzupassen." Ersteres würde er nicht unterschreiben. Doch natürlich würde er seinem neuen Herrn nicht widersprechen. Er würde hier ein schweres Leben haben, soviel stand fest. Es war nicht gut, die besondere Aufmerksamkeit von seinem Herrn zu „geniessen“, da war sich Thomas sicher. Vor allem weil dieser offenbar Wert darauf legte, mit seinen Sklaven zu kommunizieren. Es war einfacher, wenn Herren und Sklaven so wenig wie möglich miteinander zu tun hatten. Gespräche waren die reinsten Minenfelder!

"Dieser Mann sollte euer Vorbild sein wenn ihr Nachts nicht schlafen könnt![/b] Das war er wohl. Er war der Idealtypus des gehorsamen Sklaven. Welch zweifelhafter Status. Wenn ihr an eure Familien und Freunde denkt, die so weit von euch weg einer ungewissen Zukunft engegen blicken! Wenn ihr jedoch ..." Thomas sah auf, als Harker wieder von den Familien sprach. Er wusste um das Schicksal von Louisa und Beth. Vermutlich hatte auch Dragsil alles gewusst. Sie liessen sie absichtlich im Ungewissen. Ihm entging das gefährliche Blitzen in Harkers Augen nicht, als der Dunkelelf sich räusperte. Offenbar mochte er es gar nicht, wenn man ihn in seinen Reden unterbrach. Harker hörte sich selbst vermutlich gerne Reden. Warum nicht? Er war ziemlich sicher einer der wenigen Menschen, die so viel Raum und Präsenz für sich einnahmen durften. Einer der wenigen, der noch einen Status hatte. Der möglicherweise gar zu den Gewinnern dieses Konfliktes gehörte? Wer war er ursprünglich gewesen?
"Wer von euch hatt noch Familieund möchte schnell zu ihr zurück?" Thomas hob die seinige auch, nachdem andere es ihm vorgemacht hatten. Tatsächlich hatte der Steinmetz eine riesige Pranke. Von seinem Handwerk her hatte er sicherlich genügend Kraft, um einem Mann mit einem Schlag den Kiefer zu brechen. Doch er hielt sie nur in die Luft und signalisierte damit sein sehnlichster Wunsch.

"Sieh, sie wollen alle leben! Keiner will sterben und alle sind sich einig. Menschen sind so. Menschen wollen leben und manchmal auch für andere da sein. Menschen leben gerne und intensiver als Elfen, weil sie eine kürzere Lebensspanne zur Verfügung haben. Thomas blickte nervös zur Seite. War er der einzige, der den Wechsel in der Stimme des Hauptmanns wahrnahm? Mit jedem weiteren Wort baute sich eine Bedrohung auf. Thomas spannte sich wieder an. Tatsächlich war es unheimlich einen Herren zu haben, der im Grunde so war wie sie selbst. Bei Harker musste man einfach davon ausgehen, dass er nichts aus Zufall machen würde.
Die Intensität macht den Unterschied! Euer Leben ist so viel länger, dass ihr den Augenblick nicht mehr zu schätzen wisst. Ihr plant und lasst euch so viel Zeit für alles. Menschen handeln intensiver!"

Ein reflexartiges Zucken ging durch die Sklavenreihe, als der Hauptmann seinen Adjutanten angriff. Thomas entglitt ein erschrockenes Keuchen und er starrte entsetzt zu dem würgenden Dunkelelfen hin. Das weiss in dessen Augen trat deutlich hervor und bildete ein krasser Kontrast zu seiner Haut. Er hatte seit der Erstürmung Pelgars nie einen Dunkelelfen sterben sehen und schon gar nicht einer in direkter Nähe. Erstaunlicherweise empfand er Mitleid, denn er sah die Angst, den Schmerz und das Unverständnis in dem Gesicht des Sterbenden. Vielleicht würde der eine oder andere sich mit einer gewissen Genugtuung an das Ableben des Dunkelelfen erinnern, doch in jenem Moment, wo man jemanden Sterben sah, konnte man das doch nicht empfinden? Oder doch? Thomas konnte es nicht. Der Anblick war entsetzlich...und die Geräusche erst! Das Blut spritzte zischend aus der Wunde, hinzu kam das Röcheln des Elfen. Thomas Knie wurden weich. Heftiger Schwindel und Übelkeit befielen ihn und er wankte einen Schritt zurück. Der Steinmetzmeister zitterte wie Espenlaub. Er nahm nicht mehr wirklich wahr, was um ihn herum gschah, sondern sah nur Harker auf ihn zukommen, den zuckenden Leib hinter sich herziehen und er konnte nicht anders, als unweigerlich Beth anstelle des Elfen vor sich zu sehen. Er wähnte seine Familie in der Gewalt dieses Wahnsinnigen!
"Der Augenblick zählt! In einem lebt ihr, im nächsten könnt ihr tod sein, egal welcher Stellung ihr euch inne glaubt." Thomas nickte zustimmend und senkte sein Haupt. Er würde hier keinen Ärger machen! Er durfte sich hier keinen Fehltritt erlauben, keinen Einzigen! Lysanthor hilf! Dachte er immer wieder. Verzweifelt den Eindrücken und seinen gemischten Gefühlen ausgeliefert. Denn trotz dem Schrecken, das sich vor ihm gerade abspielte, empfand er perverser Weise keine Abscheu, keinen Hass gegenüber seinem Peiniger...sondern Hoffnung. Harker hatte ihn soeben näher an seine Familie gebracht, als sein ganzer Aufenthalt in Pelgar. Harker wusste um ihr Schicksal. Er musste diesem Mann geben was er wollte, musste gehorchen...und vielleicht, ja vielleicht würde er sich als gnädig erweisen. Schliesslich kleidete er sie ordentlich, fütterte sie grosszügig, gab ihnen eine beinahe schon luxuriöse Schlafstätte...er hatte sicherlich auch die macht, ihm seine Familie zurück zu geben...oder sie in die Hölle zu schicken.

Er blickte Harker direkt an, als dieser seinen Daumen erhob und ihn mit dem stinkenden Blut des Dunkelelfen markierte. Diese Geste hatte beinahe etwas spirituelles, als wäre jeder von ihnen auf seine Weise auserwählt. Danach senkte er seinen Blick wieder und starrte damit erneut auf den Leichnahm, der an ihm vorbeigezogen wurde. Die Stimmen verschwammen. In Mercers Ohren rauschte es. Doch dann...

"Nein, Herr!" "Gut, denn wenn du es tust, wird Mercers Louisa für deine Dummheit bezahlen müssen!"
Seit über einem Jahr hatte er keinen Fremden mehr den Namen seiner Tochter aussprechen gehört. Thomas spürte wie ihm die Welt entglitt. Das Schicksal seiner Tochter lag in der Hand eines anderen! Eines Patrioten und Unruhestifters! Nein...nein...so durfte er nicht denken. Geison war ein Freund! Ein ehrenwerter Mann! Ein verantwortungsbewusster Mensch! Als Architekt führte er die Gruppe auf dem Bau meistens an. Wusste wohin es gehen musste. Erstellte die Pläne. Plante vorausschauend. Er würde nichts Dummes tun! Er würde ihm das nicht antun und auch seiner Tochter nicht. Geison wusste einiges über Thomas Familie, er selbst aber nichts über seine. Er wusste nur, dass Geison dereinst mal eine gehabt hatte. Über deren Schicksal hatte sich der Architekt aber bisher ausgeschwiegen.
Ihm wurde kurz schwarz vor Augen, doch er erlaubte es sich nicht, hier schlapp zu machen. Jeder erhielt ein blutiges Zeichen. Jeder ein anders. Ob sie einen Sinn ergaben? Ob sie magisch waren? Er wusste es nicht. Lange würde es wohl ohnehin nicht halten, denn bald würde der Schweiss ihnen vermutlich nur so von der Stirn tropfen. Es erforderte einiges an Selbstdisziplin, sich das fremde und eklige Mal nicht von der Stirn zu rubbeln.

Alle Männer schienen einigermassen froh zu sein, als sie sich mit ihren Werkstücken beschäftigen durften. Wohlvertraute, routinierte Arbeiten. Dies half dabei, das eben erlebte ein wenig zu verarbeiten ohne gleich völlig abzudrehen. Es herrschte eine beklemmende Ruhe. Selbst wenn sie hätten reden dürfen, hätte es wohl kaum einer getan. Jeder war bei sich selbst, mit seinen eigenen Gedanken und sich selbst beschäftigt.

Thomas legte seine beiden Pranken auf den Rohling und schloss für einen Moment die Augen. Das Zittern seine Hände nahm merklich ab, als er den Stein berührte und ihn betastete. Von Aussen sah es möglicherweise so aus, als würde er nichts produktives tun, doch wer Meister Mecer kannte, der wusste, dass er diese kurze „Befühlung“ mit jedem Werkstück machte. Er spürte den Stein. Las den Stein. Prüfte ihn auf Wasseradern, Steineinschlüsse und andere Schwachstellen. Jeder Stein war anders und wollte anders beschlagen werden. Der Meister unterschied sich vom aufstrebenden Jüngling, in der Zeit und Ehrfurcht, die er seinem Handwerk wieder zugestand. Der Stein war nicht sein Feind. Er konnte nichts für die Politik des Landes. Niemals durfte er ihn mit Angst oder Wut im Arm behauen. Er musste sich – seiner Familie zu lieben – ganz auf den Stein einlassen. Sich nur auf ihn Fokussieren. Er durfte jetzt weder an Beth, noch an Louisa, noch an Geison denken. Nur der Stein zählte. Wie Harker gesagt hatte, der Augenblick zählte. Es war beängstigend, wie tief sich der Hauptmann schon in seinen Geist gepflanzt hatte. Er begann zu Arbeiten. Führte seine Schläge präzise und fachkundig aus. Der Stein beruhigte ihn und gab ihm das Gefühl zurück, etwas aktiv für sein eigenes Wohl und das seiner Familie tun zu können. Gleichzeitig wie Geison blickte er auf. Die beiden Männer sahen sich an. Thomas verstand. Er nickte langsam. Aus Dankbarkeit und aus dem Bewusstsein heraus, welche Bürde der Architekt nun zu tragen hatte. Ihr Schicksal war nun unweigerlich miteinander verwoben, ob sie es wollten oder nicht. Thomas Hoffnung, war Geisons Kerker. Eine perfide Taktik.
Schweiss rann über seine Stirn. Er roch nach Salz und Blut und brannte in seinen Augen. Nach einer Weile geschah es zum ersten Mal, dass er sich in einer gewohnten und unbedachten Bewegung über die Stirn strich. Seiner Bewegung plötzlich unangenehm bewusst werdend, starrte er auf seinen Handrücken. Doch dann wurde er von einem Geräusch abgelenkt. Das Behauen eines Werkstückes erzeugte ein Klang und durch seine Erfahrung hörte Thomas inwischen, wie sich ein Stein beim Behau anhören musste. Er blickte zu Baptiste hinüber und machte ihn auf sich aufmerksam, indem er ihm leise zuflüsterte. "Achte auf den Winkel des Meissels, Baptiste. Du bist zu flach."

Das waren Thomas leise Hilfestellungen., die er so oft wie nur möglich gab. Weil er genau wusste, dass ein zerbrochener Stein, schnell genug auch gebrochene Glieder bedeuten konnte.

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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Erzähler » Montag 24. August 2015, 17:33

Lysanthors Strahlen trafen nur selten den Boden, doch es war hell unter den Wolken und sein Seegen schimmerte über den Himmel. Schweiss rann über so manche Stirn, nicht nur über Steinmetzmeister Mercers, trotz der noch recht kühlen Themperaturen an der Küste, die Tagsüber kaum die neun Grad überstiegen und selbst Nachts selten unter sieben fielen. Die Meereströhmung hielt hier das Klima recht konstant und ab und an fegte eine Windboe über den Hof und brachte salzige Luft von der nahen Bucht mit sich. Dies waren schöne Momente, denn sonst hing der träge Dunst von kalter Asche und Fäulnis über der Stadt. Gemischt mit dem Angstschweiß der Männer und dem kurzlich vergossenem Blut ergab dies eine sehr trügerische Mischung. Einersteits verhieß der Duft des Meeres vielen einen Hauch von Weite und Freiheit, andererseits brannte ihnen der Schweiß in den Augen, so dass sie ihre Werkstücke kaum sehen konnten. Nach einer Weile geschah es zum ersten Mal, dass Thomas sich in einer gewohnten und unbedachten Bewegung über die Stirn strich. Seiner Bewegung plötzlich unangenehm bewusst werdend, starrte er auf seinen Handrücken. Doch dann wurde er von einem Geräusch abgelenkt. Das Behauen eines Werkstückes erzeugte ein Klang und durch seine Erfahrung hörte Thomas inwischen, wie sich ein Stein beim Behau anhören musste. Er blickte zu Baptiste hinüber und machte ihn auf sich aufmerksam, indem er ihm leise zuflüsterte.
"Achte auf den Winkel des Meissels, Baptiste. Du bist zu flach."
Babtiste nahm die Hilfestellungen nur zu gerne an und korrigierte sofort die Haltung des Meißels. Die Stimme des Steins beruhigte sich sofort und sein Klang wurde milder. Es war für Thomas fast zu einer eigenen Sprache geworden, die ihn leitete, ihm half jedes Stück für sich zu erkennen und nach seinen Eigenschaften zu behauen. Gleich als die Rohlinge ausgeteilt worden waren, hatte er erkannt, dass jeder Mann auf seine eigene Weise auf die Probe gestellt wurde. Rasmussen hatte ein Stück Sandstein erhalten, sein Nachbar und Schüler "Gideon" einen Splitter Grauwacke. Kaspar, der erst vor ein paar Monaten zu ihnen gestoßen war, hatte Kalkstein erhalten und Thomas selbst hielt Granit in der Hand. Nur Babtiste hatte weichen Tuff erhalten, der zwar leichter zu bearbeiten aber dafür oft auch sehr porös war. Fast alle Gesteinststücke wiesen kleine oder größere Verformungen auf, die von Jarzehnte langer Korison her rührte. Gerade bei dem Stück Tuff, hatte der Stein an einer Seite eine deutliche Tafone gebildet, eine Bröckelhöhlen-Struktur die fast einer Bienenwabe ähnelte. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, sie sorgfältig auszusuchen. Hinter dieser Auswahl lag Berechnung. Sie wurden geprüft. Babtiste sah Thomas dankbar an und nickte, dann widmeten sich beide wieder ihren Werkstücken.
Granit, das „Korn" unter den Steinen hatte eine massige und relativ grobkristalline Struktur. Er war reich an hellem Quarz und Feldspaten, aber auch dunkle Minerale, wie zum Beispiel Glimmer, waren enthalten. Thomas alter Meister Braham hatte einmal gesagt: „Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess ich nimmer“ und gab damit die Zusammensetzung von Granit vereinfacht wieder. Auf jeden Fall hatte man dem stärksten Steinmetz den härtesten Stein gegeben und nun lag es an ihm, in seinem Innern seine Form zu finden.

Stunde um Stunde hallte der Klang der Werkzeuge über den Hof. Der Tag schritt voran und langsam nahm Stein, Holz, Metall und Zeichnungen ihre Formen an. Niemand hatte ihnen gesagt wofür sie etwas entwerfen sollten, es ging einzig um ihre Fähigkeiten und das Ziel lag noch im Verborgenen. Alle zwei Stunden kam der stumme Junge mit einer großen Kelle Wasser für jeden vorbei und zur Mittagszeit gab es eine kleine Pause, Brot, ein kleines Stück harten Käse und einen Winterapfel. Gerade der Apfel entlockte bei so manchem ein genüssliches Stöhnen, selbst wenn er schon etwas runzelig war und von weicher Konsistenz. Andunische Äpfel schmeckten einfach immer, egal an welchem Tag des Jahres. Danach ging es auch schon weiter und emsig trieben die Hämmer, schnitzten die Messer, kritzelten die Stifte und schlugen die Meißel. Thomas blickte auf sein Werkstück und auch wenn der Stein die grobe Form vor gab, mit seinen Eischlüssen seine Linie zeigte, so war es doch die Hand des Meisters, die ihm mit Phantasie und Gefühl ein "Ding" entlockte.
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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Thomas Mercer » Sonntag 30. August 2015, 11:26

Der Stein war wahrlich sein Freund. Die Arbeit beruhigte ihn und fokussierte seine Gedanken. Das Zittern seiner Fingerglieder hörte auf und die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit schwand. Der Stein gab ihm das Gefühl etwas tun zu können. Er konnte das Schicksal seiner Familie positiv beeinflussen, wenn er ihn nur gut genug behaute. Ein Ziel wurde ihnen zwar nicht vorgegeben, doch schienen die Männer sich ohne jegliche Absprache einig, was sie zu tun hatten. Jeder versuchte einen gleichförmigen, rechteckigen Block aus seinem Werkstück zu meisseln. So gross wie nur irgendwie möglich. Man wollte schliesslich sparsam mit dem wertvollen Rohstoff umgehen. Dennoch war es seltsam einen Stein zu behauen, bei dem man nicht wusste, was aus ihm werden sollte. Wollten sie den Stein bossiert, gespitzt, geprellt, gekeilt, gezahnt, gekrönelt? Da praktisch alle erkannt hatten, dass es sich dabei um ein Vorführobjekt handelte, entschieden sich die meisten dazu, jede Oberfläche anders zu behauen. Eine art Referenzstein, der die eigenen Fähigkeiten ausweisen sollte. Da Thomas einen Granitstein vor sich hatte, waren bei ihm die Möglichkeiten etwas beschränkt und so griff er zum Stockhammer. Der Granit gab seinen kräftigen Schlägen nur widerwillig nach.

Thomas fragte sich insgeheim, welche armen Geschöpfe diese Steine einst gelöst haben mochten. Er hatte jeweils schon Mitleid mit den Häftlingen in Pelgar verspürt, die in den Eisenminen das Erz für die Waffen der Stadt aus dem Berg geschlagen hatten. Wie viele Andunier, Pelgarer und andere ehemalige freie Bürger mussten nun wohl für den dunklen Herrscher in den Steinbrüchen schuften? Er hatte vergleichsweise ein gutes Los gezogen...

Danke Lysanthor für diese milde Gabe Dachte er jedes Mal, wenn der Junge mit einer Wasserkelle vorbeikam. Sollte er nicht Harker danken? War nicht er zu ihrem neuen Gott geworden? Thomas behagte dieser Gedanken gar nicht, weil etwas Wahres an ihm dran war. Harker war weit fassbarer und realer als Lysanthor. Harkers Wirken wurde jedem sofort ersichtlich, bei Lysanthor konnte man höchstens auf diffuse Zeichen hoffen, die man ihm dann zuschrieb. Verdient? Thomas wollte es zumindest glauben. Die Vorstellung, dass sich die Götter von ihnen abgewandt haben könnten war ja auch angesichts der feindlichen Übermacht beängstigend. Wer, wenn nicht die Göttern, könnten sie jetzt denn noch retten?

Schweigend sassen sie beisammen, als sie ihre Mittagspause erhielten. Die harte Arbeit nahm sie ganz für sich ein. Man hausierte sparsam mit den eigenen Energien. Gesprochen wurde nur, wenn es unbedingt nötig war. Ohnehin sagten die gegenseitigen Blicke schon alles. Jeder fragte sich insgeheim, ob sie ihre Arbeit gut machten, was das hier alles sollte und was mit ihnen passieren würde, sollte Harker nicht zufrieden mit ihnen sein. Thomas musste unweigerlich an den toten Elfen denken. Er verspürte keine schadenfreudige Genugtuung. Nur Angst. Seine Familie befand sich in der Gewalt dieses einen Mannes. Was erwartete er eigentlich für eine Belohnung für seine Dienste? Die Freiheit? Was für eine Freiheit? Konnte man als Mensch in den von Dunkelelfen besetzten Städten überhaupt frei sein? Harker spielte mit seiner Hoffnung und es war ein dreckiges Spiel. Thomas ahnte es, doch was blieb ihm anderes übrig als mitzuspielen?

Die Arbeit zog sich, doch langsam kamen die geriffelten und gestockten Oberflächen bei den Steinmetzen zum Vorschein und die meisten beschäftigten sich bereits mit der Feinarbeit. Es wurde geschliffen, poliert und ausgebessert. Der Granit verlangte Thomas alles ab und er spürte, wie der Schmerz immer stärker seinen Rückenhinauf kroch. So unauffällig wie möglich schüttelte er jeweils sein rechtes Bein, wenn es wieder taub wurde. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und biss sich auf die Zähne. Er konnte nur hoffen, dass er nicht ständig Granit bekommen würde. Thomas hatte damals mehrmals die Reichsklinik aufgesucht, um sein Rückenproblem behandeln zu lassen, doch diese waren mit ihrem Latein auch am Ende gewesen. Nur ein erfahrener Lichtmagier würde ihm wohl noch helfen können. Er hatte schon eine Reise für die ganze Familie nach Zyranus geplant, doch der Krieg war dazwischen gekommen. Wäre er doch nur früher losgezogen... Louisa hatte sich so darauf gefreut, endlich die singenden Pfannkuchen zu sehen, von denen er ihr immer erzählt hatte. Behau den Stein. Behaue einfach den Stein. Der Vorteil an der harten Arbeit war, dass sie so schwitzten, dass man nicht erkennen konnte was Schweiss oder Tränen war.

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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Erzähler » Dienstag 1. September 2015, 20:04

Ob Schweiß, ob Tränen über sein Antlitz rannen, beides brannte in den Augen. An einem wärmeren Tag wäre die Arbeit dem Harax sehr nahe gewesen, doch heute wehte ein kalter Wind und ließ den Schweiß noch auf der Haut verdampfen, bevor er in die Kleidung ziehen konnte. Das stete **Peng** der Hämmer und Meißel in seiner Nähe, fügte sich in die Herzschläge der Männer. Es war ein Rhythmus, der einen voran trieb und wenig Raum für sinnlose Träume ließ. Die tanzenden Pfannkuchen zerfielen unter den Schlägen der Meißel und die Erinnerung an sie verblasste vor dem Takt der Hämmer. Zurück blieb nur die wage Hoffnung auf eine bessere Zukunft, doch die war so fern wie der Himmel der Erde. Gedanken an eine göttliche Führung konnten die Herzen der Männer quälen, doch mit ihnen kamen auch die Fragen nach dem **Warum**. Lysanthor würde sich sicher nicht zu ihnen gesellen und Rede und Antwort stehen. Noch viel weniger würde er ihnen eine Begründung für ihre Qualen liefern. Selbst die heilige Inquisition in Pelgar hatte der Dunkelheit nicht stand gehalten. Sie waren zerstreut in alle Winde und nur das ferne Jorsa sollte angeblich noch einige dieser gottesfürchtigen Männer beherbergen. Ob Jorsa überhaupt um ihr Schicksal wusste? Wenn ja, würde es handeln? Als einfacher Mann waren diese Fragen, politisch oder vom Glauben beseelt nur Hirngespinste, die aus Angst um ihr Leben, oder das ihrer Lieben geboren wurden. Welcher Gott blickte in diesen Tagen noch auf das Leid der Menschen? Gab es von jenen Hilfe zu erwarten? Musste man sich, wie Meister Sima stets behauptete, nicht selbst helfen wenn der Himmel voller Wolken hing? Thomas warf unwillkürlich einen Blick zu seinem Freund und Mitgefangenem. Geison war über seine Zeichnungen gebeugt und sah nicht minder angestrengt aus als die Männer die ihr Werk mit Muskelmasse zu vollbringen hatten. Allein die Vorstellung unter Druck Kreativität beweisen zu müssen, widersprach jeder Vernunft. Man könnte genauso gut von jemanden verlangen: Sei doch mal spontan! - Alles was folgen würde, wäre ja provoziert und eben nicht mehr frei aus dem Moment erdacht. Geisons Gesicht sah aschfahl aus. Der Druck ein gutes Werk abzugeben, wurde bei ihm nun auch noch durch den Druck der Verantwortung für Thomas Familie erhöht. Konnte er dem überhaupt stand halten?
Thomas musst sich aber wohl oder übel auf sein eigenes Werkstück konzentrieren. Der Block hatte gute Maße angenommen und vier von sechs Seiten des Quaders waren durchaus zufriedenstellend gelungen. Leider hatte er schon zwei Meißel verbraucht und der letzte war auch schon recht stumpf. Jeder Schlag wurde schwerer und ungenauer. Sein eigener Anspruch flüsterte ihm schon zu, dass das kein gutes Ende nehmen würde, als plötzlich eine Hand von rechts ihm einen neuen Meißel reichte. Baptiste nickte kurz und legte ihn an Thomas Seite. Mit seinem Tuff hatte er deutlich weniger zu tun und der Meister konnte stolz auf seinen Schüler sein, dass dieser so gut mitdachte.
So ging es noch einige Stunden weiter.

Als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte und die Schatten länger wurden, kam Unruhe in die Wächter. Diese übertrug sich natürlich auch auf die Sklaven. Der Junge ohne Zunge machte seine letzte Runde mit dem Wasser und gab jeden ein Stück dunkles Brot dazu. Es schmeckte stark, würzig und roch frisch nach Backofen. Eine halbe Stunde später erschien Garth Harker und verkündete donnernd:
„KOMMT ZUM ENDE!“
Er trug jetzt die Rüstung des dunklen Volkes, mit seinen Farben und Zeichen. Ein langer Umhang wand sich über seine breiten Schultern den Rücken hinab und berührte fast den Boden. Die Verzierungen waren martialisch und wirkten noch düsterer in der unter gehenden Sonne. Er wirkte regelrecht heraus geputzt im Gegensatz zu heute morgen. Die Wächter nahmen auf sein Zeichen hin Stellung auf und ketteten die Arbeiter zurück in eine Reihe. Rasselnd und klirrend führten sie die Glieder durch die Halsbänder, biss alle wieder miteinander verbunden waren. Jeder Sklave hielt sein Stück Arbeit in seinen Händen, als der Hauptmann der Stadtwache an ihnen vorüber schritt. Sein Blick wanderte jedoch viel zu flüchtig über die Werke. Es mutete seltsam an, wie er die Männer musterte, fast als wären sie das Ziel seiner Aufmerksamkeit. Dann stellte er sich wieder vor den Eingang zu seinem Anwesen und wartete.
Die Sekunden wurden zu Minuten und dann zu endloser Spannung. Warum standen sie hier? Worauf wartete er? Was war hier los? Was war ihnen entgangen?
Dann endlich hörten sie hinter sich das leise Knurren. Ein Laut, den sie leider schon gut aus Pelgar kannten. Das Kratzen seiner Krallen auf dem Stein näherte sich von hinten und manch einer sah sich allein aus Furcht gefressen zu werden unwillkürlich um. Nur sehr wenige schafften es den Blick starr nach vorne zu richten, aber dies viel dem Hauptmann durchaus auf und wurde mit einem Blick belohnt, der kein Nicken war, aber dennoch Wohlwollen enthielt. Eine leise, weibliche Stimme wie Seide befahl ein kurzes:
„Bleib!“
und kurz darauf trat eine Dunkelelfe an Harkers Seite und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, den er stoisch entgegen nahm, doch etwas hatte sich in seinem Blick verändert, als sie sich wieder von ihm löste. Es war schwer zu deuten wollte man die beiden nicht anstarren. Das Monster von einem Warg, mit Sattel und seltsamen Mustern im Fell, hatte sich derweil flach auf den Boden gelegt und fixierte jede Bewegung seiner Herrin.
Diese war in ihrer Form für jeden Mann wohl eine Augenweide, denn jede Rundung war perfekt und dort, wo man sie sich in seinen Träumen vorstellte. Für eine Elfe war sie durchaus sehr weiblich gebaut, auch wenn die typisch eleganten Züge nicht fehlten. Ihre dunkelbraune Haut, von der man einiges sah, hatte einem leichten Indigo-Ton, den man auch in besonders satten Gesteinsschichten finden konnte. Betrachtete man sie von unten nach oben, sah man zu erst ihre halbnackten Füße, an deren Knöchelchen kleine Ketten mit winzigen Anhängern baumelten. Halbnackt waren auch ihre Beine, da die ledernen Stiefel in denen sie steckten vorne offen waren und nur durch kleine, silberne Ketten in regelmäßigen Abständen zusammen hielten, so dass sich ovale Flächen auf ihrer Haut bildeten. Sie reichten ihr bis zu den nackten Oberschenkeln, die mit noch dunkleren, rotbraunen Verzierungen bemalt waren. Vielleicht waren es auch Tätowierungen, aber dafür wirkten sie zu erhaben. Sie sich genauer zu betrachten, bedeutete dieser Frau auf die Schenkel zu starren, was tatsächlich einige der Männer taten. Als sie sich drehte und ihr langer, lederner Umhang zur Seite schwang, entblößte sie kurz ihre halbnackte Seite. Vorne und hinten lagen jeweils ein langer Lederstreifen auf ihrem Körper, der das nötigste bedeckte, doch an den Seiten waren dort ebenfalls nur diese dünnen Ketten. Einzig der Umhang bot durch seine dickfellige Innenseite Wärme und Schutz vor der Kälte. Dass sie darunter fast nackt war machte es schwer sich zu konzentrieren. Einige der Männer hatten seit Monaten kein weibliches Wesen mehr gesehen und nun präsentierte sich eines, dass nicht mit seinen Reizen sparte, noch irgendeine Art von Wäsche trug. Hob sie auch nur einen Arm, so konnte man die Ansätze ihrer weichen Rundungen sehen und manch einer schluckte trocken, als sie sich nun der Sklavenreihe zu wandte. Ihr langes Haar war kunstvoll hoch gesteckt und selbst an ihrem schlanken Hals, fand man die silbernen Ketten wieder, die sich hinauf bis in ihre Frisur schlängelten. Neben den feinen elfischen Zügen, der kleinen spitzen Nase, den großen mandelförmigen, dunkelroten Augen und den sinnlichen Lippen in der gleichen Farbe, hatte sie sogar im Gesicht diese dunklen Zeichnungen. Ihr ganzer Körper musste damit bemalt sein. Die ganze Frau war ein Gemälde aus Schwarz, dunklem Rot und Indigo.
Mit wiegenden Hüften kam sie mit Hauptmann Harker näher. Etwas von seiner dominanten Ausstrahlung hatte sich verändert. Er bewies immer noch Stärke, aber er ordnete sich deutlich unter, in dem er ihr leicht nach hinten versetzt folgte.
„Habe ich zu viel versprochen?“
Sie schmunzelte auf seine Frage hin und nahm die Männer vor sich genausten in Augenschein. Keiner wagte sich unter Harkers scharfen Blick, auch nur zu bewegen, als sie langsam die Reihe entlang ging und hier und da die Männer wie ihr neues Spielzeug begutachtete. Den Zwerg musterte sie mit einem leichten Widerwillen. Bei Meister Grimm legte sie den Kopf schief, ließ sich die Zähen zeigen und meinte:
„Schon etwas alt oder?“
„Sein Alter macht ihn aber auch erfahren.“
Sie ging weiter die Reihe entlang und blieb vor Gideon stehen. Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht in die Tiefe und plötzlich griff sie nach seiner Männlichkeit. Gideon zuckte erschrocken zusammen und ein unterdrückter Laut entwich seinen aufeinander gepressten Zähnen. Gleichzeitig knurrte der Warg. Die Elfe lachte leise und rieb ein paar mal mit ihrer Hand auf und ab, ließ ihn dann zitternd stehen und widmete sich Rasmussen, der mit hoch rotem Kopf daneben stand. Während sie ihn und sein Werk mit schräg gelegtem Kopf betrachtete meinte sie:
„Und alle haben mit ein Geschenk gemacht, wie lieb!“
Sie nahm den Stein aus einen Händen, drehte ihn ein paar Mal und musterte wieder Rasmussen. Harker erklärte:
„Er ist Steinmetzmeister, wie auch jener dort...“
Damit zeigte er auf Thomas.
„...Fünf insgesamt, zwei mit Meistergrad. Sowie fünf Zimmermänner unter Meister Grimm, sowie vier Gerüstbauer und ihr Vorarbeiter und Architekt Geison Sima.“
Bei dem Letztgenannten waren sie nun angelangt und er präsentierte brav seine Arbeit indem er die Zeichnungen in Ermangelung eines Tisches vor seiner Brust ausrollte.
Sie musterte die Zeichnung und ihre dichten Wimpern senkten sich dabei halb über die Lieder. Dann hob sie sie wieder und nickte.
„Ganz brauchbar.“
Dann ging es auch schon weiter und nach Kaspar kam Thomas und am Ende stand Baptiste. Stein und Mann wurden betrachtet und aus der Nähe sah man nun auch, dass die Muster auf ihrer Haut eingebrannte Narben waren. Die wulstigen, alten Oberflächen waren mit etwas eingefärbt, dass vom Farbton her wie Blut aussah, aber mit etwas vermischt worden war, dass es haltbar machte.
Thomas Bein kribbelte schon seit einigen Minuten und er befürchtete schon langsam einen Krampf, doch der blieb zum Glück aus. Als die zierliche, jedoch recht anziehende Person vor ihm zum Stehen kam, reichte sie ihm gerade so knapp bis zur Brust. Sie hob den Kopf, schlug die Augen auf als seien sie die Flügel eines Schmetterlings. Irgendwo auf der Welt fiel ganz sicher gerade ein Sack Reis um. Sie hob die Hand und beugte ihren Zeigefinger mit den blutig roten Nägeln. Es war ein Zeichen, dass sich Thomas zu ihr herunter beugen sollte und er kam dieser Aufforderung hoffentlich nach, dann sie berührte kurz seine Stirn, dort wo Harker ihn mit dem Blut seines Adjutanten besudelt hatte. Es fühlte sich so an, als korrigierte sie das Zeichen auf der Stirn, was Mercer während der Arbeit etwas verwischt hatte. Ihr Fingernagel kratzte leicht, aber tat nicht weh und als sie fertig war, leckte sie das Gemisch aus Schweiß und Blut von ihrem Finger. Sie gab ihr Zeichen, Thomas konnte sich wieder aufrichten und sie ging zu Baptiste.
„Hattest du mir nicht zwanzig versprochen? Ich zähle nur achzehn.“
Harker zog die Lippen zwischen die Zähne, dann antwortete er in ihrem Rücken.
„Es waren zwanzig. Zwei sind auf dem Transport abhanden gekommen.“
„Wer ist schuld?“
„… die Wächter hatten … Hunger.“
„Bring sie mir morgen Abend. Und besorge Nachschub für die Fehlenden.“
„Natürlich.“
Damit wandte sie sich ab und entfernte sich ein Stück um dann zu allen gemeinsam zu sprechen:
„Da ich nun eure neue Herrin bin, ist es nur angebracht, dass ihr erfahrt, mit wem ihr es zu tun habt. - Ich bin Amandin Belyal Sinth, die Nichte von Ansrin Belyal Sinth, eurem neuen Stadthalter in Andunie. Hauptmann Harker wird euch nicht ohne Grund ausgesucht haben und ich erwarte mindestens genauso bedingungslosen Gehorsam. Ihr werdet tun, was von euch verlangt wird und noch mehr, wenn ihr klug seid. Wenn ihr Kreativität beweist und fleißig arbeitet, wenn ihr euch unterordnet und gehorsam seid, wird man euch gut behandeln. Ihr sollt gute Arbeiter sein und eure Fähigkeiten werden euch am Leben halten.“
Sie sah die Reihe der Männer entlang und lächelte dann schmal.
„Als erste Anweisung soll jeder Meister seiner Zunft einen aus seinem Fachgebiet aussuchen, den er als das schwächste Glied in seiner Runde ansieht.“
Da Rasmussen und Mercer gleichermaßen Meister waren sahen sie sie unwillkürlich an. Die Wahl der Elfe traf fataler Weise wieder einmal den größeren Mann.
„Ihr werdet für die Steinmetze wählen.“
Damit wandte sie sich an Harker.
„Bringt mir die fünf Männer in einer Stunde.“
Damit zog sie ihren Mantel enger um ihren geschmeidigen Körper und sah zum Hauptmann. Dessen Nasenflügel bebten leicht, als müsste er etwas zurück halten. Amandin ging ohne ein weiteres Wort, wohl aber mit einem kalten Lächeln zu ihrem Warg und stieg auf seinen Rücken. Sie schmiegte ihren bloßen Hintern in den Sattel und meinte noch einmal etwas lauter:
„Eine Stunde!“
Wer den Hauptmann beobachtet hatte, dem entgingen auch nicht seine geballten Fäuste. Instinktiv wusste Thomas sofort, dass jetzt mit diesem Mann nicht gut zu verhandeln war und das hörte man auch an seiner gepressten Stimmlage:
„Ihr habt sie gehört! Trefft eure Wahl! Ich gebe euch zehn Minuten!“
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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Thomas Mercer » Donnerstag 10. September 2015, 01:25

Thomas Magen knurrte. Die Arbeit am Granit hatte einiges von ihm abverlangt. Zu viel, als dass ein Stück Brot allein und eine Kelle Wasser die aufgewendete Kraft und den vergossenen Schweiss kompensieren könnte. Auf Befehl Harkers legten die Sklaven ihre Werkzeuge nieder. Thomas liess seinen Blick prüfend über die Werksteine seiner Männer streifen. Rasmussen hatte eine gewohnt solide Arbeit geleistet. Thomas wünschte diesem Kerl keineswegs etwas Böses, obwohl er ihn nicht mochte und ihm auch keinen Steinwurf weit traute. Auf der Baustelle konnte man sich auf den Steinmetzmeister verlassen, dies musste man wohl oder übel anerkennen. Mercer war stolz auf Baptiste. Der junge Geselle lernte schnell und dies trotz der schwierigen und belastenden Umständen. Manchmal führte er den Meissel etwas zu übermütig und manchmal war er etwas zu aängstlich. Es waren die gewöhnlichen Unsicherheiten eines Gesellen, die sich mit den Jahren der Erfahrung stetig verringern würden. Er rieb sich nachdenklich über den Bart, als er die Arbeit von Gideon sah. Gideon war ein älterer Steinmetzgeselle, der im Verlauf ihrer Gefangenschaft in Pelgar zu ihnen gestossen war. Er neigte dazu, sich selbst etwas zu überschätzen und er fragte nach Thomas Geschmack zu wenig nach. Allerdings war er Rasmussens Lieblingsgeselle und weit erfahrener als Baptiste. Thomas konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass Gedanken wie diese schicksalsweisend für seine Männer sein konnten. Die Sklaven stellten sich für den Apell auf. Jeder musste seine Steinarbeit in den Händen tragen. Das Gewicht des Granits belastete Thomas Rücken ungemein und er musste sich gehörig zusammenreissen, um sich die Rückenschmerzen nicht anmerken zu lassen. Harker hatte sich in der Zwischenzeit in Schale geworfen. Es mutete so falsch an, einen Menschen in der Rüstung der Dunklen Horde zu sehen...
Gespannte Ruhe kehrte im Hof ein. Alle erwarteten wohl, dass Harker etwas zu ihrer Arbeit sagen würde, doch dieser streifte ungerührt an ihnen vorbei und schien mehr Aufmerksamkeit auf das Aussehen der Männer zu verwenden, als auf die Werke in ihren Händen. Schliesslich positionierte er sich vor dem Eingang und wartete... und so warteten auch die Sklaven. Der eine oder andere nervöse Seitenblick wurde ausgetauscht.

Seine Nackenhaare stellten sich augenblicklich auf, als er das Knurren in seinem Rücken vernahm. Ein Warg! Thomas schluckte leer und spannte sich an. Angst kroch in seiner Magengrube hoch und sein Herz begann zu rasen. Er presste die Zähne aufeinander und starrte weiterhin nach vorne, wie ihm aufgetragen worden war. Thomas hatte in Pelgar gesehen, wie Sklaven von Wargs zerfleischt worden waren. Diese Höllenviecher lauerten geradezu auf eine abrupte Bewegung. Er presste für einen Moment die Augen zusammen. Lysanthor steh uns bei!. Sein Verstand beruhigte ihn. Es machte keinen Sinn einen von ihnen an einen Warg zu verfüttern. Sie waren fachkundige Arbeiter! Sie waren von Wert! Man hatte gute Nahrung und Zeit in sie investiert! Gedanken, die er auch Baptiste immer wieder eingeschärft hatte. Thomas erachtete ihn als sein Schützling. Rasmussen kümmerte sich um Gideon und Kaspar, Thomas um Baptiste.

Im Augenwinkel erkannte er die dunkle Gestalt des Wargs und jene zierliche der Frau, die sich Harker näherte und ihm einen Kuss auf die Wange hauchte. Tatsächlich fiel es Thomas deutlich schwerer, nun nicht zu starren und da war er nicht der Einzige. Er konnte sich schon gar nicht mehr erinnern, wann er zuletzt die Stimme einer Frau vernommen hatte, geschweige denn eine gesehen hatte. Dunkelefinnen schon gar nicht. Die Sache mit den Blicken war eine diffizile Angelegenheit. Stoisch nach vorne zu starren konnte genauso unangemessen sein, wie zu lange zu gucken. Normalerweise wollten die Herren ja von ihren Sklaven „gesehen“ werden und diese Frau war sich definitiv der Wirkung ihres Auftrittes bewusst. Sie spielte mit ihnen. Ein perfides Spiel, dessen Regeln alleine von der Laune der Überlegenen abhing.

Thomas gehörte ebenfalls zu jenen, die trocken schluckten. Es beschämte ihn zutiefst, dass dieses Weibsbild ihn so nervös machte. Sie war eine Vertreterin des Feindes! Ihre Schönheit negierte doch nicht ihren Status als Besatzerin! Auch sie war Teil jenes Volkes, welches ihn und seine Familie knechtete. Bei Lysanthor er war ein verheirateter Mann! Wähnte Tochter und Frau in den Fängen von Harker. Wie konnte es sich sein Herz also erlauben, nicht nur vor Aufregung hart und schnell zu pochen? Sie überforderte ihn. In Männerhierarchien hatte er sich bisher immer vorzüglich zurecht gefunden. Gehorchen und Arbeiten, das konnte er gut und mehr war bisher auch nicht von ihm verlangt worden. Das möglicherweise bald ganz andere Qualitäten eine Rolle spielen könnte deutete die Elfe zumindest bei Geidon an. Thomas konnte die Szenerie nur aus dem Augenwinkel verfolgen, doch dies reichte bereits aus um selbst schon zu erröten. Er wusste nicht recht wohin er sehen sollte, als sie direkt vor ihn trat und so entschloss er sich dazu, stoisch gerade aus zu blicken. Das wirkte zumindest diszipliniert...oder? Ausserdem befürchtete Mercer, dass seine Augen ihm nicht ganz gehorchen könnten, sollte er sie direkt ansehen. Sie war die Sünde in Person, eine wandelnde Versuchung und sowas von Verboten. In allen Facetten war sie verboten. Weil sie Haker küsste, weil sie eine Dunkelelfe war, weil sie die komplette Macht über ihn hatte und weil sie nicht seine Ehefrau und nicht die Mutter seiner Tochter war...und doch verlor er sich in ihren Augen, als sie zu ihm aufblickte. Seine blauen Augen verirrten sich in ihrer Finsternis und er beugte sich vorsichtig zu ihr herunter. Er traute sich beinahe nicht zu atmen, als sie seine Stirn berührte. Sie war ihm so nah, so unglaublich nah... und er empfand ihre kleine Geste als eine trügerische Zärtlichkeit. Wann war er das letzte Mal berührt worden? Wann das letzte Mal gestreichelt? Geliebt? Er konnte nichts dagegen machen, dass sich sein Körper förmlich nach solchen kleinen Zärtlichkeiten verzehrte. Er schloss seine Augen, als sie mit ihm fertig war, beinahe schon eine Geste des Dankes, ehe er sich wieder aufrichtete.

Er hasste die Schwäche seines Fleisches und er schämte sich dafür. Wie berechtigt seine Scham war, verdeutlichte sich durch die kurze Unterhaltung, die sie mit Harker über die verschwundenen Sklaven führte. Sie waren eine Ware, die leicht ersetzt werden konnten. Nie durfte er vergessen, dass sie letztlich nie mehr für die Dunkelelfen sein würden. Thomas hoffte schon darauf, dass die geheimnisvolle Fremde einfach nur Harkers Frau war, obwohl die Tatsache, dass er sich ihr derart unterordnete bereits deutlich dagegen sprach. Es sollte alles anders kommen.

„Da ich nun eure neue Herrin bin, ist es nur angebracht, dass ihr erfahrt, mit wem ihr es zu tun habt.“ Jetzt starrte er für einen Moment. Eine Herrin? Er hatte noch nie eine Herrin gehabt. Er hatte Dunkelelfen, Orks und sogar mal einen verrückten Goblinarchitekten gehabt...aber noch nie eine Frau. Mach einfach das, was du immer tust! Krieg dich wieder ein Mann! “Ich bin Amandin Belyal Sinth, die Nichte von Ansrin Belyal Sinth, eurem neuen Stadthalter in Andunie. Er hoffte, dass sie irgendjemandes Frau war. Als würde sie das von irgendetwas abhalten! Hör auf dir etwas einzubilden! Sie kann jegliche Formen von Sklaven haben. Mich braucht sie zum Arbeiten. Nicht mehr, nicht weniger. machte er sich diese „Sorgen“ etwa, weil er sich insgeheim wünschte, dass es mit ihr nicht so sein würde wie bei den anderen? Er verdammte sich selbst für das was er empfunden hatte.

bedingungslosen Gehorsam. Diese Worte klangen bei ihr viel unheimlicher, als bei jedem anderen Herrn vor ihr. Ihr werdet tun, was von euch verlangt wird und noch mehr, wenn ihr klug seid. Noch mehr? Was sollte das bedeuten? Thomas war gut darin, klaren Anweisungen folge zu leisten. Er tat exakt genau das, was man von ihm verlangte. Nicht mehr und nicht weniger. Das war für sie offensichtlich nicht mehr ausreichend. Sein Leben würde gefährlicher werden, soviel stand bereits fest.

“Wenn ihr Kreativität beweist und fleißig arbeitet, wenn ihr euch unterordnet und gehorsam seid, wird man euch gut behandeln. Ihr sollt gute Arbeiter sein und eure Fähigkeiten werden euch am Leben halten.“ Diese Worte beruhigten ihn etwas. Das konnte er leisten. Das würde er leisten. Für sich, für seine Männer und auch für seine Familie. Bei Lysanthor er wollte doch nur leben! Seine Zuversicht wurde bereits wieder zerrüttet als sie weitersprach.

„Als erste Anweisung soll jeder Meister seiner Zunft einen aus seinem Fachgebiet aussuchen, den er als das schwächste Glied in seiner Runde ansieht.“ Thomas stand das Entsetzen förmlich ins Gesicht geschrieben, als die Wahl auf ihn fiel. Er fragte sich insgeheim, was Harker dermassen anspannte, doch er erkannte, dass nun definitiv nicht der richtige Zeitpunkt für dumme Fragen war.

Er starrte ihn hilflos an, als er ihnen 10 Minuten für eine Entscheidung gab. Das konnte er doch nicht machen! Er spürte die ängstlichen Blicke seiner Männer auf sich. Sogar Rasmussen hatte Angst. Vielleicht fürchtete er, dass Thomas die Chance nutzen könnte, um den unliebsamen Kollegen loszuwerden. Doch so war er nicht. Ob es umgekehrt anders war, konnte Thomas nicht mit Sicherheit sagen. Rasmussen war ein Meister seines Fachs und neben ihm selbst der Erfahrenste Arbeiter auf dem Bauplatz. Es gab kein stichhaltiges Argument, welches gegen ihn sprach. Blieben also nur noch Baptiste, Kaspar, Harold und er selbst.

Bei Lysanthor, wie sollte er sich da nur entscheiden! Es erschien ihm, als hätte Amadin ihn zum Henker über seine eigenen Männer bestimmt. Das konnte er doch nicht tun! Das konnte man doch nicht von ihm verlangen! Oh Amadin konnte und sie hatte es getan. Er musste sich genau an das halten, was sie gesagt hatte. Das schwächste Glied auf der Baustelle...

Er legte seinen Granitblock vorsichtig ab. Nein. Das konnte er nicht beurteilen! Es kam jeder in Frage, wie keiner in Frage kam! Jeder besass seine individuellen Stärken und Schwächen. Doch keiner fiel deutlich genug von den Anderen ab. Das wussten sie auch, darum sahen sie ihn ja auch so ängstlich an. Es konnte jeden von ihnen treffen. Sie wussten es. Mercer verspürte ein grummeln in der Magengegend und für einen Moment überkam ihn das Gefühl sich augenblicklich übergeben zu müssen. Man konnte Rasmussen ansehen, dass er froh war, die Entscheidung nicht treffen zu müssen.

Alle Meister hatten sich zu ihrer Werkbank zurückgezogen und starrten fassungslos auf ihr Werkstück. Jeder für sich selbst mit dieser schier unerfüllbaren Forderung kämpfend. Die Zeit verstrich unerbittlich. Er musste eine Entscheidung treffen, ansonsten würden sie ihn strafen, da war sich Thomas sicher.

Das schwächste Glied...

Baptiste? Er war der Jüngste und unerfahrenste unter den Steinmetzen. Er machte dadurch noch am meisten Fehler und brauchte in der Regel länger an einem Werkstück als Kaspar und Gideon. Aber er hatte Talent. Thomas sah in ihm das grösste Entwicklungspotenzial von allen. Aus ihm könnte er einen wahren Meister seines Faches machen. Ausserdem war er von allen der gesündeste.

Kaspar? Er war ein unauffälliger Geselle. Er besass einen ruhigen Charakter, arbeitete fleissig und meistens auch korrekt doch ihm fehlte das gewisse Etwas. In Friedenszeiten hätte er als Steinmetzgeselle ein gesichertes Einkommen gefunden, aber vermutlich reichte sein Talent nicht für den Meistergrad aus. Seine Stärke lag jedoch in der Konstanz seiner Arbeitsleistung. Auf Kaspar war verlass. Routinearbeiten erledigte er schnell und qualitativ gut. Kompliziertere Formen überfordern ihn jedoch. Bei Lysanthor, er wusste abgesehen von seiner Arbeitsleistung beinahe nichts über diesen Mann. Was wenn er Familie hatte? Er konnte doch keinen Familienvater ins Verderben schicken...doch wer war er, das Leben eines Vaters höher zu werten, als jenes eines Jungen? Wie konnte man nur so eine Entscheidung von ihm abverlangen?! Doch vielleicht ging er auch einfach nur vom Schlimmsten aus... vielleicht wird man sie nicht töten. Sie waren ein eingespieltes Team. Zumindest jene Person, welche die Auswahl der Steine getroffen hatte, verfügte über Kenntnisse in der Steinmetzkunst. Diese Person würde doch auch wissen, wie wichtig ein konstantes und eingespieltes Team war!

Die Zeit verstrich... Er musste zu einer Entscheidung kommen. Schweiss tropfte auf seinen Granit. Seine Hände zitterten.
Gideon? Im Gegensatz zu Thomas litt dieser noch nicht so deutlich unter Verschleisserscheinungen. Gideon war neben Thomas der stärkste Steinmetz. Ein Mann fürs Grobe. Er hatte von allen vermutlich den schwierigsten Charakter und brachte die unkonstanteste Leistung. Er konnte Genial sein, wie auch ein Totalausfall. Dennoch gehörte er zu den erfahrensten Männern auf der Baustelle. Baptiste würde noch einige Monate, wenn nicht Jahre brauchen, bis er Gideon das Wasser reichen könnte...und genau dies schien Gideon in eine gewisse Sicherheit zu wiegen. Das war gefährlich.
Er selbst? Sicherlich, er war ein Meister seines Fachs und weit stärker als Rasmussen. Gleichzeitig war er aber auch derjenige, der die grössten gesundheitlichen Probleme hatte. Ein Geheimnis, welches er vor den Herren hütete wie seinen Augapfel, unter den Männern jedoch weithin bekannt war. Man könnte ihn jederzeit verraten... Er schluckte leer. Wem konnte er schon verübeln, wenn er von ihm verpetzt wurde, um die eigene Haut zu retten? Er musterte die drei Steinmetze. Baptiste würde das nicht tun. Kaspar auch nicht. Gideon vielleicht. Rasmussen bestimmt. Nein...NEIN! Das war ein selbstsüchtiger Gedanke! Er musste objektiv bleiben. Sein Rückenproblem stellt ein grosses Risiko für Amadin dar. Ein unglücklicher Sturz, eine falsche Bewegung könnte ausreichen um seine Arbeitsfähigkeit zu besiegeln. Damit würde sie auf einen Schlag einen Meister verlieren. Einen solchen zu ersetzen würde einiges an Zeit dauern. Musste er sich also selbst als schwächstes Glied deklarieren? Würde sie das nicht möglicherweise als einen Akt der Selbstaufgabe interpretieren? Ja vielleicht sogar als Befehlsverweigerung? Ein Meister als schwächstes Glied...also bitte...
Die Zeit verstrich...

Er drehte sich zu seinen Männern hin, so gut es die Ketten zuliessen. Erst blickte er zu den anderen Meistern. Tiefe Sorge lag in ihren Blicken. Wie auch in seinem. Die Last der Entscheidung nagte an seinen Nerven. Er wandte sich seinen Männern zu. Sah jeden Einzelnen von ihnen an und schüttelte dann hilflos den Kopf. „Es tut mir leid.“ Hauchte er erschöpft und schliesslich fiel sein Blick auf Gideon. Am liebsten hätte er seinen Blick sofort wieder von ihm abgewandt, doch als Meister und Entscheidungsträger verbot er sich diesen feigen Akt und er stellte sich der Reaktion des Auserwählten. Er starrte diesen Mann an und betete inständig dafür, dass er nicht gerade sein Todesurteil gesprochen hatte. Er traute sich nicht, ihn um Vergebung für diese Wahl zu bitten. Das konnte er nicht von ihm verlangen. Vermutlich hätte Rasmussen anders entschieden, dies glaubte er zumindest in dessen Gesichtszüge zu lesen. Nun war sie getroffen, die Entscheidung. Er musste sie nur noch Haker mitteilen. Ihm wurde ganz mulmig zu Mute. Was würde mit den Ausgewählten geschehen? Lysanthor, lass sie nicht leiden und nicht sterben. Aber warum sonst, sollte man so eine Ausselektionierung vornehmen?

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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 24. September 2015, 21:59

Thomas haderte mit sich und das sah man ihm an.
Wie ihm und den anderen Meistern auch, war einigen gerade das Herz in die Hose gerutscht. Jede Zunft traf die bittere Entscheidung und besonders die Schmiede wirkten mächtig blass, da sie nur zu dritt da standen. Man hatte Lagazor Belegar, den Zwerg auserkoren die Wahl zu treffen und er starrte nur finster den Boden zu seinen Füßen an, während Meister Bernhard Thein, der Feinschmied und sein Geselle Jan Hellerson um ihre Leben bangten. Hier ahnte man schon auf wen die Wahl fallen würde und der junge Jan starrte ein paar Minuten nur vor sich hin, bis er sich plötzlich in einem Schwall übergab.
Aber auch den anderen Gruppen ging es nicht viel besser. Die nackte Angst hatte sich unter ihnen ausgebreitet und einige waren kurz davor durch zu drehen, was sehr gefährlich werden konnte. Die kurzen Bedenkminuten war günstig gewählt, denn wenn sie länger Zeit gehabt hätten, wäre sicher irgendeiner in Panik verfallen und hätte etwas dummes getan.
Unter den Gerüstbauern unter ihrem Architekten Geison Sima traf es einen Mann mit Namen Maurus. Thomas wusste von ihm nur, dass er einen Onkel in Jorsa hatte, den er aber nicht besonders mochte und lange nicht gesehen hatte. Er war immer recht ziellos gewesen und oft unentschlossen, manchmal sogar gelangweilt.
Unter den Zimmermännern wählte Meister Grimm seinen eigenen Schützling Hervé aus. Der hübsche Junge war zwar recht nett, aber manchmal ein rechtes Nervenbündel. In einer festen Männergruppe in der man ihm sagte, was zu tun war, funktionierte er, aber sobald ein Weiberrock auftauchte, war er nicht mehr bei der Sache. Beim Anblick der Dunkelelfe hatte er eine deutliche Reaktion gezeigt und als Meister Grimm in die Runde seiner Männer schaute, wirkte es fast so, als würde er sich freiwillig seinem Schicksal ergeben. Er hatte nur still genickt, als sein Blick auf ihn gefallen war, zuckte mit den Schultern, als hoffte er so wenigstens auf einen schönen Tod.
Tod – Ein Todesurteil hing über all den gesenkten Häuptern und alle spürten die Schlinge um ihren Hälsen enger werden. Man hatte Angst ihn ihre Herzen gesät und das Korn war jetzt schon zum Keim geworden. Der nährstoffreiche Boden ihrer Gefangenschaft, der Sklaverei hatte ihn aufgenommen und jeder hatte seine eigenen Befürchtungen und grausamsten Phantasien, was mit den Auserwählten geschehen würde. Das dunkle Volk war nicht für seine Milde bekannt.
Thomas sah zu seinen Männern. Auch er musste wählen.
Sie waren alle unentbehrlich und das wussten sie auch, darum sahen sie ihn ja auch so ängstlich an. Es konnte jeden von ihnen treffen. Sie wussten es. Mercer verspürte ein Grummeln in der Magengegend und für einen Moment überkam ihn das Gefühl sich augenblicklich wie Jan übergeben zu müssen. Ein Blick zu Rasmussen genügte um ihm anzusehen, dass er froh war, die Entscheidung nicht treffen zu müssen. Gleichermaßen wirkte er aber auch höchst angespannt, denn sein schlechtes Verhältnis zu Meister Mercer konnte ihm nun zum Verhängnis werden.
Thomas drehte sich zu seinen Männern hin, so gut es die Ketten zuließen. Erst blickte er zu den anderen Meistern. Tiefe Sorge, Trauer, blankes Entsetzen und auch Wut lag in diesen Blicken. Die Last der Entscheidung nagte an seinen Nerven. Er wandte sich seinen Männern zu. Sah jeden Einzelnen von ihnen an und schüttelte dann hilflos den Kopf.
„Es tut mir leid.“
Hauchte er erschöpft und schließlich fiel sein Blick auf Gideon. Am liebsten hätte er seinen Blick sofort wieder von ihm abgewandt, doch als Meister und Entscheidungsträger verbot er sich diesen feigen Akt und er stellte sich der Reaktion des Auserwählten. Er starrte diesen Mann an und betete inständig dafür, dass er nicht gerade sein Todesurteil gesprochen hatte. Er traute sich nicht, ihn um Vergebung für diese Wahl zu bitten. Das konnte er nicht von ihm verlangen. Vermutlich hätte Rasmussen anders entschieden, dies glaubte er zumindest in dessen Gesichtszüge zu lesen, genauso wie Erleichterung, dass es nicht ihn getroffen hatte.
Gideon schien einen Moment lang verwirrt, als sein Meister neben ihm deutlich ausatmete. Hatte er nicht gleicht verstanden, dass es ihn getroffen hatte? Er sah von Rasmussen zu Mercer und zurück. Er schüttelte sich leicht und wurde blass. Plötzlich stand er auf und setzte sich gleich wieder, als das Räuspern einer Wache deutlich zu vernehmen war. Dann starrte er Thomas an. Erst lag Unverständnis in seinem Blick, dann wandelte es sich zu Wut, schäumte auf zu Hass, dann in eine stille Drohung und dann zu Panik, bis nur noch nackte Angst in seinen Augen glitzerte. Unruhig rutschte er auf seinem Platz hin und her und krallte seine Finger in die Handflächen. Immer wieder sah er Thomas an, als wollte er nach dem „Wieso?“ fragen, aber seine Lippen brachten keinen Laut hervor. Das schlimmste war jedoch der Moment in dem dieser große, oft uneinsichtige Mann in stille Tränen ausbrach.

Sie war getroffen, die Entscheidung. Er musste sie nur noch Haker mitteilen. Ihm wurde ganz mulmig zu Mute. Was würde mit den Ausgewählten geschehen? Lysanthor, lass sie nicht leiden und nicht sterben.
Ein Wächter trug einige leere Fackelhalter über den Hof. Im Innern eines Seitengebäudes wurden Geräusche laut und man sah häufiger Bedienstete hin und her laufen.
Endlich war das Warten vorbei und Hauptmann Harker kehrte auf den Hof zurück.
„Die Auserwählten, VORTRETEN!“
Tatsächlich war es Hervé der als erster aufstand und seinem Schicksal entgegen trat. Harker nickte sogar anerkennend dieser Geste entgegen. Jan folgte dann dem Beispiel und Maurus schloss sich zitternd an. Der arme Mann konnte kaum stehen. Gideon zögerte, bis Rasmussen ihn mit einem kleinen Hieb in die Seite aus seiner Erstarrung riss. Dann sprang er hektisch auf und stakste zu den anderen hinüber. Bevor sie weg geführt wurden sah er noch einmal zu Thomas. Seine geröteten Augen fraßen sich regelrecht in den Anblick den der Steinmetzmeister bot, als wollte er diesen Gesichtsausdruck niemals vergessen. Auch wenn sie früher nie wirklich so etwas wie Freundschaft füreinander empfunden hatten, so war der Hass über seinen Verrat überdeutlich.

Ruhe kehrte ein in dem Hof des Anwesens. Es war eine bedrückende Stille, voller unausgesprochener Vorwürfe, voller Leid und leiser Gebete. Der Tag schritt voran und wandelte sich zum Abend. Man ließ sie halbwegs allein mit ihren Gedanken, wenn auch nicht unbewacht. Eine Weile konnten sie sich sogar im Rahmen ihrer Ketten frei im Hof bewegen. Einer der Wächter kam irgendwann vorbei und sammelte ihre Werkstücke ein. Er notierte die dazugehörigen Namen und verschwand dann wieder.
Man überließ sie sich selbst.
Kurz vor dem Abendessen teilte ihn dann einer der Wächter mit, dass man sie morgen früh zu ihrem Einsatzort bringen würde. Es wurde angeraten möglichst viel zu ruhen und sollten sie noch irgendein Problem haben, das sie in ihrer Arbeit einschränken könnte, sollten sie sich nach dem Essen melden.

Die Geschehnisse des Tages saßen tief und die Stimmung wollte sich nicht wirklich aufhellen. So fiel auch das Abendessen eher still aus, dass zwar nicht luxuriös, aber sehr nahrhaft war und besser als das meiste, dass sie seit langem zu sich genommen hatten. Es gab getrocknetes Obst, hauptsächlich Apfelringe und ein paar Rosinen, Most, angereichert mit irgendwelchen Kräutern zum Trinken und eine dicke Suppe in der sogar Fleisch schwamm. Ja, man investierte in ihre Gesundheit. Nur wofür blieb die Frage?
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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Thomas Mercer » Mittwoch 7. Oktober 2015, 21:23

Nie würde Thomas Gideons Blick vergessen. Das Unverständnis in seinem Ausdruck, die Angst und die hochkochende Wut. Gideon hatte nichts getan, was die Wahl be-gründet hätte. Er hatte alles richtig gemacht und war dennoch von Mercer verdammt worden. Ein Opfer unter Gleichen. Vielleicht nicht aus Sicht von Gideon, denn Mercer hatte seinen eigenen Schützling gleich gemacht, indem er dessen Potenzial in seine Überlegungen miteinbezogen hatte.

„Wieso?“ Die unausgesprochene Frage lag schwer auf Thomas Seele. Aber er kam zum nüchternen Schluss, dass er dieser Frage so oder so begegnet wäre, egal wen er gewählt hätte. Als die Verdammten vortreten mussten, begann das Zittern. Erst spür-te es Thomas feinschlägig in seinen Fingerkuppen, doch dann breitete es sich über sei-ne ganzen Hände aus und er schaffte es nicht mehr, sie ruhig zu halten. Er schluckte leer und für einen Moment wurde ihm ganz schwarz vor den Augen. Was hatte er nur getan?! Er starrte Gideon entgegen, starrte abermals in dieses Vorwurfsvolle Gesicht und Thomas wusste, dass er ihm Unrechtes angetan hatte. Er hätte sich selbst wählen sollen. Wäre dies nicht seine Pflicht gewesen? Was für ein Vorarbeiter war er denn, wenn er seine eigenen Männer opferte?

Die folgenden Stunden verbrachte er wie in Trance. Wenn man Thomas ansprach, so drang man nicht zu ihm durch. Er konnte das nicht. Er konnte mit Steinen umgehen, darin war er ein Meister, zu allem anderen taugte er nicht! Rasmussen bedache er mit harten Blicken, Thomas war dessen Reaktion nicht entgangen. Hätte er nach Sympa-thien entschieden...

Er hätte es gekonnt. Er hätte die Macht dazu gehabt. Er starrte seine Hände an. Nein, dafür war er nicht geschaffen! Sowas durfte man nicht von ihm verlangen! So konnte er nicht Arbeiten. Die Meister wurden diesen Abend gemieden und jeder sass für sich am Tisch. Reden mochte ohnehin keiner. Die Stille wurde einzig von Mercers Löffel-geklimper durchbrochen, da er so zitterte, dass er praktisch alles Verschüttete, bevor er auch nur in die Nähe seines Mundes kam. Er musste schliesslich aus dem Teller trin-ken. Mercer packte nach einem Stück Brot und zerknautschte es regelrecht, so ange-spannt war er. Sein Herz raste und er litt an wiederkehrenden Schweissausbrüchen. Immer sah er Gideons hasserfüllten Blick vor seinem inneren Auge.

Warum hatte man ihn zu dieser Wahl gezwungen? Was für einen Sinn steckte dahinter, die Meister einer solchen Last zu unterwerfen, an der sie zerbrechen könnten. So wie Thomas gerade daran zerbrach. Das konnte doch nicht im Interesse ihrer neuen Herrin sein. Er spürte die Blicke der anderen Männer auf sich. Eine gebannte Stimmung herrschte. Die neuen Herren waren ihnen allen noch Fremd und niemand wusste so recht, was nun kommen würde.
War die ganze Sache eine weitere Prüfung gewesen? Eine Prüfung für was? Was im-mer die Absicht gewesen war, Thomas fiel auf. Er hatte zwar gehorsam gezeigt, mach-te nun aber auch deutlich, dass er nicht in der Lage war, den Tod eines Gruppenmit-glieds zu verantworten. Thomas war definitiv ein guter und folgsamer Sklave, aber als Richter taugte er nicht. Nicht einmal als Rebell, denn er hatte keinen direkten Wider-stand gegenüber dem Befehl geleistet. Vielleicht hätte er das tun sollen! Vielleicht hätte er sich verweigern sollen! Aber was dann?! Hätte man sie dann nicht alle be-straft? Er starrte auf seine zitternden Hände. So konnte er morgen nicht arbeiten. Nie-mals! Das würden die Wächter bemerken. Er wurde blass, weil er nicht wusste, was nun mit im geschehen würde. Was mit seiner Familie passieren würde. Sein Leben und das seiner Familie hing davon ab, dass er Steine behauen konnte. Warum tat man ihm das an? Warum machten sie seinen Wert kaputt? Er verstand es nicht und die Willkür und vermeintliche Sinnlosigkeit der Auslese belastete ihn zusätzlich. Warum fütterte man sie mit Suppe und Fleisch, wenn man am nächsten Tag doch mehrere der eigenen Gruppe verlor? Er wagte es nicht, seinen Schützling anzusehen. Baptiste musste wohl wissen, dass die Sache zwischen ihm und Gideon entschieden worden war. Er atmete, weil ein anderer für ihn den Kopf hinhalten musste und Meister Mercer hatte es so be-stimmt. Auch den Blick gegenüber den anderen Meister mied er.
Nach diesem Tag würde doch nichts mehr so sein wie vorher. Alle Arbeiter sahen sich nun mit Meistern konfrontiert, die einen von ihresgleichen ans Messer geliefert hatten. Ging es darum? Misstrauen zu schüren? Aber warum? Mercer konnte es drehen und wenden wie er wollte, es ergab keinen Sinn. Die Herrin hatte doch gesagt, dass es ihnen unter ihrer Führung gut gehen würde. Wenn sie gehorsam waren und arbeiteten. Das hatten heute doch alle getan! Bei Lysanthor sie hatten doch ihr Möglichstes getan! Warum reichte das nicht?!

Er hatte ihn umgebracht! Waren sie schon tot?! Was hat man mit ihnen angestellt?! Das hielt er nicht aus! Er war kein Mann, der seine eigenen Leute Opfern konnte! So war er nicht! Darum würde aus ihm doch auch nie ein Rebellenführer oder ein hoher Soldat oder etwas werden. Er konnte Verantwortung übernehmen ja, aber lediglich für das „wohl“ seiner Leute, nicht für ihr Verderben. Vor allem, wenn dieses Verderben willkürlich über seine Männer hereinbrach. Verzweiflung machte sich in ihm breit. Wie sollte er morgen Steine Schlagen, wenn doch an seinen Händen Blut klebte?

Er konnte es nicht... er würde es nicht können... So kam es, dass der grosse Steinmetz-meister nach dem Essen aufstand und sich bei der Wache meldete. „Herr. Ich muss Meldung machen.“ Brachte er mühsam hervor und zeigte ihm seine zitternden Hände. „Seit der Auslese zittern meine Hände, Herr. So werde ich der Herrin morgen nicht gefallen können. Wenn...wenn ich sie um Gnade gegenüber den ausgewählten Männer flehen könnte...Herr ich möchte arbeiten, ich möchte für sie Meisterwerke erschaffen, aber so kann ich das nicht.“ Thomas war nicht der erste, der einen psychischen Kollaps hinlegte. Sowas kam unter Sklaven immer wieder mal vor, wenn die Belastungen zu viel wurden und meistens endete es schlecht für die Betreffenden. Schliesslich wagte es Thomas in seiner Verzweiflung sogar „Forderungen“ zu stellen. Er wollte eine Au-dienz bei der Herrin... grosse Wünsche für einen Sklaven. Sowas würde er unter norma-len Umständen niemals tun. Dafür hatte er normalerweise nicht den Mut. Aber ihm mangelte es nicht an Aufrichtigkeit in seinen Worten. Er hatte bisher immer alles dafür getan, seinen Herren zu gefallen und nicht für Ärger zu sorgen. Aber das hier kriegte er nicht hin. Er sah den Mann verzweifelt an, mehr aus Sorge um das Schicksal welches er gegenüber Gideon und seinen Kameraden herbeigeführt hatte, als das eigene, das ihm möglicherweise aufgrund seiner offengelegten Schwäche drohte. Es war offen-sichtlich, dass der Steinmetzmeister mit diesen Händen keinen Stein würde ordentlich behauen können. So blieb ihm im Grunde kaum eine andere Wahl.

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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 8. Oktober 2015, 12:01

Thomas quälte sich mit Selbstvorwürfen. Er quälte sich so sehr, dass es körperliche Symptome annahm. Das Zittern seiner Hände war unübersehbar und da man diesen Abend die Meister an einen anderen Tisch gesetzt hatte, als die übrigen Arbeiter, fiel es auch Geison auf. In einem Augenblick, da die Wächter sich leise unter sich unterhielten, beugte er sich zu Thomas hinüber und flüsterte:
„Reiß dich zusammen Mann!...“
Es war gut gemeint, doch zeigte kaum Wirkung.
„... Es war hart, aber du kannst es jetzt eh nicht mehr ändern. Es ist nicht deine Schuld. SIE verlangen das von uns, SIE sind der Ursprung dieses Bösen! Lass dich nicht unter kriegen. Ich tu es auch nicht! Schon deiner Familie zu liebe! Denk an sie, dass wird helfen.“
Aber es half nicht. Das fatale an der Situation war, dass Thomas so oder so negativ auffallen würde und das wusste er. Das Zittern seiner Hände würde ihn nicht arbeiten lassen können und somit war der Ärger vor programmiert. Es blieb ihm keine andere Wahl. So kam es, dass der große Steinmetzmeister nach dem Essen aufstand und sich bei der Wache meldete.
„Herr. Ich muss Meldung machen.“
Brachte er mühsam hervor und zeigte ihm seine zitternden Hände.
„Seit der Auslese zittern meine Hände, Herr. So werde ich der Herrin morgen nicht gefallen können. Wenn...wenn ich sie um Gnade gegenüber den ausgewählten Männer flehen könnte...Herr ich möchte arbeiten, ich möchte für sie Meisterwerke erschaffen, aber so kann ich das nicht.“
Thomas war nicht der erste, der einen psychischen Kollaps hinlegte. So etwas kam unter Sklaven immer wieder mal vor, wenn die Belastungen zu viel wurden und meistens endete es schlecht für die Betreffenden. Schließlich wagte es Thomas in seiner Verzweiflung sogar „Forderungen“ zu stellen. Er wollte eine Audienz bei der Herrin... große Wünsche für einen Sklaven. So etwas würde er unter normalen Umständen niemals tun. Dafür hatte er normalerweise nicht den Mut. Aber ihm mangelte es nicht an Aufrichtigkeit in seinen Worten. Er hatte bisher immer alles dafür getan, seinen Herren zu gefallen und nicht für Ärger zu sorgen. Aber das hier kriegte er nicht hin. Er sah den Mann verzweifelt an, mehr aus Sorge um das Schicksal welches er gegenüber Gideon und seinen Kameraden herbeigeführt hatte, als das eigene, das ihm möglicherweise aufgrund seiner offengelegten Schwäche drohte. Der Wächter erkannte auch sofort das Offensichtliche, dass der Steinmetzmeister mit diesen Händen keinen Stein würde ordentlich behauen können.
„Ich mache Meldung. Du bleibst hier!“
Er drehte sich um, gab einem Kollegen ein Zeichen und der schloss die kurz entstandene Lücke. Thomas stand einige furchtbar lange Minuten reglos auf der Stelle. Die anderen Arbeiter hatten mitangehört, um was er gebeten hatte und einige nickten ihm sogar in seinen Bemühungen anerkennend zu. Es dauerte eine Weile bis der Wächter mit zwei weiteren Personen zurück kam und ihn dann am Arm aus dem Raum führte. Die beiden andern Dunkelelfen waren einer der Arzt den sie schon bei der ersten Untersuchung hatten kennen lernen dürfen und der andere ein Krieger, der dem Mann nicht von der Seite wich. Auf dem Weg in den Gefängnistrakt sprach der Arzt mit leiser, schneller und doch eher monotoner Stimme, ohne Thomas anzusehen:
„Hochsensible Menschen wie er einer ist, erleben ihren Alltag mit einer ausgeprägten Intensität.
Ihre Reizschwelle ist niedrig. Sie sind rascher erschöpft als andere Menschen. Es besteht eine erhöhte seelische Verletzbarkeit, oft auch eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit und eine Anfälligkeit für körperliche und psychosomatische Störungen. Das innere Gleichgewicht gerät leicht aus dem Takt. Es kommt häufig zu Überreizungszuständen und damit verbundenen Kontrollverlusten. Zur ausgeprägten Empfindsamkeit Betroffener gehört aber auch, dass sie einen grossen inneren Reichtum besitzen, nicht oberflächlich, sondern zu tiefen Empfindungen fähig und ausgesprochen differenziert sind. Ein ausgeprägtes Intuitionsvermögen ist ihnen eigen, kreative Begabung, Gewissenhaftigkeit und eine hohe Ethik. Das Gespür für Schönheit, Gerechtigkeit und Harmonie ist sehr ausgeprägt. Viele herrausragende Künstler gehören zu ihnen. Hochsensible sind emotional Hochbegabte und wichtige Arbeiter. Manche wissen gar nicht, dass sie zu den Hochsensiblen gehören und somit etwas besonderes sind. Da diese Wesensart in ihrer Gesellschaft meist unverstanden und ungewürdigt bleibt, leider oft auch mit Ettikettierungen wie “Sensibelchen”, “Mimose” versehen wird, geraten Betroffene nicht selten in Konflikte, stufen sich selbst als neurotisch, überempfindliche, schwach und labil ein. Hochsensibilität ist keine Krankheit. Sie ist in der Regel angeboren, kann aber auch durch traumatische Erlebnisse gefördert werden. Bei unsorgfältigem Umgang mit dieser Wesensart besteht ein erhöhte Risiko für Stresserkrankungen und psychische Beeinträchtigungen. Depressionen, Angststörungen die die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen können die Folge sein. Hochsensible sollten daher ihre Schutzfaktoren gut kennen lernen, die zur inneren Balance verhelfen und einen angemessenen, wertschätzenden Umgang mit sich selbst einüben. Ich begleite Betroffene schon seit Jahrzehten, vor allem in Einzeltherapien..."
Jetzt wandte er sich an seinen Wächter und anscheinend auch seine rechte Hand.
"Du wirst ihn fest in kalte Tücher einwickeln! Der Druck wirkt beruhigend auf das überreizte Nervensystem. Die anfängliche Kälte überscheibt die Missempfindungen und die später einsetzende Wärm wirkt beruhigend zusammen mit den Medikamenten."
Sie kamen an Thomas Zelle an und sie wurde geöffnet. Mit stillen Gesten wurde der Gefangene aufgefordert sich nackt auszuziehen und sich noch einmal zu erleichtern. Ganz klar würde es keine Audienz bei der hohen Herrin geben. Statdessen bekam er eine kleine Viole mit Mohnsaft gereicht. Der erste Wächter holte in der Zwischenzeit einen Eimer in dem ein nasses Lacken schwamm und eine gewachste Lederhaut. Dann wurde beides auf seiner Pritsche ausgebreitet und Thomas sollte sich darauf legen. Allein mit den dei Männern blieb ihm keine Wahl. Der Hautkontakt mit dem eisigen, nassen Stoff schmerzte besonders an seinem empfindlichen Rücken, aber lag man erst, ging das unangenehme Gefühl schnell weg. Der Begleiter des Arztes begann ihn fachmännisch einzuwickeln und bald fühlte sich Thomas wie in einem straff sitzenden Kokon, der gerade so seine Nase frei ließ. Einzig ein paar Finger seiner linken Hand waren mit einer dünnen Schnur verbunden mit einer Glocke die seitlich am Bett herunter hing. Er wurde aufgefordert einmal zum Zeichen dass es funktionierte zu klingeln und ihm wurde erklärt, dass er im Notfall so um Hilfe rufen könnte, die anderen Wächter würden informiert werden. Er sollte versuchen so lange wie möglich den Druck auszuhalten und an etwas beruhigendes Denken. Wenn er sich ergäbe, könnte dies ein sehr angenehmes Erlebniss für ihn werden. Die drei verschwanden kurz darauf und es kehrte Stille in die Flure ein.
-
Erst war es kalt, fast schmerzhaft eisig, aber dann veränderten sich langsam die Empfindungen und es war noch nicht einmal die kleine Menge Mohnsaft, der so doer so für gewöhnlich länger brauchte um zu wirken. Langsam wandelten sich Thomas körperlichen Empfindungen in seinem Kokon. Die Schmerzen wichen und die feuchte Kälte drang tief in die verspannten Muskeln. Erst war es ein eher unangenehmes Gefühl so feste eingewickelt und in seinem eigenen Sud zu liegen. Alles war feucht und glitschig, aber dann wurde es wärmer. Die innerste Lage Laken heizte sich langsam durch die Körperwäre auf und das Leder drum herum hab nichts an die Umgebung ab. Außen hatte man sogar noch die Decke um ihn herum fest gesteckt und außer seinem Herzschlag und ganz weit entfernten Geräuschen nahm Thomas kaum etwas war. Tatsächlich hörte auch das nur noch leichte Zittern auf, sobald die Wärme kam und bald wurde er schläfrig. Die feste Umarmung beruhigte die Nerven und lockerte die verpannte Muskulatur, da sie durch den Druck von außen keinen eigenen mehr aufbauen musste. Das erste mal seit ... einer Evigkeit ... konnte sich Thomas Mercer richtig fallen lassen und fiel sogleich in einen sanften Traum aus seiner Vergangenheit.

(Kannst hier gern nach eigenem Belieben etwas einfügen.)

Das Erwachen kündigte sich mit einem leichten zupfen an seinem Kokon an. Stück für Stück ließ der Druck um sein Gesicht, um seine Schultern und um seinen Brustkorb nach. Es war ein Gefühl wie "auseinanderfließen" und Thomas stellte fest, dass er die ganze Nacht fest und ruhig geschlafen hatte. Es ging ihm blendent und sogar seinem Rücken ging es etwas besser, wenn er es ausprobierte. Die Nacht im "Saft" hatte tatsächlich heilende Wirkung gehabt. Der Begleiter des Wächters war wieder da und befreite ihn aus seiner Hülle. Nachdem er die Notdurft benutzt hatte wurde er noch einmal in die Waschräume zu den anderen Sklaven gebracht, die ihn nuegierig mit Fragen überhäuften und hofften etwas über den Verbeib der anderen zu erfahren. Offensichtlich hatte man ihn in seiner Zelle noch nicht einmal bemerkt. Einzig seine faltig gelegene Haut wurde von Geison bemerkt, aber der sagte nichts und runzelte nur fragend die Stirn um es ihm zu überlassen, ob er etwas dazu vor den Anderen sagen wollte.
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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Thomas Mercer » Sonntag 11. Oktober 2015, 22:02

Geison drang mit seinen Worten nicht zu Thomas durch. Er hörte seinen Kameraden zwar, doch konnte er die Worte nicht zu einem sinnvollen Satz entschlüsseln, dafür war er viel zu sehr von seinen eigenen Gedanken eingenommen. Stattdessen ging er auf einen der Wächter zu und machte Meldung, nicht nur das, er flehte auch um das Leben seiner Arbeitskameraden. Dies registrierten auch die Männer am Tisch. Alle waren gebannt was nun geschehen würde und einige rechneten wohl insgeheim damit, dass sie Thomas wohl zum letzten Mal gesehen hatten. Doch zuerst hiess es warten. Thomas stand wie geheissen an Ort und Stelle. Nervös strich er sich über seine Finger. Er blickte auf, als der Wächter mit dem Arzt im Schlepptau zurückkam. Man sah dem Steinmetz die Verwirrung an, als man ihn in den Gefängnistrakt führte. Was redete dieser Dunkelelf da? Einerseits war es für ihn schon höchst irritierend, dass sich ein Dunkelelf überhaupt mit dem Innenleben von Menschen befasste und zweitens verstand er nicht so recht, was er da sagte. Hochsensibel? Was meinte er damit? Was sollte das heissen? Meinten die ernsthaft er sei krank oder ein Sonderling? War es für sie so unvorstellbar, dass es für einen Menschen nicht normal war, einen Anderen in den Tod zu schicken? Thomas sperrte sich zwar nicht gegen die Männer, aber er nuschelte leise vor sich hin: „Sagt mir doch einfach was mit den ausgewählten Männern passiert ist, bitte.“ Für Thomas Verhältnisse war dies schon ein aussergewöhnliches Zeichen des Widerstandes. Er brauchte keine Behandlung, nur Gewissheit! Dies sah der Dunkelelf offensichtlich anders. Er sollte in kalte Tücher eingewickelt werden und irgendwelche „Medikamente“ verabreicht bekommen. Wie bei Tieren fragte man natürlich auch den Sklaven nicht nach seiner Meinung, es war nicht so, dass er eine Wahl hatte. Aber nach einer bevorstehenden Folter klang das Ganze auch nicht. Wo waren sie hier nur hingeraten? Diese Dunkelelfen verhielten sich so anders als die meisten anderen. Alleine schon dass sich ein Dunkelelf die Mühe machte einen Menschen in irgendwelche Tücher einzuwickeln entsprach eigentlich nicht unbedingt ihrer gängigen Praxis. Man verwendete viel Zeit auf einen einzelnen Sklaven. Dies bestärkte Thomas in seinem Gedanken, dass sie wertvoll waren, sie alle. Aber warum dann Leute ausselektieren? Ein Steinmetzgeselle war immer noch haushocheffizienter, als eine ungelernte Arbeitskraft. Warum sollten sie einerseits so viel Zeit und Mühe in Thomas investieren und gleichzeitig fähige Leute umbringen? Das machte doch keinen Sinn!

Thomas fand sich in einer Zelle wieder, so ganz geheuer war ihm das Ganze noch nicht. „Bitte...ich brauche doch nur die Anderen zu sehen.“ Gab er kleinlaut von sich, aber es half nichts. Er wurde angehalten sich auszuziehen und sich zu erleichtern. Thomas war schon zu lange Sklave, als dass er diesbezüglich noch irgendwelche Hemmungen gehabt hätte. Als man ihm die Phiole reichte zögerte er einen Moment, doch er hatte nicht vor die Geduld der Dunkelelfen herauszufordern. Thomas war es sich nicht gewöhnt, irgendwelche Medikamente einzuverleiben. Obwohl er wegen seinen Rückenbeschwerden oft bei irgendwelchen Heilkundigen gewesen war, hatte er stets auf die Einnahme stärkerer Arzneien verzichtet. Zu wichtig war ihm ein klarer Geist auf der Baustelle und er hatte immer die Angst gehabt, dass er sich an die Arzneien gewöhnen könnte und den Alltag dann nicht mehr ohne hätte bestehen können. Bis auf regelmässige Massagen durch seine Frau war sein Rücken also praktisch unbehandelt geblieben. Das Gebräu schmeckte bitter, doch ansonsten spürte er kurz nach der Einnahme noch keinen wesentlichen Effekt.

Die Pritsche mit den nassen Laken sah alles andere als Einladend aus, doch Thomas überwand sich und legte sich freiwillig darauf, ohne dass die Dunkelelfen hätten nachhelfen müssen. Er zuckte zusammen und verzog sein Gesicht, als die Kälte stechend und schmerzend sich in seinem Rücken ausbreitete. Für einen Moment bekam er Angst, er hätte seine Problematik durch die deutliche Reaktion verraten. Schliesslich begann das Einbinden. Das ganze Prozedere war für Thomas alles andere als Angenehm. Einerseits, weil ihn keiner wirklich aufklärte was mit ihm passierte, zweitens weil er sich so den fremden Besatzern komplett ausgeliefert wähnte. Dennoch blieb der Sklave erstaunlich diszipliniert und still. Es war beinahe schon unheimlich wie Thomas einfach andere über seinen Körper und was mit ihm geschah bestimmen liess. Immer wieder suchte er unsicher den Blickkontakt zu dem Arzt, wenn er denn wirklich einer war, doch dann wurden ihm auch Augen und Ohren verbunden. Für einen Moment geriet er in Panik, als er sich seiner eigenen Bewegungslosigkeit gewahr wurde. Ausserdem begann er sich notgedrungen auf seinen eigenen Herzschlag zu konzentrieren, was ihn völlig durcheinander brachte. Er atmete angestrengt gegen die Bandagen an. Er verlor jegliches Zeit und Ortsgefühl, ja er war sich nicht einmal mehr sicher, ob die Dunkelelfen noch im Raum waren. Lysanthor steh unseren Männern bei! Er hatte es versucht, hatte versucht sich für sie einzusetzen und er hatte versagt. Nun konnten wohl nur noch die Götter helfen. Es war in den ersten Minuten vor allem die Angst, die es ihm verbat sich gegen die Bandagen zu wehren und die Glocke zu läuten. Irgendwann ergab er sich dem jetzigen Zustand und dies machte es erst möglich, dass er sich tatsächlich entspannte. Langsam wurde es in seinem Kokon wärmer und der Mohnblumensaft entfaltete seine Wirkung von innen, so dass Thomas irgendwann einschlief.
„Louisa, warte, nicht so schnell Liebes!“ Hörte er sich im Traum selbst rufen. Sie befanden sich vor den Toren Pelgars. Die gelben Banner mit dem Schwarzen Adler hingen an den Turmmauern herab. Die Sonne stand bereits tief und ummantelte die Stadt mit ihrer warmen rötlichen Farbe. Seine Tochter rannte hüpfend auf die Tore zu, er selbst schlenderte mit seiner Frau der Strasse entlang. Beth Trug ein Korb voller Pilze. Er hielt ihre Hand und sie drückte die seinige und lächelte ihm entgegen. „Du weisst gar nicht, wie glücklich du mich machst, Thomas.“ Der Steinmetz lächelte und warf ihr einen neckischen Blick zu. „Ich hätte dich ja schon früher geheiratet, aber du hast mich lange zappeln lassen.“ Beth schmunzelte. „Und ich habe jeden Akt deiner Bemühungen genossen. Balzende Männer haben ihren ganz eigenen Reiz, weisst du.“ Thomas strich sich über den Bart und bedachte Beth mit einem langen Seitenblick. „Balzende Männer, wie? Etwa solche...“ Er packte sie und hob sie auf seine Arme, so dass er sie über den Weg tragen konnte. „Die ihre Angebetete auf Händen tragen? Beth gab einen überraschten Laut von sich und umklammerte ihren Korb. Sie streichelte über seinen Bart und zog Thomas daran zu sich hin. „Und sie küssen.“ Hauchte sie und Thomas liess sich nicht zweimal bitten.

Er genoss ihre Wärme. Ihren Geruch. Die sanften Berührungen ihrer Lippen. Wie sie ihn fest umarmte und erst langsam von ihm löste...Lage...um Lage... Was? Erst jetzt merkte er, dass er geträumt hatte. Er öffnete die Augen und blinzelte dem Dunkelelfen verschlafen entgegen, der ihn beinahe schon behutsam auswickelte. „Danke, Herr.“ Gab er Schlaftrunken von sich und für einen Moment schien er gar etwas desorientiert zu sein. Dennoch war die Sklaverei verinnerlicht genug, dass er den Dank standesgemäss über seine LIppen brachte. Langssam setzte er sich auf und liess seine Schultern kreisen. Er war letztlich froh, aus seiner Bewegungsstarre wieder befreit zu sein. Es brauchte seine Zeit bis er sich seiner Lage wieder voll und ganz bewusst war. Er war nicht in Pelgar. Beth und Louisa waren zwar in seiner Nähe, aber für ihn nicht erreichbar... und mit seinen Bitten hatte er ebenfalls nichts erreicht. Das SChisksal seiner Kameraden war nach wie vor ungewisss. Das drückte sogleich auf das wiederhergestellte Gemüt. Dennoch hatte die Behandlung gewirkt. Das Zittern seiner Hände war verschwunden und auch sein Rücken schien von der Behandlung profitiert zu haben. Auch waren seine Gedanken wieder einigermassen geordnet, obwohl er immer noch etwas verdattert von der ganzen ungewohnten Massnahme wirkte. Er fühlte sich ausgeruht und tatenkräftig doch die wichtigste Änderung in seinem Gemüt bestand aus einem neuen Gedankengang, der sich wohl über Nacht entwickelt hatte. Der Fehler in seinem Denken lag in seiner Annahme, dass ihre Gefährten dem Tod übergeben worden waren. Dies war doch gar nicht sicher! Er selbst war doch gestern beinahe komplett durchgedreht und anstatt ihn zu strafen und ihn loszuwerden, hatte man versucht ihm zu helfen. Entgegen allen Erfahrungen die er sonst mit Dunkelelfen gemacht hatte bestand doch immerhin die Möglichkeit, dass man auch den ausgewählten Männern geholfen hatte. Vielleicht hatten sie einfach noch mehr üben müssen. Vielleicht waren sie deshalb separiert worden.

Dies war Thomas Strohhalm, an dem er sich festklammerte. Vielleicht waren ihre jetzige Herren Gütig und nicht Grausam. Vielleicht gab es tatsächlich gütige Dunkelelfen, wie es eben auch furchtbare Menschen gab. Geison würde ihm da keinesfalls zustimmen, für ihn gab es nur Schwarz oder Weiss, doch Thomas dachte da anders. Dies gab ihm einen funken Hoffnung zurück. Doch dies änderte selbstverständlich nichts an der Tatsache, dass sich Thomas nicht an einem Kurort befand, sondern nach wie vor in einer Zwangslage. Dennoch, der Mensch besass die beinahe schon unheimliche Fähigkeit sich an alles mögliche zu gewöhnen und so war dieser Morgen in Thomas persönlichen Sklavenalltag, ein verhältnismässig "guter" Morgern.

Man liess ihn zurück zu den anderen und Thomas nutzte die Gelegenheit zur Körperpflege. Natürlich wurde er sogleich mit Fragen überhäuft und alle rechneten mit dem Schlimmsten. Doch Thomas schüttelte nur den Kopf und beschrieb, was man mit ihm gemacht hatte. „Sie...haben mir geholfen.“ Schloss er schliesslich und sah die Männer an. Unglauben und Verwunderung lass er in ihren Gesichtern, doch auch seine eigenen Worte hatten seinen eigenen Unglauben und seine Verwirrung darüber zu Ausdruck gebracht. Keiner hätte wohl mit so einem Ausgang seines Zusammenbruchs gerechnet. Irgendwie beschlich ihn ein schlechtes Gewissen. Er hatte Gideon ausgewählt und in die Ungewissheit geschickt und nun hätte man ihn über Nacht verhätschelt, als er damit nicht klargekommen war. Las er in einigen Gesichtern eine ähnliche Meinung? War das nicht völlig aus unverdient gewesen.? „Ich...ich...glaube unseren Freunden geht es gut.“ Brachte Thomas schliesslich hervor. Er wusste nicht genau woher er diese neue Gewissheit zog, aber er glaubte daran. Manche Skeptiker mochten ihn wohl für einen leicht manipulierbaren Naivling und vielleicht war er dies auch, aber dieser Gedanke gab ihm die nötige Ruhe, um den Tag zu bestreiten. Thomas suchte Geisons Blick und sah ihn fragend an. „Hast du sowas schon mal erlebt? Sie...haben geholfen.“ Hauchte er nochmals. Ihr ganzer Aufenthalt hier passte nicht in die bisherige Erfahrungswelt der Sklaven, deren Alltag bisher von Gewalt, Schinderei, Demütigung und Schikane geprägt gewesen war. Aber auch das Auftreten ihrer Herrin stand eigentlich im Widerspruch zu dem, was Thomas gerade widerfahren war. Dieser ganze Ort hier und das Verhalten der Herren war seltsam und Thomas wusste nicht so recht, ob das für sie alle gut, oder schlecht war. Vielleicht hatte er auch einfach nur verdammtes Glück gehabt. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass diese Männer nicht auch anders konnten. Er hatte schliesslich mit eigenen Augen gesehen, was Harker mit dem Dunkelelfenschreiber gemacht hatte. „Was haben sie nur mit uns vor?“ Fragte er unsicher und strich sich über seine Hände.

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Re: Die Ruinen des Wohlstandes

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 14. Oktober 2015, 08:33

Seine Mitgefangenen starrten ihn eine Weile unverständlich an, Rasmussen zeigte sogar etwas Misstrauen zu seiner äußerst seltsamen Geschichte, als würde er ihm nicht glauben, aber im Gesamten ließen sie ihn dann doch schnell in Ruhe. Das Mercer irgendwie nicht ganz auf der Höhe war, konnte jeder sehen und der Bericht von der vergangenen Nacht war mehr als nur merkwürdig! Manch einer glaubte ihm vielleicht gar nicht. Andere dachten vielleicht, er wäre über geschnappt und wieder andere, wie Geison glaubten ihm sicher, jedoch verstanden das Ganze genau sowenig wie er selbst. Die Frage blieb: Warum?
Warum hatte man das für ihn getan? Der Arzt hatte ihm tatsächlich geholfen, auch wenn es aus seinem Mund mehr wie ein Experiment an einer Ratte geklungen hatte. Thomas Zweifel an der ganzen Situation, ja der ganzen Umgebung waren mehr als berechtigt! Dem Arzt schien tatsächlich wichtig gewesen zu sein, dass er voll einsatzfähig wäre. Am „Herzen“ lag es ihm sicher nicht, aber wer hatte dann den Befehl gegeben, dass die Sklaven so gut behandelt wurden? Die Männer tuschelten und überlegten teils laut, teils hinter vorgehaltener Hand, was das ganze zu bedeuten hatte. Es bildeten sich kleine Grüppchen von zwei bis drei Männern. Das alles zu hinterfragen war eine logische Folge und die Menschheit war von Natur aus neugierig.
Also hatte entweder der Hauptmann Harker oder ihre neue Herrin Amandin Belyal Sinth etwas damit zu tun. Bisher hatte Thomas tatsächlich nur männliche Herren gehabt die sich an Grausamkeiten und Verachtung ihnen nur gegenseitig übertroffen hatten, doch jetzt war da eine Dunkelelfe im Spiel, eine Frau. Vielleicht war es einfach nur ihre weibliche Note, die sein Schicksal verändern sollte? Was hatte sie nur mit ihren vor? Sollten sie zu ihrer Arbeit auch noch Lust-Sklaven werden? Waren sie teil eines Experimentes? Böse Zungen flüsterten, dass Mercer ihr neuer Liebling war. Das würde dem Hauptmann sicher nicht gefallen und man sah ihn mitleidig an.
Doch das alles waren Spekulationen, die den Männern mehr oder weniger durch den Kopf gingen. Manche wurden offen geäußert, manche verschwiegen. Jeder konnte spüren, dass etwas sich verändert hatte. Ihre Gruppe, die im Leid zusammen geschmiedet worden war, sie begann Risse zu bekommen, wie eine Mauer die vom Regen unterspült worden war. Früher hatten sie in Angst und unter Druck fest zusammen gehalten, doch diese neue Situation brachte Neid und Misstrauen mit sich. Noch wurde es gegen die Bewacher gerichtet, doch was würde geschehen, wenn einzelne „besonders“ behandelt würden? Das Getuschel, die Blicke die im Nacken bohrten, das waren die eigentlichen Waffen der Dunkelelfen und Geison war derjenige der es aussprach:
„Männer! Ruhe! Ihr verhaltet euch wie Waschweiber! Meister Mercer ist nicht der Feind! Ihr seid es, wenn ihr euch durch ihre Spiele verwirren lasst! Egal was der Einzelne unter uns ertragen muss, wir alle haben das gleiche Schicksal!“
Seine harte Stimme wurde etwas weicher, auch wenn sie die ganze Zeit sehr leise war, erreichte sie doch jeden im Raum. Plötzlich war es ganz still geworden.
„Wir alle sind Gefangene! Wir sind Sklaven und schon lange nicht mehr Herr über unseren Willen! Das macht uns zu Brüdern! Wenn einer Heilung erfährt und der andere den Tod, dann ist das nicht unsere Entscheidung! Es ist IHR Wille, vergesst das nicht! Fallt euch nicht gegenseitig in den Rücken, dafür haben wir schon zu viele von uns verloren!“
Man sah in einigen Gesichtern bestätigendes Nicken. Auch Trauer, dass einen guten Freund und Gefährten von ihnen gegangen war, die Erinnerungen an weit aus schlimmere Zeiten verfolgten sie alle. Es war eine kurze, eine traurige Rede gewesen, aber sie hatte ihren Zweck erfüllt. Die Männer fanden wieder zueinander und Meister Bernhard Thein, der Feinschmied, kam zu Mercer. Er sah zu ihm auf, da er deutlich kleiner war, aber er nickte und es waren keine Worte nötig um zu sagen, dass er keinen Groll gegen ihn hegte. Die Männer sahen sich an und ihre Übereinkunft wurde mit stillen Blicken erneuert. Nur Rasmussen stand lange allein, aber fügte sich dann doch nach einigem Zögern. Mercer hatte ihm seinen engsten Verbündeten genommen, seinen Lehrling.
Die Zeit der Besprechungen endete abrupt, als sich Schritte näherten, die Gittertür aufgestoßen wurde und zwei Neue nackt herein gestoßen wurden. Die Wächter bellte sie an:
„LOS! WASCHT EUCH! Ihr Anderen, glotzt nicht! Für Vorstellungen ist hier keine Zeit!“
Der erste war der „Kleine“, 1,85m und sehnig, mit starken Muskeln unter bronze- brauner Haut mit Tätowierungen. Er hatte eine Glatze, die einige Muster schmückte und viele Narben auf dem Körper. Wer die Färbung seiner Haut kannte, der könnte ihn als Samaer identifizieren. Hinter ihm kam der zweite Mann herein. 1,90m, stämmig, muskulös, mit sehr heller, fast weißer Haut, rotbraunem langen Haar in mehreren fest geflochtenen Zöpfen eng am Kopf und grünen Augen. Er sah sehr nach einem Andunier aus und hatte ein paar noch sehr frische Striemen auf dem Rücken. Die Wunden waren bestimmt nicht älter als ein Tag. Das alte Blut klebte noch überall an ihm und malte gruselige Kontraste auf seinen Leib.
Schweigend und eilig nahmen alle wieder ihre Tätigkeit unter den scharfen Blicken ihrer Beobachter auf. Als sie fertig waren wurde der Verletzte separiert und bekam eine Tinktur auf den Rücken gepinselt. Dann wurden die beiden Neuen neu eingekleidet und als sie alle fertig waren, wurden sie auf den Hof hinaus geführt. Dort verband man die Kette miteinander und es folgten ein paar Minuten Ruhe in denen man Zeit hatte sich flüsternd zu unterhalten. Der kleinere der beiden Neuzugänge fragte prompt:
„Leute, … ich bin Adim, was ist hier los?“
Der andere stellte sich auch schnell vor:
„Corbin. Wo bringt man uns hin?“
Doch zur Antwort erhielten sie nur allgemeines Schulterzucken und ein paar Vermutungen. Geison stellte eine gute Frage:
„Was habt ihr gelernt? Seid ihr Schmiede?“
Beide nickten und man folgerte, dass die beiden wohl diejenigen waren, die die Lücke auffüllen sollten. Zählte man nun die am Vorabend ausgesonderten Sklaven-Arbeiter dazu, so hatte man von jeder Berufsgruppe fünf Männer. Sie waren also vollständig.

Sie mussten nicht lange warten, denn ein geräumiger Gitterwagen kam auf den Hof gerollt. Man würde sie also wieder an einen anderen Ort bringen. Sie wurden verladen, nur das diesmal das Innere des Wagens sogar vier fest vernagelte Bänke hatte, auf denen man sich hinsetzen konnte und nicht wie während der Fahrt zuvor, haltlos auf dem Boden herum rutschte. Als der Wagen sich dann in Bewegung setzte, sah man einigen der Männer Unbehagen an, aber da war auch viel Neugierde.

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