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von Azura » Freitag 18. Oktober 2024, 14:16
Unter anderen Umständen oder wenn ihr die Sache weniger am Herzen gelegen hätte, hätte dieser Anflug von Humor das Gespräch durchaus in eine leichtere Richtung lenken können. Doch es beschäftigte Azura nicht nur, ob sie genügte, sondern es bescherte ihr ein derart ungutes Gefühl in der Magengegend, dass es sie einfach nicht loslassen wollte.
Zu groß war die Sorge vor dem, was sein könnte und wen sie dabei verlieren würde. Allein dieser Gedanke war bereits schlimm genug, um sie verzweifeln zu lassen. War das ein Zeichen für die Wahrhaftigkeit ihrer Gefühle? Oder lediglich dafür, wie wenig Erfahrung und somit ehrliche Zuversicht sie bislang in ihrem Leben hatte gewinnen können?
Versunken in ihre eigenen Sorgen und Ängste hörte sie nicht, wie sich ihre Mutter näherte. Dafür zuckte sie leicht zusammen bei der unerwarteten Berührung auf ihrer Schulter, ehe sie seufzte und ihre eigene Hand darauf legte, als Signal dafür, dass sie ihr nicht unwillkommen war.
Sanft klang die Stimme hinter ihr und dennoch fest. Die junge Frau hörte zu und unterdrückte ein weiteres Seufzen. Auf die Idee, dass die anfängliche Aufregung verblassen könnte, war sie noch nicht in dem Maße gekommen, wie es ihr jetzt durch den Sinn huschte.
Durch den erzwungenen Verzicht auf Nähe und Berührung aufgrund ihres desolaten Zustandes hatte sie schon in dieser kurzen Zeit von einigen Tagen gelitten und das Gefühl gehabt, nie mehr aufhören zu wollen, Corax bei sich zu fühlen und in der vergangenen Nacht ebenso Emmyth. Dass dies jedoch aufgrund der gemeinsamen Jahre generell weniger werden könnte… davor graute ihr im Moment. Viel zu viel Freude und Aufregung hatten ihr die gemeinsamen Spiele bereitet! Ganz zu schweigen von dieser Angst davor, auch in diesem Bereich nach der anfänglichen Euphorie zu langweilen. Das allerdings konnte sie ihrer Mutter natürlich nicht anvertrauen, obwohl ihre leicht geröteten Wangen womöglich erahnen ließen, in welche Richtung ihre Gedanken gewandert waren.
Indes fuhr Aquila fort und entlockte ihr ein weiteres, noch tieferes Seufzen. „Du meinst, wenn er keine Bekanntschaft mit verschiedenen Getränken auf sich machen will, sollte er lieber nicht auf mich verzichten wollen?“, versuchte sie ihrerseits zu spötteln, auch wenn es einen leicht bitteren Beigeschmack hatte.
Denn so recht wusste sie nicht, worin sonst ihre Tugenden oder Talente liegen könnten, die für einen Mann von Wert wären. Zu erfolgreich hatte sie sich in ihrer Erziehung gegen das Erlernen von Sinnvollem gesträubt. Und einen Sinn für die richtige Kleidung oder das Wissen um die Planung von Festen würden jemanden wie die Faelyn-Brüder auf Dauer gewiss nicht genügen. Was das Thema Kinder hingegen betraf…
Azura kaute kurz auf ihrer Unterlippe herum und zögerte, aber dann platzte es aus ihr heraus:„Woher weiß ich denn, dass ich überhaupt Kinder gebären kann?“ Schließlich war sie darüber noch nie aufgeklärt worden, ganz zu schweigen davon, dass sie es als gegeben angesehen und sich nicht weiter dafür interessiert hatte. Ihre Mutter hingegen hatte lediglich sie, eine Tochter. Wer sagte ihr, dass ihr nicht das gleiche Schicksal blühte?
Ihr Stiefvater hatte sie dennoch angenommen und aufgezogen, sie nie spüren lassen, dass er einen Sohn bevorzugt hätte. Wie jedoch würde das bei einem Faelyn sein? Oder gar… einem König?
Sie kaute weiter an ihrer Unterlippe und zuckte leicht zusammen, als ein scharfer Schmerz verkündete, dass sie ein Stück zu viel an dem Hautfetzchen gezogen hatte. Es brannte und der Blutstropfen bahnte sich bereits seinen Weg an die Oberfläche. Rasch leckte sie darüber und hoffte, dass es bald wieder versiegen würde.
Da wurde sie herum gedreht. Vor Überraschung blinzelnd erwiderte sie den Blick der Hausherrin. Ihre Wangen wurden rot und sie zuckte etwas hilflos mit den Schultern. „Ich weiß nicht…“, murmelte sie und musste daran denken, wie Corax sie behandelt und angesehen hatte, als sie eine wandelnde Leiche gewesen war.
Er hatte keine Scheu gezeigt, hatte sie berührt und sich verhalten, als wäre nichts anders. War das ein Zeichen für seine… Liebe? Wäre das nach einigen gemeinsamen Jahren weiterhin so? Oder wäre er, als Vertreter einer viel länger lebenden Rasse, da empfindlicher? Hatte sie eigentlich irgendwelche Vorteile davon, dass ihr Erzeuger kein Mensch gewesen war?
Bislang wäre es ihr nicht aufgefallen, dass sie langsamer gealtert wäre als ihre Freundinnen. Vielleicht würde das erst jetzt als Erwachsene kommen? Oder hoffte sie auf das Unmögliche?
Wie auch immer, es galt, sich wieder zu konzentrieren, sodass sich die Wege von Mutter und Tochter für kurze Zeit trennten. Die junge Frau fand zu ihrer Erleichterung rasch ihren kleinen Schatz und fügte diesem noch einen weiteren hinzu, ehe sie wieder auf Aquila stieß, um mit ihr gemeinsam das Anwesen zu verlassen.
Draußen saß, irgendwie verloren wirkend in die kratzig aussehende Decke gehüllt, Emmyth allein auf dem Kutschbock und löste in ihr das Bedürfnis aus, mit ihm zu reden, ihn zu… trösten. Mit einem festen Griff um das Band nutzte Azura die Gelegenheit, die sich ihr zwangsläufig beim Einsteigen bot, und schummelte sich in seine Nähe.
Verstohlen sah sie zu ihm und hatte sich innerlich darauf eingestellt, von ihm ignoriert zu werden. Stattdessen schien er es zu spüren und schenkte ihr seinerseits einen Blick, der ihren Wangen wieder mehr Farbe verlieh. Unwillkürlich hielt sie den Atem an und verspürte das Bedürfnis, zu ihm hoch zu klettern und ihn zu umarmen, einfach nur, um ihn bei sich fühlen zu können. Natürlich war das nicht möglich und die Zeit, die ihnen gerade blieb, viel zu kurz.
Aber das Sehnen in ihrem Inneren war deutlich. So sehr, dass sie ihr Vorhaben, mit dem sie eigentlich eine Versöhnung hatte herbei führen wollen, umso entschlossener umsetzte. Sie wollte ihm ein Zeichen ihrer Verbundenheit geben, etwas, mit dem er zeigen könnte, ob er noch zu ihr stand oder sie aufgrund des Gesprächs im Musikzimmer der Van Ikaris ziehen lassen würde.
Also wollte sie ihm das Band heimlich zukommen lassen, in Erwartung dessen, dass er es offen nicht annehmen würde und es obendrein mehr Aufmerksamkeit darauf ziehen würde, als ihr lieb wäre. Doch sie unterschätzte ihr eigenes Begehren danach, ihm nahe sein zu können, sodass sie zu vorwitzig war und ihre Finger ihn kurz berührten.
Erschrocken darüber und mit zugleich bebendem Herzen wollte sie hastig ihre Hand zurück ziehen, sich seines Blickes auf sie bewusst. Aber Emmyth ließ es nicht zu, er war schneller und hielt sie, ehe sie aus seiner Reichweite war.
Einen Moment lang erschrak sie und hatte schon Angst, er würde ihre Gabe sofort zurück geben. Eine Zurückweisung, die vermutlich angemessen wäre und die dennoch unendlich schmerzen würde. Stattdessen jedoch hielt er sie sanft und streichelte sie leicht, was sie wohlig erschauern ließ. Hoffnung war deutlich in seinem Blick zu lesen und zauberte ihr ein kleines, warmes Lächeln auf die Lippen.
Dann allerdings war es auch schon wieder vorbei, er entzog sich ihr und machte mit seinem Murmeln deutlich, dass der Augenblick für sie beide beendet war. Die junge Frau wollte nicht und musste es dennoch geschehen lassen, da sie nicht auffallen wollte und der Kutscher bereits soweit war, um auch ihr hinein helfen zu können. Mit einem leisen Seufzen, leicht geröteten Wangen und stark klopfendem Herzen setzte sie sich ihrer Mutter gegenüber. Dabei spürte sie, wie sie viel lieber am Kutschbock Platz genommen und das Gewicht seiner Hand auf ihrer gefühlt hätte, anstatt den Wälzer auf ihren Oberschenkeln.
Als ihr klar wurde, welche Handelsbeziehung sie vertreten sollte, versuchte sie schwach aufzubegehren. Sie hatte sich eigentlich für Santros entschieden wegen dem Schmuck, den Stoffen… und um Emmyth zu zeigen, dass sie sich nicht für den König entscheiden würde. Zumindest im Moment nicht und solange sie eine Wahl hatte.
Aquila indes kam mit einem Tadel und einem mahnenden Blick, den die junge Frau nur zu gut kannte. Sie seufzte als erste Reaktion, ehe sie ihre Haltung straffte und zeigte, wie aufrecht und selbstbewusst sie sich selbst im Sitzen zu geben gelernt hatte. „Und wir haben wichtige, lukrative Verbindungen zu bieten, zu denen nicht jeder leichtfertig Zugang erhält.“, ergänzte sie und wollte damit zeigen, dass sie es verstanden hatte.
Das war noch keine Garantie dafür, dass sie es auch erfolgreich umsetzen könnte. In der Theorie allerdings war es ihr bei klarem Verstand durchaus bewusst.
Daraufhin war sie endlich soweit, einen Blick in das Buch zu werfen, dessen Umfang sie unter anderen Umständen abgeschreckt hätte. Jetzt aber musste es sein und es stand zu viel auf dem Spiel, als dass sie sich davor drücken würde. Doch allzu bald fand sie einen Haken daran, den sie mit ihrer Mutter besprechen musste. Auf die Stelle verweisend sah sie fragend zu der anderen auf und hörte ihr zu, nickte hin und wieder nachdenklich.
Ihr eigenes Bild von den Dunkelelfen war… vielschichtiger, sodass sie nicht vollkommen vom Schlechten bei ihnen ausging. Nicht sofort und nicht bei jedem zumindest. Allerdings erkannte auch sie den Vorteil, den gerade solch eine Verbindung darstellen könnte. „Und es wäre unauffälliger, würde weniger Misstrauen erregen, wenn wir weiterhin den Kontakt halten würden, als wenn auf einmal Dunkle in Erscheinung treten, solange es kein Bündnis gibt.“, meinte sie und nickte.
Ehe sie leicht zusammen zuckte und große Augen machte. „Ich dachte, ihr wollt mich zu den Amazonen schicken und nicht nach… Jorsan?“ Allein erneut die Aussicht zu erhalten, einem König zu begegnen, weckte die Unsicherheit wieder in ihr.
Dass sie den ein oder anderen dort würde aushorchen und Informationen beschaffen können, was im Endeffekt um einige gefährlichere Konsequenzen haben könnte, war für sie zu abstrakt, als dass es sie beunruhigen würde. Immerhin kannte sie das andunische Intrigenspiel und glaubte nicht, dass es weiter im Süden anders verlaufen würde. Der andere Aspekt hingegen… Würde sie diese Reise überhaupt antreten wollen? Wobei… wenn sie mit solch einer Ankündigung ihren Vater befreien und Corax heil zurück bringen könnte, dann würde sie das selbstverständlich tun.
Aber eigentlich hatte sie gedacht, sie würde einen anderen Weg einschlagen, zu den Amazonen… oder vielleicht sogar in die Heimat ihres Erzeugers. Vor allem hatte sie jedoch damit gerechnet, ihren Raben und mittlerweile auch dessen Bruder dabei an ihrer Seite haben zu können. Wenn sie allerdings nach Jorsan gehen würde, wäre das keine Option. Ein Umstand, der ihr sehr unwohl zumute werden ließ.
Und ihr zugleich auch zeigte, dass sie sich tatsächlich nicht so leicht zwischen den Brüdern würde entscheiden können. Auch wenn sie Corax liebte, sich das endlich hatte eingestehen und ihm sagen können, bedeutete ihr Emmyth ebenfalls etwas. Er hatte genauso damit begonnen, sich in ihr Herz einzuschleichen und dort seinen Platz zu erstreiten. Die Frage war nur… wie sollte das weiter gehen? Wie sollte sie damit umgehen? Sie wusste es nicht und selbst wenn es ihr klar gewesen wäre, hätte sie es Aquila vermutlich nicht gesagt. Nicht, bevor sie es mit den beiden Faelyns persönlich geklärt hätte.
Stattdessen kam von ihr lediglich eine Feststellung, die für sie unbestritten war und die zugleich davon zeugte, dass sie tatsächlich an mehr als nur einem der Dunklen Interesse hatte. Wie könnte sie da einen König umgarnen, mit dem Wissen, dass ihr Herz längst nicht mehr frei war? Oder war es das und sie glaubte nur, es wäre besetzt? Lag es daran, dass sie sich nicht entscheiden und nicht treu sein konnte? Wie sollte ihre Zukunft aussehen und wie viel konnte sie davon selbst bestimmen?
Emmyth hatte erzählt, dass Frauen bei den Dunklen durchaus ihre Freiheiten hatten und eigenständig sein konnten. Bei einem König wäre ihr das kaum möglich! Da wäre bereits vorgeschrieben, welche Aufgaben auf sie warten würden und erst, wenn sie diese zur Zufriedenheit ausgefüllt hätte, könnte sie versuchen, sich eigenes zu erarbeiten. Sofern ihr so viel Freiraum überhaupt gewährt werden würde… Zumindest stellte sie sich das so vor, schließlich wusste sie von Richard III. nicht sonderlich viel und von seinem Umfeld noch weniger.
Viel zu viel Unbekanntes, das sie erwarten würde. Besser, sie blieb bei den Männern, die ihr jetzt schon wichtig waren, und konzentrierte sich auf den kommenden Abend. Wenn das nur so leicht umzusetzen wäre…
Obwohl ihre Gedanken immer wieder zu dem Dunklen auf dem Kutschbock wanderten, bemühte sie sich ernsthaft darum, die Fahrt mit dem Studium des Wälzers zu nutzen. Immerhin schaffte sie es halbwegs, die wichtigsten, verwandtschaftlichen Beziehungen sich einzuprägen, bis sie anhielten.
Mit einem unterdrückten Seufzer klappte sie das Buch zu, als die Tür geöffnet wurde und ihr ein unbekanntes Gesicht entgegen sah. Kurz kämpfte sie um Fassung, weil sie unwillkürlich gehofft hatte, Emmyth würde diese Aufgabe nach ihrer flüchtigen Begegnung vorhin übernehmen.
Rasch aber hatte sie sich wieder im Griff, ließ sich helfen und folgte, gemeinsam mit ihrer Mutter, dem Diener in das Anwesen. Drinnen ging es in den Salon, in dem eine kleine Stärkung für sie hergerichtet worden war. Azura verspürte keinerlei Appetit, nahm sich lediglich etwas verdünnten Wein für den Durst, um sich daraufhin auf dem Sofa niederzulassen und weiterhin das Buch zu lesen, die wichtigsten Informationen in sich aufzusaugen.
Es war alles andere als leicht und viel musste sie doppelt und dreifach lesen, weil ihre Gedanken immer wieder zu dem jüngeren Faelyn abdrifteten. Warum hatte er ihr nicht aus der Kutsche geholfen? War er ihr trotz allem noch gram? Oder lag es an seinem desolaten Zustand, sodass er mehr Zeit benötigte, als sie eigentlich noch zur Verfügung hatten? Oder… oder war er vor ihr geflohen, aus welchem Grunde auch immer?
Ein ums andere Mal, wenn sie merkte, dass sie darüber grübelte und den Satz erneut zu lesen begann, ermahnte sie sich im Stillen. Und von Mal zu Mal wurde es besser, konnte sie sich tatsächlich mehr beherrschen. Hin und wieder stellte sie auch ihrer Mutter die ein oder andere Frage, wenn ihr ein Detail nicht klar oder sie unsicher war, ob sie es richtig verstanden hatte.
Auf diese Weise verging die Zeit und als ihr der Kopf rauchte, wurde ihr bewusst, dass sie eine Pause brauchte. Da kam ihr die Einladung zu einem Bad gerade recht! Diesmal allerdings nahm sie selbst dieses Angebot nicht an, sondern überredete Aquila dazu, sich diesen Luxus zu gönnen, vor allem im Hinblick darauf, dass sie zu Hause im Moment alles dazu selbst hätte tun müssen. Hier hingegen sollte und durfte sie genießen.
Dadurch mit einem Mal alleine hatte sie die Muße, ans Fenster zu treten und still hinaus zu sehen. Im Garten war der Putz bereits zum größten Teil hergerichtet und nun wurde am Feinschliff gearbeitet. Und auch die Gerüche, die sanft bis zu ihr in den Salon geweht waren, deuteten darauf hin, dass sie in der Küche nicht gebraucht wurde.
Alles in allem also eine gute Situation, um einer anderen Idee nachzugehen. Aber… ob das wirklich so gut wäre, wie sie es sich vorstellte? Wiederholt kaute sie an ihrer Unterlippe, bis ein kleiner Schmerz sie daran erinnerte, dass sie das für diesen Tag schon zu sehr getan hatte.
Doch immerhin holte es sie zurück und gab ihr einen Ruck, sodass sie den Salon kurzerhand verließ, um sich in jenen Bereich des Anwesens zu begeben, in dem der alte Faelyn seine Räumlichkeiten hatte. Sie hatte ihn aufsuchen und ihm etwas Gesellschaft leisten, ihn womöglich ein bisschen kennen lernen wollen.
Mit einem leisen Anklopfen an jene Tür, die er vermutlich als privaten Salon benutzte, warf sie einen Blick hinein und fand niemanden darin vor. Ein wenig enttäuscht darüber, zog sie sich zurück und ging weiter, wollte sich an der Schlafzimmertür bemerkbar machen. Ja, sie hatte sogar schon die Hand erhoben, ließ ihre Fingerknöchel knapp vor dem teuren Holz in der Luft schweben… und machte einen Rückzieher.
Nein, dieser Mann war alt, gebrechlich und krank. Er benötigte so viel Schlaf wie möglich! Außerdem, was, wenn er nach Corax fragen würde? Wie könnte sie ihm unter die Augen treten und ihn anlügen, um ihm unnötige Sorgen zu ersparen? Nein, besser, sie besprach sich zuerst mit Emmyth und entschied nicht eigenständig. Schließlich war sie derzeit nichts weiter als ein Gast, ein hoffentlich gern gesehener, aber ansonsten nicht mehr.
Unverrichteter Dinge kehrte sie also in den anderen Salon zurück und versuchte, die verbliebene Zeit mit dem erneuten Studium des Wälzers zu nutzen. Darüber war sie scheinbar eingenickt, denn sie schrak auf, als sie von einer Dienerin angesprochen wurde.
Blinzelnd und mit noch schweren Lidern folgte sie der Frau, die sie in einen Ankleideraum brachte. Dort befand sich auch ihre Mutter, denn sie beide erhielten bereits die passende Unterkleidung, seidige Stoffe, die sich fast schon sündig und somit mehr als angenehm herrlich an ihre Körper schmiegten. Darüber ein regelrecht schlicht zu nennendes Mieder, um ihren Leibern jene Sanduhrform zu verleihen und ihre Attribute hervor zu heben, wie es der Mode und dem Geschmack der Männer entsprach. Es besaß, wie ihr bisheriges Korsett, eine gut verborgene Innentasche, in der sie die Perle, unbesehen, hinein gleiten lassen konnte.
Azura wurde derart eng geschnürt, dass sie einige Minuten benötigte, um sich an den Druck zu gewöhnen. Als sie nicht mehr das Gefühl hatte, bei jeder noch so kleinen Bewegung gleich in Ohnmacht fallen zu müssen vor lauter Luftmangel, legte sie rasch das feine, silberne Armkettchen an, von dem sie hoffte, dass es auch zu ihrem Kleid passen würde. Danach schlüpfte sie noch in den kostbaren, reichlich bestickten Morgenmantel, damit sie sich trotz allem anständig gekleidet zu dem eigentlichen Ankleideraum begeben konnten.
Dort wurden sie schon erwartet. Im ersten Moment wollte die junge Frau ihm dafür grollen, weil er sie so lange nun alleine gelassen hatte. Als sie ihn in seiner perfekten Aufmachen allerdings zu Gesicht bekam, wurde ihr klar, dass es auch bei ihm scheinbar lange gedauert hatte, um bereit für diesen Anlass zu sein.
Und dann entdeckte sie das Grün an seinem Körper. Zuerst das Seidentuch, das zwar zu ihren Augen hervorragend passte, jedoch viel zu groß für ihre eigene Gabe war, als dass sie es sein konnte. Noch während sie sich fragte, ob sie ihn mit dem Band lediglich eine Idee dafür geliefert hatte, drehte er ein wenig den Kopf und sie konnte es in seinem Haar entdecken. Vor Freude funkelten ihre Augen und ihre Wangen röteten sich etwas, wenngleich sie sich sehr darum bemühte, ansonsten beherrscht zu wirken und ihre Mutter nichts merken zu lassen.
Ohnehin galt die Aufmerksamkeit vordergründig den beiden Schneiderpuppen, die noch verhüllt waren, vermutlich, um ihre Ungeduld auf die Probe zu stellen. Wenigstens musste sie nicht mehr lange ausharren, ehe der Dunkle seine bestellten Kreationen preisgab. Seine Worte waren die Einleitung und für einen flüchtigen, gepressten Atemzug lang erzeugten sie ein gewisses Unwohlsein in ihrer Magengegend. Sie würde ihrer Mutter unbedingt davon erzählen müssen, dass dem Schneider auch nur eine winzig kleine Kritik viel würde kosten können!
Doch sobald der Stoff nicht mehr die Kleider verhüllte, waren alle Gedanken wie weggeblasen. Sprachlos und fasziniert betrachtete sie das, was sie in kurzer Zeit würde tragen sollen. „Bei Ventha!“, keuchte sie auf und hielt sich die Hand auf das üppige Dekolleté, von dem sie bei der festen Schnürung Angst haben müsste, dass es herauspurzeln könnte. Wobei sie bezweifelte, dass Emmyth etwas dagegen hätte…
Aber beim Anblick dieses… Kunstwerks, denn anders konnte man das definitiv nicht bezeichnen, wurde ihr bewusst, warum sie derzeit ein schlichtes Mieder und lediglich ein Unterkleid trug. Das sollte sie lediglich daran gewöhnen, wie eng es ihr werden würde in dem Kleid! Denn sie bezweifelte, dass sie dieses Korsett darunter anbehalten können würde.
Die junge Frau trat heran und wagte es kaum, mit ganz spitzen Fingern den Stoff zu berühren. „Wunderschön!“, wisperte sie und wusste nicht recht, wohin zuerst sie sehen und welches Detail sie bewundern sollte.
Sie hatte schon viele und herrliche Kleider getragen, kostbare und edle Stoffe, allerdings noch nie solch eine verzauberte Schöpfung. Was Corax wohl dazu sagen würde, wenn er sie so zu Gesicht bekäme? Oder entsprach das hier ausschließlich dem Geschmack seines Bruders?
Plötzlich zog letzterer an einem Band und ihr Kleid bekam mit einem Mal Flügel! Azura erschrak leise und musste dann lachend den Kopf schütteln. „Was ist das denn? Soll ich etwa fliegen, wenn ich beim Tanz herumgewirbelt werde?“, scherzte sie kichernd. Was hatte er sich da nur eingebildet? Doch zumindest wusste sie jetzt, warum der Schneider für ihre eigenen Ideen nicht empfänglich gewesen war. Gewiss hatte Emmyth davor bereits sehr deutlich verstehen gegeben, wie das Ergebnis aussehen sollte.
Erst allmählich fiel ihr die Dienerin auf, die neben der Puppe stand und etwas hielt, das offensichtlich für sie gedacht war. Ein Diadem! Ihre Augenbrauen hoben sich leicht an und ein weiteres, kleines Kopfschütteln folgte. Somit wäre auch ihr Einfall bezüglich ihrer Frisur dahin. Wie gut, dass ihre Mutter hier war, denn diese wüsste am besten, wie mit ihrer Mähne zu verfahren wäre, damit dieses Geschmeide perfekt zur Geltung käme.
Wie lange war es her, dass Azura solch ein Schmuckstück getragen hatte? Oh, hoffentlich wusste sie es anständig zu präsentieren!
Aber immerhin, das wurde ihr klar, müsste sie das Silberkettchen nicht ablegen, denn es passte mit seiner filigranen Machart und seiner Farbe perfekt zu Kleid und Diadem, ohne aufzufallen und dennoch herzeigbar, sollte das Thema trotz allem auf Santros kommen.
Als sie sich allmählich an den Anblick gewöhnt hatte, zumindest soweit, um nicht mehr voller Fassungslosigkeit den Blick nicht abwenden zu können, sah sie sich auch das Kleid für ihre Mutter an. Lächelnd nickte sie und wandte sich an Aquila. „Es wird dir hervorragend stehen.“, bemerkte sie ehrlich und hätte am liebsten sofort danach gefragt, ob es ihr denn auch gefallen würde. Aber eingedenk an die Haltung des Dunklen gegenüber dem Schneider verbiss sie sich die Worte lieber solange, bis sie unter sich wären.
Er kam ihr jedoch zuvor und dennoch war sie überzeugt davon, dass ihre Mutter nichts anderes als höflich antworten würde. Sie selbst nickte lächelnd. „Ein Kunstwerk!“, lobte sie ehrlich.
Daraufhin wollte er sich verabschieden. Beinahe hätte sie den Moment verpasst, denn der Anblick des Kleides war noch immer sehr faszinierend. Aber dann, ehe er gänzlich hätte verschwinden können, fiel ihr auf, dass dies wahrscheinlich der letzte, passende Augenblick wäre für längere Zeit, den sie für sich haben könnten. Einen, den sie benötigte, wollte sie sich auf dem Ball nicht ständig mit ihren eigenen Fragen beschäftigen müssen.
So legte sie ihre Hand leicht auf den Arm ihrer Mutter. „Fang du schon einmal an. Ich komme gleich dazu!“, erklärte sie ihr und eilte Emmyth schon hinterher.
Er hatte die Tür noch nicht gänzlich geschlossen, als sie hindurch schlüpfte und sich auf diese Weise zu ihm gesellte. Wobei sie nach seiner Hand griff und dafür sorgte, dass er die Tür nun auch wirklich ins Schloss zog, damit ihre Mutter nicht würde sehen und hören können, was sie vorhatte.
Mit klopfendem Herzen und kurzatmig wegen der engen Schnürung stand sie vor ihm und streckte sich, um ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen, darauf achtend, seinen Gesichtsschmuck nicht zu zerstören. „Danke!“, wisperte sie und lächelte ihn an, als sie wieder zurück sank.
„Ich weiß gar nicht, wie wir dir diese Leihgaben vergelten können.“ Denn natürlich nahm sie an, dass er diese Kleider im Besitz der Faelyns belassen würde. Sie mussten sehr viel gekostet haben, bei den edlen Stoffen und der schönen Zier.
Nun hob Azura ihre Hand und streckte sich, bis ihre Fingerspitzen das Band in seinem Haar berühren konnten. Verlegenheit schlich sich in ihre Miene, ihre Wangen röteten sich und sie senkten den Blick, um im nächsten Moment unter ihren dichten Wimpern wieder zu ihm aufzusehen. „Du trägst es…“, hauchte sie und konnte nicht anders.
Eigentlich sollte sie mit ihm kurz über Jorsan reden und das schnell tun, um sich endlich ankleiden zu lassen. Aber irgendwie… brachte sie es nicht über ihre Lippen. Stattdessen fiel ihr noch etwas ein, das ihr auf der Seele lag. „Wie geht es deinem Vater? Hast du mit ihm gesprochen? Weiß er, was wir hier tun?“, sprudelte es aus ihr heraus, während sie ihre Hand zurück zog.
