Tanz der Toten

Wie die Todesinsel aussieht, weiß man nicht. Wie man lebend zu ihr gelangt, ist ebenfalls unbekannt. Nur die Toten kennen sie, denn nur sie finden sich dort wieder. Aber was ist mit diesen blinden Wesen, die hier hausen?
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Gevatter Tod
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Tanz der Toten

Beitrag von Gevatter Tod » Sonntag 18. März 2012, 02:30

Azura kommt von Die Kunst, Wassermagie zu beherrschen

Was war geschehen? Sie hatte nur noch unerträgliche Hitze gespürt, gepaart mit Schmerz. Ein Schrei aus männlicher Kehle war an ihr Ohr gedrungen, dass es ein Klingeln erzeugt hatte und dann? Nichts mehr. Schwärze, aber auch seliges Nichtsfühlen. Fort waren Schmerz und Pein, fort der Geruch von verbranntem Fleisch und der Geschmack ihres eigenen speichelarmen Mundraums, weil die Hitze und vorherige Atemnot ihre Kehle ausgedörrt hatten. Hinfort mit alldem, ebenso wie das Gesicht dieser dunklen Hexe, dieser Feuermagierin. Zurück blieb nur die Schwärze - dachte sie.
Erneut drang etwas an Azuras Ohren. Hörte sie denn wirklich? Wo steckte sie? Es war nicht der Schrei von eben, der zu ihr durchdrang. Es war eine eigentümliche Musik. Ein Reigen aus lieblichen Saiteninstrumenten, die sich in ein harmonisches Spiel mit Klavier und lieblichem Harfenklimpern begaben. Jemand sang, sanft und hell, dass es sich wie ein begleitender Windhauch anhörte. Ach, reizend war diese Melodie, die zum träumen einlud. Sie besaß etwas, das Azura in den letzten Stunden reichlich vermisst haben mochte. Sie besaß diese anmutige Grazie mit einer Spur arrogant adliger Dekadenz, in der die junge Frau groß geworden war.
Nun gesellten sich weitere Töne zu dem fröhlichen Spiel. Stimmengewirr, aber nicht laut. Viele Grüppchen unterhielten sich in dezent höflicher Manier. Hier und da ließen sich Worte oder kleinere Satzfetzen aufschnappen. Da schmeckte jemandem der Wein vorzüglich, jemand Anderes betonte die reizende Dekoration, ein dritter lachte herzlich über den geschmackvollen Witz eines Gecken. Und schließlich erschienen Farben. Die Schwärze wich einem munteren Spektrum. Tücher in allen Regenbogenfarben und aus feinster Seide hingen sternförmig von einer gewölbten Decke, in deren Kuppelzentrum ein Kronleuchter aus feinstem Kristall unter den Schwingungen der Musik leicht vibrierte. Girlanden waren über mehreren Torbögen angebracht, welche durch offene Vorhänge hindurch Zugang in den Saal gewährten, in dem sich Azura wiederfand. Silberne Kandelaber mit weißen Kerzen erhellten zusätzlich zum Licht unter der Decke den Raum. Sie wurden vom polierten Parkett als helle Tupfen reflektiert. Blumenarrangements verschönten die Ecken, in denen man kleine Korbstühle aufgestellt hatte. Hinzu kamen überall kreisrunde Tische, auf denen sich Schalen mit allerlei Früchten, sowie Weinkaraffen und Gläser wiederfanden. Die Fenster des mit Goldverkleidung und Stuck verzierten Saales waren hoch und bogenförmig. Sie boten den Blick auf einen nachtblauen Sternenhimmel. Im Glas der Fenster spiegelten sich allerlei skurrile Gestalten wieder. Aber nein, es waren Menschen in bunten Rüschenkleidern und edlen Seidentuniken. Sie hielten sich Masken vor die Augen, so dass man nur das heitere Lächeln erkennen konnte. Einige von ihnen labten sich an Punch und kalten Häppchen, die an einer Wand des Saales auf langen Tischen serviert wurden. Gegenüber dieser Wand spielte ein kleines Orchester auf einer Tribüne auf. Davor versammelten sich Scharen dieser feinen Gesellschaft, lauschten den Klängen und prosteten sich mit vollen Weingläsern zu. Sie warteten ab, dass die Musik einen lebendigeren Ton annahm, damit man das Glas beiseite stellen und sich auf die Tanzfläche wagen konnte.

"Hohe Frau", wurde Azura plötzlich von jemandem angesprochen. Eine seltsame Gestalt verneigte sich vor ihr und jetzt erst merkte sie wohl, dass jene Person die ganze Zeit über neben ihr gestanden haben musste, während sie in einem der Korbstühle saß. Sie trug ein prächtiges Kleid, das in Prunk und Schönheit denen der anderen Frauen ins nichts nachstand. Die Person, die sie angesprochen hatte, hatte sich da für ein eher seltsames Kostüm entschieden. Es handelte sich um eine Harlekinsverkleidung aus Schwarz und Purpur, was den Fremden - sofern es denn ein Mann und nicht eine flachbrüstige Frau war - deutlich von den übrigen Gästen abhob, die sich eher hell und freundlich kleideten. Auch trug diese Gestalt eine Maske aus Purpur mit schwarzen Pailletten und Federn. Eines der Augen verließen aufgeschminkte schwarze Tränen. Unter dem anderen lächelte Azura ein aufgemalter Stern auf der Wange des Fremden entgegen.
"Sagtet Ihr nicht, Ihr wolltet tanzen? Das Orchester spielt gleich zu etwas Fröhlichem auf. Gewährt Ihr mir diesen ersten Tanz mit Euch, Verehrteste?" Erneut verneigte sich der Harlekin, dieses Mal noch tiefer, so dass seine weiß geschminkten Lippen hauchdünn über ihrer Handfläche schwebten und einen Kuss andeuteten.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Azura » Dienstag 27. März 2012, 15:35

Azura hätte durchaus schneller auf das Abfackeln ihrer Haare reagieren können, aber vor allem wollen, wäre ihre Lunge nicht derartig malträtiert gewesen. So hatte sie ausnahmsweise unabsichtlich so lange die andere Person ignoriert und nicht sofort ihre Beschwerden zu Gehör gebracht.
Nun allerdings war es zu spät, sie hatte kaum noch in das Geschehen eingreifen, geschweige denn ihre eigene Haut retten können. Alles ging viel zu schnell und in seiner Heftigkeit war es von einem Ausmaß, das sich die junge Frau niemals hätte erträumen lassen. Noch an dem gestrigen Vormittag war sie friedlich in ihrem elterlichen Garten gesessen und hatte nichts von Gewalt in ihrer Umgebung oder die ihr bald angetan werden würde auch nur im Geringsten geahnt! Schließlich gehörte sie zum Adel, dieser war nicht angreifbar in ihren Augen.
Umso schlimmer war es für sie gewesen, war ihr dann alles geschehen war und wie weit es gekommen war. Wenngleich sie dies nicht sofort begreifen konnte. Genauso wenig, wie sie, ganz ähnlich all den anderen in dem Saal, die beiden merkwürdigen, fremden Gestalten hätte wahrnehmen können. Lediglich ein leichtes Vibrieren des Bodens glaubte sie unbewusst, spüren zu können. Aber in ihr Bewusstsein drang auch das nicht.
Alles, was sie beschäftigt hatte, war das Brennen und heiße Gefühl auf ihrem Kopf gewesen, dem sie instinktiv ein Ende mit ihrer Begabung hatte machen können. Auch wenn in ihr ebenfalls ein wenig das Feuer schlummerte, war das Wasser immer schon vordergründig gewesen und vor allem in solchen Situationen hatte es sich schon oft bewährend gezeigt.
Nur diesmal hatte es nicht zu einer kurzen Unterbrechung und möglichen Beruhigung geführt, sondern hatte es noch schlimmer gemacht. So schlimm, dass alles um sie herum mit einem Schlag schwarz wurde und sämtliche Gefühle ausgelöscht wurden.
Das Letzte, was sie gesehen hatte, waren zwei Frauenhände und eine unnatürliche, schmerzende Helligkeit gewesen, die zu einer körperlichen Pein geführt hatte, die sie gar nicht mehr hatte registrieren können, dazu hatte die Hitze zu schnell ihre angeschlagene Lunge zum Versagen gebracht.

Stille und Dunkelheit umhüllten sie, lullten sie regelrecht ein und vermittelten ihr ein Gefühl von glückseliger Geborgenheit, frei von allen Sorgen, Gedanken, Empfindungen, Erinnerungen und dergleichen. Ein Zustand, in dem Azura sich mehr als hätte wohlfühlen können auf Dauer.
Doch ihr sollte dieser Frieden nicht lange vergönnt sein, denn ohne ein zeitliches Empfinden mischte sich immer deutlicher ein Geräusch in das unendliche Schweigen. Zuerst konnte sie es noch ignorieren, allerdings als es vehementer wurde, begannen ihre Überlegungen darum zu kreisen. Was war das? Woher kam es? Warum war es da? Wieso hellte sich die einhüllende Dunkelheit immer mehr auf? Sie wollte das ja nicht! Sie wollte hier bleiben, in diesem Zustand absoluter Ausgeglichenheit!
Allerdings fing die Art der Musik an, sie neugierig zu machen und anzulocken, sodass sie sich schließlich trotz allem aus dieser seligen Umarmung der Bewusstlosigkeit löste. Allmählich mischten sich darunter Stimmen. Wo war sie? Auf einem Fest?
Die junge Frau wagte es kaum zu hoffen, jedoch, als sie die Augen aufschlug und endlich Sekunden später ihre Umgebung erkennen konnte, wurde ihre Hoffnung bestätigt. Tatsächlich! Sie war auf einer Feierlichkeit, die ganz ihrem Geschmack und dem Gekannten entsprach!
Der Raum oder Saal, in dem sie sich gerade befand, war festlich dekoriert worden, die Kleidung aller war prächtig und farbenfroh, die Manieren wirkten auch wohlerzogen und alles in allem war das ein Ort, an dem sie sich wohlfühlen könnte. Aber wer veranstaltete dieses Fest? Und wo genau befand sich diese Örtlichkeit? Fragen, die relevant für sie waren, wollte sie schließlich jetzt, wo sie in dieser Feierlichkeit erwacht war, ihre Aufwartung dem Gastgeber machen, ohne einen gröberen Fauxpas zu begehen.
Überraschenderweise bemerkte sie erst im selben Moment, in welchem sie sich instinktiv erheben wollte, dass sie lediglich gesessen und nicht gelegen hatte, wie sie geglaubt hatte. Kurz blinzelte sie irritiert und schüttelte über sich selbst knapp den Kopf. Anscheinend hatte sie schon zu viel von dem erlesenen Wein, der hier serviert wurde, genossen, dass sie leichte Verwirrung verspürte.
Die letzten Ereignisse, die Demütigungen, der Schmerz, wurden von ihr rein intuitiv so weit verdrängt, als hätte es diese lediglich in einem Alptraum gegeben. Das hier, dieses Fest der hohen Gesellschaft, das war ihr Zuhause und ihre Wirklichkeit, nichts anderes!
Als sie kurz darauf erkannte, dass sämtliche Anwesenden Masken trugen, es sich also um eine fröhliche Maskerade handeln musste, hob sie unbewusst ihre Hand und tastete nach ihrem Gesicht, ob ebenfalls darauf eine befestigt war oder sie diese abgenommen hatte.
Dass sie das nicht mehr feststellen konnte, lag an der Stimme, die sich plötzlich und unerwartet an sie wandte und sie mitten in der Bewegung innehalten sowie aufsehen ließ. Ihr Kopf drehte sich ihm zu und sie konnte es nicht benennen, doch irgendetwas an dieser Verkleidung verwirrte sie noch stärker. Er wirkte irgendwie... unpassend, geradezu unheimlich an diesem Ort.
Ihr Brustkorb hob und senkte sich rascher, ohne, dass sie bemerkte, dass bei dieser natürlichen Bewegung der Aufregung etwas fehlte, nämlich der Herzschlag. "Sagte ich dies?", wiederholte sie leise und noch merklich zertreut, um etwas Zeit zu gewinnen.
Ihr Blick glitt erneut in die Runde, als suche sie jemanden, ohne selbst zu wissen, nach wem genau. Irgendwie sträubte es sich in ihr, diese Einladung anzunehmen. Allerdings... schien sie keinen Ausweg zu finden, denn es wäre mehr als unhöflich gewesen, ihn weiterhin zu ignorieren, als er ihre Hand ergriff und galant einen Kuss auf deren Rücken hauchte.
Azura schluckte und versuchte, noch ein paar Sekunden raus zu schinden, ehe sie Luft holte und die Lippen zu einer Antwort öffnete.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Gevatter Tod » Donnerstag 29. März 2012, 09:53

"Seid Ihr einem Tagtraum verfallen, werte Dame?" Der Harlekin legte den Kopf schief, dass die Federn seiner Maske wippten. Da Nasenspitze und Mund freilagen, konnte Azura das Lächeln des Fremden ausmachen. Seine Stimme klang so furchtbar neutral. Sie war weder zu hoch noch zu tief, so dass man daran das Geschlecht hätte ausmachen können. Dieser Harlekin stellte wirklich etwas Sonderbares an diesem sonst so feierlichen Ort dar. Er passte nicht ganz hinein und doch fügte er sich ins Gesamtbild wie ein gewagter, aber zugehöriger Pinselstrich. Wenn Azura blinzelte, verschwamm er irgendwie, obwohl er direkt vor ihr stand.

Möglicherweise war die Maske schuld, denn auch sie trug offenbar eine. Es fühlte sich jedenfalls so an. Ihr Gesicht war kühl und eben, geradezu glatt. Es schmeichelte ihren Fingerspitzen wie feinstes Porzellan. Das konnte ja unmöglich ihre eigene Haut sein, auch wenn man ihr immer wieder beteuert hatte, wie zart und weich ihr liebreizendes Antlitz doch wirkte. Trotzdem war ihre Maske federleicht, sie spürte sie nicht einmal wirklich. Keinerlei Gewicht, keine Schnüre, die sie hielten. Ein Spiegel und sie hätte sehen können, welche Farben bei ihr dominierten. Ausgeschmückt schien ihre Maske allerdings nicht zu sein. Weder wippten Federn am Rand ihres Sichtfeldes, noch hatte sie Pailletten oder dick aufgetragene Malereien mit Farbe erfühlen können. Ob ihre Maske weiß war?

"Keine Sorge, Verehrteste. Ihr seid die Schönste hier im Saal. Euer Lächeln verzaubert Dutzende und Ihr könntet sie in eine Ohnmacht oder einen Krieg stürzen mit nur einem zuckersüßen Wort von Euren zart mit Rouge gefärbten Lippen." Der Harlekin schmeichelte ihr, aber es wirkte auf seltsame Weise nicht so geheuchelt, wie sie es von den Festen in ihrem Elternhaus gewohnt war. Dort wetteiferte man darum, demjenigen die größten und schmierigsten Komplimente zu machen, der aktuell den meisten Reichtum angehäuft oder auf andere Weise für viel positives Aufsehen gesorgt hatte. Doch wie sah es hier aus, in diesem Saal, während dieser Feierlichkeiten? Konnte sich Azura mit den anderen Gästen der Gesellschaft messen? Wie stand es derzeit um ihr adliges Erbe, wie um ihren Ruf?

Es waren so viele Personen hier, aber sie erkannte keine einzige Frau, nicht einen Mann! Sicher, sie trugen Masken, aber vertraute Bekanntschaften konnte man trotzdem üblicherweise ausmachen. Man kannte ihre Bewegung, die ganze Art, wie sie sich gaben und nicht zuletzt an der Stimme hätte sie vielleicht einen Bekannten ausmachen können. Doch nichts dergleichen. Sie schien wie eine Fremde bei diesem Fest. Trotzdem behandelte man sie, als sei sie ein geladener Gast wie jeder andere hier auch. Der Harlekin jedenfalls beglückte sie mit einem gehauchten Handkuss und wiederholtem Lächeln. "Wollt Ihr nun tanzen, Verehrteste? Ihr wärt das schönste Vögelchen auf dem Parkett. Schwanengleich."
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Azura » Donnerstag 12. April 2012, 21:55

Obwohl sie sich noch etwas irritiert und vor allem verwirrt war ob ihrer Situation, bemühte sie sich um ein verbindliches Lächeln in Richtung der merkwürdigen Gestalt. "Ja, scheint so.", erwiderte sie wenig glaubhaft, zuckte dann aber leicht mit den Schultern. Eine Geste, die mehr ihren eigenen Gedanken galt als ihrem Galan.
Ihr Lächeln bekam einen charmanteren Zug, um ihren möglichen Fauxpas in Puncto Unaufmerksamkeit ausmerzen zu können, sollte er bestehen. "Jedoch ist das Träumen jetzt vorbei, schließlich haben wir hier ein wunderbares Fest!", schmeichelte sie, da sie bisher noch nicht heraus gefunden hatte, wer überhaupt der Gastgeber war.
Woher sollte sie es auch wissen? Vielleicht war es ja ihr Gegenüber, der ihr die Ehre erwies, sie am meisten von den Anwesenden zu beachten. Die Möglichkeit dazu bestand schließlich, es wäre auch nicht das erste Mal gewesen, ohne, dass sie deswegen eingebildet gewesen wäre. Immerhin war es eine Tatsache, dass sie Aufmerksamkeit mit ihrer Schönheit auf sich zog und sie auch vollendete Manieren zeigen konnte, wenn es erforderlich war. Selbst dann, wenn ihr eigentlich nicht ganz wohl in ihrer Haut war.
Noch immer war sie leicht irritiert und diese Person neben ihr half ihr nicht gerade, diesen Zustand abzuschütteln. Er war irgendwie... seltsam, sein Wirken, allerdings hauptsächlich seine Stimme, die ihr einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagte. Doch woran das lag, konnte sie nicht einmal genau benennen. Es war einfach so und das ließ sich erst recht schwer abschütteln. Blieb lediglich die Strategie des Verschleierns.
Auch er trug eine Maske und da sie nicht glaubte, dass sie die Einzige hier wäre, die sich nicht an die Kleiderordnung halten würde, wollte sie auch weiterhin heraus finden, ob und was sie in ihrem Gesicht trug. Sie hob ihre Hand und tastete danach, spürte etwas und war fest der Meinung, sie hätte eine wunderbar gefertigte Maske, obwohl sie das Gewicht weder spüren konnte, noch ihre Sicht dabei eingeschränkt würde.
Um nicht zu unhöflich zu werden oder erneut so zu wirken, als wäre sie nicht ganz bei sich selbst, unterließ sie es, jeden Millimeter zu ertasten, und baute darauf, bald auf einen Spiegel zu stoßen, um sich dieses Bild wieder in Erinnerung rufen zu können. Noch bevor sie soweit war, ihren Arm sinken zu lassen, um sich der anderen Person wiederholt widmen zu können, sprach er sie ein weiteres Mal an.
Daraufhin geschah etwas Seltenes, noch dazu, wo es ihr unabsichtlich passierte, denn seine Worte klangen viel glaubwürdiger und beinahe so, als wären sie ehrlich gemeint, wären sie nicht so übertrieben gewesen. Ihre Wangen röteten sich leicht und ihre Lippen zierte ein flüchtiges, verlegenes Lächeln, ehe sie ihren Fächer öffnete, der natürlich niemals bei ihrem Ensemble fehlen durfte, und so tat, als müsste sie sich Luft zufächeln.
"Ihr seid ein wahrer Galan, mein Herr. Aber ich darf Euch beruhigen, ich habe kein Interesse daran, dass sich edle Herren meinetwegen mit Waffen bekämpfen.", erwiderte sie geschmeichelt.
Obwohl... so ein Duell um ihretwegen, das wäre schon einmal etwas Neues! Jedoch nur dann, wenn beiden Kontrahenten lediglich ein paar wenige Haare gekrümmt werden würden, da sie trotz allem nicht Schuld tragen wollte am Tod einer Person. So etwas war selbst ihr zuwider, die sich sonst um nur wenige Dinge Sorgen machte.
Erneut glitt ihr Blick durch die Runde, als hätte sie ihre Suche nach einem bekannten Gesicht noch nicht aufgegeben, allerdings auch diesmal blieb sie erfolglos.
Seine Stimme holte sie zurück und nun hatte sie keine Ausrede mehr, dank jener sie sich hätte begründeterweise vor der Antwort drücken können. Also gab sie sich innerlich einen Ruck, setzte ein charmantes Lächeln auf und reichte ihm ihre zarte Hand mit den langen Fingern.
"Nun, dann nützen wir die Gunst der Stunde, die uns dieses herrliche Lied beschert hat.", entgegnete sie und hoffte, er wäre ein solch formvollendeter Tänzer wie Redner.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Gevatter Tod » Montag 16. April 2012, 23:00

"Aber meine Liebe", lächelte ihr der Harlekin entgegen, "dieses Fest ist doch ein Traum! So unglaublich, das kann nicht die Wirklichkeit sein." Er neigte das Haupt, dass die Federn an seiner Maske leicht raschelten. Unfreundlich war diese Gestalt nun wirklich nicht, sondern schenkte Azura all ihre Aufmerksamkeit. Warum wohl? Hatte dieser seltsame Gecke ein Auge auf die geworfen? Azura konnte nicht erkennen, ob sie da ein stattlicher junger Mann umwarb, immerhin trugen sie ja allesamt Masken. Auch sie selbst. Kaum, dass ihre Hand hoch fuhr, um ihr Gesicht zu berühren - schließlicht wollte sie diese federleichte Maske erfühlen - da spürte Azura einen leichten Widerstand. Er konnte zunächst ignoriert werden, würde sie noch frühzeitig an etwas erinnern. Doch ihr Verehrer lenkte erneut Aufmerksamkeit auf sich und das Fest. Er wollte noch immer mit Azura tanzen, bat sie, aufzustehen und ihn auf die Tanzfläche zu begleiten. Er streckte ihr sogar seine Hand hin, damit sie ihre sanft in den weißen Handschuh legen konnte. Die andere Hand steckte übrigens in einem schwarzen Handschuhe. Beide schimmerten wie verarbeitete Seide.

"Wenn Ihr nicht wünscht, dass sich die Herren um Eure Gunst miteinander duellieren, so erlaubt mir, euch ein kleines Gefecht auf der Tanzfläche zu liefern. Ich möchte sehen, wie sich Eure Gewänder beim Drehen aufbauschen und möchte das flinke Trippeln Eurer Füße auf dem Parkett wahrnehmen. Gewährt mir einen Tanz, Edle. Ihr seht mich betteln! Zeigt Gnade." Ein letztes Mal verneigte er sich, ganz tief dieses Mal, dass die Federn seiner Maske Azuras Hand kitzelten. Endlich legte sie diese in die seine. Er jauchzte entzückt auf. "So weich und filigran! Elfengleich, meine Teure. Kommt, wagen wir ein Tänzchen!" Er zog sie auf die Beine und wollte sie schon mit sich nehmen, als der Fokus von ihm abfiel. Etwas zog an Azuras anderer Hand. Hielt sie da jemand fest? Sie kam nicht von der Stelle. Um ihr Handgelenk hatte sich ein hauchdünner Faden gelegt. Er schimmerte bläulich und violett, doch je weiter er ins Dunkel führte, das sich hinter einem zugehängten Torbogen befand, desto heller wurde der Schein. Er färbte sich golden, dann weiß und schließlich barg der Vorhang, wohin der Faden reichte. Er war gespannt, so dass Azura keinen weiteren Schritt tun konnte, ohne ihn bewusst zu zerreißen - falls das möglich war.
Der Harlekin lockerte seinen Griff, ließ aber nicht los. "Azura ... lasst ab von diesem Band. Es birgt nicht das, was Euch zusteht", sagte er, vollkommen ruhig.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Azura » Dienstag 17. April 2012, 20:33

Die junge Frau hielt ihr Lächeln aufrecht, seufzte allerdings beinahe lautlos. "Es gibt so vieles, das wie ein Traum erscheint. Da sollten wir uns lieber an der Wirklichkeit dieses Festes erfreuen.", hielt sie freundlich dagegen und hoffte, sich gut bewiesen zu haben.
Es war nicht so, dass Azura sonderlich zu Selbstzweifel neigte. Jedoch fühlte sie sich im Moment wie auf einem zu glatten Parkett, ohne, dass sie hätte sagen können, warum sie diese Gefühl empfand. Es war einfach nur da und jedes Mal, wenn sie dieses Gesicht vor sich ansah, verstärkte es sich noch viel mehr.
Trotzdem konnte sich ihr Interesse auch auf andere Dinge lenken, wie zum Beispiel den Umstand, dass sie auf einem Maskenball war. Was trug sie für ein Exemplar? Hatte sie überhaupt eines angelegt? Sie konnte sich nicht erinnern und wollte es deswegen zumindest im Ansatz nachfühlen. Merkwürdig war da nur ein leichter Zug an ihrem Handgelenk, das eine andere merkwürdige Empfindung in ihr wach rief, die sie nicht in Worte fassen konnte.
Sie erhielt dazu ja auch keine Gelegenheit, weil der Galan schon wieder etwas von ihr wollte, ehe sie zum Tanz schreiten könnten, den sie nicht länger ablehnen konnte, in Hinblick darauf, dass er gut möglich der Gastgeber sein könnte, den sie nicht abweisen durfte. Also musste sie ihre Gedanken auf später verschieben und sich ihm erneut widmen.
Zum wiederholten Male schenkte sie ihm ein charmantes Lächeln, während sich ihre Wangen minimal röteten. "So, so, Ihr glaubt also, meine Füße trippeln leicht zum Tanz und mein Kleid bauscht sich so, dass Ihr sie erkennen könnt? Macht Euch keine falschen Hoffnungen, bei mir bleibt alles schicklich!", kokettierte sie und gab sich innerlich den Ruck, ihm ihre Hand zu gewähren, sodass er sie auf das Parkett führen könnte, um sich seinen Wunsch zu erfüllen.
Sie verstärkte bei seinem nächsten Kompliment ihr Lächeln um eine Spur und nickte geschmeichelt, wenngleich sie es nicht für nötig befand, verbal darauf zu antworten.
Danach zog er sie in die Höhe und wollte sie mit sich führen, als da plötzlich etwas anderes war. Na nu? Wer hielt da ihr Handgelenk, ohne, dass sie es bemerkt hätte, wie sich eine solch dreiste Person ihr genähert hatte?
"Verzeiht einen Moment.", murmelte sie und wandte ihren Kopf ab, wollte schon Luft holen, um denjenigen zu sagen, was sie von so einer Aktion hielt.
Aber merkwürdigerweise... da war niemand! Nein, es gab lediglich einen feinen Faden, der sich um sie geschlungen hatte. Seltsam, wirklich äußerst seltsam! Und damit nicht genug, nein! Der Faden lief weiter, ihr Blick folgte ihm bis zu einem Torbogen mit einem ungewöhnlichen Schein, der irgendwie ihre Neugier weckte. Denn es beschlich sie das Gefühl, als sollte sie ihm folgen, dieses Geheimnis lüften, noch bevor sie den Tanz wagte mit einem Partner, der nicht vollkommen geheuer war.
Der allerdings seine Aufmerksamkeit haben zu wollen schien und Worte zu ihr sprach, deren Sinn sie nicht völlig begreifen konnte. Ihr Kopf wandte sich erneut ihm zu und sie rang sich ein Lächeln ab, während sie ihm ihre Hand entzog.
"Geduldet Euch noch ein bisschen. Ich bin sicher, dieses Lied wird nicht so schnell vorüber sein.", beschied sie ihn höflich, bevor sie sich von ihm wegdrehte und die ersten Schritte weit dem Faden folgte.
Schließlich wusste sie, wie man tanzte, hatte auch schon genug Partner gehabt, um sicher zu sein, dass er keine überragende Überraschung sein würde, die keinen weiteren Atemzug lang warten konnten. Nein, dieser Faden und vor allem das seltsame Leuchten an dessen Ende waren viel aufregender, zogen sie bei weitem stärker an.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Gevatter Tod » Mittwoch 25. April 2012, 09:17

"Genau", antwortete der Harlekin, dass es wie ein sanfter Windhauch klang. Beruhigend und die Haut streichelnd. "Die Wirklichkeit dieses Festes. Dann lasst uns tanzen, Azura." Woher er ihren Namen kannte, hatte er bislang nicht gesagt, aber sie hatte ihn auch nicht gefragt. Vielleicht kannten sie sich ja, wer wusste das schon. Die Masken verhinderten, dass man näheres Vertrauen durch Erkennen aufbauen konnte.
Beinahe hätte sie sich seinem Vorschlag ergeben. Beinahe wäre sie ihm gefolgt, die Hand noch in seiner, wenn es da nicht dieses Ziehen an ihrem anderen Handgelenk gegeben hätte und wenn sie nicht den feinden Faden entdeckt hätte, der hinter dem Vorhang des Torbogens verschwand. Dort nahm er jedoch an Lichtintensität zu, so dass ihn ein feines Leuchten wie eine Aura umgab. Welch ein geheimnisvoller Faden! Wo er wohl her kam?
Der Harlekin hatte ihn ebenfalls entdeckt. Er kannte dessen Ursprung, er kannte überhaupt alles, was hier vor sich ging. Es war Azuras Form eines Jenseits. Die Welt des Gevatters - die Insel Kata Mayan - passte sich immer den Vorstellungen oder unbewussten Träumen und Ängsten der verstorbenen Seele an. Zum Glück überwiegten derzeit Azuras gute Gedanken von einer Nachwelt, so dass sie in diesem Festsaal hinein gewandelt war. Nun drohte der winzige Faden, ihr dies zu nehmen. Der Harlekin legte den Kopf leicht schief. Seine Maskenfedern raschelten und die Träne rutschte ein Stück seine Wange herunter. Aber sie war doch nur aufgemalt!
Er geduldete sich, das konnte er sehr gut. Wenn er wollte, konnte er ganze Zeitalter warten, ohne sich zu langweilgen oder besagte Geduld zu verlieren. Für jemanden, der ewig war, glichen sich ein Moment und ein Leben in der Länge der Zeit. "Wir werden wohl zu einem anderen Lied tanzen müssen", sagte er allerdings, denn Musik war mehr als vergänglich. Sicher, sie blieb im Ohr, in der Erinnerung, aber wie leicht waren solche Klänge doch manipulierbar! Man erinnerte sich ihrer erst, wenn sie sich irgendwann im Kreisel der Zeit wiederholten, ehe sie eines Tages heraus geschleudert und für immer vergessen würden.

Derweil löste sich Azura aus der Hand des Harlekins, um dem Faden zu folgen. Der Vorhang kam in greifbare Nähe. Sie brauchte nur hindurch zu schlüpfen. Da erhob sich die Stimme ihres Galans ein letztes Mal: "Bist du sicher, Azura, dass du das willst? Es wird kein Zurück mehr geben." Er duzte sie, sprach sie vertraulich und noch immer mit ihrem Namen an, aber seine Worte waren ohnehin mehr als sonderbar. Er wusste jedoch, was dort jenseits des Vorhangs auf sie wartete. Der Faden würde weiter laufen, ein ganzes Stück weit noch, ehe sie das andere Ende erreichte. Sie würde fernab eines Festes und Tanzfeierlichkeiten sein. Kein Maskenball mehr. Die Maske würde sich von ihr lösen und präsentieren, wie sie wirklich aussah: verbrannte Haare, eine leicht verbrannte Stirn und angesengte Brauen. Ein toter Blick. Ja, sie war tot und sobald sie den Vorhang hinter sich ließ, könnte sie es erkennen. Denn ringsum fehlten all der Prunk, all die Schönheit eines nicht enden wollenden Festes, das Gevatter Tod ihr für die Ewigkeit zugestanden hätte. Sie würde Feuer sehen, dessen Hitze spüren und riechen. Vor allem ihrem Kopf würde ziemlich warm werden.
Azura könnte nicht verbrennen, nicht hier auf Kata Mayan, wo sie bereits als verstorbene Seele umher wandelte. Aber sie war ihrem Körper so nahe, dass sie dessen letzte körperliche wie geistige Emotionen würde wieder aufnehmen und selbst spüren können. Und je weiter sie dem Faden folgte, desto intensiver würden diese Gefühle. Aber es gäbe kein Zurück mehr, nicht wenn sie jetzt durch diesen Vorhang trat, um zurück ins Licht zu gehen.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Azura » Donnerstag 26. April 2012, 12:29

Zwar fiel es der jungen Frau auf, dass er sie plötzlich mit ihrem Namen ansprechen konnte, allerdings war sie ohnehin die gesamte Zeit über etwas verwirrt, sodass es möglich schien, dass sie ihm diesen bereits verraten hatte, ohne sich daran zu erinnern. Oder er kannte sie aus anderen Gründen, schließlich war die Elite stets relativ klein und überschaubar.
Nur... warum fiel ihr dann partout nicht ein, wie sie ihren Galan zu nennen hätte? Seit wann war sie derart vergesslich? Lag es tatsächlich lediglich an der Maske, die er trug und die verhinderte, dass sie seine Gesichtszüge eindeutig erkennen könnte? Sie wusste es nicht und dennoch beschäftigte sie es naturgemäß, weil er eigentlich eine markante Stimme besaß. Markant in dem Sinne, dass sie so androgyn klang, dass sie gerade dadurch ja auffallen und in Erinnerung bleiben musste. Seltsam also, dass ihr Gedächtnis sie im Stich zu lassen schien.
Doch diese Gedanken wurden unbedeutend ebenso wie sein Wunsch, endlich mit ihr tanzen zu können, als sie den Faden an ihrem Handgelenk erneut wahrnehmen konnte. Diesmal sogar derartig, dass sie ihren Blick in jene Richtung warf, aus welcher er kam, sodass sie das Leuchten an dessen Ende ausmachen konnte. Noch so eine merkwürdige Begebenheit.
Wer hatte sich hier einen Spaß mit ihr erlaubt und sie angebunden? Aus welchem Grund hatte sie das nicht einmal bemerkt?! So etwas hätte ihr auffallen müssen, wenn sie jemand berührt hätte, ohne, dass sie die Erlaubnis dazu erteilt hätte. Allerdings war da nichts in ihrer Erinnerung, kein Zusammenstoß oder dergleichen, womit ihr Interesse erst recht geweckt worden war.
Jetzt wollte sie auch wissen, wohin dieser Faden führen würde. Gab es denn neben diesem Saal noch einem Raum? Und wenn ja, was verbarg sich darin? Vielleicht ein Salon?
Prompt hatte sie das Gefühl, ihr Magen meldete sich, auch wenn dies allein eine Einbildung war, denn mit solch einer Räumlichkeit verband sie gute Getränke und kleine Knabbereien, die sie selbstverständlich anlocken würden.
Das Augenmerk auf das geheimnisvolle Leuchten gerichtet, bemerkte sie kaum noch, was ihr Galan neben ihr tat, weder seine Kopfbewegung, noch die nächste seltsame Sache mit der Träne. Es war bezeichnend für sie, dass sie einen Mann eher stehen lassen würde, sobald etwas oder jemand anderes ihr Interesse geweckt hatte, da sie bisher noch nicht so fixiert auf das andere Geschlecht war wie einige ihrer sogenannten Freundinnen. Sie kokettierte gerne und ließ sich umschwärmen, jedoch erhören würde sie einen erst nach ihrer Hochzeit, die nicht in nächster Zeit anstehen sollte. Und im Prinzip interessierte sie sich auf Dauer ohnehin nur für sich selbst. Das Herz an jemand anderes zu verlieren, könnte viel zu leicht ihren Untergang herbei führen, was sie selbstverständlich vermeiden wollte und auch musste.
Entsprechend wollte sie nun dem Faden folgen und vertröstete ihn. Seine Antwort sorgte aber dafür, dass sie ihm noch einen Blick wie ein besänftigendes Lächeln über ihre Schulter hinweg schenkte.
"Grämt Euch nicht, es kommen gewiss noch viele Lieder nach unserem Geschmack. Heißt es nicht für gewöhnlich, aufgeschoben ist nicht aufgehoben?", erwiderte sie säuselnd, damit er sie trotz allem in guter Erinnerung behielt und sich nach dem Einlösen ihres Wortes sehnen würde, während sie sich längst mit anderen Dingen beschäftigte.
Doch danach setzte sie ihr Vorhaben in die Tat um, setzte einen Fuß vor den anderen, kam dem Leuchten näher und wollte schon ihre freie Hand ausstrecken, um in die Falten des Vorhangs greifen zu können, als sie erneut angesprochen wurde. Am liebsten hätte sie ärgerlich reagiert, sie mochte Penetranz nur bis zu einem gewissen Grade, wäre die Bemerkung nicht so sonderbar gewesen, dass sie die junge Frau innehalten ließ.
In den folgenden Sekunden, in denen sie da stand, als wäre sie zu einer Statue geworden, bemerkte sie auch endlich einen feinen Geruch, der bis dahin ihre Nase nicht gekitzelt hatte. Irgendwie roch es... verbrannt. War dahinter wider Erwarten kein Salon? Hatte sie dort vielleicht schon mit der Küche zu rechnen? Oder war ein der Teil der Leckereien angebrannt, doch trotzdem serviert worden?
Schließlich zuckte sie unsicher minimal zurück, keinen halben Schritt, und drehte sich langsam um. Verwirrung glitzerte in ihrem Blick, als sie ihren Galan dicht hinter sich stehen sehen musste.
Was hatte er da zu suchen? Was wollte er noch von ihr, wenn sie sich ihm schon empfohlen hatte, um ihrer eigenen Wege vorläufig zu gehen?!
Allerdings fragte sie das nicht, sondern hakte sie in eine andere Richtung, die ebenfalls wichtig sein könnte, nach. "Was meint Ihr damit? Wieso sollte ich nicht hierher zurück kehren?" Demonstrativ blieb sie in der höflicheren Anredeform, denn ihr war nicht entgangen, wie vertraulich er auf einmal geworden war. Etwas, was sie nicht schätzte, besonders dann nicht, wenn sie es nicht ihrerseits zuvor gestattet hatte.
Gleichzeitig öffnete sie ihren Fächer, der niemals bei ihrer Garderobe fehlen und immer zu dem jeweiligen Kleid passen musste, um sich ein wenig Kühlung zu verschaffen. Ihr Blick glitt zu dem Vorhang zurück.
Hm... ob dort vielleicht doch die Küche war? Noch immer roch es leicht verbrannt und ungewöhnlich warm wurde ihr hier auch, weswegen sie ihren Fächer auch einsetzen musste, wollte sie nicht unschicklich zu schwitzen beginnen. Allerdings... so nahe am Tanzsaal? Das wäre mehr als ungewöhnlich und absolut unintelligent, denn jegliche Gerüche könnten eindringen und die Festlaune beeinträchtigen!
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Gevatter Tod » Montag 30. April 2012, 01:05

Ihre Hand war schon fast am Vorhang und sie roch bereits dieses seltsame Aroma nach verbranntem Fleisch, als der Harlekin noch einmal die Stimme erhob. Seine Worte gaben Azura Grund genug, ihrem Vorhaben erst einmal nicht weiter zu folgen, sondern sich wiederholt zu ihrem Galan umzudrehen. Dieser stand dicht bei ihr, hielt aber noch genug Abstand, dass man es als gebührend bezeichnen konnte. Trotzdem war er in den letzten Momenten ziemlich aufdringlich geworden, als wollte er nicht, dass Azura ihn verließ. Hatte sie ihn dermaßen bezaubert? Nahm er sie bereits jetzt so eifersüchtig in Besitz, dass er kein Abenteuer ihrerseits duldete? Dann wäre er wohl kaum der Richtige, denn Azura war ein Freigeist und würde sich von keinem Mann Celcias einsperren lassen. Zu dumm nur, dass sie sich derzeit nicht wirklich auf Celcia befand ...
"Du wirst nicht hierher zurückkehren können, wenn du jetzt durch diesen Vorhang gehst. Jedenfalls vorläufig nicht, denn meine Herrin wird dafür sorgen, dass dich wieder erfüllt, was eigentlich verloren war." Er sprach in Rätseln. Aber so war er. Deutlich an allem, was der Gevatter aussprach und dessen man sich letztendlich nur wirklich sicher sein konnte, war der Tod. Seine Berufung konnte man jedoch auch nicht als sehr einfach bezeichnen. Er durfte über so vieles eigentlich nicht reden und bereits jetzt - im Gespräch mit Azura - wanderte er auf einem schmalen Grat. Sterbliche begriffen so wenig, konnten sich dadurch emotional so erschrecken oder in Verzweiflung stürzen, dass sie Kurzschlussreaktionen begingen. Der Tod war nicht dazu da, eine solche Reaktion auszulösen. Er war das Ende solcher Aktionen, zumindest in den meisten Fällen. Es kam schließlich auch Schlimmeres vor, beispielsweise dass ein Selbstmord Gefährdeter seinen Sprung überlebte. Der Glückliche durfte dann den Rest seines Lebens mit einem verkrüppelten Bein oder vom Hals abwärts als Gelähmter leben. Der Gevatter war es dann, welcher ihm letztendlich die Erlösung brachte.
"Aktiv darf ich nicht eingreifen", sagte der Harlekin. Denn damit verstöße er gegen ein ungeschriebenes Gesetz. Der Tod kam nur. Er führte die Seelen an einen sicheren Ort. Er sammelte sie auf, leitete sie, aber er drängte sie in keine Richtung. Wenn Azura jetzt durch den Vorhang gehen wollte, würde er sie genauso wenig aufhalten, wie wenn sie es sein ließ. Er gab ihr lediglich die Warnung mit auf den Weg, dass - einmal durch diesen Durchgang geschritten - ihr eingerichtetes Paradies vorerst nicht mehr zugänglich wäre. Denn dann würde sie dem Faden folgen müssen, der sie ins Leben zurück brachte. "Was wirst du jetzt tun? Wofür entscheidest du dich?"
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Azura » Dienstag 1. Mai 2012, 15:31

Es war merkwürdig. Einerseits interessierte es natürlich brennend, im wahrsten Sinne des Wortes, wohin der Faden führte und was sie hinter dem Vorhang erwarten würde. Aber andererseits, sollte das wider Erwarten tatsächlich die Küche sein, die hinter dem Vorhang lauerte, wollte sie es eigentlich gar nicht wissen. Das war ein Bereich, der sie lediglich langweilen würde, da sie damit nichts zu schaffen hatte. Schließlich war sie von hohem Stand und würde immer Dienstpersonal haben, das sich dort zu schaffen machen sollte, während sie das Essen danach genießen würde.
Also kam ihr die Ablenkung vor dem eigentlichen Durchgehen im Prinzip schon recht, da es ihr eine Denkpause verschaffen könnte, wenn dieser Galan nicht derart aufdringlich wäre, dass er ihre Gedanken längst wieder ablenkte. Er war ihr viel zu nahe gekommen und vor allem, er war ihr ungefragt gefolgt, um sich in ihre Entscheidung einzumischen. Etwas, das sie überhaupt nicht schätzte und ihn auch spüren lassen würde, wenn er noch aufdringlicher werden würde.
Hinzu kamen seine merkwürdigen Worte, bei denen sie natürlich nachhakte, denn das wollte sie genauer wissen. Es könnte immerhin auch sein, dass es irgendein Geheimnis wäre, das für sie noch relevant sein würde, egal, in welcher Hinsicht.
Jedoch... seine ein wenig präzisere Erklärung half ihr auch nicht sonderlich weiter. Entsprechend skeptisch hob sie ihre Augenbraue an und zeigte ihm nicht mehr jenes verbindliche Lächeln, das sie zuvor noch ausgezeichnet hatte.
"Ihr sprecht in Rätseln.", gab sie ihm auch schon etwas unwillig zurück, zum Zeichen, dass er ihre Geduld allmählich ernsthaft strapazierte. "Ich sehe keinen Grund, warum auch ich nicht wieder hierher zurück kehren sollte.", fügte sie noch an, ehe sie sich erneut dem Vorhang zuwandte und weiter überlegen wollte, ob ihre Neugier ausreichend dafür war, diesen zu durchschreiten.
Wenn sie nur wüsste, was dahinter liegen würde und ob es eine Küche oder etwas anderes wäre! Vielleicht könnte sie ja einmal hindurch spähen und sich danach entscheiden.
Kaum war ihr dieser Gedanken gekommen, machte sie schon einen halben Schritt voraus und wollte ein weiteres Mal nach dem Vorhang greifen, als schon wieder seine Stimme hinter ihr erklang.
Und wieder hielt er sie damit zurück, nur diesmal wandte sie sich ihm nicht völlig zu, sondern drehte lediglich ihren Kopf, um ihn über die Schulter hinweg anzusehen. "Bei was aktiv eingreifen? Drückt Euch endlich klar aus, Ihr seid dabei, mich zu langweilen." Ihr Tonfall wurde bereits eine Spur weit schärfer, um ihm zu zeigen, dass sie es ernst damit meinte.
Ihr Gesicht verfinsterte sich, denn statt einer Antwort, die ihr Einsicht bringen würde, wagte er es glatt, ihr eine Forderung zu stellen. Was ihr noch weniger gefiel als seine Aufdringlichkeit bisher. "Wie soll ich eine Entscheidung treffen, wenn Ihr mich dauernd in Beschlag zu nehmen wünscht?!", gab sie unwirsch zurück, ein Zeichen dafür, dass es mit ihrer Geduld nicht mehr weit her war, da sie bereits damit begann, deutlicher zu werden und die Etikette der Höflichkeit auszureizen, ohne direkt beleidigend zu werden.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Gevatter Tod » Samstag 5. Mai 2012, 16:43

Wer spielte ihr da nur einen Streich? Ein Page, ein Küchenjunge? Möglicherweise in gewitzter Diener, der sich in ihre Schönheit verguckt hatte und sie mit dem Faden locken wollte. Seltsam blieb nur, dass dieser nach und nach leuchtete, je weiter sie sich dem Vorhang zuwandte. Kein einfacher Bursche vom Gesinde war in der Lage, solche Magie zu wirken! Das ging doch nicht, da hätte man ihn als Magier gefördert, damit er dem Adel mit seinen Fähigkeiten dienen konnte. Gerade Lichtmagier waren doch gefragt, sie konnten heilen, ohne auch nur ein Kraut aus dem Wald zu rupfen! Was wurde hier also mit Azura gespielt?
Kein Wunder, dass selbst bei ihr langsam die Fassade zu bröckeln begann. Ihr Lächeln schwand. Sie konnte nur hoffen, dass die Maske ihren Unmut verbarg, sollte der Harlekin wirklich der Gastgeber sein. Andernfalls könnte er sich auf den Schlips getreten fühlen und im schlimmsten Fall Satisfaktion fordern. Natürlich würde dann nicht Azura ein Duell um der Ehre Willen mit ihm austragen, aber sie würde jemanden stellen müssen. Wenn es ein Herausforderer bitter ernst meinte, verlangte er ein solches Duell bis zum dritten Blut, was soviel bedeutete, dass nur eine den Duellierplatz wieder lebend verlassen würde. Aber ihr Galan würde so etwas wohl kaum fordern, nur weil sie ihr Lächeln kurzzeitig verlor! Er selbst lächelte ja noch immer. Das war ihm aber auch nur in jener Gestalt des zweifarbigen Narren möglich. Der Gevatter besaß in seiner ursprünglichsten und bekanntesten Form keine Lippen, die sich hätten kräuseln können. Aber trotzdem wirkte ein bleicher Totenschädel stets, als grinse er über das Schicksal, das ihn ereilt hatte. Da der Gevatter Azura nicht mehr offenbaren konnte - nicht mehr offenbaren durfte - blieben ihm nur noch wenige Worte zu sagen. So trat er noch immer in Gestalt des Harlekins einen Schritt weit zurück, damit er anschließend Platz für die sehr tiefe und geschwungene Verbeugung besaß. Sie erinnerte fast an eine übertrieben schnörkelige Handschrift, was dem ganzen eine sehr bizarre Note verpasste. "Ich werde Euch nicht länger langweilen, holde Dame. So ... lebt ... denn wohl." Das Wortspiel amüsierte ihn. Er konnte es nicht bestreiten und so blieb das Grinsen unterhalb der Maske des Narren haften. Und dann glitt er in seine Ausgangsposition zurück. Er bog sich wie eine Espe im Wind, neigte sich so grazil und drehte sich wie eine Tänzerin auf der Fußspitze. Mit einer Eleganz, wie sie Azura nur von der Damenwelt her kannte, stolzierte der Harlekin von dannen, ließ sie einfach bei dem Vorhang zurück. Er reckte den Hals, hielt wohl nach anderen potenziellen Tanzpartnerinnen Aussschau, schwand jedoch alsbald in der Menge. Azura verlor ihn aus den Augen. Nun gab es niemanden mehr, der sich ihr aufdrängen oder sie daran hindern könnte, dem Faden hinter den Vorhang zu folgen, von wo aus es immer noch leicht verbrannt roch.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Azura » Montag 7. Mai 2012, 15:08

Azura war gerade ein wenig mit dieser Situation überfordert, auch wenn sie dies niemals jemand anderes gegenüber als sich selbst zugegeben hätte. Natürlich wusste sie, dass es Magie gab, auch andere Arten als jene Wasserspiele, mit denen sie sich manchmal die Langeweile vertrieb. Es gab gewiss auch Dinge, die Fäden oder sonstiges zum Leuchten bringen könnten. Allerdings war hier die Frage, warum geschah das.
Weswegen war hier ein Faden, der zu diesem Vorhang mit dem merkwürdigen Küchengeruch dahinter, gesponnen wordne. Und vor allem, wer hatte aus welchem Grund dessen eines Ende um ihr Handgelenk geschlungen?! Wann war der verantwortlichen Person das gelungen und was wollte er damit erreichen?
Außerdem war diese Umgebung ein wenig verwirrend für sie. Nicht das Fest an sich, solche Anlässe war sie gewohnt und es war für sie beinahe etwas Alltägliches, bei dem sie sich höchstens Sorge um ihre Garderobe machen musste. Nein, es war vielmehr der Galan und sein Verhalten, das sie so irritierte, gepaart damit, dass sie wohl ein wenig müde sein musste. Anders konnte sie sich ihre Erinnerungslücken, die sie im Moment hatte, nicht länger erklären. Sie waren zu deutlich, um sie vollkommen zu ignorieren, und trotzdem nicht mit einem Zustand verbunden, der es hätte erklären können.
Das alles führte dazu, dass sie womöglich zu rasch gegenüber ihres Galans die Geduld verlor, aber derzeit war er ihr zu aufdringlich, störte ihre Neugier und die Selbstsicherheit, die sie zuvor noch bezüglich ihrer Entscheidung, dem Faden nachzugehen, verspürt hatte. Hinzu kam eben dieser Geruch, der ihrer Nase nicht gefiel und der sie zusätzlich zögern ließ.
Seine Worte waren für sie alles andere hilfreich, sondern verstärkten ihren Zustand eher noch und zehrte an ihrer strapazierten Geduld. Sorgten dafür, dass sie ihre höfliche Fassade ein wenig verrutschen lassen musste, um ihm zu zeigen, dass er allmählich seine Grenze überschritt und sie das nicht gestattete.
Anscheinend schien er es zu verstehen, denn er machte einen Schritt zurück und vollführte eine formvollendete Verbeugung ihr gegenüber. Ihre Augenbraue zuckte bereits wieder in die Höhe, doch noch konnte sie sich zurück halten und ihre Skepsis verbergen, was das nun wieder sollte.
Allerdings verabschiedete er sich endlich von ihr, ließ sie ihrer Wege ziehen... ohne ihr eine konkrete Erklärung geliefert zu haben. Auch nicht gerade das, was sie gewollt hatte, jedoch hatte sie nun ihre Ruhe.
Obwohl es schon an ihrem Selbstbewusstsein nagte, dass er sich abwandte und ohne Rücksicht darauf, dass sie es gut sehen konnte, sich schon nach der nächsten Begleitung umblickte. Also wirklich!
Leise und beleidigt schnaubte sie und drehte sich demonstrativ um, sollte er noch einmal zurück sehen, damit er erkennen würde, dass sie nun gekrängt war von seinem Gebaren. Gut und schön, dass sie ihn auf später vertröstet hatte, jedoch bedeutete dies gewiss nicht, dass er sich sofort Ersatz dafür suchen sollte! Er sollte an sie denken und sie vermissen, nicht sich gleich darauf ablenken. Frechheit!
Nun wollte sie dem Faden erst recht folgen, in dem Versuch, dass dessen Ende ihr wenigstens etwas Trost bieten würde für diese Enttäuschung. Azura atmete noch einmal tief durch, ehe sie sich einen inneren Ruck gab, nach den Falten des Vorhangs griff und versuchte, diesen aufzuziehen, um hindurch schlüpfen zu können.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Erzähler » Samstag 12. Mai 2012, 10:15

Vielleicht würde Azura niemals Antworten auf ihre Fragen bekommen. Warum leuchtete der Faden und wer hatte ihn um ihr Handgelenk gebunden? Sie würde es allerdings niemals erfahren, wenn sie ewig hier stehen blieb und sich nicht doch hinter den Vorhang wagte. Lediglich der Hinweis - oder die Warnung - des Harlekins blieb im Raum stehen. Er selbst hatte sich bereits zurückgezogen, offenbar ohne jegliches Verlustgefühl. Er würde Azura einfach durch irgendein anderes Schönchen auf dem Fest ersetzen, was ihr im Augenblick wohl bitterer aufstieß als ihm. Doch seine Worte schwebten weiterhin im Raum. Wäre sie erst einmal durch den Vorhang, gäbe es kein Zurück. Was immer das auch zu bedeuten hatte.
Nein, sie würde nichts davon gelöst bekommen oder heraus finden, wenn sie nicht endlich eine Entscheidung traf und diese stand im Grunde bereits fest. Sie schob einige Falten des Vorhangs beiseite, wollte hinter das Geheimnis dieses dicken Stoffes blicken und dann ... wurde sie wie durch eine unsichtbare, aber sehr mächtige Gewalt ins Innere des Vorhangs gezogen. Welche Kräfte wirkten hier? In jedem Fall gab es nun keine Möglichkeit mehr, ihnen zu entrinnen. Der Stoff schmiegte sich an ihren Körper, wirbelte um sie herum, drückte sie zusammen und drehte sich um ihren Leib, dass man den Eindruck gewinnen könnte, sie würde in einem Meer aus dickem Samt ertrinken. Dann löste sich der Vorhang endlich von ihr, spuckte sie aus wie ein verfaultes Stück Apfel und sie fiel auf harten Grund. Der Stoff raschelte noch ein paar Mal, träge und schwer. All die Geräusche der fröhlichen Feier waren gewichen. Ein Wind wehte, jedoch nicht kalt und schneidend. Er schnürte die Luft ab, denn er war heiß. Es herrschte eine bedrückende Schwüle. Außerdem fanden sich hinter dem Vorhang keine weiteren Zimmer. Es gab hier keine Küche, die Mahlzeiten verbrannt hätte. Es war eine vollkommen andere und sehr bizarre Welt. Hier gab es Gestein. Azura befand sich in eine Landschaft aus schwarzem, warmen Gestein. Der Himmel war eine Mischung aus blutendem Rot und grauschwarzen Rauchwolken, die sich zu gewaltigen Massiven am Horizont türmten. Hin und wieder blitzte es in purpurrotem Schein auf, worauf ein Donnergrollen folgte. Seltsame, blubbernde und glucksende Geräusche umgaben sie. Plötzlich schoss dicht neben ihr eine gewaltige Fontäne kochenden und spritzenden Wassers empor. Die Götter allein bewahrten sie davor, von der siedenden Brühe getroffen und verletzt zu werden.
Nein, das hier war keine Gegend, in die man sich hinein wünschte. Außerdem fühlte man sich hier irgendwie beobachtet. Ständig schienen im Augenwinkel Gestalten und Schatten zu lauern. Man konnte sie beinahe atmen hören, ihr heißes Keuchen im Nacken spüren, dass es heiß und kalt die Wirbelsäule herunter rann. Wo war sie hier nur gelandet?!
Einzig und allein der leuchtende, goldene Faden war ihr geblieben. Nicht einmal ihr schönes Festkleid befand sich noch um ihren Körper. Sie trug simple Gewänder, an den Schultern und Armen war der Stoff jedoch leicht zerfleddert und verkohlt. Beinahe so, als hätte sie selbst gebrannt. Auch roch sie nun nach dieser Nachwirkung von Feuer, dass es unangenehm in der Nase zwickte. Nur der goldene Faden leuchtete heller, denn je. Er führte über die Ebene aus schwarzem Gestein, an heißen Wasserfontänen und seltsamen Bächen vorbei, die brodelnd und dickflüssig einen Weg durch die Landschaft suchten. Der Faden schien nicht enden zu wollen, schwand zwischen zwei aufragenden schwarzen Felsen.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Azura » Mittwoch 23. Mai 2012, 14:22

Der jungen Frau war unwohl in ihrer Haut, obwohl sie sich das nicht so recht eingestehen wollte. Die Worte dieses seltsamen Galans hatten sie stärker beunruhigt, als sie es zulassen wollte und es auch sollte. Denn nur, weil ihr jemand etwas zu denken gab, hieß das noch lange nicht, dass diese Person auch Recht hätte und sich nicht lediglich zu viel heraus nahm, um sich wichtig zu machen.
Jedoch irgendwie... hatte Azura nicht so wirklich das Gefühl, er hätte es deswegen gesagt, um bei ihr Eindruck schinden und sich geheimnisvoller machen zu können. Und genau das war es auch, das nun für dieses ungute Gefühl in ihr sorgte. Allerdings weckte es ebenso ihren Trotz, denn dadurch wollte sie erst recht ihren Vorsatz in die Tat umsetzen und ihm zeigen, dass sie sich nicht derart rasch einschüchtern lassen würde.
Selbst dann nicht, als er längst verschwunden war in der Menge der Gäste, als hätte er kein Interesse daran, auf sie zu warten, wo er zuvor noch so beharrlich gewesen war. Etwas, das natürlich an ihrem Stolz nagte, wodurch sie ihren Kopf bewusst noch höher trug, um zu zeigen, dass sie sich von solch einer Kleinigkeit nicht unterkriegen ließ. Ja, es gar nicht nötig hatte, solcherlei Launen eines Mannes zu beachten!
Dennoch... dieses unbehagliche Gefühl blieb, während sie sich innerlich einen Ruck gab und die Hand nach dem Vorhang ausstreckte, aus dem dieser seltsame Faden heraus stand.
Ihre Finger berührten den schweren, samtenen Stoff, sie zog ihn langsam zur Seite... und dann überschlugen sich die Ereignisse regelrecht. Mit einem Mal entstand ein derart kräftiger Sog, dass sie diesem nichts entgegen zu setzen hatte. Ihr Körper wurde aus dem Saal heraus gezogen, wie durch ein Tor, und sogar die Luft blieb ihr einen Moment lang weg, sodass sie nicht einmal verwundert aufschreien konnte. Zumindest hatte sie dieses Gefühl, denn es kam nichts aus ihrer Kehle, kein noch so leiser Laut.
Lediglich nach einigen Sekunden... oder waren es Ewigkeiten? Wie auch immer, ein feines Keuchen des Entsetzen kam ihr über die Lippen, aber das war es auch schon wieder.
Auch war da dieser Samt, der sich um sie schlang wie eine Würgeschlange, die sie als ihre Beute auserkoren und eingefangen hatte, um sie nun zu zerquetschen. Instinktiv wehrte sie sich gegen dieses Gefühl, wenngleich ohne Erfolg. Sie konnte nicht entkommen, weder dem Samt, noch dem Sog.
Was ging hier nur vor sich? Eigentlich erwartete sie, dass ihr Herz vor aufsteigender Furcht kräftig zu hämmern begann, ihr regelrecht in den Hals springen wollte, doch irgendwie... geschah das nicht. Etwas, was sie noch viel stärker beunruhigte! Hier stimmte etwas nicht, ganz deutlich, die Frage war nur... was? Und vor allem, was musste sie davon halten und wieso geschah es gerade ihr?!
Einen Moment zuvor war sie noch auf einem Fest gewesen, zwar in Gegenwart eines seltsamen Galans, doch immerhin in einer vertrauten Bewegung. Warum hatte sie nicht auf ihn gehört und den Faden ignoriert?
Azura hätte ihr edles Haupt geschüttelt, wäre ihre eine Bewegung überhaupt möglich gewesen und hätte sie sich nicht wie von Kopf bis Fuß eingepackt gefühlt. Nein, sie hätte nach seinem Verhalten nicht auf seine Worte achten können, das stand fest. Auch nicht, hätte sie gewusst oder verstanden, was ihr gerade geschah.
Dann, plötzlich löste sich ihr Gefängnis und sie landete nicht nur aprubt, sondern auch äußerst unangenehm hart auf einem ungewohnten Boden. Auf allen Vieren war sie hier und brauchte einige Sekunden, in denen sie blinzelte, bis sie sich allmählich fassen konnte.
Was war denn nun wieder passiert? Wo war sie?
Ihr Kopf hob sich langsam und sie begann damit, sich umzusehen. Als sie Luft holte dabei, verzog sich ihr Gesicht leidend, denn es fühlte sich an, als würde etwas Heißes in ihre Kehle eindringen und wie eine zähe Flüssigkeit darin hinab zu wandern.
Gleichzeitig drohte ihr Schweiß auszubrechen, was noch viel unangenehmer war als der Umstand, dass sie auf allen Vieren gelandet war. Instinktiv griff sie nach ihrem Fächer, um sich Kühlung zu verschaffen, noch bevor sie sich auf ihre Beine rappelte oder ihre Umgebung tatsächlich ausgemacht hätte.
Nachdem sie ersteres geschafft hatte, obwohl sie noch recht wackelig auf den Füßen war, sah sie sich erneut um und hatte das Gefühl, als müsste sie sich vor Schreck gleich wieder hinsetzen.
Dieser Ort war... unpassend, unheimlich und durch und durch sonderbar. Allerdings auch äußerst Angst einflößend, sodass sie mehrmals zu schlucken versuchte, um den Kloß hinunter zu würgen, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte.
Mit erschreckender Plötzlichkeit schoss neben ihr etwas hoch, sodass sie mit einem leisen Aufschrei des Entsetzens zur Seite sprang. Hätte sie ihr Herz gespürt, wäre es vermutlich in ihren Hals gehüpft, um dort mit dem Kloß zu konkurrieren um den Platz darin.
Ihre Augen hatten sich vor Schreck geweitet und als sie mehr oder weniger spürte, dass bald noch so eine Fontäne hoch schießen würde, zwang sie sich dazu, sich zusammen zu reißen. Wo auch immer sie gerade war... das war kein Ort, an dem sie länger verweilen wollte, um sich Gedanken darüber zu machen.
Hinzu kam, dass ihr die Schatten, die sie nun bemerkte, immer mehr Angst einjagten, und sie obendrein zufällig zu dem Faden sah, der auch weiterhin an ihrem Handgelenk festgebunden war.
Instinktiv wollte sie in ihren Rock greifen, um ihn zu raffen und schnell vorwärts kommen zu können. Doch als ihre Finger das Material berührten, erstarrte sie erneut.
Ungläubig blickte sie an sich herab und konnte nicht begreifen, warum sie in solch einen Fetzen gehüllt war. Anstatt also endlich die Flucht zu ergreifen, blieb sie wie eine Statue am Fleck und starrte diese unwürdige Kleidung an ihrem Körper an, unfähig dazu, sich zu rühren, obwohl sie es sollte und es in einem Teil ihres Bewusstseins ihr das auch klar war.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Erzähler » Samstag 26. Mai 2012, 13:26

Die Welt schien Kopf zu stehen und sich einen Spaß daraus zu machen, Azura zu verwirren. Ihre Erinnerungen waren eine einzige Lücke, vor dem Fest schien ihr Leben überhaupt nicht stattgefunden zu haben und jetzt war auch diese prachtvolle Szenerie vor ihr gewichen wie ein Tagtraum, aus dem man sie ruckartig heraus gerissen hatte. Seltsamerweise spürte sie ihr Herz nicht schlagen. Sie fühlte sich auch nicht gequetscht, obgleich der Vorhang von eben ihr doch beinahe die Luft abgeschnürt hätte. Aber da fehlte etwas. Obwohl sie keuchte, ihr Körper nahm keinen Zustand der Panik ein. Typische Merkmale, die Gehetztheit oder Angst oder sonstige Emotionen verrieten, blieben aus. Dies war im Normalfall das erste Anzeichen für eine verstorbene Seele, dass sie ihren Tod erkannte. Kata Mayan spielte jedem dorthin Geführten eine andere Welt vor. In den meisten Fällen war es eine gute Welt, in der die Seele Frieden fand und die Ewigkeit genoss. Aber es gab Ausnahmen, wie Azura, die noch immer irgendetwas mit ihrem alten Leben verband. Solche Seelen spürten früher oder später instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Sie begannen, Fragen zu stellen und Zweifel an dem zu haben, was der Tod und sein Reich ihr bereit hielten. Azura gehörte zu diesen Seelen. Sie war inzwischen zu weit gegangen, um einen Rückzieher zu machen. Der Gevatter hatte sie in Form des Harlekins gewarnt. Sie hätte ihr Paradies haben können, wenn sie den Faden auf ewig ignoriert oder sogar durchtrennt hätte. Wenn sie nicht durch den Vorhang geschritten wäre. Nun war es zu spät. Sie hatte ihr Ruhereich verlassen und jetzt zeigte sich Kata Mayan in einem anderen Gewand. Eine Welt, die nicht zu ihr passte, die unschön und unheimlich war. Eine Welt, die dem Leben näher lag als jede andere.
Der Anblick einer solchen Ödnis, durchtränkt von Geysiren, die heißes Wasser und Luft spuckten und gepaart mit seltsamen Schatten, lud zu einer Flucht ein. Doch anstatt sich Hals über Kopf in eine unbekannte Sicherheit zu flüchten, erstarrte Azura an Ort und Stelle, kaum dass sie ihr Kleid erblickt hatte. Genauer gesagt, die Überreste davon, denn es waren zerrissene Lumpen, die ihr nun anhafteten und die bereits nach Schwefel, sowie verbranntem Stoff stanken. Aber gerade weil sie sich nicht mehr bewegte, weil sie nicht lief, erregte sie Aufmerksamkeit. Die Schatten scharten sich zusammen, sie wuchsen heran und aus ersten von ihnen formten sich Lebewesen, deren Köpfe hinter den Felsen auftauchten. Sie schauten nicht, denn sehen war ein Sinn, den sie verloren hatten. Wo ihre Augen hätten sein sollen, fanden sich nur metallische Sichtschutze oder Platten, die die leeren Höhlen verbargen. Auch andernorts hatten sich diese humanoid geformten Wesenheiten mit Metall ausgestattet. Sie trugen es am Leib wie eine Rüstung, die mit ihnen verwachsen war. Sie krochen auf allen Vieren näher, sie geiferten und schnupperten. Da war etwas zum Plündern, etwas zum Ausschlachten, das ihr Überleben sicherte. Denn sie waren die wirklich einzigen Wesen Kata Mayans, denen man Leben nachsagen konnte. Die Ankh hatten Azura entdeckt und waren neugierig geworden.

Zur gleichen Zeit hatte noch etwas Anderes sie bemerkt. Jenseits der beiden, hoch aufragenden schwarzen Felsen verspürte etwas, das nur teils in diesem Reich weilte, ihre Präsenz. Es erhob sich, blickte sich um, wo es doch wie die Ankh nichts sehen konnte. Ihm waren sogar weitere Sinne verwehrt in dieser Welt, die noch nicht die seine war. Es konnte nur fühlen, spürte etwas Kleines, das leuchtete und Wärme ausstrahlte. Nein, nicht Wärme, sondern Leben. Und es war ganz in der Nähe. Das Etwas fühlte eine Verbundenheit. Das Licht und es selbst waren miteinander verbunden. Es tastete an sich herab, wo es doch nichts Stoffliches fühlen konnte. Denn es war selbst nur ein Lichtschein, ohne Körper. Aber es fand den Faden an seinem Handgelenk. Golden und warm war er, führte zu den Felsen und auf deren andere Seite. Von dort kam weitere Wärme, angenehm, lebendig. Das Licht wollte es näher an sich spüren, denn es tat gut. Es wollte wissen, wer dieses Leben verströmte. So machte es ein paar Schritte.
Azura würde wohl zuerst auf das Leuchten aufmerksam werden. Zwischen den Felsen erhob es sich als eine menschlich wirkende Gestalt und purem Licht. Golden, bis ins Weiße gehend, aber nicht so sättigend in der Farbe wie der Faden, der beide miteinander verband, stand die Gestalt da. Ihr fehlten die geschwungenen Kurven, denen man Weiblichkeit nachsagte. Schultern und Nacken waren breiter als bei einer Frau. Das Lichtwesen besaß weder Augen, noch einen Mund. Es schillerte wie die Sonne und es bewegte sich, als suchte es etwas. Der Faden festigte sich, Azura konnte es sehen. Er nahm ein noch intensiveres Gold an, strahlte Gefühle aus, die in ihr selbst fehlten. Angst, der Wunsch zu atmen und einen Herzschlag, den sie bisher nicht einmal vermisst hatte. Pochend pulsierte er durch den Faden, schwang immer wieder von der Lichtgestalt zu Azura zurück. Do-domm, do-domm, do-domm. Aber er lockte auch die Ankh weiterhin an, die bereits hinter den Felsen hervor gekommen waren und nur noch wenige Meter von Azura entfernt kauerten.
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Ausrüstung: das, was sie am Leib trägt(zerstörtes Kleid)
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Azura » Montag 28. Mai 2012, 16:39

Bislang hatte die junge Frau noch immer keinen blassen Schimmer, wo sie sich überhaupt befand und was mit ihr geschehen war. Das letzte, halbwegs klare Bild war ihre Anwesenheit auf diesem Maskenball gewesen und selbst das war ihr merkwürdig vorgekommen, als hätte sie sich dort nicht zurecht gefunden, obwohl sie es sollte. Immerhin war das ihr Leben lang ihre Welt gewesen!
Sie hatte keine Idee, nicht einmal eine winzig kleine, was diesen Wandel ausgelöst haben könnte. Was mit ihrem Durchgang durch den Vorhang, der mehr dem kräftigen Ziehen eines Unbekannten entsprochen, ohnehin nichtig wurde.
Es geschah alles viel zu schnell und gleichzeitig mit einer schier entsetzlichen Langsamkeit, dass Azura regelrecht dabei zusehen konnte, wie eigentlich Panik in ihr hochsteigen sollte. Ihr Herz sollte rasch schlagen, der Atem noch rascher werden und sie nahe an eine Ohnmacht bringen. Doch irgendwie... geschah es nicht, was alles nur noch schlimmer machte. Sie fühlte, die Panik musste da sein, aber die körperlichen Anzeichen blieben schlichtweg aus, sah man von ihren entsetzt geweiteten Augen einmal ab.
Der Ort, an dem sie landete, als dieser Sog endlich aufhörte, an ihr zu zerren, war... gelinde gesagt, unheimlich. Und selbstverständlich hatte sie den Impuls zu fliehen, besser gestern als heute.
Trotzdem, gerade, als sie es in die Tat umsetzen wollte, passierte etwas, das dieses Vorhaben vorerst gründlich zunichte machte. Verständnislos und nicht minder entsetzt als bisher seit dem Beginn ihrer "Reise" blickte sie an sich herab und versuchte zu verstehen, was sie da überhaupt sah.
Wie konnte das sein, dass sie in solch einem Fetzen rum lief? Warum? So etwas würde sie niemals freiwillig anziehen! Außerdem hatte sie schließlich gerade zuvor noch eine wunderschöne Garderobe am Leib gehabt, allen Konventionen des Anlasses entsprechend und sie sehr vorteilhaft kleidend. Was war in diesen kurzen Momenten, die sich wie Ewigkeiten angefühlt hatten, mit ihr geschehen? Sie hatte kein Reißen und Zerren an ihrem Körper selbst gespürt, abgesehen von dem allgemeinen Sog, und dieser komische Vorhang um ihren Leib herum hätte ihre Kleidung ebenfalls schützen sollen! Wie kam es also, dass sie so etwas zu Gesicht bekam, das ihr absolut zuwider war, denn es rührte an kindliche Erinnerungsschemen, die sie längst vergessen glaubte?! Und aus welchem Grund... stank es hier auf einmal derart erbärmlich nach Schwefel und verbrannten Dingen?! Ihre kleine, feine Nase rümpfte sich immer öfter, als käme sie nicht umhin, ihre Beschwerde länger für sich zu behalten.
Wäre da nicht mit jeder Sekunde mehr Bewegung um sie herum gewesen, die sie in ihren Augenwinkeln trotz allem wahrnehmen konnte, wäre sie vermutlich noch Minuten hier gestanden, um an sich herab zu starren.
So allerdings hob sie ihren Kopf und spürte, wie sie blass wurde. Zumindest fühlte es sich so an, ob die Farbe tatsächlich aus ihrem Gesicht wich, konnte sie in Ermangelung eines Spiegels gerade nicht sagen. Alles in ihrer Umgebung schien noch... unheimlicher zu werden.
Anfangs konnte sie es nicht anders für sich selbst beschreiben, solange, bis sie die erste merkwürdige Figur zu Gesicht bekam. Blinzelnd starrte sie nach rechts, auf dieses metallische Etwas, das sich langsam auf sie zu bewegte und das auf eine äußerst seltsame Art.
Vielleicht hätte sie ihren Mund geöffnet, eine Frage gestellt oder ihren Unmut geäußert, hätte diesmal ausnahmsweise nicht ihr Instinkt die Überhand genommen. Denn tief in sich drinnen spürte sie ein Entsetzen, das nur eine Reaktion kannte: Laufen! Azura griff, rein aus Gewohnheit, nach dem Fetzen, der mal ihr Rock gewesen zu sein schien, hob ihn an und begann zu rennen, als ginge es um ihr Leben. Was sie nicht wissen konnte... in einem gewissen Sinne war es schließlich auch so.
Ohne lang darüber nachzudenken oder sich dessen überhaupt bewusst zu sein, folgte sie weiterhin dem Faden und bemühte sich darum, ihrem Körper mehr sportliche Ertüchtigung abzuverlangen, als es sonst ihrer üblichen Verhaltensweise entsprach. Eigentlich hätte ihr Herz ihr beinahe aus der Brust springen müssen, schon nach den ersten paar Schritten, aber sie hatte keine Zeit, sich über dessen Ausbleiben zu wundern. Instinktiv begriff sie, dass, wenn sie noch einmal stehen bleiben würde, sie in mehr als verdammt großen Schwierigkeiten stecken würde.
Am liebsten hätte sie dem Impuls nachgegeben und sich ängstlich über die Schulter geblickt, um zu sehen, wie wenig Abstand zwischen ihr und diesem namenlosen Grauen wohl noch übrig geblieben war, jedoch sagte eine deutlich vehementere Stimme in ihr, dass sie sich das zeitlich nicht leisten konnte. Also lief sie weiter, bemerkte allmählich das stärker werdende Leuchten vor ihr und dass sich mit dem Faden etwas tat, ohne es verstehen zu können.
Dem könnte sie sich erst später widmen, jetzt versuchte sie erst einmal, noch immer zu rennen und nicht über die eigenen Füße zu stolpern oder über eins der zahlreichen Hindernisse des Bodens. Ein Straucheln könnte mehr als verhängnisvoll für sie ausgehen, obwohl sie mehrmals schon sehr nahe daran war. Nur aufgegeben, das hatte sie bisher noch nicht.
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Re: Tanz der Toten

Beitrag von Erzähler » Dienstag 29. Mai 2012, 00:22

Die Ankh waren kein Volk, das man fürchten musste, denn grundsätzlich bösartig waren sie nicht. Aber sie galten als von der Welt vergessen, lebten sie doch in einer Welt, die anderen Sterblichen so nicht einfach zugänglich war. Ihr Leben war nicht einfach, erst recht nicht, wenn außer ihnen kaum etwas auf Kata Mayan lebte. Sie stahlen sich an die Ränder der aus verstorbenen Seelen geborenen Paradieswelten, zu denen sich die Magie der Insel formte, wenn ein neuer Toter vom Gevatter hierher gebracht wurde. Sie schlichen sich in diese Welten hinein, ohne auffällig zu werden. Die Ankh hielten sich ohnehin lieber scheuer im Hintergrund, aber diese magisch geschaffenen Nachwelten waren gute Nahrungsquellen für sie. Dort fanden sich meist glückliche Familien, endlose Feiern oder zauberhafte Traumgeschichten, bei denen es nicht auffiel, wenn etwas verschwand. Kehrten die Verstorbenen aber aus ihrem Reich in das richtige Antlitz von Kata Mayan, so waren sie diesen Wesen vollkommen ausgeliefert und die Ankh kämpften um ihr Überleben in einer Welt ohne Leben.
So brauchte man sich nicht darüber zu wundern, dass für diese erblindeten Wesen Azuras Erscheinung und alles, was ihre Seele noch ausstrahlte, geradezu hervor stach. Es lockte und reizte die verbliebenen Sinne der Ankh und sie wollten dieser Seele nahe sein, wollten sie erkunden und heraus finden, was sich von ihr noch zum eigenen Vorteil verwerten ließ. Wenigstens schafften es die Ankh auf diese Weise, Azura aus ihrer Starre ob des zerrissenen Fetzens an ihrem Leib zu reißen. Und das gerade rechtzeitig. Sie setzte sich fluchtartig in Bewegung, kaum dass der erste, heran krabbelnde Ankh nach ihr schnappte. Er griff ins Leere, folgte ihr jedoch mit flinken Bewegungen. Sie musste sich eilen. Der einzige Strohhalm, nach dem sie scheinbar greifen konnte, war der Faden, noch immer mit ihrem Handgelenk verbunden. Eifrig packte sie danach und folgte ihm, auf ein sich ebenfalls näherndes und größer werdendes Licht zu.
Den Ankh sollte sie so entkommen, nicht aber der Lichtgestalt, welche sich auf sie zubewegt hatte. Mit ihr prallte Azura nämlich zusammen. Es gab keinen Knall, aber Wärme und Licht, anschließend Schmerz. Schmerz in Form von zurückgekehrtem Leben. Ein Wirbeln, alles drehte sich und dann stach es dermaßen heftig im Kopf, dass schwarze Sterne vor ihren Augen tanzten. Zugleich durfte sie feststellen, dass Leben in ihren Körper zurückkehrte. Nein, anders formuliert: Sie kehrte in ihren Körper zurück und drängte ihn zum weitermachen. Die Lungen blähten sich auf, füllten sich mit Luft, welche durch Nase und Mund aufgenommen wurde. Der kalte Lebensatem schmerzte in den ausgetrockneten Nasenhöhlen, deren Schleimhäute sich erst wieder befeuchten mussten. Ähnlich ging es der Luftröhre, die sich staubtrocken anfühlte. Das Herz begann erneut zu schlagen. Langsam erst, dann heftiger werdend. Es schlug anfangs noch leise, fast so wie ein verstaubtes Uhrwerk, das man erst wieder neu aufziehen musste. Dann aber hämmerte es kräftiger, lebendiger. Azuras Extremitäten kribbelten, dass es brannte, als das Blut von neuem zirkulierte und durch die Adern strömte. Nach einer Weile ließ der Schmerz nach, abgesehen von einer zentralen Stelle an ihrem Kopf. Dort ziepte und brannte es, dass sie zunächst kaum einen klaren Gedanken fassen konnte und sich so auch noch nicht gewahr wurde, wo sie sich denn eigentlich befand.


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