Palast der Stille

Wie die Todesinsel aussieht, weiß man nicht. Wie man lebend zu ihr gelangt, ist ebenfalls unbekannt. Nur die Toten kennen sie, denn nur sie finden sich dort wieder. Aber was ist mit diesen blinden Wesen, die hier hausen?
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Azura
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Re: Palast der Stille

Beitrag von Azura » Freitag 30. Dezember 2022, 20:47

Für die junge Frau war die Lösung ganz simpel: Ventha wollte ihre Schriftrolle haben, Azura wollte ins Leben zurück, wo diese zu finden wäre mithilfe ihres geliebten Schufts. Was lag da also näher, als sie mit diesem Auftrag kurzerhand zurück zu schicken, ohne weiteren großen Aufwand? Es wäre schließlich ein wunderbarer Vorwand, deren Rahmenbedingungen so undefiniert und dehnbar waren wie das Wasser. Wäre das somit nicht einfach ideal?
Sobald sie diese Idee hatte, dachte sie nicht länger über die Details nach oder tat sonst etwas, das sie zum Zögern bringen würde, sondern sprach es kurzerhand in den Raum hinein, überzeugt davon, sowohl von der richtigen Person gehört zu werden, als auch das Richtige damit zu tun. In ihren Augen gab es nichts, das dem im Weg stehen sollte.
Dabei hätte sie hier an diesem Ort noch so viele andere Möglichkeiten gehabt, hätte die Bitte anderer erfüllen können oder wenigstens nachlesen können, um Sicherheit in ihren eigenen Gefühlen zu finden. Was hatte ihn dazu verleitet, sie ständig zu verführen? Was war auf dem Schiff der Zwerge tatsächlich in jener Zeit geschehen, in der sich geschlafen hatte? Was hatte er mit ihr dabei angestellt? Und... was hatte er bei ihrer Vereinigung in den heißen Quellen gefühlt? Er hatte keinen Höhepunkt erlebt, obwohl sie sich tatsächlich darum bemüht hatte. Hatte er es dennoch... genossen? Es wäre so einfach gewesen, die Wahrheit heraus zu finden, ohne ihn danach fragen und ihm glauben zu müssen, was auch immer er antworten würde. Aber sie dachte im Moment nicht an diese Möglichkeit, sondern wollte einfach nur endlich weg von hier!
Entsprechend ungeduldig fühlte sie sich, während sie auf eine Reaktion ihrer Göttin warten musste. Das war schwierig für sie, nicht zu drängen und damit den Unwillen der anderen zu schüren, auch wenn ihr dieses Schlupfloch, wie sie es empfand, dermaßen unter den Nägeln brannte. Schlichtweg, weil sie davon überzeugt war, endlich die Lösung gefunden zu haben!
Und dann... tatsächlich, wie schon mehrmals erschien Ventha, höchstpersönlich. Natürlich wieder mit einem gelungenen, unerwarteten Auftritt, der Azura unwillkürlich fein schmunzeln ließ. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie glatt glauben wollen, dass die Göttin der See es darauf anlegte zu protzen und zu beeindrucken, um die Bewunderung noch zu verstärken, die ihr ohnehin gebührte. "Die Zahl deiner Verehrer würde sich gewiss mehren, wenn du auch die Mode offiziell zu deinem Metier erklären würdest.", begrüßte sie Ventha respektvoll und dennoch beinahe schon wie eine alte Freundin, mit der sie sich schon des Öfteren zum Kaffeeklatsch getroffen hatte.
Dabei hätte ihr das, einstmal lebende, Herz heftig bis zum Halse klopfen und die Knie weich werden sollen bei diesem Anblick! Jedoch hatte ihr diese Göttin schon mehrfach geholfen, ihr ihren Segen geschenkt und irgendwie... fühlte Azura sich ihr allmählich auf eine andere Art und Weise mit ihr verbunden als zuvor. Nicht, dass sie sich jemals auf die gleiche Stufe mit ihr stellen würde, gewiss nicht, sie war nicht verrückt! Aber trotzdem beschlich sie allmählich das Gefühl, dass sie sich das ein oder andere Wort mehr erlauben durfte, solange sie gewisse Grenzen nicht überschritt und unverschämt wurde. Und sofern sie keine Rüge erhielte, würde sich daran vermutlich auch nichts ändern.
Einen Moment lang stellte sie sich unwillkürlich vor, wie es wäre, wieder zu leben und sich gemeinsam mit ihrem Gegenüber gegen ihren Schuft zu verschwören, um ihn in den Wahnsinn zu treiben! Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht loszukichern bei dem Gedanken.
Dennoch fiel die Begrüßung alles andere als ermutigend aus, sodass sie sich auf die Unterlippe biss, den Blick senkte und mit der Fußspitze in imaginären Sand bohrte, ganz so wie ein gescholtenes Kind, das bei einer Unartigkeit erwischt worden war. Wenngleich sie sich lieber an den zweiten Teil der Bemerkung hielt, die ihr mehr Mut machte, weil sie eine unausgesprochene Botschaft dahinter erkennen wollte.
Die sie auch prompt nicht zurück hielt. Mit einem zwar schuldbewussten, jedoch irgendwie auch leicht frechen Blick, eben so, wie es oftmals nur ausgekochte Schlitzohre von Kindern konnten, sah sie zu der Göttin auf, das angedeutete Grinsen im Mundwinkel. "Und dennoch hast du mich gehört und bist gekommen.", murmelte sie und beobachtete daraufhin den Krebs, der gerade befreit worden war.
Kurz herrschte einvernehmliches Schweigen zwischen ihnen, dann ergriff die Besucherin erneut das Wort. Die junge Frau sah auf und blinzelte. "Und... und was wird das... sein?", kam es ihr nur stockend über die Lippen, denn irgendwie fühlte sie sich mit einem Mal ziemlich unbehaglich in ihrer durchscheinenden Haut.
Sie legte sogar ihre rechte Hand auf den linken Oberarm und zog ihre Schultern ein wenig hoch. Dem Blick indes folgte sie nicht, hatte sie das Gefühl, dass ihr nicht gefallen würde, was sie dort zu sehen bekommen könnte. Es jagte ihr... Angst ein und sie konnte nicht wirklich bezeichnen, warum.
Ohnehin ging es weiter und sie begrüßte den Umstand, sich auf Venthas Worte konzentrieren zu können. Obwohl ihr diese ebenfalls nicht sonderlich gefielen. Wie von selbst runzelte sich ihre Stirn und ihre Hand sank langsam herab, bis beide Arme wie nutzlos an ihren Seiten herab baumelten. "Gewässer? Fährmann? Bezahlung? A... aber... ich habe doch nichts bei mir! Wie soll ich ihn denn dann entlohnen?", fragte sie und schüttelte sich im nächsten Moment, als ihr Gegenüber fort fuhr.
Wäre sie nicht schon bleich wie eine Leinwand, sie wäre es vermutlich nun geworden. "Wa... was... was willst du damit... damit sagen?", hauchte sie.
Die Göttin neigte sich zu ihr, sodass sie unwillkürlich schwer schlucken musste. Azuras Augen weiteten sich, als ihr allmählich klar wurde, wie die Botschaft lautete, und am Ende schlug sie sich vor Schreck die Hand vor den Mund. Auch wich sie einen halben Schritt zurück und tastete instinktiv nach dem Pult, um sich daran festhalten zu können. "Soll... soll das heißen, dass... dass wegen mir... jemand... jemand stirbt?!", hauchte sie entsetzt und keuchte auf ob der Möglichkeit, dass es Corax treffen könnte.
Es wäre so schon schlimm für ihr Gewissen, sollte es jedoch ausgerechnet jenen Mann treffen, wegen dem sie hauptsächlich wieder zurück wollte... Nicht auszudenken, wie es ihr damit ergehen würde!
Da legten sich plötzlich Arme um ihren Körper und obwohl sie weder Wärme, noch Kühle empfinden konnte, war da schlagartig ein Ausmaß an Geborgenheit, das bis in die letzte Faser ihres geisterhaften Seins vordringen konnte. Mehr noch, es stoppte ihre Gedanken einen Moment lang und ließ sie stattdessen aufschluchzen. Als hätte sie Tränen in den Augen, verschwamm ihr die Sicht und sie konnte sich nicht bremsen, als sie sich zaghaft in diese Umarmung hinein lehnte, um darin Schutz und Trost zu suchen. "Ich... ich... ich will doch nur leben... bei ihm sein...", schluchzte sie leise und wenig verständlich.
Sie hätte wahre Ewigkeiten in dieser Haltung und der Nähe zu ihrer Göttin verbringen mögen, diese aber löste sich viel zu rasch wieder von ihr. Überhaupt nicht damenhaft war Azuras Schniefen und das Wischen mit ihrem Handrücken, als sie den Blick blinzelnd anhob. Um erneut zu lauschen und am Ende tatsächlich das Gefühl zu haben, zu erröten. Während sich auf ihre Lippen jener leicht dümmliche Ausdruck von Verliebten legte, den sie nicht einmal bemerkte. Die Erwähnung des Dunkelelfen, der ihr das Herz gestohlen hatte, rief so etwas wie ein Echo jener Geborgenheit in ihr wach, die sie gerade eben noch in der Umarmung verspürt hatte.
Langsam nickte sie und war im Begriff, es damit gut sein zu lassen, nichts weiter von der Göttin zu erbitten, damit diese sich ihren anderen Gläubigen widmen könnte. Doch da kam ihr trotz allem noch etwas in den Sinn. Etwas, das ihr bis vor kurzem noch vollkommen gleichgültig gewesen wäre und wofür sie niemals einen Finger gerührt hätte. Jetzt hingegen...
"Warte!", rief sie aus, unabhängig davon, ob und wie weit Ventha sich von ihr bereits entfernt haben mochte. Einen Moment lang fühlte sie sich unbehaglich, ehe sie betont so etwas wie ausatmete und ihre Haltung straffte, um ihren Mut zurück zu gewinnen.
"Sag, gibt... gibt es hier eigentlich die Möglichkeit irgendwie... na ja, ich weiß auch nicht... irgendwie etwas vorlesen zu lassen?", fragte sie und zuckte mit einem Hauch Unsicherheit mit den Schultern. "Ich meine... nun ja... für jemanden, der nicht lesen kann, aber gerne Geschichten hören würde. Ich... ich meine, für den Fall, dass ich gehe und das bald und... Ach, ich weiß auch nicht."
Sie senkte den Blick und biss sich auf die Unterlippe, um kurz darauf herum zu nagen. "Es gibt Wesen hier und sie können bleiben, wenn sie wollen, aber sie können nicht lesen. Und wenn ich nicht da bin, um das zu tun... Ich glaube einfach, sie würden sich trotzdem darüber freuen, Geschichten zu hören."
Die junge Frau seufzte und deutete ein Kopfschütteln an. "Ach, das ist sicher töricht von mir und nicht machbar ohne der richtigen Magie und... na ja..." Sie hielt inne und sah mit einem kleinen, schiefen Grinsen wieder auf. "Gibt es da eine Möglichkeit?", fragte sie beinahe schon scheu und so gar nicht typisch für ihr sonstiges Verhalten.
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Re: Palast der Stille

Beitrag von Erzähler » Samstag 31. Dezember 2022, 02:20

Dafür, dass Ventha zwischen den Zeilen ihre knappe Zeit andeutete, blieb sie erstaunlich lange und nahm sich eben jene für Azura. Sie erklärte ihr die Prozedur einer Seelenrückkehr ins Leben und dass dies nicht ohne Konsequenzen blieb. Auch für Caleb musste jemand ins Totenreich gegangen sein, nur ahnte er davon überhaupt nichts. Azura erfuhr es jetzt und die Erkenntnis traf sie hart. Es musste nicht einmal einen ihrer Gefährten, es musste nicht zwangsläufig Corax treffen. Aber allein, dass diese Möglichkeit bestand, bereitete ihr Unbehagen. Und noch immer war es die eigentlich als launisch bekannte Göttin, deren Arme sich nun wie sanfte, glatte Wogen um Azuras erschreckten Körper legten. Sie hielt sie und es fühlte sich gut an. Doch trotz dieses Trostes blieb Ventha klar wie ihre Gewässer.
"Ja, es wird jemand sterben. Wie ich schon erwähnte, weiß aber nicht einmal ich, wen es trifft. Dieses Wissen besitzt nur einer."
"Und ich werde es nicht ausplaudern." Die Umgebung verdunkelte sich etwas. Die wässrigen Gewänder der Göttin Ventha fühlten sich plötzlich kalt an. Azura fröstelte es, obgleich sie doch längst tot war und im Grunde nichts mehr spüren konnte. Aber wenn der Gevatter höchstselbst erschien, dann erfuhren dies auch die Verstorbenen.
Ihm würde niemals vorgeschlagen werden, mit seiner Kluft in die Welt der Mode einzutauchen. Sicherlich gab es Persönlichkeiten auf Celcia, die bevorzugt schwarz trugen, aber solche Geschöpfe ließen sich das Haar auch wie wild wucherndes Unkraut stehen und nannten es Tanzen, wenn sie zu lauter Trommelmusik besinnlich mit dem Kopf nickten oder mit dem Fuß tippten. Solche Gestalten liebten Metall, was ebenfalls für Anhänger des Gevatters sprechen könnte, sofern man ihn als Glaubensfigur wahrnahm. Er war kein Gott, er war ... mehr.
"Sie ist schon besorgt und verängstigt genug. Du musst nicht uns beide erschrecken", schalt Ventha den Tod, als sei es nichts. Er blieb tatsächlich unbeeindruckt und verzog keine Miene. Sein bleicher Schädel lugte mit leeren Höhlen unter der Kapuze hervor, die ein ähnliches Schwarz besaß. Er stützte sich wie üblich auf den Stock seiner Sense, während der untere Kuttensaum seine Knochenfüße umwaberte wie Nebel aus Teerpartikeln.
"Und du sprichst ihr zuliebe Garmisch", erwiderte Tod trocken. Ventha zuckte zusammen, verzog schnippisch den Mund, dass ihre Unterlippe vorstand und verschränkte die schlanken Arme vor der Brust. Ein Fisch wurde zwischen den weiblichen Wogen zusammengequetscht, dass er kurz empor sprang, ehe er Rettung in den Wellengewändern der Göttin fand.
"Es braucht dich nicht zu kümmern, welche Sprache ich nutze. Garmisch klingt angenehm. Mir gefällt es, wenn die Seefahrer ihre Lieder in dieser Sprache für mich anstimmen."
Tod winkte ab. "Ich bin nicht erschienen, um darüber zu sprechen. Und ich fasse mich kurz, denn meine Zeit ist wirklich knapp bemessen." Der Schädel grinste. Das tat er immer, aber jetzt wirkte es besonders auffällig. Dann streckte er einen Finger aus, so dass der Knochen direkt auf Azura zeigte. "Auch dir fehlt die Zeit."
"Was willst du damit sa-" Ventha konnte ihre Frage nicht zu Ende stellen. Sie alle hörten das Klirren und Azuras geisterhafte Finger piekten und kribbelten plötzlich. Als sie hinab schaute, war da aber nichts. Ventha blickte auch nicht auf die Hände ihrer Gläubigen. Sie schaute wie erstarrt zu der Fassade aus Fenstern, die einst Aussicht auf ihre Meereswelt geboten hatten. Noch immer zeigten sie nur das dunkle Innenleben eines Sarges. Tod nickte auf die Reaktion der Göttin hin.
"Genau das habe ich mitteilen wollen. Ich hätte gar nicht erscheinen müssen. Wie dumm ... Zeitverschwendung." Er klopfte der Göttin auf die nackte Schulter und schüttelte anschließend kleine Wassertropfen von seinen Knochen. "Du schaffst das schon. Überdies gewähre ich diese eine Ausnahme. Dafür entscheide ich, wer ihren Platz einnimmt." Er betrachtete Azura und schüttelte leicht den Kopf. "Es wird keiner deiner drei Gefährten sein." Schon löste er sich in Wohlgefallen auf und hinterließ nichts als die Erinnerung an Todeskälte.
Ventha schnaubte auf. "Pha! Spricht immer in Rätseln, als wäre er selbst ein Gott. Das ist uns vorbehalten, denn wir sind die Geheimnisvollen. Du bist nur ein alter Knochen in einem viel zu großen Jutesack!" Sie wirbelte herum. Als ihr Blick aber wieder auf die Fensterfront fiel, beruhigte sie sich schnell wieder. "Oh Kind, er hat Recht. Dir läuft die Zeit davon." Sie wandte sich mit mitleidigem Blick an Azura. "Du weißt längst, was zersprungen ist, oder?" Azura wusste es instinktiv, als die Göttin sie danach fragte. Sie wusste, um wen es ging und sie wusste, was er sich zurückgeholt hatte. Die in Ringe eingefassten Rubine, welche den farbigen Glanz seiner Augen beinhalteten, waren zersprungen. Corax hatte sich diesen Glanz zurückgeholt. Wofür auch immer er sein Stück Lebenswillen brauchte, er hatte es sich wieder genommen.
"Es ist nobel von ihm, dass er jene beschützen will, die ihm am Herzen liegen. Jene, die noch leben. Ich habe mich geirrt. Seine Sehnsucht schwindet, wenn auch langsam. Er ... sucht Kraft in den Lebenden und beginnt, sich von dir zu lösen. Er ist bereit, über dich hinweg zu kommen, so wie du es dir für ihn gewünscht hast." Ventha sank auf ein Knie herab, um mit Azura fast auf Augenhöhe zu sein. Sie berührte die Tote am Unterarm, tätschelte ihn. "Du musst die Gewässer um das Reich der Toten aufsuchen. Du musst zum Fährmann und dir eine Überfahrt erkaufen."
"Gewässer? Fährmann? Bezahlung? A... aber... ich habe doch nichts bei mir! Wie soll ich ihn denn dann entlohnen?"
Ventha seufzte aus. "Es ist Brauch bei den traditionsbewussten Anduniern und auch Vertetern anderer Kulturen, einem Toten für die Überfahrt des Fährmanns jeweils eine Fuchsmünze auf die Augen zu legen. Aber das geschieht erst bei der Bestattungszeremonie. Dein Freund hat dich zwar in einen Sarg gepackt, aber niemand der drei möchte dich jetzt schon bestatten. Du hast Recht. Du hast keine Bezahlung." Ventha wandte den Kopf um und schaute zu der Stelle, an der Tod verschwunden war. "Er gewährt uns diese eine Ausnahme." Sie drehte den Kopf zu Azura zurück. Jene erbat rasch noch eine Möglichkeit, den halb metallischen Frauen das Lesen zu gewähren. Die Adlige, die stets sich selbst die nächste war, hatte ihre Zeit wirklich genutzt, um ein wenig über den Tellerand zu schauen. Es erwärmte Venthas Herz. Sie lächelte. "Ah, die Ank. Das ist eine gute Idee. Wir werden ihr Metall für den Fährmann nutzen. Jetzt fehlen ihnen nur noch ein Paar Augen. Du könntest deine opfern..." Ventha musterte Azura und schüttelte nach einer Weile den Kopf. "Aber dann würdest du ihn nicht mehr wiedersehen, selbst wenn er vor dir stünde. Und ich sehe, wie sehr du dich nach seinem Anblick verzehrst. Deine Sehnsucht wächst, wo sein schru-"
Nun wurde die Göttin der Meere und Stürme schon zum zweiten Mal unterbrochen, als sich die Sicht der Fensterfront veränderte und das hindurch fallende Licht in die Bibliothek fiel. Es lenkte ab und es schenkte einen Ausblick auf die Welt der Lebenden. Der Sarg war verschwunden. Stattdessen sahen Ventha und Azura durch die toten Augen Letzterer einen dunklen und eher rustikalen Schankraum. Azura erkannte sofort andunische Bauweisen. Aber sie sah auch die entsetzten Gesichter von Caleb und Madiha. Und hinter ihnen massakrierte Körper, den abgetrennten Kopf einer Frau, die ihren Mund im Moment des Todes für einen Schrei geöffnet hatte und so auf ewig erstarrt war. Dann kippte die Sicht Madiha entgegen. Das Wüstenmädchen versuchte noch den Leichnam aufzufangen, würde aber unter seinem Gewicht begraben werden. Hände tauchten im toten Blickfeld auf, als Caleb sie von hinten ergriff. Azura konnte sehen, wie er sie anhob und zu einem Tisch herüber trug. Er barte sie dort auf, aber da ihr Kopf zur Seite kippte, hatte sie weiterhin freie Sicht auf die Szenerie ... und auf die vielen Toten in Lachen aus Blut.
"Er fehlt", stellte Ventha fest. "Oh, er ist ganz allein. So allein wie nie zuvor, denn die Kobolde sind alle tot. Er opfert mir salzige Flüsse aus seinen Augen." Die Göttin blinzelte. Sie weinte, dass ihre Tränen wie Regen auf ihr Kleid niederfielen und tatsächlich begann es in diesem Moment in Andunie zu schütten wie aus Eimern.
Ventha packte Azura am Arm. Sie schob sie ein Stück nach vorn, ohne eine direkte Richtung anzudeuten. "Du musst los. Finde den Fährmann, bevor er seine Sehnsucht endgültig aufgibt. Er verliert gerade alles und es könnte ihn in die falschen Arme treiben. Dir bleibt nicht viel Zeit." Dann stockte die Göttin. "Oh! Die Bezahlung. Sie fehlt immer noch." Mit dem Wink ihres Armes erschuf sie eine Flutwelle aus dem Nichts. Das Wasser trug eine der seltsamen Schwangeren mit metallischen Gliedmaßen heran. Es war nicht die, mit der Azura sich unterhalten hatte. So wirkte die Frau reichlich desorientiert, als die Wasser sie losließen und sie langsam auf ihren Metallbeinen zum Stehen kam.
"Was geht vor sich?"
"Wir erlösen dich von des Lehrlings Zeichen. Hab keine Angst. Und du auch nicht", wies Ventha Azura an. Dann griff sie der Ank an die Metallplatte, welche ihre Augen bedeckte und die eine Feder als Zeichen trug. Es sah so leicht aus, als Ventha das Metall vom Schädel löste. Was darunter zum Vorschein kam, war nichts für schwache Nerven. Natürlich besaß das Wesen keine Augen mehr. Aber die Höhlen selbst hatten arg gelitten. Ihre Seelenspiegel konnten unmöglich mit Sorgfalt entfernt worden sein. Es sah aus, als hätte jemand die Augäpfel vor langer Zeit mit einem schartigen Löffel ausgeschabt. Die Ränder der Haut wiesen zahlreiche Schnitte und Narben auf. Das Innere war schwarz von fauligem Eiter, der nie hatte ablaufen können. Die Höhlen waren ihrem Schicksal überlassen worden, so wie die Frau selbst. Der Anblick entsetzte und rührte zu Tränen.
"Sie braucht Augen. Liebes Kind, hast du ihr nichts mehr zu geben? Irgendetwas? Das hier ist deine Ewigkeit, dein Palast. Du hast die Macht, ihn nach deinen Wünschen zu formen. Und sie benötigt Augen, damit du ihren Wunsch erfüllen kannst", richtete Ventha ihre Worte erneut an Azura. Die Ank betrachtete sie nur fragend aus leeren Höhlen. Aber sie lächelte dabei.
"Ich werde sehen?", fragte sie. Ventha nickte, richtete aber nichts aus. Es lag nun an Azura, wie sie dieses Geschenk überreichte. Die Möglichkeiten waren da. Sie musste nur ein wenig kreativ werden. Derweil zeigte die Göttin ihre Handwerkskunst. Sie strich immer wieder mit den Fingern über die Metallplatte, die die malträtierten Höhlen verdeckt hatte. Langsam formte sich das Material. Es schmolz, wurde flacher und kleiner. Die Feder darauf war längst nicht mehr zu erkennen. Ventha schuf zwei eiserne Münzen und reichte sie Azura. "Jetzt bist du dran. Augen, möglichst klar. Deshalb empfehle ich, keinen Stein zu verwenden, obwohl selbst das funktionieren dürfte. Und danach musst du zum Fährmann." Sie blickte zu der Fensterfront, aber dort hatte sich nicht viel verändert. Madiha und Caleb hatten sich an die Theke gesetzt und unterhielten sich. Es war zu weit weg, als dass Azuras Leiche das Gespräch hätte aufnehmen können. Ventha schien im Gegensatz zu allen anderen mehr zu sehen.
"Er wird wieder verstoßen. Wie viel Einsamkeit erträgt ein Herz? Oh, das ist nicht gut. Er kehrt zum Anfang zurück."
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Re: Palast der Stille

Beitrag von Azura » Samstag 31. Dezember 2022, 08:55

Bis vor kurzem war sie von allem, was mit dem Tod zu tun hatte, tunlichst ferngehalten worden. Erst seit dem Überfall auf ihre Heimatstadt war sie damit in Berührung gekommen, allerdings stets als Außenstehende. Nun hingegen sollte sie dafür verantwortlich sein, dass jemand... oder etwas sein Leben aushauchte!
Es war für sie ein ordentlicher Schrecken, denn dadurch musste sie sich erneut entscheiden, was sie wollte. Oder besser gesagt, was sie bereit war, für diesen Wunsch in Kauf zu nehmen! Und dennoch... ihre Sehnsucht nach dem Leben war groß, unsagbar groß und trotz dieses Preises hatte sich innerlich an ihrem Ziel nichts geändert. Nur ihr Gewissen überlagerte diese Erkenntnis vorerst.
Plötzlich fröstelte es sie und sie wusste instinktiv, dass dieses Gefühl selbst bei einem Geist niemals erlöschen würde. Stattdessen kam es ihr vor, als hätte es sich seit dem Sieg im Schach verstärkt und erreichte ihre Antennen noch viel intensiver als zuvor. Umso mehr suchte sie Schutz vor dieser vermeintlichen Gefahr in den Armen ihrer Göttin, als wäre sie das Kind und Ventha die Mutter.
Genauso fühlte sie sch auch während der kurzen Unterhaltung dieser beiden Überwesen, bei der sie sich lieber nicht einmischte. Sie hätte obendrein nicht sonderlich viel beizutragen gehabt.
Und als die Umarmung gelöst wurde, trat Azura unwillkürlich einen halben Schritt beiseite, als wolle sie sich hinter dem Rock der anderen verbergen, so, wie sie es anfangs bei ihrer leiblichen, menschlichen Mutter getan hatte, als diese sie in das neue Zuhause mitgenommen hatte, um ihr alles zu zeigen und sie dem baldigen Stiefvater sowie dessen Personal vorzustellen. Lange hatte ihre zurückhaltende, vorsichtige Art nicht angehalten, dann hatte sie sich bereits wie selbstverständlich in der Welt des Adels zu bewegen gewusst.
Ob es hier, im Reich des Übersinnlichen, ebenso werden würde, wenn sie nur lange genug Umgang mit all diesen Wesen hätte? Die junge Frau wollte ins Leben zurück und das bedeutete auch, dass sie nicht lange genug bleiben wollte, um das herauszufinden.
Umso mehr zuckte sie zusammen, als das Gerippe plötzlich auf sie zeigte und sie es mit der Angst zu tun bekam. Doch ehe aus einem dumpfen Gefühl eine Ahnung werden konnte, erklang ein Klirren, das sie noch einmal zusammen fahren ließ. Automatisch sah sie auf ihre plötzlich kribbelnden Hände herab und konnte dennoch nicht ausmachen, was damit nicht wirklich stimmte.
Daraufhin überschlugen sich die Worte regelrecht für sie, die glaubte, alles nur durch einen Nebel hindurch dumpf hören zu können. Irgendetwas war nicht in Ordnung, das spürte sie. Nur... was? Sie konnte fühlen, dass sie dieses Wissen besaß und trotzdem war es gerade nicht greifbar für sie, als wehre sich etwas in ihr gegen die Erkenntnis.
So hob sie blinzelnd erst ihren Blick, als sie direkt wieder von Ventha angesprochen wurde. "Aber...?", murmelte sie verständnislos, da sprach ihr Gegenüber schon weiter, dass sich ihre Augen weiteten. Um sich nun erneut mit Tränen zu füllen, während sich in ihrem Inneren alles zusammen zu krampfen schien.
Als hätte man ihr einen Schlag verpasst oder ihr gesagt, dass ihre Entjungferung nicht aufgrund von echten Gefühlen geschehen waren, verspürte sie unendliche Kränkung, die dafür sorgte, dass sie einen Moment lang den Kopf hängen ließ. "So... so schnell...", murmelte sie, ohne zu ahnen, wie viel Zeit tatsächlich vergangen war in der Welt der Lebenden.
Vielleicht sollte sie doch nicht...? Nein, sie musste zurück, jetzt erst recht! Nur... dieser Fährmann... Weitere Fragen kamen ihr über die Lippen und wie die See war Ventha sehr geduldig mit ihr.
Und es zeigte sich, dass auch Azura gereift war durch ihre Erlebnisse an diesem Ort. Sie dachte tatsächlich an andere und deren Wünsche, so sehr, dass sie diese sogar erwähnenswert fand. Bei dem Gedanken jedoch, ihre eigenen Augen dafür zu opfern, keuchte sie auf und wich ein paar Zentimeter zurück. Doch die Göttin erkannte selbst, dass dies gar nicht erst zur Debatte stand.
Schon sprach sie weiter, bis Licht plötzlich für eine Unterbrechung sorgte. Auch die Augen der jungen Frau wanderten zu der Szenerie, die sie zu sehen bekam... und nicht wirklich verstehen konnte. "Was... was... ist passiert...?", hauchte sie und schüttelte sich bei all dem Blut, das offensichtlich in der Nähe ihres Körpers geflossen war.
Warum? Was war geschehen? Und... und wo war... er?!
Das erkannte auch Ventha und was sie sagte, sorgte dafür, dass sie sich ihr ruckartig wieder zuwandte. "Was...?!", hauchte sie erschrocken und griff gewohnheitsmäßig in die Falten ihres Rockes, um diesen anzuheben und besser laufen zu können, obwohl dieser hier bei weitem nicht bodenlang war.
Aber die folgenden Worte hielten sie noch einmal zurück und ließen sie sogar die Finger wieder lösen. Noch während sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, sorgte Ventha bereits für Gesellschaft, die dafür sorgte, dass Azura unbewusst erschrocken zusammen fuhr. Sie hatte diese Wesen erst einmal gesehen, obwohl es ihr längst wie selbstverständlich vorkam, dass sie ebenfalls an diesem Ort lebten... existierten. Und dennoch war der Anblick noch immer nichts für sie und würde ihr bestimmt noch lange grausige Träume bescheren, sollte sie wieder welche haben.
Erst recht, als die Metallplatte vor den Augen gelöst war und sie einen direkten Blick auf das bekam, was dieser Frau einst angetan worden war. Keuchend wich sie zurück und hatte das Gefühl, als würde ihr schlecht werden. Kurz musste sie wegsehen und auf ihre geisterhaften Fingerknöchel beißen, um die Beherrschung zu wahren.
Dabei hörte sie die Forderung der Göttin und hätte am liebsten den Kopf geschüttelt. Sie sollte Augen besorgen? Aber wie? Und wo? Sollte sie diese etwa zeichnen und dann ausschneiden?! Oder...
Ihr Blick fiel blinzelnd auf eine jener Lampenschirme, die für ausreichend Beleuchtung in diesem Raum sorgten. Diese waren, wie alles an diesem Ort, von ausgesuchtem Luxus und das bedeutete neben kunstvoller Verarbeitung und edlen Stoffen als Bespannung auch...
Azura gab sich einen Ruck und ging zielstrebig zu einer kleinen Tischlampe, um von dieser zwei herrlich geschliffene, glasklare Kristalltropfen von der dünnen Goldkette zu reißen. Mit dieser Gabe kehrte sie zurück und präsentierte sie so auf ihrem flachen Handteller, dass sie alle drei darauf sehen konnten. "Ist das möglich?", fragte sie und hoffte es sehr. Denn eine andere Idee hatte sie nicht und würde wohl auch nicht so schnell auf eine kommen ohne weitere Hilfe.
Sollte das akzeptiert werden, könnte sie daraufhin die beiden Münzen entgegen nehmen und sich endlich auf den Weg machen. Zwar hätte sie noch die ein oder andere Schriftrolle mitgenommen, um seine Gedanken niedergeschrieben lesen zu können, aber... da ihr die Zeit dafür fehlte, wollte sie sich tatsächlich möglichst beeilen, damit nicht alles umsonst gewesen war!
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Re: Palast der Stille

Beitrag von Erzähler » Samstag 31. Dezember 2022, 20:33

Während Azura noch damit haderte, dass irgendwo auf Celcia irgendjemand oder etwas sein Leben würde aushauchen müssen dafür, dass sie zurückkehren könnte, geschah dies auf massivste Weise in der Echtwelt und war auch der Grund dafür, warum sie zum einen all die Leichen rings um Caleb und Madiha erblicken musste und warum zum anderen Corax nicht bei ihnen war. Oh, vielleicht war es gut so, dass sie die Gründe bisher nicht kannte. Doch dass ihr Rabe sich offensichtlich so allein wie niemals zuvor fühlte und sowohl die beiden lebenden Gefährten als auch sie hinter sich zu lassen schien, entsetzte sie noch mehr. Aber Ventha würde sie nicht anlügen. Nicht nach all dem, zumal sie keinen Grund hatte. Im Gegenteil, selbst die Göttin wirkte überrascht von dieser Wendung der Ereignisse. Sie drängte zur Eile. Wenn Azura zurück ins Leben wollte, musste sie sich nun sputen. Einzig für den Wunsch, den hinterbliebenen Halbmetallfrauen, den Ank, eine Lesenhilfe zurückzulassen, nahmen sowohl sie als auch Ventha sich noch einmal Zeit.
Die Meeresgöttin ließ auch sogleich eine der Ank Dank ihrer Wellen in die Bibliothek befördern. Die Schwangere wirkte nur im ersten Moment etwas orientierungslos und verwirrt. Dann aber ließ sie es stillschweigend geschehen, dass man die Metallplatte von ihren Augen löste. Es war bei weitem nicht das Schlimmste, das sie erleben musste. Es brachte ja nicht einmal Schmerz mit sich und die Aussicht auf funktionierende Augen ließ sie sogar hoffen.
"Ich werde lesen und allen Frauen vorlesen können?", fragte sie und faltete die Hände zum Dank in einer Geste des Gebets. Welcher Gottheit sie einst gehuldigt haben mag, war nicht ersichtlich. Ventha berührte die gefalteten Hände mit ihren eigenen Fingern, während Azura noch nach etwas suchte, das sich als neue Augen verwenden ließe.
"Ja", erwiderte die Göttin. "Aber du wirst auch sehen können. Bedenke dies."
"Ich habe keine Angst vor den Opfern dieses Scheusals. Wir sind alle geschändete Frauen. Wir sind alle Mütter. Ich fürchte mich nicht vor meinen Schwestern im Geiste." Ventha lächelte daraufhin und drückte die Hände der so tapferen Frau.
Azura fand indessen endlich etwas in ihrem Palast, von dem sie glaubte, es würde ausreichen, daraus neue Augen zu bilden. Nichts war klarer als Kristall. Wenn das jemand wusste, dann sie und vielleicht der ein oder andere Juwelier. Aber sie hatte oft genug glanzvollen Schmuck von ihrem Stiefvater erhalten. Sie wusste, wie schön er strahlen konnte und wie klar das Licht in ihm glitzerte. So entschied sie sich für ein Paar kristallene Tränen, die hinter einem der Lampenschirme verborgen waren. Erneut lächelte Ventha, dieses Mal in Azuras Richtung. Sie streckte eine Hand offen nach dem Kleinod aus.
"Das ist perfekt", sagte sie und schloss ihre Finger um die tropfenförmigen Gebilde. Ein leichter Schimmer umgab ihre Finger und aus dem Nichts zog ein Wind auf. Tropfen lösten sich von Venthas Kleid, schwirrte wie winzige Libellen umher, ehe sie zwischen ihren Fingern verschwanden. Dann nahm der Zauber ab und sie öffnete die Hand. Zwei wunderschöne, aber farblose Augen lagen auf ihrer Handfläche. Die Pupillen schillerten wild und erinnerten an einen Fischschwarm, der niemals still halten konnte. Jeglicher Blauton Celcias blitzte in ihnen auf, wohingegen die Iris der künstlichen Augen durchsichtig wie die Augäpfel selbst waren. Ventha hob das Geschenk an den Kopf der Ank.
"Die Herrscherin des Palastes verlässt ihr Reich, bis die Ewigkeit sie wieder begrüßt. Sie hinterlässt die Ank als die Hüterinnen ihres Paradieses. Pflegt es, umsorgt es und bereitet es auf ihre Ankunft vor, wenn es soweit sein wird. Bis dahin ist es euch erlaubt, hier eure Ewigkeit und euren Frieden zu finden. Lernt, indem ihr die Ressourcen euren Fähigkeiten entsprechend nutzt. Deine Aufgabe ist es, zu lesen und vorzulesen. Du bist die Sehende, so ist es mein Wille."
Und Ventha schob einen Augapfel nach dem anderen in die gepeinigten Höhlen der Ank. Sie zuckte nicht einmal. Erst als das Geschenk von ihrer Haut umschlossen wurde, senkte sie die Lider. Sie waren ebenfalls aus Metall, hauchdünn, aber grau. Man hatte ihr im Leben also auch diese entfernt. Plötzlich erstarrte sie und wäre sie in der Lage gewesen zu weinen, sie hätte für die Göttin Tränen vergossen. So aber blickte sie sich nur um und sog jegliche Information auf, die sie mit ihrem wiedergefundenen Sinn erhalten konnte. Sie betrachtete die Lichter, die Regale, die Schriftstücke, die Göttin. Zuletzt aber fiel ihr Blick auf Azura und Erkennen stand in den zauberhaften Pupillen.
"Wir behüten dein Paradies und erwarten dich zurück, wenn es soweit ist. Du wirst die Ewigkeit nicht allein verbringen, Großzügige. Bitte, bevor du gehst, nimm noch ein persönliches Geschenk von mir an." Was könnte jemand wie sie besitzen? Sie bestand nur aus nackter Haut und Metall, aber gerade aus Letzterem löste sie und schuf etwas, das sie Azura überreichte. Es handelte sich um eine silberne Nadel, so fein und mit einem winzigen Korken aus Hornhaut am unteren Ende, damit man sich nicht versehentlich daran stechen konnte.
"Verwende sie, um deine Seele zu flicken. Und nimm all unseren Dank mit dir zurück ins Leben."
"Es wird Zeit", beendete Ventha diesen magischen Moment. Gern hätte sie Azura noch mehr gegeben, aber wenn sie mit ihrer Rückkehr noch länger wartete, würde sie nicht mehr über das Gewässer fahren können. Der Fährmann wartete nicht ewig. So schickte die Göttin sie rasch an, den Palast zu verlassen. Wohin, das sagte sie nicht. Wie Azura den Fährmann überzeugen sollte und ob die Bezahlung der aus der Metallplatte geformten Münzen ausreichte, wusste sie nicht. Sie konnte nicht länger darüber nachgrübeln. Sie musste es einfach tun. Vor allem aber musste sie den Palast der Stille nun verlassen.

Azura packte sich eilig einige Schriftrollen ein. Welche genau es waren, würde sie erst erfahren, sobald sie darin las. Wer wusste schon, ob sie überhaupt dazu kam, aber vorsichtshalber nahm sie eine Hand voll mit. Den Weg aus dem Palast zu finden, war ganz einfach. Sie brauchte nur in die große Eingangshalle gehen und durch die Pforte nach draußen treten. Hier wartete kein grünender Garten auf sie. Alles jenseits ihrer Pforte zählte nicht mehr zu ihrer Ewigkeit.
So fand Azura sich an einem schier endlosen Strand aus schwarzem Sand wieder. Felsen, glatt und scharkantig in schimmerndem Schwarz erhoben sich aus dem Sand wie scharfe Drachenzähne. Sie zerklüfteten die Umgebung und fügten sich dennoch perfekt in das Bild ein. Der Himmel war ein Gemisch aus grauen Wolken, welche in ein nächtliches Blau übergingen und sich am Horizont mit dem Meer verbanden. Das Meer. Es rauschte bereits an den Sandstrand, malte dort eine Grenze aus weißem Schaum. Die Wellen selbst aber waren ebenso eher schwarz als blau und keineswegs klar. Am einen Ende des Strandes wartete ein schmaler Steg und genau dort lag das einzige Boot vertäut an einem Poller. Es schaukelte im leichten Wellengang. Das störte aber weder das Wassergefährt noch die verhüllte Gestalt, welche in der Mitte des Bootes stand und locker einen sehr langen Stecken in der Armbeuge hielt. Auf den ersten Blick hätte es sich um den Gevatter handeln können, denn der Fremde trug wie das Gerippe selbst ebenfalls eine Kutte. Auf den zweiten Blick erkannte man aber, dass diese Person kleiner war. Außerdem besaß der Kuttenstoff eine blutrote Farbe, die sich zwischen den Falten zeigte. In seiner unmittelbaren Umgebung wurde es auch nicht unangenehm kühl. Das war nicht der Gevatter. Das musste der Fährmann sein. Er stand dort und wartete, aber für wie lange noch? Ventha hatte Azura zur Eile gedrängt. Jetzt machte es nicht den Eindruck, dass es eilig war und doch ... irgendetwas in ihrem Inneren verriet ihr, dass es für jemanden - nicht zwangsläufig sie - brenzlig werden könnte, ließe sie sich zu lange Zeit.
Noch während sie zum Boot des Fährmanns ging und der Sand unter ihren Füßen knirschte, als besäße ihre Nachweltsgestalt noch Gewicht, türmten sich weitere Wolken auf. Es donnerte. Dann aber lauschte sie dem leisen Grollen und erkannte darin vertraute Stimmen. Sie konnte Madiha und Caleb hören. Beide unterhielten sich in der Sprache der Wüstenvölker. Azura konnte alles verstehen und schnappte gerade folgenden Teil ihres Gespräches auf:
"War das denn der Grund, wieso Corax dir eine Ohrfeige verpasste? Und Azura dich so schlecht behandelte? Weil du nie zu diesem Kennenlernen aufgetaucht bist?" Das war Madihas Stimme. Sie klang sanft und neugierig. Caleb hingegen wirkte irgendwie etwas nervös.
"Was? Nein, nein! Das war ... ohweh, du weißt nichts davon? Und jetzt sind wir so ... oh ... Ich hab ihre ... Ich hab sie gesehen, eine ganze Weile sogar. Corax hat mir dafür eine gescheuert. Er war eifersüchtig, nichts weiter. Aber ich konnte ihm verständlich machen, dass es ein dummes Missgeschick gewesen war. Ich hatte sie nur trösten wollen, weil sie doch glaubte, er sei gestorben. Wir alle glaubten das. Die Kleidung musste einfach so an ihr herabgerutscht sein - ich weiß, wie das klingt! Ich lüge nicht! Ich habe nicht aktiv dazu beigetragen, dass sie ... ich hab sie nur nicht darauf aufmerksam gemacht. In Ordnung? Die Aussicht war einfach ... umwerfend. Ich konnte nicht. Ich hab's ja auch gern angesehen, muss ich zugeben. Corax hat's mir zum Glück nicht übel genommen, sie allerdings schon. Aber schlecht behandelt? Nein, das würde ich nicht sagen. Von oben herab vielleicht, aber Adlige sind so. Mir hat sie gefallen, als sie .. nun ... einfach normal war. Es hätte ihr gut getan, all dieses Adelsgehabe einfach abzustreifen. Corax hätte das auch gut getan. Dieser dumme Elf."
Sie hörte das ganze Gespräch beider, bis sie schließlich den Steg und das Boot erreicht hatte. Der Fährmann hob den kapuzierten Kopf. Darunter fand Azura nur Schwärze vor und auch als er eine Hand offen vorstreckte, konnte sie nichts daran genauer ausmachen. Die Finger waren in Verbände gewickelt, welche teilweise von ihnen herunter hingen. Nicht ein Fetzen Haut oder Knochen war daran zu sehen. Aber er streckte sie ihr hin, als forderte er etwas. Dabei sprach er kein einziges Wort.


Azura ist nun im Besitz einer magischen Silbernadel, mit der sie "ihre Seele flicken" können soll.
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Re: Palast der Stille

Beitrag von Azura » Sonntag 1. Januar 2023, 12:56

Endlich schien sie, wenngleich relativ unverhofft, ihrem Ziel, der Rückkehr ins Leben, mit gewaltigen Schritten näher zu kommen. Allerdings auch mit so manch ungutem Gefühl, denn wie es schien, hatte sie bereits zu viel Zeit an diesem seltsamen Ort verbracht. Trotzdem musste sie noch etwas erledigen, bevor sie ihn verlassen konnte. Denn, auch wenn sie es nicht direkt versprochen hatte im Garten und sich eigentlich nicht hätte gebunden fühlen müssen, war es ihr tatsächlich ein Bedürfnis, diese Bitte soweit wie möglich zu erfüllen.
Warum, das wusste sie selbst nicht zu sagen, da ihr diese Wesen im Prinzip nichts bedeuteten. Im Gegenteil, ihr sogar so etwas wie Unbehagen einflößten. Aber... etwas hatte sich in ihr geändert und nachdem sie persönlich gut wusste, wie erbauend und beruhigend es sein konnte, sich in Bücher zu vergraben, wollte sie nicht gänzlich darauf vergessen.
Doch mit ihren ausgesprochenen Worten allein schien es nicht getan zu sein, nun sollte sie auch noch Augen besorgen. Gerade sie! Wie gut, dass sie ihren eigenen Blick abgewandt hatte und dadurch aus purem Zufall zu einer der Leselampen sehen konnte. Deren Schmuck war es, der sie auf die Idee, ihre einzige, brachte, wie sich dieses Problem rasch lösen könnte.
Dadurch blieb ein Rest Unsicherheit in ihrem Inneren zurück, der durch das Lob ihrer Göttin allerdings sofort beseitigt wurde, sodass sie innerlich aufatmete, während sie die Steinchen weiterreichte, und leicht lächelte. Was nun folgte, lag fern ihres Fassungsvermögens, denn es war schlicht und ergreifend magisch. Azura schwankte zwischen Faszination und Furcht vor dem Anblick, als die neuen Augen ihren Platz fanden und damit Wunden verschlossen, von deren Anblick sie bestimmt noch lange Zeit über Alpträume bekommen sollte.
Bei den Worten jedoch runzelte sich ein wenig ihre Stirn. Herrscherin des Palastes? Etwa... sie?! Nun, das klang zwar schmeichelhaft und ganz so, wie sie es früher äußerst gerne gehört hätte. Im Moment hingegen fühlte sie sich überhaupt nicht danach und noch weniger nach einer Person, die diese Rolle angemessen ausfüllen könnte.
Aber wer war sie schon, eine Göttin zurecht zu weisen, noch dazu jene, die ihr zurück ins Leben helfen würde? Also blieb sie still während der Prozedur und schauderte lediglich hie und da, vor allem am Schluss, als sich der zurückgewonnene Blick auf sie richtete.
Der Dank war ihr ein wenig unangenehm, weil sie nicht gerade das Gefühl hatte, tatsächlich viel geleistet zu haben. Trotzdem nickte sie zaghaft und überwand sich, näher zu kommen, um ihre Hand auszustrecken und die Gabe entgegen zu nehmen. Erneut runzelte sich ihre Stirn, tiefer dieses Mal, denn dieses Werkzeug war nichts, mit dem sie gut umzugehen wusste. Nähen hatte ihr noch nie gelegen, ja, es hatte Tage gegeben, an denen sie es regelrecht gehasst hatte, weil ihre Mutter sie dazu gezwungen hatte zu üben.
Die erklärende Bemerkung hingegen ließ sie blinzeln und auch schlucken. "Mei... meine... Seele...?", murmelte sie fragend.
Doch da unterbrach Ventha sie auch schon und erinnerte sie daran, dass sie es eigentlich eilig hatte. Also verstaute sie die Nadel gewissenhaft, indem sie diese an den oberen Saum ihres Rockes heftete, und wirbelte dann herum, um noch einige Schriftrollen zusammen zu klauben. Was sie sich aus diesen an neuen Erkenntnissen und Wissen versprach, wusste sie selbst nicht zu sagen. Es war ihr aber einfach ein inneres Bedürfnis, sie soweit wie möglich mitzunehmen und zu lesen.
Auch kam sie nicht dazu, ihre Frage nach dem Flicken ihrer Seele erneut zu stellen, wenngleich dieser Punkt ihr weniger Kopfzerbrechen bereitete. Ventha war ihr bereits mehrfach erschienen und hatte ihr Antworten gegeben. Sie baute darauf, dass diese besondere Art der Verbindung zwischen ihnen nicht aufhören würde. Schließlich war sie auf der Suche nach der einen speziellen Schriftrolle, da würde die Göttin sie gewiss nicht so schnell aus den Augen lassen. Also hatte sie diesbezüglich einen Hauch mehr Zeit.
Sogar ein Beutel für ihre Reiselektüre lag in der Bibliothek bereit, als hätte er gewusst, dass er bald benötigt werden würde, sodass sie alles gut darin verstauen und sich schräg um den Oberkörper legen konnte. Noch einmal wog sie die beiden Metallmünzen in der Hand, dann straffte sie die Schultern und machte sich auf den Weg.
Kaum hatte sie jenes Anwesen verlassen, in dem sie sich aufgehalten hatte, veränderte sich ihre Umgebung und ließ sie unwillkürlich frösteln. Es war ein unheimlicher Ort und bald schon drohte sie, die Orientierung zu verlieren. Was, wenn sie in die falsche Richtung lief und deswegen alles zu spät sein würde? Sie würde nie wieder zurück finden, denn nach kurzer Zeit schon war auch der Palast am vermeintlichen Horizont verschwunden! Sie würde sich verirren und bis in alle Ewigkeit...
Nein, so durfte sie nicht denken! Sie hatte ein Ziel, sie wollte ins Leben zurück und dafür musste sie diesen vermaledeiten Fährmann finden, bevor dieser ablegte! Entschlossen stapfte die junge Frau weiter stur gerade aus, in der Annahme, dass Ventha ihr zur Not einen Schubs in die richtige Richtung geben würde, sollte sie gänzlich verkehrt sein.
Wie lange es dauerte, bis sich etwas in ihrer Umgebung änderte, wusste Azura nicht zu sagen. Doch irgendwann... war ihr, als vernähme sie ein vertrautes, geliebtes Rauschen an ihren Ohren. Wasser, das konnte nur Wasser sein!
Mit neu gefasstem Schwung schritt sie weiter aus und war innerlich froh darüber, dass sie keinen bodenlangen Rock trug, der ihr Tempo verringerte. Auch so war sie bei weitem nicht so schnell wie in Hosen, aber es war besser als nichts.
Allmählich kam auch der Übergang von Land zu Wasser so in Sicht, dass sie diesen bewusst wahrnehmen konnte. Ja, mehr noch, da gab es zu ihrer Rechten einen Steg, schmal und vermutlich nur selten benutzt, jedoch definitiv vorhanden. Ebenso wie das Boot und die Gestalt darauf. Das musste der Fährmann sein! Nun ja... zumindest hoffte sie das inständig.
Fast schon rennend bewegte sie sich darauf zu, als sich über ihr Wolken zusammenbrauten. Anfangs noch sorgten sie dafür, dass sie ihren Rock raffte, um noch schneller zu werden. Sobald sie allerdings eine Stimme zu hören und vor allem zu erkennen glaubte, blieb sie einen Moment lang irritiert stehen, während sich ihr Brustkorb rasch hob und senkte, als müsste sie keuchen ob der Anstrengung.
Ihre Stirn runzelte sich erneut und als die zweite Stimme sich dazu gesellte, verdüsterte sich ihre Miene. Ihre freie Hand ballte sich zur Faust und sie stieß einen leise, gezischten Fluch aus. Oh, dieser elende Van Tjenn! Wie gut, dass Corax ihm eine Ohrfeige verpasst hatte! Die nächste allerdings bekäme er von ihr und zwar rechts und links, darauf konnte er Gift nehmen!
Entschlossener, fast schon verbissen, als zuvor nahm sie ihren Lauf wieder auf und überwand auch den letzten Rest an Distanz bis zu dem Steg. Dabei versuchte sie, sich auf ihre Wut zu konzentrieren und nicht so sehr auf das, was sie noch zu hören bekam, um nicht erneut Zeit durch Innehalten zu vergeuden.
Endlich erreichte sie ihr Ziel und die Kutte hob ihren verdeckten Kopf. Dahinter erkannte sie... nichts, nichts außer tiefste Dunkelheit, was sie trotz allem im ersten Moment erschrocken zurück zucken ließ. Aber dann schluckte sie schwer und entsann sich der Worte ihrer Göttin, während ihr schon auffordernd die Hand entgegen gestreckt wurde. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihre Finger leicht zitterten, als sie, mit so wenig Kontakt wie möglich, die beiden Münzen überreichte.
Als das erledigt war, spannte sie sich unwillkürlich an und wartete auf eine Reaktion. Gleichzeitig schickte sie ein Stoßgebet an Ventha, von deren beobachtenden Augen sie überzeugt war, und hoffte, es würde jetzt endlich alles gut werden. Azura wüsste nicht, wie es sonst weiter gehen würde mit ihr...
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Re: Palast der Stille

Beitrag von Erzähler » Montag 2. Januar 2023, 16:06

Azura griff nach dem letzten, dem einzigen Strohhalm, der für sie nicht die Ewigkeit bedeutete. Eine Ewigkeit, in der sie ohne Corax wäre und wüsste, dass es ihm in der Lebendwelt nicht unbedingt gut ging. Was genau geschehen war, wusste sie nicht. Sie hatte nur zusammenhanglose Schreckensbilder durch die Fensterfront der Bibliothek gesehen. Tote, Blut und zwei entsetzt dreinblickende Gefährten in Form von Madiha und Caleb. Dass sie Corax nicht gesehen hatte, bedeutete nicht, dass er nicht auch im Raum gewesen war, nur nicht unmittelbar in ihrem Blickfeld. Aber sie hatte einige Dinge gehört ... oder eben nicht, denn wie so oft sperrte sie sich für Dinge, die sie nicht hören wollte und blendete sie aus. So entging ihr auch durchaus das Kompliment, das Caleb für sie übrig hatte, als auch, dass beide sich um ihren Raben ebenso sehr sorgten wie sie selbst. Einzig Ventha hatte davon gesprochen, dass Corax sich ... verstoßen fühlte ... und allein. So allein wie niemals zuvor, weil niemand da war. Verging er nun in seiner Trauer, weil er die letzten Bande zu ihr gelöst hatte, um sein Leben weiterführen zu können? Ein Leben, das sie sich eigentlich für ihn gewünscht hatte? Dass er losließ und über sie hinweg käme. Dass es auch bedeuten konnte, allein mit sich und seinen Gefühlen zu sein...
Sie wollte zu ihm zurück. Sie wollte ins Leben zurück. Fraglich war, ob sie ihr Leben wirklich ebenfalls wieder aufnehmen und weiterführen wollte oder ob sie nur noch seinetwillen zurückkehrte. Mit etwas Glück fände Azura es vielleicht noch heraus. So beeilte sie sich, die mitgenommenen Schriftstücke in einen Beutel, der irgendwie nur zur rechten Zeit am rechten Ort gelegen hatte, weil sie daran dachte und ihn benötigte. Sie, die Herrin des Palastes, welchen sie nun hinter sich gelassen hatte. Ihre nackten Füße huschten über den schwarzen Sand. Er fühlte sich vereinzelt warm an und knirschte unter ihren Schritten. An manchen Stellen war er aber auch angenehm kühl, wenn sich ihre Füße im Lauf etwas in ihn hinein senkten.
Azura lief und lief, während sich über ihr die Wolken auftürmten. Sie schaute nur einmal zurück, um zu erkennen, dass der Palast nicht mehr in Sichtweite war. Sie hatte ihr geborgenes Refugium im Reich des Todes verlassen. Wenn sie nun weder das Ufer noch den Fährmann fände, wäre sie dazu verdammt, die Ewigkeit in einer schwarzen Wüste zu verbringen und für den Rest ihrer Existenz zu laufen, bis sie den Grund dafür vergaß. Und eines Tages würde sie sich selbst vergessen und auflösen, um die Essenz ihrer Seele an Celcias Welt zurückzugeben. Dann wäre alles umsonst gewesen. Dann würde sie weder Corax jemals wiedersehen, noch den Auftrag ihrer Göttin erfüllen können oder vielleicht ein neues Leben mit neuer Entwicklung führen. Der Gedanke bedrückte sie und ließ ihre Ohren rauschen, bis sie bemerkte, dass das Rauschen überhaupt nicht daraus herrührte. Es waren Wellen, die vertrauten Wogen, die sich auf einen Strand warfen und am Sand festklammerten, ehe die Gezeiten sie zurück zur Tiefe des Horizontes zogen.
Das Meer. Sie hatte es geschafft. Plötzlich sah sie es vor sich. Die Wellen trugen weiße Schaumkronen auf den schwarzen Sand hinauf und zogen sie wieder mit sich oder hinterließen eine schaumige Grenze. Doch schnell weckte auch einer kleiner Steg Azuras Aufmerksamkeit, denn dort lag noch immer ein Boot vor Anker. Es war mit keinem der Handelsschiffe zu vergleichen, die in Andunies Bucht schaukelten, obgleich es auf den Wellen durchaus selbst ordentlich schwankter. Die Barke wirkte allerdings auch nicht, als würde sie sofort auseinanderfallen. Das Holz war gepflegt und frei von Muschelbesatz oder Tang. Nur der Fahrer, der dort auf seiner Stange lehnte, wirkte ein wenig ... alt.
Wer sich unter der Kapuze verbarg, das konnte Azura nicht ausmachen. Wo der Gevatter Tod wenigstens einen bleichen Schädel aufwies, da wartete bei dieser Figur nur tiefste Schwärze auf sie. Sie konnte nicht einmal Konturen eines Gesichts erkennen, geschweige denn Augen, Nase oder Mund. Fordernd streckte der Fährmann, den Ventha Styx genannt hatte, seine mit Leinen verbundene Hand aus. Azura ahnte sofort, was er erwartete. Ohne Bezahlung würde er sie nirgends hinbringen.
Mit zitternden Fingern ließ Azura die beiden Metallscheiben in die Handfläche des Fährmanns fallen. Sie klimperten, sahen Münzen nur entfernt ähnlich. Er schloss seine Finger über ihnen wie Klauenzweige über einem Vogel im Geäst. Nun war das Metall zwischen Leinenbändern und Fingern gefangen. Plötzlich hob der Fährmann eben jene Hand unter die Kapuze. Er drückte sie flach in die Schwärze hinein. Die Münzen fielen nicht in die Tiefe und als er die Hand zurückzog, konnte Azura in ein Paar stählern schimmernder Augen Blicken wie sie sie zu Übungszwecken und auf Wunsch ihrer Mutter hin immer auf die handgefertigten Puppen genäht hatte, damit diese ein Gesicht erhielten. Sie blickten leer und doch stahl sich immer wieder ein Schimmern oder Aufblitzen auf die Münzaugen, so dass Styx' Blick doch Leben eingehaucht wurde. In der Schwärze unter diesem Augenpaar riss kurz darauf eine Kluft auf. Ein blutroter Schlund zog sich von einer Seite der Kapuze zur anderen und in einem breiten Grinsen, das in einen gedärmefarbenen Abgrund führte, lugten ihr zwei Reihen scharfer Zähne entgegen. Spitz und weiß glänzten sie, bis Azura erkennen musste, dass es sich nicht um Zähne handelte, sondern tatsächlich um angespitzte Fingerknochen. Vermutlich würden sie sich an ihr festhalten, sollte Styx das Bedürfnis verspüren, damit zuzubeißen. Doch er tat es nicht. Er grinste sie nur immens breit an und wies dann geradezu einladend auf den einzigen Sitzplatz in Form einer Querplanke in seinem Boot.
Er selbst wartete, bis Azura der stummen Aufforderung nachgekommen wäre. Dann stieg er zu ihr ins Boot, so dass er in ihrem Rücken stand. Die Taue am Stegpoller lösten sich von selbst, als hätte ein Frosch erkannt, dass er seine Zunge auch wieder zurückschnellen lassen müsste. Mit dem Ende der Stange drückte Styx das Boot vom Steg fort und gemächlich trieben er und Azura auf's Meer hinaus. Über ihnen hingen nun graue Wolken. Zwischen ihnen blitzte es immer mal wieder auf, aber versetzte das Licht niemanden in Schrecken. Es wirkte eher ... antreibend. Als würde etwas knistern und Funken sprühen, um mit seiner Energie anzustecken. Auch das Donnergrollen zeugte nicht von Furcht. Nach wie vor beinhaltete es die vertrauten Stimmen von Madiha und Caleb. Es musste am Wellengang liegen oder am Meer oder den Umständen, dass alles andere vollkommen ruhig erschien. Jedenfalls war das Gespräch beider Lebenden so klar, dass es sich förmlich in Azuras Gehörgang bohrte, ob sie wollte oder nicht. Sie konnte die Worte dieses Mal nicht ausblenden. Sie lauschte einem Gespräch, das so liebevoll und so intim wie ehrlich war.

(Für das Gespräch bitte den Erzählerpost im Thema Orientierungslos am Hafen (hier) ab Madihas Liebesgeständnis lesen)

Zwei Seelen fanden zueinander und gingen offen miteinander um. Eine teilte ihre überschwänglichen Gefühle mit, die sie als Liebe empfand. Die andere lehnte nicht ab, aber ging es vorsichtiger an, um beide nicht ins Unglück zu stürzen. Was immer in der Echtwelt passiert war, das sich eigentlich nicht mit den Bildern vereinen ließ, die Azura gesehen hatte, es fand als ein kleiner Moment des Friedens statt. Ein Moment, in dem Seelen sich erholen und Kraft schöpfen konnten, weil sie nicht allein waren.
Wie es passierte, konnte sie nicht sagen. Es geschah einfach, ebenso wie alles andere über ihrem Kopf mit dem Gesprächsgewitter passierte. Der Beutel, eigentlich fest verschlossen, sprang auf und ein einziges Pergament entrollte sich auf der Länge des Bootes. Styx fuhr ungerührt weiter, als wäre er nur Teil der Kulisse, die Azuras Szene einer Rückkehr ins Leben auf der großen Bühne spielte. Doch sollte dieses aufgerollte Schriftstück nun Teil ihres Textes sein? Nein. Das hatte sie im Leben weder geschrieben, noch gedacht. Es gehört einem anderen. Die Worte darauf bildeten sich nach und nach und jedes Mal, wenn sie sich im Kern veränderten, strichen sie die vorherigen durch, legten sich darüber, bis am Ende nur noch ein wildes Gekritzel das gesamte Papier schwarz färbte und die letzten Worte daraus wie blutrote Tränenlinien heraus flossen.

Sie ist so schön. Ich mag sie allein deshalb schon sehr. Auch wenn sie nervt, aber es macht Spaß, sie ein bisschen zu triezen und sich mit ihr verbal zu messen. Ich mag es, wenn sie mich kontert und ich mag es, sie zu kontern. Wie schön sie ist. Ich will sie küssen und damit ein bisschen erschrecken.
Jetzt schläft sie. War ich das? Hab ich das gemacht? Aber nein, nicht von mir. Ich kann ja gar nicht zaubern. Die Kette ist auch nicht von mir. Mich stört es gar nicht, dass sie uns bindet. Ich bin gern in ihrer Nähe. Ich fühl mich dann viel stärker. Ich habe weniger Angst vor ... ihnen. Sie spielen nicht, wenn ich es etwas zum Spielen gefunden habe. Sie mögen es nur nicht, dass ich sie mag. Ich mag sie wirklich. Wie schön sie ist.
Ich liebe sie. Sie ist so schön. Und sie ist nett zu mir zwischen den Momenten, in denen wir uns ärgern. Das liebe ich. Ich liebe sie.
Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie.Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie. Ich liebe sie.
Liebt sie mich auch? Sie hat es einmal gesagt. Sie liebt mich. Und wenn ich jetzt sterbe, wird sie mich lieben. Sie liebt mich, sie tut es sie liebt mich. Sie liebt mich doch auch noch, wenn die Kette fort ist? Ich will sie nicht verlieren. Ich liebe sie. Ich will nicht ohne sie sein.
Ich will sie nicht verlieren.
Ich will sie nicht verlieren.
Ich will sie nicht verlieren.
Ich will sie nicht verlieren.
Ich will sie nicht verlieren.

...verlieren .... verlieren ... verlieren ...
Verloren!
Ich habe sie ... verloren. Sie ... ist fort. Er ist wieder da, aber sie ist fort. Sie bleibt fort. Verloren. Für immer. Ich habe sie verloren. Sie kommt nicht mehr zurück. Es tut weh. Nichts tat jemals so sehr weh. Nicht einmal sie könnten mir jemals so sehr wehtun.
VERLOREN!
Komm zurück zu mir. Komm zurück. Ich schaffe das nicht ohne dich. Ich bin allein. Bitte, komm wieder. Warum kommst du denn nicht zurück? Warum muss ich allein bleiben? Bitte. Komm zu mir zurück.
Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück.
Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück.
Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück.
Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück. Komm zurück.

Du bist noch da. Wenigstens du. Ihr. Er ist auch da. Ich bin nicht allein. Ihr seid da. Nur sie nicht. Es tut immer noch weh. Ich kann sie nicht zurücklassen. Sie ist doch noch nicht fort. Und ich liebe sie. Ich will nicht loslassen. Sie ist doch immer noch so schön. Vielleicht kommt sie doch noch zurück.
Bitte.
Komm wieder.
Lass mich nicht allein.
Sie kommt zurück. Sie kommt zurück. Sie kommt bestimmt zurück. Sie lässt mich nicht allein. Sie würde niemals. Sie kommt wieder. Ich liebe sie doch. Komm zurück. Zurück zu mir. Zurück. Zurück. Zurück.
Sie kommt zurück. Sie kommt zurück. Sie kommt zurück. Sie kommt zurück. Sie kommt zurück.
Sie kommt nicht zurück. Und ich mache wieder Fehler. Wieder. Immer wieder. Und jetzt bin ich allein. Wirklich ... allein. Ich spüre sie nicht mehr. Ich bin allein. Sie waren niemals gut zu mir, aber jetzt sind sie auch fort. Ich bin allein.
Allein.
Allein...
Allein!
ALLEIN!
Nimmermehr...
Nimmermehr...
Nimmermehr wird es sich ändern.
Schriftrolle Fuss
Das war der Moment, da sich das Boot mit Wasser füllte und versank.

Azura kehrt ins Leben und in ihren Körper zurück. Ihre Lebensenergie verändert sich zu


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