Wo alles beginnt...

Verschiedene Baustile finden sich in Jorsan. Vom einfachen Fachwerkhaus über einstöckige, kastenförmige bis hin zu kleinen Nobelhäusern ist hier alles anzutreffen. Jorsaner Architekten wollen scheinbar jede Kultur zum Teil ihrer Stadt werden lassen.
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Delilah » Samstag 20. Oktober 2012, 21:49

„Ich weiß nicht was du gesehen hast...Delilah, richtig?“ Sie nickte leicht. "Ja, so heiße ich." Sie fragte mit Grund nicht nach seinem Namen, es würde ihm nur schaden, wenn zu viele Leute ihn erführen. In ihrem Blick lag Furcht als er weitersprach, aber auch der Wille zu Helfen. Nachdem ihre Großmutter durch ihr Schweigen dem Schneider gegenüber und der Aufforderung den Laden zu schließen quasi ihre Einwilligung gegeben hatte, bestand für sie erst recht nicht die Möglichkeit den Soldaten fort zuschicken. Sie musste einen Weg finden, aber vorher mussten sie heraus finden, was es war... was diesen armem Mann verfolgte. Unruhig huschte ihr Blick immer wieder zu den Schatten, die nur notdürftig vom Oberlicht in den abgedunkelten Ladenraum verdrängt wurden. Es war graues Licht, das von oben einfiel. Der Himmel musste sich zugezogen haben. Sie saß auf einem bunten, sauberen, runden Strickteppich der einen Großteil des hölzernen Dielenbodens bedeckte. Delilah hatte die Beine angezogen und die Arme gefaltet wie in der Schule auf ihren Knien abgelegt. Ihr wacher, brauner Augen lagen auf ihm als er weitersprach. Es war kein Mitleid in ihnen, sondern eine Art stilles Verständnis. „Es stimmt übrigens, was er gesagt hat. Dass ich ein Deserteur bin... ich habe keine Ahnung woher er das weiß.“ Dieses Geständnis musste dem Mann schwer gefallen sein. Sie lehnte sich an die Wand und sah grübelnd zu ihm herüber. Was konnte es sein? Irgendeine schwarze Magie... ein Fluch wie es sie manchmal in ihren Büchern gab? Aber... das war doch alles Fiktion... oder nicht? Ihre Großmutter wüsste sicher Rat, doch vielleicht war dies eine Sache die sie alleine regeln musste, vorerst. Der Soldat hatte sich ihr gerade geöffnet, was einem großen Vertrauensbeweis gleichkam. Trotzdem wäre es schön gewesen sich auf den Rat der Alten verlassen zu können... aber hieß das nicht, dass sie eigentlich immer die Verantwortung abgab? Vielleicht musste sie deses Mal selbst Verantwortung übernehmen. Aber sie wusste doch so wenig... zu wenig über die Welt... über alles. Sie seufzte frustriert.
"Weiß denn sonst jemand, dass du ...fort bist...?" Wenn niemand von seinem Verbleib wusste, musste das wohl heißen dass... langsam keimte eine Idee in ihr, doch die gefiel ihr gar nicht. Leichte Furcht lag in ihrem Blick als sie nun zu dem Fremden aufsah. Noch wollte Delilah diesen Gedanken nicht zu Ende formen, wollte lieber die Antwort ihres Gegenübers abwarten. Sie seufzte leise, schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr die den Weg aus ihrem Lockenzopf gefunden hatte, die sanftgeschwungen Lippen waren zu einem ungewohnten Nicht-Lächeln verzogen. Über ihnen riss gerade in diesem Moment die Wolkendecke auf und das plötzlich Sonnenlicht verfing sich in ihren goldenen Haaren, erfüllte den kleinen Raum bis zum Rande mit Licht und vertrieb die Schatten vollends. Selbst der durch die Luft wirbelnde Staub leuchtete im sanften Widerschein. Das brachte ein kleines Lächeln auf das Gesicht des Mädchens zurück. Es gab immer eine Möglichkeit die Schatten zu vertreiben und auch sie würden eine finden, da war sie sich sicher.
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Sonntag 21. Oktober 2012, 14:17

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Omniel » Sonntag 21. Oktober 2012, 23:21

"Weiß denn sonst jemand, dass du ...fort bist...?"
Seine Augen von einem Punkt an der Wand über ihr lösend, rief ihre Frage ihn wieder in die Wirklichkeit, rissen ihn aus der Umarmung der Dunkelheit in seinem Geiste. Es war ein Fehler gewesen sich in diesen weichen Sessel zu setzen, seinem Körper die Illusion einer Rast vorzugaukeln. Er konnte hier nicht bleiben, denn er war hier nicht sicher - genauso wenig wie er dort draußen auf der Straße sicher war. Um ehrlich zu sein, glaubte er an keinem Ort, in Jorsa oder sonst wo, in Sicherheit zu sein. Denn wo er war, war auch diese dunkle Macht. Er spürte sie nun immer deutlicher. Sie wuchs in seiner Brust, schien sich von seinen Empfindungen und Emotionen zu nähren - und mit jedem weiteren Abtauchen in seine Gedanken stärker zu werden. Bis sie ihn schließlich zu verschlingen drohen würde.
"Warst du es nicht, die die Vermutung hatte, man könnte es vorziehen meine Gesellschaft zu meiden...?" Dieses Mal reichte es nicht ganz für ein Lächeln und nur ein leichtes Aufblitzen in den Augen des jungen Mannes zeigte Delilah, dass er scherzte. So schnell wie es gekommen war, verschwand es jedoch wieder, wurde im Keim erstickt wie ein Funke, der zum großen prasselnden Feuer hätte wachsen können, hätte ihn nicht ein eisiger Wind ausgelöscht. Er schüttelte langsam den Kopf und die Dunkelheit hatte ihn wieder umklammert - stärker und umfassender als zuvor. "Nein...ich bin allein."
Er spürte ihren leicht verängstigten Blick und wie zuvor, als er das Schwert gezogen hatte in der Absicht sich zu verteidigen und somit sie und ihre Großmutter in Gefahr gebracht hatte, fühlte er einen leicht stechenden Schmerzen im Herz. "Hör zu, ich bin ein Fahnenflüchtiger, ja, aber dass bedeutet nicht...bedeutet nicht, dass ich..."
Er stockte als seine Sicht zu verschwimmen schien. Nicht schon wieder. Er beugte sich nach vorne, die leicht zitternden Hände gegen die Stirn gepresst. Kämpf dagegen an! Doch er hatte keine Wahl - genauso wie er Marktplatz keine Wahl gehabt hatte, oder in den Nächten in der Schenke in denen er wach gelegen hatte. Sein Geist schien ihn wieder zu verlassen, aus seinen Körper zu fahren, aus Raum und Zeit und zurück zu dem so verhassten Ort zu gelangen. Er war wieder dort. Hatte Blut an seiner Rüstung. Und sie in den Armen. Aufhören... Ihre Haut fühlte sich so kalt an, so unecht. Aufhören! Ihre Augen sahen ihn starr an...wissend...vorwurfsvoll.
"AUFHÖREN!" Den letzten Gedanken schrie er laut heraus, die bebenden Hände immer noch um den Kopf geschlungen, fast so als würden sie nach einen Schalter suchen, den es umzulegen galt, um ihn aus diesem zur Realität gewordenen Albtraum zu befreien. Die Bilder vor seinem inneren Auge verblassten wieder und allmählich wurde sein Geist wieder klarer. So schlimm war es noch nie gewesen und Omniel spürte, dass es ihn diesmal fast nicht mehr gelungen wäre der Erinnerung zu entfliehen. Mit jedem Male wurde sie intensiver, dunkler - und beanspruchte ihn mehr und mehr.
Langsam nahm er die Hände hinunter. Er hatte das Mädchen vor sich zweifellos erschreckt, doch was es etwas anderes, dass ihm im ersten Moment auffiel. Durch das Fenster über ihr fiel Licht in den Raum, nicht viel, einige schwache Strahlen vielleicht, doch als sie auf Delilah fielen erstrahlten sie umso heller, fast als würde sie sie aufnehmen und verstärkt an ihre Umgebung weitergeben. Omniel schloss die Augen und sank wieder zurück in den Ohrensessel, während ihn Müdigkeit endgültig für sich beanspruchte. "Ich sollte nicht hier sein." kam es schwach von ihm. "Ich bringe euch noch alle in Gefahr..."

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Montag 22. Oktober 2012, 19:25

"Weiß denn sonst jemand, dass du ...fort bist...?"
Wenn niemand von seinem Verbleib wusste, musste das wohl heißen dass...
Delilah konnte den Gedanken noch nicht zu ende führen, doch erste Ideen huschten durch ihren Geist.
"Warst du es nicht, die die Vermutung hatte, man könnte es vorziehen meine Gesellschaft zu meiden...?"
Wie recht er doch hatte. Sicher war es in seiner Gegenwart sicher nicht, aber genauso wenig konnte Delilah den armen, verfolgten, vielleicht sogar verfluchten Mann einfach wieder hinaus in seinen Untergang schicken. Da er ihr so offen sein Verbrechen gestanden hatte, waren die letzten Zweifel wie fort gewischt. Das kurze Lächeln in seinem Gesicht war so viel besser als diese tiefe Verbitterung die seine Augen zeigten, dass es einfach einen Weg geben musste, wie sie ihm helfen könnte. Außerdem sah er sehr müde aus. Die Blässe in seinem Gesicht passte nicht zu seiner Erscheinung. Er sah aus wie ein Mann der viel im Freien seinen Körper stählte, Waffentraining betrieb, eben ein richtiger Soldat von Ehre. Der kleine Scherz in seinen Worten, zeigte deutlich, dass es noch Hoffnung gab und wenn es nötig werden würde, so war sie durchaus fähig und bereit für sie beide zu hoffen, wenn er seinen Glauben verlieren würde. Glauben ...
"Nein...ich bin allein."
Das Lächeln war wieder erloschen und die Trauer kehrte mit Macht zurück auf seine Züge. So viel Verlust schwang in seiner Stimme mit, dass Delilah nur zu gern erfahren hätte, was einen Mann so verändern konnte. Denn das war es, was ihr Oma immer gesagt hatte. Resa hatte immer ohnehin sehr viele gute Ratschläge parat, wenn man welche brauchte und Delilah kam gerade einer von ihren Lieblingssprüchen in den Sinn: „Ein Geist der gelitten hat, muss die Sonne sehen, damit sein Herz nicht in Dunkelheit versinkt.“ Eine Welle des Mitleids erfasste sie kurz, denn der junge Mann vor ihr, dass wusste sie ganz genau, auch ohne, dass er auch nur ein Wort hatte sagen müssen, dieser Mann hatte gelitten! Er versuchte weiter zu sprechen.
"Hör zu, ich bin ein Fahnenflüchtiger, ja, aber dass bedeutet nicht...bedeutet nicht, dass ich..."
Natürlich, er war kein Dieb oder gar Mörder! Niemals hätte sie ihn dafür gehalten! Sie hatte ja den Widerwillen gesehen, als er sein Schwert gegen Mortimer gezogen hatte! Delilah sah wie sich der junge Mann nach vorne beugte und die Hände gegen die Stirn presste. Doch was dann geschah, war erschreckend und faszinierend aufschlussreich zu gleichen Teilen.
Delilah saß im Licht und die Wolkendecke war gerade einen Moment aufgerissen. Sonnenschein flutete durch das kleine Fenster und hüllte sie in seinen goldenen Glanz. Wie immer genoss sie die Wärme auf der Haut und hätte gern für einen Moment die Augen geschlossen, wenn da nicht dieses ungute Gefühl gewesen wäre, dass sich da eben nicht etwas bewegt hätte. Ihr Augen huschten umher und suchten die Schatten ab, aber diesmal kam der „Angriff“ sehr direkt. Der Mann vor ihr schien in den Schmerzen seiner Erinnerungen gerade zu versinken und bekam nicht davon mit, was sie sah. Es wäre auch fraglich, ob er sehen könnte, würde er jetzt aufschauen, denn von seinem Körper aus sammelten sich kleine schwarze Punkte, die wie leuchtender Staub im Sonnenlicht aussahen, nur eben nur ganz anders, eben schwarze, jedes Licht aufsaugende Punkte. Delilah glaubte grobe Umrisse, einer Gestalt, mehr Phantasie als Realität, zu sehen die erst ihren Arm um seine Schultern gelegt hatte und sich dann ihr zuwandte. In der Bewegung, verloren die Konturen ihre Form und alles zerfaserte wieder zu der gewohnten schwarzen Masse. Es währte nicht mal einen Atemzug und schon glaubte sie, sie hätte es sich nur eingebildet, doch dann richtete die Aufmerksamkeit der Dunkelheit auf sie. Der Lichtkegel in dem sie saß, flackerte kurz, als ob jemand Wind in eine Kerze blies, nur das diese Kerze die Sonne war. Die Finsterniss drang nicht weiter vor, sie hielt sich an den Grenzen zum Licht. Fast hätte sie es nicht gesehen, denn es war nur ein kleiner Punkt aus ihrer Perspektive der sich dennoch durch das Licht ihr näherte. Er bedurfte einer kleinen Bewegung zur Seite, dass sie die lange schwarze Nadel auf sich zuwachsen sah. Dieses Etwas versuchte gegen sie vor zu gehen! Delilah zuckte vor Schreck kurz zusammen und wäre am liebsten aufgesprungen, doch ihre Bewegung ließ die Nadel abbrechen und wie einen schwarzen, gläsernen Faden am Boden in tausend Scherben zerbersten. Die einzelnen Splitter lösten sich sofort wieder in Schatten auf und krochen zurück zu dem Mann vor ihr. Delilah fühlte wie ihr regelrecht ganz heiß vor lauter Aufregung gewesen worden war, da schrie er mit immer noch gesenkten Kopf:
"AUFHÖREN!"
Langsam sanken seine Hände wieder. Er murmelte etwas leise, denn seine Stimme war erfüllt von Müdigkeit:
"Ich sollte nicht hier sein. Ich bringe euch sonst noch alle in Gefahr..."
Delilah sah ihn noch gebannt von dem was eben geschehen war, fassungslos an. Die Finsternis hatte versucht sich an sie heranzuschleichen, doch es war misslungen! Das Licht … sie war sich plötzlich ganz sicher! So sicher wie sie ohne Lampe unter der Decke lesen konnte, so sicher war der lange, schwarze Dorn in ihrem Licht zerbrochen!

Omniels Schuld, sein Gewissen, die Last seiner Vergangenheit, der Verlust seiner Liebe lastete schwer auf seinen Schultern und zwang die schreckliche Bilder aus seinem Unterbewusstsein hinauf ans Tageslicht. Er fühlte sie, wie einen Arm auf sich, der keinen Trost spenden konnte, sondern nur Schmerz brachte. Er sah die Bilder seines Leidenswegs. Er hatte Blut an seiner Rüstung glitzern ... Und sie in den Armen. Aufhören... Ihre Haut fühlte sich so kalt an, so unecht, so falsch. Aufhören! Ihre Augen sahen ihn starr an...wissend...vorwurfsvoll. Ihre Lippen öffneten sich. Nacktes Grauen wollte ihn erfassen. Sehr leise, nur ein Atemzug, kalt und unnatürlich spürte er ihren Hauch an seiner Wange, wo ihr Gesicht doch unter ihr war. Ihre Stimme war in seinen Gedanken:
„Du bist nicht allein!“
Sein Willen bäumte sich auf und er musste es herausschreien!
„AUFHÖREN!“
Dann war es vorbei.
Leer … still … kalt … Omniel fror.
Als er langsam den Blick hob, bot sich ein ebenso ungewohnt surreales Bild. Das Mädchen vor ihm leuchtete! Zumindest hörte es gerade auf zu leuchten! Nicht nur der Sonnenschein war das, denn ein Blick zum Oberlicht verriet, dass die Wolkendecke sich wieder geschlossen hatte. Nein, dieses Mädchen hatte von innen heraus aufgeleuchtet!
Beide starrten einander ein paar Sekunden lang fassungslos an.
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Delilah » Montag 22. Oktober 2012, 20:47

Omniels Blick schien sich abwechselnd in dunklen Gedanken zu verfangen, nur um dann mit einem noch düsteren Blick aus ihnen zurück zu kehren. Besorgt betrachtete die junge Jorsanerin das Mienenspiel des Soldaten. "Warst du es nicht, die die Vermutung hatte, man könnte es vorziehen meine Gesellschaft zu meiden...?" Delilah wollte ihn schon bestürzt anblicken, hatte sie es doch nicht so gemeint, hatte ihn nicht kränken wollen... als sie das kurze Fünkchen in seinem Blick entdeckte, das davon erzählte wie der junge Mann wohl früher gewesen sein musste. Fröhlich. Er hatte gescherzt... er hatte wirklich gescherzt. Ein fröhliches Lächeln lag auf Delilahs Lippen, sie war schnell zu begeistern und freute sich über jedes kleine Anzeichen, dass sie anderen mit ihrer Anwesenheit eine Freude bereiten konnte. "Nein...ich bin allein." Die Dunkelheit hatte seinen eben noch warmen Blick wieder kallt umhüllt und Delilah musste den Drang unterdrücken die Hand tröstend nach ihm auszustrecken. Sie hätte gerne gewusst, was ihn so bedrückte, doch sie wollte mit ihren Fragen nicht weiter in der Wunde stochern.
Man sah das Leid in seinen Augen und man hörte es als er weiter sprach: "Hör zu, ich bin ein Fahnenflüchtiger, ja, aber dass bedeutet nicht...bedeutet nicht, dass ich..." Natürlich nicht! Er war kein schlechter Mensch... kein Dieb oder Schlimmeres! Nie würde sie so von ihm denken. Selbst als es darum ging sich zu verteidigen hatte er sein Schwert nur mit Widerstreben gegen den aufgebrachten Schneider erhoben. Delilah glaubte fest an das Gute in jedem Menschen und wahrscheinlich noch fester an das Gute in diesem Soldaten. Seine Stimme stockte und sein Blick verschwamm, wurde beinahe leer als er sich die zitternden Hände an die Schläfen presste und sich gequält vornüber beugte. Sich besorgt aufrichtend, das "Alles in Ordnung?" schon auf den Lippen bemerkte die Jüngere eine Bewegung im Schatten. Das erste was sie entdeckte war das Gegenstück zu dem im Sonnenlicht schimmernden Staub. Es sah aus als wenn Staubkörner von Dunkelheit durch die Luft wirbelten. Sie schienen sich willkürlich zu verdichten, Formen zu bilden, stoben wieder ausseinander bis Delilah schließlich eine Gestalt hinter dem zusammengesunkenen Soldaten zu erkennen glaubte. Kalte Angst packte ihre Glieder und hinderte sie an dem was ihr Geist ihr befahl, nämlich dem jungen Soldaten zur Hilfe zur eilen! Beinahe zärtlich schien der dunkle Umriss dem Mann seinen Arm auf die Schulter zu legen, dann streifte sein nicht erkennbarer Blick zu Delilah rüber auf deren Körper sich eine eisige Gänsehaut ausbreitete. Noch während dies geschah stoben die dunklen Staubkörnchen wieder auseinander, schienen sich vorerst nicht einig welche Form sie nun annehmen sollte als sie sich wieder zur zähen Teermasse formierten und sich einen Weg zu ihr zu bahnen versuchten. Doch am Ende des Lichtkegels in dem sie noch immer saß war Schluss. Kurz hatte sie das Gefühl zu spüren wie die Dunkelheit gegen das Licht prallte einem unsichtbaren Schild gleichend und bei dieser merkwürdigen Begebenheit keuchte sie unwillkürlich auf. Kurz triumphierte sie innerlich, fühlte sich einen Moment sicher in ihrem Lichtkegel, sandt ein Stoßgebet zu Lysanthor er möge ihr diesen Schutz nicht zu schnell nehmen, als sie meinte einen Stich zu spüren. Ihr Kopf fuhr herum, doch erst auf den zweiten Blick entdeckte sie die lange Schattennadel die sich langsam und gewaltsam ihren Weg auf sie zubahnte. Ihre Hand die der Nadel am nächsten war zuckte reflexartig davon und noch in dieser Bewegung zerbarst dieses Etwas in Schattensplitter um sich dann seinem ... zu seinem Ursprung zurück zubegeben... dem Soldaten. Ihre Ahnung schien sich zu bewahrheiten... es war niemand anderes der ihn verfolgte. Es schien etwas in ihm selbst zu sein. Eine unbewusste Magie? Unbewusste Selbstgeißelung? Aber wenn es soetwas war... dachte er vielleicht er müsse für irgendetwas bestraft werden? Noch immer umstoben die Staubkörnchen ihren Lichtkegel als sie mit einem erlösenden Schrei des Soldaten: "AUFHÖREN!" zum Nichts verloschen. Sie zitterte leicht und die Kälte wollte nur schwer von ihr weichen, sie strich sich fröstelnd über die Arme und sie blickte ihn ein wenig fassungslos an. Sie versuchte immer noch zu begreifen was soeben geschehen war. Seine angstverzerrte Stimme versetzte ihr einen spürbaren Stich, als wäre sie es die zu leiden hatte, und es quälte sie ihn in dieser gebeugten Haltung zu sehen. Als das Zittern abklang, er langsam die Hände sinken ließ und sich aufrichtete war er leichenblass. Delilah hatte einen Kloß im Hals, ihr kam mehr und mehr der Gedanke, dass diese Sache zu schwerwiegend war als dass sie ihm als kleines Mädchen dabei hätte helfen können. Doch sie konnte ihn noch weniger mit diesem Grauen alleine lassen. Er sah sie an und nur langsam schien sich das Grauen, das wie Spinnenweben seinen Blick verschleierte, vom warmen Braun zu lösen und doch schien es nicht mehr ganz schwinden zu wollen. Er schien nicht bemerkt zu haben was geschehen war, denn als er den Blick hob lag Überraschung in ihm, aber nicht die Angst die er gezeigt hatte als er das Schwert zog. Seine Stimme klang matt als er sprach und sich erschöpft in den Sessel sinken ließ. "Ich sollte nicht hier sein. Ich bringe euch noch alle in Gefahr..." Das stimmte wohl. Er hatte es soeben bewiesen. Aber etwas in Delilah ließ sie nicht los, wollte den Mann nicht widerstandslos der Dunkelheit übergeben. Es war das Fünkchen gewesen, das sie vor kurzem noch in seinen Augen gesehen hatte. Dieses Fünkchen Hoffnung, das es zu retten galt! Sie dachte nicht daran ihn fortzuschicken! Sie machte einen zögerlichen Schritt auf ihn zu. Zum Glück hatte er die Augen geschlossen sonst würde er sehen, wie viel Kraft und Überwindung sie es im ersten Moment kostete in seinen Schatten zu treten. Sie wollte ihm mit ihrer Angst nicht wehtun. Neben dem Sessel ließ sie sich in die Knie gleiten. Ihre sanften, wieder warmen Händen umschlossen eine seiner kampferprobten, rauen Hände. Zwei von ihren konnten eine von seinen kaum bedecken. Sie lächelte zuversichtlich zu ihm auf. " >Ein Geist der gelitten hat, muss die Sonne sehen, damit sein Herz nicht in Dunkelheit versinkt.<, pflegt meine Großmutter zu sagen. Ich will dir helfen wenigsten einen Sonnenstrahl zu finden ... und einen sicheren Schlafplatz.“
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 25. Oktober 2012, 10:46

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Omniel » Donnerstag 25. Oktober 2012, 18:36

Er war erschöpft. Erschöpft wie nach einem der langen Gewaltmärsche an der südlichen Grenze des Reiches entlang, die sie damals in der Grundausbildung hinter sich bringen mussten. Doch diese Erschöpfung hatte ihren Ursprung weder in den Anstrengungen des Kampfes vor einigen Stunden, noch der nervenaufreibenden Flucht oder der Konfrontation mit dem Schneider. Selbst den Schlafentzug in den letzten drei Tage sah er nicht als verantwortlich für seine Schwäche - diese schein vielmehr ihre Ursache in seinem Körper selbst zu haben. Würde er es nicht besser wissen, würde er glauben er wäre krank und leicht fiebrig sein. Doch nach dem jahrelangem Training, wusste er was er seinen Körper zutrauen konnte und wo seine Grenzen lagen. Aber galt dies nur für seinen Körper - nicht für seinen Geist.
Omniel hatte die Augen immer noch geschlossen und den Kopf gesenkt, die unbändigen Haare leicht ins Gesicht hängend während er sich mit der Hand leicht die Schläfe massierte. Sein Kopf fühlte sich an als wäre er kurz vor dem Zerbersten, so viele Eindrücke und Gedanken schwirren in ihm herum, drängten sich gegen seine Schädeldecke um nach mehr Platz zu verlangen. Er hörte Stimmen, manche die ihn anschrien und manche die wisperten, einige die ihm einen Rat gaben, andere die ihn beschimpften und verfluchten. Er hörte aus ihnen seine eigene heraus, genau so wie die Stimme aller Menschen die ihm je begegnet waren und einem bleibenden Eindruck in ihm hinterlassen hatten, ihn geprägt hatten. Da waren seine Mutter und sein Vater, Kinderstimmen von seinen Freunden aus seinen früheren Jahren, die autoritätsgewohnten Befehle von Ausbildern und ranghöheren Soldaten, das schüchterne Säuseln einer jungen Magd aus Jersa. Unter all diesem Lärm jedoch schien eine herauszustechen, eine Stimme die er besser kannte als seine eigene, die er beinahe in jeder Lebenslage, in jeder Tonart vernommen hatte. Doch wie vertraut sie ihm auch war, so fremd klang sie doch in diesem Moment. Sie wurde übertont von allen anderen, dennoch ging sie nicht unter sondern fand ihren Weg zu ihm, raunend und flüsternd, nahm ihn immer mehr und mehr in ihren Bann, bis der Schmerz beinahe unerträglich wurde. Es kam ihm so vor als wurde er auf die Probe gestellt, getestet wie lange er den Eindrücken standhalten könne. Der erste Teil dieser Prüfung waren die Bilder gewesen, in denen er sich fast verloren hatte. Der zweite Teil jedoch, die Stimmen, waren eindeutig zu viel für ihn. Er spürte mehr und mehr, wie ihm die Kontrolle entglitt, wie er drohte sich selbst in diesem Sturm aus Finsternis und Schmerz, aus Leid und Hoffnungslosigkeit zu verlieren - und gleichermaßen kam ihm der Gedanke doch einfach loszulassen, sich dieser Übermacht zu ergeben und sein Schicksal in dessen Hand zu legen. Er wusste, dass dies sein Ende bedeuten würde. Er würde zwar weiterleben, doch hatte diese Existenz dann nichts mehr mit dem zu tun, was er Leben nennen würde. Alles was ihn ausmachte, würde verschwinden, sein Geist und alle Erinnerung an ihn. Omniel würde einfach gelöscht und überschrieben werden, wie die vollgekritzelte Wachstafel eines Schülers.
So saß er da, der Fuß unbewusst gegen den Boden tippend, den Kopf, der zum Schauplatz dieses inneren Kampfes geworden war, in seiner Hand vergraben. In der Hoffnung, ein Blick auf die Realität würde ihn wieder zur Besinnung bringen, öffnete er die Augen und sah zur Delilah, die ihn besorgt betrachtete. Er blinzelte, als etwas merkwürdiges geschah. Die Stimmen in seinem Kopf verschwammen kurz, wurden undeutlicher, zwar nur um im nächsten Moment wiederzukommen, dennoch schien etwas sie davon abzuhalten an Intensität anzunehmen. Omniel nahm langsam die Hand hinunter und musterte das Mädchen. Im ersten Augenblick schob er es auf seine wirren Gedanken, dann jedoch begriff er was er sah. Das Mädchen mit den goldenen Locken schien im Licht zu baden, einem Licht, dass nicht durch eines der Fenster zu kommen schien, war es doch draußen trübe und bald wieder finster. Das Licht schien direkt von ihr zu kommen.
Sie streckte die Hand nach ihm aus und einen Moment verstärkte das Raunen in seinem kopf sich, befahl ihm sie nicht zu berühren. Einen Moment zuckten die Finger seiner rechten Hand, die nicht weit von seinem Schwertgriff lagen. Regungslos und ohne die Kontrolle über seinen Körper, noch seinem Geist zog eine Sekunde vorbei, in der sich ihre Blicke trafen. Dann legte sie die Hand in seine und alles veränderte sich.
Mit einem Schlag, verstummte jegliche Stimme, verblasste jedes Bild in seinem Kopf und er spürte wie sein Geist, seine Seele wenn man es so wollte, sich aus ihrer Erstarrung löste, ihren Rückzugsort in Omniels Körper verließ und wieder ihren Platz einnahm. Er atmete tief ein und die Luft, die sich in seinen Lungen sammelte, fühlte sich frischer und köstlicher an als jede, die er je zuvor gekostet hatte. Delilahs Hände waren klein und zierlich doch von dort, wo sie seine Haut berührten, ging eine wärmendes Gefühl in sein Blut über, dass sich sofort in seinem ganzen Körper zu verteilen begann. Ihre klare Stimme ließ ihn aufhorchen und für wenige Sekunden das innere Chaos zu vergessen.
„>Ein Geist der gelitten hat, muss die Sonne sehen, damit sein Herz nicht in Dunkelheit versinkt.<, pflegt meine Großmutter zu sagen. Ich will dir helfen wenigsten einen Sonnenstrahl zu finden ... und einen sicheren Schlafplatz.“Ihre Worte verfehlten ihren Sinn und Zweck nicht, sondern pflanzten gemeinsam mit dem zuversichtlichen Lächeln in ihrem Gesicht einen zarten Spross in Omniels Herzen, der für ein Gefühl stand, dass Omniel längst vergessen zu haben schien. Hoffnung.
Er sah sie lange an, während wieder Farbe in sein Gesicht wanderte und er wieder dem Mann ähnlich sah, denn sie wenige Minuten zuvor das erste Mal getroffen hatte - der Mann, der gelächelt hatte.
Sacht drückte er ihre Hand mit der seinen und setzte sich gerade hin, während er ihr in die Augen sah, die ihn so gütig anlächelten. „Ich danke dir Delilah.“ Dann tat er etwas, was er vor wenigen Augenblicken noch für eine große Dummheit und Fehler, nun aber für eine Selbstverständlichkeit ansah. Dieses Mädchen konnte keine Gefahr sein. Sie wollte ihm einzig und allein helfen.
„Ich bin übrigens Omniel...“ Sagte er ruhig, während er ihre Hand schüttelte.

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Samstag 27. Oktober 2012, 20:08

„Ich danke dir Delilah.“
Diese einfachen Worte bedeuteten viel mehr als nur das was man hörte.
„Ich bin übrigens Omniel...“
Ein Moment des stillen Einverständnisses entstand, ein Moment der Hoffnung, in dem sie sich beide nur zu bewusst wurden, dass sie vor einer großen Aufgabe standen, aber eben nicht alleine waren.
Noch ein anderer Umstand zeigte dies deutlich. Schritte kamen die Treppe hinunter und das leise Quietschen der alten, ausgetretenen Stufen, kündigte ihr Näherkommen an. Resa schaute um die Ecke nach ihrer Enkelin und blieb mit hochgezogenen Augenbrauen stehen. Ihr Gesichtsausdruck war als wahrhaftig erstaunt zu bezeichnen! Da saß das Kind, was sie aufgezogen hatte, mit einem vollkommen Fremden und hielt seine Hand. Der Umstand, dass sie gerade langsam aufhörte zu leuchten, war für sie fast weniger überraschend. Die alte Frau wusste, was sich da unter ihrem Dach entwickelt hatte. Die erste Überraschung wich schnell einem freundlichen Lächeln und sie kam ein paar Schritte in den Raum, um Omniel genauer zu betrachten. Ihr Worte waren jedoch erst einmal mehr an Delilah gerichtet.
„Mortimer ist eingeschlafen. Ich möchte ihn diese Nacht ungern alleine lassen. Er wirkte so entkräftet ...“
Ihr Blick schweiften kurz zu ihrer Enkelin.
„Delilah, ich mache mir große Sorgen. Hier geschehen sehr seltsame Dinge. Mortimer hat gesagt, wir dürften selbstverständlich heute hier bleiben. Er hat im Nachbarzimmer noch eine Couch auf der man schlafen könnte, sowie eine alte Matte, … aber erst, wenn ich da drüben die Schweinerei beseitigt habe. Hier im Laden können wir uns auch provisorisch einrichten. Oben könnte auch noch jemand schlafen …, aber ich glaube wir sollten dicht zusammen bleiben. Ich hab kein gutes Gefühl. Ich … ähm, entschuldigt bitte.“
Sie sah wieder Omniel an.
„Ich habe eben euren Namen gehört. Omniel, ich möchte euch nicht zu nahe treten, aber die Umstände erfordern es. Ich liebe mein Enkelkind. Ich habe sie groß gezogen. Nichts ist mir wichtiger als ihr Wohlergehen.“
Der Blick war auf die beiden Hände, die sich vertraulich ineinander schmiegten, gerichtet.
„Ich möchte nur sicher gehen, dass ihr kein Halunke seid. Mein Name ist Resa Tesséras und auch wenn ich alt bin, vermag ich es, euch gehörig den Hintern zu versohlen, solltet ihr bei meinem Mädchen irgendwelche schmutzigen Hintergedanken hegen!“
Delilah fiel dabei gerade das regelmäßige Training ihrer Großmutter ein, wenn sie draußen im Garten die Teppiche über eine Leine warf und sie mit größter Ausdauer und Fingerfertigkeit ausklopfte. Ihr hatten die armen Teppiche immer fürchterlich leid getan, als sie noch kleiner gewesen war und noch heute hatte ihre Oma einen ordentlichen Schwung am Leib. Sie selbst hatte niemals auch nur einen Klaps bekommen. Resas Erziehungsmethoden beruhten auf Liebe und Vertrauen und Delilah wollte dies auch niemals verlieren. Der Blick ihrer Großmutter auf die Hand des Fremden, ließ sie intuitiv erröten und ihre Finger von seinen weg ziehen.
Omniel fühlte die verhältnismäßige Kühle nun wieder auf seiner Haut, doch vorerst schwiegen die Stimmen in seinem Kopf, die er sonst nur in seinen Träumen gehört hatte. Auch wenn er ohne die Hand des Mädchens sich dem Licht und ihrer Wärme wieder ferner fühlte, so waren sie nun still. Das Wirrwarr seiner Erinnerungen hatte tiefe Kratzspuren auf den Innenwänden seiner Schädeldecke hinterlassen. Gleich einer Bestie, die sich ihren Weg durch seine Gedanken hatte graben wollen, waren die schmerzenden Krallen seiner Vergangenheit durch seine Hirnwindungen gerissen und hatten tiefe Narben hinterlassen. All die Stimmen, die Personen, die eben noch auf seinen Nerven Melodien des Schmerzes gespielt hatten, waren jedoch jetzt nur noch blasse Erinnerungen. Einzig eine Stimme hatte sich durchgesetzt und obwohl er vielleicht wünschte, es wäre so, hatte sie ihm eine Lüge in die Seele gegossen:
Du bist nicht allein!
Ihre Stimme hätte er unter tausend herausgehört, ihren Klang schon an den feinen Schwingungen erkannt. So sehr er es sich auch anders wünschte, so sehr war ihr Tod ihm unweigerlich ins Gedächtnis gebrannt. Der Anblick ihrer toten Augen, wie milchiges, hellblaues Wasser, umgeben von rot geäderten Schilf. Dieses erinnerte Bild aus seinem Wahn schmerzte am aller meisten. Ihr Rund war wie ein See, giftig und in seiner Mitte trüb und kalt. Und doch stand nun, nachdem dieses halbe Kind ihn berührt hatte, ein kleiner Baum mit läutenden Blüten an diesem Ufer und trotzte der giftigen Umgebung. Die Hoffnung war gesät und auch wenn es nur ein kleiner Keim war, so half er gegen die Dunkelheit in seiner Seele. Noch etwas zähflüssige kehrte seine Aufmerksamkeit in die Realität des Ladens zurück und auch zurück zu der Stimme der alten Frau.
Die nette alte Dame, hatte mit wenigen, aber durchaus diplomatischen Worten deutlich gemacht, dass sie ihn als Mann sah, der ihrem Kind gefährlich werden konnte, aber genauso klar gestellt, dass er die Finger von ihr zu lassen hatte. Jetzt da das für sie geklärt schien, zog sie sich den Schneidehocker etwas näher, setzte sich und sprach weiter.
„Lysantor möge uns und diesen unruhigen Zeiten beistehen! Was ist nur in den armen Mortimer gefahren?“
Ob sie ahnte, wie sehr ihre Wortwahl ins Schwarze traf? Sie sah Delilah lange grübelnd an, als fürchtete sie, das die folgende Frage eine Grenze überschreiten würde, die sie gehofft hatte, noch lange im kindlichen Unwissen lassen zu können.
„Mein kleiner Schatz, ich weiß, dass du manchmal heimlich noch unter deiner Decke ließ wenn schon alle Lichter erloschen sind. Ich … bin auch darüber nicht böse, ich möchte nur wissen, ob du … Hast du hier irgendetwas gespürt oder … gesehen? Etwas das nicht … nicht richtig ist?“
Ihre Stimme war immer unsicherer geworden und so hatte Delilah ihre Großmutter noch nie erlebt. Ihre vom Alter gefleckten Hände nestelten unruhig am Saum ihrer taillierten Jacke, deren Schösse glatt über ihren Röcken lagen. Ihr klaren, blauen Augen, die mit dem Alter einen Stich ins Graue bekommen hatten, sahen sie an und schienen die Antwort zu fürchten.
„Mein Mädchen, sag mir frei heraus, was du denkst. Alles kann wichtig sein, egal wie seltsam, mysteriös oder phantastisch es auch klingen mag. Hab keine Angst. Ich bin bei dir.“
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Omniel » Dienstag 30. Oktober 2012, 15:03

Im ersten Moment hörte er die näherkommenden Schritte gar nicht, so gefesselt war er von der plötzlichen Umkrempelung seines Bewusstseins, der vermeintlichen Befreiung seines Geistes. Omniel lauschte in seinen Körper hinein und spürte, wie das etwas in ihm, diese sich gegen ihn auflehnende Macht sich zurückzog und ein Gefühl von Leere zurückließ. Er nahm es dankbar hin, war doch die Stille in seinem Kopf, nach all dem Lärm und den Stimmen eine Wohltat. Warum sie nun schwiegen wusste er nicht, jedoch meinte er den Grund dafür bei Delilah zu finden. Es schien fast so, als hätte sie ihn mit ihrer Hoffnung angesteckt, ihre Zuversicht durch ihre zögerliche Berührung seiner Hand mit ihm geteilt und ihm so die Kraft gegeben, gegen die Dunkelheit anzukämpfen. Sie war kein einfaches Mädchen, das war ihm nun eindeutig klar. Doch wie auch immer sie ihm gerade geholfen hatte, so hatte sie ihn doch nur eine Verschnaufpause geschenkt, ihm einen Moment der Ruhe gegeben. Er war nicht so verwegen um an eine Heilung zu glauben - eine Heilung von was auch immer dieses Ding in ihm war. Omniel bezweifelte, dass sie dazu in der Lage war, dass auch nur irgend jemand dazu in der Lage war.
„Mortimer ist eingeschlafen. Ich möchte ihn diese Nacht ungern alleine lassen. Er wirkte so entkräftet ...“
Omniel sah überrascht auf und bemerkte die ältere Frau erst jetzt, wie sie in den Raum trat und sie beide musterte. Schuldbewusst senkte er den Blick. Der Schneider durchlitt dies alles allein wegen ihm. Eine Schenke zu verwüsten und einen Trunkenbold bewusstlos zu schlagen war das eine, das Leben eines gütigen alten Mannes durcheinander zu bringen etwas anderes. Das es nicht seine Absicht gewesen war, beruhigt ihn kein bisschen, im Gegenteil. Es beunruhigt ihn noch mehr. Wie vielen Menschen würde er wohl noch schaden?
„Wenn...sollte etwas mit ihm sein, solltet ihr einen Arzt holen. Er ist nicht mehr...“ Bevor er den Satz beendete und mit „der Jüngste“ wohl noch den Ärger der ebenfalls hoch betagten Frau auf sich zog, schwieg er lieber. Sie würde ihn auch so verstehen - und hoffentlich auch die Bedeutung hinter seinen Worten. Er hielt sie hier nicht fest, hinderte die beiden nicht daran, das Gebäude zu verlassen. Sie waren nicht seine Geiseln und ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Viel mehr zeugten seine Erschöpfung und die moralischen Skrupel deutlich vom Gegenteil.
Als sie mit ihrer Enkelin sprach, hörte er nur am Rande mit. Erst als Omniel seinen Namen hörte - und zwar von ihren Lippen, zuckte er leicht zusammen und sah zu ihr hoch. Was für ein Narr er doch gewesen war sich so zu öffnen! Er bemerkt wie die Augen der Frau auf seine Hand fiel, die in Delilahs lag und den unverkennbar missbilligenden Gesichtsausdruck. Sofort spürte er wie sich Delilahs Hand von seiner löste und einen Moment befürchtete er, wieder im Dunkeln zu versinken, war fast versucht sich wieder an sie zu klammern. Doch nichts dergleichen geschah, nur die Wärme, die seinen Körper durchströmt hatte, verebbte.
„Ich möchte nur sicher gehen, dass ihr kein Halunke seid. Mein Name ist Resa Tesséras und auch wenn ich alt bin, vermag ich es, euch gehörig den Hintern zu versohlen, solltet ihr bei meinem Mädchen irgendwelche schmutzigen Hintergedanken hegen!“
Er nickte. Er hatte nichts anderes von ihr erwartet. Natürlich waren ihre Sorgen unbegründet - Delilah war in seinen Augen noch fast ein Kind, unschuldig und verletzlich. Was auch immer in seinem innersten im Moment vorging - so tief, würde Omniel niemals sinken. In seinen Jahren als Soldat und Stadtwache, hatte er Menschen gesehen, die diese Bezeichnung kaum mehr verdienten. Vergewaltiger, Kinderschänder, Triebtäter... es gab zu viele davon, auch in einem so prächtigen und friedfertigen Reich wie Jorsa. Er wusste, dass Delilahs Großmutter das genau so sah und deshalb nahm er ihre Warnung auch nicht übel. Außerdem hatte er am Beispiel des Schneiders gesehen, wie zielfertig sie doch zuschlagen konnte, wenn es nötig war.
„Mein Wort mag zwar in euren Augen nicht viel Wert haben, aber ihr könnt euch sicher sein, dass ich nichts dergleichen im Sinn habe.“ Er hob den Kopf und sah Delilah in die Augen. „Ich bedaure sehr, dass ich euch überhaupt in diese Lage gebracht habe.“
Einen Augenblick schien Resa über seine Worte nachzudenken, sie abzuwägen. Omniel wusste nicht, ob sie ihm traute, doch sie schien zumindest bereit zu sein, seinem Versprechen Glauben zu schenken, denn sie setzte sich auf einen Schneiderhocker und rückte ihn zu ihnen.
„Lysantor möge uns und diesen unruhigen Zeiten beistehen!“
Ihr kleiner Ausruf hallte noch lange in seinem Kopf nach. Omniel bezweifelte, dass Lysanthor auch nur irgendetwas mit ihrer Situation zu tun hatte. Der Glaube, war eines der ersten Dinge, die er abgestreift hatte, genau so wie sein Kettenhemd und seine Laufbahn in der Armee. Wer konnte angesichts der Geschehnisse noch weiterhin an einen Gott des Lichts und der Gerechtigkeit glauben?
Doch er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er die Veränderung der Stimmung spürte und Resa mit ihrer Enkelin sprechen hörte. Etwas schien hier vor sich zu gehen, etwas, in dem er nicht involviert zu sein schien.

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Delilah » Dienstag 30. Oktober 2012, 21:55

Delilah fühlte, dass dieser Moment gleichzeitig leicht wie schwer wog. Mädchen und Soldat sahen sich schweigend in die Augen und für einen Augenblick ließ sich -beinahe greifbar- die Ahnung zwischen ihnen nieder, die ihnen leise und fast unverständlich zuflüsterte, dass ihnen ein schwerer gemeinsamer Weg bevorstand. Nocheinmal strich sie um die ineinander gelegten Hände wie eine Katze um die Entscheidung zu besiegeln ehe sie mit den ersten Schritten, die Delilah aus den Gedanken rissen, verschwand. Der blonde Lockenkopf riss sich vom anderen braunen Augenpaar los und wandte sich seiner Großmutter zu. Tausende neue Gedanken schossen Delilah beim Anblick Resas durch den Kopf. Sie wird helfen können! Sie weiß sicher, was Omniel hat! Aber wenn er ihr nicht davon erzählen will? Ersteinmal erhielt das Mädchen die nächsten Instruktionen wie mit der allgemeinen Situation als nächstes umzugehen sei. Sie würden also die Nacht in der Schneiderei verbringen. Und es klang so, als würde der Plan den Soldaten mit einbeziehen. Das beruhigte die junge Jorsanerin, schließlich hatte sie ihm einen sicheren Schlafplatz versprochen. Delilah atmete auf. Wie immer nahm ihre Großmutter mit sicherem Zepter alles in die Hand und somit ein großes Stück Verantwortung von Delilahs zarten Schultern. Doch nun wendete sie sich an Omniel. Mit seinem Namen! Was für ein ärgerlicher Zufall. Der Verfolgte sah auch nicht gerade glücklich aus, sondern schien sich innerlich für etwas zu schelten. Dafür dass er ihr sich ihr so schnell anvertraut hatte? "...nicht zu nahe treten, aber die Umstände erfordern es. Ich liebe mein Enkelkind. Ich habe sie groß gezogen. Nichts ist mir wichtiger als ihr Wohlergehen.“ Delilah horchte wieder auf und ihr wurde warm ums Herz. Wieder einmal wurde dem Mädchen klar, wie wichtig sie sich einander waren. Sie hatten nur noch einander und das hatte ein engeres Band zwischen ihnen geflochten, als es vielleicht normalerweise der Fall war. Delilah hatte keine Geheimnisse vor ihrer Großmutter und ihre Oma behandelte sie mit Liebe und Nachsicht. Trotzdem schoß Delilah bei ihren nächsten Sätzen und dem Blick der die ineinander gefalteten Hände streifte das Blut ins Gesicht. Das Mädchen wollte nicht einmal den kleinsten Vertrauensbruch zwischen ihnen zulassen. Schnell zog sie mit einem entschuldigenden Blick auf Omniel ihre Hände von seinen fort und war sich den kleinen Teil einer Sekunde sicher, dass er vorhatte wieder nach ihnen zu greifen. „Ich möchte nur sicher gehen, dass ihr kein Halunke seid. Mein Name ist Resa Tesséras und auch wenn ich alt bin, vermag ich es, euch gehörig den Hintern zu versohlen, solltet ihr bei meinem Mädchen irgendwelche schmutzigen Hintergedanken hegen!“ Nein, Delilah war sich sicher, dass Omniel keinen einzigen solchen Gedanken besaß. Schließlich schien sich Resa jedoch wieder zu beruhigen und setzte sich zu ihnen, ein Stoßgebet - wie Delilah einige Momente zuvor- zu Lysanthor schickend. Dann jedoch wandte sich ihre Großmutter mit einigen ernsten Fragen an Delilah und diese schwieg eine Weile. Einerseits war sie sich unsicher ob sie ihrer Großmutter von den Schatten erzählen sollte, denn sie wollte nicht einmal Omniel selbst davon erzählen, was eben gerade geschehen war, jedenfals nicht ehe sie sich selbst damit auseinander gesetzt hatte. Aber... aber es war ihre Granny! Sie hatte keine Geheimnisse vor ihrer Granny. Doch sie wollte auch Omniels Vertrauen nicht missbrauchen. Hilfesuchend sah sie ihn an. Sie wusste, dass ihre Großmutter bei der Aufgabe eine große Hilfe sein würde. Also würde sie ihn womöglich zu seinem Glück zwingen. AUf ihrer Lippe kauend versuchte Delilah das Gesehene in Worte zu quetschen. "... es war schwarz. Pure Dunkelheit... es schien den Schneider zu ..." Sie brach ab, begann erneut." ...es kann die Formen wechseln wie es ihm zu belieben scheint, aber immer ist es tiefschwarz... Schatten, Teer, Splitter, Staubkörner... Gestalten." Das letzte Wort würgte sie beinahe heraus, denn es graute sie bei dem Gedanken, wie es Omniel umarmt hatte und sie warf ihm einen besorgten Blick zu. Wie ging es ihm? War ihre Großmutter auch nicht in Gefahr, wenn sie sich in seiner Nähe aufhielt? Was war es eigentlich gewesen, dass sie beschützt hatte? Je mehr man darüber nachdachte umso mehr Fragen türmten sich vor einem auf.
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 31. Oktober 2012, 11:13

Resas blaue Augen fixierten den Soldaten.
„Mein Wort mag zwar in euren Augen nicht viel Wert haben, aber ihr könnt euch sicher sein, dass ich nichts dergleichen im Sinn habe.“
Er hob den Kopf und sah Delilah in die Augen.
„Ich bedaure sehr, dass ich euch überhaupt in diese Lage gebracht habe.“
Omniels Worte wurden von den beiden Frauen gehört und von Resa mit einem Nicken bedacht.
„Euer Wort wird so viel Bedeutung haben, wie ihr ihm beimesst. Nur wenn ihr es brecht, hat es seinen Wert verloren.“
So murmelte sie leise und wandte sich dann an ihre Enkelin um ihren zögerlichen Worten zu lauschen.
"... es war schwarz. Pure Dunkelheit... es schien den Schneider zu ..." Sie brach ab, begann erneut." ...es kann die Formen wechseln wie es ihm zu belieben scheint, aber immer ist es tiefschwarz... Schatten, Teer, Splitter, Staubkörner... Gestalten." Das letzte Wort würgte sie beinahe heraus und sie warf dem Soldaten einen besorgten Blick zu.

Omniel sah ebenfalls Delilah an und das Gesicht des Mädchens konnte kaum ihre Furcht verbergen, so sehr sie es auch versuchte. Dennoch war da diese unerschütterliche Zuversicht und das Vertrauen, die ihr eine Stärke gaben, die er schon lange verloren hatte. Ein Wort klingelte in seinen Ohren, da es ihm an diesem Tag schon häufiger selbst durch den Kopf gegangen war: Teer.
Der besoffene Mark hatte eine ekelhafte schwarze Substanz erbrochen, genauso wie die Frau auf dem Marktplatz. Auch der Schneider hatte sich im Hinterzimmer übergeben. Es war deutlich zu hören gewesen. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Alle drei hatten zumindest diese Gemeinsamkeit. Und dieses Kind vor ihm konnte sehen was er nur wage fühlte? Schatten, Teer, Splitter, Staubkörner und Gestalten? Das Gefühl ertappt worden zu sein wollte ihn beschleichen, doch im Licht dieser leise unsicher ausgesprochenen Wahrheit, wirkte es wie eine Einflüsterung, die sich seiner bemächtigen wollte. Das erste Mal seit vielen Tagen begann Omniel seine Gefühle, die ihm Streiche spielten, aus einer gewissen inneren Distanz betrachten. Waren es wirklich seine Gedanken, die ihm gerade rieten sich doch nach draußen in die anbrechende Nacht zu begeben? Wollte wirklich er fort von diesem Mädchen und ihrer Oma? War es seine Idee, die beiden zu trennen und die Hand der Alten hilfesuchend zu ergreifen, damit sie die Finsternis erfahren würde? Die Alte wurde ihm immer mehr ein Dorn im Auge. Allein schon ihr Alter begann ihn anzuekeln. Die Krähenfüße unter den halb geschlossenen Augen, die runzeligen Lippen, die schlaffe Haut, alles wirkte abstoßend. Und dann dieses Kind, mit seiner weinerlichen Stimme, das kaum einen anständigen Satz herausbringen konnte. Bei ihr sollte er Schutz suchen? Wie sollten zwei Frauen, die eine noch zu jung und die andere schon jenseits von Gut und Böse ihm schon helfen können!

Resas Blick hatte sich verdunkelt. Mit jedem kleinen Wort ihrer Enkelin hatte ihr Körper an Spannung verloren und ihre Schultern hingen schlaff herab, als wollten sie sich einem unbekannten Schicksal ergeben. Mit gesenkten Lieder saß sie da und atmete leise und sehr konzentriert um sich ihre eigene aufkeimende Angst nicht anmerken zu lassen. Für ihre Enkelin musste sie stark sein, doch die wenigen Worte hatten sie tief erschüttert. Eine kleine Staubfluse am Boden, die im Licht der untergehenden Sonnenstrahlen tanzte, hielt ihren Blick gefangen. Ein letzter Strahl traf sie, bevor das Licht gleich einer dunklen Vorahnung erlosch.
Sie sah nicht auf, hielt ihre Hände still wie zum Gebet gefaltet.
Sie sagte mit fester Stimme:
„Delilah sprich mir nach!“
Platz für Widerspruch war keiner in diesen Worten und sie atmete noch einmal tief ein und aus.
„ … Lysantor möge uns beschützen! … Sein Licht möge auf uns leuchten und sein strahlender Blick auf uns ruhen. … Seine Gerechtigkeit soll für uns strahlendes Vorbild sein und uns auf den rechten Pfaden wandeln lassen! ...“
Kann diese alte Hexe denn niemand zum Schweigen bringen?
Ein innerer Aufschrei ließ Omniel kalt erzittern.
„... Seine Weisheit möge unseren Geist erleuchten und uns Hoffnung in der Dunkelheit sein. … Seine Wahrheit bringt Licht in jede Finsternis! … Sein Seegen komme über uns, sein Wille scheine auf unseren Wegen. … Lysantor sei mit uns.“
Wääach!!
Schon die Worte der Alten trieften vor inbrünstigem Glauben, aber als das Mädchen sie Satz für Satz wiederholte, begann sich in Omniel etwas zu verändern. Auch wenn diese hässliche Alte wohl einen Funken wahren Glaubens besaß, mit dem sie umzugehen vermochte, so war sie nicht die diejenige die er zu fürchten hatte. Das Gebet ließ einen Teil seiner Seele, jenen Teil der so sehr von Hass und Schmerz erfüllt war für eine Weile in eine Ferne rücken, aus der er sie betrachten konnte. Die Hoffnung in den Worten ließ ihn seine gespaltenen Gedanken deutlicher hören und schenkten ihm Klarheit. Es war nicht genug um ihn zu heilen, dass war ihm schon vorher bewusst gewesen, aber nun konnte er tief in sich fühlen, ja sogar hören, dass da noch etwas anderes war. Das Gebet brachte Erkenntnis und die Alte hob ihren Blick um ihn anzusehen. Gleichzeitig hatte sie Delilahs Hand ergriffen und streichelte diese. Die Stimme in ihm wartete wie ein geducktes Raubtier, genauso wie Delilahs Großmutter auf etwas zu warten schien. Ein paar lange Atemzüge später hob Resa kämpferisch ihr Kinn und sprach.
„Omniel, mehr kann ich für euch jetzt nicht tun. Unsere Gebete müssen reichen um die Nacht zu überstehen. Ihr dürft euch nicht der Dunkelheit hingeben! Ihr würdet damit nicht nur euch selbst schaden, aber das wisst ihr! Das Licht meines kleinen Enkelkindes wird hoffentlich ausreichen um uns vor der Finsternis zu schützen. Ich habe dieses Kind nicht dazu erzogen vor einer Aufgabe fort zu laufen, wenn sie sich ergibt, also werden wir bei euch bleiben und tun was wir können. Wir werden euch helfen, aber morgen solltet ihr im Licht wandeln!“
Der letzte Satz klang irritierend, aber mehr wollte sie wohl aus irgendeinem Grund gerade nicht sagen.
„Um so mehr ihr verschweigt und in den Schatten lasst um so gefährlicher ist es für eure Umgebung. Ich kann euch nur raten, tragt Wahrhaftigkeit in eurem Herzen, dann kann ein gesprochenes Wort Heilung bedeuten ...“
Sie sah ihn noch einmal tief in die Augen und wandte sich dann an Delilah.
„Hab keine Angst. Wir werden ihm helfen … gemeinsam. Ich wusste schon immer, dass dein Lächeln wie das Licht der Sonne ist. Mein liebes Kind, wir haben heute Nacht eine große Aufgabe zu vollbringen, aber ich weiß, dass wir es schaffen können. Wenn dass alles hier überstanden ist, werde ich mit dir gemeinsam entscheiden, welchen Weg du in Zukunft beschreiten solltest. Die Magie Lysantors liegt in deiner Seele und bedarf Leitung und Führung. Doch das hat Zeit. Heute Nacht werden wir über diese arme Seele wachen. Du darfst heute nicht schlafen! Du musst bei ihm bleiben und ihm durch die Dunkelheit helfen. Ich passe auf und bin bei dir, aber ich sehe nicht was du siehst, mein kleiner Engel.“
Sie tätschelte die kleine Hand und seufzte einmal tief und hörbar.
„Ich werde jetzt drüben sauber machen und uns etwas zu essen zaubern. Es wird eine lange Nacht und wir müssen bei Kräften bleiben. Mal sehen was Mortimer so da hat ...“
Damit stand sie auf und wandte sich zum gehen, doch nicht bevor sie noch einmal einen langen blick auf das Gesicht des Soldaten geworfen hatte.
„Eure Fragen an mich können hoffentlich warten. Passt auf meinen Engel auf! Ich werde nur endlich diesen widerwärtigen Dreck weg machen, damit ihr etwas Ruhe finden könnt.“
Ruhe, ja das war ein gutes Wort. Omniel spürte nur zu gut, dass sein Körper nach Ruhe verlangte, mehr noch als man ihm ohnehin schon ansah. Die Anwesenheit des Mädchens tat schon seinen Teil dazu, dass ihm fast die Augen zu fielen. Seit Tagen hatte er nicht mehr richtig geschlafen und wenn es eine Chance auf erholsamen Schlaf gab, dann war es wohl jetzt und hier. Denn sollte es nicht so sein, würde er früher oder später wahnsinnig werden! Wenn er es nicht vielleicht jetzt schon war?!
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Omniel » Donnerstag 1. November 2012, 14:55

Die Stirn gegen die Hand gelehnt, ließ er den monotonen Sermon der Alten über sich ergehen und spürte, wie sich zu seiner Erschöpfung, der Verwirrung und der Ruhelosigkeit noch ein weiteres Gefühl hinzumischte: Wut. Was bildete sich diese alte Frau ein? Glaubte sie ernsthaft, ihre gemurmelten Worte würden ihm helfen? Wie - stießen sie doch auf taube Ohren? Auch Omniel hatte einst gebetet, doch hatte früh erkannt, dass in den Himmel zu starren und einem Unsichtbaren um Hilfe zu bitten, nie den gewünschten Beistand brachte. Vielleicht war er, ein einfacher Soldat und Diener des Volkes, dem Gott des Lichtes und der Gerechtigkeit zu unwichtig um erhört zu werden - oder er kümmerte sich einfach nicht um seine Anhänger. Vielleicht war auch einfach sein Glaube zu schwach gewesen und es hatte Lysanthor missfallen, dass er anstatt durch das Gebet mit Taten versuchte sich selbst und anderen zu helfen. Was davon auch immer zutraf - nach Aleen's Verlust hatte Omniel ihn aus seinem Leben verbannt, ein für alle Mal und endgültig. Er war nun gänzlich allein auf der Welt - einer grausamen Welt ohne Gerechtigkeit und ohne Hoffnung auf Besserung, in der kein Platz für einen Gott war, der all dies stillschweigend duldete.
Als Delilah in die spontane Predigt mit einstieg, spürte Omniel deutlich wie sich etwas in ihm regte, doch schob er es auf den Ärger über das Gebet an sich - nicht dessen Wirkung selbst. Wie konnten dahingesagte Worte über Hoffnung, Wahrheit und all diese Ideale die unter dem Symbol dieses Gottes zusammengeworfen worden waren überhaupt Wirkung zeigen? Dennoch konnte er nicht leugnen, dass er sich aus irgendeinen Grund besser fühlte, klarer. Immer noch sah er es als Zeichen des Widerstandes zu akzeptieren, das diese Art von Hilfe überhaupt eine war. Doch warum auch immer - als die beiden Frauen verstummten, fühlte er sich auf jeden Fall besser als zuvor.
„Omniel, mehr kann ich für euch jetzt nicht tun. Unsere Gebete müssen reichen um die Nacht zu überstehen. Ihr dürft euch nicht der Dunkelheit hingeben! Ihr würdet damit nicht nur euch selbst schaden, aber das wisst ihr! Das Licht meines kleinen Enkelkindes wird hoffentlich ausreichen um uns vor der Finsternis zu schützen. Ich habe dieses Kind nicht dazu erzogen vor einer Aufgabe fort zu laufen, wenn sie sich ergibt, also werden wir bei euch bleiben und tun was wir können. Wir werden euch helfen, aber morgen solltet ihr im Licht wandeln!“
Sie dachte wohl wirklich, sie beide hätten ihm mit dem kleinen Gebet einen großen Dienst erwiesen. Er wusste, wie sehr der Glauben Menschen Kraft geben konnte und insgeheim beneidete er sie um dieses nicht zu unterschätzende Hilfsmittel, nur wirkte diese, man könnte es fast als Magie bezeichnen, auch nur wenn man kein Zweifel daran hatte - und die hatte Omniel in rauen Mengen. Dennoch nickte er ihnen dankend zu, allein um nicht unhöflich zu wirken. Die beiden schienen sich wirklich Sorgen um ihn zu machen. Oder war es nicht sein Wohlergehen, sondern sein Zustand allein der sie kümmerte? Er tendierte zu letzterem. Er hatte die Angst in Delilahs Gesicht nicht vergessen, als sie ihrer Großmutter von den " Gestalt " Erzählt hatte. Was er davon zu halten hatte, wusste er noch nicht.
„Um so mehr ihr verschweigt und in den Schatten lasst um so gefährlicher ist es für eure Umgebung. Ich kann euch nur raten, tragt Wahrhaftigkeit in eurem Herzen, dann kann ein gesprochenes Wort Heilung bedeuten ...“
Er sah zu Resa auf und war versucht ihr zu sagen, sie solle ihren Rat jemand anderes erteilen, jemanden der an diese Art vom heilem Welt Prinzip glaubte und sich durch solche Halbwahrheiten Frieden verschaffen konnte. Doch auch diese Bemerkung schluckte er hinunter. Sie war alt und womöglich hatte sie in ihrem Leben diese erfahrung gemacht, die sie ihm nun einzutrichtern versuchte. Doch sein Leben war nicht das ihre - sie wusste nichts über ihn und was er erlebt hatte.
„Hab keine Angst. Wir werden ihm helfen … gemeinsam. Ich wusste schon immer, dass dein Lächeln wie das Licht der Sonne ist. Mein liebes Kind, wir haben heute Nacht eine große Aufgabe zu vollbringen, aber ich weiß, dass wir es schaffen können. Wenn dass alles hier überstanden ist, werde ich mit dir gemeinsam entscheiden, welchen Weg du in Zukunft beschreiten solltest. Die Magie Lysantors liegt in deiner Seele und bedarf Leitung und Führung. Doch das hat Zeit. Heute Nacht werden wir über diese arme Seele wachen. Du darfst heute nicht schlafen! Du musst bei ihm bleiben und ihm durch die Dunkelheit helfen. Ich passe auf und bin bei dir, aber ich sehe nicht was du siehst, mein kleiner Engel.“
Das sie über ihn sprach als wäre er gar nicht anwesend - ihn als arme Seele bezeichnete... Omniel spürte wie es in ihm zu Brodeln begann und auch für einen Moment seine Müdigkeit in den Schatten stellte. Er war kein verdammter Geisteskranker der Gesellschaft brauchte um bei Verstand zu bleiben und wenn er noch einen einzigen Vers ertragen müsste, der die Gnade und Güte Lysanthors preiste, so würde er ihn vermutlich wirklich verlieren. Er war froh, als Resa endlich aufstand um sie alleine zu lassen. Er hörte ihre Worte und gab ihr das auch zu verstehen, doch hatte er mittlerweile einen anderen Plan gefasst. Obwohl er sich nach einem Schlafplatz sehnte, im Moment mehr als alles andere, konnte er sich davon nicht beeinflussen lassen.
Als die alte Frau das Zimmer verlassen hatte und im Hinterzimmer herumzuwerken begann, trafen sich seiner und Delilahs Blick. „Keine Sorge, du musst das nicht tun, was sie dir aufgetragen hat. Es ist besser wenn ich hier und jetzt einfach gehe...“ Bevor sie etwas erwidern konnte stand er auf und spähte in die Richtung, in der Resa verschwunden war. Dann prüfte er mit einigen Handgriffen seine Habseligkeiten. Dabei fiel der kleine Kompass aus seiner Seitentasche und landete auf dem weichen Stuhl, auf dem er gerade zuvor noch gesessen hatte. Er bemerkte es nicht, doch Delilah musste das kurze Blitzen gesehen haben. Er drehte sich zu dem Mädchen um und sah sie kurz an, unschlüssig was er sagen sollte. Schließlich zwang er sich zu einem kurzen, freundschaftlichen Nicken. „Pass auf dich auf Delilah.“ Dann wandte er sich um und verließ den Raum.
Draußen im Laden griff er sich im Vorbeigehen den Mantel von der Theke und klemmte ihn sich unter den Arm, während er mit dem anderen zur Türklinke griff. Ein merkwürdiges Gefühl übermannte ihn als er sie berührte. Wenn du jetzt gehst, gehörst du mir. Er schüttelte unsicher den Kopf. Er musste schleunigst einen Schlafplatz finden, sonst würde er noch verrückt werden. Langsam drückte er die Klinke hinunter...

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Delilah » Donnerstag 1. November 2012, 18:39

Wie ein zartes Echo erklang das Gebet Delilahs neben dem ihrer Großmutter und doch schien ihres ... länger im Raum zu verweilen. So fest wie Delilah an das Gute in jedem Menschen glaubte, so fest war auch ihr Glauben in die Götter, die sie in Zeiten größter Not beschützen würden.
"Lysantor möge uns beschützen, sein Licht möge auf uns leuchten und sein strahlender Blick auf uns ruhen..." Die Gedanken des Mädchens huschten zur eben vergangenen Situation, als der Lichtkegel vor den teerigen Finger der Schattengestalt bewahrt hatte. Ja, sie wurde beschützt. War es wirklich Lysantor gewesen, der seine schützende Hand über sie gehalten hatte? Sicherlich. "Seine Gerechtigkeit soll für uns strahlendes Vorbild sein und uns auf den rechten Pfaden wandeln lassen." Dies war schon immer ein Bestreben Delilahs gewesen. Während das Gebet ihrer Großmutter wie eine Kampfansage klang, waren Delilahs Worte leise und voller Dankbarkeit für das was sie bereits erhalten hatte. Sie verlangte nichts. "Seine Weisheit möge unseren Geist erleuchten und uns Hoffnung in der Dunkelheit sein." Ja, Delilah wünschte sich sehnlichst, dass Omniel Hoffnung finden würde um die Dunkelheit zu vertreiben. "Seine Wahrheit bringe Licht in jede Finsternis. Sein Seegen komme über uns, sein Wille scheine auf unseren Wegen. Lysantor sei mit uns." Und bitte beschütze Omniel auf seinem Weg, er kann deine Hilfe brauchen. Es soll ihm gut gehen. Im Stillen hängte Delilah ihre Bitte an das Gebet und blickte zu Omniel herüber.
Nachdem Oma Resa erklärt hatte sie müssten heute Nacht auf Omniel Acht geben und verschwunden war, die Wut die bis eben noch auf seinem Gesicht gestanden hatte verschwand und machte Erleichterung Platz. Trotzdem war sein Gesichtausdruck merkwürdig, angespannt, er sah irgendwie falsch aus. Ihre Blicke trafen sich und er meinte zu ihr, dass er gehen würde, sofort. Ihr Mund öffnete sich zum Protest, doch da war er schon aufgestanden. Delilah zögerte. Sollte sie ihn ziehen lassen? Er war ein erwachsener Mann und konnte über sich selbst bestimmen. Aber da war diese Gestalt gewesen und ihre Großmutter hatte so merkwürdige Andeutungen gemacht... Da! Etwas glitzerndes fiel in das Sitzkissen des Sessels als Omniel sich erhob. Sie wollte ihn gerade darauf aufmerksam machen, als er sich knapp verabschiedete und zur Tür hinaus war. Sie konnte ihn doch nicht einfach gehen lassen!? Rasch griff sie nach dem Gegenstand, der für sie im ersten Augenblick nach einem Medaillon aussah, sich dann jedoch als Kompass entpuppte. Er lag leicht in ihrer Hand und sprach von Abenteuern, ließ in Delilahs Kopf kurz Bilder unzähliger Piratengeschichten aufblitzen, die sie gelesen hatte. Mit schnellen Schritten war sie Omniel hinterher. Sie hatte sich entschieden. Er hielt an der Tür nocheinmal inne und dort passte sie ihn ab. Zögernd legte sich ihre Hand auf seine Schulter um ihn kurz aufzuhalten. "Ich zwinge dich zu nichts, Omniel. Aber... ich bitte dich, wenigstens die Nacht über hier zu bleiben. Und wenn nicht, dann vergiss bitte deinen Kompass nicht. Wer soll dir sonst den Weg weisen?"
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 1. November 2012, 19:59

(Zwischensequenz)

(Jorsas Wohnviertel – nur ein paar Querstraßen weiter)

… Die untergehende Sonne tauchte die Dächer der Stadt in ihren blutroten Glanz.
War es ein böses Omen, dass dieser Abend besonders schnell sein Licht verlor? Die Tage wurden immer kürzer und die Luft war schneidend kalt. Der Himmel hatte sein Gesicht verborgen und dicke graue Wolken versperrten die Sicht auf die Sterne. Der Mann mit dem grauen Mantel blieb einen Moment stehen und hob seinen Blick gen Himmel. Ein einzelner, winziger, heller Punkt schwebte auf ihn zu. Er streckte seine Hand aus und das kristalline Konstrukt aus Wasser und Kälte landete auf der kalten Oberfläche seines Handschuhs. Wunderschön und zerbrechlich lag die kleine Schneeflocke reglos auf seiner Hand und er sann darüber nach, wie leicht doch das Gefüge der Welt gestört werden konnte, sah man die Schönheit der Schöpfung nicht mehr. Er starrte dieses Wunderwerk aus Kristall an und seine Augen wirkten traurig, als die Hitze seines Körpers, die unter der Oberfläche lauerte, sie mit einem Mal zerstörte. Zurück blieb nur ein kleiner nasser Tropfen, der in den feinen Rillen des Leders zu einem feuchten Fleck zerlief. War es nicht auch so mit dem Glauben? Ließ man zu, dass die Höllenglut aus den Tiefen der Angst einen erreichte, so schmolz auch der Glaube dahin. Er blickte wieder auf zum dunklen Himmel und tausende kleiner Hoffnungsträger stürmten diese Nacht auf Jorsa hernieder. Gemeinsam konnten sie die Glut überleben und zu einer Macht werden, die jeden Hass unter einer weißen Decke begraben konnte. Er schloss die Augen für einen Moment und genoss das zarte Prickeln, dass die Flocken auf seinem Gesicht hinterließen. Dann wandte er sich der nächsten Häuserecke zu, denn sein Bericht sollte noch diese Nacht den Inquisitor Jorsas erreichen. Gregorius Faust war kein Mann der für viel Geduld stand.
"Er vollstreckt mit eiserner Faust!", sagte einmal jemand über diesen Inquisitor und lachte herzlich ob des Wortspiels. Doch ganz unrecht hatten diese vergangenen Stimmen nicht. Der Templer dachte über seinen Auftraggeber nach. Er war gehorsam bis in den Tod, jedoch bedeutete dies niemals, dass man sich als Templer auf seinen Befehlen ausruhen durfte. Gregorius Faust galt als der strengste Vertreter des jorsanischen Schlages, urteilte schnell, aber stets gerecht. Zumindest versucht er es. Allerdings gingen auch die meisten, harten Bußrituale des Königreichs auf sein Konto. Er duldet keinen Ungehorsam. Disziplin war ihm wichtig, vor allem unter den Templern, auf die er ein strenges Auge hatte. Im Grunde lag es an seinem hohen Verantwortungsbewusstsein und dem Willen, "seine" Templer zu guten Männern zu erziehen, so erklärte sich der Mann in dem grauen Mantel oft die harte Linie, die der Inquisitor verfolgte.
Langsam schritte er durch den dichter werdenden Schneefall. Bald waren seine Schultern und seine Kapuze von einer dünnen weißen Schicht bedeckt. Er fror nicht, aber zu lange sollte er hier nicht verweilen. Die Dunkelheit war kein Freund von schneebedeckten Straßen und vielleicht gab es diese Nacht doch noch irgendwo ein wenig Hoffnung zu finden.
Er selbst hatte sie nicht gefunden, aber er vertraute im festen Glauben darauf, das Lysantor seine schützende Hand über diese Stadt halten würde und wenn er dafür seine Hand zum Schwertstreich führen musste.
Der Besuch bei der Adelsfamilie lag nun fast eine halbe Stunde zurück, aber noch immer bohrte die Enttäuschung in ihm, dass auch diese Zeugin ihn nicht weiter gebracht hatte. Zu mindestens nicht viel weiter, denn ein wertvolles Beweisstück baumelte an seinem linken Arm. Der kleine Kupferkessel war mit einem Tuch abgedeckt und das Gefühl seiner Schwere in seinen Fingern, erinnerte den Templer daran, ihn schnellstens zur Untersuchung bringen zu müssen. Die Befragung der Ehefrau des Hauses war mehr als fruchtlos verlaufen. Sie erinnerte sich an nichts. Allerdings der Ehemann hatte einige aufschlussreiche Hinweise gegeben, die abermals einen jungen Mann beschrieben, der auf das Täterprofil passte. Bis er dann den Kessel von seiner Dienerin hatte bringen lassen, war leider auch noch ein wenig Zeit vergangen. Sie hatte versucht ihn zu säubern, doch war in ihrer Arbeit zu seinem Glück so frühzeitig genug unterbrochen worden, dass es noch ein paar Spuren gab. Der Adelsmann hatte ihm dann ohne Widerrede gern den Gegenstand überlassen und so trug er jetzt einen Funken Hoffnung mit sich, dass sie dem Feind auf die Spur kommen konnten.
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Omniel » Sonntag 4. November 2012, 13:00

Fast hatte Omniel damit gerechnet, von ihr aufgehalten zu werden. Das Mädchen schien ihn zu mögen oder zumindest Mitleid mit ihm zu haben, dass sie daran hinderte ihn einfach so gehen zu lassen. Als er ihre Schritte hinter sich näherkommen hörte, war er einen Moment versucht einfach die Tür zu öffnen und zu verschwinden, ihr Leben genau so abrupt zu verlassen, wie er es betreten hatte. Auch wenn er glaubte, einen deutlichen Eindruck bei ihr hinterlassen zu haben, so war er doch davon überzeugt, dass sie ihn schon bald wieder vergessen würde. Sie war noch jung, ihr ganzes Leben lag noch vor ihr und er tauchte darin nur als dunkle Fußnote auf, ein dunkler, unscharfer Schleier in ihren Erinnerungen. Wenn es stimmte, was ihre Großmutter gesagt hatte, und daran hatte Omniel mittlerweile keine Zweifel mehr, so war Delilah mit einer Gabe gesegnet die nicht viele Menschen empfingen. Sie war vielleicht zu etwas großem bestimmt - und würde es womöglich in ihrem späteren Leben bereuen auch nur irgendwie mit Abschaum, wie es ein Deserteur war, in Verbindung gebracht zu werden.
Er war gerade daran die Tür zu öffnen, die leise raunende Stimme in seinem Kopf, die ihn dazu beglückwünschte und ihn antrieb weiter zu machen, die er als Zeichen seiner Müdigkeit ansah, ignorierte er. Doch dann hörte er ihre Stimme und er hielt abrupt inne.
"Ich zwinge dich zu nichts, Omniel. Aber... ich bitte dich, wenigstens die Nacht über hier zu bleiben. Und wenn nicht, dann vergiss bitte deinen Kompass nicht. Wer soll dir sonst den Weg weisen?"
Omniels Hand schnellte zu seiner Seite, zu der kleinen ledernen Gürteltasche in der er neben dem runden Wetzstein noch etwas anderes aufbewahrte. Doch dieser Gegenstand war nicht mehr an seinem Platz. Er spürte eine Hand an seiner Schulter, eine warme kleine Hand die ihn zurückhielt, davon abhielt nach draußen, in die finstere, kalte näherkommende Nacht zu verschwinden. Er wandte sich zu dem Mädchen um, die Finger immer noch um die Türklinke geschlungen, fast schon gekrallt - mit einer Intension die er sich selbst nicht erklären konnte. Sein Blick fiel in ihre Handfläche wo, der feine Messingkompass seiner Mutter lag.
Einen Moment lang versank er in Erinnerungen, sah sie vor sich, während sie an seinem Bett saß und ihm anhand des kleinen Apparats die Himmelsrichtungen zeigte. Er erinnerte sich daran, wie er sie einmal gefragt hatte: " Man folgt also nur dem Kompass wenn man an sein Ziel kommen will? " Sie hatte gelächelt und mit dem Kopf geschüttelt. " Nein, folgen musst du allein der hier. " Dann hatte sie ihn lachend an der Nase gestupst. " Der Kompass hilft dir nur dann, wenn du dich auf deine Nase nicht mehr verlassen kannst... "
Der junge Mann hob den Kopf und sah dem Mädchen lange in die Augen, dachte darüber nach was sie gesagt hatte. Den Weg weisen... Was war sein Weg und wo führte dieser hin? Gab es überhaupt noch einen Weg dem er folgen konnte? Führte ein Weg nicht immer zu einem Ziel, einem Ziel das sich jeder Mensch selber setzen musste? Auch er hatte eines gehabt, hatte es geteilt mit jemanden, jemanden dessen Weg auch der seine war. Doch dieser jemand war nun fort, unwiederbringlich verloren...genau wie sein Ziel.
Als er nach dem Kompass griff, strichen seine Finger kurz über ihre Handfläche. Er berührte sie nicht lange, nur für einen Sekundenbruchteil und obwohl sie beide wussten, dass diese Berührung nichts weiter bedeutete, gab sie ihm das Gefühl von Wärme und Zuversicht. Langsam, andächtig hob er den Kompass hoch und öffnete ihn. Der Deckel sprang auf und entblößte das Blatt, auf dem die Richtungen eingezeichnet waren sowie die feine Nadel, die durch die Bewegung hin und her schwankte. Für mehrere Sekunden schwang sie hin und her, suchten nach der richtigen Richtung. Immer enger wurden die kleinen Schwingungen, bis sich die Nadel sicher zu sein schien und stehen blieb.
Omniel runzelte leicht die Stirn. Es konnte nicht sein, war der Kompass veschädigt worden, als er aus seiner Tasche gefallen war? Die Nadel stand nicht in Richtung Norden, soviel war er sicher, hatte er doch den Sonnuntergang von dem Schneiderraum aus am Rande mitbekommen. Sie deutete genau auf das Mädchen vor ihm.
Er sah auf und ihre Blicke trafen sich. Zögernd, löste sich seine Hand von der Türklinke und für einen Moment spürte er, wie ein Teil seines Geistes laut und enttäuscht in ihm aufschrie. Er beachtete ihn nicht. Er beugte sich leicht zu Delilah hinunter, sodass sie beide sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen, in gleicher Höhe.
" Ich glaube deine Großmutter hatte recht was dich anbelangt... " meinte er und und kurz wich die gewohnte Bitterkeit aus seinem Gesicht, fiel für einen Moment ab wie eine Maske und entblößte den wahren Omniel darunter. " Ich bleibe für diese Nacht. " Er ließ den Kompass wieder zusammenklappen ohne einen Blick auf sein Gehäuse mehr zu werfen. Hätte er das getan, hätte er erkannt dass die Nadel nun wieder in eine ganz andere Richtung deutete...

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Delilah » Sonntag 4. November 2012, 23:15

Lange sah er sie an. Etwas spiegelte sich in seinem Blick. Etwas, dass das Mädchen nicht recht einzuordnen wusste. Waren es Erinnerungen...? Sie wusste nur, dass sie ihn hier behalten wollte, dass sie keine Wut, keine Verzweiflung in seinem Blick sehen wollte. Die Hand die an seiner Schulter geruht hatte war gesunken, langsam ließ er seinen Blick auf den Kompass nieder, der auf ihrer offenen Handfläche ruhte. Es war ein schönes Stück, fein gearbeitet, was ihr jetzt erst auffiel. Er schien ihm viel zu bedeuten, denn als er nach ihm griff sah sie in seinen Augen das Gefühl, das sie überkam wenn sie nach ihrem Medaillon griff. Genauso musste sie aussehen, wenn sie die Wehmut überkam. Seine Finger streiften kurz ihre Hand, als er sein Schmuckstück zurück nahm. SIe lächelte ihn zurückhaltend an. Hoffentlich würde er bleiben, wenigstens heute Nacht, wenn sich sein Gemütszustand beruhigt hatte.
Sein Blick ruhte auf dem nun geöffneten Kompass, andächtig glitt sein Blick über das Ziffernblatt, doch dann wich der gedankenverlorene Blick einem verwunderten Gesichtsausdruck. Er sah er stirnrunzelnd auf den Kompass und blickte dann sie, beinahe fragend an.
Ihre ruhigen braunen Augen sahen ihn beinahe bittend an und tatsächlich... die zuvor noch verkrampfte Hand löste sich -beinahe gewaltsam- von der Türklinke. Nun beugte er sich zu ihr herunter und angespannt wartete Delilah auf seine Antwort. Was wenn er wieder so merkwürdig wurde? Wenn er so merkwürdig werden würde wie Mortimer es gewesen war? Aber... er war in diesem Moment einfach Omniel. Und zwar der, den Delilah gerne besser kennen lernen würde.
" Ich glaube deine Großmutter hatte recht was dich anbelangt... " Was meinte er denn damit? Sie hatte schon vorhin nicht verstanden, was ihre Großmutter gemeint hatte. Stimmte vielleicht etwas nicht mit ihr? Aber in diesem Moment genoß Delilah einfach den Moment in dem die Bitterkeit aus den freundlichen braunen Augen wich und ihr ein Lächeln ins Gesicht zauberte. "Ich bleibe für diese Nacht..." Nun strahlte Delilah wirklich, ihre Augen leuchteten auf und mit einem erleichterten Lachen schlang sie die Arme um seinen Hals. Dies gelang ihr nur, weil er sich auf ihre Augenhöhe begeben hatte, sonst wäre er zu groß für diesen "Angriff" gewesen. Sie atmete auf, doch dann wurde ihr bewusst was sie gerade tat und ließ ihn erschrocken wieder los, hatte Angst ihn zu sehr bedrängt zu haben. "Oh...! Tut mir leid, Omniel! Wirklich!" Sie biss sich auf die Unterlippe.
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Dienstag 6. November 2012, 10:01

Und plötzlich hing das blonde Mädchen an seinem Hals.
Wie es dazu gekommen war?
Ein grässliches, abstoßendes Gebet, Müdigkeit und flüsternde Stimmen der Trauer hatten ihn hinaus in die Kälte treiben wollen. Hinaus an jenen Ort wo die Temperaturen seinem Herzen sich angleichen konnten. Die Stimme in seinem Innern protestierte jedoch nur kurz, eben bis zu jenem Moment, in dem sich ihre Hände wieder unschuldig berührten. Dieses Kind an der Schwelle zum erblühen, hatte ihn durch eine einfache Erinnerung an seine Mutter zurück gehalten. Wie einfach doch manchmal die Welt funktionierte und wie unlösbar manchmal ihre Rätsel erschienen! Ein Blick auf das Kleinod hatte aus genügt um ihn erkennen zu lassen, dass manche Wege eben nicht immer selbstbestimmt waren und das Leben einem Abzweigungen und Stein in den Weg legte. Manchmal war ein Kursänderung, auch wenn die Nadel nicht nach Norden zeigte, unumgänglich. Delilah hatte ihn angesehen und ihm den Kompass zurück gegeben. Dieser stille Moment der Erkenntnis trat ein, in dem sich der Ausdruck seiner Augen so sehr verändert hatte. Auch wenn Omniel seinen Glauben verloren hatte, Großmutter Resa vor Gläubigkeit nur so strotzte, so war es doch das Mädchen und ihr Leuchten war ihn warmhalten konnte. Delilahs Augen waren wie die wärmenden Strahlen der Sonne.
Er sah sie so ehrlich an und etwas veränderte sich.
" Ich glaube deine Großmutter hatte recht was dich anbelangt... "
Sie verstand noch immer nicht, was auch Oma Resa damit gemeint hatte, aber das wundervoll sanfte Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück.
" Ich bleibe für diese Nacht. "
Eine Welle wahrer Freude übermannte das Mädchen und ließ ihre Arme vorschnellen und sich dem Mann an den Hals werfen. Ihre Augen hatten so gestrahlt, hatten so erleichtert und glücklich gewirkt, dass es schon fast schmerzte, sie dann peinlich berührt zu sehen, als sie ihre Arme hastig wieder zurück nahm.
"Oh...! Tut mir leid, Omniel! Wirklich!"
Noch konnte man ihr Handeln gerade so auf ihre Jugend und mangelnde Erfahrung schieben, aber bald würde sie mit solchen „Ausbrüchen“ ganz andere Reaktionen hervorrufen können. Omniel sah sicherheitshalber zur Tür vom Hinterzimmer, aber Resa hatte von dem Gefühlsausbruch ihrer Enkelin zum Glück nichts mitbekommen. Derartige Missverständnisse konnte er nun wirklich nicht gebrauchen. Der etwas peinliche Moment war vergangen und leise Geräusche von einem Putzlappen, der durch die Gegend geschwungen wurde, erreichten ihre Ohren. Die Berührung ihrer Hand und auch die Umarmung hatten seinen Geist wieder zum Schweigen bringen lassen. Es waren diese vollkommen klare Momente in denen er frei denken konnte und ihn das Gefühl beschlich, er würde irgendetwas übersehen. Es war als lauerte etwas irgendwo tief in den Schatten seiner Erinnerungen, wartete nur darauf, dass er einen Fehler begehen würde um wieder zuzuschlagen. Mit Delilah an seiner Seite konnte er das alles objektive und sachlich betrachten, sich selbst analysieren und versuchen zu verstehen was vor sich ging.
Delilah wiederum spürte, dass es ihm besser ging, wenn sie in seiner Nähe war. Tatsächlich ging es ihm wohl richtig gut, wenn sie ihn berührte und die Verbindung zu ihm geschlossen war. Ob das nun ein unschuldiges Händchenhalten, oder eine heftige, emotionsgeladene Umarmung war, war dabei nicht von Bedeutung. Aber sie konnte doch unmöglich die ganze Nacht mit ihm „Händchenhalten“ oder doch? Allein der Gedanke ließ ihre Ohren glühen! Nähe musste reichen! Delilahs Blick fiel auf einen der Vorhänge der noch einen kleinen Spalt offen stand und sie wohl nicht sorgfältig genug zugezogen hatte. Sie ging zu der Stelle und ein Blick hinaus auf die Straße erfüllte sie mit Entzücken. Der erste Schnee des Jahres fiel in kleinen glitzernden Flocken vom Himmel und tauchte die Stadt in Reinheit. Ein Mann ging die Gasse hinunter. Er trug einen weiten grauen Mantel, so dass man von seiner Gestalt nicht viel erkennen konnte. Durch die Bewegung des Vorhangs angelockt hob sich sein Blick und sah das goldgelockte Mädchen. Ein Lächeln huschte über seine harten Lippen. Mehr konnte sie unter der Kapuze nicht erkennen, aber lieb und höflich wie sie nun einmal war, strahlte Delilah den Wanderer durch die kalte Nacht an und gab ihm so ein bisschen Herzenswärme mit auf den Weg. Ein kurzes, grüßendes Nicken antwortete und wünschte eine gute Nacht. Der Vorhang schloss sich und die Schritte des Mannes folgten ungebremst ihrem Ziel.
Das leise Quietschen der Tür zum Hinterzimmer, riss sie aus ihren Gedanken. Resa hatte einen Eimer mit schmutzigem Wasser in der Hand und bat ihre Enkelin die Tür noch mal kurz aufzusperren, damit sie den Inhalt entsorgen konnte. Delilah gehorchte und sah nur kurz den Weg zu ihre Linken hinunter, als der Mann im grauen Mantel weiter hinten, gerade um die Ecke bog. Klatschend beförderte Resa das Schmutzwasser in den Rinnstein. Eisige Luft wehte in den Schneiderladen und ließ alle drei kurz erzittern. Delilah schloss den Laden wieder gut ab und Resa nahm den Schlüssel an sich. Die alte Frau räumte die Putzutensilien weg und musterte dann Omniel.
„Nebenan ist jetzt alles vorbereitet. Ihr könnt nun schlafen gehen, Omniel.“
Ihr Blick zu Delilah hieß dem Mädchen ihr und dem Mann zu folgen. Gemeinsam betraten sie das Hinterzimmer. Es war ein kleiner Raum, fast nur ein Durchgangszimmer, aber gemütlich eingerichtet. Man merkte in jedem Detail des Ladens wie auch in den privaten Räumen, dass der Schneider ein Mann mit Geschmack war. Der Raum hatte zwar kein Fenster, aber ein schönes Ölgemälde einer Landschaft ersetzte die Aussicht. Eine weitere Tür führte von hier eine Treppe hinab in die Lager des Kellers. Auch in diesem Raum waren an einer Wand, bis zu den Decken hohe Regale mit Stoffballen in allen Farben, angebracht. In der rechten Ecke stand eine gepolsterte Couch und davor lag eine einfache Matte. Auf einem Tisch brannten fünf Kerzen in einem Leuchter und die alte Frau hatte noch einige Kerzen mehr gefunden und auf kleinen Untersetzern im Raum aufgestellt. Der ganze Raum war erfüllt von einem warmen Leuchten und schon bei dem Anblick der vorbereiteten Schlafstätte, fielen Omniel fast die Augen zu. Resa hatte ein paar Decken bereit gelegt und ein Feuer brannte in dem kleinen Ofen und spendete wohlige Wärme. Oben auf stand ein kleiner Topf mit Brühe und ein halber Brotleib lag daneben auf einem Tisch, sowie ein paar Nüsse in einer Schale. Zwei Löffel und zwei Teller standen auch bereit und warteten darauf benutzt zu werden.
„Ich sehr noch mal nach Mortimer.“
Resa schenkte auch Omniel ein etwas zögerliches, aber doch aufmunterndes Lächeln und ging dann wieder hinaus. Das Quietschen der Stufen unter ihren Füßen, zeigte an, dass sie wirklich die Treppe hinauf ging. Delilah und Omniel waren wieder allein und eine lange Nacht lag vor dem jungen Mädchen und sie würde diese Wache sehr ernst nehmen. Die tiefen Schatten um Omniel Augen sprachen eine deutliche Sprache.
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Omniel » Donnerstag 8. November 2012, 21:13

Bevor Omniel reagieren konnte, hatte ihm Delilah schon die Arme um den Hals geworfen und sich an ihn gedrückt. Für einen Moment erstarrte er leicht, vor Verblüffung über die so überschwängliche Geste ganz überrascht. Es war lange her, seit ihm jemand so viel Zuneigung gezeigt hatte und die Tatsache, dass er das Mädchen erst seit wenigen Stunden kannte, machte die Sache umso bizarrer. Nach all dem, was vorgefallen war, hätte sie doch froh darüber sein können, dass er und damit auch die Gefahr die er ausstrahlte ein für alle Mal aus ihrem Leben verschwand. Doch das Gegenteil schien der Fall zu sein. Warum auch immer - Delilah schien etwas an ihm zu liegen und soviel es Omniel auch verwirrte, so gab es auch einen kleinen Teil in ihm der sich mehr darüber freute als er sollte.
Anstatt sie also zurechtzuweisen oder gar von sich zu stoßen, hob er unsicher den Arm und tätschelte vorsichtig ihre Schulter. „Hey...schon gut, ich geh nicht. Außer du gibst deiner Großmutter einen Grund dafür.“
Er war froh, als sie schließlich einen Schritt zurücktrat und ihn schuldbewusst ansah. Er lächelte leicht und signalisierte ihr damit, dass er ihre kleine Attacke nicht übel nahm, konnte dabei aber nicht ganz seine überraschte Miene verbergen. Nebenbei flog sein Blick zur Tür hinter dem Ladentisch. Zum Glück kam die alte Dame nicht sogleich aus dem Hinterzimmer gerauscht, um ihn eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Er fragte sich ob Delilah öfters wildfremde Menschen umarmte oder ob er sich etwas darauf einzubilden hatte.
Den Gedanken verwarf er jedoch sofort wieder, als das Mädchen sich, mit rosigen Ohrenspitzen und bewusst abgewandten Gesicht zu einem der Fenster ging, an denen der Vorhang einen Spalt weit offen war. Über ihre Schulter konnte Omniel die langsam herunter rieselnden Schneeflocken sehen. Im Gegenteil zu dem freudigen Entzücken des Mädchens reagierte er darauf missmutig. Wenn es so weiterschneien würde, wären bald die Straßen eingeschneit - ganz zu schweigen von den Wegen außerhalb der Mauern. Zum Glück hatte er jetzt den Mantel, doch Schnee, Eis und Kälte waren dennoch keine guten Weggefährten für eine Reise. Und auch wenn er die heutige Nacht hier im Haus verbrachte - so wäre er Morgen wieder dort draußen unterwegs.
Omniel sah gedankenversunken nach draußen, während er in sich hineinhorchte und zu seiner Erleichterung nichts vernahm - keine Stimmen die ihn Dinge anschafften oder andere unnatürliche Aktivitäten. Es kam ihm so vor, als hätte Delilahs stürmische Umarmung ihn so überrascht, dass alles Dunkle in ihm für den Augenblick den Atem anhielt.
Bevor er jedoch weitere Nachforschungen diesbezüglich anstellen konnte, betrat Resa den Raum, durchquerte ihn und hieß Delilah für sie die Tür zu öffnen. Die kalte Brise, die nun in die Schneiderei hineinwehte, brachte Omniel dazu sich noch einmal für seine spontane Entscheidung die eisige Nacht hier zu verbringen beglückwünschen. Er bemitleidete jeden Obdachlosen und Streuner, der bei diesem Wetter und der Temperatur heute draußen übernachten musste.
„Nebenan ist jetzt alles vorbereitet. Ihr könnt nun schlafen gehen, Omniel.“
Omniel sah Resa dankend an und als sie ihn und Delilah das Zeichen gab ihr zu folgen, tat er es anstandslos. Er war müde - keine Müdigkeit, die von der Flucht oder dem Kampf in der Kneipe herrührte. Diese Erschöpfung kam von ihm, hatte ihre Wurzeln in seinem Inneren, wie eine Krankheit schien sie seinen Körper zu vergiften und ihm alle Kräfte zu berauben.
Als sie in den kleinen Raum traten, sah er sich kurz um. Es gefiel ihm hier, das Zimmer war warm und gemütlich und der feine Geruch von gefärbtem Stoff lag in der Luft. Die Scheite im kleinen Kamin knackten leise und verschmolzen mit dem Säuseln des Windes von draußen zu einer harmonischen Melodie. Omniels Blick fiel auf die weiche Bank an der Wand und dann auf die blanke Matzratze am Boden. Ohne erst darüber nachzudenken, ließ er den Mantel auf die Matte fallen, dann legte er sich mit müden, aber immer noch geschickten Fingern den Waffengurt ab und lehnte sein Schwert in der Scheide am Kopfende an die Wand. Das Mädchen nahm schon genug auf sich, dass sie hier, fern ihres eigenen gewohnten Bettes übernachten musste, da wollte er ihr zumindest den weicheren Schlafplatz überlassen. Außerdem erinnerte ihn die einfache Matratze an die Nächte in der Kaserne.
Erst nach dem zweiten Mal hinsehen, bemerkte er das vorbereitete Nachtmahl auf dem Tisch und spürte sofort, wie sein Magen sich hungrig zusammenzog. Er wandte sich an Delilahs Großmutter und deutete eine kleine höfliche Verbeugung an.
„Ich danke euch Resa. Ihr seid sehr goßzügig zu einem Fremden“
Er erwiederte ihr Lächeln müde und sahdann zu Delilah rüber, nachdem sie gegangen war. „Hast du Hunger? Ich könnte nämlich ein wenig vertragen...“

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Delilah » Sonntag 11. November 2012, 21:54

Nein sie konnten wirklich von Glück sagen, dass Großmutter Resa nichts von dieser Sache mitbekommen hatte. Delilah hätte sich schrecklich gefühlt, wenn Omniel wegen ihr Ärger bekommen hätte oder womölich hinausgeworfen würde. Schließlich hatte SIE ihn umarmt und nicht andersherum. Für kurze Zeit verschwand immer das Leid aus seinen Augen und machte einem beinahe fröhlichen Glitzern Platz, wenn sie ihn berührte und das freute sie ungemein. Woran das lag wusste sie jedoch selbst nicht und es wollte ihr im Moment auch nicht in den Kopf. Etwas Weißes blitzte zwischen einem Spalt im Vorhang hervor und lengte Delilahs Aufmerksamkeit auf sich. Sie sah hinaus und erneut schlich sich ein warmes Lächeln auf ihre rosigen Lippen. Wie viele Tausend Hoffnungsschimmer flatterte der erste Schnee vom Himmel hernieder, bedeckte graues Gestein und abgetretene Wege. Weich und in ihrer reinen Perfektion fielen die Flöckchen und verbargen fast die graue Gestalt die die Straße entlang ging. Auch ihm schien der erste Schnee fröhlich zu stimmen, denn ein kurzes Lächeln veränderte die hart wirkenden Lippen. Delilah strahlte den einsamen Wanderer durch die Vorhänge hindurch an, dann wandte sich ihr Blick wieder glitzernd gen Himmel. Wie wundervoll doch immer der erste Schnee war! So rein, weiß... wenn morgens die Sonne auf frischgefallen Schnee fiel, dann glitzerte das Licht Lysanthors in den faszinierensten Farben. Der Mann nickte ihr kurz zu, dann verschwand er im dicht wirbelnden Schnee. Delilah zog den Vorhang fester zu, es sollte niemand die Möglichkeit haben hinein zu blicken. Hinter sich hörte das kleingewachsene Mädchen das Quietschen einer Tür und den wohlbekannten Rhytmus von Resas Gang. Nachdem das teerige Dreckwasser auf die Straße verbannt war und der letzte Rest der eisigen Kälte sich in die Ecken des Ladens verflüchtigte, war es Zeit in die hinteren Räume des Schneiderladens zu gelangen. Hier war Delilah noch nie gewesen und neugierig sah sich das Mädchen um. Ein kleines, gemütliches Zimmer begrüßte sie. Das Licht der vielen Kerzen war flackernde Schatten an die Wände. Zwei Schlafstätten hatte ihre Großmutter hergerichtet. Alles in allem strahlte dieser Raum pure Gelassen- und Gemütlichkeit aus. Der perfekte Ort zum Schlafen. Von der eisigen Kälte die draußen herrschte war hier drinnen nichts zu spüren, der Ofen und die Kerzen spendeten eine wohlige Wärme die einen dazu einlud, sich in eine Decke gewickelt auf das Sofa zu legen, die Brühe zu löffeln und sich die kalten Zehen zu wärmen. Stirnrunzelnd nahm sie zur Kentnis, dass Omniel sich die einfachere Schlafstätte gesucht hatte. Aber wenn dies sein Wunsch war... Delilah sah lächelnd ihre Großmutter an als Omniel sich höflich bei ihr bedankte und die alte Frau ging ihrem Freund zu helfen. Nun wandte Omniel sich an sie: "Hast du Hunger? Ich könnte nämlich ein wenig vertragen..." Delilah grinste. "Natürlich!" Sie wies einladend auf den gedeckten Tisch. Sie füllte einen Teller mit reichlich warmer Brühe, brach ein großes Stück Brot ab und legte es daneben. Dann füllte sie sich eine um einiges kleinere Portion ein und begann zu essen. "Lass es dir schmecken, Omniel." Der freundliche Blick den sie ihm schenkte, rundete die gemütliche und einladende Atmosphäre noch ab. "Schade, dass ich kein Buch dabei habe..." , sprach die Blondgelockte leise, mehr zu sich selbst als zu Omniel. Doch dann hob sie ihren braunen Blick wieder und sah Omniel an. "Nimm dir doch lieber die gemütlichere Ecke. Du siehst müde aus, du brauchst doch die Erholung... wenn du bald wieder gehen willst." Er sollte wissen, dass er hier nicht eingesperrt war. Sie wollte ihre Hilfe anbieten, aber nicht aufdrängen.
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Dienstag 13. November 2012, 09:51

„Hey...schon gut, ich geh nicht. Außer du gibst deiner Großmutter einen Grund dafür.“
Dieser kleine Kommentar bewirkte nur erneut, dass Delilahs Ohren sich rötlich färbten. Der einzigste Grund, der ihr bei dieser Erwähnung einfiel, war eine unsittliche Handlung zwischen ihr und dem Soldaten. Allein der Gedanke daran war so abwegig, dass sie ihn nicht fortführen konnte. Omniels Lächeln nahm aber sofort die Spannung aus der Situation und ließ sie sich wieder entspannen. Er war halt doch ein herzensguter Mensch, da war sie sich inzwischen ganz sicher! Resa würde wahrscheinlich wieder meinen, sie sein viel zu zutraulich und vielleicht sogar ein bisschen naiv, aber Delilah wusste es besser! Omniel würde ihr niemals etwas tun! Er war gut und das zeigte sich in allem was er tat!
Denn Omniel wusste die Fürsorge der alten Frau sehr wohl zu schätzen. Es war nicht selbstverständlich ihn so zu behandeln und er reagierte entsprechend. Seine Worte kamen von Herzen, das spürte sie einfach.
„Ich danke euch Resa. Ihr seid sehr großzügig zu einem Fremden“
Nachdem Resa gegangen war wandten sie sich dem vorbereiteten Essen zu. Die einfache Suppe roch jedoch sehr appetitlich und so meldete sich ihr Hunger. Omniel fragte Delilah:
„Hast du Hunger? Ich könnte nämlich ein wenig vertragen...“
Ihr ungezwungenes Beisammensein, es war so herrlich natürlich. Fast hätte man in dieser Umgebung vergessen können, was noch Minuten zuvor alles geschehen war.
"Natürlich!"
Delilah befüllte die beiden Teller und brach das Brot.
"Lass es dir schmecken, Omniel."
Ein paar Löffel später murmelte sie leise:
"Schade, dass ich kein Buch dabei habe..."
Omniel konnte sich gut vorstellen, dass eine Wache ohne jegliche Ablenkung für das ungeübte Mädchen furchtbar langweilig werden musste und doch schienen ihre Gedanken sich einzig um sein Wohl zu drehen.
"Nimm dir doch lieber die gemütlichere Ecke. Du siehst müde aus, du brauchst doch die Erholung... wenn du bald wieder gehen willst."
Sie war wirklich ein erstaunliches Kind. Auch ihr Argument war nicht ganz abwegig, auch wenn er es aus einer ganz anderen Richtung betrachten konnte. Würde er über sie zu wachen haben, hätte er sich auch die unbequemere Matte ausgesucht, eben um nicht in Gefahr zu geraten einzuschlafen. So betrachtet, war es vielleicht sogar ganz gut, wenn er das weiche Sofa für sich eroberte, doch er war ein Soldat und unbequeme Pritschen gewohnt, so beließ er es dabei. Ihr Kommentar, dass sie kein Buch dabei habe, ließ ihn sich umsehen. Die einzigen zwei dicken Exemplare, die schon vom Einband her einschläfernd aussehenden Kassenbücher, standen in einem der Stoffregale. Omniel hatte aufgegessen, war angenehm gesättigt, hatte wenig geschlafen, fühlte sich durch Delilahs Anwesenheit sogar recht sicher, sodass ein weiterer Blick auf die Kassenbücher seiner Lider so weit senkte, dass er sie nur noch mit äußerster Willenskraft auf bekam. Für Delilah sah es schon fast komisch aus, wie der junge Soldat mit seinem Bewusstsein rang und immer wieder die Augen zu fielen. Es machte den Eindruck, dass sie ihn nur anstupsen müsste und er würde ins Reich der Träume fallen. Omniel kam jedoch der Ausführung von diesem Gedanken zuvor und sackte einfach in sich zusammen, rollte zur Seite und sie brauchte nur noch seine Füße auszustecken. Der arme Mann hatte wohl in letzter Zeit einfach zu viel ertragen müssen. Delilah bettete ihn sorgfältig und Omniel drehte sich unbewusst zurecht. Sein Atem ging gleichmäßig und Delilah hatte nun Zeit und Möglichkeit, sich den Soldaten einmal ungestört aus der Nähe betrachten zu können. Eine lange Nacht lag vor ihr und auch wenn Resa noch einmal nach ihr sah, wollte sich ihre Oma auch ein paar Minuten auf Ohr legen. Die ältere Dame vergewisserte sich, dass es ihre Enkelin und ihrem nicht ganz ungefährlichen neuen Freund gut ging und verschwand dann in die obere Wohnung zu Mortimer. Delilah war allein mit dem Mann, der in sich eine furchtbare Last trug und wenn ihr junges Herz auch von Furcht erfüllt war, so war da auch eine unerschütterliche Hoffnung, dass sie den nächsten Morgen sehen würde.

Hintergrundmusik
(am besten nebenbei laufen lassen und selbst langsam und flüsternd vorlesen – macht eine schön gruselige Stimmung)

„Du … bist … nicht … allein!“
Es war nur ein Flüstern …
Was eben noch warm und wohlig sich angefühlt hatte,
tauchte in ein diffuses Gefühl der stillen Reglosigkeit.
In eben jene Reglosigkeit die man fühlte bevor die Angst kam,
bevor die Angst begann.
Angst die sich wie Nebelschwaden,
wie zarte Schleier,
wie Arme … zärtlich um seine Seele legten.
Weißes Rauschen erfüllte den Raum seiner Seele
und sickerte wie feinster Sand hinab in sein Unterbewusstsein.
Eine gräulich weiße Umgebung ohne Form und Farbe umgab ihn ohne Bezugspunkte,
ohne jegliches Gefühl.
Leere,
Stille,
Einsamkeit.
Verlust!
Es war die Leere seines Herzens die ihn umarmte,
die ihm zuflüsterte und erschaudern ließ:
„ … und auch du … wirst mich nicht … alleine lassen!“
Die Stille rückte näher, wurde greifbarer,
gewann an Form und Figur.
Es änderte sich,
schlich sich an.
Es ließ die Schleier fliegen und wob seine Presence in die Ahnungen dazwischen.
Waren da Laute?
Schritte?
Ging er einen Gang hinunter in dieses Rauschen?
Was war dort unten?
Das Rauschen in seinen Ohren wurde lauter und die Umgebung realer.
Warum mussten Träume manchmal so grausam real sein?
Er konnte kaum noch atmen
und wünschte sich aus dem wabernden Weiß um sich herum hinaus in seine Erinnerungen,
Hinaus in sein Bewusstsein.
Tiefer hinein in das Grau seiner Angst,
in das Weiß seiner Einsamkeit die jede Farbe verloren hatte.
Trauer war nicht schwarz!
Trauer war weiß und schneidend wie Hass und Rache!
Ging er hinab, oder stieg seine Angst seine Kehle hinauf?
Die Nebelschwaden drohten ihn zu ertränken, als es endlich wieder stiller wurde und ferne helle Klänge ihn Trost spenden wollten. Er spürte den Griff einer kalten Hand an seiner und sah zu ihr hinab.

Hintergrundmusik

Sein Herz schlug ein einziges Mal.
Dann wurde ihm bewusst, dass diese zarten Finger … tot … in seinen lagen,
sich doch regten und dort seine Nerven streichelten.
Das konnte nicht sein!
Das durfte nicht sein!
Sie war tot!
Sein Atem ging ein einziges Mal.
Dann wurde ihm bewusst, dass ein Schatten vor ihm kniete.
Nein, sie konnte ihn nicht ansehen,
nicht ihre wunderschönen kalten, toten Augen auf ihn richten.
Über seine Haut jagte ein einzelner Schauer.
Er war nicht allein.
So widernatürlich dies alles war,
so sehr hatte er sich ihren Blick,
ihre Berührung herbei gesehnt!
Sein Mund öffnete sich ein einziges Mal
und ihr Name verhallte ohne Stimme,
ohne Klang in den Nebeln seiner schmerzenden Seele.
Sie war bei ihm.
Sie war tot und ließ ihn doch nicht los.
Die milchigen perlmuttblauen Seen ihrer Augen spiegelten seine Liebe.
„Liebster!“
Es war ihre Stimme, so klar, so fern und in ihm ein süßes Flüstern.
„ … du wirst mich nicht mehr allein lassen?“
Es war eine Frage. Eine Frage die keiner Antwort bedurfte.
„Ich bin bei dir!“
Gleich einer Drohung brannten sich die Silben in seine Seele.
Sie hob eine Hand an sein Gesicht und legte sie kalt an seine Wange.
Es war eine Geste die er nur zu gut kannte,
doch hier spendete sie keine Wärme, keine Geborgenheit, nur ihren eisigen Hauch.
„Bleib bei mir, mein Liebster!“
Er nahm feinste Klänge wahr die ihn fort ziehen wollten.
„Komm zu mir, mein Liebster!
Du weist, wo du mich findest!“
Schon war sie weit weg und kaum noch zwischen den Nebeln zu sehen.
Ihre Hand hatte sich flehend zu ihm empor gestreckt,
entfloh seiner Reichweite.
Er sehnte sie zurück!
Trotz des Schmerzes, trotz der Angst,
er sehnte sie zurück!
Wellen des Schmerzes flossen durch die weißen Schleier und brandeten gegen seine einsame Seele. Sie war fort und einzig feine Klänge begleiteten ihn durch das ferne Rauschen der Wellen. Er schwamm durch seine Leere und strebte seinem Atem entgegen,
der auf ihn an der Oberfläche wartete.
Sein Atem ging ein einziges Mal.
Sein Herz schlug ein einziges Mal
und er öffnete mit einem Schauer seine Lippen um zu erwachen.

„OMNIEL!“
Delilahs Stimme riss ihn aus seiner Umnachtung. Doch es dauerte lange bis er in die Wirklichkeit zurück fand. Er sah das Mädchen vor sich und sah die Macht die sie in sich trug. Das Strahlen einer Kerze blendete seine Augen, als müsste er in die Sonne sehen und hätte keine Lieder, die ihn schützten. Doch da war auch ihre Stimme die ihn erreichte, Worte sprach die er erkennen sollte. Es war der Klang ihrer leisen warmen Stimme die ihn begleitet hatte, die ihm leise vorgesungen hatte.
Delilah hatte an seinem Bett gewacht. Die Nacht war lang gewesen! Resa hatte sie nur für eine Stunde schlafen lassen. Die alte Frau war herein gekommen und hatte sich zu ihnen gesetzt. Zwischen ihr und Omniel lag das gesegnete Kind, das sie aufgezogen hatte und nun den Weg ihrer Bestimmung beschreiten sollte. Resa betrachtete die beiden Schlafenden und war nicht glücklich. Sie saß still da und lauschte in die Dunkelheit, eine einzelne Kerze in ihrer Hand, die sie verbrennen würde, sollte sie einschlafen. Es war die Finsternis, die wie eine Ahnung dieses Zimmer einnahm und es erfüllte. Resa spürte sehr wohl wie die Dunkelheit nach ihr griff, doch für ihr Kind würde sie alles geben! Leise betete sie ihre Psalmen rauf und runter, ohne auch nur einmal aufzusehen. Auch wenn sie nicht die gleiche Macht in sich trug, wie das Kind, was sie bis zu diesem Tag beschützt hatte, so trug sie doch ihren festen und wahren Glauben vor sich wie ein Schild. Es waren die dunkelsten Stunden, die mit Träumen lockten, ihr Bewusstsein in die Tiefe ziehen wollten. Schatten wanderten über die Wände und säuselten süße Versprechen, doch sie blieb standhaft, bis sie ihr Mädchen wieder wecken konnte. Diese eine Stunde hatte Delilah kaum Kraft geschenkt, aber ihrer Oma Jahre genommen. Mit tiefen Augenringen war sie wieder nach oben in die Wohnung des Schneiders gegangen. Delilah musste selbst wach bleiben und entsann sich einiger Lieder, mehr Melodien, die einst ihre Mutter an ihrem Bett gesungen hatte. Die leisen Töne kamen ganz wie von selbst und Omniel schien ruhig zu schlafen, ruhiger als zuvor. Sie wähnte sich nicht in Sicherheit, denn die Schatten lebten in der Nacht. Still, wie tot lag der Soldat neben ihr und atmete kaum noch. Sie fühlte kaum noch Puls an seinem Handgelenk, kaum noch Leben in diesem kalten Körper. Ein eisiger Schauer erinnerte sie an die einstige Bettstadt ihrer Mutter, die so kalt und still geworden war. Die Bilder ihrer frühsten Kindheit kamen wieder hoch und ihre Hand wanderte instinktiv zu dem Amulette an ihrem Hals. Zwei Rosenblätter ruhten darin. Nein! Sie wollte ihre Mutter nicht sterben lassen, diesen Mann nicht sterben lassen, nicht noch einmal! Ihre Gedanken waren irrational, doch es war auch ihre Herz was sie handeln ließ. Ihre Hände hielten die seinen umklammert und sie rief immer wieder seinen Namen in die Finsternis seiner Seele. Wärme floss durch diese kleinen Hände in jenen Körper, wollten ihn nicht gehen lassen. Nicht so …
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Delilah » Dienstag 13. November 2012, 13:16

Delilahs Schlaflied für Stürmische Nächte ;3

Delilah lächelte sanft, als sie sah wie Omniel todmüde wie er war einfach auf das gemachte Bett fiel. Sie half ein wenig nach, damit er ordentlich lag und legte ihm die Decke über. Dann begann sie im warmen Widerschein der vielen Kerzen für Ordnung zu sorgen. Leise räumte sie das Geschirr weg und als alles getan war und sie keine Aufgabe mehr für sich fand setzte sie sich auf die Matratze. Ihre großen, rehbraunen Augen betrachteten neugierig den Schlafenden, der als beinahe friedlich aussehend zu bezeichnen war. Noch zeichneten sich keine Falten auf seiner Stirn ab, dies würde erst später in der Nacht, wenn die finsterste Stunde näher rückte geschehen. Noch waren die feinen Gesichtszügen entspannt und sein Atem ging in tiefen, ruhigen Zügen.
Delilah lehnte sich mit angezogenen Beinen an das Sofa und bekämpfte die näherrückende Müdigkeit in dem sie sich selbst einige Fragen stellte. Warum war es ihr so wichtig, diesen ihr beinahe völlig Fremden heute Nacht hier zu haben? Sie war sich selbst nicht sicher, aber etwas, irgendetwas in seinen Augen hatte in ihr die Angst geweckt die sie damals bei ihrer Mutter gespürt hatte. Es war dieser Gesichtsausdruck, den man hatte kurz bevor man sich und alles was einem lieb war aufgibt, weil man mit dem Jetzt und Hier nicht mehr zurecht kommt, weil einen die Vergangenheit noch in seinen quälenden Fängen hat. Und vielleicht... wollte Delilah dieseseinemal nicht die Hilflosigkeit spüren die mit diesem Gesichtsausdruck bei den anderen ausgelöst wurde. Es schien dem Soldaten besser zu gehen, wenn sie in seiner Nähe war, dies war damals nicht der Fall gewesen... aber diesesmal! Diesesmal würde sie helfen können... so hoffte Delilah jedenfalls. Plötzlich sah sie etwas aus den Augenwinkeln. Die Schatten streckten sich in den dunklen Ecken des Raumes, ließen sich vom sanften Widerschein der Kerzen nicht mehr vertreiben. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schlafendem zu. Der junge Mann war blass geworden, auf seiner Stirn glitzerten Schweißperlen und seine Lippen waren fest zusammengepresst. Was wohl gerade in ihm vorging? Besorgt strich Delilah ihm eine seiner wilden Strähnen aus dem Gesicht. Sollte sie ihn wecken? Ihr Blick fiel auf eine der Kerzen und erneut erschrak sie leicht. Die Kerze war ein gutes Stück hinunter gebrannt, versunken in ihre Gedanken war die lange Nacht um einiges an ihr vorbei gezogen, war sie womöglich eingeschlafen? Die Gemütlichkeit des Raumes war einer furchteinflößenden Atmosphäre gewichen, die ahnungsvoll auf Delilah hernieder ging wie kalter Nebel. Ihr Herz sank ein Stück herab, doch dies durfte nicht der Fall sein. Nein sie war nicht eingeschlafen und das sollte so bleiben. Nun bemühte sie sich bewusst wach zu bleiben und über Omniels Schlaf zu wachen, doch die Nacht wollte und wollte nicht weichen. Sie ignorierte die Schatten in ihrem Rücken die ein immer wilderes Spiel trieben. Die Nacht dehnte und streckte sich, schien um jede Sekunde gegen das Tageslicht anzukämpfen und war festgewillt ihr nicht den Platz zu überlassen. Und während die Zeiten ihren Kampf austrugen, wurde Omniel immer kälter und blasser. Als Delilah kurz vor der totalen Erschöpfung stand, ihr Kopf war schon auf die verschränkten Arme gesunken, legte sich eine warme Hand auf ihre Schulter. Delilah fuhr hoch und sah schuldbewusst zu ihrer Großmutter auf. "Er sieht nicht gut aus, Oma. Was soll ich machen?", flüsterte das müde Mädchen. Doch selbst ihre Granny schien darauf keine Antwort zu wissen, sie wusste doch sonst immer was zu tun war! Die Furcht nistete sich in Delilah Herzen ein und spreizte die kalten, schwarzen Flügel. "Schlafen sollst du." , sprach die wohlbekannte Stimme und obwohl Delilah sicher war vor lauter Sorge keinen Schlaf finden zu können, war sie schnell ins Reich der Träume hinüber geglitten. Wirre Lichter und Sonnenschein spielten vor ihrem inneren Auge und ihr war als wäre sie eben erst eingeschlafen, als ihre Großmutter sie wieder weckte und müde und mit schweren Schritten zurück zu Mortimers Gemächern die Treppe hinauf stieg. Delilah sah sich um, die Müdigkeit lähmte ihre Glieder, als sie -die Schatten wieder ignorierend- zu Omniel blickte. Er war blass, sah fast aus wie tot, und kurz ganz kurz blitzten vor Delilahs Augen die Bilder ihrer Mutter auf wie sie auf dem Totenbett lag. Eine Entschlossenheit wuchs in Delilah, verdrängte den schwarzen Vogel namens Furcht, und mit der Hand an ihrem Medaillon besann sich Delilah eines ihrer liebsten Schlaflieder, die sie früher immer durch die Nacht gebracht hatten. Zuerst von ihrer Mutter gesungen, dann von ihrer Großmutter weitergeführt. Es sprach von Ängsten in der Nacht und dem Wissen dass am Morgen alles wieder gut sein würde. Delilah hoffte so sehr, dass Omniel wieder aufwachen würde, munter und gesund. Sie umklammerte seine Hände, sprach seinen Namen, sang weiter und wartete auf den Morgen... wenn er doch nur bald kommen würde! Der Morgen mit seinen Sonnenstrahlen, die sich im frischgefallen Schnee brachen! Sie sehnte ihn so sehr herbei!
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Omniel » Samstag 17. November 2012, 16:29

"Lass es dir schmecken, Omniel."
Dankend setzte sich Omniel an den gedeckten Tisch und geriet leicht in Verlegenheit, als das blonde Mädchen ihn bewirtete. Sie schenkte ihm reichlich Brühe ein und überlies ihm großzügig einen Großteil des Brotes. Immer noch war ihm die Freigebigkeit und das Vertrauen dieser Menschen ein Rätsel, die einen fremden und allem Anschein nach gefährlichen Fahnenflüchtigen bei sich aufnahmen wie einen langjährigen Freund und Bekannten, Schlafstatt und Essen mit ihm teilten, welches in diesen harten Zeiten ohnehin fast zu wenig war.
Der junge Mann nahm den hölzernen Löffel, den Resa neben seinen Teller bereitgelegt hatte und taucht ihn in die Suppe. Sie roch köstlich und Omniel wusste, dass er Hunger hatte, war seine letzte Mahlzeit doch schon etwas länger her. Trotz allem bemerkte er jegliches Fehlen eines Appetits oder Vorfreude auf das bevorstehende Mahl. Es schien fast so, als würde sein eigener Körper ihm zu signalisieren dass er etwa essen musste, zur gleichen Zeit hinderte ihn jedoch sein Geist daran es zu genießen.
Er schob es auf seine Müdigkeit, die sich nun, da er sich wieder gesetzt hatte wieder in ihm ansammelte. Dann hob er den Löffel an seinen Mund, wollte schon von der Suppe kosten als er sich kurz besann und innehielt. Einen kurzen Moment sah er abwartend zu Delilah hinüber, als sie ihm jedoch zu verstehen gab, er solle zulangen, tat er das auch. Er war froh, dass sie ihn mit einem Tischgebet verschonte, hatte er doch für heute schon genug Lobpreisungen und Gebete an Lysanthor vernommen.
Die Brühe war heiß und war bestimmt köstlich, doch schmeckte sie auf Omniels Zunge schal und auch die Wärme, welche die Flüssigkeit zweifellos innehatte - stieg doch leichter Dampf von dem Teller vor ihm auf, schien zu schwinden sobald der Löffel seine Lippen berührte.
"Schade, dass ich kein Buch dabei habe..."
Er hatte sich so sehr auf das Essen konzentriert, dass er ihre Anwesenheit schon fast vergessen hatte. War er schon so müde? Vermutlich, denn er benötigte mehr und mehr Willenskraft die Augen offen zu lassen.
" Du...musst keine Wache halten. Dich die ganze Nacht nicht schlafen zu lassen wäre nicht richtig. "
Wieder fühlte er sich als eine Last für Resa und ganz besonders für ihre Enkelin. Natürlich verstand er ihr Besorgnis um ihn - hatten sie doch beiden gesehen, was mit dem Schneider geschehen war. Und gut, Delilah mochte ihn vielleicht wirklich, aber trotzdem: Er konnte nicht von einem kleinen Mädchen verlangen die Nacht durch über ihn zu wachen. Er nahm sich vor so lange wie möglich wach zu bleiben, wenn er konnte sogar länger als Delilah. Doch als er nach dem Stück Brot neben seinem Teller griff und es erst beim dritten Versuch zu fassen bekam, wusste er dass die Chancen für dieses Unterfangen ziemlich schlecht standen. Was war nur mit ihm los? Im Grundtraining der Armee hatte er doch auch mehr als einen Tag ohne Schlaf überstanden.
Er legte den Löffel zur Seite, als der Teller vor ihm geleert war und griff nach einer der Nüsse, in der Schale neben dem Suppentopf. Sein Hunger schien gesättigt zu sein, zumindest glaubte er das. Noch immer fühlte er sich leer und schwach und eine einzelne Nuss würde das nicht ändern - vermutlich auch nicht die ganze Schale davon. Doch er wusste, dass es zur guten Sitte gehörte, von allen Speisen am Tisch zu essen, auch wenn er nur eine Kleinigkeit davon nahm. Ganz ohne Manieren hatte ihn seine Mutter wohl doch nicht zurückgelassen.
"Nimm dir doch lieber die gemütlichere Ecke. Du siehst müde aus, du brauchst doch die Erholung... wenn du bald wieder gehen willst."
Er schüttelte nur müde den Kopf, während er sich förmlich abmühte die Nuss in seiner Faust zu knacken. Wenn er bald wieder gehen würde, würde selbst eine einfache Matratze ein Luxus sein - er durfte sich also nicht daran gewöhnen, geschweige denn die gemütliche Bank vorziehen, die er immer noch Delilah überlassen wollte. Aber sie meinte es wohl wirklich ernst damit, wach zu bleiben und auf ihn aufzupassen, deshalb widersprach er nicht. Er wollte mit ihr nicht wegen einer Kleinigkeit wie der Wahl des Schlafplatzes streiten. Außerdem war er viel zu müde dafür...
Langsam spürte Omniel, wie es vor seinen Augen schwarz wurde. Es geschah ohne Vorwarnung und so rasch, dass er nichts dagegen tun konnte - selbst wenn er es gewollt hätte. Was auch in ihm wütete, es forderte ihn so sehr, dass der Schlaf sich als willkommene Erlösung anbot. Doch Omniel wusste, dass dem nicht so war, er kannte den Grund dafür, warum er in den letzten drei Nächten so lange in unbequemer Lage auf dem Bett sitzend verbracht hatte, die Beine angewinkelt und die Arme um sie geschlungen. Er wollte nicht schlafen, wollte nicht ins Traumland abtauchen, dort wo er wieder und wieder durchleben musste, was alles geändert hatte, sein Leben zerstört und ihm alles genommen hatte.
Er sackte in sich zusammen und rutschte rücklings zu Boden, die Nuss in seiner Hand rollte immer noch heil unter die Bank am anderen Ende des Zimmers.
Omniel spürte noch am Rande, wie er zugedeckt wurde doch war er schon längst eingeschlafen, hatte sich fallen gelassen in die Stille und in die allgegenwärtige und allumfassende...

Dunkelheit. Um ihn herum sowie auch in ihm.
Doch war nicht der Ort an dem er sich befand finster und kalt.
Er war es.
Aus seiner Brust schien es herauszusickern, die Dunkelheit, die Finsternis, die Kälte.
Ein Netz wob sich um ihn, ein Netz bestehend aus diesen Gefühlen.
Es schien ihn gefangen zu halten, drohte ihn zu erdrücken.
Doch er konnte es nicht greifen, es nicht zerreißen und sich davon lösen.
Es war bereits in ihm, umspannte sein Herz, seinen Geist...seine Seele,
Er war nicht mehr als ein Gefangener.
Und dann, als er sich dieser Wahrheit mit entsetzen bewusst wurde, hörte er sie.
Wie er ihre Stimme vermisst hatte, ihre süße, zärtliche Stimme...
Doch war sie überhaupt noch die ihre?
Sie klang so fremd, so verzerrt...so weit entfernt...
Und doch: Es konnte nur sie sein.
Der Nebel formte sich langsam, begann sich um ihn zu verdicken wie eine Glasglocke.
Er wurde umschlungen, schwebte, wurde an einen Ort getragen den er alleine nicht erreichen konnte.
Er spürte, wie sich sein innerstes in zwei Teile aufspaltete,
der eine nach mehr brüllend, sich sehnend nach ihr, selbst wenn die Hoffnung noch so klein war,
der Gegenpart, sein Verstand, klein und hilflos in dieser Welt in der er nicht Fuß fassen konnte.
Die Sehnsucht gewann und zog ihn mit sich, an einen Ort der nicht existierte,
und doch war er so real, so stark in ihm verwurzelt dass es keinen Zweifel an seiner Existenz geben konnte.
Dann spürte er sie.

Ihre kalte Hand, leblos und unnatürlich lag in seiner.
Er ergriff sie, dachte keinen Moment darüber nach sondern tat es.
Es gab keine Vernunft, keine Skepsis, keine Zweifel...
Sie war hier...alles andere zählte nicht.
Sie war hier, bei ihm...sah ihn an und hielt seine Hand...sprach zu ihm.
Er flüsterte ihren Namen und er verklang im Nebel, wenn auch seine Stimme dort draußen, in der Realität gehört werden konnte.
Aleen...
Doch was konnte ihm diese Realität schon bieten?
Seine Liebe war hier, hier vor ihm...
Sie sah ihn an und er konnte in ihre Augen sehen...wie sehr hatte er sie vermisst, hatte sich nach ihnen gesehnt.
Die Worte die sie sprach waren ihm bekannt und zugleich so fremd, doch zählte allein ihre Bedeutung.
...nein...ich werde dich nicht mehr alleine lassen...
Doch kaum hatte er die Worte gesprochen, Worte die auf seiner Seele brannten, entglitt sie ihm wieder.
Sie entschwand und er verlor ihre Hand, verlor ihren Blick...
Nein...nein...!
Sie wurde ihm erneut genommen.
Hilflos sah er zu wie die Wellen näherkamen und sie im Nebel verschwand.
Ihre Stimme bohrte sich in seinen Kopf.
Er musste etwas tun...was auch immer es kosten würde, was es auch für ihn bedeuten würde.
...ich...komme zu dir...
Ihre Hand war noch immer in Reichweite, er konnte sie noch fassen.
Sie würde ihn mit ihn reißen, würde ihn zerstören...doch das war ihm gleich, solange dass hieß dass er wieder bei ihr sein konnte.
Er wollte nach ihr greifen, doch etwas hielt ihn zurück, hielt ihn in der Welt der Lebenden.

Omniels Hand bewegte sich unter Delilahs, versuchten ihren Griff zu entkommen doch sie hielt ihn fest, ließ ihn nicht los. Die gemurmelten, abgehackten Worte von ihm wurden immer lauter und lauter, genauso wie seine Versuche ihrem Griff zu entkommen heftiger wurden. Dann plötzlich verstummte er und seine Hand fiel schlaff auf die Decke zurück. Sein Atem, der unruhig und stoßweise gegangen war blieb plötzlich stehen und seine Augen, die sich unter den Liedern fieberhaft bewegt hatten standen still. Für einen Augenblick lag er wie ein Toter auf der Bank und war in der Tat dem Leben ferner als dem Tod.
Dann bäumte er sich plötzlich auf, riss die Lider weit auf und entblößte die tiefschwarzen, geweiteten Pupillen die das ganze Auge zu füllen schienen. Wie ein Ertrinkender schnappte er nach Luft. Sein Blick irrte wirr im Zimmer herum und blieb schließlich bei Delilah und der Kerze stehen. Die Flamme brannte sich in seine Netzhaut ein und ließ seine schweißnasse Stirn rötlich glitzern.
Kurz trafen sich Delilahs und sein Blick. Schimmernde Monde im Angesicht zweier schwarzer Löcher. Omniel starrte sie einige Sekunden lang an und plötzlich wandelten sich seine Augen, nahmen wieder das bekannte warme braun an. Sein Atem, der schnell und animalisch ging, wie das Hecheln eines Wolfes verlangsamte sich und seine Hände die eiskalt geworden waren, wärmten sich langsam wieder auf.
Bevor einer von beiden etwas sagen konnte, wozu wahrscheinlich sowieso keiner im Stande war, viel er wieder erschöpft zurück auf das schweißnasse Kissen.
Er fiel zurück in den Schlaf, doch diesmal fand er dort keine Welt der Angst und der Sehnsucht vor. Er ruhte traumlos, einzig und allein Delilahs Stimme im Ohr, die ihn bei Sinnen hielt und ihm Trost spendete, ihn auf dem richtigen Weg hielt.

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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Delilah » Sonntag 18. November 2012, 00:45

Delilah spürte die Umklammerung der Angst. Ihr Herz war schwer von ihr umhüllt und sie bahnte sich ihren Weg in den schlanken Hals des Mädchens.
Das fiebrige Flüstern des Soldaten wurde deutlicher. Was sprach er? Aleen... Er sprach von einer Frau, er versprach ihr sie nicht mehr allein zulassen, versprach ihr zu folgen. Was war geschehen, dass sie ihn auf so unangenehme Weise in seinen Träumen verfolgte? Delilah hätte gerne gewusst, ob sie der Grund für das Leid in seinen Augen war. Vielleicht war der Frau etwas geschehen... wie damals ihrem Vater? Vielleicht konnte wirklich nur der Tod eines geliebten Menschen diesen Blick, diesen Ausdruck in den Augen eines Menschen auslösen... Doch sie würde sich hüten Omniel nach seinen Privatangelegenheiten zu fragen! Plötzlich zuckte seine Hand in ihrer. Delilah umfasste diese nun mit beiden Händen. Ihr brauner, besorgter Blick lag auf ihm. Sein stockender Wortfluss wurde lauter und wütender, beinahe panisch, während er seine Hand von ihrer lösen zu wollen schien. Doch Delilah klammerte sich fest an ihn, dabei hätte sie sich lieber die Ohren zugehalten um sein schreckliches Gemurmel nicht mehr hören zu müssen...! Was war es nur, das es so grauenhaft in ihren Ohren klingen ließ? Er sprach doch nur zu seiner Freundin, versprach ihr zu kommen... also warum bohrte sich viele kleine eiskalte Nadeln in ihre Haut und ließen sie erzittern? Die Angst breitete sich immer mehr in ihr aus. Plötzlich schien sie von überall herzukommen. Aus den Schatten in ihrem Rücken, dem Flackern der Kerze, ja sie schien selbst von Omniel aus ihre Arme hinaufzukriechen. Ein leises, kurzes Wimmern entfuhr dem Mädchen, als sie glaubte an der Angst zu ersticken, die sie wie eine Welle überrollte. Wieso kam denn der Tag nicht? Wann endete endlich diese schreckliche Nacht? Nach einem mitleiderregendem Krächzen, das ihr entfuhr als sie versuchte zu sprechen, begann sie Omniels Worte auszublenden in dem sie leise vor sich hin murmelte. Sie umklammerte immer noch seine eiskalte Hand und sie presste ihre Stirn an dieses Händeknäuel. Sie konnte ihn nicht loslassen! In irgendeiner Weise war Omniel ihr, in diesem Moment ebenfals ein Anker, der letzte Stein an den sie sich klammern konnte bevor die Angst sie fortspülte. Sie sprach leise vor sich hin... Es waren Zeilen, die Delilah durch den Kopf schlidderten, beinahe sinnlos aneinander gereiht, und die man doch in dieser Art und Weise in jedem Buch des Lichtgottes und in jedem seiner Lieder in ähnlicher Weise finden würde. Es war eine Mischung aus Gebet und Gedicht.
Doch in diesem Moment gab es Delilah Halt.

Jung sind wir als Licht geboren,
glühend und schon früh erhellt,
so lässt er uns als Sonne fühlen,
lässt uns strahlen in die Welt,
wärmt uns, wie er uns anhält andere zu wärmen,
sät Mut, wie er uns anhält Mut zu säen.
Doch wenn die Dunkelheit uns einholt,
zu sich nimmt wie einen Freund,
in uns eindringt, ins Gebein,
bis ins Mark erzittern lässt,
so ists an uns den recht'gen Pfad zu wählen,
so dass wir erneut strahlend in die Welt zu ziehen vermögen.


Das starke Zittern, das sie befallen hatte, ließ nach und als das letzte Wort über ihre Lippen geperlt war... war es still. Ganz still. Und dann bemerkte Delilah es. Omniel wehrte sich nicht mehr gegen ihren Griff, seine Hand lag schlaff in ihren. Er sprach auch nicht mehr... sein Atem war ebenfalls verstummt. Das Mädchen keuchte auf. Nein?! Was war geschehen?!? Es war ihm doch soweit gut gegangen, bevor er eingeschlafen war... er konnte nicht... er konnte doch nicht... Doch dann fuhr er hoch, die Augen weit aufgerissen und nach Luft schnappend. Delilah erschrak heftig, doch ihre Hand entlies die seine nicht aus ihrem Griff - sie hatte die starken und geschickten Hände ihrer Großmutter geerbt -, von seiner plötzlichen "Rückkehr", aber fast noch mehr über seine Augen! Tiefschwarz gaben sie Delilah Einblick in die absolute Dunkelheit, in Abgründe derer sich das Mädchen nie bewusst gewesen war, das sie existierten. Kein Licht schien sich in ihnen zu fangen, selbst dann nicht, als sein irrender Blick sie und die Kerze an ihrer Seite fand. Eher schienen sie das Licht zu schlucken. War er womöglich ein böser Geist geworden? Ein lebender Toter? Delilah konnte sich nicht von seinen schwarzen Augen lösen... was wenn der Schatten Omniel nun in seinem Griff hatte? Der Gesichtsaudruck des Mädchens wurde entschlossen. Kampflos würde sie ihn nicht überlassen. Und, als auf diesem Weg die Hoffnung ihren Weg zurück in ihre dunklen rehbraunen Augen fand und der Angst, der Panik den Platz streitig machten, verließ auch die Schwärze Omniels Augen. Das kalte Schwarz wich dem warmen Braun mit den hellen Tupfen darin. Sein Atem beruhigte sich und ebenso ging es Delilah, die ihn wieder zögerlich anlächelte und spürte, wie die Kälte aus ihren Armen wich und sogar Omniels Hände wärmer wurden. Sie wusste nicht ob sie etwas sagen sollte, was sie sagen sollte, was sie tun sollte. Sie fühlte sich heute Nacht im Allgemeinen sehr hilflos und war sich ihrer unerfahreren Jugend besonders schmerzhaft bewusst. Doch ehe sie sich etwas überlegen konnte, fiel der erschöpfte Soldat zurück in seine feuchten Kissen. Seine Augen schlossen sich und Delilah bekam Angst, er könne wieder von bösen Dingen heimgesucht werden. Doch so ruhig wie nun sein Schlaf war, schien auch das Zimmer geworden zu sein. Es machte ihr keinerlei Angst mehr und sie traute sich sogar, sich von Omniels Hand zu lösen um ihm das Kissen auf dem sie kurz geruht hatte mit dem Schweinassen auszutauschen. Die Schatten schienen plötzlich gewichen zu sein... Das Mädchen sprach leise, um die Stille weicher zu machen, die sich nun über sie gelegt hatte... Sie erzählte dem Schlafenden mit warmer Stimme von ihren Freunden, ihrer Familie, weihte ihn darin ein, was es mit dem Medaillon auf sich hatte und kniete noch eine ganze Weile wach und sorgsam auf irgendwelches Geflüster wartend und achtend neben ihm, doch irgendwann nach verzweifelten Kämpfen gegen die vorrückende Müdigkeit, sank sie neben ihm zusammen. Ihre Hände umschlossen selbst im Schlaf noch seine, während das Mädchen von ihren Eltern träumte. Ihr Vater hob ihr jüngeres Ich lachend auf seine Schulter, während sie fröhlich gluckste und jauchzte, ihre Mutter lächelte sie fröhlich an, ihre Großmutter lachte über den Schabernack ihres Sohnes und ihrer Enkelin. ... und im Hintergrund stand ein freundlich hinüber winkender Omniel. Delilah lächelte selig im Schlaf. Es war alles so trügerisch schön...
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Erzähler » Dienstag 20. November 2012, 20:25

Hintergrundmusik

Delilah hatte mit ihrem Schlaflied den Willen zu Leben in Omniel zurück gebracht auch wenn sein Körper sich noch wehrte. So sehr die Finsternis ihn lockte, so sehr hielt das Licht dagegen.
Aleen......
nein...ich werde dich nicht mehr alleine lassen...
Nein...nein...!...
Ich...komme zu dir...

Sie entschwand und er verlor ihre Hand, verlor ihren Blick...Seine Liebe war hier, hier vor ihm...
Leise Klänge der Hoffnung zogen ihn zurück, trennten ihn von dem was er begehrte, aber gaben auch Kraft und Kontrolle über seinen Geist. Langsam begann sein Herz wieder zu schlagen. Es schlug schneller. Er rang nach Luft und tauchte auf aus der stillen Einsamkeit seiner Seele. Er war nicht allein. Da war noch dieses Licht, das ihn blendete. Dann, langsam ging sein Atem wieder regelmäßiger, wenn auch mit Widerwillen. Von seinem Albtraum war ein teeriger Geschmack in seinem Mund zurück geblieben, doch er bemerkte es kaum. Omniel sank zurück in einen tiefen, traumlosen Schlaf und endlich bekam er die Erholung die sein Körper so sehr brauchte. Einige Nächte lang hatte er kaum gewagt zu Schlafen und wenn es doch geschah, war er schweißgebadet aufgewacht und fand keine Ruhe mehr. Von Nacht zu Nacht war es schlimmer geworden, als würde ein dunkler Keim in ihm wachsen.
Delilah saß an seiner Seite und hielt noch einen Moment seine Hand, nur um sicher zu gehen, dass er nicht tot war. Eben war er noch blass, kalt und fast ohne Leben gewesen. Ganz so als würde etwas aus seinem Inneren nach Außen drängen wollen, sein Leben wie ein Mantel überdecken, etwas was wieder der Natur war. Sein Atem hatte ausgesetzt und auch sein Puls war für einen kurzen traumatischen Augenblick für sie nicht mehr tastbar gewesen. Gleich einem Untoten hatte er steif und doch bebend vor Widerstand da gelegen, mit ihr gekämpft, mit sich gekämpft mit dem gerungen was ihn hinüber locken wollte. Hinüber in das Reich der Toten … ? Wohin sonst … ?
Die Farbe kehrte langsam auf seine Haut zurück, die Finsternis hatte noch nicht genug Macht in ihm gewonnen um dauerhaft ihn zu … Ja, was passierte da eigentlich mit diesem jungen Soldaten? Wieder einmal haderte Delilah mit ihrer Jugend, ihrer Unwissenheit. Aber wenn sie diese Nacht überstehen würden, konnten sie alles schaffen! Ein felsenfester schon in die Wiege gelegter Glaube gab ihr Kraft und Zuversicht, auch wenn ihre Jugend vor der Finsternis erzitterte. Sie schlotterte am ganzen Körper und fühlte sich ausgelaugt. Als sie zur ihrer Decke greifen wollte um sich darin einzuwickeln, bemerkte sie einen schwachen Lichtschein. Einen kurzen Augenblick war sie irritiert woher das Leuchten kam, dann drehte sie ihre Handflächen nach oben. Voller erstaunen sah sie in den Landkarten ihrer Handlinien das Licht langsam verglühen. Das was sonst rötliche Flüsse auf ihren Handteller gemalt hatte leuchtete noch sanft in leicht goldenem Licht und erlosch dann in einem sich sammelnden Funken, der sich von ihrer Hand löste und nur wenige Zentimeter darüber verglühte. Vollkommen fasziniert starrte sie die Zeit vergessend auf ihre Hände …
„Delilah?“
Resas Stimme klang wie aus großer Ferne an ihr Ohr. Das besorgte, tief gefurchte Gesicht ihrer Großmutter erschien in ihrem Blickfeld.
„Mein kleiner Funken, geht es dir gut? Du bist ganz blass.“
Sie legte ihre warme, weiche Hand auf ihre Stirn und strich ihr dann damit sanft über die goldenen Locken. Sie sah zögernd zu Omniel hinüber der leise, aber gleichmäßig atmend auf der Matte lag und so fest schlief wie noch nie in seinem Leben. Sie hätte noch nicht einmal Flüstern müssen, hätten um ihn herum tanzen können, so tief war er gefallen.
„Er wirkt entspannter als zuvor. Was hast du gemacht?“
Sie fragte nicht, was geschehen war, sondern gleich was ihre Enkelin gemacht hatte, doch dann verwarf sie den Gedanken und fuhr ohne Pause fort:
„Wenn du meinst, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht, dann solltest du auch schlafen. Du brachst deine Kräfte und er … Er wird … Es wird schwieriger werden.“
Sie zog die Decke enger um ihr Mündel und stopfte sie unter ihrem Körper fest, so dass kein kaltes Lüftchen sie erreichen konnte.
„Schlaf! Ich kann wieder eine Weile Wache halten. Sorge dich nicht ich werde für euch beide beten.“
Die Wärme der Decke und ihr Gutenachtkuss hüllten Delilah ebenfalls schnell in weiche Schläfrigkeit.

(Hier könnt ihr, wenn ihr möchtet, „normale“ Träume einfügen um das Erlebte zu verarbeiten.)

„Delilah, Omniel, wacht auf. Die Sonne geht auf und wir sollten jede Stunde des Tages nutzen.“
Es roch nach Kräutern und ein dampfender Kessel Wasser stand auf dem kleinen Ofen zum warmhalten. Da dieser Raum kein Fester hatte drang von der Ladenseite nur ein schmaler rötlicher Schimmer herein.

(Zeit zum Pläne schmieden.)
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Re: Wo alles beginnt...

Beitrag von Omniel » Samstag 24. November 2012, 13:22

Omniels Geist glitt durch die Dunkelheit wie ein Stück Pergament, dass vom Winde erfasst und fortgeweht wurde, nicht wissend wohin die Reise ging. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne, hatte keinen Einfluss mehr auf das, was geschah. Er kam wohl am ehesten der Rolle des Zuschauers gleich, der teilnahmslos zusah und doch von dem Schauspiel, welches sich ihm bot so gefesselt war, dass er sich nicht abwenden konnte. Ruhelos und doch ohne Impuls, wirr aber zugleich klarer, als er es im wachen Zustand je sein konnte, drang er tief in sein eigenes Bewusstsein ein, durchbrach Barrieren, die zuvor undurchdringliche Mauern gewesen waren. Doch immer, als er so knapp vor dem Ziel war, als er im Begriff war die Türe zu seinem innersten Ich, seinem Unterbewusstsein zu öffnen, fiel er zurück in das Nichts seiner Träume. Körperlos und befreit von allen Gesetzen der Logik harrte er hier aus, schien seine Kräfte zu sammeln. Dann begann es wieder von vorne, wiederholte sich wie ein endloser Kreislauf bestehend aus Sturm und Drang, sowie die darauf folgende Enttäuschung.
Wie lange und oft dies von statten ging, konnte er nicht sagen. An dem Ort, an dem er war gab es keine Stützpfeiler wie die Zeit - hier war er ein Gefangener der Umstände, unfähig sich seinem Schicksal zu erwehren, genau so wenig wie er sich ihm ergeben konnte. Er war ein Gefangener in seinem eigenen Geist, dessen Schädeldecke die Mauern und die geschlossenen Lider, durch die schwaches Licht fiel, die Gitterstäbe seiner Zelle waren. Doch wenn er ihr entkommen konnte, wenn es ihn einmal gelingen würde diese Tür zu öffnen, so würde er Antworten finden, davon war er mit einer tiefliegenden Gewissheit überzeugt. Antworten, auf das was mit ihm geschah, Antworten, auf das was geschehen war. Und vielleicht sogar Antworten, auf das was noch mit ihm geschehen würde.
Öfters tauchten plötzlich Bilder vor seinem inneren Auge auf, Bilder die ihn, je näher er der Tür kam, immer häufiger trafen. Sie verwirrten ihn und machten ihm Angst, ließen ihm keine Ruhe. Sie waren durch einen Riss von einer anderen, tieferen Ebene gekommen, die er gerade eben mit Müh und Not verlassen konnte, bevor sie ihn verschlungen hatte können. Es waren finstere Bilder und Eindrücke und an ihnen haftete eine Dunkelheit, die nichts mit der Leere hier oder dem Fehlen von Licht zu tun hatte. Wirre Eindrücke und Erscheinungen, wabernde finstere Gestalten, eine Hand, die sich ihm entgegenstreckte und ihn aus der Welt reißen wollte und über allem eine Maske, ein Abdruck eines ehemaligen Gesichtes, kalt und tot mit starren Augen, perlmuttfarbenen Edelsteinen in einem Feld von Leere. Ihm war dieses Gesicht vertraut, er kannte es besser als sein eigenes, er liebte und sehnte sich nach ihm...doch im selben Moment war es fremd und machte ihm Angst. Der Mensch, der dieses Gesicht einst trug, hatte ihm viel bedeutet, das wusste er selbst in seinem jetzigen Zustand. Ein Name tauchte in seinem Gedächtnis auf, der soviel Bedeutung für ihn hatte, der nie aus seinen Gedankengängen ging, wenn er wach war.
Doch hier, in der tiefen Dunkelheit seines Schlafes, konnte er den Sinn und die Bedeutung, den Zusammenhang zwischen alledem nicht verstehen. Wie ein Puzzle, dessen Teile zurechtgeschnitten wurden, um ein Lösen unmöglich zu machen. Und das war vielleicht auch gut so, denn genau so sehr, wie er sich nach der Wahrheit, den Antworten auf dieses Rätsel sehnte, so fürchtete er sich auch davor. Omniel wusste, dass sie ihn verändern würden, ein für alle Mal und unaufhaltsam. Er würde für immer hier bleiben, gefangen in seinem Unterbewusstsein, ohne seinen Körper je wieder spüren zu können. Diese Erkenntnis brannte sich in ihn ein und beinahe, hätte er den Verstand verloren, hätte sich den Ziehen und Zerren an seinem Geist ergeben und sich fallen lassen. Wäre da nicht die Stimme gewesen.
Klar und hell drang sie zu ihm vor und leitete ihn, sprach ihn Mut zu, gab ihm Hoffnung. Sie sang ihm vor, sprach zu ihm und erzählte ihm Geschichten. Wie ein helles Licht zeigte sie ihm, wohin er gehen sollte und er tat es dankbar und ohne zu Zögern. Nach jedem Schritt merkte er, wie der Druck auf seine Brust sich minderte und sein Geist frei von Angst und Ungewissheit wurde. Er musste nicht nachdenken, musste nicht überlegen. Er ging einfach auf das Licht zu, während er der Stimme lauschte. Sie war vertrauenswürdig, sie wollte ihm helfen. Die Stimme führte ihn bis an den Rande seines Gefängnisses und als er an diese Grenze stieß, splitterte sie einfach weg und ließ ihn passieren. Die finsteren Hände, die sich wie Fangarme nach ihn ausgestreckt hatten, ihn seinen ganzen Weg verfolgt hatten, zogen sich blitzartig zurück als er ihr Gefilde verließ. Hier hatten sie keine Macht mehr über ihn, hier hielt er noch die Stellung. Er sah nicht zu ihnen zurück und nach nur wenigen Schritten hielt er inne, hob den Blick und schaute ins Licht. Er war frei und sicher. Hier konnte ihm nichts anhaben.
Dankbar lehnte er sich zurück und spürte, wie sich die Dunkelheit um ihn legte, die dieses Mal jedoch eine tröstliche, warme Decke war, die seinem Geist Ruhe und seinem Körper Rast versprach. Noch lange Sprach die Stimme mit ihm, wurde jedoch immer leiser und leiser, bis sie nicht mehr zu hören war. Sie hatte ihn befreit, ihn gerettet. Hier konnte er endlich rasten, alle Last von sich ablegen. Für wenige Momente, die ihn Wahrheit Stunden waren, konnte er aufhören zu Denken, zu Fühlen. Er war frei...

„Delilah, Omniel, wacht auf. Die Sonne geht auf und wir sollten jede Stunde des Tages nutzen.“ Durch Omniels Lider drang ein schwaches, rötliches Licht dass ihn beinahe blendete, als er träge die Augen öffnete. Er brauchte einen Moment um zu realisieren wo er sich befand - dass er auf einem weichen Untergrund lag, eine warme Decke um den Leib geschlungen. Neben ihm konnte er deutlich Geräusche von einer anderen Person vernehmen, die ebenfalls unsanft aus dem Schlaf gerissen worden war. Omniels Blick wanderte langsam durch das kleine Zimmer, während er die Geschehnisse von gestern zu rekapitulieren versuchte. Das letzte, woran er sich erinnern konnte war das gemeinsame Essen mit dem Mädchen...mit Delilah. Und dann...nichts mehr. Entweder schienen Bruchstücke seiner Erinnerung an gestern Abend zu fehlen, oder die Erschöpfung hatte seinen Tribut gefordert.
Er streckte eine Hand nach der Decke aus und streifte sie zur Seite, dann schwang er ein Bein aus dem warmen Unterschlupf. Als er sich aufsetzte, ging plötzlich ein stechender Schmerz durch seinen Kopf, gefolgt von blitzartig auftauchenden Eindrücken. Er zuckte zusammen und legte den Kopf in die Hände, wartete bis der Schmerz aufhörte. Es dauerte nicht lange und er fühlte sich danach besser. Er spürte, dass ihm der Schlaf gut getan hatte, denn auch wenn er sich noch leicht dösig anfühlte, so hatte er doch etwas an Kraft gewinnen können. Aber etwas war anders als zuvor, irgendetwas hatte sich verändert, war geschehen als er geschlafen hatte.
Er verwarf den Gedanken schnell wieder, denn nun musste er sich wieder auf andere Dinge konzentrieren. Der Geruch von frischen Kräutern stieg in seine Nase und er hörte geschäftige Schritte ausserhalb der Kammer. Er sah wieder zu Delilah hinüber und wartete, bis das Mädchen halbwegs wach war. In dem schwachen Licht konnte er etwas ihr Gesicht erkennen und erschrak, als er die leichten Augenringe unter ihren Lidern sah. Sofort erwachte wieder sein Schuldgefühl. Sie hatte wohl tatsächlich die ganze Nacht über ihn gewacht.
„Guten Morgen“

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