Von Schatten und Musik

In dieser zugigen, alten Kaschemme treffen sich Rumtreiber, Bettler, aber auch Händler, die auf der Durchreise sind und sich teure Zimmer nicht leisten können.
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Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Dienstag 4. Dezember 2012, 22:36

[Einstiegspost]

Starker Wind rüttelte an morschen Fensterläden, nur um sich dann durch die vielen Fugen in das Innere des Zimmers zu schleichen. In jenem Zimmer schlug die junge Feder gerade die Augen auf, als das letzte bisschen des kläglichen Lichtes am Horizont verschwand. Es war ein ärmliches Zimmer, mit nichts weiterem als einem winzigen Bett sowie einem Schränkchen auf dem eine bronzene Schüssel stand. Die Dielen quietschten und die Wände waren so dünn, dass man seinen Nachbarn schnarchen hören konnte. Sie hatte sich diese Taverne ausgesucht, weil sie gerade in der Nähe der Hauptstadt gewesen war und sowieso nicht so genau wusste wohin mit ihr. Geld verdienen und dann vielleicht an die Akademie nach Santros. Dort sollte man gut unterrichtet werden in den Künsten der Schattenmagie.
Genüsslich räkelte Feder sich ein letztes Mal unter der Decke, bevor sie jene zurückschlug, die Beine aus dem Bett schwang und aufstand. In Windeseile stand sie über eine Wasserschüssel gebeugt um sich den Schlaf aus den Augen zu waschen. Als sich das kühle Nass wieder beruhigt hatte, nutzte sie die Oberfläche um sich selbst zu betrachten. Die braunen Haare standen zerzaust in alle Richtungen ab, während ein viel zu großes, fleckiges Nachthemd den dürren Körper bedeckte. Aber dennoch blickten sie zwei wache braune Augen aus der Schüssel heraus an. Nach einem kurzen Moment in dem sie so ihr Spiegelbild betrachtete, riss sie sich los, rubbelte das Gesicht mit dem Nachthemd trocken, streifte es ab und schlüpfte geschickt in ihre Baumwollbekleidung. Obwohl der Stoff nicht gerade angenehm war, so kratzte er immerhin nicht so fürchterlich wie die viel zu dünne Decke der Schenke. Und er stank nicht so. Vor allem stank er nicht so. Dennoch war das im vergleich zu so manch anderer Nacht noch ein äußerst angenehmer Schlafplatz gewesen. Anschließend trank sie noch einen Schluck Wasser aus einem Holzbecher, den sie sich neben das Bett gestellt hatte. Öfters wurde sie nachts von Durst geplagt und dann aufstehen zu müssen oder gar überhaupt nichts zu bekommen war fürchterlich, so stand immer etwas griffbereit wenn sie sich morgens hinlegte.
Nach dem sie sich gerichtet hatte, begann sie damit vier Kerzen symmetrisch im Raum aufzustellen, dabei quietschten die hölzernen Dielen unter jedem ihrer Schritte. Dann kniete sie sich genau in der Mitte der Kerze hin. Jetzt konnten ihre Übungen beginnen. Auf die neuste Idee war sie erst vor ein paar Tagen gekommen. Wenn sie flüchtige Dinge wie Schatten fest machen konnte, dann musste es ihr doch auch gelingen feste Dinge wie sich selbst flüchtig machen zu können. Die flackernden Kerzen malten gespenstische Schatten auf die kargen Wände des Zimmers und Feder schloss die Augen. Sie versuchte ein bestimmtes Gefühl in sich herauf zu beschwören. Dieses Gefühl, wenn man sich vor der ganzen Welt verbergen möchte, wenn man ganz klein sein möchte, so klein, dass man quasi verschwindet. Doch alles was sie erreichen konnte, war, dass Schatten sie einhüllten und vor den Augen aller verbargen. Doch das war ja nicht ihr Ziel. Sie wollte selbst wie ein Schatten werden. Aber ihr fehlte der richtige Ansatz. Sie verstand noch nicht einmal von Grund auf, wie so etwas funktionieren sollte. So gab sie nach mehreren Versuchen frustriert auf und widmete sich der nächsten Übung.
Eigentlich das genaue Gegenteil der Vorherigen. Da sie Schatten so fest werden lassen konnte, dass sich ein Schloss damit öffnen ließ so musste sie doch auch eine Wand daraus errichten können. Sie konzentrierte sich darauf, ganz alleine sein zu wollen. Niemanden an sich heranlassen zu wollen. Einsam und abgeschieden. Niemand sollte sie verletzen können. Würde man jetzt in ihre Augen schauen, wären sie pechschwarz wie die tiefe Nacht. Schlierige Schatten sammelten sich um sie herum, schlichen an den Flammen der Kerzen vorbei, bildeten einen Kreis um sie herum und wuchsen in die Höhe. Prüfend lies sie die rechte Hand über ihre Mauer gleiten. Für den Bruchteil einer Sekunde schienen die Schatten zäh wie Schlamm. Doch angegriffen vom Licht der Kerze und beschränkt von ihren eigenen Fähigkeiten änderte sich die Konsistenz schnell zu der von Wasser. Aber auch dies hielt nur einige Augenblicke bevor die Schatten zu Nebel wurden und sich schließlich endgültig verflüchtigten. Bei weiteren Versuchen dieser Übungen gelang es ihr nicht mehr die Festigkeit von Schlamm zu erreichen. Aber dennoch war sie zufrieden. So gut wie heute war es ihr noch nie gelungen.
Als letztes ging sie noch ihren liebsten Zauber durch. Sie hatten ihn öfter bei ihrem Lehrmeister gesehen, beherrschte ihn aber ebenfalls noch nicht. Er gelang ihr immer am besten, wenn sie ihn nach dem Aufstehen versuchte. Das liegt vermutlich daran, dass man danach noch ein wenig neben sich steht. Für diese Übung verließ sie ihren Platz auf dem kalten Holzboden und ging zu der Wasserschüssel. Ihre Hände faltete sie untereinander in etwa so, als wollte sie damit Wasser Schöpfen um sich das Gesicht zu waschen. Aber an der Stelle von Wasser sammelten sich klebrige Schatten darin. Sie dachte die ganze Zeit über an Simon. Die einzige Person, die sie wirklich gekannt hatte. Seine Geheimnisse seine Eigenarten. An all das dachte sie, während sie sich vorstellte wie schön es wäre er zu sein. Er der immer alle zu wissen schien. Der immer lachen konnte und aus allem einen Ausweg kannte. Dann zog sie sich die Schatten über das Gesicht, blickte in die Wasserschüssel und siehe da. Ein blondhaariger fröhlicher Lockenkopf grinste ihr frech entgegen. Bei diesem Anblick fragte sich Feder dann oft wie es ihm wohl gehen mag. Während sie so über ihren Freund aus der Kindheit sinnierte zerfiel die Maske nach und nach wieder. Schwarze Risse durchzogen sie, Teile splitterten ab, lösten sich auf zu schwarzem Rauch der sich im Licht auflöste.
Insgesamt war sie zufrieden mit ihrem Ergebnis, vor allem da sie morgens bevor sie schlafen ging noch einmal intensiv üben würde. Doch jetzt wurde es Zeit den Gästen der Taverne das harte Leben mit ein wenig Musik zu versüßen.

Ehe sie zu ihren Habseligkeiten ging, löschte sie noch schnell die Kerzen. Dann kramte sie aus dem unordentlichen Haufen in der Ecke des Zimmers einen Lederbeutel. In jenem war ihr wertvollster Gegenstand zu finden. Eine einfache Handharfe, gefertigt aus simplen Holz, völlig ohne Verzierungen. Trotzdem war es ihr größter Schatz. Die Harfe fest an sich pressend ging sie in den Schankraum. Noch war es relativ leer, was ihr sehr entgegen kam. So konnte sie sich bei dem Wirt noch etwas zu Beißen besorgen. Heute gab es nicht wässrige Suppe sondern zähe Hafergrütze, das schmeckte zwar nicht, machte aber wenigstens satt. Während sie aß, saß sie in einer dunklen Ecke des Raumes, ganz klein. Würde man nicht genau in dieser Ecke nach jemandem suchen, man würde sie einfach übersehen.
Nach und nach füllte sich der Schankraum und so machte Feder es sich auf einem Holzhocker in der Mitte des Raumes gemütlich. Etwas nervös strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. Sie hatte das Gefühl von allen Seiten her angestarrt zu werden und musste den Reflex unterdrücken sich verbergen zu wollen. Dann begann sie zu spielen. Die ersten Töne waren unsicher aber schnell hatte sie sich gefangen und die Finger glitten fast wie von selbst über die Seiten des kleinen Instruments. Sie fing an zu lächeln. Die Klänge ihrer Musik durchdrangen alles so wie sie es einhüllten, um tief im Inneren des Herzens zu wundervollen Gebilden zu erblühen, welche Hoffnung und Heiterkeit gebaren. Der Rhythmus der Lieder wurde immer fröhlicher und dann, mit der Stimme die einer Nachtigall glich, begann sie zu singen. Zu erst ganz zart und sanft doch bald schon immer lauter werdend.

Die Taverne ist mein Heim,
hier sind meine Freunde,
lad auf gutes Bier sie ein,
so solls ja schließlich sein!

Hier wird getanzt und auch gelacht,
denn hier sind meine Freunde
wir zechen mehr als die halbe Nacht,
so wird’s schließlich gemacht!

Selbst die Dorfmaid ist heut hier,
aber die ist nichts für meine Freunde,
heute schäkert sie nur mit mir,
und mit etwas Glück (kurze Pause) geht’s danach zu ihr.

Ein klassisches Lied, welches unter Tavernenbesitzern gern gesehen war, lobte es doch ihre Arbeit ungemein. Da der Abend noch jung war folgte so manches Lied. Feders Stimmung wurde dabei immer besser. Sie liebte es einfach zu spielen. Nach etwa drei Stunden war sie dann mit ihrer Vorführung am Ende, stand auf und verneigte sich vor den Besuchern der mittlerweile vollen Schenke.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Montag 10. Dezember 2012, 13:10

Die Schenke war etwas für die Unterschicht, die armen Leute, und das nicht nur aufgrund seines Namens. Die Preise waren niedrig, die Qualität ebenso, und das Publikum, das sich jeden Tag in der Schenke sammelte, sah entsprechend aus. Geflickte, abgetragene Kleidung, gedämpfte, oft schon ausgewaschene Farben und verfilztes, meist bewohntes Haar. Die Blicke waren trübe und abgestumpft, die Haut dreckig und auch Wunden waren keine Seltenheit, leichte wie tiefe, wenn es nicht gar gravierendere Verletzungen waren.
Dennoch wollten diese Personen ihr teuer verdientes Geld in der Schenke ausgeben für eine warme Mahlzeit oder ein saures Bier, um sich wenigstens ein bisschen etwas zu gönnen. Dazu gehörte auch eine passende Unterhaltung, die geboten werden sollte, Musik, die anrührte oder unterhielt. Und diese sollten sie auch bekommen.
Eine junge Frau… nein, ein Mädchen noch, setzte sich dorthin, wo sonst die Barden immer mit ihren Instrumenten waren, und begann tatsächlich zu spielen. Selbstverständlich wandten sich ihr sofort alle Blicke zu, verstummten die Gespräche und lauschte der Großteil der Darbietung.
Nicht sonderlich lange bei den meisten, da viele schon am Vorabend Bekanntschaft mit der neuen Sängerin gemacht hatten. Aber einige blieben aufmerksam, lauschten merklich und wollten diese Darbietung genießen.
Lediglich in einer Ecke, ebenfalls in den Schatten, sowie zuvor die junge Künstlerin selbst, lungerte ein junger Mann etwa in ihrem Alter auf der rauen Holzbank. Er hielt den billigen Tonkrug mit dem schalen Bier in den Händen und stierte hinein in den bräunlichen Rest, den er noch nicht hatte hinunter würgen können.
Er war der Einzige, der bislang nicht aufgesehen hatte. Dies tat er auch nicht, als er nach einigen Klängen des Instruments die Stimme der Sängerin hören konnte. Irgendwie… kam sie ihm bekannt vor.
Erst jetzt hob er langsam seinen Kopf und unter der Kapuze drang sein Blick hervor zu dem Hocker und zu der Frau, die darauf Platz genommen hatte. Seine Augen verengten sich, als er sie musterte, als wolle er einschätzen, ob es sich lohnen würde, sich näher mit ihr zu beschäftigen.
Dabei gingen ihm ganz andere Dinge durch den Kopf. Diese Züge, dieser Blick, diese Wärme in ihrem Timbre… das alles war etwas, was ihm vage bekannt vorkam. Und das weckte sein Interesse, dem er auf den Grund zu gehen gedachte.
Der Text des Liedes war dabei unwichtig, auch die folgenden Weisen waren unbedeutend. Nur die Frau, diese zählte.
Trotzdem behielt er seine Umgebung im Auge, immer und überall wachsam, merkte, wie sich der Raum immer mehr füllte und die Temperatur wegen all dieser Körper anstieg. Fast schon unangenehm warm wurde es, dennoch beließ er seinen Umhang an, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
Dann, als die Sängerin aufstand, spannte er sich an. Er beobachtete sie, wollte wissen, ob sie sich an einen Tisch setzte oder den Raum verlassen würde. Bei letzterem wäre es einfach für ihn, sie unbemerkt anzusprechen und auf diese Weise hoffentlich heraus zu finden, woher sie ihm bekannt vorkam. Denn so etwas musste er wissen, zu seiner eigenen Sicherheit.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Montag 10. Dezember 2012, 18:48

Für einen Moment badete Feder noch in den Blicken und dem Applaus, der aus der einen oder anderen Ecke des heruntergekommenen Schankraums ertönte. Ein bezauberndes Lächeln huschte ihr dabei über das junge Gesicht. Wenn sie nur ein paar von ihnen eine schöne Zeit bescheren konnte, dann war es das schon wert gewesen. Dass sie hier nicht viel verdienen würde war ihr natürlich auch klar. Das ganze Geld in der Stadt, war durch eine gewaltige zweite Mauer von ihr getrennt. Vielleicht wurde es Zeit wieder aufzubrechen. Nach dem sie sich dreimal verneigt hatte, ging sie langsam durch den Raum, vorbei an schmutzigen Holzstühlen und noch schmutzigeren Menschen, direkt auf den Wirt zu. Ihre braunen Haare umspielten sie wild, während sie sich aufrecht mit festem Blick durch den Raum bewegte. Ein Glücksgefühl und eine Selbstsicherheit durchströmten sie, wie es nur die Musik in ihr hervorrufen konnte. Die Klänge hallten noch in ihrem Inneren nach, als sie sich von dem rundlichen Wirt, dessen Nase rot vom billigen Wein geworden war, einen Kanten Brot sowie einen Becher Wasser geben ließ. Das Kühle Nass rann ihre mittlerweile trockene Kehle hinab, als sie einen großen Schluck aus dem Krug nahm. Sie ließ leicht an die Theke gelehnt, ihre Blick noch einige Male durch die Menschenmenge schweifen. Die arme Bevölkerung hatte so sehr unter dem Adel zu leiden. Aber wenn sie ehrlich war, dann war das eigentlich nicht ihr Problem. Sie mochte sich vielleicht darüber freuen, wenn ihre Musik Freude bringen konnte, aber das war es dann eigentlich auch schon. Sie selbst führte und hatte auch schon immer ein Leben mit wenig Geld geführt. Wobei sie zugeben musste, dass es ihr während ihrer Lehrzeit nie an Nahrung gemangelt hat. Sie kam zu dem Schluss, dass von Lebensmitteln eigentlich jeder genug haben sollte. Aber was will man machen? Wären diese Menschen in Jorsan geboren hätten sie ein solides, ja eigentlich gutes Leben.
Sie verschwendete schon wieder zu viel Zeit mit müssigen Gedanken. Am Ende war es unwichtig was sie dachte, es würde nichts ändern. Woran sie hingegen etwas ändern konnte, war ihre Kenntnis der Schattenmagie. Die Übungen riefen. Also ließ sie sich den Krug noch einmal auffüllen ehe sie zurück in ihr Zimmer ging.
Der Raum sah noch genauso aus, wie sie ihn verlassen hatte. Karg, leer mit einem Haufen von Beuteln und Kleidung in der Ecke. Aber warum sollte er auch anders aussehen? Die dünne Holztür, die auch ein paar Astlöcher aufwies sperrte sie nicht ab. Denn abgesehen davon, dass sowieso nie jemand etwas von ihr wollte, hatte sie auch überhaupt keinen Schlüssel. Und wenn sie sich das verrostete Schloss so ansah, dann bezweifelte sie auch, dass man den Schlüssel überhaupt noch herumdrehen könnte. Mit leichten federnden Schritten, die trotzdem das alte verranzte Holz knarzen ließen, nahm sie wieder die Kerzen, um sie wie zuvor im Raum zu verteilen. Da es Nacht war, und der Himmel leicht bewölkt, herrschte absolute Dunkelheit in dem Raum. Von so etwas ließ Feder sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Das Auge des Mondes, wendete sie längst instinktiv an, sobald es dunkel wurde. Bevor sie die Kerzen dann anzündete, wusch sich Feder erst das Gesicht. Denn in dem Schankraum war es gegen Ende äußerst stickig geworden, weshalb die eine oder andere Schweißperle über ihr Gesicht lief. Sie sollte unbedingt mal wieder das Wasser wechseln gehen. Aber nicht jetzt. Jetzt wurde geübt. Die Kerzen erwachten flackernd zum Leben, als Feder sie mit Schwefelhölzchen zum brennen brachte. Diesmal setzte sie sich nicht zwischen die Kerzen, sondern stellte sich in eine Ecke des Raumes. Ihre Augen wurden nachtschwarz, als erste Anzeichen dafür, dass sie Magie wirkte. Die Vielzähligen Schatten im Raum erwachten zu gierigem Leben. Zäh tropften sie von der Decke, schlichen sich über den schmutzigen Boden um dann plötzlich zuzuschlagen. Dunkelheit. Die Finsternis hatte das Licht verschlungen. Zu einfach. Aber sie hatte keine Fackeln oder dergleichen um es damit zu üben.
Also etwas anderes. Es waren Gedankenspielereien, die sie jetzt üben würde. Das waren die Seiten der Schattenmagie gewesen, die ihr Meister besonders geschätzt hatte. So ging sie wieder zu der Wasserschüssel, doch auf dem Weg dorthin begannen rote Augen überall im Raum aufzuglühen, Kreaturen aus Pech, in Unlicht schimmernd, schälten sich aus der Schwärze. Eigentlich waren sie nichts. Sie konnten niemandem etwas tun. Es waren nur Illusionen, dafür waren sie jedoch sehr beeindruckende Illusionen. Da Feder Kämpfen best möglichst aus dem Weg ging, Konfrontationen aber nicht immer zu vermeiden waren, hatte sie diese Technik gerne gelernt. Es machte jemandem Angst, verletzte ihn aber nicht. Natürlich kann man auch vor Schreck sterben, wenn man es zu weit trieb, aber Feder würde sich ja nicht mit alten Weibern anlegen. Außer vielleicht wenn sie unnötig viel Geld besaßen...
Sie merkte allerdings schon, wie dieser Zauber seinen Tribut forderte. So viele Kreaturen auf einmal zu erwecken war nicht einfach. Man musste sich bei jedem einzelnen die Gestalt ausdenken. Natürlich hatte sie mittlerweile ein paar grausige Kreaturen im Gedächtnis. Viele Augen, verwinkelte Arme mit Klauen sowie Reißzähne aus zu vielen Mündern kam immer gut an. Dazu kam aber noch, dass man sie bewegen musste und viel wichtiger, wenn man noch einen Hauch seiner eigenen Ängste in sie hinein legte, wurden sie von einer Furcht einflößenden Aura durchdrungen.
Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch, als sie meinte ein Geräusch auf dem Flur zu hören. Vermutlich nur einer der betrunkenen Tavernen Gäste, der den Ausgang nicht finden konnte. So oder so, zur Sicherheit ließ sie Die Illusionen in sich zusammenfallen. Manche Dinge über sie mussten nicht bekannt werden.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Dienstag 11. Dezember 2012, 16:56

Er beobachtete sie, ohne sich zu regen, oder sonst wie auf sich aufmerksam zu machen. Das wollte er auch gar nicht, denn er wollte noch einige Zeit verborgen bleiben, bis der passende Moment gekommen wäre. Bis dahin würde er lediglich darüber nachdenken, woher ihm diese Frau bekannt vor kam… oder Teile von ihr, denn ihre Gestalt erinnerte ihn höchsten vage an jemanden vor vielen Jahren, deren Name ihm noch nicht einfallen wollte.
So konnte er zusehen, wie sie sich in der Anerkennung ihres Könnens kurz sonnte und danach zu dem Wirten ging, um sich dort zu stärken.
Würde sie danach noch einmal spielen oder den Schankraum verlassen? Die Frage blieb vorerst für ihn unbeantwortet, sodass ihm lediglich übrig blieb zu warten. Das konnte er auch gut, denn ein Großteil seines Lebens bestand aus diesem Zustand, zu lauern, bis der rechte Moment gekommen war.
Er hatte sowieso ausreichend Zeit mitgebracht, denn nach seiner letzten Aktion würde er einige Tage sich zurück ziehen können, ohne direkt am Hungertuch nagen zu müssen. Was auch nur von Vorteil für ihn war, da sein Gesicht sonst zu bekannt werden könnte, vor allem bei den Wachen, denen er nicht unbedingt begegnen wollte. Auf manche Bekanntschaften verzichtete man eben lieber.
Somit lehnte er sich auf der Bank zurück gegen die Wand, den Becher mit schalem Bier weiterhin in seiner Hand und nippte äußerst selten daran, um nicht unnötig aufzufallen. Die Kapuze hatte schon ausreichend für neugierige, verstohlene Blicke gesorgt. Wenngleich er genügend Ablehnung ausstrahlte, dass man sich besser nicht zu viel mit ihm beschäftigte, sondern ihn schlichtweg in Ruhe ließ.
Selbst der Wirt hatte eingesehen, dass er sich schon melden würde, wenn er etwas benötigte. Außerdem war dieser damit beschäftigt, seine Theke zu putzen, mit einem derart verkommenen Lappen, dass es fraglich war, was nach der Bewegung mit weniger Schmutz behaftet sein würde.
Indes lehnte sich die junge Frau genau dort an und ließ ihre Blicke durch den Raum schweifen. Etwas, was dem Unbekannten weniger gefiel, sodass er es vorzog reglos zu verharren und so zu tun, als ginge ihn die gesamte Welt um ihn herum nichts an. Ihre Augen allerdings schienen ihn gar nicht auszumachen, denn sie reagierte nicht oder tat so, als hätte sie diese ungewöhnlich wirkende Person nicht bemerkt. Oder als ob sie es vorzöge, ihn ebenfalls zu ignorieren, wie all die anderen Gäste.
Wie auch immer, es konnte ihm nur recht sein, dass sie so wenig Interesse an ihm bekundete. Dafür war das seine umso stärker.
Ein kaum merklicher Ruck ging durch seinen Körper, als die junge Frau aufstand, und er tat, als würde er an seinem Getränk nippen, um sie unbemerkt aus seiner Kapuze heraus weiter beobachten zu können. Eine Sicherheitsmaßnahme, falls sie in seine Richtung sehen würde. Doch das tat sie nicht.
Stattdessen verließ sie den Schankraum. Ideal für ihn!
Dennoch wartete er noch etwa eine halbe Minute, ehe er den Becher gemütlich abstellte, sich erhob und zu derselben Tür wandte. Dadurch allerdings erregte er nun trotz allem Aufmerksamkeit, die des Wirtes nämlich.
„Hey, wo willst du hin?“, rief er nuschelnd und schob sich hinter der Theke hervor.
Unter Kapuze wurde lautlos geseufzt, ehe dieser sich umwandte. „Pinkeln.“, murrte er unfreundlich.
Der Wirt schnaufte kurzatmig und machte eine missmutige Miene.
„Probleme?“, grollte der Fremde warnend.
Sein Gegenüber plusterte sich leicht auf, ehe er den Kopf schüttelte. Danach wies er mit seinem Kinn nach links. „Die Tür dort. Die hier nur, wenn Ihr ein Zimmer wollt.“
Das gefiel dem Mann zwar nicht, jedoch machte er kehrt und nahm den richtigen Weg. Er würde schon eine Lösung finden und auf diesen Gang kommen. Die Frage war nur, wie, nicht ob.
Von dem Gang zu dem Innenhof mit dem Abtritt konnte er leider nichts erwarten, da dieser keinen anderen Zugang hatte.
Also kehrte er nach angemessener Zeit in den Schankraum zurück, um sich wieder hinzusetzen und zu grübeln. Er könnte nun warten, bis der Wirt abgelenkt wäre. Was dauern konnte oder auch gar nicht einsetzen musste bei dem Publikum.
Oder er könnte einen Weg von der Straße aus finden. Schon eher eine Option für ihn.
Nachdem er weiterhin an dem ekligen Gesöff genippt hatte, warf er eine Münze auf den Tisch und verließ wortlos die Schenke.
Draußen tauchte er in den dunklen Hausschatten und versuchte, erst einmal einen Überblick sich zu verschaffen. Nun musste er raten, welches Fenster das richtige wäre. Was anfangs mehr als schwierig war, denn nirgends war Licht zu sehen, das ihm einen Hinweis gegeben hätte.
Dadurch hieß es für ihn mal wieder warten. Zeit hatte er noch immer und Geduld noch dazu. Und er wurde belohnt, als nach einer Stunde oder mehr, er maß diese Spanne nicht, plötzlich ein Fenster sich erhellte.
Nicht viel, die Kerzen in diesem Viertel waren alles andere als gut für die Augen, aber deutlich genug, um ihm einen Anhaltspunkt zu geben. Warum hingegen erst nach dieser Zeitspanne, wusste er nicht, darüber könnte er sich später noch Gedanken machen. Ihm war lediglich klar, dass es die Frau sein musste, da er sonst nicht glaubte, dass jemand in dieser Kaschemme freiwillig übernachten würde. Da wäre die Straße teilweise noch ein besseres Quartier, egal, zu welcher Jahreszeit.
Er nickte sich selbst zu und begann damit, sich umzusehen, wie er zu diesem Raum gelingen könnte. Dieser lag im ersten Stock, doch das Mauerwerk hatte viele Rissen und Spalten, der Verputz war schon lange dahin. Pech für den Wirten, Glück für ihn.
Geschickt schlich er durch die Dunkelheit, bis er sich unter dem Fenster befand. Noch ein absichernder Blick, dann begann er damit, hinauf zu klettern. Alles geschah lautlos, dafür war der Mann geschickt genug.
Nicht einmal seine Kapuze verrutschte, sodass kaum mehr als ein Schatten zu erkennen war, als er in Höhe des Fensters in den Raum hinein spähen konnte. Ja, da war sie, die Frau, die er suchte.
Nun musste er nur noch zu ihr gelangen, ohne, dass sie sofort davon lief… oder ihn attackierte. In diesem Viertel sollte man schließlich mehr als vorsichtig sein, wollte man am Leben bleiben und seine wenigen Habseligkeiten behalten.
Trotzdem ging er in die Offensive und setzte auf den Moment der Überraschung. Lautlos tastete er das Fenster ab, ob es sich öffnen ließ, ohne, dass er etwas zerstörte.
Was sogar der Fall war, denn es schwang knarrend auf und ließ neben der kalten Nachtluft auch den fremden Mann ein, der sich geschickt nach dem Sprung abfing. Den Blick fest auf sie gerichtet, streckte er sich langsam zu seiner vollen Größe und wartete auf ihre Reaktion, um weiter handeln zu können.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Dienstag 11. Dezember 2012, 23:32

Eine Person die sie beobachtet hätte wäre ihr den ganzen Abend über nicht aufgefallen. Das könnte wohl daran liegen, dass so gut wie alle Feder beobachtet hatten, die in der Schenke sich ein Feierabend Bier gönnten. Da sie nichts verdächtiges bemerkt hatte, schob sie das Geräusch auf dem Flur auch auf ihre Einbildung, um dann mit ihren Übungen fort zu fahren. Nach einer kurzen Zeit, entzündete sie die Kerzen erneut wodurch der nächste Zauber anspruchsvoller gestaltet werden sollte. Doch gerade in dem Moment, als sie zu diesem ansetzte, öffnete sich das Fenster mit lautem Knarren. Eine dunkle Gestalt sprang geschickt in ihren Raum. Feder, die für ihre Übung wieder zwischen ihren Kerzen saß schreckte hoch und wich zur Tür zurück. Noch durchströmte sie ein Teil des Selbstbewusstsein, das ihre Musik ihr gab. Ansonsten, hätte sie vermutlich reflexartig mit Magie reagiert. Was sie im Nachhinein bereuen könnte. Denn sie mochte es nicht, anderen so viel von sich Preis zu geben.
Mit dem Rücken zu der heruntergekommenen Holztür, betrachtete sie den Eindringling. Ihre vor Schreck geweideten Augen huschten nervös über die Gestalt. Doch aufgrund der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze konnte sie kaum etwas erkennen. Das flackernde Licht der vier Kerzen ließ lebende Schatten durch den Raum tanzen, wodurch die Szene noch bedrohlicher wirkte. Das war nicht gut. Die ganze Situation war so etwas von überhaupt gar nicht gut. Sie wusste was für schreckliche Dinge manche Männer Frauen antun konnten. Eine Erfahrung auf die sie getrost verzichten würde. Sie warf einen kurze Seitenblick auf den Haufen von Habseligkeiten, der rechts des Fremden im Eck lag. Dort waren auch ihre Dolche, damit hätte sie ihn vielleicht noch abschrecken können. Doch jetzt war es zu spät, an jene würde Feder nicht mehr heran kommen. Direkt fokussierte sie wieder den Mann. Ihr ganzer Körper war bis zum zerreisen angespannt und sie überlegte fieberhafte was sie tun sollte. Wenn sie jetzt aus ihrem Zimmer rannte, dann könnte er sich über ihr Gepäck hermachen und die Handharfe stand noch neben der Wasserschüssel, wo Feder sie abgestellt hatte, als sie wieder ihr Zimmer betreten hatte. Der Verlust würde sie tatsächlich schmerzen. Vielleicht gelang es ihr aber auch schnell in den Schankraum zu kommen und Gäste zur Hilfe zu holen. Das klang gar nicht so schlecht, wenn sie auf dem Weg in den Schankraum schreien würde, könnte es sein, dass der Mann einfach flüchtete.
Während sie mit ihren Händen vorsichtig nach der Türklinke tastete, ließ sie den Fremden nicht aus den Augen. Eine falsche Bewegung von ihm und der ganze Raum würde rabenschwarz werden. Da sich der Mond hinter einer Wolkendecke versteckte, würde es ein leichtes sein die Finsternis herauf zu beschwören. Dies wäre aber wirklich nur der letzte Ausweg, wenn er sie packen würde oder sie sonst nicht mehr aus der Situation entkommen könnte.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Montag 17. Dezember 2012, 11:01

Der Fremde ahnte nichts von dem, was in diesem Zimmer vor sich ging, sonst hätte er sich womöglich seine Schritte zweimal überlegt. Nicht, dass er es hätte sein lassen oder Angst empfunden hätte, jedoch wäre er vermutlich vorsichtiger gewesen, um die Magie nicht heraus zu fordern.
Denn er hatte die ein oder andere Erfahrung schon damit gemacht und es gelernt, ernst zu nehmen, sobald es um Waffen direkt ging, die dadurch geschärft wurden oder Ähnliches. Aber so war er in dem Punkt so ahnungslos wie die junge Frau in jenem, dass sie unter Beobachtung stand.
Geschickt war er an der Wand entlang hinauf geklettert, um das Fenster zu öffnen und einfach in den Raum einzudringen. Die Kerzen spendeten ausreichend Licht, um die Person im Inneren gut mustern zu können, während seine tief ins Gesicht gezogene Kapuze einen noch undurchdringlicheren Schatten machte.
Was sicherlich alles andere als vertrauenerweckend wirkte. Also wollte er an diesem Umstand etwas ändern, indem er langsam, in einer dennoch fließenden Bewegung seinen Arm hob und mit den Fingern den Stoff griff, um ihn von seinem Kopf zu ziehen. Alles geschah ruhig, beinahe lautlos von seiner Seite aus, da er ihre vor Schreck geweiteten Augen durchaus zu deuten wusste. Etwas anderes war zwar kaum zu erwarten gewesen, doch nun wollte er zumindest Schadensbegrenzung halten.
Während sie ihrem Instinkt folgte und zu ihren wenigen Habseligkeiten blickte, trat ein blonder Schopf zutage, der eindeutig mehr Pflege vertragen würde, und sei es lediglich eine gründliche Waschung. Vielleicht auch einen neuen Schnitt, denn einige der Strähnen fielen ihm ständig ins Gesicht, als wollten sie seine Sicht behindern, damit er nicht zu viel ausmachen musste.
Sein Antlitz selbst war auch etwas verdreckt, sodass seine hellen Augen umso stärker zu leuchten schienen. Eigentlich war er recht attraktiv und hatte an sich eine sympathische Ausstrahlung unter all dem Schmutz.
Außerdem war er hochgewachsen und von einer natürlichen athletischen Figur, da er sein Leben lang keinen Müßiggang gekannt, allerdings auch Mittel und Wege gefunden hatte, um zu ausreichend Nahrung kommen zu können. Man konnte es unter der dunklen, leicht schmuddeligen Kleidung erahnen, die er trug.
Natürlich hatte er, als aufmerksamer Beobachter, gemerkt, dass sie den Blick flüchtig von ihm abgewandt hatte, und konnte sich den Grund auch denken. Um ihr jedoch nicht noch mehr Angst einzujagen, vermied er es, dieser Richtung zu folgen, was als Vorhaben zum Bestehlen ausgelegt werden könnte. Was er nicht im Geringsten vorhatte, diesmal nicht. Seine Beweggründe waren nun einmal andere, weswegen seine Augen auch auf sie direkt gerichtet blieben.
So nahm er wahr, dass sie sich zur Tür hin schlich und vermutlich vor ihm davon laufen wollte. Was er zu verhindern suchen würde.
Mit einer erneuten bedächtigen Bewegung hob er beschwichtigend seine Hand. „Bleib, ich tu dir nichts.“, sprach er leise und dennoch deutlich akzentuiert, um seinen Willen damit zu unterstreichen, wenngleich er sie nicht dazu zwingen könnte, ihm zu gehorchen.
Seine Stimme war tief und volltönend, voller Männlichkeit und dazu angetan, Frauen in Scharen allein bei diesem Timbre schon dahin schmelzen zu lassen. So jemand hätte es nicht nötig, sich sein Vergnügen mit Gewalt zu besorgen. Obwohl diese logische Schlussfolgerung wahrscheinlich nicht dabei helfen würde, ihre Angst zu mildern.
Aber wenigstens rührte er sich nicht vom Fleck und außer den beiden bisherigen Gesten bewegten sich lediglich seine Augen, die sie nicht los ließen.
„Ich bin gekommen, um etwas heraus zu finden.“, fügte er hinzu und wusste um die Zweideutigkeit seiner Formulierung.
Doch er baute auch darauf, dass diese dazu angetan war, ihre Neugier zu wecken und sie solange zum Verweilen zu bewegen, bis er seine tatsächlich gesuchte Antwort hatte. Denn bislang war er dieser noch keinen Schritt näher gekommen, da er sie allein vom Anblick her auch weiterhin nicht mit einer aufschlussreichen Erinnerung verbinden konnte.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Montag 17. Dezember 2012, 16:41

Dass der Fremde sein Kapuze vorsichtig zurückzog, beruhigte Feder ein wenig. Jetzt hatte der Eindringling wenigstens ein Gesicht. Vielleicht lag es zum Teil auch an der Haarfarbe, dass sie sich ein wenig entspannte. Blondes Haar wirkt einfach so viel unschuldiger als dunkle Haare es tun könnten. Sie betrachtete ihn genauer, während ihre Linke nach wie vor den verfluchten Türgriff zu ertasten versuchte. An verschmutzte Gesichter war Feder gewöhnt, vor allem in Grandea. Trotzdem hatte er etwas besonderes an sich. Damit meinte sie nicht einmal die gut gebaute Figur. Eine Seltenheit hier, denn die meisten in dieser Gegend waren entweder spindeldürr oder aufgeschwemmt von schlechtem Bier und anderen Dingen. Nein, es waren seine Augen. Sie waren nicht leer, abgestumpft oder blickten ständig in die Ferne. Ganz im Gegenteil, sie strahlten vor Lebensmut. Und beobachteten sie. Musterten sie. Sezierten sie als versuchten sie alles offenzulegen. Feder wollte nichts als weg. Endlich da war der Türgriff, schmiegte sich kühl in ihre Handfläche wie ein Versprechen von Rettung.
Sie wollte gerade den Griff langsam herunterdrücken,als ihr Gegenüber zu sprechen begann. „Bleib, ich tu dir nichts.“ Der Inhalt dieser Worte hätten Feder so sehr vom Weglaufen abhalten könne, wie ein Zwerg aus Rugta vom Bier trinken abzuhalten war. Die Stimme hingegen hatte etwas vertrauenerweckendes. Warm und melodisch erinnerte sie Feder an ein hübsches Liedchen. Wie attraktiv dabei das Gesamtbild des Mannes war, daran dachte sie nicht. Es war schlichtweg keine Richtung in die sie je Vorstöße unternommen hätte. Sein Akzent hatte etwas vertrautes. Doch da war noch mehr. Der Geruch des Fremden erinnerte sie an etwas. Sie konnte es nur nicht greifen, spürte aber wie knapp es außerhalb der Reichweite ihres Bewusstsein war. Sie mochte es nicht, wenn ihr Wissen so knapp vorenthalten wurde, egal ob von jemand anderem oder ihrem eigenen Gedächtnis. So fischte sie immer wieder nach diesem Stück Erinnerung. Doch jedes mal wenn sie zupacken wollte, entglitt es ihr wie ein glitschiger Aal. Auf jeden Fall, hielt sie vorerst in ihrem Vorhaben, die Tür zu öffnen, inne.
„Ich bin gekommen, um etwas heraus zu finden.“
Natürlich war er das. Die Größe ihres Geldbeutels, der Inhalt ihrer Taschen. Ihr fielen da auf Anhieb eine Menge Sachen ein, die er herausfinden wollen könnte. Etwas harmloses war es sicher nicht. Sonst würde er kaum in tiefster Nacht mit dunkler Kleidung durch das Fenster in ihr Zimmer springen. Dennoch beruhigte sich ihr Atem langsam wieder. Vielleicht konnte Feder mit ihm reden und er würde verschwinden, sobald er erkannte, dass es nichts zu holen gab. Vielleicht wollte er sich aber auch nur in ihr Vertrauen einschleichen um im richtigen Augenblick zuzuschlagen. Sie musste vorsichtig bleiben. Doch wenn sie so recht darüber nachdachte, dann sah er nicht verzweifelt genug aus, um an einem solchen Ort nach Geld oder Wertgegenständen zu suchen. Darüber hinaus schien er einfach nicht der Typ um ihr Gewalt anzutun. Hoffte sie. Doch was wollte er dann von ihr?
Nach einigen Momenten durchbrach Feders Stimme die Stille. „Und um das herauszufinden, musst du Nachts in das Zimmer einer fremden Frau einbrechen?“, antwortete sie spöttisch. Sie hoffte, dass die Spitze ein Selbstvertrauen vortäuschen würde, welches sie gar nicht besaß. Unter keinen Umständen wollte sie Schwäche zeigen. Aber dennoch war ihre Neugierde geweckt. Was könnte er nur wollen?

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Montag 17. Dezember 2012, 19:23

Er hatte gelernt in seinem Leben, vermutlich sogar viel mehr als manch andere in seinem Alter. Wenngleich wohl auch nur im Durchschnitt zu dem, was man auf der Straße nun einmal alles lernen musste, um überleben zu können.
Und er war sehr gelehrig gewesen, was man ihm insofern ansehen konnte, dass er eindeutig nicht am Hungertuch nagte. Zumindest nicht so offensichtlich wie der Großteil seiner Leidensgenossen. Ganz zu schweigen davon, dass er stolz auf sein Aussehen und auf seine Wirkung beim anderen Geschlecht war. Das half nicht nur beim Entwenden der ein oder anderen Geldbörse.
Gleichzeitig ließ er sich von seinem Schicksal nicht entmutigen. Im Gegenteil, er bot diesem nur zu gerne die Stirn und bewies von Tag zu Tag aufs Neue, zu was er alles fähig war und dass er seinen Weg ging, egal, wie viele Steine hinein gelegt wurden. Entsprechend wach blickten seine Augen, die auch darauf hinwiesen, dass sein Geist alles andere als träge und abgestumpft war durch die Jahre.
Außerdem sah er seinem Gegenüber gerne direkt an und scheute sich nicht davor, mit einigen Ausnahmen, wo es einfach klüger war, den Blick lieber zu senken. Manche Höhergestellten konnten ziemlich garstig werden, wenn sie sich so taxiert fühlten, und Bekanntschaft mit den Wachen brauchte er nicht so rasch wieder. Die bisherigen Male hatten ihm definitiv gereicht.
Und er besaß ein gutes Gespür für den rechten Moment. Denn genau da, als sie die Türklinke erfasst hatte, sprach er sie an. Nicht viel und nichts, um ihr Misstrauen sofort erfolgreich vertreiben zu können. Aber es war ein Anfang, das spürte er ganz instinktiv, weil sie nicht endgültig weglief und ihm so seiner Chance beraubte, heraus zu finden, woher ihm diese Person bekannt vorkam.
Als sie somit zögerte, setzte er nach und versuchte, ihre Neugier soweit zu entfachen, um sie erst recht zum Bleiben zu bewegen. Er wollte sich schließlich tatsächlich nur mit ihr unterhalten.
Selbstverständlich wäre er anderen Zuneigungsbekundungen nicht abgeneigt, das war er bei jungen Frauen, die auch ein wenig hübsch waren, nie. Jedoch hätte er sich dann ihr vollkommen anders genähert, um wirklich auch zu diesem Ziel gelangen zu können.
Somit hatte er andere Worte gewählt und wartete nun auf die Wirkung, während er sich nicht einen Millimeter weit rührte. Selbst seinen Atem konnte man kaum wahrnehmen, da die Kleidung das Heben und Senken seines Brustkorbs gut verbarg.
Dass er hingegen keine Statue geworden war, verrieten allein seine Augen, die wachsam weiterhin jede ihrer Regungen beobachteten und verfolgten. Er nahm alles an ihr wahr, die Angst und Bereitschaft zur Flucht in ihrem Blick, das leichte Zittern ihres Körpers, dass sich allerdings auch ihr Atem leicht beruhigte. Gut, das war ein gutes Zeichen, seinem Vorhaben dienlich, sodass er sich ein feines, knappes, zufriedenes Nicken nicht verkneifen wollte.
Und dann hatte sie ausreichend Mut zusammen genommen und sprach ihn von sich aus an, etwas, worauf er gewartet hatte, um sie in ihrer Angst nicht zu überfordern. Bei ihren Worten erklang ein leises, amüsiertes Lachen, das den Raum erfüllte durch seine Tiefe, nicht durch seine Lautstärke. Denn es war eher zu spüren, denn zu hören.
"Nachts... nun, die Nacht ist mein Freund, ich hülle mich gerne in ihn. Einbrechen? Bei einem geöffneten Fenster... wohl kaum. Eine fremde Frau..." Er ließ die Botschaft sacken und ein feines, spitzbübisches Grinsen stahl sich in seinen Mundwinkel. "Das ist die Frage. Ist sie mir wirklich fremd?"
Einen Moment später wurde er wieder ernster und sein Blick richtete sich noch aufmerksamer auf sie, als könne er dadurch endlich eine Antwort darauf ausmachen, woher er diese Person zu kennen glaubte.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Dienstag 18. Dezember 2012, 17:25

Das Lachen des Mannes verunsicherte Feder genauso sehr wie seine Blicke. Er schaute ihr unangenehmer weise direkt in die Augen. Nach einem kurzen Moment schaute sie weg. Doch als sie die Antwort des Fremden hörte, hatte sie endlich wieder das Gefühl Land zu sehen. Denn Feder kannte dieses Spiel nur zu gut. Viel reden, nichts sagen, nichts preisgeben aber trotzdem alles erfahren. Während sie nachdachte, spielte ihre rechte Hand mit ihren Haaren, wickelte sie immer wieder um ihren Finger, bevor sie die Strähne losließ und die Prozedur von neuem begann. Der Fremde hingegen hatte jetzt schon sehr viel preisgegeben. Zu erst einmal die Aufforderung zu bleiben, zeigte, dass er explizit etwas von ihr wollte. Nichts aus ihrem Zimmer. Er wolle etwas erfahren. Diese Aussage war entweder eine Falle, oder er brauchte Informationen von denen er glaubte, sie verfüge darüber. Doch jetzt wurde es erst richtig gut. Der Mann gehörte zum Lichtscheuen Gesindel, eine offensichtliche Tatsachen. Doch einen Einbruch durch ein offenes Fenster zu beschönigen, gab einen tiefen Einblick in sein Betätigungsfeld. Immerhin kannte Feder das selbst, rechtfertigte sie doch ihre eigenen Diebstähle oft durch Beschönigungen. Auf jeden Fall, war es nicht sein erstes Mal. Viel zu lautlos war er an der Mauer hinaufgeklettert. Entweder war er ein Dieb oder ein Attentäter. Vergewaltiger schloss sie mittlerweile aus. Attentäter eigentlich auch. Ab einem gewissen Punkt hatte man es nicht mehr nötig einen Einbruch zu rechtfertigen. Doch warum sollte ein Dieb Informationen von ihr wollen? Ihre Finger spielten immer schneller und nervöser mit der braunen Haarpracht. "Das ist die Frage. Ist sie mir wirklich fremd?", Feder ließ sich diesen Satz wieder und wieder durch den Kopf gehen. Warum war dies die Frage? Wollte er sie in eine Falle locken? Wollte er sein eigentliches Ziel verschleiern? Möglich wäre es auch, dass er sie verwechselte. Sie dürfte mager genug sein um nahtlos in diese Gegend zu passen. Doch für solch einen Fehler wirkte ihr Gegner zu professionell. Dennoch, er konnte sie nicht kenne, sie hatte seit einer Ewigkeit keinen Kontakt mehr zu anderen als ihrem Meister gehabt. Und plötzlich war dann wieder diese Gefühl da, er müsste sie an etwas erinnern. Schmerzhaft eng wickelte sie die Haare um ihren dünnen Finger. Hoffend, dass der Schmerz ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen würde. Aber sie kam nicht drauf. Dann half nur eins. Mitspielen.
„Wenn du mir deinen Namen verraten würdest, erinnerte ich mich vielleicht daran ob wir uns kennen Ich bin Musikerin und deswegen schon viel durchs Land gereist und habe so einige Bekanntschaften gemacht. Da ist es schwer sich an jeden Einzelnen zu erinnern.“ Sie glaubte nicht, dass er ihr den echten Namen verraten würde. Aber darum ging es hier auch nicht. Sie wollte naiv wirken. Vielleicht ließ ihr Gegenüber sich dann zu einem Fehler provozieren. Der zweite wichtige Punkt war, nur das mitzuteilen, was er sowieso schon wissen müsste. Aber dennoch musste man irgendetwas immer mitteilen. Nur wer Informationen säte, konnte auch welche ernten.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Dienstag 18. Dezember 2012, 19:10

Er wusste, dass er verunsichern konnte und manchmal wollte er das auch. Hier jedoch war es anders herum, er wollte ihr die Angst soweit nehmen, dass sie ihn nicht einfach so stehen ließ. Nicht, solange er nicht die Information hatte, ob er sich irrte oder nicht und wenn nicht, woher er diese junge Frau kannte. Danach könnte sie gehen, wohin sie wollte... vermutlich.
Außer es würde sich anderes ergeben, das ihn dazu bringen würde, sie des Öfteren in seiner Nähe dulden zu wollen. Das müsste sich erst zeigen.
Selbstverständlich wollte er mit seinen Worten so wenig wie möglich von sich oder seinen Absichten verraten, aber dafür ausreichend, um sie nicht weiter zu ängstigen und gleichzeitig dazu zu verleiten, ihm Auskünfte zu geben. Dies war eine Taktik, die mitunter lebenswichtig auf der Straße und in seinem Milieu war und die man besser vorgestern als heute gelernt hatte. So auch er, da er an seiner Existenz merklich hing.
Dann allerdings, als sie ihn warten und er ihr auch die Zeit dazu ließ, nachzudenken, tat sie etwas, das seine Erinnerung anzufachen schien. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und es arbeitete hinter seiner Stirn, auch wenn man davon nichts erkennen konnte. Nur, wer diesen Blick kannte, würde das wissen, da er sich gerne so geheimnisvoll und undurchdringlich gab, dass man kaum etwas herausfinden konnte, solange er das nicht wollte.
Doch diese Geste... dieses Verhalten unter solchen Umständen, wenn sie merklich überlegte... Es kam ihm noch bekannter vor als alles, das ihm bisher dieses Gefühl beschert hatte. Nur woher...?
Er zermarterte sich sein Gehirn und wusste, er stand kurz vor der Lösung, und dennoch entglitt sie ihm noch. Wie von ferne klang ein leises Kinderlachen in seinen Ohren, das ihm einen guten Hinweis liefern würde, wenn er ihn richtig zu einem Bild einordnen könnte. Es gelang nicht... und allmählich wurmte ihn das, machte es ihn ungeduldiger, als er sein sollte.
Trotzdem konnte er sich noch zusammen reißen und sich so verhalten, als würde ihn all das nichts angehen und lediglich ein interessanter Punkt in seinem Alltag darstellen, nichts weiter. Dabei gewann es mit jedem Steinchen, das sich zu dem Gesamten zu fügen begann, an Bedeutung für ihn. Zumindest beschlich ihn dieses Gefühl immer deutlicher.
Und dann sprach sie wieder, wollte ihn ihrerseits ködern und das gar nicht so ungeschickt. Wäre sie nicht an einen derart geübten Lügner geraten wie ihn.
Seine Augen wurden wieder runder, seine Mimik entspannte sich und in seinen Mundwinkel kehrte das spitzbübische Grinsen zurück, das schon eher seinem Alter entsprach als jeder andere Zug sonst. "Wie du schon sagst, du bist viel gereist. Namen kommen und gehen oder wiederholen sich.", erwiderte er mit leisem Spott in der Stimme, da er nicht vorhatte, den seinen zu verraten.
Kannte er diesen überhaupt noch? Ja, wenn auch nur sehr schwer. Nicht umsonst gehörte er zu einem der besten Diebe derzeit in dieser Gegend, der es gelernt hatte, unter vielen Namen bekannt zu sein, jedoch nicht unter seinem eigenen. So schlüpfte er in verschiedene Rollen, zog sie sich über wie einen Stoff und wechselte seine Identitäten, so häufig, dass es ihm oft schon schwer fiel, sein wahres Ich noch für sich selbst zu fassen. Das waren jene Spuren, die sich tief in ihn eingegraben hatten, anstatt sich in einem trüben, abgestumpften Blick zu zeigen. Viel unsichtbarer, aber dennoch mindestens so schwerwiegend, wenn nicht noch mehr.
Langsam machte er einen Schritt auf sie zu und wartete geduldig ab, ob sie vor ihm zurück weichen oder flüchten würde. Denn letzteres könnte sie nur durch die Tür, während ersteres bedeuten würde, dass sie sich davon entfernen müsste. Je nachdem, wie sie reagierte, würde er sich weiter bewegen oder nicht.
In der Zwischenzeit hatte er auch eine weitere Botschaft an sie. "So, so, Musikerin?" Er musterte sie ein weiteres Mal. Das Grinsen in seinem Mundwinkel verstärkte sich und seine Augen funkelten amüsiert. "Nein, so siehst du mir nicht aus."
Was er sogar ernst meinte, da ihm sein Gefühl sagte, dass er sie in einer anderen Rolle kannte. Gleichzeitig jedoch ließ er bewusst offen, wieso er so etwas behauptete, um sie weiter aus der Reserve zu locken und in diesem Raum zu behalten.
Vielleicht würde ja die ein oder andere Gefühlsregung ihm mehr verraten, so wie es mit dem Wickeln ihrer Haarsträhne geschehen war, die sie immer fester um ihren Finger schlang, dass es wohl schon weh tun müsste. Er stand kurz vor der Erkenntnis... es fehlte nicht mehr viel!
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Mittwoch 19. Dezember 2012, 21:35

Vielleicht hätte Feder sich an diese Person erinnert, wenn sie seinen Blick gesehen hätte, doch da sie es nach wie vor vermied ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen entging ihr dieser Hinweis leider. Sein Grinsen erkannte sie jedoch sehr gut. Sie war an keinen Anfänger geraten, der Fremde wusste, wie man dieses Spiel spielte. Alles andere wäre ja wohl auch zu schön gewesen...Dass er sich über sie Lustig machte, ignorierte sie einfach. Die Meinung von Fremden war ihr normalerweise ziemlich gleichgültig. Sie hatte ihr Leben und so seltsam oder einsam es vielleicht auch sein mochte, so merkwürdig und schüchtern sie vielleicht auch war, eigentlich konnte sie von sich behaupten, zufrieden zu sein.
Na gut, noch zufriedener wäre sie vielleicht, wenn sie endlich wüsste, was dieser Mann von ihr wollte, oder was verflixt nochmal er in ihrem Gedächtnis zu wecken schien. Dann machte er einen Schritt auf sie zu. Feder drückte die Klinke herunter bevor sie die Tür einen Spalt breit öffnete. Ihre Linke Hand war nach wie vor am Türgriff und hielt ihn gedrückt, während sie nach wie vor zum Fremden gerichtet da stand. Sie würde nicht zur Seite ausweichen. Sich dadurch vom einzigen Fluchtweg abschneiden war einfach zu riskant. Und dennoch wollte sie wissen, was dieser Mann mit seinem Theater bezweckte.
Während die beiden so im Raum standen, brannten die Kerzen immer weiter runter, die erste war schon erloschen, was die Szene für einen neutralen Beobachter nicht gerade entspannter machen würde. Die Schatten wurden tiefer und geisterten nun mehr gespenstisch langsam über die Wände. Dem entgegen stand jedoch Feders Körpersprache, die Schultern gingen fast unmerklich zurück, sie wurde ein Winzigkeit größer und als sie erkannte, dass sie auch den Kopf ein wenig gerader hielt, verfluchte sie sich selbst. Wenn ihr Gegenüber den Zusammenhang herstellen würde, dann wäre sein Verdacht wohl auch noch bestätigt worden. Sie sah nicht aus wie eine Musikerin. Sie hatte sich niemals Gedanken darüber gemacht, wie sie aussah. Dabei war dieser Teil ihrer Aussage sogar wahr. Seit etwa einem Jahr schlug sie sich als Musikerin durch. Naja, zumindest zum größten Teil.
Zum einen durch ihren Fehler und zum anderen durch das Näher kommen des Mannes sah sie sich unter Zugzwang. Die einzige Idee, die sie im Moment hatte, war dass ihr Gegenüber ihr Lehrmeister sei, der sie mithilfe der Schattenmaske, in eines seiner verworrenen Spiele verwickelte. Das konnte sie rational nicht erklären. Feder hatte den Großteil seiner Handlungen nicht verstanden. Und abgesehen von ihm, fiel ihr auch niemand ein an den sie sich erinnern könnte. Sie hatte ja kaum Kontakt zu anderen. Selbst mit ihrem Leuten aus dem Publikum wechselte sie seltenst ein Wort. Und an diese Personen aus dem letzten Jahr, würde sie sich ja wohl gerade noch erinnern können. Um Informationen zu ernten, musste man Informationen säen. Na gut. Vielleicht würde die Flucht nach vorne ihr ein wenig helfen.
„Namen mögen Schall und Rauch sein, aber woher weißt du wer ich bin, wenn du meinen Namen nicht kennst. Ich heiße Sarah, falls dir das weiterhilft.“, ihre Stimme war fest und jetzt betrachtete sie den Fremden genau. Nur ihr Meister und ein frecher Junge aus ihrer Kindheit wussten von ihrer Träumerei, dass ihre Mutter sie vermutlich Sarah genannt habe. Sie hatte leider keine Erinnerung an ihre Mutter, weshalb diese Vorstellung mehr aus ihrem Gefallen an dem Namen entsprungen war. Es konnte also fast nur ihr Meister etwas mit dieser Information anfangen. Man würde sie damit nirgends finden können. Die perfekte Information in diesem Spiel. Sie konnte für den richtigen alles verraten und für die falschen nichts. Sollte ihr Gegenüber nicht darauf reagieren, dann würde Feder in den Schankraum flüchten. Noch hörte sie gedämpfte stimmen, die Treppe am Ende des Flures herauf tönen. Sie hoffte nur, dass sie auch problemlos entkommen würde. Immerhin war ihr Gegenüber ein gutes Stück näher an ihr dran, als ihr lieb sein konnte. Hinzu kam, dass jeder verstreichende Moment das Risiko erhöhte, einem unangenehmen Ausgang entgegen zu steuern. Vor allem hatte sie auch nicht gerade das Gefühl, dass dieses Gespräch sonst noch zu etwas sinnvollem führen würde. Vermutlich hatte sie es schon viel zu lange hinausgezögert. Neugier ist der Katze Tod.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 20. Dezember 2012, 20:29

Er wäre längst tot, wenn er noch ein blutiger Anfänger wäre. Das war ihm nicht nur aus seiner eigenen Erfahrung bewusst, sondern auch wegen einigen Erlebnissen von anderen Beginnern, die er kommen und gehen gesehen hatte. Nun ja... gegangen waren sie nicht wirklich, sondern gestorben, meist sogar ziemlich brutal. Jedoch hatte ihnen allen das selbe Schicksal geblüht, wenn sie nicht rasch genug gelernt hatte.
Und zu denen hatte er sich niemals gezählt oder es auch nur im Ansatz gewollt. Nein, dazu war er zu klug und zu zielstrebig. Vielleicht würde er niemals von der Straße wegkommen und im Endeffekt bis zu seinem tatsächlichen Lebensende sich mit Diebstählen über Wasser halten müssen. Aber das war ihm diese Freiheit, die er lediglich auf diese Weise zu erleben können glaubte, eindeutig wert.
Trotzdem machte er es der jungen Frau, die ihm so bekannt vorkam, alles andere als leicht. Gerade, weil er sich selbst instinktiv schützen wollte, wollte er nur diesem einen Punkt auf den Grund gehen, doch alles andere für sich behalten.
Um weiter zu kommen, machte er wortwörtlich einen Schritt auf sie zu und versuchte auf diese Weise heraus zu finden, wie weit er sie schon eingewickelt hatte, um sie am Flüchten zu hindern. Allerdings reagierte sie prompt und öffnete sogar die Tür ganz leicht.
Sofort verharrte er und hob beschwichtigend die Hand, als Zeichen, dass er es verstanden hatte und sich daran auch halten würde, dass sie diesen Abstand beibehalten wollte. Somit war für ihn klar, dass sie ihren einzigen Ausweg nicht vergessen hatte. Gut zu wissen, er würde es sich merken und akzeptieren. Das versuchte er ihr mit seiner Geste zu verdeutlichen.
Dass sich indes die Beleuchtung änderte und anscheinend eine der zahlreichen Kerzen bereits herunter gebrannt war, nahm er am Rande zur Kenntnis. Es war ein verlässlicher Zeitmesser, er ahnte schließlich nichts von ihrer Gabe, und er beschloss für sich, dieses Spiel nicht mehr lange auszuführen. So sehr er das auch wissen wollte, ewig würde er hier nicht verweilen. Nicht mehr lange und er würde unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ärgerlich, aber irgendwann musste nun einmal trotz allem Schluss sein.
Er fürchtete sich nicht vor der Dunkelheit, dazu hatte sie ihn viel zu oft beschützt. Doch er hatte seine Verstecke, die er vor Sonnenaufgang zu erreichen gedachte, um keinem von der Wache noch in die Hände zu laufen. Tagsüber waren sie viel zu präsent in diesen Straßen, als dass er dieses Risiko eingehen wollen würde wegen einer möglichen Bekannten.
Die sich auch ein wenig erstaunlich verhielt, nun, wo das Licht etwas gedämpfter ausfiel. Sie straffte ihre Haltung und schien an Selbstvertrauen zu zunehmen.
Seine Augenbraue zuckte nicht mehr als einen Millimeter in die Höhe, die einzige merkliche Reaktion seinerseits, während er in seinem Geiste höchst aufmerksam war. Was hatte das zu bedeuten? Glaubte sie, nur, weil das Licht geringer wurde, würde er von ihr ablassen? Oder gäbe es einen anderen Grund? Ein weiterer Punkt, der sich womöglich heraus zu finden lohnte, sofern die Zeit reichen würde. Es steckte mehr hinter dieser Frau und mehr denn je war er sich vollkommen sicher, dass sie keine einfache Musikerin war.
Sie war begabt bei ihrem Spiel und mit einer schönen Stimme gesegnet, allerdings war das längst nicht alles. Da konnte sie ihm vorlügen, was sie wollte, das erkannte er mit dem sicheren Instinkt eines Mannes, der es schon früh gelernt hatte, andere Personen mit einem Blick einschätzen zu können.
Jedoch hatte er mit seiner Aktion anscheinend einen guten Auslöser gegeben, denn als sie wieder das Wort ergriff, gab sie ihm eine Information, die ihn heftig zusammen fahren ließ. Dieser Klang, er war ihm mehr als vertraut. Der Name war alltäglich, könnte jeder Person gehören, das stand fest. Aber wie sie ihn aussprach, wie sie die Vokale formte, das leise Aufflackern von Gefühlen in ihrem Blick dabei, das er trotz des Lichtes erkennen konnte, einfach alles an diesem einen Wort löste endgültig die Erinnerung in ihm aus.
Leise fluchte er und wich zurück, als hätte sie ihm so vehement mit dem Tod gedroht, dass er im nächsten Moment von ihr angegriffen werden würde. Seine Augen hatten sich etwas geweitet und er schüttelte leicht den Kopf, als wolle er es nicht glauben. "Du...?", keuchte er in seiner Muttersprache und wollte es kaum glauben.
Erneut glitt sein Blick über ihre Gestalt, langsam und weitaus aufmerksamer als noch Sekunden zuvor. "Das gibts nicht...", setzte er ungläubig hinzu.
So lange war es her, so oft hatte er sich gefragt, was aus dem Mädchen geworden war von damals... und nun stand sie hier, direkt vor ihm und wollte weglaufen! Nein, das konnte er nicht zulassen, jetzt nicht mehr. Auch wenn sie womöglich Angst vor ihm bekommen würde, er musste dafür sorgen, dass sie keine Fluchtmöglichkeit mehr hatte.
So schnell und unvorbereitet er konnte, damit sie nicht mehr rechtzeitig reagieren konnte, huschte er zur Tür, ignorierte ihren Wunsch nach dem Sicherheitsabstand, und drückte das knarrende Holz rasch wieder zu. Leicht keuchend blieb er so stehen, starrte gegen das Material und schluckte.
"Dir passiert nichts... versprochen... aber... setz dich!" Die letzten beiden Worte zischte er wie einen Befehl und sah sie dabei abrupt sowie eindringlich an, um hoffentlich zu verhindern, dass sie als Folge seiner Aktion schreien oder durch das Fenster flüchten würde.
Bei letzterem mit der Gefahr, dass sie sich bei dem Sprung etwas brechen könnte, womöglich sogar ihr Genick. Hoffentlich war sie in den letzten Jahren vernünftiger geworden, als er es in ihrer Situation wäre!
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Donnerstag 20. Dezember 2012, 22:57

Ihre Antwort löste eine erstaunliche Reaktion bei dem Fremden aus. Er wich zurück wie ein Junge der Prügel erwartet. Damit hatte sie nun tatsächlich nicht gerechnet. „Du....?“, kam von ihrem Gegenüber auf Garmisch. Damit war ihr klar, dass es eindeutig nicht ihr Lehrmeister sein konnte. Jener hatte nur zu Beginn ihrer Ausbildung, bis sie endlich Melongiar beherrschte in dieser Sprache mir ihr gesprochen. Aus irgendeinem Grund konnte er Garmisch nicht ausstehen. Aber dann blieb doch nur eine andere Möglichkeit, die die Reaktion ihres Gegenüber erklären könnte. "Das gibts nicht...", traf ziemlich genau ihre Gefühlslage. Die einzige andere Person die sie bei diesem Namen erkennen dürfte, wäre ein blonder in Lumpen gehüllter und vom Staub der Straßen bedeckter Junge, dessen stärkste Waffe gegen das Leben, ein schallendes Lachen gewesen war. Konnte das sein? Während ihr tausend Gedanken durch den Kopf rasten, stand sie da wie zur Salzsäule erstarrt. War es möglich, dass dieser Mann Simon war. Sie hatte sich nicht einmal von ihm verabschieden können...Aber war es überhaupt wahrscheinlich, dass sie sich nicht täuschte? Ihre aller Zukunft hatte damals nicht allzu rosig ausgesehen. Im Gegensatz dazu, sah der Fremde recht gut aus. Aber warum sonst sollte er so reagieren? Seine Stimme hatte sich zwar verändert, aber sie glaubte, er betone die Worte nach wie vor auf die selbe Art und Weise. Irgendwie frei. Als ließe er sich nicht von Konventionen wie man ein Wort zu betonen hatte einschränken. Bilder aus ihrer Kindheit überfluteten Feder. Und während sie darum rang nicht in ihnen zu ertrinken, war der Fremde mit einem Satz an der Tür und hatte sie geschlossen.
War das ein Trick gewesen? War sie tatsächlich so naiv und einfach zu überlisten? Wie hätte jemand von diesen Erinnerungen wissen könne? Während diese Fragen hämmernd ihre Erinnerungen verdrängten, kroch ganz langsam und vorsichtig aus den finstersten Ecken ihrer selbst die Angst hervor. Nun hatte sie wirklich ein Problem. Sie war sofort zurückgewichen bis zu der dünnen Holzwand auf der linken Seite der Tür. Aber dann war Schluss. Jetzt hatte er ihr die einzige Sicherheit die sie hatte genommen. Sie saß in der Falle. In die Ecke gedrängt von einer Katze, viel zu schlau für sie. War deshalb ihr Meister verschwunden? Hatte er mächtige Feinde die ihm auf den Fersen waren, die nun auch seine Schülerin erwischt hatten? Waren sie so an diese Information über Feder gekommen? Ein perfekt ausgeführter Plan. Ihr Körper fing an zu zittern, während sie ihre Blicke panisch durch den Raum huschen ließ. Wenn ihr Feind an diese Information herangekommen war, dann würde ihre Magie auf ihn wie billige Tricks wirken. Schreien brachte ihr auch nicht viel. Bis Jemand hier oben war, war sie vermutlich schon tot. Wie hatte sie nur so dumm sein können. "Dir passiert nichts... versprochen... aber... setz dich!" Natürlich, direkt nachdem sie sich selbst das Messer an den Hals gesetzt hatte.
Feder sah nur eine Möglichkeit sich zu retten. Sie musste etwas unsagbar blödes tun, mit dem der Mann nicht rechnen würde. Hoffentlich nicht rechnen würde. Mit all ihrer Selbstbeherrschung überwand sie die lähmende Furcht und sprintete los. Nicht direkt auf das Fenster zu, sonder erst zu einer der noch brennenden Kerzen. Im Renne hob Feder sie auf, um sie aus der Drehung heraus auf den Fremden zu werfen. Sie hoffte dies würde ihr die benötigte Zeit geben um aus dem Fenster zu springen. Wachs spritze in alle Richtungen, auch auf ihre Haut, wo es unangenehm heiß erstarrte. Vom Hof aus konnte sie sich vielleicht in den Schankraum retten. Das war kein gut durchdachter Fluchtplan sondern mehr eine Panikreaktion. So etwas konnte ja nur schief gehen.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Freitag 21. Dezember 2012, 18:35

Auch wenn er sich nur in diesem Raum aufhielt, weil ihn genau dieses Gefühl, die Frau vor ihm irgendwo her zu kennen, hergetrieben hatte, traf ihn die Erkenntnis letzten Endes unvorbereitet. So sehr sogar, dass er regelrecht vor ihr zurück prallte und gar nicht merkte, dass er in seine Muttersprache verfiel. Er war einfach viel zu perplex davon, wie sehr sein Instinkt Recht behalten hatte.
Bilder blitzten vor seinem inneren Auge auf, ein kleines, eher scheues Mädchen, das von größeren Jungs angegangen worden war, weil es angeblich die Gruppe aufhielt. Und er, keine zehn Jahre alt, der sich dazwischen stellte und den anderen gehörig die Meinung geigte. Oder eine andere Szene, wo sie eine von ihm scherzhaft ausgesprochene Herausforderung angenommen und sogar bestanden hatte! Lange hatte er darüber gestaunt, wie sie das hatte bewerkstelligen können, diesem Kerl direkt gegenüber zu treten und ihm seine Börse zu stehlen, ohne erwischt oder überhaupt gejagt zu werden.
Selbst, als sie so plötzlich verschwunden war, hatte er noch darüber nachgegrübelt, wie ihr das gelungen war. Bei den Göttern, wie hatte er sie vermisst! Dieses kleine, etwas vernachlässigte Mädchen, das er als seine einzige wirkliche Freundin bezeichnen könnte und es eine Zeit lang in seinen Gedanken auch heimlich getan hatte.
Wie oft hatte er sich Sorgen um und Vorwürfen wegen ihr gemacht, weil sie so von einem Tag auf den anderen verschwunden gewesen war und er hatte annehmen müssen, dass ihr etwas zugestoßen war. Und je länger sie weggewesen war, desto überzeugter war er davon gewesen, dass sie nicht hatte vor dem Tod bewahren können. Was hatte er für Schuldgefühle gehabt, wie hatte er sich deswegen oft in den Schlaf gequält!
Doch nun... nun stand sie hier, vor ihm, erwachsen, als angebliche Musikerin. Vielleicht ein wenig zu dünn und zu blass, aber im Prinzip gut versorgt in den letzten Jahren gewesen!
Jedoch jetzt konnte und würde er sie so schnell nicht mehr gehen lassen. Deswegen musste er ihr den Fluchtweg absperren und versuchte es rasch genug zu tun, um sie nicht mehr hinaus lassen zu müssen.
Während ihrer Überraschung und merklichen Verblüffung wurde er schnell, rauschte dicht zu ihr hin und schloss die Tür, unwiderruflich und entschlossen. Dann sah er sie an und machte mit seinen Worten klar, was er nun von ihr wollte. Ohne zu bedenken, dass gerade eine junge, zierliche Frau in ganz andere Bahnen deswegen denken würde und zwangsläufig Angst bekommen musste.
Er rechnete nicht damit, dass sie dieselbe Dummheit wie er in solch einer Situation begehen würde und bedachte aus diesem Grunde auch nicht, sie nicht nur von der Tür, sondern auch von dem noch offen stehenden Fenster abzuschneiden. Stattdessen stand er da, bei dem Holz, den Griff in seinem unterem Rücken, und glaubte ernsthaft, sie würde auf ihn hören, als er ihr mehr oder weniger befahl, sich hinzusetzen und mit ihm zu reden.
Dabei hätte er es besser wissen müssen... Denn schon damals hatte sie trotz allem ihren eigenen Willen gehabt und mitunter gebockt, sobald er einen zu starken Befehlston angeschlagen hatte, den er schon als kleiner Junge gehabt hatte. Erst, als es geschehen war, bemerkte er seinen Fehler.
Lautlos fluchte er bei ihrem Blick, in den deutlich die Angst gestiegen war, sowie bei dem Zittern, das sie erfasste, und bereute seine impulsive Handlung. Schadensbegrenzung, die war jetzt wichtig!
Beschwichtigend hob er die Hand. "Setz dich...", wiederholte er, betont ruhiger und freundlicher. Und nach einem kurzen Zögern setzte er noch etwas für ihn Ungewohntes hinzu, da er es nur äußerst selten benutzte:"Bitte..."
Allerdings nutzte das nicht viel, denn mit einem Mal wurde sie schnell. Es gab nur eine Möglichkeit, die sie jetzt ergreifen wollte, das war ihm bewusst. Schon stieß er sich ab und steuerte, im Gegensatz zu ihr, direkt auf das Fenster zu.
Zu spät begriff er, dass sie eigentlich zuerst eine Kerze nach ihm werfen wollte, um ihn abzulenken. Sie verfehlte ihn, obwohl nur knapp, ehe er mit vollem Schwung bereits gegen eine Stelle der Wand direkt neben dem Fenster prallte, da er nicht mehr hatte bremsen können. Schmerz schoss durch seine angeschlagene Schulter, doch er versuchte, ihn einfach auszublenden, so wie er es schon unsagbar oft in seinem Leben hatte machen müssen.
Er knurrte lediglich sich selbst an und nutzte den Gegenschwung, um der jungen Frau in die Laufbahn zu gelangen. Mit einem Arm umfasste er sie rasch, während er sie mit sich unabsichtlich zu Boden riss.
Ohne sie los zu lassen, strechte er sich und schlug gegen die Flamme der Kerze, ehe diese den Holzboden in Brand setzen und sie beide versengen könnte. "Verdammt, Feder, spinnst du?!", fauchte er gegen das zappelnde Bündel in seinem Griff, instinktiv den viel vertrauteren Namen von ihr gebrauchend. "Abfackeln gilt nicht!", folgte dem noch aufkeuchend, als eine Ferse unangenehm hart gegen sein Schienbein traf und ihm vor Schmerz Tränen in die Augen trieb.
Aber er hielt sie weiterhin fest, rollte mit ihr über den Boden und schaffte es irgendwie, auf ihr zum Liegen zu kommen und ihre Handgelenke auf dem Boden festzunageln. Sein Körper ruhte schwer auf ihr und sein Gesicht schwebte nur wenige Zentimeter über dem ihren, die leicht wütenden Augen fest auf die ihren gerichtet. "Hörst du mir jetzt endlich zu oder muss ich dich wirklich fesseln?!", stieß er atemlos aus.
Dieses Einfangen und Ringen hatte ihn tatsächlich ein wenig angestrengt und wenn sie genau hinsah, konnte sie einen einzelnen Schweißtropfen auf seiner sonst glatten Stirn glitzern sehen, die sich durch den Schmutz hindurch gesammelt hatte.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Freitag 21. Dezember 2012, 22:20

Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete sie die Bewegung des Mannes. Mit voller Wucht raste er auf das Fenster zu. Ha! Ihr Plan schien sich gar nicht so schlecht zu machen. Schließlich hatte er sie noch nicht erwischt. Mit aller Kraft, was hier am Rande bemerkt nicht allzu viel war, schleuderte Feder die Kerze in seine Richtung. Das sie ungeübt im Werfen war, traf die Kerze leider nur mit einem dumpfen Schlag die Wand, ehe sie zu Boden viel und nach einigen Momenten des Kullerns, liegen blieb. Irgendwie hatte sie sich das dann doch anders vorgestellt. Immerhin war der Fremde mit voller Wucht gegen die Wand geprallt. Hoffentlich tat es weh! Doch schneller als sie reagieren konnte, hatte er sich schon wieder erholt und Feder umgerissen. Verflucht war er kräftig, so gut sie konnte versuchte Feder sich aus dem eisernen Griff zu befreien. Sie holte aus um mit voller Wucht ihre Ferse gegen sein Schienbein zu hämmern. Die erhoffte Wirkung blieb aus. Sie wand sich, krallte, kratze, biss zu als sich die Gelegenheit bot, doch nichts wollte helfen.
Dabei fiel ihr auf...warum redete er eigentlich mit ihr? In dem Gerangel waren seine Worte untergegangen oder Feder hatte sie einfach in ihrer Aufregung überhört. Wäre er ein so guter Attentäter, dann müsste sie doch schon tot sein? Erst als er sie festgenagelt hatte, beruhigte sie sich langsam. Das war nicht der Profi, für den sie ihn gehalten hatte. Mit der Ruhe kam dann auch die Erkenntnis. Es musste doch Simon sein, sonst wäre sie schon auf einer Reise mit dem Gevatter. Ihr Meister war es sicher nicht, niemals hätte er Körperkontakt mir ihr aufgenommen. Endlich gab sie allen Widerstand auf und lies den Kopf schwer Atmend auf die Dielen sinken. Um die Kerze machte sie sich keine weitere Gedanken, jene waren ganz woanders. Zum Glück war der Eindringling nicht so nachlässig gewesen und hatte sie gelöscht.
Sie schloss die Augen, während eine Träne der Erleichterung sich ihren Weg über Feders Gesicht bahnte. Sie hatte sich schon auf der Insel der Toten gesehen. Dabei hing sie noch viel zu sehr am Leben. Es gab doch noch so unglaublich viel zu lernen oder zu erleben. Feder öffnete die Augen wieder. Sein Gesicht war unangenehm nah an dem ihren, was seinen durchdringenden Blick noch unerträglicher zu machen schien."Hörst du mir jetzt endlich zu oder muss ich dich wirklich fesseln?!" Die Frage entlockte ihr ein Grinsen, aber die Panik hatte noch ein anderes, eher unbekanntes Gefühl in ihr geweckt. Die Wut. Rot glühend, allumfassend stieg sie in ihr hoch. Für wen hielt er sich eigentlich? „Sag mal Simon, bist du bescheuert? Hättest du mich nicht einfach auf etwas zu trinken einladen können, wenn du wissen willst woher du mich kennst?“, schrie sie ihn fast an. Hätte er sie ins Grab bringen wollen, hätte er sich nicht großartig anders anstellen müssen. Sie war immerhin fast aus dem verdammten Fenster gesprungen. Aber er war wieder da. In ihrem Leben. Heute Morgen hatte sie noch an ihn gedacht. Sich sogar sein Gesicht übergezogen. Was er wohl dazu sagen würde, wenn er erfuhr was sie alles gelernt hatte? So stolz war er auf sie gewesen nach ihrem ersten erfolgreichen Diebstahl. Auch wenn sie sich schuldig fühlte, sich nicht von ihm verabschiedet zu haben, so war das jetzt doch genug. „Geh runter, du willst gar nicht wissen was passiert, wenn du mich nicht auf der Stelle loslässt!“, ihr fauchen glich dem einer Wildkatze und war als Warnung gedacht. Sie konnte diese Nähe sowie das ausgeliefert sein nicht aushalten. Und ihr fiel ein wirklich pervers spaßiger Zauber ein, den sie bei Körperkontakt verwenden könnte. Man musste es ja nicht übertreiben, aber ein wenig Genugtuung wäre jetzt schon etwas feines. Dabei merkte sie selbst wie durcheinander ihre Gedanken als auch Emotionen waren. Sie schlugen Purzelbäume und Piroetten in alle Richtungen. Was für ein Wiedersehen!

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Samstag 22. Dezember 2012, 13:25

Es ging alles verdammt schnell, teilweise auch durch ihn selbst, aber manchmal war es sowieso besser, er kam gar nicht zum Nachdenken. Das blockierte und behinderte die Reaktionen und auch wenn es körperliche Schmerzen bedeutete, war es wohl wirklich nur großes Glück, dass ihm seine ehemalige Freundin aus Kindertagen nicht durch die Lappen ging.
Seine Schulter würde ihm zu einem späteren Zeitpunkt zu schaffen machen, wenngleich bei weitem nicht so stark, als dass es ihn irgendwie beeinträchtigen würde. Da hatte er schon Schlimmeres überstanden.
Aber immerhin hatte er es geschafft und Feder in seine Fänge bekommen. Durch seinen Schwung jedoch gingen sie zu Boden. Zumindest konnte er sich weit genug strecken, um einen Brand zu verhindern, während sie sich in seinem Griff sträubte. Hatte er denn etwas anderes erwartet?
Lautlos seufzte er in sich hinein, als sie sich weiter wehrte und ihn sogar äußerst schmerzhaft am Schienbein traf. Es reichte ihm, er musste versuchen, sie irgendwie ruhig zu bekommen, damit sie ihm endlich zuhören würde. Bis dahin dehnten sich für ihn die Sekunden zu halben Ewigkeiten.
Ihm war, als würde er jeden einzelnen Biss und Kratzer abbekommen, den sie für ihn aufbewahrt hatte, und er wusste, das würde sie ihm noch büßen. Nicht, dass sie denselben Schmerz erleiden würde, allerdings gab es da noch weit andere Dinge, die ihm in seinem spitzbübischen Denken einfallen würde. Oh, das würde er dann genießen, sie zur Weißglut zu treiben und sich auf diese Art und Weise an ihr zu rächen! Doch bis dahin müssten sie erst einmal kommen, ohne, dass sie ihm dauernd davon laufen wollte.
Schlussendlich schaffte er es, sie so am Boden zu fixieren, dass sie ihm weder entkommen, noch ihn weiterhin verletzen konnte. Keuchend blickte er ihr in die Augen und hoffte, sie würde jetzt endlich einmal etwas Vernunft annehmen.
Auch sie war außer Atem und schien begriffen zu haben, dass sie auf diese Art nicht weiter kommen würden. Schon wollte er erneut auf sie einreden, als er etwas in ihrem Augenwinkel glitzern und schließlich kurz darauf über ihre Haut laufen sah. Er schluckte etwas schwerer und seufzte nun hörbar. Das hatte er nicht gewollt... Er wollte sie nicht zum Weinen bringen! Aber sie hatte sich so gewehrt und war anders nicht zugänglich gewesen...
Am liebsten hätte er ihr die Träne sofort weggewischt, brüderlich-zärtlich, so wie er es früher getan hatte. Jedoch erschien es ihm viel zu gefährlich, sie jetzt schon loszulassen. "Ich hab dir gesagt, ich tu dir nichts. Also wein nicht... bitte.", murmelte er beinahe lautlos in ihrer beider Keuchen hinein.
Sie öffnete die Augen wieder, blickte ihn direkt an... und grinste sogar auf seine vorherigen Worte hin. Erleichterung stieg in ihm hoch, denn er wollte sie ja nicht verletzen.
Das Gefühl jedoch wurde rasch wieder unwichtig, als sie ihn so anfauchte, wie nur sie es konnte. Er hatte diese Stimmung nur äußerst selten erlebt, allerdings dafür stets wie ein aufbrausender, heftiger Sturm, der an ihm rüttelte und zerrte. Nur mit dem Unterschied, dass er dem als kleiner Junge eher wenig entgegen zu setzen gehabt hatte. Nun, als Mann, war er dem viel eher gewachsen.
Auch seine Lippen begannen sich erneut zu einem Grinsen zu kräuseln, als er eine nachdenkliche Miene aufsetzte. "Hm, lass mich mal überlegen...", meinte er gedehnt und sein Grinsen wurde noch breiter, noch frecher. "Nein, tut mir leid. Und nein, auch das mit dem Einladen ist nicht so einfach. Weißt du, ich brauche meine Ersparnisse noch sooo dringend!", spöttelte er gutmütig, doch er hielt sie dabei noch immer unerbittlich fest, so locker sein Tonfall auch sein mochte.
Mit einem Mal aber verblasste seine Freundlichkeit wieder, ohne eine Spur zu hinterlassen, als wäre sie nie dagewesen. In seine Augen trat ein entschlossener, beinahe schon harter Glanz. Sein Mund wurde schmal, seine Ausstrahlung viel kühler und abweisender, als er sie nach ihrer Aufforderung ansah.
Er hatte die Warnung verstanden, auch wenn er nicht begriff, was auf ihn warten könnte, geschweige denn, dass er sich davon abschrecken ließ. So einfach war er auch nicht loszuwerden. Wie er darauf reagierte, war allein nach seinem Willen und vielleicht auch ein bisschen aus Rücksichtnahme auf eine Freundin aus Kindertagen, jedoch nicht aus Furcht oder dergleichen.
"Ich lass dich los, ja.", begann er mit einem dunklen Timbre in der Stimme, das seine Feinde auf der Straße zu fürchten gelernt hatten, nachdem sie einige Male die unliebsamen Folgen erlebt hatte, und sah ihr noch eindringlicher direkt in die Augen. "Allerdings nur, wenn du mir versprichst, dich brav hinzusetzen und mit mir zu reden. Du willst nämlich nicht wissen, zu was ich imstande bin, wenn ich meinen Willen nicht bekomme."
Er ließ das einen Moment lang sacken, ehe sein Blick etwas weicher wurde und beinahe wieder der Schalk darin aufblitzte. "Also? Kommen wir ins Geschäft?" Eher würde er sie nicht los lassen.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Samstag 22. Dezember 2012, 15:36

Feder war über die Heftigkeit ihrer eigenen Reaktion erstaunt. Wie gelang ihm das nur immer wieder? Jahrelang hatte sie sich ihre stoische Ruhe bewahrt. Doch sobald er wieder in ihr Leben tritt, zerbricht Simon ihre Ausgeglichenheit wie einen Porzellanteller auf dem Boden und sie durfte jetzt die Scherben in den Ecken ihrer Selbst zusammensuchen um zu schauen was zu retten war. Dieser...Da! Es geschah schon wieder. Seine spöttischen Worte trugen auch nicht gerade dazu bei, dass Feder wieder zur Ruhe kam. Wobei man das nach einer solchen Situation wohl auch nicht sofort erwarten konnte.
Sie funkelte ihn böse an, doch als seine Gesichtszüge sich verhärteten, da fürchtete Feder, dass sie vielleicht ein wenig zu weit gegangen war. Immerhin hatte sie die Situation falsch interpretiert. Er hatte ja tatsächlich nur reden wollen. Sie seufzte. Nein, sie konnte ihm nichts tun. Sie wollte ihm auch gar nichts tun. Wut war so ein schlechter Zustand. Vernebelt die Sinne, blendet alles aus was sie gelernt hatte. Magie war kein Spielzeug, mit dem man es einem Freund heimzahlt. Das gehörte doch zu den ersten Dingen die sie darüber gelernt hatte. Es war ein ernst zunehmendes Werkzeug, manchmal auch eine Waffe, doch niemals sollte man sie leichtfertig einsetzen. Er hatte es fast geschafft, dass sie diesen obersten Grundsatz fast außer acht gelassen hätte. Aber abgesehen davon, wie könnte man diesen Augen lange böse sein? Selbst jetzt wo er finster drein schaute, erkannte sie nach wie vor den gütigen Jungen von damals in ihnen.
Mit dem endgültigen verlöschen der anderen beiden Kerzen, fand Feder auch ihren Ruhepol wieder. Dass dies ihre letzten Kerzen gewesen waren, war im Moment völlig bedeutungslos. Ebenso prallten seine Drohungen an ihrem neu errichteten Panzer ab. Sie würde sich so schnell nicht wieder provozieren lassen. Hoffte sie zumindest. Wobei Feder sich da eigentlich nicht zu sicher sein sollte. Simon der schon immer ein Talent darin besessen hatte zu provozieren, schien diese Kunst nun perfektioniert zu haben.
Feder seufzte. Eigentlich sollte sie sich auch freuen ihn wieder zu sehen, war ihre letzte Begegnung doch schon so lange her. So spielte sie dann eben mit bei seinem Spiel. Eine allzu große Wahl schien sie ja sonst nicht zu haben. Vor allem schmerzten langsam die Handgelenke aufgrund seines festen Griffs. "Also? Kommen wir ins Geschäft?", fragte er ernst. Artig antwortete sie ihm:„Ja, wir sind im Geschäft.“ Ihr Ton zeigte eindeutig, dass sie sich geschlagen gab. „Könntest du jetzt bitte von mir heruntergehen. Du tust mir weh.“ Wie sie ihn davor zugerichtet hatte, ließ sie ganz außen vor.
Aber eine anderer Trick aus ihrer Kindheit fiel ihr wieder ein. So versuchte sie die Kaffeecremefarbenen Augen so groß und unschuldig wie möglich wirken zu lassen, während sie ihm in die Augen schaute.. Etwas das sie schon lange lange Zeit nicht mehr getan hatte. Seit Feder ihre Ausbildung begonnen hatte, war es einfach nie nötig gewesen jemanden zu manipulieren. Doch als Straßenkind, das ab und zu um Essen oder Schutz betteln musste, waren Gewisse Verhaltensweisen natürlich Pflicht. An den Schmollmund wagte sie sich jedoch nicht. Dafür waren ihre Lippen einfach zu dünn, das sah dann merkwürdig aus fand sie. Und irgendwie war es nicht nur zu offensichtlich sondern auch lächerlich. Aber ihre abgezehrte Gestalt sollte den Effekt wohl allgemein unterstreichen.
Dann fiel ihr aber noch etwas anderes auf. Im ganzen Gebäude war es absolut Still. Hatte die Taverne wirklich schon geschlossen? Na immerhin hatte sie dann wohl niemand ihren Besucher anbrüllen gehört. Das hätte, vor allem in der jetzigen Position, wohl zu einer weiteren gewaltigen Verwechslung geführt. Aber es war alles ruhig. Zum Glück, dann hätten sie genug Zeit sich ein wenig zu unterhalten. Nur das Fenster würde sie gleich schließen, sobald er sie freigab. Es war zwar dunkel im Zimmer, aber lange würde das wohl nicht mehr so bleiben und Sonnenstrahlen konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Sonntag 23. Dezember 2012, 11:30

Er hatte es immer schon verstanden, bei anderen die Emotionen hochkochen zu lassen. Auch wenn es ihm nur selten passierte, dass dies eher unbewusst geschah, während er eigentlich nur Ruhe und Vernunft bewirken wollte. Aber Feder war schon von jeher eigen gewesen und auch wenn er es nie zugeben würde, womöglich hatte er sich tatsächlich ein bisschen daneben benommen. Natürlich nur ein kleines Bisschen, kaum der Rede wert.
Doch woher hätte er ahnen sollen, dass er ausgerechnet in ihr jenes Mädchen wieder erkennen konnte, das er so gern gehabt hatte und das so unerwartet verschwunden war? Somit war es wohl trotz allem irgendwie verständlich, dass er sich nicht verstellt, sondern die Konfrontation so gesucht hatte, wie er es kannte, mit seinen eigenen Mitteln und absolut unkonventionell.
Dass er hingegen auf ihr zum Liegen kam, hatte er nicht vorgehabt. Wenigstens gab sie dadurch endlich ihre Gegenwehr vorerst auf und verursachte nicht noch mehr Reaktionen seinerseits, die er nicht haben wollte. Zwar war sie eine Frau, allerdings dachte er von ihr eher wie von einer Schwester und das sollte auch so bleiben. Alles andere würde es nur noch schlimmer und komplizierter machen!
Immerhin, sie lenkte ihn gut davon ab, indem sie ihn dazu zwang, ihr mehr von dem zu zeigen, zu dem er geworden war. Er hatte sich auf der Straße bewährt, stets als Einzelkämpfer und dennoch nicht ohne Kontakte, sodass er zu einer gewissen Härte oft gezwungen war, um seine Leute zusammen und andere davon ab zu halten, ihm in die Quere zu kommen. Das hatte sie in ihm gereizt und er würde seinen Willen durchsetzen, das tat er immer, solange es sein Leben nicht gefährdete.
Trotzdem war es zu ihrem Glück nicht so, dass Simon besonders nachtragend wäre. Sobald der Moment vorüber war, er seinen Standpunkt klar gemacht hatte, kehrte ein bisschen sein altes Ich wieder zurück. Wenngleich er einen Moment lang abgelenkt wurde und flüchtig irritiert blinzelte. Die letzten beiden Kerzen waren verloschen, nun erhellte nur noch das spärliche Mondlicht den Raum.
Nichts, woran seine Augen sich nicht gewöhnen könnten und dennoch nicht gerade etwas, was er begrüßte. Hatte ihrer beider Auseinandersetzung wirklich so lange gedauert? Wie spät war es überhaupt? Sollte er sich nicht schon auf zu seinem Versteck machen? Andererseits... wäre Feder am nächsten Abend noch hier, wenn er sie jetzt zurück lassen würde? Oder würde sie endgültig wieder vor ihm fliehen und er hätte auch diese Chance, die womöglich letzte, zunichte gemacht? Nein, er konnte noch nicht weg, vielleicht konnte er noch ein paar Minuten heraus schlagen.
Allerdings nur, wenn sie mitspielte, und das machte er ihr auch deutlich. Dank der Dunkelheit konnte sie seine Erleichterung nicht mitbekommen, die viel größer war, als er es sich eingestehen wollte.
Knapp nickte er, ehe er flüchtig schluckte bei ihrem Nachsatz. "Natürlich.", erwiderte er schlicht, ein Wort, in dem auch seine Entschuldigung steckte, die ihm nicht derart rasch über die Lippen kommen würde. Dazu war er nicht veranlagt und schon gar nicht aufgewachsen.
Rasch und wendig ging er von ihr runter und zog sie mit sich wieder auf die Beine. Ihre großen Augen indes bemerkte er gar nicht, dazu war es zu finster in dem Raum und er verursachte sich selbst einen zusätzlichen Schatten.
Kaum war er davon überzeugt, dass sie sicher auf ihren Beinen stand, ließ er sie los, um sie nicht wieder zu falschen Annahmen zu verleiten. Stattdessen deutete er auf ihr karges Bett. "Setz dich.", wies er sie erneut an, wenngleich um einiges sanfter und ruhiger, beherrschter, als dass der Befehl zu deutlich hörbar gewesen wäre.
"Und erzähl mir, was dir passiert ist. Du warst wie vom Erdboden verschluckt!" Dabei bewegte er sich zum Fenster, um sich mit dem Rücken lässig gegen die Wand lehnen zu können. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, um einen Blick zum Himmel hinauf zu werfen, der sich nur zu bald rosa färben würde.
In sich fluchte er über diesen Umstand, äußerlich bemühte er sich jedoch wieder um seine berühmte, wirksame Gelassenheit. So sah er abwartend zu ihr zurück und baute darauf, dass sie es nicht verlernt hatte, dass man sein Wort auch hielt, wenn man Geschäfte machte.
Denn er mochte ein Gauner, Harlunke, Lump und Sonstiges sein, aber er hielt sich stets an den Grundsatz, dass er Versprechungen mit allen Mitteln und Wegen einhalten würde. Deswegen gab er diese auch so selten!
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Sonntag 23. Dezember 2012, 13:00

Sie konnte die Erleichterung ob ihrer Antwort deutlich in Simons Gesicht ablesen. Dabei wähnte er sich aber völlig unbeobachtet. Dadurch bemerkte sie auch ihren Fehler. Er ging nicht davon aus, dass sie großartig etwas erkennen konnte, weil er es auch nicht konnte. Diese Erkenntnis traf Feder ein wenig unvorbereitet, da sie seit einer geraumen Weile keinen so engen Kontakt mehr zu einer Person hatte, die im Dunkeln nicht so gut sehen konnte wie bei Tag. Naja, wenn sie sich recht erinnerte besser als bei Tag. Das Jahrelange Nachtleben hatten ihr Augen daran gewöhnt mit wenig Licht auszukommen, auch ohne großartige Hilfe von Magie, das wenige Mondlicht reichte mehr als aus. Dafür hingegen war es mittlerweile sehr unschön bei Tage etwas zu erkennen. Das Licht brannte in den Augen und sie mussten eine gefühlte Ewigkeit daran gewöhnt werden, bevor sie selbst mit gesenktem Blick überhaupt etwas erkennen konnte. Bei Simon war das offensichtlich nicht so. Eher der Normalfall wie sie nun erkannte. Die Augenspielerei war dann wohl vergebliche Mühe. Wie Schade. Vielleicht war dies aber auch ein Zeichen dafür, dass Feder zu erwachsen für solche Kindereien sein sollte.
Wenigstens half er ihr wieder auf, bevor er ihr einen weiteren Befehl erteilte. Bei ihrem Meister waren solche Anweisungen kein Problem gewesen, sie hatte brav gehorcht. Dabei war sie aber auch von seinem Wissen sowie seiner Überlegenheit überzeugt gewesen. Ganz abgesehen davon, dass er sie sehr selten herumkommandierte. Bei Simon hingegen schien es zur Tagesordnung zu gehören anderen Befehle zu erteilen. Wie es dazu wohl gekommen war? Irgendwie widerstrebte es ihr ihm zu gehorchen. Aber was sollte sie tun? Deswegen einen weiteren Streit anzuzetteln kam ihr etwas lächerlich vor, so fügte Feder sich und setzte sich aufs Bett, wobei sie die schmerzenden Handgelenke rieb.
Simon wollte, dass sie ihm erzählte was geschehen war. Hm, eine verständliche Frage. Aber aus irgendeinem Grund, war sie nicht dazu bereit ihm die ganze Wahrheit zu erzählen. Sie konnte es nicht einmal genau benennen warum. Es missfiel ihr einfach, so viel von sich zu offenbaren. Vor allem da sie ihn nicht mehr wirklich kannte. Wer weiß was aus ihm geworden war. Aber sie hatte zugesagt mit ihm zu reden und das würde sie auch. Nur ein paar kleine, eigentlich auch fast schon unwichtige Details würde sie weglassen. „Nun, wo soll ich Anfangen? Ich bin aus Alberna verschwunden, weil ich beim Diebstahl erwischt wurde. Doch der Mann, den ich beklauen wollte brachte mich erstaunlicherweise nicht sofort zur Stadtwache. Er stellt mir dafür aber eine Bedingung. Er würde mir etwas beibringen um mich selbst über Wasser halten zu können. Dafür sollte ich ihn auf seinen Reisen begleiten. Im Gegenzug dafür, würde er mich nicht der Justiz ausliefern. Ich glaube der Mann wollte nur einen anständigen Menschen aus mir machen. Vielleicht eine gute Tat begehen um sich selbst dann als etwas Gutes sehen zu können. Manche Menschen brauchen das wohl. Es kann auch sein, dass er nicht einsam auf seinen Reisen sein wollte. Den Grund dafür hatte er mir nie verraten wollen. Was hatte ich damals schon für eine Wahl?“ Die Lügen kamen Feder leicht über die Lippen, da sie sich nicht der Wahrheit sondern in erster Linie sich selbst gegenüber verpflichtet sah. „Also begleitete ich ihn und auf unserer gemeinsamen Wanderschafte erlernte ich die Kunst der Musik. Nun haben unsere Wege sich allerdings getrennt wie das eben so kommt und ich schlage mich halt durch das Leben. Vielleicht habe ich hier und da auch noch den einen oder anderen Trick aus unserer Kindheit angewandt um an ein wenig Geld zu kommen. Sehr spektakulär verlief das ganze aber nicht.“ Sie merkte selbst, dass die Geschichte ein wenig merkwürdig klang. Dabei wäre die echte Version wohl keinen Deut besser, aber was will man tun.
Sie legte ihren Oberkörper aufs Bett, während ihre Beine noch über die Kante baumelten. Dann drehte sie den Kopf zu Simon, der nunmehr neben dem Fenster stand. Würde er ihr glauben? Und wenn nicht was sollte er tun? Er hatte gar kein Recht darauf die Wahrheit zu erfahren, es war ihre Wahrheit. Er hingegen war nur in ihr Zimmer eingedrungen, hatte sie zu Tode erschreckt und anstatt dann von sich selbst zu erzählen, kommandierte er sie nicht nur herum, sonder wollte auch noch, dass sie ihm ihr Leben offenlegte.
Mittlerweile fand sie es nur noch anstrengend. Es war einen Moment lang nett gewesen ein vertrautes Gesicht zu sehen. Aber der Kontakt zu anderen Menschen war irgendwie zermürbend. Immer wollten sie etwas von einem, erwarteten etwas von einem. Sie wollte doch auch nichts großartig von ihm. Vor allem nicht, dass er ihr sein Leben offenbart. Manche Dinge gehörten nur einem selbst. Warum war das für andere so schwer zu verstehen? Es reichte ihr ja schon wenn sie sich mit neugierigen Wirten herumschlagen musste. Konnten sie nicht einfach plaudern über alle möglichen Dinge? Oder in Erinnerungen schwelgen wie das andere so gerne taten? Sie hatten doch auch genug Geheimnisse die sie teilten. Warum wollte er ausgerechnet ihre eigenen haben? Ihm einfach zu sagen, dass sie ihm nicht davon erzählen wollte, hatte sie sich dann aber doch nicht getraut. Für so etwas einzustehen brauchte man eine Menge Selbstbewusstsein und jenes fehlte ihr einfach. So hatte sie nunmal den scheinbar leichteren Weg gewählt. Das zeigt nur wieder wie fremd ihr der Umgang mit anderen Menschen war.
Aus diesen Gründen fragte sie ihn auch nicht nach seiner Geschichte. Nur eins wollte sie wissen. Die ihrer Meinung nach einzige Wichtige Frage die es geben konnte unter Menschen die sich gut leiden konnten:„Und dir geht es gut?“ Es war so einfach. Es verriet, dass man sich kümmerte, intteressierte, während es gleichzeitig die Freiheit gab von sich selbst aus zu erzählen wenn man wollte. Es setzt einen nicht unter Druck. Nahm einem nicht die Freiheit selbst entschieden zu können, ohne Lügen zu müssen.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 27. Dezember 2012, 09:56

Seine Augen waren an sich sehr gut und scharf, das wusste er nicht nur, sondern hatte es auch oft genug unter Beweis gestellt. Allerdings waren sie nicht derart spezialisiert wie du seiner Freundin aus Kindertagen, sodass er kaum mehr als Schatten erkennen konnte, da er durch seinen Körper das spärliche Licht zusätzlich dämpfte. Doch es reichte dennoch aus, um sich zu orientieren und zu wissen, wohin er greifen musste, um ihr wieder auf die Beine zu helfen.
Dass es bei Feder ganz anders war, sie ihn sehr wohl und sehr deutlich ausmachen konnte, ahnte er dabei nicht. Dann hätte er sich vermutlich viel stärker zusammen gerissen und sich wieder hinter die kühle Fassade des undurchdringlichen Mannes zurück gezogen, wie er es sonst tat.
Dafür würde es ihm später besser gehen, wenn die Sonne aufgegangen wäre. Wenngleich er nicht vorhatte, das hier in diesem Gebäude zu erleben, obwohl sich ihm noch die Frage stellte, wie er das mit seinem Gegenüber dann anstellen sollte.
Würde sie, wenn er es von ihr wollte, hier bleiben und auch am nächsten Abend für ihn wieder zu finden sein? Oder sollte er sie mit in sein Versteck nehmen? Würde sie mit kommen und ihm soweit genug vertrauen? Und wenn ja, welchen seiner zahlreichen Unterschlupfe sollte er ihr zeigen? Es war schließlich immer äußerst riskant, wenn es Mitwisser gab.
Nicht, dass er glaubte, dass die junge Frau ihn verraten wollen würde, dazu war sie auch kein unbeschriebenes Blatt. Aber er hatte sein Leben lang gelernt, stets und bei jedem auf der Hut zu sein, sogar bei sich selbst.
Seinen bestimmenden Tonfall hingegen konnte er nicht vollständig ablegen. Einerseits aus Gewohnheit, da er nun einmal einer derjenigen war, die fast immer sagten, wo es lang ging. Und andererseits, weil es Feder war, für die er sich als Kind ein wenig verantwortlich gefühlt hatte. Sie war beinahe wie eine kleine Schwester gewesen und gerade so jemanden wollte er beschützen, indem er das Denken für sie übernahm. Was er auch tun würde, würde er je einen Haushalt führen, da hätten auch alle ihm zu gehorchen, weil er glaubte, er wisse es am besten und dass es zu seinen Aufgaben als Beschützer zählen würde, seine Schützlinge zu kontrollieren. Bislang hatte ihn auch noch keine Frau eines besseren belehrt, denn diese dominante Seite wussten sehr viele zu schätzen.
Gleichzeitig jedoch war er auch fähig dazu, sich in andere hinein zu versetzen, und er glaubte daran, dass etwas räumlicher Abstand ihnen beiden gut tun würde, nachdem sie die Distanz kurzzeitig aufgegeben hatten. Auf seine Überzeugung hin, weil er sie nicht anders hatte überzeugen können zu bleiben.
Also lehnte er sich lässig mit dem Rücken an die Wand und forschte in seine Erfahrung hinein, wie viel Zeit ihm noch bleiben würde. Die Morgendämmerung nahte unaufhörlich, wenn er Glück hatte, könnte er noch höchstens eine halbe Stunde herausschlagen. Danach müsste er gehen, mit oder ohne ihr, sonst käme er selbst in Gefahr und das wollte er nicht riskieren. Trotzdem ließ er es sich nicht anmerken, dass er bald unruhig werden würde, sollte ihre Erzählung sonderlich lange dauern.
Er hörte einfach erstmal nur zu und lehnte unbewegt an der Wand. Lediglich seine Augenbraue zuckte ein wenig in die Höhe, denn diese Sache klang… unglaubwürdig. Nicht so, als hätte sie so nicht stattfinden können, allerdings alles andere als alltäglich.
Am Ende legte er den Kopf schief und versuchte, ihre Mimik eingehend zu mustern, soweit er etwas in dem hellen Oval ihres Gesichts überhaupt erkennen konnte. „Nicht so spektakulär…“, murmelte er nachdenklich und sann einen Moment lang darüber nach, ob er ihr das abkaufen sollte.
Andererseits… warum nicht? Es war nicht wirklich relevant und sie war ihm im Prinzip auch nicht die Wahrheit schuldig. Selbst dann nicht, wenn er es sich trotzdem wünschte.
Er deutete ein kleines Schulterzucken an und wischte diese Gedanken lieber beiseite. Unnütz und sogar gefährlich, wenn er es zu weit gedeihen ließ.
Seine Augen beobachteten sie indes unablässig, so konnte er auch wahrnehmen, dass sie sich zurück legte und sich somit anscheinend entspannte. Er grinste schmal und flüchtig. „Ein Bett ist schon was Feines, nicht?“, fragte er mit einem neckenden Unterton, da sie früher oft in einer Ecke am Boden oder im Stroh geschlafen hatten, in Ermangelung eines anderen Untergrunds.
Auch wenn Simon einen harten Lehmboden noch immer bevorzugte, da er von dort schneller verschwinden konnte und nicht in Verlegenheit kam, so tief zu schlafen, dass sich jemand an ihn heran schleichen könnte.
Die Frage, die von ihr indes nachfolgend kam, ließ ihn flüchtig stutzen. Er hätte erwartet, sie würde ihm seine Worte schlicht zurück geben, einfach, damit zwischen ihnen wieder ein Gleichgewicht herrschte… und auch, weil es sie interessierte. Irgendwie wollte er, dass sie zurück in sein Leben kam, obwohl er sich das noch nicht eingestehen wollte.
Dann allerdings begann er schmal zu grinsen und breitete die Arme aus, als wolle er sich ihr präsentieren und als hätte er vergessen, dass es zu finster war, um Einzelheiten erkennen zu können. „Ich doch prächtig aus! Oder willst du mir sagen, du bist nicht hin und weg von meinem Anblick?“, erwiderte er mit einem unterschwelligen Lachen.
Über seinen Zustand wollte er im Prinzip gar nicht nachdenken. Sein Körper funktionierte und war gesund, soweit er es wusste, also musste er nicht darüber grübeln.
Was seinen Geist betraf… Nun, da war er schlichtweg nicht dazu veranlagt, sich darüber irgendwelche Gedanken machen zu wollen. Das würde ihm nur die Stimmung trüben konnte, sollte er etwas finden.
Ihm hatte es gut zu gehen, das war keine Frage. Somit wollte er sich mit nichts beschweren, indem er ernstlich über ihre Worte sinnieren würde.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Donnerstag 27. Dezember 2012, 15:23

Ja er hatte recht. Ein Bett war gar nicht so schlecht wie sie anfangs dachte. Normalerweise verachtete sie Leute die sich solchem Luxus hingaben, aber je öfter sie in einem Bett schlief umso mehr konnte sie es nachvollziehen. Und dabei war dieses Bett noch von äußerst trauriger Qualität, aber dies hinderte Feder nicht daran, sich in das fleckige Laken zu kuscheln so dass eine gemütliche Mulde entstand. Es war eben etwas Feines.
Darüber, dass Simon staunte, sah sie gekonnt hinweg. Ihre Blicke fielen viel mehr aus dem Fenster, auf den noch dunklen Horizont um genau zu sein, vorbei an den Dächern und Schornsteinen aus denen zum Teil schon Rauch aufstieg. Aber sie spürte wie die Nacht langsam an Kraft verlor und dem nächsten Tag Platz machen musste. Ein unsichtbarer Krieg den die beiden immer wieder fochten und jedes Mal gewann der andere. Aber zum Glück war es die Zeit der dunklen Tage. Das Licht würde kaum ausreichen um auf den Gassen ohne eine Kerze lesen zu können, geschweige denn sie großartig zu beeinträchtigen. Immerhin war es nicht umsonst Feders liebste Zeit des Jahres.
Dann konzentrierte sie sich wieder auf ihren Gegenüber, der sich mit großer Geste zu präsentieren versuchte. Es kam ihr eher so vor als wollte er sich selbst überzeugen, als sie zu beeindrucken. Aber sie erwiderte sein Lächeln. Jeder hatte ein Recht auf seine Geheimnisse. Auch wenn man sie manchmal vor sich selbst bewahren musste.
„Doch, doch. Dein mitreißender Anblick raubt mir den Atem.“ Sie hatte das Gefühl niemals die richtigen Worte zu treffen, sobald sie sich mit einer anderen Person einfach so unterhielt. Alles was sie sagte schien ihr im Nachhinein dumm oder lächerlich.„Was hat sich denn der großartige Simon so ausgedacht, wie es nach seinem Einbruch weiter geht, sollte er die Frau wiedererkennen?“ Sie runzelte die Stirn. Schon wieder. Als sie noch aufgebracht war, gingen ihr die Sticheleien problemlos von der spitzen Zunge. Aber jetzt wo sie sich beruhigt hatte und jedes Wort abwägen konnte, da schien alles unpassend. Egal, sie würde sich nichts anmerken lassen.
Was sie hingegen ein wenig ärgerte war die Tatsache, dass sie ihre kompletten morgendlichen Übungen hatte ausfallen lassen müssen. Ohne ihren Meister kam sie sowieso schon viel schleppender voran als zuvor. So gerne wäre sie jetzt in Santros an der wundervollen Akademie. Akademie, das Wort alleine löste schon Aufregung in ihr aus. Es klang nach Wissen, Fortschritt und damit auch Glück. Momentan konnte sie sich nichts schöneres Vorstellen als immer mehr über die faszinierende Dunkelheit zu erfahren. Aber sie braucht erst Geld, bevor sie überhaupt nach Santros reisen würde. Nur woher nehmen wenn nicht stehlen? Wobei auch das nicht so einfach war wie es vielleicht klingen mochte. In den Inneren Ring würde sie mit ihrer Kleidung niemals kommen. Das Risiko Magie zu verwenden war ebenfalls zu groß. Sie seufzte. Vielleicht wusste Simon wie man an Geld kommen könnte in dieser Stadt der Gegensätze. Wo steinreich und bettelarm nur einen Speerwurf von einander entfernt lebten. Vielleicht hätte sie ihm doch die Wahrheit erzählen sollen, dann wäre es jetzt einfacher für sie, ihn nach einer Möglichkeit dazu zu fragen. Aber solche Zusammenhänge erkannte man immer nur, nachdem man einen Fehler begangen hatte.
Unruhig begann sie mit den Fingern auf dem Bettgestell zu trommeln. Tipp, tipp, tipp, tipp, tipp. Andererseits konnte jeder Mensch Geld gebrauchen. Sie nahm sich vor in Zukunft nicht mehr zu lügen, sondern einfach das zu sagen was sie dachte. Schon oft hätte es das eine oder andere vereinfacht. Allerdings nahm sie sich das jedes Mal vor, nachdem sie in einer solchen Situation gelandet war und der Erfolg blieb nach wie vor aus.
„Weist du ich bin momentan ein wenig knapp bei Kasse und die Gäste in dieser Taverne zu Unterhalten bringt nicht gerade viel ein. Du hast nicht zufällig eine Idee, wie man hier schnell an Geld kommt?“, sie konnte sich ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Viel zu sehr erinnerte sie es an früher und sollte Simon sich nicht in das totale Gegenteil verkehrt haben, dann wusste er immer wie man an Geld kam. Die Frage war nur ob er es ihr verraten würde. Und zu welchem Preis.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Freitag 28. Dezember 2012, 10:29

Luxus war mehr als etwas Feines, das wusste er, obwohl er ihn nie so richtig hatte genießen können. Allerdings gab es den ein oder anderen Vorgeschmack, nicht nur das Bett, sondern auch ein besseres Essen und dergleichen, die er durchaus zu schätzen wusste. Trotzdem blieb er dem gegenüber misstrauisch, denn Wohlstand konnte rasch einen verweichlichen.
Das merkte er nicht nur an den ganzen Geldsäcken, die er stets erleichterte, sondern auch an denen, die den Absprung in ein sichereres Leben geschafft hatten. Diese strotzten zwar nicht unbedingt vor Geld, konnten jedoch ohne stehlen und anderen krummen Geschäften überleben, hatten eine kleine Wohnung oder ein baufälliges Haus mit einigen Einrichtungsgegenständen und wurden zu schwach.
Das wollte Simon nicht riskieren und durfte es auch gar nicht, solange er der Überzeugung war, dass er sein Leben auf der Straße nicht nur begonnen hatte, sondern auch beenden würde. Es war das, was er kannte und mit dem er zu existieren gelernt hatte, ohne seinen Mut oder gar seine gute Laune zu verlieren.
Dass ihm stets der Schalk im Nacken saß, ließ er auch jetzt wieder erkennen, als er es sich nicht verbeißen wollte, sich vor ihr in Pose zu werfen. Eigentlich ein Verhalten, bei dem nur sehr wenige es schafften, ernst zu bleiben, wenn sie ihm wohl gesonnen waren. Was er von Feder auch annahm und tatsächlich, sie ging auf sein Spielchen ein.
Sein Grinsen wurde eine Spur breiter und in seinen Augen funkelte es belustigt. „Na, das will ich aber auch meinen!“, spöttelte er hörbar amüsiert und nicht gewillt, das so schnell wieder sein zu lassen. Schon gar nicht, als sie ihm eine weitere Frage stellte.
Er legte den Kopf etwas schief und gab ein nachdenkliches Geräusch von sich. „Hm… tja, das wüsstest du gerne, nicht wahr? Der großartige Simon hat ja immer einen Plan und sich immer viele Gedanken gemacht!“, behauptete er und übertünchte damit, dass er genau das nicht getan hatte.
In Wahrheit hatte der junge Mann absolut keine Ahnung, was er jetzt mit ihr anfangen sollte. Es gäbe mehrere Möglichkeiten, die Frage war nur, welche davon die Klügste wäre und mit welcher sie einverstanden wäre. Wenngleich er das nicht sofort offen legen wollte, sondern lieber ein wenig weiter bei ihr forschen.
„Was hast du geplant? Hier, in…“ Beinahe hätte er sie als die seine tituliert, da er sich manchmal, in seinen besonders verrückten Momenten, als deren Besitzer ansah, so sehr, wie er den Großteil der Straßen beherrschte. Aber er riss sich zusammen. „… der Stadt?“ Vielleicht könnte er sie ja auf diese Art ködern.
Entweder gelang ihm dies auch oder es gab einen anderen Grund, warum sie mit einem Mal nervös wirkte. Sie begann, mit ihren Fingern gegen das Bettgestell zu klopfen, als wäre die Ungeduld etwas, das sie zu dieser Geste veranlasste.
War er dafür verantwortlich, seine Nähe, die Erinnerung an ihre gemeinsame Position noch vor wenigen Minuten? Oder gab es da etwas anderes? Womöglich einen Verfolger, den sie fürchtete, oder einen Besucher, den sie erwartete und nicht wollte, dass er ihn mitbekam? Gerade diese Uhrzeit wäre prädestiniert für Angriffe und Überraschungen, die den seinen ähnelten, knapp vor der Dämmerung, wenn man in das Versteck zurück kehren oder den letzten Coup ausführen wollte. Die Jagd der Schattengestalten war in dieser Zeit oft am Intensivsten, das hatte auch der junge Mann schon häufig ausgenutzt. Er wusste, dass er damit nicht allein war.
Oder hatte er Feder dabei gestört, dass sie sich ebenfalls darauf vorbereitet hatte und er ihr jetzt die Gelegenheit zum Stehlen stahl? Unwillkürlich musste er schmunzeln bei diesem kleinen Wortspiel in seinem Kopf.
Wenngleich sie nicht allein mit diesem Gefühl der Ungeduld war, schließlich merkte auch Simon langsam, dass ihm die Minuten zerrannen. Nicht mehr lange und die Zeit würde ihn zu einer Entscheidung zwingen, wie es zwischen ihm und der jungen Frau weitergehen würde.
Plötzlich unterbrach sie ihr Trommeln und ergriff wieder das Wort. Da konnte er nicht anders, er musste lachen. Es war ein kurzes, beinahe schon hartes und dennoch ehrlich amüsiertes Lachen, das er ihr schenkte.
„Also wirklich, jetzt bin ich aber gekränkt!“, spöttelte er grinsend und sah sie mit erneut belustigt funkelnden Augen an. „Traust du mir tatsächlich zu, dass ich in all den Jahren nicht mehr kreativ bin? Natürlich weiß ich, wie so was geht, selbst hier, im äußeren Ring!“
Danach wurde er jedoch ruhig und begann sie noch einmal zu mustern, ernst geworden, fast wie ein Geschäftsmann, denn für ihn ging es nun auch im Prinzip darum. Er ließ Sekunden verstreichen und überlegte. Nicht so sehr, welch eine Möglichkeit er hätte, sondern, was er dafür fordern könnte.
Seine ehemalige Freundin hatte ihm gefehlt und er wollte wieder mehr mit ihr zu tun haben. Die Frage war nur… konnte er ihr trauen? Würde sie mitspielen? Andererseits… warum nicht versuchen?
Er warf einen Blick zum Fenster, sah hinaus in den Himmel, wo die Nacht immer deutlicher verblasste. Ohne sie anzusehen, meinte er, mit hörbar ernster Stimme, aus denen jeder Schelm verschwunden war:„Ja, ich wüsste die ein oder andere Gelegenheit. Aber nicht mehr heute, dazu ist es zu spät und ich muss Informationen einholen. Wirst du morgen Abend noch hier sein oder mache ich mir die Mühe umsonst?“
Nun sah er sie direkt wieder an, das helle Oval, das er erkennen konnte, und fragte sich selbst, ob sein Vorgehen klug gewesen war. Auf der anderen Seite… sie würde sich wohl kaum bereit erklären, hier ihre Zelte abzubrechen und mit in eins seiner Verstecke kommen. Noch dazu, wo er tatsächlich einige Leute befragen und sie dabei allein lassen müsste. Sie hätte demnach so oder so ausreichend Chancen, einfach abzuhauen und er hätte sich für nichts und wieder nichts bemüht. Also konnte sie auch hier bleiben, wo er von sich nichts verraten müsste.
Über den wirklichen Preis, seinen Anteil an der Beute, hingegen könnten sie später noch reden, sobald er eine Ahnung von der Dimension haben und seine Ansprüche entsprechend hochschrauben könnte.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Freitag 28. Dezember 2012, 14:38

Dieses Posieren versetzte Feder ebenfalls wieder in ihre Kindheit zurück. Immer mehr Dämme brachen und überfluteten sie mit Erinnerungen. Doch im Gegensatz zu früher, hatte Simon seinen halbgöttlichen Status eingebüßt. Während sie ihm damals jede seiner Gesten sowie Ausreden abgekauft und ihn für allwissend gehalten hatte, da wusste sie nun, dass er keinen einzigen Gedanken daran verschwendet hatte, wie es nach seinem Einbruch weiter gehen sollte. Dennoch traute sie ihm einiges in den Künsten des Improvisierens zu. Als Dummkopf schaffte man es nicht weit oder lang auf der Straße. Nicht einmal falls man wirklich groß und stark war.
Sein Lachen überraschte sie kurz. Aber es war ein ehrliches, klares Lachen und ihre Frage war tatsächlich ein wenig naiv gewesen. Er hatte sie nicht geändert. So entlockte es selbst ihr ein Grinsen, eines, dass nicht auf der Hälfte des Weges gefror sondern tatsächlich die Augen erreichte. Wie lange war es her, dass sie aufrichtig gelächelt hatte? Nicht dieses falsche Grinsen oder höfliche Lachen auf Witze die sie nicht amüsant fand, in bedeutungslosen Gesprächen die sie zu Tode langweilten. Mit ihrem Lehrmeister hatte es auch nie Gelegenheit dazu gegeben. Sie Gesicht war meist eine Maske, die noch weniger preisgab als die Nacht selbst. Natürlich wusste Simon wie man an Geld kam. Gut, sie hatte es bitter nötig. Ein Jahr war sie schon unterwegs als Musikerin und nun...Gepäckhelferin. Sie half den Reichen, dass sie nicht so viel schleppen mussten. Aber dennoch hatte sie ihre bescheidene Börse nicht wirklich füllen können. Vielleicht war sie einfach nicht dazu geboren Geld zu bekommen. So wie andere eben nicht dazu geboren waren Magie zu erlernen oder so. Sie wischte den Gedanken mit ihrer Hand beiseite. Sie konnte Hilfe gebrauchen. Das war jetzt wichtig.
Feder setzte sich wieder auf, als Simon ernst wurde. Ein Geschäft besprach man nicht im liegen. Sie strich sich die Haare aus der Stirn, während sie darauf wartete, dass er weiter redete. Ganz ruhig saß sie da, die Hände im Schoß zusammengefaltet und wäre da nicht ein glitzern in ihren Augen gewesen, man könnte meinen sie wäre zu Stein erstarrt.
Er wüsste die eine oder andere Gelegenheit. Bei der ewigen Nacht, genau die Antwort auf die sie gehofft hatte. Feder hatte es ja geahnt. Aber sie war sich nicht sicher ob er ihr genug vertrauen würde und außerdem waren die bestätigenden Worte ein Lichtblick. Schattenblick? Irgendwie fand sie die Redewendung unpassend für sich. Ihre Miene verriet nach wie vor nichts. Ihr war klar, dass er einen Anteil oder aber einen Gefallen dafür würde haben wollen. Vor allem letzteres bereitete ihr Sorgen. Sie hasste es in der Schuld anderer zu stehen. Auf der anderen Seite sah sie aber einfach keine bessere Gelegenheit um an Geld zu kommen. Egal in welche Stadt sie gehen würde, sie kannte sich dort nicht aus und hier hatte sie nun direkt einen Kontakt. Einen, dem sie immerhin ein Stück weit vertrauen konnte. Wenn sie es sich recht überlegte, war dies vielleicht eine der bestmöglichen Wendungen, die ihr Schicksal bereit halten könnte. Vor allem das sie nach dem Job gefragt hatte, wäre es jetzt mehr als seltsam die Meinung zu ändern. Sie würde nicht verschwinden. Es gab keinen Grund dazu. Schließlich würde ihr hier vorerst niemand gefährlich. Mal sehen, wie lange das noch hielt, wenn sie sich verstärkt dem Diebeshandwerk zuwandt.
„Sollte nicht irgendein alter Freund heute versuchen in mein Zimmer einzubrechen, um zu schauen ob er mich kennt, woraufhin ich aus dem Fenster springe und mir den Hals breche, dann bin ich am nächsten Abend noch hier, ja.“ Auch wenn es eigentlich nicht ihre Art in ruhigem Zustand war, zu sticheln, so konnte sie sich diese Spitze doch nicht verkneifen. So ganz hatte sie den Vorfall wohl noch nicht verdaut.
Er würde wiederkommen mit einem Geschäft. Das war gut. Und er würde gleich gehen, das war vielleicht sogar noch besser. Feder brauchte jetzt ihre Ruhe und wollte alleine sein. Obwohl sie den zweiten Teil ihrer Übungen gar nicht durchgegangen war, fühlte sie sich äußerst erschöpft. Waschen und hinlegen. Oh, sie hatte noch das Wasser wechseln wollen...Egal, morgen war auch noch eine Nacht.
Sie stand elegant vom Bett auf.„Gut, dann sehen wir uns morgen Abend?“ Sie machte ein paar Schritte auf das Fenster zu.„Ich begleite dich noch zum Fenster,“ Spott funkelte in ihren Augen, „du darfst gerne so gehen, wie du gekommen bist, großartiger Simon.“ Mit einer Verneigung deutete sie auf die geöffneten Läden. Draußen war es grade noch dunkel genug um nicht wirklich gesehen zu werden, außerdem war niemand unterwegs. Andernfalls hätte sie ihn vermutlich nicht aus dem Fenster gescheucht, aber so...Sie brauchte wirklich ihre Ruhe. Der Schreck und das viele Reden wollten ihren Tribut. Jetzt.

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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Erzähler » Montag 31. Dezember 2012, 23:04

Der junge Mann benahm sich derzeit nicht nur so, weil er sich zurück an ihre gemeinsame Zeit erinnerte und diese wieder aufleben lassen wollte, sondern, weil er vermutlich niemals ganz erwachsen werden würde. Das Kind konnte man ihm bei aller Härte der Straße einfach nicht austreiben und er war auch noch stolz darauf.
Jedes Mal, wenn ihm das jemand vorwarf, dem er diese Seite zeigte, grinste er nur breit und machte klar, dass er sich genau so haben wollte. Warum auch sich schließlich ändern? Er sah keine Veranlassung dazu, da es ihm half, durch das Leben zu gehen, ohne daran zu verzweifeln.
Aber auch Feder schien sich nur wenig verändert zu haben, sie hatte noch immer das Talent dazu, ihn zu erheitern, ohne, dass er etwas vorspielen musste. So klang sein Lachen nicht nur ehrlich, es war es auch, unbestreitbar. Als ob sie ihn so schlecht kennen würde, dass sie es anzweifelte!
Selbst dann, wenn er keinen blassen Schimmer hatte, was er tun sollte, und tief in der Krise steckte, fiel ihm das ein oder andere ein, um seine vier Buchstaben zu retten. Er war kreativ durch und durch, ein Geschick, das er unter anderen Umständen durchaus konstruktiv hätte nutzen können. Doch er war nun einmal in seinem Leben und hatte keine Chance, da raus zu kommen, also machte er das Beste draus.
Was derzeit hieß, dass er seine alte Freundin wieder um sich haben wollte, jetzt, wo er sie erneut getroffen hatte. Obwohl er rasch wieder ernst wurde und nicht herum scherzen wollte, wenn es um sein Geschäft ging.
Er merkte, wie sie sich aufsetzte, weniger, weil er es wirklich sehen konnte, sondern wegen des Knarzen des Bettes, dessen Gestell auch schon bessere Tage gesehen hatte. Wahrscheinlich auch in einem anderen Besitz, ehe es hier gelandet war, wo es am Ende ausdienen würde.
Knapp nickte er zu sich selbst, nicht als Anerkennung für ihre Erkenntnis, dass es nun besser war, sich um das berufliche zu kümmern, nachdem sie es angesprochen hatte. Selbstverständlich stellte er seine Bedinungen, unterschwellig, als Andeutung, noch nicht als unumstößliche Wahrheit, die sie tatsächlich waren. Prüfte, wie sie darauf reagieren würde, wenn ihr klar werden könnte, dass er etwas dafür verlangen könnte.
Wenigstens nahm sie es locker genug hin, um wieder ein bisschen zu scherzen und ihm klar zu machen, wie dumm er sich eigentlich benommen hatte. Allerdings besaß er ausreichend Humor, um über sich selbst lachen zu können.
Das Grinsen kehrte zurück auf seine Lippen. "Ach was, so viele dumme Jungen haben wir hier in diesem Viertel gar nicht. So viel ich weiß, heißt das.", frotzelte er sie und drückte sich von der Wand ab, um auf das Bett hinzu zu treten.
Sein Blick suchte den ihren, auch wenn er ihre Augen nur mühsam finden und eher nur erahnen konnte. "Gut, dann werde ich dich morgen wieder aufsuchen." Was anderes blieb ihm nun nicht mehr zu sagen, noch dazu, wo die Zeit drängte.
Nichts wäre es mit ein bisschen auf der faulen Haut liegen und sich dessen zu erfreuen, dass die Wachen an seinem Versteck vorbei laufen und nichts bemerken würden. Nein, er würde sein Wort halten und Erkundigungen einziehen. Mochte sein, dass sein Ergebnis noch nicht zufrieden stellend wäre, aber eine Spur hätte er dann schon allemal. Das war ja immerhin auch schon sehr viel wert.
Auf ihre Frage hin nickte er knapp, dachte mal wieder nicht daran, dass das bei diesen Lichtverhältnissen nicht zu sehen wäre. Sie erhob sich und trat neben ihn, wies ihn zum Fenster.
Ihre Worte ließen ihn leise kichern. "Solang du dich nicht dran erinnerst, genau jetzt deinen Nachttopf zu entleeren.", spöttelte er sofort zurück, um keine Antwort verlegen.
Er tat ihr hingegen dennoch den Gefallen und trat tatsächlich wieder ans Fenster heran, verschwand jedoch nicht sofort daraus, wie sie es wohl gerne gehabt hätte. Stattdessen sah er sie noch einmal an, konnte sie jetzt, so dicht beim hereinfallenden Sternenlicht, besser mustern.
Ein Lächeln huschte über seine Züge und er ergriff sanft ihre Wangen, beinahe schon liebevoll zärtlich. Seine Daumen strichen über ihre Haut, was er sich einfach nicht verkneifen wollte. "Ganz ehrlich, Feder? Ich bin froh, dass du lebst.", raunte er ihr leise zu und beugte sich zu ihr, als wolle er sie küssen. Was er auch vorhatte, wenngleich nicht so, wie sie es wohl vermuten würde. Nein, seine Lippen hauchten nur einen Kuss, eine flüchtige Berührung auf ihre Stirn, ehe er sich wieder löste und sie angrinste wie ein Lausbub.
"Ich bestehe darauf, dass du tagsüber die Minuten zählst, bis du mich wieder siehst.", lachte er zum Abschied und sprang elegant, regelrecht katzenhaft, auf das Fensterbrett.
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Re: Von Schatten und Musik

Beitrag von Feder » Dienstag 1. Januar 2013, 17:12

Feder schaute erstaunt aus der Wäsche, als Simon sich zu ihr hinab beugte. Er wollte doch nicht? Ein gehauchter Kuss auf die Stirn und eine Welle der Erleichterung breitete sich in ihr aus. Es gab Dinge, die konnte sie nicht, vor allem nicht mit Simon. Sie lächelte ihn an. „Ich bin auch froh, dass ich lebe.“ Sie wusste, dass es nicht de richtige Zeit zum scherzen war, vielleicht verletzte sie ihn damit sogar ein klein wenig. Aber darum ging es nicht. Sie war es so sehr gewohnt, hinter ihrem dicken Panzer zu leben, dass sie niemanden so einfach an sich heranlassen konnte. Sie war sich nicht sicher ob sie Enttäuschung in seinem Gesicht erkennen konnte, als er geschmeidig auf das Fensterbrett sprang. Ein bisschen Leid tat es ihr schon. „Lass mich nicht zu lange warten. Übrigens“, sagte sie, während sie sich schon wieder umdrehte,„ist schön dich wiederzusehen.“ Dann wandte sie sich vollends vom Fenster ab, während ihr alter Freund vermutlich in die gerade noch dunkle Nacht verschwand.
Feder wollte sich eigentlich schon ins Bett legen, als sie ein Knurren bemerkte. Energisch meldete sich ihr Magen zu Wort. Mit zuerst verzweifeltem und dann geschlagenem Ausdruck im Gesicht, schlich Feder sich aus ihrem Zimmer, die hölzerne Treppe hinab in den Schankraum. Hier war es mittlerweile leer, die Stühle standen auf dem Tisch, da jemand durchgefegt hatte. Dies bedeutete aber nicht, dass es hier jetzt sauber war. Vorsichtig ging sie hinter den Tresen und öffnete einen Schrank, aus dem der Wirt immer das Brot holte. Verwunderlicher Weise, waren dort auch zwei Laib zu finden. Vermutlich war der Wirt es nicht gewohnt Gäste zu haben, die lieber in seiner Kaschemme, als in den Gassen schliefen und meinte deshalb, die Eingangstür abzuschließen wäre genug. Feder konnte dies nur recht sein. So riss sie sich ein halbes Laib ab, welches auf dem Rückweg noch zu einem guten Teil in großen Bissen verschlungen wurde. Vielleicht bemerkte er das Fehlen überhaupt nicht, vielleicht wäre sie aber auch schon weg, bis es ihm auffiel und wenn nicht, dann würde sie es eben mal mit der Wahrheit versuchen. Sie hatte Hunger bekommen und bezahlte natürlich. Nach dem sie das übrige Brot neben Wasserschüssel, Krug und Harfe auf ihr Schränkchen gestellt hatte, legte sie sich ins Bett. Die Decke fest über den Kopf gezogen fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als Feder erwachte fiel noch zaghaftes Licht durch die Fensterläden. So lange konnte sie also nicht geschlafen haben. Sie richtete ihren Oberkörper auf und sah sich im Raum um. Hm, vermutlich hatte sie die Aufregung geweckt. Alleine schon die Möglichkeit, dass Simon mit einem vielleicht gefährlichen Auftrag kommen könnte, beschleunigte ihren Puls. Aber noch war es nicht Abend und sie hatte leider auch nicht das Gefühl wieder einschlafen zu können. Na gut, sie hatte gestern sowieso ihre Übungen vernachlässigt. Sie rappelte sich auf, trank den Becher in einem Zug leer und verschlang den Rest des Brots. Als sie sich das Gesicht wusch, bemerkte sie, dass sie wieder in voller Kleidung geschlafen hatte. Simon rief wirklich alte Angewohnheiten in ihr wach. Sie hatte nun keine Kerzen mehr, aber das Tageslicht, dürfte ausreichen um ihre Übungen zu erschweren. Es war das gleiche Prinzip, wie wenn man mit Gewichten sein Lauftraining absolvierte. So wiederholte sie dann die Übungen vom letzten Morgen.

Die letzten Strahlen der Sonne begannen sich allmählich hinter dem Horizont zu verstecken. Die Gefahr, dass Simon sie während einem Zauber fand, wurde damit einfach zu groß. Aber eine Übung fiel ihr noch ein, eher eine Vorbereitung, die von außen niemand würde erkennen könne.
Feder kniete sich auf den kalten Holzboden, legte ihre Hände in den Schoß und schloss die Augen. Ruhig atmete sie ein und aus, während sie sich ganz und nur auf sich selbst konzentrierte. Irgendwo tief in ihr fand sie ihn dann. Ein Trampelpfad, der durch eine traurige Klatschmohn Wiese auf ein altes Häuschen am Waldrand zuführte. Es war totenstill, kein Gezwitscher, nicht einmal das Gurgeln des nahen Bächleins war zu hören. Der Himmel über ihr war schwarz, da weder Sterne noch der Mond ihr silbernes Licht vergossen. Dennoch hätte sie den Weg blind gefunden, so oft war sie schon hier gewesen. Aber sie war nicht blind, sondern konnte genauso gut sehen, wie normale Menschen bei Tageslicht. Die Fassade des zweistöckigen Hauses war unscheinbar, an einige Stellen bröckelte schon der Putz und die Fenster waren dick mit Schmutz bedeckt. Vorsichtig öffnete sie die grüne Tür zu sich selbst. Die Angeln quietschten, das Holz knarrte. Aber nicht unangenehm, sondern freundlich, hießen Feder willkommen. Und tatsächlich sah es im Inneren völlig anders aus, als man hätte vermuten können. Nicht heruntergekommen sondern gemütlich. Ein Kaminfeuer prasselte, verströmte wärme in dem großen Raum in dessen Mitte eine gewaltige goldene Harfe stand. Paradoxerweise verströmten die Flammen kein Licht. Genauso merkwürdig wie die Tatsache, dass die Wände hier drinnen plötzlich aus dunklem Ebenholz waren, während sie von außen aus Stein gemacht schienen. Für einen Moment fühlte Feder sich angehalten auszuruhen, auf dem Vorleger vor dem Kamin zu liegen oder sich der Musik der Harfe hinzugeben. Aber deshalb war sie nicht hier. Sie ging weiter vorbei an Gemälden, die ein junges Mädchen auf einer hellen Straße oder das Selbe, nur etwas älter, in einem großen Wald mit schattenhaftem Begleiter, zeigte. Zielsicher lief sie, die Treppe die nach oben führte links neben sich liegen lassend, auf eine Tür in der hintersten Ecke des großen Raumes zu. Diese Tür war völlig anders als die Erste, die sie durchquert hatte. Aus dunkler Nacht selbst gefertigt, war sie selbst an diesem Ort, wo es kein Licht gab, noch ein finsteres Loch. Langsam und ohne sonderlich viel Mühe hob Feder den gewaltigen Riegel der davor lag an, stellte ihn beiseite, um dann vorsichtig die Tür öffnen zu können. Leise Flüsternd gab sie den Weg zu einer Wendeltreppe frei, die steil in die Tiefe führte. Einen Moment lang musste sie sich sammeln. Sie atmete tief durch und begann den langen Abstieg. Obwohl Feder sich anstrengte keinerlei Geräusche zu verursachen, erzeugten ihre Schritte auf den steinernen Stufen einen Ton, der unangenehm weit in die Finsternis hallte. Je weiter sie nach unten kam, desto schlechter wurde der Zustand der Treppe. Manche Stufen zeigten Risse, die sich wie kleine Bäche fortsetzten um zu größeren Flüssen zusammen zu laufen. Die letzten paar, waren sogar völlig zerstört, als hätte sie etwas mit urtümlicher Kraft zu Geröll zermalmt. Einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl sie rutsche auf den losen Steinen aus, doch zum Glück erlangte sie ihr Gleichgewicht wieder und landete katzenhaft in einem Korridor.
Der Geruch von Modder schlug ihr entgegen, während immer wieder kleine Tropfen von der niedrigen Decke auf den gepflasterten Gang tropften. Die Decke war nur ein paar Zentimeter höher als Feder und erzeugte zusammen mit der stickigen Luft eine klaustrophobische Atmosphäre. Sie ging den Gepflasterten Korridor entlang, links und rechts von ihr waren ebenfalls düstere Wände durchbrochen von Schwarzen Türen mit einem vergitterten Fenster. Auch an diesem Ort brannte kein Licht, konnte kein Licht brenne und würde auch nie ein Licht brennen. Würde man in die Zellen schauen, erkannte man kleine, groteske Wesen in Ketten aus reiner Dunkelheit. Ketten die selbst an diesem Ort noch alles Unlicht auffraßen wie gierige Piranhas ein saftiges Stück Fleisch. Sie ging weiter über die feuchten Steine. Der Rand des Weges war gesäumt von bleichen Knochen, jedweder Form und Größe. Nach so vielen Schritten, dass die Treppe nur noch ein entfernter Gedanke war, bemerkte sie es endlich. Hier war noch etwas, das frei durch den Kerker streifte. Sie schaute hinter sich, aber es wäre sowieso nicht aufzuhalten gewesen. Ein dicker zäher, Nebel waberte auf sie zu, immer schneller werden, bis er sich zu einem Sturm entwickelt hatte. Er presste sie gegen eine Mauer, zerriss ihre Kleidung, biss in ihre Schulter. Sie spürte klebriges Blut ihren Arm hinab rinnen. Die Kraft schien von allen Seiten zu kommen, nahm ihr Sicht und Atem, fraß sich eiskalt in ihre Knochen. Konzentriere dich Feder, warum bist du hier? Ja, die Begegnung mit Simon hatte neue Ängste in ihr geweckt, sie war hier um sich ihnen zu stellen. Mit diesem Wissen zwang sie den Sturm aus Verzweiflung, so wie vielen anderen negativen Gefühlen, in eine feste Form. Er teilte sich auf, woraufhin sich auf beiden Seiten von ihr schrecklich Dämonengestalten manifestierten. Sie würde sich zuerst den Linken vornehmen. Jenen, der zwischen ihr sowie der Treppe stand. Es war eine wirklich große Kreatur und als wollte das Verlies ihr genug Platz machen, rauschte die Decke nach oben, wobei sie die Mauern mit sich in die Höhe zog. So konnte der lebende Alptraum problemlos aufrecht stehen. Er war mindestens drei Meter groß, hatte lange viel zu dünne Arme und Beine, die in rasierklingenscharfen Klauen endeten. Der lange Schwanz war wie der ganze Körper mit Dornen gespickt und das fratzenhafte Haupt zierten eine Menge Hörner. Eins wuchs sogar aus einer Augenhöhle. Säure troff von seinen abartigen spitzen Zähnen, während es Feder genauer musterte. An seinem verliebenen Auge erkannte sie den Schrecken dann. Bilder tauchten dort auf, die wie Erinnerungen auf der Oberfläche eines Sees tanzten und an ihr vorüberzogen. Simon, wie er sie im Stich ließ, als sie beide vor der Stadtwache flüchteten. Wie er ihr ein Bein stellte, um seine eigenen Chancen auf Freiheit zu erhöhen. Wie er sie für Geld verriet. In zwielichtigen Gassen an den Meistbietenden verschärbelte. Aber es waren keine Erinnerungen. Es war Angst vor der Zukunft. Dinge deren eintreten sie fürchtete. Ohne sich nach dem anderen Wesen umzusehen sprintete sie auf den Schrecken los. Sie musste ihn schnell erledigen, um dem anderen keine Angriffsmöglichkeit zu bieten. Und seine Angst, bezwang man am besten frontal. Im Prinzip war sie kein Freund roher Gewalt. Aber da musste man realistisch bleiben, manche Dinge im Leben bettelten einfach darum. Der Dämon betrachtete sie neugierig bei ihrem Ansturm, bis er dann urplötzlich einen gewaltigen Säureschwall auf sie spuckte. Mit einer Sprungrolle hechtete Feder unter der Flüssigkeit durch, so traf sie nur den Stein, in den sie sich mit beißendem Gestank fraß. Die andere Wesenheit hatte derweil schon die Verfolgung aufgenommen. Kam aber abrupt vor der brodelnden Pfütze zu stehen. Zu schade. Jetzt war sie schon so nahe an dem Dämon, dass sie seinen fauligen Atem auf der Haut spüren konnte. Seine Krallen fuhren auf sie herab. Sie packte eine der Klauen und hielt sie mit ihren bloßen Händen fest. Tief hatte sie in Feders Handfläche Geschnitten. Doch sie hatte schon oft genug gegen Schrecken gekämpft. Sie schienen immer größer als sie waren und wenn man sie direkt anging, anstatt sich vor ihnen zu verkriechen, dann entpuppten sie sich oft als lächerlicher Witz. Sie rief sich Bilder aus ihrer Kindheit in den Kopf. Simon, wie er sie vor den anderen Kindern verteidigte, wie er sein Essen mit ihr teilte oder wie er sie zudeckte um dann ohne etwas auf dem harten Boden zu schlafen. Er hatte sie beschützt und auch wenn sie ihn lange nicht gesehen hatte, da war eine Vertrautheit, die ihr Kraft gab. Sie bekämpfte die Angst mit Erinnerungen. Unter ungesundem Knacken brach Feder die Klaue ab. Der Dämon stieß einen ohrenbetäubenden, schrillen Schrei aus, doch Feder lies sich nicht beeindrucken. Einem Luftmagier gleich sprang sie zwei Meter in die Luft, als hätte sie nie etwas einfacheres gemacht, um dann mit aller Kraft ihre Faust auf die Wange ihres Kontrahenten schmettern zu lassen. Als hätte ein Riese ihn gerammt, flog er zur Seite und brach durch die Wand. Schwere Ketten legten sich um die am Boden liegende Kreatur, woraufhin sich das Loch in der Wand schloss und durch eine dunkle Tür mit vergittertem Fenster ersetzt wurde. Die Macht guter Erinnerungen. Sie lächelte, das Blut völlig ignorierend. Einer noch.
Ihre ruinierte Bluse wurde nur noch von wenigen Streifen Stoffs zusammengehalten, als sie sich dem anderen Ungetüm widmete. Jetzt wo der erste Schrecken besiegt in seiner Zelle kreischte, war auch seine Säure verschwunden. Langsam kam das hundeähnliche Wesen Näher. Seine großen Tatzen mahlten die Knochen im Gang zu Kalk, er hatte zwei gewaltige Köpfe und anstelle eines Schwanzes, wuchs ihm eine Schlange, die gefährlich zischte. Dieses Etwas war viel größer, breiter und schwerer als ihr erster Gegner. Es atmete Verzweiflung in seiner reinsten Form aus, blies sie ihr ins Gesicht.
Na Feder? Willst du wieder eine lausige Diebin werden?
Die Stimme erklang dumpf ihrem Kopf. Nicht wütend, nicht schrecklich, aber endgültig als gehörte sie dem Gevatter selbst.
Glaubst du sie wollen Diebe an der Akademie? Du wirst Abrutschen, keinen Halt mehr finden in deinem bedeutungslosen Leben. Wieder auf der Straße Enden.
Es verzog seine Mäuler zu einem gehässigen Grinsen, das ihr Blut in den Adern gefrieren lies.

Ich meine, falls du Glück haben solltest. Habe gehört die Stadtwache in Grandea sei nicht für ihre Nachsicht gegenüber Armen Würmern wie dir bekannt.
Sie konnte sich nicht bewegen. Konnte sich nicht die Ohren zuhalten, nicht fortlaufen. Völlig erstarrt, war sie gezwungen der Ausgeburt ihrer Furcht zu lauschen.
Was glaubst du wie es sein wird in einer Zelle? Weit entfernt von allem Wissen, all den schönen Landschaften. Du wirst vertrocknen wie eine Blume in der Wüste. Aber das Beste wartet dann noch auf dich. Die Folter und....Exekution.
Genüsslich fuhr sich die lange Zunge des rechten Mauls über die ausgefransten Lippen. In den vier grässlichen Augen spiegelten sich Bilder vom Rädern als auch Schlimmerem. Es hatte Recht. Sie kam von ihrem Weg ab. Würde von einer Gelegenheitsdiebin zu einer richtigen werden. Irgendwann würde man sie fasse, irgendwann erwischte es doch jeden. Heiße Tränen rannen über ihr Gesicht. Das Ungeheuer kam näher, wuchs weiter, Berge von Muskeln zeichneten sich unter dem zotteligen Fell ab. Aber das war nicht alles. Die gefangenen Schrecken wurden Aufmerksam, rochen Schwäche, schmeckten Angst, gewannen neue Kraft, Kratzen und Schabten, hämmerten und klopften an ihren Türen.
Du hast dich selbst ins Aus manövriert Feder, was dachtest du dir nur dabei?
Ja, was hatte sie sich nur dabei Gedacht? Sie hatte sich gedacht, dass sie schnell Geld brauchte sie war ungeduldig gewesen. Vielleicht hatte der Schrecken Recht und sie sollte gehen, seine Ratschläge befolgen. Manchmal war Angst ein weiser Ratgeber. Sie würde einfach abhauen, ehe Simon sie fand. Ja, Simon, da war etwas. Hatte sie sich nicht gerade bewiesen, dass sie ihm vertrauen konnte? Sie konnte Simon vertrauen. Er hatte eine Sat gesät, die sie nun ernten würde. Sie war sich sicher er würde sie beschützen wie früher. Auch vor der Stadtwache. Wer weiß, wie weit seine Kontakte mittlerweile reichten. Sie war dieses mal nicht auf sich alleine Gestellt. Da ertönte in den hinteren Ecken ihrer Wahrnehmung eine spitzbübische Stimme.
Du wirst dich doch nicht vor dem Hündchen fürchten?
Helles klares Kinderlachen erklang.
Wetten du schaffst es nicht, ihn zu bezwingen?
Wie die wärme eines freundlichen Lagerfeuers durchströmten die Worte Feder. Stachelten sie an, sickerten aus ihren Händen und wurden zu einem riesigem Streithammer. Alte Freundschaft gegen neue Angst. Der Hammer war sicherlich doppelt so groß wie Feder, schwarz wie Pech und runenverziert von oben bis unten. Trotzdem bereitete es ihr keinerlei Mühe die Waffe in ihren Händen zu halten. Die Wände wichen wie zuvor die Decke zurück, bis sie nur noch eine ferne Linie am Rande des Sichtfelds waren. Das Ungetüm schnaubte, war es sich doch sicher gewesen, den Sieg schon errungen zu haben. Doch so einfach würde sie sich nicht geschlagen geben. Ein weltenerschütterndes Brüllen entrang sich seinen Kehlen, ehe es mit seiner Pranke nach Feder schlug. Geschickt sprang sie zur Seite, holte völlig unrealistisch in der Luft aus und zertrümmerte mit titanischer Kraft die Pfote. Das Biest heulte vor Wut, als schwarze Scherben in alle Richtungen davon spritzten. Doch Sie ließ ihm keine Zeit sich zu erholen, sie sprang erneut in die Luft, holte weit aus, um den Hammer mit viel Schwung von oben auf die Schädeldecke des Biests krachen zu lassen. Kurz vor dem Treffer flammten die Mondrunen auf, fahles Licht ergoss sich über das Ungetüm und explodierte in einem bleichen Klast. Feder wurde zurückgeschleudert, der Hammer ihren Händen entrissen und sie rollte mehrmals über den harten Untergrund, bevor sie liegenblieb.
Ihre Rippen Schmerzte, doch als sie endlich wieder sehen konnte, da entdeckt sie einen kleinen harmlosen Hund, der wimmernd an eine Pflock gebunden war. Bei der Nacht, endlich. Sich seinen Ängsten stellen klang immer so lächerlich einfach. Dabei hatte sie sogar extrem viel Übung darin. Deshalb war der Schatten deiner Seele Zauber, auch der einzige aus dem Vierten Kreis, den sie nahezu problemlos beherrschte. Bei diesem zerstörte sie die Riegel, der Tür die zu den inneren Verliesen des Schreckens führten. Für einen kurzen Moment auch ihren eigenen. Deshalb war sie sorgfältig darauf bedacht, dahinter nichts lauern zu haben. Natürlich waren es nicht wirkliche Riegel, die bildliche Vorstellung half Feder nur, sich zu konzentrieren und die richtigen Elemente zu finden.
Qualvoll schleppte sie sich zurück, durch den Korridor und die Wendeltreppe hinauf. Hinter sich schloss Feder Die Tür wieder bevor sie den Riegel vorschob. Wie gerne sie hier kurz verweilen würde, doch Simon konnte jeden Moment kommen.

Feder öffnete die Augen, mittlerweile lag sie in Fötushaltung zusammen gekrümmt auf dem Boden. Ihr war speiübel, das Gesicht kreidebleich. Doch die letzten Strahlen der Sonne waren mittlwereile verschwunden. Na immerhin etwas. Hoffentlich würde er sie nicht zu lange warten lassen. Mühevoll richtete sie sich auf, ging auf ihre Wasserschüssel zu und wusch sich den Schrecken mit schmutzigem Wasser aus dem Gesicht. Sie hatte es immer noch nicht gewechselt...

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