Das Wachhaus des Außenrings

Drei große Tore bieten Zugang zur Stadt. Diese werden mittelmäßig bis gut bewacht und zu jeder vollen Stunde gibt es einen Schichtwechsel.
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Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Samstag 25. Februar 2012, 22:58

Tahmo komm von Willkommen in Grandea

Der Weg in die Stadt selbst hinein war nicht weit. Sie hatten kaum eine Viertelstunde zu laufen. Hinter Tahmo trotteten in gehörigem Abstand Nachtwind und Faro. Das leichte Klappern ihrer Hufe vermittelte einen Rhythmus, dem er folgen konnte. Faro wieherte hin und wieder. Es gefiel ihm nicht, an einer Leine geführt zu werden, noch dazu weil es nicht Tahmo war, der ihn führte. Aber dem Pony blieb kaum eine Wahl. Sicher, es hätte versuchen können, zu türmen, aber das treue Tier wollte seinen Menschenfreund nicht im Stich lassen. Außerdem wusste es nicht, ob Nachtwind ihm folgen würde. Das Pferd gab sich ruhig, die zurückgelegten Ohren kündeten jedoch von seinem Misstrauen gegenüber den Soldaten.
Hinter den beiden Tieren zogen mehrere Männer des grandessarischen dritten Regiments den Karren, in den man Lua und Ikarus gehievt hatte. Man hatte darauf verzichtet, die beiden zu fesseln. Ihre Verletzungen würden sie genug behindern, als dass sie erfolgreich würden fliehen können. Der Hymlianer hatte das Bewusstsein noch immer nicht zurückerlangt. Schlapp lag er neben Lua, die sich in einem tranceartigen Zustand befand. Der Schmerz machte sie unempfänglich für ihre Umgebung, obgleich sie wach war. Sie wand sich leicht, ächzte und stöhnte bei jeder holprigen Bewegung des Karrens. Man hatte ihr zwar die Schulter verbunden, aber die Pfeilspitze steckte noch immer darin und die Leinen darum färbten sich bereits wieder blutrot. Es sah kritisch aus.
Zum Glück lag das Stadttor endlich direkt vor ihnen. Es erhob sich geradezu gigantisch auf, gleichermaßen gewaltig ragten die Mauern vor Tahmo empor. Wachtürme zu beiden Seiten des Tores waren mit genug Schützen besetzt, um feindliche Angreifer sofort einem ganzen Pfeilhagel zu überhäufen. Auch jetzt richteten sich mehrere der Fernwaffen auf die Ankömmlinge, ehe man das Banner erkannte, das von einem der Soldaten geführt wurde. Ein Horn wurde geblasen und schließlich schob sich das breite Tor auf, um die heimkehrenden Soldaten Willkommen zu heißen.
Hauptmann Hartwaldt Aczek verzog keine Miene. Er warf lediglich einen flüchtigen Blick zu Tahmo hinüber. Dieser hatte ihm auf den letzten Metern zur Stadt hin endlich seine Fragen beantwortet - mehr oder weniger. Er ahnte offenbar nicht, dass der Bursche mit dem bäuerlichen Akzent ihm Details verschwieg. Jedenfalls ging er nicht darauf ein - vorerst. Einzig ein Wort wiederholte er gedankenverloren und leise murmelnd: "Luftmagier." Er blieb überraschend ruhig, bis Tahmo sich nicht länger beherrschen konnte und einen dreisten Kommentar zum Besten gab. Daraufhin hob der Hauptmann seine linke Hand. Nicht, um den Blondschopf zu ohrfeigen, sondern um seinen Männern das Zeichen zum Anhalten zu geben. Nun standen sie direkt vor offenen Toren und traten doch nicht hindurch. Selbst die Wachen, die unten am Portal postiert waren, tauschten verwirrte Blicke. Hauptmann Azcek ließ sich dadurch nicht beirren. Er schaute Tahmo nicht an, als er sprach. "Ihr seid die ersten und ob ihr unschuldig seid, wird sich noch zeigen. Ihr steht unter Arrest, Luftmagier." Er winkte den Torwachen zu. "Diesen hier zum Wachhaus bringen und legt ihn in Ketten. Die beiden auf dem Karren brauchen zunächst medizinische Versorgung. Los! Worauf wartet ihr?!" Die Männer setzten sich in Bewegung. Der Hauptmann besaß Einfluss. Dass Tahmo beteuerte, kein Feind zu sein, prallte wirkungslos an ihm ab. Er selbst marschierte nun durch das offene Stadttor, wandte sich anschließend nach links. Währenddessen wurde Tahmo von den Wächtern und zwei weiteren Soldaten umringt. Man griff nach seinen Armen, um ihm Ketten anzulegen.
"Zeig dich kooperativ, Kleiner", mahnte ihn einer der Wächter. "Dann wird es für uns alle leichter." An seinen Kameraden gewandt erkundigte er sich: "Bringen wir den Kleinen ins Wachhaus?" Der andere nickte. "In eine der Zellen. Ein Rekrut soll ihn bewachen. Er sieht harmlos aus."
"Mitkommen!", schnaubte er Erste und zeigte durch das Tor hindurch auf ein festungsartiges Gebäude. Es war nicht größer als ein einfaches Wohnhaus, aber die Mauern waren solide, ein hoher Zaun säumte es und die vergitterten Fenster verhießen nichts Gutes.
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Freitag 9. März 2012, 11:42

Tahmo sah sich verzweifelt um und hielt vergeblich nach einem Fluchtweg ausschau, während die körperlich überlegenen Wächter streng ihrem Befehl folgten und den Jungmagier unerbittlich inrichtung Wachkammer schoben. Tahmo ächzte, die Lage wäre mit Worten wie 'katastrophal', 'hoffnungslos' oder 'bedrohlich' wohl noch sehr umschmeichelnd beschrieben. „Eh... hört'ma zu... was soll das? Lasst mich los! 'ch hab' euch nix getahn!“
Doch sämtliches zetern und winden half nichts...

Tahmo glaubte so langsam das es irgendwo Leute gab, die vermutlich eine gewisse Kontrolle über ihr Leben hatten. Die des Morgens aufstanden, abends zu Bett gingen und dazwischen ziemlich sicher sein konnten weder von Dunkelelfen verzaubert, von Orks zermalmt, von Dämonen besessen über Schlachtfelder gehetzt oder von wildfremden Soldaten – einer wildfremden Armee, eines wildfremden Volkes vor dem man wenige Stunden zuvor noch nie etwas gehört hatte – eingekerkert zu werden. Vage erinnerte er sich daran selbst fast einmal so ein Leben gelebt zu haben.
Vielleicht bin ich doch nicht so für Abenteuer geschaffen wanderte ein kummervoller Gedanke durch seinen Kopf Mir reicht es so langsam...

Er wurde in eine kleine Zelle gesteckt – dem stechenden Geruch nach beherbergte sie des öfteren sturzbetrunkene und ungebremst herum urinierende Trolle – und ein ziemlich jung aussehender Rekrut mit Kettenhemd und einem Wappenrock in den Farben Grandessas nahm an der gegenüberliegenden Wand, auf der anderen Seite des Gitters, platz. Eine modrige Pritsche mit einem fast schon lebendigem Haufen Stroh darauf befand sich an der Wand neben Tahmo, doch ansonsten war die Einzelzelle leer.
Tahmo lies den Kopf sinken und sich selbst auf den kalten Steinboden. Im Diskussionssaal seines Bewusstseins erhoben sich mehrere Gefühle und begannen zu schreien. Verzweiflung hielt einen längeren Vortrag, wurde jedoch von Wut unterbrochen. Sorge, Angst und Entsetzen begannen eine hitzige Debatte, die erst endete als Fassungslosigkeit aus dem Nebenzimmer hereinkam um festzustellen, was es mit diesem Durcheinander auf sich hatte.
Hoffentlich geht es Lua gut... Tahmo schluckte, seine Eingeweide schienen sich an der regen Diskussion seiner Gefühle zu beteiligen, ein dicker Klos bildete sich in seinem Hals. Allmählich spürte er auch die ganzen blauen Flecke von seiner äußerst unprofessionellen Landung auf dem harten Waldboden der Tatsachen. Sollte er hier bleiben und warten? Sollte er das Risiko eingehen und Magie wirken um auszubrechen? Er wusste es nicht, noch nicht.... Sein Blick wanderte abermals durch die Zelle und blieb letztendlich an dem Rekruten haften um ihn eingehend zu mustern.

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Soldat/in » Freitag 9. März 2012, 22:52

Tahmo hatte keine Wahl und wurde in eine der Zellen gesteckt, in denen Grandessaner normalerweise nach einer reich durchzechten Nacht ausnüchterten. Wenigstens legte man ihn nicht in Ketten wie es Hauptmann Aczek eigentlich befohlen hatte, aber offenbar hielt man ihn für dermaßen harmlos, dass niemand es für nötig erachtete. Die Zelle bot alles andere als Komfort an und selbst das Stroh war so abstoßend, dass Tahmo es sich auf dem Steinboden "gemütlich" machte. Das Gestein war kalt, roch seltsam. Wenigstens war es an der Stelle, an der Tahmo hockte, nicht feucht.
Ihm gegenüber, auf der anderen Seite der Gitterstäbe saß nun ein junger Mann in grandessarischem Wappenrock. An einem Gürtel hing ein Kurzschwert. Bei den anderen Soldaten hatten hatte Tahmo einhändige Äxte entdecken können. Offensichtlich mutete man diese Waffengattung den jungen Rekruten noch nicht zu, denn dass dieser Mann jung war, konnte nicht bestritten werden. Er mochte vermutlich kaum viel älter als Tahmo selbst sein. Vielleicht hatte er gerade seine zwanzigste Zeit der Abendsonne hinter sich gebracht, vielleicht war er aber auch noch ein Jahr jünger. Lediglich sein grimmiges Gesicht ließ ihn älter wirken, es konnte die glatte Haut und die Neugier aus seinen Augen aber nicht verbannen. Er musterte Tahmo, seine Augen huschten geradezu über ihn hinweg. Sie blieben immer wieder an den Federn seiner Gewandung hängen. "Bei deinem Rucksack löst sich eine Naht", sagte der Rekrut dann plötzlich und zeigte nach vorn. Beiläufig kratzte er sich am Hals. Er wirkte entspannt. Das hier war ein leichte Aufgabe. Er brauchte nur Acht zu geben, dass dieser Gefangene nicht zu laut wurde oder einen Ausbruch versuchte. Aber wie sollte er schon aus der Zelle hinaus kommen?
Die kräftigeren, älteren Soldaten höheren Ranges hatten abgeschlossen. Der Schlüssel hing an einem dafür vorgesehenen Wandbrett mit vielen kleinen Haken. Es befand sich auch gegenüber von Tahmos Zelle, leicht schräg versetzt, denn dazwischen stand noch ein schmaler Tisch. Darauf befanden sich eine Wasserkanne und zwei Becher. Nach dem einen griff der Rekrut nun und nahm einen kräftigen Schluck.

Inzwischen meldete sich eine weitere Stimme in Tahmos Kopf. Sie hatte die Debatte seiner Emotionen beobachtet, aber nun, da sie den Funken einer Idee in seinem Geist bemerkte, war sie Feuer und Flamme, um diesen Gedanken anzufachen. Die Stimme erhob sich, schmetterte seine Gefühle beiseite wie die Pranke einer Katze eine schlafende Maus.
"Windkind.
Luftmagier.
Tahmo.
Lass es zu und wir könnten fliehen.
Lass es zu und ich führe dich.
Lass es zu und ich bringe dich zu deiner Lua.
Spüre die Magie, wirke sie!
Windkind!"
Es krachte. Nein, das war nicht die Windsbraut, die sich durch Tahmos Magie einen Weg nach außen bahnte. Es war eine Tür, die etwas zu eifrig geöffnet worden war, so dass der Riegel mitsamt Eisenschloss gegen die Wand geprallt waren. Nun erklangen Schritte, schwer und von metallischem Klirren begleitet. Da kam jemand, der in Ketten und Panzerung gerüstet war. Es handelte sich um einen anderen Soldaten, einen Stadtwächter. Er trug wie der Rekrut den purpurgoldenen Wappenrock mit dem grandessarischen Liliensymbol. Eine Partisane lag locker auf seiner Schulter, streifte beim Gehen aber noch nicht die hohe Decke des Verlieses. Der Mann trug einen Helm, golden, ohne Federbusch. Er war kein Hauptmann, aber das zackige Salutieren des jungen Rekruten deutete darauf hin, dass es sich um einen höhergestellten Soldaten handelte. "Steht bequem, Rekrut!", donnerte die Stimme des Wächters. Er warf einen Blick in die Zelle, runzelte die Stirn. Dann ging das Donnerwetter los. "REKRUT! Was muss ich sehen?! KEINE FESSELN?! Wie lauteten die Befehle des Hauptmanns, Rekrut?"
"I-in Ketten legen, Herr", stammelte der Jüngere. Die Hand, die zum Salut an die Stirn gefahren war, begann zu zittern. Der Bursche war mehr als nervös, hatte ihn das Erscheinen des anderen doch ziemlich aus seiner Ruhe aufgeschreckt.
"UND WARUM IST DAS NICHT GESCHEHEN, REKRUT?!" Der Soldat musterte Tahmo. Sein Blick wart hart, finster und kalt wie alles, was Grandessa anscheinend zu bieten hatte. "Du gehst jetzt da rein, Rekrut. Du legst diesen Mistkerl in Ketten und konfiszierst all sein Hab und Gut. Wenn ich nachher außer seinen Klamotten auch nur einen Gegenstand bei ihm finde ..." Er ließ den Satz unvollendet, machte auf dem Absatz seiner schweren, schwarzen Lederstiefel kehrt und verschwand so schnell wie er gekommen war. Der Rekrut schaute ihm bedrückt hinterher. Dann atmete er tief durch, als die Tür ins Schloss fiel. "Ich muss dir deine Sache abnehmen", gab er Tahmo erklärend eine Antwort und im Hinterkopf des Blondschopf rauschte es.
Warte, bis er die Zellentür öffnet.
Warte, dann lass mich zuschlagen.
Deine Magie wird diesen Bengel in Stücke reißen!
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Freitag 16. März 2012, 00:01

Tahmo blickte zum linken Schultergurt seines Rucksacks. Der junge Rekrut hatte Recht, die Naht würde an dieser Stelle sicherlich bald ausreißen und Tahmo war sich sicher das es im unpassendsten Augenblick passieren wird.
Und so als wollte dieser Augenblick nicht lange auf sich warten lassen, fühlte Tahmo wie sich der Dämon hinter seiner Stirn regte. Er fegte seine anderen Gedanken kurz beiseite und verhielt sich gewohnt rüpelhaft.

"Windkind.
Luftmagier.
Tahmo.
Lass es zu und wir könnten fliehen.
Lass es zu und ich führe dich.
Lass es zu und ich bringe dich zu deiner Lua.
Spüre die Magie, wirke sie!
Windkind!"


Tahmo atmete durch, verdrängte die Stimme des Dämons, musterte angestrengt die beschädigte Naht und ignorierte die Windsbraut so gut er konnte... was zusehend schwieriger wurde.
Und mochten ihre Verlockungen noch so süß klingen, er wollte ihr auch in Zukunft nicht nachgeben. Denn er würde mehr verlieren als er gewinnen könnte.

Tahmo zuckte erschrocken zusammen als mit einem energischen Krachen die Tür des Wachhauses von einem gut gepanzerten Soldaten regelrecht aufgeschmettert wurde. Der Rekrut stand zackig auf und nahm sogleich ein paar in Befehlsform gebrüllte Anweisungen entgegen.
Tahmo vernahm einiges an Gestammel, sowie den Satz 'in Ketten legen' und er wusste sofort das dieser Satz in Anbetracht seiner eigenen momentanen Lage sicherlich ihm galt.
Und Tahmo lies sich ungern in Ketten legen und überhaupt gingen dieses Grandessaner nun mit ihrer Gastfreundlichkeit eindeutig zu weit.

Tahmo war sauer. Auf die Welt an sich, die allgemein vorherrschende Ungerechtigkeit, auf den Umstand das er seit seinem Aufbruch in Hymlia wenig geschlafen hatte, auf den Dämon der ihn nicht klar denken und zaubern lies und nicht zuletzt auf diese Grandessander die anscheinend nur sehr selten Besuch hatten.
So wie ein zorniger Vater sein Kind aufs Zimmer schickte wenn es die Erwachsenen beim abendlichen Kartenspiel störte, verbannte er die Windsbraut in die hinterste Ecke seines Kopfes, machte ihr klar sie solle sich endlich raus halten und das er dies hier alleine schaffen würde und sie sich schon einmal einen neuen Kopf suchen sollte in dem sie herumrauschen konnte.

Als der Rekrut die Zelle zusammen mit den Handschellen betrat tat Tahmo zuerst nur so als würde er sich einverstanden erklären und den Rucksack abnehmen. Langsam schlüpfte er erst mit dem rechten Arm aus der Schulterschlaufe. Lies den Rucksack langsam an seinem linken Arm hinab gleiten und..... holte weit aus. Er wollte dem Rekruten seinen Rucksack um die Ohren donnern doch ein lautes ratsch! kündigte die letzten Lebenssekunden seiner Schulterschlaufe an. Der Rucksack verfehlte ein wenig sein Ziel, traf den Rekruten dafür jedoch mit Schwung in den Bauch, statt seitlich am Kopf. Dieser konnte nur mit einem „UFF!“ sein Erstaunen zum Ausdruck bringen, ehe Tahmo aus reinem Reflex heraus – basierend auf wilder Entschlossenheit – den Wächter mit einem rechten Kinnhaken erst einmal den Sternenhimmel näher brachte. Tahmo kämpfte eben auf eine für ihn typische und schon in seinen Jahren im Fischerdorf erprobten Art und Weise: nämlich ohne Taktik oder Methodik. Dies sollte seinen Gegner an der Erkenntnis hindern daß Tahmo weder ein sehr guter, noch besonders ausdauernder Kämpfer war und für gewöhnlich erfüllte dies auch seinen Zweck. Der Rekrut ging vor ihm zu Boden. Tahmo grinste breit, ohne eine Spur von schlechtem Gewissen. Ha! Da staunst du Windsbraut, was?
Hastig sammelte er seinen Rucksack, mit nun mehr einer einzigen Schulterschlaufe auf, blickte zu dem bwusstlosen Rekruten und... wurde unversehens von einer Idee hinterrücks angesprungen. Mit triumphalen Schmunzeln entledigte er dem Rekruten seiner Kleidung und Rüstung um sie sich selbst anzuziehen. Dann legte er dem Rekruten selbst die Ketten an und knebelte ihm mit dem abgerissenen Schultergurt den Mund. Zum Schluß nahm er noch seinen Hymlianischen Federmantel und wickelte den Rekruten darin ein. Wenn man die Zelle nun betrat und nicht zwei- oder dreimal aus nächster Nähe hinsah, konnte man meinen das Tahmo nach wie vor gefesselt und geknebelt mit dem Rücken zu Zellentür auf dem Steinboden lag. Genauso verhielt es sich auch mit Tahmos eigener Verkleidung, wenn man nicht genau hinsah war nur ein Rekrut von vielen zu sehen und Tahmo hatte sich fest vorgenommen diese Täuschung aufrecht zu erhalten. Dann trabte er aus der Zelle, stopfte seine eigenen restlichen Klamotten in den Rucksack, nahm den Schlüssel vom Haken und sperrte breit grinsend die Zellentür ab.
Eins zu null für den Jungen aus dem Fischerdorf! Mit dem Herzschlag eines Abenteurers schlich Tahmo zur Tür des Wachhauses, öffnete sie einen kleinen Spalt breit und spähte hinaus ins freie um zu sehen ob die Luft rein war.

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Sonntag 18. März 2012, 18:53

Das Lachen der Windsbraut erfüllte seinen Geist und ließ sich nicht verdrängen, so sehr sich Tahmo auch darauf konzentrierte. Die Dämonin war amüsiert. Sie sollte sich einen neuen Kopf suchen? Ausnahmsweise zeigte sie sich sichtlich erheitert. Ihr Wirt war ein Spaßvogel, gleichzeitig aber erfreute es sie, dass er so wenig von ihrem Wesen und Dämonen im Allgemeinen wusste. So ließ er sich leichter manipulieren. Sie würde seinen Geist schon noch vollkommen auslöschen und dann konnte sie die ihm innewohnenden Kräfte selbst nutzen, Celcia erobern und über weitere Schwächlinge seiner Art herrschen. Das waren ihre Pläne und sie legte sie Tahmo nun vollkommen offen. Er erhielt Einblick in all diese Gedanken, allerdings nur für den Bruchteil einer Sekunde, um seine Neugier zu wecken. Vielleicht ließ er sich so noch mehr in sein Unheil locken. Die Windsbraut hatte Zeit. Sie würde notfalls gemächlich in der Ecke seines Bewusstseins warten, bis sich eine Gelegenheit ergab. Solange Tahmo lebte, benötigte sie keinen zweiten potenziellen Wirt in seiner Nähe, auf den sie überspringen könnte. Außerhalb eines Wirtskörpers fühlte sie sich nämlich sehr unwohl.

Wenigstens blieb sie jetzt für einen Moment ruhig, so dass Tahmo die Erfüllung seiner eigenen Pläne verfolgen konnte. Ganz klar, er wollte hier heraus und in Ketten legen ließ er sich ganz bestimmt nicht. Die Ankunft in Grandessa war alles andere als gut verlaufen. Er musste aus der Zelle gelangen, Lua und Ikarus, sowie ihre Pferde finden und dann alles Weitere planen. Zum Glück hatte der junge Rekrut den Befehl erhalten, seine Sachen zu beschlagnahmen. Andernfalls wäre die Zelle nicht nochmals aufgeschlossen worden. Auf diese Weise und mit mächtig viel Schwung des geschleuderten Rucksacks, nicht zuletzt aber durch einen kräftigen Kinnhaken gelang ihm die Flucht. Sein Gepäckstück ließ sich nun mehr schwerer mit sich führen, denn der rechte Tragegurt war gerissen, außerdem brannte Tahmo sicherlich die Faust von dem massigen Hieb. Er hatte genau ins Schwarze getroffen. Höhepunkt seiner Fluchtaktion war der Tausch seiner Kleidung mit den Sachen des Rekruten. Ein kleines Opfer, wenn man bedachte, dass dadurch wohlmöglich die Freiheit winkte.

Tahmo öffnete die schwere Tür, die zum Treppengang führte, von dem aus es in die Zellenverliese gegangen war. An diesen Teil des Wegs erinnerte er sich wohl noch von seiner eigenen Gefangennahme her. Dann wusste er auch, dass am oberen Ende der asugetretenen Stufen das Erdgeschoss mit einer großen Wachstube wartete, durch die man ihn geführt hatte. Sie war hell erleuchtet gewesen und überall hatten Schreibtische und Stühle herum gestanden. An einer Wand hatten sich hölzerne Schränke mit großen Schubladen aufgereiht, in denen vermutlich irgendwelche Akten untergebracht waren. Links der Tür, aus dem Wachgebäude heraus führte waren zwei Reihen Bücherregale gewesen, die mitten in den Raum herein ragten und ihn so noch einmal in Bereiche aufgetrennt hatten. Eine weitere Tür hatte in ein Büro mit Fensteröffnung geführt, durch die sogar er hatte hinein schauen können. Sicherlich war es das Arbeitszimmer des Hauptmannes gewesen. Eine letzte Tür führte an einen Tahmo unbekannten Ort. Möglicherweise verbarg sich dahinter eine Treppe in die oberen Stockwerke oder auch weitere Räumlichkeiten, in denen beispielsweise Verbrecher verhört wurden.
Als man Tahmo durch den Raum und hinunter zu seiner Zelle gebracht hatte, waren ein alter, tattriger Wächter, sowie zwei jüngere Kräftige anwesend gewesen. Jetzt gestaltete sich die Sache anders. Tahmo hatte schließlich mindestens zwei Stunden dort unten gehockt, ohne dass auch nur einer - abgesehen von diesem Grobklotz - nach ihm geschaut hätte. Inzwischen waren mehr Wächter in der Stube eingetroffen, auch weil gerade Patrouillenwechsel bevorstand. Nun tummelten sich drei Zweiergruppen, ein hochnäsig wirkender Schreiberling und noch immer der alte Tatterkreis in der Wachstube. Niemand ahnte, dass in der Verkleidung des Rekruten der inhaftierte Luftmagier steckte.
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Freitag 23. März 2012, 22:28

Tahmo linste verstohlen durch einen kleinen Türspalt in die Wachstube hinein und stellte fest das sie randvoll war mit Wächtern. Schluckend schob er die Tür wieder zu, lehnte sich gegen das Holz und keuchte hingebungsvoll. Wäre Tahmo einer dieser berühmten Helden aus den Geschichten die man meistens aus den Mündern, deutlich weniger heldenhaften aber dafür deutlich betrunkeneren, durchschnittlichen Tavernenbesuchern hörte, so müsste er nun sein geborgtes Schwert ziehen und sich durch den Wachraum in die Freiheit kämpfen.
Allerdings fühlte sich Tahmo genauso wenig zum Helden berufen wie ein Stein zum schwimmen. Grundlegend wäre es durchaus möglich gewesen sich durch den Wächterhaufen zu kämpfen, aber es wäre für Tahmo sicherlich genauso leicht gewesen einen Troll zu erstechen - was viel Praxis erfordert und niemand bekommt Gelegenheit ein zweites mal zuzustechen.
Also entschied er sich dazu einfach die Illusion aufrecht zu erhalten und in seiner Rolle als junger Rekrut voll aufzugehen! Tahmo atmete tief durch, rückte seine Verkleidung zurecht, griff nach dem eisernen Türschiebe und öffnete die Tür um die Wachkammer zu betreten. Den Tahmo lies er dabei hinter der Tür zurück, im übertragenen Sinne natürlich. Er war nun ein Rekrut der Grandessanischen Armee der stolzen Fußes in seinem Kettenhemd durch den Raum rasselte. Er war einer von tausend Rekruten deren Gesichter sich ja sowiso niemand merkte. Er drückte sich an alten Wachleuten vorbei die miteinander redeten. Musterte im Vorbeigehen Dienstpläne und tat als wäre das darauf geschriebene - irgendwelche Schriftzeichen die Tahmo noch nie gesehen hatte - das wahrscheinlich interessanteste der Welt. Allgemein gelang es ihm also nicht wirklich beachtet zu werden, die Tür kahm immer näher, Tahmo ging in seiner Rolle immer mehr auf, seine Finger ruhten schon auf dem Türgriff des Ausgangs als...
Ihn ein älterer Wachmann von der Seite her anquatschte. Natürlich verstand Tahmo absolut kein Wort, nur das es sich um eine Frage handeln musste. Er konnte ja nicht ahnen das der Wächter ihn fragte wohin er denn ginge und ob er schon wisse das er als Rekrut heute seiner Schicht zugeteilt war. Tahmo schluckte, er dachte daran einfach in Panik zu verfallen. Panik war an und für sich ein recht praktischer Überlebensinstinkt. Panik teilte Menschen die einem hungrigen Säbelzahntiger gegenüber standen in zwei Gruppen auf. Die eine geriet in Panik und floh, während die andere gelassen stehen blieb und Kommentare darüber abgab wie niedlich doch das Mitzekätzchen sei.

Er fühlte wie sich seine Fingerknöchel fest um den Türgriff schloßen, wie ihm der Schweiß den Nacken runter rann wie.... ihn nur der Wächter fragend anstarrte und alle anderen unbeteiligt ihre Gespräche weiter führten. Also... haben sie mich vielleicht noch nicht entdeckt? schoß es Tahmo auf den Kopf und er lies es auf eine letzte List ankommen.
Schlagartig kniff er die Beine zusammen, deutete hastig auf seinen Unterleib und dann mit dem Daumen auf die Türe hinter sich um dem Wächter verständlich zu machen das er den hübschen Steinboden der Wachstube nicht mit dem Inhalt seiner Blase beschmutzen wollte und nur ganz kurz vor die Tür zum austreten ging. Er hoffte es funktionierte... wenn nicht würde er dennoch hinausstürmen... nur eben mit deutlich geringeren Vorsprung. Denn würde seine List gelingen müsste man erst einmal sein Fehlen bemerken und bis dahin war er schon über alle Berge.

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Soldat/in » Montag 26. März 2012, 14:22

Das Wachhaus war zwar gut gefüllt, aber niemand nahm von dem Blondschopf bisher Notiz, der verstohlen durch einen Spalt bei der Tür zu den Verliesen hindurch spähte. Die meisten unterhielten sich oder schlugen etwas in Akten nach. Einige warfen im Vorbeigehen einen Blick auf ein Notizbrett, auf dem neue Aufträge und Patrouillenpläne aushingen. Aber keiner von ihnen schaute zur Tür herüber. Tahmo besaß nocht die Zeit, über seine nächsten Vorhaben nachzugrübeln. Ewig konnte er sich hier jedoch nicht versteckt halten. Selbst wenn der Rekrut unten gefesselt und geknebelt war, man würde ihn früher oder später erwarten und sei es nur, dass er von seiner Schicht befreit den Heimweg antrat. Also fügte sich Tahmo in seine Rolle. Er war jetzt ein Soldat des Königreichs Grandessa und so zielsicher, wie er sich geben konnte, wagte er sich nun in die Höhle des Löwen.
Für den Anfang klappte das recht gut. Lediglich zwei sich miteinander unterhaltende Stadtwächter blickten auf, als die Tür sich leicht knarrend öffnete. Sie sahen jedoch keinen Burschen aus dem Fischerdorf, sondern einen von vielen, nichtssagenden Rekruten, der einfach wieder in die Wachstube gekommen kam. Niemand, um den man sich kümmern musste. Dieser Rekrut fiel nicht auf. Er schob sich wie viele andere auch durch den Raum, nahm kurz Notiz vom schwarzen Brett und machte sich anschließend auf den Weg zum Ausgang. Vermutlich war seine Schicht zu Ende. Da achtete keiner so genau drauf.
Lediglich ein älterer Soldat, der von seiner Patrouille in die Stube zurückgekehrt war, um sich ein wenig aufzuwärmen und zu plaudern, bevor er für heute die Rüstung abgab, hielt ihn plötzlich auf. Welch ein Pech aber auch, dass er asugerechnet an einen alten Hasen geriet. Die kannten nämlich die Wächter ziemlich genau, auch wenn sie natürlich nicht alle Rekruten kennen konnten. "He, du Grünschnabel. Schicht vorbei?", fragte der alte Haudegen freundlich. Er hatte sich im Grunde nicht in ein Gespräch vertiefen wollen, da ihm dieser Bursche jedoch irgendwie fremd vorkam, wollte er ihm ein paar ermutigende Worte mit auf den Weg geben. Er sollte schnell ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln, immerhin gehörte er jetzt zur grandessarischen Stadtwache. Der alte Soldat hielt Tahmo für einen Jungen des Außenrings oder einen dieser hinterwäldlerischen Knaben von den Gehöften des Königreiches. Die standen selten stramm, noch lange nachdem man sie zu Rekruten gemacht hatte. Waren meist ein wenig plump oder wirkten irgendwie zurückgeblieben. Schließlich hatte niemand von ihnen eine anständige Ausbildung erhalten. Dieser hier vermutlich ebenfalls nicht. Eine Volksschule war ihm wohl ebenso fremd wie ein regelmäßiges Bad jeden Monat. Die Rüstung, die er trug, stank bereits jetzt schon etwas muffig.
Außerdem schien er von der wortkargen Sorte zu gehören. Der bekam sein Maul ja gar nicht auf. "Dein Mund ist nicht nur dazu da, Nahrung in sich aufzunehmen, Junge. Erweis mir ein bisschen Respekt!" Jetzt musterte er den fremden Rekruten schon etwas genauer. Seine Haut war hell, besaß einen leichten Teint von der Sonne. Sie wirkte nicht so bleich wie bei einem typischen Grandessarer. Das blonde Haar lugte unter dem Helm hervor. Der Soldat runzelte die Stirn. Na hoffentlich hatte sich hier kein feindlicher Jorsaner eingeschlichen. Er schmunzelte. Nein, das würden diese Feiglinge nicht wagen. Aber dass der Bursche sich so schweigsam gab, machte ihn irgendwie verdächtig.
Er wollte schon nachhaken, als der Bengel plötzlich die Beine eng zusammen drückte und sich leicht vorkrümmte. Eine eindeutige Geste. "Na dann ab mit dir. Den Donnerbalken findest du hinter dem Wachhaus." Er winkte zur Tür, als Zeichen, dass sich der Rekrut eilen sollte. Niemand wollte hier den Dreck im Wachhaus haben und selbst, wenn man den Kleinen zum Saubermachen abkommandierte, würde der Gestank noch einige Tage wahrzunehmen sein. Das Lachen des Soldaten begleitete Tahmo, als diesem endlich der Weg nach draußen gelang.
Drinnen schüttelte der Haudegen grinsend den Kopf, wandte sich an die anderen Wächter. "Grünschnäbel! Sind selbst zum Scheißen zu blöd." Das Gelächter hob an, aber Tahmo brauchte es nicht zu kümmern. Er hatte es aus der Stube hinaus geschafft. Nun stand er da. Neben ihm fand sich die gewaltige Mauer, die den Außrenring vom grandessarischen Umland trennte. Wenn er dem Pfad hinunter folgte, gelangte er zu dem großen, verstärkten Stadtportal, durch das man ihn eingelassen hatte. Dort gab es auch eine kleine Wachstation, allerdings bestand sie nur aus einer Art Unterstand, wo sich die Wächter bei Regen drunter begeben konnten. Das eigentliche Wachhaus war jenes in seinem Rücken.

"Schicht um?", fragte ihn ein anderer Wächter, der gelangweilt gegen die Mauer gelehnt da stand. Seine Pike hatte er lässig daneben stehen. Offenbar wartete er auf einen Kollegen für die nächste Patrouille. Er selbst war auch nur ein Rekrut, wie Tahmo mit ein wenig Schlussfolgerung würde erkennen können. Er trug nämlich Rüstung und Helm des gleichen Schlages wie der Blondschopf selbst.
Dieser musste nun nachdenken, was er als nächstes in Angriff nehmen würde. Lua und Ikarus steckten irgendwo anders. Wo man Nachtwind und seinen geliebten Faro hingebracht hatte, war ihm ebenso wenig bekannt. In der Stadt kannte er sich nicht aus, würde aber als Wächter eine Weile durchgehen, wenn er sich nicht zu auffällig benahm. Diese spazierten allein oder in Zweiergruppen häufiger die Straßen entlang. Niemand würde auffallen, wenn sich unter ihnen ein junger Mann aus dem Fischerdorf am Ilfar befand.
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Donnerstag 29. März 2012, 22:56

Schicht um?

Tahmo glotzte überrascht nach rechts als ihn der Rekrut von der Seite her anquatschte. Er hatte es gerade so aus dem Wachhaus geschafft und da keinerlei gebrüllte Befehle hinter ihm erklangen bedeutete das wohl das seine Flucht entweder gelungen, oder die Wächter sich gerade hinter der Tür versammelten um den Ausreiser mit einem lauten Hallo wieder einzufangen. Tahmo schluckte kurz voller Unbehagen, nickte dem Rekruten steif zu und stapfte dann los.... nur um nach ein paar Metern stehen zu bleiben, auf den Fersen kehrt zu machen, erneut an dem Rekruten sowie dem Wachhaus vorbei zu stapfen, erneut kurz zu nicken und eilig in genau die entgegengesetzte Richtung vom Stadttor des Ausenringes zu marschieren.

An dieser Stelle muss man erwähnen das Tahmo keinerlei Ahnung über die Stadtplanung Grandessas hatte. Er merkte zwar recht schnell das die gesamte Stadt ziemlich Ringförmig war und es sowohl eine Außenmauer, sowie eine innere Mauer gab hinter welcher sich wohl ein weiterer Stadtbezirk befand, dennoch hatte er keine Ahnung in welche Richtung er nun genau unterwegs war. Wie ein Wolf unter Schafen... oder in Tahmos Fall: Wie ein Schaf unter Wölfen, patrouillierte er fachmännisch – oder eher so wie er sich vorstellte das Rekruten der Grandessanischen Armee patrouillierten – entlang einer langen, breiten Gasse. Er nickte anderen Soldaten zu welche ihm stets auf der gegenüberliegenden Gassenseite entgegen kamen – Tahmo vollführte einige Waghalsige Seitenwechsel um Kontakt zu seinen vermeintlichen Kollegen zu vermeiden – beobachtete aufmerksam seine Umgebung und wunderte sich wie man nur lilafarbene Wappenröcke mit goldenen Lilien tragen konnte. Große Gebäude ragten rechts und links neben ihm auf, Tahmo irrte weiter ziellos herum und fühlte sich allgemein wie ein Fisch im Glas der nur im Kreis schwamm ohne dabei vorwärts zu kommen. Seufzend blieb er stehen, schob sich in eine schmalere Seitengasse – die Dächer der Häuser ragten über ihm weit zusammen, sodass es einigermaßen schattig war – und lehnte sich mit dem Rücken an eine Gebäudewand. Die Rüstung war im Gegensatz zu Tahmos sonstiger Kleidung deutlich schwerer, erfüllte aber wohl weiterhin den Zweck unentdeckt zu bleiben. Er bedachte seine nächsten Schritte. Vielleicht sollte er einen Marktplatz suchen? Dort gab es Händler und vielleicht Sprach einer davon seine Sprache? Vielleicht konnte er dort etwas in Erfahrung bringen, oder gar seine Verkleidung verbessern?
Oder sollte er sich gar einfach ein paar anderen Wachen anschliesen und dabei so tun als wäre er stumm? Tahmo kratzte sich nachdenklich, ehe er zurück auf die breite Gasse kehrte und seinen Weg mit offenen Augen fortsetzte. Vielleicht sprang ihm auch einfach die Lösung seiner Probleme geradewegs ins Auge, so etwas war durchaus möglich! Zumindest war die Chance darauf höher als wenn er sich den Weg zu Lua freikämpfen würde.

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Samstag 31. März 2012, 15:57

Komischer Kauz, dachte der wartende Soldat bei sich, als Tahmo ihn aus großen Augen unter dem Rand seines Helms hinaus anstarrte. Er antwortete ihm nicht einmal, sondern verschwand nur mit einem Nicken. Doch wenn der Soldat das schon seltsam fand, dann wurde er nun richtig überrascht. Denn kaum eine Minute später tauchte dieser fremde Rekrut schon wieder auf. Wieder kein Wort, nur ein Nicken und schließlich ging er in die entgegen gesetzte Richtung. Zuerst runzelte der Soldat die Stirn, dann prustete er los und schließlich schüttelte er den Kopf. Leute gab es ... unglaublich. Den würde er so schnell nicht vergessen. Das Ereignis sorgte am heimischen Tisch beim Abendbrot sicher nochmal für heiteres Gelächter. Umso gefährlicher könnte es für Tahmo ausgehen, denn durch sein Verhalten hatte er auf sich aufmerksam gemacht. Wenn jemand auffiel, dass es nicht er war, der da gefesselt und geknebelt in der Zelle lag, würde man schnell nach einem Rekruten fahnden, der vielen in Erinnerung geblieben war. Die Sache konnte noch brenzlig werden, auch wenn es im Moment nicht den Anschein machte, denn Tahmo hatte es zumindest aus dem Wachhaus und weg von dort geschafft.

Nun begann es aber schwierig zu werden. Das war Tahmos erster Besuch in Grandessa und er durfte sich zunächst selbst vom Zustand der Stadt überzeugen - jedenfalls vom Bereich des Außenrings. Die Verhältnisse hier waren nicht als einfach zu beschreiben, sie waren geradezu erbärmlich. Viele Häuser wirkten löchriger als einer dieser stinkenden Käse, die er aus dem Fischerdorf kannte. Von manchen Gebäuden waren aufgrund vergangener Brandkatastrophen nur die schwarz verkohlten Gerippe des Gerüstes übrig geblieben. Menschen, denen es wirklich schlecht ging, hatten Planen darüber gespannt. Es war alles, was sie noch besaßen. Sie hockten in ihren Grundmauern, vom Wind durchgefroren, um ein winziges Feuerchen herum, das kaum ausreichte, die letzten Lebensmittelvorräte zu erhitzen. Der Anblick erinnerte an die Rückstände einer verlorenen Schlacht, nur dass hier keine stattgefunden hatte.
Es war aber nicht überall dermaßen schrecklich. Einige Straßen und Häuser des Außenrings wirkten wie die typischen Handwerkerbauten: schlicht, aber zum Leben genügte es. Nicht jeden traf das Schicksal dermaßen hart und es wäre auch reichlich seltsam gewesen, hätte sich das Volk in diesem Fall nicht gegen die regierende Instanz aufgelehnt. Was Tahmo aber sicherlich noch aufgefallen war, mussten die Dunkelelfen sein, die hier durch die Straßen schlenderten, als sei es Gang und Gebe. Die Menschen katzbuckelten sogar vor ihnen, wichen ihren Blicken aus oder mussten teilweise sogar einen Hieb hinnehmen - niemand wehrte sich gegen die in Rüstung steckenden Elfen mit dem dunklen Teint. Diese lachten über das menschliche Verhalten, fühlten sich nur noch mehr angespornt, das Leben der Grandessaner schwerer zu machen.
Als Tahmo an zwei dieser dunklen Vertreter vorbei kam, warfen sie ihm stechend mörderische Blicke zu. "Was glotzt du so, kleiner Wächter?! Hau ab!", wurde er von einem der beiden angeblafft, welcher bereits drohend die Faust hob. Die Worte blieben ihm wohl unverständlich, aber die Geste war eindeutig. Besser, er mischte sich nicht in die Angelegenheiten dieser Leute ein. Die Frage war nur, wie er sich dann in seiner Tarnrolle als Wächter zu verhalten hatte. So marschierte er mehr schlecht als recht seine Patrouille, vielleicht auch um sich einen besseren Überblick zu machen. Irgendwo hier mussten Lua und Ikarus untergekommen sein. Den Worten des Hauptmannes nach zu urteilen, würde man die beiden erst einmal versorgen, ehe auch sie ihren Weg in die Zellen fanden.

Irgendwann, nachdem der Blondschopf immer noch keinem Ergebnis gekommen war, blieb er stehen. Es hatte keinen Sinn, ziellos in der Stadt umher zu irren. So kam er nicht weiter. Er musste sich einen Plan aufbauen und handeln. Aber was sollte er genau tun? Tahmo war in Grandea genauso verloren wie ein Troll unter Zwergen. Schlimmer noch, denn der Troll konnte im Zweifelsfall eine große Keule zur Hand nehmen und sich einen rettenden Weg aus dem Chaos kleiner Männer und Frauen bahnen. Tahmo würde das nicht so einfach gelingen. Vielleicht fand er eine Möglichkeit zur Flucht, aber das bedeutete dann auch, dass er seine Freunde allesamt würde im Stich lassen müssen.
Während Tahmo noch grübelte, wie er es als nächstes anging und ob die Suche nach einem Marktplatz möglicherweise die rettende Lösung brachte, trat genau das ein, was er sich insgeheim erhoffte. Ob der schmutzige Junge, dessen flinke Finger sich in Tahmos Wams verirrt hatten, wirklich die Lösung seiner Probleme darstellte, blieb noch ungewiss. Dass er ihm aber geradezu ins Auge sprang, nicht. Denn er Bengel hatte versucht, etwas von diesem größeren, blonden Wachmann zu stibitzen und sich dann schleunigst aus dem Staub zu machen. Unglücklicherweise blieb die kleine Kinderhand an Tahmos Wächtergürtel hängen. Das Lederbändchen, an dem zwei Holzperlen aufgeschnürt worden waren, hatte sich verfangen. Das Kind zerrte daran, jedoch nicht fest genug, dass das Kettchen hätte reißen können. Offensichtlich wollte der kleinere Junge es vermeiden und vergaß dabei, dass nun durchaus seine Freiheit in Gefahr sein könnte - wenn Tahmo ein richtiger Stadtwächter gewesen wäre.
"Lauf! Nickel! Jetzt lass den Blödsinn, der haut dich noch!" Ein Mädchen - so konnte man es vermuten - mit wild zerzaustem Haar und einer dicken Schmutzschicht im Gesicht lugte aus einer Seitengasse heraus. Sie trug wie der Junge selbst nur Lumpen am Körper und beide besaßen sie keine Schuhe. Die Beine waren bis zu den Knien hoch mit getrocknetem Schlamm bedeckt. Das Mädchen winkte heftig, versuchte, den Knaben zu sich zu locken, aber dieser kämpfte noch immer eifrig darum, sein Armband von Tahmos Gürtel zu lösen.
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Dienstag 3. April 2012, 22:23

Dunkelelfen! Tahmo hätte kein Problem mit irgendwelchen abscheulichen Bestien gehabt, deren Erscheinungsbild auf das Konto eines bei der Schöpfung betrunkenen Gottes mit Würfel ging und es einem bei ihrem blosen Anblick schon drei Tage im vorraus schlecht wurde...
Aber Dunkelelfen? Mussten es unbedingt Dunkelelfen sein die hier und dort an den Mauern lehnten?
Tahmos Patrouille entwickelte sich zu einem Slalom, wobei er von der einen Gassenseite zur anderen wechselte um den finsteren Gestallten gekonnt aus zu weichen. Er hatte bisher nur schlechte Erfahrungen mit Dunkelelfen und war gewillt auch keine guten Sammeln zu wollen, sondern jeglichen Kontakt einfach gleich zu vermeiden.

Tahmo tauchte in den Schatten einer kleinen Seitengasse. Diese gab sich natürlich Mühe äußerst einladend zu wirken, immerhin hatte sie nicht oft Gesellschaft und wenn dann waren es nur krumme Gestallten die eine ordentliche Seitengasse nur für ihre noch krummeren Geschäfte zu nutzen wussten. Also spendete sie Tahmo erst recht viel Schatten und freute sich still über dessen Anwesenheit während dieser mit heftigen Grübeln beschäftigt war.
So kam es das er sich nicht mehr um seine nähere Umgebung scherte und plötzlich etwas energisch an seinem (geliehenen) Wachgürtel zog.
"Lauf! Nickel! Jetzt lass den Blödsinn, der haut dich noch!"
Tahmo fuhr erschrocken zusammen, wirbelte herum und rechnete mit dem schlimmsten!
Es war immer gut mit dem schlimmsten zu rechnen, so konnte man zumindest nur noch positiv überrascht werden.
Blinzelnd guckte er in zwei panisch wirkende Augen, die in einem panisch wirkenden Gesicht eines panisch wirkenden Kopfes auf einem panisch wirkenden Körper saßen sowie zu einem Mädchen das, weniger panisch, an der nächsten Ecke stand und hastig (aber nicht panisch) dem jüngeren zuwinkte.
Puh... kein Dunkelelf... war Tahmos erster Gedanke, Aber hey... will der meinen Gürtel klauen? War sein zweiter Gedanke und, moment... das ist nicht mein Gürtel, also kann es mir egal sein.... obwohl... sein dritter Gedanke.
„Ey... ganz ruhig'" Tahmo griff nach dem Handgelenk des Jungen, löste mit der anderen Hand die Kette und lies dessen Handgelenk wieder frei.
„ Ich tu' euch nix, ja? Aber...hm... ihr könnt'ma ' helfn'... Kennt'er euch hier aus? Ihr versteht mich doch oda'?“
Tahmo war dabei alles auf eine Karte zu setzen. Er wollte einen Ausweg, eine Lösung und hier stand diese scheinbar nun. Wie frisch bestellt! Und sofern diese beiden Kinder keine verkleideten Dunkelelfen waren – Tahmo traute diesen Gestalten einiges zu! - dann konnten sie ihm sicherlich helfen!

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Montag 9. April 2012, 10:02

Als Tahmo das Handgelenk des kleineren Jungen umschloss, hielt dieser endlich in seinem Vorhaben inne. Ein paar dunkler Augen, fast schwarz, starrte zu ihm auf, so dass der Blondschopf die Reflektion seines eigenen Gesichts in den großen fast schwarzen Perlen erkennen konnte. Der Junge - Nickel, wenn man dem Ruf des Mädchens Glauben schenkte - bewegte sich immer langsamer, bis er fast wie erstarrt wirkte. Er schluckte nur einmal, aber blinzelte in keiner Sekunde. Es war unangenehm, so angestarrt zu werden. Man wünschte, dass der Augenkontakt brach oder dass der Bengel wenigstens endlich blinzelte, aber nein. Er war zu einer kleinen Statue mit viel zu großen Augen geworden, die nun fest auf Tahmo fixiert waren. Ob Nickel seine Worte überhaupt hörte, geschweige denn aufnahm, war nicht zu ergründen. Er regte sich nicht, als der mutmaßliche Wächter das Armband von seinem Gürtel löste. Doch noch ehe die Handlung vollkommen durchgeführt war, hatte sich das vor Schmutz starrende Mädchen ein Herz gefasst und die Gasse verlassen. Es kam auf die beiden zugestürmt - ohne Schrei, ohne jeglichen Hinweis auf ihr Erscheinen. Erst als sie bei Nickel ankam, ihn ihrerseits am anderen Handgelenk packte und daran zog, wurde man ihrer gewahr. Ein weiteres Augenpaar blickte nun zu Tahmo hinauf. Es war noch schwärzer als das erste, stierte unter den wilden rotbraunen Zotteln ihrer Haare hervor, blickte Tahmo geradezu böse an. "Tu ihm was und ich ..." Sie führte nicht weiter aus, was geschah, wenn Tahmo dem Kleineren auch nur ein Haar krümmte. Sie spuckte dem "bösen Wächter" entgegen, dann folgte ein heftiger Tritt, der das Schienbein treffen sollte.
Nickel starrte das Mädchen an, keuchte und riss an seiner Hand, die Tahmo gehalten hatte. Beide wollten schon wieder fliehen.
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Dienstag 10. April 2012, 21:35

Ein Fuß der es wohl gewohnt war besonders hart gegen Schienbeine zu treten, traf gut gezielt Tahmos Schienbein welches deutlich weniger gewohnt war hart getroffen zu werden.
„Auouh...!“ Reflexartig griff Tahmo mit beiden Händen an sein Schienbein um es zu reiben. Irgendjemand spuckte ihm dabei auf den Kopf. „....He!...au....wartet'ma!“
Hastig blickte er zu den beiden Kindern, sah aber lediglich nur noch einen Zipfel ihrer dreckigen Straßenkleidung um die nächste Gossenecke huschen. Mit dem Gedanken daran das sein Schicksal wohl gerade ordentlich am würfeln war, rappelte er sich in die Höhe und eilte den Beiden nach.

Zum Glück war Tahmo recht flink auf seinen beiden Beinen und auch an Ausdauer mangelte es ihm nicht, dennoch forderte seine Rekrutenrüstung ihren Tribut. Nach ein paar weiteren Seitengassen und schnellen Richtungswechseln, wobei er nie wirklich näher kam als das er mehr als einen Kleidungszipfel um die Ecke huschen sah, erreichte er eine Sackgasse.
Tahmo blieb schnaufend stehen, seine Lunge brannte und die Schultern schmerzten vom Kettenhemd. Er drehte sich langsam um die eigene Achse, lies seinen Blick in alle Richtungen schweifen und starrte auf vier Gebäude deren Wände sich in den Himmel erstreckten und deren Fenster man zum Teil mit dicken, morschen Brettern zugenagelt hatte. Der Boden bestand aus Pflastersteinen oder... zumindest sollte er aus welchen bestehen denn die meisten waren herausgelöst worden und lagen nun verstreut herum. Zusätzlich standen allerlei Gerümpel, Kisten und Fäßer auf dem kleinen Hinterhof und hinter Tahmo erstreckte sich die kleine Seitengasse die ihn hierher ausgespuckt hatte.
Tahmo machte eine Pause vom nach Luft ringen und gönnte sich einen leicht genervten Seufzer.
Und was mache ich jetzt? Scheinbar habe ich sie aus den Augen verloren … oder.... verstecken die sich hier irgendwo? Hmmm.... ich sollte einmal diese Verkleidung ablegen.
Tahmo machte einen Buckel, krümmte und verrenkte sich wie eine Katze die gerade einen Fellball hervor würgt, blieb mit seinen Zottelhaaren mehrmals in den Gliedern des Kettenhemdes hängen bis das gute – geliehene – Stück endlich rasselnd zusammen mit dem Wappenrock vor ihm auf den Boden plumpste. Genauso verfuhr er mit dem Helm und dem Schwertgurt. Letztendlich stand er nur noch in seiner Hose sowie seinem Seidenhemd und dem Rucksack in der Hand in dem kleinen Hinterhof und wirkte nur noch genauso bedrohlich wie ein Tiger der sich in einen Blumentopf verwandelt hatte.
„He... kommt raus... ich tu euch echt nix, bin nichma' 'ne richtige Wache.....“
Tahmo wartete... lauschte...

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Freitag 13. April 2012, 20:42

Das Mädchen und der Junge warteten nicht. Kaum dass Nickel sein Armband von Tahmos Gürtel befreit hatte, hechteten beide davon. Das Mädchen packte dabei das Handgelenk des kleinen Bengels und zerrte ihn mehr hinter sich her, als dass er ihr mit flinken Füßen folgte. Trotzdem waren sie schnell, das musste man ihnen lassen. Sie stürzten auf eine andere Gasse zu, stießen dabei einen vorbei kommenden Bürger so energisch, dass dieser beinahe in den Dreck fiel und schon waren sie außer Sichtweite. "He, was soll das?! Namenloses Pack, schlimmer als die dunkle Pest, die uns alle befallen hat." Mit der Pest meinte der arme Mann natürlich nicht die Krankheit. Das bemerkten auch zwei Dunkelelfen, die das Schauspiel von einem Platz an einer Hauswand aus beobachtet hatten. Sie drückte sich von den getürmten Steinen ab und schlenderten scheinbar gelassen zu dem Bürger herüber. Der Mann weitete vor Schreck die Augen, als er erkennen musste, dass diese zwei Vertreter des dunklen Volkes ihn trotz seiner Nutzung der garmischen Sprache verstanden hatten. Sie sagten nichts zu ihm, schauten ihn nur an. Das mörderische Funkeln in ihren Augen sprach für sich selbst. Sie packten den armen Tropf an den Schultern, zogen ihn zwischen sich und suchten sich nun ihrerseits eine Gasse. "S-soldat!", rief der Mann in wachsender Verzweiflung. Der Ruf galt Tahmo. "Soldat, bitte! So helft mir doch!" Schon verschwand auch er aus dem Sichtfeld des Blondschopfes, allerdings in eine andere enge Straße als jene, in die die beiden Kinder gelaufen waren.
Tahmo eilte allerdings den Kindern nach. Er war kein Soldat, auch kein Stadtwächter. Das war doch alles nur Tarnung. Wahrscheinlich hätte er sich gegen die beiden Dunkelelfen nicht zur Wehr setzen können. Die Kinder aber mochten sich vielleicht als nützliche Hilfe entpuppen.
"Du könntest den Mann retten, Windkind.
Du weißt wie.
Tahmo.
Nimm die Gabe meiner Macht an.
Sie wird dir zu mehr als Ruhm verhelfen!
Was ist schon Ruhm, wenn dir Celcia zu Füßen liegen könnte!
Windkind ... Tahmo ..."
Das Laufen half. Wenn er rannte und nicht über die säuselnden Worte der Windsbraut nachdachte, ging es, ihnen weitestgehend zu entkommen. Vorerst. Wie lange er diese Barriere noch würde aufrecht halten können, blieb ungewiss. Die Zeit lief ihm davon, nur das war gewiss. Er musste diesen Dämon loswerden. Er musste Lua und Ikarus finden, sie vor den Grandessanern retten. Er musste an Nachtwind und Faro heran kommen und um das alles zu erreichen, musste er sich wohl mit den Straßenkindern einlassen. Wenn er sie nur einholen würde! Er bekam immer nur ein Bein oder eine Ecke der Lumpen zu Gesicht, die in der nächsten Straße verschwanden. Die Distanz schien zuzunehmen. Dann aber erreichte er eine Gasse, die an einer von Gerümpel zugemüllten Mauer endete.
Kinder, die ihr Leben in den Straßen einer Stadt verbrachten, kannten üblicherweise jeden Winkel und jede noch so verdreckte Gasse, waren es doch oftmals ihre Schlafstätten für die Nacht. Sie rannten nicht einfach blindlings in eine Sackgasse hinein, aus der es kein Entkommen gab. Was also bezweckten sie damit, in diese hier gelaufen zu sein? Gab es einen Geheimgang, ein unauffindbares Versteck oder hatten sie Tahmo an der Nase herum geführt und waren doch noch entkommen? Er konnte sie nirgends sehen. Es war still in der Gasse. So still, wie man es in einer Stadt wie Grandea erwarten konnte. Keine auffälligen Geräusche, nicht mal eine Katze trieb sich hier herum.

Der Blondschopf entschied, die Tarnung endlich abzulegen. Notfalls ging er vielleicht auch als ein Straßenbursche durch, wenn man ihm überhaupt genug Aufmerksamkeit schenkte. Noch schien kein Wächter seine Abwesenheit bemerkt zu haben. Früher oder später würde man ihn allerdings suchen und bis dahin musste er sich mit seinen Freunden aus dem Staub gemacht haben. Die Chancen standen nämlich nicht schlecht, dass man ihn immer noch einsperren wollen würde, warum auch immer. Grandea empfing Fremde nicht gerade freundlich. Das galt sowohl für die Armee als auch für Gossenkinder. Wo mochten sie stecken? Tahmo versuchte es mit beruhigenden Worten. Es wirkte. Das Mädchen lugte hinter einem Stapel Kisten hervor. Von dem Jungen - Nickel - war keine Spur zu sehen. Umso finsterer blickte die Göre drein. Sie stemmte die Ärmchen in die schmalen Hüften. "Dann hast du die Sachen gestohlen. Dieb! Die sollen dich verhaften und uns in Ruhe lassen. Nickel hat nichts geklaut, er hat's nämlich vermasselt, die hohle Nuss!"
"Bin keine Nuss", kam es aus einem Holzkasten, in den ein Bursche seines Alters idealerweise hinein passte. Sofort erhielt Nickel einen Tadel. "Seit still, sonst sperrt man dich noch ein! Willst du hinter Gitter, Nickel? Willst du das, hä?!" Für einen Moment war das Mädchen abgelenkt.
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Mittwoch 18. April 2012, 20:30

Für die Windsbraut hatte Tahmo gerade gar keine Zeit gehabt. Er musste den Kindern hinterher jagen.... Zudem wäre Tahmo nicht Tahmo wenn er sich freiwillig den Nachtelfen näherte – diese Sache mit dem Eselskopf hatte er noch gut in Erinnerung – und die Sprache des Mannes verstand er sowieso nicht. Drei gute Gründe also um weiter zu rennen und die gruseligen Einflüsterungen der Windsbraut waren der vierte Grund. Inzwischen fing er sogar leise zu summen an, wenn der Winddämon meinte er musste wieder seinen Senf hinzu geben.... vielleicht war sie von seinem etwas schrägen gesumme irgendwann so genervt das sie freiwillig ging... am besten ehe er auch noch gezwungen war laut zu singen.


Aber nun stand er hier, in dem kleinen Innenhof irgendwo im Gassenlabyrinth Grandessas und drehte sich mit suchendem Blick langsam um die eigene Achse...
Was mache ich hier eigentlich? Die sind wahrscheinlich irgendwo anders entlang gelaufen... vielleicht sollte ich...
"Dann hast du die Sachen gestohlen. Dieb! Die sollen dich verhaften und uns in Ruhe lassen. Nickel hat nichts geklaut, er hat's nämlich vermasselt, die hohle Nuss!"
Tönte es urplötzlich hinter seinem Rücken. Tahmo zuckte kurz zusammen und wirbelte förmlich herum... Direkt, zwei Schritte entfernt stand das Mädchen. Die Fäuste in die Seiten gestemmt und einen kessen Blick aufgesetzt "Bin keine Nuss" erklang es dumpf neben ihr aus einer Kiste heraus. Tahmo atmete auf, er hatte die Beiden doch nicht verlohren.
„Najah... gestohl'n nich' so ganz. Eher nur ausgelieh'n...“ Er kratzte sich am Hinterkopf, jetzt durfte er es wirklich nicht vermasseln. „Hört'ma...“ Tahmo ging in die Hocke um mit den Beiden auf einer Höhe zu sein, „... meine Freunde un' ich wir wurd'n von den Soldat'n hier gefangn' genomm'n un' eingesperrt... Ich konnt' entkomm'n aber meine Freunde sin' immer noch irgn'woanders eingesperrt un' vor all'm sind'se verletzt. Ich muss' die also unbeding' befrein'.“ Er machte eine kurze Pause, guckte abwechselnd in die dreckigen Gesichter der Beiden.
„Ihr... kennt euch doch sicher hier aus, mh? Ich nämlich' nich' un'... da dacht' ich mir ihr... könnt'ma helfn'... „

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 26. April 2012, 23:07

Die Windsbraut zog sich offenbar vorerst in die Tiefen von Tahmos Körper zurück. Jedenfalls gab sie Ruhe und das half, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Der junge Mann konnte weiter die Verfolgungsjagd der beiden Kinder aufnehmen. Als er schon glaubte, sie aus den Augen verloren zu haben, tauchte zumindest das Mädchen wieder in seinem Blickfeld auf. Es stellte sich diesem fremden Stadtwächter und wäre wohl endgültig bereit gewesen anzugreifen. Nur den Jungen - Nickel - hielt es versteckt. Dummerweise konnte dieser seinen Mund nicht halten und so waren die Verstecke beider von ihnen selbst zunichte gemacht worden. Jetzt half nichts mehr, sie mussten sich dem Feind stellen und nach allen Regeln der Kunst Widerstand leisten. Das Mädchen bewegte bereits die Finger an ihren Hüften, als wolle sie schon testen, wie sie Tahmos Gesicht gleich zerkratzen würde. Und auch Tahmos Aussage, die Wächterkleidung nur geliehen zu haben, überzeugte das Mädchen nicht, ihre feindliche Haltung abzulegen. Sie tötete Tahmo mit Blicken und ihre Atmung warnte ihn davor, ja keinen Fehler zu machen. Sie war zu allem bereit, würde ihm die Augen auskratzen und tiefe Bissspuren auf seinem Körper hinterlassen, wenn es sein musste. Er bekäme sie nicht ohne einen heftigen Kampf.
Doch Tahmo versuchte es weiterhin diplomatisch. Nickel spähte aus seinem Kartonversteck hervor. Er guckte neugierig, doch das Mädchen war die Anführerin ihres kleinen Duos. "Keinen Schritt weiter", feixte sie, aber Tahmo ging nur in die Hocke. Schnel schaute sie sich nach der Begebenheit der Gasse um. Gab es hier Steinchen oder Dreck, den man ihm ins Gesicht treten konnte?
"Seine Freunde sind Gefangene, Margret! Dann liefert er uns vielleicht nicht aus."
"Das macht er auch so nicht, weil ich ihn sonst verhaue", erwiderte das Mädchen, dessen Name Tahmo nun auch endlich bekannt war. Margret, ein wildes, schmutziges Kind, dem man durchaus zutraute, dass sie weitaus größere und kräftigere Männer verdrosch als sie es Tahmo androhte. Nickel jedoch fasste so langsam Vertrauen zu dem Fremden, der auch gar nicht so grandessanisch aussah. Er kam aus seinem Versteck, starrte Tahmo ungeniert an, während er die Nase hochzog. "Wenn sie verletzt sind", meinte Nickel, "dann wurden sie bestimmt zur Heilerin Anunde oder dem Apothekarius Blassmer gebracht. Im Außenring gibt's da nämlich nicht viele Möglichkeiten."
"Ja wunderbar, Nickel! Hilf dem Feind noch! Großartig!" Margret packte den Jungen am Handgelenk. "Machen wir uns aus dem Staub. Ich hab genug. Komm schon!"
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Sonntag 6. Mai 2012, 23:51

Eine Heilerin namens Amunde oder ein Apothekarius namens Blassmer und beide befanden sich scheinbar im inneren Ring der Stadt. Tahmo blickte den beiden Kindern nach welche schon wieder in der nächsten Gasse verschwanden: Es mangelte ihm deutlich an Interesse ihnen erneut hinterher zu jagen, nun hatte er ja schon ein paar Informationen mit denen sich etwas anfangen lies.
Er atmete durch und setzte sich auf eine der Kisten welche dem Jungen gerade noch als Versteck gedient hatte um die gesamte Situation einmal genau zu rekapitulieren.

Er hatte zwei Namen, wusste das die Stadt sich in mindestens zwei Ringe teilten und sich die Personen zu denen die beiden Namen gehörten im nächsten Ring befanden. Er wurde von den Wachen gesucht und den Dunkelelfen würde er schon aus Prinzip fern bleiben. Auf Magie oder die Macht des Dämons wollte er beim Willen der Götter nicht zugreifen, eher stürzte er sich von einer hohen Brücke... von denen es hier hoffentlich keine gab.
Tahmo seufzte, er musste also das tun was am nahe liegendsten war. Er erhob sich von seiner Kiste, schulterte den einriemigen Rucksack und schlenderte wieder zurück in das Labyrinth aus Gassen. Erst einmal musste er wieder auf einen Platz oder einer Straße kommen und der Rest... würde sich bei seinem launenhaften Schicksal dann schon ergeben. Früher oder später würde er auf Leute treffen.Zumindest wollte Tahmo sich nicht ewig hier in diesem kleinen Hinterhof verstecken. Zumal jemand der sich versteckte auch das Risiko einging entdeckt zu werden, also ging er lieber los und versuchte sein Glück. Sicherlich hatten einige Dunkelelfen und Wachen dagegen etwas einzuwenden, aber seiner bisherigen Erfahrung nach gab es nur wenige Probleme die sich mit einem kurzen Sprint und einigen wendigen Haken nicht abhängen liesen.

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Samstag 12. Mai 2012, 09:42

Margret verschwand mit Nickel an der Hand in der nächstbesten Gasse. Nun waren sie fort, aber die beiden Straßenkinder hatten Tahmo nicht vollkommen allein zurück gelassen. Er besaß nun Informationen. Lua und Ikarus mussten sich demnach entweder bei einer Frau namens Amunde befinden oder bei einem Apothekarius, der sich Blassmer nannte. Blieb lediglich die Frage offen, wo einer der beiden zu finden wäre. Tahmo vermutete im Innenring, hatte dabei den Jungen allerdings vollkommen falsch verstanden. In Grandeas noblem Innenring wimmelte es nämlich nur so vor angesehenen Doktoranden, Medici, Heilerin und weiteren Kräutermischern. Der Außenring beherbergte Amunde und Blassmer, die man als zwei der wenigen Ausnahmen bezeichnen konnte, was medizinische Kompetenz anging. Es gab natürlich weitere Heiler und Ärzte im Außenring, diese waren jedoch in den meisten Fällen nichts als Quacksalber. Und dass man mutmaßliche Feinde und künftige Gefangene der Stadt nicht in den adligen Innenring schickte, um sie zu behandeln, war ein logischer Schluss. Sie konnten froh sein, wenn man sie nicht krepieren ließ. Doch wie sollte Tahmo das jetzt alles heraus finden? Er besaß nur zwei Namen, obgleich dieses Wissen wesentlich mehr war als noch vor wenigen Momenten.

Tahmo setzte sich erst einmal auf eine der Kisten, um nachzudenken. Er sammelte sich, machte sich die Situation bewusst, in der er steckte. Seine Tarnung hatte er aufgegeben, trug nun nicht länger die Wächterkleidung, die er sich stibitzt hatte. Jedenfalls zu einem Großteil nicht, denn nackt konnte er auch nicht durch die Straßen laufen. Das Zeug lag allerdings noch nahe bei ihm auf dem Boden. Er könnte sich also jederzeit wieder verkleiden. Die Frage blieb, wie lange er dieses Katz und Maus Spiel aufrecht erhalten könnte. Früher oder später würde die grandessanische Stadtwache nach ihm suchen, denn irgendwann würden sie den Burschen in der Zelle als einen der ihren erkennen. Wenn dieser nicht schon vorher auf sich aufmerksam machte. Zwar hatte Tahmo ihn geknebelt, aber trotzdem könnte er ungehalten Laute ausstoßen oder wütend gegen die Gitterstäbe treten, bis man sich ihm näherte, um zu sehen, warum er so ungehalten wäre.
Allzu viel Zeit blieb dem Blondschopf also nicht, seine Freunde zu finden. Genug Grund für etwas in seinem Inneren, wieder die Stimme zu erheben.
"Tahmo. Windkind.
Du wirst sie nicht finden.
Du wirst versagen.
Man wird dich finden, dich töten.
Ich biete dir meine Hilfe an. Du musst sie nur annehmen.
Nimm mein Geschenk an.
Tahmo.
Windkind."
Ob die Worte bei Tahmo Gehört fanden oder nicht, er machte sich erst einmal wieder auf den Weg. Wenn er in der Gasse sitzen bliebe, half das weder ihm noch seinen Freunden weiter. So schlenderte er wiederholt durch die Stadt. Dunkelelfen mied er, so wie er es sich vorgenommen hatte. Das war natürlich nicht allzu einfach. Sie schienen überall. Zwar bewegten sie sich nicht in großen Gruppen, waren aber so gegenwärtig wie Andunier in Pelgar oder umgekehrt. Sie waren zu einem Großteil innerhalb der Stadtmauern vertreten, sogar hier im Außenring. Dort schikanierten sie die ohnehin unter ärmlichen Verhältnissen lebenden Menschen, die sie als weniger denn minderwertig ansahen. In ihrer eigenen Sprache beschimpften sie diese, bewarfen sie mit Abfällen oder zerrten sie aus dem Dreck, um ihre perversen Bedürfnisse an ihnen auszulassen. Wahrlich, Grandea war kein Ort, an dem man sich gern aufhielt.
Leute, die man treffen konnte, gab es hier allerdings genug. Tahmo musste es nur wagen, jemanden anzusprechen. Da hockten Bettler am Wegesrand in ihrem eigenen Unrat. Eine zahnlose Frau lehnte an einer Mauer, das plärrende Kind - nicht älter als ein paar Monate - auf dem Arm und der Bauch wölbte sich bereits wieder. Da bot ein Mann Hütchen- und Würfelspiele an einem Stand an, der nichts Anderes war als eine klapprige Kiste. Die ersten fielen bereits auf ihn herein, verloren ihr letztes Geld und schon schimpfte jemand: "Betrüger! Dieser Mann betreibt Falschspiel. Wache, Wache!"
Andernorts versuchte ein Bauer, seine Waren an den Mann zu bringen. Sie waren nicht einmal schlecht oder verdorben, doch genau darin bestand für diesen einfachen Mann das Problem. Er konnte so kostbare Waren niemandem verkaufen, der nichts besaß. Die Bürger des Außenrings nagten am Hungertuch, konnten sich einfaches Brot oder Gemüse nur sehr selten leisten. So blieb der Bauer, der offensichtlich von außerhalb kam, auf seiner Ware sitzen. Es herrschte eine belebte, aber trostlose Stimmung und nirgends eine Spur von Lua, Ikarus oder den Besitzern der genannten Namen. Wenn Tahmo jedoch Garmisch hätte lesen können, wäre ihm vielleicht das Apotheker-Schild über einer der Türen eines Fachwerkhauses aufgefallen. Dort stand in abblätternden Lettern: Blassmers Apothekenstube. Vielleicht wurde er des Ladens aber noch aufmerksam, wenn er die Kräutermittel und Flaschen im halb verdreckten Schaufenster entdeckte.
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Montag 14. Mai 2012, 21:18

Irgendwie schaffte es Tahmo in einen besonders Mitleid erregenden Teil von Grandea zu gelangen. Ein Teil den man ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr betreten sollte, sofern man nicht darauf stand einen schweren Gegenstand über den Schädel gezogen und anschliesend einer äußerst intimen – intim in erster Linie für die eigene Geldbörse – Leibesvisitation unterzogen zu werden.
Straßen in einem für Tahmo verständlichen Sinn schien es hier jedenfalls keine mehr zu geben. Kleine Gassen führten zu weiteren, noch kleineren Gässchen, die wegen den unzähligen Verkaufsständen und Buden erneut einiges an Breite und Platz einbußten. Tiere waren genauso wie Obdachlose eine unentbehrliche Komponente dieser Gässchen. Wohin Tahmo auch Blickte, er sah Hühner in Käfigen, Enten in Säcken und seltsame sich hin und her windende Geschöpfe am Boden, welche sich erst bei Näherem hinsehen als die wohl ärmste aller Bevölkerungsschichten von Grandea entpuppten. Es lies sich teilweise kaum feststellen wo die Stände endeten und wo die Gebäude anfingen. Die über seinem Kopf an langen Leinen hängenden 'Dinge' konnten entweder Handelswahren, zum trocknen aufgehängte Wäsche oder das Essen für die nächsten Tage sein.
Diese Bewohner von Grandea hielten sich wohl zudem sehr gerne im freien auf. Alles deutete daraufhin das sie – Tahmo musterte schielend eine alte, zahnlückige Frau mit Kind an einer Hausecke – den größten Teil ihres Lebens auf der Straße verbrachten.

Gerade noch bemerkte er zwei Dunkelelfen ein paar Stände – oder Gebäude? - weiter vorne. Sie waren noch mit einem anderen bemitleidenswerten Bewohner beschäftigt weshalb Tahmo sofort in eine andere Gasse zurück wich. Diese Gasse war nicht annähernd so vollgestopft und ihr vermeintliches Ende stellte finstere Leere in Aussicht.

Und dann sah er es. Ein kleiner Laden mit allerlei Kräutern und sonderbar befüllten Einmachgläsern im dreckigen Schaufenster. Niemand hat jemals den Grund gewusst weshalb Alchemisten, Heiler oder Magier mit fast schon zwanghafter Vorliebe derartige – meist vollkommen nutzlose - Dinge in ihre Schaufenster oder Kammern platzierten. Aber wahrscheinlich lag es daran das man somit immer sofort erkennen konnte mit welcher Berufsgruppe man hinter solchen Schaufenster zu rechnen hatte. Außer man hatte Pech und traf dann auf einen übergeschnappten Psychopathen der einen zum Abendessen einlud, mit einem selbst als Hauptgang. Momentan war Tahmo jedoch bereit solch ein Risiko einzugehen, es erschien ihm deutlich sonniger als sich den Dunkelelfen zu nähern deren Tagwerk darin bestand die Leute zu schikanieren.
Seine Stiefel rutschten über das Kopfsteinpflaster, doch Tahmo hatte bereits auf eine recht hohe Geschwindigkeit beschleunigt als er die Tür des Ladens, unbemerkt von den Dunkelelfen, erreichte. Sie bestand aus Holz und gab bereitwillig nach, nur um sofort hinter Tahmo wieder zugedrückt zu werden. Tahmo lehnte sich schnaufend mit dem Rücken an das Holz, seine Augen brauchten ein wenig um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Wobei seine Nase nur wenige Sekunden gebraucht hatte um sofort freiwillig sämtliche Geruchsfunktionen einzustellen. Er roch den Laden (Das Ganze war eine Mischung aus Kräuterwiese, alter Gruft und mit Rosenkohl gestopften Socken), ehe er ihn sah und was er dann sah... wollte er nicht sehen. Überall standen meterhohe Regale mit lebendigem, toten und wieder lebendig gewordenem. An der Decke hing ein ausgestopftes Krokodil. Tahmo überlegte kurz weshalb er noch einmal den Laden betreten hatte, Achja... ich wollte den Dunkelelfen ausweichen... und wenn ich Glück habe gehört dieser Laden einem Heiler...
Natürlich wusste Tahmo das er eher einen Strohalm in einem Nadelhaufen finden konnte, als sofort den richtigen Heiler zu finden welcher Lua und Ikarus versorgte. Aber vielleicht konnte ihm der Inhaber des Ladens weiter helfen... zumindest ein Versuch war es wert.
Tahmo ging ein paar Schritte in den Landen hinein, jederzeit bereit einen unglaublich flinken Sprint nach draußen hin zu legen, sollten sich Anzeichen dafür ergeben das ihn der Inhaber zu seiner Sammlung hinzu fügen wollte.
„Ha-Hallo....?“ Tahmo schluckte, seine Worte verschwanden in der staubigen Luft. Bisher hatte sich noch kein Inhaber zu erkennen gegeben....

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 17. Mai 2012, 15:51

Hätte Tahmo gewusst, dass sich der besonders Mitleid erregende Stadtteil beinahe über den gesamten Außenring Grandeas zog, hätte er es wohl tunlichst versucht, in den Innenring zu gelangen. Denn wo der Adel sich hinter einer hohen Mauer verbarg, Feste feierte und sich der Völlerei hingab, da versperrte ihm besagte Mauer den kaum erträglichen Anblick auf ein Leben weit unterhalb der Armutsgrenze. Jenes Leben bekam Tahmo jetzt in vollen Zügen geboten und nur ein Herzloser oder ein Dämon aus dem Harax hätte bei den Bildern, die sich ihm präsentierten, den Kopf ohne jede Gefühlsregung abgewandt, um seiner Wege zu gehen. Auch wenn Tahmo nicht eingriff, diese Bilder würden eine Weile im Gedächtnis haften bleiben, so präsent waren sie. Sie berührten das Herz, riefen ein beklemmendes Gefühl oder ein Stechen hervor. Jeder, den es mitnahm, reagierte wohl etwas anders darauf. Aber wie konnte man so vielen Menschen auf einem Haufen schon helfen? Das Problem war, wenn man einem unter die Arme griff, erhofften sich alle anderen ebenfalls Gnade, denn sie wollten gleich behandelt werden, wenn sie schon gleiches Elend erlebten. So viel Gnade konnte eine einzelne, selbst nicht gerade mit Reichtum oder Einfluss gesegnete Person, nicht geben. Auch die Mittel von kleinen Helden waren begrenzt und jeder hatte letztendlich seine eigenen Probleme. Tahmos waren es noch immer, seine Freunde zu finden. Wo steckten Lua Chii und der Hymlianer Ikarus? Wohin hatte man Nachtwind, Faro und den Pegasus gebracht, der sicherlich das interessanteste Tier und den Dreien war?
Tahmo hatte so viele Informationen erhalten, dass man zumindest seine menschlichen Gefährten - weil sie verletzt waren - zu einem Heiler oder Heilkundigen gebracht haben musste und davon gab es im Außenring nur zwei, die etwas taugten. Sie suchte der Blondschopf jetzt, aber alles, was ihm zu begegnen schien, waren Kummer und Elend.
Da hob sich der kleine Laden mit seinem von Kräutern und Gläsern voll gestellten Schaufenster ab wie ein Troll unter Zwergen. Für Tahmo erwies sich das Geschäft als Rettungsanker, zum einen vor dem im Außenring herrschenden Trauer- und Schreckensbild, zum anderen vor den in der Nähe befindlichen Dunkelelfen. Diese hatten ihn zum Glück nicht bemerkt, wohl aber jemand im Laden, als er eintrat. Denn die Tür schob sich an einem über dem Rahmen angebrachten Ladenglöckchen vorbei, das sofort hell zu klingeln begann. Nur kurz, aber es genügte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Bei Tahmo bimmelte sie sogar ein zweites Mal, denn er eilte sich, die Tür hinter sich zu schließen. Nicht, dass die Dunkelelfen nicht doch noch in seine Richtung blickten oder plötzlich irgendwelche Stadtwachen ihn als jenen Fremdling erkannten, der eigentlich in ihren Zellen brüten sollte.

Im Laden war es etwas dunkler als draußen auf den Straßen, so dass Tahmo einen Moment brauchte, um alles zu erkennen. Das Geschäft wirkte winzig, was es aber nicht einmal sein musste. Es war nur bis unter die Decke vollgestopft mit allem möglichen Plunder, den nur ein Nicht-Heilkundiger so bezeichnen würde. Für jeden Kräutersammler, Arzt oder Alchemisten war dies eine wertvolle Fundgrube, um Vorräte aufzustocken. Dazwischen türmten sich Skurrilitäten und wunderliche, zum Glück ausgestopfte Geschöpfe, die manch ein Celcianer in seinem ganzen Leben niemals zu Gesicht bekommen würde und somit für einen leibhaftigen Albtraum hielt. Von der Decke, beispielsweise, hing ein ausgenommenes und mit Holzwolle ausgestopftes Krokodil - ein Wesen, das man nur an den Stränden des westlichen Kapayu oder seltener auch mal an den Küsten der Insel Belfar antraf. Hier jedoch bildete es für viele eine schwingenlose Drachenbestie, die von irgendeinem Helden erschlagen und dem Geschäft gespendet worden war. Des Weiteren ließen sich abgetrennte Köpfe finden, die an ihren Haaren aufgehängt worden waren. Sie wirkten runzlig und waren klein wie eine Männerfaust. Gnomenköpfe schienen sie aber nicht zu sein, dafür war ihre Haut zu dunkel. In einer Ecke stand etwas, das weder mit Alchemie noch mit Kräutern zu tun hatte. Zwischen zwei bis an die Grenze vollgestopften Regalen befand sich ein riesiger Lehnstuhl aus blutrotem Holz, dessen oberes Ende sich vorwölbte und zu einem aufgerissenen Schlangenmaul formte. Die Zähne dieses Bestienkopfes waren nicht aus Holz. Sie wirkten so echt wie das fusselige Etwas, das auf der hölzernen Ladentheke hockte und Tahmo mit einem großen, roten Auge musterte. Oh, es hatte früher wohl zwei besessen, aber die eine Augenhöhle war leer und ein zu einer Narbe verwachsener Riss zog sich von einem der langen Ohren bis hinunter zum Maul des Wesens. Es handelte sich um einen schlohweißen Hasen, der dringend eine Bürste brauchte. Er blickte mit Neugier zu Tahmo herüber, den Kopf leicht geneigt, so dass das Licht einer Laterne an der Decke sich dämonisch darin spiegelte.
Dann tauchte jemand auf, der das Glökchen bereits gehört hatte, aber hinten im Lagerraum gewesen war. Irgendwie passte diese Gestalt nicht hierher und doch genau in das Geschäft hinein. Es handelte sich um einen Mann. Er maß annähernd zwei Meter, war aber so dürr wie eines der asugehungerten Kinder von Grandeas Straßen. Wo es seinem Zottelhasen an Haaren nicht mangelte, fehlten sie bei diesem Mann zur Gänze. Er besaß nicht einmal Augenbrauen, was seinen blanken Schädel noch bizarrer erscheinen ließ. Er trug eine Brille, deren pechschwarze Gläser in einem rostigen Gestell steckten. Sein Körper war in etwas gekleidet, das man als langen Mantel bezeichnen konnte. Für eine Robe besaß es eindeutig zu viele Knöpfe. Darunter schaute ein Paar schwarzer Stiefel hervor. Der Mantel selbst war eine fleckige Mischung aus Grau-, Braun- und Grüntönen, besaß große Taschen und aus einer lugten mehrere pflanzliche Halme, Stiele und Blätter. In der Hand hielt dieser seltsame Kauz eine Kräutersichel. "Kann ich Euch helfen?", fragte er in akzentfreiem Garmisch.
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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Tahmo » Montag 28. Mai 2012, 20:34

Kurz war sich Tahmo nicht ganz Sicher ob er nicht doch in den Fängen eines verrückten Ausweiders gelandet war. Schluckend blickte er nun also zu diesem dürren, hageren, hochgewachsenen Mann unbestimmten Alters hinter der Theke sowie zu seinem lebendigen Toupet mit dem roten Auge auf der Theke. Eine Schweißperle die sich scheinbar entschlossen hatte schnellstmöglich die Kurve zu kratzen, rann ihm eilig den Nacken hinab. Der Rest von Tahmos Körper wollte es der Schweißperle fast schon gleich tun, aber nun war er ja schon einmal in den Laden hinein gerumpelt und wenn man schon in einem Laden 'Hallo' rief musste man eben damit rechnen das der Besitzer auftauchte.... egal ob es sich dabei um einen Troll, ein fleischfressendes Monster oder eben... um solch eine Gestallt handelte.

Tahmo streckte die Brust raus, machte einen graden Rücken und entschloss sich dazu besonders mutig und geschmacklich ungenießbar auszusehen. So als wolle er dem Besitzer mitteilen das er im Fall des Falles einen äußerst wilden und schmerzvollen Kampf vor sich hatte.... wie dieser jedoch aussehen sollte war selbst Tahmo nicht klar.
„Erm... ich kenn' deine Sprache nich'... bin...von außerhalb. Ich such' 'nen Heiler, bist du einer?“
Tahmo wollte Vorsicht wallten lassen. Ja nicht zu viele Informationen preis geben.

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Re: Das Wachhaus des Außenrings

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 30. Mai 2012, 00:45

Da wir uns schon lange nicht mehr im Wachhaus befinden, geht es weiter beim Marktplatz -> Der seltsame Alchemist
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