Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Hier lebt das einfache Volk Grandeas. Händler, Bauern, Handwerker und ärmere Bettler und verruchtes Gesindel wohnen hier Tür an Tür.
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Roac
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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Dienstag 20. Januar 2015, 13:25

Roac wurde beiseite geschoben und machte so gezwungenermaßen den Weg frei. Die Tatsache, dass er es war, der den drei Männern ohne weiteres Einlass gebot fühlte sich falsch an, wie jedes Mal. Sein Instinkt riet ihm die Tür vor ihren vom Alkohol rot angelaufenen Nasen zuzuschlagen und den Riegel vorzuschieben, nur um sich die unliebsame Farce zu ersparen. Doch dafür war es bereits zu spät. Schon war die Luft von ihren Ausdünstungen erfüllt, auch wenn sie diesmal einen süßlichen Geruch mit sich trugen, den der Hehler nicht benennen konnte. Ohne eine Miene zu verziehen sah er zu wie Brun eine Spur der Verwüstung durch den Laden zog und seinen fetten Hintern endlich in den Lehnsessel pflanzte, wo er fürs erste keinen weiteren Schaden anrichten konnte. Natürlich war ihnen nichts heilig.
„Naaa endlisch!“
Der junge Hehler nickte knapp, ohne sich zu ihm umzudrehen.
"Ich... Ich war hinten im Lager, darum hat es etwas länger gedauert."
Insgeheim wunderte er sich, dass die drei Wachen mittlerweile auch in seinem Laden schon dazu übergegangen waren das gemeine Celcianisch zu sprechen. War die Angst vor dem dunklen Volk schon so groß? Oder war er nur der einzige, der sich so schwer an die neuen Regeln gewöhnte...?
Da griff Rudolf nach ihm und Roac machte sich schon auf die ersten Schläge bereit, doch diesmal schienen sie es nicht eilig zu haben. Der schlaksige Mann legte seine fleischige Pranke auf seine Schulter, einerseits um ihn festzuhalten, aber zu einem guten Teil auch um nicht vornüber zu kippen. Roac biss die Zähne zusammen als sein linkes Bein unter der schweren Last leicht knirschte. Doch er ließ sich nichts anmerken, gab sich keine Blöße. Er riskierte sogar einen kurzen Blick in Rudlofs Gesicht und was er sah bestätigte seine Vermutung. Selten kamen die Wachen vollkommen nüchtern zu ihm - heute waren sie jedoch sternhagelvoll. Vielleicht... mit etwas Glück, konnte er sich heute aus der Affäre ziehen wenn er nichts falsch machte.
„Herrrrliche Nacht, mein Bester, nicht waaar?“
Gernot, der letzte des Trios betrat den Laden und verschmierte den Straßendrecks Grandessas auf den hölzernen Dielen. Der Hehler konnte einen kurzen Blick auf den Dunkelelfen von draußen erhaschen. Er war sich nicht sicher, ob dessen Rückzug ein endgültiger war, hatte jedoch im Moment andere Sorgen.
„Macht hinnnne! Isch will weidder!“
„Sssschhhh … noch nisch! … schhhhh … warted! ...“

Roac verdrehte innerlich die Augen. Es war jedes mal das gleiche Spiel, aber Rudlof schien es einen Heidenspaß zu bereiten. Brun war der größte und bei weitem auch gewalttätigste unter ihnen, doch Rudlof war so etwas wie ihr Anführer. Er war es, der das Sagen hatte und das geschäftliche übernahm. Penibel und gnadenlos, so hatte Roac ihn in den vergangenen Jahren kennen gelernt.
„Gleisch....Gleisch...“
Während der Rohling, den Zeigefinger erhoben auf das Läuten der Turmglocke zum neuen Tag wartete, wurde sich der junge Hehler seines Dolches in der Manteltasche bewusst. Die Versuchung wurde immer größer...
Ein Stich in die Lunge und der Bastard liegt wie ein Fisch an Land vor meinen Stiefeln. Nur ein schneller Stich.
In Wahrheit hatte Roac noch nie jemanden getötet, bisher war es noch nie so weit gekommen. Natürlich hatte es brenzlige Situationen gegeben, in denen er sich hatte verteidigen müssen. Doch mehr als ein paar tiefe Schnitte oder eine saftige Beule am Kopf hatte er noch nie ausgeteilt. Er war kein Mörder, doch beim Harrax - für Rudlof könnte er auch einmal ein Auge zudrücken.
Es schlug zur vollen Stunde und die Wachen grölten triumphierend.
„Jetscht isch Zahltag! *Hiks*... Losch! Mach de Taschen leehr“
Alle Augen wandten sich dem Hehler zu, nur Brun schien im hinteren Teil des Ladens etwas interessanteres gefunden zu haben. Roac griff gehorsam in die Manteltasche, blieb mit den Fingern für einen Moment auf dem kalten Metall des Dolches ruhen, riss sich dann jedoch los und holte den Geldbeutel hervor. Er ließ sich Zeit während er die lederne Kordel öffnete, sein Hirn arbeitete fieberhaft. Selbst in ihrem jetzigen Zustand würden sie innerhalb von wenigen Sekunden begreifen, dass erneut Geld fehlte - und diesmal so viel wie noch nie. Im Beutel des Hehlers lag diesmal keine einzige Drachme.
"Die Sache ist die: Ich habe..."
Bevor er seinen Satz beenden konnte, wurde er von einem ohrenbetäubendem Brummen unterbrochen, dass ihm durch Mark und Bein ging. Der volle Ton wandelte sich schnell in ein erbärmliches Quietschen und Plärren, bis es endlich verstummte. Roacs Ohren dröhnten und er merkte, dass seine Gäste nicht weniger überrascht waren. Nur Brun schien nach wie vor bester Dinge zu sein. Nun sah der Hehler auch, woher der höllische Lärm stammte.
„Dad will isch haben!“
Schnell huschte Roacs Blick zu Rudlof der vom Lärm noch immer stark mitgenommen zu sein schien. Kein Wunder, bei der Menge an Alkohol die er intus haben musste.
„Escht jetzt?!?“
„Japp, scho is es!“

Einen Moment herrschte Stille. Roac nutze ihn indem er in Windeseile einen Plan ausheckte. Es kam selten vor, dass sich die Wachen mit seinen Waren anstatt barer Münze zufrieden gaben. Ab und zu konnte Roac ihnen einige wertlose Ringe und Kettchen andrehen, die sie dann großzügig an alle gut bestückten Weiber Grandeas verteilten um in ihren Betten zu landen. Doch in der Regel vergriffen sie sich nie an seinen Waren. Sie waren nicht die hellsten, aber auch sie begriffen, dass sie den Hehler seine Arbeit tun lassen mussten, um die vielen Wertgegenstände in Geld verwandeln zu können. Wenn sie ihm die Waren wegnahmen, konnte Roac auch nichts verkaufen - doch wenn sie ihm im Gegenzug seine Schulden erließen, war ihm das nur allzu recht.
Roac nutzte Rudlofs Augenblick der Unachtsamkeit und befreite sich von seinem Schraubzwingengriff, worauf dieser drohte das Gleichgewicht zu verlieren. Mit einer geschäftlichen Miene trat er auf ihn zu und griff nach dem Horn, welches er nur ungern aus der Hand gab. Er hob das edle Instrument ins Licht, wog es, prüfte es. Dabei ließ er sich mehr Zeit als nötig, während er nachdachte. Wenn die drei Wachen besoffen genug waren um einen Handel mit ihm einzugehen, war dies seine einzige Chance sie für dieses Monat loszuwerden. Er musste jetzt geschickt sein. Wenn er den Preis zu hoch hielt, würden sie womöglich das Interesse verlieren und lieber das Gold vom Verkauf des Horns in naher Zukunft sehen. Verkaufte er es zu niedrig, würden sie ihm auf die Schliche kommen, dass er schon wieder nicht genug eingenommen hatte. Es ging nun darum die goldene Mitte zu finden...
"Hmm... Das Horn von Sir Garvin... ein wirklich feines Stück"
Fachkundig schwenkte er das Instrument in seinen Händen.
"Pures Gold aus den Minen des Königs... Drachenbein als Mundstück... Feiner Stoff aus dem Ausland..."
In Wahrheit hatte er nicht den blassesten Schimmer wovon er da sprach. Er konnte sich noch dunkel daran erinnern, wie er das Horn letztes Jahr für ein paar Lysanthemer einer hübschen Diebin abgekauft hatte. Normalerweise mied er zu teure Gegenstände anzukaufen - man wurde sie viel zu schwer los. Aber die Kleine hatte es ihm angetan, ihr betörendes Lächeln hatte seinen Geldbeutel locker gemacht und ehe er sich versah, war sie frohen Schrittes wieder verschwunden und er hatte ein neues Ausstellungsstück mehr, ohne genaueres über seinen Ursprung zu wissen. Was war er nur für ein begabter Händler? Dafür fehlte es ihm zum Glück nicht an Fantasie...
"Ihr kennt doch die Erzählungen über Sir Garvin?"
Er hob den Kopf und sah in die Runde. Verwirrte Gesichter starrten ihn an. Der Hehler fuhr schnell fort bevor er unterbrochen wurde.
"Vor etwa hundert Jahren soll er ein Wächter der Stadt gewesen sein... wie ihr heute."
...nur weniger versoffen, verhurt und korrupt... fügte er in Gedanken seiner Märchengeschichte hinzu.
"Er soll im Kampf gegen die Jorsaner um die hundert Mann erschlagen haben. Dafür verlieh ihm der König dieses Horn hier. Es soll magisch sein. Seine Kräfte..."
Der Hehler brach ab und fuhr sich über das Gesicht. Wie weit durfte er gehen?
"...seine Kräfte sind bis heute ein Rätsel. Manche sagen, dass es seinen Träger übermenschliche Kräfte verleiht. Andere sagen, dass sein klarer Klang das Herz jeder Frau im Sturm erobern kann..."
Er hielt inne und wog das Instrument bedächtig in den Händen.
"Der Preis für so einen Schatz ist natürlich unermesslich. Aber da wir ja ein Abkommen haben, muss ich es wohl oder übel verkaufen. Schade eigentlich... sieben Drachmen dafür zu verlangen ist eine Schande."
Noch immer gab es keine Regung in den Gesichtern der Wachen. Hatten sie angebissen? Roac musste auf Nummer sichergehen...
"Euch würde ich es für fünf Drachmen anbieten, aber..."
Schnell wandte er sich um und ging hinkend zu dem Regal, aus dem Brun das Horn genommen hatte. Er spürte seinen Blick auf sich und hoffte, dass er ihn nicht zu sehr herausforderte.
"...bestimmt habt ihr für sowas keine Verwendung. Also - soll ich jetzt zahlen?"
Seine gespielte Gleichgültigkeit verlangte seine volle Konzentration. Der Hehler biss sich auf die Zunge. War er zu weit gegangen...? Er wusste, dass er sie herausfordern musste, ihren Stolz beleidigen um sicher zu gehen, dass sie das Horn nun um jeden Preis haben wollten. Aber wenn sie hinter sein Lügengebilde sahen, war er ein toter Mann.

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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 21. Januar 2015, 23:28

"Hmm... Das Horn von Sir Garvin... ein wirklich feines Stück. Pures Gold aus den Minen des Königs... Drachenbein als Mundstück... Feiner Stoff aus dem Ausland... Ihr kennt doch die Erzählungen über Sir Garvin?"
Er hob den Kopf und sah in die Runde. Verwirrte Gesichter starrten ihn an. Der Hehler fuhr schnell fort bevor er unterbrochen werden konnte.
"Vor etwa hundert Jahren soll er ein Wächter der Stadt gewesen sein... wie ihr heute... Er soll im Kampf gegen die Jorsaner um die hundert Mann erschlagen haben. Dafür verlieh ihm der König dieses Horn hier. Es soll magisch sein. Seine Kräfte..."
Der Hehler fuhr sich über das Gesicht. Wie weit durfte er gehen?
"...seine Kräfte sind bis heute ein Rätsel. Manche sagen, dass es seinen Träger übermenschliche Kräfte verleiht. Andere sagen, dass sein klarer Klang das Herz jeder Frau im Sturm erobern kann..."
Er hielt inne und seine Geschichte begann zu wirken. Wo Rudlof noch nicht vollends überzeugt schien, so war in Brun's Miene deutlich Begeisterung zu lesen.
"Der Preis für so einen Schatz ist natürlich unermesslich. Aber da wir ja ein Abkommen haben, muss ich es wohl oder übel verkaufen. Schade eigentlich... sieben Drachmen dafür zu verlangen ist eine Schande."
Hatten sie angebissen? Roac musste auf Nummer sichergehen...
"Euch würde ich es für fünf Drachmen anbieten, aber..."
Schnell wandte er sich um und ging hinkend zu dem Regal, aus dem Brun das Horn genommen hatte. Er spürte seinen Blick auf sich und hoffte, dass er ihn nicht zu sehr herausforderte.
"...bestimmt habt ihr für sowas keine Verwendung. Also - soll ich jetzt zahlen?"
Brun wandte sich erneut an Rudlof:
„Ded will isch haben! Ded und nischt anderes!“
Manthala, die Göttin der Diebe und Händler, war Roac heute milde gestimmt. Seine Lügengeschichte hatten anscheinend genau den Nerv des größten Wächters getroffen. Als er den Teil mit dem Sturm der Herzen zum besten gab, begannen Bruns Augen zu glitzern, aber als Roac das gute Stück schon wieder weg räumen wollte, gefiel ihm dies jedoch gar nicht. Gefährlich schwankend und sich am Tresen abstützend, kam er auf Roac zu und nahm ihm das Horn aus der Hand. Roac wusste, dass jetzt jede Gegenwehr schmerzhafte Folgen haben würde, also war es besser dem Großen seinen Willen zu lassen. Dann platzte dieser zu seinen Kumpanen lautstark heraus:
„Isch hab heude Jeburtsdag! Und ich wünsch mir dad als Jeschenk. Ruddi kof es! Isch will es haben!“
Er hickste heftig und machte ein äußerst männliches Bäuerchen. Seine monströs großen Hände umschlossen dabei das Musikinstrument so sanft wie einen Säugling. Gernot rollte mit den Augen und Rudlof schüttelte missbilligend den Kopf, aber willigte dann tatsächlich ein.
„Isch ja jut.“
Er rieb sich die Schläfe als hätte er Probleme sich ernsthaft konzentrieren zu können und dann wurde es wirklich merkwürdig, aber sollte man sein Glück, wenn es einem begegnete in Frage stellen? Besser nicht.
„Alscho … dad wären dann also fünf Drachenbein ...äh Drachmen… und sieben Stoffe aus dem Ausland. Wie rechnet man dad denn? Ach ne, ich muss ja noch die hundert erschlajenen Mannen abziehen … dann kommt noch de Ladenmiete dazu, alscho weniger fünf, und das teil ich mit Gernot durch zwei, macht kurz nach Mitternacht.“
Rudlof starrte Roac todernst ins Gesicht. Der Hehler spürte tief in sich ein merkwürdiges Gefühl aufsteigen. Es musste eine Mischung aus hysterischem Lachen und wahnsinnigem Unglauben anfühlen. Solange er es tief in sich verborgen hielt und sich nichts anmerken ließ, hatte er wohl diesen Handel gewonnen, denn Rudlof kramte unter seiner Brustpanzerung einen Beutel heraus und fingerte umständlich daraus drei Drachmen und 14 Lysanthemer hervor. Was ging hier vor? Er begann die Münzen auf dem Tresen hin und her zu schieben und mit jeder Bewegung wurden es mehr.
„Isch hab zu wenig Drachmen und zu viel Lyschanthemer dabei … Mischt! Fünf weniger Fünnnnf und siebenhundert, macht runde ...Ach nee, das stimmt doch nisch!“
Er begann von vorne und aus drei Drachmen wurden sieben und aus den 14 Lysanthemern wurden 28. Dann wandte er sich an Gernot:
„Hast du noch wat?“
Der dritte Wächter begann in seinen Taschen zu kramen und bald türmten sich neun Drachmen, 31 Lysanthemer und ein kleiner Haufen von 56 Füchsen auf der Polierten Fläche. So viel Geld hatte Roac schon seit Wochen nicht mehr über seinen Tresen wandern sehen. Dann zog Rudlof fein säuberlich die fünf Drachmen für die „Ladenmiete“ ab und schob Roac den Rest entgegen. Heute Nacht sollte Roac Manthala unbedingt noch ein Opfer darbringen, denn was die Köpfe der Stadtwachen verwirrte, rettete wohl gerade seinen und Wunder sollte man nicht in Frage stellen!
„Adair, wir schehen uns dann in enem Monat! Bisch ...*hicks* dahin, dann mal jutes Jelingen. War wie immer eine Freude mit dir Jeschäfde su machen!“
Damit schnappte er sich seine beiden sturzbetrunkenen Begleiter und gemeinsam wankten sie hinaus in die schneeweiße, nach Rosen duftende Nacht. Der Mond stand hoch am Himmel und lugte nur zwinkernd durch die schnell vorbei ziehenden Wolken. Der frisch gefallene Schnee begann schon langsam wieder zu schmelzen und dicke Tropfen platschten vom Dach auf die menschenleere Gasse. Roac konnte nur noch hinter seinen mitternächtlichen Gästen die Tür schließen.
Blieb nur inständig zu hoffen, dass sich die drei an diesen Abend am Morgen nicht mehr erinnern würden! Als er sich wieder umdrehte, lagen da tatsächlich vier Drachmen, 31 Lysanthemer und ein kleiner Haufen von 56 Füchsen. Er hatte das nicht geträumt.
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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Montag 26. Januar 2015, 20:55

Wären Rudlof und Gernot nicht so angestrengt mit dem Zählen der Münzen beschäftigt gewesen und hätte Brunn auch nur für einen Moment die Augen von seinem heißgeliebten Horn gelassen, sie hätten womöglich ein leichtes Zucken in den Mundwinkeln des Hehlers bemerkt. Doch als die Wachen damit fertig waren ihre Geldbeutel zu entleeren und ihren Inhalt auf dem Tresen zu verteilen, war es bereits verschwunden. Mit steinerner Miene strich sich der junge Mann über das Kinn und beugte sich seinerseits über die Münzen, zählte sie sorgfältig und ließ die Betrunkenen bewusst warten. Selbst in ihrem jetzigen Zustand würden sich die Soldaten wundern, wenn er sich das Geld zu voreilig einstrich und vielleicht - auch wenn sie allem Anschein nach dazu nicht mehr in der Lage waren - eins und eins zusammenzählen. Nach einer für beide Parteien quälend langen Minute blickte Roac auf und nickte kurz.
"Der Betrag stimmt. Meine Miete ist bezahlt... und ihr habt ein gutes Geschäft gemacht."
Doch die drei schienen schon gar nicht mehr auf ihn zu hören und waren bereits auf dem Weg nach draußen, auf dem sie taumelnd beinahe ein Regal umstießen. Er folgte ihnen mit etwas Abstand. Bevor er sich anschickte den Laden zu verlassen, drehte sich Rudlof noch einmal um.
„Adair, wir schehen uns dann in enem Monat! Bisch ...*hicks* dahin, dann mal jutes Jelingen. War wie immer eine Freude mit dir Jeschäfde su machen!“
Roac öffnete ihnen die Tür und zeigte ein aufgesetztes Lächeln, dass für den Sturzbetrunkenen wohl überzeugend genug wirken würde.
"Bis in einem Monat dann, viel Spaß mit dem Horn."
Dann schloss er die Tür hinter ihnen, wartete bis die lallenden Stimmen nicht mehr zu hören waren und spähte aus dem Schlüsselloch. Sie waren verschwunden. Sicherheitshalber legte er den Riegel vor und lehnte sich gegen die schwere Eichentür, sein Blick wanderte zur Decke und eine unbestimmte Zeit lang sah er den Motten zu wie sie um den Kronleuchter schwirrten. Weit entfernt hörte er die Turmuhr einmal schlagen, es war Viertel nach Zwölf. Schließlich löste er sich von der Tür und hinkte zum Tresen, strich ihm Vorbeigehen über die Münzen auf der Tischfläche und ließ sich dann in seinen Lehnsessel fallen. Er zählte das Geld erneut und danach ein weiteres Mal. Bei jedem Mal bröckelte seine ernste Fassade mehr, zuerst zeigte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht dass stetig breiter wurde, bis der Hehler leise zu glucksen begann.
"Nein nein, das bild ich mir ein. Das muss der verdammte Wein sein..."
Doch als er den Haufen Münzen ein drittes Mal zu Stapeln geschlichtet und gezählt hatte, gab es keine Zweifel mehr. Die Feder erfüllte ein Klang, den sie schon lange nicht mehr vernommen hatte - das bellende Lachen ihres Besitzers.
"Mir schlagen sie die Fresse ein wenn mal ein Fuchs fehlt und dann lassen die versoffenen Hurenböcke ihren halben Beutel hier liegen!"
Sein Gelächter verebbte allmählich, die Hochstimmung hielt jedoch an. Heute hatte er einen großen Sieg errungen, einen Sieg gegen den die erfunden Schlachten des nur noch mehr erfundenen Sir Garvins lächerlich wirkten. Er war dieses Monat nicht nur über die Runden gekommen, sondern hielt mit einem Schlag auch die Miete für das nächste in den Händen. Mit flinken Fingern zog er seinen eigenen Geldbeutel hervor und legte die Münzen zu dem beträchtlich größeren Haufen dazu. Sein Feixen wurde nur noch breiter.
"Vier Drachmen, 44 Lysanthemer, 73 Füchse...umgerechnet sind das... sechs Drachmen, sieben Lysanthemer und 13 Füchse.
Der Hehler lehnte sich zurück und schüttelte verwirrt den Kopf. Natürlich war er niemand, der diesem geschenktem Gaul ins Maul schauen würde. Etwas besseres hätte ihm nicht passieren können. Aber er konnte nicht anders um sich seines Glückes zu wundern. So besoffen hatte er die Wachen noch nie erlebt, normalerweise kamen sie immer mit einem halbwegs klarem Kopf zu ihm - vor allem von Rudlof hätte er so etwas nicht erwartet. Warum hatten die Soldaten überhaupt so viel Geld bei sich gehabt? Sonst warfen sie doch alles sofort für Huren und Alkohol aus dem Fenster...
"Hmm... vielleicht hab ich nach drei Jahren endlich wieder mal Glück..."
Er zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder den Münzen zu. Er überlegte einen Moment, dann griff er sich die vier schweren Drachmen und musterte sie nachdenklich. Es wäre nicht klug, wenn er das ganze Geld in einen Beutel geben würde. Zwar hatte Roac nicht eine Sekunde Zweifel daran einen möglichen Taschendiebstahl früh genug zu erkennen um ihn auch vereiteln zu können - Jahre der Diebeserfahrung hatten ihm diese Angst genommen - doch bei einem gewöhnlichem Überfall sah die Sache ganz anders aus. Und hier im Laden wollte er die kostbaren Münzen auch nicht lassen... es war vielleicht albern, aber es war ihm lieber, sie bei sich zu tragen.
Kurz darauf ging ihm ein Licht auf. Aus der Manteltasche kramte er den schwarzen Stoffbeutel mit dem Kirschblütenzweig hervor und legte die vier Drachmen hinein, die gerade noch so hineinpassten. Dann beugte er sich vornüber und zog sein rechtes Hosenbein hoch. An der selben Stelle, wo ein Fach für einen zweiten Dolch oder einen Dietrich verborgen war, schob er den kleinen Beutel in den Stiefel und schüttelte ihn dann prüfend. Kein Laut - die Münzen klirrten nicht.
Mit dieser Lösung zufrieden, kehrte er das restliche Geld - die 44 Lysanthemer und die 73 Füchse - in seinen Geldbeutel, der nun voller den je war.
"Gefällt mir doch gleich besser..."
Schmunzelnd stand Roac auf und schritt zum Treppenaufgang. Den Jungen hatte er fast vergessen, bestimmt hatte ihn das schallende Dröhnen des Horns verunsichert. Doch als er den Kopf in den dunklen Gang steckte, hörte er das gleichmäßige Atmen von der Dachkammer. Leise zog er wieder die Tür hinter sich zu und blickte aus dem vergitterten Fenster.
Es war mitten in der Nacht, die Straßen waren dunkel und er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie sein dunkelelfischer Wächter das Feld geräumt hatte. Bestimmt würde er bald wieder zurück sein, doch die Zeit seiner Abwesenheit sollte genützt werden. Roac hatte noch immer den selben Plan: Er wollte zur Schenke zum Bettler. Er erinnerte sich daran, wie ihm der Junge ausgewichen war, als er ihn nach seinen Freunden gefragt hatte. Der Hehler hatte mittlerweile keine Zweifel, dass es welche gab. Ein Junge wie Hase hätte auf Grandeas Straßen ohne Hilfe nicht überleben können. Und die rostigen Nägel zum Schlößerknacken deutete er als Hinweis auf eine Art Mentor. Zugegeben - kein besonders fürsorglicher wie es aussah doch ohne Zweifel ein fachkundiger Dieb. Was er tun würde, wenn er ihn ausfindig gemacht hatte, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber dieser Spur zu folgen war auf jeden Fall besser, als untätig hier zu sitzen.

Nachdem das schwere Eichenportal hinter ihm zugefallen und sämtliche Schlösser metallisch geklickt hatten, wandte sich Roac der schmutzigen Gasse zu. Es war keine Menschenseele zu sehen, zum Glück hatte er mit seiner Vermutung seines Beschatters gegenüber nicht falsch gelegen. Einen Moment blieb er stehen und wunderte sich über den noch leicht nachhallenden Duft von Rosen in der Luft. Er griff an seinen Geldbeutel, der schwer an seiner Seite hang und mit einem Mal kam ihm ein merkwürdiger Gedanke.
Das hier...war kein Zufall...
Der Hehler sah hoch in den Himmel, wo der Mond über den schwarzen Dächern der Stadt schwebte. Dann - einer plötzlichen Eingebung folgend, hob er Mittel- und Zeigefinger an seine Lippen und streckte sie den Himmel entgegen. Für keinen anderen außer ihm hörbar, murmelte er einen alten Reim, einen Spruch den ihn Lares in seinen jungen Jahren beigebracht hatte:

"Herrin der Nacht, Mutter der Diebe,
Hast Mondlicht entfacht, schickst so deine Liebe,
Gabst uns die Freiheit, zu tun wie wir wollen,
Es ist nun an uns dir Demut zu zollen.

Herrin der Nacht, Mutter der Diebe,
Der Mond ist mein Zeuge,
Mein Haupt dir ich beuge."


Kaum merklich neigte er den Kopf in Richtung Firmament, dann zog er sich schnell die Kapuze über und machte sich auf den Weg. Er fühlte sich albern, wie ein Kindskopf der dem Aberglauben anheim gefallen war. Aber dennoch konnte er das Gefühl nicht ablegen, dass ihn heute Nacht dort oben jemand wohl gesonnen war... zumindest für den Moment.

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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Dienstag 27. Januar 2015, 11:10

Roac lauschte hinaus in die Nacht und hörte noch aus weiter Entfernung das Horn erklingen, als er die Tür schon lange geschlossen hatte. Brun würde gewiss noch ordentlich Dresche beziehen, wenn er so weiter machte, aber das sollte ihn nicht stören. Ganz das Gegenteil war der Fall und sein zuckender Mundwinkel geriet vollends außer Kontrolle. Sein Lachen befreite seine Seele und erhellte die schwarze Feder auf eine Weise, wie es schon lange nicht mehr geschehen war. In einer solchen Hochstimmung war er schon ewig nicht mehr gewesen. Roac konnte sein Glück kaum fassen und zählte wieder und wieder die glitzernden Münzen.
Vier Drachmen, 44 Lysanthemer, 73 Füchse.
Die Drachmen verschwanden in seinem Stiefel und der Rest füllte seinen Beutel. Ungewohnt schwer lag er in seiner Hand und zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. Dann sah er nach dem Jungen und dieser schlief tatsächlich tief und fest. Wahrscheinlicher war es sogar, dass er in eine Art Ohnmacht über gegangen war. Der Tee, die Wundkräuter, das alles tat seine Wirkung und in diesem Stadium konnte Roac dem Jungen nicht helfen, also beschloss er die Schenke zum Bettler aufzusuchen um vielleicht einen „Freund“ des kleinen Hasen ausfindig zu machen.
Nachdem die schwere Eichentür hinter ihm zugefallen und sämtliche Schlösser metallisch geklickt hatten, wandte sich Roac der schmutzigen Gasse zu. Es war keine Menschenseele zu sehen, zum Glück hatte er mit seiner Vermutung seines Beschatters gegenüber nicht falsch gelegen. Einen Moment blieb er stehen und wunderte sich über den noch leicht nachhallenden Duft von Rosen in der Luft. Er griff an seinen Geldbeutel, der schwer an seiner Seite hing und mit einem Mal kam ihm ein merkwürdiger Gedanke.
Das hier...war kein Zufall...
Der Hehler sah hoch in den Himmel, wo der Mond über den schwarzen Dächern der Stadt schwebte. Dann - einer plötzlichen Eingebung folgend, hob er Mittel- und Zeigefinger an seine Lippen und streckte sie den Himmel entgegen. Für keinen anderen außer ihm hörbar, murmelte er einen alten Reim, einen Spruch den ihn Lares in seinen jungen Jahren beigebracht hatte:

"Herrin der Nacht, Mutter der Diebe,
Hast Mondlicht entfacht, schickst so deine Liebe,
Gabst uns die Freiheit, zu tun wie wir wollen,
Es ist nun an uns dir Demut zu zollen.

Herrin der Nacht, Mutter der Diebe,
Der Mond ist mein Zeuge,
Mein Haupt dir ich beuge."


Kaum merklich neigte er den Kopf in Richtung Firmament, dann zog er sich schnell die Kapuze über und machte sich auf den Weg. Er fühlte sich albern, wie ein Kindskopf der dem Aberglauben anheim gefallen war. Aber dennoch konnte er das Gefühl nicht ablegen, dass ihn heute Nacht dort oben jemand wohl gesonnen war. So nahm er die Beine in die Hand und beeilte sich zur Schenke zu gelangen, denn zu dieser fortgeschrittenen Stunde, würde der Wirt bald nur noch Betrunkene hinaus kehren und dann für die frühen Morgenstunden schließen. Irgendwo schrie eine Eule.

Weiter bei: Die Schenke „Zum Bettler“ - Von Schatten und Musik
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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Montag 23. Februar 2015, 19:38

Roac kommt von: Von Schatten und Musik

Als sie sich „Der schwarzen Feder“ näherten, sah Roac schon von weitem, dass sein verhasster „Bekannter“ vom Vortag wieder Stellung vor seinem Laden bezogen hatte.
„Ist das der Dunkelelf, der nach dir sucht?“
, flüsterte Lulu nah an seinem Ohr, sodass er ihren warmen Atem fühlen konnte. Roac nickte nur schweigend. Der nächtliche Vertreter war verschwunden und nun stand wieder der Begleiter des Gnoms gegenüber seinem Laden. Abermals verfluchte der Hehler den Umstand, dass er keinen Hintereingang hatte, aber erinnerte sich an die kleine Dachluke, die er offen gelassen hatte. Das Problem war nur, dass er selbst zu groß für das Fenster war und durch sein kaputtes Bein er den Sprung von Dach zu Dach nicht mehr schaffte. Es gab durchaus noch andere Möglichkeiten um die Situation zu meistern, jedoch waren einige gefährlicher als andere. Auch musste er bald den Laden für die reguläre Laufkundschaft öffnen, sollte nicht auffallen, dass er über Nacht weg gewesen war. Das Problem lag vor allem darin, dass es sicher nur noch mehr Hass herauf beschwören würde, wenn er seinem ohnehin schon schlecht gelauntem Wächter, unter die Nase reiben würde, dass er nachlässig gewesen war. Besorgt betrachtete er die Situation und Lulu betrachtete ihn.
Auf den Straßen war durch das kalte Wetter etwas weniger los als sonst zu dieser Stunde, aber es fuhren immer mal wieder Wagen vorbei, hinter denen man sich verstecken konnte. Roac wollte sich gerade zu Lulu umdrehen und sich mit ihr besprechen, als ihm auffiel, das sie nicht mehr da war. Sofort sah er sich suchend nach ihr um und entdeckte sie nicht unweit des Dunkelelfen die Gasse entlang flanieren. Eben wie die Dirne die sie ja auch war, strich sie sich die wilden Haare aus dem Gesicht und rückte ihre Büste in gefechtsbereite Stellung, als wäre sie gerade dem Bett eines Freiers entstiegen und blies nun erneut zum Angriff. Roac ahnte was gleich geschehen würde und musste die saure Galle herunter würgen, die ihm dabei den Hals hinauf kroch. Mit einem Dunkelelfen anzubandeln war nicht nur sehr gefährlich sondern auch leider, zugegebener Maßen, die einfachste Lösung um ihn unbemerkt in seinen Laden zu schmuggeln. Trotzdem würde es nur ein kurzes Zeitfenster gegeben in dem Lulu seinen Bewacher ablenken konnte. Doch was wenn der Kerl tatsächlich auf ihre Avancen einging? Was wenn er sie in die nächste Ecke drücken und … Nein! Er hatte ja einen Auftrag und würde sicher nicht seinen Posten verlassen. Lulu, zog sich aufreizend die eigentlich nicht vorhandene Unterwäsche durch den Stoff ihres Rockes zurecht und wartete anscheinend auf irgendetwas und Roac bemerkte einen großen Heuwagen, der sich langsam von hinten näherte. In seinem Schatten konnte er hoffentlich unbemerkt seinen Laden erreichen und mit Lulus Ablenkungsmanöver hinein gelangen. Los ging es!
Roac konnte hinter seinem Versteck nicht viel sehen, aber kam gut voran. Duckte er sich, konnte er ihre Füße erspähen, die sich nun ihrerseits dem Dunkelelfen näherten. Dann hatte er den Laden erreicht und sperrte mit eilig suchenden Fingern die Tür auf. Ein kurzer Blick über die Schulter und er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Dann war die Tür offen und der Heuwagen vorbei gefahren. Lulu umgarnte das Spitzohr recht grob und plump und wagte sich viel zu nah an den Kerl heran. Roac musste einen Moment des Unwohlseins überwinden um schnell hinein zu schlüpfen und die Tür hinter sich zu schließen. Sogleich eilte er zum Fenster und sah, wie der Elf die vorwitzige Hand der Dirne packte sie näher riss. Ein kurzer heftiger Schlag in den Bauch folgte und Lulu fiel lang in den Straßendreck. Fluchend und wimmernd erhob sie sich wieder und brüllte:
„Auu! Ein einfaches Nein, hätte auch gereicht! Ich geh ja schon. Au … verdammt, das hat weh getan, du ...“
Er machte einen Schritt nach vorne und sie verstummte. Sie rollte sich ein Stück weg von ihm und sah sich übertrieben nach Hilfe suchend um. Ein paar Leute waren schon stehen geblieben und schauten dem Schauspiel zu. Die Menschen gafften den Dunkelelfen an und langsam bildeten sich kleine Gruppen, sodass er keine Möglichkeit hatte seinen Hass weiter an der Dirne auszulassen. Auf offener Straße eine Frau zu verprügeln, stand nicht al zu hoch im Kurs beim Volke, nicht mal, wenn es eine Dirne war. Lulu raffte sich auf und schwankte japsend in Richtung Laden.
„Hallo, ist da wer? Habt ihr schon offen? Ich bräuchte Hilfe! Bitte!!! Nur kurz aufwärmen ...“
Das war Roacs Stichwort um den Laden zu öffnen. Lulu war nicht nicht mal ganz durch die Tür, als sich die kleinen Grüppchen schon wieder auflösten. Das sie ausgerechnet in dem Laden Schutz suchte, den der Dunkelelf zu bewachen hatte, gefiel ihm wohl nicht, aber er kam auch nicht näher. Lulu stolperte theatralisch in den Laden und warf sich Roac an den Hals, der Elf grinste schadenfroh, als hätte Roac sich die Pest ins Haus geholt und dann schloss sich auch schon die Tür. Die junge Frau am Hals des Hehlers stellte sich gerade hin und zwinkerte ihm grinsend zu:
„Schlägt wie'n Mädchen … Keine Sorge, hab schon schlimmeres einstecken müssen.“
Ihre Hand auf dem Bauch straften ihre Worte zwar lügen, aber im Moment wollte sie anscheinend nicht darauf eingehen.
„Wo ist er?“
Suchend sah sie sich um. Roac führte sie die Treppe hinauf und in sein Dachzimmer. Nachdem sie die Tür auch nur einen Spalt breit geöffnet hatten, war auf den ersten Blick sofort zu sehen, dass Hase nicht mehr in seinem Bett lag, trat Roac als erster in den Raum. Einzig ein leises Geräusch von links über ihm, ließ seine jahrelang antrainierten Instinkte reagieren und die Arme hoch reißen. Was war das nur, dass sie ihn heute alle schlagen wollten?!?
Der leichte Korbstuhl, den irgendjemand über der Tür so platziert hatte, dass er beim Öffnen derselben auf die Person nieder stürzen würde, traf nur seine Unterarme und verursachte nicht mal mehr als einen blauen Fleck. Aber gleichzeitig wurde er sich der eigentlichen Falle bewusst, die nun ausgelöst worden war. Ein altes Fass rollte auf ihn zu und wenn er sich nicht schnell befreite, würde es ihn und Lulu die Treppe hinab befördern. Hase hatte in seiner Abwesenheit ganze Arbeit geleistet! Das Problem war nur, wich er aus, könnte es seine neue „Freundin“ treffen.
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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Donnerstag 26. Februar 2015, 00:10

Grandea schien über Nacht in weiß getaucht worden zu sein. Der pulvrige Neuschnee bedeckte die Dächer des Außenrings und pappte sich an die groben Fassaden der Häuser, sodass sie wie die magischen Höhlen von Eisriesen wirkten. Einzelne Flöckchen schreckten selbst davor nicht zurück sich auf die Häupter der geschäftigen Menge niederzulassen, die des Mittags durch die engen Straßen und Gassen eilte. Jeder Schritt - wie vorsichtig er auch gesetzt - brachte ein sattes Knirschen und einen tiefen Abdruck hervor, welcher binnen Minuten wieder verschwunden war. Unter dem Pulk an Stadtbewohnern befanden sich auch eine Dirne und ein Hehler, die anstatt Richtung Marktplatz auf eine Gasse zu schritten, in der ein schäbiges Ladenschild mit einer schwarzen Feder im eisigen Wind quietschend umherschwenkte.
Roac zitterte kaum merklich, während sein Atem dicke Dunstwolken gen Himmel schickten. Schon wenige Schritte aus der Schenke hinaus war ihm die Kälte in die Glieder gefahren und hatte ihn den ganzen Weg über nicht mehr losgelassen. Mittlerweile hatte der Hehler sämtliches Gefühl im Gesicht und den Fingerspitzen verloren. Sein Bein hingegen war so steif geworden, dass jeder kleiner Schritt ein Kampf für sich war. Wäre er alleine unterwegs gewesen, hätte Roac vermutlich ein anderes Tempo dem flotten Gang vorgezogen, doch vor seiner neuen Bekanntschaft wollte er sich keine Blöße geben. Lulu fror sicherlich ebenfalls in ihren dünnen Gewändern und doch legte die Hure eine Verbissenheit an den Tag, die im krassen Kontrast zu ihrem zierlichen Äußeren stand. Sie war zielstrebig und Roac konnte nicht anders als sie dafür im Stillen zu bewundern.
„Ist das der Dunkelelf, der nach dir sucht?“
Sie standen keine zehn Meter von dem Ladeneingang entfernt und spähten hinter einer Hauswand auf die Gasse, in der das griesgrämige Spitzohr seine Runden zog. Ähnlich wie Roac schien er sich nicht über den neu gefallenen Schnee zu freuen, sondern wirkte noch finsterer als er der Hehler ihn in Erinnerung hatte. Er musterte den Dunkelelfen mit zusammengekniffenen Augen und dachte angestrengt nach, wie sie wohl ungesehen vor seiner Nase zur Feder gelangen konnten. Vielleicht wenn sie...
Doch Lulu nahm die Sache selbst in die Hand. Bevor Roac eingreifen konnte, war sie schon an ihm vorbeigestiefelt und nahm den Elfen ins Ziel. Er fluchte halblaut, unterdrückte den Drang sie zurückzurufen und konzentrierte sich auf die Straße vor ihn. Die Hure würde schon wissen was sie tat, auch wenn er kein gutes Gefühl bei der Sache hatte. Roac dachte an den blinden Mann zurück, den der Wächter gestern zu Boden geschlagen hatte. Hoffentlich hatte Lulu mehr Glück.
Bevor er die Gelegenheit verpasste, die ihm die Dirne durch ihr Ablenkungsmanöver bot, huschte er hinter den vorbeifahrenden Heuwagen und hielt sich in dessen Schatten. Die Kapuze tief im Gesicht folgte er ihm ein Dutzend Schritte und lugte an der Ladung vorbei auf den Dunkelelfen. Dessen Hand ruhte wie immer auf seinem Schwert, auch als Lulu begann ihn zu becircen. Was weiter geschah sah er nicht, da er rasch hinter seiner Deckung hervor sprang und mit einigen hastigen Handgriffen die Tür aufschloss. Sie schwang auf und Roac huschte in den Laden hinein, schloss wieder hinter sich und atmete keuchend aus. Er hatte es geschafft - aber was war mit Lulu? Kaum gedacht, schon hörte er ihre klagende Stimme. Alarmiert riss er an der Tür, alle Vorsicht vergessend und schon lag sie in seinen Armen, übertrieben schluchzend und klagend. Roac sah auf und sein Blick und der des Dunkelelfen trafen sich. Dann schlug er die Tür hinter sich zu und diesmal verschloss er sie gründlich. Als er sich umdrehte hatte sich die Dirne wieder aufgerichtet.
„Schlägt wie'n Mädchen … Keine Sorge, hab schon schlimmeres einstecken müssen.“
Sie war eine gute Schauspielerin doch der Schlag hatte gesessen, so viel stand fest. Roac spürte eine ungewöhnlich starke Wut in sich auflodern als er sah wie sie sich den Bauch hielt. Eine Wut auf den Dunkelelfen, auf sie die sie ihn über ihren Plan im Dunkeln gelassen hatte und zuletzt auf ihn selbst, da er sie schlussendlich nicht daran hatte hindern können. Er erwiderte ihr Grinsen nicht als er auf sie zutrat.
"Beim nächsten Mal sagst du mir, wenn du so etwas vorhast. Er... hätte dich genau so gut abstechen können."
Der Hehler sah ihr für einen Sekundenbruchteil in die Augen und fragte sich warum es ihn überhaupt scherte was alles mit ihr hätte geschehen können. Sie standen sich nicht nahe, noch kannten er sie länger als ein paar flüchtige Stunden. Beim Harax er wusste nicht einmal ihren richtigen Namen! Sie war hier um sich den Jungen abzuholen und dafür konnte sich Roac glücklich schätzen. Sein Versprechen erfüllt und ein Problem weniger - was wollte er mehr?
„Wo ist er?“
Sie schien seine wirren Gedankengänge nicht bemerkt zu haben und er war froh darüber. Zerstreut hob er die Hand und deutete vage gen Decke.
Oben, Dachkammer. Ich bring dich hin.
Er führte sie vorbei an den Porzellanscherben vor dem Schrank in dem sich Hase noch vor nicht allzu langer Zeit versteckt hatte, vorbei am Tresen und dem dahinter stehendem Lehnstuhl in das Vorzimmer zum Treppenaufgang. Die dort von der Decke baumelnden Ketten und Bänder schlugen sachte gegen die aufschwingende Tür und klirrten wie vereiste Zweige im Wind. Sie verstummten auch nicht, als Roac begann die steile Stiege zu erklimmen während Lulu ihm mit etwas Abstand folgte.
"Also..."Hase" und "Lulu" - wie passt ihr beiden zusammen?"
Er warf einen Blick zurück ob sie noch da war.
"Dachte du bist ein ordentliches Mädel. Brav, gesetzestreu, zahlst deine Steuern. Und dann machst du gemeinsame Sache mit gemeinen Straßendieben?"
Spöttisch lächelnd und nichts ahnend griff er nach der Türklinke.
"Obwohl Dieb kann man den Kleinen nicht gerade nennen. Muss noch viel lernen wenn er..."
Als er das leise Zischen und den Lufthauch über seinem Kopf spürte, riss er instinktiv die Arme nach oben. Der Stuhl prallte knirschend daran ab und fiel zu Boden. Alarmiert schaute Roac hoch und bemerkte das Seil, dass sich in diesem Moment spannte. Aus den Augenwinkeln sah er etwas großes, sperriges auf sich und den Treppeneingang zurollen und reagierte blitzschnell. Ohne Vorwarnung packte er Lulu, die hinter ihm durch den Lärm aufgeschreckt ins Zimmer lugte und stieß in Richtung Heuhaufen, der wie er erst jetzt bemerkte leer war. Haarscharf flog sie an dem Fass vorbei, dass die wenigen Meter zur Treppe in Sekundenbruchteilen hinter sich gebracht hatte und landete sicher im trockenen Feldgras. Roac hingegen hatte keine Zeit mehr auszuweichen. Der Aufprall trieb ihn die Luft aus den Lungen und ließ ihn taumeln. Wild mit den Armen rudernd, das Gleichgewicht suchend, tat der Hehler einen Schritt zurück, einen weiteren - und trat ins Leere. Roac fiel zurück und schlug mit dem Kopf gegen die Wand hinter der Tür zur Dachkammer, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde. Verzweifelt krallte er die Fingernägel in die Mauerritzen doch auch das bremste seinen Sturz nicht. Mit einem kehligen Schrei rutschte er an der Wand ab und fiel krachend die Stiege hinunter, während die Schmuckstücke an der Decke munter klimperten.

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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 26. Februar 2015, 09:34

"Also..."Hase" und "Lulu" - wie passt ihr beiden zusammen?"
Er warf einen Blick zurück ob sie noch da war. Sie kam hinter ihm die Treppe hinauf gestapft und rieb sich dabei die kalten Glieder.
"Dachte du bist ein ordentliches Mädel. Brav, gesetzestreu, zahlst deine Steuern.“
Sagte Roac, während hinter ihm ein unterdrücktes Kichern erklang.
„Und dann machst du gemeinsame Sache mit gemeinen Straßendieben?"
Spöttisch lächelnd und nichts ahnend griff er nach der Türklinke.
"Obwohl Dieb kann man den Kleinen nicht gerade nennen. Muss noch viel lernen wenn er..."
Ein hoher spitzer Schrei erklang und Lulu landete durch seine Geistesgegenwart im leeren Heuhaufen.

Helle Haut, hellblaue Augen und ein paar Sommersprossen zierten eine spitze Nase. Ein tanzendes Gesicht schwebte im irgendwo im Dunkel und wurde von hellem Haar umrahmt. Dunkel erinnerte sich Roac an dieses Gesicht, mit dem sein Körper ein paar sehr angenehme Stunden in Verbindung brachte. Herrliche Erinnerungen von zuckenden Gliedern voller Wonne sickerten in seinen Geist. Für einen Atemzug wollte sein Leib auch entsprechend reagieren, aber da schoss auch schon der pochende Kopfschmerz ein. Ein kühler, feuchter Lappen legte sich aus der Dunkelheit auf seine Stirn und milderte das Klopfen. Hinter seinen Schläfen arbeitete ein Zwerg in seiner Miene und grub sich quälend langsam mit seiner Spitzhacke durch seine Gehirnwindungen. Roac stöhnte auf und bereute es sofort. Unnatürlich laut hallte seine Stimme in seinem Kopf wieder und prallte wie ein Spielball von Schädelwand zu Schädelwand. Ihm wurde wieder schwarz vor Augen.

Als er das nächste Mal das Bewusstsein erlangte, hörte er irgendwo im Dunkel leise flüsternde Stimmen:
„Hase, im Flur habe ich eine Luke gesehen. Du passt da durch.“
„Aber ich kann dich doch hier nicht allein zurück lassen.“
„Mein Kleiner, es ist so... Er hat dich versorgt, als es dir schlecht ging und jetzt sorge ich mich um ihn. So macht man das bei uns. Eine Hand wäscht die andere. Das sind wir ihm schuldig, aber die anderen müssen wissen wo ich bin und dieser Dunkelelf vor der Tür muss entsorgt werden. Ich kann hier sonst nicht weg und du bist klein und unauffällig.“
„Mir tut der Rücken aber noch so weh. Cadice, kann ich nicht bei dir bleiben?“

Leises Rascheln folgte.
„Du hast es geschafft eine Falle zu bauen und willst mir erzählen, dass du es jetzt nicht zurück in den Bau schaffst?“
Kurze Stille folgte.
„Siehst du. Du musst jetzt mir helfen. Wenn du Eichkatze, Hamster oder Maulwurf triffst, dann schick sie mit der Botschaft weiter, aber du kehrst zurück in den Bau! Versprich es!“
„Ich verspreche es.“
„Sag es richtig!“

„Ich verspreche es.“
„Gut.“

„Wenn ich unterwegs wen von den Großen treffe, soll ich ihnen dann sagen wo du bist?“
Lulu schien einen Moment lang zu überlegen.
„Lieber nicht. Nur wenn du Löwe triffst, aber das ist unwahrscheinlich. Bring die Botschaft zu Luchs. Er wird wissen, was zu tun ist. Und jetzt los.“
Was war das nur für ein Kauderwelsch was sie da sprachen? War Roac in einem Tierpark gelandet? Seine Gedanken konnten noch nicht recht erfassen, was das alles bedeutete und er hörte wie sich Schritte entfernten. Auf dem Flur wurde es kurz lauter, Lulu hob anscheinend den Kleinen an und das Klappen der Dachluke verriet, dass Hase jetzt über die Dächer davon hoppelte. Leise Schritte näherten sich erneut und die Bewegung des Strohs neben ihm, zeigte, dass Lulu oder Cadice, wie der Junge sie genannt hatte, sich neben ihn kniete.
„Wie lange bist du schon wach?“
Der lauwarme Lappen auf seiner Stirn wurde gegen einen frischen kühlen ausgetauscht und ihre Hand strich erstaunlich sanft sein feucht, verklebtes Haar von den Wangen.
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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Freitag 27. Februar 2015, 22:29

In der Dunkelheit unter seinen Liedern hatte Roac mit erwachenden Sinnen dem geflüsterten Gespräch der beiden gelauscht. Viel davon hatte er nicht verstanden, zu viele Ungereimtheiten und unbekannte Spitznamen tauchten darin auf. Zudem dröhnte sein Kopf als hätte ein Schmied darauf sein Tagewerk verrichtet und seine Rippen schmerzten, was die Sache nicht unbedingt leichter machte. Als die Stimmen verstummten und er das Knarren der Dachluke vernahm, rechnete er schon fast damit wieder alleine zu sein wenn sie sich schließen würde. Doch sie hielt sich an ihr Wort - und kam zu ihm.
„Wie lange bist du schon wach?“
Er spürte das kalte Nass auf seiner Stirn und sanfte Frauenfinger die über sein Gesicht strichen. Unweigerlich begann er sich zu entspannen. Cadice hieß sie also. Der Name gefiel ihm, bei weitem mehr als das schwingende Pseudonym unter welchem sie sich gestern ausgegeben hatte.
"Lang genug um mir nun sicher zu sein, dass du kein gewöhnliches Freudenmädchen bist."
Mit dem Daumen schob er den Lappen zurück und blinzelte ihr entgegen. Es dauerte ein bisschen, bis er sich an das spärliche Licht gewöhnt hatte und ihre Konturen klar wurden. Als er sie dann endlich deutlich sah, in ihrem freizügigen Kleid und so dicht über ihn gebeugt, kräuselten sich seine Lippen zu einem leichten Schmunzeln. Wortlos streckte er die Hand nach ihr aus und fischte vereinzelte Strohhalme aus ihrem goldenen Haar, die sich bei ihrem Sturz darin verfangen hatten. Ihr Duft vermischte sich mit dem des gedroschenen Getreide und weckte Erinnerungen an die vergangene Nacht. Irgendwo in seinem Hinterkopf wuchs der Wunsch sie zu sich ins Heu zu ziehen um diese Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, doch er widerstand - was in seinem jetzigen Zustand vielleicht das beste war.
"Sag mir, Cadice: Wie viele Männer können behaupten, dass sie sich für dich von einem Fass überrollen haben lassen? Ich glaube nach der Sache bist du mir zumindest ein paar Antworten schuldig."
Bewusst nannte er sie beim Namen und sah ihr in die Augen. Bis vor kurzen war er neugierig gewesen, doch seit er ihr Gespräch mitgehört hatte, war er mehr als das.
"Wer seid ihr? Ich kenne die meisten Banden noch von früher, aber nur eine die als Spitznamen durchgehend Tiere verwendet hat. Und das war die von Rotfuchs. Die... gibt es aber schon länger nicht mehr..."
Der Hehler verstummte und lehnte sich wieder zurück. Ausdruckslos starrte er an die schmutzige Decke. Es war hirnrissig von ihm zu glauben, dass jemand aus seiner alten Gruppe noch am Leben war. Er hatte ihre Leichen nicht gesehen, aber gehört was die anderen Diebe die Monate darauf von der Hinrichtung berichteten. Damals hatte es eine Razzia gegeben, das ganze Wohnviertel wurde durchkämmt. Die Hinweise mussten besonders genau gewesen sein, denn auch die am Einbruch unbeteiligten Teile wurden gefasst. Den einzigen, den Roac noch zutraute am Leben zu sein war Lares selbst. Und der hatte für immer die Stadt verlassen, musste es getan haben. Ansonsten hätte er ihn doch...
"Sprecht ihr alle Rendinea?"
Er unterbrach sich in seinen trüben Gedanken und wandte ihr den Kopf zu. Obwohl sie als die allgemeine Sprache der Kriminellen angesehen wurde, kannte Roac nur wenige Diebe, die tatsächlich mehr als nur ein paar Wörter davon sprachen. Er beherrschte selbst nur einen Bruchteil davon, gerade einmal die rudimentärsten Kenntnisse die ein Hehler zum Verhandeln brauchte. Es hieß die Gilde bildete darin aus, zumindest hatte Lares davon berichtet, der den Gerüchten nach selbst einige Zeit ein Mitglied gewesen war. Doch mit der Diebesgilde war es so eine Sache, selbst Lares hatte so wenig von diesem geheimen Bund der Meisterdiebe erzählt, dass Roac sich nie sicher gewesen war ob er die Wahrheit sprach oder ihn auf den Arm nahm.
Gespannt wartete er auf ihre Antwort während das Pochen hinter seiner Stirn allmählich nachließ.
Zuletzt geändert von Roac am Sonntag 2. August 2015, 23:30, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Samstag 28. Februar 2015, 13:58

(Hintergrundmusik)

Cadice hieß sie also. Der Name gefiel ihm.
"Lang genug um mir nun sicher zu sein, dass du kein gewöhnliches Freudenmädchen bist."
Mit dem Daumen schob er den Lappen zurück und blinzelte ihr entgegen. Sie hatte sich inzwischen wieder ihre gesamte Garderobe angezogen, was er an ihrem sauber geschnürtem Mieder sofort erkannte. Darüber wölbten sich in herrlicher Perspektive zwei köstliche Hügel unweit seines Gesichts. Sie ließ kurz von ihm ab um den Lappen frisch zu machen und legte ihm dann wieder die lindernde Kühle auf die Stirn. Er sah kaum ihr Gesicht, aber ihr Profil verriet, dass sie lächelte.
"Sag mir, Cadice ..."
Sie sah ihn an.
"Wie viele Männer können behaupten, dass sie sich für dich von einem Fass überrollen haben lassen? Ich glaube nach der Sache bist du mir zumindest ein paar Antworten schuldig."
Bewusst hatte er sie beim Namen genannt und sah ihr in die Augen., die zweimal langsam blinzelten. Dann hob sie spielerisch die Hand und begann mit den Fingern bis vier zu zählen, bevor er weiter sprach.
"Wer seid ihr? Ich kenne die meisten Banden noch von früher, aber nur eine die als Spitznamen durchgehend Tiere verwendet hat. Und das war die von Rotfuchs. Die... gibt es aber schon länger nicht mehr..."
Der Hehler verstummte und lehnte sich wieder zurück. Er hatte versucht den Kopf zu heben und es bitter bereut. An ein Aufsetzten war noch nicht zu denken. Ausdruckslos starrte er an die schmutzige Decke. Es war hirnrissig von ihm zu glauben, dass jemand aus seiner alten Gruppe noch am Leben war. Zu viel war geschehen. Ihre weiche Hand berührte abermals den Lappen und fuhr dann langsam zu seiner Wange hinab, als ahnte sie seine dunklen Erinnerungen. Roac wechselte das Thema:
"Sprecht ihr alle Rendinea?"
Er kannte nur wenige Diebe, die tatsächlich mehr als nur ein paar Wörter davon sprachen. Er beherrschte selbst nur einen Bruchteil davon, gerade einmal die rudimentären Kenntnisse die ein Hehler zum Verhandeln brauchte. Es hieß die Gilde bildete darin aus, zumindest hatte Lares davon berichtet, der ja selbst einige Zeit ein Mitglied war. Doch mit ihr war es so eine Sache, selbst Lares hatte recht wenig von dem geheimen Bund der Meisterdiebe erzählt.
Gespannt wartete er auf ihre Antwort während das Pochen hinter seiner Stirn allmählich nachließ und diese zarten Fingerspitzen sanft seine Schläfen massierten. Cadice beugte sich lächelnd über ihn und bedeutet mit der freien Hand, dass er nicht versuchen sollte, sich zu bewegen. Dies war ein Vorschlag, dem er nur zu gern nachkam, so gern er in diesem Moment vielleicht etwas anderes getant hätte. Zum greifen nah war ihr Körper und ihre Augen schwebten kaum zwei Hand breit über ihm im weichen Licht der Nacht.
„Also erstens … nur meine besten Freunde dürfen mich Cadice nennen und bei dir … bin ich mir da noch nicht ganz sicher.“
Schäkerte sie mit ihm und ihre Hüfte bewegte sich an seiner Seite, als sie die Beine neu positionierte.
„Zweitens … Das Wort „gewöhnlich“ sollte ein Mann niemals einer Frau gegenüber in den Mund nehmen, auch nicht wenn sie ein Freudenmädchen ist.“
Ihre Stimme war fast nur ein Flüstern und unsagbar weich und sanft für seine geschundenen Sinne. Ihr einer Arm stützte sich neben seiner Schulter ab, während sie sich nah über ihn beugte und ihre andere Hand sich an seine Wange legte. Roac fühlte, wie ihr Daumen ihn streichelte und ihr blick demselben folgte.
„Drittens … Das mit dem Fass tut mir leid. Ich bringe ihnen bei, ihren Kopf zu benutzen, wenn sie sich nicht wehren können. Aber du musst schreckliche Kopfschmerzen haben.“
Was für Kopfschmerzen? Allein um diese Krankenpflegerin möglichst lange, möglichst nah um sich zu haben, nickte Roac sehr vorsichtig und Cadice streckte ihren Rücken um nach etwas ihn ihren Rocktaschen zu suchen. Dabei kamen die weichen Berge seinem Gesicht so nah, dass er ihre Wärme spüren konnte.
„Rendinea? … Ich bringe es den Welpen bei, so nennen wir die Kleinen.“
Sie hatte es gefunden und hielt ein kleines Fläschchen in der Hand. Suchend sah sie sich um und dann Roac an. Kurz überlegte sie wohl, ob sie ihn aufsetzten sollte um ihn den Inhalt des Flakons einzuflößen, doch zögerte. Sie sah ihn an und schmunzelte spitzbübisch. Sie löste eine Hand von ihm, entfernte den kleinen Korken und flüsterte:
„Das wird dir die Schmerzen nehmen. ...und da ich nichts habe um es dir einzuflößen, mach ich es wie … die Vögel.“
Wieder dieses süße Schmunzeln.
„Nur einen kleinen Schluck und ich werde nicht aufhören, bis du es getrunken hast.“
Sie nahm das Fläschchen an die Lippen und stellte es dann beiseite. Die zarte Hand kehrte zurück an seine Wange und ihr Körper legte sich sanft an seinen, ohne ihn zu beschweren. Die Spitze ihres Daumens hatte seine Lippen erreicht und strich einmal von einem zum anderen Mundwinkel. Auf dem Rückweg öffneten sie sich fast automatisch und ihr Blick veränderte sich leicht. Ihre Lider zitterten leicht. Verzückung, Spieltrieb und noch etwas anderes lag in diesem stillen Augenblick. Ihre weichen, warmen Lippen öffneten massierend seinen Mund und die Spitze ihrer Zunge berührte seine Zähne. Ihre Nase drückte sich an seine und raubte ihm die Luft zum Atmen. Dann lief bittersüßer Mohnsaft in seinen Rachen. Roac erkannte den Geschmack aus schlimmeren Zeiten, doch so süß wie heute war er noch nie gewesen. Irgend etwas anderes musste dem Saft noch beigemengt sein. Das Schlucken war mehr ein Reflex und fast schon eine Tragödie, aber er musste, wollte er nicht ersticken. Kurz zupften ihre Lippen noch an seinen dann setzte sie sich wieder gerade hin. Schnell breitete sich ein leichtes Kribbeln in seinem Mund, Rachen und Magen aus. Der Atem wurde langsamer.
„So ist es brav, ... mein stolzer Rabe. Gleich wirst du schlafen und deine Cadice wacht über dich.“
Langsam verschwamm schon ihr Bildnis vor seinen Augen und Roac fühlte wie seine Sinne sich in weißen Federflaum hüllten.
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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Mittwoch 4. März 2015, 00:10

Falls Roac sich Antworten auf seine Fragen erhofft hatte, so wurde er von der vermeintlichen Dirne bitter enttäuscht. Aus ihren vagen Äußerungen wurde er nicht schlau, worauf es Cadice natürlich auch anlegte. Trotz seines pochenden Schädels spürte der Hehler leichten Ärger in sich aufsteigen. Ihren verletzten Schützling retten, sie zur Feder führen, ein Fass gegen die Leiste wegstecken - was musste er noch alles tun um ihr Vertrauen zu gewinnen? Schließlich war er derjenige, der nun das dunkle Volk vor der Haustür stehen hatte, ob nun Hase in Sicherheit war oder nicht. Wieder bei Kräften und nicht auf sie angewiesen hätte Roac gute Lust sie aus dem Laden zu werfen. Wenn sie nur nicht so verdammt anziehend wäre...
„Das wird dir die Schmerzen nehmen. ...und da ich nichts habe um es dir einzuflößen, mach ich es wie … die Vögel.“
Von ihrem tiefen Dekolleté abgelenkt, welches ihm die Sicht verdeckte, bemerkte er erst jetzt das gläserne Fläschchen in ihrer Hand. Der Hehler erkannte die milchige Flüssigkeit sofort. Es gab eine Zeit in der ihm das Laudanum ganze Tage aus dem Gedächtnis gestrichen hatte, nur um ihm die Qual des Bewusstseins zu rauben. Doch die Schmerzen von damals waren bei weitem nicht mit den paar blauen Flecken und Schrammen zu vergleichen. Wollte sie ihn betäuben? Und wenn ja, was hatte sie danach mit ihm vor?
Nein vergiss es, das Zeug rühr ich nicht an. Du solltest jetzt...
Er brach mitten im Satz ab, als Cadice das Fläschchen zum Mund führte und ihn verführerisch anlächelte.
„Nur einen kleinen Schluck und ich werde nicht aufhören, bis du es getrunken hast.“
Sie kam ihm wieder näher, ihre weiche Haut strich über seine Wange
"Du solltest... solltest jetzt... gehen..."
Schwach versuchte er sie auf Abstand zu halten, doch sein Glieder wollten ihn auf einmal nicht mehr gehorchen. Anstatt sie von sich zu schieben schlang Roac die Arme um sie und zog sie nur noch mehr zu sich. Ihr Blick fesselte ihn und machte es unmöglich, sich von ihr loszureißen. Wie in Trance sah er zu, wie sie sich zu ihm hinabbeugte und schon öffnete er den Mund um ihre heißen Lippen mit den seinen zu empfangen. Der Kuss dauerte jedoch nicht lange und nahm bald eine unschöne Wendung, als der Schlafmohn seinen Gaumen erreichte. Reflexartig schluckte er - und spürte augenblicklich wie das Schlafmittel begann seine Wirkung zu entfalten.
„So ist es brav, ... mein stolzer Rabe. Gleich wirst du schlafen und deine Cadice wacht über dich.“
Seine Lieder wurden schwer und Cadice Gestalt immer unschärfer. Bald schon sackte er in sich zusammen und verlor endgültig das Bewusstsein.

Schließlich brach der Schleier aus Dunkelheit und Roac fand sich auf dem Dach der Feder wieder. Es war Nacht, und eine wunderschöne noch dazu. Der Himmel war klar und die Sterne spendeten genug Licht um die Umrisse der Häuser gegen die tiefe Schwärze wahrzunehmen. Eine leichte Briese strich durch sein Haar und Roac breitete die Arme aus um sie willkommen zu heißen. Der Wind ließ seinen Mantel nach hinten flattern und schickte ihm ein leises Kribbeln durch den ganzen Körper. Doch auch als sich schon wieder längst gelegt hatte, ließ das Gefühl nicht nach. Im Gegenteil, es wurde nur noch heftiger. Mit wachsender Unruhe sah Roac an sich herab und bemerkte entsetzt, dass seine Kleidung sich zu wölben schien. An den Stellen, an denen seine Haut offen lag beobachtete er mit Grausen wie sich zahlreiche Blasen bildeten und zu der Größe von Kirschen anschwollen. Ein jeher Schmerz zog sich durch seine Wirbelsäule und ließ ihn schreiend zu Boden sinken. Die Stimme des Hehlers hörte sich dabei so fremd und unmenschlich an, dass nicht einmal er selbst sie wieder erkannte. Dann ertönte ein lautes Reißen und die Ärmel des Mantels lösten sich mit einem Ruck von den Schulterteilen. Ein Blick zur Seite offenbarte ihm den Grund dafür in Form seiner Arme, die missgebildet und krumm gen Himmel zeigten. Klagend senkte er den Kopf und spürte wie sich seine Füße verformten und scharfe Krallen durch das Leder der Stiefel drangen. Mit einem ekelerregendem Geräusch platzten die Blasen auf seiner Haut und eine schwarze, flaumige Masse ergoss sich über seinen Körper, drang in jede Pore und hakte sich dort fest. Roac schrie erneut, doch diesmal war es mehr ein Krächzen als ein eigentlicher Klagelaut. Die Federn nahmen ihn die Sicht, er taumelte, schwankte und stürzte Kopfüber vom Dach. Im Fall verlor er auch die letzten Fetzen seiner Kleidung, gemeinsam mit dem Rest seiner Menschlichkeit. Bevor er auf dem Bordstein aufschlagen konnte, übernahm sein Instinkt die Überhand. Roac streckte die Glieder, die einst seine Arme gewesen waren und schlug kräftig damit. Einmal, zweimal... schließlich fing er sich und gewann wieder an Höhe. Er stieg immer weiter in den Himmel auf und flog Richtung Mond, die schwarzen Schwingen weit ausgebreitet. Auf einmal erspähte er einen fremden Schatten auf dem Erdboden, direkt unter ihm, mit einem seltsam, sperrigen Gegenstand in den Armen. Seine dunklen Pupillen weiteten sich und erfassten das Gesicht der Gestalt. Lange blonde Haare, blaue Augen, ein gewinnendes Lächeln um die Mundwinkel. Das Lächeln verschwand auch nicht von ihrem Gesicht, als sie ihn mit ihrer hölzernen Armbrust ins Visier nahm. Es sirrte, ein Aufschlag. Roac kreischte und wandte sich vor Qual in der Luft, als der Bolzen seinen linken Flügel zerschmetterte. Schließlich, ganz langsam, verlor er an Höhe und begann in den Abgrund aus Häusern und Straßenstein zu stürzen. Bevor er aufschlug, konnte er noch einen letzten Blick auf seine Mörderin erhaschen. Sie lächelte immer noch ihr zuckersüßes Lächeln.

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Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 5. März 2015, 09:39

Ob es nun Roacs angeborenem Misstrauen oder schlicht seinen schlechten Erfahrungen geschuldet war, dass er diese Nacht von einem Traum in den nächsten gejagt wurde, dass wusste nur er und die Götter. Wo der Traum in den Armen einer schönen Frau endete, begann ein neuer und schnell verschwanden alle bewussten Gedanke. Manthala hatte ihm wohl nur für eine Nacht ihren Seegen geschenkt, denn das Grauen, dass ihn im Schlaf heim suchte war sicher nicht von ihr, oder doch? Hatte er zu wenig bezahlt? Hatte er die wankelmütige Göttin der Nacht mehr erwartet? Lulu die Dirne hatte 10 silberne Münzen erhalten, genau so viel wie sie verlangt hatte, keine mehr. Hätte er dem Wirt ein Trinkgeld geben sollen, dem Barden oder einfach auf dem Weg durch die Nacht ein paar Münzen fallen lassen sollen? Wer konnte schon wissen, was ein Gott wollte. Sie sprachen leider immer sehr undeutlich zu ihren Schäfchen. Nuscheln war auch das Geräusch was Roacs Nerven zum singen brachte und langsam aus seinem tiefen Schlaf weckte. Gut es war kein Nuscheln, es war mehr ein wiederholtes Flüstern seines Namens:
„Roac. Roac. Rabe. Schwinge der Nacht.
Hast Dunkelheit zu deinem Freund gemacht.
Roac. Roac. Rabe. Hörst du mein Flehen,
doch keiner kann dich im Schatten sehen.
Roac. Roac. Rabe. Dein Ruf erklingt.
Roac. Roac. Rabe. Der Vogel deinen Namen singt.“
Dann schmeckte er abermals den bittersüßen Kuss des Mohns.

Lares saß an seinem Bett und reichte ihm den Kelch. Sein Mentor, sein Lehrmeister, sein Freund grinste und es war als wäre er am Leben. Das Bild zerfloss vor Roacs Augen und er hörte den Schrei des Raben krächzend an seinem Fenster: „Roac … roac ...“ Er sah hinauf und blickte in die starren, kleinen Augen, die in seine starrten. Es zog ihn hinauf zu diesem Bild und die Erinnerung an seinen Körper löste sich in der des Raben auf. Ein ziehen in den Gliedern, ein Regen und Bewegen und der Vogel steckte seine Glieder und krächzte noch einmal: „Roac ...“. Dann flog er davon und seine Sinne mit ihm. Der Flug über die Dächer der Stadt begann. Mal wogte sein Körper sanft dahin, mal kämpfte er gegen die Winde. Alt bekannte Kamine, Schindeln und Regenrinnen begleiteten ihn auf seinem Weg, bis sie sich wandelten. Gärten voller Steine, Mauern ohne Tore, kleine Häuser ohne Fenster zogen an ihm vorbei. Ein gewaltiger Baum lud mit seinen Ästen zum Verweilen ein, doch der Wind trug ihn weiter.

Roac „träumt“ weiter bei: Erwachen zwischen Schatten
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