Vom Regen in die Traufe

Pelgars Markt ist auf einem rechteckigen großen Platz zu finden, in dessen Mitte sich ein Steinbrunnen befindet. Hier erhält man Nahrungsmittel, Vieh, aber auch tüchtige Handwerker kann man antreffen, die gegen Gold ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen.
Antworten
Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4223
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Erzähler » Sonntag 10. April 2011, 18:26

[Uriel kommt hier her: Die Hauptstadt Pelgar – Die Kanalisation]

Nach seinem unangenehmen Abenteuer in den Abwasserkanälen von Pelgar, fand sich Uriel in einer engen, schattigen Seitengasse wieder. Trotzdem wirkte die Sonne im ersten Moment blendend Hell und schmerzhaft in den Augen des Hybriden. Wahrscheinlich war er einfach viel zu lange unter der Erde gewesen. Um ihn herum erhoben sich hohe Steingebäude, die nur eine dünne Gasse frei ließen, die zu allem Überfluss auch noch einige Meter weiter abknickte. So konnte Uriel im Augenblick nicht einmal sagen, wo genau er sich befand, folglich war auch die Karte, die er Marek abgenommen hatte, nutzlos, bis er sich orientiert hatte. Es half wohl nichts, als sich vorsichtig vorzuwagen und genauer umzusehen.
Obwohl es Tag war, fehlte das Geschrei von Kindern, das Gezanke von Waschweibern und das Gebrüll von Händlern, die ihre Waren anpriesen. Wahrscheinlich hielten sie sich alle in ihren schützenden Häusern auf, aus Angst vor der Invasionsarmee vor den Toren. Nur der gleichmäßige Stechschritt von schweren Stiefeln war zu hören, so als nahmen die Verteidiger just in diesem Moment auf der anderen Seite der Häuser Aufstellung.
”Na los ihr faules Pack! Kehrt und zurück zur Kaserne!“ Nachdem Uriel nun einige Zeit in der Gesellschaft eines Dunkelelfenkommandanten verbracht hatte, hatte er zwar nicht die düstere Sprache gelernt, war aber sehr wohl in der Lage, sie wiederzuerkennen. Der düstere, herrische Ton der dunklen Sprache war unverkennbar.
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Sonntag 17. April 2011, 14:59

Das plötzliche Licht ließ Uriel instinktiv die Augen schließen. Er war so lange unter der Erde gewesen, dass das fahle Sonnenlicht in der Gasse ihn wie Messerstiche trafen. Hätte nie gedacht, dass mir der Anblick von Tageslicht mal Tränen in die Augen treibt., dachte er und hievte sich vorsichtig aus dem Abwasserloch. Als er wieder klar sehen konnte, begann er erst einmal sich sorgfältig zu inspizieren. In der Dunkelheit der Kanalisation hatte er nicht sehen können, wie groß die Verletzungen waren, die der Dunkelelf ihm zugefügt hatte. Nun, bei besserem Licht, wurde ihm klar was für ein Glück er gehabt hatte. Die Stichwunde war nicht sehr tief und es waren auch keine Knochen verletzt. Wehtun tat sie trotzdem, aber Uriel hatte schon Schlimmeres duchgestanden. Der Dreck an seinem Körper und seinen Flügeln verdrießte ihn mehr. Er hatte schon immer einen hohen Standard in Sachen Hygiene gehabt und dass er nun aussah, als hätte er sich im Dreck gesuhlt - was in gewisser Weise ja auch stimmte - war äußerst ärgerlich.
Während er leise murrend den gröbsten Schmutz abklopfte, fiel dem Hybriden etwas merkwürdiges auf. Nach dem Lichteinfall war es früher Nachmittag, doch es fehlten nahezu alle Geräusche und Stimmen, die für eine Stadt wie Pelgar zu dieser Tageszeit typisch gewesen wären. Kein Kindergeschrei, keine Unterhaltungen, nur der militärische Gleichschritt von Soldatenstiefeln. Natürlich war die Stadt im Belagerungszustand, was das Fehlen der Geschäftigkeit erklären würde, dennoch beschlich Uriel ein ungutes Gefühl. Der Trupp, den er in der Kanalisation abgeschüttelt hatte, war zur Infiltration der Stadt dagewesen. Dass die Dunkle Horde von den Schleichwegen in die Stadt wusste, war kein gutes Zeichen. Ein kluger General hätte mehrere Trupps losgeschickt.
Mit diesen düsteren Gedanken ging Uriel durch die Gasse, in Richtung der Schritte. Wenn er erstmal aus dieser Gasse raus war und sich orientiert hatte, könnte er auch endlich diesen verdammten Brief abliefern und dann so schnell wie möglich aus dieser verfluchten Stadt fliehen. Dann kann seinetwegen Pelgar gerne vor die Hunde gehen, er wäre dann außerhalb der Gefahrenzone.

”Na los ihr faules Pack! Kehrt und zurück zur Kaserne!“ Abrupt blieb Uriel stehen. Er hatte sich doch wohl verhört, oder? Das durfte - nein, das KONNTE nicht wahr sein! Doch die Sprache war unverkennbar. Der Wortlaut, der Ton, all das stimmte mit der dunkelelfischen Sprache überein. Auch wenn ein Teil von Uriels Verstand sich dagegen sperrte, so wusste doch der intelligente Part des Hybriden, was solche Wort innerhalb von Pelgar zu bedeuten hatten. Die Stadt ist gefallen. Dieser Gedanke kam mit der Endgültigkeit eines herabfallenden Felsens über Uriel. Geschockt sank er der Häuserwand nieder. Er hatte nie die Möglichkeit, dass Pelgar tatsächlich fallen könnte in Betracht gezogen. Das die Stadt in Schwierigkeiten war, dass Teile von ihr fallen könnten, ja, aber dass Pelgar, das große Pelgar, erobert werden könnte, dass hätte er nicht gedacht. Die Stadt war ein Wahrzeichen des Sieges und der Freiheit. Sie hatte mehrere Kriege überstanden und noch vieles mehr. Pelgar war für Uriel wie das Drachengebirge selbst vorgekommen. Massiv, seit Anbeginn der Zeiten, unerschütterlich.
Nun, wie es scheint ist nun auch diese Kerze ausgeblasen worden., dachte er bitter, Das große Pelgar, erobert. Ich bin wohl naiver als ich dachte, wenn mich diese Nachricht so schwer trifft.
Dass die Stadt gefallen war, hatte jedoch nicht nur moralische Folgen für ihn, das wusste er. In ihr würde es nun von Dunkelelfen, Orks und dergleichen nur so wimmeln. Ein Durchkommen war nun kaum möglich. Und die Übergabe an den Zweitboten auch nicht. Erschöpft ließ Uriel den Kopf sinken. Was sollte er jetzt tun? Sein Blick fiel auf den Brief. Und im selben Augenblick wusste er, was er zu tun hatte. Es war Wahnsinn, diese ganze Sache jetzt noch durchzuziehen. Aber ich hab mich in letzter Zeit sowieso nicht sehr vernünftig angestellt. Bis jetzt hatte ich ja Glück gehabt. Wollen wir doch mal sehen wie lange das anhält., sagte er sich in einem Aufkommen von Draufgängertum. Doch vorher wollte er wissen, was in dem Brief stand. Er fand, das stand ihm nun zu.
Also öffnete er vorsichtig das Siegel.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4223
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 21. April 2011, 18:54

Das langsam leiser werdende, rhythmische rasseln der schweren Rüstungen zeigte, dass sich die Truppe der Dunkelelfenbesatzer tatsächlich zurück zogen und nach ein paar Minuten war nicht einmal mehr der wallende Stechschritt der schweren Stiefel zu hören. Fürs erste ging zumindest von diesen Soldaten keine Gefahr mehr aus. Aber was hatte der Rabenhybrid damit gewonnen? Durch die gewaltigen Schwingen auf seinem Rücken war der Vogelelf in etwa so unauffällig wie ein Troll inmitten einer Schar von Gnomen. War es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis man ihn schnappen und erledigen würde? Vielleicht war es ja wirklich das einfachste, aufzugeben und den Versuch zu starten, aus der eroberten Stadt zu entfliehen. Was brachte es denn zu Kämpfen, wenn der Gegner bereits gewonnen hatte? Es war wirklich ein übler Scherz des Schicksals. Da schaffte der Bote es mit Müh und Not, sich durch das Drachengebirge zu Kämpfen, fiel einer Orkrotte in die Hände, wurde buchstäblich durch die Scheiße gezerrt, schaffte es letztlich doch zu entkommen und stand nun ohne große Hoffnung in einer dreckigen Seitengasse. Und das alles nur wegen eines kleinen fetzen Papiers!
Da war es doch zumindest sein Anrecht, zu wissen WAS in dem Brief stand, den er hier zu überbringen hatte. Vielleicht half es ihm ja, in dieser misslichen Situation voran zu kommen? Oder zumindest erfuhr er, ob es sich überhaupt noch lohnte, die Nachricht tatsächlich auszuliefern. So brach Uriel das Siegel, mit dem der Umschlag verschlossen worden war. Im inneren des Kuverts befanden sich nicht nur ein Schreiben, sondern gleich mehrere, dünne Seiten. Jedoch schien nur die erste auch wirklich beschrieben worden zu sein. Die drei nachfolgenden Blätter waren anscheinend mit simplen Skizzen vollgekritzelt worden, in denen eine einzelne Person immer wieder zu sehen war. Ausschließlich die Hände und der Gesichtsausdruck der Skizzengestallt veränderte sich von Bild zu bild und zwischendurch waren ein oder zwei seltsame Zeichen hingekleckst worden. Da man daraus nicht wirklich schlau werden konnte, nahm sich Uriel den kurzen Brief vor. Dieser war in gewöhnlichen garmisch gehalten und daher für den Hybriden gut verständlich. Zumindest die Worte, wenngleich der Text selbst mehr verbarg als es einem flüchtigen Betrachter klar war.

Mein guter Freund Yuri,
mit schmerzen habe ich vernommen, wie es dir und deinen Brüdern und Schwestern in Pelgar ergeht. Der große Vater und die jungen Väter haben sicherlich alle Hände voll zu tun, um dem unrecht entgegen zu wirken. Niemand kann sagen, ob dich meine Worte erreichen werden. Ich schicke sie über einen Boten, der mir empfohlen wurde, aber nicht zu unser Familie gehört. Groß ist der Wunsch in mir, offen mit dir zu reden, doch um so besorgter bin ich, dass dieses Schreiben falschen Kräften in die Hände fällt.
Stattdessen lege ich diesem Brief eine Sammlung meiner neuesten Bilder bei, in der Hoffnung, das der große Vater sie hilfreich und interessant findet. Und wisset, dass es weder der jungen Mutter in der Apfelburg, noch dem weisen Vater im Garten besser ergeht als euch. Deine Familie ist groß, mein Freund Yuri, und ich glaube nicht, dass sie alle bei uns in Zyranus untergebracht werden können, zumal das Tor schwerer bewacht ist denn je.
Ich wünsche euch allen gute Hoffnung.
Dein Bruder Isno Gooht
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Samstag 23. April 2011, 15:09

Langsam las Uriel sich den Brief durch. Und, obwohl er in einer äußerst gefährlichen Lage, konnte er es nicht verhindern, dass sich ein schiefes Lächeln auf sein Gesicht ausbreitete, mit jeder der Zeile, die er las. Als er fertig war, schüttelte ihn ein stummes Lachen. Er war reingelegt worden. Man hatte ihn nach allen Regeln der Kunst verarscht. Die ganze Zeit über war er nichts weiter gewesen als eine Figur in den Händen eines Spielers. Er war in dem Glauben losgeschickt worden, eine Nachricht für die Bruderschaft des Lichtes zu überbringen. Und nun...

Uriel hatte schon genug verschlüsselte Nachrichten in seinem Leben überbringen müssen, um eine zu erkennen, wenn sie vor ihm lag. Das was nun als vermeintlich harmloser Brief von zwei Freunden vor ihm lag war mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas vollkommen anderes. Es gab einiges das Uriel nicht verstand, doch manche versteckten Hinweise waren ihm geläufig. Mit der "Apfelburg" zum Beispiel war Nichts anderes gemeint als Andunie. Mit den Zeichnungen konnte der Hybrid nichts anfangen, dennoch zeigten sie - und der Inhalt des Briefes - , dass es nicht die Bruderschaft gewesen war, die Uriel beauftragt hatte. Er hatte sogar schon einen Verdacht, doch sicher war er sich nicht.
Fakt war, dass man ihn reingelegt hatte. Die besten Scherze sind doch jene, die auf die eigenen Kosten gehen. Man scheucht mich durch das Drachengebirge in eine eroberte Stadt und ich bin auch noch glücklich darüber einer guten Sache zu dienen. Der Witz des Jahres!. Doch während er noch lachte, erfüllte gleichzeitig eine brennende Wut. Es gab viele Dinge, die Uriel verärgerten, doch nur wenige, die ihn zur Weißglut treiben konnten. Ihn zu benutzen und zu hintergehen gehörte jedoch dazu. Wo vorher noch Trotz und Stolz ihn zum weitermachen getrieben hatten, war es nun blanke Wut, die ihn nun dazu brachte sich aufzurichten. Mit einer kleinen Flammen schmolz er das Wachs an und versiegelte den Brief wieder. Dann blickte er sich um und dachte über siene nächsten Schritte nach. Er befand sich in einer Gasse in Pelgar, sein Ziel war im Reichenviertel. Am besten wagte er einen kurzen Blick aus der Gasse um sich zu orientieren. Dann könnte er anhand der Karte sich eine Route zurechtlegen.
Diese Kerle dachten, sie könnten ihn ausnutzen. Na schön, Uriel würde ihnen ihre heiß ersehnte Nachricht bringen! Doch wenn sie dann keine gute Begründung für ihr Tun hatten, dann Gnade ihnen das Götterpaar!

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4223
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 28. April 2011, 22:01

Sicher, einem flüchtigen Betrachter wäre an dieser Nachricht wohl nichts besonderes aufgefallen. Es hörte sich schlicht weg nach den aufmunternden Worten eines Familienmitglieds an. Es war mehr das, was man zwischen den Zeilen lesen konnte. Wahrscheinlich war der Brief ohnehin nichts anderes, als ein Lockvogel, hinzugefügt um Feinde zu irritieren, sollte die Botschaft in die falschen Hände fallen. Oder einem zu neugierigen Boten, der gegen seine Anweisungen das Päckchen öffnete. Es lag daher nahe, dass die wahre Nachricht sich irgendwie in den weiteren Seiten versteckte. Vielleicht waren diese Zeichnungen eine Art geheimer Zeichensprache? Doch sich darüber den Kopf zu zerbrechen brachte nichts. Solange Uriel diese Skizzen nicht interpretieren konnte und auch keinen Hinweis zur Dechiffrierung besaß, würde er daraus nicht schlau werden.
Wie auch immer man das ganze betrachtete, es lag wohl deutlich auf der Hand: Dieser Ritter, damals in der Taverne in Zyranus, hatte eindeutig nicht die Wahrheit gesagt, als er dem Rabenmann die Nachricht zur Überbringung aufgegeben hatte. Nicht jeder Krieger, der in einer glänzenden Rüstung daher kam, hatte auch einen strahlenden Kern. Was war nur, wenn man die Gutgläubigkeit des Boten ausgenutzt hatte und er am Ende für wirklich finstere Mächte sein Leben riskiert hatte? Vielleicht war es dann sogar ganz gut gewesen, dass er nicht Rechtzeitig VOR der Besetzung der Hauptstadt eingetroffen war. Andererseits machte es aber auch die erlebten Strapazen der Reise nicht wieder wett. Und vor allem hatte ihn auch noch niemand bezahlt!
So entschloss der Hybrid, den Kuvert wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu bringen. Vorsichtig faltete er die Zettel wieder zusammen, ohne neue Knickstellen zu erzeugen und schaffte es sogar, dass Wachssiegel neu zu befestigen. Ein dünner Riss, hauchzart wie ein Haar, zerteilte das runde Siegel, in dem man einen Mond und etwas was an eine stilisierte Katze erinnerte. Das seltsame, unvertraute Symbol, war dem Hybriden zuvor gar nicht aufgefallen, aber ob die Bruderschaft ein solches Zeichen verwendete? Unwahrscheinlich.
Nun jedoch wurde es langsam Zeit, weiter zu machen. Er hatte sich dazu entschieden, den Zwischenboten zu überspringen und den Umschlag nicht zur Taverne zum Pony zu bringen, sondern stattdessen das wahre Ziel anzupeilen. Und das lag anscheinend im Reichenviertel von Pelgar. In dem Sinne war es wohl ein glücklicher Zufall gewesen, dass der Briefumschlag während des Kampfes mit dem Dunkelelfen ins Dreckwasser gefallen war. Zwar war die eine Seite nun verschmutzt und roch auch dementsprechend, aber da die Blätter im inneren nicht beschädigt worden waren, stattdessen aber die geheime Adresse freigelegt wurde, musste sich Uriel nicht beschwären.
Doch zuerst galt es einmal, heraus zu finden wo genau in Pelgar er denn nun heraus gekommen war. Das war sicherlich leichter gesagt als getan, denn die Stadt war unübersichtlich und verdammt groß. Selbst mit der Karte, die er Marek abgenommen hatte, würde es nicht leicht werden. So half es auch nicht sonderlich, als Uriel um die Ecke der Gasse bog und vor sich eine schmale Straße sah, die an beiden Seiten von zweistöckigen Wohnhäusern gesäumt war. Etwa 20 Meter zu seiner rechten war mehrere Gebäude eingestürzt – wahrscheinliche Opfer eines Katapulttreffers – und blockierten den Weg. In die andere Richtung begann sich der Weg mehrfach zu gabeln, aber abzweigende Straße sah genau so aus wie die Vorangegangene. Er konnte sich überall auf der Karte befinden.
Ein Geräusch von Links erregte die Aufmerksamkeit des Elfen. Etwas, dass er schon eine weile nicht mehr gehört hatte. Ein paar giggelnde und lachende Kinder kletterten aus den Trümmern der zerfallenen Gebäude. Ein blonder Knirps ahmte den Stechschritt der Dunkelelfen nach, dafür erntete er mehrfaches Gelächter. Irgendwie war es doch ein wenig herzerweichend, dass diese Kinder sich selbst in ihrer schrecklichen Lage noch immer amüsieren konnten. Ihren besorgten Eltern ging es dabei wohl ganz anders ....
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Montag 9. Mai 2011, 17:37

Uriel trat vorsichtig aus der Gasse und sah sich kurz um. Er hätte genauso gut da bleiben können, wo er vorher gewesen war. Nirgendwo gab es Zeichen oder Hinweise darauf, wo er sich genau befand. Und das eingestürzte Gebäude links von ihm war höchstwahrscheinlich nicht in der Karte eingezeichnet. Uriel wusste, dass es wenig Sinn machte der Straße zu folgen und an den Kreuzzungen abzubiegen. Er würde sich nur noch mehr verirren und womöglich sogar der Dunklen Armee in die Hände fallen. Wenn wenigstens ein Rabe in der Nähe wäre...
Mit dem Vogel hätte der Hybrid sich verständigen können. Er hätte ihm gesagt, wie er zum Reichenviertel kam. Obwohl das nicht sicher wäre. Raben waren von Natur aus zänkisch oder ausgebuffte Lügner. Manche machten sich einen Spaß daraus, andere reinzulegen. Und Erstere waren auch nicht für ihre Kooperativität bekannt. Das Einzige worauf man sich bei ihnen verlassen konnte war ihr Egoismus. Mach ihnen ein Angebot, dem sie nicht widerstehen können oder mach ihnen klar, dass helfen in diesem Fall die beste Option wäre, und sie sind auf einmal die besten Freunde! Zumindest solange alles glatt läuft. Etwas was in letzter Zeit bei Uriel nicht der Fall war.

Während der Kurier noch vor sich hin grübelte, hörte er von links ein Geräusch. Instinktiv flüchtete er wieder in die Gasse. Womöglich war ein weiterer Patrouillentrupp im Anmarsch. Doch was er nun hörte war kein militärischer Gleichschritt, sondern Lachen. Kinderlachen. Er hatte es zuerst nicht einordnen können, so unwahrscheinlich hatte es ihm erschienen, hier im besiegten Pelgar das Lachen von Kindern zu hören. Vorsichtig lugte Uriel um die Ecke. Tatsächlich! Nicht weit von ihm, krabbelten ein paar Menschenkinder aus den Trümmernhaufen. Eines von ihnen, ein vorwitziger Knirps mit blonden Haaren, ahmte übertrieben den steifen Schritt der Dunkelelfen nach. Die anderen krümmten sich vor Lachen.
Uriel lächelte traurig. Es war rührend zu sehen, wie diese Kleinen inmitten einer zertrümmerten Welt versuchten zu leben. Nicht zu überleben, sondern zu leben. Zu versuchen Spaß und Liebe in einer Welt zu finden, welche solche Versuche und Hoffnungen zerstörte und bestrafte. Es war rührend...und traurig. In ein paar Jahren, vielleicht sogar Wochen, waren diese Menschenkinder entweder versklavt oder tot. Wobei Letzteres wahrscheinlich sogar besser für sie wäre., dachte der Hybrid bitter.
Dennoch, obwohl diese Kinder höchstwahrscheinlich keine guten Zukunftsaussichten hatten, waren sie für ihn ein Geschenk des Götterpaares. Sie konnten ihm sagen, wo er sich befand und ihm auch helfen sich zu orientieren. Vorrausgesetzt, sie flohen nicht bei seinem Anblick. Eine Reaktion, die zwar nachvollziehbar wäre, aber nicht vorteilhaft im jetzigen Moment.
Also trat Uriel aus der Gasse, jedoch nur soweit, dass man seine Flügel nicht sehen konnte schnallte sich sein Schwert ab und lehnte es neben sich an Häuserwand. Dann zwang er ein freundliches Lächeln auf sein Gesicht und wandte sich an die Kinder. "Hey, Kleiner! Wenn du fertig damit bist diese wandelnen Blecheimer zu imitieren, könntest du dir vielleicht ein bisschen Geld verdienen. Dann wird dein Vater dir womöglich nicht ganz so sehr den Hintern versohlen, wenn er dich erwischt." Womöglich nicht die beste Art ein Haufen Halbwüchsiger anzusprechen, doch Uriel baute auf das Selbstvertrauen des Blonden. Wenn der Junge nicht sofort wegrannte, war schon viel gewonnen.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4223
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Erzähler » Sonntag 15. Mai 2011, 20:52

Als die Dunkelelfen die Stadt überrannten und zu ihrem Besitz deklarierten, waren die meisten wehrtauglichen Pelgarer entweder in die Lager, die man in der Kaserne und dem Sanatorium eingerichtet hatte, gesperrt oder der Einfachheit halber direkt getötet worden. Bei den Frauen, den alten, den schwachen und kranken war das eine andere Geschichte. Die Stadt war gewaltig und auf jeden der Eroberer kamen bestimmt 10 Einwohner. Sie alle wegzusperren oder auch nur sie alle auszuschalten wäre mit einer Arbeit verbunden gewesen, die sich für die Besatzer im Endeffekt nicht gerechnet hätte. Die eigentlichen Bewohner von Pelgar waren nun zum größten Teil nur noch geduldete, die unter der Fuchtel der dunklen Brut standen und zwar solange, bis man sich etwas anderes für sie ausgedacht hatte. Bestimmt, einen nicht grade kleinen Teil der Bevölkerung würde man an die Sklaverei verkaufen oder zur Zwangsarbeit wegschicken. In den Schmieden von Morgeria brauchte man immer Hilfskräfte. Aber ein ungleich größerer Anteil der Menschen von Pelgar hatten wohl oder übel die Möglichkeit, ihr Leben so gut wie möglich weiter zu führen, mit dem Unterschied dass sie dafür Angst, Unterdrückung und Abgaben in kaufen nehmen mussten.
Was für ein Glück diese Kinder hatten, dass sie noch lebten und so herum tollen konnten, war ihnen gewiss nicht bewusst. Aber so waren Kinder nun mal. Sie lebten einfach in den Tag hinein und ließen sich von den dummen Sorgen der Erwachsenen nicht bedrücken. Einige von den tobenden Bälgern schienen noch so klein zu sein, dass sie die aktuelle Situation überhaupt nicht verstanden und das Verstecken, wenn die schwarzen Soldaten kamen, nur für ein neues lustiges spiel hielten.
Durch die für Kinder typische Aufmerksamkeit, die sie beim Spielen an den Tag legten, dauerte es eine ganze weile, bis die ersten auf den Hybriden aufmerksam geworden waren. Selbst als Uriel etwas sagte, um die Beachtung des blonden Anführers dieses Haufens zu erlangen, sahen sie nicht direkt hin.
Es war ein kleines, Mädchen, nicht älter als sechs oder sieben Jahre, in zerschlissener Kleidung und mit zwei langen, verfilzten, braunen Zöpfen, dass auf den fremden Mann aufmerksam wurde. Ihre großen Augen, die eine gewisse Intelligenz vermuten ließen, suchten ausdruckslos eine weile lang den Blick des Rabenhybriden. Sie drückte mit beiden Armen ein Stofftier an ihre Brust und schaute sich verstohlen um, als wünschte sie sich, noch jemand anderes würde die seltsame Gestalt bemerken. Da dem nicht der Fall zu sein schien, lief sie zu dem Blondschopf hinüber und zupfte ihm solange an der Lumpenkluft herum, bis er ihr endlich das Gesicht zuwandte. Ohne etwas zu sagen deutete die kleine in Uriels Richtung und nach und nach entdeckte die ganze Gemeinschaft den Eindringling.
Die meisten begnügten sich damit, misstrauisch zu gucken, nur der Anführer und ein paar andere ältere Jungs, empfanden das Bedürfnis nach mehr und liefen daher neugierig auf den Fremden zu. Was bestimmt nicht das beste für Uriel war. Denn als der erste Knabe unmittelbar vor ihm stehen blieb, sah dieser sofort die großen Rabenflügel, die aus dem Rücken des Fremden sprossen. ”MONSTER!” rief er aus voller Kehle und die gesamte Kinderschar begann zu kreischen und durcheinander zu rennen. Es dauerte vielleicht eine halbe Minute, bevor die Straße wieder menschenleer zu sein schien. Nun zumindest fast.
Das Mädchen, dass Uriel bemerkt hatte, war in dem Gewühle umgestoßen worden und rappelte sich jetzt langsam auf. Anstatt aber einfach weg zu laufen, wie die anderen auch, klopfte sie nur den Staub von ihrem Stoffbären und blickte unschlüssig zwischen dem Fremden und den Trümmern des Hauses hin und her, so als wisse sie nicht recht was nun zu tun war. Für einen Moment tauchte plötzlich noch einmal der Kopf des Blonden auf. ”Cassandra, komm her, los! Das da ist kein Mensch, also gehört er zu den Dunkelelfen.”
Aber das schien die kleine Cassandra nicht im geringsten zu kümmern. Langsam, fast wie eine Schlafwandlerin, ging sie stattdessen auf Uriel zu, die großen Hundeaugen schienen nicht einmal zu blinzeln und sie drückte Kuscheltier wie einen Schild vor die Brust. Auch als sie die Einmündung der Gasse erreichte und endlich die ganze Gestalt des Boten, mitsamt dessen Flügeln und Krallenfüßen erkennen konnte, schien sie keine Angst zu haben. „Du siehst überhaupt nicht böse aus. Bist du ein Engel? Bist du gekommen um uns vor den bösen Soldaten zu befreien?“ Obwohl sie noch so jung war und zweifelsohne in Garmisch erzogen worden war, ging ihr die Gemeinsprache fehlerfrei von den Lippen. Ein bisschen so, als wäre sie eine unbeteiligte, die nur bei einem Schauspiel zu sah, schaute das Mädchen nach oben, in das Gesicht des Halbelfen.
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Freitag 20. Mai 2011, 15:00

Warum? Warum kann es denn nicht einmal einfach sein!?, dachte Uriel. Da stand er nun und sah den Kindern zu, wie sie schreiend in die Gassen liefen. Uriel konnte kein Garmisch, doch selbst für ihn war es nicht schwierig was die Bälger schrien. Sie schrien genau das, was so ziemlich jeder schrie, wenn der Hybrid auftauchte. Zumindest waren sie noch nicht so weit, im nächsten Moment mit Heugabeln und Fackeln auf ihn loszugehen, sondern sich eher aufs Rennen zu beschränken. Irgendwie war es ja klar gewesen. Er hatte auch nicht ernstahft geglaubt, dass die Menschenkinder seine Flügel ignorieren würden. Zumindest aber, hatte er gehofft, dass sie nicht sofort weglaufen würden. Aber was hatte er denn erwartet? Ihre Stadt war in Trümmern und böse Kreaturen schlichen durch die Gassen. So gesehen war ihre Reaktion sogar ganz vernünftig. Was man nicht kennt, sollte man meiden. Oder töten. Das ist ja die gängige Praxis bei den Menschen.

Umso mehr überraschte es ihm, dass eines der Kinder stehen geblieben war. Um genau zu sein war es das kleine Mädchen, was ihn zuerst entdeckt hatte. Sie stand nun direkt vor Uriel, den kleinen Stoffbären in den Armen, und starrte zu ihm hoch. „Du siehst überhaupt nicht böse aus. Bist du ein Engel? Bist du gekommen um uns vor den bösen Soldaten zu befreien?“ Das Mädchen sah erbärmlich aus. Ein dreckiges Kleidchen, aufgeschürfte Knie und braune Zöpfe, die nur provisorisch zusammengebunden waren. Trotzdem, obwohl das Dunkle Volk ihre Heimat zerstört hatte, schien sie keine Angst zu haben. Stattdessen wirkte sie abwesend, so als wäre ihr inzwischen alles egal. Ich kenne diesen Blick., dachte Uriel, Ich hatte ihn selbst, als ich mich alleine im Dschungel durchgeschlagen habe. Für mich war eine Welt zusammengebrochen und für das Mädchen ist wahrscheinlich nicht anders.
Auch wenn er es nicht zeigte, der Blick und die Worte der Kleinen rührten ihn zutiefst. Sie weckte Mitleid in ihm und den Wunsch ihr wenigstens etwas von ihrer großen Last nehmen zu können. Sei kein Idiot! Du kannst ihr nicht helfen. Du kannst niemanden hier helfen. Du kannst ja nicht einmal dir selbst helfen!, schalt er sich. Dennoch, das Mitleid blieb.
Schließlich kniete Uriel sich nieder, begab sich auf Augenhöhe mit dem Mädchen und sagte: "Wenn ich ein Engel wäre, hätte ich meine Aufgabe wohl bemerkenswert schlecht gemacht, meinst du nicht auch? Aber du hast Recht. Ich bin hier um zu helfen." Es schmerzte ihn, das Mädchen anlügen zu müssen. Doch er musste diesen Auftrag zu Ende bringen. "Ich muss jemanden finden. Ich weiß seine Adresse, habe mich aber hier verirrt." Er kramte die Karte hervor. "Könntest du mir sagen, wo ich mich befinde?", fragte er sie freundlich. Dann hielt er kurz inne. "Wie heißt du eigentlich?"

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4223
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Erzähler » Sonntag 22. Mai 2011, 17:16

Die winzige Pelgarerin, die dem geflügelten Boten grade einmal bis zum Gürtel reichte, hatte damit angefangen, sich einen ihrer Zöpfe immer wieder um den linken Zeigefinger zu drehen, während sie mit dem anderen Arm weiterhin ihren pelzigen Begleiter an sich drückte. Sie bewegte sich nicht, als Uriel vor ihr auf die Knie sank, um Blickkontakt aufzunehmen und auch nicht, als ihr der Hybrid erklärte, wie seine Situation aussah und dass er nicht genau wusste wo er sich in der Hauptstadt des Menschenreichs befand. Aber diese starre, regungslose Haltung, war lange nicht so irritierend wie die Augen des Menschenmädchens. Schon zuvor hatte es so gewirkt, als würde sie nicht blinzeln, aber nun, da Uriel ihr genau ins Gesicht sah, konnte er genau erkennen, dass sie die schweren Lider tatsächlich nicht um einen Zoll bewegten. Außerdem wirkte ihr Blick ziemlich glasig, so als würde sie den Fremden gar nicht richtig sehen können.
Erst als er sie nach ihrem Namen fragte, senkte das Mädchen ihr Haupt, zuckte gleichzeitig mit den Schultern, während sie zu Boden sah. „Oh ich bin Cassandra, aber so nennen mich immer nur alle, wenn sie mit mir Schimpfen. Sonst nennen mich die meisten einfach Cass.“ Noch einmal zuckte sie mit den Schultern und wippte dann einen Moment lang auf den Fußballen vor und zurück. Dann ohne Vorwarnung schnellte ihr linker Arm nach vorne und klaubte dem unglückseligen Boten die gefaltete Karte aus der Hand. Mit einem Rück entfaltete sie das Pergamentblatt. Es war eine gekonnte Bewegung, denn nicht jeder schaffte es, eine gefaltete Karte mit nur einer Hand aufzuschlagen. „Die ist nicht besonders aktuell,“ nuschelte sie nach einiger Zeit, in der sie mit fachmännischem Blick die dünnen Tintenlinien begutachtet hatte.
Daraufhin drückte die kleine Pelgarerin dem Rabenmann seine Karte zurück in die Hände und deutete auf eine Ansammlung von gezeichneten Gebäuden. „Wenn der Marktplatz richtig eingezeichnet ist, dann bist du hier, aber die Straßen verlaufen jetzt etwas anders. Wo willst du denn hin? Dann kann ich dir sagen, ob du mit dem alten Lappen dort hin findest ...“ Obwohl Cassandra ganz freundlich klang, sagte sie es doch so beiläufig, als ginge es um nichts komplizierteres als das Wetter.
Inzwischen waren auch einige andere Kinder wieder aus den Ruinen geklettert und beobachteten das seltsame Paar misstrauisch. Einige tauschten besorgte Blicke miteinander. Es war ganz klar, dass der Mut der kleinen Cassandra die anderen nicht motivierte ebenfalls näher zu kommen, sondern vor allem von den älteren als leichtsinnig und dumm eingestuft wurde. Andererseits schien aber niemand wirklich Interesse daran zu zeigen, das naive Kind aus ihrer „heiklen Situation“ zu befreien. Entweder hatten sie alle zu sehr angst, dass der seltsame Vogelmann sie plötzlich angriff, oder aber sie mochten braunhaarige Mädchen nicht gut genug, um ihr beizustehen. Aber dass sie sich nicht wirklich in Gefahr befand – denn welche Gefahr sollte von dem an sich freundlichen Rabenhybriden schon für ein Kind ausgehen? – schien keiner zu denken. In sofern hatte Uriel anscheinend gut Glück gehabt, denn abgesehen von Cassandra hätte wohl keines dieser Straßenkinder ihm geholfen.
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Montag 30. Mai 2011, 17:06

Uriel war eigentlich kein besonders fröhlicher oder netter Kerl. Alle, die ihn kannten oder auch nur je von ihm gehört haben, würden das verneinen und die meisten würden vermutlich sogar bei Folter dabei bleiben. Doch die Art wie dieses Kind mit der Karte rumhantierte und ihr ernster Satz zur Qualität des Wisches, entlockte ihm ein kurzes Lächeln. Er war in letzter Zeit durch so viele lebensbedrohliche Situationen gestolpert und versuchte nun in einer von Dunkelelfen besetzten Stadt einen offensichtlich verschlüsselten Brief überbringen. Da heiterte ihn die ernste Haltung des Mädchen schon ein bisschen auf. Vor allem, wenn er daran denken musste, dass der Dunkelelfenhauptmann, der sich gerade unten in der Kanalisation dem restlichen Dreck anschloss, wahrscheinlich mit einer veralteten Karte durch Pelgar geirrt wäre, hätte Uriel ihm nicht freundlicherweise diese Last abgenommen.
Während Cassandra die Karte studierte, sah Uriel wie sich die anderen Kinder langsam wieder aus ihren Verstecken wagten. Die Tatsache, dass ihre kleine Freundin nicht augenblicklich vom "Monster" verschlungen worden war, schien sie ein wenig mutiger zu machen. Anscheinend jedoch nicht genug, dass sie Cass beistanden. Sie glauben wahrscheinlich, dass mit der Kleinen spiele. Oder dass dies nur eine besonders ausgefallene Variante des Kinderverschlingens ist. Kommher Kleine, zeig mir den Weg... und dann, wenn sie nicht hinguckt...Haps!, dachte Uriel, immer noch amüsiert. Dann jedoch, ein wenig nüchterner: Eigentlich ist ihre Reaktion gar nicht so falsch. Keiner von ihnen könnte Cass retten, wenn ich wirklich böse wäre. Da ist es besser sich selbst die Flucht offenzu halten, als dass man später bei einem sinnlosen Rettungsversuch draufgeht.

Dann wure Uriel auf einmal in seinen Überlegungen unterbrochen, als Cass ihm die Karte wieder in die Hand drückte. Erneut amüsiert, registrierte Uriel ihren Ausdruck "Lappen", dann konzentrierte er sich wieder aufs Wesentliche. Dank der Kleinen wusste er nun, wo er sich befand. Doch sie machte ihm deutlich, dass die Karte, dank einiger "unvorhergesehener Ereignisse" nicht mehr genau genug wäre. Kurz überlegte Uriel, ob er sein Ziel für sich behalten sollte, dann entschied er sich dagegen. Was sollte ein kleines Mädchen wie Cass schon groß ausplaudern? Andererseits konnte er sich kein weiteres Risiko leisten. Davon hatte er inzwischen genug gehabt. "Ich muss ins Reichenviertel. Und zwar am besten auf dem sichersten Wege. Ich will nicht, dass mich gewisse Personen erwischen. Kannst du mir da helfen, Cass?", fragte er.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4223
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 1. Juni 2011, 18:49

Das kleine Mädchen hatte ihren pelzigen Begleiter wieder mit beiden Armen an sich gepresst und wiegte den Oberkörper langsam nach links und rechts. Es hatte fast den Anschein, als wolle sie ihren Stoffbären wie ein Baby in den Schlaf zu wiegen, ein für normale Kinder vielleicht ungewöhnliches verhalten, dass aber zu der ernsten Cassandra überhaupt nicht passen wollte. Im ersten Moment schien es so, als hätte die Pelgarerin den Rabenmann gar nicht gehört, oder nicht bemerkt, dass man mit ihr gesprochen hatte. Ihr Blick war weiterhin unbewegt und ohne Blinzeln auf die Karte gerichtet, als wäre diese Interessanter als das Gespräch mit dem mysteriösen Fremden. „Ich wohne auch im Reichenviertel ...,“ nuschelte sie dann unvermittelt und stupste mit dem schlanken Zeigefinger gegen eines der größten Gebäude auf Uriels Plan.
Dann sah sie wieder ein wenig nach oben und dem Boten ins Gesicht, gleichzeitig biss sie sich selbst auf die Innenseite ihrer Wange. „Aber die anderen Kinder gehen da nicht gerne hin. Da wohnen jetzt nämlich ganz viele von den schwarzen Männern. Na ja, dass Viertel ist aber ganz schön groß, also wenn du dich anstrengst bemerkt dich niemand. Die sind sich selbst genug.“
Nach einer kurzen Pause zeichnete Cassandra eine Doppellinie nach, die sich einmal quer über den Plan schlängelte. „Das war mal ein Aquädukt, aber das hat man vor vieeelen Jahren abgerissen, als die Kanalisation fertig gestellt wurde. Aber da verläuft jetzt eine Straße, die auch auf deinem Plan ist. Du musst nur zwei Straßen weiter, dann siehst du den Weg. Der führt dich direkt zum Rand des Reichenviertels. Aber auf der Strecke Pattroulieren auch die Soldaten immer mal wieder. Vielleicht solltest du lieber ...“ Aber was genau der Hybrid lieber sollte, drang dem kleinen Mädchen nicht mehr über die Lippen. Wie von der Tarantel gestochen, war der blondhaarige Anführer der Kinder heran gestürmt, hatte Cassandra geschnappt und ihr von hinten eine Hand über den Mund gelegt.
„Da du gehört, Monster! Sie dir erklärt weg und nun du geh!“ Der Bursche beherrschte die Gemeinsprache eindeutig nicht annähernd so gut, wie das viel jüngere Mädchen. Aber nun, wo sie beide so nah beieinander standen, konnte man eine gewisse Ähnlichkeit erkennen. Der zornige Blick des Blondschopfes wechselte zwischen Cass und Uriel hin und her, als wüsste er nicht, wer schlimmer war. Schließlich nahm der Pelgarer wieder die Hand vom Mund des anderen Kindes. ”Du plapperst zuviel mit dem Fremden! Dabei kennst du ihn überhaupt nicht. Opa Lui wird richtig böse, wenn er erfährt, was du dem Fremden beinahe erzählt hast!” Was genau der Junge da in einer seltsamen Sprache sagte, war nicht verständlich, zumindest nicht für die Ohren des Elfen, aber die kleine schien es zu überzeugen.
Cassandras müder Blick kreuzte den des Jungen und dann nickte sie langsam. Anschließend sah sie zurück zu dem geflügelten Elfen. „Tut mir leid, aber wenn ich weiter rede, verpetzt mich mein Bruder bei unserem Großvater und dann werde ich wieder in die Bibliothek gesperrt...“ Noch während sie sprach, zerrte der Blondschopf seine kleine Schwester weg von dem Unbekannten. Die Braunhaarige winkte abwesend zurück und verabschiedete sich noch mit den Worten: „Viel glück bei deiner Suche,“ dann wurde sie in die Ruinen gezwängt und verschwand aus dem Blickfeld des Boten.
Zumindest hatte Uriel aus dieser seltsamen Episode erfahren, wo er lang gehen musste. Aber auch, dass sein Ziel wohl nun zum größten Teil von den Eroberern besetzt worden war. Aber unangenehme Wendungen war er ja inzwischen gewöhnt ...
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Sonntag 5. Juni 2011, 13:03

Aufmerksam hörte Uriel dem Mädchen zu und prägte sich den Weg, den sie beschrieb genau ein. Ihre Warnung, dass die Dunkle Horde an den Wegen entlangmarschierte, nahm er zur Kenntnis, doch hatte es ihn, ehrlich gesagt, nicht überrascht. Das seltsame Verhalten der Kleinen ignorierte der Hybrid. Als die Kleine ihm aber noch etwas sagen wollte, mischte sich auf einmal der Junge von vorhin ein. Offensichtlich hatte der Kleine seinen Mut wieder gefunden. Oder die Information, die Cassandra preisgeben wollte, war zu wertvoll. Die abweisende Haltung des Jungen prallte an Uriel ab, dass war er gewöhnt. Interessanter jedoch fand er die Bemerkung des Mädchen, dass sie in eine "Bibliothek" gesperrt würde, wenn sie weiterreden würde. In seinem Kopf setzte sich langsam ein Bild zusammen. Cassandra außergewöhnlich gute Beherrschung der Allgemeinsprache, die Tatsache, dass sie Karten lesen konnte und aus dem Reichenviertel kam. Wenn er nachbohren würde, würde das Mädchen vielleicht noch mehr ausplaudern. Doch Uriel war niemand, der sich in andere Leben einmischte. Er war ein Fremder. Er hatte weder was mit Cassandra zu tun, noch würde es ihm etwas bringen, mehr über sie zu erfahren. Sollten sie und ihr Bruder also ihre Geheimnisse behalten. Der Kurier hatte was er wollte. Er nickte Cassandra zum Abschied noch einmal zu, dann wurde sie von ihrem Bruder weggezerrt.

Seufzend richtete Uriel sich auf. Die Kinder waren größtenteils verschwunden. Er band sich also wieder sein Schwert um und guckte noch einmal auf die Karte. Laut Cassandras Anweisungen sollte er die Straße vom alten Aquädukt nehmen, von da aus zwei Straßen weiter und wäre am Rand des Reichenviertels, nach einer kurzen Wegstrecke. Nun musste er nur noch überlegen, wie er den Patrouillen der Besatzer auswich. Uriel inspizierte die Nebenstraßen. Die Karte war zwar alt, doch einige der Gassen müssten noch existieren. Am sichersten wäre es für ihn, wenn er die Umwege durch die Seitengassen der Aquäduktstraße nehmen würde. Uriel hoffte, dass sich die Dunkelelfen nicht die Mühe machen würden, jede Seitenstraße zu untersuchen. Wenn er Recht hatte, würde er in ca. zwei Stunden am Reichenviertel angelangt sein. Dann konnte er anhand des Briefes die Adresse herausfinden und diese vermaledeite Nachricht endlich abliefern.
Uriel nickte, er wusste nun wie er vorgehen musste. Er faltete die Karte zusammen, steckte sie weg und machte sich auf den Weg. Es würde nicht einfach werden. Aber das hatte er ja auch nicht erwartet.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4223
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Vom Regen in die Traufe

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 9. Juni 2011, 18:17

[Weiter geht es hier - Das östliche Drachengebirge - Die Hauptstadt Pelgar - Wohnviertel - Schneerosenalle Nummer 13]
Bild

Antworten

Zurück zu „Marktplatz Pelgars“