Schneerosenallee Nummer 13

Handwerker, einfache Bürger und der Adel wohnen in kleinen Bezirken und doch teilweise Tür an Tür. Von der windschiefen Hütte bis hin zum schön verzierten Fachwerkhaus oder kleinem Anwesen mit Wasserspeiern aus Marmor ist hier alles zu finden.
Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Mittwoch 30. November 2011, 21:09

Still hörte Uriel Cass zu, während sie in einem ungewöhnlich heiteren Ton vor sich hin redete. Und mit jedem Satz, den Cass rausbrachte, wurde er schweigsamer. Die kleine Seherin schien felsenfest überzeugt davon zu sein, dass Uriel ein rächender Engel im Dienste Lysanthors war. Sie habe gesehen, wie er mit einem brennenden Schwert gegen das Dunkle Volk gekämpft hätte. Ihre Naivität beantwortete Uriel mit verbittertem Schweigen. Er war kein Engel. Kein kämpfender, leuchtender Mistkerl mit dem Kopf voll mit idiotischem Unsinn wie Glorie und Göttertum. Mit Lysanthor hatte er nichts am Hut und er war froh wenn dieser Bastard sich weiterhin in dem Scheine seiner eigenen Glückseligkeit sonnte. Der Gott der Gerechtigkeit! Ein Witz war er! Er konnte nicht einmal die beschützen, die tagtäglich an ihn beteten. Hatte er irgendetwas getan? Ein Zeichen? Einen Retter? Nein, nichts war passiert! Seine Priester waren in ihrem Tempel niedergemetzelt worden und Pelgar den plündernden Truppen der Anhänger Faldors überlassen worden. Siegen tat nicht der, der gut und gerecht war. Solche Leute bekamen gerademal einen Messer in den Rücken. Gewinnen konnte nur die Hinterhältigen und Skrupellosen. Und besiegen konnte man sie nur, wenn man noch hinterhältiger war, als sie selbst. Im Krieg gibt es kein Gut. Es gibt nur das Böse., dachte Uriel verbittert. Mit Lysanthor und seinen ach so tollen Heerscharen wollte er nichts zu tun haben. Und die Flügel, die ihm nun Cass Glauben beschert hatten, hatten ihm nur Ärger gebracht. Er hatte sich sie nicht ausgesucht. Hätte er wählen können, zwischen Flügel und zwei Tage alleine mit drei nackten Orks, die sich seit fünf Monaten nicht gewaschen hatten - wenn sie es überhaupt je getan hatten - er hätte mit Jubelschrei und Fanfarengetöne Letzteres gewählt. Durch diese verdammten Flügel hatte er alles verloren. Sein Zuhause, seine Freunde und seine Zukunft. Und alles was bekommen hatte, waren Dreck, Blut, Schmerzen und ein kleines Mädchen mit falschen Hoffnungen.
Es war das Beste, wenn er Cass gleich die Wahrheit sagte. Am Ende, wenn sich herausstellte, dass er kein Engel war, ja nicht einmal so etwas Idiotisches wie ein "Held", würde der Schock für sie nur umso größer sein. Uriel öffnete den Mund. Und klappte ihn im nächsten Augenblick wieder zu. Warum sagte er nichts? Stattdessen kam auf Cass fragenden Blick nur ein "Ach, schön." heraus. Am liebsten würde Uriel sich ohrfeigen. Warum konnte er nicht einmal so etwas Einfaches tun, wie die Wahrheit aussprechen? Ein Kind traurig machen. Alle Hoffnungen zerstören. Das konnte doch nicht so schwer sein!
Doch der Bote schwieg. Er schwieg den ganzen Weg über. Erst als Cass seine zweite Frage beantwortete, kam wieder Leben in den Hybriden. Die Antwort der kleinen Seherin lenkte ihn ab und er kam wenigstens für ein paar Augenblicke von seinen düsteren Gedanken los. Cass lebte früher in Andunie? Interessant. Kiala, der Name sagt mir etwas. Ich werds später ansprechen. Die Mädchen haben das Sagen? Wie soll das aussehen? Fingernägel feilen nur für die Hälfte und Teekränzchen um die Mittagszeit? Dann erinnerte Uriel sich an Esmeralda. Die reizende Diebin hatte ihm klar gemacht, dass in der Diebesgilde Frauen keinerlei Probleme hatten, Männer herumzukommandieren. Und das ohne sich mit Schürze und Kochlöffel zu bewaffnen.

Schließlich waren sie endlich in der Küche angekommen. Die Luft war voller Aromen und Gerüchen. So viel, dass es dem Hybriden schon wieder unangenehm wurde. Vor allem als er sah, dass weiter hinten in der Küche mehrere Hühnchen gebraten wurden. Uriel hatte nichts dagegen Geflügel zu verspeisen. Aber zuzusehen, wie ein Vogel die Federn rausgerupft wurden und der nackte Leib über dem Feuer gebraten wurde....eine gewisse Nervosität leiß sich da nicht verhindern.
Cass brachte ihn zu dem wohl größten Menschen in der Küche. Der Kerl passte eher in eine Rüstung oder in ein Heerlager, als in eine Küche. Dennoch schien ganz in seinem Element zu sein. Jedenfalls schien die Koordination von mehreren Köchen plus gleichzeitigen Hantieren an drei verschiedenen Töpfen für Uriel ein Beweis seiner Fähigkeiten zu sein. Cass wurde von diesem Vigaro natürlich freudig begrüßt und geherzt, dass man glauben konnte, die beiden hätten sich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen. Dann wurde dem Boten auch schon die Hand gereicht. „Sei mir gegrüßt Kabele. Freunde von unserer kleinen Prinzessin sind auch meine Freunde. Du brauchst also etwas von mir? Proviant nehme ich an?“ Angesichts der Muskeln, dem Hackmesser und der schrecklich erwartungsfrohen Cass hielt Uriel es für das Beste erst einmal freundlich zu sein und schlug ein. "Proviant wäre in der Tat schön.", sagte er, wobei seine Stimme mit den folgenden Satz einen recht bitteren Beilkang bekam, "Leider wird es mir, bei dem was ich tun muss, nicht helfen. Was ich eher bräuchte wäre Mehl. Einfaches, weißes Mehl." Er hob die Hände und deutete die Größe eines kleinen Säckchens an. "Ungefähr diese Größe. Viermal und in Leinensäckchen, die fest zu verschließen, aber einfach zu öffnen sind. Habt ihr zufällig so etwas?" Die letzte Frage war natürlich nicht ernst gemeint. Eher Uriels Version von einem Scherz.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Montag 12. Dezember 2011, 20:16

Ein leichtes strampeln kündigte Vigaro an, dass das Persönchen auf seinen Armen wieder herunter wollte. Einen Moment lang zögerte der Küchenchef die Freilassung noch heraus, um die kleine Diebin ein wenig zu ärgern, dann setzte er Cassandra aber wieder neben Uriel auf den Boden. Gleichzeitig legte sich die Stirn des Anduniers in Furchen, als er über Uriels seltsame Bitte nachdachte. Er versuchte sich einen Reim darauf zu machen, wozu dass ganze nötig wäre, kam aber zu keinem befriedigendem Ergebnis. Da kam ihm Cass unbewusst zu Hilfe. „Weißt du,“ meinte das Mädchen mit ernster Miene zu ihrem großen Leibwächter, „Opa hat ihn und Rakjar auf eine wichtige, Geheime Mission geschickt!“ Kaum waren die Worte raus, als sie sich schon erschrocken die freie Hand auf den Mund schlug. Solche Geheimnisse sollte sie eigentlich nicht heraus poltern. Zu ihrem Glück war Vigaro jedoch ein recht wichtiges Mitglied der Gilde und wusste daher um die aktuelle Sachlage zu größten Teilen bescheid.
„Eine Sekunde nur,“ meinte der Küchenkönig zu Uriel und wandte sich dann an Cassandra. „Voltur ist grade dabei eine Cremé Brulée mit Erdbeerragout zu kredenzen. Ich bin sicher da wird ein Vorkoster benötigt, damit Esmeralda sich auch wirklich über ihr Leibgericht freut!“ Die kleine Seherin folgte wie in Trance Vigaros deutendem Zeigefinger, bis sie den gemeinten Koch sah, der grade alle Hände voll zu tun hatte und sicherlich keine Ablenkung gebrauchen konnte. Ihr Mund öffnete sich leicht und eine hungrige Zunge fuhr über die Lippen, dann grinste das Mädchen den großen Mann an und rannte ohne ein weiteres Wort zu sagen los. Der Koch streckte sich indes einmal voll durch und seine Wirbel knackten laut, als er den Rücken nach hinten bog. „Du hast ja sicher schon bemerkt das Cassie ein wenig ... speziell ist. Sie nimmt Informationen anders auf als andere, darum ist es manchmal besser, wenn sie nicht alles mitkriegt. Jetzt sind wir sie erst mal los.“
Kurz sah sich Vigaro in der Küche um, und piff dann mit zwei Fingern im Mund einen der Helfer herbei. „Hopp Hopp, einmal Proviantpaket Normal und einmal eins für Leoniden. Und dann bring noch vier Sprengbeutel, gefüllt mit dem guten Pelgarmehl. Und dass ganze ein wenig flott!“ Der Chef de Cuisine verschränkte die Arme vor der Brust und der Küchenjunge salutierte, als hätte er die Befehle von einem militärischen Vorgesetzten erhalten und sprintete dann davon. Der Blick des großen Menschen folgte seinem Laufburschen noch eine kurze Zeit lang, um sicherzustellen, dass seine Befehle auch wirklich exakt ausgeführt wurden. Erst als er sich dessen sicher war, nickte er Uriel zu. „Ich hoffe es macht dir nichts aus, für Rakjar den Proviant mitzunehmen, aber er kann nicht in die Küche. Leoniden-Nase, du verstehst. Und wenn du behauptest, dass du selbst dran gedacht hast, hast du bei dem großen Kätzchen einen Stein im Brett. Na ja, deine Säckchen sollst du aber auch kriegen. Wird nur ein paar Minuten dauern, Boogie muss erst ins Alchemie Labor um ein paar Sprengbeutel zu besorgen. Die nehmen wir normalerweise um Rauch- und Schlafbomben zu machen, aber du kannst ruhig welche haben. Im Augenblick werden die ohnehin nicht mehr benutzt. Aber ein bisschen Neugierig bin ich jetzt ja schon, wozu du die brauchst. Musst du mir natürlich nicht sagen, aber ich fänd’ es nett, Kabale.“
Einige Sekunden später kam der keuchende Küchenjunge wieder zurück und hielt sich die stechende Seite. Er presste die Luft angestrengt zwischen den Zähnen durch und überreichte Vigaro einen großen Beutel aus Segeltuch. Der Koch öffnete ihn und kontrollierte den Inhalt, nickte zufrieden und entlies seinen Untergebenen. Dann zog er einen kleinen, mit Lack versiegelten Leinenbeutel hervor. Am Oberen Ende befand sich eine Metallschnalle, die das Bündel verschloss. Mit einer einfachen Fingerbewegung – dafür reichte eine Hand sogar aus – öffnete er die Schnalle und lies ein wenig des weißen Mehls auf den Küchenboden rieseln. „Gut so? Etwas anderes kann ich dir auf die Schnelle nicht anbieten. Proviant ist auch gleich dabei.“ Damit verschloss er die Schnalle wieder und warf den Beutel in den großen Sack, denn er dem Boten entgegen reckte. „Nichts zu danken, Kabale. Glaub mir, wenn ich könnte, würde ich mitgehen und diesem verdammten Magier ordentlich in den Arsch treten!“
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Montag 19. Dezember 2011, 20:47

Einigermaßen belustigt bemerkte Uriel, wie sehr seine Bitte den Küchenchef verwirrte. Er konnte regelrecht hören, wie es in dem Denkkasten des Hünen zu arbeiten begann. Immerhin war seine Bitte sehr ungewöhnlich. Für die Anderen musste es ziemlich verrückt klingen. Es würde den Hybriden sogar nicht wundern, wenn er gleich einen entsprechenden Blick zugeworfen bekäme. Wäre auch nachvollziehbar. Er will Mehl haben? Was will er damit anstellen? Einen Kuchen backen, als Lockmittel? Nein, er wirft es dem Feind ins Geischt und blendet ihn! Leider, leider, alles falsch..., dachte Uriel und musste leicht lächeln. Und dennoch, wenn man ein bisschen nachdachte, konnte man sogar erraten, warum der Bote Mehl haben wollte. Dann mischte sich Cass ein. Ihr unüberlegtes Plappern hatte sofort die folgende Selbsterkenntnis und ein Kopfschütteln Uriels zur Folge. "Total geheim. So geheim, dass du geradewegs jedem erzählen darfst, Cass.", sagte er mit unüberhörbarer Ironie. Stellte sich nur die Frage, ob das kleine Mädchen das verstanden hatte. Nicht, dass es seine Worte für bare Münze nahm. Obwohl es lustig anzusehen wäre.
Zum Glück handelte Vigaro besonnen und lotste die Seherin geschickt zu einen der unübersehbar überbeschäftigten Köche, die garantiert wenig Nerven besaßen und noch weniger, wenn Cass ihnen hungrig am Rockzipfel zerren würde. Dennoch musste Uriel zugeben, dass Vigaro genau wusste, wie er mit ihr umzugehen hatte. „Du hast ja sicher schon bemerkt das Cassie ein wenig ... speziell ist. Sie nimmt Informationen anders auf als andere, darum ist es manchmal besser, wenn sie nicht alles mitkriegt. Jetzt sind wir sie erst mal los.“ Dieser Satz bestätigte Uriel. Vigaro wusste genau um Cass Bescheid. Angesichts seiner Position nicht ungewöhnlich. Uriel nickte und zog vielsagend die Augenbrauen hoch. "Ich habe schon Bekanntschaft damit gemacht.", antwortete er. Wobei es mir lieber gewesen wäre, wenn nicht., fügte er still hinzu. Aber das wünschte er sich schon seit Beginn dieser Misere und bis jetzt hatte das Götterpaar eine bemerkenswerte Taubheit angesichts seiner Gebete bewiesen.
Vigaro schickte jetzt einen der gestressten Küchenjungen los um Proviantsäcke für den Hybriden und diesen Rakjar und Sprengbeutel zu besorgen. An dem Gesicht und dem flotten Tempo, dass fast schon an einer Flucht grenzte, konnte Uriel gut erahnen, wie streng der Küchenchef sein Regiment hielt. Eben jener Meister des Essbaren redete, während er wartete, munter auf den Rabenhybriden ein. Mehr aus Höflichkeit, was ihm angesichts der, kurz vorm Zerreißen gespannten Ärmel, geraten schien, und Langeweile hörte ihm Uriel zu. Das mit Rakjar interessierte ihn nur wenig. Er hatte sich diesen Teil schon denken können, schließlich klebten selbst ihm schon die verschieden Aromen und Gerüche die Nase zu. Als Vigaro sich noch einmal ob des Zweckes der Mehlsäckchen erkundigte, konnte Uriel nur grinsen. "Sagen wir so viel: Du solltest, vor allen anderen, am wenigsten Probleme haben, auf die Lösung dieses Rätsels zu kommen. Ist schließlich zum Teil dein Metier" Ja, in gewisser Weise hatte er schon eine sadistische Ader. Der Gedanke, wie dieser Muskelprotz nun knobeln würde, hatte schon etwas befriedigendes für Uriel.
Endlich kam der Küchenjunge zurück - er schien unerklärlichweise außer Atem zu sein - und brachte die georderten Sachen. Vigaro führte kurz die Sprengbeutel vor und Uriel nickte. Es war genau das, was er sich vorgestellt hatte. Auch die Größe stimmte, sowie die Qualität des Mehls. Wäre es zu unrein oder klumpig gewesen, hätte es ihm nichts genutzt. Aber so war es ideal. Natürlich musste Vigaro gleich den bescheidenen Gönner heraushängen lassen. Eine Eigenschaft der Menschen, die Uriel schon immer gehasst hatte. Wenn sie nicht wollten, dass er sich bedankte, brauchen sie ihm nicht zu helfen. Diese heuchlerische "Tue ich doch gerne" oder "Für die Geimeinschaft" konnte er nicht ausstehen. Zu dem Letztgeäußerten verzog Uriel dann schmerzlich die Miene. "Wir können gerne tauschen.", sagte er bitter. Dann aber nahm er den Sack und nickte Vigaro noch einmal zu. "Ich mach mich dann mal auf den Rückweg. Kann mir einer sagen, wie ich zur Waffenkammer und zu den Schlafgemächern komme? Ach ja, eine Möglichkeit zu waschen, wäre auch total liebenswürdig."

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 29. Dezember 2011, 17:14

Man konnte dem großen Menschen deutlich ansehen, dass er noch immer über die seltsame Bitte des Hybriden nachgrübelte. Allerdings schien er es seinem neuen „Freund“ gar nicht übel zu nehmen, dass dieser sein Geheimnis nicht wirklich preis gab. Im Gegenteil das breite Grinsen im stoppelbärtigen Gesicht fand keinen Abbruch. Das Grübeln bereitete dem Küchenmeister in gewisser Weise sogar Freude, denn welcher Andunier konnte sich nicht für Rätsel begeistern, vor allem wenn sie die Antwort direkt vor der Nase hatten, ohne drauf zu kommen? „Na gut, Kabale, du hast mich. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass du dir Mehlbomben bauen willst. Aber dafür würde dir ein Zünder fehlen. Denn auch wenn das Mehl noch so rein ist, benötigt es eine sehr heiße Flamme, um zu einer Explosion zu führen. Na, vielleicht erzählst du es mir, wenn du wieder kommst. Und wenn du und Rakjar erfolg hattet, köpfen wir darauf erst mal eine gute Flasche Elfenherz!“ Wie einem guten Kameraden schlug Vigaro dem Boten und angeheuerten Magierjäger gegen die Schulter, nicht fest genug um ihm weh zu tun, sondern eindeutig aufmunternd gemeint.
Man konnte viel über den Herr der Herde sagen, aber die meisten kamen darin überein, dass er wirklich ein feiner Kerl, wenn auch ein hoffnungsloser Optimist war. Ja, er war fest der Meinung, dass Uriel erfolg haben würde und bald wieder zurück nach Pelgar kommen würde. Dass der Rabenmann keineswegs so zuversichtlich war, störte ihn nicht weiter. Wer sein Leben lang Mitglied der Diebesgilde war, von denen die meisten anderen vom Charakter her Uriel glichen, der wurde entweder selber ein Miesepeter oder bewies echten Charakter und kehrte das beste in sich nach oben. „Glaub mir,“ sagte Vigaro nun deutlich ernster und mit fester Stimme, „Wenn Vampa es mir erlaubt hätte, wäre ich längst ausgezogen. Aber dann wäre ich wohl auch nicht mehr, als ein weiteres Opfer des Wahnsinnigen. Wie ein Magier solche Macht erlangen kann, ist mir unbegreiflich, ehrlich ...“
In dem Boten machte sich so langsam die Ungeduld breit, was irgendwo auch verständlich war. Er war inzwischen schon eine ganze Weile auf den Beinen und ein weiches Bett würde ihm gewiss gut tun, von einem Bad ganz zu schweigen, denn das Abenteuer in der Kanalisation war nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Und Vigaro wäre nicht Vigaro gewesen, wenn er sich nicht sofort dazu bereit erklärt hätte, Uriel zur Waffenkammer und danach zum Wasch- und Schlafsaal zu führen. „Kein Problem, mein Freund, ist alles hier in der nähe. Ich hole nur schnell Cassandra, dann können wir auch schon los!“ Aber in dem Moment, da der Koch sich umdrehen wollte, um die Enkelin des Diebesregenten zu suchen, erklang von Richtung der Tür das Klacken eines Gehstockes, gefolgt von einem herrischen Räuspern. „Meister Vampa hat mich gebeten, unseren Gast unter meine Fittiche zu nehmen. Du hingegen, kannst Cassandra in ihr Zimmer bringen. Für sie ist längst Schlafenszeit!“ Jeder Schritt des näher kommenden wurde vom Klonk seines Ebenholzgehstabes begleitet. In letzter Zeit hatte Uriel nur einen Mann kennen gelernt, der sich den Luxus eines solchen Utensils gönnte. Nikelrah, in seinen unverkennbaren, dunkelblauen Gewändern, dem schwarzen Dreispitz und der weißen Narrenmaske, trat von hinten an die beiden heran. Von dem auftauchen Vampas rechter Hand überrascht, verneigte sich Vigaro nur wortlos und eilte durch die Herde davon, um Die kleine Seherin wie befohlen zum schlafen gehen zu bewegen. Eine Aufgabe, um die ihn sicher niemand beneiden würde.
Nikelrah hüstelte nur leise und vornehm, um Uriel aufzufordern ihm zu folgen. Es war keine weite Strecke, die sie zu bewältigen hatten und trotzdem recht unangenehm. Auch Esmeralda als Führerin hatte nicht gesprochen, aber dieser Mann, der sich kleidete als wäre er der erlesenste Hofnarr aller Kaiser, war einfach ... unheimlich. Zum Glück führte Nikelrah ihn nur einige Quergänge weiter, wo er vor einer kleineren Stahltür stehen blieb. Er klopfte drei mal kräftig gegen das weiß lackierte Metall, zückte dann einen Schlüssel aus den Taschen seiner Robe und schloss für Uriel auf. In dem Raum, den sie betraten brannte bereits Licht. An den Wänden befanden sich hohe Rüstungsspinde, die sich mit Waffenständern abwechselten. Einige wenige Waffen, wohl besonders auserlesene Stücke, standen in Vitrinen überall im Raum verstreut und etwa zwei duzend Rüstungen, allesamt Unikate ihrer Machart, posierten wie Helden aus längst vergangener Zeit. Man musste nicht lange überlegen um zu dem Schluss zu kommen, dass wohl nur die wenigsten Stücke hier auf ehrlichem Wege erworben worden waren, zumindest was die ausgestellten Rüstgegenstände anging.
„Du darfst dich gerne Frei bedienen. Waffen? Munition? Eine hübsche, rückenfreie Lederrüstung vielleicht? Was du in unserer Waffenkammer nicht findest, das gibt es auch nicht. Allerdings wirst du sicherlich verstehen, dass wir dir nichts hiervon schenken können. Es ist nun mal Kriegszeit und nur weil Vampa dir vertraut, heißt das noch lange nicht, dass ich das tun muss. Genau so gut könntest du dich hier auch neu einkleiden und dann mir nichts, dir nichts verschwinden! Ich bin nun mal Realist und ich hoffe, das verzeihst du mir. Im übrigen wurde ich angewiesen, dir ein Einzelzimmer zuzuweisen. Ein Badezuber wurde bereits für dich bereit gestellt. Wenn wir hier also schnell fertig sind, kannst du dich umso früher entspannen. Immerhin ist Morgen ein großer Tag für dich.“
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Donnerstag 29. Dezember 2011, 22:16

Uriel konnte nur den Kopf schütteln. Dieser Andunier schien ja mit mehr guter Laune geboren worden zu sein, als gut für ihn war. Für diesen Hünen war die Welt anscheinend, trotz ihres eher desolaten Zustandes, ein fröhlich-friedlicher Ort. Jede Katastrophe nur ein kurzer Regenschauer und danach scheint wieder die Sonne. Sicher, sicher. War warscheinlich toll, wenn man das glauben konnte. Leider teilte Uriel die Ansicht seines Gesprächspartners, um es freundlich auszudrücken, nicht ganz. Eher im Gegenteil. Eigentlich überhaupt nicht. Und wären die Umstände anders, der Hybrid hätte Vigaro lauthals ausgelacht. Als wäre das hier ein Morgen-Spaziergang! Los, wir gehen mal eben vor dem Frühstück noch frische Brötchen holen! Und nebenbei können wir auch gleichmal den wahnsinnigen Hexenmeister in der dritten Querstraße erledigen. Ist ja kein Problem!, dachte Uriel und ergoss sich in Sarkasmus. Vigaro schlug dem Boten aufmunternd auf die Schultern. Der verzog kurz unwillig das gesicht, hatte sich dann aber wieder im Griff. Normalerweise würde Uriel dem Andunier geradeweg sagen, was er von dieser "Wir sind doch alle Freunde"- Haltung hielt, aber, wie gesagt, die Umstände halt.
„Wenn Vampa es mir erlaubt hätte, wäre ich längst ausgezogen. Aber dann wäre ich wohl auch nicht mehr, als ein weiteres Opfer des Wahnsinnigen. Wie ein Magier solche Macht erlangen kann, ist mir unbegreiflich, ehrlich ...“ Uriel lächelte nur zynisch und antwortete: "Weißt du, so schwer ist das nicht. Vorausgesetzt du bist Wahnsinnig, hast mehrere Versuchskaninchen und ein paar Jahrzehnte Zeit. Ach ja, völlige Missachtung des Lebens brauchst du auch noch. Aber dann ist es erstaunlich einfach, glaub mir." Ja, Uriel war schlecht gelaunt. Normalerweise hätte er sich diese Worte gespart, doch Vigaros´ Optimismus raubte ihm den letzten Nerv. Der Kerl würde selbst kämpfen wollen! Toll! Klasse! Bitte, solle er es doch tun. Stattdessen aber stand er hier herum und jammerte, dass Vampa ihn nicht gehen lassen würde. Uriel konnte Heuchlerei auf den Tod nicht ausstehen und Vigaro war in seinen Augen gerade der König der Heuchler. Der schien offensichtlich völlig unfähig die Gefühle seines Gesprächspartners zu bemerken und bot weiterhin an, Uriel zur Waffenkammer zu geleiten. Bevor der Hybrid ihm jedoch antworten konnte, unterbrach eine, ihm wohlbekannte, Stimme die Unterhaltung. Nickelrah betrat die Küche auf seine typische Art und Weise. Sein feiner Stock untermalte seine Schritte und verlieh dem Dieb neben dem Dreispitz ein elegantes Aussehen. Was Heuchlerie angeht, schlägt der Vigaro um Längen., dachte Uriel missgünstig. Natürlich meldete Nickelrah sein sofortiges Besitzrecht an Uriel an und verwies Vigaro auf die Aufgabe Cass ins Bett zu bringen. Armer Kerl.
Mit seiner üblich affektierten Art bedeutete Nickelrah Uriel ihm zu folgen und führte ihn weiter die Gänge entlang. Die Schweigsamkeit seines Führers gab dem Rabenmann Gelegenheit nachzudenken. Von allen Personen, die er bis jetzt getroffen hatte, war der Narr die gefährlichste. Nicht in der Hinsicht von Kampfstärke - ohnehin eine dumme Art Leute zu vergleichen - sondern eher wegen der Tatsache, dass Uriel aus dem Kerl irgendwie nicht schlau wurde. Esmeralda war einfacher zu durchschauen als eine leere Flasche, mit Cass konnte man nach ein paar Stunden umgehen und Vigaro war sowieso eher einfach gestrickt. Selbst Lucheni Vampa war zu durchschauen, wenn man ihm ein entsprechend große Angebot machen konnte. Doch Nickelrah blieb undurchsichtig. Zu keiner Gelegenheit hatte sich ein wahre Blöße gegeben. Uriel wusste so gut wie gar nichts über ihn. Nur die Tatsache, dass Wert auf gute Umgangsformen legte und Vampa anscheinend treu ergeben war. Doch sonst war undurchschaubar. Man konnte sich noch nicht einmal an sein Gesicht erinnern. Uriel fragte sich, ob es jemanden in der Gilde gab, bei dem sich dieser Mann öffnete. Höchstwahrscheinlich nicht.
Dann standen sie schon vor der Tür zur Waffenkammer, die Nickelrah rasch öffnete. Was Uriel nun sah, überraschte ihn ein wenig. Er war beileibe kein Waffenfetischist, doch selbst er war beeindruckt, angesichts des Anblicks, der sich ihm bot. Das war mit Abstand die größte Ansammlung von Kriegsgerät und Tötungswerkzeugen, die er je gesehen hatte. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit war keines dieser Utensilien rechtmäßig erworben worden. Bevor Uriel sich genauer umschauen konnte, stellte Nickelrah vorab klar, dass man für die Stücke hier zu bezahlen habe. Der Bote lächelte nur schief und tätschelte seine pralle Geldbörse. An Zahlungsmittel mangelte es ihm nicht. "Gerade jetzt hörst du dich mehr wie ein Händler, als wie ein Dieb an. Obwohl beides so ziemlich das Gleiche ist.", sagte er. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit der Waffenkammer zu. Dennoch wurde er das Gefühl nicht los, dass Nickelrah ihn hier so schnell wir möglich rausbekommen wollte. Uriel beschloss, diese Frage beiseite zu schieben wanderte langsam durch den Raum. Den Waffen schenkte er nur einen flüchtigen Blick, hatte er doch schon beschlossen, mit dem Schwert seines verstorbenen Meisters zu kämpfen. Umso mehr Aufmerksamkeit widmete er den Rüstungsständern. Aufgrund seines eher ungewöhnlichen Körperbaus hatte Uriel bislang keine anständige Rüstung finden können. Und Schmiede zu finden, die bereit waren, eine für ihn anzufertigen waren selten und sehr teuer. Zu teuer, als dass er sie ernsthaft bemühen würde. Doch nun hatte das nötige Geld und die Gelegenheit und Uriel wollte sie sich nicht entgehen lassen. Schließlich blieb er vor einer Lederrüstung im hinteren Teil des Raumes stehen. Verdeckt von zwei wuchtigen Stahlmonturen, hatte er sie erst auf den zweiten Blick entdeckt. Sie war schwarz - recht unheilvoll - und mit einigen eleganten Gravuren verziert. Doch Uriel interessierte sich weniger für ihr Aussehen, als für Funktionalität. Und dabei war sie ideal. Er war zwarz kein Experte, doch selbst er sah, dass diese Rüstung erstklassige Qualität besaß. Und was viel wichtiger war: Sie war rückenfrei. Uriel wusste, dass solche Rüstungen vor allem von Spähern oder Attentätern verwendet wurden, also Leuten, die keinen Nutzen von klobigen Rüstungen hatten und auf viel Bewegungsfreiheit wert legten, ohne dabei groß Schutz verlieren zu müssen. Er selbst war zwar kein Meuchler und ein geschützter Rücken war im Zweifelsfall lebesrettend, aber er wusste, dass diese Rüstung das Beste war, dass er auf lange Zeit kriegen würde. Und er wäre vom Götterpaar verlassen, wenn er diese Gelegenheit nicht ergreifen würde! Also blickte er zu Nickelrah und fragte: "Was ist sie euch wert?"
Jetzt würde das Feilschen beginnen...

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Sonntag 1. Januar 2012, 18:10

Seinen Stock hatte sich der elegant gekleidete Mann unter die Schulter geklemmt, damit er die Arme vor der Brust verschränken konnte. Nikelrah blieb neben der Tür stehen und folgte dem Boten nur mit den Augen. Sozusagen, um sicher zu gehen, dass Uriel nicht heimlich etwas einsteckte. Wer solange mit Dieben zu tun hatte, wie Vampas rechte Hand, konnte natürlich nicht mehr so leicht hinters Licht geführt werden. „Wenn man es genau nimmt, bin ich weder ein Händler noch ein Dieb,“ gab Nikelrah lakonisch auf Uriels Kommentar zurück. Dass entsprach der Wahrheit. Tatsächlich gab es einige Positionen in der Diebesgilde, in denen man sich nicht mit dem entwenden oder verhehlen von Waren beschäftigte. „Wenn du es wissen möchtest, ich bin der Narr, der pelgarischen Gilde. Man könnte meine Stellung als eine Art Hausverwalter und Ansprechpartner umschreiben. Ich kümmere mich um die organisatorischen Abläufe und bin in der Stadt als Kontakt für das einfache Volk bekannt. Außerdem bin ich Meister Vampas persönlicher Assistent und als solcher fallen mir gelegentlich auch recht unliebsame Aufgaben zu.“ Der letzte Satz war ganz klar eine Anspielung auf die aktuelle Situation und zeigte nur zu deutlich, dass Nikelrah seine eigene Zeit für zu kostbar anzeigte, als um einen dahergelaufenen Boten bei der Beschaffung von vernünftigen Ausrüstung zu helfen.
Als sich Uriel in die hinteren Bereiche der Waffenkammer vorarbeitete, sah sich der Narr, wie er sich selbst betitelt hatte, gezwungen ihm zu folgen. Mit gemächlichen Schritt kam er hinterher und schenkte dem einen oder anderen Ausstellungsstück einen kurzen Blick. Als einer der wenigen wusste er die Unikate hier wirklich zu Schätzen. Manche von ihnen waren unbezahlbar, wie die uralte Plattenrüstung eines lange verstorbenen Königs oder ein Diamantenschwert, das einmal einen Drachen erschlagen hatte. Im Spaß sagten manche Diebe, wenn man hier nicht das richtige fand, so suchte man etwas, dass es nicht gibt. Natürlich, die meisten Leute bedienten sich einfach an den Schränken, Spinden und Gestellen, die die Wände zierten, doch das war in der Regel eher die minderwertige Ware.
Anscheinend war Uriel fündig geworden. Das Objekt der Begierde war eine hübsche und vor allem sehr gut verarbeitete, schwarze Lederrüstung. Wie alle Stücke hier, stand der Rüstungsständer auf einem niedrigen Marmorblick. Nikelrah trat von hinten an Uriel heran und betrachtete die Panzerung mit Kennerblick. „Ahh, ja. Das ist die Rüstung von Iathir, den man Schattenfledderer nannte. Sie hat ihm Jahrelang gute Dienste erwiesen. Ich würde ja deinen guten Geschmack loben, aber wahrscheinlich hast du dieses Prachtstück eher ihrer Funktionalität wegen gewählt.“ Der Narr umrundete die Rüstung einmal und betätigte dann mit der Schuhspitze einen versteckten Schalter, in der Rückseite des Marmorblocks. Sofort öffnete sich auf der Forderseite eine Klapptür und eine Schublade fuhr vor den Füßen des Hybriden heraus. „Es ist eine klassische Ledergewandung, drei mal gehärtet. Die Gravuren sollen einem Glück und Gewandtheit bringen, wenn man diesen Aberglauben vertrauen schenkt.“
Mit einer ausladenden Handbewegung wies Nikelrah auf den Inhalt der Schublade, in der sich lederne Arm- und Beinschienen der selben Machart befanden. Sie lagen auf einem Sorgfältig zusammen gefalteten Kapuzenumhang, der auf den ersten Blick als ein Kleidungsstück aus Nachtelfenseide entpuppte. „Ursprünglich gehörten noch Handschuhe und Fingerlinge, sowie ein Untergewand und Waffenrock zu diesem Set, doch sie sind Opfer der zeit geworden. Normaler Stoff überlebt selten die Jahrhunderte.“ Mit einem kurzen Blick auf die Klauenfüße des Rabenmannes, fügte der Narr noch hinzu „Nun, die Schuhe hätten dir wohl ohnehin nichts genützt, die Beinschienen hingegen wohl umso mehr.“ Auch wenn man es nicht sehen konnte, so brauchte man dennoch nicht viel Vorstellungskraft, um sich einen fies grinsenden Menschen vor Augen zu rufen. „Nun gut. Lassen wir das. Für alle Teile der Rüstung wirst du wohl oder übel 800 Fuchsmünzen beraffen müssen. 500, wenn du nur den Brustpanzer möchtest. Das entspräche 40, beziehungsweise 25 Lysanthener. Du musst dir im klaren sein, dass die Qualität der Panzerung ein Kettenhemd überflüssig macht und darüber hinaus extrem leicht ist. Solche Ware findest du nicht bei einem normalen Waffenhändler. Zudem gehörte sie einmal einem Regenten der Diebesgilde, was ihr auch einen hohen historischen Wert anrechnet, auch wenn ich da nicht auf dein Verständnis vertraue.“
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Sonntag 1. Januar 2012, 21:25

Ja, Nickelrah schien doch so etwas wie Gefühle und Schwächen zu haben. Zumindest meinte Uriel einen gewissen Unterton heruaszuhören, als Vampas Rechte Hand auf sein Kommentar von vorhin antwortete. Der selbsternannte "Narr der Diebesgilde" war unzufrieden. Seiner Ansicht nach, war die Aufgabe, Uriel zu führen, beziehungsweise ihm auf die Finger zu schauen, eindeutig unter seiner Würde. Uriel selbst konnte das nicht ganz nachvollziehen, was wohl vermehrt daran lag, dass er im Gegensatz für fast gar nichts zu schade war. Klar, auch er hatte seine Grenzen was die moralische Vertretbarkeit seiner Aufträge anging, aber sein jetziger war ja auch nicht gerade das Sinnbild einer erbahren Arbeitsstelle. Auch wenn Lucheni Vampa das anders sah. Der Hybrid hatte so seine Zweifel was Auftragsattentate - denn nichts anderes wurde von ihm verlangt - anging. Er konnte sich vorstellen, dass der Angriff eines Meuchlers definitiv nicht zu den favorisierten Tagenereignissen eines normalen Menschen gehörte. Und obwohl Apollo mit hoher Wahrscheinlichkeit kein gewöhnlicher Mensch war, so konnte Uriel beim besten Wille nicht davon ausgehen, dass dieser verständnisvoll auf seine Situation reagieren würde, sollte es zu einem Aufeinandertreffen kommen. Umso wichtiger war es, dass erst gar nicht zu einer persönlichen Bekanntschaft kam. Und selbst wenn, dann sollte sie möglichst kurz gehalten werden, denn auf ein "Kaffeekränzchen" mit einem wahnsinnigen Hexenmeister konnte der Bote wirklich verzichten. Zumindest beruhigte es ihn ein wenig, dass Nickelrah offensichtlich doch Abneigungen hatte. Uriel war ja schon immer der Meinung gewesen, dass das Verhalten einer Person sich am sichersten davon ableiten ließ, was ihr missfiel. Auch wenn ihm momentan unklar war, was ihm das im Umgang mit dem Narren nützte, so war es doch angenehm zu wissen, dass auch der laufende Anzug seine Charakterschwächen besaß.
Nichtsdestotrotz begann der penetrante Blick Nickelrahs allmählich an den Nerven Uriels zu zerren und trieb sein Unwohlgefühl, dass sich schon seit geraumer Zeit, die er nun schon in diesem Höhlensystem verbrachte, eingestellt hatte, in neue Höhen. Seine Flügel flatterten immer wieder nervös. Als der Narr dann plötzlich von hinten an Uriel herantrat, zuckte dieser beinahe zusammen. Die schwarze Lederrüstung vor der er stand, war anscheinend die Rüstung eines gewissen Iathirs, wenn man den Worten von Nickelrah Glauben schenken mochte. Der Beiname "Schattenfledderer" ließ den Hybriden kurz schief lächeln. Heute schien das Götterpaar entschieden zu haben, sämtliche schlechte Omen auf einmal auftauchen zu lassen. Fehlte nur noch eine schwarze Katze und eine rothaarige Hexe. Moment! Die Hexe können wir schon abhaken., fiel Uriel ein, als er sich an die Begegnung mit Esmeralda erninnerte. Nickelrah öffnete nun ein geheimes Fach und zeigte ihm die zu der Rüstung gehörigen Arm - und Beinschienen. Ein Umhand war auch dabei, was der Hybrid äußerst praktisch fand, auch wenn dieser ihm bei Verstecken und Vermummen nicht viel helfen würde. Aber gegen Wettereinflüsse war der Stoff sehr gut geeignet, sowie auf langen Reisen auch als Schlafstatt. Amüsiert stellte Uriel sich vor, wie der eitle Fatzke vor ihm reagieren würde, wenn er wüsste, woran er dachte. So wie er Nickelrah einschätzte, wäre es für ihn ein Sakrileg sondergleichen, wenn man den Umhang für etwas anderes als die Repräsentation des guten Geschmacks verwenden würde. Die Gravuren auf der Rüstung waren Talismane, laut dem Narren. Auch wieder so eine Sache, wo Uriel beinahe das Gesicht verzogen hätte. Wenn die Hersteller dieser Rüstung so weit gegangen waren, dem Träger Glück zu wünschen, könnte das nichts Gutes heißen. Oder es war wieder einer dieser typisch menschlichen Anfälle von Aberglaube, den sie immer wieder zum Opfer fielen.
Nickelrah fuhr indess fort die Rüstungsteile und deren Geschichte zu beschreiben. Den Kommentar zu den Schuhen ignorierte Uriel geflissentlich. Er sprang nicht über jeden Stock, den man ihm hinhielt. Als dann aber der Preis zu Sprache kam, entfuhr dem Boten dann aber doch ein unglaübiges Auflachen. "Tut mir Leid! Du hast vollkommen Recht. Du kannst gar kein Händler sein, sonst hättest du das eben nie im Leben gesagt.", sagte er kopfschüttelnd. 40 Lysanthener! So viel verdienten ein Großteil der Leute nicht einmal in einem ganzen Jahr. Selbst Uriel kam mit den Beträgen seiner üblichen Aufträge gerade so über die Runden. Die Bezahlung Vampas lag eigentlich um das Zehnfache höher, als gewohnt. Was auch der Grund gewesen war, warum der Rabenelf die Zustellung überhaupt durchgeführt hatte. Doch 40 Lysanthener. Das war schwer zu schlucken. Zum Vergleich, eine Plattenrüstung war für 15 Lysanthener zu bekommen. Für einen Moment war Uriel versucht, von vornerein abzulehnen. Dann fiel ihm aber Cass´ Prophezeiung ein. „Der Rabe und der Löwe werden in der Lage sein, den Wandler zu vernichten. Doch es wird seinen Preis haben. Nur einer wird zurück kehren und zu Glorie kommen.“
Er hatte nie viel von Wahsagern und so einem Zeug gehalten. Doch er wusste auch, wann er vor wahren Mysterien stand. Und er spürte, dass er für das Kommende jeden Schutz brauchen würde. Er wusste es einfach. Sein Gefühl hatte ihn in dieser Hinsicht noch nie getrogen. Uriel blickte zum Rüstungsständer und dann zu Nickelrah. Schließlich seufzte er und holte die Geldbörse hervor. 40 abgezählte silberne Münzen und eine deutlich leichtere Börse später, schüttelte er resigniert den Kopf. Um wenigstens einen Teil seines Stolzes zu bewahren, antwortete er noch: "Auf Vertrauen würde ich nicht viel geben. Nirgendwo und bei niemanden. Außerdem, ich bin Hybride. Seit wann vertraut man bei uns auf Verständnis?" Dann nahm er, ohne noch einmal zu fragen, den Brustpanzer vom Ständer und tat die restlichen Rüstungsteile, inklusive dem Umhand, darauf um sie mitzunehmen. Er blickte auffordend zu Nickelrah, damit er ihn zu den Quartieren fürhte. Bevor sie sich jedoch auf den Weg machten, fiel dem Boten noch etwas ein. "Warum trägt dieser Iathir eigentlich den Beinamen Schattenfledderer? Ich nehme nicht an, dass das mit seiner Freizeitbeschäftigung zu tun hat?"

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Montag 2. Januar 2012, 18:23

Mit dem Geschick eines erfahrenen Feilschers wog Nikelrah die Silbermünzen in der Hand ab. Er hatte sehr sorgfältig darauf geachtet, dass es sich auch um den korrekten Betrag handelte. Sicher, für eine Lederrüstung war dies ein absoluter Wucherpreis, aber jeder Kenner konnte Uriel bestätigen, dass sie ihren Preis wert war. Eine Waffe musste schon ungewöhnlich scharf und gut verarbeitet sein, um auch nur einen Krater zu verursachen. Natürlich war das kein Garant aufs Überleben, denn vor allem die Rückseite war bei dieser Art Rüstung sehr gefährdet, ebenso wie der Unterleib und der Kopf. Aber gegen die meisten einfachen Feinde würde dieses Utensil wahre Wunder wirken! Mit dem Daumen schnipste der Narr eine der silbernen Münzen in die Luft. Sie drehte sich ein paar mal um sich selbst und während dieser Zeit verstaute der Pelgarer den restlichen Betrag in einer seinem Gewand. Die entsprechende Tasche hielt er mit dem Finger offen und die mit einem leisen Klingen fiel die geschnippte Münze zu ihren Brüdern. Selbstverständlich würde er keine einzige davon für sich selbst behalten. Es war grade seine penible Art, seine Unbestechlichkeit, die ihm diesen hohen Rang eingebracht hatte. Auch wenn seine Art sich zu Kleiden etwas anderes sagte, so war er doch ein genügsamer Mensch, der sich nicht für irdischen Reichtum interessierte.
Als der Bote die ersteigerte Rüstung ohne jeden Respekt in seinen Besitz brachte, schnalzte Nikelrah missbilligend mit der Zunge, sagte aber sonst nichts weiter. Immerhin hatte Uriel gutes Geld bezahlt, da konnte er mit „seiner“ Rüstung tun und lassen was er wollte. Stattdessen zog er sich die hellgrauen Samthandschuhe zurecht und folgte dem Hybriden aus der Waffenkammer heraus. Während er nach dem Schlüssel für die schwere Stahltür fischte, um die Halle wieder zu versiegeln, suchte er die Richtigen Worte, um Uriels Frage zu beantworten. „Nun, dass ist so eine alte Legende. Du solltest Cassandra danach fragen, sie verschlingt solche Geschichten grade zu und ich bin kein guter Erzähler. Iathir galt als einer der begabtesten Schattenmagier seiner Zeit. Er verwendete den Schatten selbst um andere ins Unglück zu stürzen und dieses dann auszunutzen. Angeblich wandte er sogar magische Rituale auf seine gesamte Ausrüstung an. Wir wissen, dass er einen Dolch besaß, der in der Lage war, jede Lichtquelle zu löschen. Leider ging er vor vielen hundert Jahren verloren. Und wenn Iathirs Rüstung über irgendwelche Fähigkeiten verfügt, so wissen wir heute nicht mehr welche, oder wie man sie aktiviert. Andererseits hat auch seit dreihundert Jahren niemand mehr diesen Panzer getragen. Vielleicht hat sie ja nur auf dich gewartet?“ Mit einem deutlich vernehmbaren Klicken schlossen die Riegel wieder zu.
Mit einer einladenden Handgeste wies Nikelrah in den Gang, der demjenigen gegenüber lag, aus dem sie zuvor gekommen waren. Eine kurze Zeit lang erklang noch einmal deutlich vernehmbar der Lärm der Feiernden aus der großen Halle, aber sie entfernten sich wieder rasch aus diesem Gebiet. Der Tunnel durch den sie nun wanderten, war mit wesentlich mehr Türen gesäumt, als alle anderen zuvor. Die logische Schlussfolgerung war, dass sie sich nun im Wohnbereich der Diebesgilde befanden. Diem meisten Pforten wiesen einen Namen, ein Symbol oder etwas ähnliches auf, so dass man ihre Bewohner korrekt zuordnen konnte. Vor einer vollkommen weiß gestrichenen Tür, die sich farblich perfekt in den Marmor der Wände einfügte, blieben sie stehen. Sie war nicht abgeschlossen und als Nikelrah sie aufdrückte, wechselten sie aus den relativ kühlen Bereichen in einen lauwarmen, sehr angenehmen Ruheort. Es war kein Luxuszimmer, aber dennoch geräumig und gemütlich eingerichtet. Eine offene Tür führte zu einem benachbarten Badezimmer, in dem ein großer Holzzuber und mehrere kleine Eimer zu sehen waren. Das Wasser in der Wanne dampfte leicht. „Ein Bad wurde für dich hergerichtet. Solltest du Hilfe benötigen, oder noch etwas zu Essen wünschen,“ Nikelrah deutete auf einen purpurfarbenen Strick , der neben der Tür in der Decke verschwand. „So musst du einfach läuten und eine Magd wird sich um alles kümmern. Das selbe gilt für den Fall, dass du deine Kleidung gereinigt ... und geflickt wünschst. Man würde es diskret und schnell erledigen.“
Mit einer leichten Verneigung verabschiedete sich Nikelrah von Uriel. „Ich wünsche dir eine angenehme Nacht. Schlaf dich ruhig aus. Du musst Morgen nur dem Gang zur rechten folgen und kommst direkt in der Festhalle und damit dem Eingang raus. Rakjar wird dich dort wohl erwarten. Er ist für gewöhnlich vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Ach ja und wenn du nicht möchtest, dass dich heute Nacht jemand kleines, mit langen braunen Haaren und einer vorliebe für Stofftiere besucht, rate ich dir die Tür zu verschließen.“ Abermals verneigte sich Nikelrah und verlies den Raum. Die Tür schloss er hinter sich. Ein einfacher Eisenschlüssel steckte auf der Innenseite im Schloss. Auch wenn Morgen ein mörderischer Tag anbrechen würde, zumindest den Abend über würde Uriel sich entspannen können.
[Hey Uri, ich wollte dich schon länger darauf hinweisen, habs aber immer vergessen. Nikelrah wird ohne "ck" geschrieben. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, lies den namen einfach mal rückwärts :) ]
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Freitag 6. Januar 2012, 20:06

Uriel wartete ungeduldig, bis Nikelrah die Tür endlich aufgeschlossen hatte. Während der dies tat, erzählte er, was es mit Iathirs Rüstung auf sich hatte. Bei den Worten des Narren lief dem Boten ein kalter Schauer über den Rücken. Auch wenn die Geschichte ruhig ein wenig detaillierter ausgeführt hätte werden können, so hatte er dennoch einen guten Eindruck vom Charakter dieser Rüstung bekommen. Als Nikelrah endete und die Tür aufschloss, blickte Uriel skeptisch auf den Ledertorso und die Hand - und Beinschienen in seinen Händen. Er war beileibe nicht der abergläubischste Elf, dennoch missfiel ihm der Gedanke, eine womöglich verfluchte Rüstung in den Händen zu halten. Und auch wenn Nikelrah es nicht explizit angesprochen hatte, die Tatsache, dass seit dreihundert Jahren niemand mehr diese Rüstung getragen hatte, weckte Uriels Misstrauen. Warum sollte man auf so ein Meisterwerk der Rüstungsschmiede verzichten? Er war sicher nicht der Erste gewesen, der in die Waffenkammer gebracht worden war und ganz sicher nicht der Qualifizierteste. Warum also hatte man sie nicht angerührt? Uriel wurde dieses ungute Gefühl der Gefahr einfach nicht los. Was war, wenn Iathir diese Rüstung so verzaubert hatte, dass niemand außer ihm selbst sie tragen könnte? Doch dann schüttelte der Hybrid den Kopf. Nikelrah würde ihm unter keinen Umständen so etwas anvertrauen. Das hatte weniger damit zu tun, dass Uriel diesem Kerl vertraute, sondern mehr damit, dass solch eine Rüstung nicht für jedermann zugänglich wäre, wenn es sie denn gäbe. Abgesehen davon neigte er sowieso dazu, sich zuviele Sorgen zu machen. In den meisten Fällen war das gar nicht so schlecht, doch häufig eher kontraproduktiv. Paranoia nützte nicht immer und überall und vor allem nicht, wenn man vor Angst nicht einmal mehr einschlafen konnte.
Nikelrah führte Uriel nun an der Festhalle vorbei zu den Wohneinrichtungen der Diebesgilde. Wieder einmal staunte der Bote über das weitläufige Netz an Gängen, direkt unter der Stadt. Wenn man hie runten war, war es leicht zu vergessen, dass über einem die Dunkelelfen marschierten. Was an diesem Fakt aber nicht änderte. Und Uriel wusste, dass es vermutlich nur eine Frage der Zeit war, bis sie auch die Diebesgilde aufgespürt hatten. Nicht, dass es ihn groß etwas kümmern würde. Doch er wäre schon gerne wenigstens ein paar Meilen entfernt, wenn es passierte. Und solange das nicht der Fall war, sollte er zumindest alles daran setzen, dass das Dunkle Volk keinen Fuß hier runter setzte.

Schließlich standen sie vor einer weißen Tür, die Nikelrah auch sogleich öffnete. Uriel schätzte, dass dies ein Gästezimmer war. Als er einen Blick herein warf, bestätigte sich seine Vermutung. Die Einrichtung war gemütlich, doch nicht extravagant. Das Zimmer bestand aus zwei Räumen. Einen mit Bett, Sessel, Tisch, Schrank und sogar einem Ofen. Uriel fragte sich, wohin der Rauch wohl hingeleitet wurde. Nebenan war, durch eine Tür erreichbar, ein Baderaum. Der Hybrid konnte den Badezuber sehen. Die Aussicht nach einem warmen Bad stimmte ihn ein wenig fröhlich. Es war lange her, dass er ein ordentlich Bad gehabt hatte. Zu lange, wenn es nach seinen eigenen hygienischen Bedürfnissen ging. Allein sein "Schwätzchen" mit dem Dunkelelfen in der Kanalisation hatte seiner Sauberkeit schweren Schaden zugefügt. Zugegeben, er hatte schon schlimmer ausgesehen. Dennoch passte es ihm ganz und gar nicht, mit sprichwörtlichem "Mist" in den Flügeln herumzurennen.
Nikelrah verabschiedete sich nun auf gewohnt höfliche Art und Weise. Zuletzt riet er Uriel noch, die Tür abzuschließen. Der Hybrid nickte nur kurz. Mit den Gedanken war er völlig woanders, um genau zu sein beim Bad, und als Vampas rechte Hand die Tür schloss, hatte er auch schon vergessen, was dieser gesagt hatte. Ohne großes Federlesen - ha, was für ein Witz - entkleidete sich Uriel. Die dreckigen Sachen legte er, so gut es ging, zusammen und zog an dem Strick, damit sie gewaschen wurden. Iathirs Rüstung legte er beiseite. Dann stieg er in den Waschzuber. Zum ersten Mal seit geraumer Zeit, entfuhr Uriel ein wohliger Seufzer. Die Wärme fuhr in seine Glieder und die verkrampften Muskeln entspannten sich. Ein seliger Ausdruck legte sich auf Uriels Gesicht und wäre jemand im Raum gewesen, er hätte für kurze Zeit den jungen Elfen erblickt, wie er vor 52 Jahren ausgesehen hatte, bevor der Schmerz seine Gesichtszüge verhärtet hatte. Gutes Essen und ein warmes Bad. Das sind die wahren Schätze., dachte Uriel und lächelte kurz schief, als er erkannte, wie senil sich das anhörte. Nachdem er eine Weile im Wasser gelegen hatte, begann der Rabenhybrid sorgfältig mit der Pflege seiner Flügel. Er entfernte penibel jeglichen Schmutz und Unreinheiten aus dem Gefieder und strich danach die Feder glatt. Auch wenn die Flügel ihm nur Unglück gebracht hatten, so waren sie dennoch immer noch ein Teil von ihm. Wenn auch ein ziemlich ungeliebter.
Schließlich stieg er aus dem, inzwischen erkalteten, Wasser und trocknete sich ab. Sein Blick fiel auf den Punkt, wo er die Sachen hingelegt hatte. Für einen kurzen Moment war überrascht, als sie nicht dortlagen. Doch dann fiel ihm ein, dass eine Magd sie wohl weggebracht hatte. Dass er sie nicht gehört hatte, war nicht ungewöhnlich. Als er im Badezuber gelegen hatte, hätte eine Armee sturzbetrunkener Orks an ihm vorbeiziehen können und er hätte sie nicht bemerkt. Dann fiel Uriels Blick ein weiteres mal auf die Rüstung. So wie sie da lag, auf dem Tisch, ausgebreitet, wirkte sie zwar dunkel, doch eher geheimnisvoll, als gefährlich. Nikelrah hatte nicht viel über Iathir verraten, doch dass was er gesagt hatte, war dem Boten ihm Gedächtnis geblieben. Nachdenklich strich er über die Verzierungen. "Was denkt sich Faun dabei, dass er meine Augen auf dich gelenkt hat?", murmelte er in seiner Muttersprache. Dann wandte er sich ab. Wenn er morgen einigermaßen bereit sein wollte, musste er jetzt schlafen. Uriel zog die Decke vom Bett und wickelte sie sich um den Körper. Dann setzte er sich hin und lehnte sich nahe des Ofens an die Wand. Er hatte sie angwöhnt auf dem Boden zu schlafen und die Jahre hatten dafür gesorgt, dass er sich nun in einem Bett zunehmend unwohl fühlte. Noch einmal ließ er seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Die Proviantsäcke und die Mehlbomben lagen griffbereit am Bett und das Schwert seines Meister lehnte an der gegenüberliegenden Wand. Zuletzt ruhten seine Augen auf Iathirs Rüstung. Uriel seufzte tief. Er konnte nur hoffen, dass er diese Nacht Schlaf finden würde. Dann breitete er die großen Schwingen aus und legte sie wie ein großes Dach über seinen Kopf, so dass sie nun fast seinen kompletten Körper verdeckten. Nun, da er sich einigermaßen geborgen fühlte und das Feuer neben noch ein klein wenig prasselte, senkten sich Uriels Augenlider langsam. Kurz bevor er einschlief, dachte er noch halb daran die Tür abzuschließen.
Dann driftete er weg...

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Montag 9. Januar 2012, 11:22

Es dauerte nicht lange und Uriel war in tiefstem Schlummer versunken. Sein Körper hatte diese Erholungspause ebenso bitter nötig, wie sein Geist. Der musste die Aufregung der letzten Tage und die Strapazen der Reise davor erstenmal verarbeiten. Eine ganze weile lang, verfolgten Uriel wirre Träume, in denen er wie eine Ratte durch ein Labyrinth rannte, immer auf der Flucht vor Orks und Dunkelelfen, die ihn mit allen Mitteln zu kriegen suchten. Es waren ganz gewöhnliche Träume, wenn auch gewiss keine angenehmen. Aber dann veränderte sich die Szenerie und Art die Art des Traumes vollkommen. Die engen Tunnel und Gänge wurden breiter und weiteten sich zu einer gewaltigen Halle. Schwarzer und grauer Marmor bedeckten den Boden in ausgefallenen und anspruchsvollen Mustern, dicke, dunkle Samtvorhänge bedeckten die Wände. Von der hohen decke hingen Kronleuchter, die ein dämmriges Licht auf diesen Schauplatz warfen. In gewisser Weise ähnelte diese Ort der Festhalle der Diebesgilde, oder vielmehr, die Festhalle wirkte so, als wäre sie diesem ort nachempfunden worden, ohne die düstere Schönheit vollkommen einzufangen. Uriel befand sich genau in Zentrum dieses Saals. Er war sich viel bewusster, als es für einen Traum normal war. Es war viel mehr so, als wäre er gradeeben an genau dieser Stelle aufgewacht. Alles wirkte so real.
Auf den ersten Blick schien Uriel alleine zu sein, doch das täuschte. Genau in seinem Rücken stand ein großer Thron, der anscheinend aus Obsidian gehauen und mit schwarzen Satin bekleidet worden war. Jeder König Celcias, ja selbst der dunkle Herrscher wäre auf dieses Objekt neidisch gewesen. Auf dem Thron rekelte sich eine dunkel gekleidete Gestallt, die nicht im geringsten Königlich aussah und sich auch nicht so benahm. Anstatt normal auf dem Sitzpolster zu ruhen, saß der Unbekannte Schräg auf dem Herrschersitz. Der Rücken lehnte sich gegen die linke Armlehne, die Beine hingen lässig über die rechte. Man musste mehrmals hinsehen um in dem schwachen Licht zu erkenne, was der Fremde trug. Sein Gesicht war durch eine tief gezogene Kapuze nicht zu erkennen. Doch darunter trug er eine schwarze Rüstung mit allerlei Verzierungen. Passende Schienen schützten sowohl die Arme, als auch die Beine. Die Panzerung durfte Uriel gerne bekannt vorkommen, denn er hatte vor wenigen Stunden ein kleines vermögen dafür bezahlt!
Die sich rekelnde Gestallt biss in einen dunkelroten Apfel und riss ein großes Stück Fruchtfleisch heraus. Einen kleinen Brocken davon nahm er mit der freien Hand wieder heraus und warf ihn die Lehne hoch. Dort hockte ein schwarzer Vogel, der die dargebotene Gabe freudig entgegen nahm und herunter schluckte. Er klapperte zufrieden mit dem Schnabel und begann dann sein Gefieder zu putzen. Ein weiteres Mal biss der Mann in den Apfel und warf dann den Rest der Frucht auf den Boden, wo sich ein grauer Fuchs sofort an den Überresten gütig tat. Der Maskierte streckte sich auf seinem kostbaren Thron einmal durch und hüpfte dann über seinen vierbeinigen Gefährten hinweg auf den Boden. Der schwarze Vogel erhob sich geräuschlos und flatterte auf die Schulter des Gerüsteten, an dessen einer Seite ein Schwert, an der anderen ein Dolch baumelte. In einer fließenden Bewegung zog der Mann die Kapuze seines schwarzen Umhangs zurück und entblößte ein freundlich wirkendes Elfengesicht. Spitze Ohren lugten zwischen struppigen, weißgrauen Haaren hervor. Markante blaue Augen musterten Uriel von oben bis unten und schwenkten dann hoch zu den Flügeln, die sein Interesse zu wecken schien. ”Interessant …,” meinte der unbekannte Elf leichthin und verschränkte nachdenklich die Arme vor der Brust. ”Ja, du scheinst geeignet zu sein. Äußerst interessant. Also wenn sie passt bin ich mit dir einigermaßen einverstanden. Fürs erste. Ich werde dich aber trotzdem im Auge behalten.” Breit grinsend stupste der Elf dem Hybriden gegen die Brust und zwinkerte. Noch einmal drückte er seinen Zeigefinger gegen Uriel und noch einmal. Und noch ein weiteres mal. Und die ganze Halle wurde mit einem mal pechschwarz.
Immer wieder stupste ihm jemand gegen den Oberkörper. Es dauerte einen Moment, bevor Uriel realisieren konnte, dass dort vor ihm ein kleiner Mensch hockte, der hartnäckig damit beschäftigt war, den Boten aus dem Schlaf zu reißen. Cassandras Haar war strubbeliger als früher am Abend, was wohl darauf hindeutete, dass sie wirklich eine Zeit lang geschlafen hatte und sie trug eine weißes Nachthemd, dass ihr bis zu den bloßen Füßen reichte. Wie immer drückte sie ihren Stoffbären mit dem rechten Arm an sich, während sie Uriel mit der linken Hand weiter knuffte um ihn zu wecken. Es herrschte absolute Stille. Kein wunder, denn es war noch mitten in der Nacht. Die Sonne würde frühestens in einer Stunde aufgehen. Aber das schien die kleine Seherin nicht im geringsten zu stören. Sie wollte jetzt mit ihrem Engel plaudern. Nun gut, Uriel war selber Schuld. Er hätte die Tür ja abschließen können.
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Dienstag 17. Januar 2012, 14:49

Uriel träumte schlecht. Wie üblich. Es war nichts ungewöhnliches für ihn. Seit seiner Mutierung in einen Rabenhybriden verfolgten ihn Albträume. Dieser hier war noch einer der Besseren, denn immerhin musste er nur laufen. Okay, das Gegrunze der Orks und die gebrüllten Befehle der Dunkelelfen hinter ihm, sowie die merkwürdige Gewissheit, dass sie ganz bestialische und schmerzhafte Dinge mit ihm anstellen werden, wenn er anhielt, sorgte nicht gerade für Entspannung, aber er hatte schon Schlimmeres geträumt. Die Szenerie war, typisch für seine Träume, surreal und verschwommen. Irgendwie waren alle Wände gleich und die physikalischen Gesetze schienen auch Urlaub zu machen. So kam, dass er einfach mal auf einer Mauer senkrecht nach oben lief oder mitten im leeren Raum rannte. Wie gesagt, nichts Ungewöhnliches.
Dies änderte sich jedoch auf einmal, als der Gang, in dem Uriel gerade lief, sich plötzlich verbeiterte und in einer Halle mündete. Der Hybrid merkte sofort, dass sich etwas geändert hatte. Nicht nur, dass er klare Gedanken fassen konnte. Der Raum selbst schien gestochen scharf. Kein Nebel, keine Schlieren oder irgendwelche anderen Wahrnehmungsbehinderungen. Es war fast so, als wäre Uriel aufgewacht. Nein, wenn er aufgewacht wäre, würde es sich anders anfühlen. Irgendwie normaler. Hier aber war es so, als wären alle seine Sinne um das Dreifache geschärft. Er konnte trotz dem dämmrigen Licht den Marmor unter seinen Füßen sehen, er spürte die glatte Oberfläche und fühlte wie ein kalter Hauch, so zart, dass er nicht einmal ein Haar zum Biegen brachte, durch die Halle fuhr. Uriel blickte sich langsam um. Die Halle sah wie eine Festhalle der Diebe aus, was ungewöhnlich war, da Uriel noch nie solch eine gesehen hatte, sie also dementsprechend auch schlecht träumen konnte. Dennoch, obwohl er diesem Raum das erste Mal sah, spürte er, dass etwas nicht stimmte. Besser gesagt: Die Halle wirkte künstlich, falsch. So als würde etwas fehlen. Eine Sache, die essentiell war um den Raum zu vollenden. Oder, als würde vielmehr der Raum nicht passen. Wie ein Kleidungstück, bei dem die falschen Maße genommen wurde. So oder so, Uriel fühlte sich fehl am Platz. Was ihm gar nicht passte, immerhin war das sein Traum. Oder etwa nicht?
Als der Hybrid sich umdrehte, bemerkte er den Thron, der hinter ihm stand. Ein wahres Meisterwerk, das sah er sofort. Aus Obsidian geschlagen und mit schwarzem Samt ausgelegt. Irgendjemand musste dafür eine ganz schön lange Zeitspannge hergegeben haben, um so etwas zu vollenden. Armer Kerl. Hätte etwas sinnvolleres tun sollen. Doch Uriels Augenmerk wurde letzendlich von der Person angezogen, die dort auf dem Thron herumlungerte in einer Position, welche dem Pathos der Handwerkskunst des Möbelstückes dermaßen spottete, dass Uriel schmunzeln musste. Auch wenn das Aussehen des Fremden düster wirkte, so war allein seine Haltung dem Hybriden symphatisch. Und das passierte nicht oft. Als er aber einen sorgfältigeren Blick tat, verging ihm das Lächeln schlagartig. Der Fremde trug eben jene Rüstung, welche Uriel vor wenigen Augenblicken - oder waren es schon Stunden? - erworben hatte! Der mysteriöse "Thronschänder" aß gerade einen Apfel, mit einer Lässigkeit, die seiner Haltung mehr als nur entsprach. Uriel fielen der schwarze Vogel und der graue Fuchs auf. Was hatten diese Tiere hier zu suchen? Wenn er jetzt auf einmal anfing in Metaphern zu träumen, würde er wohl endgültig verrückt werden. Der Mann richtete sich nun auf und ging auf Uriel zu. Dieser wollte zurückweichen, nur um überrascht festzustellen, dass seine Beine es sich anders überlegt hatten. Der Fremde entblöste nun sein Gesicht. Es war das eines Elfen, freundlich, mit strubbeligen weißgrauen Haaren und solch blauen Augen, dass die Farbe selbst sich ein Beispiel daran nehmen konnte. ”Interessant … ja, du scheinst geeignet zu sein. Äußerst interessant. Also wenn sie passt bin ich mit dir einigermaßen einverstanden. Fürs erste. Ich werde dich aber trotzdem im Auge behalten.” Er stupste ihn gegen die Brust. Und dann noch einmal. Beim dritten Mal tauchte alles in Dunkelheit und der Kurier fiel in die Schatten...
Uriel schlug die Augen auf. Er blickte in ein kleines, verträumtes Gesicht. Cass stupste ihn gegen die Brust mit einer Entschlossenheit, als würde sich versuchen das Schloss des Süßigkeitenfaches aufzubrechen. Völlig verwirrt starrte der Hybrid sie an. "Wie bist du...woher...wie spät?", stammelte er. Erst jetzt bemerkte er die offen stehende Tür und erinnerte sich endlich an Nikelrahs Worte vom vorigen Abend. Da hast du dir jetzt aber was angelacht., schalt er sich stumm. Müde blickte er Cass an und blinzelte. An seinen merkwürdigen Traum konnte er sich gut erinnern. Aber er war noch nicht wach genug, um gut darüber nachdenken zu können. Also seufzte er schicksalsergeben. "Was willst du, Cass?"

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Samstag 21. Januar 2012, 19:36

Der Raum war nur schwächlich beleuchtet, doch nach der dunklen Halle aus seinem Traum, konnte sich Uriel hier trotzdem gut orientieren. Das Feuer in dem großen Ofen war verloschen, nur die Asche glühte noch rötlich und verstrahlte einen letzten Rest Wärme und Licht. Links und rechts über dem verwaist wirkendem Doppelbett brannten zwei graue Kerzen, die unruhig flackerten. Das meiste Licht jedoch stammte von der Nachtlampe, die neben Uriel stand. Keine Frage, dass Cassandra sie mitgebracht hatte. Es war nicht schwer sich vorzustellen, wie das kleine Mädchen, einem Geist gleich, mit der erhobenen Blendlaterne in der einen und dem Kuscheltier im anderen Arm, durch die verlassenen Gänge der schlafenden Gilde huschte. Jetzt war sie nun mal hier und der Hybrid war dementsprechend der Leidtragende. „Die Tür war nicht verschlossen. Ich wäre wohl auch so rein gekommen, aber ich dachte du wolltest, dass man dich Besuchen kann.“ Die Art, wie das Kind das sagte, klang wie immer so, als wäre es eine bewiesene Tatsache, die nur alle um sie herum nicht einsehen wollten. Mit ausgestrecktem Finger deutete sie auf die Kommode neben der Tür. Dort lagen sauber gefaltet und eindeutig nach allen Regeln der Kunst gereinigt, Uriels Kleidung. „Die Zofe war ja auch da, siehst du?“ fragte die Seherin, stupste dem Rabenmann noch einmal gegen die Brust und lächelte Breit, da sie den unumstößlichen Beleg für ihren vorangegangenen Satz angeführt.
Mit einem Satz hüpfte Cassandra hoch und wiegte sich langsam zur einen und anderen Seite. „Kurz vor Sonnenaufgang,“ beantwortete sie schließlich auch die Frage danach, wie spät es war. Das schien sich jedoch eher weniger zu interessieren. Viel lieber kam sie zu dem Punkt, weswegen sie überhaupt gekommen war. Dafür dackelte sie flink auf die andere Seite des Bettes, wo sie sich kurz nach unten bückte und eine einfache, kleine Umhängetasche mit bunten Fransen aufhob. Eben diese drückte sie nun fester an sich, als sie es mit ihrem Bären je getan hätte, den sie nun wiederum achtlos über den Boden hinter sich her schleifte, als sie zu Uriel zurück schlich. Dort angekommen lies sie sich im Schneidersitz nieder und setzte ihren Bären so aufs Bett, dass er genau zusehen konnte, bei allem was nun passierte. Langsam und zögerlich, so als würde sie es sich immer wieder anders überlegen, öffnete sie die kleine Tasche und griff hinein. Dann sah sie mit großen Augen zu dem Boten und versuchte dessen Blick standzuhalten. „Ich habe etwas für dich, aber du musst mir versprechen, dass du es niemandem erzählst! Ich glaube ich krieg ärger, wenn ich es dir gebe ...“ Wie in Zeitlupe zog sie ihre Hand wieder heraus, die einen in Lappen gewickelten Gegenstand umklammerte. Vorsichtig, als wäre das verpackte Objekt aus Glas, entfernte sie die Lumpen. Zum Vorschein kam etwas, dass aussah wie ein lupenreiner Diamant. Er hatte die Form und die Größe einer Adlerfeder und wenn sie von Menschenhand geschaffen war, so müsste ihr Schöpfer ein wahrer Meister gewesen sein. Doch je länger man dieses Kleinod betrachtete, desto klarer wurde, dass es sicherlich keinen irdischen Ursprung hatte.
„Die hab ich vor ein paar Jahren einem ziemlich kleine, rundlichen Mann geklaut. Ich weiß ich hätte das nicht machen sollen. Aber ich hab sie seitdem gehegt und gepflegt wie den größten Schatz von Celcia!“ Mit einem leichten Anflug des Bedauern reichte Cassandra die Kristallfeder an Uriel weiter. Trotzdem machte sich in ihr Erleichterung breit, als sie dieses Edelstück los war. Vielleicht war ihr gewissen doch ein wenig davon belastet worden, dass sie etwas genommen hatte, dass sie nicht durfte. „Tante Kiala hat mir gesagt, dass diese Feder ein kleines Vermögen wert ist. Angeblich kann sie dich einmal federleicht machen, bevor sie zerspringt. Sicherlich kannst du damit zurück zu Lysanthor fliegen, wenn deine Aufgabe hier unten erfüllt ist. Ich glaube das ist für dich eine viel bessere Belohnung, als das was Opa dir geben könnte, nicht wahr?“ Das stolze Lächeln, dass die kleine Seherin nun zutage trug, wirkte so als hätte sie Uriel den Traum seines Lebens Geschenkt. Zumindest glaubte sie wohl selbst, dass sie dem Hybriden ein entsprechendes Geschenk gemacht hatte. Dann verfiel sie aber wieder in ihre typische, ausdruckslose und traumwandlerische Art. „Du siehst gar nicht gut aus ... schlecht geschlafen? Oder zu kurz? Vielleicht musst du früher ins Bett ...“
Bild
[OOT: Um das noch einmal deutlich zu machen, die Feder erlaubt es Uriel einmal zu fliegen!]
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Sonntag 29. Januar 2012, 15:00

Uriel ließ geknickt den Kopf sinken. Da hatte er nun den Salat! Warum konnte nicht einmal etwas so ablaufen, wie er es gerne hätte? Ein friedlicher Waldspaziergang, zum Beispiel. Oder aufnahmsweise mal eine Nacht ohne Einmischung von Albträumen oder gewissen außenstehenden Einflüssen. War das etwas zu viel verlangt? Was hatte er, bei Faldor und allen Höllen, den Göttern nur getan, dass sie ihn nicht ein einziges mal ausschlafen ließen. Hatte er unabsichtlich einen Schrein bespuckt? Oder irgendeinen anderen Frevel, den er nicht bemerkt hatte? Musste anscheinend so sein, denn ansonsten war diese unheilige Aneinanderreihung von Unfällen und Schicksalsschlägen nicht zu erklären.
Dennoch, es war zum Teil auch Uriels eigene Schuld. Wenn er die Tür abgeschlossen hätte, wäre es wahrscheinlich gar nicht soweit gekommen. Nun aber war es zu spät und Cass war auch tatsächlich aufgetaucht. Die kleine Seherin trug wie immer ihren Teddy dabei, jedoch bemerkte der Hybrid auch die Tragetasche, die sie mitgeschleppt hatte. Wozu brachte die Kleine so etwas mit? Und die viel wichtigere Frage, warum zum verfluchten Federausrupfen schlich sie des Nachts in der Gilde herum!? Jedenfalls notierte sich Uriel für später, ab sofort die Türen abzuschließen, wenn er in der Gilde war und alleine sein wollte. Falls er hierher zurückkam, was derzeit noch unklar war. Immerhin waren die Kleider schon gewaschen, merkte Uriel, als Cass ihn darauf hinwies. Er brummte missmutig und rieb sich die Augen um endlich einigermaßen wach zu werden. "Wie spät ist es eigentlich?", fragte noch ein bisschen verschlafen. „Kurz vor Sonnenaufgang.“, kam prompt die Antwort. Stöhnend sank der Kurier ein Stückchen tiefer die Wand runter. Dann hatte er ja gerade mal fünf bis sechs Stunden Schlaf gefunden. Kein Wunder, dass er noch völlig fertig war. Und so wie er sich und seine unfreiwilligen Schlafgewohnheiten kannte, würde er jetzt vermutlich nicht mehr einschlafen können. Eine wirklich ausgesprochen unerfreuliche Nachricht. Er warf Cass kurz einen wütenden Blick zu, den diese aber nicht sah, da sie gerade damit beschäftigt war die Tasche hervorzuholen. Zu diesem Zweck stellte sie sogar den Bären beiseite, was bei Uriel ein leicht überraschtes Stirnrunzeln hervorrief, trennte sich das kleine Orakel doch so gut wie nie von ihrem fusseligen Freund. Anscheinend war etwas in der Tasche, was wertvoller war als ein imaginärer Freund. Kaum vorstellbar.
„Ich habe etwas für dich, aber du musst mir versprechen, dass du es niemandem erzählst! Ich glaube ich krieg ärger, wenn ich es dir gebe ...“, sagte Cass und holte einen in Lumpen gewickelten Gegenstand aus der Tasche. Uriel seufzte. "Nun, du hast mich ja schon um meinen Schlaf gebracht. Da werd ich also das Risiko eingehen, und dein Geheimnis bewahren. Vorläufig." Dann wickelte Cass den Gegenstand aus. Zum Vorschein kam ein ein Diamant. Ein sehr großer und ungewöhnlicher Diamant, um genau zu sein. Für einen kurzen Moment gingen Uriel fast die Augen über. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, während er überlegte, wie viel dieses Prachtstück von einem Stein wohl wert wäre. „Die hab ich vor ein paar Jahren einem ziemlich kleine, rundlichen Mann geklaut. Ich weiß ich hätte das nicht machen sollen. Aber ich hab sie seitdem gehegt und gepflegt wie den größten Schatz von Celcia!“ Uriel lachte kurz auf. "Der größte es sicherlich nicht! Aber ein Schatz auf jeden Fall." Warum Cass ihm wohl so etwas schenkte? Unwichtig, Fakt war, dass er jetzt sicherlich für Monate ausgesorgt hätte. Wenn er denn noch so lange leben würde. Doch Cass nächste Worte, enthüllten ihm die wahren Vorteile dieser Kristallfeder. Dieses kleine Ding konnte ihm die Fähigkeit verleihen zu fliegen! Für einen kurzen Moment blieb Uriel wie erstarrt über der Feder gebeugt. Dann blickte er zu Cass. In ihm rissen sich kindliche Freude und wütender Verdruss. Freude, dass zum ersten Mal seit Jahren ihm jemand so etwas geschenkt hatte. Nein, seit er geboren wurde, hatte er nie ein solch passendes Geschenk bekommen. Verdruss darüber, dass ihm die Möglichkeit geboten wurde die absolute Freiheit des Himmels zu kosten, nur um sie dann wieder loslassen zu müssen. Trotzdem lächelte er Cass glücklich an. Es war ein seltenes ehrliches Lächeln und für einen kurzen Moment löschte es all den Schmerz und die Traurigkeit aus seinem Gesicht.
Doch dann verschwand dieses Lächeln wieder und zurück bleib wieder nur Uriels übliches Schmunzeln. Er betrachtete die Feder eingehend. Nun waren seine Chancen aus diesem Schlamassel lebend wieder rauszukommen, deutlcih erhöht worden. Cass hatte ihm, ohne es zu wissen, ein weiteres Ass in den Ärmel gesteckt. Vielleicht konnte man das tatsächlich als ein wenig Glück bezeichnen. Über ihre letzten Wort lächelte der Hybrid nur schief. "Stell dir vor, du hast womöglich Recht.", antwortete er mit ein wenig Ironie. Dann richtete er sich auf und streckte all seine vorhandenen Glieder. Er ging zu seinen Sachen und verzog sich mit ihnen in den Baderaum um sich umzuziehen. Schlaf würde er eh keinen mehr finden. Während er seine Sachen anzog, beschloss Uriel die Unterhaltung mit dem hellsehenden Mädchen voranzutreiben. Sein Traum kam ihn wieder in den Sinn. "Nickelrah hat mir gegenüber jemanden erwähnt.", sagte er, "Er nannte in Iathir, konnte mir aber nicht wirklich viel erzählen. Weißt du etwas über ihn?" Er verließ sich darauf, dass Cass Bedürfniss, ihr Wissen zur Schau zu stellen, ihm die nötigen Informationen über dieses mysteriösen Elfen beschaffen würde. man konnte schließlich nie genug über jene wissen, die sich in die Träume anderer Leute einschlichen.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Freitag 10. Februar 2012, 15:53

Mit der typischen, strahlenden Miene eines Kindes, dass sich rüber freute, dass sich andere über ihr Geschenk freuten, nahm sie die Umarmung von Uriel entgegen und kicherte dabei, wie eine Jungfrau, die das erste mal einen Kuss ihres geliebten empfangen hatte. Tatsächlich hatte sie bisher noch nie so glücklich – und vor allem normal – ausgesehen, wie in diesem Moment. Sie war einfach glücklich darüber, dass ihr Geschenk so gut angekommen war. Das erleichterte sie doch ungemein. Damit hatten die Jahre des schlechten Gewissens und des Verstecken dieses kleines Schatzes, doch einen Sinn gehabt. Und der war es wert gewesen. Schließlich half sie ihrem Engel! Da sich der Kurier jetzt wieder von ihr löste und sein Geschenk genauer untersuchte, beschloss das Kind, es sich ein wenig gemütlicher zu machen. Als wäre sie in der Kammer zuhause, lies sich Cassandra auf das unbenutzte Bett plumpsen und wurde durch das Federn erst einmal wieder ein wenig nach oben geschleudert. Mit ausladenden Bewegungen, schleuderte sie ihre Pantoffeln von den Füßen, die im weiten Bogen durchs Zimmer flogen. Einer landete einen Meter vor ihr auf dem Boden, während der andere sich für eine Rundreise entschied und im benachbarten Baderaum verschwand. Mit den Zehen wackelnd, beobachtete sie, wie der Rabenmann seine Kleider zusammen raffte und in das Bad verschwand.
Mit neugierigem Blick lehnte sich das kleine Orakel ein wenig zur Seite, um Uriel weiter beobachten zu können. Nicht weil sie Hintergedanken hatte und sehen wollte wie der Engel sich entkleidete, sondern einfach um nichts von dem zu verpasse, dass Uriel grade trieb. Ertappt schnallte sie aber wieder zurück, als der Hybrid das Gespräch weiter voran trieb und sah stattdessen ein wenig verwirrt auf ihre Füße. Irgendwie war ihr der Zusammenhang entgangen, eigentlich nichts besonderes, aber normalerweise hassten es die Leute, mit ihr über Legenden und Märchengestallten zu reden. Aber als sie dann den Blick durch den Raum schweifen lies, entdeckte sie die schwarze Rüstung, die sorgsam ausgebreitet auf dem Tisch lag und es dämmerte dem Mädchen. „Oooohhhh,“ meinte sie überrascht und machte große Augen, um den Schatz genauer zu betrachten. „Nickelrah hat dir Iathirs Rüstung gegeben? Das ist ja klasse! Damit bist du bestimmt unbesiegbar!“ Die Bestimmtheit, mit der die Kleine das sagte, machte ganz deutlich, dass sie sich nicht sonderlich auf Rüstungen verstand und sie nur mit den Geschichten verband, die sie über seinen Träger kannte.
Sie setzten sich ihren Bären auf den Schoß, wie Mütter es manchmal mit kleinen Kindern machten und setzte an zu Erzählen. „Weißt du, Iarthir war ein Dieb, aber nicht irgendein Dieb, sondern ein Diebeskönig! Aber das ist bestimmt schon, ähh“ sie streckte die Arme in die Luft, weil ihr anscheinend die genaue Zeitspanne nicht einfiel, „also bestimmt schon fünfhundert Jahre her! Auf jeden Fall ganz, ganz lange, weil er einer der ersten Könige überhaupt war! Und er war ein Elf. Ein Shyáner glaub ich. Aber auf den Bildern in meinem Buch sieht er aus wie ein Nachtelf. Ganz helle Haut und weiße Haare und so. Und er war Zauberer und eine Krieger. Ich find Iarthir toll, weil er so viel konnte. Weißt du, er konnte sich sogar unsichtbar machen und Schatten rufen. Und mit seinem Schwert Kaldraed konnte er jedes Feuer aufsammeln. Und in einer Geschichte läuft er sogar über die Wolken und stiehlt ein Juwel aus Hymlia.“ So wirklich hilfreich war Cassandras Geplapper sicher nicht. Schon dass sie bei solchen Situationen jeden Satz mit „Und“ anfangen musste, brachte die meisten Zuhörer um den verstand. Aber nach dem sie die ersten Punkte, die ihr in den Sinn gekommen waren, einmal aufgezählt hatte, fiel ihr die Geschichte ein, die den legendären Dieb letztlich so berühmt gemacht hatte. Damit verflog auch ihre Aufgeregtheit und sie wurde stattdessen wieder besonnener und sachlicher. „Als die Gilde in einer Zeit der großen Not war, da trat Iathir unbeirrt nach vorne. Mit seiner schwarzen Rüstung am Körper, sein Schwert Kaldraed in der einen, den Dolch Yggdrasil in der anderen Hand, stellte er sich den Abgesandten aus Zyranus, die versuchten unsere Regenten zu stellen und zu töten. Einen nach dem anderen schlug er nieder und rettete damit die Zunft. Am Ende fiel er, durch verrat, aber gleichzeitig erfüllte sein Tod ein abkommen mit Zyranus, dass uns Neutralität versprach.“
Mit einem Satz hüpfte die kleine Seherin vom Bett auf den Boden, was sie jedoch sofort bereute. Mit ihren nackten Füßen tänzelte sie ein wenig herum, bevor sie sich an die Kälte der Fliesen gewöhnt hatte. Dann setzte sie ihren Bären wieder auf das Bett zurück und trippelte stattdessen zum Tisch, wo sie die schwarze, gravierte Brustplatte aufhob. Sie war so leicht, dass selbst ein kleines Kind sie tragen konnte. Mit ihrer Last betrat sie das Bad, wo sich Uriel inzwischen angekleidet hatte. Aufgeregt überreichte sie den Panzer seinem Besitzer. „Leg mal an, dann helf’ ich dir mit den Bändern auf dem Rücken.“ Bot sie freundlich an und sah, wie der Kurier sich in einen düsteren Krieger wandelte. Geschickt half sie beim verschnüren und dem schließen der Riemen, an die man alleine nur schwer dran kam. Erst dann trat sie einen Schritt zurück und staunte mit offenem Mund. „Guck mal, sie passt perfekt! Wenn du jetzt weiße Haare hättest, würdest du genau wie Iarthir aussehen ... na ja. Ich glaube du legst besser den Rest der Rüstung an und gehst dann zum Eingang. Rakshar wartet sicher schon. Er schläft fast nie.“ Die letzten Worte flüsterte sie ihrem neuen Freund nur zu, als wäre es ein Geheimnis, dass außer ihr keiner kannte.
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Mittwoch 22. Februar 2012, 19:20

Uriel schmunzelte kurz, als er Cass aufgeregte Stimme hörte. Das Mädchen schien wohl nicht oft die Gelegenheit zu haben, ihre Geschichten und Märchen erzählen zu können. Was den Hybriden wieder zur Frage führte, warum er es dann tat. Es war ja nicht so, dass er die kleine Seherin nicht leiden konnte, keineswegs. Dennoch war es ungewöhnlich für ihn, so schnell Sympathie für jemanden zu ergreifen. Wahrscheinlich lag es daran, dass Cass noch ein Kind war. In den Augen seines Volkes gerade mal der Mutterbrust entwöhnt. Und vielleicht auch an ihrer Naivität. Uriel konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie ihm Böses wollte. Es ging einfach nicht, nicht einmal mit seiner Paranoia. Sie war ein Kind. Und zudem kam sie ihm manchmal ein wenig einsam vor. Mädchen in ihrem Alter sollten mit anderen Kindern rumtollen, Puppen spielen. Freunde haben, einfach. Doch Cass war alleine, zumindest seit Uriel hier angekommen war. Unter den Erwachsenen gab es für sie Beschützer, wie Vigaro, oder Respektspersonen, wie ihren Großvater den Herrn "Diebesregent" persönlich. Aber ansonsten war sie abgeschottet, durch ihre besondere Gabe. Eine Gabe, die, wie es Gaben nun einmal an sich haben, sowohl Fluch als Segen war. Wahrscheinlich sogar mehr Fluch, als Segen. Wie auch immer, Uriel hatte einfach das Gefühl, dass er es ihr schuldig war, ihr zuzuhören.
Auf Cass erfreuten Ausruf, er sei nun mit Iathirs Rüstung unbesiegbar, antwortete der Kurier mit seinem typischen leisen Lachen. Natürlich bin ich unbesiegbar! Zumindest bis mir jemand ein Messer in den Rücken rammt, mich ein Drache verspeist oder ich womöglich von einem wahnsinnigen Natur-Hexenmeister in Stücke gerissen werde. Bevor er sich jedoch all zu sehr in Todesfantasien verlieren konnte, fing das Mädchen schon an zu erzählen. Während sie redete, begann Uriel sich anzuziehen.

Er war gerade dabei, seine schwarzen Flügel durch die Öffnungen am Rücken seines Hemdes zu führen - was jedes mal in einer verdammten Gelenkverdrehung endete, da er keine Augen am Hinterkopf hatte - als Cass erwähnte, dass Iathir ein Shyáner gewesen sein sollte. Das ließ Uriel aufhorchen. Ausgerechnet ein Landsmann? Das bedeutete einen weiteren Punkt auf der langen Liste der heutigen "Merkwürdigen und ganz und gar natürlichen Zufälle". Dann fing Cass schon von seinen zahlreichen Heldentaten zu schwärmen. Da diese Uriel weniger interessierten - Wer kann den bitte schön über Wolken laufen? - nutzte er die Zeit um endlich seine vemaledeiten Flügel durch die Schlitze seines Hemdes zu bekommen.
Mit einem Mal erreichte die Geschichte Iathirs eine interessanten Punkt. Uriel merkte dies daran, dass Cass´ Ton sich änderte. Sie redete auf einmal etwas langsamer und kontrollierter, so als ginge es nicht mehr länger um eine Aufzählung von "Heldentaten", sondern vielmehr um eine richtige Geschichte. Eine von denen, die zumindest einen kleinen Kern an Wahrheit beinhalteten. Es war eine eigentlich recht typische Legende. Von wegen, "die Guten standen mit dem Rücken zur Wand" und "Held stellt sich idiotischerweise alleine den Feinden entgegen". Sogar der obligatorische "Verrat des Freundes" war dabei. Warum auch nicht?, dachte Uriel, während er den Gürtel zuschnürte, In einer guten Geschichte muss der Held immer sterben. Sonst gibt es doch Nichts, was den Zuhörern sagt: Tut bloß nicht denselben Mist!
Cass war offensichtlich fertig mit ihrer Geschichte, denn sie kam um die Ecke, in ihren Händen den Brustpanzer. „Leg mal an, dann helf’ ich dir mit den Bändern auf dem Rücken.“, bot sie an und Uriel nickte dankend. Um es ihr leichter zu machen, kniete er sich hin und breitete die Arme aus. Bei den Bändern, die über den Rücken gingen, mussten sie ein, zwei Gurte anders verlegen, damit die Flügel genug Bewegungsspielraum hatten. Der Hybrid fühlte sich nie wohl dabei, wenn seine Flügel sich nicht frei bewegen konnten. Schließlich war die letzte Schnalle verschlossen und die Rüstung anständig befestigt. Als Uriel sich aufrichtete, war es sogar fast so, als hätte er Selbiges gar nicht angezogen. Das Leder passte sich seinen Bewegungen an und saß wie angegossen, ohne ein nennenswertes Gewicht. Einmal mehr fragte sich der Kurier, wer diese Rüstung eigentlich angefertigt hatte. Auf den Hinweis der Seherin - ohne diesen wäre er sicher nie darauf gekommen - legte er noch die Arm und Beinschienen an. Den Umhang legte er sich einfach kurz über die Schulter, ohne ihn anzuziehen. Das würde er erst tun wenn die Umstände soweit waren. Dann gürtete er sich sein Schwert um und schulterte den Proviant und die anderen Sachen. als er fertig mit den Vorbereitungen war, blickte er rüber zu Cass und lächelte schief. "Dann werde ich jetzt wohl besser losgehen.", sagte er mit schicksalsergebener Stimme und trat in den Flur.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Montag 27. Februar 2012, 10:07

Zu dieser frühen Stunde waren die Gänge der Diebesgilde noch menschenleer. Man schlief entweder in seiner Kammer oder war nach Hause gegangen, wenn man außerhalb der Zunfthallen wohnte. Außerdem war Gestern ja ordentlich gefeiert worden und die meisten hatten sicherlich einen gehörigen Kater, der sich so lange wie möglich an der Stille erfreuen wollte. Die meisten Lichter hatte man gelöscht, dass sie nicht von alleine ausgegangen waren konnte man aber daran erkennen, dass exakt jede vierte Öllampe noch brannte und so wenigstens eine dämmrige Orientierung erlaubte. Es schien fast so als wäre Uriel der einzige, der bereits auf den Beinen war, von dem kleinen Gespenst, mit den nussbraunen Haaren, die ihn in einem Meter abstand folgte, ohne ein Geräusch von sich zu geben. Am Vorabend hatte der Bote noch eine halbe Wanderung gemacht, um all die Räumlichkeiten zu erreichen, die er besucht hatte, doch praktischerweise war der Weg bis zurück in die Festhalle und damit den Eingangsbereich, nicht besonders weit. Nach nicht mal fünfzig Meter endete der Gang, in dem sich der Hybrid fortbewegte, bereits in einem der offen stehenden Flügeltore, die in den großen Gemeinschaftssaal führten. Allerdings kam er nun auf der anderen Seite raus, als er Gestern ins innere der Tunnel hinein gegangen war.
Mit einem mal gab Cassandra ein leises, erschrockenes Quieken von sich, als sie ebenfalls das Tor erreichte und ging hinter einem der beiden Flügel in Deckung. Nur mit einem Auge spähte sie in die Halle, die genau so leer zu sein schien, wie die restlichen Gänge. Man musste schon ganz genau hinsehen, um gedrungene Gestalt zu bemerken, die im Schneidersitz an einer Wand hockte und so regungslos war, wie eine Statue. Doch die Augen der Bestie waren geöffnet und achteten Sorgfältig auf jeden einzelnen Durchgang, stets auf der lauer wie das Raubtier, dem dieser Krieger so ähnlich sah. Rakjar. Der Leonide trug eine sandfarbene Lamellenrüstung, die im schwachen Licht grau aussah, darunter hatte er ein dunkelbraunes, knielanges Gewand mit schwarzen Streifen und Flecken angelegt. Stiefel oder Handschuhe trug der Löwenmann keine, zweifelsohne damit er seine gefährlichen Klauen besser einsetzen konnte! Auf dem Haupt trug der Krieger eine Art Reif, einen metallenen Schutz für die Stirn und die obere Partie seiner Schnauze, während seine dunkelgelbe Mähne frei nach hinten weg fiel. Er hatte das Maul leicht geöffnet und präsentierte seine strahlendweißen Reißzähne, die sicherlich auch eine Lederrüstung durchschlagen konnten. Obwohl der von dicken Muskelsträngen bedeckte Körper sicherlich auch so bereits todbringend sein konnte, lagen vor den überschlagenen Beinen zwei Krummsäbel.
Natürlich wurde Uriels auftauchen sofort registriert. Die giftgrünen Katzenaugen fixierten das kleine Vögelchen, als wäre es ein Leckerbissen und der Leonide zog die Lefzen leicht nach oben, wodurch es so aussah, als würde er grinsen. Dann zuckten die runden, vom Kopf abstehenden Ohren, als er Cassandras Quieken vernahm. Das schien den Krieger aus seinen fiesen Gedanken zu reißen, den mit einem Sprung wechselte er in den Stand und bückte sich, um die beiden Schwerter aufzuheben und in den breiten Wickelgürtel zu stecken. Jetzt wo er stand, konnte man sehen, dass er doch so etwas wie Lederbandagen um die Fußpfoten trug, die aber die Krallen frei ließen. Ähnlich wie die kleine Seherin verursachte der Raubkatzenhybrid nicht das geringste Geräusch, als er langsam auf Uriel zu kam, aber da dieses Ungetüm selbst den Elfen um mehr als einen Kopf überragte, war diese Fähigkeit umso beeindruckender.
„Da bist du ja, Vögelchen. Wundert mich, dass du schon so früh bereit bist. Oder hat dich etwa eine Maus geweckt?“ Bei seinen letzten Worten sah Rakjar an Uriel vorbei und genau dorthin, wo sich Cassandra hinter der Tür versteckte. In dem Moment, da der Leonide den Kopf bewegt hatte, war sie jedoch komplett hinter das Holz verschwunden. Rakjar gab ein leises Grollen hören und leckte sich mit der langen, roten Zunge über die Lefzen. Dabei sog er deutlich hörbar Luft durch die breite Nase ein, als wolle er Witterung aufnehmen. „Die Maus hat Angst vor der Katze. Fürchtet dass ich sie fresse, wenn keine auf sie aufpasst. Aber sie muss sich vor meinen Reißzähnen nicht fürchten. Wenn das Vögelchen mich aber aufhält, werde ich ihm den Kopf abreißen und gelangweilt in die Ecke werfen!“ Noch einmal grollte der Löwenmensch bedrohlich und schnappte sich dann den Proviantbeutel, von dem der deutlichere Fleischgeruch ausging. Ohne auf eine Reaktion von Seiten Uriels zu warten, wandte sich der Hüne ab und ging zu dem kaminartigen Durchgang, der zur Wendeltreppe führte, über die auch der Bote gestern herein gekommen war.

Oben angekommen betätigte Rakjar den Mechanismus, um die verborgene Tür zur Schneerosenallee zu öffnen, aber erst nachdem er durch den versteckten Spion sichergestellt hatte, dass auch wirklich niemand in der Nähe war. Die Zunft zu betreten oder verlassen barg stets ein gewisses Risiko, obwohl das gesamte Viertel inoffiziell von der Diebesgilde kontrolliert und bewohnt wurde. Aber seit die Besetzer der Dunkelelfen unvorhersehbare Patrouillen ansetzen, war es ungleich Gefährlicher, dass Geheimnis unter Haus 13 zu bewahren. Aber das Glück war ihnen holt und erlaubte ein sicheres Verlassen des Geheimganges. Draußen angekommen, atmete der Leonide erst einmal die frische Morgenluft in tiefen Zügen ein. Er kam in letzter Zeit nicht besonders häufig raus...
„Wir gehen in Richtung der Halle der Helden und verlassen von Dort aus die Stadt über einen Gebirgspfad,“ umriss Rakjar grob den ersten Schritt des Plans. Dabei machte die Art wie er sprach deutlich, dass er keinen Einspruch duldete. Aber immerhin war er ja auch derjenige, der in Pelgar und dem umliegenden Gebirge den Heimvorteil hatte – und der einzige der wusste wo genau es lang ging. „Ich würde ja sagen, dass der Pfad den wir ins Drachengebirge nehmen versteckt ist, aber heute weiß man nie. Bleib immer wachsam, Vögelchen. Aber da du lebend hier her gekommen bist, muss ich dir das wohl nicht erklären. Entweder du bist ein besserer Kämpfer als ich glaube, oder du bist ein guter Schleicher und Überlebenskünstler. Beides wird dir sicherlich nützlich sein.“ Damit setzte sich Rakjar in einen flotten Laufschritt, der ihn in nördliche Richtung von der Diebesgilde weg trug.

[Bei meinem nächsten Post geht es im östlichen Drachengebirge weiter. Du darfst gerne die Durchquerung der Stadt umreißen, da ich nicht vorhabe, dir hier bereits Schwierigkeiten zu bereiten. Du darfst Rakjar zu diesem Zweck mitsteuern, aber ihn auch zukünftig zu Interaktionszwecken mit Uriel etwas lenken.]
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Donnerstag 8. März 2012, 20:30

Uriel brauchte nicht allzu lange um die Haupthalle zu finden. Die Schlafkammern waren nicht weit vom Eingangsbereich entfernt und so war es selbst für den, hier fremden Hybriden nicht schwer sich in die richtige Richtung zu orientieren. Cass schwieg wie immer und das war ihm nur recht so. In der Diebesgilde war geradezu gespenstisch still und es war ein weitaus angenehmerer Zustand als das Gegröle und Gezeche der vielen Menschen vom letzten Abend. Uriel fragte sich, ob überhaupt Wachen abgestellt wurden, die den geheimen Zugang nach draußen bewachten. Bis jetzt wirkte es so, als würde keiner auch nur im Entferntesten auf den Gedanken kommen, im wachen Zustand zu dieser Uhrzeit zu sein.
Ein plötzliches Gefühl der Gefahr riss Uriel aus seinen Gedanken. Er spürte es noch bevor er die Festhalle betrat und Cass sich erschrocken hinter ihm versteckte. Es war, als wäre er gerade in einen einen Zwinger gelaufen und die Tür wäre hinter ihm zugefallen. Unangenehm, keine Frage. Vor allem wenn einem die Bestie, die in dem Zwinger lebte gerade mit giftgrünen Augen anstarrte. Uriel hatte Katzen noch nie gemocht und diese Abneigung hatte sich nach seiner "Krankheit" sogar noch verschärft. Es war einfach ungesund, wenn man Vogel und Raubtier nah beieinander hielt. Wobei "ungesund" sich vor allem auf seine Gesundheit bezog. Irgendwie zweifelte der Hybrid daran, dass er eine ernst zu nehmende Gefahr für Rakjar war. Anders als Cass aber, blieb Uriel äußerlich ruhig und verzog nicht eine Miene. Einzig seine Flügel zuckten nervös. Der Leonide war eine beeindruckende Gestalt. Einschüchternd groß, unübersehbar stark und mit einer Aura der Selbstsicherheit gesegnet, die man nur besitzen konnte, wenn man mehr Kämpfe überlebt und gewonnen hatte als es der Durchschnitt war. Dann grinste Rakjar und Uriel konnte sich allzu gut vorstellen, was dieses muskelbepackte Fellknäuel dachte. Wusste dieser Kerl eigentlich, dass sie Verbündete waren? Wahrscheinlich, doch er hatte auch die Prophezeiung mit angehört. Es brauchte nicht viel Verfolgungswahn und Misstrauen um auf Gedanken zu kommen, dass Rakjar womöglich beschlossen hatte, DER Überlebende bei diesem Meuchelmord zu sein.
Mit einem eleganten Sprung kam der Leonid auf die Füße und ging auf Uriel zu. Dieser musste an sich halten um nicht zurückzuweichen. Was hatten seine Eltern ihm zu fressen gegeben, dass er so dermaßen in die Höhe geschossen war? „Da bist du ja, Vögelchen. Wundert mich, dass du schon so früh bereit bist. Oder hat dich etwa eine Maus geweckt?“ "Dir auch einen guten Morgen.", entgegnete Uriel unwirsch. Er hatte Rakjar schon nicht leiden können, als er noch den Mund gehalten hatte. Dass der Leonid jetzt auch noch die Schnauze aufmachte, sorgte nicht dafür, dass Uriel ihn besser leiden konnte. Vor allem nach dem, was er als nächstes von sich gab. „Die Maus hat Angst vor der Katze. Fürchtet dass ich sie fresse, wenn keine auf sie aufpasst. Aber sie muss sich vor meinen Reißzähnen nicht fürchten. Wenn das Vögelchen mich aber aufhält, werde ich ihm den Kopf abreißen und gelangweilt in die Ecke werfen!“ Harte Worte. Und Uriel zweifelte nicht eine Sekunde, dass sie ernst gemeint waren. Dennoch schaffte er es, die Augen zu verleiern und Rakjar den Beutel zu geben. Da der große Krieger schon vorging, blieb dem Hybriden nicht viel zeit sich zu verabschieden. Daher lächelte er Cass nur gequält an und hob die Hand.

Mit einem mahlenden Knirschen ging die Tür beiseite und Uriel trat ins Freie. Erleichtert breitete er die Flügel aus und atmete mit tiefen Zügen die frische Luft. Er war einfach nicht für Höhlen gemacht. Einen offenen Himmel brauchte er über seinen Kopf, alles andere war unangenehm. Neben sich hörte er Rakjar ebenfalls genießerisch die Atemorgane betätigen. Ein leichtes Schmunzeln breitete sich aus Uriels Gesichts aus. Es war amüsant, dass das Erste was zwei solch grundverschiedene Kreaturen machten, Luft holen war. „Wir gehen in Richtung der Halle der Helden und verlassen von Dort aus die Stadt über einen Gebirgspfad.", sagte Rakjar. Uriel zuckte mit den Schultern um zu zeigen, dass es ihm egal war. Er hatte eh keine Ahnung, wo sie hinmussten. „Ich würde ja sagen, dass der Pfad den wir ins Drachengebirge nehmen versteckt ist, aber heute weiß man nie. Bleib immer wachsam, Vögelchen. Aber da du lebend hier her gekommen bist, muss ich dir das wohl nicht erklären. Entweder du bist ein besserer Kämpfer als ich glaube, oder du bist ein guter Schleicher und Überlebenskünstler. Beides wird dir sicherlich nützlich sein.“ Nun runzelte Uriel doch missbilligend die Stirn. "Tu mir einen Gefallen und verleg dich wieder auf dein sympathisches Schweigen!", sagte er nicht gerade freundlich und lief los.
Rakjar war so freundlich und erfüllte ihm seinen Wunsch, wobei es natürlich auch sein konnte, dass er schlichtweg nichts weiteres zu sagen hatte. Sie durchquerten die Stadt rasch und zügig, wobei sie einmal fast auf eine dunkelelfische Patrouille gestoßen wären. Glücklicherweise hatte der Leonid sie schon gerochen, bevor sie in Sichtweite kamen, so dass sie ihnen ausweichen konnten. Schweigend kamen sie bis zur halle der Helden. Uriel hatte nur einen flüchtigen Blick für die grausamen Zerstörungen. Die Sorge um sein eigenes Leben lenkte ihn effektiv genug ab. Nun hatte er auch den Umhang umgeworfen um wenigstens ein bisschen unauffälliger zu sein. Während Rakjar begann den Zugang zum Gebirgspfad zu suchen, hielt der Kurier Wache und achtete darauf, dass niemand in ihre Nähe kam. Eine wichtige und angenehm ungefährliche Aufgabe.
Schließlich gab sein "Waffengefährte" ihm ein Zeichen, dass er den Eingang gefunden hatte. Dann betraten sie gemeinsam den Pfad ins Gebirge. Uriel lächelte zynisch. Ein Katze, die mich tötet, wenn ich nicht spure, ein wahnsinniger Hexenmeister und die Gewissheit, dass nur ein Einziger aus dieser Situation lebend herauskommen wird. Was soll jetzt noch schiefgehen?

Benutzeravatar
Gestalt
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 667
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:13
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Gestalt » Sonntag 18. März 2012, 20:17

Ob nun, weil ich Uriel darum gebeten hatte, oder weil es einfach seine Natur war, aber Rakjar behielt sich tatsächlich während des weiteren Marsches durch das besetzte Pelgar vor, den schweigsamen Führer zu markieren. Nicht einmal wenn eine Gefahr drohte, sagte er etwas, sondern knurrte nur Warnend, was über für den Rabenhybrid genau auszureichen schien, da sie ohne einen einzigen Zwischenfall bis zur Halle der Helden gelangten, die von den Eroberern aufs schlimmste geschändet worden war. Doch der Leonide interessierte sich nicht weiter für die zerstörten Statuen oder die entstellten Bildnisse. Das hier waren Helden der Menschen und der Elfen, niemand der ihn interessiert hätte. Für den mürrischen Rakjar gab es maßgebend nur einen einzigen Menschen von Bedeutung und das war Lucheni Vampa. Wenn der alte Mann erst mal sein Leben ausgehaucht hätte, war es ungewiss, ob der Krieger weiterhin bei der Diebeszunft bleiben würde. Außerdem hatte er ohnehin eine viel wichtigere Aufgabe, die ihn davon abhielt, sich weiter mit der finsteren Halle zu beschäftigen. Er untersuchte die Mauer, die den direkten Blick aufs Gebirge verhinderte. Einen schützenden Zweck hatte sie nie gehabt, denn von dieser Seite waren die Berge für die Stadt mehr Sicherheit als nötig. Nein, man hatte sie errichtet, weil das Gestein des Drachengebirges zu hart gewesen war, um es vernünftig zu glätten und zu behauen. Aber weil die Menschen der Hauptstadt ja ihre „Ästhetik“ so hoch schätzten, waren die rauen Felswände schließlich mit einem Blickfang umgeben.
Das die Diebesgilde sich vor Jahrzehnten an eben dieser Mauer und dem Fels dahinter zu schaffen gemacht hatte, war ein gut gehütetes Geheimnis. Einer der früheren pelgarischen Regenten wollte dringend einen sicheren Geheimpfad ins Gebirge anlegen, um eine unbemerkte Flucht in eine unvorhersehbare Richtung durchführen zu können. Möglich war das nur durch einige zwergische Mitglieder und deren Wissen und Werkzeug. Bisher hatte er kaum nutzen gehabt, doch heute würde sich das wohl ändern. Nach einigen Minuten der Suche, fand Rakjar schließlich den Schalter, der die Geheimtür öffnete. Die vorher fugenlose Wand senkte sich ab und gab einen schmalen Tunnel frei, der grade hoch genug war, dass der große Leonide mit gesenktem Kopf durch passte. Mit einer Bewegung seiner klauenbesetzten Hand wies er Uriel an, zu folgen. Dann verschwand er in den dunklen Gang ...

[Weiter geht es für Uriel hier: Das östliche Drachengebirge ‹ Schon wieder ein Bergpfad]
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Freitag 23. November 2012, 22:39

[Uriel kommt von hier: Östliches Drachengebirge > Schon wieder ein Bergpfad]

Und wieder einmal ging es durch den engen Gang im Felsgestein. Und wieder musste sich Uriel mit seiner aufkommenden Platzangst auseinander setzen. Wo er jedoch beim ersten Mal nicht mehr als ein Fellknäuel auf zwei Beinen und schlechte Vorahnungen gehabt hatte, so schleppte dieses Mal unschöne Gewissheiten, einen ehemals eingesperrten Elfen und einen halbtoten Hexenmeister mit sich. Alles in allem, ein Fortschritt. Wenn auch einer, auf den Uriel gerne verzichtet hätte.
Nachdem er seine Kräfte versiegelt hatte, war er nicht umhin gekommen, einen geradzu ekelhaft zufriedenen Ausdruck in Meresins Gesicht festzustellen. Bilde dir bloß nichts darauf ein., hatte er in dem Moment gedacht, Der Vogel putzt sich das Gefieder weil es dreckig ist, nicht weil der Wurm darüber lacht! Vermutlich verbuchte sein "Vater" es als ein Erfolg, dass Uriel seinen Ratschlag hinsichtlich der Magie letzten Endes befolgt hatte. Doch der Hybrid hatte seine Position gegenüber ihm nicht geändert. Da konnte seine Umgebung noch so oft in Flammen stehen! Eher würde er sich künftig an den Geruch von verbrannten Fleisch und brennenden Klamoten gewöhnen, als dass er diesem Mistkerl trauen würde. Selbst Apollo, der anscheinend genug von seinem zerschmetterten Selbstbewusstsein zusamengekratzt hatte, um wieder non-verbale Signale auszusenden, hatte versucht Uriel mit heftigen Kopfbewegungen klarzumachen, was er von seinem Plan, Meresin nach Pelgar zu führen, hielt. Der Kurier hatte sich für diese ungemein wertvollen Ratschläge mit einem Tritt bedankt. Er wusste selber, dass das keine gute Idee war. Allerdings hatte er - und er würde nicht müde, dies immer wieder zu wiederholen - keine große Wahl. Meresin hatte, bevor er den Tunnel betreten hatte, sogar noch einmal deutlich gemacht, was passieren würde, wenn Uriel oder irgendjemand anderes ihm in die Quere kommen würde.
Normalerweise würde der Hybrid sich in einem solchen Falle einfach umdrehen und gehen. Später würde er dann die Rauchwolken in der Ferne bewundern. Allerdings zweifelte er nicht daran, dass Meresin ihn so ziemlich überall in Celcia finden würde und eine Spur aus Tod und Verderben machte seine Tätigkeit als Kurier nicht unbedingt einfacher. Außerdem hatte er keine Lust sich die nächsten drei Tage mit so etwas nervigem wie einem schlechten Gewissen herumzuschlagen. Also hieß es für ihn: Kooperation! Und zwar mit Ausrufezeichen.

Schlussendlich hatten sie den Tunnel hinter und die von Dunkelfen besetzte Stadt vor sich. Nachdem Uriel den Eingang wieder einigermaßen geschlossen hatte, blickte er sich kurz im verlassenen Tempel um. Momentan war keiner zu sehen, auch wenn sich das schnell ändern konnte. Nun galt es einen Weg zurück zur Schneerosenallee 13 zu finden. Was die Route anging machte sich Uriel wenig Sorgen. Er hatte noch gut im Kopf wo es langging. Einer der Vorteile, sich den Körper mit einem Vogel zu teilen. Abgesehen von den extravaganten Vorteilen wie, nicht in der Lage zu sein zu fliegen oder Würmer als Delikatesse anzusehen, so konnte Uriel fast jeden Weg und jede Route, die er einmal hinter sich gebracht hatte, auch wieder finden. Es war kein totaler Orientierungssinn. Mehr ein "Hier bin ich richtig". Und es war zuverlässig.
Doch bevor es mit dem Patrouillen-Ausweichen losgehen konnte, musste er sich noch einmal mit Meresin unterhalten. "Du willst nach Morgeria. Ich hatte was das anging zugesagt.", stellte er klar, "Wie wir jedoch dahin kommen, ist meine Sache! Die Diebe sind nicht die Art von Menschen, die dir ihr Vertrauen entgegenwerfen werden. Also lass mich das alleine erledigen." Uriel wusste, dass er sich mit dieser Forderung weit aus dem Fenster lehnte. Er hoffte auch nicht, dass Meresin plötzlich einen Anfall von Verständnis zeigte. Eher baute er auf etwas anderes. Der Kerl wollte so schnell er konnte nach Morgeria. Das Wie interessierte ihn dabei nicht. Und dieses Desinteresse würde Uriel vielleicht entgegenkommen.
Außerdem sagte ein Gefühl dem Kurier, dass es seine Beziehung zu Vampa mehr als nur strapazieren würde, wenn er plötzlich mit einem Fremden im Versteck der Diebe auftauchen würde. Allein dass er Apollo am Leben gelassen hatte, würde den Geduldsfaden des recht cholerischen Diebesfürst gefährlich belasten. Da konnte Meresin schnell das Fass zum Überlaufen bringen. Und Uriel brauchte das Wohlwollen der Diebe. Sowohl für seine Geldbörse, als auch für seinen unfreiwilligen Trip nach Morgeria.
Darum blickte er Meresin noch einmal an. "Könntest du solange irgendwo warten? Bitte?" Das letzte Wort spuckte er förmlich aus, als würde es ihm nur schwer über die Lippen kommen.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 5. Dezember 2012, 18:33

Es war mehr als verständlich, dass der Rabenhybrid nicht diesen seltsamen Elfen mitnehmen wollte. Und das machte bestimmt nicht nur der Umstand, dass sich Meresin als Uriels leiblicher Vater ausgab. Die Gefahr, die dieser Elf- wenn er denn einer tatsächlich war, konnte man greifen, sowie man zusehen konnte, dass die Natur ihn mied. Elfen wurden nicht von der Natur gemieden und jetzt wo sie in Pelgar waren, schien diese Ausstrahlung ebenso wie auf dem Weg hierher.
Selbst Ratten hockten ängstlich auf Steinen oder versuchten so unauffällig wie möglich zu sein, unterließ sogar ihr Fressen und blieben versteinert hocken.
Meresin schien selber fast ein Stahlen zu haben, als sie den Gang verlassen hatten. Er schloss genüsslich die Augen und seine Hand hob er, als könne er direkt aus der Umgebung selbst das Grauen greifen und spüren. Und es schien ihn nichts auszumachen. Jeder Elf würde bei diesem ganzen Leib etwas in sich Brechen spüren, aber Meresin schien es eher wie ein Willkommensgruß.
„so viel Elend…so viel Leid… so viel Wut“ sinnierte er in leichtem Singsang.
Seine Stimme veränderte sich, wurde tiefer und tiefer, dass er mit dem verführerischen Klang eines Basses sprach. Mehr als ungewöhnlich, so waren die Stimmen der Elfen immer etwas heller, es passte so überhaupt nicht zu der schönen Gestalt, die zwischen Trümmern stand und sich das schwarze lange haar im Windzug bewegte. Die Tätowierung der Flügel auf seinem Rücken schien zu zucken, so als entfalteten sich sogleich die mächtigen Schwingen. Seine Augen waren in die Ferne gerichtet und er sog die Luft ein, die nach Tod und Feuer roch.
Er öffnete die Augen, als Uriel ihn ansprach und sah über seine Schulter zu ihm rüber. Seine Hände und Finger webten seltsame Muster in die Luft, als würde er einen Zauber weben.
„Angst, ich könne deinen Leuten etwas antun?“ Das Lächeln war sanft, doch konnte es nicht die Kälte und Härte aus der Stimme nehmen und erreichte auch nicht die Augen.
„Aber ich habe vertrauen zu dir, Sohn! Ich werde gerne hier warten und du darfst die Situation ihnen erklären. Natürlich darfst du auch, hmm, wie war der Name noch, egal- die Kleine Seherin fragen, was sie von mir hält. Aber Uriel, das könnte für ihren Verstand zu viel sein und ob du es verkraften kannst, dass sie dem Wahnsinn anschließend verfällt liegt an dir.“
Er drehte sich geschmeidig zu Uriel um, trat auf ihn zu.
„ich weiß ja, dass du dir keine Schuldgefühle aufladen willst, Du solltest dich von deinen…“ Meresin stoppte abrupt und griff mit der Schnelligkeit einer zubeißender Kopra an Uriel vorbei.
Als er die Hand wieder hervorholte, hing dort ein zappelndes kleines Wesen in seiner Hand, was beschützend etwas bei sich trug. Die Kreatur strampelte und biss kurzerhand Meresin in die Hand. Dampf stieg auf, wo es Meresin biss. Die Finger des Elfen lösten den Griff und dieses kleine Wesen landete unsanft auf dem Boden.
„Das ist nicht für dich“ Stieß es aus, als Meresin es fallen ließ. Es saß wie eine Mischung aus Feenwesen und Zwerg aus und stellte schnell etwas bei Uriel ab, bevor es Fersengeld gab.
„Uriel sollte es erhalten“ hörte man aus der Ferne noch, nachdem es sich einfach in Luft aufgelöst hatte.
Meresin knirschte mit den Zähnen und besah die kleine Gabe, die dort abgestellt wurde. Tatsächlich konnte er es nicht berühren, denn auch er musste sich anderen Kräften fügen. Er rieb sich die Hand und Uriel konnte für einen Moment die mächtige Kette wieder sehen, die er auch im Spiegel an den Gelenken hatte. Als wenn er noch immer damit rumlief, dies aber verbarg. Ein Grollen was einem Gewitter gleich kam, kam aus der Kehle des schwarzhaarigen Elfen.
„dies ist wohl für dich“ antwortete er jedoch mit einem wieder neutralen Gesichtsausdruck. Seine Beherrschung fand er schnell wieder.
„Es hat jemand dir etwas zukommen lassen! Du solltest es nehmen.“ Zuckersüß und unglaublich zuvorkommend. Das er jedoch nichts von dieser Phiole hielt war bestimmt schon Grund genug, dass es eine genauere Betrachtung durch den hybriden in nachziehen sollte.
Meresin tat es mit dem Abwinken einer Hand klar, dass es kein Interesse für ihn war.
Auf dem Etikett, welches an der Phiole angebracht war, stand deutlich geschrieben:
Verwandlungstrank.
Bei Einnahme des kompletten Inhalts erfolgt eine Verwandlung für 24 Stunden, in die Gestalt in der man geboren wurde. Nur zum Einmalgebrauch zu verwenden!
Bild

„Nutze es weise, mein Sohn!“ lächelte süffisant Meresin und sah sich abermals in der zerstörten Stadt um.
„Ach ja, grüße die netten Diebe von mir und bleibe nicht zu lange, in Ordnung?“ Der Blick sagte darauf alles, ich würde dir sonst einfach folgen.
„ Zwar hätte ich gerne die kleine Orakeldame getroffen, doch will ich dir ja nicht alles nehmen. Das schaffst du schon alleine! Ich beschäftige mich ein wenig hier. Drei Stunden geben ich dir!“ Damit trat er von Uriel weg. Sah sich ein wenig um und ging in die zerstörte Stadt und blickte zum Tempel hinein. Kurz ging er in die Hocke und sprang dann mehrere Meter hoch, um auf dem Dach zu landen. Uriel konnte sich sicher sein, dass er einen Windzug vernommen hatte und das Geräusch von Federn, wenn man auch die Flügel nicht sah.
Jetzt konnte er also ohne weiteres vorwärtsgehen, Meresin würde warten. Der Blick aus den seltsamen Augen seines angeblichen Vaters heftete sich noch einen Moment auf den Kurier.
Apollo stieß ein erleichtertes Aufatmen aus, wenn er auch sofort seinem Atem gegenüber Uriel anhielt. Einen erneuten Tritt wollte der Magier nicht haben.
Der Magier schien mehr Angst vor Meresin zu haben, anstatt was in der Gilde der Diebe ihn erwarten könnte. Wieder etwas, was Meresin nicht im Ansehen bei Uriel stiegen lassen würde?
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Sonntag 16. Dezember 2012, 22:22

Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass Uriel nicht erleichtert gewesen wäre, als Meresin seiner "Bitte" nachgab. Natürlich tat es der Mistkerl auf seine typische Art und Weise. Sollte heißen: Drohungen, vage Andeutungen, gepaart mit einem klirrenden Tonfall, bei dem wohl selbst Eiselfen frieren würden. Nicht zum ersten Mal fragte sich der Hybrid, was Meresin eigentlich genau war. Die spitzen Ohren deuteten auf elfisches Blut hin und auch sein ganzes Gebaren verwies darauf, doch war etwas an ihm, dass Uriel zweifeln ließ, ob er es hier tatsächlich mit einem Angehörigen seiner, zugegebenermaßen ehemaligen, Rasse zu tun hatte. Dabei war es weniger sein finsteres Gemüt oder die Tatsache, dass seine Arroganz sogar einem Dunkelelfen Konkurrenz bot, sondern vielmehr einige wenige Details, wie die Tätowierungen auf seinem Rücken, die sich manchmal zu bewegen schienen oder diese wenigen Worte, die er in einer Sprache von sich gab, die Uriel noch nie gehört hatte. Im Gegenteil, er konnte sie nicht einmal einordnen. Es klang ein wenig wie das zyranische Meliongar, doch weitaus härter.
Meresin Ton änderte sich. Uriel ahnte, dass sich anscheinend so etwas wie eine Moralpredigt ankündigte. Merkwürdig, dass die beste Beschreibung, die ihm darauf einfiel, "väterlicher Ratschlag" war. Lächerlich!, schalt er sich, Wenn ich von nun an bei jedem Idioten, der mir halbwegs ähnlich sieht, dieselben Gefühle habe, muss ich wohl ernsthaft darüber nachdenken, ob ich nicht tatsächlich einen Vaterkomplex habe.

Plötzlich schoss Meresins Hand auf ihn. Völlig überrascht sprang Uriel nach hinten, während seine Hand refelxartig an sein Schwert ging. Doch wie sich herausstellte, war es kein Angriff gewesen - Phaun, sei Dank!, stattdessen zappelte ein kleines Ding in der Hand des finsteren Elfen. Das Wesen war winzig, fast so groß wie eine Fee, jedoch mit einem gedrungenen Körperbau und einer Knollnase. Mit seinem roten Mäntelchen und der ebeso roten und ziemlich tiefhängenden Mütze passte es zu dem tristen Pelgar ungefähr so gut, wie ein kleines rothaariges Kind zu einer Gruppe blutrünstiger Dunkelelfen. Über diesen Gedanken musste Uriel den Kopf schütteln. Als wenn jemand so viel Pech haben könnte, in die Hände des Dunklen Volkes zu geraten UND am Leben gelassen zu werden. Obwohl es gewiss ein paar arme Seelen gegeben hat.
Ein kurzes Knurren riss den Boten aus seinen Gedanken. Er war wieder leicht überrascht, als er erkannte, dass ausgerechnet Meresin gewesen war, der da gestöhnt hatte. Das kleine Wesen hatte ihm in die Hand gebissen, die nun unheilvoll schwelte, und war davongelaufen. Für einen kurzen Moment flackerte Wut über Meresins Gesicht und Uriel konnte einen Blick auf die Ketten erhaschen, die seine Handgelenke umwickelten, bevor sie wieder verschwanden. Anscheinend war sein "Vater" immer noch an den Spiegel gebunden, auch wenn er es versteckte. Ein Umstand, der Uriels Zuversicht ein wenig hob. Auch wenn ihm immer noch klar war, dass er trotzdem keine Chnace gegen ihn hätte, sollte es zum Äußersten kommen. Während sein Gegenüber mit geradezu überdeutliche Desinteresse sich abwandte, hob er die kleine Phiole auf, die das Wesen fallen gelassen hatte. Der Inschrift nach war es ein Verwandlungstrank. Wer auch immer das geschickt hatte, schien einen guten Riecher für Geschenke zu haben. Oder es war eine Falle und es war stattdessen Gift drinne. Uriel beschloss, diese Frage später nachzugehen, zumal seine Paranoia sich schon stur an Meresin die Stirn blutig schlug.
Dieser wiederum grinste Uriel auf ekelhafte Weise an. Drei Stunden geben ich dir!“" Mit diesen letzten Worten, schwang er sich in die Lüfte und setzte sich auf entferntes Dach. Mit den Zähnen knirschend blickte Uriel ihm nahc. Anscheinend hatte das Götterpaar beschlossen, Uriel seine körperliche Unzulänglichkeiten deutlich vor Augen zu führen. Erst Apollo, jetzt Meresin. Was soll das heißen!? Nur die bösen Jungs dürfen fliegen? Dann müsste ich ja auch gleich davonschweben!
Mit diesen finsteren Gedanken marschierte der Hybrid los. Apollo schleifte er dabei hinter sich her. Es war recht amüsant, wie erleichert der Hexer war, als sie Uriels Begleitung hinter sich ließen. Der Dummkopf schien vergessen zu haben, dass dort, wohin Uriel ihn brachte, keine bessere Behandlung auf ihn wartete. Im Gegenteil.

Der Weg zurück zur Schneerosenallee war recht kurz. Uriel brauchte nicht länger als zwanzig Minuten, um ihn zu bewältigen. Er hatte Glück und traf nur auf eine Patrouille und dieser konnte er ausweichen. Als er an den Ruinen vorbeiging und vor der Nummer Dreizehn stand, ging sein Blick nochmal auf Apollo und kurz zuckte ein schadenfrohes Lächeln auf seine Lippen. Rakjar hatte keinen schönen Tod gehabt. Aber, bei Iaszar, den würde Apollo auch nicht haben. Dann drehte sich Uriel wieder um und betätigte den versteckten Schalter, den Nikelrah beim letzten Mal aktiviert hatte. Knirschend öffnete sich der Geheimgang, mit der Treppe. Der Hybrid zerrte den Schlitten an den Rand der Stufen. Apollo blickte verwirrt nach unten und dann wieder zu Uriel. Der lächelte tückisch. "Guten Rustch!" Dann stieß er den Hexer hinunter. Schreiend raste Apollo nach unten, während der Bote ihm leise lachend folgte und die Tür sich hinter ihm wieder schloss.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 2. Januar 2013, 14:50

Ob er damit gerechnet hätte? Dass tatsächlich Meresin zurückbleiben würde. Ob es etwas Gutes war, darüber konnte man sich streiten. Doch für Uriel war es ein durchatmen- ein gewissen Gefühl von Freiheit, wenn auch nicht für lange.
Dieser Elf- wenn er denn einer war, würde das Verhältnis nur überspannen, was der Hybrid zu den Dieben pflegte. Wenn er diese nicht auch auslöschte und bestimmt gab es in den Reihen der Diebe ein oder zwei Personen, die so ein Schicksal nicht verdient hatten. Innerhalb drei Stunden sollte er alles klären und darauf konnte Uriel wetten, dann würde Meresin zu ihnen stoßen und den Tod gleich mitbringen.
So konnte er sich unbehelligt auf den Weg machen. Wachposten waren in dieser Gegend weniger zu sehen, doch egal wo man hinsah, schien Tod und Mord zu liegen. Häuser brannten und man könnte immer wieder Schreie hören. Schreie Sterbender oder Gequälter. Doch das Haus stand noch da, als wenn nichts geschehen wäre. Und nachdem Uriel den Geheimgang geöffnet hatte, war es für ihn ein unglaubliches vergnügen seinen Frust an Apollo auszulassen. Der Schrei war markerschütternd und panisch, so konnte sich der ehemalige Magier nirgends festhalten und raste mit einem Krachen und donnernd in die Dunkelheit des Ganges. Ob es Uriel auffiel, dass die Helligkeit nicht so groß wie beim letzten Mal war?
Unten konnte man gleich Lärm und Schritte hören. Ein Stöhnen und Ächzen, Stimmengewirr. Besonders eine weibliche sollte Uriel auffallen, denn diese Frau hatte ihn schon das Leben schwer gemacht. Uriel war noch nicht mal ganz unten, da konnte er eine Bewegung spüren und sah sich dann mehreren Klingen gegenüber. Mindestens Zwei waren auf den Hals des hybriden gesichtet. Vom Regen in die Traufe, würde man sagen. Apollo war in der Gewalt eines breiten Mannes und sah noch geschundener aus, als zuvor. Der schlitten war in Bruchstücken unter der Treppe verteilt. Die Reihen machten plötzlich platz und eine Frau trat triumphierend und mit einem kalten Lächeln auf den Kundschafter zu. Esmeralda!
Ihre Kleidung war figurbetont und eng an ihren weiblichen Körper anliegend. Ihre Oberweite war durch ein Lederkorsett perfekt in Szene gesetzt, eine weiche Wildlederhose und Kniehohe Stiefel ergänzten zusätzlich das Bild, genau wie der kurze Schulterüberwurf aus Fuchsfell, der über ihre Schultern lag. Eine leichte Armbrust und ein Schwert hingen an ihrer Hüfte und sie hatte einen Dolch in der Hand, den sie zwischen dem Fingern balancierte.
„Oh, wen haben wir denn da?...“ säuselte sie verführerisch und lehnte sich an einen der Männer, der sich nur zu gerne dafür bereitstellte. Irgendetwas war scheinbar geschehen, als Uriel seine Probleme mit Apollo und Meresin hatte.
„Vermutlich ist das der Magier, oder?“ Sie nickte zu dem geschundenen Mann rüber, der nur von einem zu anderen mit seinem Blick wechselte. Ein Triumph in ihren Blick, so schien sie über den Auftrag informiert zu sein, den Lucheni Vampa ihm gegeben hatte. Wer hatte sie informiert?
„Bringt den Mann weg!“ befahl sie herrisch und trat auf Uriel zu. Ihr Ton wirkte so gar nicht unterwürfig oder kuschend, sondern als würde alles nach ihrer Pfeife tanzen. Mit einem Nicken, ließen die anderen Kerle, die fast alle gefährlicher und auch bulliger als Uriel waren, ihre Waffen sinken und traten zurück um ihr Platz zu machen.
„ Du hast glück dass du den Mann zuerst geschickt hast…. Kass hat dich nicht wahrgenommen… nur etwas Fremdes“ sie lächelte mit leicht schief gelegten Kopf und strich den Hybriden über die Wange.
„und etwas dunkles…erzählst du mir es?“ Sie hatte schon einmal versucht ihn für sich zu gewinnen, doch er hatte sich ihr entziehen können. Und sie war darin nicht anders wie jede Frau, die keine Verschmähung über sich ergehen ließ.
„mein Großvater wäre bestimmt erfreut gewesen, dass du uns diesen Mistkerl gebracht hast…“ Ob dem Botschafter das Funkeln in ihren Augen bemerkte? Die Überlegenheit, die sie auszustrahlen schien. Die Reihen der Männer waren gut bewaffnet und ihr Blick forderte den hybriden auf ihr zu folgen.
Sie ließ ihn einfach hinterher laufen, doch waren es nicht die üblichen Wege die der Hybrid kannte. Sie führte ihn, ohne etwas zu sagen einfach ins Innere. Immer ein Schmunzeln auf den dunkel gefärbten Lippen und mit forschem Schritt. Die anderen Leute, ob Wachpersonal oder Gefolge, war ihm dicht auf dem Fersen, sorgte dafür dass er weiterlief. Meresin hätte sich diesbezüglich königlich amüsiert, aber hätte es nicht mit sich machen lassen.
Sie betraten einen Raum, oder eher, sie trat vor eine Tür und öffnete ihm diese. Es war nicht die erwartete Kerkerzelle, nein sondern ein aufbahrungsraum. Eine dunkelblaue Decke deckte dort eine Gestalt ab, die auf dem Steinaltar lag.
Davor kniete mit dem Rücken zur Tür eine kleine Gestalt. Leise war das Mädchenhafte Schluchzen zu vernehmen.
„Er starb …unverhofft“ meinte jetzt Esmeralda neben Uriel. Ihre Stimme war schwer zu deuten.


OT: Sorry fürs warten... :drop:
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Mittwoch 2. Januar 2013, 20:52

Uriel hatte einiges erwartet, als er die Treppe zur Gildenhalle herunterstieg. Diese Erwartungen reichten von optimistischen, wie eine Halle voller Diebe, die ihn geflissentlich ignorierten, bis hin zu wahrscheinlichen, wie Esmeralda, die ihn zornschnaubend empfangen würde, begleitet von einem Haufen Schläger. Nun, zumindest mit Letzterem lag er nicht ganz falsch, als sich ihm ein halbes Dutzend Klingen, plus eine ziemlich große Armbrust, entgegenreckten. Er hatte nicht einmal sein Schwert gezogen, stattdessen waren den zwei Schläger neben ihm nur zwei Zentimeter davor gewesen in Flammen aufzugehen...
Wenn er denn seine Kräfte nicht versiegelt hätte. Und wenn er nicht dieses anstrengende Duell mit dem gewissen Herren vor ihm in den Armen eines Diebes gehabt hätte. So aber konnte der Hybrid angesichts seines Begrüßungskomitees lediglich die Stirn runzeln. Als sich dann aber auch noch eine, ihm leider wohlbekannte, weibliche Gestalt aus der Masse schälte, zog nun ein Gewitter über Uriels Gesicht auf. „Oh, wen haben wir denn da?...“ , fragte Esmeralda scheinheilig. "Die einzige Person, die deine ausgeprägten Hüften nicht leiden kann.", entgegnete Uriel bissig.
Die Diebin ging auf die Unverschämtheit nicht ein. Im Gegenteil, es schien sie sogar zu amüsieren. Ein Umstand, der Uriel gar nicht gefiel. Sie wandte sich Apollo zu, der sich wieder auf das ängstliche Stieren verlegt hatte. „Vermutlich ist das der Magier, oder?“ Wieder konnte sich Uriel ein gepfeffertes Kommentar nicht verkneifen. "Nein, das ist irgendeine unglückliche Gestalt, die ich barmherzig von der Straße aufgelesen habe....Natürlich ist er das!" Die zwei Schwerter rückten seiner Kehle näher, als die Diebe ihm unmissverstädnlich klarmachten, dass weitere Geistesweisheiten nicht erwünscht waren. Doch Uriel kümmerte sich nicht darum. Während Esmeralda die anwesenden Männer dirigierte, arbeitete es in seinem Kopf fieberhaft.

Vampa würde es niemals zulassen, dass seine Enkelin in dieser Art das Kommando übernahm. So viel hatte der Hybrid von ihrem Verhältnis mitbekommen. Allein ihr triumphierendes Auftreten, die Tatsache, dass sie von Apollo Bescheid wusste und dass die Diebe innerhalb ihres Hauptquartieres einen Hinterhalt für etwaige Neuankömmlinge vorbereitet hatte, ließ nichts Gutes erahnen.
Ein Kopfnicken seitens der roten Schönheit ließ die Schläger ihre Waffen senken. Während Esmeralda noch schwafelte, strich sie sanft über Uriels Wange, was dieser mit einem gezwungenem Lächeln, dass irgendwie mehr wie ein Zähnefletschen aussah, quittierte. „Mein Großvater wäre bestimmt erfreut gewesen, dass du uns diesen Mistkerl gebracht hast…“ Dieser Satz ließ ihn dem Hybriden ungute Vorahnungen aufsteigen. Was soll das heißen "gewesen"? Das Funkeln in Esmeraldas Augen entging ihm keineswegs und es jagte ihm einen Schauer über den Rücken.
Die Diebe setzten sich in Bewegung, Uriel in ihrer Mitte wie ein Gefangener, der nichts zum letzten Mal froh war, Meresin von hier ferngehalten zu haben. Wohin brachte ihn das Frauenzimmer? Angesichts ihres Temperamentes und der vergangenen Ereignisse würde es ihn nicht wundern, wenn sie ihn einsperrte. Hatte sie, während seiner und Rakjars Abwesenheit die Herrschaft der Diebe an sich gerissen? Das hielt er für unwahrscheinlich. Zwar besaß Esmeralda genügend Ehrgeiz für solch eine Tat, doch nicht genug Skrupellosigkeit. Ihr würde es nicht einfallen, so etwas durchzuziehen, solange ihr Großvater noch am Leben war. Solange er noch am Leben ist... Diese unheilvollen Gedanken spukten durch seinen Kopf, wie Aaskrähen auf einem Leichenfeld.
Esmeralda hielt vor einer Tür an, die tief im Inneren des Diebesversteckes lag. Als sie öffnete und zusammen mit Uriel eintrat, bemerkte dieser zuerst drei Dinge. Erstens, die anderen Diebe blieben scheu und ehrerbietig draußen stehen. Zweitens, der Raum war keine Kerkerzelle, sondern ein Aufbahrungsraum, wie ihn die Menschen bei ihrer Totenwache verwendeten. Drittens, vor dem, mit einem dunkelblauem Tuch verhüllten Leichnam, kniete eine kleine Gestalt, weinend mit roten Zöpfen und einem schmutzigen Stoffbären an ihrer Seite. Cassandra. Und für Uriel war nun auch nicht schwer zu erraten, wer da aufgebahrt war. Langsam, mit nervös flatternden Flügeln, ging Uriel auf den Leichnam zu. Sein Gesicht war ausdruckslos. Eine wenig wohlmeinende Seele würde gleichgültig sagen. Er schlug das Tuch beiseite. Lucheni Vampas altes, runzliges Gesicht blickte ihm entgegen. Natürlich hatte man ihm die Augen geschlossen, schließlich fürchteten sich die Menschen vor den Blicken der Toten.
Der Hybrid konnte nur erahnen, was Esmeralda, Cass und Bruder, dessen Name ihm entfallen war, gerade durchmachten. Das leise Schluchzen neben ihm half ihm einw enig dabei. Für ihn war soeben ein Plan in die Brüche gegangen. Vampa hätte ihm heflen können, nach Morgeria zu gelangen. Er hätte vielleicht Fragen gestellt oder einen Wutanfall bekommen, aber er hätte ihm geholfen. Wer nun auch immer die Diebesgilde anführen würde - und Uriel hatte einen unschönen Verdacht - würde nicht ganz so kooperativ sein. Und er selbst hatte weniger als drei Stunden!
Der Tod des Diebesregenten weckten in Uriel Misstrauen. „Er starb …unverhofft“, meinte Esmeralda. Uriel drehte sich zu ihr um und seine glutroten Augen durchbohrten sie förmlich. Er erninnerte sich, dass Cass sie gestern zu Vampa geschickt hatte, weil der alte Mann sich über sein Brustleiden beschwerte. "Hat das irgendetwas mit seiner Krankheit zu tun?", fragte er, in der Hoffnung mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen zu haben. Dann fiel ihm etwas auf. Jemand fehlte. Eine Person, die eigentlich schon längst hätte auftauchen müssen. "Und wo ist Nickelrah?"

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4236
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 10. Januar 2013, 21:06

Sie hatte sich an den Türrahmen gelehnt, blickte ihn wachsam an. Ihr Blick war nicht wirklich der einer trauernden Nichte, sondern eher der eine kalkulierenden und kalten Frau. Hatte er sie je einmal so herzlos dreinblicken sehen? Hatte er sich doch getäuscht und sie hatte bei dem Mord, wenn es denn einer war, geholfen?
„Ich glaube nicht, dass es etwas mit der Krankheit zu tun hatte. Und ehrlich“ sie beugte sich zu ihm rüber „glaube ich nicht, dass die Krankheit einen natürlich Ursprung hatte.“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, puschte damit ihre weiblichen Reize nur noch mehr.
„Zu deiner Frage: Er … unser lieber Nickelrah … ist gestern Nacht …verschwunden. Der Letzte, der ihn gesehen hat, sagte dass er geschrien habe. Er würde brennen. Aber es war kein Feuer da. Er ist irgendwo in der Stadt verschwunden.“
Ihr Blick wurde herausfordernd.
„Du beherrscht doch Feuermagie. Hast du was damit zu tun?“
Die plötzliche Schärfe in ihrem Tonfall zeigte, dass sie es ernst meinte. Sie wies zu ihrer Schwester rüber, die noch immer neben dem Leichnam kniete und weinte.
„Cass hat gestern was gesehen.“
Mit einem Schritt war sie bei Uriel. Ihre Hand schnellte hervor und sie ergriff den Stoff seinem Hemdes. Ihre Stimme war zischelnd.
„Du bist der Einzige auf den ihre Beschreibung passt. Sie hat von Feuer geredet und Flügeln. Schwarzen. Und es sei ein Elf.“
Die Diebe draußen an der Tür hatten jetzt wieder ihre Waffen gezogen. Sie reagierten auf den Tonfall der Frau. Das Schicksal hat es wirklich nicht gut gemeint mit dem Hybriden.
„Nein, er war es nicht.“ Cass hatte sich umgedreht und blickte mit verweinten Augen zu den Anwesenden. Ihren Teddy in den Armen haltend schüttelte sie energisch den Kopf.
„Ich bin mir sicher, dass es nicht Uriel war. Das passt nicht, obwohl … ich weiß es nicht.“ Fragend und fast schon flehend, sah sie den Botschafter an.
„Du warst es doch nicht, oder?“ Sollte Uriel erzählen, dass er eine Ahnung hätte, wer die Person in der Vision war? Sollte er sagen, dass oben in der Stadt ein Wesen rumlief, das sich als seinen Vater ausgab?
Esmeralda sah zu ihrer jüngeren Schwester und kniete sich vor ihr nieder und strich ihr über’s Haar. „Ich weiß, dass du ihn magst und ich weiß, du möchtest ihn schützen. Aber wer sollte es sonst gewesen sein?“
Sie drehte sich zu Uriel, sah ihn scharf an.
„Deinen Auftrag hast du erfolgreich ausgeführt und dafür sind wir dankbar. Doch dir ist klar, dass ich dich nicht gehen lassen kann, bis wir nicht wissen was passiert ist und was meine Schwester gesehen hat.“ Damit erhob sie sich, schritt an Uriel vorbei, drehte sich nochmal zu ihm um und kam ihm ganz nah. Ihre Lippen nah an seinem Ohr.
„Du hättest mich damals nicht abweisen sollen. Dann hätte ich dich jetzt auch ziehen lassen.“
Er konnte in ihrem Blick sehen, dass sie sehr wohl wusste, dass er nicht die Person war, die die Schwester gesehen hatte. Doch ihr verletzter Stolz und die Position, die sie jetzt, wie schon Uriel vermutete, inne hatte nutzte sie dazu aus. Sich von ihm abwendend, trat sie zu einem der breiteren Diebe und tuschelte ihm irgendwas ins Ohr. Dieser nickte nur. Dann sprach sie, extra etwas lauter damit ihre Schwester sie hörte:
„Uriel wir werden dir deinen Lohn geben und verstehe, wir sind alle in Trauer. Wir werden dich, bzw. er, wird dich nach draußen begleiten.“ Damit trat sie von den Leuten weg und verschwand in einen der vielen Gänge des Diebeslabyrinthes. Der breite Kerl, ein Schrank von einem Mann, etwas hohl drein blickend, zeigte ein fast zahnloses Grinsen. Freundlichkeit sah definitiv anders aus. Er machte nur eine Geste, anstatt dass er etwas sagte. Vermutlich konnte er noch nicht einmal reden. Die Geste war unmissverständlich eine Aufforderung ihm zu folgen und zwar sofort.
Cass stand noch an der Tür und blickte leicht verwirrt.
„Du kommst doch wieder, oder?“ sie trat kurz an Uriel an, küsste seine Hand, blickte zu ihm auf.
„Er wird Hitze bringen und Tod. Und er ist das wovor du Angst hast.“
Ihr Blick war dabei leicht abwesend, so als spräche nicht ein Kind, sondern eher ein sehr altes Wesen. Dann von einer Sekunde auf die nächste, war der abwesende Blick nicht mehr vorhanden und sie lächelte ihn traurig an. Sie löste sich aus seinem Griff und trat zurück in den Raum, dort wo ihr Großvater aufgebahrt lag.
Ungesehen für das Kind erhielt der Hybrid abermals die Aufforderung durch einen Stoß gegen die Schulter. Wie er sich schon gedacht hatte, es konnte nur schlimmer werden.
Bild

Benutzeravatar
Uriel Schwarzschwinge
Gast
Gast

Re: Schneerosenallee Nummer 13

Beitrag von Uriel Schwarzschwinge » Mittwoch 23. Januar 2013, 21:18

Nikelrah war also wahnsinnig geworden und Vampa an einer mysterösen Krankheit gestorben, die Esmeralda nicht hatte behandeln können. Alles in allem, keine gute Nachrichten für Uriel. Um genau zu sein waren sie katastrophal! Er hatte schon kein gutes Gefühl gehabt, als er nach Nikelrah gefragt hatte und dieses wurde nun auch noch bestätigt. Jedoch machte ihn etwas stutzig. Zwar brach ab und zu in jedem Menschen der Wahnsinn aus und bei solch einem "Stock-im-Arsch" wie Nikelrah brodelte so etwas bestimmt schon lange unter der Oberfläche. Trotzdem passte es nicht ins Bild. Uriel war zwar kein Experte auf dem Gebiet der Psychologie, doch selbst er wusste, dass Nikelrah keine Anzeichen gezeigt hatte, die solch einen Abgang rechtfertigen würden. Er hatte geglaubt, er würde brennen... Esmeralda hatte anscheinend auch ihrne hübschen Kopf angestrengt. Allerdings gingen ihre Schlussfolgerungen in eine Richtung, die dem Hybriden gar nicht gefiel. Als sie seine Begabung für Magie ansprach, blickte Uriel auf. Er zeigte seine Überraschung zwar nicht, dennoch hatte sie ihn kalt erwischt. Woher wusste sie es? E war sich sicher, seine Fähigkeiten nie ihr und den anderen Dieben gezeigt zu haben und auch sonst machte er ein ziemliches Geheimnis daraus. Er musste schon genug Vorurteile und Feindseligkeiten erdulden. Da brauchte es nicht auch noch das!
Dann aber erklärte es sich, wie sie davon erfahren hatte. Cass hatte wieder eine ihrer Visionen gehabt. „Du bist der Einzige auf den ihre Beschreibung passt. Sie hat von Feuer geredet und Flügeln. Schwarzen. Und es sei ein Elf.“ Uriel verzog das Gesicht. Er nahm sich vor, Cass bei nächster Gelegenheit zu bitten ihre hellseherischen Fähigkeiten in andere Richtunge schweifen zu lassen. Sofern sie dazu in der Lage war. An Esmeralda gewand, entgegnete er. "Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt? Ich bin mir sicher, dass es da draußen mindestens noch einen anderen Elfen gibt, auf den diese Beschreibung passt." Oh ja, und dieser Mistkerl steht wahrscheinlich schon vor eurer Haustür und reibt sich seine verlogenen Hände! Inzwischen begriff Uriel welches Spiel hier gespielt wurde. Er wusste zwar noch nicht, in welche Richtung es führen sollte. Aber er wusste, im Gegensatz zu den Dieben, dass Meresin damit zu tun hatte.

Anscheinend hatte sein "Vater" sich schon früher aus seinem Gefängnis entkommen, als er ihm weisgemacht hatte. Die Frage war nur: Wie? Der Kurier erinnerte sich, dass Meresin gesagt hatte, dass die Feuermagie, die Uriel wirkte, ihn rief. Hieß das, dass er etwa schon seit dem Vorfall in der Kanalisation auf freiem Fuß war? Das würde erklären, wie er sowohl Nikelrah, als auch Vampa ermorden konnte, als Uriel mit Rakjar losgezogen war. Warum hatte er das getan? Hatten die zwei etwas gewusst? Und warum ließ er Uriel zu den Dieben gehen, wenn klar war, dass er dort seine Machenschaften aufdecken würde? Was versprach er sich davon?
Zu viele Fragen. Und auf keine hatte er eine befriedigende Antwort. Uriel beschloss, sich später daüber Gedanken zu machen, wenn er mehr wusste. Nun musste er sich erst einmal darum kümmern, dass ihn die Diebe nicht fälschlicherwiese wegen Mordes aufhängten. Obwohl "Kehle durschneiden" wohl wahscheinlicher war. Uriel befreite sich von Esmeraldas Griff und drehte sich zu Cass um, die ihn mit tränenverschmierten Gesicht flehend anstarrte. „Du warst es doch nicht, oder?“ Er lächelte gequält. "Deine Schwester ist anscheinend fest überzeugt davon und wer bin ich ihr zu widersprechen?" Zumindest seinen Humor hatte er noch nicht verloren.
„Ich weiß, dass du ihn magst und ich weiß, du möchtest ihn schützen. Aber wer sollte es sonst gewesen sein?“, machte Esmeralda mit ihrer unnahmahmlichen Art klar, die uriel immer wieder dazu brachte, ihr an die Gurgel gehen zu wollen. Meresin! Meresin! Er war es! Der verlogene, blöde, hinterhältige Mistkerl aus dem Harax!, hätte er am liebsten geschrien. Allerdings hätte ihm keiner geglaubt.
Ihm wurde nun eröffnet, dass er nicht gehen konnte, bis die Sache bereinigt war. Und angesichts des Drei-Stunden Limits waren das keine rosigen Aussichten. Konnte das nicht irgendwie beschleunigen. Kurz bevor sie ging, flüsterte Esmeralda noch eine letzten Satz ins Ohr, verkündete dann laut für die anderen ihren Beschluss, und dieses Mal schaute ihr Uriel tatsächlich hinterher. Dieses Frauenzimmer wekcte langsam seinen Respekt. Nicht ihre Intelligenz oder ihre, zugegebenermaßen beträchtliche, Oberweite. Nein, eher ihre Hartnäckigkeit. Unter günstigeren Umständen hätte er ihr vielleicht ein Lächeln geschenkt. Vielleicht...

Nun war für einen kurzen Moment allein mit Cass. Bevor er gezwungen war, dem Aufpasser, der ihn in sein "Quartier bringen sollte, zu folgen, kniete sich noch einmal auf Augenhöhe mit der kleinen Seherin. „Du kommst doch wieder, oder?“, fragte sie ihn leise, und Uriel verspürte einen Stich im Herz. "Ich wünschte, ich könnte dir das versprechen.", sagte er traurig. Dann änderte sich Cass und er ahnte, was kam. „Er wird Hitze bringen und Tod. Und er ist das wovor du Angst hast.“ Rasch packte er das Mädchen bei den Schulter und brachte ihr Gesicht nah an seines heran. "Cass? Cassandra!", flüsterte er eindringlich und rüttelte sie ein bisschen, bis ihr Blick sich klärte. "Hör zu! Du darfst keinen Blick mehr in meine Zukunft werfen, hörst du? Nicht einen einzigen mehr. Versprich mir das!" Seiner Stimme hörte man die unterdrückte Verzweiflung an, die ihn langsam erfüllte.
Ihre Antwort konnte er nicht mehr hören, denn er wurde von Schläger an der Schulter gepackt und nach draußen befördert. Ein Stoß ließ ihn stolpern und nach vorne drängem. Uriel konnte nur hoffen, dass Cass seinen Rat beherzigte. Das Mädchen hatte von allen Anwesenden am wenigsten verdient zu sterben und er wollte nachwievor die Katastrophe verhindern, die Meresin anscheinend heraufbeschwören wollte. Aber dazu musste er noch einmal mit Esmeralda sprechen. Und zwar allein. Wenn niemand da war, den sie beeindrucken mussste oder vor dem sie sich stark machen musste. Nur dann hatte er eine Möglichkeit ihr Verstand einzubläuen. Nur wie sollte er das anstellen? Er brauchte einen Plan. Mal wieder...

Antworten

Zurück zu „Wohnviertel Pelgars“