Das Anwesen der Froststerns

Die meisten Häuser sind hier noch aus Stein, doch sie haben dicke Schneeschichten auf den Dächern und überall hängen Eiszapfen. Innen wird immer kräftig geheizt, damit niemand erfrieren muss.
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Das Anwesen der Froststerns

Beitrag von Kalea » Montag 25. Juli 2011, 22:40

[komme von: Vor der Schenke]

Der Weg von der Schenke zu ihrem Heim war sehr beschwerlich gewesen, und so freute die junge Kalea sich sehr, als sie die eindrucksvoll strahlenden Laternen vor der Haustür durch den Schneeregen erblickte. Ihre Hände waren kalt und nass und langsam schälte sich der vollgesogene Überzug von der Terrine. Sie musste einige Male halten, damit sie nicht versehentlich die Hälfte verschüttete, denn auch wenn ihre Familie wohlhabend war, war eine warme Suppe ein kostbares Gut. Zudem kommt, dass Sparsamkeit der Familie erst dabei geholfen hatte sich einen gewissen Standart anzueignen.
Der Boden war rutschig von dem Eis, welches sich über den fest getrampelten Schnee gelegt hatte. Selbst mit ihren robusten Stiefeln, welche für solches Wetter geschaffen wurden, hatte sie Schwierigkeiten das Gleichgewicht zu halten. Glücklicherweise war der Untergrund nahe der Häuser sicher genug, dass sie nicht den ganzen Weg über schlittern musste.

Bei der Tür angekommen blieb sie stehen und legte die Terrine so in ihren Arm, dass sie eine Hand frei hatte um zu öffnen. Das schwere Eichenholz, was sicher von weit her gekommen war um hier als Tür zu dienen, war ganz dunkel von der Nässe. Die Scharniere quietschten leise.
Kalea war froh endlich wieder im trockenen zu sein, auch wenn der Weg von der Schenke bei guten Wetterbedingungen kaum fünf Minuten in Anspruch nimmt, so sah es doch bei Regen anders aus.
Sie trat in den geräumigen Flur, in dem so einige Stiefel und Mäntel trockneten und darauf warteten wieder zum Einsatz zu kommen. Das Mädchen stellte die Terrine behutsam auf eine Kommode und zupfte an den Knöpfen ihres Mantels. Er war sehr Wetterbeständig, weswegen sie da unter trocken geblieben war, doch mochte sie das Gefühl nassen Fells an ihren Händen nicht. Als sie es geschafft hatte sich davon zu befreien suchte sie einen Bügel und hing ihn leicht abgesondert zum trocknen auf. Erst dann nahm sie ihre Mütze ab und harkte sie an einen Henkel. Ihre Stiefel tauschte sie gegen gefütterte Hausschuhe, die ihre Mutter für die Familie angeschafft hatte um den Boden trocken und sauber zu halten.
Sie ergriff wieder die Terrine und ging damit durch eine der Türen, die aus dem Flur hinaus führten.

Sie trat in einen großen, schlicht gehaltenem Raum, indem neben einem Tisch, welcher von Stühlen gesäumt war auch eine Kochzeile und einen großen Ofen enthielten waren. Ein paar Schränke beherbergten Töpfe und Pfannen und etwas von dem schlichten Geschirr. Das Gute war in einer protzigen Vitrine im Salon ausgestellt und ihre Mutter holte es nur bei Festen hervor, oder wenn Besuch geladen war.
Eine Niesche führte zu der Speisekammer und in dem Wandschrank waren die Besen und Eimer zum putzen verstaut.
Die Küche wurde wie immer von einem prasselnden Feuer gewärmt, welches ihre Mutter nur selten und dann auch nur an sehr warmen Tagen aus gehen ließ. So weit sich Kalea erinnerte war dies nur zwei Mal in ihrem Leben geschehen. Und es war schon recht lange her.
Es war nicht ungewöhnlich, dass sich der größte Teil der Familie in diesem Raum auf hielt. Hier war es warm und es gab viel Licht. Es roch meist nach gutem Essen und man war in Gesellschaft. Und so überraschte es Kalea, dass sie nur ihre Großmutter auffand. So wie es schien passte sie auf das Feuer auf und ließ es sich nicht nehmen dabei an einer Socke zu stricken.
„Guten Abend Großmutter. Hattest du einen schönen Tag? Die Tante hat mir eine Terrine voller Fischsuppe mit gegeben. So wie es scheint ist sie noch lauwarm.“
Das Mädchen stellte den Pott auf die Arbeitsplatte und nahm den Überzieher ab, um ihn neben dem Kamin zu trocknen. Jedoch erst nachdem sie ihn über dem Bottich voller Abwaschwasser ausgewrungen hatte.
„Ich könnte sie im Topf noch einmal aufwärmen. Was meinst du, Großmutter?“

Sie hörte vor der Tür Schritte. Sicher war das ihre Mutter, die gleich damit beginnen wollte das Essen vor zu bereiten. Bestimmt würde sie sich darüber freuen, dass ihr die Arbeit abgenommen wurde.

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Re: Das Anwesen der Froststerns

Beitrag von Erzähler » Freitag 29. Juli 2011, 10:26

Das Haus war für diese späte Abendszeit erstaunlich still, aber gelegentlich gab es im Laden nun mal viel zu tun und es waren keine ferneren Verwandten der Froststernfamilie zu Besuch. Nur ihre Großmutter war in der Küche auf ihrem Posten - Sie achtete auf das Feuer im Ofen.
Dieses Feuer hatte nämlich eine essentielle Bedeutung für das Haus, denn nicht nur profitierten die anderen Räume des Untergeschosses von der Wärme aus der Küche, sondern über das Ofenrohr, das sich sehr lange durchs Haus wand, bevor es den Rauch an die Außenwelt abgab, wurde auch das Obergeschoss mit den Schlafzimmern gewärmt. Kein Feuer bedeutete kühle Nächte.

Neben der Großmutter lehnte der Schürhaken, aber sie selbst war im Moment mit ihrem Strickwerk beschäftigt. Wie viele ältere Leute hatte sie Probleme, auf kurze Distanz noch genauso gut zu sehen wie auf weite, und sie musste sich stark anstrengen, alle Maschen richtig zu bekommen.
”Ah, Kalea, schön dich zu sehen.“, wurde sie von ihrer Oma begrüßt, die ihre Arbeit weglegte. ”Ein ruhiger Tag heute. Aber bald wird es wieder lebhafter, denn wenn es draußen wieder so richtig kalt wird, überlegen sich’s die Männer zweimal, ob sie überhaupt raus gehen.“
Als Kalea ihr die Terrine zeigte und fragte, ob die Suppe aufgewärmt werden sollte, lächelte ihre Großmutter und sagte: “Frag’ mal besser deine Mutter.“

Und in der Tat: Ihre Mutter war auch fort gewesen und als sie die Küche betrat, trug sie ein Bündel Fische bei sich, die sie offenbar noch so spät auf dem Markt gekauft hatte. „Hallo Kalea, hallo Schwiegermutter.“, grüßte sie knapp und als sie die Terrine bemerkte, runzelte sie die Stirn.
”Hat deine Tante uns wieder die Reste gegeben? Naja, dem geschenkten Schlittenhund schaut man nicht in den Mund.“ Die Fische, die sie heute doch nicht brauchte, brachte sie in die Speisekammer, wo sie diese auf Eis legte.

”Im Laden mussten sie das Lager umräumen, weil bald wieder eine größere Lieferung eintrifft.“, erklärte ihre Mutter. „Deshalb sind sie alle, die ordentlich anpacken können, auf Achse, sie müssten aber bald kommen.“
Den Inhalt der Terrine schüttete sie in einen Topf, den sie wiederum auf den Herd stellte. ”Kalea-schatz, sei doch bitte so gut und deck’ schon mal den Tisch. Suppenteller, Löffel, Servietten. Danke.“
Unterdessen hatte sie einen halben Laib Brot hervorgeholt, von dem sie einige Scheiben herunterschnitt. Die meisten Scheiben landeten in einem Brotkorb für den Tisch, aber die drei letzten Scheiben zerschnitt sie zu kleinen Würfeln. Als die Suppe am Brodeln war, nahm sie den Topf vom Herd herunter und legte stattdessen die Pfanne darauf. Einen Schuss Walfischöl, gefolgt von den Brotwürfeln, sobald die Pfanne heiß genug war.

”Wie war denn dein Tag?“, fragte ihre Mutter sie, während sie ein Schüsselchen mit Meersalz mit auf den Tisch stellte. Inzwischen brutzelte das geröstete Brot vor sich hin und gab einen Geruch aus, der einem das Wasser im Munde zusammen laufen ließ. Aber vom Rest der Familie war immer noch nichts zu sehen.
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Re: Das Anwesen der Froststerns

Beitrag von Kalea » Freitag 5. August 2011, 21:12

Als Kaleas Mutter zur Tür herein kam, bemerkte die Tochter sofort, dass ihre Mutter nicht bei besster Stimmung war. Knapp angebunden, war sie sonst nur, wenn sie reichlich Stress gehabt hatte. Auch über die Suppe schien sie sich nicht zu freuen. Aber vielleicht hatte sie mal wieder einen Klinsch mit einer Nachbarin oder jemandem auf dem Markt gehabt. Das hatte sie in der letzten Zeit des öfteren. Womöglich, weil es in der Stadt schon Gerede darüber gab, dass sie eine 17 jährige Tochter hatte, die noch nicht einmal verlobt war.
Die modernen Familien, die ihre Kinder stets jung verheirateten, und zu denen schließlich auch die Froststerns gehörten, begannen allmählich über ihre Eltern zu tuscheln. Und möglicherweise auch über sie, denn es musste ja einen Grund haben, warum sie noch nicht vergeben war.

Als sie darum gebeten wurde ging das Mädchen zu dem Schrank in dem das Geschirr und das Besteck verstaut war und begann den Tisch zu decken.
Ihre Brüder, Cousins und ihr Vater würden Hunger haben, wenn sie nach hause kamen. Hoffentlich würde das Essen für alle reichen. Aber vielleicht zog es ihre Cousins ja auch zur Schenke, wo sie ihre Eltern bei irgendwas stören würden.
Sie war grade dabei die Löffel neben die Teller zu legen, als ihre Mutter sie nach ihrem Tag fragte.
„Och. Heute war nicht so viel los. Vormittags hab ich die Bücher für Salvin und Regulus auf den neusten Stand gebracht, wobei wir fest gestellt haben, dass die beiden schon jetzt richtig gute Einnahmen gemacht haben. Und das obwohl es noch nicht so kalt ist.“
Sie legte eine Pause ein, in der sie in einer Schublade nach Servietten kramte. Die guten, bunten kamen für einen Tag wie diesen nicht in Frage. Und so ergriff sie ein paar beige und begann sie neben die Suppenteller zu drapieren. Erst als sie dabei war setzte sie ihre Erzählung fort.
„Später bin ich dann zur Schenke um dort etwas auszuhelfen. Stell dir vor: ich habe insgesamt 8 Fuchsmünzen Trinkgeld bekommen. Aber zum Abend hin wurde es sehr ruhig. Die einzigen spannenden Gäste waren drei Jäger, die anscheinend irgendeine Expedition planten.“
Als sie fertig war setzte sie sich auf einen der Stühle, jedoch vom Tisch abgewandt, und sah ihrer Mutter dabei zu, wie sie die Suppe mit etwas Fischfond streckte, und nachwürzte.
„Hat Ur-Großmutter schon nach mir gefragt? Ich habe heute noch gar nicht nach ihr sehen können. Dabei hatte ich ihr versprochen ihr noch ein Stück auf der Harfe vor zu spielen.“

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Re: Das Anwesen der Froststerns

Beitrag von Erzähler » Montag 8. August 2011, 11:14

Die Mutter war mit der Vorbereitung des Essens nicht lange beschäftigt, also hatte sie doch noch etwas Zeit, sich mit Kalea zu unterhalten. Sie hörte sich die Erläuterungen zu ihrem Tag gut an, bevor sie plötzlich auf ein anderes Thema schwenke.

”Es ist ja schön und gut, dass du dich für das Familiengeschäft einsetzt und auch etwas Geld verdienst. Aber du solltest vielleicht auch mal einige andere Familien besuchen und du weißt schon… Ein bisschen nach Junggesellen Ausschau halten.
Sie mochte es nicht gerne, darüber zu reden, und sie versuchte natürlich, sich schnell zu rechtfertigen:
”Wenn du jemanden findest, der dir gefällt, dann würde es für deinen Vater leichter fallen, etwas zu arrangieren. Und es würde auch leichter für dich werden.“

Ihre Mutter hatte offenbar einige Gedanken in diesen Kompromiss gesteckt. Kalea hatte die Wahl und trotzdem war das Fortbestehen des Froststernklans gesichert. Natürlich waren einige ihre Brüder und Cousins teilweise schon verheiratet oder verlobt, aber jeder weitere Absicherung wäre gut, damit der Klan auch weiterhin so groß blieb.

”Aber wir haben noch Zeit. Ich will dich zu nichts drängen. Deine Urgroßmutter habe ich heute noch nicht gesehen, aber ich war ja die meiste Zeit unterwegs. Ich denke mal, dass sie auf ihrem Zimmer ist. Es gibt ja gleich Essen, da werde ich sie holen.“

Sie brachte das Essen nun zum Tisch, runzelte kurz die Stirn und ging dann raus in den Flur zur Treppe und dann hoch zu den Zimmern. Vermutlich war die Urgroßmutter oben – auf ihre alten Tage ging sie nicht mehr oft vor die Tür.
In der Küche zurück blieben Kalea und ihre Großmutter, die alles mit angehört hatte. Sie grinste zu ihrer Enkelin und meinte: “Wenn ich dir einen Tipp geben darf: Heirate entweder einen Mann, den du auch noch in hundert Jahren lieben wirst, oder einen Jäger. Die stehen nämlich nur die Hälfte aller Tage auf der Matte. Außerdem scheinst du dich für Jäger zu interessieren.“ Der letzte Satz war natürlich nicht ernst gemeint. Ihre Oma verschaukelte gelegentlich ihre Enkelkinder.

Man hörte wie die Haustüre aufschwang und außerdem ertönte einiges Gepolter von den schweren Stiefeln, die nur notdürftig abgeklopft wurden, bevor die Träger das Haus betraten. Natürlich steuerten sie sofort die Küche an. Ihr Vater, ihre Brüder und Cousins, die im Laden aushalfen, traten ein. Die jungen Leute setzten sich alle an den Tisch und der Heißhunger strahlte förmlich aus allen Poren. Ihr Vater begrüßte seine Mutter und seine Tochter hingegen und war höflich genug, sich nach seiner Frau und nach Kaleas Urgroßmutter zu erkunden – unnötigerweise, denn die beiden waren genau hinter ihnen die Treppe heruntergekommen und standen nun in der Tür zur Küche.

Die Männer warteten nicht lange darauf, mit dem Essen anzufangen, sich Suppe rauszufassen und das ganze gebratene Brot in Beschlag zu nehmen. Kaleas Platz war zwischen ihrer Mutter und ihrer Urgroßmutter, die sich zu ihrer Urenkelin hinbeugte und “Ich freue mich schon auf dein Harfespiel.“ flüsterte.
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Re: Das Anwesen der Froststerns

Beitrag von Kalea » Sonntag 21. August 2011, 16:29

Kalea musste schlucken, als ihre Mutter davon anfing, dass sie sich einen Junggesellen aussuchen sollte. Sicher würde sie ihrem Vater damit sehr viel Arbeit ersparen und das Leben leichter machen, doch wusste sie doch noch überhaupt nicht, ob sie überhaupt heiraten wollte.
Ein Mann, der sie glücklich machen konnte, musste erst noch geboren werden. Sicher gab es in der Stadt den ein oder anderen, der nicht schlecht aussah und sie konnte sich vorstellen hin und wieder mal zu flirten und ein paar liebe Worte zu wechseln, aber eine Heirat spielte in einer ganz anderen Liga. Ein Ehegelöbnis war eine verpflichtende Bindung, die man nicht brechen sollte, wenn man sein Ansehen behalten wollte.
Zudem versprach man bei einer Heirat dem Mann Kinder zu gebähren und es blieb oft bei der Frau den Haushalt zu führen. Wenn man verheiratet war, dann hatten man keine Zeit mehr für sich selbst. Und die junge Eiselfe hatte doch geplant irgendwann einmal die grünen Wälder im Osten Celcias zu erkunden. Ebenso wie ihr Ur-Großvater.
„Einen Jäger, Großmutter?“ Kalea musste lachen. „Sicher. Man sieht sie nicht häufig, weil sie oft auf einem Feldzug sind und wenn man ihn nicht ausstehen kann, dann besteht immer die Hoffnung, dass er nicht zurück kehrt, aber einen Jäger?“ das Mädchen bekam sich kaum noch ein. Sie wusste, dass ihre Oma sie auf die Schippe nehmen wollte und spielte nur allzu gerne mit.

Als ihre Brüder, Cousins und Vater wohlbehalten zu Hause ankamen uns sich sofort auf das Essen stürzten, setzte sich auch Kalea vor ihren Teller. Ihre Mutter kam mit ihrer Ur-Großmutter eben in die Küche rein, als der Vater den Deckel von der heißen Terrine ab nahm. Er langte mit der großen Kelle hinein und füllte seinen Teller bis zum Rand.
Das Mädchen wartete mit dem auffüllen, bis alle anderen etwas hatten und nahm sich erst dann etwas. Sie hatte mit einem Mal nicht mehr allzu viel Hunger, war jedoch froh über einen anderen Geschmack im Mund und die Wärme, die sich in ihrem Bauch ausbreitete.
Mit halben Ohr hörte sie ihren Brüdern dabei zu, wie diese immernoch über den Laden diskutierten. Ihr Vater, wie ihr auffiel, war jedoch sehr still.

Kalea war grade dabei an einem Stück Brot zu nagen, als ihre Ur-Großmutter sich zu ihr beugte und ihr mit einem seligen Lächeln anvertraute, dass sie sich schon darauf freute von dem Mädchen etwas auf der Harfe vorgespielt zu bekommen.
Sie schmunzelte. „Ich habe mich auch schon den ganzen Tag darauf gefreut. Es ist immer besonders schön, wenn das Wetter so ist, wie heute.“
In ihren Gedanken vermerkte sie, dass es vielleicht auch gut wäre, wenn sie sich mit ihrer Ur-Großmutter über das Heirat-Problem unterhielt.
Zu der Zeit, als Kaleas Ur-Großmutter ihren Gatten kennen gelernt hatte, war es noch üblich bei den Froststerns gewesen sich seinen Partner fürs Leben auszusuchen. Man konnte danach gehen, wer einem besonders gefiel und warten, bis der richtige kam. Das gab so heute nicht mehr, obwohl dem jungen Mädchen bewusst war, dass sie schon außerordentliches Glück hatte wenigstens ein Wörtchen mit reden zu können.

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Re: Das Anwesen der Froststerns

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 24. August 2011, 19:37

Beim Essen war es alles andere als ruhig. Die Männer klapperten mit ihrem Besteck, schlürften ihre Suppen und redeten durcheinander über die Arbeit. Der Vater war ruhig und zurückhaltend, sogar etwas bedrückt. Er blickte einmal zu seiner Frau, machte einen kurzen Schlenker mit den Augen auf Kalea und hob fragend die Augenbrauen. Ihre Mutter führte darauf ihre Serviette zum Mund, wobei sie verhalten nickte.

Ihre Urgroßmutter aß einen Teller Suppe mit mundgerechten darin aufgeweichten Brotstücken. Sie ging langsam und korrekt zu werk und erlaubte sich keinen Fauxpas. Das Alter hatte ihr Würde verliehen, ohne ihr die Wärme zu nehmen.
Das Essen war schnell vorüber, spätestens, als sowohl die Suppe wie auch das Brot zur Neige ging, das die hungrigen Jungen herunter schlangen. Und es dauerte nicht lange, bis sie sich schon vom Esstisch erhoben und ihre Wege gingen. Ein paar wollten sich in ihre Zimmer zurückziehen, einige sich im Salon mit ihrem Vater über die Geschäfte unterhalten und einer wollte trotz des Sauwetters noch einen „Freund“ besuchen – über Nacht.

”Ich frage mich, wann er sie uns vorstellen wird.“ , säuselte Kaleas Urgroßmutter ihr ins Ohr. Und der Umstand, dass der junge Mann errötete, als er den Blick seiner Urgroßmutter bemerkte, schien diese Theorie zu bestätigen.
Die Mutter räumte mit der Hilfe von Kaleas Großmutter und einem Sohn, der zwangsverpflichtet wurde – er hatte von allen die schlechtesten Manieren an den Tag gelegt - den Tisch ab und würde sich mit den zweien dann auch um den Abwasch kümmern.

Unterdessen erhob sich die Urgroßmutter vom Tisch und ging zur Treppe. Oben in ihrem Zimmer wartete nämlich die Harfe. Die alte Frau wies Kalea an, ihr zu folgen.
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Re: Das Anwesen der Froststerns

Beitrag von Kalea » Mittwoch 24. August 2011, 22:37

Freudig darüber an diesem Tage nicht mehr abwaschen müssen stand die junge Eiselfe vom Tisch auf und folgte mit aufschwingender heiterer Miene ihrer Urgroßmutter.
Am Tisch war es für sie zum Schluss hin leicht unangenehm geworden, obwohl überwiegend eine glückliche Stimmung geherrscht hatte. Ihre Brüder freuten sich noch immer darüber welche Gewinne sie in den vergangenen Tagen eingenommen hatten und planten eifrig, wie sie noch besser abschneiden konnten. Immerhin war das Geschäft neben der Taverne des Onkels die Haupteinnahmequelle der wohlhabenden Familie Froststern.
Ihr Vater jedoch hatte Kalea Sorgen bereitet. Die flüchtigen Blicke ihrer Eltern waren ihr nicht entgangen. Anscheinend setzte sich das offizielle Familienoberhaupt sehr unter Druck, wenn es darum ging seine einzige Tochter glücklich zu machen.
Aber nun würde sich das Mädchen erst einmal um das inoffizielle Oberhaupt kümmern.
Ihre Urgroßmutter war für Kalea ein Vorbild. Sie war die einzige Frau in Estria, die so wie das Mädchen davon träumte in grünen Wäldern herum zu laufen. Und sie war die einzige, die gerne lauschte, wenn ein Harfenspiel begann.
Der Unterschied zwischen den beiden war, dass ihre Urgroßmutter sich damit abgefunden hatte die Welt niemals ganz sehen würde. Kalea hatte noch Hoffnung.

In der warmen Stube angekommen saß ihre Urgroßmutter bereits in einem gemütlichen Sessel und lächelte dem Mädchen entgegen.
Kalea hatte schon als Kind nicht viel gelacht und bis heute war dies auch so geblieben, doch hier war es etwas anderes. In diesem Raum fühlte sie sich stets so wundervoll geborgen, dass ihr unwillkürlich ein leichtes schmunzeln entwischte.
„Hattest du einen schönen Tag, Urgroßmutter?“ Sie schloss die Tür hinter sich und ging zu dem kleinen Regal, in dem so einige Mitbringsel aus den fernen Landen mitgebracht wurden. Die meisten von ihrem Urgroßvater.
Zwischen einem Zierdolch aus Pelgar und einer Schmuckschatulle aus Andunie stand die wunderschöne, aus Holz gefertigte Harve, die Kalea so sehr liebte.
Sie nahm sie herunter und setzte sich damit in den zweiten Sessel, der so stand, dass ihre Urgroßmutter eine gute Sicht auf ihn hatte.

Für das Mädchen war dies ein tägliches Abendritual, welches sie brauchte um richtig abschalten zu können. Der Stress vom Tag floss nur so von ihr, wenn sie begann auf den Saiten herum zu klimpern.
Danach fühlte sie sich immer so befreit, dass sie unbeschwert über alle möglichen, aber auch unmöglichen Dinge mit ihrer Urgroßmutter reden konnte.
Und genau so würde es auch heute geschehen. Und etwas sagte dem Mädchen, dass sie das heutige Thema bereits kannte.

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Re: Das Anwesen der Froststerns

Beitrag von Erzähler » Montag 29. August 2011, 21:57

”Ach Kalea, ich hatte einen ruhigen Tag.“, antwortete ihre Urgroßmutter, “Und manchmal ist ein ruhiger Tag ein schöner Tag und manchmal ist ein ruhiger Tag ein schlechter Tag. Aber man kann immer die Augen schließen und auf eine Reise gehen.“
Gelegentlich sprach sie derartige kryptische Sätze, aber es war immer ein kleines Rätsel, über welche man dann später nachdenken konnte.

In ihrem Zimmer gab es einige alte Erinnerungsstücke. Da diese sie sowohl an ihren Ehegatten erinnerten, wie auch an andere Orte und andere Zeiten – besonders die Zeit, bevor der frostige Atem eines schlafenden Drachen einen ganzen Landstrich in einen ewig währenden weißen Mantel einschloss – waren diese Dinge von unschätzbaren Wert für sie. Trotzdem hatte sie nichts dagegen, wenn man sie anfasste und gebrauchte. Beispielsweise waren einige alte Holzfiguren (Spielzeug wurde schon seit Dekaden aus Knochen geschnitzt) schon von so vielen Kinderhänden abgenutzt, dass sie langsam die Konturen verloren.
Während Kalea ihre Stücke spielte, zwinkerte ihre Uroma ihr gelegentlich aufmunternd zu, schloss manchmal die Augen und offenbarte ein sanftes Lächeln. Hatte das etwas mit dem auf Reise gehen zu tun? Sie genoss offensichtlich die Musik. Die sanften Klänge erfüllten den Raum, während draußen der schrille Wind pfiff. Die Wärme erfüllte die klammen Gliedmaßen und machte die Finger behände für die feinen Saiten der Harfe.

Am Ende ihrer Vorstellung runzelte die alte Frau ihre Stirn und erklärte dann: “Wenn ich mich nicht täusche, habe ich etwas Kummer aus den Melodien herausgehört. Ist denn etwas vorgefallen?
Es war nicht unwahrscheinlich, dass sie bereits wusste, was los war, aber sie wollte Kalea kein Gespräch aufdrücken, das sie nicht führen wollen könnte. Aber trotzdem gab sie der Urenkelin einen kleinen Anstoß durch ihre Frage.
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