Verloren im Nebel

Dieser Landstrich ist so hügelig, dass man vergeblich nach einem flachen Stück Erde suchen wird. Tagsüber eine saftige Landschaft mit Wiesen, Wäldchen und Grasebenen. Doch nachts kommen die Nebel über das Reich und mit ihnen unheimliche Schrecken.
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Gunther Brockhardt
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Verloren im Nebel

Beitrag von Gunther Brockhardt » Mittwoch 13. August 2014, 10:23

Nässe. Nässe, Kälte und Nebel. Das waren ihre ständigen Begleiter in den letzten Nächten. Seit wie vielen Tagen sie nun ziellos und ohne Orientierung im Reich der Dunsthügel unherwanderten, konnte Gunther schon gar nicht mehr sagen. Sie waren nach dem Hinterhalt des Dunklen Volkes blindlings geflohen.

Nun war es früher Morgen. Der Inquisitor hatte zwar versucht, Wache zu halten, doch die Müdigkeit und Erschöpfung hatten ihn mehrfach übermannt. Schweigend hatte er die Stunden, auf einem umgestürzten Baum sitzend, verbracht. Sie hatten ihr Nachtlager am Vorabend in einem kleinen Hain aufgeschlagen. Ein winziger Bach floss hier entlang. An dem sanft murmelnden Gewässer hatten sie ihre Wasserschläuche aufgefüllt und die Pferde getränkt. Mittlerweile war das, was sie als Lagerfeuer bezeichnet hatten, zu einer schmierigen dunklen Aschepfütze zerlaufen. Die Feuchtigkeit des Nebels war allgegenwärtig. Sein Umhang hing ihm klamm über die Schultern. Kadia schlief noch. Sie lag zusammengerollt unter der einzigen Decke, die die beiden hatten.
Gunther fror erbärmlich. Sein Rücken und sein Knie schmerzten bei jeder Bewegung. Hinzu kam die Erschöpfung von der tagelangen Flucht und der nagende Hunger. Hunger hatten sie seit zwei Tagen. Denn seit dem waren die Vorräte aus den Satteltaschen erschöpft. Keiner der beiden hatte Erfahrung in der Jagd, und wenn sie nicht bald eine Lösung des Problems fanden, würden sie eines der Pferde opfern müssen. Hunger trieb die Gedanken eines Menschen in dunklere, gefährlichere Bereiche des Verstandes. Was würde passieren, sollten sie auch irgendwann keine Pferde mehr haben?

Der Inquisitor schüttelte sich, und vertrieb dererlei düsteres Gedankenwerk. Er hatte versucht, so gut es geht die Augen nach ihren möglichen Verfolgern offen zu halten. Am Tage, wenn die Sonne schien, und die Hügellandschaft normal wirkte, war ihm öfters, als wenn er feine Rauchfahnen oder aufgescheuchte Vögel in weiter Ferne sah. Doch seine Augen waren nicht mehr so gut wie früher, und er wollte Kadia nicht unnötig beunruhigen, daher verschwieg er seine Vermutung, dass ihre Verfolger möglicherweise langsam aufholten.

Der schier undurchdringliche Nebel verschluckte jedes Geräusch, formte es um und warf es als verzerrtes Schreckensbild zurück. Gunther hätte schwören können, ab und an Geräusche gehört zu haben, die nicht tierischer Natur waren.

Der Inquisitor erhob sich ging ein paar Meter humpelnd in Richtung der Pferde.
Ein alter Krüppel. Ich bin nichts anderes mehr. Wie soll ich nur dieses arme Kind retten, wenn ich nicht einmal im Stande bin, schmerzfrei zu laufen...
Gunther hasste seine Schwächen, doch sein eiserner Wille lies ihn den Schmerz weiter ignorieren. Sobald es wärmer wurde, so wusste er, ließ auch der Schmerz nach. Ganbu und Rohda standen friedlich am Bach und grasten. Wenn sie etwas gehört hätten, wären sie wahrscheinlich nicht mehr so ruhig... dachte der Inquisitor, scheinbar um sich selbst zu beruhigen. Er hatte das große, weiße Schlachtross und das etwas kleinere braune Packpferd bereits vor einer Stunde gesattelt und auf den Aufbruch vorbereitet.
Feine Wassertropfen hingen in seinem Bart. Dieser war für seinen Geschmack mittlerweile viel zu lang geworden. Die Regeln der Templer besagten eindeutig, dass man seinen Bart kurz halten sollte. Doch genausowenig wie er in der letzten Zeit ein Bad hatte nehmen können, konnte er seinen Bart stutzen. Der Herr würde ihm hoffentlich verzeihen. Viel mehr störte es Gunther, dass er seit ihrer Abreise aus Pelgar nicht mehr an einem Altar des Lysanthors hatte beten können. Er rezitierte die Glaubenssatzungen mehrere Dutzend mal am Tag, doch er vermisste die friedliche, stille Geborgenheit eines Tempels.

Der Inquisitor lies seinen Blick erneut wachsam die Umgebung absuchen. Doch der Nebel lies nicht zu, dass er erkannte, was mehr als ein halbes Dutzend Meter entfernt lag. Allerdings lichtete sich der bedrohliche, düstere Schleier langsam. Ein sicheres Zeichen dafür, dass es langsam Tag wurde. Noch konnte Gunther nicht erkennen, wo das heilige Zeichen seines Gottes am Himmel aufging, doch es gab für ihn keine Entschuldigung vor der Pflicht: Sonnenaufgang hieß beten!

So ging er einige Meter weiter, um Kadia nicht zu wecken. Er zog sein Schwert und stach es in den weichen Boden. Wenn er schon die reale Sonne nicht sehen konnte, so würde er zumindest das Symbol seines Gottes vor Augen haben. Den großen Knauf der Waffe mit dem stilisierten Sonnensymbol vor Augen, ging Gunther auf die Knie. Der Schmerz seiner Gelenke ließ ihn die Zähne fester zusammenbeißen.
Er schloss die Augen, senkte den Kopf in Demut und begann um Beistand zu flehen.

"Herr des strahlenden Lichts und der ewig währenden Wahrheit, erhöre mein Flehen! Wache über uns in diesen dunklen Stunden! Führe uns mit deiner Weisheit! Leuchte uns mit deinem Licht! Hilf deinem Knecht, und geleite mich sicher durch die Prüfungen, die mich erwarten. Ich flehe dich an, o Herr, schenk uns die Kraft, um aus dieser Hölle zu entkommen. Gib mir Stärke, um die zu schützen, die ich verteidige. Lass nicht zu, dass die Finsternis uns besiegt. Zerreiß den Schleier des Zwielichts, der uns umgibt und segne uns mit deiner Herrlichkeit. Herr, ich senke mein Haupt vor dir in Demut und Liebe. Beschütze uns! Beschütze die deinen, auf das wir im Stande sind, uns allen Gefahren zu erwehren.
Wir lobpreisen deinen Namen, denn du allein bist ohne Sünde, deine Gerechtigkeit ist ewige Gerechtigkeit und dein Wort ist Wahrheit."


Irgendwo im Zwielicht war ein Vogelruf zu hören. Still verharrte der alte Mann kniend vor seinem Schwert. Mit geschlossenen Augen betete er stumm weiter, ohne sich zu bewegen. Er als fertig war, erhob er sich. Mit schmerzverzerrtem Gesicht wuchtete er seinen gepanzerten Körper in eine aufrechte Haltung, ergriff seine Waffe, die er an seinem Umhang säuberte und wieder verstaute, und ging hinüber zu seiner schlafenden Begleitung.
Kadia schien friedlich zu schlummern. Er beobachtete sie einige Augenblicke lang. Bisher hatte das Mädchen kaum etwas von sich erzählt. Alles was er über sie wusste war, dass ihre Eltern überfallen und getötet wurden. Sie war bei ihrer Gruppe geblieben, um sich der Rache an der Söldnergruppe vergewissern zu können. Gunther hielt das nicht unbedingt für eine gute Idee, doch bisher hatte sich noch keine Gelegenheit ergeben, sie irgendwo in Sicherheit zu bringen. Er hoffte, dass sich dies bald ändern würde.
Der Inquisitor streckte eine Hand aus, um Kadia wachzurütteln. Kurz bevor er sie berührte, hielt er schlagartig inne. Was war das? Wieso zitterte seine Hand? Das ist bestimmt nur die Kälte... Doch in den hintersten Ecken seines Verstandes vermutete Gunther, dass nicht nur die Kälte allein für das Zittern seiner Finger verantwortlich war. Wütend über seine körperlichen Gebrechen ballte er die Hand zur Faust, so fest er konnte. Als er sie wieder entspannte, hatte das Zittern nachgelassen. Er seufzte schwer...
Was sie wohl erwarten würde? In spätestens einer Stunde sollte sich der Nebel gelichtet haben, doch bis dahin wollten sie bereits unterwegs sein. Gunther wusste nicht, wo genau sie sich befanden, doch wenn sie immer weiter nach Osten wanderten, so hoffte er, würden sie früher oder später Jorsa erreichen. Dort würden sie hoffentlich Schutz bei der jorsanischen Inquisition erhalten und von dort zurück nach Pelgar gelangen. Vielleicht konnte Kadia ja auch dort bleiben, und ein ruhiges Leben in Jorsa führen. Jedoch hätten sie nach Gunthers Plan zufolge schon längst in Jorsa ankommen müssen. Wo, in Lysanthors Namen, waren sie also?

"Kadia! Wach auf! Wir müssen weiter." Seine Stimme war trotz des gewohnten Befehls und des drängenden Untertons noch immer liebevoll und voller Güte.

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 14. August 2014, 16:09

Er hatte sie nicht berührt, oder doch? Sie zuckte heftig zusammen und zwei weit aufgerissene, azurblaue Augen starrten ihn erschrocken an. Dem Mädchen sah man sofort den Hunger der letzten Tage an, vielleicht sogar noch mehr als ihm. Sie musste schon vorher keine all zu kräftige Gestalt gehabt haben. Das Weiß ihrer Augen waren rot geädert, was das Blau noch mehr hervor stechen ließ, und unter den fliederfarbenen Lidern hatten dunkle Schatten sich tief in die Höhlen ihres Schädels gezogen. Vielleicht waren es aber auch die Schreckensbilder, die sie in ihrem Träumen heimsuchten, die das Kind schrecklich schnell erwachsen werden ließen. Gunther sah in ihr ein Kind, doch war sie schon eine junge Frau. Sie mochte vielleicht 16 oder maximal 18 Sommer gesehen haben, doch ihre Haut war fahl geworden und hatten eine leicht ungesunde gelbliche Färbung an diesem grauen Morgen angenommen. Die jüngste Vergangenheit, genauso wie der nagende Hunger zollte seinen Tribut an ihre Jugend. Zitternd schlag sie die Arme um sich und richtete sich umschauend auf. Unruhig zuckte ihr Blick umher und flüsterte dann mit verschlafender, etwas kratziger Stimme:
„Ich muss mal.“
Dann gab sie widerwillig die Decke her, damit er das Lager schon abbrechen konnte und beeilte sich sich hinter einem Baum zu erleichtern. Ihr Gang verriet die Dringlichkeit und wirkte auch sonst nicht sonderlich trittsicher. Nebelfetzen, die wie Schleier immer wieder über die kleine Lichtung wehten, verbargen schnell ihren Körper, sodass der alt gewordene Paladin sie bald aus den Augen verlor. Das Plätschern des kleinen Baches übertönte jedes Geräusch und der Nebel verschluckte die Übrigen. Selbst der einsame Vorgel, den er kurz zuvor noch gehört hatte, schien wieder verstummt zu sein.

Wie lange waren sie schon unterwegs? Wie viele Tage, wie viele Wochen irrten sie nun schon durch diesen Nebel? Hunger und Orientierungslosigkeit hatten jedes Zeitgefühl zerstört. Auf seinen vergangenen Einsätzen war Gunther selten allein gewesen. Meist war, wie auch dieses Mal, ein Führer dabei gewesen, der die Gruppe der Templer begleitete. Er selbst war kein Jäger, der sich selbstständig auch in fremdartiger Natur auskannte und seinen Weg fand. Einen Kompass hatte er ebenfalls nicht dabei. Kadia war zwar die Tochter einer fahrenden Händlerfamilie und das Reisen gewöhnt, doch war sie keine Hilfe. Meistens starrte sie still vor sich hin und ließ ihr Pferd dem seinen folgen. Seit dem Überfall ihrer Verfolger ahnte er, dass es jene waren die auch Kadias Eltern ermordet hatten. Sie hatte kaum noch gesprochen und sehr gedankenverloren gewirkt. Warum verfolgten sie sie noch immer? Er war nur ein alter Mann, sie fast noch ein Kind, oder sahen sie in ihm den feindlichen Krieger des Lichts und in ihr eine lohnende Beute?
Nachts war es besonders schlimm, da man schnell das Gefühl bekam, dass der Feind direkt neben einem stehen konnte, ohne dass man ihn bemerken würde. Doch auch Tags war es kaum besser. Selbst wenn die Sonne hoch am Himmel stand gab es Gegenden, in denen sich diese weiße Suppe nicht auflösen wollte. Vor ein paar Tagen glaubten sie endlich, dass das Wetter sich bessern würde. Sie hatten einen ganzen Tag lang den blauen Himmel gesehen, waren gut voran gekommen und hatten die sanften Hügel schweigend bewundert. Eichenhaine, wilde Buchen, die knorrig dem scharfen Wind trotzten, ja sogar ein paar hohe Zypressen hatten sie in der Ferne erspähen können. Doch dort wo sich am Tage über die wundervoll verträumte Heidelandschaft ein bunter Teppich aus Krautflechten, niedrigen Sträuchern und Haselbüschen zog, da legte sich bei Einbruch der Nacht sofort wieder ein Nebel wie ein Schleier über alles. Sie hatten noch im letzten schwindenden Licht des Tages versucht ihre Richtung beizubehalten, doch am nächsten Morgen wurde ihre Hoffnung vom erdrückenden Weiß erstickt. Sie hatten sich in den Abendstunden vielleicht zu weit in das alles verschlingende Nichts gewagt und erkannten keine der Landmarken wieder, die sie Tags zuvor sich gemerkt hatten. Am zermürbendsten waren jedoch jene Tage gewesen, wo man zwar reisen konnte, weil es hell genug war, aber man nicht einmal die Himmelsrichtung bestimmen konnte, da der Himmel nicht eine Lücke zum Orientieren gezeigt hatte. Wenn die Frustration einem nicht schon zum Wahnsinn treiben konnte, so wäre es sicher bald der Hunger, das wusste der Inquisitor. Seine Konzentrationsfähigkeit hatte schon stark nachgelassen. Auch sein Magen produzierte seit zwei Tagen nur noch bittere Galle. Seine schmerzenden Gelenke schrien nach einem warmen Bad und salbenden Händen. Wunden konnte man heilen, doch wie heilte ein Mann des Lichts den nagenden Hunger, der sich zähflüssig und brennend in seinen Gedärmen ausbreitete? Der Gedanke an Pferdefleisch wurde immer realistischer, aber vielleicht fanden sie heute etwas zu essen. Ein paar Beeren oder Nüsse, Hauptsache irgendetwas. Wo waren die Apfelbäume, wenn man mal einen brauchte? Um Pelgar und Andunie wuchsen sogar wilde Exemplare dieser köstlichen Gattung.
Um so länger sie in diesem Zustand hier herum irrten, um so wahrscheinlicher war es, dass er den Verstand verlor. Der Morgen graute in schillernden Tönen von Silber bis Perlmutt. Geisterhafte Gestalten tanzten zwischen den vereinzelten Bäumen und entpuppten sich dann doch nur als Schatten, die sich langsam in die schwindende Nacht zurück zogen. Hier ein bewegter Ast vom Wind, dort ein kleiner Erdhügel formten Bilder in seiner Phantasie, die nicht sein konnten. Da flog eine lachende Fee mit Blumen im Arm, hier hob ein griesgrämiger Baum seine Wurzeln aus dem Erdreich und schritt davon und dort schlurfte eine winzige Frau gebeugt durchs Unterholz um Würmer in den Boden zu drücken.

„Herr … Brockhardt?“
Die flüsternde Stimme riss ihn aus seinen Träumereien. Kadia stand neben ihn und rieb sich mit ihrem Ärmel die laufende Nase. Ihr Kleid war zerrissen und verdreckt. Die Schürze war kaum noch als solche zu erkennen. Sie sah ihn nicht an, aber er fühlte, dass ihr etwas auf dem Herzen lag. Es schimmerte durch ihre durchsichtig gewordenen Haut hindurch und drohte hervor zu brechen. Vielleicht war es jetzt Zeit, dass sie miteinander offen sprachen.
„Ich weiß gar nicht, wie ich euch ansprechen soll. Ich … meint ihr … Werden wir sterben?“
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Gunther Brockhardt » Donnerstag 14. August 2014, 20:55

Als Kadia so plötzlich und erschrocken erwachte, fühlte sich Gunther sofort miserabel. Hatte er sie erschrocken, oder hatte sie einfach schlecht geträumt? Er versuchte eine liebevolle Miene aufzusetzen, auch wenn dem gealterten und abgehärteten Ritter derartige Taten weder leicht fielen noch oft von Erfolg gekrönt waren.
"Verzeih! Ich wollte dich nicht erschrecken. Du musst aufstehen, Kind! Wir sollten langsam weiter..."
Was für eine vielversprechende Aussage, wo er doch noch nicht einmal genau wusste, wo sie waren, welchen Weg sie gehen mussten oder wie spät es eigentlich genau war.
Kadia in diesem Zustand sehen zu müssen, tat ihm in der Seele leid. Er wollte ihr helfen, ihr Leiden lindern... doch alles was er tat, war das arme Mädchen durch feindliche Wildnis zu schleppen, ohne ein festes Ziel vor Augen zu haben.
Während sich die junge Frau vom Lager entfernte, um ihre Notdurft zu erledigen, folgte ihr der wachsame Blick des Inquisitors solange, wie es der Anstand des alten Ritters und der dichte Nebel zuließen. Danach verstaute er die Decke in den Satteltaschen der Pferde, verdreckte das Feuer, um etwaigen Verfolgern weniger Anhaltspunkte für den Zeitpunkt ihres Aufenthaltes zu geben und führte ihre Reittiere zu sich. Trotz der Arbeit und seinen schmerzenden Gelenken hatte er ein wachsames Ohr auf etwaige Geräusche aus Kadias Richtung. Auch in Momenten, in denen sie nicht zu sehen war, durfte er in seiner Wachsamkeit nicht nachlassen!

Der Hunger, die Kälte und Erschöpfung und die immerwährende Verzweiflung ließen seine sonst so konzentrierten Gedanken immer wieder abschweifen. Was war das für ein Geräusch? Hatte sich dieser Schatten bewegt? Wieso ist es jetzt so verdächtig ruhig? All diese Fragen schossen ihm fortwährend durch den Kopf. Er hatte versucht sie zu ignorieren. Als das nicht funktionierte, hatte er versucht, nur auf einen Teil dessen zu reagieren... Es war schier zum verrückt werden. Nichts stellte einen Menschen derart auf die Probe wie dieses Schicksal.
Als Gunther gerade die Zügel Ganbus in der Hand hatte, lehnte er erschöpft seinen Kopf gegen den Hals des stolzen Tieres und schloss für einen winzigen Moment die Augen. Er holte tief Luft und gönnte sich für einen winzigen Augenblick einen Moment der Ruhe. Der Inquisitor blendete alles um sich herum aus und versuchte ihre missliche Lage für die Dauer eines Wimpernschlags zu vergessen.
Genau in diesem Augenblick war Kadia zurückgekehrt und sprach ihn an.

„Herr … Brockhardt?
Ich weiß gar nicht, wie ich euch ansprechen soll. Ich … meint ihr … Werden wir sterben?“


Jetzt war es Gunther, der erschrocken reagierte. Im ersten Moment realisierte er nicht, was sie gefragt hatte. Er war viel zu sehr von sich selbst erschüttert, wie es passieren konnte, dass sie sich ihm hatte nähern können, ohne das er es bemerkt hatte. Er hatte trotz seines noblen Vorsatzes in seiner Wachsamkeit nachgelassen.
Kadia bot ein Bild des Elends. Sein Mitgefühl für diese junge Frau wurde nur noch von seinem Willen sie zu beschützen übertroffen. In diesem Moment schwor er sich selbst, in keinem einzigen noch so kleinen Augenblick je wieder derart unachtsam zu sein.

Gunther erkannte, dass das Mädchen Angst hatte. Angst davor in dieser nassen und kalten Hölle zu sterben. Er sah ihr direkt in die Augen, legte eine Hand auf ihre Schulter und schüttelte mit dem Kopf. Er wirkte wie ein gütiger Großvater, der seinen Enkel auf einen Fehler aufmerksam machte.

"Nein, mein Kind. Das werde ich nicht zulassen. Ich werde alles tun, was nötig ist, um das zu verhindern. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dafür Sorge tragen, dass dir nichts zustößt, und du wieder ein normales und friedliches Leben führen kannst. Doch du musst stark sein, verstehst du das? Du musst nur noch ein wenig länger durchhalten."

Der alte Inquisitor seufzte tief, rang sich jedoch danach ein Lächeln ab. Bei Gunther wirkte dies meist, als ob eine Maske aus Granit rissig wurde. Dennoch wirkte er liebevoll und herzlich, auch wenn er ziemlich aus der Übung schien.

"Mein Name ist übrigens Gunther. Nenn mich, wie es dir am liebsten ist. Ich habe nie viel Wert darauf gelegt, mit meinem Titel angesprochen zu werden, auch wenn die Templer, die du kennengelernt hast, es aus Respekt immer getan haben."

Der alte Mann sah zu den Pferden und sein Lächeln verflog. Er musste Kadia sagen, was er vor hatte. Sie hatte ein Recht darauf, es zu erfahren.

"Hör zu. Wenn wir bis heute Nachmittag nichts zu essen finden sollten... dann... wir müssen es tun. Dann müssen wir Rhoda essen. Verstehst du? Ich weiß, das sie uns eine treue und gute Gefährtin gewesen ist, aber wir brauchen Nahrung."

Über das Schlachten eines Pferdes zu reden fiel ihm schwerer als erwartet. Das Tier hatte diesen Tod nicht verdient, und er hoffte, dass der Herr ihnen verzeihen würde.

"Alles wird gut werden, Kadia. Vertrau mir, aber mehr noch vertraue auf die Führung Lysanthors! Der Herr des Lichts wird uns nicht im Stich lassen. Und jetzt lass und aufbrechen. Ich habe die Decke in deine Satteltaschen gelegt. Wenn du frieren solltest, leg sie dir um die Schultern, ja? Komm jetzt..."

Er humpelte auf sein Schlachtross zu. Sein Knie schmerzte. Es fühlte sich an, als ob jemand es mit Sägespänen gefüllt hätte, die nun bei jeder Bewegung brannten und rieben.
Diesen Schmerz hast du verdient, alter Mann! Akzeptier ihn und erinnere dich jedes mal daran, dass du nicht wachsam genug warst... dachte sich Gunther und sah sich nach Kadia um.

"Bist du soweit?"

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Freitag 15. August 2014, 17:27

Gunther hatte seine Hand auf die knochige Schulter des Mädchens gelegt und sprach in leisen, beruhigenden Worten mit ihr. Unter dem dünnen Stoff ihres wollenden Hemdes wirkten ihre Muskeln hart und verkampft. Ihre dichten Wimpern verdeckten halb die niedergeschlagenen Augen, aber sie nickte langsam, als er ihr das *Du* und seinen Vornahmen anbot.
"Hör zu. Wenn wir bis heute Nachmittag nichts zu essen finden sollten... dann... wir müssen es tun. Dann müssen wir Rhoda essen. Verstehst du? Ich weiß, das sie uns eine treue und gute Gefährtin gewesen ist, aber wir brauchen Nahrung."
Kadias Kopf hob sich langsam, sah zu ihrem Pferd und neigte leicht den Nacken. Sie zuckte leicht, als würde der dünne Stängel auf dem ihr Schädel ruhte, kaum das Gesicht tragen können und beim kleinsten Windstoß brechen. Still stand sie da und sah das Tier an. Irgendetwas in ihrem Blick, ließ den Templer kurz einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Was ihr wohl durch den Kopf ging? Dann war es auch schon wieder vorbei. Die junge Frau war unter ihrer Maske aus Schmutz und Leid schwer einzuschätzen. Der Schock saß noch zu dicht unter der Oberfläche, als dass ihre Emotionen offen zu Tage traten. Wie ihre Umgebung hüllte der Schmerz ihre Seele in Nebelfetzen. Gunther sprach weiter und sie nickte abermals. Sie seufzte einmal tief und straffte die schmalen Schultern. Gunther war nie ein Riese gewesen mit seinen 1,72m. Als er nun so nah bei ihr stand, fiel ihm am Rande ihre Größe auf. Sie reichte ihm mit ihren vielleicht 16 Jahren schon knapp über seine Nase, wenn sie aufrecht stand. Noch fünf Zentimeter und sie hätte ihn eingeholt. Wenn sie die nächsten Tage überlebten, dann könnte sie wohl möglich mal eine hübsche große Frau werden. Auch ihr Knochenbau war harmonisch proportioniert, doch unter all dem Dreck war von Schönheit nicht zu reden. Aus den feinen Gesichtszügen ließ sich schwer eine Herkunft schließen. Sie hatte eine gerade kleine Nase, die ein wenig zu spitz zu lief, hohe Wangenknochen und große mandelförmige Augen. Auch das Kinn war klein und spitz und die wirr gescheitelten, schwarzen Haare, die links und rechts ihr sonst ovales Gesicht bedeckten, formten es so zu der schmalen Iris einer Katze. Vielleicht konnte man sich dieses Mädchen verträumt zwischen bunten Gräsern vorstellen, wie sie Blumen pflückte, aber im Moment machte Gunter ihr leerer Blick am meisten Sorgen. Wenigstens hatte sie angefangen mit ihm zu sprechen, wenn auch nicht viel.

Sie sattelten auf und Gunther ritt auf Ganbu voran. Kadia folgte auf Rohda und schwieg lange. Landschaft und Zeit schienen sich kaum zu verändern und zogen zähflüssig an ihnen vorüber. Immer wieder tauchten ein paar Bäume auf, versammelten sich zu kleinen Wäldchen und verschwanden dann wieder. Die offenen Wiesen, die sie passierten, waren nur selten wirklich weit einsichtig. Sie kamen an Sträuchern mit grünen, unreifen Nüssen und Wiesen mit hohen Gräsern, die die Schritte der Hufe dämpften vorbei. Sie fanden ein paar niedrige saftig, grüne Büsche mit gelb-roten, in dichten Stauden hängende, Beeren. Sollten sie sie essen? Kadia zupfte sie mit den Schultern zuckend ab und sammelte gut zwei Hand voll in den Taschen ihrer Schürze. Sie sammelte auch ein paar wilde Gräser, die wie Getreide aussahen und etwas größere bläulich schwarze Körner ausgebildet hatten. Ein paar Stunden später sprang sie unvermittelt vom Pferd und lief auf ein kleines Gewächs zu, dass sie zu erkennen schien. Nachdem sie es mit samt der Wurzel aus dem Boden gerissen hatte, kam sie wirr grinsend zu Gunther gelaufen und hielt ihm ein Blatt unter die Nase, dass sie zwischen den Fingern zerrieben hatte. Sofort roch er das starke Minz-Aroma. Endlich hatten sie etwas, was auch er erkannte und dass sie sicher essen konnten. Kadia reichte ihm fünf kleine Blätter auf denen er herum kauen konnte. Der angenehm balsamische Geschmack breitete sich anfangs wärmend und dann auffallend kühlend in seinem Mund aus und vertrieb die bittere Galle seines nagenden Hungers vorerst. Es war nichts wovon man satt wurde, doch es dämpfte das stete Ziehen in seinen Eingeweiden und auch Kadia saß nicht mehr ganz so verkrampft im Sattel. Gegen Mittag riss plötzlich der Himmel auf und Lysanthor streckte seine wärmende Hand der Erde entgegen. Sie ritten gerade durch ein lichtes Wäldchen. Überall wo die göttlichen Strahlen den feuchten Boden berührten stiegen dampfende Säulen zwischen den Bäumen auf, so dass alles wie verzaubert wirkte.
„ … als hätten sich Feen um unsichtbare Feuerstellen versammelt. Hörst du sie lachen, Kadia ... “
Es war die leise Stimme des Mädchens, die gesprochen hatte. Anscheinend rezitierte sie aus einer Erinnerung, oder führte leise Selbstgespräche. So oder so, als Gunther sich umwand und sie ansah, lächelte sie schmal und presste ertappt die Lippen aufeinander. Auch ihrem Gemüt schien das Licht gut zu tun. Traf ein Sonnenstrahl Gunthers Gesicht, so lag eine stille Hoffnung darin, dass dieses nebulöse Land nicht ewig weit reichen konnte.
Kadia hielt ihr Pferd plötzlich an und räusperte sich, so dass Gunther es mitbekam. Das Wäldchen in dem sie sich gerade befanden, schien etwas erhöht zu liegen, denn eine Weile hatten sie das Gefühl gehabt bergauf zu reiten.
„Hm ...Gunther?“
Sie wartete bis er sie ansah und fuhr dann unsicher einen Baum betrachtend fort:
„Was meint ihr … äh, du … Soll ich mal versuchen da rauf zu klettern?“
Ihr Blick wies einen knorrigen Stamm hinauf, der einige kletterbare Verzweigungen zeigte. Trotzdem war es ein Wagnis das geschwächte Mädchen dort hinauf zu schicken, aber um den kurzen Moment eines klaren Himmels zu nutzen, mussten sie vielleicht auch etwas riskieren. Kadia schien sich über ihren Zustand jedenfalls keine Gedanken zu machen, denn sie band Rohdas Zügel um einen nahen Ast und raffte ihre Röcke zusammen. Noch war Zeit es ihr wohl möglich auszureden, oder auch anzuspornen.
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Gunther Brockhardt » Samstag 16. August 2014, 23:37

Sie ritten fort von ihrer nächtlichen Lagerstätte. Gunther machte sich Gedanken über den Zustand des Mädchens. Als er davon gesprochen hatte, Rhoda schlachten zu müssen, hatte sie kein Wort dazu verloren. Sie sprach ohnehin sehr, sehr wenig. Den Inquisitor störte Schweigsamkeit nicht im Geringsten, ganz im Gegenteil, er schätzte sie. Allerdings wusste er auch, dass sie für Kadia nur allzu schnell zur Last werden konnte. Gedanken die einen Menschen belasteten, konnten ihn zermürben und von innen heraus auffressen und zerstören, wenn man mit niemandem darüber reden konnte. Er wollte ihr helfen, doch leider wusste er nicht wie. Was er wusste war jedoch, dass er ihr mehr schaden konnte, wenn er unbedacht dabei vorging. Also beließ er es vorerst dabei, und ritt schweigend vor ihr her. Während der alte Ritter seinen Blick wachsam über die nebligen Hügel streifen lies, dachte er über die junge Frau nach.
Wo kam sie her? Wie alt war sie genau? Hatte sie noch Verwandtschaft? Was wollte sie nun tun, da ihre Eltern getötet worden waren? Gunther nahm sich vor, ihr diese und einige andere Fragen zu stellen, sobald sie in Sicherheit waren.

Die Landschaft zog sich schleppend an ihnen vorüber. Der Nebel war zwar etwas lichter geworden, doch verschwunden war er nicht. Die beiden Hungernden fanden zwar Beeren und Sträucher, doch die wussten nicht, ob diese essbar waren.
"Nimm die Beeren nicht mit Kadia! Wir wissen nicht ob sie giftig sind... Dieses Risiko dürfen wir nicht eingehen, hörst du?"

Wenig später nach diesem Verbot des Inquisitors hatte Kadia Minze gefunden. Die Blätter der Pflanze stillten zwar den Hunger nicht, doch sie beruhigten die Gedanken an etwas Nahrung ein wenig. Von den fünf Blättern, die ihm die junge Frau gegeben hatte, kaute Gunther jedoch nur zwei. Die Restlichen verstaute er in seiner Satteltasche. Der frisch-scharfe Minzgeschmack erinnerte ihn an eine kleine süße Leckerei aus Pelgar, die er früher so gern gegessen hatte, doch er kam im Moment nicht auf den Namen. Süßigkeiten und süßes Backwerk hatte er schon immer geliebt...
Reiss dich zusammen, alter Mann! Du hast zwar Hunger, aber du hast auch einen Auftrag zu erfüllen! Also konzentrier dich darauf, einen Ausweg aus dieser Misere zu finden! schalt er sich selbst.

Gegen Mittag ritten sie durch ein kleines Wäldchen. Als der Himmel aufbrach, und sich wärmende, goldene Sonnenstrahlen durch das Blätterdach drängten, hielt Gunther sein Pferd kurzerhand an. Der alte Mann sah vollkommen ernst hinauf in den Himmel und sprach leise: "Wir danken euch, Herr! Lasset euer Licht auf uns erstrahlen, und führet uns in Sicherheit."
Als sie weiterritten, und Kadia sich die Gegend betrachtete, murmelte sie wie in Gedanken versunken:
„ … als hätten sich Feen um unsichtbare Feuerstellen versammelt. Hörst du sie lachen, Kadia ... “
Als Gunther sich umwand und sie ansah, lächelte sie schmal und presste ertappt die Lippen aufeinander. Es schien, als erinnere sie sich an etwas aus ihrer Kindheit, und das diese Erinnerung keine schlechte war.
"Schäm dich nicht dafür, Kind. Schöne Erinnerungen sind wichtig. Sie geben uns Kraft..." um Dinge wie dies hier zu überstehen. ergänzte er den Satz in Gedanken.
Kadia hielt ihr Pferd plötzlich an und räusperte sich, so dass Gunther es mitbekam. Das Wäldchen in dem sie sich gerade befanden, schien etwas erhöht zu liegen, denn eine Weile hatten sie das Gefühl gehabt bergauf zu reiten.
„Hm ...Gunther?“
Sie wartete bis er sie ansah und fuhr dann unsicher einen Baum betrachtend fort:
„Was meint ihr … äh, du … Soll ich mal versuchen da rauf zu klettern?“
Ihr Blick wies einen knorrigen Stamm hinauf, der einige kletterbare Verzweigungen zeigte. Kadia schien sich über ihren Zustand jedenfalls keine Gedanken zu machen, denn sie band Rohdas Zügel um einen nahen Ast und raffte ihre Röcke zusammen.

"Warte!" Der Befehl des Inquisitors kam schnell und lies keine Widerrede zu. Gunther stieg vom Pferd und musterte wachsam die Umgebung, während er auf den Baum und Kadia zuging. Er wusste, dass es nicht ungefährlich war. Und er wollte auf keinen Fall, dass dem Mädchen etwas zustieß, allerdings war er sich auch darüber im Klaren, dass die Sonne recht schnell wieder verschwinden konnte und sie brauchten nun mal einen Orientierungspunkt. Der alte Mann stellte sich vor das Mädchen und sah ihr tief in die Augen.
"Hör zu Kadia. Ich werde dir etwas meiner Kraft geben, verstanden? Es wird nicht viel, denn auch ich bin ziemlich am Ende, aber du wirst jedes bisschen brauchen, um dort hoch zu kommen. Danach will ich, dass du bis auf dein Unterkleid alles ausziehst. Du darfst nirgends mit deiner Schürze hängen bleiben. Und das Wichtigste ist: Wenn du merkst, dass du es nicht bis nach oben schaffst, dann kehr um, verstanden? Geh kein unnötiges Risiko ein! Hast du verstanden?"

Danach legte er ihr beide Hände auf die Schultern und schloss die Augen. Dass das heilige Symbol seines Gottes nun für einige Momente über ihnen am Himmel trohnte, lies ihn hoffen und aus dieser Hoffnung etwas Kraft schöpfen. Er konzentrierte sich darauf, seine magischen Kräfte zu mobilisieren, um "Das Band" zwischen ihnen herzustellen, damit er der jungen Frau ein wenig seiner körperlichen Kraft übertragen konnte. Natürlich konnte er damit weder Hunger noch Angst und Kälte vertreiben, aber Kadia hatte eine schwere Aufgabe vor sich, und brauchte jede Unterstützung.

"Herr des Lichts, schenke uns die Gnade deiner Stärke. Gewähre uns die Kraft, die Prüfungen auf unserem Wege zu bestehen, auf dass wir stolz deinen Namen preisen!" begann Gunther die Gebetsformel leise zu murmeln, während er spürte, wie der Zauber seine Wirkung tat. Er konnte nur hoffen, dass er nicht zu schwach wurde, und das auch etwas an Energie bei Kadia ankam, um ihr den Aufstieg zu erleichtern. Er lies genauso viel zu ihr fließen, wie er verkraften konnte, um noch normal laufen zu können.

Als er fertig war, öffnete er die Augen und lächelte sie liebevoll an. Erst jetzt viel ihm auf, dass sie ohne den Dreck eine wunderschöne hübsche Frau sein könnte.
"Also noch mal, Kind. Schürze aus, und kein Risiko eingehen, verstanden? Sei Vorsichtig!"

Er nickte ihr aufmunternd zu und beobachtete, was nun geschah.

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Sonntag 17. August 2014, 19:40

"Das Band" oder Woge der Kraft, ein Zauberer, den er schon öfters angewendet hatte, konnte Erschöpfung oder Entkräftung bei sich selbst oder einem Ziel lindern. Geübte Lichtmagier könnten sie sogar gänzlich verschwinden lassen. Gunter war so einer, doch er war durch den Hunger auch seinen eigenen Grenzen sehr nahe. Um die Magie zu wirken, musste er das Ziel mit einer Hand berühren. So hatte er auch einmal einem anderen Prister der Lichtmagie seine Energie übertragen, als dieser über zu wenig verfügte und einen Spruch benötigte der gerade dringender war. Beide Magier mussten willens sein um den Austausch vorzunehmen. Kadia war keine geübte Magierin, noch in den Leeren Lysanthors unterwiesen, aber nach anfänglichem Wiederstand, sah sie in seine Augen und die Energien begannen zu fließen. Gunther konnte die Wärme der Sonne unter seinen Händen fühlen und das leichte erschaudern in den zarten Knochen des Mädchens.
"Herr des Lichts, schenke uns die Gnade deiner Stärke. Gewähre uns die Kraft, die Prüfungen auf unserem Wege zu bestehen, auf dass wir stolz deinen Namen preisen!"
Ihr mentales Band fühlte sich selbsam an. Als würde man Marmelade auf ein ausgetrocknetes Flussbett gießen, das zu rissig war um sie aufzunehmen. Der erfahrere Lichtmagier wusste, dass ihn selbst mehr kosten würde, als er geben konnte. Das Verhältniss war nicht eins zu eins. Sie standen nicht auf gleichem Nivau. Mühsam drängte er in sie und spürte ihr Zittern. Gleichzeitig wusste er auch, dass er nun bald Ruhe und Zurückgezogenheit zur Meditation, Schlaf oder Nahrung brauchte um den Verlust wieder auszugleichen.
Als er seine Hände wieder von ihr löste, sah er das Erstaunen in ihrem Gesicht. Ihre Wangen waren gerötet und ihr Mund stand so weit offen, sodass er ihre rosa Zunge sah.
„Wahnsinn!“
, war das einzige Wort, was sie in ihrer ungefilterten Begeisterung für ihr Empfinden heraus hauchte, dann schlagartig errötete und einen hastigen Schritt zurück machte. Sie rieb sich die Arme, als könnte sie die aufstehenden Härchen so wieder zum anliegen bringen.
„Kein Risiko, klar.“
Dann begann sie sich etwas beschämt auszukleiden. Die Schürze warf sie über Rohdas Sattel und zog dann an den seitlichen Schnüren ihres Kleides, das wohl einstmals ein schönes blau besessen hatte, doch nun mehr grau wirkte. Hastig ließ sie es zu Boden gleiten und stieg hinaus. Sie schielte dabei verstohlen unter ihren dichten Wimpern zu Gunther hinüber, wie dieser sich benahm. Dann bückte sie sich, griff zwischen den Beinen hindurch und steckte den hinteren Teil ihres Unterrocks fachmännisch oben im Saum fest. Ab den Knien waren ihre Beine mit wollenen Strümpfen bedeckt, so dass nur ein winziger Spalt heller Haut zu sehen war. Oben herum trug sie ein ärmelloses Leibchen mit winzigen Stickereien an den Rändern. Sicher eine liebevolle Handarbeit ihrer Mutter. Dann ging es an den Aufstieg. Von unten betrachtete sie noch einmal die Äste des Baumes und schien sich einen Plan zurecht zu legen, dann hüpfte sie um den ersten zu erreichen. Beim zweiten Versuch gelang es und sie zog sich schnaufend hinauf. Stück für Stück arbeitete sie sich so in schwindelerregende Höhe. Für Gunther war es vielleicht sogar noch unangenehmer, als für sie, da er sie bald von unten kaum noch sehen konnte, den Kopf viel zu weit in den Nacken legen musste und ihm davon wirklich schwindelig wurde. Vielleicht war es auch die fehlende Energie, aber als gerade wieder ein Stück Rinde von oben neben ihm herab rieselte, hatte er einen leichten metallischen Geschmack im Mund. Er griff sich ins Gesicht und bemerkte ein leichtes Nasenbluten, dass jedoch schnell wieder verebbte.

Gunther ist leicht verletzt. (mental ausgelaugt) Bild

Plötzlich klatschte ein kleiner Ast neben ihn ins Moos. Von oben erklang ihre Stimme:
„Alles in Ordnung. Ich hab es gleich geschafft.“
Das Rascheln und Knistern, das Fallen der Blätter war nicht unbedingt beruhigend, doch Kadia hatte die Krone erreicht. Ihre Stimme schwebte wie aus einer anderen Welt zu ihm hinunter, als sie sich langsam umschaute, Pausen machte, wenn sie sich bewegte und dann fort fuhr:
„Bin oben! Huh, …Ah, Ich sehe so was wie eine weite Fläche, aber das ist weit weg. In der anderen Richtung wird der Wald dichter und ... Oh, da braut sich was zusammen, glaub ich. Die Wolken … so was hab ich noch nicht gesehen! Sie … sie schillern in ganz vielen Farben, wie eine Muschel. Moment … Ich glaube, da hinten ist ein Weg! Ja, da ist eine Schneise im Wald! Ich hab einen Weg gefunden! Einen WEG!“
Es krachte und wieder regnete es Rindenstückchen und Blätter, aber zum Glück keine jungen Frauen. Gunther versuchte sie zwischen dem Gewirr der Zweige auszumachen und folgte dem Rascheln. Dann sah er sie endlich und ihre Hand wie sie aufgeregt zappelnd in eine Richtung wies. Eine Richtung die er wohl niemals eingeschlagen hätte, denn von hier unten aus gesehen, zeigte sie mitten in ein fast undurchdringliches Dickicht aus Sträuchern, Kletten und Disteln. Ein Weg bedeutete aber auch Zivilisation, Menschen und Hilfe, also würden sie diesen auch gehen.
Kadia kam langsam wieder vom Baum herunter und ließ sich gefährlich, gewandt vom letzten Ast fallen. Sie landete lachend und stolperte zu ihrem Pferd. Eilig zog sie sich wieder an und drängte zum Aufbruch.
Reiten konnten sie nicht durch das Dickicht und die Pferde waren eben sowenig begeistert , von den ständigen Attacken auf ihre Beine. Schon nach wenigen Minuten hingen überall Pflanzenteile an Kadias Rock und feine Kratzer zierten Arme und Gesicht. Das Mädchen war praktisch veranlagt und band kurzerhand ihre Schürze um den Kopf des Tieres, damit es sich nicht die Augen verletzen konnte. Auch Ganbu war unruhig, aber folgte genügsam seinem Herrn, der als einziger eine Klinge hatte, um ihnen den Weg frei zu schlagen. Durch die körperliche Anstrengung wurde es ihnen wärmer und um so überraschender kam dann nach einiger Zeit endlich die freie, kühle Leere der Schneise, die sie gesucht hatten. Sie hatten tatsächlich einen Weg gefunden, auch wenn er schmal war und wenig genutzt schien. Etwas mehr als ein Wildwechsel, etwas weniger als ein Pfad der vielleicht einmal im Monat benutzt wurde, doch es war ein Weg, der sich gewunden durch das Wäldchen zog. Egal in welche Richtung sie schauten, sah es gleich aus. Einzig ein einzelner Sonnenstrahl schien eine Einscheidungshilfe geben zu wollen, in dem er einen kleinen weißen Felsen streifte. Um in herum wuchsen bodennahe Disteln und alles schien dort ein bisschen lebendiger zu sein. Die andere Seite des Weges lud mit einer längeren Geraden zum Vorankommen ein. Für eine Seite mussten sie sich entscheiden und Kadia sah den Inquisitor fragend an, während ihr Pferd spontan an ein paar Halmen zupfte.
„Und jetzt?“

Egal in welche Richtung Gunther sie führte, bald zog sich der Himmel wieder zu und der Nebel begann sie wieder einzukreisen. Um die Pferde nicht zu verausgaben, konnten sie nur kurze Strecken traben und Gunter wurde immer wieder von kleinen Schwindelanfällen heimgesucht. Weit würden sie heute nicht mehr kommen und zum späten Nachmittag hin, fühlte sich der Templer einer Ohnmacht nahe. Sie mussten wohl oder übel noch eine Nacht ohne Hoffnung verbringen und Gunter musste nun eine schwere Entscheidung treffen.
Sollte er auf die Hoffnung setzen, dass sie morgen in irgendeiner Form Nahrung und Hilfe fanden, dass der Weg sie an ein unbekanntes, aber ihnen wohl gesonnenes Ziel führte, oder sollte er die Sicherheit seines Schwertes wählen und dafür sorgen, dass sie heute Nacht nicht hungrig einschliefen? Ganbu war stark genug um zwei Personen zu tragen. Rohda war entbehrlich. Was also sollte er tun?
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Gunther Brockhardt
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Gunther Brockhardt » Sonntag 17. August 2014, 21:48

Der Zauber den Gunther wirkte, war bei weitem kein einfacher, und auch seine weitreichende Erfahrung und sein disziplinierter Geist konnten seine Entkräftung durch die Strapazen der letzten Tage nicht ausgleichen. Dem Mädchen etwas Energie zu übertragen war noch anstrengender, als er anfangs vermutet hatte. Seine Kraft strömte aus seinen Händen, doch sie in die junge Frau zu transferieren war sehr schwierig. Nach einigen Augenblicken, in denen beide schweigend, von leichten Sonnenstrahlen umspielt, in dem kleinen, stillen Wäldchen standen, löste er seine Hände von ihren Schultern. Er hatte viel geben müssen... Sehr viel, um wenigstens das Minimum an Energie zu übertragen, das er sich erhofft hatte.
Er sah das Erstaunen in ihrem Gesicht. Ihre Wangen waren gerötet und ihr Mund stand weit offen.
„Wahnsinn!“ war das einzige Wort, das sie in ihrer ungefilterten Begeisterung für ihr Empfinden heraus hauchte, dann schlagartig errötete und einen hastigen Schritt zurück machte. Sie rieb sich die Arme, als könnte sie die aufstehenden Härchen so wieder zum Anliegen bringen. Zumindest schien sie nun etwas aufgeweckter. Gunther konnte nur hoffen, dass ihr Vorhaben von Erfolg gekrönt sein würde. Der Preis, den der Inquisitor zahlen musste, war jedoch nicht zu vernachlässigen. Er atmete schwerer. Auf seiner Stirn waren feine Schweißperlen zu erkennen und sein Gesicht wirkte fahler. Dennoch bemühte sich der zerschundene Ritter um ein aufrichtiges Lächeln, um das Kind nicht zu besorgen.

„Kein Risiko, klar.“ Auch ihre Art zu sprechen wirkte nun kraftvoller... lebendiger. Allein dieser kurze Moment, in dem Gunther sah, wie sie etwas auflebte, nahm ihm den Zweifel, ob seine Entscheidung richtig gewesen war. Er freute sich innerlich, dass es ihr besser ging, auch wenn er dies nach außen hin im Moment nicht zeigen konnte.

Als sie begann sich auszuziehen, wanderte Gunthers Blick von ihr weg, hin zur Umgebung. Es schien als prüfte er, ob sich Gefahren näherten, doch in Wirklichkeit versuchte er, den aufkommenden Schwindel zu bekämpfen. Sein bisher so trockener Mund füllte sich mit unglaublich viel Speichel und er spürte die Übelkeit wie Säure in sich aufsteigen. Der Inquisitor atmete drei mal tief und langsam ein und aus. Danach ging es ihm wieder etwas besser. Kadia hatte inzwischen ihre überschüssige Kleidung abgelegt. Der Blick des alten Mannes verriet nicht im Ansatz, was er von dem Anblick hielt, als er sie kurz vor ihrem Aufstieg ansah. Sie war eine recht hübsche junge Frau, doch im Geiste des ehemaligen Templers keimte nicht ein einziger lüsterner Gedanke. Nicht weil er zu alt gewesen wäre, sondern weil sein Schwur es ihm verbot.
Dann ging es an den Aufstieg. Die Händlerstochter stellte sich erstaunlich geschickt an, während sie die Äste als Kletterhilfen nutzte. Gunther konnte ihr mit Blicken nicht folgen, so gerne er das auch getan hätte, um ihr bei einem Sturz schnell zu Hilfe zu eilen. Der Schwindel wurde stärker. Er schnalzte kurz mit der Zunge und streckte seinen rechten Arm aus. Ganbu verstand das Zeichen und trabte an die Seite seines Herren, damit dieser sich am Zaumzeug festhalten und gegen das Tier lehnen konnte. Plötzlich schmeckte er Blut. Nachdem er sich an die Nase griff, sah er es auch. Es war nicht viel, doch es war ein schlechtes Zeichen. Er hatte sich übernommen, und nun musste er dafür bezahlen. Er brauchte Ruhe, Schlaf und möglichst bald etwas zu essen. Da er Kadia im Moment ohnehin nicht helfen konnte, nahm er einen Wasserschlauch aus Ganbus Satteltaschen und trank einige Schlucke. Die Kühle tat seiner Kehle gut. Er wusch sich auch das Blut aus dem Gesicht, um Kadia bei ihrer Rückkehr aus dem Baum nicht zu beunruhigen.
Plötzlich klatschte ein kleiner Ast neben ihm ins Moos. Der Inquisitor fuhr erschrocken herum, und wurde sofort von neuerlichen Schwindelattacken geplagt. Von oben erklang Kadias Stimme:
„Alles in Ordnung. Ich hab es gleich geschafft.“

"Um Lysanthors Willen, sei vorsichtig Kind!"
murmelte er zu sich selbst.

„Bin oben! Huh, …Ah, Ich sehe so was wie eine weite Fläche, aber das ist weit weg. In der anderen Richtung wird der Wald dichter und ... Oh, da braut sich was zusammen, glaub ich. Die Wolken … so was hab ich noch nicht gesehen! Sie … sie schillern in ganz vielen Farben, wie eine Muschel. Moment … Ich glaube, da hinten ist ein Weg! Ja, da ist eine Schneise im Wald! Ich hab einen Weg gefunden! Einen WEG!“

Einen Weg? Sehr gut. Vielleicht entkommen wir diesem Alptraum jetzt endlich.
Die junge Frau kletterte vom Baum herab. Sie landete lachend und stolperte zu ihrem Pferd. Eilig zog sie sich wieder an und drängte zum Aufbruch.
"Danke Herr..." Leicht lächelnd schickte er die Worte unauffällig gen Himmel. Das Lachen Kadias klang wie Glockengeläut in seinen Ohren und verhalf ihm zu neuer Hoffnung.

Das ungleiche Paar machte sich auf den Weg. Gunther musste all seine eiserne Disziplin aufbringen, um den Pferden mit der Klinge den Weg zu erleichtern. Doch nach schier endloser Schufterei erreichten sie endlich den Pfad. Doch nun stellte sich die Frage, in welcher Richtung die ihm folgen wollten. Gunther besah sich die beiden Möglichkeiten. Er wusste nicht wo sie waren, also konnte er auch nicht sagen, wo dieser Pfad hinführte. Gerade als er daran dachte, den etwas geraderen Weg zu nehmen, bemerkte er den schmalen Sonnenstrahl. Für den lysanthortreuen alten Mann war es, als würde sein Gott ihm ein Zeichen geben. Und Gunther würde derartiges niemals ignorieren. Er vertraute auf seinen Glauben, und deutete in die Richtung, in die der Sonnenstrahl wies:
"Dort entlang. Lysanthor führt uns... hoffen wir nur, das wir seine Prüfungen bestehen."

Damit war es entschieden, und die Pferde setzten sich wieder in Bewegung. Trotz des Weges kamen sie nur langsam voran. Zu allem Übel wurden sie auch wieder von Nebel eingehüllt, ganz so als ob sich Gunthers Gott nur kurz erbarmt hatte, ihnen zu helfen, und nun wieder der Nebel über dieses Land herrschte. Die graue, kalte und nasse Suppe umgab sie wieder vollkommen. Die Schlieren waberten um die Hufe der Tiere und verhinderten das Erkennen von entfernten Formen und Umrissen. Selbst die waldtypischen Geräusche wurden dumpfer... entfremdeter. Es schien, als würde jegliche Farbe aus der Welt gewischt... und mit ihr zusammen die Hoffnung.
Gunthers Zustand wurde ebenfalls schlechter. Er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Sie mussten rasten, denn er brauchte dringend Ruhe. Als sie eine etwas breitere Stelle des Pfades erreichten, hielt er an und stieg mühsam ächzend vom Pferd.
"Wir rasten hier. Ich kann nicht mehr weiter, und die Pferde brauchen auch etwas Ruhe." Er ging einen großen Kreis um die improvisierte Lagerstätte und spähte so weit wie möglich in den Nebel hinein, auch wenn er nichts erkennen oder hören konnte.
"Kadia, ich will das du etwas Holz sammelst. Es wird zwar nass sein, aber wir werden trotzdem versuchen, ein Feuer zu machen. Wenn irgendetwas passiert, dann schrei, hast du verstanden? Ich bin gleich zurück."

Er wartete, bis sie abgestiegen war, und führte Rhoda danach einige Meter den Pfad zurück. Er wollte dem Mädchen diesen Anblick ersparen. Das treue Pferd folgte ihm. Er wollte das Tier nicht töten. Es hatte ihnen gut gedient und verdiente es nicht, derart ehrlos zu sterben. Ganbu würde ausreichen, um voranzukommen, und sie brauchten dringend Nahrung. Er in seinem Zustand noch mehr als zuvor. Nachdem Kadia außer Sicht war, zog er langsam seine edle Klinge. Er sah sein Spiegelbild auf dem polierten Stahl. Sein Atem ging stoßweise und bildete kleine Wölkchen, die sich mit dem Nebel vereinten. Er musste schwere Entscheidungen treffen, denn er war verantwortlich für die junge Frau und musste alles tun, um sie zu beschützen. Er hob die Waffe mit beiden Händen an... Und hielt inne.
Er wusste nicht warum, doch er erinnerte sich in diesem Moment an einen seiner ersten Aufträge. Damals noch Knappe, erklärte ihm sein Templer, dass selbst die kleinsten Hilfen von den Unbedeutendsten den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen konnten. Und gehörte dieses Pferd nicht auch zu jenen, die ihren Beitrag geleistet hatten? Hatte Rhoda nicht auch im Angesicht der Gefahr ihre Pflicht getan, und sie vor den Feinden in Sicherheit gebracht? Langsam sank das Schwert des Inquisitors wieder. Er würde dieses Tier heute nicht töten. Sie würden eine weitere Nacht hungern müssen, sie würden weiterhin leiden und darben müssen, doch Rhoda hatte diesen Tod nicht verdient. Sie waren es dem tapferen Pferd schuldig, zumindest noch einen Tag zu warten. Er seufzte schwer, während er seine Waffe zurück in die Scheide schob.

Als er Rhoda wieder zurück zu Kadia führte, sagte er nur: "Spätestens morgen... Dann haben wir keine andere Wahl mehr."
Während er grübelte, ob seine Entscheidung die Richtige war, ging er an die Satteltaschen Ganbus und kramte die drei verbliebenen Minzblätter hervor, die er Kadia mit einem sehr erschöpften Lächeln reichte. Er wollte sie nicht gänzlich ohne Trost und Hoffnung lassen.
"Hier. Iss die, und halt für Rhoda noch einen Tag durch, ja?"

Dem Inquisitor war nicht mehr nach reden zumute. Mit jeder Minute, die er wach blieb, wurde er schwächer. Er löste sein Schwert vom Gürtel, lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum und lies sich herabsinken. Das Schlafen in voller Rüstung war zwar nicht sonderlich erholsam, aber er war es gewohnt. Sitzend gegen den Baum gelehnt, legte er die Waffe griffbereit auf den Schoß.

"Bleib solange wach wie du kannst, Kadia. Zur Not kannst du morgen beim Reiten schlafen. Falls etwas passiert, musst du mich wecken, hörst du? Aber jetzt brauche ich dringend Schlaf..."

Gunther schickte ein kurzes Stoßgebet zu Lysanthor und schloss dann schwer atmend die Augen. Er brauchte Ruhe...
Die Dunkelheit umfing ihn schnell, und sein letzter Gedanke, bevor er in den Schlaf abglitt war: Ich muss sie beschützen. Ihr darf nichts passieren...

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 20. August 2014, 21:24

Gunther war ein Ehrenmann und seine Ambitionen der jungen Frau gegenüber freundlich, brüderlich beschützend, vielleicht sogar väterlich zu nennen. So genau hatte er selbst noch nicht darüber nachgedacht. Er hatte sie zu seiner Aufgabe gemacht und nichts sollte ihn von seinem Weg abbringen.
Ich muss sie beschützen. Ihr darf nichts passieren...
Der Tag war vergangen, sie lagerten und Rohda bekam noch einen Tag Aufschub. Mit der Dunkelheit kam dann der Nebel.

Nebel! Immer und überall nur Nebel! Nebel in Fetzen, langsam dahin gleitend, Nebel wie wallende Wellen einer luftigen Brandung, die sich an den Stämmen wie an Wellenbrechern teilten. Nebel dünn und flüchtig wie Seide, dass man meinte, er wäre fast nicht da, doch sah man trotzdem nichts. Nebel der die Sonne verbarg, Nebel der den Mond verbarg und Nebel der jedes Gefühl für Zeit verbarg. Manchmal war der Nebel so dicht, dass er jedes Geräusch schluckte und dann barg er wieder flüsternde Geister in sich.
Wie sollte man in so einer Gegend einen klaren Gedanken fassen? Gunther hatte sich jeden Tag um Stärke bemüht, hatte gebetet, gehofft und gekämpft, doch am Ende diesen Tages war auch sein Geist müde. Kaum hatten sich seine Lieder wie Decken über die brennenden Augäpfel gelegt, riss der kleine Tod, den man auch Schlaf nannte, ihn machtvoll hinab in seine Tiefen. Er spürte weder, wie sein Körper schlaff zur Seite sackte, noch wie ihm das Heft seines Schwertes entglitt. Er hörte nicht die leichten Schritte die die Klinge aufnahmen und fühlte auch nicht die Decke, die warm über ihn gebreitet wurde.

War er wach oder träumte er noch? Gunter sah sich um und war allein. Kein Pferd, kein Mensch, keine Kadia waren zu sehen und er saß auf einem weißen Felsen. Der Stein fühlte sich kalt unter ihm an, sodass er aufstand und zu gehen begann und doch nicht einen Schritt tat. Die Lichtung, die ihn umgab, war bewachsen mit weißen Gräsern und weißes Laub hing an lichten Stämmen. Weit konnte man nicht sehen, denn zwischen den geisterhaften Gebilden, schimmerte perlmuttfarbener Nebel. Perlmuttfarbene Wolken hingen tief über den hohen Kronen und alles floss ineinander. Ein sanftes Glühen aus allen Farben des Regenbogens lag glitzernd auf jedem Halm, wie Morgentau der vom Eis geküsst worden war. Es war kalt, unglaublich kalt. Plötzlich regte sich der Felsen hinter ihm und verwandelte sich in eine winzige alte Frau.
„Wird ja auch Zeit, das ihr von meinem Buckel runter geht … Oh!“
Als sie sich umwandte und zu ihm auf sah, fing sie spontan an zu lächeln. Ihr runzliges Gesicht wirkte dabei wie lebendige Rinde eines Baumes. Das schneeweiße Haar, in dem Perlen, Federn und Knöchelchen verflochten waren, fiel wallend bis auf den Boden und verband sich dort mit den Gräsern und ihre Augen waren dunkel, klar und strahlend. Sie schüttelte ihren seltsamen Mantel und weißer Staub viel herab. Darunter kam ein helleres, ledernes Braun zum Vorschein. Dann zog sie an ihrem Haar und wickelte es sich wie ein Schal um den dürren Hals.
„Oh, ihr seid es! Natürlich seid ihr es! Ihr könnt ja auch niemand anderes sein.“
Sie griff sich unter die circa zwanzig, durch ihre hohe Zahl, ordentlich weit abstehende Unterröcke und holte einen länglichen Stab hervor, der mit Leder umwickelt war. Sie spannte ihn auf und der Stab entpuppte sich als löchriger Schirm, auf dem allerlei seltsame Muster gemalt waren. Runen, wie Gunther vielleicht erkannte. Sie kam ein paar Schritte auf ihn zu getrippelt. Als sie vor ihm stehen blieb, maß sie vielleicht gerade drei Käse hoch, was je nach Haltung stark zu variieren schien.

alte Frau

„Ihr seht verloren aus, mein Bester. Ich gebe euch einen kleinen Rat, wenn ihr mir ein Rätsel löst.“
Ohne seine Antwort abzuwarten begann sie auf der Lichtung umher zu trippeln und wurde sehr langsam, aber doch stetig immer durchsichtiger.

"Was bist du nur für ein Hirngespinnst?

Der Drachen Odem trägt deinen Namen.
Du schenkst deine Tränen den Gräsern wie Tau,
Im Herbst wir dich auf den Wiesen sahen.
Manch einem wird ums Herze ganz flau.

Kann dich nicht greifen,
kann dich nur sehen,
kann dich auch einatmen,
und doch nicht verstehn.

Bist du mir fern,
so seh ich dich.
Bist du mir nah,
seh ich mich nicht.

Du verhüllst Gedanken
und verbirgst uns den Weg,
löst du dich nicht auf,
ist es manchmal zu spät.

Lässt Worte verstummen,
Schreie im Streit,
Lässt vergessen die Wunden,
bist Gedanke und Vergangenheit.“

Gunter dämmerte in einem zähflüssigen Zustand und vielleicht lag ihm noch die Lösung auf den Lippen, als er fühlte, wie die flüchtige Welt der Träume um ihn herum verblasste, um der Realität zu weichen. Einer Wirklichkeit, die seinem Traum nur zu stark ähnelte, denn kaum da er die Augen ganz geöffnet hatte, sah er nichts als dichten, feuchten Nebel. Und doch war da noch eine leise knarrende Stimme zu hören:
„Folgt den weißen Steinen ...“
Dann war er wach.

Es war Nacht und die dichte Suppe, die ihn umgab verschluckte sogar seine Finger, wenn er den Arm nur von sich streckte. Dunkelheit gepaart mit schillernder Finsternis umfing ihn und streckte seine violetten Adern nach ihm aus. Es war so still, dass er seinen Atem hören konnte. Eine Decke lag über ihm ausgebreitet und sein Schwert war fort. Dafür lag eine abgepflückte Distel auf seiner Decke. Die violette Blüte, ihre vielen zerfaserten Spitzen, waren mit Tau überzogen, wie alles um ihn her. Wo war Kadia? Wo waren die Pferde? Schliefen sie still irgendwo ganz in der Nähe? Wenn er jetzt blind drauf los lief, war die Verletzungsgefahr riesig und wohl möglich verlief er sich. Dies war die schlimmste Nacht, die sie bisher erlebt hatten. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass jeder Atemzug das wage Gefühl von Ertrinken in sich trug. Was war zu tun? Was konnte er tun? War er fähig sich einfach wieder an den Baum zu lehnen und erneut sein Glück und Hoffnung in den Träumen zu suchen?
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Gunther Brockhardt
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Gunther Brockhardt » Donnerstag 21. August 2014, 19:21

Der Tag den der Inquisitor hinter sich hatte, war mehr als nur entkräftend gewesen. Nachdem er sich an dem rauhen Stamm hatte herabgleiten lassen, ummantelte ihn die Dunkelheit. Er spürte nicht, wie der Schlaf seine Arme nach ihm ausstreckte und ihn ins düstere Reich der Träume entführte.

Gunther öffnete die Augen langsam und erschöpft, doch das Bild, das sich ihm bot, lies sofort alle Alarmglocken in ihm läuten. Er war nicht mehr im Wald! Er war nicht mehr bei Kadia! Alles um ihn herum war weiß. Der Ritter befand sich auf einer vollkommen verlassenen Lichtung. Die Gräser auf dem Boden, die Bäume um ihn herum… alles war weiß. Sogar die Luft war milchig. Oder sollte dies etwa… tatsächlich! Selbst hier war er von schier undurchdringlichen Nebelschwaden umgeben, die in milchig-perlmuttfarbenden Schlieren über die Lichtung zogen. Seine altersschwachen Augen mussten sich erst einmal daran gewöhnen. Blinzelnd erhob er sich von dem hellen Felsen, auf dem er erwacht war. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, darauf bedacht, nicht über etwas zu stolpern, dass von diesen schillernden Schwaden verdeckt wurde. Nachdem er einige Schritte gegangen war, drehte er sich um. Entsetzt sah er den Felsen an. Er war nicht ein Stück von ihm entfernter, als zuvor. Wie konnte das sein? Erst jetzt realisierte der alte Mann, dass sein Atem kleine Wölkchen bildete. In seiner Rüstung fror er erbärmlich. Er hauchte sich ein paar mal auf die lederne Seite seiner Handschuhe, doch es half nichts.
Plötzlich regte sich der Felsen vor ihm und verwandelte sich in eine winzige alte Frau.
„Wird ja auch Zeit, das ihr von meinem Buckel runter geht … Oh!“
Vollkommen perplex entglitten dem Inquisitor die Gesichtszüge. Was, in Lysanthors Namen, geht hier vor sich? Wo bin ich hier? Ist das nur ein Traum? Es fühlt sich so real an…. Herr, hilf mir!

Die runzlige, alte Frau sah mehr als nur sonderbar aus. Sie war kleiner als Gunther, und wirkte noch um einiges älter als der Inquisitor. Ihr Haar fiel, einem schneeweißen Wasserfall gleich, auf den von Nebel umzogenen Boden der Lichtung. So alt dieses Weib auch wirken mochte, ihre dunklen Augen strahlten vor Leben.
„Oh, ihr seid es! Natürlich seid ihr es! Ihr könnt ja auch niemand anderes sein.“, sprach sie zu dem sichtlich verwirrten Ritter. Dieser war viel zu geschockt von der Situation, um schnell genug und adäquat zu antworten, also nickte er nur stumm. Er wirkte wie ein eingeschüchterter Schuljunge, ein Eindruck den er schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr hinterlassen hatte.
Die seltsame Erscheinung griff unter ihre Röcke und holte ein eigenartiges Gebilde hervor, mit dem sie über die Lichtung auf ihn zu kam. Was ist das? Ein Schirm? Ich muss den Verstand verloren haben… Moment… Sind das Runen? Das muss ein Traum sein!
„Ihr seht verloren aus, mein Bester. Ich gebe euch einen kleinen Rat, wenn ihr mir ein Rätsel löst.“
Ohne seine Antwort abzuwarten begann sie auf der Lichtung umher zu trippeln und wurde sehr langsam, aber doch stetig immer durchsichtiger.

"Was bist du nur für ein Hirngespinnst?

Der Drachen Odem trägt deinen Namen.
Du schenkst deine Tränen den Gräsern wie Tau,
Im Herbst wir dich auf den Wiesen sahen.
Manch einem wird ums Herze ganz flau.

Kann dich nicht greifen,
kann dich nur sehen,
kann dich auch einatmen,
und doch nicht verstehn.

Bist du mir fern,
so seh ich dich.
Bist du mir nah,
seh ich mich nicht.

Du verhüllst Gedanken
und verbirgst uns den Weg,
löst du dich nicht auf,
ist es manchmal zu spät.

Lässt Worte verstummen,
Schreie im Streit,
Lässt vergessen die Wunden,
bist Gedanke und Vergangenheit.“


Während die seltsame Frau ihr Rätsel rezitierte, schien sie immer mehr zu verblassen. Gunther versuchte ihr hinterher zu gehen, doch kein Schritt, den er tat, brachte ihn vorwärts. Plötzlich schienen die regenbogenfarbenen Schlieren schneller ineinander zu fließen. Alles wirbelte immer schneller um ihn herum, wurde blasser, farbloser und verlor an Substanz.

„Nebel!“ keuchte er hervor, als er beinahe panisch erwachte. Das war auch das erste und einzige, das ihn erwartete, als er wieder bei Bewusstsein war. Nebel. Doch eine leise, flüsternde Stimme, knarrend wie altes Birkenholz, drang an sein Ohr:

„Folgt den weißen Steinen ...“

„Es war… nur ein Traum?“
Gunther atmete schwer. Erst jetzt realisierte er, dass er wieder in dem Wald war, in dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Der Nebel war noch dichter geworden, als jemals zuvor. Die Decke, die auf ihm lag, war über und über mit Tau bedeckt. Jeder Atemzug viel ihm noch schwerer als sonst. Er konnte nicht genau sagen, wie spät es war, doch er fühlte sich nicht sonderlich erholt von dem Schlaf, von daher ging er davon aus, dass er noch nicht lange so lag. Wenn er bisher vielleicht noch etwas schlaftrunken wirkte, so war er jetzt hellwach, denn er verstand plötzlich, was geschehen war: sein Schwert war weg, und er war zugedeckt. Oh Nein, Herr, bitte nicht! Mit Müh und Not stemmte er erschöpft seinen gepanzerten Körper in die Höhe. Unbewusst ergriff er mit der rechten Hand, seiner Schwerthand, die Distel, die auf seiner Decke gelegen hatte.

„Kadia? Hörst du mich? Bist du hier irgendwo?“
Bei Lysanthor, warum ist es so still? Was geht hier vor sich?
Der Inquisitor spürte, wie die Panik langsam aber sicher in ihm aufstieg, und ihn zu ersticken drohte. Er stolperte blindlings einige Schritte in die Richtung, in der er das improvisierte Lager und die Pferde vermutete, doch schon beim zweiten Schritt verfing sich sein Stiefel in einer Wurzel. Der alte Mann taumelte… und fiel. Der Sturz war nicht sanft, denn das Gewicht seiner Rüstung zog Gunther zusätzlich zu Boden. Jetzt sah er gar nichts mehr, außer den Nebel. Wo er vorher noch vage die Umrisse des Baumstammes ausmachen konnte, empfing ihn nun nur noch milchig düstere Suppe. Angst und Verzweiflung brandeten an den Rand seines Geistes. Er atmete schneller, doch jeder seiner Atemzüge schien zu wenig Luft in ihn zu befördern. Seine Panik steigerte sich. Ihm brach kalter Schweiß am ganzen Körper aus. Da kroch er nun auf allen Vieren, der große Inquisitor. Ein ängstlicher, alter Mann, vor Kälte und Erschöpfung zitternd. Gunther war dem Aufgeben nahe… näher als er es je in seinem Leben gewesen war. Er schluchzte, und dann begannen ihm heiße Tränen die Wangen herabzurinnen.

„Kadia? Hörst du mich? Wo bist du?“

Doch plötzlich viel sein verschwommener Blick auf das was er in Händen hielt: eine Distel. Das Sinnbild für irdische Mühsal, Leid und Entbehrungen. Er umklammerte die Pflanze, als hinge sein Leben davon ab. Doch dann änderte sich Gunthers Gebahren.
Mühsal, Leid, Entbehrungen… ja, das ist es. Ich werde es annehmen. Ich nehme Mühsal in Kauf, ich akzeptiere Leid, Hunger, Schmerz, Kälte und Müdigkeit. Ich ertrage sogar diesen verdammten Nebel! Ich MUSS! Ich werde all das ertragen! Ich darf sie nicht enttäuschen!

Seine Atmung wurde ruhiger. Das Zittern lies nach. Es schien ihm sogar, als wenn die Erschöpfung zurückgedrängt wurde. Mit unglaublicher Willensanstrengung stemmte er seinen Körper erneut in die Höhe.

Gunther erinnerte sich in diesem Moment an etwas, dass ihm schon als Knappe beigebracht worden war: Wenn du viele Probleme zu bewältigen hast, dann widme dich erst denen, gegen die du auch etwas tun kannst. Lass dich nicht entmutigen!
Sein Gesicht zeigte jetzt wieder einen grimmigen, entschlossenen Ausdruck. Es gab etwas, dass er herausfinden musste, nämlich wo Kadia und die Pferde waren. Vielleicht erklärte sich dann auch, wo sein Schwert geblieben ist. Er vermutete, dass Kadia es ihm abgenommen hatte, um allein weiterzuziehen. Doch warum? Diese Frage musste später geklärt werden. Er konnte jetzt nicht einfach weiterschlafen, und darauf hoffen, dass dieses hilflose Mädchen, ob bewaffnet oder nicht, allein zurecht kam. Die zwei größten Probleme für ihn waren jedoch im Moment die Dunkelheit und der Nebel, doch er konnte nur gegen eines davon etwas tun, und genau das hatte er auch vor. Er würde das Licht von Lysanthors Sonne in dieses verfluchte Land bringen. Der Inquisitor schloss die Augen und atmete mehrmals tief durch. Die mentale Erschöpfung seines letzten Zaubers war noch nicht verschwunden, doch er musste etwas erkennen können. Er befürchtete zwar, dass er auch mit Hilfe dieses Zaubers wenig erkennen könnte, doch vielleicht wurde ja Kadia auf den geringen Lichtschein aufmerksam. Als er sich wieder vollends beruhigt hatte, murmelte er die Worte, während er seine linke Hand hob, als wäre sie mit Wasser gefüllt.


„Schenke uns deine Sonne, o Lysanthor! Zeige uns dein Licht, auf das wir den rechten Pfad erkennen werden!“
In seiner linken Hand formte sich ein glühender, faustgroßer Ball reinen Lichts. So stand er nun da, die schwebende, magische Kugel lichter Helligkeit in der linken Hand, und die Distel, dieses selbst erkorene Symbol der Standhaftigkeit, in der Rechten.

„Kannst du mich hören, Kadia? Siehst du mich? Antworte mir, wenn du mich hörst! KADIA!“ rief er in die undurchdringliche Wand aus milchig-nassen Schlieren, während er seine Augen wieder öffnete.

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Samstag 23. August 2014, 11:46

„Schenke uns deine Sonne, o Lysanthor! Zeige uns dein Licht, auf das wir den rechten Pfad erkennen werden!“
In seiner linken Hand formte sich ein glühender, faustgroßer Ball reinen Lichts. „Lysanthors Sonne“

bildete in der Hand des Zaubernden eine faustgroße Kugel reinen Lichts, die bis zu einer Stunde Licht wie eine Fackel spendete. Sie schwebte immer mit maximal einem Meter Abstand neben dem ihm her. Gunther musste sich nicht einmal großartig konzentrieren, solange er nur eine dieser Kugeln aufrechterhalten wollte.
So stand er nun da, die schwebende, magische Kugel lichter Helligkeit in der linken Hand, und die Distel, dieses selbst erkorene Symbol der Standhaftigkeit, in der Rechten. Er wusste nicht warum, aber irgendwie fühlte er sich nicht so ausgelaugt, wie es eigentliche sein müsste. Die Müdigkeit war verflogen und der zarte Duft der Blume begleitete sein Sinne durch den Nebel. Vielleicht gab sie ihm, in seiner dunkelsten Stunde, auf eine unbekannte, mystische Weise Kraft. Vielleicht war es aber auch sein unerschütterlicher Glaube.
„Kannst du mich hören, Kadia? Siehst du mich? Antworte mir, wenn du mich hörst! KADIA!“
rief er in die undurchdringliche Wand aus milchig-nassen Schlieren, während er seine Augen wieder öffnete. Im Schein der Kugel leuchteten die abermilliarden, perlmuttfarbenen kleinen Wassertröpfchen hell auf und Gunther hätte meinen können, er bewegte sich durch ein Meer aus glühender Luft. Das Licht seiner Magie tanzte von Partikel zu Partikel, gleich einer Leuchtspur seines Gottes. Es war wunderschön, doch er konnte den Anblick kaum genießen. Die allgegenwärtige Feuchtigkeit und der Sturz hatten seinen alt gewordenen Knochen übel mitgespielt, so dass er deutlich humpelte. Dann sah er einen Umriss und wandte sich in diese Richtung. Schemenhaft sah er eine Gestalt mit dem Rücken zu ihm am Boden knien. Um so näher er kam, um so deutlicher wurde sie. Kadias schmale Schultern hingen schlaff herab. Warum hatte sie nicht geantwortet? Unwillkürlich wiederholte er noch einmal leiser ihren Namen, aber sie reagierte nicht. Erst als er direkt hinter ihr stand, sie fast berühren konnte, nahm er den zweiten noch leicht zuckenden Körper vor ihr war. Vorher hatte er sich ganz auf sie konzentriert, so das der Anblick ihn für einen kurzen Moment aus der Fassung brachte. Sein Blick erfasste schnell die Situation.
Der Pferdekopf zuckte und ein sehr leises blubberndes Geräusch ging, in der Stille um sie her, fast unter. In der Dunkelheit konnte Gunther nur die große schwarze Pfütze um den Hals des Tieres erkennen. Die abnorme Position des Halses verriet, dass er immernoch an den Zügeln irgendwo angebunden war. Fataler Weise lebte es noch, wenn auch seine schmerzverzerrten Augen schon in die Leere blickten. Der Schnitt hatte die Luftröhre durchtrennt, was der Ursprung der blutigen Blasen war und verhindert hatte, das es einen Laut von sich gab. Die Wunde an Rohdas Hals trug das Zeichen seines Schwertes, was Kadia quer auf ihren Knien fest hielt. Lysanthors Klinge war mit purpurnen Flüssen überzogen und ihr Kleid, die Schütze, selbst ihr Gesicht waren von Blut überströmt. Ihre Hände lagen auf der blanken Klinge, so dass jede Bewegung in ihr Fleisch schneiden würde, wenn es das nicht schon hatte. Ihre Linke war verkrampft um die Schneide geschlossen. Die Schwertscheide lag unweit in dem schwarzen See aus Blut.
Kadias Blick war starr auf das Haupt des Pferdes gerichtet. Erst als sie Gunther direkt neben sich wahr nahm, erschauderte ihr junger Körper, hob sie zuckend den Kopf und sah in sein Gesicht. Was sie dort wohl sah? Es ließ sie leise sprechen:
"Ich ..."
Ihre Stimme erstarb. Sie schluckte und versuchte es neu:
"Ich musste es wissen."
Das Unverständnis im Antlitz des alten Paladin zwang sie weiter zu sprechen. Eine Mischung aus Flehen um Vergebung und aufsteigender Panik mischte sich in die Leere unter ihren Lidern.
"Ich musste wissen, ob ich es könnte! Ich musste wissen, wie es sich anfühlt, wie schwer es ist, einem lebenden Wesen die Kehle durchzuschneiden ... es zu töten! Ich ... "
Ihre Stimme erstarb erneut und sie hielt ihm zitternd sein Schwert entgegen.

Über die Tage des Hungers, hatte Gunther fast vergessen, welches Leid diese junge Seele erfahren hatte. Als sie sie gefunden hatten, hatte sie versteckt am Rande des Weges gekauert und war nicht von der Seite ihrer toten Eltern gewichen. Gunther und seine Männer hatten sie gefunden und die Leichen begraben, doch Erinnerungen ließen sich nicht so leicht mit Erde bedecken. Die Toten waren übel zugerichtet worden, die Frau geschändet und dem Mann hatten sie mit seinen eigenen Gedärmen die Hände gefesselt. Hatte Kadia die Folterungen ihrer Verwandten mitansehen müssen? War ihre Seele durch den Schrecken schon verloren, dass sie nur noch Rache empfingen konnte? Die Tat an Rohda verhieß nichts gutes, doch war da noch ein Funken Hoffnung, der erahnen ließ, dass ihre Seele doch noch nicht erkaltet war. Tränen, liefen durch das Blut auf ihren Wangen und malten helle Streifen auf ihr Kinn. Sie war nur zu einem verzweifelten Schlag fähig gewesen und war dann über ihre Tat zusammengebrochen. Sie hatte es nicht zu Ende bringen können.
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Gunther Brockhardt » Samstag 23. August 2014, 21:49

Im Schein der Kugel leuchteten die abermilliarden, perlmuttfarbenen kleinen Wassertröpfchen hell auf und Gunther hätte meinen können, er bewegte sich durch ein Meer aus glühender Luft. Das Licht seiner Magie tanzte von Partikel zu Partikel, gleich einer Leuchtspur seines Gottes. Es war wunderschön, doch er konnte den Anblick kaum genießen.
Gunther humpelte gewaltig. Jeder Schritt schickte Wellen stechenden Schmerzes durch seinen betagten Körper. Die andauernde Feuchtigkeit und Kälte hatte seinen Gelenken schon genug geschadet, doch nun kam auch noch der Sturz hinzu. Im ersten Moment schien er nicht sonderlich schlimm gewesen zu sein, doch mit jedem Schritt, den der Inquisitor nun tat, wurden die Schmerzen in den Knien schlimmer. Einige Augenblicke lang hatte er die Befürchtung, er würde einfach stundenlang im Nebel umher irren bis die Sonne aufging, doch dem war nicht so.
Schemenhaft sah er eine Gestalt mit dem Rücken zu ihm am Boden knien. Um so näher er kam, um so deutlicher wurde sie. Kadias schmale Schultern hingen schlaff herab. Warum hatte sie nicht geantwortet? Unwillkürlich wiederholte er noch einmal leiser ihren Namen, aber sie reagierte nicht. Erst als er direkt hinter ihr stand, sie fast berühren konnte, nahm er den zweiten noch leicht zuckenden Körper vor ihr war.
Gunther durchschaute die Situation sofort, auch wenn er damit nie gerechnet hätte. Kadia saß erschüttert und verzweifelt vor dem noch immer zuckenden Pferdekörper. Im ersten Moment war der alte Mann von dieser erschütternden Momentaufnahme derart mitgenommen, dass er nichts sagen konnte.
Rhoda lag in einem See ihres eigenen Blutes. Die Augen des Tieres starrten bereits in Leere. Das braune Packpferd lebte zwar noch, aber es würde in den nächsten Momenten an seinem eigenen Blut ersticken, denn die Klinge hatte die Luftröhre des Tieres durchtrennt.
Gunther hatte in seinem Leben oft genug Wunden gesehen. Daher konnte er sofort erkennen, dass der Schnitt mit zu wenig Kraft und ungezielt gesetzt wurde, als ob derjenige, der die Waffe geführt hatte, nicht bereit war, wahrhaft zu töten.
Doch nun wandte er seinen Blick von dem sterbenden Tier ab und hin zu dem Mädchen. Kadia war von Kopf bis Fuß mit dem klebenden, purpurnen Lebenssaft des Pferdes überströmt. Sogar in dieser nebligen Gegend konnte man den metallischen Geschmack auf der Zunge spüren, den die abnorme Menge an Blut verbreitete. Auf dem Schoß des Mädchens lag das Schwert des Ritters. Sie umklammerte die blanke Klinge, als würde ihr Seelenheil davon abhängen. Und vielleicht stimmte dies in gewisser Hinsicht sogar...

Kadias Blick war starr auf das Haupt des Pferdes gerichtet. Erst als sie Gunther direkt neben sich wahrnahm, erschauderte ihr junger Körper, hob sie zuckend den Kopf und sah in sein Gesicht. Der alte Inquisitor sah auf das schluchzende Kind hinab. Sein Blick spiegelte seine Gefühle wider. Er sah Kadia an wie ein Großvater, der enttäuscht von seinem Enkelkind ist. Doch in seinen Augen konnte man nur zu deutlich auch das schier grenzenlose Mitgefühl mit der Verzweiflung der jungen Frau erkennen. In ihrer Aufregung verfiel sie in die Gemeinsprache.
"Ich ..."
Ihre Stimme erstarb. Sie schluckte und versuchte es neu:
"Ich musste es wissen."
Eine Mischung aus Flehen um Vergebung und aufsteigender Panik mischte sich in die Leere unter ihren Lidern.
"Ich musste wissen, ob ich es könnte! Ich musste wissen, wie es sich anfühlt, wie schwer es ist, einem lebenden Wesen die Kehle durchzuschneiden ... es zu töten! Ich ... "
Ihre Stimme erstarb erneut und sie hielt ihm zitternd sein Schwert entgegen.

Nichts tröstet mächtiger als die Gewißheit, mitten im Elend von der Liebe und dem Trost Lysanthors umfangen zu werden.
Ohne Trost kannst du nicht leben. Doch Trost ist keine Flut von Worten. Trost ist wie eine lindernde Salbe auf eine schmerzende Wunde. Trost ist wie eine unverhoffte Oase in einer unbarmherzigen Wüste. Trost ist wie eine sanfte Hand auf deinem Kopf, die dir zur Ruhe verhilft. Trost ist wie ein gütiges Gesicht in deiner Nähe, jemand, der deine Tränen versteht, der auf dein gequältes Herz hört, der in deiner Angst und Verzweiflung bei dir bleibt und der dich hinweist auf ein paar Sterne.


Dieser Ausspruch seines ehemaligen Inquisitors Andalmar kam Gunther ganz unbewusst in den Sinn. Und plötzlich verstand Gunther die ganze Tragweite dessen, was in dem jungen Geist Kadias vorging.
Wortlos nahm er ihr das blutverschmierte Schwert aus den zitternden Händen, und an dessen Stelle gab er ihr liebevoll die duftende Distel. Er umfasste ihren Kopf und drückte ihr einen kratzenden, doch väterlichen Kuss aus die Stirn.

"Sieh sie dir an! Dreh dich nicht um. Konzentrier dich auf das Licht!"

Er trat an dem Mädchen vorbei und sah auf Rhoda hinab. Er seufzte schwer, bevor er die Spitze der Waffe seitlich auf den Nacken des Tieres stellte, genau an den Punkt wo das Rückenmark in den weichen Hirnstamm überging. Vergib uns... dachte er reumütig, bevor er ausholte und mit einem kurzen, präzisen Stich den Leiden des Tieres ein Ende setzte. Danach holte er den Wasserschlauch aus den Satteltaschen Rhodas und säuberte Klinge und Scheide, bevor er beides wieder an seinem Gürtel befestigte. Während der ganzen Zeit beobachtete er Kadia, die schluchzend und zitternd mit dem Rücken zu ihm kauerte und auf die Distel in ihren Händen starrte. Die fasrige, violette Blüte war von hunderten winzigen Tautropfen überzogen, in denen sich das Licht der magischen Kugel millionenfach widerspiegelte und einen glühend-leuchtenden Schimmer auf die Pflanze legte.

Gunther löste seinen Umhang von den Schultern. Die Decke hatte er liegen gelassen, und sie jetzt bei diesem Nebel zu suchen wäre sinnlos. Er trat von hinten an Kadia heran und legte ihr den roten, schweren Stoff um die Schultern. Er umfasste ihre Schultern und ging mit ihr ein paar Schritt weiter zu einem Baum, von dem aus man den Kadaver nicht mehr sehen konnte. Bevor sie sich setzten, blickte er ihr noch einmal ins Gesicht. Plötzlich geschah etwas, dass der alte, disziplinierte Ritter selbst nicht erwartet hätte: er nahm das Mädchen in die Arme und tröstete sie an seiner Schulter.

"Ruhig Kind! Ruhig... "
Seine Stimme war tief, voll und warm.
"Ich verstehe es. Ich weiß, warum du es getan hast. Ich verstehe es."
Er ließ ihr Zeit. Lies sie weinen, schluchzen oder schreien, wonach auch immer ihr zumute war.
"Ich verstehe, dass du Rache suchst. Ich verstehe, dass du von Hass und hilfloser Wut überschwemmt wirst. Ich weiß, dass es das Schlimmste ist, das man sich nur vorstellen kann. Und das ist auch richtig so! Dein Verlangen nach Rache ist weder falsch noch böse. Dein Zorn ist gerecht. Und dennoch... es ist... nicht so einfach. Es geht nicht darum, ob du Leben auslöschen könntest. Wenn es dazu kommen sollte, dann geht es nicht darum, ob du tötest, sondern wen und warum! Du hast heute gelernt, dass Töten nichts einfaches ist. Was denkst du, warum ich Rhoda verschont habe? Denkst du, ich hätte sie nicht töten können, weil ich es nicht über das Herz gebracht hätte? Nein... ich habe das Tier verschont, weil es diese letzte Chance verdient hatte, weil es RICHTIG war, zumindest noch einen Tag zu warten.
Ich weiß, dass du Angst hast, und dass du in Verzweiflung und Hass auf die Mörder deiner Familie schier ertrinkst. Und trotzdem: Du darfst dich von deinem Hass und dem Wunsch nach Rache nicht blenden lassen! Du darfst deine Verzweiflung nicht an denen auslassen, die nichts für deine Situation können. Du musst lernen deine Wut zu zügeln, denn so... Nur so wirst du es schaffen, den Zorn der Vergeltung auf die Richtigen zu konzentrieren. Ich werde für dich sorgen, Kind. Ich werde dir zeigen, dass es noch immer Dinge in dieser Welt gibt, für die es sich lohnt zu Leben. Ich werde bei dir sein und dich leiten und beschützen. Und wenn es sein muss, dann werde ich der Überbringer deiner Rache sein. Doch fürs Erste: Weine und trauere um Rhoda, um deine Eltern und alle, die du verloren hast. Weine und begrabe die Trauer und den Schmerz nicht in deiner Seele."

Gunther wusste nicht, ob seine Worte dem Mädchen den Trost brachten, den er ihr gern geben würde, doch er wusste nicht was er in dieser Situation sonst tun sollte.
Er setzte sich an einen Baum gelehnt. Kadia setzte sich neben den alten Mann und lehnte ihren Kopf an den kalten Stahl seiner Rüstung. Er deckte sie beide mit seinem Umhang zu und sah hinauf zu der Kugel die eine Elle über ihnen schwebte. Der verweinte Blick des Mädchens ruhte noch immer auf der Distel in ihrer Hand.
Jetzt bemerkte Gunther wieder die starke Entkräftung und Müdigkeit. Er war müde...

"Die Welt, Kadia, die Welt ist ein grausamer, kalter und ungerechter Ort. Und alles was wir tun können, um mit dieser Ungerechtigkeit zurecht zukommen ist, alles daran zu setzen, dass es auch andere Dinge gibt. Dass es eben nicht nur Grausamkeit und Bitternis gibt, sondern dass wir für Liebe, Gerechtigkeit und das Licht kämpfen. Ich schwöre dir, dass ich dir zeigen werde, dass diese Welt noch immer etwas enthält, dass dich all diesen Schrecken überdauern und vergessen lassen wird."
Er legte ihr den Arm behütend um die Schultern. Den Rest aus dem Wasserschlauch benutzte er, um mit seinem Umhang und dem Wasser das Blut des Pferdes behutsam von ihrem Gesicht zu waschen. Seine alten, von Falten umzogenen, grauen Augen blickten sie durchdringend mitfühlend an. In seinem Gesicht stand das ausgesprochene Versprechen, ihr zu helfen, und ihre Seele niemals der Dunkelheit anheim fallen zu lassen.

Am Morgen würde er Kadia von der Lichtung fortschicken und etwas Fleisch von Rhoda für die Reise entnehmen. Doch er wollte nicht, dass sie dies mit ansehen musste. Vielleicht würde er ihr irgendwann sogar etwas beibringen, um sich zu verteidigen, doch zuerst mussten sie aus diesem Nebel entkommen.

"Zeig mir deine Hände, Kind." Als er die Schnittwunden seiner Klinge auf den zitternden Handflächen erkannte, wusste er was er tun musste. Er würde sie heilen, auch wenn es ihn wieder Kraft kosten würde. Doch dieses Mädchen litt schon genug, und er musste ihr wenigstens in diesem Sinne helfen. Er nahm ihre Hände in die seinen und schloss die Augen, während er die Gebetsformel murmelte, die ihm half sich auf seine magischen Kräfte zu konzentrieren.

"Lasse dein Licht erstrahlen über deinen Dienerin! Schenke ihr Kraft, heile ihre Wunden und lasse sie wieder in deinem Lichte wandeln."

Sofort spürte er, wie die Kraft aus ihm herausfloss. Er wurde müder und müder, doch die Schnitte waren nicht sonderlich tief. Dennoch war er nach deren Heilung zu entkräftet, um das magische Licht weiter aufrechtzuerhalten. Als es erlosch, und die Dunkelheit die beiden wieder umfing, flüsterte er:

"Schlaf jetzt, mein Kind! Der Herr wacht über uns, vertraue auf ihn..."

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 27. August 2014, 09:15

Der alte Inquisitor saß erschöpft und auch mental zermartert von dieser ereignisreichen Nacht an einen Baum gelehnt und war eingeschlafen. Der junge Körper neben ihm hatte zu Beginn seiner Worte noch gezittert, eine Zeit lang vor Schluchzen gebebt und war dann einfach in sich zusammen gesackt. Gunthers Schoß war das Kissen für ihren Kopf und sein Umhang ihre Decke. Kadia lag eng zusammengerollt an seiner Seite und ihre Körper spendeten einander Trost und Wärme. Die Decke lag irgendwo im Nebel verschollen und er hätte sie wecken müssen, um sie zu holen. Er hatte die oberflächliche Wunde an ihrer Hand geschlossen und betrachtete sie im Schein der magischen Kugel. Es war nur noch eine zart rosa Linie zu sehen, die sich quer über ihren Handteller zog, als seine Augen einfach zugefallen waren und damit auch das Licht um sie erlosch.

Der Paladin erwachte mit dröhnenden Kopfschmerzen, steifen Gliedern und einem geschwollenen Knie. Sein Geist fühlte sich leer an. Nach dem Schließen von Kadias Wunde war seine Magie erschöpft und schien sich auch nicht erholt zu haben. Sein Magen krampfte so sehr, dass ihm übel war und seine Hände zitterten vor Schwäche. Heute mussten sie essen! Jeder weitere Schritt würde bleibende Schäden hervorrufen. Kadia lag an ihn gelehnt und erwache auch nicht, als er sie vorsichtig beiseite schob. Sie wirkte gelblich im Gesicht, ihre Wangen waren eingefallen, doch sie atmete ruhig und gleichmäßig. Gunther musste sich erst einige Minuten das Knie massieren, bevor er es wagen konnte aufzustehen. Allein seine jahrelange Disziplin im Kampf zwang ihn wieder auf die Beine. Humpelnd näherte er sich der alten Feuerstelle, die schon lang erloschen war. Der stetige Nebel hatte sich noch nicht ganz verzogen und winzige Tröpfchen glitzerten im matten Licht Lysanthors auf den dunklen Scheiten. Das so etwas einfaches, wie ein Feuer zu entfachen, sich zu einer fast unlösbaren Aufgabe entwickeln konnte, konnte selbst einen gestandenen Mann wie ihn zum verzweifeln bringen. Einsam, verlassen von Licht und Hoffnung, allein mit einem Kind das seinen Schutz und seine Führung so nötig hatte, stand er zwischen den Bäumen und betrachtete die schimmernden Wolken über sich. Sie zogen langsam dahin und verbanden sich mit der Feuchtigkeit unter ihnen … oder fiel der Nebel aus ihnen herab? Gunther konnte sich kaum noch auf etwas konzentrieren, geschweige denn einen Zauber weben. Einzig der Gedanke an Kadia, die ihn brauchte, trieb ihn weiter an. Er sammelte unter Schmerzen neues Holz, dass er erst nach Stunden zum brennen brachte, als endlich die Luftfeuchtigkeit abnahm. Als die ersten zarten Rauchfahnen gen Himmel stiegen, konnte man auch wieder den schmalen Weg zwischen den Bäumen erkennen. Was hatte die Geisterhafte Gestalt aus seinem Traum gesagt? Sie sollten den weißen Steinen folgen.
Gunther hatte ein großes Stück Fleisch über der Feuerstelle zum Garen aufgehängt und betrachtete sich den kleinen hellen Felsen am Wegesrand. Bei genauerer Betrachtung passte er nicht wirklich in diese Gegend. Als er ihn anhob, machte er noch eine Entdeckung, denn an der Unterseite, war er behauen, wie ein Stein, der in eine Mauer gehörte. Er verglich ihn mit anderen Steinen der Umgebung, doch die waren alle grau und manchmal bunt gemasert. Als die Sicht noch besser wurde, fand er ein gutes Stück weiter einen weiteren, deutlich kleineren Stein, aber auch hier wuchsen die kleinen duftenden Disteln. Es war fast, als wollten die Erinnerungen seines Traumes ihn in der Wirklichkeit irgendwo hin leiten, als würde eine Phantasie ihn führen. War das die Falle eines Geistes, oder war es der Hunger der ihn langsam aber sicher wahnsinnig machte?
Gunther kehrte zu ihrem Lager zurück und bereitete in einem kleinen Metallbecher eine leichte Fleischbrühe, die er dann Kadia einzuflößen begann. Dabei erwachte sie auch endlich, verschluckte sich ein paar Mal, aber dann war der Bann des Hungers gebrochen. Rohdas Fleisch spendete ihnen beiden neue Kraft und gab ihnen eine neue Chance dieser weißen Hölle zu entkommen.

Fast den ganzen Vormittag verbrachten sie damit Fleisch zu braten, und sich auf die nächste Zeit gründlich vorzubereiten. Da sie nun ein Pferd weniger hatten mussten sie um so besser planen. Kadias Pragmatismus siegte und sie stellte sich als äußerst geschickt mit den Händen heraus. Nachdem sie Gunther gebeten hatte, den Kopf des Pferdes so weit wie möglich weg zu bringen und zu begraben, machte sie sich daran aus dem Fell eine weitere kleine Decke zu machen. Sie hatten nichts zum gerben und irgendwann würde es sicher anfangen zu stinken, doch es war eine zusätzliche Wärmequelle in den feuchten, kalten Nächten und würde seinen Beinen gut tun, wie sie erzählte. Ihre Großmutter hatte sich immer die Beine unter Fellen gewärmt; Katzenfellen.
Am frühen Nachmittag mussten sie sich dann entscheiden, ob sie noch ein wenig weiter zogen oder lieber diesen Tag nutzten um ihre Kräfte zu sammeln. Es gab Essen, ein gutes Lagerfeuer, und Kadia wirkte deutlich ruhiger, hatten ihre Hände etwas zu tun. Sie vermied es Rohdas Namen zu erwähnen und schien sich furchtbar zu schämen, für das was letzte Nacht geschehen war. Im Tageslicht und mit gefülltem Magen wirkten die Geschehnisse nur um so grausamer. Immer wenn Gunther sie ansah, senkte sie den Blick, als würde sie eine Strafe erwarten. Trotz ihres zurückhaltenden Wesens, war es trotzdem eine Freude ihr zuzusehen, wie ihre jugendlichen Kräfte in sie zurück strömten.
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Gunther Brockhardt » Samstag 30. August 2014, 14:24

Als Gunther erwachte, fühlte er sich ausgelaugt und kraftlos. Stechende Kopfschmerzen hinter den Augen und ein schmerzendes, geschwollenes Knie erwarteten ihn beim Aufwachen. Es kostete ihn schier unendliche Mühen, seinen Körper überhaupt empor zu wuchten und sich um das tote Pferd zu kümmern. Als erstes jedoch betete er, wie jeden Morgen, zu seinem Gott. Im Normalfall tat er dies auch zu Sonnenuntergang, doch gestern war er einfach zu erschöpft gewesen, um noch einen Moment länger wach zu bleiben. Er konnte nur hoffen, dass Lysanthor ihm diese Schwäche verziehen würde. Nachdem er Trost, Hoffnung und Beistand bei seinem Gott gesucht hatte, löste er die Satteltaschen, das Zaumzeug und den Sattel von Rhodas Leichnam und versuchte, ein Feuer zu machen. Diese Aufgabe war in diesem Nebelland das Allerschwerste. Die Nässe war allgegenwärtig. Nicht nur im Gras und der Kleidung, die einem Klamm am Körper klebte, sondern auch im verborgensten Unterholz und unter Steinen klebte die Nässe an den Oberflächen. Verschlimmert wurde die ganze Sache nur noch durch seine Schwäche und seine zittrigen Hände. Der Nahrungsmangel forderte immer mehr Tribut.

Es dauerte mehrere Stunden, bis es dem alten Ritter endlich gelang, ein kleines Feuer zum Brennen zu kriegen. Reumütig zerlegte er das Fleisch des Pferdes. Die alte Decke unter Rhodas Sattel wollte er benutzen, um gebratene Fleischstücke darin zu transportieren. Zur Verschnürung des Ganzen zerschnitt er die Zügel.
In den Satteltaschen fand er einen zerbeulten Blechtopf, indem er einige Fleischstücke und etwas Wasser erhitzte, um eine dünne Brühe zu kochen. Er wusste, dass sie nach den vielen Tagen ohne Nahrung nicht sofort riesige Portionen verschlingen durften.
Gunthers Blick glitt über die noch immer schlafende Kadia. Ihre Hautfarbe wurde immer gelber, ein Umstand der ihm sehr große Sorgen bereitete. Sie mussten bald eine Unterkunft finden und wieder normal essen.
"Oh Lysanthor! Warum prüfst du dieses Kind auf solch harte Weise?" murmelte er zu sich selbst und sah hinauf zum wolkenverhangenen Himmel. Sein Gott antwortete nicht. Der Inquisitor seufzte und überlegte seine nächsten Schritte, als ihm sein Traum von letzter Nacht wieder einfiel. Folge den weißen Steinen...

Ihm fiel der weiße Felsen nicht unweit von dem kleinen Pfad wieder ein. Es dauerte zwar ein paar Minuten, bis er ihn in den letzten noch vorhandenen Nebelfetzen am Boden fand, doch als er ihn entdeckt und untersucht hatte, stellte er mit Erstaunen fest, dass dieser Stein wahrscheinlich ein Bruchstück eines alten Bauwerkes war. Angespornt von dieser Erkenntnis suchte er den Pfad weiter ab. Einige dutzend Meter entfernt fand er ein weiteres dieser Bruchstücke, wenn auch deutlich kleiner. Der Inquisitor konnte sich zwar nicht erklären, was sein Traum zu bedeuten hatte, und ob diese Steine ihnen wirklich den Weg wiesen, doch den Bruchstücken zu folgen, war genauso gut wie jeder andere Weg, den sie einschlagen konnten, also entschied er sich, dieser seltsamen Eingebung zu folgen. Doch zuerst musste er sich um seinen Schützling kümmern.

Als er zur Feuerstelle zurückkehrte, köchelte die Brühe sachte vor sich hin. Für den ausgehungerten Ritter duftete es köstlicher als alles, was er bisher gerochen hatte. Doch anstatt sich selbst zuerst satt zu essen, nahm er die Schüssel und trug sie hinüber zu Kadia.

"Kadia? Kadia, wach auf. Ich habe etwas zu essen für dich. Hier, nimm!" Er hielt dem verschlafenen Mädchen die Brühe entgegen. Sie verschluckte sich zwar ein paar mal daran, doch ihre Kräfte schienen langsam aber sicher wiederzukehren. Nun aß auch Gunther.
Fast den ganzen Vormittag verbrachten sie damit Fleisch zu braten, und sich auf die nächste Zeit gründlich vorzubereiten. Da sie nun ein Pferd weniger hatten mussten sie um so besser planen. Kadias Pragmatismus siegte und sie stellte sich als äußerst geschickt mit den Händen heraus. Nachdem sie Gunther gebeten hatte, den Kopf des Pferdes so weit wie möglich weg zu bringen und zu begraben, machte sie sich daran aus dem Fell eine weitere kleine Decke zu machen. Sie hatten nichts zum gerben und irgendwann würde es sicher anfangen zu stinken, doch es war eine zusätzliche Wärmequelle in den feuchten, kalten Nächten und würde seinen Beinen gut tun, wie sie erzählte. Gunther erklärte, dass das eine gute Idee sei, doch dass sie das Fell des Pferdes lieber zum Transport des Fleisches benutzen sollten, und die alte Satteldecke gegen die Kälte.

Doch was sollten sie nun tun? Bis zum nächsten Morgen hier bleiben? Oder lieber sofort weiterziehen? Gunther war hin und her gerissen. Auf der einen Seite wollte er nicht allzu lange an einem Ort verweilen, immerhin wussten sie nicht, ob sie noch verfolgt wurden. Auf der anderen Seite war es sehr wichtig, dass sie wieder zu Kräften kamen, denn nur Lysanthor allein wusste, was sie noch erwarten würde. Seine militärische Erfahrung sagte: weiterziehen. Seine Sorge um Kadia sagte: hier bleiben und Kraft sammeln. Er grübelte bis zum frühen Nachmittag über diese Frage, doch er entschied sich schlussendlich dafür, bis zum nächsten Morgen zu bleiben, das Feuer so lange wie möglich brennen zu lassen, so viel Fleisch vorzubraten wie es ging und so viel Erholung zu bekommen wie möglich. Doch ganz konnte Gunther seine alten Gewohnheiten nicht ablegen, und so spähte er immer wieder in das trügerische Zwielicht des nebelverhangenen Unterholzes und hielt Ausschau nach allem, was sich als Bedrohung herausstellen konnte.

Es gab Essen, ein gutes Lagerfeuer, und Kadia wirkte deutlich ruhiger, hatten ihre Hände etwas zu tun. Sie vermied es Rohdas Namen zu erwähnen und schien sich furchtbar zu schämen, für das was letzte Nacht geschehen war. Im Tageslicht und mit gefülltem Magen wirkten die Geschehnisse nur um so grausamer. Immer wenn Gunther sie ansah, senkte sie den Blick, als würde sie eine Strafe erwarten.

"Du schämst dich für das, was du getan hast?"
Er hätte auch sagen können: "...für das, was passiert ist", doch er wollte, dass die junge Frau begriff, dass etwas derartiges nie wieder vorkommen durfte.
"Du trauerst um Rhoda, obwohl du ein schlechtes Gewissen hast, nicht wahr? Du weißt, dass das, was du getan hast, falsch war. Und das ist gut so. Erinnere dich jedes mal an genau dieses Gefühl, wenn du die Wahl hast, ein Wesen zu töten. Stell dir jedes Mal die Frage: Sind meine Taten gerechtfertigt? Denn nur so kannst du verhindern, dass etwas derartiges nie wieder vorkommt. Hast du verstanden?"

Gunthers Blick war für einen Moment wieder der eiserne und unbarmherzige jenes Inquisitors, der ohne zu zögern die Enthauptung eines Ketzers befielt; sein Tonfall der des Kommandanten, der strengste Disziplin als absoluten Grundsatz fordert. Als er es bemerkte, bereute er es sofort. Er fühlte sich viele Jahre zurückversetzt, und erinnerte sich an seinen Knappen. Harald. Den jungen Mann, den er zu beschützen versucht hatte. Den jungen Mann, den er hatte sterben sehen.

Seufzend setzte er sich mit knackenden Gelenken zu Kadia ans Feuer.
"Verzeih mir meine Härte, Kind. Ich bin alt, und vergesse oft, dass du verzweifelt und voller Trauer und Angst bist. Bitte vergib mir..."

Er sah ein paar Momente gedankenversunken in die Flammen. Die Schatten auf seinem Gesicht tanzten und ließen ihn noch älter und verwitterter wirken.

"Was suchst du, Kadia? Rache für den Tod deiner Eltern? Meinst du, dass diese Rache den Schmerz aus deiner Seele tilgen kann? Das sie die Kluft füllt, die der Verlust gerissen hat? Glaub mir, wenn ich dir sage, dass sie das nicht kann... Rache wird dir bei deinem Schmerz nicht helfen. Sie wird deine Pein nicht lindern, so grausam das auch klingen mag."
Wieder seufzte er, doch dann rang er sich sogar ein kleines Lächeln für das Mädchen ab.
"Aber deine Rache ist eines ganz gewiss: Gerecht! Und niemand kann sie dir verwehren. Aber was glaubst du brauchst du, um dich zu rächen? Stärke? Eine Waffe, vielleicht wie dieses Schwert hier? Oder Zauberkräfte? Oder vielleicht sogar eine ganze Armee? Nein!! All das ist absolut nutzlos, wenn du eines nicht hast, nämlich Aufrichtigkeit! Aufrichtigkeit und den Willen, Gerechtigkeit zu üben. Nicht um deines Verlustes willen, sondern weil du dir im Klaren darüber sein musst, dass die Welt nur dann eines Tages besser werden kann, wenn wir für die Gerechtigkeit bereit sind, die größten persönlichen Opfer zu bringen. Der Tod Rhodas ist deine erste Lektion auf diesem Weg, und du solltest dich stets an sie erinnern."

Der Inquisitor erhob sich wieder. Sein Gesichtsausdruck wurde wieder sanfter und er legte ihr lächelnd eine Hand auf die Schulter, wie ein aufmunternder Großvater.

"Und jetzt iss dich satt, Kind. Wir ziehen erst morgen früh weiter. Bis dahin solltest du dich ausruhen. Ich werde mich um Ganbu kümmern und beten. Wenn du willst, kannst du mir dabei auch gern Gesellschaft leisten."

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Sonntag 31. August 2014, 17:30

Unters Gunthers Strafpredigt war sein Blick wieder der eiserne und unbarmherzige jenes Inquisitors, der ohne zu zögern die Enthauptung eines Ketzers befielt; sein Tonfall der des Kommandanten, der strengste Disziplin als absoluten Grundsatz fordert. Als er es bemerkte, bereute er es sofort. Er fühlte sich viele Jahre zurückversetzt, und erinnerte sich an seinen Knappen. Harald. Den jungen Mann, den er zu beschützen versucht hatte. Den jungen Mann, den er hatte sterben sehen, doch hier handelte es sich um eine junge Frau, die ihre Eltern auf brutalste Weise verloren hatte und keinen Knappen, der seinen Glauben oder seine Überzeugungen teilte. Er sah das Zittern ihres Kinns und schon flossen die Tränen.
Seufzend setzte er sich mit knackenden Gelenken zu Kadia ans Feuer.
"Verzeih mir meine Härte, Kind. Ich bin alt, und vergesse oft, dass du verzweifelt und voller Trauer und Angst bist. Bitte vergib mir..."
Unter Tränen nahm sie seine folgenden Worte hin und und knabberte währenddessen an einem ihrer gesplitterten Fingernägel. Er legte ihr lächelnd eine Hand auf die Schulter, wie ein aufmunternder Großvater.
"Und jetzt iss dich satt, Kind. Wir ziehen erst morgen früh weiter. Bis dahin solltest du dich ausruhen. Ich werde mich um Ganbu kümmern und beten. Wenn du willst, kannst du mir dabei auch gern Gesellschaft leisten."
Gemeinsam war alles leichter. Kadias Jugend war es zu danken, dass alles etwas schneller ging bei ihr. Sie hatte schneller abgebaut als er, aber sie erholte sich auch schneller wieder, sie lief schneller, war schneller mit den flinken Fingern und reagierte schneller auf umliegende Geräusche. Gunther musste sich wieder einmal eingestehen, dass er sich im Herbst seines Lebens befand und dass auch er vielleicht glücklich über ihre Anwesenheit sein sollte. Wenn Kadia den Kopf hob um in den umliegenden Nebel zu blicken, hatte er noch nichts gehört. Wenn Ganbu schon nervös mit den Hufen scharrte, weil eine Blindschleiche sich im Gras zu seinen Beinen ringelte, dann fiel es ihm als letztes auf. Zum Glück hatten seine Augen bisher nur bei al zu langem Lesen in manches Mal Kopfschmerzen bereitet und in ihrer derzeitigen Situation war Lesen wenig gefordert. Also spähte der alte Ritter hinaus in die Nebelschwaden, während sie in den Abendstunden Felle abzogen, Fleischbrühe tranken und kleine Stücke zerkauten. Ab und an schien ein mutiger kleiner Jäger den Fleischduft gewittert zu haben und war kurz zwischen den Bäumen zu erkennen. Es war ein Fuchsweibchen, dass vermutlich auf Reste des Kadavers spekulierte, aber sich auf Abstand hielt. Mit dem Abend kam auch wieder der undurchdringliche Nebel und sie rückten diesmal enger zusammen. Ganbu war in ihrem Rücken an einen Baum gebunden und das kleine Feuer brannte vor ihnen. Das angebratene Fleisch war in das abgezogene Fell gewickelt worden und diese Nacht hatten sie beide jeder eine Decke für sich. Gunther hatte die kleine Pferdedecke über seinen Beinen, den Umhang fest um die Schultern gezogen und Kadia die große Schlafdecke komplett über sich gebreitet. Beim Abendlichen Gebet hatte sie still dabei gestanden und ihn aufmerksam beobachtet. Danach hatte sie gesagt:
„Bitte lass mich meinen Teil zur Wache beitragen, wenn du müde wirst.“
Damit hatte sie sich neben ihm hingelegt und verstohlen unter der Decke seine Hand gedrückt. Es war nur ein kleines Zeichen des Dankes und der Zuneigung, doch es bedeutete viel. Kurz darauf war ihr Atem auch schon gleichmäßig und sie in tiefen Schlaf gefallen. Gunther wusste, dass es jetzt eigentlich nur aufwärts gehen konnte.

Es musste noch mitten in der Nacht sein, als Kadias Atem ihn ganz nah an seinem Ohr streifte:
„Gunther, da ist etwas im Nebel ...“
Sie sprach so leise, dass er die einzelnen Worte nur ahnen konnte. Sie entfernte sich wieder von ihm und schob eilig etwas Erde in die fast erloschene Glut, damit auch dort kein Funke sie verraten konnte. Gunter handelte schnell und instinktiv, wie seine jahrelange Erfahrung es ihm gebot. Er zog sein Pferd zu sich hinunter und legte ihm die kleine Pferdedecke über den Kopf, damit Ganbu nicht aus versehen scheute. Still hockten sie gemeinsam in der Dunkelheit.
Dann fühlte er es. Die Geräusche waren durch den Nebel zu leise und zum Glück zu weit entfernt, als das er sie wirklich hören würde, doch die Vibrationen der Schweren Schritte übertrugen sich über Wurzeln und Erde. Er kannte diesen Rhythmus. Es waren Orks, da war er sich sicher und wo Orks waren, waren auch meist ihre nicht minder blutrünstigen Herren die Dunkelelfen nicht weit. Den Vibrationen nach, mussten es einige sein und dann sahen sie es.
Gleich einem Lindwurm zog sich eine Reihe von schimmernden Glühwürmchen durch die Nacht. Das Leuchten ihrer Fackeln wurde fast vom Nebel verschluckt. Kadia hielt sich beide Hände fest vor den Mund gepresst und zitterte am ganzen Körper. Der Templer hingegen beobachtete still das Treiben. So wie sie sich bewegten mussten sie irgendwie miteinander verbunden sein, was bei den hiesigen Sichtverhältnissen auch besser war. Doch mindestens einer, vermutlich ein Führer, musste dem Nebel und der Dunkelheit trotzen. Von ihm ging Gefahr aus, wenn Kadia die Selbstbeherrschung verlor. Das Mädchen hatte weit aufgerissene Augen die in der Dunkelheit vollkommen geweitet waren. Ihre Hand hob sich in die Richtung der wandernden Schatten und da hörte auch Gunther die stampfenden Schritte. Hin und wieder mischte sich ein grummelnder Laut dazwischen, aber alles in allem waren die riesenhaften Schatten sehr diszipliniert. Fetzen von unbekannten Sprachen wurden vom Wind zu ihnen getragen, was wenigstens den Inquisitor bezüglich der Windrichtung etwas beruhigte.
„Warum müssen wir bei dieser Suppe marschieren?“
Sofort kam zischend ein Befehl:
„Ruhe dahinten!"
Kadia zuckte heftig zusammen und erstarrte dann vor Angst. Ihre Hand hatte sich in seinen Arm gekrallt. Erst als der Fackelwurm sich langsam entfernte, wagte sie es wieder zu atmen und flüsterte heiser:
„Diese Sprache! … Der zweite … Das war die Sprache, der Männer, die meine Eltern ...“
Sie brachte den Satz nicht zu Ende und übergab sich. Die Anspannung war zu groß für ihren jungen Körper gewesen. Gunther konnte nur hoffen, dass die Dunkelelfen schon weit genug weg waren, dass sie die würgenden Geräusche nicht mehr hörten. Seine Lebenserfahrung und vor allem seine taktischen Einsätze im Dienste Lysanthors hatten in eines gelehrt. Kämpfe niemals einen Kampf den du nicht gewinnen kannst. Die Übermacht war eindeutig gewesen und sie hatten den Vorteil sich im Dunkeln orientieren zu können. Aber was ihm am ehesten verbieten musste war, dass er ein unschuldiges Kind an seiner Seite hatte, die er geschworen hatte zu beschützen, wenngleich er vielleicht sogar sein eigenes Leben gern im Kampf gegen einen solchen Gegner gegeben hätte. Es war nicht auszumachen gewesen, ob es sich um die gleichen Söldner gehandelt hatte, die auch zuvor seine Leute umgebracht hatten, aber es ging mindestens eine genauso große Gefahr von ihnen aus. Vielleicht sogar eine größere, denn die Disziplin dieser Monster war erschreckend. So leise sie nur konnten kauerten sie im Gras und warteten.
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Gunther Brockhardt » Montag 15. September 2014, 22:16

Den Tag verbrachten sie in andauernden Vorbereitungen für ihre weitere Reise. Gunther verlangte dieses Abenteuer alles ab und zu seinem Bedauern musste er feststellen, dass die junge Frau ihm in vielen Dingen einfach überlegen war. Aufgrund ihrer Jugend war sie flinker, geschickter und schneller. Selbst beim Lauschen und Spähen war sie besser.
Gesteh dir einfach ein, dass du nicht mehr jung und kraftvoll bist, alter Mann! Aber wurde er dann wirklich noch gebraucht? Vielleicht käme Kadia besser allein zurecht, als er vermutete. Er konnte sich einfach nicht eingestehen, dass er alt und nutzlos war, auch wenn er sich beinahe den ganzen Tag so fühlte. Seufzend gönnte er seinen müden Knochen eine Pause, während er an einen Baum gelehnt etwas Brühe trank und eine kleine Fuchsdame beobachtete, die sich am Fleisch des toten Pferdes labte. Um nicht gänzlich nutzlos zu wirken und seine Würde vor der jungen Frau nicht zu verlieren, versuchte er, ihr Tipps zu geben. Hauptsächlich kleine Hinweise und Tricks, die er auf den vielen Jahren im Kampfdienst der Kirche gelernt hatte: Welche Art von Geräuschen mussten beachtet werden und welche konnte man ignorieren? Wie reagiert das Pferd, wenn es Gefahr wittert? Wie kann man seine Spuren im Lager provisorisch verwischen, oder es zumindest so erscheinen lassen, als ob es mehrere Anwesende waren? Wie atmete man, um Schmerzen und Erschöpfung besser wegzustecken? Solche Dinge eben... Er konnte nicht sagen, ob sie interessiert war, doch es half ihm, sich gebraucht zu fühlen. Das war für ihn beinahe ebenso wichtig, wie sein Glaube. Am Ende des Tages versteckte er mit Kadias Hilfe die Reste des Pferdekadavers im Unterholz.

Zum Sonnenuntergang betete Gunther diesmal lange und ausgiebig. Er flehte um Beistand, um Errettung Kadias aber auch um Vergebung für die Brüche der Templerregeln, die er in den letzten Tagen begehen musste, um dieses junge, unschuldige Geschöpf zu bewahren.

Mit dem Abend kam auch wieder der undurchdringliche Nebel und sie rückten diesmal enger zusammen. Ganbu war in ihrem Rücken an einen Baum gebunden und das kleine Feuer brannte vor ihnen. Das angebratene Fleisch war in das abgezogene Fell gewickelt worden und diese Nacht hatten sie beide jeder eine Decke für sich. Gunther hatte die kleine Pferdedecke über seinen Beinen, den Umhang fest um die Schultern gezogen und Kadia die große Schlafdecke komplett über sich gebreitet. Beim abendlichen Gebet hatte sie still dabei gestanden und ihn aufmerksam beobachtet. Danach hatte sie gesagt:
„Bitte lass mich meinen Teil zur Wache beitragen, wenn du müde wirst.“
Damit hatte sie sich neben ihm hingelegt und verstohlen unter der Decke seine Hand gedrückt. Es war nur ein kleines Zeichen des Dankes und der Zuneigung, doch es bedeutete viel. Kurz darauf war ihr Atem auch schon gleichmäßig und sie in tiefen Schlaf gefallen.
"Schlaf wohl behütet, kleine Dame." flüsterte er ihr zu, als sie eingeschlafen war, und streichelte ihr liebevoll über den Kopf.
Gunther wusste, dass es jetzt eigentlich nur aufwärts gehen konnte.

Kurz vor Mitternacht spürte der alte Inquisitor, dass seine Erschöpfung über seine eiserne Disziplin siegte. Er rüttelte das Mädchen wach und legte sich selbst zur Ruhe.

Wabernde Dunkelheit. Umgeben von schier endloser Finsternis wanderte Gunther im Traum auf unsicherem, morastigen Grund. Nicht ein einziger Funke Licht erhellte seinen Weg. Er tastete sich nach vorn, fühlte sich verfolgt. Sein Atem ging schneller, sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hörte nichts, außer das rhythmische, schnelle pulsieren. Plötzlich sah er in weiter Ferne ein schwaches Glimmen. Das sinnbildliche "Licht am Ende des Tunnels". Der alte Inquisitor rannte darauf zu. Im Traum schmerzten weder seine Gelenke, noch ermüdete er. Die Lichtquelle wurde größer.
Jetzt sah er, was es war. Vor ihm erkannte er zwei Tiere aus purem Licht. Das eine war ein zitterndes Rehkitz, das zusammengekauert und ängstlich dalag. Das zweite war ein Löwe, der um das Rehkitz herumwanderte und immer wieder die Dunkelheit anbrüllte. Der einst stolze und wilde Löwe war jedoch mittlerweile alt, lahmte und schien abgemagert und kraftlos. Er schien das Rehkitz gegen etwas aus der Dunkelheit zu verteidigen. Immer und immer wieder schlug er nach etwas, das Gunther in der Finsternis jedoch nicht ausmachen konnte. Gerade als er auf die beiden Lichtgestalten zugehen wollte, wachte er auf...


„Gunther, da ist etwas im Nebel ...“ Das Wispern des Mädchens war zwar leise wie die Schritte einer Katze, doch für Gunthers kampfgeschulten Geist schien es wie das Läuten tausender Alarmglocken. Sofort war er hellwach. Während Kadia die Glut des Feuers erstickte, verhüllte Gunther die Augen seines Schlachtrosses. Ganbu war zwar ein trainiertes Pferd, geschult für den Kampf, doch er durfte jetzt nicht das geringste Risiko eingehen.
Still und regungslos kauerte er nahe des nassen Waldbodens. Zuerst hörte er gar nichts. Gerade als er dachte, Kadia könnte sich die ganze Sache nur eingebildet haben, spürte er es... rhythmisches Stampfen. Er hatte dieses Geräusch und diese Art der Erschütterung in den vielen Jahren als Templer hassen gelernt: marschierende Orks. Und Orks marschierten nur unter straffer Führung, und diese wurde meist von den Dunkelelfen geboten, die meist gehasste Rasse Celcias, zumindest war das Gunthers Meinung.

Dann sahen sie es... eine Lichterkette aus gedämpften, milchigen Fackellichtern zog sich raupenartig durch den dunstigen Schleier. Aufgrund der geringen Abstände und der Tatsache, dass die Lichter immer im gleichen Takt schwangen, vermutete Gunther, dass sich die Fackelträger gegenseitig mit einem Seil aneinander gebunden hatten, ähnlich wie eine Bergsteigergruppe an einem schmalen Hang, um sich nicht im Nebel zu verlieren. Militärische Disziplin die wiederum dafür sprach, dass ein intelligenteres Wesen als ein Ork das Kommando über die Gruppe hatte.
Unglaublich langsam, damit er keine Geräusche machte, die sie verraten konnten, zog Gunther sein Schwert aus der Scheide. Er versteckte es jedoch sofort wieder unter der Decke und zog seinen Umhang enger um die Rüstung um keine Aufmerksamkeit durch metallisches Schimmern auf sich zu ziehen. Kadia hielt sich beide Hände fest vor den Mund gepresst und zitterte am ganzen Körper. Er legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter und presste sie lautlos an sich, um ihr Mut zu machen. Er wusste, dass jede falsche Bewegung und jedes noch so kleine Geräusch ihr sicherer Tod waren.
Herr, ich bitte um nichts mehr für mich selbst. Doch bitte: Rette dieses Kind! Bewahre es vor Unheil, und lass sie nicht in die Hände des Feindes fallen.
Das Stoßgebet an seinen Gott schickte er stumm in Gedanken, während sein Blick streng und diszipliniert auf den Fackelzug vor ihm gerichtet war.

Der Wind stand günstig für den Inquisitor und das Mädchen. Gegrunzte Wortfetzen drangen an ihre Ohren, verzerrt und verschwommen durch die nasse Nebelwand.
Kadia zuckte heftig zusammen und erstarrte dann vor Angst. Ihre Hand hatte sich in seinen Arm gekrallt. Erst als der Fackelwurm sich langsam entfernte, wagte sie es wieder zu atmen und flüsterte heiser:
„Diese Sprache! … Der zweite … Das war die Sprache der Männer, die meine Eltern ...“
Sie brachte den Satz nicht zu Ende und übergab sich. Gunther sah sofort wieder in alle Richtungen, aus Angst, das Dunkle Volk könnte das Mädchen gehört haben. Erst als er sicher war, dass sie vorerst verschont bleiben würden, drückte er Kadia wieder bestimmend aber liebevoll an sich. In der ersten Augenblicken sagte er gar nichts, sondern gab der jungen Frau erst einmal Zeit, sich wieder zu beruhigen. Danach wischte er ihr lächelnd mit dem Umhang den Mund ab, der verschmutzt mit Erbrochenem war.
Der Inquisitor beugte sich so weit vor, dass sein Mund ihr Ohr beinahe berührte, als er ihr direkt ins Ohr flüsterte:
"Hab keine Angst. Ich bin hier, um auf dich aufzupassen. Doch du musst dich jetzt zusammen reißen, in Ordnung? Wir werden jetzt beide bis zum Sonnenaufgang wach bleiben. Wir werden nicht mehr reden. Sobald es dämmert reisen wir so leise wie möglich weiter, denn wir wissen nicht, wie weit sie entfernt sind. Du musst bei allem was das tust ab sofort so leise wie nur möglich sein. Verstanden?"

Es war nicht auszumachen gewesen, ob es sich um die gleichen Söldner gehandelt hatte, die auch zuvor seine Leute umgebracht hatten, aber es ging mindestens eine genauso große Gefahr von ihnen aus. Vielleicht sogar eine größere, denn die Disziplin dieser Monster war erschreckend. So leise sie nur konnten kauerten sie im Gras und warteten. Das seine Befürchtungen sich bestätigt hatten, als er die Sprache der Dunkelelfen vernommen hatte, verschwieg er dem ängstlichen Mädchen.

Gunther schenkte Kadia noch einmal ein sowohl mitfühlendes als auch aufmunterndes Lächeln, auch wenn diese Geste scheinbar nicht zu seinem sonst so ernsten und harten Gesicht passen wollte. Doch kurz darauf war sein Blick wieder in die Nebelwand gerichtet, um jedwede Gefahr früh genug zu erkennen. Er würde den Rest der Nacht kein Auge mehr zubekommen. Er nutzte die Zeit des Wartens, um Kadia ohne Worte die wichtigsten taktischen Handzeichen zu erläutern, die er benutzen würde, um sich mit ihr zu verständigen, ohne zu sprechen. Eine Faust hieß stehen bleiben, ein erhobener Finger Gefahr, zwei erhobene Finger hieß warten, eine flache Hand hieß ducken oder Deckung suchen und so weiter. Wiederum kamen den beiden Gunthers Erfahrung und Kadias rasche Auffassungsgabe zu Gute. So verbrachten die beiden die Zeit bis zur Dämmerung in schweigsamer Anspannung. Sobald die Sonne aufging wollten sie weiterziehen, den weißen Steinen folgen... um endlich aus dieser Hölle zu entkommen.

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 17. September 2014, 10:30

Was Gunther fehlte machte er mit Erfahrung wett, so halfen sie sich gegenseitig in dieser von Leid geplagten Nacht. Still und ohne ein Wort zu sprechen warteten die beiden auf den Morgen. Quälend lange wanderten die Schatten ihrer Phantasie durch die Wälder, bis sich der Nebel zu lichten begann. Sobald man auch nur zehn Schritt weit sehen konnte, brachen sie eilig ihr Lager ab, verstauten ihre Habseligkeiten, kauten jeder auf einem gegarten, zähen Fleischbrocken herum und verließen diesen furchtbaren Ort. Gunther ging allein ein Stück in den Wald und fand dort Spuren der nächtlichen Besucher. Ihre schweren Schritte hatten sich tief in den feuchten Waldboden gedrückt und der Nebel hatte sich in kleinen Pfützen darin gesammelt. Bei genauerer Betrachtung schimmerte das Nebelwasser milchig, glitzernd, bevor es im Erdreich versank. Es war ungewöhnlich kalt bei der Berührung. Ihr kreuzender Weg, der Weg der Orks, führte aus dem Süden nach Nordwesten, während ihr eigener verborgener Weg aus dem Westen nach Nordosten führte. Als er die Stelle wo sich die Wege kreuzte genauer betrachtet, war es fast so, als würden die weißen Steine sich vor unwissenden Blicken verbergen. Ein Flüstern lag im Wind und der Wald raunte ihnen seine Geheimnisse zu.

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Freitag 26. September 2014, 20:05

Baltos kommt von: Dem Fall der Sonne entgegen

Nanuqs Sinne waren enorm hilfreich bei dieser anstrengenden Jagd. Seine Nase hatte den Geruch ihres Gegners aufgenommen und zielsicher verfolgten sie ihr Opfer, aber es strengte auch an. Nanuq orientierte sich dabei hauptsächlich an dem leckeren Duft des Pferdes, während Baltos immer wieder zur Bestätigung auf abgeknickte Halme in Wiesen, Abdrücke im feuchten Boden und verräterisch herabhängenden Zweigen Ausschau hielt. Flüchtendes Pferd und Reiter bewegten sich schnell und auch ihre Jäger waren durchaus nicht langsam. Auf kurzer Distanz konnte Nanuq es mit der Geschwindigkeit eines Pferdes locker aufnehmen, aber er war eher auf kurze Sprints ausgelegt, als auf lange Strecken. Bald verfiel er in einen leichten Trab, der Baltos ordentlich durchschüttelte und ihn bestimmt am nächsten Tag die Muskeln seines Hinterns unvergesslich machen würde. Um so weiter sie nach Osten ritten, um so diesiger wurde die Landschaft. Weise Schleier legten sich über das Land. Sie hatten ein Ziel, doch vor Einbruch der Nacht, fanden sie den feigen Flüchtling nicht. Mit der Dunkelheit kam dann auch der Nebel, der für diese Gegend so berühmt war. So dicht hatte Baltos ihn noch nie erlebt. Er wirkte fast wie ein eigenständiges Wesen, dass seine klammen, unsichtbaren Hände nach jeder Pore ausstreckte und sich wie ein dünner Film auf Baltos Haut legte. Bald konnte er kaum noch die Hand vor Augen sehen und sie mussten sich ganz auf Nanuqs Nase verlassen. Schrittweise ging es stundenlang so weiter vorwärts, wobei dies ihnen auf jeden Fall einen Vorteil verschaffte, denn der Reiter musste definitiv stehen geblieben sein. Nanuq meldete immer wieder mit leisem Brummen, dass sie näher kamen. Baltos musste absteigen, denn immer wieder stieß er im dichten dunklen Nichts um sich herum an niedrig hängende Äste. Sie mussten einen Wald betreten haben. Dann hörte der Eisbär auf zu brummen und nur noch das übermittelte Gefühl von immer kürzer werdender Distanz sagte seinem Freund, dass ihr Ziel nah war. Sie hatten aufgeholt. Die großen Tatzen des Bären machten im Laub und Unterholz zwar leise Geräusche aber diese wurden sofort vom Nebel verschluckt. Baltos kniff angestrengt die Augen zusammen um die Umrisse im Dunkel deuten zu können. Fluchbrecher lag vertraut in seiner Hand, denn die Streitaxt wäre hier viel zu groß und nur hinderlich. Schrittweise ging er vorwärts, sein Freund an seiner Seite, so nah, dass er das feuchte Fell am Arm fühlen konnte. Jeder Schritt brachte sie näher. Dann sah er etwas vor sich im Nebel. Erst war es nur eine Kuppe. Dann der Schweif des Pferdes, der nervös hin und her peitschte. Der Wind kam von vorne, deshalb hatte das Tier sie noch nicht bemerkt, doch das würde nicht lange dauern. Wo war sein Reiter? Wo war dieser Finsterling? Bei Rumpel hatte die Bezeichnung wie eine hässliche, fette Made angehört. Engerlinge gab es überall und sie waren hervorragende Köder. Sie verkrochen sich gerne unter verrottendem Laub. Wo hatte sich dieser verkrochen?
*Tock*
Ein Bolzen schlug direkt neben Baltos Kopf in einen Stamm ein. Der Dunkelelf hatte blind geschossen und damit seine grobe Position verraten, als Baltos den Bolzen im Baum erblickte. Das leise Rascheln seiner Schritte zeigte, dass er sich nach rechts bewegte um erneut Abstand zwischen sich und seinen Jäger zu bringen. Noch immer war nichts zu sehen, aber das erschrockene Pferd wieherte nun los und schlug aus. Nanuq brüllte kurz auf, gefolgt von einem Krachen. Der Bär brach nun durch das Unterholz, ohne Rücksicht auf seine Lautstärke. Jedes Geräusch klag seltsam sphärisch und verzerrt im Nebel wieder. Das Pferd würde gleich fallen. Sein Reiter wäre damit der Möglichkeit auf eine Flucht beraubt. Im Nebel konnte Baltos versuchen ihn sofort zur Strecke zu bringen, bevor er zu viel Distanz zwischen sich und ihn gebracht hatte, oder sie konnten gemütlich bis zum morgen warten, um ihn dann einzuholen und zu erlegen. Sein Leben war so oder so beendet.
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Baltos » Mittwoch 22. Oktober 2014, 10:30

Anfänger! Baltos hörte wie der Elf sich nach rechts bewegte und machte sich jetzt selbst auf den direkten Weg zu seiner Beute. Nanuq währenddessen hatte leichtes Spiel mit dem Pferd und erlegte es innerhalb weniger Sekunden. Der Mantroner indes lies sich mehr Zeit mit seinem Ziel. Er lief ruhig und konzentriert den Elfen hinterher, denn im Gegensatz zu ihm hatte der erfahrene Jäger keine Panik, schließlich war die Jagd sein täglich Brot.

Baltos wusste das der Elf irgendwann einen Fehler machen würde und wenn die Zeit gekommen war, würde er zuschlagen und so ließ er den Abstand zu sich und seinem Ziel immer gleich. Wenn der Elf schneller lief so lief auch Baltos schneller, wenn er langsam lief oder stehen blieb, lief auch Baltos langsamer oder blieb stehen.

Der Dunkelelf wurde immer panischer je länger die Jagd dauerte, mehr als nur einmal konnte der Mantroner hören wie der Elf der Länge nach hinfiel oder wie ihm ein Ast, der ihn berührte, einen kurzen Angstschrei entlockte. Wahrscheinlich war dieser Mistkerl schon gar nicht mehr richtig bei Sinnen und nur sein Überlebensinstinkt trieb ihn noch weiter an.
Komm gib schon auf!

Der Jäger musste sich noch eine Stunde gedulden aber dann hatte er sein Ziel erreicht, der Dunkelf stürzte wieder und diesmal richtig. Baltos hörte zwar nicht wie das Schienbein des Elfen brach dafür vernahm er aber umso deutlicher den lauten Schmerzensschrei seines Opfers. Schnell überbrückte der Mantroner die Distanz zwischen sich und seinem Ziel hielt sich dann aber noch ein wenig im Verborgenen und beobachtete den Elf. Was der Auslöser für den offenen Bruch gewesen war, konnte der Jäger zwar nicht erkennen, er vermutete aber, dass es eine hervorstehende Wurzel gewesen war, die es hier zu genüge gab. Wäre Baltos bei seiner Verfolgung nichtig vorsichtig gewesen wäre es ihn wahrscheinlich genauso ergangen wie dem Dunkelelf und er würde jetzt ebenfalls mit einem gebrochenen Bein am Boden liegen und sich leicht mit schmerzverzehrten Gesicht nach vorn und hinten wiegen.

„BRING ES ENDLICH ZU ENDE DU SCHWEIN!!!“ Der Elf war geistig und körperlich am Ende, doch irgendeine perverse Neigung die Baltos bisher nicht von sich kannte genoss diesen Anblick förmlich und sprach sich gegen seinen ersten Gedanken aus das Leiden des Mannes zu beenden. Wahrscheinlich lag es daran, dass der Jäger zum ersten mal nicht ein Tier, sondern ein logisch denkendes Wesen gejagt hatte. Wäre sein Opfer eine Rehkuh gewesen, hätte der Mantroner nicht lange gefackelt und hätte ihn das Lebenslicht ausgelöscht aber dieses Wesen hatte keinen schnellen Tod verdient.
Es hat andere Lebewesen versklavt, geschändet und getötet, diese etwas sollte leiden so, wie seine Opfer auch gelitten haben, es verdiente keinen sauberen Tod.

Der Mantroner trat aus dem Nebel hervor und ging langsam auf den am Boden liegenden Mann zu. Dieser versuchte noch ein paar Meter wegzukriechen, aber Baltos war schneller und trat mit voller Wucht auf den hervorstehenden Schienbeinknochen, so als wolle er eine Kakerlake zertreten. Der Elf schrie so laut das es in Baltos’ Ohren klingelte. Doch kümmerte es den Jäger weniger, der jetzt zum Folterer wurde. Er durchsuchte den Mann der aufgrund der Schmerzen ohnmächtig geworden war auf versteckte Waffen und warf sie dann weit beiseite. Als er sich sicher war, dass er keine Waffe übersehen hatte, fesselte er den Mann mit seinen eigenem Seil und verpasste ihn danach so lange ein paar Ohrfeigen biss er wieder zu Bewusstsein kam.

„WAS WILLST DU SCHON MACHEN,HÄH!! IHR MENSCHEN WERDET VERLIEREN!!! WIR WERDEN EUCH ALLE TÖTEN UND ... OH WENN DU MICH VERGEWALTIGEN WILLST SOLLTEST DU MIR WOHL NICHT ZUERST DIE SCHUHE AUSZIEHEN DU IDIOT!!!

WARTE! WARTE! WARTE, WARTE, WARTE WARTE! WAS HAST DU MIT DIESEN KLEINEN MESSER VO...AHHHHHHHRRRGRGRRRRR“

Langsam und vorsichtig begann der Mantroner damit die Haut mit seinem Messer vom Fußgelenk des Elfen abzuziehen, die Schmerzensschreie des Dunkelelfen waren ohrenbetäubend aber der Mantroner lies sich nicht davon abbringen. Mit einer inneren Ruhe und einer Selbstverständlichkeit entfernte er immer mehr Haut. Baltos wusste selbst nicht, wie ihn geschah, es war so als würde er sich selbst über die Schulter dabei zusehen, wie er ein anderes Lebewesen folterte. Vielleicht waren die befreiten Gefangenen der Auslöser für diese Tat, vielleicht war es die Erinnerung daran das Maruka von Dunkelelfen entführt wurde, vielleicht war es aber auch der Anblick der getöteten Seemänner in Baltos Kindheit?

Irgendwann war der Elf gestorben. Irgendwann hatte Nanuq den Mantroner gefunden. Irgendwann sind sie auch gegangen. Irgendwann würde vielleicht jemand einen komplett gehäuteten Dunkelf finden der an einen Ast baumelte. Irgendwann ..

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 23. Oktober 2014, 19:13

Der Dunkelelf hatte nicht lange genug gelebt um das gesamte Ausmaß seiner Folterungen genießen zu können. Einsam und von Allem verlassen baumelten seine Überreste an einem hohen Ast, während unter ihm sein Lebenssaft die Würmer nährte. Verborgen durch die dichten Nebelschwaden würde sein Körper, seine Taten und seine Seele bald vergessen sein, genauso wie seine Schreie die ungehört von dem allumfassenden Weiß geschluckt worden waren. Ungehört zumindest von jenen die es hätte interessieren können. Jene die es interessiert hatte standen im rund der unsichtbaren Vergessenen um seinen Körper herum und empfingen seine gepeinigte Seele unter den ihren, auf dass sie ewig Leiden finden sollte.

Baltos Hände waren dunkelrot und an ihnen klebte das Blut eines Mörders, Vergewaltigers, eines Schänders und Sklavenhändlers. Trotzdem war es Blut. Kein Blut eines Tieres, dass ihn nicht anklagen würde, nicht das eines Wesens dass seine Familie ernähren würde, für dessen Opfer er Ventha hätte danken können, nein. Es war das Blut eines intelligenten Wesens gewesen, fast so sehr Mensch wie er es war. Baltos kam nur langsam wieder zu sich selbst und genauso musste es sich wohl anfühlen. Er hatte neben sich gestanden und dem Schlächter zugesehen, der den Dunkelelfen seiner Haut Streifen für Streifen entledigte, wie wenn seine Mutter eine Kartoffel schälte. Irgendwann waren die Schreie verklungen, irgendwann hatte das rasende Herz seinen letzten Schlag getan und ihm war unendlich kalt geworden. So schrecklich kalt, wie er es noch nie erlebt hatte und als Mantroner kannte man sich mit Kälte aus. Diese Kälte hatte er schon einmal gespürt, vor langer Zeit. Heute erinnerte er sich erst wieder daran und konnte sie einordnen.
Es war der Tod gewesen, der an ihm vorüber gegangen war um sich seinen Lohn zu holen.
Baltos zitterte und konnte nichts dagegen tun. Selbst Nanuq, der sich nah an seinen Freund kuschelte, vermochte diese Kälte nicht zu vertreiben. Sie war in ihm, um ihn herum und einfach überall. Der Nebel schien den Effekt nur noch zu verstärken. Zu allem Überfluss hatte der junge Jäger die Orientierung verloren und versuchte seiner eigenen Fährte zu folgen. Selbst Nanuq begann immer heftiger zu niesen um die feuchte Luft aus seinen Nasenlöchern zu bekommen. Doch mit jedem Schritt den sie taten schloss sich der Nebel um sie wie eine Umarmung. Baltos begriff, dass er sich in der Phase seiner Kopflosigkeit verlaufen hatte. Er hatte neben sich gestanden und nicht nachgedacht, nur gehandelt, war einfach drauf los gelaufen. Immer wieder streiften ihn Blätter, schlugen Zweige nach seinem Gesicht und dann rannte er gegen einen tief hängenden Ast. Der Schlag war nicht fest gewesen, doch hatte er etwas verloren. Er fühlte sofort den fehlenden Druck auf seiner vernarbten Augenhöhle. Die Augenklappe war weg und dann wurde der Nebel so dicht, dass er seine eigene Hand nicht mehr am ausgestreckten Arm erkennen konnte. Sofort suchte er den Boden ab. Weit konnte sie doch nicht geflogen sein. Hier lag ein Blatt, dass er kurz für seine Klappe gehalten hatte, da ein Zweig der dem Band ähnelte, doch nirgends war sein Kleinod zu finden.
Dann hörte er es:
„Großer … du musst den weißen Steinen folgen. Wir warten bereits auf dich … warten bereits auf dich … bereits auf dich … auf dich … dich … “
Es war nur ein hohles Flüstern im Nebel doch er kannte die knarzende alte Stimme sofort. Dann hatte seine Hand etwas ledernes gepackt und er sah die Rune deutlich sichtbar vor sich. Wenn er die Augenklappe wieder aufsetzte, wurde der Nebel etwas lichter und kaum mehr als zwei Schritt von ihm entfernt lag ein kleiner weißer Stein. Bei genauerer Untersuchung würde er sich als das Bruchstück eines Mauersteins herausstellen, von einigen Flechten überzogen und vereinzelt Disteln in seiner Nähe wild wachsend.
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Baltos » Freitag 24. Oktober 2014, 10:56

Er hatte sich verlaufen, und das in einen Gebiet, in dem er noch nie zuvor gewesen ist. Baltos konnte es nicht fassen, er der Jäger wusste nicht mehr, wo er ist. Was war das nur für ein Nebel? Der junge Mann kannte solche Situationen noch aus Mantron, wenn er auf der Jagd war und von einem Schneesturm überrascht wurde und dadurch die Orientierung verlor, nur hörte ein Schneesturm irgendwann auf und man bekam wieder die Möglichkeit nach Hause zu finden, aber dieser Nebel wirkte auf den Jäger nicht so als würde er jemals abnehmen.
Der Jäger betrachtete seine blutverschmierten Hände und dann wieder die Umgebung.
War dieser Nebel vielleicht eine Bestrafung, weil er diesem Dunkelelfen so bestialisch abgeschlachtet hatte?
„Er hatte es verdient!“ Der Jäger knurrte diese Worte mehr als das er sie aussprach. Außerdem würde Ventha ihn nicht dafür bestrafen, dass er ihre Feinde tötete, sie würde es eher begrüßen. Sie bestrafte ihn nicht, sie prüfte ihn und er würde diese Prüfung bestehen. So wie er schon Hunderte male ihre Prüfung bestanden hatte!
Er war derjenige gewesen, der die Eisbestie besiegt hatte und der damit den Fluch brach, der auf den Friedhof lag. Er war es der Unterwasser gegen eine riesige Seeschlange kämpfte. Er hatte eine Aquadin aus der Gefangenschaft eines Geisterschiffers befreit und dafür gesorgt, dass der Eiskanal wieder befahrbar wurde und somit wieder dutzenden Männern die Möglichkeit gegeben wieder nach Hause zu ihren Familien zu kommen. Und er vor ein paar Stunden hatte er ein paar Menschen davor gerettet in die Sklaverei verkauft zu werden.

„ICH BIN BALTOS BESTIENTOD UND VENTHA ICH SCHWÖRE DIR ICH WERDE JEDE DEINER PRÜFUNG BESTEHEN!“ Er schrie diese Worte in den Nebel und zog sich danach einmal kräftig seine Hände durchs Gesicht und verteilte somit das Blut des Dunkelelfen wie eine Art Maske über seine Haut.

Mit dieser Kriegsbemalung marschierte er dann wieder voller Energie und befreit von Selbstzweifel durch den Nebel. Viele würden vielleicht sein Verhalten nicht nachvollziehen können, schließlich war sein Verhalten was er gerade zutage legte mehr als nur soziopathisch. Aber der Jäger ist in einem Volk aufgewachsen das sich selbst und vor allen freiwillig einen Ort ausgesucht hatte, der so lebensfeindlich war wie das Eisreich. Diese Menschen sahen jede Ungerechtigkeit und jedes Missgeschick als eine Art Prüfung ihrer Göttin an also was war bei diesem Volk noch normal?

Der Mantroner ignorierte die Angriffe der Natur gegen seinen Körper und lief unbekümmert weiter durch den Nebel, selbst als er mit voller Wucht gegen einen breiten tief hängenden Ast lief, währe er ohne mit der Wimper zu zucken weitergegangen, wenn nicht seine Augenklappe bei diesem Zusammenprall abhandengekommen wäre. Baltos ging sofort auf die Knie und suchte seine Augenklappe, dabei scheuchte er Nanuq kurz beiseite, weil dieser dachte, sie würden sich zum Schlafen hinlegen. Als er gerade dabei war das Blatt wegzuwerfen das er mit seiner Lederkappe verwechselt hatte hörte er Rukullas Stimme.
Er nickte kurz, so als könnte sie ihn sehen und suchte mit neuem Elan weiter. Es dauerte auch nur zwei Augenschläge lang, bis er wieder das mit der Rune bestückte Kleidungsstück fand und kaum als er es wieder aufsetzte fand er den weißen Stein, über den die Alte gesprochen hatte und auch der Nebel wurde etwas dünner.
„Wir sind bald da!“ Sagte er in den Nebel hinein und folgte dann zusammen mit Nanuq dem Pfad, dem ihn die weißen Steine zeigten.

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Freitag 24. Oktober 2014, 14:52

„ICH BIN BALTOS BESTIENTOD UND VENTHA ICH SCHWÖRE DIR ICH WERDE JEDE DEINER PRÜFUNG BESTEHEN!“
Er schrie diese Worte in den Nebel und zog sich danach einmal kräftig seine Hände durchs Gesicht und verteilte somit das Blut des Dunkelelfen wie eine Art Maske über seine Haut. Fast hätte man meinen können, der Wind würde herzhaft lachen, doch das Geräusch, welches der junge Jäger als Antwort erhielt war der Schrei einer Möwe. Das dieses Tier sich so weit ins Landesinnere verirrt hatte, musste einfach ein Zeichen seiner Göttin sein, die mit ihm gegen alle Widerstände anlachte. Ventha war eine leidenschaftliche Göttin und nicht umsonst Lysanthors Geliebte, wie es hieß. Sie war gut und gerecht in ihrem Zorn und Baltos fühlte sich von ihren bläulichen Schleiern umarmt. Sein Glaube gab ihm Kraft und er so setzte er seinen Weg fort.

Weiter bei: Zwischen Jersa und Rugta
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 30. September 2015, 10:00

(Brovi kommt von: Die Hütte des Ingenieurs )

Als erstes war es zu der Stelle im Wald gegangen, wo Brovi seinen Freund gefunden hatte. Von dort aus folgten die beiden eine ganze Weile der Spur, soweit sie noch zu lesen war, aber Rumpel wählte sehr bald eine andere Route, da er so eine ungefähre Ahnung hatte, wo die Orks hin unterwegs waren. Die nächste Stadt war nun mal Rugta und die Orks waren aus Richtung Rumdett gekommen, als er ihnen über den Weg gelaufen war. Er berichtete unterwegs, dass sie jede Menge Ketten mit Fußfesseln dabei gehabt hätten, als wollten sie eine Gruppe Sklaven abholen. Brovi wusste, dass dies gut möglich war, da in diesen Tagen häufiger solche Transporte zwischen den zwei Städten abgehalten wurden. Bisher hatte er sich dort nicht eingemischt und Rumpel war wohl durch Zufall erst auf einen Wagen mit Dunkelelfen und später ihren grobschlächtigen Dienern in die Fänge gegangen. Blieb also zu hoffen, dass sie Muffel noch nicht abgestochen hatten und dieser mit dem Wagen so schlecht voran gekommen war, dass sie noch nicht zu nah an Rugta waren. Sie mussten ihnen also quasi entgegen laufen, ohne ihnen über den Weg zu laufen. Also liefen sie sehr langsam und beobachteten jede Regung im Nebel um nicht ihren Plan zu gefährden. Die weiten Hopfenhaine um Rugta hatten sie bald hinter sich gelassen.

Brovi und sein Freund schlugen sich schon ein paar Stunden durch das Unterholz eines kleinen Wäldchens als sie von weiter vorne etwas krachen hörten. Sofort duckten sich die beiden und beobachteten durch den stetig anwesenden Bodennebel genauestens die Umgebung. Man wurde selbst schlecht gesehen, doch weit schauen konnte man auch nicht, also hieß es Vorsicht walten lassen und die Lauscher offen halten. Langsam schlichen sie näher und achteten dabei auch auf die Windrichtung, denn Rumpel hatte gesagt, dass die Orks sich vor allem auf ihre Nasen verließen.
Plötzlich drückte der Händler seinen Freund in den Boden und legte den Finger an den Mund, denn gerade kam ein Ork von links aus dem Gebüsch, zerrte an seinem Gürtel und rückte sich die Kronjuwelen in der Hose zurecht. Ein scharfer Geruch von Urin folgte ihm, als er dann Schnur stracks auf ihr Lager zu hielt. Er war abgelenkt und es wäre eine günstige Gelegenheit gewesen, ihn zu überrumpeln, aber das hätte auch Krach und Aufmerksamkeit der anderen bedeutet, den die beiden Freunde nicht gebrauchen konnten. Stattdessen folgten sie in einigem Abstand dem Monster mit seiner grau-grünen Hautfarbe und hörten dann bald von vorne seine donnernde Stimme seinen Leuten zurufen:
„Ahhrch, noch immer nicht weiter?!?“
Zurück kamen Laute in der gleichen für Brovi unverständlichen Sprache.
„Gnaaahh, Versuchs doch selbst!“
Die Laute bestanden hauptsächlich aus Grunzen und Fauchen und hatten etwas raues bis furchteinflößendes. Um so näher sie sich heran schlichen um so deutlicher wurde die Szenerie.
Vor ihnen lag eine winzige Lichtung, die mit dem Wagen des Händlers schon fast allein ganz ausgefüllt war. Der in alten Zeiten nicht so häufig befahrene Weg zwischen Rumdett und Rugta führte unter den Bäumen hindurch und hatte sich hier etwas verbreitert. Sechs ausgewachsene Orkkrieger scharten sich nach einiger Beobachtung um den Wagen und waren gerade dabei ein kleines Lager abzubrechen, dass sie wohl zur Mittagszeit hier aufgeschlagen hatten. Auch wenn die Sonne hoch stand, so erreichte sie in den Dunsthügeln nur selten das Erdreich und in den Wäldern war es noch unwahrscheinlicher, da sich dort der Nebel noch viel länger hielt.
Eines der Monster hatte sich vor Muffel aufgebaut und zog an seinem Geschirr. Der Büffel hatte jedoch wenig Lust sich zu bewegen und gab nur ein unwilliges:
„Muhhh.“
von sich, als der Ork ihm ins Fell griff. Auf Krz'ner fluchend, dass man meinen könnte, die Natur drum herum müsste sofort eingehen, stand er vor dem Tier und brachte es gerade mal dazu zwei Schritte voran zu gehen. Dann schaltete sich der nächste der sechs Orks ein:
„Lass! Ich bin wieder dran.“
Ein Ork löste den anderen ab.

Ein intelligenter Betrachter, hätte sich womöglich fragen können, warum sie den Ochsen nicht abgeschirrt hatten und selbst den Wagen zogen. Selbst zu viert würden sie die Kraft des Büffels aufbringen um den Wagen zu ziehen, aber … sie waren wohl nicht intelligent und ohne jemanden der ihnen sagte, was zu tun sei, arbeiteten sich auch nicht gut zusammen.
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Brovi Brockstein » Mittwoch 30. September 2015, 14:08

Die Grünlinge waren gerade dabei, ihr Lager abzubrechen, wobei sie dank Muffel aber nicht besonders schnell voran kamen. Brovi und Rumpel hatten jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder sie handelten sofort — die Lichtung war klein, die beiden Zwerge würden bei der Montage ihrer Falle zwischen den Bäumen bleiben können. Allerdings würden sie sich ziemlich beeilen müssen. Oder sie verfolgten die Orks unauffällig bis zum Einbruch der Nacht. Dann hätten sie Mehr Zeit und womöglich würde bei der Abenddämmerung gar keine Lichtung in der Nähe sein. Andererseits war es genauso gut möglich, dass der Trupp den Wald dann schon verlassen hatte, was die Chancen der Zwerge, ihr Runendreieck ungesehen zu montieren, drastisch verschlechtern würde. Und je länger sie sich in der Nähe der Räuber aufhalten mussten, desto wahrscheinlicher war ein Entdecktwerden. Brovi ging davon aus, das Rumpel einfach möglichst schnell Muffel befreien wollen würde und daher für einen sofortigen Angriff plädieren würde. Nach einigem hin und her kam der Erfinder aber zu dem Schluss, dass es besser war, bis zum Einbruch der Nacht zu warten, trotz der vorhandenen Risiken. Er setzte seinen Freund darüber im Flüsterton in Kenntnis: “Jetzt in Aktion zu treten, wäre zu riskant, glaube ich. Ich finde, wir sollten bis zum Einbruch der Dunkelheit warten. Wenn die Grünhäute schlafen, haben wir sowieso bessere Chancen. Bist du damit einverstanden?”

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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 30. September 2015, 20:33

Rumpel sah den Ingenieur verdutzt an. Dann flüsterte er:
„Zu riskant? Ich meine, wenn wir auf einen noch sicheren Moment warten werden unsere Bärte sich mit den Wurzeln verbinden.Wir haben den Nebel als Deckung, die Lichtung ist übersichtlich, in der Nacht sehen wir vielleicht noch weniger als sie und wir befinden uns auf der Straße nach Rumdett wo jederzeit Verstärkung vorbei kommen könnte, oder schlimmer noch, Dunkelelfen!“
Einen Moment lang hatte Rumpel wohl vergessen, dass Brovi kein eingefleischter Abenteuer war wie er und noch nie wirklich lange seine Werkstatt verlassen hatte. Er biss sich auf die Unterlippe und unterdrückte ein Schnaufen.
„Wenn du der Meinung bist, dann warten wir und beobachten sie noch ein wenig.. Allein werd ich bestimmt nichts dummes anfangen...“
Er kreuzte die Arme vor der Brust und setzte sich in das weiche Laub zu seinen Füßen. Eine Hand voll Blätter streute er sich auf sein Haupt und fügte noch hinzu:
„Tun wir halt so, als wären wir Büsche.“

In den nächsten paar Minuten geschah nichts wirklich beachtenswertes. Die Orks brachen ihr Lager weiter ab, löschten das kleine Feuer und verstauten ihre Sachen, während sie sich abwechselten den Büffel mal zu ziehen, mal zu schieben oder mit Trockenfleisch zu locken. Die einzigen Bewegungen, die das wollige Rindvieh tat, waren gelegentliche Gewichtsverlagerungen von einer Seite auf die Andere, die dann sofort als Fortschritt verbucht wurden. Der Tag versprach lang zu werden und das grunzende und fauchende Fluchen der Orks würde sie noch eine Weile begleiten, selbst wenn sie still sitzen blieben. Muffel hatte, wie Rumpel es schon erklärt hatte, ohne seinen Herrn keinerlei Motivation auch nur einen Schritt zu tun. Die nächsten 15 Minuten bewegte sich das Tier mitsamt dem Wagen, erstaunliche dreißig Schritte vorwärts. Und das auch nur, weil jedes Mal, wenn er die Hufe wechselte ein Ork ihn anschob. Kein Wunder, dass der Tross nicht weit voran gekommen war.
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Re: Verloren im Nebel

Beitrag von Brovi Brockstein » Donnerstag 1. Oktober 2015, 14:49

Hmm…, dachte Brovi. Rumpels Argumentation klingt schon irgendwie plausibel. Vielleicht sollte ich meinen Plan nochmal überdenken. Die Grünlinge kommen tatsächlich unglaublich langsam voran. Sie sehen auch ziemlich genervt aus. Wenn man jetzt etwas mit Magie nachhelfen würde, könnten wir sie sicher… überzeugen, noch mal ein kleines Päuschen einzulegen. Vielleicht ein Nickerchen zu machen… Ja, ich glaube, wir sollten unsere Falle doch besser sofort installieren. Allerdings dürfen uns nicht nur die Grunzer nicht bemerken, sondern auch Muffel. Wenn er sein Herrchen riecht, könnte es sein, dass er angelaufen kommt und die Orks zu uns führt.
Er setzte Rumpel über seine Überlegungen in Kenntnis: "Ich habe nachgedacht. Wir treten doch sofort in Aktion. Den Nebel hatte ich gar nicht mit einbezogen. Er könnte wirklich einen ähnlich guten Schutz bieten wie die Dunkelheit. Aber pass auf, dass Muffel uns — vor allem dich — nicht bemerkt. Sie sind gerade so auf ihn fixiert, da könnte jede noch so kleine Änderung seines Verhaltens verräterisch sein. Aber jetzt los. Nimm du dieses Ende der Schnur." Brovi öffnete seinen Rucksack. Dabei war er so darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, dass es ungefähr dreimal so lange dauerte wie es hätte dauern müssen. Dann nahm er die etwas verhedderte Konstruktion heraus und reichte eine der runenversehenen Holzplatten mitsamt einem Ende der Schnur an seinen Mitstreiter. "Das andere Ende nehme ich. Die dritte Platte platzieren wir hier bei diesem Baum, du legst deine da drüben hin und ich verstecke meine dort. Danach treffen wir uns in der Mitte und knoten die Enden zusammen." Brovi zeigte nacheinander auf die drei Stellen. Dann lehnte er die mittlere Platte an den Baum, den er auserkoren hatte, und bettete sie etwas in die herumliegenden Blätter ein. Schließlich schickte er Rumpel los und machte sich auch selbst auf den Weg. In der linken Hand trug er die Runentafel, in der rechten seinen Hammer. Die Schutzbrille hatte er aufgesetzt. Trotz der noch relativ kalten Luft brach ihm bald der Schweiß aus. So etwas wie das hier hatte er noch nie erlebt! Gut, da war dieser eine Finsterling, gegen den er während der Eroberung Rugtas kurz gekämpft hatte. Er hatte ihn vorübergehend ausser Gefecht gesetzt, indem er einen ohnehin schon beschädigten Türrahmen über ihm zum Einsturz gebracht hatte, dann war er geflohen. Aber damals war der Elf derjenige gewesen, der Brovi angegriffen hatte, der Zwerg hatte sich im Grunde nur verteidigt. Hier hingegen war er es, der sich bewusst in Gefahr begab, indem er sich einer Gruppe Orks näherte, mit der er eigentlich nichts zu tun hatte, die weit weg von seiner Hütte unterwegs war. Aber, bei Brocknar, es ging um seinen besten Freund! Die Orks hatten offensichtlich abgesehen von dem Büffel noch etwas, das anscheinend großen Wert hatte, und zwar nicht zwingend in Lysanthemern und Drachmen zu rechnen. Wenn er sich hier davor gedrückt hätte, Rumpel zu helfen, würde er es sich nie verzeihen können, wenn ihm — oder auch Muffel — etwas zustoßen würde. Womöglich würde er heute sterben. Aber dann wenigstens für etwas das ihm wichtig war. Für Rumpel. Für Rugta!

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