Zwischen Jersa und Rugta

Dieser Landstrich ist so hügelig, dass man vergeblich nach einem flachen Stück Erde suchen wird. Tagsüber eine saftige Landschaft mit Wiesen, Wäldchen und Grasebenen. Doch nachts kommen die Nebel über das Reich und mit ihnen unheimliche Schrecken.
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Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Dienstag 27. Mai 2014, 21:12

[Zwischen Jersa und Rugta lag ein Scheideweg von Nebeln verborgen. Nicht weit und doch nur von jenen gefunden die ihn kannten, lag dort versteckt ein Anwesen. Das Anwesen des Herrn von Weißenfels.]

(Delilah kommt von: Zwischen Jorsa und Jersa )

Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate … Wie viel Zeit war vergangen, seit dem Delilah das letzte Mal das Licht gesehen hatte, sie vermochte es nicht zu sagen. War Zeit nicht sowieso ziemlich relativ, wenn man bewusstlos war oder träumte? Kamen einem nicht Sekunden wie Stunden vor, wenn man alleine und einsam dahinvegetierte und waren nicht Stunden schnell vorbei wie Sekunden, wenn man glücklich im Rausch des Lebens dahin flog?
Doch welche Sinneseindrücke man im Laufe der Zeit gesammelt hatte, sie tauchten alle nur sehr langsam wieder aus der schwarzen Finsternis des verlorenen Bewusstseins auf, das sich aus Bruchstücken der eigenen Vergangenheit, aus Puzzelteilen verschiedenster Eindrücke und sogar Wünschen zusammen fügte. War jede dieser Erinnerungen auch gleichzeitig Wahrheit und wahrhaftig? Sehen wir die Geschehnisse, Personen, Tatsachen nicht jeder ganz persönlich aus unserem eigenen Blickwinkel? War zum Beispiel ein Ei für einen Hungernden nicht Nahrung, für einen Philosophen nicht die Frage überhaupt und einen Verurteilten nicht das Wurfgeschoss was ihm am Kopf traf? Was würde Delilah über ein Ei sagen, wenn sie bewusst darüber nachdachte? Was würde sie als Kind ihrer Mutter dazu sagen, was als Novizin der Lichtakademie und was in ferner Zukunft als junge Frau am Frühstückstisch mit ihrem Geliebten? Würde sie eine Zukunft haben, wenn ihre Vergangenheit zerfiel wie tausend kleine Spiegelscherben und sie gefangen hielten in ihrem ganz privaten Wahnsinn? War es Wahnsinn oder Traum, wenn jeder einmal gedachte Gedanke und jede kleinste Idee die sie je gehabt hatte, gleichzeitig und ständig ihr den Verstand vernebelten? War es Verwirrung, da es sonst nichts gab, was ihr Halt oder Führung durch die Dunkelheit bot, als sie die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele durchschwamm wie ein schwarzes Meer der Einsamkeit, begleitet von ihren ziellosen Versuchen etwas zu empfinden?!

„Wir müssen sie in die Akademie bringen Verano!“
„Und was werden sie dort mir ihr tun? Du siehst doch selbst, was sie ihr angetan haben mit ihren Lehren des Lichts. Sie haben ihr einen Schlüssel zu ihrer Macht gegeben und sie dann allein gelassen. Sie sehen und schauen doch nicht hin. Wann wirst du endlich begreifen, dass sie nicht alle nur euer Bestes wollen!“
„Sie haben ihr Wege gezeigt, ihre Magie zu formen. Etwas sinnvolles damit zu bewirken. Das ist nichts schlechtes.“
„Nein … aber sie haben ihr nicht beigebracht, sich vor sich selbst zu schützen!“
Darauf gab es nichts zu erwidern, denn das Ergebnis Novas maßloser Selbstüberschätzung, gepaart mit angelnder Erfahrung und Übung, die einzig aus bestem Willen geschehen war, lag deutlich vor ihnen. Blass, reglos in sich selbst gefangen lag sie da und starrte aus ihren blinden Augen in einen nicht vorhandenen Himmel. Die beiden Männer sahen sich lange wütend an, als fochten sie einen stillen Kampf aus. Dann trat der jüngere einen Schritt zurück und ließ die Schultern sinken. Die Miene des Älteren wurde weicher. Er legte seine Hand auf die Schulter seines Gegenübers, der ihm erstaunlich ähnlich sah.
„Leon, kehre zurück. Lebe dein Leben wie es dir beliebt.“
„Was wird aus ihr? Sie hat eine Großmutter ...“
„Interessiert sie dich so sehr?“
„Nein, das nicht … Es werden Fragen aufkommen.“
„Ich weiß.“
„Sie werden nach ihr suchen.“
„Du meinst während „Morgerias Hauch“ im Land wütet und überall die Seelen vergehen, werden sie nach einer einzelnen Novizin suchen?“
Wieder trat Schweigen ein.

Schwarze Wellen auf denen goldene Lichter in den Kronen tanzten und mit ihrem Rollen an ebenso schwarzen Stränden lautlos verklungen. Irgendwann war da mal ein klarer Gedanke gewesen, eine Idee, ein Wort, ein Ton der Sinn ergab. Delilah musste sie nur wieder zusammen setzen. Es war mühselig und fühlte sich an wie Jahre. In ihrer Einsamkeit besuchten sie langsam immer mehr Erinnerungen und Träume. Immer wieder fügten sich wahllos Bilder aneinander. Später waren es ganze Sequenzen und doch hatte sie Probleme sie zu erkennen. Es war als versuchte von außen etwas zu ihr hindurch zu dringen, doch ihre Synapsen waren verbrannt vom Licht ihrer eigenen Magie. Gab es Heilung? Sie lebte … Das war die erste Empfindung.
Dann folgten weitere.
Es roch nach Holz, nach pflegenden Ölen. Erinnerungen verknüpften diese Sinneseindrücke mal mit Erinnerungen an Wälder und mal an ein liebes Gesicht was einen Tisch auf Hochglanz polierte.
Später kamen Gerüche wie Tau, Feuchtigkeit oder Wasser hinzu. Stoffe, der warme Duft von Samt und der Staub in den Ecken eines Raumes. Einmal roch sie etwas scharfes, dass ihr in die Gehirnwindungen schnitt, doch ihr Geist weigerte sich dennoch zu erwachen.

„Signore Verano? Die junge Dame hat im Schlaf gesprochen.“
„Und was hat sie gesagt?“
„Ich weiß es nicht, es war nicht in meiner Sprache, Herr.“
„Danke, sie können gehen.“

Blüten? Es roch zart nach Blüten, aber war es nicht noch zu früh für Blumen? Wann hatte sie angefangen darüber nachzudenken? Warum war ihr Mund so trocken und warum hatte sie den Geschmack von Rosenblättern im Mund? Etwas süßes, weiches schob sich zwischen ihre spröden Lippen und schmeckte köstlich. Die Masse verteilte sich in ihrem Mund und erfüllte ihre Sinne, ohne den Löffel wahrzunehmen, der ihr dies schenkte. Einzig eine leichte Metallische Note erinnerte sie an den Gegenstand, der in einer Erinnerung ihr gereicht wurde, als sie einmal krank im Bett gelegen hatte.

„Wird sie wieder gesund werden?“
„Ich weiß es nicht … Sie kämpft noch unter der Oberfläche … Ich sehe sie, doch ich bekomme noch keinen Zugang zu ihr.“
„Ist es wie bei ...“
„Nein!“
Die Stimme des Hausherren war scharf.
„Verzeih. Ich meinte nur ...“
„Ich weiß was du gemeint hast … Ich … ich werde sie nicht aufgeben!“

Still lag die schwarze See wie ein Spiegel vor ihr, doch sie konnte sich darin nicht sehen. Sie trat hinein und beobachtete die weichen Wellen die von ihren Füßen in die Ferne flossen um sich dort mit anderen Wellen zu treffen. Da war noch etwas anders in ihr … um sie herum. Es tanzte und malte Melodien auf den Spiegel ihrer Seele.

leise Musik

"Sie spielen wunderschön, mein Herr."
Die Klänge erstarben nicht, sie malten weiter die Bilder auf die schwarze See.
"Es ist das einzige, was sie im Moment erreicht."
"Soll ich abräumen?"
"Nein, danke. Lassen sie es stehen und gehen sie zu Bett. Ich räume es selbst weg."
"Gute Nacht, Herr."
"Gute Nacht."

Es war ein seltsames Gefühl, denken zu können, richen, schmecken und hören zu können, was um sie herum geschah, doch fühlte sie noch immer nichts. Keine Bewegung ihres Körpers verriet ihr, wo sie sich befand, ob sie lag, saß oder schluckte. Manchmal wurde ihr dabei so schwindelig nichts zu fühlen, das ihr ganz schlecht von den geteilten Empfindungen wurde. Manchmal war sie so klar, dass sie hätte schreien können und endlich hörte sie auch wieder ihre eigene Stimme. Erst verzögert, als ob es nicht die eigene wäre. Anfangs gab sie nur Laute von sich um zu sehen, ob es auch sie war die da sprach. Dann wurden die Laute zu einem verzweifelten Schrei in dem all das Grauen lag, das sie in ihrer einsamen See der Finsternis empfand und sie erschrak vor sich selbst. Sie fühlte nicht wie sie aus dem Bett fiel, sich stieß und wie sie aufgenommen wurde, sanft geschaukelt und gehalten wurde. Sie hörte nur diese leise warme Stimme die flüsterte:
"Schhh ... Es ist gut ..."
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Mittwoch 28. Mai 2014, 01:05

Nova wusste um die Risiken. Sie konnte ihre Fähigkeiten einschätzen und wusste, dass man Vorsicht walten lassen musste bei allen magischen Vorgängen und besonders dann, wenn man zusätzlich die Sonnenaura anwandte. Nova war besonnen, bereite sich auf alles und jede Möglichkeit vor ... Sie war vorsichtig! Doch Deli war es nicht.

Die Novizin hatte alles unter Kontrolle, wusste dass sie bald abbrechen musste, um sich selbst zu schützen. Sie spürte die Energien fließen, spürte das Licht wandeln und wirken, spürte die Magie, das erstarkende Mädchen... Jetzt!, dachte sie. Aufhören...
Doch unter ihren Fingern spürte sie das Händchen Olias. Spürte ihren Körper wie ihren, durch die Magie verbunden und wusste, dass es nicht reichte. Noch nicht. Sie durfte das Vögelchen nicht sterben lassen! Nicht noch einmal das Licht in den Augen eines anderen erlöschen sehen. Hatte die Novizin denn alles vergessen, fragte das kleine Mädchen mit blonden Locken, Sommersprossen und großen brauen Augen verzweifelt. Erinnerte sie sich denn nicht? An die Chance, die sie bekommen hatten, nachdem sie alles verloren hatten? Hatte sie das liebe Gesicht vergessen, dass trotz allem noch da gewesen war? Das Gesicht in dem sie jede Falte liebten? Erinnere die Freude des Lebens! Erinnere dich! An Sonnenstrahlen, an Lachen, das auf der Haut perlt, an Freunde und Gesichter... an das Leben!
Möchtest du diesem Mädchen diese Chance nicht geben?
, fragte das kleine Mädchen.

Und ehe sie sich es versah, mit den Gedanken in diesem inneren Gespräch... hatte Nova die Kontrolle verloren... hatte dem Fluss der Magie die Dämme geöffnet und war nicht mehr in der Lage ihn aufzuhalten.
Beide Mädchen wurden fort gerissen... sie waren umgehen von Licht, gleißend... hell... alles durchdringend... und wunderschön. Die beiden äußerlich gleichen Mädchen hielten sich an den Händen und beide klammerten sich fest aneinander... Sie fühlten die Schönheit des Augenblicks, fühlten den Segen des Lebens und des Gebens... und verschmolzen erneut zu einem, nachdem Nova so sorgsam versucht hatte, Deli von sich zu trennen. Nun waren sie wieder eins und alles fühlte sich endlich wieder wahrhaftig und richtig an. Sie war wieder eins mit sich und der Strom trieb sie fort, irgendwohin... sicherlich war es schön dort, denn wohin das Licht sie trug konnte nichts Schlimmes auf sie warten... oder?

Doch nach all dem Licht, all diesen seligen Gefühlen kam die Dunkelheit.
Und sie wollte nicht weichen. Die Dunkelheit... das große Nichts... war überall. ... und sie war Nichts. Oder war sie etwas?
Windgemurmel, rauschende Blätter, Sonnenstrahlen die sich sanft ihren Weg durch das Blattwerk suchten.
Das Bild war inmitten der Dunkelheit aufgetaucht, hatte kurz die Leere gefüllt. Mit etwas. Doch dann war es schon wieder verschwunden.
War es Einbildung gewesen? Wann... wann war das überhaupt gewesen? Eben gerade... oder doch schon vor Stunden?
Dann kamen sie alle. All die Erinnerungen, all die Gedanken, Gefühle. Farben, Formen, Fetzen... alles kam auf einmal und doch nicht gleichzeitig.
Ein unendlicher Strom aus einzelnen Tupfen in all dem Schwarz. Doch... nein... es waren Wellen... Wogen... das Gold der Erinnerungen spülte an einen Strand aus Finsternis. Das Licht wollte etwas bewirken, erwartete eine Reaktion und traf doch nur auf stillen, bewegungslosen Sand.
Etwas musste die Verbindung gekappt haben... aber was? Diese Erinnerung blieb ihr verwehrt. Sie war nun auf der Suche.
Doch sie sah Gesichter in all den Farben, in den Lichtern, die alles vernebelten. Gesichter, die ihr das Herz schwer machten. Hatte sie ein Herz?
Ein Gesicht mit blauen, gütigen Augen und einigen Falten. Ein blasses mit kühlen Augen und spitzen Ohren, das weiße Worte wie Schneeflocken wirbeln ließ. Ein Mädchen mit braunem Haar und dunklen Augen, die Kleidung verrissen, schon oft getragen. Ein grauer Mann mit großem Herz. Ein trauriger Soldat in Schatten gekleidet. Ein sehr kleines Mädchen, blass, schmutzig... einen schwarzen Fleck am Hals. Und dann... Ein Junge... oder doch ein Löwe? Große, kräftige Hände... verschwommen... genau wie das Gesicht, dass sie in ihren Erinnerungen so oft im Spiegel gesehen hatte... oder nein... es ähnelte diesem nur... war es da etwas älter? Nein... diese Augen waren blau. Nicht braun und groß wie in den tausend Spiegelbildern. Klein, pausbäckig, größer und stupsnasig waren die Gesichter im Spiegel gewesen. Traurig, fröhlich, meistens lächelnd... strahlend?
Eine alte Frau, klein, wie eine Wurzel ..unter einem Schirm und einer großen Gestalt hinter sich. Diese Erinnerung war dem körperlosen Mädchen fremd. Woher kam diese?
Da war sie auch schon wieder fort gewirbelt, wie all die anderen... fort im Strom, fort und durcheinander wie Blätter im Wind...
Zeit und Ort waren nichtig. Gefühle gab es kaum, wenn dann waren sie nur ein schwacher Schatten dessen, was gewesen war. Ein Abbild... verzerrt und verfälscht. Sie waren da und auch nicht. Aber eher nicht. Genau wie jede Empfindung. Ihre Gedanken... hatte sie einmal einen Körper besessen? Das Mädchen war sich nicht sicher. Wusste überhaupt nichts. Sie stand nur hier. Stand und stand doch nicht an dem Strand des Nichts und des Alles und sah den goldenen Wogen dabei zu wie sie sich an der Küste brachen und ihre Erinnerungen sich in der Gischt und den Tropfen spiegelten.
Klein, groß, jung, alt, Vergangenheit, Gegenwart, (Zukunft?)... alles war und war nicht. Alles erblühte und zersprang in Stücke.
Wie lange das Mädchen, das nun wieder eines war, diesem Schauspiel zusah, wusste es selbst nicht. Wirklich sehen tat sie es auch nicht. Eher schien sie es zu spüren. So folgte sie dem Spiel aus Hoffnung und Verzweiflung, der Geburt von Neuem und der Zerstörung von Geliebtem. Licht und Schatten. Waren sie sich je so nah gewesen?
Je so sehr eins gewesen, so verbunden wie in diesem Moment? So vollkommen, so wunderschön und erschreckend wie in diesem Spiel des Wassers?

Sie war einsam. Eine Erkenntnis unter all diesen Fragen. Wo waren die Menschen, zu denen die Gesichter gehörten? Konnte sie zu ihnen kommen?
Genau in diesem Moment klang neben dem Rauschen der Wellen etwas anderes zu ihr durch. Eine Stimme. Der Löwe?
„Wir müssen sie in die Akademie bringen, Verano!“
„Und was werden sie dort mir ihr tun? Du siehst doch selbst, was sie ihr angetan haben mit ihren Lehren des Lichts. Sie haben ihr einen Schlüssel zu ihrer Macht gegeben und sie dann allein gelassen. Sie sehen und schauen doch nicht hin. Wann wirst du endlich begreifen, dass sie nicht alle nur euer Bestes wollen!“
„Sie haben ihr Wege gezeigt, ihre Magie zu formen. Etwas sinnvolles damit zu bewirken. Das ist nichts Schlechtes.“
„Nein … aber sie haben ihr nicht beigebracht, sich vor sich selbst zu schützen!“

Die Stimmen hatten sich wie Polarlichter an ihrem schwarzen Himmel gezeigt. Farbe drang durch das Nichts, schwang sich durch die Lüfte, trug Neues und Fremdes in ihre dunkle Welt aus Fragen und Bildern ohne Verbindung. Doch gerade war das glutrote Polarlicht erloschen, das schillernd Bunte jedoch zog weiter durch den Himmel, spiegelte sich im unendlichen Schwarz der See. Hinterließ Abdrücke im Nichts. Stimmen hatten nicht immer so ausgesehen... oder?
„Leon, kehre zurück. Lebe dein Leben wie es dir beliebt.“
„Was wird aus ihr? Sie hat eine Großmutter ...“

Großmutter... das Wort zog viele Bilder aus den Tiefen hervor. Falten, Lachen, Blumen, Wolle, Liebe, ... ein Duft wurde von der Meeresbrise mitgetragen, erreichte das Mädchen ohne Nase. Lavendel... Ein Geruch. Sie ... es... erinnerte sich daran.
„Interessiert sie dich so sehr?“
„Nein, das nicht … Es werden Fragen aufkommen.“
„Ich weiß.“
„Sie werden nach ihr suchen.“
„Du meinst während „Morgerias Hauch“ im Land wütet und überall die Seelen vergehen, werden sie nach einer einzelnen Novizin suchen?“

Mit einem Schlag erlosch alles Licht und das Mädchen war in völlige Dunkelheit gehüllt. Doch keine Angst kam auf. Hier gab es sie wohl nicht.
Doch Bilder... neue Gedanken formten sich... etwas... ETWAS! Eindeutig kein Nichts, wollte Gedanken bilden, wollte sich Sorgen machen... doch die Verbindung war gekappt ließ sich noch nicht überbrücken. Das Mädchen ohne Körper und Sorgen spürte das Vibrieren in ihrer wirbelnden Welt. Dieses Etwas... war das sie? Es schien größer zu sein als sie und weniger nebelhaft, weniger körperlos. Es war an etwas gebunden, dass es nicht fühlen konnte. Dieser Umstand bereitete ihm anscheinend Sorgen. Sorgen... wie sich das wohl anfühlte? Das Etwas schien eine Erinnerung gezielt herauszufischen, schien sie zu suchen. Dieses Etwas überließ sich nicht dem Strom... warum nicht?
Ein Bild kam hervor, getragen von einem abscheulichen Duft. Der Geist mochte diesen neuen Sinn nicht. Er lenkte ab! Das Bild zeigte das kleinen Mädchens mit den schmutzigen Sachen und den traurigen Augen. Der schwache Schein des Gedanken erhellte sporadisch die winzige Welt des körperlosen Geistes. Sorgen und Angst verband das Etwas mit dem Bild. Aber auch Hoffnung... Hoffnung, dass irgendetwas geholfen hatte. Plötzlich war alles hell. Licht durchflutete die Dunkelheit und blendete den Geist. Dabei war es nur die Erinnerung an Licht. Sehr viel Licht. Zu VIEL Licht!
Fäden kamen auf das Geistermädchen zu, dorthin wo sich die Fragen bündelten, eine Stelle in dem Nichts... sie wollten Verbindungen ziehen, doch sie streifte sie fort. Die Lichtfäden sollten sie kommen und helfen? Oder würden sie zerstören? Hier war alles möglich, hier war nichts möglich.

Dann... ein Duft. Kein Duft aus einer Erinnerung. Er war fremd hier in der Welt des Geistes und wirbelte alles durcheinander. Wogen und Meer verschwanden, hinterließen Verwirrung. Doch die Fäden zogen sich! Dem Geist wurde klar, dass er das blonde Mädchen war und das Etwas vor dem er sich noch vor kurzem gefürchtet hatte. Er selbst war es gewesen, der sich Sorgen hatte machen wollen... und hatte doch distanziert daneben gewandelt. Doch dieser fremde neue Sinn, der von außen eindrang in diese heile und einsame Welt, hatte sie erneut verbunden.
Sie lebte. All das Erschaffen und Zerstören, das Nichts und das Alles. Nur Illusion? Im Gegensatz zu dem Unwissen, das sich legte, waren die Dunkelheit und das Nicht-sein noch da. Der Geruch erfüllte ihre kleine Vakuole, erhob neue Nicht-Bilder aus den Fluten, die von neuem geboren waren. Holz, Wald... Tische... eine glatte Oberfläche in einem gemütlichen Raum, fleißige Hände darauf, die sie vom letzten Fleck befreite.
Immer mehr drang hinein und sie ließ sich gerne von den Eindringlingen leiten und durch die Erinnerungen führen. Ihre eigenen Wege führten nirgends mehr hin, erhoben keine Welten aus den Wogen. Mit dem Geist war auch diese Kraft vergangen. Allein die Fremden konnten dies noch bewirken, doch auch wenn sie einmal das Gefühl hatte, etwas zerrte an ihr, entkam sie der Dunkelheit und dem Nichts nicht.

„Signore Verano? Die junge Dame hat im Schlaf gesprochen.“
„Und was hat sie gesagt?“
„Ich weiß es nicht, es war nicht in meiner Sprache, Herr.“
„Danke, sie können gehen.“


Mit den Tönen, die wieder die Farben und Polarlichter an den nicht-existenten Himmel zauberten, kam ein neuer Sinn, eine neue Brücke zur Außenwelt. Es war der Geruch, der sie in der letzten Zeit so fasziniert hatte, der ihr dabei half die Brücke zu schlagen.
Blüten? Es roch zart nach Blüten, aber war es nicht noch zu früh für Blumen? Wann hatte sie angefangen darüber nachzudenken? Warum war ihr Mund so trocken und warum hatte sie den Geschmack von Rosenblättern im Mund? Etwas süßes, weiches schob sich zwischen ihre spröden Lippen und schmeckte köstlich. Die Masse verteilte sich in ihrem Mund und erfüllte ihre Sinne, ohne den Löffel wahrzunehmen, der ihr dies schenkte. Einzig eine leichte Metallische Note erinnerte sie an den Gegenstand, der in einer Erinnerung ihr gereicht wurde, als sie einmal krank im Bett gelegen hatte.

Und da begriff sie. Sie begriff, dass sie war. Und sie war eine Gefangene in ihrem Körper. Die Fäden zogen sich zu einem dichter werdenden Netz. Sie spürte sich! Gewissermaßen... sie spürte den Geschmack, der sich auf ihrer Zunge befinden musste! Doch da wo dieser Muskelstrang sich befinden musste, war nichts. Doch immer mehr hatte Nova, hatte Deli, hatte das Mädchen das Gefühl ihre Welt aus Dunkelheit und Nichts zu durchbrechen. Dieser unendliche Raum bekam Grenzen und wurde gleichzeitig größer, indem sie ihren Körper darum herum begriff. Die Erinnerungen waren weniger zusammenhanglos, immer mehr erinnerte sie sich klar an Namen, Daten und Reihenfolgen. An Gefühle und Menschen und... Leben. Nicht die pure Existenz wie sie sie in ihrem grenzenlosen Raum aus Nichts und Allem als Geist verbracht hatte.
Sie war Delilah Tesséras, auch Nova genannt, Novizin an der Akademie des Lichts!

Sie war in Jorsa geboren, hatte ihr ganzes Leben dort verbracht, viele Menschen und andere Freunde an ihrer Seite. Ihre Großmutter, Rebecka, Fanja, ... jetzt erinnerte sie sich auch, was geschehen war.
Der Zauber musste schief gegangen sein. Oh nein... mögliche Folgen drängten sich in ihr Bewusstsein, die sie auswendig hatten lernen müssen. Wie töricht war Deli doch gewesen! Nova hatte sie die ganze Zeit auf die Gefahren aufmerksam machen wollen!
Delilah schüttelte gedanklich den Kopf. Ein stilles Seufzen drang durch die Dunkelheit. Hoffentlich hatte es wenigstens geholfen... dann wären die Folgen, die sie zu tragen hatte, wenigstens nicht umsonst gewesen. Würde sie je wieder aus diesem Zustand erwachen? Eine Frage, die der Novizin durch den Kopf ging und sie nicht mehr los ließ. Sie wusste nun wieder was los war, wusste oder vermutete ihren Zustand.
Vielleicht konnte sie ja von hier Innen aus dagegen ankämpfen? Jemand da draußen schien eindeutig eine Verbindung schlagen zu wollen und vielleicht konnte sie ihm oder ihr ja entgegen kommen. So könnten sie sich in der Mitte treffen...

„Wird sie wieder gesund werden?“
„Ich weiß es nicht … Sie kämpft noch unter der Oberfläche … Ich sehe sie, doch ich bekomme noch keinen Zugang zu ihr.“
„Ist es wie bei ...“
„Nein!“
„Verzeih. Ich meinte nur ...“
„Ich weiß was du gemeint hast … Ich … ich werde sie nicht aufgeben!“


Die Zeit bedeutete immer noch nichts. Delilah wusste nicht wie viel Zeit verging ehe die Polarlichter erneut am Himmel aufflammten. Dieses mal erkannte sie die Stimme und zog die Verbindung zu den letzten Gesprächen. Es war Graf Verano, der so selbstlos in das Haus des Schreckens getreten war und so gut er konnte im Kampf gegen Morgerias Hauch mithalf. Er hatte sie anscheinend zu sich genommen... er schien den Magiern an der Akademie zu grollen... es war doch nicht ihre Schuld! Sie allein... oder eher ihre zwei nun vereinten Selbst hatten die Katastrophe ausgelöst! Aber er wollte helfen... und so viel wie er schon erreicht hatte, schien es zu wirken. Doch dort draußen bemerkte man von den Fortschritten hier drin wohl nur wenig. Signore Verano ließ sich davon nicht abbringen. Sie musste ihn dabei unterstützen!
Doch so sehr sie auch gegen all das hier angekämpft hatte... sie fand keinen angreifbaren Punkt, keine Stelle an der sie hätte ansetzen können.
Sie stand wie so oft im flachen Wassers des dunklen Meeres. Sie hatte sich aus Gedanken hier drinnen einen Körper geschaffen, doch ihr Spiegelbild blieb ihr verwehrt... Die Wellen folgten ihrem Weg... zogen ihre Kreise auf der Oberfläche.

Musik erklang... wunderbare Klaviermelodien... wie oft hatte sie sich gewünscht solch ein Instrument beherrschen zu können!
Dieses Mal waren es nicht die Stimmen, die die Lichter brachten... es war die Melodie... und sie tanzte schöner denn je am Himmel... spiegelte sich im Wasser und warf Licht, berührte sie auf der erdachten Haut... wie gern hätte sie ihren wirklichen Körper gespürt, dessen Anwesenheit sie manchmal zu bemerken schien. Sie hörte, roch, schmeckte, dachte klar... wenn ihre anderen Sinne stark genutzt wurden überkam sie am stärksten das Gefühl, ihren Körper wieder zu spüren. Dann bannte sich ihr Bewusstsein nicht in die Gedanken-Hülle am Meer der Finsternis, sondern wollte sich ausbreiten in dem was ihr Körper war, ihr Kopf. Ihr Geist wollte sich mit ihren Nerven und Muskeln verbinden, doch da war nichts zu spüren.

"Sie spielen wunderschön, mein Herr."

Die Klänge erstarben nicht, sie malten weiter die Bilder auf die schwarze See.
"Es ist das einzige, was sie im Moment erreicht."


Mit aller Macht folgten sie den Tönen, klammerte sich daran, folgte den Strängen die die Verbindung nach außen bereiteten und fand zurück zu ihrem Körper... den sie immer noch nicht spürte. Doch sie genoß den Erfolg, ihren Geist allein zurück in ihren Kopf hatte bannen zu können. Sie hatte ihn fortzerren können von dem Meer aus Dunkelheit! Die Musik war ihr Anker und dann... blieb ihr Geist so ausgebreitet... eigentlich bereit, die Befehle zu geben und er gab sie! Doch schien es nicht so, als würden sie etwas bewirken können...

"Ahhh...", es klang wie ein Stöhnen. Keine Lichter am Himmel, denn es war kein Himmel, es war nur die Welt gewesen in die sich ihr Geist geflüchtet hatte! Doch dies war ihr Körper, ihr Geist und sie wollte ihn wieder kontrollieren! Und war dies nicht eben ihre Stimme gewesen? War dies nicht die Reaktion die sie erwünscht hatte? Sie schickte die Signale ins Leere, ins Nichts und doch schienen sie nun ihr Ziel zu erreichen!
Ihre Stimme klang nicht nur in ihren Gedanken, sie nahm den Umweg über ihre Ohren! Und das war ein gutes Gefühl. Delilah wollte lachen und tatsächlich perlten die vertrauten Laute über ihre Lippen. Sie hörte es.
Sie hörte... sie... sie konnte... endlich... ein Ausweg aus ihrem Gefängnis!? Eine Verbindung! Hoffentlich hörte sie jemand!
Die stille Verzweiflung, die sich in all der Zeit in ihrer Brust gesammelt hatte, bündelte sich in einem verzweifelten Laut. Ein Schrei.
IHR körperloser Schrei. Er dröhnte durch ihre stille Welt, sprengte ihre Verzweiflung und schürte gleichzeitig neues Entsetzen vor ihr selbst und diesem neuen Schicksal. Ein dumpfer Knall, wie von einem Stoß. Sie verstummte abrupt.
Würde sie jemals erwachen? Jemals ihren Körper fühlen? Sie wollte weinen, schluchzen... und hörte dies ein wenig später die Dunkelheit durchdringen. Sie war da! Hatte das jemand bemerkt? Oh, sie flehte zu allen Göttern, dass sie jemand gehört habe!
"Schhh ... Es ist gut ..."

Erlösung.
Sie wurde gehört, jemand wusste, dass sie da war. Eine Angst fiel von ihr ab, die sie schon lange still und heimlich begleitet hatte.
Was, wenn sie verschwand? Wenn niemand sie je wieder gefunden hätte? Sie für immer alleine gewesen wäre, hier in dieser Dunkelheit die Frieden vorgaukelte?
Hoffnung. Leise. Zögernd.
"Bitte... Bitte..."

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 28. Mai 2014, 18:37

War es gut gewesen, dass Nova und Delilah in ein und dem selben Körper lebten und ihre Geister sich getrennt und gestritten hatten? War es nicht besser, sich wider wie ein Ganzes zu fühlen?! JA!
Auch wenn der Preis hoch war, so war es dieser kleine Moment gewesen, der einem Mädchen Leben schenkte und einem Anderen neue Hoffnung für ihre Seele.
Delilah hatte während ihre Ausbildungszeit gelernt auf Nova zu hören, auf ihre sachlichen Anschauungen, die dem Gräuel der Welt Einhalt geboten und mit Wissen und Macht gegenüberstanden, doch gleichzeitig hatte sie auch etwas verloren. Delilah hatte ihre kleine "Deli" verloren, das Kind das das Leben liebte und jedem Wesen ihr strahlendstes Lächeln schenkte ohne etwas zurück zu fordern. Nova sorgte sich, überlegte, wog ab, aber Deli handelte. In jenem kleinen Moment, als Nova am schwächsten war, erschöpft vom Fluss des Lichts, übernahm die kleine "Deli" und erinnerte sie an die Chance, die sie erhalten hatte und die sie nun an die kleine Oliana weiter geben wollte. Eine Chance das Leben zu lieben!

Zurück im Leben

Der lange Kampf hinaus aus der Dunkelheit war noch nicht vorüber, aber es war ihr ein Seil aus Gerüchen, köstlichen Aromen und dann endlich den lang ersehnten Tönen entgegen geworfen worden. Delilah ergriff die zarte Verbindung zur Außenwelt und wollte sie nie wieder los lassen, denn ihr Seele wusste, dass sie schon vor den Toren des Totenreichs geweilt hatte, am Meer der verlorenen Seelen, am Strand der Einsamkeit.
Auch wenn der Graf leise gesprochen hatte, hörte Delilah jedes Knirschen seiner Kleidung - Leder, das leise Rascheln seines Hemdes - Seide, seine warme dunkle Stimme - Geborgenheit, die sie im Arm hielt, wo sie seine Arme nicht spüren konnte. Sie fühlte auch nicht, wie ihr Körper blind und taub reagierte, zuckte und willenlose Reaktionen zeigte. Sie hätte sich verletzt, wenn nicht große, sanfte aber auch bestimmte Hände sie gehalten hätten. Voller Panik, die Verbindung zur Außenwelt wieder zu verlieren, schlug sie um sich, ruderte mit den Armen und Beinen. Es waren sinnlose Bewegungen ohne Ziel, ohne Bewusstsein und sie spürte sie nicht. Sie hörte die Unruhe um sich herum und hörte seine beruhigende Stimme. Ihre Lippen formten die Worte:
"Bitte... Bitte..."
und sie hörte die kehligen Laute, die ihr das Sprechen noch erschwerten. Sie hörte, dass ihr Mund noch nicht ganz ihr gehörte, aber ihr verzweifelter Wille schon versuchte diese Brücke ins Leben aufrecht zu erhalten. Und sie bekam Antwort:
"Keine Sorge. Ich bin da ... und ich geh auch nicht weg. Beruhige ... dich. Versuche langsam zu atmen."
Sie spürte ihren Körper nicht, auch nicht ihren Atem, aber die Ruhe die in seiner Stimme lag schien zu wirken. Sie war nicht mehr allein. Da war jemand der ohne Zögern seine Hand in die Finsternis ausgestreckt hatte und sie ergriff. Verano ahnte, dass ihr das Sprechen noch schwer fiel, also redete er. Seine Worten kamen langsam mit Bedacht und führten ihren Geist an jeder einzelnen Silbe entlang. Er ließ ihr Zeit sich an die Töne zu gewöhnen, als könnte er sehen, wie schlecht es ihr ging und was sie brauchte. Wie konnte ein Fremder so einfühlsam mit ihr umgehen? Das Rascheln der vermuteten Decken des Bettes auf dem er sie gebettet hatte, wurde leiser.
"So ist es gut. Du bist wieder da. Noch nicht ganz, aber du hörst mich. Es ist schwer, aber ich helfe dir zurück zu kommen. Du kennst mich kaum, aber vielleicht erinnerst du dich ... Wir sind uns bei dem Bauernhof begegnet. Erinnerst du dich? Ich habe mich vorgestellt und du hast mich um Hilfe gebeten. Versuche meinen Namen zu sagen, wenn du dich erinnerst."
Nachdem ein paar gequälte Laute ihren Mund verlassen hatten, formte sich ein leises:
"Verano."
Die Laute die Delilah von sich gab, hörten sich noch verwaschen und gemurmelt an, aber um so sehr sie sich bemühte, um so klarer wurden sie, bis sie sie als ihre eigene Stimme wieder erkannte. Als würde er ihre Gedanken erraten, fuhr er fort:
"Du bist bei mir. Wir sind auf meinem Landsitz. Du musst dich wieder finden. Es wird dauern, aber ich bin da um dir zu helfen ... Nova. Nova, so hast du dich mir vorgestellt, weist du das noch?"
Irgendeine Reaktion oder Zeichen von ihr, ließ ihn seine Frage selbst beantworten:
"... ja. Du weißt es. Nova, das ist der Name, den sie dir gegeben haben. Du trägst auch noch einen anderen, einen mit dem du geboren worden bist. Ich kenne ihn, aber versuch ihn zu sagen. Für mich ... Bitte."
Wieder wartete er bis Delilahs Mund gesprochen hatte und ihre Ohren die Laute als ihre identifiziert hatten. Es war so anstrengend und schon kam die nächste Angst in ihr auf. Wenn sie einschlief, wenn die Träume sie wieder einholten, würde sie dann noch einmal die Kraft aufbringen, zu ihm hindurch zu dingen?
"Quäle dich nicht. Hab keine Angst. Entspanne dich. Ich werde für dich spielen, dann schläfst du besser."
Sie hörte seine Kleidungsstücke rascheln, Schritte wie sie sich entfernten und das Klappen von der Abdeckung eines Flügels. Dann erklangen wieder wunderschöne Melodien, die sie wie ein Rettungsboot an der Oberfläche ihres schwarzen Meers sanft schaukelten.

Delilah tauchte in der Dunkelheit ihrer Sinne, schwamm durch die Wellen ihrer Erinnerungen, als plötzlich etwas neues sie berührte. JA! Etwas berührte ihre Lippen. Sie fokussierte all ihre Aufmerksamkeit nur auf diesen Sinn, sodass alles andere in den Hintergrund rückte. Sie hatte zwar gehört, dass Verano sich neben sie gesetzt hatte, sie hatte ihn an seinem Gang erkannt, diese kleinen fast übermächtigen Details, wie und wo er zuerst die Stiefel aufsetzte, wie er abrollte, all das konnte sie unterscheiden, aber das war gerade nicht wichtig. Etwas berührte ihre Lippen. Es war kalt und bewegte sich. Erst in der Mitte ihrer Unterlippe, dann wanderte die Kälte zu ihrem linken Mundwinkel und reiste dort. Dann wanderte es zur Mitte ihrer Oberlippe und zu ihrem rechten Mundwinkel um jeweils dort zu kreisen und Funken aus Empfindungen gleich einem Sternen-regen in ihr dunkles Meer zu senden. Sie hörte ein leises erleichtertes Seufzen und konnte sich zwar kaum an Veranos Gesicht erinnern, doch konnte sie sich vorstellen, dass er lächelte. Der Sternen-regen auf ihren Lippen versiegte und wurde durch etwas warmes, weiches ersetzt. Der Druck war punktuell und lockte ein fürchterliches Kribbeln hervor, dass sie an eingeschlafene Füße erinnerte. Sie hörte ein leises unterdrücktes Lachen und malte sich aus, wie sie wohl aussehen mochte. War das sein Finger, der da ihre Lippen so sanft berührte, vorsichtig massierte? Das Streichen um ihren Mund wurde langsam größer und mit ihm wanderte auch das Kribbeln durch ihre Haut. Voller Faszination beobachtete sie aus ihrer Blindheit seine vorsichtigen Versuche ihren tauben Körper wieder zum Leben zu erwecken. Immer wenn er in die gefühllosen Bereiche ihrer Wangen vor stieß, anhand ihrer Reaktionen feststellte wo diese anfingen und wo endeten, wurde es eiskalt und kurz darauf wieder warm. Den Schock, den ihre Zellen durch diese Behandlung erlitten, das Feuerwerk aus tausend kleiner Stromstößen, wanderten über den Strand und malten Formen ihres Selbstbildes in den schwarzen Sand, auch wenn es nur ihr Mund war. Bald fühlte sie ihre Lippen wieder und das Sprechen wurde leichter. Es hörte es sich auch besser an. Dann hörte er auf und machte eine Pause, in der er wieder am Flügel spielte. Etwas knackte leise bevor die Melodie anhob. Die Töne klangen schwermütig und voller Leidenschaft zu ihr hinüber. Das Stück wurde von warmen Tiefen getragen und Melancholie.

Er hatte die Hände kurz zu Fäusten geballt, da sie von der Behandlung überreizt und unruhig waren. Verano saß an seinem schwarzen Flügel, auf dem nur eine einsame Kerze brannte. Seine Finger flogen kribbelnd über die Tasten und versuchten in diesem gewohnten, vertrauten Rhythmus Halt und Disziplin zu finden. Seine Gedanken wanderten jedoch immer wieder zu der Kindfrau, die kaum fünf Schritte hinter ihm dort still in ihrem Körper gefangen lag.
Delilah ... Du bist so jung! ... So unschuldig ... Dein Herz ist groß und rein ... Nicht wie meines. Du ... du bist eine Gefahr für mein Seelenheil ... und ich habe dich hinein gelassen. Ihr Götter, wer auch immer zuhören mag, steht mir bei!
Er wagte seine Gedanken nicht weiter zu führen. Konzentriert widmete er sich den Akkorden, den spielerischen Höhen, den tragenden Tiefen, bis sein Herz wieder in seinem gewohnten besonnenen Rhythmus schlug. Eine Gestalt stand am anderen Ende des Raumes und betrachtete die Szenerie. Sie war groß, fast so groß wie er, doch sehr viel dünner. Grazile lange Gliedmaßen waren unter langen engen Gewändern verborgen, die kaum Raum für Phantasie ließen. An ihren Füßen trug sie weiche Filzpantoffeln, damit man ihre Schritte nicht hörte. Doch nun hob sie ihren Arm und der Hausherr hob seinen Blick. Seine Augen verengten sich und er sah zu Delilah. Sie schien zu schlafen, also beendete er sein harmonisches Spiel und ging hinaus. Die Tür schloss sich hinter ihm, aber durch ihre sehr einseitigen Sinne konnte Delilah ein leises Gespräch belauschen.
"Ich habe dir gesagt, dass du diesen Flügel nicht mehr betreten sollst! Sie kann dich hören. Du könntest ihr schaden ..."
Seine Stimme klang verärgert und brach.
"Verzeiht, Herr. Ich ..."
"Nun bist du hier, also was willst du?"
"Ich wollte nur fragen, was ich zum Abendessen zubereiten soll?"
"Hm ... halte deine Neugierde im Zaum! ... Ich habe keine Ahnung, was sie gerne isst. Bisher hat sie alles gut vertragen. Geh nach unten! Ich komme später nach."
Die Person mit der Verano dort redete war weiblich und hatte eine angenehm klare Stimme, doch sie wirkte devot und auch etwas eingeschüchtert.
"Sehr wohl, Herr."
Eine kleine Weile war nichts als das Rauschen des Windes vor den Fenstern zu hören. Das Gebäude in dem Delilah sich befand musste alt sein, denn es ächzte und stöhnte. Unter dem Dach karrte das Gebälk, das Glas der Fenster klirrte manchmal, wenn eine Böe sie erfasste, Türen scharrten leise über den Boden, selbst die Wände schienen zu atmen und unter dem Boden lagen entfernte Welten vor ihren Sinnen verborgen. Dann näherten sich wieder Veranos vertrauten Schritte, öffneten die Tür und ihre Laken rauschten, als er neben ihr Platz nahm.
"Delilah ... Sag mir, hast du einen Wunsch? Was kann ich für dich tun? Was isst du gerne? Komm, versuch es mir zu sagen. Du musst das Sprechen üben."
Geduldig wartete er auf ihre Antwort. Solange die Lippen taub gewesen waren, war es schwer gewesen einen klaren Laut hervor zu bringen, doch jetzt fühlte es sich alles schon deutlich besser an. Ihre Sinne waren war noch immer hauptsächlich auf ihren Kopf beschränkt, aber Delilah konnte hoffen, dass dies kein endgültiger Zustand war.
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Mittwoch 28. Mai 2014, 21:57

Endlich hatte sie eine Verbindung, einen Strang an den sie sich mit all ihrer Macht klammerte. Die raumlose Welt, die sie sich in all der Dunkelheit geschaffen hatte verblasste und sie kehrte zurück in ihren Körper. Doch noch immer war er ihr fremd, wollte nicht gehorchen. Sie hatte jedoch nicht vor sich erneut zurück zu ziehen!
Mit eisernem Willen hielt sie an den Fäden fest, die langsam das Netz gesponnen hatten, an dem sie nun kletterte. Es gelang ihr nach verzerrten Lauten, verständliche Worte an ihr Ohr klingen zu lassen. "Bitte... bitte..." Ein Wort, das all ihre Verzweiflung ausdrückte. Bitte, lass mich nicht allein, geh nicht fort. Bitte, höre mich. Bitte, bleib bei mir. Bitte, ...
Und sie erhielt Antwort. Endlich. Endlich. Nach all der ewigen Stille, dem Schweigen der See. Nach all der Zeit in der sie nur Gesprächen hatte lauschen können. Nein! Diesesmal war sie es, die gesprochen hatte und Verano war es, der ihr antwortete.
Erst jetzt war sie sich vollkommen sicher, dass sie lebte.

"Keine Sorge. Ich bin da ... und ich geh auch nicht weg. Beruhige ... dich. Versuche langsam zu atmen."

Sie atmete? Das hatte sie nicht bemerkt... aber natürlich... sie musste ja atmen... mit jedem ruhigen Wort, das er mit ihr sprach, beruhigte sich ihre Seele und sie bemerkte, dass ihre Angst, sie könne sofort wieder die Verbindung verlieren im Moment unbegründet war.
Sie fühlte sich sicher hier in ihrem Kopf, weit entfernt vom stillen, schwarzen Meer... auch wenn sie noch immer die Wogen sah. Eben noch waren sie aufgepeitscht gewesen... doch nun zogen sie sanft ihre Kreise, versanken am Strand.
Sie fühlte sich geborgen. Er war ihr fremd und doch kümmerte er sich so einfühlsam und lieb um sie. Warum? Die Frage blieb, doch im Moment war sie einfach froh, DASS er es tat. Er musste ihr ganz nah sein, sie konnte seinen Atem hören, das Rascheln von Kleidung... seinen Herzschlag? Ihr kam ein Bild in den Sinn, wie er sie wiegte wie ein Kleinkind, das aus einem Albtraum erwacht ist. Und war sie das nicht auch?
Doch noch war der Albtraum nicht vorbei... aber allein war sie nicht mehr.

"So ist es gut. Du bist wieder da. Noch nicht ganz, aber du hörst mich. Es ist schwer, aber ich helfe dir zurück zu kommen. Du kennst mich kaum, aber vielleicht erinnerst du dich ... Wir sind uns bei dem Bauernhof begegnet. Erinnerst du dich? Ich habe mich vorgestellt und du hast mich um Hilfe gebeten. Versuche meinen Namen zu sagen, wenn du dich erinnerst."

Ja, sie erinnerte sich. Erinnerte sich an alles, denn erinnern war das Einzige gewesen, dass ihr in der letzten Zeit möglich gewesen war. Erinnern, hoffen und auf jedes einzelne Zeichen von draußen, auf jedes neue Polarlicht warten. Leon... er war auch hier gewesen, oder?
Und ihr Retter, ihr Anker. Das war Verano, der geheimnisvolle Verwandte ihres Mitschülers, der so plötzlich aus den Nebeln aufgetaucht war.
Würde sie es nocheinmal schaffen zu sprechen? Vorhin war es die reine Verzweiflung gewesen, die es ihr ermöglicht hatte, einzelne Laute zu Worten zu formen.
Sie schickte die Signale ins nirgendwo, doch diesesmal, konnte sie ihnen bis zu ihrem Ziel folgen. Sie wusste, dort irgendwo musste ihr Mund sein, doch noch immer spürte sie nichts. "...eh......a...oh..." Wäre sie Herrin über ihren Körper gewesen, hätte sie die Stirn gerunzelt. Das war nicht genug! Sie musste die Verbindung stärken, üben!
Es war anstrengend, sehr... doch sie schickte weiter ihre Signale. "Ve..ra....no.." Innerlich lächelte sie. Sie hatte es geschafft, erneut! Sie probierte es noch einmal und die Töne kamen flüssiger, doch noch immer verwaschen über ihre Lippen. Dieses mal war es aber mehr als nur ein Flüstern, ein Hauch. Es klang. Klang und erinnerte sie entfernt an ihre Stimme. "Vera..no."Jetzt hätte sie wirklich gerne gelacht. Ein Hochgefühl stieg in ihr auf. Ihr Gefängnis schien nicht mehr ausweglos! Es bekam Lücken und Löcher!
"Verano." Reinstes Glück klang in diesem einen Wort.

"Du bist bei mir. Wir sind auf meinem Landsitz. Du musst dich wieder finden. Es wird dauern, aber ich bin da um dir zu helfen ... Nova. Nova, so hast du dich mir vorgestellt, weist du das noch? ... ja. Du weißt es. Nova, das ist der Name, den sie dir gegeben haben. Du trägst auch noch einen anderen, einen mit dem du geboren worden bist. Ich kenne ihn, aber versuch ihn zu sagen. Für mich ... Bitte."

Sie wollte ihm gerne diesen Gefallen tun, ihrem Retter und Engel. Außerdem wäre es sicher schön wieder einmal ihren richtigen Namen zu hören. Nun da sie wieder eins war. Ein Ganzes und keine zwei Halbe. Ihre Lippen probierten das neue Wort. Das >d< fiel ihr schwer und so kam zuerst nur ein "...e-li-lah." hinaus. So sehr sie es auch versuchte, es klappte nicht richtig. Es war so anstrengend... und das nur bei dem Versuch ihren Namen auszusprechen. Angst kam in ihr auf. Was... wenn es nicht besser wurde? Wenn sie sich erneut in den Fluten verlor? Sie spürte aufkommende Müdigkeit und fürchtete sich doch vor der Dunkelheit, ihrem stillen Begleiter. Sie hatte so viel Kraft benötigt um jetzt hier ihre ersten Wortfetzen schicken zu können. Was, wenn sie diese nicht noch einmal aufbringen konnte? Sie hatte Angst. Angst vor der Dunkelheit, der Einsamkeit und der Stille.

"Quäle dich nicht. Hab keine Angst. Entspanne dich. Ich werde für dich spielen, dann schläfst du besser."

Und dann waren sie wieder da, die wundervollen Töne, die Melodien. Delilah kehrte nicht mehr an ihren Strand zurück, doch über sich sah sie die Meeresoberfläche. Sanfte Wellen, nicht mehr bedrohlich. Friedlich wurde sie fortgetragen.

Als sie erwachte, war es still. Kurz war Delilah orientierungslos in all dieser Schwärze. Dann nahm sie mehr war. Hörte, Rascheln, Knarzen von Dielen,Schritte. Roch, diesen ganz eigenen faszinierenden Duft, der von ihrem Retter und seinem Haus ausging. Sie konnte sich inzwischen einigermaßen in ihrem Kopf orientieren. Links und rechts mussten ihre Ohren sein, von da flossen die Töne in ihren Kopf. Sie musste wohl liegen, die blinden Augen nach oben gerichtet, sonst hätte sie einen Unterschied beim Hören gespürt. Ihre Nase war auch da, ein zweites Loch, das ihr Gefängnis spaltete.
Die Schritte kamen näher. Seine Schritte. Dann ein Rascheln, als er sich neben sie setzte, nicht weit entfernt von ihrem linken Ohr.
Dann plötzlich, ohne Vorwarnung, SPÜRTE sie etwas! Sie musste nicht raten, dass sich dort ihre Lippen befanden, nein, sie konnte sie spüren! Etwas berührte sie, eiskalt war es. Fasziniert folgte Delilah diesem Gefühl, wie es ihre Lippen entlang glitt. Sie konnte einen Teil ihres Körpers spüren! Sie kannte kein wundervolleres Gefühl in diesem Moment, nahm das eiskalte Kribbeln in Kauf und begrüßte es sogar wie einen alten Freund. Es würde ihr zeigen, wie sie den Weg fand zu diesen Lippen, sie würde kontrollieren können. Schon jetzt spürte Delilah unwillkürliches Zucken um ihre Mundwinkel. Eine Folge der Stimulierung. Aber vielleicht auch ihr Drang ein seliges Lächeln in die Welt zu schicken.
Dann verschwand die Kälte plötzlich und sie hörte ein leises, erleichtertes Seufzen. Verano. Ihr Retter. Ob er wohl lächelte? Wie sah er wohl aus, in diesem Moment? Was spiegelte sich in seinen bemerkenswerten Augen? Von seinem Gesicht war ihr fast nur noch das Bild von seinen Augen geblieben, die ständig die Farbe zu wechseln schienen. Das war ihr beinahe sofort aufgefallen oder eher... der kleinen Deli, die dieses Schauspiel begeistert beobachtet hatte, während Nova sich besorgt den Pflichten gewidmet hatte.
Etwas Neues löste die Kälte ab. Warm und weich, setzte es die Prozedur fort, ließ das Leben und das Gefühl zurück in ihren Körper gleiten.

Sie war selig. Sie konnte ihre Lippen spüren! So ganz und gar, nicht nur ein Schatten in der Erinnerung. Kein Abbild von dem, was sein sollte. Es war wahr und wahrhaftig!
Sie konnte schon viel besser sprechen, auch wenn es immer noch Kraft kostete Worte zu formen.
Kurz hatten sie sich unterhalten, Delilah hatte geantwortet, so gut es ihr gelang. Zum Ende hin hatte sie genau spüren können, dass sich ihre Mundwinkel bewegt hatten. Ihr Lächeln war nach außen gedrungen, zusammen mit all ihrer Hoffnung. Doch sicherlich war es immer noch nur ein schwaches Abbild ihres Strahlens.
Jetzt wurde sie wieder von Klängen des Flügels getragen und sie war kurz davor einzuschlafen als... die Musik plötzlich verklang. Die Stille trieb ihr die Angst ins Herz und schlagartig war sie wieder wach. Sie hörte, wie sich Verano vom Flügel entfernte. Durch ihr Gehör hatte sie sich eine Art "Bild" von dem Raum machen können, in dem sie lag. Sie konnte einschätzen, wo der Flügel stehen musste und wo die Tür war. Auch, von wo Verano den Stuhl holte, mit dem er sich manchmal neben ihr Bett setzte.
Und jetzt ging er eindeutig auf die Tür zu, doch seine Schritte klangen anders als sonst. Bemührt ruhig, doch an der Art wie er aufsetzte war etwas anderes... es schien unterdrückte Wut zu sein. Dann klappte leise die Tür und wenig später hörte sie ein Gespräch.

"Ich habe dir gesagt, dass du diesen Flügel nicht mehr betreten sollst! Sie kann dich hören. Du könntest ihr schaden ..."

Seine Stimme klang verärgert und brach.
"Verzeiht, Herr. Ich ..."
"Nun bist du hier, also was willst du?"
"Ich wollte nur fragen, was ich zum Abendessen zubereiten soll?"
"Hm ... halte deine Neugierde im Zaum! ... Ich habe keine Ahnung, was sie gerne isst. Bisher hat sie alles gut vertragen. Geh nach unten! Ich komme später nach."

Die Person mit der Verano dort redete war weiblich und hatte eine angenehm klare Stimme, doch sie wirkte devot und auch etwas eingeschüchtert.
"Sehr wohl, Herr."

Delilah war erschüttert. Wie konnte ihr Engel so mit der armen Frau sprechen? Zu ihr war er immer sanft, einfühlsam... aber eben hatte er eine ganz andere Seite gezeigt. Ihr Herz flatterte wie ein gefangener Vogel. Was hatte es mit diesem anderen Verano auf sich?
Das erste Mal machte sie sich Gedanken um seine Intention hinter seiner Hilfsbereitschaft. Warum tat er das alles für sie?

Eine kleine Weile war nichts als das Rauschen des Windes vor den Fenstern zu hören. Das Gebäude in dem Delilah sich befand musste alt sein, denn es ächzte und stöhnte. Unter dem Dach karrte das Gebälk, das Glas der Fenster klirrte manchmal, wenn eine Böe sie erfasste, Türen scharrten leise über den Boden, selbst die Wände schienen zu atmen und unter dem Boden lagen entfernte Welten vor ihren Sinnen verborgen. Dann näherten sich wieder Veranos vertrauten Schritte, öffneten die Tür und ihre Laken rauschten, als er neben ihr Platz nahm.

"Delilah ... Sag mir, hast du einen Wunsch? Was kann ich für dich tun? Was isst du gerne? Komm, versuch es mir zu sagen. Du musst das Sprechen üben."

Wieder war er der, den sie kannte. Der sanfte Retter mit der warmen Stimme. Sie wollte sprechen, aber ihr war nicht danach ihren Essenswunsch zu äußern, nur damit die verschüchterte Frau es ihr zubereitete.
"...wer... war ... die Frau? Warum... wart ...ihr so streng... mit ihr...?"

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 29. Mai 2014, 11:12

Einen Moment lang war es still und Delilah hätte sicher einiges gegeben um das Gesicht des Grafen auf ihre Frage hin sehen zu können. Doch sein Zögern verriet fast genauso viel und als er dann leise zu ihr sprach, klang etwas unterdrücktes unter der Oberfläche seiner Worte mit.
„Sie ist meine Dienerin und hat meine Anweisungen missachtet. Da muss ich streng sein, sie … erwartet es so von mir. Du musst deine Kräfte schonen und dich nicht um sie sorgen … auch wenn ich erstaunt und … fasziniert... „
„Erwartet.“Das war sein Wortlaut gewesen. Seine Stimme hatte sich bei diesem Teil kaum merklich gehoben. Außerdem klang es so, als hätte er statt „fasziniert“ ursprünglich ein anderes Wort verwenden wollen und im letzten Augenblick es noch ausgetauscht. Dieser Mann verbarg so vieles und doch klang nichts von dem was er sagte nach Lüge.
„... sehr fasziniert davon bin, dass du es tust.“
Wieder berührte etwas kaltes ihre Wange und kurz darauf fühlte sie die warmen kreisenden Berührungen auf der Haut. Stück für Stück breitete sich das verwirrende Kribbeln weiter in ihrem Gesicht aus.
„Es ist etwas besonderes … DU bist etwas besonders, dass du so empfindest. Es ist nicht selbstverständlich und eine kostbare Eigenschaft. Nur wenige sorgen sich in diesen Zeiten ehrlich und wahrhaftig um einen anderen Menschen.“
Verbitterung schwang einen Moment in seiner Stimme, dann war sie wieder wie fortgeweht.
„Delilah, … ich muss dir vielleicht weh tun.“
Für einen Herzschlag lang drohte eine Welle der Angst sie wieder hinab in die Tiefen zu reißen. Nein sie wusste nichts von diesem Mann und seinen Motiven. Die Tatsache, dass sie ihm in seinem Haus auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war, ließ sie nachdenklich werden. Trotz allem half er ihr.
„Ich meine, deine Behandlung wird vielleicht nicht ganz angenehm werden. Du wirst vielleicht eine Weile Schmerzen haben. Wirst du es aushalten? Ich werde so vorsichtig sein, wie mir möglich ist, das verspreche ich dir.“
Er machte weiter. Erst kam das brennende Eis und dann die löschende Wärme. Seine Fingerspitzen maskierten sanft ihre Schläfen.
„Bitte … tu mir den Gefallen und sprich mit „du“ an. Ich möchte für dich nur Verano sein. Sonst nichts. Du beginnst dich zu fürchten, das brauchst du nicht. Die … Situation, das alles … es muss verstörend für dich sein. Ich will dir wirklich nur helfen. Wenn du etwas nicht ertragen kannst, werde ich es nicht von dir fordern. Du wirst dich selbst besser kennen lernen. Du bist stark, stärker als du weißt.“
Während er sprach, wechselte immer wieder das Gefühl auf ihrer Haut. Mal fühlte sie sich roh, fast wund und brüchig an, mal warm, fest und weich. Es war der Wechsel der Extreme, der die tauben Knospen ihrer Nerven weckte. Am Anfang tat es immer weh, aber Verano verstand den Schmerz zu kontrollieren und aus ihm erwachte das Leben, das in tief verborgen in Delilah schlummerte. Es war seltsam. Sie fühlte fast schon wieder ihr ganzes Gesicht, doch die Knochen darunter waren noch taub und wie nicht vorhanden, als trüge sie ein hohles Abbild ihrer Selbst, als sei sie nur eine Maske ohne Gesicht, die einsam an den schwarzen Stränden im Sand lag. Vielleicht stellte sie sich die Frage, wie er die Nerven in der Tiefe erreichen wollte? Wie würde er ihr Herz, ihre Organe wieder zum Leben erwecken? Doch ein Schritt nach dem anderen. Darüber konnte sie sich auch noch später Gedanken machen.
„Also …“
Seine Stimme holte sie aus ihren Gedanken.
„Was willst du essen?“
Es klang unnachgiebig und doch klang sein Lächeln mit. Delilah fühlte keinen Hunger, keinen Durst, aber sicher musste sie etwas zu sich nehmen, wenn sie gesunden wollte. Die Logik gebot es und Verano würde wohl kaum locker lassen, da er sich in den Kopf gesetzt hatte diese junge Frau aus den Fallen der Magie zu retten.
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Donnerstag 29. Mai 2014, 14:50

Seine Dienerin...natürlich, er war ja ein Graf. Er ging so vertraut und leicht mit ihr um, dass sie das oft vergaß. Aber trotzdem... die Härte in seiner Stimme als er mit ihr gesprochen hatte... und was meinte er damit, dass sie es... erwartete?
„Es ist etwas besonderes … DU bist etwas besonders, dass du so empfindest. Es ist nicht selbstverständlich und eine kostbare Eigenschaft. Nur wenige sorgen sich in diesen Zeiten ehrlich und wahrhaftig um einen anderen Menschen.“
Delilah verstand nicht genau, was er damit meinte. Sie kannte Viele, die sich ebenso wie sie auch um andere Menschen kümmerten. Alleine in der Akademie gab es viele, die sich ganz dem Heilen verschrieben hatten... Ihre Gedanken schweiften kurz davon. Wusste man dort, dass sie hier war? Vielleicht war jemand hier gewesen und sie hatte es in ihrer dunklen Welt nur nicht erreicht? Leon war schließlich auch hier gewesen, oder?
Die Akademie... wie war es dort wohl im Moment? Der Hauch... war er ausgebrochen? Hatte er sich verbreitet? Delilah packte die Angst... Moma... was war mit ihrer Großmutter? Das Bild von Resa trat klar und deutlich durch die Dunkelheit, ihre gütigen Augen, ihr Lächeln... und Delilah packte eine schreckliche Sehnsucht nach ihr. Wie gern hätte sie ihre Großmutter ebenfalls hier an ihrer Seite gehabt, jetzt wo sie so gefangen war. Außerdem hatte sie Angst um sie... was wenn die Seuche ausgebrochen war? Ihre Großmutter... was wenn...? Sie dachte nicht weiter, aber über ihre Lippen kam ein Krächzen. Sie musste es wissen!
"Der Hauch...ist er...?"



„Delilah, … ich muss dir vielleicht weh tun.“
Für einen Herzschlag lang drohte eine Welle der Angst sie wieder hinab in die Tiefen zu reißen. Nein sie wusste nichts von diesem Mann und seinen Motiven. Die Tatsache, dass sie ihm in seinem Haus auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war, ließ sie nachdenklich werden. Trotz allem half er ihr.
Sie war eine Gefangene in ihrem Körper...
„Ich meine, deine Behandlung wird vielleicht nicht ganz angenehm werden. Du wirst vielleicht eine Weile Schmerzen haben. Wirst du es aushalten? Ich werde so vorsichtig sein, wie mir möglich ist, das verspreche ich dir. Bitte … tu mir den Gefallen und sprich mit „du“ an. Ich möchte für dich nur Verano sein. Sonst nichts. Du beginnst dich zu fürchten, das brauchst du nicht. Die … Situation, das alles … es muss verstörend für dich sein. Ich will dir wirklich nur helfen. Wenn du etwas nicht ertragen kannst, werde ich es nicht von dir fordern. Du wirst dich selbst besser kennen lernen. Du bist stark, stärker als du weißt.“
Die innere Anspannung löste sich ein wenig. Im Moment hatte sie keine andere Möglichkeit als ihm zu vertrauen. Außerdem hatte er bisher nichts getan, was ihr geschadet hätte. "Ich... werde... es aushalten."
Die Prozedur war tatsächlich zwischendurch schmerzhaft, aber Delilah begrüßte den Schmerz sogar. Er zeigte ihr mit jedem Stich einen neuen Teil ihres Körpers, ihres Gesichts. Der Abdruck wurde tiefer, sie nahm wieder ihre Züge war, wenn auch nur oberflächlich. Darunter war immer noch alles schwarz und taub. Wann und wie würde sie dort wieder etwas fühlen können?
Delilah spürte ihre Schläfen, ihre Stirn... Angst kroch in ihr Herz. Die Dunkelheit war immer noch da... ob sie ihre Augen öffnen konnte? Waren sie überhaupt geschlossen? Sie wollte sehen, wollte Licht... denn das Schlimmste an ihrem Gefängnis war die alles umfassende Dunkelheit.
Als hätte Verano ihre Angst bemerkt, durchschnitt seine Stimme ihre Panik.
„Also …“
„Was willst du essen?“
Das Mädchen versuchte sich zu beruhigen. Sie ... sie hatte ja... hatte ja schließlich anfangs auch weder hören, noch riechen, noch schmecken können... hatte nichts gespürt... und all das war zurück gekehrt... nicht wahr? Später... sie würde es später probieren...
Sie versuchte sich mit dem Gedanken an essen abzulenken. Was wollte sie essen?
Sie hatte keinerlei Zeitgefühl, wusste nicht wie viel Zeit vergangen war. "Ich... hättet ihr... hättest du einen Apfel für mich?"
Sie bemekte, wie das ihr Reden flüssiger wurde und für den Moment freute sie sich über diesen Erfolg.

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 29. Mai 2014, 21:05

Veranos Lächelndes Gesicht blieb ihr verborgen, aber inzwischen konnte sie es fast schon sicher in seiner Stimme hören.
„Natürlich. Einen Moment ...“
Er stand auf und verließ den Raum. Die tosende Stille die seine Abwesenheit zurück ließ, war fast unerträglich. Solange er da war, hatte Delilah einen Anker, einen festen Punkt auf den sich ihre Sinne fast automatisch richteten. War er jedoch nicht da, flossen ihre Sinne auseinander wie schmelzendes Eis in der Sommersonne. Überall hörte sie kleine Geräusche. Sie lausche wie sich seine Schritte entfernten, draußen vor dem Fenster sang ein Vogel, irgendwo ging eine Tür, Holz knackte leise im Knistern eines unsichtbaren Feuers, der Wind sang sein Lied und das Rascheln ihrer eigenen Kleidung war so laut, dass sie sich manchmal am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Dann waren da noch die Gerüche, die von überall auf sie einströmten. Wann immer Verano den Raum betrat oder verließ, mischten sich neue Aromen in die Komposition dieses Zimmers. Jetzt gerade roch sie noch vor allem Verano. Er duftete nach dem feinem gewachsen Leder, seiner Stiefel, nach Seide und seine Haut … Wenn er seine Hand an ihre Wange führte, roch sie seinen schweren Duft nach Sandelholz, Amber und eine Spur von männlichem Moschus. Er roch fast wie eine Pflanze, wie ein Baum im Saft seines Lebens, wenn die Sonne seine Rinde wärmte. Jetzt da er den Raum verlassen hatte, verflüchtigten sich diese Gerüche und feinere tauchten am Rande ihrer Wahrnehmung auf. Irgendwo musste ein Fenster einen Spalt geöffnet sein. Delilah roch die Feuchtigkeit von feinem Nebel, Gras und Kräutern. Aber auch das Haus an sich bot jede Menge Abwechslung für ihre überempfindlichen Sinne. Niemals hatte sie Staub so intensiv gerochen, obwohl es hier sicher nicht dreckig sein dürfte. Wenn der Wind die Vorhänge am Fenster bewegte, trug er ihren Samtigen Geruch zu ihr in dem sich der Charakter des Hauses über die Jahre gesammelt hatte und wohl nie ganz verschwinden würde, egal wie häufig man sie wusch. Irgendwo mussten Blumen sein, vielleicht eine Vase auf dem Flur? Das Holz des Flügels wurde wohl regelmäßig mit einer Politur aus Bienenwachs und noch etwas anderem, was sie nicht zuordnen konnte poliert. Es duftete süßlich und auch ein wenig scharf, aber nur so leicht, dass es vermutlich ein Hund genauer definieren hätte können. Und dann war da noch ihr eigener Geruch. Mit einigem sich sicher sofort einstellendem Unwohlsein musste Delilah feststellen, dass sie sich selbst riechen konnte und das nicht zu wenig! Zwar roch sie auch nach einer unbekannten Seife, aber da waren leider auch andere Noten die sicher einen Abort benötigten. Mit einem Schlag stürzten alle möglichen Gedanken auf sie ein. Wie lange lag sie schon hier? Sie konnte ihren Körper nicht kontrollieren! Wer hatte sie sauber gemacht? Die einfachsten und notwendigsten Dinge waren plötzlich in den Vordergrund gerückt.
Schritte näherten sich und die Tür wurde geöffnet. Sie erkannte sofort seine Schritte. Sie roch das zarte süßliche Aroma von reifen Äpfeln und noch etwas sahnigem. An den Bewegungen ihres Gesichts und dem Rascheln der Laken konnte sie wahrnehmen, dass er sich wieder zu ihr setzte.
„Bevor ich dir deinen Wunsch erfülle, möchte ich etwas probieren. Mach den Mund auf. Nicht erschrecken.“
Fast automatisch folgte Delilah seinen Aufforderungen. Plötzlich brannte ihre Zunge vor Kälte. Das Gefühl wanderte an ihre Zähne und ließ sie unwillkürlich zusammen zucken. Als Kind hatte sie auch unter Zahnschmerzen gelitten und das kam diesem Gefühl gefährlich nahe. Durch den Schmerz konnte sie kaum noch an irgendetwas anderes denken. Dann wurde es wieder warm in ihrem Mund und für einen kurzen Moment saugte sie kräftig an seinem Finger. Sie merkte es erst an seinem Atemrhythmus dass irgendetwas sich veränderte, dann ging es in ein Lachen über und er entspannte sich wieder. Ihr Mundraum fühlte sich unglaublich lebendig an. Wie ein Säugling der sich selbst erfuhr, rollte sie ihre Zunge und fühlte sie nun auch wieder. Jetzt war das Sprechen auch wieder ganz klar und deutlich möglich. Sie schmeckte Wasser in ihrem Mund und kurz darauf berührte etwas ihre Lippen.
„Aufmachen, langsam kauen und dann schlucken.“
Dann kam ein kleines Stück Apfel. Die Aromen waren schon wunderbar, aber zusammen mit der harten Oberfläche aus Millionen kleiner Bläschen, die beim Beißen zerplatzen und ihren Saft frei gaben, war es eine Explosion der Sinnlichkeit. Delilah spürte seinen Finger wie er über ihre Lippen strich um etwas Saft zu entfernen. Ihre kleine Deli hätte am liebsten nach ihm geschnappt, so gut wie er roch. Ihre Sinne gierten nach mehr und endlich fühlte sie auch wieder ihren Speichel im Mund zusammen laufen. Ja, sie musste Hunger haben! Auch wenn ihr Magen noch keine Reize sandte, so waren die übrigen Reaktionen doch klar zu erkennen.
„Mehr?“
Schon näherte sich erneut der süße Duft. Stückchen für Stückchen fütterte Verano das junge Täubchen, dass immer wieder gierig seinen „Schnabel“ aufriss, bis er meinte, dass es erst einmal reichen würde.
„Das war gut. Wir warten jetzt ein Weilchen, dann werde ich deine äußere Hülle weiter verstärken.“
So wie er das formulierte, musste sie ja „durchsichtig“ vorkommen. Er erklärte weiter seine Gedanken:
„Du brauchst erst mal eine äußere Hülle … wenn wir zu früh in die Tiefe gehen, bist du zu … verletzlich. Eins nach dem anderen. Es nützen keine Organe, wenn du das Gefühl hast, sie könnten jederzeit aus dir heraus fallen. Vielleicht sollte ich mit deinen Händen weitermachen, aber dann sind sie getrennt vom Rest. Könnte verwirrend sein. Hm … “
Diese Vorstellung war nun wieder weniger schön, doch woher wusste Verano so viel über ihren Zustand? Immer mehr Fragen türmten sich in ihrem Kopf auf. Er stand auf, stellte irgendwo einen Teller ab und ging wieder zum Flügel. Leise tanzten wieder die Melodien durch den Raum. Das half ihm genauso wie ihr beim Nachdenken.
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Freitag 30. Mai 2014, 21:58

Es war erstaunlich, wie stark ihre Sinne alles aufnahmen, jede noch so feine Noten zu deuten wussten. Ihre Einschränkung eröffnete ihr gleichzeitig ganz neue Wege. Doch während sie ihre Umgebung mit ihren neuen Sinnen zu begreifen begann, machte sie sich auch Gedanken um Vergangenes.
Verano hatte nicht auf ihre Frage geantwortet... der schwarze Vogel in ihrer Brust spreizte seine Flügel. Warum hatte er nicht geantwortet? Welche Wahrheit wollte er vor ihr verbergen? Unwissenheit hatte sie immer als weitaus schlimmer empfunden. Wusste eigentlich ihre Moma, dass sie hier war? Sie würde sich schreckliche Sorgen machen...
Doch immer wenn sich solch ein Gedanke auftat, wurde die Neugeborene von etwas anderem abgelenkt. Von einem Geräusch, einem Duft oder einem sanften Luftzug den sie auf ihrem Gesicht spüren konnte. Und ehe sie es sich's versah, ehe sie es wollte, waren die Gedanken verschwunden, weiter getragen wie eine Feder vom Wind. Sie verstand es noch nicht ihre Gedanken wieder lange auf etwas zu fokussieren.
Nur wenn Veranos Melodien sie umhertrugen, hatte sie das Gefühl, dass alles funktionierte und ihr ihre Gedanken nicht so schnell zwischen den Fingern hindurch glitten. Als würden die Töne ein Netz um sie spannen, dass ihr zuerst dabei geholfen hatte zurück in ihren Kopf zu finden und nun ihren Kopf in Ordnung zu halten.
Hatte sie nicht eben noch Angst gehabt? Aber wovor? Schon wusste sie es nicht mehr, sondern fragte sich,woher der leichte Duft von Blumen wohl herrührte. Kam er von draußen? Oder standen doch ein paar Schnittblumen irgendwo im Haus?
Ebenso schnell wie die Gedanken an Zuhause, geliebte vermisste Menschen, den Hauch und Tod verschwunden waren, kamen und gingen die Fragen um ihren Körper. Sie roch es. Verband und verknüpfte, dass jemand ihr bei diesen einfachsten Dingen helfen musste. Doch wer? Allgemein war ihr der Gedanke, dass sie solche Hilfe benötigte, sehr unangenehm. Sie kam sich so hilflos vor... so nutzlos.
Sollte sie nicht eigentlich draußen sein in Jorsa und helfen? Wobei nochmal helfen...? Oliane... der Hauch!
Da kam Verano herein und sein Duft und das Lächeln, das sie in der Luft vibrieren zu spüren glaubte, vertrieben die Gedanken sofort. Er hatte einen ganz eigenen, natürlichen Duft... rochen andere Menschen auch so? Hatte sie sich je Gedanken darum gemacht? Meist hatten Menschen früher wohl nur "gut" oder "schlecht" für sie gerochen... aber nun... hatte sich ihre Sichtweise um einiges geändert.
Sichtweise... wie gerne würde sie ihn einmal sehen...
Da spürte sie, dass er sich neben sie setzte und der Geruch von Apfel war überwältigend. Ein winziges Lächeln trat auf ihre Lippen, ein kleiner Bruder seines Vorgängers nur.

Ihr war, als hätte sie nie etwas Köstlicheres geschmeckt. Beim jedem Bissen, der die kleinen Blasen zum Zerplatzen brachte, stürzten diese wundervollen Aromen auf sie ein. Ein plötzlicher Gegensatz zu dem schmerzhaften und eiskalten Sturm der kurz zuvor noch in ihrem Mundraum gewütet hatte.
Doch nun war es ihr auch wieder möglich klar zu sprechen. Jeder Fortschritt machte ihr Mut, dass sie nicht auf immer würde hier in ihrem persönlichen Gefängnis liegen müssen, ohne Kontrolle über sich selbst.

„Das war gut. Wir warten jetzt ein Weilchen, dann werde ich deine äußere Hülle weiter verstärken.“
Nun, da sie sich nicht mehr vor jedem Wort sammeln musste um die nötige Energie aufzubringen, kamen die Fragen wie von selbst über ihre Lippen.
"Wie machst du das...? Wie funktioniert es?"

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Samstag 31. Mai 2014, 10:19

Die Melodie, die unter Veranos langen Fingern entstand, sie floss weiter dahin, doch die Antwort ließ ein paar lange Atemzüge auf sich warten. Dann schien er sich durchgerungen zu haben, doch seine Stimme klang eine Tonart tiefer als sonst, genau wie die Stimmungen des Stücks, was er gerade zu spielen begann.
Klavierstück
Es klang als hätte er schon länger auf diesen Moment gewartet.
„Delilah, ich ... Ich kann dir nicht antworten. Ich werde dir auch in Zukunft nicht alle deine Fragen beantworten. Bitte versuche mich zu verstehen. Manche Dinge kann man erklären, andere nicht. Diese Frage verlangt eine Antwort die ich dir nicht geben kann, … da ich es selbst nicht genau weiß. Ich kann es und ich hoffe das genügt dir. Ich weiß, dass es viel verlangt ist, mir nicht nur sprichwörtlich blind zu vertrauen und würdest du mich, den „Grafen“, besser kennen, würdest du es sicher nicht tun. Doch ich kann dir helfen. Ich erwarte dafür nur eins.“
Da war also der Haken. Delilah spürte, wie sich die Haut ihrer Wangen spannte. Die Muskeln darunter pressten sich die Kiefer unwillkürlich aufeinander.
„Ich erwarte, dass du meine Geheimnisse respektierst. Ich habe dich hier her gebracht, in mein Reich, damit du deine Chance bekommst zu heilen. Dafür erwarte ich nur, dass du alles was du hier über mich erfährst, alles was du glaubst über mich zu wissen, für dich behältst. Du bist neugierig, was an sich nichts schlechtes ist, aber … Neugierde kann auch gefährlich sein, schmerzlich wenn man dadurch Dinge erfährt, die man besser nie gewusst hätte. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich werde dir kein Leid … ich werde dir nichts tun, was nicht notwendig ist. Du hast gesagt, du wirst den Schmerz ertragen und ich kann dir nur so viel sagen, dass ich dir Schmerzen bereiten werde. Aber wenn du ihn annimmst, kannst du wachsen und deine Mächte neu ranken lassen.“
Die Melodie war schwer und doch stark. Sie veränderte sich mit seiner Stimmung. Sie war schön und schwermütig, düster und doch voller Harmonien. Was mochte dieser Graf wohl vor der Welt verbergen? Was machte sein Herz so schwer, dass seine Musik zu ihr sprach, wo seine Lippen schwiegen?
„Du sorgst dich in einem fort. Ich … kann es sehen.“
Im Gefängnis ihres Körpers, war es nur ihr Geist der frei war und fliegen konnte wohin es ihr beliebte.
„Ich kann dir deine Sorgen nicht nehmen. Seit dem du bei mir bist, seid dem wir hier sind, habe ich nichts mehr von der Welt dort draußen herein kommen lassen was dich stören könnte. „Morgerias Hauch“, die Schrecken des Lebens müssen warten, bis du genesen bist. Die Nebel verbergen Licht und Schatten. Wenn dein Licht durch die Schatten ranken kann, wirst du gehen. Solange … bist du bei mir sicher.“
Die letzten Töne klangen wieder weicher, doch auch bestimmt. Dann folgte Stille.

Verano Milagros der Erste, Graf von Weißenfels zu Rugta hatte eine Weile den Raum verlassen und Delilah ihren Gedanken überlassen. Sie hatte ihn als strahlenden Helden auf dem Marktplatz, hilfsbereiten Ritter, als starken Mann der zupacken konnte, als ihren selbstlosen Heiler und nun als mysteriösen Grafen kennen gelernt und doch wusste sie nichts über ihn. Er hatte Ecken und Kanten, war ein Mann mit einer Vergangenheit, nicht wie sein jüngerer Verwandter Leon, den sie an der Akademie kennen gelernt hatte. Seine Worte ließen Dunkelheit vermuten, wo es vielleicht unhöflich wäre ihn zu fragen, doch andererseits, durfte nicht sie als einzige hinter seine Schale blicken? Sie die nackt vor ihm lag und unter seinen Händen jeden Tag ein wenig neu geboren wurde? Er formte sie nicht, er hob sie aus der Dunkelheit. Er berührte ihre rohe Seele wo es keine Grenzen, keine Barrieren, keine Haut als Schutz gab. Gab ihr das nicht das Recht auch ihn gleichermaßen zu berühren, ihn kennen lernen zu wollen? Er gab ihr so viel und verlangte dafür nur ihre Diskretion.

Delilah musste eingeschlafen sein, denn als sie nun erwachte zuckte sie leicht zusammen.
Sie fühlte ein leichtes Schaukeln ihres Gesichtes, dass auf Bewegung schließen ließ. Dann hörte sie eine unbekannte Stimme nahe an ihrem Ohr. Sie klang gehetzt und eilig. Sie erkannte sie als die der Dienerin, die sie vor einiger Zeit auf dem Flur gehört hatte.
„Signorita, bitte … wenn sie mich hören … Sie müssen gehen! Sobald sie können, müssen sie gehen! Sie dürfen nicht hier sein! … „
Ihr starker Akzent ließ Delilah vermuten, dass sie nicht aus der Gegend stammte. Irgendwo ging eine Tür.
„Ich kann nicht bleiben, lassen sie los!“
Delilah hatte nicht gewusst, dass sie sie festhielt, doch der Ruck der durch ihren Körper ging und auch ihr Gesicht erschütterte, ließ vermuten, dass die Dienerin sich gerade los gerissen hatte. Dann hörte sie nur noch das leise Rascheln der Filzpantoffeln auf dem dicken Teppich. Die Tür schloss sich leise. Weiter weg erklangen die Stiefelschritte des Hausherren und bald darauf betrat Verano den Raum.
„Können wir weitermachen?“
Er zögerte, als betrachtete er sie.
„Alles in Ordnung?“
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Samstag 31. Mai 2014, 12:35

Er war gegangen... hatte sie allein gelassen mit der Stille, der alles umfassenden Dunkelheit und ihren Fragen, ihrer Angst.
Da war er wieder gewesen... dieser fremde Verano, der Düstere und Geheimnisvolle. Der Verano, der mit scharfer Stimme seine Dienerin zum Schweigen brachte und der Verano von dem Brit nur mit einem warnenden Funkeln in den Augen sprach. Der Verano... der ihr Angst einflöste.
Sie hatte ihn in den letzten... Tagen, Wochen... Monaten (?) ... nur als sanften Retter, verständnisvollen Helfer kennengelernt. Sie hatte gelernt ihm zu vertrauen, obwohl sich mancheinmal ein Zweifel in ihre Gedanken flocht. Doch nun wurden diese Zweifel größer, gewannen an Stärke und durchflochten das Netz aus zartem Vertrauen so stark, dass es zerriss.
Wie sollte sie ihm vertrauen können, egal wie sehr es sich wünschte, wenn er so viel vor ihr verbarg? War es nicht er selbst gewesen, der gesagt hatte, dass sie würde sie ihn besser kennen, ihm nicht mehr vertrauen würde? Angst durchfloss ihre Seele, Angst vor diesem Fremden, den sie langsam kennenzulernen geglaubt hatte. Wer war er?
Warum durfte sie keine Fragen stellen? Was war es, dass er vor ihr und dem Rest der Welt zu verbergen suchte?
Sie selbst lag vor ihm ausgebreitet wie eine Karte, die er nur zu lesen brauchte und er hatte anscheinend noch andere Wege um das zu tun. Wie oft hatte sie das Gefühl er wüsste mehr über ihren momentanen Zustand als sie selbst? Hundert und ein weiteres Mal war es gewesen...
Er brauchte nur mit dem Finger über eine der dort aufgezeichneten Linien streichen und ihm taten sich viele weitere Wege und Informationen auf.
Er jedoch, wollte ein Buch bleiben, dass sicher mit einem großen Schloss versperrt in einem sicheren Versteck verweilte.
War das ein fairer Tausch für all die Hilfe, die er ihr gab? Er meinte sie wäre sicher bei ihm. Sicher vor allem, was dort draußen wütete. War sie auch sicher vor ihm? Konnte sie seinem Wort trauen?
Fragen über Fragen türmten sich in ihrem dunklen Geist auf, bis sie über ihr zusammenstürzten und sie in einen unruhigen Schlaf warfen...


Sie schlich durch die dunklen Gänge der Akademie, genoß den weichen Teppich unter ihren Füßen, denn ihre weißen Pantoffeln hatte sie in die Hand genommen. Summend und singend lief sie durch die Gänge, hier war sie sicher, hier würde sie lernen, hier war sie frei alles zu werden was sie wollte. Da entedckte sie Brit und sie schwenkte die Hand mit ihren Pantoffeln zum Gruß. "Hal...", setzte Delilah an, doch dann sah sie den Ausdruck auf Brits Gesicht. Die Freundin kam mit bersorgter, ja fast verzweifelter Miene auf sie zu, packte sie an den Schultern und schüttelte sie.
Erschrocken zuckte die Novizin zusammen. "Aber Brit!", rief sie aus. Doch ihre Freundin schüttelte sie weiter. Warum tat sie das? Dann redete sie mit eindringlicher Stimme auf Delilah ein.
„Signorita, bitte … wenn sie mich hören … Sie müssen gehen! Sobald sie können, müssen sie gehen! Sie dürfen nicht hier sein! …"
Das war nicht Brits Stimme. Das war nicht Brit... und plötzlich war alles dunkel.
Sie spürte ihren Körper nicht mehr, versuchte ihre Augen zu öffnen, doch die Dunkelheit blieb. Wo war sie?
Das war... die Stimme der Dienerin... plötzlich stürzten die Eindrücke und Erinnerungen wieder auf sie ein. Veranos Haus, Oliane, das Licht, die Dunkelheit... seine letzten Worte zu ihr. Und jetzt warnte seine Dienerin sie eindringlich, dass sie gehen musste.
"Aber... ich kann nicht!", kam es verzweifelt über Delilahs Lippen. "Sagt mir doch wie!"
„Ich kann nicht bleiben, lassen sie los!“ Loslassen? Wer hielt sie denn? Sie konnte ja nicht..., doch dann spürte sie einen Ruck durch ihren Körper gehen, dessen Auswirkungen sie in ihrer Gesichtsregion noch spüren konnte. Die Dienerin hatte sie losgerissen... von ihr? Sie hatte sie festgehalten? Wie konnte das sein? Sie konnte doch ihren Körper gar nicht bewegen! Oder doch? Konnte sie Signale senden und spürte nur die Auswirkungen nicht?
Sie hörte wie die Dienerin schon beinahe floh, wie andere Schritte näher kamen.
Wie gerne hätte sie das auch getan... wie gerne wäre sie auch geflohen. Aus diesem Gefängnis aus Dunkelheit und einem großen Anteil an Nichts. Sie fühlte sich so sehr gefangen wie schon lange nicht mehr. Seit den Tagen am dunklen Meer war sie nicht mehr so verzweifelt gewesen. Sie wollte fort! Fort aus diesem Körper, fort aus diesem Haus! Die Warnung der Fremden klang ihr noch in den Ohren, während sie schon Verano näher kommen hörte. War sie bis vor kurzem diesem Geräusch noch mit allen ihren Sinnen entgegengeeilt, so wollte sie sich jetzt eigentlich nur noch zurückziehen, sich so weit von ihm entfernen, wie es ihr möglich war.
„Können wir weitermachen?“
Als nun seine wundervolle Stimme neben ihr erklang, weckte sie nur Angst in ihr. Am liebsten wäre sie fortgelaufen vor dieser Stimme. Doch ihr Körper gehorchte nicht. Da spürte sie, wie sich ihr Gesicht von ihm wegdrehte. Sie bemerkte es an der Verlagerung des Gewichts. Hatte sie das ausgelöst? Gedanken, Zweifel, Verwirrungen, Ängste sammelten sich in ihr und wirbelten wild durcheinander.
„Alles in Ordnung?“
Nein, das war es nicht... aber was hätte sie schon sagen sollen? Wie hätte sie ihre Zweifel und Ängste ausdrücken sollen? Und wollte sie das gegenüber dem Auslöser eben jener überhaupt? Vermutlich nicht... also schwieg sie.

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Montag 2. Juni 2014, 20:37

Nachdem Delilah ihm nicht antwortete, setzte er sich zu ihr und fragte noch einmal leiser:
„Alles in Ordnung? Ist irgendetwas passiert? Du …“
Seine Hand strich sanft, beschützend über den Haaransatz an ihrer Stirn.
„Du hast Angst. Angst … vor mir.“
Plötzlich war er aufgestanden und lief im Zimmer umher, als suchte er etwas, dann schien er fündig geworden zu sein, denn seine Wut darüber ließ ihm ein kleines leises Fluchen ausstoßen, bevor er sich wieder im Griff hatte.
„... Diese neugierige kleine … Ich hatte ihr verboten hier ...“
Dann war es still und Delilah hörte nur seinen gepressten Atem, der sich langsam in ihre Richtung wandte. Seine Schritte wieder näher, aber er setzte sich nicht zu ihr. Er stand vor ihr.
„Sie war hier, nicht wahr? Sie … sie will alles … sie will ... zerstören“
Ohne dass es einer Antwort bedurfte, wusste Delilah, dass sie nichts vor ihm verbergen konnte.
„Was hat sie dir gesagt? Hat sie dir Angst gemacht? Hat sie dir etwas angetan?“
Seine Stimme zitterte von unterdrückter Wut, aber auch vor Sorge um sie. Etwas unterhalb der Position wo sich sein Kopf befinden musste, knackte es leise, so als wenn er seine Fäuste ballen würde. Delilah hatte noch nicht den dicken Klos in ihrem Hals überwunden, als er weiter sprach.
„Du hast Angst … es … es tut mir leid.“
Seine Stimme wurde sanfter und etwas schlug hart auf dem Boden neben ihren Bett auf. Sie fühlte wie das Bett sich leicht bewegte, seine Stimmte plötzlich von deutlich tiefer her kam und leicht verwaschen durch das Laken klang. Er war vor ihrem Lager auf die Knie gegangen. Sein Kopf musste in der Nähe ihrer Hand sein.
„Verzeih mir, ich muss dir vorkommen wie ein unendlich dummer, alter, vergrämter Narr! Ich … verlange von dir Vertrauen und … und bin es nicht gewöhnt, dass jemand versucht mich kennen zu lernen und ich denke, ich glaube, dass möchtest du wirklich, auch wenn ich nicht weiß warum. Ich habe es dir verweigert und jetzt …“
Er schluckte eine Welle der Traurigkeit hinunter.
„Es ist nicht wichtig. Du hast ihr zugehört, ihr geglaubt, was auch immer sie gesagt hat. Es ist nicht mehr wichtig. Du glaubst mir nicht mehr. Du fürchtest dich vor dem, was du nicht begreifen kannst und lauschst lieber den Einflüsterungen von jemanden, denn du noch weniger kennst. …“
Es raschelte neben ihr. Eine kleine Bewegung, keine Reize was er tat und doch war da plötzlich Wärme auf ihrem Handrücken. Dann war alles wieder fort.
„… immer gleich.“
Seine Stimme war eine ganze Oktave in die Tiefe gerutscht, fast nur noch ein Hauch und er konnte einfach nicht die tiefe Enttäuschung verbergen, die sich hinter jedem Ton versteckte. Dann richtete er sich ein Stück auf und auch seine Stimme wurde wieder fester:
„Keine Sorge, ich habe dir ein Versprechen gegeben. Ich werde alles tun was in meiner Macht steht um dich gesund zu machen. Auch … wenn es jetzt schwerer werden wird ...“
Damit wollte er sich erheben, doch etwas … jemand … Delilah schien ihn noch festzuhalten, ohne es bewusst zu fühlen. Sie spürte seinen Blick auf sich, sein stilles Zögern.
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Montag 2. Juni 2014, 22:37

Delilah erschrak vor seiner Berührung, doch die ehrliche Sorge in seiner Stimme berührte sie.
Er war doch ihr Beschützer... ihr Retter, der sie aus der Dunkelheit hob. Aber da war dieses andere, dieses Unbekannte, das ihr immer noch solche Angst einflößte. Dieser Mann hatte zwei Seiten, von denen sie keine wirklich kannte.
„Du hast Angst. Angst … vor mir.“
Doch als sie den Schock in seiner Stimme hörte, die Enttäuschung und Traurigkeit... da tat es ihr unendlich leid, ihm durch ihre Angst solche Schmerzen zugefügt zu haben. Doch was sollte sie glauben... wem, wenn er doch nicht klar mit ihr sprach!
Dann kam die Wut... diese unbändige Wut, die sie gar nicht an ihm kannte und die Angst kehrte mit einem Schlag zurück, als sich sein Zorn so deutlich äußerte.
„Sie war hier, nicht wahr? Sie … sie will alles … sie will ... zerstören... Was hat sie dir gesagt? Hat sie dir Angst gemacht? Hat sie dir etwas angetan?“
War die Frau etwa gefährlich? Was war hier los...? Neue Zweifel, neue Fragen... Was sollte sie glauben... und wem? Wenn er aber auch gar nichts preisgeben wollte!
Die Wut schwoll noch immer in seiner Stimme. Wut, Zorn, Enttäuschung, ...
Schon immer was Delilahs innerstes Wesen vor solchen Gefühlen geflohen und auch jetzt duckte sich ihr Geist unter den wütenden Worten. Sie hätte sich wieder ganz ihren Zweifeln und Ängsten hingegeben, wäre da nicht diese Sorge in seiner Stimme gewesen... dieser verletzte Ton, der sie aufhorchen ließ.
„Du hast Angst … es … es tut mir leid.“

Das Geräusch wie er aufschlug als er neben ihr auf die Knie fiel, dröhnte laut in Delilahs empfindlichen Ohren und hallte noch lange nach.
Ihr Engel war gefallen... war gebrochen. Das was ihr früher immer so leicht gefallen war, tat sie auch jetzt...
Sie folte ihrem Gefühl und warf die Zweifel für den Moment über Bord. Ein kleiner Teil, wohl der aus dem sich Nova gebildet hatte, protestierte gegen dieses unvorsichtige Verhalten.
„Verzeih mir, ich muss dir vorkommen wie ein unendlich dummer, alter, vergrämter Narr! Ich … verlange von dir Vertrauen und … und bin es nicht gewöhnt, dass jemand versucht mich kennen zu lernen und ich denke, ich glaube, dass möchtest du wirklich, auch wenn ich nicht weiß warum. Ich habe es dir verweigert und jetzt … Es ist nicht wichtig. Du hast ihr zugehört, ihr geglaubt, was auch immer sie gesagt hat. Es ist nicht mehr wichtig. Du glaubst mir nicht mehr. Du fürchtest dich vor dem, was du nicht begreifen kannst und lauschst lieber den Einflüsterungen von jemanden, den du noch weniger kennst. …“
Nein... im Gegenteil. Im Moment war er für sie ein kleines Kind, das man in die Arme nehmen und trösten wollte. Sie wollte ihm übers Haar streichen und ihm sagen, dass doch alles gut sei. Sie hatte eine Vermutung. Verlangte er nach Vertrauen, weil er es sonst nie anders bekam? Ihr Vertrauen hatte er sich erarbeitet gehabt... mit seinen sanften Worten, den helfenden Händen, der Geduld und Ruhe.
Nur hatte er das mit wenigen Worten zunichte gemacht. Er sollte vorsichtiger mit Geschenken umgehen, dachte Delilah bei sich.
Doch sie hörte die Traurigkeit in seiner Stimme... und sie wollte ihm glauben. Ihrem Retter, ihrem Engel.
„Keine Sorge, ich habe dir ein Versprechen gegeben. Ich werde alles tun was in meiner Macht steht um dich gesund zu machen. Auch … wenn es jetzt schwerer werden wird ...“
Sie spürte, dass er gehen wollte und eine Welle der Panik erfasste sie. Nein!
So sollte er nicht fortgehen! Sie hatte noch nicht alles gesagt!
"Du hast recht... ich kenne sie nicht... aber ich kenne auch dich nicht, weil du mich nicht lässt...!"
Sie schwieg einen Augenblick, sammelte die Worte aus der Luft.
"Ich will dir ja vertrauen... aber da sind so viele offene Fragen. Verano, die Ungewissheit macht mich verrückt! Die Fragen kreisen in meinem Kopf... ich kann nichts anderes als denken... Bitte... Lass mich doch nicht mehr im ..--Dunkeln..." Sie stockte bei dem Wort, ihre Stimme brach... es zerschnitt ihr Herz, man spürte dass sie diese ewige Finsternis mehr quälte als manch anderes... dann holte sie Luft und sprach weiter. "... als ich es sowieso schon bin..." Ihre Lippen zitterten.
"Warum bin ich hier, warum nicht in der Akademie? Weiß meine Großmutter, dass ich lebe? Wie steht es um die Stadt, die Bürger? Oliane... konnte ich ihr helfen? ... werde ich je irgendwann wieder sehen können?" Wie eine Flut sprudelten die Fragen aus ihrem Mund, immer mehr... als hätten sie sich lange dort aufgestaut nur um jetzt kein Halten mehr zu kennen. Dann trat wieder einen Moment der Stille ein.
"Du willst mich vor all dem schützen... aber das geht nicht! Ganz einfach, weil es IN mir ist... all die Sorgen... sie verschwinden nicht, weil man darüber schweigt... sie werden nur größer und sähen Zweifel...Bitte..."
Damit schien alles gesagt, doch dann kam noch eine letzte, leise Frage.
"Wer bist du?"

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Dienstag 3. Juni 2014, 09:35

Er sagte nichts. Er rührte sich nicht. Kein Geräusch ließ vermuten, dass er noch da war. Er atmete nicht, doch dann hörte sie einen tiefen Seufzer. Langsam, fast zu vorsichtig, näherte er sich wieder ihrem Bett. Er zögerte, dann hörte sie Rascheln. Sie wurde bewegt. Es dauerte einen Moment, biss sie entschlüsseln konnte was er tat, doch dann ahnte sie an seinem gleichmäßigem Atem, dass auch seine Position sich verändert hatte. Mit langsamen fließenden Bewegungen hatte er sie ein Stück weit von der Bettkante fort geschoben, tiefer hinein in die seidenen Fluten, die sein Bett bedeuteten. Sanft hatte er sie wieder zugedeckt und sich dann neben sie gebettet. Komplett bekleidet, denn sie hörte das leise knarren seiner Stiefel, der ledernen Kleidung, das Rauschen seines Hemdes. Sie roch seinen natürlichen Duft, spürte die Wärme seines Körpers nah an ihrer Wange. Ein paar Atemzüge lang schien er sich zu sammeln. Vielleicht hatte auch er einiges zu bedenken.
„Delilah ...“
Er schluckte.
„Vertraue mir ein letztes Mal. Es wird nicht lange weh tun.“
Es war als stünde sie am Strand ihrer Insel, die ihr Gesicht in den Sand gezeichnet hatte und blickte hinaus auf das Meer der Dunkelheit wo plötzlich, fernab jeder Verbindung, ein Eisberg sich unter stechender Kälte erhob. Scharfkantige Kristalle erhoben sich aus den Fluten und formten ihre Finger. Es gab wohl verschieden empfindsame Körperstellen. Wo ihre Lippen, ihr Mundraum ihr die Tränen in die Augen getrieben hatte, da waren ihre Fingerspitzen nicht weniger empfindlich. Das hatte er gemeint, dass er systematisch vorgehen wollte, damit sie sich als „eins“ fühlen sollte. Doch jetzt brach er seine eigene Regel und erweckte die Empfindungen ihrer Hand. Dann kam endlich die Wärme, die den Schmerz linderte, die ihn fort strich und sie fest hielt. Delilah fühlte sich, als sei sie an zwei Orten gleichzeitig, zerrissen und verwirrend trugen sie ihre Wahrnehmung stetig hin und her.
„Entschuldige... Das hier... das tue ich für mich, damit du besser… verstehst.“
Als er fertig war, fühlte sie ganz deutlich seine warme Hand in ihrer. Die fernen Muskeln die die Hand bewegen sollten, hatten keine Kontrolle, doch Delilah spürte das unkontrollierte zucken. Er nahm ihre Hand und legte sie an seine Wange nah am Ohr. Zarte Bartstoppeln kitzelten ihre Handfläche. Er hatte wohl vergessen sich zu rasieren. Er führte sie über seine Augen, Stirn, Nase, die weichen Wangen hinunter, an das starke Kinn, dann zu seinen Lippen, die kurz und anbetend ihre Haut liebkosten. Dann war das Gefühl wieder weg und ein neuer Eindruck erschien. Es raschelte und dann lag ihre Hand auf seiner blanken Brust. Glatte Haut, harte Muskulatur unter der ein starkes Herz schlug.
„Ich bin ...“
Seine Hand legte sich über ihre, sodass sein Herzschlag fast das einzige war, was sie noch fühlte.
„Ich bin dein Diener! Du bist Herr über mein Handeln, so wie ich … noch eine Weile, Herr über deinen Körper sein werde. Du musst mir sagen, was ich tun soll, damit es funktioniert. Ich gehöre dir, solange du willst, tue was du willst, wann du es willst.“
Sein Herz schlug ruhig und regelmäßig und Delilah begann vielleicht zu ahnen, wie ernst es ihm war. Auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, so hatten ihre Sinne sein Gesicht in ihren Geist geprägt. Jetzt schlug sein Herz unter der spiegelnden Oberfläche ihres Meeres und weiche Wellen seines Pulses brandeten an ihre Küste.
„Ich kann dir deine Angst nicht nehmen, so gern ich es würde. Ich kann dir nur das sagen, was ich weiß und das ist nicht viel. Als wir vom Hof fort ritten, fragte ich mich die ganze Zeit, wie weit „Morgerias Hauch“ schon durch das Land gezogen ist und wie schnell er sich von Mensch zu Mensch verbreitet. Ich dachte an die Menschen in der Stadt, die so nah beieinander leben, dass eine Ausbreitung sie in nur wenigen Tagen alle dahin raffen könnte. Ich dachte … an Leon. An die Akademie, in die ich dich bringen wollte, an die Leben die ich gefährden würde, wenn ich dich dort hin bringe. Delilah, DU hast bei dem Mädchen gelegen, dass den Fluch in sich trägt. Kurz vor Jorsa begann ich zu zögern. Wenn du, wenn wir, Träger dieser abscheulichen Krankheit sind, dann dürften wir nicht in die Stadt und jene die uns etwas bedeuten in Gefahr bringen. Also machte ich kehrt und brachte dich her, an den einsamsten Ort der mir einfiehl. Die Kräuter die Nahaki mir für uns gegeben hat scheinen zu wirken. Niemand ist krank geworden, seit dem du hier bist, aber ich weiß nicht was sich in der Stadt tut. Leon war einmal hier. Ich habe ihm einen Brief für Magus Unus mitgegeben, in dem ich ihm mitteilte, dass du zurück kommst, sobald du genesen bist und die Vorgänge auf dem Hof dargelegt. Alles weitere liegt nun in den Händen des Akademieleiters.“
Der Bass seiner warmen Stimme brachte seinen Brustkorb zum vibrieren, während er sprach.
„Ich weiß weder etwas von deiner Großmutter, noch von sonst irgendjemand. Ich weiß aber, dass ich dich … gesund machen kann, damit du es selbst heraus finden kannst. Mehr kann ich dir nicht sagen.“
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Freitag 6. Juni 2014, 19:58

Delilah hatte Antworten gewollt. Hatte Vertrauen gewollt. Doch mit seinen nächsten Handlungen erschütterte er dieses nur umso mehr, auch wenn er es vielleicht nicht beabsichtigt hatte.
Sie hatte Verano gesagt, dass sie ihm vertrauen wollte und das war die Wahrheit. Doch was er nun tat, ließ ihre Angst so hoch aufflammen, wie vorher noch kein einziges mal.
Er hatte sich einfach zu ihr gelegt!
Sie lag mit einem Mann in einem Bett!
Sie war im Haushalt ihrer Großmutter aufgewachsen, war erzogen worden nach den Sitten ihrer Zeit.
Sie war vielleicht eine sehr offene Persönlichkeit, aber was nun geschah, war ihr nicht recht. Seine Nähe bereitete ihr nicht mehr das Gefühl von Schutz und Ruhe, in dieser Intensität wurde sie ihr unangenehm. Sie fühlte sich stark bedrängt. Denn obwohl sie Verano bewunderte und auch mochte, war es nicht diese Nähe, die sie bei ihm suchte. Das hier wurde ihr zu intim, so viel Nähe wollte sie nicht.
„Vertraue mir ein letztes Mal. Es wird nicht lange weh tun.“
Das Gefühl, dass sie ihm ausgeliefert war zuckte erneut wie ein Blitz durch ihren Körper. Angst türmte sich in riesigen Wellen in ihr auf. Doch er erweckte nur ihre Hand zum Leben.
Scharf schoss der Schmerz in ihre dunkle Welt, erhob eine neue Insel aus dem Meer und übermannte für einen Moment alles andere. Ein starkes Stechen dort, wo sich ihre Fingerspitzen befanden, das hinauf wanderte bis zu ihrem Handgelenk.
Sie war eins... sie war zwei. Hier und dort, dort und hier. Zwischen ihrer Hand und ihrem Gesicht war... nichts. Es war als würde sie etwas spüren, dass weit von ihrem Körper entfernt war. Ihre Sinne kreisten zwischen den Standorten, ehe sie sich ein wenig an den Zustand gewöhnen konnte. Es war als hinge ihre Hand an einem Seil, dass keine Signale an ihren Kopf sandte. Ihr Arm war für sie noch immer nicht existent und dieses zwiegespaltene Gefühl... war mehr als beunruhigend.
Noch immer wirbelte die Angst in ihr, doch dann spürte sie, dass er ihre Hand nur über seine Gesichtszüge wandern ließ und sie beruhigte sich ein wenig. Die Nähe war ihr immer noch unangenehm, es war als könnte sie seine Wärme spüren und das war ihr definitiv ZU nah, doch die Faszination bannte sie einen Augenblick in diesen Zustand. Klar bildeten sich seine Züge unter ihren Finger, brannten sich in ihre schwarze Welt und hinterließen ein Bild der besonderen Art. Auf diese Weise hatte sie noch nie... gesehen. Seine Wangen, sein Kinn... doch dann... seine Lippen. Was tat er da?! Scharf sog sie die Luft ein, zwischen ihren Augen bildete sich eine tiefe Falte. Dann verschwand das Gefühl und sie war froh darüber, hoffte dass er nun von ihr abrücken würde.
Dann lag ihre Hand auf seiner Brust. Ihre überstrapazierten Nerven sandten ihr viele verwirrende Signale. Stark spürte sie sein Herz unter ihren Finger schlagen und sie hatte das Gefühl, sie hätte sich verbrannt. WAS TAT ER DA?!
Sie wollte ihre Hand fortnehmen wie von einer Flamme, die sie biss, doch ihre Muskeln reagierten nicht, zuckten nur unwillkürlich unter dem Rhythmus seines Herzschlages. Diener? Er sprach wirr! „Ich möchte dich nicht zum Diener!“, ihre Stimme klang schon beinahe hart, man hörte den Zorn, der sich über die letzten Augenblicke angesammelt hatte. „... du verstehst MICH immer noch nicht!“ Sie atmete durch, versuchte ihre Stimme wieder zu beruhigen und tatsächlich sprach sie leiser, doch noch immer bebten ihre Worte. Sie wollte nicht über ihn herrschen, wollte nicht beherrscht werden. "Ich möchte dich zum Freund! Ich möchte dich kennenlernen, dir vertrauen können... aber nicht... nicht SO!" Sie versuchte erneut ihre Hand fortzuziehen, ein klägliches Zucken ihrer Finger war die Antwort. "Bitte... lass mich los, Verano."


Sie lauschte seinen Erklärungen, langsam begann alles mehr Sinn zu machen. Es tat ihrer aufgewühlten Seele gut, etwas Licht in all die Dunkelheit geschickt zu bekommen, dass der Nebel sich langsam zu lichten begann.
Ihre Stimme wurde weich, klang befreit. „Danke, dass du endlich mit mir geredet hast... mehr wollte ich doch gar nicht... nur ein wenig Licht und Klarheit..." Noch immer verwirrte sie ihre entfernte Empfindung, dort wo ihre Fingerspitzen das Laken berührten.
Hoffnung lag in ihrer Stimme, als sie weitersprach. Erleichterung und... Sehnsucht.
„Leon wird Moma benachrichtigen... oder Brit, vermutlich zuerst Brit, er weiß wie viel sie mir beide bedeuten....“, sie stieß leicht die Luft aus.
„Ich hab euer Gespräch gehört... ganz am Anfang.“ Sie sprach ganz leise.
Die Erinnerung klang klar in ihrem schwarzen Reich wieder, mehr als erinnern blieb ihr oftmals nicht übrig. Erinnern und durch ihre neugewonnenen Sinne die Umwelt erfahren.
Doch diese Erinnerung begrub sie lieber, schob sie fort... denn etwas schwang stets darin mit. Ein leiser Schmerz.

„Interessiert sie dich so sehr?“
„Nein, das nicht …“


Damals hatte sie nicht verstanden... doch jetzt stach es.. irgendwo dort, wo wohl ihr Herz saß.

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 11. Juni 2014, 19:57

„Ich möchte dich nicht zum Diener! ... du verstehst MICH immer noch nicht! Ich möchte dich zum Freund! Ich möchte dich kennenlernen, dir vertrauen können... aber nicht... nicht SO!"
Nicht WIE? Ich tue ihr nichts! Nichts was sie verletzen könnte, warum hat sie solche Angst?
Sie versuchte erneut ihre Hand fortzuziehen, ein klägliches Zucken ihrer Finger war die einzige Antwort.
"Bitte... lass mich los, Verano."
Sie lauschte weiter seinen Worten, als er ihre Hand zurück in die Laken legte. Danach war sie erleichtert.
„Danke, dass du endlich mit mir geredet hast... mehr wollte ich doch gar nicht... nur ein wenig Licht und Klarheit... Leon wird Moma benachrichtigen... oder Brit, vermutlich zuerst Brit, er weiß wie viel sie mir beide bedeuten....“
Beide?
Sie stieß leicht die Luft aus und Verano zuckte leicht zusammen.
Oh bitte ihr Götter, lasst diesen Kelch an mir ...
„Ich hab euer Gespräch gehört... ganz am Anfang.“
Sie sprach ganz leise, denn die Erinnerung an Leons Worte stachen in ihr Herz.
Auch wenn sie ihn nicht sah, so ruhte doch Veranos Blick auf ihr.
„Interessiert sie dich so sehr?“
„Nein, das nicht …“

Warum hatte Leon das gesagt? Interessierte er sich wirklich nicht für sie? War er nicht während ihrer Schulzeit immer für sie da gewesen? Oder bedeutete die Frage etwas anderes? Waren die beiden Brüder, Konkurrenten, beides, Vater und Sohn oder Onkel und Neffe? Inwiefern waren sie Verwandte? Deli wusste nichts von dem Verhältnis zwischen den beiden. Warum stach es in ihr Herz, wenn sie an Leons Worte dachte? Sie hörte das Rascheln wieder neben sich und dann seine langsamen, schweren Schritte zum nahen Sessel.
Wieso beide? Sie hat eine Großmutter und wen noch? Meint sie … Leon?

Was sie nicht sah und auch nicht ahnen konnte, stand in sein aristokratisch, gerades Gesicht geschrieben. Die schmale, gerade Nase ruhte über zusammen gepressten Lippen. Es kostete ihn größte Überwindung, denn ein Kampf tobte in ihm und allein die Tatsache, dass er sich entfernte, zeigte dass er Herr über seinen Hunger war, Herr über seine Begierden und Gelüste … so andersartig sie auch waren. Er hatte sie angesehen, als sie die Erleichterung erfüllte und ihr Atem sein Gesicht streifte. Warm und zart nach Apfel duftend hatte sie sein Inneres berührt. Sie ahnte nicht, welche Qualen er litt, welchen Zwängen er nicht nachgeben dufte. Dann hatte sie Leon erwähnt und ihre Stimmung hatte sich verändert. War ihr Herz schon vergeben? An LEON? Verano presste die Zähne aufeinander. Sein eigen Fleisch und Blut … Dann beruhigte er sich und ließ sich in die Polster fallen. Sein Blick ruhte auf der Kindfrau in seinem Bett. Ihre Unschuld, ihre Reinheit, ja selbst ihre Abwehr betörten ihn, wo er sonst nur maßlose Gier und den Wunsch nach Erfüllung sah.
Nein, ich habe kein Recht auf sie! Ich habe ihr nichts als Leid zu geben! … Ich kann ihr helfen, doch dann wird sie wie alle sein … Wie alle, die meine Gegenwart gekostet haben. Ich DARF sie nicht verderben! Ich bin das Unglück das sie sehend machen könnte, doch zu welchem Preis? Nein!
„Ich … Ich kann nicht.“
Das war das einige was er zu ihr sagte und dann verließ er fast fluchtartig den Raum. Die Tür fiel ein wenig zu heftig ins Schloss. Schwer atmend ließ er sich an der gegenüberliegenden Wand hinab gleiten. Der kühle Stein der dicken Mauern kühlte seinen erhitzten Körper. Wild hingen ihm Strähnen seines Haares ins Gesicht.
Irgendwie muss ich das überstehen. Ich habe ihr mein Wort gegeben! Ich muss ihr doch helfen können, ohne sie … VERFLUCHT!
Wut entlud sich in einem Schlag, der in den Boden ging. Eine Weile saß er noch da und lauschte auf die Stille. Sein ganzes Leben lang hatte er seine Sinne für die Frauen eingesetzt und nun plötzlich verdammten sie ihn selbst dafür in Form der Reinheit und Unschuld in Person. War das der Preis, den er zu zahlen hatte? Hatte er einen Gott erzürnt in dem er seinen Fluch, seine Gabe für etwas … lukratives genutzt hatte? Seine Finger krallten sich in den dicken Läufer, der den langen Gang bedeckte. Schon einmal hatte ihn sein Schicksal auf die Probe gestellt und damals war alles schief gegangen. Dieses Mal wollte er alles anders und an diesem Menschenkind wieder gut machen, was ihn an Schuldgefühlen bis heute verfolgte. Sofern sie ihn ließ und dies schien gerade unmöglich.
Warum ist Vertrauen immer so wichtig? Sonst kommen sie zu mir um sich selbst zu vergessen und sehen in meinem Gesicht nur ihr eigenes Verlangen. Vertrauen! Wenn ich ihr gebe, was sie verlangt, dann werde ich ihr nicht helfen können und wenn ich ihr helfe, so wie ich es kann, dann wird sie es nicht zulassen, da sie Vertrauen möchte. Ach diese FRAUEN!
Wutschnaubend erhob er sich mit einem Ruck und stapfte davon. Er brauchte Ruhe. Ruhe und Nahrung um den stetigen Hunger in seine Schranken zu weisen.
Ich brauche Zeit zum Nachdenken!

Delilah war allein. Was war da eben passiert? Er hatte sich geöffnet, hatte mit ihr gesprochen und war dann so unvermittelt gegangen. War er aufgebracht, wütend? Hatte sie etwas falsches gesagt oder getan? Nein sie konnte doch nichts tun. Sie war doch das Opfer, oder? Er hatte nicht wütend geklungen, aber sehr beherrscht, fast monoton. Dann war die Tür zugefallen und sie hatte den Luftzug an ihrer Wange gefühlt. Warum floh er regelrecht vor ihr? Warum stellte er sich nicht ihren Fragen? Was hatte er zu verbergen? Waren seine Geheimnisse so schlimm, dass sie ihm nicht vertrauen durfte? Würden sie sie in den Abgrund reißen? Ja, Deli hatte Angst. Delilah auch und selbst Nova zweifelte, was auch kein Wunder war aus ihrer Sicht. Alles in ihr, was nun wieder zusammen gefügt war war verwirrt und unsicher. Deli erinnerte sich an eine längst vergangene Zeit ihrer Kindheit, die eigentlich noch gar nicht so lange her war. Sie war immer ein fröhliches Mädchen gewesen. Sie erinnerte sich an einen Strauß Blumen für ihre Moma und an deren Duft in der warmen Sonne. Sie erinnerte sich an den alten Mann der so traurig ausgesehen hatte. Sie hatte sich einfach neben ihn gesetzt, voller Vertrauen und ihm eine Blume und ihr Lächeln geschenkt. Lange hatte er geschwiegen und dann hatte er begonnen zu reden. Er hatte ihr von dem Tod seiner Frau erzählt, von ihren leckeren Kuchen, von ihrem Duft nach Vanille und dem hellen Haar was dem ihren wohl glich. Es war schon immer ein Talent von ihr gewesen, die Gemüter um sich herum zu erhellen, sie zum Lachen zu bringen und nun? Warum funktionierte es nicht bei Verano? Hatte sie ihm kein Vertrauen geschenkt, keine Blume, kein Lächeln? Warum sollte er sich ihr also öffnen? Sie hatte nur Fragen gestellt, hatte Angst und Zweifel gehabt. Früher hatte sie jeden Fremden ohne ihn zu kennen, ohne zu zweifeln, ohne Angst wie einen Freund behandelt. Heute hatte sie zum ersten Mal dafür etwas verlangt:
Vertrauen.

Grübelnd lag sie da und Stunde um Stunde verstrichen. Irgendwann hörte sie wieder einmal das Gemurmel ihrer Eingeweide obwohl sie den Hunger nicht fühlte. Sie hörte das entfernte Geklapper von Hufen auf Stein und dann lange gar nichts. War er fort geritten? Hatte er sie verlassen? Endlos zog sich die Zeit in die Länge. Irgendwann erwachte sie aus einem unruhigen Schlaf den sie nicht hatte kommen fühlen.
Da kamen Schritte näher und die Tür wurde geöffnet. Es waren mehrere, genauer gesagt zwei Personen. Verano zum einen und dann noch jemand leichteres. Seine Stimme klang noch immer gefasst und etwas monoton:
„Delilah, darf ich dir deine Dienerin vorstellen. Das ist Lucil. Sie wird dich waschen und pflegen. Ihr werdet euch sicher gut verstehen. Ihr seid im gleichen Alter.“
Damit wandte er sich wieder ab und schloss die Tür hinter sich. Delilah konnte sogar den Herzschlag des Mädchens hören, dass nun aufgeregt vor ihrem Bett stand.
„Guten Abend, Herrin. Er Herr sagt, ich soll ihnen helfen. Ich tue was sie möchten. Haben sie einen Wunsch womit ich beginnen soll?“
So hatte sie definitiv noch niemand angesprochen. Delilah hörte das Rascheln ihrer Kleidungsstücke das sie von sich selbst kannte, wenn sie einen Knicks machte. Ihre Stimme klang jung und hell. Ein leichter Akzent, vielleicht aus dem Süden. Hatte Verano extra für sie eine zweite Dienerin angestellt? Warum nicht seine? Weil sie zu viel über ihn wusste? Wer war diese Lucil? Na, das konnte sie ja wenigstens herausfinden, wenn er sich schon nicht mit ihr befassen wollte. So hatte sie wenigstens jetzt eine Gesprächspartnerin und vielleicht, wenn sie es schlau anstellte, eine Verbündete in diesem Haus.
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Donnerstag 10. Juli 2014, 21:46

„Ich … Ich kann nicht.“

Mit diesen Worten hatte er fluchtartig den Raum verlassen. Delilah zuckte beim Geräusch der ins Schloss fallenden Tür zusammen.
Was war geschehen? Sie war froh gewesen, dass er die ihr unangenehme Nähe abgebrochen hatte, doch diese Reaktion verstand sie nicht. Was hatte sie getan, dass ihn so aufwühlte? War er wütend? Gekränkt? Was... was war los? Hatte sie etwas Falsches gesagt? War sie... war sie ungerecht gewesen?
Draußen hörte sie seinen schweren Atem, denn selbst dieses Geräusch wurde von ihren hochsensiblen Sinnen aufgenommen.
"V...Verano?", zögerlich kam sein Name über ihre Lippen, tausend Fragen in einem Wort.
Was ist passiert?
Warum sprichst du nicht mit mir?
Was kannst du nicht?
Warum bist du wütend?
...was habe ich falsch gemacht?


Doch es kam keine Antwort...

Delilah begann zu zweifeln. Früher war nie jemand auf sie wütend gewesen... außer ihre Moma vielleicht für kurze Zeit, wenn sie beispielsweise eine Schüssel hatte fallen lassen. Aber ...Streit? Das hatte es nie gegeben. Sie war freundlich gewesen und alle anderen auch.
Doch etwas war dieses Mal anders. War sie es oder war es Verano? Hatte sie sich so sehr verändert? War sie ungerecht gewesen? Hatte sie ihre Gabe verloren anderen das Herz zu öffnen? Aber... was war anders?
Sie wollte mit ihm reden, wollte fragen womit sie ihn gekränkt hatte, wollte sich entschuldigen was auch immer sie falsch gemacht hatte.
Er lag ihr am Herzen, trotz allem, und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie ihn so aufgebracht hatte.
Stunden verstrichen in denen ihre Gedanken wild umherwirbelten.

Zu den beiden, die ihr so viel bedeuteten, Brit und ihre Moma. Wie ging es wohl ihrer Großmutter? Wie kam sie mit der Nachricht klar, dass ihre Enkelin auf ungewisse Zeit nicht zurückkehren würde? ... dass sie sich selbst so verstümmelt hatte? Hatte Brit sich dadurch beeinflussen lassen oder war sie tatkräftig wie eh und je geblieben? Wie kamen die beiden mit dem Hauch zurecht?
Und er, von dem sie nicht wusste, was er ihr bedeutete... Leon. Wie stand er zu Verano? Was dachte er darüber, dass sie hier lag... gefangen in ihrem eigenen Körper? Was... dachte er über sie? War sie ihm wirklich gar nicht wichtig? Dabei war sie der Meinung gewesen, sie wären wenigstens Freunde geworden... ihr Herz sank.

Und dann war da immer noch das Warten auf Verano, auf die Chance ... sich zu entschuldigen...
Doch er kam nicht, stattdessen hörte sie wie jemand davon ritt. Ließ er sie wirklich hier allein? Endlos lang dehnte sich die Zeit, ächzte und stöhnte unter den Minuten, die sich zu Stunden streckten und Delilah nicht ruhen ließen. Sie übte Signale an ihre so weit entfernte, abgetrennte Hand zu senden, bis auf ein Zucken war jedoch noch immer wenig zu erreichen. Doch irgendwann musste erneut dieser plötzliche Schlaf sie ergriffen haben. Es war schon merkwürdig, wenn man nicht anhand des Körpers ergründen konnte, wann der Moment kommen würde, da die Lider sich senkten und der Schlaf kommen würde.

Schritte näherten sich der Tür und ihr Herz machte einen Satz, während sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Sie wollte sich entschuldigen, ihn bitten ihr zu verzeihen, auch wenn sie noch immer nicht sicher war, was ihr Frevel gewesen war. Sie konnte seine Wut und das Schweigen nicht ertragen! Sie fühlte sich wie ein getadeltes Kind, das man mit Hausarrest bestraft hatte und dem man zum Abschied gesagt hatte "Ich will dich nie wieder sehen!".
Aber... da war noch jemand anders... andere Schritte, fremde Schritte, leichte Schritte.
Als er die Tür öffnete strömten ihr zwei Gerüche entgegen, Veranos unverkennbarer Geruch, der ihr immer noch die Sinne vernebelte, egal wie oft sie ihn fortschicken würde und ein fremder Geruch. Die andere Person roch ...nach Trauben? Delilah erinnerte es tatsächlich an einen Weinberg, doch roch es immer noch fremd, wie aus einer entlegenen Gegend...
Delilah wollte gerade ihren Mut sammeln, um Verano trotz der fremden Person anzusprechen, doch er war schneller und seine monotone Stimme, die jede Gefühlsregung verbarg, ließ sie innerlich zusammen zucken und jeder Mut verließ sie. Auch benutzte er nicht mehr Garmisch, ihre geliebte Muttersprache, sondern den neutralen Klang der Allerweltssprache. Es war als hätte er sich damit vollends von ihr losgesagt.
„Delilah, darf ich dir deine Dienerin vorstellen. Das ist Lucil. Sie wird dich waschen und pflegen. Ihr werdet euch sicher gut verstehen. Ihr seid im gleichen Alter.“
Dienerin... der Novizin behagte der Gedanke überhaupt nicht, auch wenn ihr bewusst war, dass sie auf Hilfe angewiesen war. Aber warum brachte er sie jetzt und nicht schon früher? Wer hatte davor die notwendigen Dinge getan?
Doch da wandte er sich bereits wieder zum Gehen, ehe sie auch nur die Chance gehabt hatte, ein Wort zu sagen. Wieder packte Delilah die Verzweiflung, warum wies er sie so zurück? "Verano... bitte...", es war nur ein Hauch, ein Flüstern. Aber was sollte sie weiter sagen?
Bitte bleib?
Bitte verzeih mir?

Es war sowieso hinfällig, denn er war bereits fort.
Nur noch Stille, die durchbrochen wurde von einem schnellen Herzschlag und einem zitternden Atem.
Achja, Lucil, ihre ... Dienerin...
„Guten Abend, Herrin. Der Herr sagt, ich soll ihnen helfen. Ich tue was sie möchten. Haben sie einen Wunsch womit ich beginnen soll?“
Delilah war wie vom Donner gerührt. HERRIN?
Sie begann zu stottern, kam nur schlecht wieder ins Celcianische. "B-bitte...nenn mich nicht so!" Sie schwieg fassungslos.
Sie war keine... Herrin. Wären die Umstände anders gewesen und Delilahs Leben wäre normal und ohne Lichtmagie verlaufen, wäre sie vielleicht Magd in einem reichen Haus geworden. Allein der Zufall hatte Verano an den Schauplatz des Bauernhofes gebracht und sie hierher.
"Ich bin ein ganz normales Mädchen... Lucil. So wie du... bitte... nenn mich Delilah." Ein unsicheres Lächeln umgab Delilahs Lippen.
Sie war wirklich unsicher, denn nach Veranos Ausbruch vertraute die Blondgelockte ihren Fähigkeiten im Umgang mit Menschen keinen Meter weit.

Nach einer Weile des Schweigens kam jedoch schließlich ein einziger Wunsch über ihre Lippen:
"Bitte... beschreib mir, wie es hier aussieht... den Raum und draußen... die Landschaft... ist es schön hier? Denn es riecht schön, weißt du..."

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Freitag 11. Juli 2014, 16:34

"Verano... bitte..."
, es war nur ein Hauch, ein Flüstern, doch er hatte es gehört.
Nein! Ich... ich tu dir nicht gut!
Seine Kiefer spannten sich und er nickte der Dienerin zu. Sie knickste und er ging. Delilahs Verzweiflung lag über ihr wie ein Nebel aus violetter Seide. Vielleicht war es seine Wut, vielleicht auch nur sein eigenes Unvermögen, sich ihr in Freundschaft zu nähern, was ihn fern hielt. Er konnte hier nicht sein … noch nicht. Er fühlte sich hungrig und schloss die Tür hinter sich. Er musste erst andere Dinge tun.

Lucil stand unsicher im Raum und war der jungen, blinden Frau im Bett vorgestellt worden. Sie hatte angemessen reagiert, wie es ihr vom Hausherren aufgetragen worden war. Kurz ertappte sie sich wie sie die weißen Augen anstarrte.
"B-bitte...nenn mich nicht so!"
Sie senkte den Blick.
"Ich bin ein ganz normales Mädchen... Lucil. So wie du... bitte... nenn mich Delilah."
Ein unsicheres Lächeln umgab Delilahs Lippen. Nach einer Weile des Schweigens kam jedoch schließlich ein einziger Wunsch über ihre Lippen:
"Bitte... beschreib mir, wie es hier aussieht... den Raum und draußen... die Landschaft... ist es schön hier? Denn es riecht schön, weißt du..."
„Natürlich … gerne! Herrin Delilah ...“
Anscheinend war sie sich noch nicht ganz sicher, ob sie das Herrin weg lassen durfte oder nicht. Was Delilah nicht sehen konnte, waren die unruhigen Augen, die zur Tür zurück huschten, durch die Verano verschwunden war. Es war kein ängstlicher Blick, doch das Mädchen wollte wohl an ihrem ersten Tag nicht gleich einen Fehler begehen.
„Es … es ist wunderschön hier! Wie … in einem Traum ...“
Ihre Stimme veränderte sich merklich und es schwang ihre Faszination der jugendlichen Romantik mit.
„Euer Zimmer, es ist hell und freundlich. Feine Stoffe an den Wänden und dicke Teppiche. Sicher kostbar! Sie fühlen sich weich an und die Farben! Sie sind blau und dunkel wie der Nachthimmel, so ein Blau wie die Könige tragen. Die Wände sind irgendwie ganz hell und grünlich, so wie wenn Licht auf eine Frühlingswiese fällt und …“
Sie kam ins Schwärmen und Delilah merkte, dass sie ihre Fähigkeit noch nicht verloren hatte. Um so mehr sie Lächelte um so gelöster begann Lucil zu beschreiben, da sie sie wohl beobachte und bei ihrem Anblick sich wohl fühlte. Nur bei Verano schien es aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht zu funktionieren.
„… und an den Decken sind Muster, Ornammmte nennt man das, glaube ich. Da sind schlanke Blüten und Blätter und ich glaube, Tiere. Oh, und die Fenster sind aus Glas oder Kristallen, ich weiß es nicht genau. Sie bestehen aus vielen kleinen Stücken und das Licht malt bunte Regenbögen auf den Boden. Eure Bettwäsche ist weiß wie Schnee und es hängt weißer Stoff von der Decke, wie eine Wolke. Als seid ihr ein Engel, der vom Himmel gefallen ist und … oh, entschuldigt. Das ging zu weit.“
Sie stockte kurz, aber Delilahs Lächelndes Gesicht ließ sie sich schnell beruhigen.
„Ach ja, und draußen … es ist schön! Als der Herr mich her brachte, ritten wir durch Nebel und Wald. Ich weiß nicht wo wir sind, aber es ist so wunderschön. Als der Nebel sich verzogen hatte, konnte ich es sehen! Das Anwesen … Ich glaube, es ist alt.“
Delilah hörte ihre gedämpften Schritte wie sie zum Fenster ging.
„Es ist wie aus einer Geschichte, die ich mal gehört hatte. Ein Schloss verborgen im Nebelwald, und nur die die schon einmal dort gewesen sind, wissen wo es liegt. Es stehen lange schlanke Bäume am Weg. Man kann nicht al zu weit sehen, denn bald beginnt wieder der Nebel dort hinten zwischen den Stämmen der Bäume, doch hier ist es schön. Die Sonne scheint. Vor dem Eingang steht die Statur einer Frau in einem großen, natürlichen Teich. Er ist voller, riesiger, runder Blätter als könnte man darauf gehen. Blüten wie Kronen schwimmen dazwischen. Ranken überwuchern die Ränder, dort wo Steine sind und machen alles so romantisch. Auch am Haus wachsen diese Ranken. Sie klettern an den Säulen empor und sind auch hier, neben eurem Fenster, Herrin.“
Sie hatte eine Pause gemacht und sich wohl zum Bett umgedreht.
„Die schwere Eingangstür unten ist groß und hoch und die Halle dahinter mit der großen Treppe ist erstaunlich. Wenn man oben am Geländer steht, kann man auf dem Boden ein wunderschönes Muster sehen. Von unten sieht man das nicht, aber mir ist es aufgefallen, als der Herr mich hoch gebracht hat.“
Ihre Stimme wirkte stolz.
„Ich glaube, das ist bestimmt was magisches! Oder ein Geheimnis … Hihi, es würde in dieses Schloss passen. Die Halle hat ein Dach aus Kristall... ein Oberlicht, ja so heist das. Gemälde hängen an den Wänden.“
Sie stockte kurz, aber fuhr dann gleich fort.
„Es gibt für die Angestellten eine große Küche mit anschließendem Gemeinschaftsraum. Sehr viele hab ich noch nicht kennen gelernt, aber mein Zimmer gefällt mir... Oh entschuldigt, dass wolltet ihr ja gar nicht wissen. Verzeiht, dass ich euch mit diesen Dingen belästigt habe. Also... es gibt einen Saal, ich glaube zum tanzen und einen kleineren Salon. Eine Bibliothek und ein Herrenzimmer. Es gibt einen Rosengarten und am Haus angebautes Gewächshaus, wo Kräuter wachsen. Ihr seid im Westflügel, der Herr wohnt im Ostflügel. Für den ist das andere Mädchen uständig. Der Westflügel hat bestimmt noch 20 andere Räume, die habe ich noch nicht alle gesehen. Es gibt ein Bad und der Herr meinte, wenn ihr so weit seid, werde ich euch gegebenen falls zum Schwimmen begleiten. Ich weiß nicht wo man hier schwimmen kann, aber ich werde es bestimmt noch sehen, meine Herrin. Ich hoffe, es geht euch bald besser. Natürlich nicht nur, weil ich wissen will, wo man schwimmen geht, nein. Ich meinte … oh weh … Entschuldigung! Ich habe zu viel gesagt.“
Ihre Stimme erstarb in den peinlichen Moment, in dem sie sich um Kopf und Kragen geredet hatte.
Jetzt war es an Delilah ihr die Furcht zu nehmen.
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Samstag 12. Juli 2014, 01:03

Das unsichere Lächeln wandelte sich mehr und mehr. Mit jedem Moment wurde es breiter, gelöster, fröhlicher.
Lucil malte für sie Bilder in die Dunkelheit. Alles was sie beschrieb vermischte sich mit den Eindrücken, die Delilah schon durch ihre anderen Sinne gesammelt hatte und so konnte sie sich langsam vorstellen wo sie war. Ihre Welt dehnte sich erneut aus, das Gefängnis gab sie ein wenig mehr frei.
Das Mädchen, das mit so begeisterter Stimme sprach, konnte sich gar nicht vorstellen was für einen großen Gefallen es der Blinden tat.
Sie konnte wieder träumen, etwas Normalität trat in ihre so abnormale Situation. Ein wenig Freude, ein wenig Lachen...
"Aber... bitte.... bitte... " Delilah grinste ein wenig. "Wirklich... ich bin keine >Herrin<...ja?"
Sie konnte sich gut das geheimnisvolle Schloss vorstellen, im Wald, verborgen im Nebel.
Warum passte das was das Mädchen erzählte nur zu gut zu diesem geheimnisvollen Grafen?
Oh, es wäre ein so guter Anfang für eine ihrer Geschichten gewesen! Solche wie sie sie auch den Kranken manchmal erzählt hatte!

"Draußen in den Dunsthügeln... da liegt ein Wald, der stets vom Nebel durchdrungen ist...
Kaum jemand traut sich hinein, denn die Bewohner des nebligen Reiches haben gelernt den weißen Schleier, der sich auf Augen und Ohren legt, zu fürchten! Doch würde man warten... lange warten am Rande des Waldes.... so könnte man manches Mal einen einsamen Reiter erblicken, stattlich und groß auf seinem weißen Ross, der sein Tier ohne zu Zögern in die Wand aus Luft lenkt.
Aber wehe dem, der versucht ihm zu folgen! Der Unglücksseelige wird sich hoffnungslos in den Tiefen des Waldes mit seinen immergleichen Bäumen, seinen stets nebligen und verworrenen Wegen verlieren...
Doch der Reiter kennt seinen Weg, zielstrebig führt er sein Tier, kein Hindernis, das sich ihm auftut.
Lange wird er reiten, im Takt der Hufe durch den sonst so gespenstisch ruhigen Wald... nur der gedämpfte Klang der Tritte ist zu hören... als sich plötzlich und unvermittelt eine Allee vor ihm auftut, mitten im Nebel. Folgt man ihr, so wird man bemerken, dass sich der Nebel immer weiter lichtet bis er schließlich vollkommen verschwunden ist... und vor ihm... erblickt man das wundervollste, fantastischste Anwesen, das Menschenaugen je sahen.
Hier lebt der einsame Graf, versteckt...um sich und seine Geheimnisse zu verbergen und niemanden preiszugeben."
Schriftrolle Fuss
Den letzten Satz setzte Delilah fast gekränkt an ihre Geschichte.
"Lucil... kannst du lesen?" Ob Verano Bücher besaß? Ob Lucil ihr würde vorlesen können? Das wäre wundervoll!
Dem Mädchen waren einige Wörter nicht ganz geläufig, denen Delilah manchmal zwischen den Buchstaben begegnet war.
Ornament... die Novizin musste ein leises Lachen unterdrücken bei der ungeschickten Aussprache. Sie erinnerte sich, welche Probleme sie gehabt hatte, das unbekannte Wort zu formulieren. Ihre Moma hatte ihr geholfen.
"Was für Tiere sind in den Ornamenten, Lucil? Wie sind sie angeordnet?"
Delilah interessierte jedes Detail.
"Welche Farben haben die Blüten auf dem See?"
"Was für Bäume stehen am Weg? Buchen? Eichen? Ahorn? Kastanien? Birken?"
"Hängt der Stoff wirklich von der Decke? Weißt du warum er da ist? Wofür?"
Lucil bemerkte, dass sie aussehe wie ein Engel, der vom Himmel gefallen sei, wofür sie sich sogleich entschuldigte.
"Oh nein... ein Engel bin ich wohl wirklich nicht... aber entschuldigen musst du dich nicht... du hast doch nichts Böses gesagt?"

"Was für ein Muster? Oh... ein Geheimnis! Ganz bestimmt! Vielleicht führt eine Treppe von dort tief hinein in die Erde... was glaubst du?"
Man hörte ihre Begeisterung für Verborgenes sofort, die Lust am Träumen und Fantastischen.
Sie war ganz aufgeregt bei dem Gedanken in so einem großen Schloss zu liegen, was hatte sie bisher nicht alles verpasst!
Wäre sie gesund hätte sie vermutlich jeden Winkel des Hauses untersucht und wäre mit glänzenden Augen durch alle Gänge gelaufen.
Doch... im Moment konnte sie nichts davon... weder durch Gänge laufen, noch all die Wunder hier betrachten.
Aber jetzt gerade konnte sie das vergessen, denn Lucil half ihr das Verpasste nachzuholen.
"Du musst dich wirklich nicht entschuldigen!" Ein gespielter Tadel lag in Delilahs Stimme, sie fühlte sich wohl in Lucils Anwesenheit.
"Erzählst du mir dann später von deinem Zimmer, wenn du magst?"
"Eine Bibliothek!?" Delilahs Herz schlug schneller, nun lies sich ihre Aufregung nicht mehr verbergen.
"Ohh... wie sieht sie aus? Ist sie groß? Wie viele Bücher gibt es dort? Hast du dir eines angesehen? Wo ist sie?"

"Es gibt ein Bad und der Herr meinte, wenn ihr so weit seid, werde ich euch gegebenen falls zum Schwimmen begleiten. Ich weiß nicht wo man hier schwimmen kann, aber ich werde es bestimmt noch sehen, meine Herrin. Ich hoffe, es geht euch bald besser. Natürlich nicht nur, weil ich wissen will, wo man schwimmen geht, nein. Ich meinte … oh weh … Entschuldigung! Ich habe zu viel gesagt.“

Während Lucil immer hastiger und stotternder geredet hatte, wuchs das Grinsen auf Delilahs Lippen immer mehr bis man ihre weißen Zähne sah und schließlich erklang ein klares, helles Lachen im Raum, das die Stille, die gefolgt war, durchbrach. Wie lange hatte sie nicht mehr gelacht? Ewigkeiten schien es her. Irgendwann im Spaß mit Brit zusammen? Nun klang es gelöst und befreit und war erst nach einem Moment zu stoppen.
"Also ist es beschlossene Sache? Wenn es mir gut geht, gehen wir zusammen schwimmen. Schön! Darauf freue ich mich schon."
Immer noch ließ sich das breite Lächeln nicht von ihren Lippen wischen.
"Aber ich bin sicher, dass man dir auch schon vorher zeigen wird, wo das ist. Kannst du mir dann erzählen, wie es dort aussieht? Das wäre wirklich nett!"

Einige Zeit später trat Delilah wieder dieser Geruch von Trauben in die Nase.
"Hmm... Lucil? Darf ich fragen, wo du herkommst? Magst du mir davon erzählen? Wie ist es dort? Welche Sprache sprecht ihr da? Gibt es einen Weinberg in der Nähe... oder irgendwo anders Trauben? Du riechst danach, ein schöner Duft."
Sie hatte das fremde Mädchen längst in ihr Herz geschlossen.

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Samstag 12. Juli 2014, 13:51

Lucil sah ihre neue Herrin mit großen Augen an und strich sich verlegen durchs Haar. Ihre Kleidung raschelte und sie faltete dann wieder brav die Hände vorm Körper.
„Oh, … ähm … Das sind viele Fragen, Herrin. Ich werde versuchen sie euch alle zu beantworten, doch bitte scheltet mich nicht. Ihr seid in diesem Hause meine Herrin und ich freue mich darüber sehr. Ihr seid sehr … nett, wenn ich das sagen darf. Eure Freundlichkeit macht es mir leicht. Wenn ihr mir an einem anderen Ort begegnet wäret oder zu einer anderen Zeit, würde ich eure Bitte sicher gerne erfüllen, doch bitte lass mich hier Herrin zu euch sagen, wie es mir aufgetragen wurde. Der Herr bezahlt mich gut und ich möchte ihm keinen Anlass geben, seine Wahl zu bereuen. Es ist mir eine Ehre hier zu sein.“
Sie atmete einmal schwer und presste die Luft durch die Nasenflügel, wie um sich in ihrer Aussage noch einmal für sich selbst zu bestätigen.
„Ich … mir ist es ein bisschen peinlich über meine Herkunft zu sprechen, Herrin. Ihr werdet es dem Herrn doch sicher nicht verraten, oder?“
Deli ließ sie gleich weiter reden.
„Man hat mir gesagt, dass ich aus einem Waisenhaus in der Nähe von Dessaria stammen soll. Die Leute, bei denen ich aufgewachsen bin, sie waren … fahrendes Volk. Es ist ihnen … Ich bin jetzt allein. Ich bin in Rumdett gelandet, wo der Herr mich gefunden und mir diese Chance gegeben hat. Er hat gesagt, wenn ich meine Sache gut mache, schreibt er mir ein Zeugnis mit dem ich mich dann bei feinen Leuten bewerben kann. Dann kann ich mein eigenes Geld verdienen!“
In ihrer Stimme klang teilweise Scham über ihre bisherige Lebensweise, aber auch Begeisterung über die neuen Möglichkeiten mit.
„Ach ja, und ich habe ein bisschen lesen gelernt, aber es ist nicht flüssig. Manche Worte kenne ich nicht und ich bin nicht klug, aber ich bin fleißig und habe geschickte Hände.“
...und eine gute Seele, so machte es auf jeden Fall den Eindruck.
„Ich kann Schafe scheren, Spinnen, Nähen, Stricken, Häkeln, Gerben, dann noch Körbe flechten, ein bisschen Töpfern und Kochen aber nicht gut. Ich kann Wein stampfen und auch schon ganz gut Keltern. Ich ziehe dafür meine eigene Hefe und kann auch Käse und Butter machen. Der Mann bei dem ich vorher war, der hat mich seinen Wein machen lassen. Er hat sich immer um den Rum gekümmert. Vielleicht rieche ich deshalb noch nach Trauben, hihi. Das wird wohl noch lange so sein, denn die Trauben gerben die Haut beim Stampfen.“
Sie hob den Rock und betrachtete ihre lila verfärben Beine und kicherte leise.
„… Ihr wolltet auch meine Sprachen wissen, oder? Da wir immer unterwegs waren habe ich nur die Gemeinsprache gelernt und ein paar Brocken Garmisch, tut mir leid. Lesen kann ich nur Celcianisch.“
Delilah hörte ein sehr leises Schmatzen, als sie sich verlegen auf der Lippe herum kaute.
„Alles was man so mit dem Kopf macht, will bei mir nicht so recht hängen bleiben. Aber meine Hände lernen schnell!“
Jetzt lächelte sie wieder, das war zu hören.
„Was war noch? … Bilbothek! Ja die ist riesig! Die ist so hoch wie zwei Häuser und hat einen … einen … na so einen Rundgang auf halber Höhe. Sieht toll aus! Alles aus ganz dunklem Holz, fast ein bisschen gruselig, man traut sich garnichts zu sagen, oder zu atmen! …“
Ihre Stimme nahm einen verschwörerischen Ton an.
„... Ich glaube, wenn man da zu tief einatmet, erstickt man an dem ganzen staubigen Wissen.“
Sie kicherte leise, aber fuhr dann gleich fort:
„Ist aber nicht schmutzig, das nicht, nein! Wollt ich damit nicht sagen. Ich kann euch Bücher bringen, wenn ihr das wünscht. Sind genug da. Vorlesen … *räusper* … Ja, kann ich machen, Herrin“
Sie rieb sich leise die nervösen Hände und ging ein paar Schritte durch den Raum, da sie ihren Fähigkeiten wohl nicht traute, was das Vorlesen anbelangte. Also begann sie die Ornamente genauer zu beschreiben, die vor allem wohl die phantastischen Tiere wie Drachen, Minotauren und geflügelte Pferde zeigten. Sie beschrieb sie, als versteckten sie sich hinter den Pflanzen und schlichen verborgen vor deutlichen Blicken über die Decke, damit sie die Träume der hier schlafenden nicht störten und doch beflügeln konnten. Luci hatte eine angenehme Art die Dinge zu sehen und zu beschreiben, selbst wenn ihr manchmal die Worte fehlten, so schmückte sie sie mit ihrer eigenen Phantasie aus.
„Da hinten in der Ecke neben der Tür zum Flur sitzt ein Löwe, aber er sieht auch aus wie ein Mensch irgendwie. Sein Körper sieht so aus, als könnte er stehen wie einer. Weiter links windet sich eine Schlange durch einen angedeuteten Dschungel und belauert einen Affen.“
Sie fuhr fort und mit jedem Satz malten sich neue Bilder in Delilahs dunkle Welt.
Verano hatte ihr eine neue Art zu sehen geschenkt. Egal was Lucil sonst noch für Fähigkeiten hatte, sie war vor allem neugierig auf das Leben und immer bereit ihre Wahrnehmung mit jemanden zu teilen.
„ … und das Bild auf dem Boden, wenn man es von oben betrachtet, dann sieht es aus wie ein Kringel der sich um sich selbst wickelt. Die einzelnen Teile verschlingen sich dabei ineinander … ungefähr soooo ...“
Ihre Kleidung raschelte, als sie wohl eine Geste vormachte um das Mosaik in der Empfangshalle zu beschreiben und dann war es kurz still. Delilah konnte ihren Blick auf sich fühlen.
„Oh …“
Dann fing sie aber an zu lachen, so befreit wie kurz zuvor auch ihre eigenen Stimme den Raum erhellt hatte.

Sie lacht wieder.
Sein Kinn hatte sich Minuten zuvor, ein kleines Stück der Decke entgegen gehoben, an der ein Kristallleuchter hing und das Licht des Tages in Prismen über das Parkett verteilte. Seine Lippen zuckten kurz, aber dann ging er weiter. Seine Hand legte sich schwer auf die Klinke und er drehte den Schlüssel herum. Das Schloss klickte dabei leise. Dann zögerte er und stand ein paar lange Atemzüge still und unbewegt nur da. Als erneutes Lachen, dieses mal von der neuen Angestellten zu hören war, drückte er sie entschlossen hinunter und verschwand in der Dunkelheit dahinter.
Bald …

„Schwimmen, ja! Ich glaube, ich liebe das Wasser so sehr, weil meine Wurzeln in den Bergen liegen. Man sagt doch, dass jede Quelle ihr Wasser irgendwann in die See fließenden lässt. Rumdett ist keine schöne Stadt, aber das Meer liebe ich. Trotzdem möchte ich da weg, wenn ich genug Geld zusammen habe.“
Sie schmatzte wieder leise auf ihrer Oberlippe herum.
Dann trat ein Moment des Schweigens ein, der aber nicht unangenehm war. Das Rascheln der Teppiche begleitete sie zurück an Delilahs Bett.
„Die Wolke über euch, ist wenn ich das richtig sehe, an sehr feinen dünnen Ketten befestigt. Ist sehr hoch und durch den Stoff nicht gut zu sehen. Die Enden hängen lang am Kopf- und Fußende des Bettes herunter. Der Herr hat gesagt, ich soll drauf achten, dass immer alles sauber ist und gut riecht. Ich schüttele eure Decke auf …“
Delilah fühlte an ihrem Gesicht einen Lufthauch und über ihre Hand strich der leichte Stoff der Decke. Sie hörte das Rascheln und kräftige Schlagen, als Lucil das Federbett aus dem Fenster hinaus zum Lüften hängte.
„Friert ihr? Darf ich euch dann jetzt waschen? Oder müsst ihr euch erleichtern?“
Schwierige Fragen, wenn man sie eigentlich nicht beantworten konnte. Delilahs Gesicht war warm und sie fühlte sich wohl. Vom offenen Fenster kam ihr ein sanfter, nach Feuchtigkeit duftender Wind entgegen, der ihren eigenen Körpergeruch milderte. Als „Stinken“ war er sicher noch nicht zu bezeichnen, doch er war wahrnehmbar.
„Ich kann auch erst die Bücher holen, ganz wie ihr wünscht.“
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Sonntag 24. August 2014, 16:27

Ja, sie lachte wieder.
Zu den vielen handwerklichen Tätigkeiten, die Lucil besaß, gehörte anscheinend auch die Fähigkeit in Windeseile Delilahs Herz zu reinigen und ihre inneren Wogen zu glätten. Schnell hatte sie den Schlüssel zu ihrem Inneren gefunden und Delilah lachte gelöst und fröhlich.

Gespannt hörte Delilah Lucils Ausführungen zu, ihr war wirklich als baute das Mädchen für sie die Welt wieder aus Worten auf.
Wo sie vorher nur riechen und hören konnte, kamen nun Bilder hinzu. Sie konnte sich den Raum in dem sie lag, das Haus, das Anwesen und den Garten ganz genau vorstellen. Sie wusste schon lange wo der Flügel stand, aber nun konnte sie sich auch vorstellen, welche Tiere sich zwischen den Ornamenten darüber verbargen, welche Augen Verano von dort bei seinem Spiel beobachteten.
Dieser wundervolle Raum, war es seiner gewesen? Der Flügel, das wundervolle Bett... sowas stand doch nicht einfach im Gästezimmer...oder?
Hatte er ihr wirklich sein Zimmer überlassen oder hatte hier früher jemand anders geschlafen?

"Dessaria soll schön sein... "

Die "Bilbothek", Delilah verbarg ein leichtes Schmunzeln, hörte sich nach einem Ort an, an dem sich sich wohl fühlen könnte. Auch die Akademie konnte einem düster und gruselig vorkommen, doch in ihrer Zeit als Novizin hatte sie das Gebäude lieben gelernt. Sie würde auch die Bibliothek lieben. Vielleicht...irgendwann... könnte sie mit einem Buch in diesem wunderschönen Garten sitzen, der da draußen wartete...?
Delilah schüttelte innerlich den Lockenkopf. Nein, würde es ihr irgendwann wieder gut gehen, wäre das Erste was sie tun wollte zurück nach Jorsa zu gehen... zu ihren Liebsten und zu ihren Pflichten.
Sie würde sich der Strafe stellen müssen, die sie erwartete. Sie war unvorsichtig mit ihren Kräften umgegangen. Delilah erschrak. Ob...ob man die Magie in ihr versiegeln würde? Ob sie nie wieder die Verbindung zu ihrem inneren Licht spüren würde? Das Mädchen schauderte bei dem Gedanken. Sie hatte ihren Weg... und ihr Ziel darin gefunden, diese ... ihre Kräfte für Schwächere einzusetzen... würde man ihr das nehmen?
Lucil zog sie fort von diesen Gedanken, zurück zu verborgenen Bildern, Bilbotheken und Schwimmen im Bad.
Delilah wurde ganz leicht ums Herz in dem Moment, als Lucil doch tatsächlich vergaß, dass sie blind war.
Eine Puppe mit zerbrochenen Gliedern und Augen. Eigentlich nutzlos... und doch war da jemand, der versuchte die Risse zu kitten...
Ihr Engel, den sie so wenig verstand und bei dem sie sich noch immer entschuldigen wollte.

Und Lucil...? Lucil war das Mädchen, das behutsam mit der Puppe spielte. Ihr Dinge erzählte und ihr sanft durchs Haar fuhr, als könnte sich ein Spielzeug davon beruhigen lassen. In ihren Händen war sie gut aufgehoben.

"Ähhmm..."
Delilahs Lächeln bröckelte.
"Ich weiß nicht..."
Ein Seufzen.
"Weißt du... mein Körper und ich sind momentan geschiedene Leute. Er spricht nicht mehr mit mir... gemein, oder? Er sagt mir nicht, was er braucht... ist aber trotzdem böse auf mich, wenn er nicht bekommt, was er will. Ich weiß nicht, ob ich Hunger habe oder Durst, ob ich friere oder schwitze, ob mein Arm in unangenehmer Pose liegt und ich weiß auch nicht ob... ich mich erleichtern muss..."
Man merkte, dass es Delilah nicht behagte so hilfsbedürftig zu sein.
"Ich denke, dass musst du jetzt immer für mich herausfinden, Lucil..."
Ihr Stimme war ganz leise.
"Bisher... hat sich Verano darum gekümmert... glaube ich... hat er dir bezüglich dazu irgendetwas gesagt?"

"Aber später... später würde ich gerne vorgelesen bekommen... vielleicht ein Buch, das dir gefällt, dann fällt das Lesen auch leichter."
Sie lächelte wieder.
"Und wenn du ein Wort nicht kennst, kann ich dir gerne helfen, wenn du magst... wir können ja zusammen üben."

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Dienstag 26. August 2014, 12:19

Lucils Kleidungsstücke raschelten leise, als sie sich näherte und vermutlich auf einen nahen Stuhl setzte.
"Nein, der Herr hat nichts erzählt über euren Zustand. Ich soll euch nur helfen, hat er gesagt, so gut ich kann. Wenn ihr nichts dagegen habt, werde ich euch dann erst waschen und dann in die Biblithek gehen. Ich werde bestimmt etwas finden, was uns beiden gefällt."
Noch ein Rascheln und Delilah hörte wie sie eilig zur tür huschte.
"Bin gleich wieder da."
Die nächste halbe Stunde verbrachten sie in einer Art stillen Übereinkunft. Lucil tat das was Delilah nicht tun konnte. Sie wusch sie, kleidete sie in ein frisches Hemd, setzte sie ein Stück auf, rieb ihren Körper warm, damit das Blut besser zirkulierte, holte noch eine zusätzliche Decke, lüftete und machte all die nützlichen kleinen Dinge die notwendig waren, damit Delilah sich wohl fühlte. Dann brachte sie die schmutzige Wäsche hinaus und kam mit frischen Blumen, warmen, duftenden Keksen und dem versprochenen Buch zurück.
"Ich habe da etwas gefunden. Ich hoffe es gefällt euch."
Sie setzte sich neben das Bett und legte kurz Delilahs Hand auf das griffige Leder. Ein Buchrücken knarrte und sie begann vorzulesen:
"Vorwort: Ihr seid wohl auch ein Genießer, wenn Ihr dieses Buch aufgeschlagen habt und mein Werk anfangt, zu lesen. In meinem Buch befasse ich mich mit Kochrezepten verschiedener Völker und Geschmäcker. Was für manch ein Wesen ein Gaumenschmaus ist, ist für den anderen ungewohnt, abartig oder unverträglich, manchmal sogar tödlich!
Doch ich will Euch nicht lange mit meinen Geschwätz aufhalten, sondern Euch gleich in die Welt des Kochens eintauchen lassen.
Möge Euch das Wasser im Mund zusammenlaufen!
Bongo Tock (Autor)

Allgemeine Rezepte:

Klare Gemüsebrühe
Ein einfaches, aber doch sehr leckeres und hilfreiches Rezept. Es wärmt an kalten Tagen und schmeckt herrlich! Man zerkleinere 2 Karotten, eine Stange Sellerie, eine Stange Lauch und eine Zwiebel in kleine Würfelchen. Diese werfe man nun in einen Topf halbvoll mit Wasser und stelle es über das Feuer. Das Ganze zum Kochen bringen. Langsam werden sich die Aromen schön verteilen und die Suppe bekommt eine schöne Farbe. Würzt die Brühe mit ein bisschen Salz, Zucker und Pfeffer, vielleicht sogar ein wenig Muskat. Um das Gericht zu verfeinern, kann man auch Fleisch kaufen und der Suppe hinzufügen. Das Fleisch in der Suppe kochen lassen, bis es gar ist.
Fisch in Meersalzkruste
Eine Leckerei der Fischer. Das Fischchen ist keinesfalls versalzen, wie man sich wohl denkt, wenn man den Namen hört. Besonders gut geeignet sind Barsche und Lachse. Der Fisch wird geschuppt, der Bauch aufgeschnitten und von Gedärmen befreit. Danach stopfen wir diesen mit Kräutern (Rosmarin, Thymian), ein paar Zitronenscheiben (die besten gibt es aus Sarma) und ein wenig Salz. Wichtig ist, dass er komplett gefüllt wird, dass kein Salz der Kruste eintreten kann. Nun schüttet man eine Schicht aus grobem Meersalz auf ein Blech, die in etwa die Dicke eines kleinen Fingers hat. Darauf legt man den Fisch. Dann schüttet man erneut eine genauso große Schicht über den Fisch. Meersalz erhaltet Ihr überall bei Fischern und Gewürzhändlern. Die Salzschicht beträufelt Ihr mit ein wenig Wasser, um das Entstehen einer Kruste anzuregen.
Dieses Blech stellt Ihr nun in einen Topf und diesen ins Feuer. Dies ergibt eine Art Backofen, wie man ihn für Brot nutzt. Solltet Ihr im Besitz eines Brotofens sein, legt den Fisch dort hinein. 45 Sanduhr Füllungen oder solange, wie eine Schnecke braucht, um den Weg eines Trollarmes zu überwinden Dann rausholen und essen."
Lucil kicherte an dieser Stelle laut los.
"Hihiiihiii, ... um den weg deines Trollarmes zu überwinden ... Hahaha. Verrückt! Dieser Bongo Tock der dieses Buch geschrieben hat, muss ganz schon weit rum gekommen sein, wenn er weiß wie lang eine Trollarm ist."
Sie lachte noch kurz weiter und las dann wieder vor. Delilah genoss die entspannte Stimmung und ließ sich ganz in Lucis Stimme fallen. An diesem Tag kam Verano nicht mehr zu ihr, aber manchmal glaubte sie seine Schritte in der Nähe zu vernehmen, wie er ihrem Lachen lauschte.

So ist es gut. So ist es besser. Ich darf sie nicht verderben! Ihr Lachen ... ist wie Salz und Balsam für meine Wunden und mein Seelenheil.
Seine Schritte waren gedämpft auf den dicken Teppichen und sein Gang schwermütig. Seine Finger strichen über die edlen Intarsien der Wände. Sein Heim war nun ihr Gefängnis und er kannte nur zu gut die Falle, in die sie geraten war. Manches wiederholte sich immer wieder. In seiner Jugend hätte er vielleicht anders gehandelt, hätte sie zu ihresgleichen gebracht, doch nach so langer Zeit, nach so vielen Erfahrungen war sein Geist umwebt vom Nebel der Zeit. Die Vergangenheit sprach aus jeder Tür, jedem Stuhl, jeder Wand. Dieses Haus hatte schon zu viel gesehen, barg zu viele Geheimnisse, als dass er sie frei darin herum laufen lassen durfte. Er gedachte seiner Jugend und wie schnell sie geendet hatte. Eine falsche Entscheidung, ein Schritt ins Dunkel reichte aus um alle Hoffnung vergehen zu lassen. Und doch ...
Ein goldener Funke ist mir geschenkt worden.
Liebevoll strich sein Daumen über den Rand eines Bilderrahmens aus dem ein junger Mann ihm entgegen lächelte. Die Ähnlichkeit war unverkennbar.

Die nächsten Tage vergingen wie stetig rinnendes Wasser. Lucil kümmerte sich aufopfernd um ihre Herrin. Sie war immer da und schlief sogar manchmal in ihrem Zimmer ein. Sie holte neue Bücher aus der Bibliothek und gemeinsam übten sie neue Wörter. Sie war ein freundliches Wesen, das Delis Welt erträglicher machte.
Erst nach drei Tagen kam Verano wieder zu seiner Patientin. Er sprach nicht viel, erkundigte sich kühl nach ihrem Befinden und setzte ohne Zögern die äußerst schmerzhafte Prozedur ihrer Behandlung fort. Lucil fand erst danach ihre Herrin wieder aufgelöst vor. Er hatte Arm und Kopf miteinander verbunden und auch einen kleinen Teil ihres Rückens mit dem schrecklichen Eis behandelt. Das Verwirrende waren immernoch seine warmen Hände, die den Schmerz vertrieben und ihre zuckenden Muskeln mit einem duftenden, prickelnden Öl massierten. Ob das Prickeln vom Öl oder von seiner Berührung kam, war dabei schwer auseinanderzuhalten. Trotzdem blieb es eine oberflächliche Behandlung und mehr und mehr fühlte Delilah sich wie eine leere Hülle, da der Schmerz und sein Streicheln nicht sehr tief in sie drangen. Das schwarze Meer hielt sich hartnäckig.
Auf ihre drängenden Fragen hin, die er nur manchmal beantwortete, erklärte er ihr irgendwann, dass er langsam vorgehen musste. Er wollte erst ihre Hülle wieder zusammensetzen, damit sie den Schock der letzten Behandlung überleben könnte.
"Die letzte Behandlung überleben ... " Diese wenig Hoffnung einflößende Bemerkung, hinterließ in ihr einen fahlen Beigeschmack von Furcht und Sorge. Sie musste ihm vertrauen, auch wenn sie ihn nicht kannte. Er tat was er tun musste um sie zu heilen, doch es war ein lager, schmerzhafter Weg, den sie nur gemeinsam gehen konnten. Wenigstens waren seine Besuche nun wieder regelmäßig, sofern sie nicht zu sehr in ihn drängte. Er verhielt sich wie ein Arzt und doch fühlte Delilah, dass auch bei ihm da mehr war, als nur professionelle Distanz. Manchmal glaubte sie, er würde jeden Moment über sie her fallen, dann war er im nächsten Moment wieder eiskalt wie ein Fremder. Irgendwo dazwischen lagen kurze Momente von einer zarten Vertrautheit, fern wie eine Erinnerung an etwas Vergangenes, dass er ihr nicht offenbaren konnte. Genauso wie sie, brauchte er Zeit um sich an die Situation zu gewöhnen. Es gab auch Augenblicke die sie am liebsten in ihr Unterbewusstsein verdrängt hätte. Augenblicke, in denen sie an ihre körperlichen Grenzen und darüber hinaus getragen wurde, doch er war immer bei ihr. Die Behandlung ihrer Brüste stellte da nur eine kleine Hürde dar. Es gab noch deutlich Schlimmeres! Es gab Momente in denen der Schmerz sie in seine dunklen, eisigen Tiefen hinab riss und danach eine glühende Sonne sie verbrannte. Er hielt sie. Er begleitete sie und war für sie da, wenn sie weinte, wenn sie schrie, wenn sie ihn verfluchte und ihn hasste. Er war da. Er wartete immer, bis sie sich beruhigt hatte und ihr Herzschlag seine Abwesenheit ertragen konnte. Er war Fluch und Segen, Eis und Feuer, Feind und Freund und doch wusste sie nichts über ihn, bis auf die Tatsache, dass er für sie da war.
Konnte ihr das reichen?
Nur sehr selten gab es Momente in denen er es zuließ, dass sie alleine waren und sie nicht gerade vor Schmerz betäubt oder Hitze atemlos verglühte. Er richtete es stets so ein, dass Lucil zu seiner Behandlung nicht anwesend war, aber immer kurz danach an ihrer Seite war um die „Scherben“ zusammen zu sammeln.
Die Tage vergingen und Delilah spürte, dass sie sich etwas großem näherten. Verano wurde noch stiller und die Behandlung ihrer Hülle näherte sich ihrem Ende. Er war an ihren Füßen angelangt und schrecklicher Weise, waren sie genauso empfindlich wie ihre Hände. Die auf das Eis folgende warme Berührung, entspannte all ihre Sinne und seit langem fühlte sie sich fast wieder komplett. Seine Finger massierten ihre kalten Zehen, bis sie sich entspannten und aufhörten unwillkürlich zu zucken. Trotz allem fühlte sie sich immernoch leer, und konnte kaum einen tieferen Muskel bewegen, aber sie nahm ihre Umwelt wieder mit allen Sinnen wahr … allen, außer ihren Augen.
Nachdem er gegangen war, kam Lucil und setzte sie in einen fahrenden Stuhl.
„Heute machen wir einen Ausflug nach draußen, ja?“
Die Abwechslung würde ihr gut tun. Lucil beschrieb auf ihrem Weg die prachtvollen Flure, die Gemälde an den Wänden und dann den herrlichen Garten. Delilah roch seinen würzigen Duft, die schweren Noten der sommerlichen Blumen und das Wasser im Teich. Alles fügte sich in ihrem Kopf zu einem schönen Bild zusammen. Vor allem Lucis Schwärmen tauchte die Finsternis in ihrem Kopf in farbenfrohe Phantasien. Haus und Garten waren wild und romantisch, wie in einem der Märchen von verwunschenen Schlössern und irgendwo in der Nähe des Teichs roch eine einzelne Blüte so unglaublich schön und mystisch, dass ihr Bild sich in Delilahs Gedanken brannte, eine einzelne weiße Knospe, schwimmend auf glitzerndem Wasser. Sie wusste nicht, ob diese Vorstellungen allen Details der Wahrheit entsprach, doch sie war da.
Am Abend, nachdem sie Lucil zu Bett geschickt hatte, kam Verano zu ihr. Sie hatte noch ein wenige ihre Gedanken fließen lassen, als sie plötzlich seine Schritte nah bei sich hörte. Er wartete auf eine Reaktion von ihr, setzte sich an seinen Flügel und spielte. Diese stillen Momente zwischen ihnen waren selten und kostbar geworden.

Klavierstück

Zwischen den zarten und schwebenden Tönen lauschte sie seiner Stimme:
„Lucil hat mir berichtet, dass es dir gutgeht ...“
Wieder folgte eine Weile Schweigen.
„Wenn du soweit bist … ich bin es.“
Sie wusste, wovon er sprach. Die Zeit der letzten Behandlung war gekommen und sie spürte, dass auch er sich davor fürchtete, wenngleich vielleicht aus anderen Gründen. Jede Note, jener Sonate nahm sie in die Arme, hielt sie fest und trauerte gleichzeitig um ein nahes Ende. Was für ein Ende sollte es werden? Welches Ende betrauerte er tief verborgen zwischen diesen dunklen Klängen?
Als er geendet hatte, hörte sie ein leises Rascheln von Papier, dann war er auch schon gegangen.

Delilah konnte lange nicht schlafen. Ihre blinden Augen betrachteten die Dunkelheit hinter ihren Lidern und ihr Körper sandte seltsame Signale. Hatte sie Angst? Sie fror und das dünne Seil ihrer Glocke zitterte in ihrer Hand. Sie schaffte es inzwischen mit einiger Anstrengung nach Luci zu läuten und diese Nacht brauchte sie ihre Freundin bei sich. Sie musste sich ihre Augen leihen, denn Verano hatte etwas für sie zurück gelassen. Mit höchster Konzentration zog sie an dem Band und bald darauf erschien Lucil.
Sie fand ein Pergament auf dem Flügel liegend. Es war eine einzelne Seite ohne Unterschrift, vielleicht ein Auszug aus einem Gedicht?

„Wenn die Probleme eines Anderen dich mehr kümmerten, als deine eigenen, wenn schwere Tränen, ihrer Bahn folgend, sich bald kurz vor dem Sturz in den Abgrund befänden, wenn dein Herz sich, in Watte gepackt, mehr dem Herzen eines Anderen näher fühlte, als sich selbst, wenn alles um dich herum nichtig erschiene und jeder Satz, der deinen Mund verließe, der tiefen und doch so zerbrechlichen Beziehung ein Todesurteil sein könnte und du dich fragst, was es Wichtigeres gäbe als eben jenen Menschen, der in deinen Augen so viel mehr wert sei als du selbst und du glaubst, jede Sekunde, die er sein Selbst aus den Augen verlöre, könnte ihn weiter von dir entfernen und wenn eben jener Verlust dich, wie du glaubst, um den Verstand brächte und wenn der Andere sich dann, in der Angst dein splitterndes Herz zu sehr zu belasten, welches du mit Freuden hingabst, wenn nicht gar darum betteltest es belastet zu wissen, wenn er dann sein Inneres vor dir verschlösse, sich abwendete und dich der Essenz dessen, was du bist, beraubte, indem er dich stumm das Leid in seinen Augen sehen ließe, ohne dir die Möglichkeit offen zu lassen, dich mit voller Hingabe darum zu bemühen, dass ein Lächeln seine blutleeren Lippen ziere, wenn es dir durch Mark und Bein liefe, dich quälte, tag aus, tag ein, das Bild seines gebrochenen Blicks, ohne Gnade, und dich der Anblick des Leids eines Freundes deine Seele so sehr zerschmetterte, wie die unendliche Wut deines Herzens Geschirr und Mobiliar bräche, wenn dann der Freund dich mit mitleidigem Blick darum bäte, nicht dein Leben zu geben für etwas, was dich nicht beträfe... wenn das alles einträfe, dann würde vielleicht irgendwann der Faden zerreißen, du würdest den Freund packen und schütteln und du würdest schreien, "HALT!" und "HILFE", weil er es nicht zu tun vermochte.
Da es aber nicht so ist, Freunde Freunde bleiben, ihr Leid mit dir teilen, eins zu eins, wie man einen Apfel in vier Teile schneidet, angesichts der befreiten Seele ein wahres, ein strahlendes Lächeln an die Umwelt schenken, glücklich über Belangloses, wie Wichtiges reden, die dunklen Schatten vergangener Tage und die Dämonen der Gegenwart mit vereinter Kraft verjagen, wie die Sonne durch die grauen Sturmwolken bricht, nachdem diese all die Tränen geweint haben, die sie in ihren schwerfälligen Leibern trugen; da dies so ist, lehnst du, die Wangen frischem Wind und Sonne zum Trotze, deinen Kopf auf die Schulter des Anderen und verlierst, ungeahnt und doch froh um das Wissen, eine Träne an die Freundschaft.“
Schriftrolle Fuss
Eine Weile war es still im Raum, dann flüsterte Lucil:
„Ich versteh es nicht, aber es ist auch nicht für meine Gedanken gedacht, glaube ich. Ich werde wieder gehen, wenn ich darf? ... Bis morgen früh.“
Sie gähnte leise hinter vorgehaltener Hand und trapste müde aus dem Zimmer. Delilah blieb allein zurück. Auch sie brauchte Schlaf und Zeit um das Gehörte zu verarbeiten.
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Mittwoch 27. August 2014, 20:51

~ To the Moon ~

Veranos Besuche waren wie das Eis, mit dem er sie behandelte: Kalt und schmerzhaft.
Eisiger Schmerz, betäubend und lähmend. Dann die Hitze, verzehrend und brennend.
Abwechselnd regierten sie ihren Körper, rollten darüber hinweg wie Urgewalten... und rissen Delilah mit sich fort.
Sie wimmerte, schluchzte, an den schlimmen Stellen entfuhren ihr immer wieder Schreie, die sie nicht unterdrücken konnte. Ihr Atem ging schneller, als wäre sie auf der Flucht, ihre blinden Augen waren weit aufgerissen vor Schmerz und Verzweiflung. Ihr Körper zuckte wie unter Schlägen, willenlos warfen sich Arme und Beine umher.
Sie zählte die Tränen nicht mehr.
Aber egal wie sehr und wie oft sie ihn verflucht hatte, wie oft sie innerlich gefleht hatte es möge bald vorbei sein... kein einziges Mal bat sie ihn darum aufzuhören.
Oft lag sie schluchzend in seinen Armen, wenn sie den Schmerz langsam abebben spürte. Je mehr sie fühlen konnte, je … vollständiger sie wurde, umso tröstender wurde das Gefühl.
Er passte auf sie auf, immer noch ihr Schutzengel, auch wenn er immer wieder all zu bald hinter den Grenzen ihrer Wahrnehmung verschwand. Unerreichbar.

Delilah hatte viel Zeit nachzudenken. Zu viel. Sie fühlte sich so hilflos, schon wieder. War sie jemals nicht hilflos gewesen? Immer musste sie jemand retten, immer jemand sie stützen... wann war sie je einen Schritt alleine gegangen? Immer hatte sie jemand aufgefangen, immer kümmerte sich jemand um sie. Jetzt brauchte sie sogar Hilfe bei den einfachsten Dingen, weil das kleine Mädchen sie ins Unglück gestürzt hatte. Die Welt war schwarz geworden und schwarz würde sie bleiben. Verano weckte ihre Nerven auf, aber Delilah konnte immer seltener die Hoffnung in sich wecken, dass er ihr auch das Augenlicht würde wiederbringen können. Dunkelheit überall. Dunkelheit in ihrem Kopf. Dunkelheit hinter ihren Augen. Dunkelheit auf der Haut und Delilah spürte wie die Dunkelheit ihr langsam ins Herz kroch. Nicht die bösen Schatten, das fiese Wesen, sondern … einfach... die Trostlosigkeit. Sie war wütend und traurig und … und...
Sie war zu nichts zu gebrauchen!

Delilahs Gefühle waren ein Auf und Ab, ein Hin und Her.
Mal war sie wütend, auf sich, auf Deli, auf die Dunkelheit, auf Verano, …
Er war Freund und Feind. Er brachte Heilung und Schmerz. Er brachte Leid und Trost.
Nie wieder, sagte sie sich, nie wieder wollte sie hilflos sein, wenn das alles überstanden war.
Auch wenn sie blind bleiben würde. Sie würde Wege finden unabhängig zu werden.
Das kleine Mädchen war Schuld... das kleine Mädchen hatte sie in die Dunkelheit geworfen aus der es kein Entkommen gab. Sie wollte allen Licht schenken und hatte nun sie ins Dunkel verbannt. Gerecht war das nicht. Aber nicht zu ändern... warum war sie so dumm, so unvorsichtig gewesen?

Dann wurde sie wieder traurig, verzweifelt... sie vermisste ihre Großmutter, sie vermisste die Akademie und Brit, sie vermisste es zu wissen was sie wollte. Sie vermisste Leon.
Manchmal glaubte sie ihn lachen zu hören, manchmal bemerkte sie, dass Veranos Sprachmelodie seiner glich, manchmal...
Und sie vermisste die Farben, die Gesichter und das Licht. Sie vermisste es zu lesen, selbst die Seiten umzublättern und mit dem Blick dem Pfad der Buchstaben zu folgen.
Sie vermisste es... zu leben. Sich selbst eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen, sich die Nase zu kratzen, sich zu bewegen, …

Und immer wieder kam die Angst.
Angst, Angst, Angst. Angst blind zu bleiben, Angst nie wieder laufen zu können, Angst hilflos zu bleiben, Angst vor der Dunkelheit und davor, dass sie das Licht in sich nie wieder spüren würde... Angst vor der nächsten Behandlung, vor dem Schmerz, der Kälte, der Hitze, den Fingern... Angst vorm Sterben... und Angst vor der Angst.

Sie wurde immer stiller, zog sich mehr und mehr in sich selbst zurück. Nur Lucil gelang es, sie aufzumuntern, sie abzulenken, herauszuholen und sie sogar zum Lachen zu bringen. Lucil war es, die sich liebevoll, sorgsam und still um sie kümmerte und dabei kein Mitleid vermittelte. Lucil war es die Delilah einen Funken Licht spendete. Sie schenkte ihr Augen und Beine. Sie war ihr Freundin und Hilfe.

Delilah sortierte ihre Tage inzwischen nach hell und dunkel.
Die dunklen Tage, die strudelnden Tage waren die Tage in denen Verano da war. Das waren die Tage an denen der Schmerz kam, die Tage an denen sie manchmal vergaß zu atmen, ob wegen der Stiche oder dem Prickeln auf der Haut wusste sie danach nicht mehr. Er war ihr Engel.... aber ihr schwarzer Engel. Er brachte den Schmerz, Lucil den Trost. Er blieb immer gerade so lange, dass sie nicht mehr das Gefühl hatte vollkommen auseinander zu fallen, so lange bis sich die ersten Fäden gebildet hatten, die sie zusammen hielten.
Dunkle Tage waren aber auch jene Tage in denen die dunklen Gedanken kamen, die Angst, die Wut, …
Die hellen Tage waren selten. Die hellen Tage waren jene Tage der Fortschritte. Wie der Tag an dem sie das erste Mal ihre Finger bewegen konnte, das erste mal das Glöckchen hatte bimmeln lassen. Der Tag an dem Lucil das erste Buch fertig gelesen hatte.
Dann war da der eine Tag gewesen... der Tag an dem die Luft warm und fröhlich geschmeckt hatte, von draußen wundervolle Düfte und Vogelgezwitscher in ihr Zimmer gedrungen war... und Deli ganz sachte erst, als Lucil kurz draußen war, angefangen hatte zu singen. Es war ein heller, fast strahlender Tag gewesen und Delilah hatte sich ganz leicht gefühlt. Und plötzlich war ihr dieses Lied durch den Kopf geklungen. Es berichtete von einem Fest auf dem Land bei dem sich alle treffen und tanzen, während der warme Wind die Laternen im Wind schaukeln lässt. Von einem jungen Paar, dass sich fort schleicht durchs hohe Gras zum Fluss und dort weiter tanzt, während die Musik von Ferne klingt. Es war ein langsames Lied, fröhlich und sehnsüchtig zugleich. Ein Lied das nach Wärme und Leben ruft. Früher, in einem anderen Leben, hatte Delilah es in der Schule gelernt. Es war Rebeckas Lieblingslied geworden, die schon immer das Fernweh gequält hatte, sie hatte es oft gesungen und so war es Delilah im Gedächtnis geblieben. Damals hatte sie Rebeckas Sehnsucht nicht verstanden, doch jetzt empfand sie ähnlich.
Ihre Stimme wurde beim Singen erst kräftiger und dann immer leiser bis sie schließlich ganz verstummte, ehe Tränen sie übermannen konnten. Sie hatte nicht nochmal gesungen.

Der Tag an dem sie das erste Mal wieder draußen war, ließ sich nicht einordnen...
Erst war er dunkel gewesen, finster. Ihr Körper war zusammengezuckt, als sie Veranos Schritte von weitem erkannte. Sie sehnte die Heilung herbei und nahm dafür die Schmerzen in Kauf, trotzdem wehrte sich ihr Körper gegen den Geist. Er wollte keine Schmerzen mehr.

Das nächste was Delilah nach all dem Schmerz wieder bewusst wahrnahm war, dass Lucil sie aufrichtete, anzog, in eine Decke wickelte und so in einen Stuhl verfrachtete, dass sie nicht umfallen konnte. Ihr Kopf war noch total blockiert von all den neuen Signalen. Ausflug...? In ihrem Kopf drehte es sich, bis Lucil den Stuhl anschob. Der Tag wurde hell, strahlend.
Das erste Mal „sah“ Delilah das Haus. Lucil beschrieb ihr alles auf dem Weg nach draußen. Die Gemälde, die Wände, die Möbel... das junge Mädchen roch die Ölfarben, die Politur, den ganz eigenen Geruch der dicken Teppiche, … staubig … gemütlich... so rochen dicke Teppiche, auf die man sich so wunderbar legen konnte um zu lesen oder den Gedanken freien Lauf zu lassen. Lucil schenkte ihr die Augen, schenkte ihr die Farben und Bilder, die Geheimnisse und verdrängte die Dunkelheit.
Aber am allerschönsten war der Garten. Die Bäume, der Teich, das Gras … und die Blüten! Alles roch so wunderbar, so unglaublich und intensiv, wenn sie direkt hier draußen war. Bilder brannten sich in ihr Gedächtnis, auch wenn sie gar nicht sehen konnte. Sie konnte die Sonne auf dem Gesicht spüren und eine leichte Brise in ihrem Haar. Und das Gras an ihren Füßen, die gerade heute erst wieder zu ihrem Kosmos gehörten. Sie hatte Lucil gebeten sie ins Gras zu setzen.
Da lag sie eine ganze Weile still und lauschte und roch. Die Insekten die über sie hinwegflogen, das Rauschen der Blätter, leises Plätschern, Knarzen von Ästen und Zweigen... und Lucils fröhliche Stimme. Delilah sog das alles in sich auf. Die Gerüche, die Geräusche, die Gefühle...
Ihr ganzes Sein sehnte sich danach die Sonne sehen zu können, die sie sanft kitzelte, das Gras, das sie berührte, den Teich, den sie hörte, die Bäume, die ihr zuflüsterten und das Mädchen, das neben ihr lachte. Trotzdem...
Es war ein strahlender Nachmittag. Ein Tag voller Farben.

Die Nacht wurde schwarz. Lucil und Delilah hatten noch ein wenig geredet, Delilah hatte viel gelacht und sich bei Lucil für den schönen Tag bedankt. Nun war sie allein und hing bunten Gedanken nach, Gedanken an weiße Blüten auf glitzerndem Wasser. Sie war schon dabei einzuschlafen.
Da hörte sie Schritte. Verano... um diese Uhrzeit war er ein seltener Gast. Automatisch begann ihr Herz zu rasen und ihre Füße zitterten, ehe der Geist den Körper zur Ruhe ermahnte.
Er setzte sich an den Flügel und spielte. Zart schwebten die Töne durch die Dunkelheit.
Es waren dunkle Klänge, dunkle Musik... dunkle Gedanken in seinem Kopf? Angst? Trauer?
...trauerte er? Worum? Warum?
Delilah wusste es nicht einzuordnen.
Solche Momente zwischen ihnen waren selten geworden … und kostbar.
Dieser Frieden, zerbrechlich und zart. Sonst waren seine Besuche geprägt von Schmerz, von Hitze, von Verwirrung, Chaos, Wut, Schmerz, Schmerz und Dunkelheit.

„Lucil hat mir berichtet, dass es dir gutgeht ...“

So... hatte sie das? Ja, heute war das definitiv so gewesen. Die letzten Tage waren alle heller gewesen. Lucil hatte dafür gesorgt.

„Dein Garten ist so... so... märchenhaft.“ Ihr wollte beim besten Willen kein allgemeines Wort dafür einfallen. „Ich würde ihn gerne sehen... wo er sich schon so wundervoll anfühlt, anhört,...“
Sie verstand nicht, warum sie nicht Garmisch reden sollte. Sie liebte ihre Muttersprache und in diesem Augenblick klang Delilah schon fast... glücklich. Oder sickerte nicht doch Trauer und Sehnsucht hindurch?

Wieder folgte eine Weile Schweigen.
„Wenn du soweit bist … ich bin es.“

Die Angst kam, die Furcht. Sie hatte es gewusst, gespürt.
Verano ging und die Einsamkeit kam, die die Angst nährte.
Delilahs Herz klopfte so stark in ihrer Brust, dass sie es spüren konnte, sie fühlte es furchtsam gegen ihren Brustkopf schlagen, als wollte es fliehen. Tat es seine letzten Schlägen? Waren sie abgezählt?
Ihre Finger zitterten als sie das Glöckchen schlug. Sie konnte nicht allein sein diese Nacht.
Außerdem galt es ein Rätsel zu lösen, für das man Augen benötigte.

Lucil las und Delilah lauschte. Über manches Wort, manche Formulierung stolperte die Zunge des Mädchens, doch die Worte kamen...

Später, wieder allein, fragte sich Delilah noch lange, was Verano ihr da geschickt hatte.
Was es ihre Geschichte die er da wiedergab oder ein Versprechen?
Irgendwie klang es für Delilah als wäre es nicht ihre Geschichte... aber vielleicht Veranos... doch von wem sprach er noch? Dieses Papier gab mehr Fragen auf, als dass es sie beantwortete... In dieser Nacht träumte Delilah von Scherben. Von Scherben, Tränen und Fragen.
Vertrauen und Freundschaft. Dinge so zerbrechlich wie Glas.

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 28. August 2014, 03:43

Die Dunkelheit hatte Form angenommen. Formen von Fingern, Händen, schlanken Armen, Brust, Rücken, Po und Beinen. Wie aus einer gläsernen Hülle schien noch immer die Dunkelheit aus ihr hinaus in die Welt. Seit jenem Tag, an dem Verano das Pergament zurück gelassen hatte, besuchte er sie täglich. Aber vor allem, es gab keine Schmerzen mehr. Entweder spielte er für sie, oder saß einfach nur still bei ihr. Manchmal unterhielt er sich sogar mit ihr. Einmal hörte sie Lucis und seine Stimmen auf dem Flur miteinander flüstern:
„ … Herr, verzeiht, aber dann solltet ihr ihr vielleicht etwas erzählen. Irgendetwas. Sei es noch so unwichtig.“
„Ich denke nicht, dass sie Lappalien von mir hören will.“
„Verzeiht, ich habe mich zu weit vor gewagt.“
Es dauerte eine Weile, aber danach versuchte sich Verano an normaler Konversation mit ihr, was schnell damit endete, dass Delilah Fragen stellte, die er nicht beantworten konnte, oder wollte. Irgendetwas hielt ihn von ihr fern. Vielleicht war es seine Vergangenheit, vielleicht auch Delilahs Zukunft, die er fürchtete. Es war ein stetiges Warten auf sie. Er wartete, bis auch sie bereit für den nächsten Schritt war. Mehrere Nächte lang wuchs die Angst ins Unermessliche, aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem es einfach nicht mehr schlimmer werden konnte. All die schrecklichen Vorstellungen, all ihre düstersten Phantasien hatten sich in ihr versammelt. Sie watete durch ein Meer aus schwarzen Scherben und nahm sie mit all ihrer Härte hin. Verano war da, ob sie ihn anschrie, oder sich still ihrer Wut ergab. Das schlimmste jedoch war der Zorn auf dieses unschuldige kleine Wesen, was sie hatte retten wollen und sie in diese Lage gebracht hatte. Das Bild des Mädchens wurde in ihrem Hass immer plastischer und Schuld war so etwas süßes. Oliana war schuld. Schuld daran, dass Delilah hier lag, hilflos und blind! Oliana, die kaum sechs Sommer gesehen hatte und vom Hauch Morgerias heim gesucht worden war. Oliana, die ihre Familie an eine der schlimmsten Flüche verloren hatte, an eine unheilbare Krankheit. Ob sie noch lebte?
Eben jener kleine Gedanke an die Folgen ihres Handelns, warum sie zu viel von sich gegeben hatte, brachte einen Funken Licht in ihre kleine Welt aus Glas. Tief in sich, am Grund des schwarzen Meeres, wusste sie, dass nicht das Mädchen schuld gewesen war. Es war leicht in ihr die Ursache allen Übels zu sehen, doch mit Blindheit geschlagen, erkannte Delilah in den unglaublich scharfkantigen Scherben ihrer Seele, dass es ganz allein ihre Entscheidung gewesen war. In dieser dunklen Stunde, in dieser Erkenntnis lag ein stiller Trost, denn von nun an konnte sie ehrlich zu sich sein. Wie sie in Zukunft mit ihrer Magie, mit ihren Mächten umgehen würde, war nun ihre Entscheidung. Würde sie in einer ähnlichen Situation wieder das gleiche tun? Würde sie selbstsüchtiger haushalten? Würde sie ihre Gabe vor der Welt verschließen lassen um nicht in Gefahr zu geraten, dieses Leid noch einmal zu erleben?
Magie! War sie Gabe oder Fluch? Viele der Mentoren, der Lehrer an der Akademie waren geblendet. Magi Sixtema war blind und konnte doch sehen, oder? Delilah hatte nie das Gefühl gehabt, dass sie an ihr vorbei geschaut hätte. Bei diesen Erinnerungen tropften plötzlich Bilder in Delilahs dunkle Welt. Sie erinnerte sich wieder. Ganz am Anfang, als ihre Magie erwacht war, hatte sie doch all diese bunten Auren sehen können, obwohl ihre Augen noch geblendet waren. Erst war dies vollkommen ungebremst und unkontrolliert geschehen, aber später hatte sie gelernt, ihre Sinne zu fokussieren und einen Zauber daraus zu weben. Es war einer der einfachsten Zauber, einer der ersten. Sie hörte die Worte ihre Mentorin:
„Leuchtende Kinderaugen.
Eine simple Magie mit hoher Wirkung. Die Pfade des Lichtes werden oft von Schatten und Zwielicht bedeckt. Ein Magier kann mit diesem Zauber die Gesinnung seines Gegenübers anhand des Schimmerns in dessen Augen erkennen. Je nach Gesinnung schimmern sie entweder blau, grün, violett, bis hin zu reinstem Gold. Erst mit der Zeit, lernt ein Lichtmagier diesen Zauber zu lesen und die Farben richtig zu deuten. Der Magie wirkt den Zauber auf sich selbst.“
Delilah fühlte diese Magie immernoch in sich. Auch wenn sie noch in ihrem Körper gefangen war, so konnte sie sich doch selbst bezaubern. Sie musste es einfach wagen, egal was es kostete. Die Dunkelheit war unerträglich und wenn es eine Chance gab, so etwas Licht in sie zu bringen, musste sie es tun! Verano saß am Flügel und war abgelenkt. Wenn nicht jetzt, dann nie! Still blickte sie auf ihr schwarzes Meer und ließ sich in die Tiefe sinken, in der sie so sehr gefürchtet hatte sich zu verlieren. Ganz unten am Grund all ihren Seins, glomm der Funke ihrer Magie. Vorsichtig ergriff sie ihn und ließ ihn aufsteigen. Wie ein flüchtiges Ding rutschte er ihr ein paar mal durch die mentalen Finger, aber dann hob sich ein kleines Leuchten aus den Fluten und schimmerte über den Wellen.
Delilah öffnete ihre Augen. Nein, sie konnte nicht sehen, und doch war da etwas. Nicht weit von ihr, nahe der Quelle der wunderbaren Musik, sah sie etwas. Sie fühlte, wie ihre Augen blinzelten und fokussierten. Das dunkel graublaue Leuchten war ihr abgewandt und begann trotzdem langsam Form anzunehmen. Grobe Schemen einer sitzenden Gestalt entstanden, die die Arme leicht zum Spielen nach vorne gestreckt hielt. Ohne die Fähigkeit zu sehen konnte sie doch Veranos Aura wahrnehmen. Ein paar goldene Schlieren mischten sich mit den dunklen Grundtönen, als trüge er etwas bei sich. Zwar verstand Delilah nicht die Farben, aber dieser kleine vergessene Zauber holte sie ein weiteres kleines Stück zurück in diese Welt.
Veranos Kopf, oder das, was sie in dem Glühen als solches vermutete, drehte sich zu ihr und die Musik erlosch. Er stand auf, und sie folgte ihm mit den Augen, seinem schleierhaften Wesen in der Dunkelheit. Sie hörte an seinem Atemrhythmus, dass er zögerte. Sicher hatte er bemerkt, dass etwas anders war. Dann stellte er die gefürchtete Frage, die er seither jeden Tag gestellt hatte:
„Bist du soweit?“
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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Delilah » Donnerstag 28. August 2014, 13:45

Delilah wurde ruhiger. Die Schmerzen blieben fern und sie konnte in Ruhe die Grenzen ihres Körpers erforschen. Sie kam sich nun wirklich vor wie eine Puppe. Hohl und zerbrechlich. Aber jedes Gefühl, jedes Kribbeln, Jucken, jeden Lufthauch den sie auf der Haut spüren konnte hieß sie willkommen.

Ja, in den dunkelsten Stunden war Delilahs schreckte geplagter Geist selbst davor nicht zurückt Olia Vorwürfe zu machen. Es tat gut für einen Moment einfach wütend sein zu können, innerlich zu schreien, zu weinen... doch ihr war klar, dass das kleine Wesen keine Schuld traf.
Sie selbst war es gewesen. Sie allein. Doch es war schwer dieses Schicksal einfach anzunehmen.
Sie hatte solche Angst. Angst vor dem was kommen würde und Angst vor der Situation, in der sie sich bereits befand. Blind und gefesselt. Warum...warum...warum... !?!

Delilah begann die Stunden zu genießen, wenn Verano sie besuchen kam. Besonders freute sie sich, als er wirklich begann ihr Kleinigkeiten zu erzählen. Sie lächelte und hörte gespannt zu, doch nachdem sie ein paar Fragen gestellt hatte verstummte er wieder. Das Mädchen verstand ihren Engel immer noch nicht. Warum half er ihr, aber wollte sich nicht mit ihr unterhalten?
Sie spürte eine leichte Anspannung zwischen sich und Verano. Es war diese Frage die zwischen ihnen lag. „Bist du bereit?“
Nein, dachte Delilah. Nein, nein, nein. Ich weiß nicht.

Immer wieder kam ihr Oliana in den Sinn, immer wieder beobachteten die kleinen erschrockenen Kinderaugen Delilah. Ob das Mädchen noch lebte? Ob die Magie gewirkt hatte?
War ihr Opfer umsonst gewesen? … oder hatte es geholfen?
Dann wäre das alles hier wenigstens nicht umsonst...

Die Magie... war die Magie schuld? War sie Fluch... oder Segen?
Sie konnte helfen und heilen und … zerstören... wieder die Augen Olianas die sie verfolgten...

Und... Magie konnte... sehend machen...!
Delilah traf es wie ein Schlag. Die Erinnerung war so tief vergraben gewesen, verschüttet unter Monaten des Lernens und nun Wochen, Tagen, Stunden des Leidens.
Kinderaugen!

Natürlich! Sie hatte die Magie immer noch in sich, irgendwo, sie musste sie nur finden und dann... hoffentlich würde es klappen! Mit der Kraft der Verzweifelten machte sich Delilah auf die Suche nach dem Funken an den tiefsten Stellen des dunklen Meeres. Da war er... sanft flackernd zwischen den Wogen. Sie ließ ihn aufsteigen, schweben und einige Male entwischte er... Delilah sank der Mut, doch als sie das letzte Mal... beschwörend, bittend den Funken fliegen ließ, folgte er ihr und entzündete einen sanften Schimmer, der die Wellen glitzern ließ.

Delilah öffnete die Augen. Dunkelheit. Schwärze. Nacht.
Hatte es nicht gewirkt?

Fast hätte sich ein Schluchzen Delilahs Kehle entrungen, als sie etwas sah. Da war etwas. Sie konnte etwas sehen! Sie...sie... sah! Es war Verano, eindeutig, nur er konnte der Musik so nahe sein, er WAR die Musik. Seine Aura war grau...blau...immer deutlicher wurde seine Gestalt.
Sie wusste nicht was die Farben bedeuteten, aber die goldenen Schlieren die sich mit den dunklen Farben vermisschten, erinnerten sie an ihren dunklen stillen Ozean über dem nun wieder ein Licht brannte. Ein zittriges Lachen kam über ihre Lippen, ein seliges Lächeln. Sie fühlte sich frei.

Da erlosch die Musik je, Veranos Gestalt stand auf und sie spürte wie ihre Augen ihr den Gefallen taten ihm zu folgen. Alles verband sich nun zu einem Bild. Sein Geruch, das Geräusch seiner Schritte und nun seine Gestalt. Er zögerte, doch Delilah war abgelenkt.
Sie konnte sehen. Sehen... endlich wieder... ein Licht in ihrer Dunkelheit, egal wie schemenhaft, egal wie verschwommen es auch war. Nun galt es die Schwärze zu verdrängen.
Doch das Lächeln auf ihren Lippen erstarb, als er die tägliche Frage stellte.
„Bist du soweit?“

Nun war es Delilah, die zögerte.
Die Angst drohte, erneut aus den Tiefen der Wellen emporzusteigen wie klebriger Nebel.
Doch Delilah fokussierte sich entschlossen auf den graublauen Lichtblick.
Sie wollte kämpfen.

„Ja.“

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Re: Zwischen Jersa und Rugta

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 28. August 2014, 20:10

„Ja.“
Welch einfache Silbe. Sein Gesicht zuckte, hatte er es diese Nacht nicht vermutet, so hatte Delilah ihn tatsächlich überrascht. Er nickte langsam, sie konnte die Bewegung seiner Aura sehen, die sonst reglos mitten in der unendlichen Schwärze schwebte.
„Gut.“
Er entfernte sich ein Stück und kam leicht nach vorne gebeugt in Begleitung des leisen Quietschens der hölzernen Räder an ihrem Stuhl zurück. Er kam ihr nah, hob sie auf seine Arme und setzte sie in den Stuhl. Sein Atem steife dabei flüchtig ihre Wange. Schweigend ging es los. Die Vibrationen des Bodens übertrugen sich in ihren Körper. Vielleicht zitterte sie auch vor Angst, vielleicht vor Aufregung. Durch die Spaziergänge mit Luci erkannte sie einige Flure und Räume an ihrem Duft oder dem Klang des Halls. Dann ging es durch eine Tür, die sie nicht kannte und neue Eindrücke strömten auf sie ein. Die Tür an sich, sah sie nicht, doch ein flüchtiger goldener Schimmer lag auf dem Rahmen unter dem sie hindurch fuhren. Das Glühen sprühte ein paar Funken, als sie es passierten und diese flogen zu dem goldenen Schimmer in Verano Aura. War das so etwas wie eine Alarmanlage? Etwas das ihm meldete, wenn Unbefugte diesen Bereich betraten? Eine Weile rollte er sie noch weiter. Delilah hörte den Hall großer offener Räume, den dumpfen Klang seiner Schritte auf Teppichen, dann auf Holz und später auf Stein. Im vorbeigehen, sah sie plötzlich kurz eine Gestalt die sie beobachtete. Eine violette Aura, deutlich kleiner als er und sie rührte sich nicht, bis er vorbei gegangen war. Delilah erinnerte sich, dass es noch mindestens eine weitere Dienerin im Haus gab. Die junge Frau, die sie vor Verano hatte warnen wollen und die sie seit dem nicht mehr gesehen hatte. Ohne ein Wort, oder eine Regung trugen seine warmen Arme sie weiter. Dann hielten sie.
„Es wird gleich ein wenig eng und später kalt. Sag bescheid, wenn du es dir anders überlegen solltest.“
Gab es noch ein zurück? Anscheinend. Noch hatte sie eine Wahl, doch wie lange noch? Würde sie noch einmal den Mut aufbringen, sich in seine Hände zu geben, ohne wissen, oder noch viel schlimmer, dann mit dem Wissen, was auf sie zu kam? Sicher nicht. Der Druck seiner Arme bot Sicherheit und Halt, doch nicht nur für ihren Körper. Auch ihr Geist war ruhig, solange er bei ihr war. Die letzten Tage hatte sie sich sehr an seine stille Anwesenheit gewöhnt. Sie fühlte einen kühlen Lufthauch an ihren baren Füßen, dann trug er sie eine unglaublich lange Treppe hinunter. Der Hall seiner Schritte verzerrte sich in den Gängen und unterirdischen Wegen und irgendwann hörte sie ein leises Plätschern. Stetig wuchs es an, um so näher sie kamen und schwoll zu einem lauten Rauschen an. Es musste eine unterirdische Quelle sein. Dann bogen sie um eine letzte Ecke und Delilah traute ihren Augen kaum. Der ganze Raum, eine Höhle, glühte in sanftem Gold, als wären die Wände mit Magie überzogen worden; was wahrscheinlich der Wahrheit sehr nahe kam. Die Luft war eiskalt und doch sehr feucht. Ihre Haut prickelte und sie fror in ihrem dünnen Nachthemd. In der Mitte des Raumes war ein kleiner Ring aus konzentriertem Leuchten für sie zu erkennen, ein Teich aus flüssigem Metall. Darum lagen Brocken und darüber entschwanden die aufsteigenden Funken goldenen Lichts, in einem hohen Schacht in der Decke. Der kleine Ring war von einem weiteren umschlossen, der jedoch graublau und golden durchzogen war wie Veranos Aura. Etwas Abseits schwebte eine kleiner Haufen des glühenden „Gerölls“ auf einer unsichtbaren Platte im Nichts. Es war verwirrend al die mystischen Dinge zu sehen, aber nicht den Weg den sie gingen, nicht die Brücke über die sie liefen, auch kein Mobiliar, oder sonstige normale tote Gegenstände. Als sie von seiner Schulter zu ihm aufsah, hatte sich auf seine blaugraue Haut ein goldener Schimmer gelegt, der fast sein Gesicht erkennen ließ. Die Feuchtigkeit im Raum, war wie flüssige Magie, wie eine Geode aus Diamanten, wie perlmuttfarbener Nebel.
Verano setzte sie sanft neben dem innersten Ring ab und machte ein paar seltsame Verrenkungen, biss Delilah begriff, dass er sich wohl einiger Kleidungsstücke entledigte. Dann kam er wieder zu ihr und kniete sich auf ein Bein nieder.
„Wir machen das gemeinsam. Ich lasse dich nicht allein und wenn du es nicht mehr aushältst, hören wir auf. Nur bitte versuch es zu ertragen, denn wenn wir abbrechen müssen, wird es für … lange Zeit keinen zweiten Versuch geben. Die Materialien die ich für diese Art von Magie brauche sind sehr schwer zu beschaffen.“
Sein Kopf wandte sich kurz zu dem kleinen an der Seite liegenden Haufen. Irgendetwas in seiner Stimme verriet, dass er sich auch noch Sorgen um etwas anderes machte, dann jedoch alle störenden Gedanken verwarf und sich voll und ganz auf sie konzentrierte. Abermals nahm er sie in seine Arme. Langsam drehte er sich um und schritt ein paar unsichtbare Stufen in den glühenden See hinein. An seiner Atmung konnte Delilah hören, dass er Schmerzen litt, dann berührten ihre Zehen das eisige Nass und ohne es zu wollen entwich ihr ein gellender Schrei. Ihr Körper wollte sich wehren, wollte mit jeder Faser sich der Todeskälte entziehen und genau das war es, dass ihre Zellen auch wieder zum Leben erweckte. Mit jedem Schritt, den Verano tiefer in das Becken stieg, drohte das Eis ihr das Leben zu nehmen. Verano dosierte den Schmerz so gut er konnte, doch es blieb ein Balanceakt. In der Mitte des kleinen Teiches fiel Wasser aus der Decke, dort wo Delilah die goldenen Funken aufsteigen sah. Das Rauschen war so laut, dass es ihre Schreie erstickte. Ihre Beine begannen zu zappeln und zu treten, doch Verano hielt sie fest umfangen. Um so tiefer es ging, um so mehr wehrte sich ihr Körper. Ihr Rücken bog sich unter Krämpfen, in ihrem Bauch rissen die Organe auf. Ihre Schultern glitten aus den Gelenken und die Knochen ihrer Arme splitterten wie Glas. Ob es wirklich so war? Es fühlte sich so an. Dann hörte sie leise Veranos Stimme aus der Ferne flüstern:
„Ich tauche dich jetzt unter. Du musst es einatmen! Ich lasse dich nicht ertrinken! Vertraue mir!“
Panik! Die nackte Angst kroch durch jede Faser ihres Körpers. Wollte er sie umbringen? Wollte er sie hier zu Eis erstarren lassen und einer Sammlung von Skulpturen hinzufügen? Was hatte sie sich nur gedacht. Die Kälte schwappte ihr ins Gesicht und drang in ihren Mund und Nase. Aus reinem Überlebensinstinkt heraus hielt sie die Luft an. Durch den durchsichtigen Spiegel über ihr konnte sie seine Aura sehen. Sein Kopf nickte, als wolle er ihr Mut zusprechen. Sie fühlte wie das schwarze Meer ihrer Seele zu gefrieren begann, wie ihr Geist sich wieder von ihrem Körper entfernen wollte. Ihre Hände schlugen nach seinen starken Armen, die sie unter Wasser drückten. Sah so der Tod aus?

Der Kampf war kurz und heftig. Todeskälte, eine fremde Magie, ein Fluss aus Tränen und flüssigem Gold war in sie gedrungen und füllte sie aus. Es drang in jeden Winkel ihres Körpers, ihrer Wahrnehmung. Dann war es endlich still.

Ihre Gegenwehr erstarb so schnell unter seinen Händen. Sie war noch ein Kind gewesen und hatte seiner Stärke nichts entgegen zu setzen. Zitternd starrten seine silbrig glänzenden Augen auf die dunkle Wasseroberfläche und schauten hinab zu den Geistern, die nach ihr greifen wollten.
„NEIN! Ihr bekommt sie nicht!“
Mit all seiner Kraft riss er sie aus dem Strom und hob sie an seine Brust. Die steifen Beine wollten ihm schon den Dienst versagen, doch er erklomm stöhnend die Stufen zum Rand des Beckens. Atemlos legte er sie auf seinen Umhang, presste seine Lippen auf ihre und blies ihr seinen Odem ein. Jetzt musste alles sehr schnell gehen, doch einen Atemzug lang betrachtete er sie voller Bewunderung. Trotz ihrer Jugend, trotz ihres zarten Wesens hatte sie ihn nicht gebeten aufzuhören. Er hob sie auf die Arme und eilte die Treppe hinauf. Jeder Schritt hinterließ blutige Fußabdrücke, aber darum konnte er sich später kümmern. Jetzt brauchte sie Wärme.

Delilah erwachte und fand sich in einem Kochtopf wieder. Nein, nicht ganz, aber sie roch Kräuter und dieses würzige Öl, was Verano immer benutzt hatte. Ihr ganzer Körper kribbelte so stark, dass sie kaum ein Gliedmaßen vom anderen unterscheiden konnte. Vorsichtig begann sie sich zu bewegen und … es funktionierte! Ihre Beine gehorchten ihr, ihre Arme fühlten sich noch etwas kraftlos an, aber folgten den Befehlen ihres Geistes. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen …
Nein.
Die Dunkelheit hatte sie nicht verlassen, doch alles andere war zurück gekehrt. Mit Schrecken kamen die Erinnerungen der letzten Stunden zurück. Schmerz, Todesangst und diese allumfassende Kälte! Hatte sie die Augen vor Schreck geschlossen gehalten, als der Schmerz zu schlimm geworden war, oder reichte Veranos Magie nicht aus um ihr auch ihr Augenlicht wieder zu geben? Dauerte es vielleicht einfach noch?
Sie hörte wie die Tür aufging und leise leichte Schritte den Raum betraten.
„Oh! Ihr seid wach!“
Lucis Stimme klang voll und warm in ihren Ohren. Dann ergoss sich ein neuer Schwall kochenden Wassers in ihre Wanne. Um Himmelswillen, wollte sie sie verbrühen?
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