Die Strömung der Gezeiten

Diese Küstenstadt ist verrufen, gefürchtet und niederträchtig. Hier leben Rassen aller Art und sie sind Piraten, Hehler und Gesindel. Neue Besucher sollten sich einer Gemeinschaft anschließen, wenn sie in Rumdett überleben wollen.
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Die Piraten haben sich den Dunkelelfen angeschlossen!
Sie erhielten Freibriefe für ihre Raubzüge auf See. Teilweise haben sie hierzu auch Amazonen angeheuert.
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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Erzähler » Sonntag 7. September 2014, 11:05

Morozov ließ sich von Samuels Sarkasmus nicht beirren. Als Auftragsgeber zahlreicher solcher Bespitzelungen glaubte er, ganz gut entscheiden zu können, was diese Dinge anging.

Der Verwalter hatte sich einiges erlaubt, seine Position so stark darzustellen, dass er nicht zu verhandeln brauchte. Das passte nicht in Rumdetts Schema. Aber ebenso wenig passte Samuels schräge Reaktion darauf. Bezüglich des Preises ruderte er rückwärts und verlangte stattdessen Informationen.

Der Einäugige erklärte ihm die Sache mit dem Kopftuch und Morozov entgegnete: „Das ist ja herzergreifend. Diese Geschichte werde ich meinen Enkeln erzählen, wenn ich jemals welche habe. Dein armes Kopftuch in den Händen des Schurken, der dich so zugerichtet hat. Du hast mein Mitgefühl.“ Samuel war nicht die einzige Person, die Sarkasmus beherrschte.

Nach ein paar Augenblicken, in denen Morozov etwas nachdenklich reinschaute, meinte er: „Ja, ich werde dir Informationen über ihn zu beschaffen, aber nicht als Teil unseres kleinen Vertrages. Wenn du zurückkommst, tauschen wir uns darüber aus, was der andere wissen will, in Ordnung?“

Obwohl diese obskure Änderung klein war, war es jetzt Morozov, der den Handschlag anbot. Mit der anderen Hand hielt er immer noch die vollen zehn Lysanthemer für Samuel. „Ich habe gemeint, dass der Preis nicht verhandelt wird und als ich sagte, dass ich gut für intelligente Leute bezahle, meinte ich das auch so.“

„Das Schiff heißt die Santroner-Möwe. Santros war Caspars Heimatstadt – offiziell jedenfalls.“
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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Samuel Hatch » Donnerstag 11. September 2014, 19:57

Der Einäugige erklärte ihm die Sache mit dem Kopftuch und Morozov entgegnete: „Das ist ja herzergreifend. Diese Geschichte werde ich meinen Enkeln erzählen, wenn ich jemals welche habe. Dein armes Kopftuch in den Händen des Schurken, der dich so zugerichtet hat. Du hast mein Mitgefühl.“

"Oh, solch derartig grausame Geschichten sollten kleine Kinder vielleicht lieber nicht zu hören bekommen." erwiderte Sam feixend.

Nach ein paar Augenblicken, in denen Morozov etwas nachdenklich dreinschaute, meinte er: „Ja, ich werde dir Informationen über ihn beschaffen, aber nicht als Teil unseres kleinen Vertrages. Wenn du zurückkommst, tauschen wir uns darüber aus, was der andere wissen will, in Ordnung?“

Obwohl diese obskure Änderung klein war, war es jetzt Morozov, der den Handschlag anbot. Mit der anderen Hand hielt er immer noch die vollen zehn Lysanthemer für Samuel. „Ich habe gemeint, dass der Preis nicht verhandelt wird und als ich sagte, dass ich gut für intelligente Leute bezahle, meinte ich das auch so.“

„Das Schiff heißt die Santroner-Möwe. Santros war Caspars Heimatstadt – offiziell jedenfalls.“

In Sams Kopf läuteten sofort einige Alarmglocken. In Rumdett war die einzige Währung, die mehr Wert hatte als bare Münze, Informationen und Geheimnisse. Zumindest hatte Sam das über die vielen Jahre gelernt. Warum verkaufte Morozov diese Art der Information nun dennoch so preisgünstig? Der Einäugige schon seine Bedenken in dieser Sache jedoch vorerst in den Hintergrund. Erstens konnte er Morozov auf dessen Wort festnageln, und zweitens brauchte er diesen Auftrag im Moment, und wollte ihn nicht wegen derartiger Sorgen über Bord werfen.

Sam nickte und schlug grinsend ein. Er erleichterte Morozov um dessen zehn Silberlinge und lies sie geschickt in seinem eigenen Beutel verschwinden.

"Wir sind im Geschäft, mein Herr! Freut mich. Doch ein paar kleine Details würde ich schon ganz gern vorher noch geklärt wissen. Wann geht die Reise denn los, und wo genau liegt die Santroner-Möwe? Ach und ganz nebenbei: Muss ich vielleicht sonst noch irgendetwas wissen? Psychotische Crewmitglieder, diabolische Aufnahmerituale oder etwas in der Richtung? Ich bin ungern ein Spielverderber, wenn es um solche Sachen geht."

Man konnte dem Piraten sofort anmerken, dass das Gewicht von zehn neuen Silbermünzen an seinem Gürtel seine Laune erheblich gebessert hatte.

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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Erzähler » Sonntag 14. September 2014, 13:08

Es gab noch einige Fragen zu klären, nachdem der Handel besiegelt war.

„Oh, habe ich das nicht erwähnt? Übermorgen ist die Reise angesetzt. Nach Plan wird morgen beladen. Aber ich würde mir nicht all zu viel Zeit lassen und erst recht nicht das Beladen schwänzen. Die Sache mit Karl ist offensichtlich nicht hundertprozentig narrensicher.“

Dann erklärte er dem Einäugigen den Anlegepunkt der Santroner-Möwe, so dass Samuel Hatch ihn leicht finden konnte. Als er weitere Details von Morozov verlangte, dachte dieser nach und meinte dann gespielt zögerlich:

„Hmm, ja, da gibt es noch eine Sache. Die Amazone hat tatsächlich ein neues Aufnahmeritual eingeführt. Ich werde nicht lange um den heißen Brei reden, Mister Hatch, aber die Sache ist die: Du musst vor ihren Augen mit einem anderen Kerl knutschen. Und es muss ihr gefallen. Und dem anderen Mann auch. Aber für das viele Geld, das ich dir gegeben hatte, ist doch so etwas drinnen.“

Seine Mundwinkel zeigten an, dass dies nur ein Witz war. Morozov schien nicht oft Gelegenheit zu haben, mit jemanden solche Spötteleien auszutauschen. Vielleicht war das auch der Grund für diesen großzügigen Vorschuss.

„Aber ich muss jetzt weiter. Meine anderen Geschäfte warten nicht auf mich, Mister Hatch.“

Und mit diesen Worten ließ er den lädierten Piraten zurück – mit der Freiheit zu tun, wie es ihm beliebte. Es war Nachmittag und die Sonne wurde von einem Wolkenschleier verdeckt, der kein gutes Wetter für heute Nacht verhieß.
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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Samuel Hatch » Sonntag 14. September 2014, 16:08

„Oh, habe ich das nicht erwähnt? Übermorgen ist die Reise angesetzt. Nach Plan wird morgen beladen. Aber ich würde mir nicht all zu viel Zeit lassen und erst recht nicht das Beladen schwänzen. Die Sache mit Karl ist offensichtlich nicht hundertprozentig narrensicher.“

Dann erklärte Morozov dem Einäugigen den Anlegepunkt der Santroner-Möwe. Sam nickte verstehend. Er wusste wo der Anlegepunkt war, und es passte ihm ganz gut, dass es schon morgen mit der Arbeit losgehen sollte.
Als er weitere Details von Morozov verlangte, dachte dieser nach und meinte dann gespielt zögerlich:

„Hmm, ja, da gibt es noch eine Sache. Die Amazone hat tatsächlich ein neues Aufnahmeritual eingeführt. Ich werde nicht lange um den heißen Brei reden, Mister Hatch, aber die Sache ist die: Du musst vor ihren Augen mit einem anderen Kerl knutschen. Und es muss ihr gefallen. Und dem anderen Mann auch. Aber für das viele Geld, das ich dir gegeben hatte, ist doch so etwas drinnen.“

Seine Mundwinkel zeigten an, dass dies nur ein Witz war. In Sams Augen blitzte der Schalk. Er schien sich diebisch über die Antwort seines neuen Auftraggebers zu freuen, als er erwiderte:
"Oh keine Sorge Boss! Wenn Sam Hatch jemanden küsst, dann gefällt es demjenigen immer! Und auch allen Zuschauern! Schließlich bin ich für meine Künste mit der Zunge bekannt, nicht wahr?" Er zwinkerte Morozov frech zu und lachte dann los. Wenn man ihn so sah, fröhlich, unbekümmert und lachend, hätte man nie auf den Gedanken kommen können, dass dieser Mann vor kurzer Zeit zusammengeschlagen und beraubt worden war, geschweige denn, dass er ein skrupelloser Pirat wäre.

„Aber ich muss jetzt weiter. Meine anderen Geschäfte warten nicht auf mich, Mister Hatch.“

Sam reichte seinem neuen Auftraggeber zum Abschied noch einmal die Hand und sah ihm kurz nach, während Morozov in einer der Gassen verschwand.

Nun schien der Freibeuter zu überlegen, was er mit seiner Freizeit und seinem neu gewonnen "Reichtum" anfangen sollte. Wie ihm schon geraten wurde, wollte er das Beladen des Schiffes nicht verpassen. Im Moment war es Nachmittag und die Sonne wurde von einem Wolkenschleier verdeckt, der kein gutes Wetter für heute Nacht verhieß. Daher schmiedete der Einäugige einen eher pragmatischen Plan für den Rest des Tages. Er würde als erstes zum Hafen aufbrechen, um sich dort die Santroner-Möwe zunächst einmal anzusehen. Sich über den Zustand des Schiffes zu erkundigen, mit dem er die nächsten Tage auf hoher See verbringen würde, war sicherlich nicht das Schlechteste. Danach würde er sich in einer der Hafenkaschemmen seinen Tabaksbeutel und seinen Flachmann auffüllen lassen, sich ein Zimmer nehmen und den Abend entspannt ausklingen lassen. Immerhin wollte er morgen noch vor Sonnenaufgang wieder am Pier sein, um beim Beladen zu helfen.

Ein letzter Blick zum Himmel, der sich immer mehr mit grauen, dicken Regenwolken zuzog. Sam kramte unterbewusst seine Glücksbringermünze aus der Tasche, küsste sie kurz und lies sie wieder in die Tasche wandern.

"Na dann wollen wir mal... Auf das Wind und Gezeiten mir Glück bringen!" murmelte er zu sich selbst, bevor er sich in Richtung Hafen aufmachte.

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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Erzähler » Sonntag 21. September 2014, 09:30

Samuel machte sich auf den Weg zum Hafen und die Wegbeschreibung, die Morozov ihm gegeben hatte, stellte sich als richtig heraus. Er erreichte das Schiff, auf dessen Seite der Name „Santroner-Möwe“ stand.

Aus der Entfernung sah es wie eine normale zweimastige Holk aus, aber wenn wer ein gutes Auge für solche Dinge hatte, erkannte vom Nahen, dass sie sich doch von den meisten Holken unterschied: Sie hatte keinen flachen Kiel und einen größeren Lateralgang. Was man dadurch an Manövrierfähigkeit gewann, musste man vorher mit einem kleineren Lagerraum bezahlen.

Diese Schiffsart passte nicht in eine Flotte Piratenschiffe, sondern wirkte wie das Juwel eines draufgängerischen Händlers. Das musste es auch, wenn damit Piratenbeute in gesetzestreuen Häfen vertickt wurde. Vermutlich hatte es nicht einmal eine Totenkopfflagge an Bord. Für einen völlig reibungslosen Ablauf brauchte man eine Mannschaft von zwanzig Mann, aber vermutlich bestand die ganze Besatzung aus dreißig oder mehr (und darunter neuerdings eine Frau).

Im Moment arbeiteten ungefähr ein Dutzend Männer in bequemen Tempo ohne Aufsicht auf dem Schiff. Das Deck wurde geschrubbt, die Sehnen der tragbaren Windenarmbrüste wurden überprüft und man lud Proviant auf. Es wurden viele Pausen gemacht, in denen die Männer rauchten, aus Flachmännern tranken und sich unterhielten.
Nur der arme Schiffsbursche war nicht zu beneiden. Die Santroner-Möwe hatte eine barbusige Meerjungfrau als Gallionsfigur und der picklige Junge wurde am Bug abgeseilt, wo er vergeblich versuchte, mit einer Brechstange die Nägel zu lösen, welche die Gallionsfigur hielten.
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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Samuel Hatch » Samstag 27. September 2014, 19:20

Nach einer kurzen Wegstrecke in Richtung Hafen, hatte Sam das Objekt seiner Begierde erreicht: die Santroner-Möwe.
Er begutachtete das Schiff von allen ihm möglichen Seiten, achtete auf jedes Detail und es schien, als ob in seinem Blick eine Art der Romantik entstand, wie es nur Seemännern bei der Betrachtung von Schiffen eigen war.

Das Schiff selbst war bei weitem nichts besonderes. Eine zweimastige Holk, nicht unbedingt das was er erwartet hatte. Er betrachtete Vorder- und Achterkastell, die Rahsegel und deren Takelage, und nicht zuletzt die wenigen Mann, die im Moment in erstaunlich ruhiger Geschwindigkeit arbeiteten. Nachdem er am Bug des Schiffes angekommen war, sah er auch die unbeholfenen Versuche des Schiffsjungen, die Galionsfigur mit einem Brecheisen zu lösen. Er schaute sich das amüsante Schauspiel einige Minuten lang an, bevor er beide Hände vor dem Mund zu einem Sprachrohr formte und dem Jungen zurief:

"Hey Kleiner! Im Hängen wird's nichts! Zurück mit dir auf Deck, und dann kletterst einfach auf'm Bugspriet nach vorn und dann runter! Sonst hast' doch gar keine Gewalt beim drücken, Jungchen!"

Bevor der Junge etwas erwidern konnte, drehte sich Sam um, und ging lächelnd in Richtung einer der Hafenkaschemmen. Er hatte genug gesehen. Das Schiff an sich war nicht schlecht um einen Händler und dessen Crew vorzutäuschen. Allerdings sollten sie versuchen, sich mit einer derartigen "zahnlosen Schönheit" wie der Santroner-Möwe nicht in Seekämpfe verwickeln zu lassen. Die Manövrierfähigkeit war zwar schön und gut, doch es gab außer ein paar Armbrüsten keine Bewaffnung an Bord.

Der Einäugige hatte nun vor, seinen Rum- und Tabakvorrat aufzustocken, und in der Kaschemme vielleicht noch das ein oder andere über die Crew in Erfahrung zu bringen. Je nachdem wie viel Zeit ihm dann noch blieb, könnte er auch genauso gut heute schon auf die Planken gehen, seinen neuen "Kameraden" helfen, und sich bei denen unauffällig über seinen neuen Käpt'n informieren.

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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Erzähler » Samstag 4. Oktober 2014, 20:14

Die Nägel, mit denen die Gallionsfigur befestigt waren, wollten nicht nachgeben. Wann immer der Bursche dagegen hebelte, schnalzte das Holz zurück an die ursprüngliche Stelle. Der Junge war sichtlich verzweifelt. Als dann Samuel Hatch seinen Ratschlag laut kundtat, schreckte er auf, wobei ihm die Metallstange aus der Hand rutschte und mit einem Platschen im Hafenbecken landete. Der Schiffsbursche raufte sich die Haare, während Samuel gemütlich fortging.

Die nächstbeste Hafenkaschemme hatte ein schmutziges Schild, auf dem man nicht einmal den Namen entziffern konnte. Es war ein mäßiger Tag mit wenigen Besuchern in dem kleinen Drecksloch. Der Wirt stand hinter dem Tresen und schaute stumpfsinnig in die Ferne, ein paar Nichtsnutze tranken schweigend an der Theke.

In einer Ecke auf einer Bank saß ein Barde mit einer Laute. Er spielte so schlecht, dass man glauben konnte, er versuchte vergeblich sein Instrument zu stimmen. Aber sein kräftiges, gefährliches Aussehen und der Säbel an seiner Seite zeigten, dass er hauptberuflich Seeräuber war. Niemand traute sich, seine Musik zu kritisieren. An seiner Seite saß ein leichtes Mädchen und sang zu seiner Melodie. Die Frau war keine Schönheit, aber sie hatte eine sehr schöne Stimme, welche die disharmonischen Töne glättete. Der Musiker schenkte aber nur seinem Instrument Aufmerksamkeit, was ihr nicht gefiel. Als Samuel Hatch eintrat, warf sie ihm einen neugierigen Blick zu. Wenn Samuel den Blick zu lange erwiderte, würde sie aufstehen und sich zu ihm gesellen, so viel war klar.

Erwähnenswert war nur noch eine Gruppe aus drei Halunken: Sie tranken und warfen Wurfpfeile um die Wette auf eine Zielscheibe, mit Fuchsmünzen als Einsätze.
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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Samuel Hatch » Dienstag 7. Oktober 2014, 20:27

Die erstbeste Hafenkaschemme, die Sam entdeckte, betrat er auch sofort. Vielleicht war er hier schon einmal gewesen, doch wenn, dann konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Verlust der Erinnerung kam nicht selten vor, wenn der Einäugige eine Taverne besuchte, doch heute wusste er, dass er morgen erstens pünktlich und zweitens nicht zu sehr verkatert sein musste, und daran würde er sich auch halten.

Als er die modrigen Holzdielen des Schankraumes betrat, sah er sich um, während er langsam aber zielgerichtet auf die Theke zumarschierte. Der selbst ernannte "Barde" war mehr eine Beleidigung für die Ohren seiner Zuhörer als ein begabter Musiker, doch Sam scherte sich nicht um ihn. Anders jedoch war es mit der Frau an seiner Seite.
Sie ist sicherlich nicht die schönste aller Frauen, aber immerhin kann sie gut singen... Und sie ist im Moment die einzige Frau hier. Was soll's: nachts sind alle Katzen grau, nich' wahr? dachte er sich und zwinkerte ihr auf seinem Weg in Richtung Wirt neckisch zu.

Man konnte ihm ansehen, dass er sich, mal von dem Deck eines Schiffes abgesehen, an Plätzen wie diesen am wohlsten fühlte. Es gab Alkohol, Tabak und Frauen, und wenn einem der Sinn nach Spaß anderer Art stand, konnte man immer noch Glücksspiel betreiben. Zum Beispiel ein Wurfpfeilspiel mit Wetteinsatz.

Doch für Spaß blieb ihm sicher noch genügend Zeit. Als erstes brauchte er eine Erfrischung und eventuell die ein oder andere Information. Als er an der Theke angekommen war, nickte er dem Wirt zu und setzte sich auf einen der freien Hocker. Er löste den leeren Tabaksbeutel vom Gürtel und kramte seinen leeren Flachmann aus den Taschen. Beides auf der Theke vor sich liegend sagte er zum Besitzer der Kaschemme: "Den Beutel voll mit Tabak, den Flachmann voll mit Rum und einen großen Grog. Ach und sag mal, dass Schiff draußen im Hafen, an dem sie die Galionsfigur abbauen... Wem gehört denn das Schmuckstück?"
Sam klimperte kurz mit dem Beutel, in dem sich seine Münzen befanden, damit der Wirt nicht auf die dumme und nervtötende Idee kam, ihn erst nach Geld zu fragen. Aber er tat es auch, um sicherzugehen, dass der Beutel so lag, dass es ein Taschendieb sehr schwer hatte. Diebe wussten eben, worauf man achten musste, wenn man nicht selbst bestohlen werden wollte... vor allem in einer Stadt wie Rumdett.

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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Erzähler » Sonntag 12. Oktober 2014, 19:49

Die Dame wartete nur einige Augenblicke, bevor sie sich von dem Lautenspieler trennte und aufstand. Erst jetzt blickte der Musikant auf und als er sah, dass das Mädchen sich zu Samuel gesellte, funkelten seine Augen. Wie ein Kleinkind, dass sein Spielzeug erst nicht beachtete, aber eine wütende Heulsereneda hinlegte, wenn man es ihm wegnahm. Die Lautenklänge wurden schärfer, schneller und sogar etwas besser.

Der Wirt wirkte weder besonders lebensfroh, noch aktiv. Als Samuel Geld auf den Tisch legte, lächelte er matt – dankbar nicht noch einem weiterem Herumtreiber zu erklären, dass es hier nichts auf Kredit gab.

„Das Schiff gehört dem Kapitän Caspar.“, erklärte er mit ruhiger Stimme, während er einen Blechtrichter hervorholte, um den Flachmann mit Rum zu füllen. Die junge Frau trat in dem Moment an Samuel und legte ungefragt ihre Hand auf seine Brust und presste sich an ihn.

„Hör' nicht auf ihn, ich weiß es besser.“, gurrte sie, „Das Schiff gehört jetzt einer Frau. Sie war heute da und hat befohlen, dass die Gallionsfigur entfernt wird. Das hat irgendetwas mit irgendeinem 'Patriarchat' zu tun, oder so...“

„Törichtes Weibsbild.“, sagte der Wirt. „Der Teil des Hafens gehört Finn. Und ich glaube nicht, dass Finn einen weiblichen Kapitän zulässt. Vermutlich hat Caspar geheiratet und steht jetzt unter der Pantoffel der Frau.“

„Dann gehört das Schiff dem Mann und der Mann der Frau. Ich bin kein Advokat, aber ich würde sagen, dass dann das Schiff der Frau gehört, was ich ja ursprünglich gesagt hatte.“, meinte sie lustig.

Der Wirt rollte die Augen und murmelte dann nur noch: „Wenn ihr Besserwisser mich noch braucht, ich mache neues heißes Wasser für den Grog und schaue, was ich an Tabak auf Lager habe.“
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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Samuel Hatch » Donnerstag 16. Oktober 2014, 20:00

Wenn Sam nicht gerade auf den Planken eines Schiffes das Schaukeln der Wellen auf hoher See und den kühlen Wind auf seinem Gesicht genoss, dann fühlte er sich an Orten wie diesem am wohlsten. Es gab Musik, Alkohol und Frauen. Den Abend über verbrachte er mit einer Hand an einer Frau und der anderen Hand entweder um einen Becher Grog oder beim Dartspiel.

Er redete gesellig mit den Anwesenden, doch so sehr er sich auch bemühte, es gab leider keine nennenswerten Informationen über die Amazone oder deren Besatzung. Schnell erkannte der Einäugige, dass er seinen letzten Abend vor der Abreise auch genüsslicher verbringen konnte, als seine Zeit damit zu verschwenden, Betrunkenen irgendwelche Fragen zu stellen und nur dumme ausdrucksleere Blicke als Antwort zu erhalten. Er trank zwar einigen Grog, doch er achtete penibel darauf, nicht so viel zu trinken, um am nächsten Morgen nicht einsatzfähig zu sein.

Nachdem sich der erste Frust des Lautenspielers gelegt hatte, wurde sein Spiel sogar gut genug, dass es zu Tanz und Gesang lockte. Sam und seine neue "Freundin" tanzten ausgelassen, beim Dartspiel gewann er, mal verlor er und am Ende des Abends hatte er ganze drei Fuchsmünzen Gewinn zu verbuchen. Er mietete sich ein kleines Zimmer unter dem Dach. Natürlich verbrachte er die Nacht nicht allein. Dazu war Sam zu sehr.... Naja Sam eben.


Am nächsten Morgen


Noch bevor die Sonne aufging wurde der Freibeuter wach. Er war nicht verkatert, aber dennoch sehr müde. Der Grund dafür lag nackt und noch immer schlummernd neben ihm. Verschmitzt lächelnd zog er sich an, sammelte seine Sachen zusammen und begab sich nach unten. Er hatte dem Wirt schon am Vorabend vier Silberlinge für Getränke, Tabak und Übernachtung gegeben. Eine weitere der glänzenden Münzen gehörte nun der jungen Dame, die er soeben zurückgelassen hatte. Mit frischem Tabak, frischem Rum und bester Laune trat er hinaus in den Hafen. Der salzige Wind wehte ihm angenehm kühl um die Nase. Einige Möwen saßen gelangweilt auf der Reling eines kleineren Fischerbootes und starrten zu ihm hinüber. Um diese Uhrzeit war Rumdett am verschlafensten. Die meisten der Säufer waren vor kurzem aus den Tavernen getorkelt und der nächtliche Trubel in den Kaschemmen und Kneipen war vorbei.

Sam machte sich auf den Weg zur "Santroner-Möwe", setzte sich dort auf einige Fässer, die scheinbar darauf warteten verladen zu werden, und wartete auf den Beginn der Arbeit. Vermutlich würde es nicht mehr lange dauern, bis das Beladen begann. Doch ihm blieb noch ein kurzer Moment, um verträumt über das Meer zu blicken. Die ersten Strahlen der Sonne malten rosafarbene Muster in die Wolken, deren bizarre Formen im Farbspiel des aufsteigenden Feuerballs wie mythische Wesen wirkten. Er vermutete kein gutes Wetter für die Reise. Die Wolkenberge waren zu hoch, und der Wind zu streng um ruhige Überfahrt zu versprechen.

Als es etwas heller wurde, kamen die ersten Matrosen und begannen mir ihrer Arbeit. Der Einäugige hielt Ausschau nach jemandem der anscheinend das Sagen hatte und wandte sich an ihn.

"Hey! Sam Hatch mein Name. Ich hab vor 'ner Weile angeheuert, und bin hier um zu arbeiten. Was darf's als erstes sein, Meister? Fässer? Kisten? Oder lieber die Takelage kontrollieren und startklar mach'n?"

Er betrachtete sich das Schiff noch einmal fachmännisch bevor er seine nächste Frage stellte.

"Wieviel Knoten schafft die Lady hier eigentlich unter Vollzeug?"

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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Erzähler » Sonntag 19. Oktober 2014, 18:45

In dieser Nacht brach ein Sturm aus, aber in der Hafenkaschemme war es warm und gemütlich. Der Grog war heiß, die Gesellschaft freundlich, die Bewirtung gut und der Lautenspieler gab es auf und ging zur Freude der Gäste früh ins Bett. Samuels ramponierter Körper fand genug Ruhe, um sich zu regenerieren. Schon bald konnte er mit dem schlechten Arm wieder Wurfpfeile werfen, solange er sich nicht zu verausgabe.

[Samuel Hatch ist nur noch leicht verletzt]

Am nächsten Morgen fingen die ersten Arbeiten an. Erstaunlich war, dass es so früh anfing, obwohl Rumdett von Langschläfern bewohnt wurde. Und ebenso verwunderlich war die hektische Regsamkeit, mit der man die Arbeiten ausführte. Nachdem gestern das Schiff so gemütlich geschrubbt, Seile und Ausrüstung überprüft und die Gallionsfigur entfernt wurde, war hier im Vergleich die Hölle los. Eine straff organisierte Hölle.

Die Frachtluken wurden geöffnet, zwei besonders standhafte Planken waren zwischen Schiff und Festland angesetzt und ein kran-förmiges Holzgebilde wurde aufgebaut. Der Mann, unter dessen Kommando das ganze stand, war ein wild aussehender Zottelmensch mit blondem Bart. Es gab nicht viele Mantroner, die sich den Piraten anschlossen, aber dieser Berserker wirkte schlau und gerissen und er wusste eindeutig, was er hier tat. Im Moment lief er mit einem Sack voller rotem Sand herum, den er in Linien auf den Boden rieseln ließ.

Diesen Zeitpunkt nutzte Samuel Hatch, um sich anzunähern. Der Mantroner ergriff bereits vor ihm das Wort. „Bist du eine Packratte vom Lagerhaus? Sag' bloß es gibt Ärger mit dem Fuhrwerk...“ Als dann der Einäugige sich erklärte, schaute ihn den Blonde misstrauisch an.

„Ich habe dich noch nie gesehen. Und wenn du bei uns angeheuert hast, warum hat dir dann keiner gesagt, dass alle - bis auf die von mir ausgewählten Matrosen - beim Lagerhaus aushelfen sollen, damit alles so schnell geht wie möglich? Kapitän Orphelia will nämlich schon vor Mittag aufbrechen.“
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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Samuel Hatch » Donnerstag 23. Oktober 2014, 22:05

Sam staunte nicht schlecht. Die Organisation der Vorbereitungen lief straff organisiert und lies keinen Spielraum für etwaige Verzögerungen oder Bummelei. Effizienz war das Stichwort, und sosehr der Einäugige auch Faulenzerei zu schätzen wusste... ihm gefiel die gut geplante und zügige Umsetzung der Reisevorbereitungen.

Der Mann, unter dessen Kommando das ganze stand, war ein wild aussehender Mantroner mit blondem Bart und Augen, in denen Gerissenheit funkelte. Dieser Mann wusste eindeutig, was er tat, doch Sam verfiel nicht Bewunderungstiraden. Immerhin wusste er auch was er tat, und im Schauspielern war er auch nicht gerade schlecht.

„Bist du eine Packratte vom Lagerhaus? Sag' bloß es gibt Ärger mit dem Fuhrwerk...“ Als dann der Einäugige sich erklärte, schaute ihn den Blonde misstrauisch an.

„Ich habe dich noch nie gesehen. Und wenn du bei uns angeheuert hast, warum hat dir dann keiner gesagt, dass alle - bis auf die von mir ausgewählten Matrosen - beim Lagerhaus aushelfen sollen, damit alles so schnell geht wie möglich? Kapitän Orphelia will nämlich schon vor Mittag aufbrechen.“

Sam nickte nur zu den Worten des Mantroners und wirkte absichtlich, wenn auch unauffällig, etwas verlegen.

"Die Sache ist die. Der Kerl der mich angeheuert hat, war... nun sagen wir... sturzbesoffen. Und dadurch wird er vermutlich einfach vergessen haben, mir zu sagen, dass ich am Lagerhaus helfen soll."
Hier lies Sam absichtlich unerwähnt, wer genau ihn angeheuert hatte. Natürlich hätte er den Namen Karl nennen können, allerdings war er sich nicht gänzlich sicher, ob er nicht bereits vor Karl stand. Er hielt es zwar für unwahrscheinlich, dass der Mantroner so hieß, doch man konnte ja nie wissen. Falls er es doch sein sollte, und Verdacht schöpfte, hatte Sam jetzt immer noch die Möglichkeit, das ganze als scherzhafte Anspielung auf seine alkoholbedingte Vergesslichkeit aussehen zu lassen und trotzdem noch erfolgreich aus diesem Schauspiel hervorzugehen.

"Pass auf, wenn der Käpt'n wirklich so schnell wie möglich aufbrechen will, dann lass mich doch einfach schnell hier mithelfen. Erstens hast du dann ein zusätzliches Paar Hände, die ihre Arbeit verstehen, und zweitens spart es uns beiden die Zeit, die ich vergeuden würde, wenn ich jetzt erst noch zum Lagerhaus latsche. Was sagst du? Ewig diskutieren, oder lässt du mich einfach unkompliziert und schnell mithelfen und wir laufen alle pünktlich zur Mittagsstunde aus?"

Sam wirkte diszipliniert, arbeitswillig und fleißig, und nicht alles davon war nur gespielt. Er freute sich innerlich wirklich darauf, wieder raues Tau in den Händen zu haben und auf Deck arbeiten zu können. Er war sich für keine der anstehenden Arbeiten zu schade, war erfahren darin, bevorstehende Tätigkeiten an Bord eines Schiffes vorherzusehen und schnell zu erledigen und wusste, was Priorität hatte und was nicht. Und was das Wichtigste war: er war bereit sich unterzuordnen. Eine Fähigkeit, die ihm zwar immer schwer fiel, doch wenn er Arbeitsbefehle bekam, würde er sie auch zügig ausführen. Immerhin war er... leider... von Morozov nur als einfacher Matrose eingesetzt worden. Aber wenn er seinen geheimen Auftrag zur Zufriedenheit von Finn und Morozov ausführen wollte, dann musste er sich auch genauso fügen, wie ein einfacher Matrose, so schwer es ihm auch fiel.

Sams Miene war weder anzusehen, dass er aus bestimmten Gründen hier war, noch das er vieles überspielte. Das Lügen lag ihm besser als manch anderes und diese Stärke spielte er auch gern aus.

Er versuchte dem Mann unaufdringlich etwas Bedenkzeit zu nehmen. Immerhin konnte er bei zu genauem Überlegen auf dumme Gedanken kommen.

"Also? Deine Entscheidung Chef, schnelles Arbeiten, oder sinnloses Hin- und Hergelaufe, nur damit beim Lagerhaus noch einer mehr ist. Vertrau mir, ich kann arbeiten..."

Falls der Mantroner jetzt wirklich auf die Idee kommen sollte, ihn tatsächlich zum Lagerhaus zu schicken, dann würde Sam sich dem natürlich fügen. Es wäre unklug, bereits vor der Abreise schon zu negativ aufzufallen und es könnte seine ganze Aufgabe an Bord gefährden. Allerdings hoffte er dennoch inständig, er könnte hier nützlich sein. Erstens machte Arbeit am und auf dem Schiff einfach mehr Spaß und zweitens hatte er die Hoffnung, hier vielleicht doch schon mal einen Blick auf die Befehlshabenden und eventuell sogar schon auf die Amazonin werfen zu können, bevor sie das Hafenbecken verlassen hatten.

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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Erzähler » Sonntag 2. November 2014, 08:20

Der Mantroner hörte sich an, was Samuel zu sagen hatte und warf gelegentlich einen kritischen Blick auf ihm. Währenddessen arbeitete er weiter mit dem rotem Sand. Die Linien auf dem Boden vermehrten sich und bildeten interessante Gebilde. Rechtecke, wo die schweren Kisten vor den Kran gehievt werden sollten, Kreise für Fässer und Begrenzungen von Laufwegen. Pfeile deuteten dabei an, in welche Richtung man zu gehen hatte. Eine Planke war fürs Betreten des Schiffens, eine andere fürs Verlassen. Auf diese Weise musste niemand unnötig warten.

Der Mann mit blonden Bart sagte eine ganze Weile nichts. Eine nervenaufreibende Bedenkzeit. Dann sagte er: „Vage gehaltene Referenzen. Du willst unbedingt mitkommen, redest viel und schnell und alles wird zufällig zu meinem Vorteil sein, heh? Ich weiß, was hier abgeht.“ Und jetzt wurde er kryptisch. „Wir sind gewissermaßen zwei Erbsen in einer Schote. Du kannst mitkommen. Während der Reise werden wir uns aber mal austauschen.“

Samuel kam unter die Fuchtel von Leiffidd, dem Schiffszimmermann und Mädchen für alles. Er würde gemeinsam mit anderen Fässer schleppen müssen. Wenig später kam das Fuhrwerk vom Lagerhaus an. Die Amazone saß dem Fuhrknecht im Nacken und würde auch später alle Aktionen überwachen, als ob die Dinge dadurch schneller abliefen. Das taten sie dann auch tatsächlich!

Das Beladen war eine Sache von Stunden und bisher lief alles reibungsfrei, was wohl zum großen Teil Leiffidds Vorbereitungen zu verdanken war. Die Amazone hatte aber keinen Lob übrig, sondern spornte die Leute an. Sie wollte das alles unerklärlicherweise so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Ein einziges Mal, kam Samuel Hatch ihr so nahe, dass er sie ausgiebig mustern konnte. Das war, als er zusammen mit einem zwei anderen Crewmitgliedern ein Fass voll Reis trug.
Die Frau hatte sonnengebräunte Haut, hochgewachsene, lange Glieder und kurze, dunkle Haare. Sie trug einen Arm in einer Schlinge um den Hals und einen Verband über einem Auge. An ihrem Gürtel hingen drei Gegenstände. Ein blutverkrusteter Säbel, einen blanken Dolch und ein kleines Fläschchen – identisch zu dem, das Morozov getragen hatte.

„He, was starrst du mich so an?“, rief die Frau energisch. Der Mann neben Samuel Hatch murmelte einige entschuldigende Worte. Er war beim Gaffen ertappt worden, nicht der Einäugige.

„Jaja, zurück an die Arbeit.“
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Samuel Hatch
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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Samuel Hatch » Montag 10. November 2014, 22:03

„Vage gehaltene Referenzen. Du willst unbedingt mitkommen, redest viel und schnell und alles wird zufällig zu meinem Vorteil sein, heh? Ich weiß, was hier abgeht.“ Und jetzt wurde er kryptisch. „Wir sind gewissermaßen zwei Erbsen in einer Schote. Du kannst mitkommen. Während der Reise werden wir uns aber mal austauschen.“

Samuel wusste nicht genau, was der Mantroner damit meinte. Es konnte entweder ein versteckter Hinweis darauf sein, dass er wusste, wer Sam schickte, und das selbe Ziel verfolgte, oder es war das geheimnisvolle Gebrabbel von Seemannsgarn, wie es altgediente Seeleute gern verwendeten. Was auch immer es war, Sam reagierte darauf in typischer Manier:
„Vage Referenzen sind immer noch besser als keine Referenzen, oder? Und sind wir auf See nicht so oder so, alle Erbsen in derselben Schote?“

Lächelnd und dem blonden Seemann zuzwinkernd, begann er sofort mit der Arbeit, die ihm zugeteilt wurde. Samuel kam unter die Fuchtel von Leiffidd, dem Schiffszimmermann und Mädchen für alles. Als erstes begann Sam damit, das Schiff mit den anderen Matrosen bereit dafür zu machen, überhaupt beladen zu werden. Taue wurden festgemacht, um die Ladung zu sichern, Wege freigeräumt und später dann auch markiert.
Als das Fuhrwerk dann vom Lagerhaus ankam, begann das Schleppen. Sam sah nun zum ersten Mal die Amazone, wie sie auf dem Kutschbock thronend alles überwachte. Sie schien eine typische Vertreterin ihres Schlages zu sein: hübsch anzuschauen, aber mit äußerster Vorsicht zu genießen. Die Frau hatte sonnengebräunte Haut, hochgewachsene, lange Glieder und kurze, dunkle Haare. Sie trug einen Arm in einer Schlinge um den Hals und einen Verband über einem Auge. An ihrem Gürtel hingen drei Gegenstände. Ein blutverkrusteter Säbel, einen blanken Dolch und ein kleines Fläschchen – identisch zu dem, das Morozov getragen hatte.
Diese Beobachtung machte Sam, als er in nächster Nähe zu ihr stand. Einer seiner Matrosenkollegen wurde beim Gaffen erwischt und postwendend abgemahnt.

Für einen Moment überlegte Sam, ob er es auf einen Versuch ankommen lassen sollte, und einen Unfall beim Tragen simulieren könnte. Dann hätte er eventuell beim Anrempeln die Flasche stehlen können. Der Zufall, dass dieses angebliche Medizinfläschen identisch war, lies ihn nämlich arg stutzig werden. Falls der versuchte Diebstahl aufgeflogen wäre, hätte er sich rausgeredet, in dem er erklärt hätte, dass er nur aus Reflex ins Leere gegriffen hatte um nicht zu stürzen. Das war zwar ein alter Taschendiebtrick, den er in jugendlichen Jahren oft genug selbst angewendet hatte, doch im Moment hielt er davon noch abstand. Er hoffte, dass sich während der Fahrt noch bessere Möglichkeiten boten, um mehr Informationen zu sammeln.

Also belies er es vorerst bei einer Betrachtungsweise der Dinge, die seinem Naturell besser entsprachen: Während sich sein neuer Käpt´n seinem Matrosen-Kollegen widmete, betrachtete er süffisant lächelnd ausgiebig ihr Hinterteil.
Bei Venthas Titten… Warum ist ausgerechnet ein Leckerbissen wie diese Frau Amazone. Die Welt ist so ungerecht…

Da er scheinbar geschickter darin war, heimlich Frauen zu begaffen, kam er ohne mündliche Ermahnung davon und half weiter beim Beladen. Seine Erfahrung und sein schier angeborenes Talent für das Verständnis der Abläufe auf einem Schiff ließen ihn schneller als die meisten anderen Seemänner an Bord wirken. Außerdem schien ihm selbst die anstrengendste Arbeit unendlich viel Spaß zu bereiten, so dass er begann, beim Schleppen, Knoten und Tragen erst zu summen, und später dann ein bekanntes Lied unter Piraten zu singen. Ihm war es herzlich egal, ob die anderen mit Einstiegen oder nicht, er sang für sich, und singen konnte er gar nicht so schlecht.



„Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde im rauen Gesicht.
Wir sind schon der Meere so viele gezogen
und dennoch sank unsre Fahne nicht!

He-jo, he-jo, he-jo, he-jo,
He-ho-ho, he-jo, he-jo, he-joo, ho-ho!

Unser Schiff gleitet stolz durch die schäumenden Wellen.
Es strafft der Wind unsre Segel mit Macht.
Seht ihr hoch droben die Fahne sich wenden,
die blutrote Fahne, ihr Seeleut´ gebt Acht!

He-jo, he-jo, he-jo, he-jo,
He-ho-ho, he-jo, he-jo, he-joo, ho-ho!

Wir treiben die Beute mit fliegenden Segeln,
wir jagen sie weit auf das endlose Meer.
Wir stürzen auf Deck und wir kämpfen wie Löwen,
Hey! Uns ist der Sieg, viel Feinde, viel Ehr!
He-jo, he-jo, he-jo, he-jo,
He-ho-ho, he-jo, he-jo, he-joo, ho-ho!

Ja, wir sind Piraten und fahren zu Meere
und fürchten nicht Tod und Teufel dazu!
Wir lachen der Feinde und aller Gefahren,
im Grunde des Meeres erst finden wir Ruh!

He-jo, he-jo, he-jo, he-jo,
He-ho-ho, he-jo, he-jo, he-joo, ho-ho!”

Währenddessen sicherte er die gebrachte Ladung, indem er Kisten, Fässer und Anderes mit Tauen festzog und verknotete. Rundtörns, Palsteks, Schotsteks… alle seine Knoten waren nahezu perfekt. Als nicht mehr viele Kisten an Bord mussten, viel ihm auf, dass das Topsegel am Kreuzmast, das einzige Segel, das im Moment nicht gerafft war, da man es für das Manövrieren im Hafenbecken benötigte, aufgrund des stärker werdenden Windes stark killte. Er pfiff Leitfidd zu, zeigte hoch auf die lockere Stelle und deutete dann mit dem Daumen auf sich selbst. Der Mantroner würde schon verstehen, dass er sich darum kümmern würde.

Geschickt und schnell kletterte Samuel die Takelage und Netzte hinauf in die Top. Viele andere hätten vermutlich vorsichtiger gemacht, um bei diesen Witterungsverhältnissen das Gleichgewicht nicht zu verlieren, doch der Einäugige vertraute auf seine Fähigkeiten. Unglaublich schnell hatte er das Tau erreicht, zurrte Ösen fest und knotete einen weiteren Gordingstek, fest genug, um mindestens bis zum nächsten Landgang zu halten.

Als er fertig war, genoss er einen Moment die Aussicht aus der Top. Die Matrosen wuselten noch herum, um die letzten Fässer an Bord zu bringen, Leitfidd gab Anweisungen und organisierte und die Amazone überwachte alles. Sie wirkte streng und definitive gewaltbereit, doch Sam hatte das Gefühl, dass es dieser Frau definitive an Erfahrung mangelte, was die Führung an Bord eines Schiffes anging. Man konnte nicht alles mit Drohung und Gewalt erreichen, wenn man sich nicht den Respekt der Mannschaft verdiente.

Das kann ja was werden… Mal sehen, was uns so erwartet…, dachte er sich, während er sich an den Abstieg machte.

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Re: Die Strömung der Gezeiten

Beitrag von Erzähler » Sonntag 16. November 2014, 13:22

Der Laderaum des Holkes würde nur zur Hälfte gefüllt werden. Da fiel es beinahe nicht auf, dass ein kleiner Teil des Laderaumes von einem hölzernen Verschlag besetzt war. Was sich dahinter befand, war nicht sichtbar, aber er wurde bewacht. Ein etwas zu kurz geratener Pirat mit einer Visage wie ein Straßenräuber und wild funkelnden Augen lehnte an der hölzernen Wand und beobachtete, wie die Beute anderer Seeräuber für den Weiterverkauf hier verladen wurde. Der Wächter hatte den Rang des zweiten Maats inne. Dass er nicht bei der Organisation half, sondern hier Wache schob, sprach nicht dafür, dass dieser Mann eine helle Leuchte war.

Samuel Hatch fing irgendwann das Singen an. Mehrere Matrosen bemerkten das und schauten fragend zu Kapitän Orphelia. Die Amazone bemerkte, was los war und reagierte schnell: „Keine Lieder über Piraten, sobald wir den Hafen verlassen haben. Und bleibt im Takt der Arbeit. Wenn die Fässer da hinten verladen sind, gibt’s eine kurze Pause für alle!“

Während dieser Pause gönnten sich die Crew einen Schluck und die Offiziere – bis auf den zweiten Maat im Frachtraum – versammelten sich um die Amazone. Erster Maat Karl war ein dicker Mann in den Vierzigern. Der Steuermann trug ein ein Kopftuch und seine Arme waren haarige Pranken. Sam kannte Leiffidd, den offiziellen Schiffszimmermann und inoffiziellen Quartiermeister, bereits und der letzte in der Gruppe war ein alter, kahlköpfiger Mann, von dem man nicht sagen konnte, ob er der Schiffsarzt oder der Schiffskoch war. Es fehlte ein Navigator. Irgendjemand von diesen Leuten würde diese Rolle auch mit übernehmen – die Route war ja weder lang, noch gefährlich.

Die Arbeit ging weiter und einmal unter Deck sprach Karl Sam an: „He du. Wollte dir nur sagen, dass deine Art Orphelia gefällt. Ich kann mich nur noch schwammig daran erinnern, dir diese Arbeit besorgt zu haben, aber meine Menschenkenntnis wird halt umso besser, je mehr ich bechere. Selbst dieser Abstinenzler Leiffidd muss mir in dem Punkt zustimmen.“

Die letzten Minuten der Verladearbeiten konnte Samuel Hatch von oben aus beobachten. Die Amazone schickte bereits die Fuhrknechte weg und begab sich aufs Schiff. So wie es aussah, würde sie gleich ein paar Worte an die Männer richten wollen.

Wieder unten hatten sich alle Leute versammelt. Orphelia sprach von keiner erhöhten Position, aber ihre Stimme war laut und klar:

„Männer dieses Schiffes! Ich weiß, meine Ankunft als neuer Kapitän war schnell und überwältigend. Aber ich weiß auch, dass ihr schon viel zu lange im Hafen warten musstet. In diesem halben Jahr habt ihr gesehen, wie andere Piraten immer wieder Beute heimbrachten, während ihr selbst nur magerste Einkünfte hattet. Erst einmal möchte ich mich entschuldigen für die Hektik des heutigen Vormittages. Als kleines Entgegenkommen bekommt ihr auf Vorschlag eurer Offiziere während der ganzen Reise doppelte Rationen Speck und das anderthalbfache an Grog. Das habt ihr euch verdient.“

Köpfe wurden zustimmen genickt und frohe Blicke ausgetauscht.

„Diese Schnelligkeit hatte einen Zweck. Ich habe vor, einen kleinen Umweg auf der Reise zu machen. Aber dies will ich letztendlich nicht gegen euren Willen tun! Deswegen mache ich euch dieses Angebot dafür. In dem letzten halben Jahr haben einige von euch sich verschuldet. Der Gewinn, der mir von diesen Geschäften auf dieser Reise zu stände, würde ich vollständig dafür verwenden die meisten dieser Schulden zu tilgen!
Wer also für das Angebot ist, ruft jetzt 'Ay'.“

Durch die Reihen riefen fast alle Piraten ihre Zustimmung. Es kam nicht einmal mehr zu der „Ney“-Phase. Orphelia lächelte und schlürfte dann etwas vom Inhalt des Fläschchen an ihrem Gürtel. Die Stimmung hatte ihren Höhepunkt, als das Schiff auslief.

[weiter auf Hoher See – Entlang Celcias Südküste]
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