Gefangenschaft!

Es liegt weiter südlich der Stadt. Hier hausen die Fischer, sowie die Seefahrer, denn dieses Dorf besitzt einen verhältnismäßig großen Hafen.
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Gefangenschaft!

Beitrag von Erzähler » Dienstag 22. November 2011, 10:14

Starold wurde aus dem Haus abgeführt.

Die Kerker von Serna waren nicht mehr als ein paar ungenutzte Räume im Keller des Rathauses. Natürlich waren die Gebäude in dem kleinen Dorf nicht mit Andunie zu vergleichen, doch auch hier gab es Rathaus, Kirche und derlei öffentliche Gebäude. Unterhalb des Rathauses gab es zwei Zellen, die eine leer, die andere bewohnt von einem zu Unrecht verurteilten und gebeutelten Manne: Starold. Es war eiskalt in dieser Bruchbude und der Wind fegte durch das marode Gemäuer, als hätte er seine ganz persönliche Freude daran, Starold noch mehr zu quälen. In anderen Zeiten, waren diese Zellen einmal gut ausgebaut und gepflegt worden, doch offenbar gab es in Serna keine größere Verbrechen, als die allabendliche Kneipenschlägerei. Doch Starold saß nicht wegen ein paar gebrochenen Knochen hier. Er saß hier wegen Mordes. Sechsfachen. Darunter ein Mann der Öffentlichkeit.
Man hatte Starold aus dem Haus über den Marktplatz geführt, wo das freudige Treiben verstummt war und eine grausame Stille geherrscht hatte, als Starold - mit voller Absicht - zur Schau gestellt wurde. Sechs Gardisten und der Hauptmann bewachten den Andunier, als wäre er der gefährlichste Mann auf der Welt. Für sie.. war er das vielleicht auch. Doch nicht genug damit, dass er zur Schau gestellt wurde, nein der Hauptmann hatte lauthals verkündet, was geschehen war und warum man diesen Mann, der auch noch ein Fremder war, festgenommen hatte. Wenn Starold fähig dazu gewesen war, so hatte er in den Gesichtern der Umstehenden erst Verwirrung, dann blankes Entsetzen und schließlich Zorn erkennen können. Einige klagten und jammerten, andere riefen ihm böse BEschimpfungen nach. Dann hatte Starold in der Menge etwas Vertrautes ausmachen können: Tarra. Sie hatte wohl ihre Belange erledigt und war, wie verabredet, zurück gekommen. War das nun tröstlich oder nicht? Jetzt stand sie auf der anderen Seite einer unsichtbaren Grenze und starrte ihm entgegen. Doch anders als bei den anderen Menschen, die zornig fluchten und dem Unschuldigen die schlimmsten Sachen wünschten, hatte sie die Stirn gerunzelt und ihm zugenickt. Hatte sie ihm zugenickt? Oder hatte er es gehofft, sich eingebildet?

Wie auch immer.. Er saß in der Zelle in Serna, seiner Familie, seines Lebens und seiner Heimat beraubt, ausserdem seiner Würde und Unschuld und vermutlich auch seinen Kräften. Wie ging man damit um? Wie konnte man soetwas verkraften? Mit der Hoffnung, die bekanntlich zuletzt starb? Vielleicht mit Gedanken um diese seltsame Begebenheit, dass ausgerechnet ER in dieser Patsche saß. Doch war es so ungewöhnlich? Bot er nicht gerade den perfekten Sündenbock? Immerhin war er gerade erst ins Dorf gekommen, ein Unbekannter, ein >Fremder<. Auch seine Beteuerungen waren nichts wert gewesen, man hatte sie übergangen und nur halbherzig verfolgt, indem Männer das Haus durchsuchten. Doch sie waren nach wie vor damt beschäftigt, als der Andunier aus dem Haus geführt wurde. Wie war es also möglich, dass er verhaftet wurde, wo die Sachlage noch nicht eindeutig geklärt war? War es wirklich so, dass es keine Beweise gegeben hatte für eine weitere Person? Oder war hier etwas viel Größeres im Gange?
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Starold Maleynn
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Re: Gefangenschaft!

Beitrag von Starold Maleynn » Donnerstag 24. November 2011, 13:50

So saß Starold in seiner eiskalten Zelle und wusste weder ein noch aus. Wieso ausgerechnet er? Wieso musste ausgerechnet er all dies durchleben? Starold war von klein auf ein ehrlicher, freundlicher und zuverlässiger Junge gewesen. Er hatte nie jemandem etwas zu leide getan, war nie ungezogen und verhielt sich stets moralisch korrekt. Wieso wurde er also so von den Göttern gepeinigt? Starold sah sich um. Wieder einmal. Er hatte das Gefühl, das Innere des Kellers bereits auswendig zu kennen. Auch, wenn er erst seit wenigen Stunden hier war. Der Wind blies ihm die Haare ins Gesicht und schließlich wieder aus dem Gesicht heraus während der Andunier, ob seiner noch immer gefesselten Hände, nichts dagegen tun konnte. Es war wirklich bitterkalt hier unten. Würden ihn die Wachen nicht bald abholen, so könnten sie sich die Hinrichtung ersparen, weil er bereits erfroren wäre.
Aus Mangel an Alternativen begann Starold erneut damit, das Erlebte zu rekapitulieren. Seine Hände waren ihm am Rücken zusammengebunden und der Kopf nach unten gepresst worden. Einige der Soldaten hatten daraufhin das Gebäude untersucht, während der Kommandant und drei weitere bei ihm geblieben waren. Der Demütigung folgte die bittere Nachricht, dass der Andunier des sechsfachen Mordes wegen vor ein Gericht gestellt werden würde. Einige der Männer zerrten ihm aus dem Haus, während andere noch immer nach Spuren suchten. Spätestens in diesem Moment traf Starold die bittere Erkenntnis, dass er in dieser Nacht sein Leben lassen würde. Für Morde, die er nicht begangen hatte, die er niemals begangen hätte! Zum ersten Mal seit den Erlebnissen in Andunie schien es endlich wieder bergauf zu gehen. Doch dieses Strohfeuer war viel zu schnell erloschen.

Sie hatten ihn auf den Marktplatz geführt, wo mit plötzlich Stille eingekehrt war. Er wurde der Bevölkerung präsentiert. Jeder in Serna sollte sehen, was für ein Monster er war. Der Hauptmann und sechs Gardisten bewachten Starold, während sie den Menschen am Marktplatz erläuterten, was sich zugetragen hatte. Sechs Gardisten. Ein einziger hätte für Starold gereicht. Er war kein Krieger. Weder hatte er die körperlichen Voraussetzungen für den Kampf, noch war er geübt darin. Und obendrein schnitt sich das Hanfseil immer tiefer in seine Handgelenke. Der Andunier blickte in die Runde und sah nichts außer entsetzte und zornige Gesichter. Die Menschen hier hassten ihn für etwas, das er nicht getan hatte.

Inmitten der Menge stand auch Tarra. Aber sie hatte ihn nicht beschimpft. Ihre Stirn lag in Runzeln und sie nickte ihm zu. Das hat sie doch getan, oder? Womöglich bildete er sich das auch nur ein. Hilflos, geradezu flehend sah er die junge Frau an. Hätte man ihn gefragt, wie sie ihm helfen könnte, er hätte schweigen müssen. Er wusste selbst nicht, wie er noch gerettet werden könnte. Außer vielleicht dadurch, dass einer der Soldaten tatsächlich einen Beweis für seine Unschuld finden würde.

Er empfand keinen Ärger oder Hass auf die Menschen aus Serna. Er konnte sie sogar verstehen. Er war erst vor Stunden ins Dorf gekommen. Als Fremder. Er hatte nach einem Würdenträger gesucht und kurz darauf war dieser tot. Zusammen mit der gesamten Belegschaft des Hauses. Und Starold war als einziger am Tatort. Mehr als ein eigenartiger Zufall. Er in seiner zerschlissenen Kleidung, den zotteligen Haaren und dem unrasierten Gesicht wirkte auch keinesfalls charismatisch oder gar freundlich. Das Bild passte einfach perfekt. Er MUSSTE der Mörder sein. Bei den Gedanken an sein Äußeres fiel ihm ein weiterer Hinweis darauf ein, dass er nicht der Mörder sein könnte. Seine Kleidung. Kein einziger Tropfen Blut haftete an ihm. Auch sein Messer dürfte keine Anzeichen eines Kampfes an sich haben. Starold erinnerte sich genau an das aufblitzende Messer in der Hand des Angreifers, als dieser ihn niedergestreckt hatte. Alles, was das Gericht gegen ihn in der Hand hatte, war die Tatsache, dass er sich zum Tatzeitpunkt am Tatort aufgehalten hatte. Allerdings war dem Andunier durchaus bewusst, dass dies der ausschlaggebende Punkt war. Wie konnte es sein, dass es keine Beweise für eine weitere Person geben konnte? Irgendwohin musste der Mörder doch verschwunden sein. Irgendetwas MUSSTEN die Soldaten gefunden haben. Außer… es hatte nicht gefunden werden sollen. Womöglich war er der Sündenbock einer Verschwörung gegen den Gesandten geworden. Womöglich hatte der wahre Mörder auch nur einen einzelnen Helfer im Kreis der Soldaten. Mutmaßungen über Mutmaßungen. Starold hatte keinerlei Beweise, und würde er diese Bedenken vor Gericht vorbringen, so würde man ihm dies nur als billigen Versuch sich vor dem Galgen zu retten auslegen. Er brauchte Beweise. Wenn er doch nur noch einmal ins Haus gelangen könnte. Zu einer Art Rekonstruktion des Tatherganges. Aber vermutlich würde ihm das kein Gericht der Welt gewähren.

Und Flucht? Kurz hatte Starold den Gedanken gehegt, aus dem Kerker flüchten zu versuchen. Diesen hatte er allerdings schnell wieder abgelegt. Er war nicht annähernd in der körperlichen Verfassung, wieder eine tagelange Flucht zu überstehen. Und außerdem… wohin hätte er flüchten sollen? Nach Grandessa? Nach Rumdett? Zu seinen übelsten Feinden… mit Sicherheit nicht. Als letzter Nachkomme aus einer Patrizierfamilie, war er noch immer ein Ehrenmann. Auch, wenn Andunie nicht mehr in dieser Form existierte, würde er die Werte weitertragen. Er würde entweder seine Unschuld beweisen, oder aber bei dem Versuch sterben. Starold Maleynn hatte ohnehin nichts mehr zu verlieren. Womöglich könnte ihm die Magie helfen. Er streckte den rechten Zeigefinger aus und begann sich zu konzentrieren. „Ansuz“, murmelte er, während er die Rune mit dem Finger in die Luft zeichnete.

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Re: Gefangenschaft!

Beitrag von Erzähler » Freitag 25. November 2011, 14:52

Das Leben meinte es durchaus nicht gut mit dem jungen Andunier. Doch trotz der vielen Schicksalsschläge, gelang es dem einstigen Patrizier genau die richtigen Fragen zu stellen. Wieso interessierte es niemanden, dass er keine Tatwaffe und keinen Tropfen Blut an sich hatte? Wieso wurde er so leichtfertig verurteilt?
Die Gedanken waren berechtigt und auch, dass er der Meinung war, hier wäre etwas faul. Auch wenn der erste Eindruck gegen ihn sprach, so sprach doch der zweite und dritte Blick für seine Unschuld. Es erhärtete sich immer mehr der Eindruck, dass Starold - sofern er nicht noch in letzter Minute Gerechtigkeit erfuhr - in einen Hinterhalt gelangt war.
Sein Versuch, im kalten Dunkel dieser Zelle etwas Inspiration zu erhalten, blieb erfolglos. Entweder war seine Kraft schon zu sehr erschöpft, oder aber es gab einfach nichts, was sich inspirieren ließe. Denn die Müdigkeit, die unweigerlich den stärksten Geist schwächen konnte, und die Erschöpfung, die er ja nun schon seit geraumer Zeit mit sich herumtrug, fielen in diesem einsamen Gemäuer über ihn her und machten sich daran, seine Wahrnehmung und Empfindungen zu vernichten.

Doch bevor Starold in einen dankbaren Schlummer fallen konnte, der es ihm ermöglicht hätte, die Kälte und die ganze SItuation für einige Stunden zu vergessen (wenn er nicht erforen wäre), wurde die Tür zu den Zellen geöffnet. Lauthals kreischend, wurde der verrostete Riegel zurück geschoben und LIcht flutete schmerzhaft das Dunkel. Es war eigentlich nicht anders zu erwarten gewesen. Bevor der Andunier endlich etwas Schlaf finden würde, würde er mit Sicherheit sterben. Es musste eine quälende Frage sein, warum ihn die Götter so auf die Probe stellten und ihm nicht ein kleines Bisschen Ruhe gönnten. Man mochte vielleicht auf den Gedanken kommen, dass die Götter eine Art Plan verfolgten. Womit fing denn alles an? Mit den Angriffen der Dunkeln Armee und ihrer Anhänger auf Andunie. Mit der Abschlachtung seiner Freunde und seiner Familie, mit der Auslöschung seines Lebens. Hier nahm alles seinen Anfang. Starold Maleynn wurde aus seiner behüteten Umgebung herausgerissen und in die dreckige, düstere Welt hinausgeschleudert. Seitdem wurde er auf die Probe gestellt: Man brachte ihn um seinen Freund und einzigen Weggefährten, man stellte ihn vor die Dunkelelfen und ließ ihn weise handeln, bevor er blind vor Zorn auf diejenigen losging, die der wortwörtlichen schwärzesten Rasse angehörten. Man führte ihn durch einen Schneesturm nach Serna und anstatt ein wenig Lichtblick zu zeigen, griff auch hier das Schicksal mit eiserner Faust durch und verbannte ihn für ein Verbrechen, ein abgrundtief entsetzliches Verbrechen, in den zugigsten und verwahrlosesten Keller überhaupt. Starold wurde so gebeutelt, dass die Botschaft dahinter vielleicht verloren ging, doch betrachtete man es nüchtern, so schienen die Götter ihn auf das harte Leben vorzubereiten, das er von jetzt an, außerhalb von Andunie, führen würde. Starold war behütet und nett, doch damit kam man in dieser Zeit nicht sehr weit. Der einstige freundliche junge Mann, musste aufwachen und rücksichtlos sein. Hier galt das Gesetz des Stärkeren, des Hinterhältigsten, des Gewieftesten. Und nicht das des Nettesten. Einziger Lichtblick war mit Sicherheit Tarra, doch so wie die Dinge standen, würde auch sie sich noch als echte Überraschung entpuppen...

Doch bevor sich Starold darüber noch weitere Gedanken machen konnte, erfüllten schwerfällige Schritte den Raum und ein dickbauchiger, bärtiger Mann trat vor Starold's Zelle. Die Hose an die richtige Stelle zupfend, blickte er den Andunier mit hochgezogenen Brauen an. "Wat?" kam aus seinem Mund und er drehte sich zu der anderen Zelle herum. Offenbar suchte er etwas. Dann wandte er sich wieder Starold zu, musterte diesen mit leicht verwirrtem Ausdruck und wandte sich dann einer weiteren Person, die Starold verborgen blieb, in der Tür zu. "Ist dat euer ernst? Der da?" Offenbar nickte die angesprochene Person nur, denn der Dicke seufzte und begann die Zelle aufzuschließen. "Man man man, Junge. Wo biste da nur reingeraten, hm?" Auch wenn der Mann völlig unbekannt war und nicht mal seinen Namen genannt hatte, so strahlte er doch eine gewisse Freundlichkeit und Gemütlichkeit aus. Er wirkte wie ein guter Freund der das Herz am rechten Fleck hatte. "Dann komm' man raus da, aus dem Loch. Arschkalt hier." Erneut wandte sich der Dicke an die Person in der Tür. "Hör'ma! Das ist doch kein Zustand hier. Das muss geändert werden, kla‘?!" Erneut wohl nur ein Nicken oder Schulterzucken, denn eine Antwort blieb aus.

Erneut die Hose hochziehend, beäugte der Dickbäuchige Starold's schmächtige Statur und er schüttelte den Kopf. Er zupfte Starold etwas aus der Zelle und mehr ins Licht, dann wandte er sich einem zerrütteten Lederkoffer zu, der zu Starold's Rechten auf einem baufälligen Tisch stand. Er öffnete die Tasche und fischte einige Dinger heraus, die ganz klar erkennen ließen, dass der Mann Mediziner war. "Zeig' ma' deine Finger, Bursche!" Nachdem Starold ihm dann die Hände entgegen gestreckt hätte, würde der Arzt mit einer gründlichen Untersuchung beginnen. Er suchte jede Pore, so schien es, mit einer Lupe ab und schüttelte immer wieder den Kopf, schnaufte und grunzte belustigt. Dann widmete er sich noch Starold's Kleidung. Endlich! Man untersuchte ihn auf Spuren! Nun würde sich alles klären! Nach einer guten halben Stunde, beendete der Dicke seine Arbeit und schüttelte den Kopf. "Hör'ma' Ditsche" doch weiter kam er nicht. Plötzlich erfüllte eine unangenehme Persönlichkeit den Raum. Wenn Starold sich umdrehte, was ihm durchaus genehmigt war, würde er einen kleinen, fiesen, Greis erkennen, der mit Argusaugen den Arzt und Starold anstarrte. Blass war sein Teint, als hätte er noch nie das Tageslicht genossen und seine Haut war schrumpelig. "Und, Doktor? Ihr habt etwas gefunden?" Die Haltung des Arztes wurde steif. "Ihr braucht gar nicht so scheinheilig zu tun, Arkadius. Es ist meine Pflicht jed'n Beschuldigt'n 'ner ordentlich'n Untersuchung zu unterziehen! Auch IHR könnt daran nichts ändern!" Der kleine Kobold -Arkadius mit Namen - entblößte ein zahnloses Grinsen, das jeden Säugling zum Schreien gebracht hätte. "Natürlich... Doktor... Aber dieser Mann wurde bereits verurteilt." Der dicke Doktor blickte zu Starold und schien verblüfft. "Ohne auf mein Urteil zu warten?!" er wirkte nun empört. Offenbar war er nicht nur Mediziner, sondern auch Gerichtsmediziner. "Ja, denn die Beweislast ist erdrückend."
Der Dicke argwöhnte nun und verengte die freundlichen Augen. "In meiner Funktion als Gerichtsmediziner, lege ich dem Dorfältesten nahe, die Sache zu überdenken. Es finden sich keinerlei Spuren der Tat an diesem Mann. Nicht einmal ein klitze-kleines Haar!"

Arkadius schien noch kleinere Augen zu bekommen, als er das hörte. Hätte er noch Zähne gehabt, hätte er sie vermutlich zusammengebissen; den Ausdruck bekam er trotzdem recht gut hin. "Auf ein Wort. Doktor." presste er hervor und ging dann, gebeugt, die Hände auf dem Rücken, nach draußen. Der Doktor seufzte schwerfällig und sah auf Starold herab (er war einen guten Kopf größer als der Andunier). Mit zotteligem Bart und Brauen, lächelten Starold zwei eisblaue, gütige Augen entgegen. "Keine Sorge, Junge. Das kriegen wir wieder hin!" Dann senkte er die Stimme etwas und murmelte ein vergnügtes "Schöne Grüße von dem rothaarigen Zottelkopf!" Dann ging er pfeifend, dem Alten hinterher. Starold hingegen stand nun wie ein freier Mann außerhalb seiner Zelle und musste sich recht verloren vorkommen.
Es vergingen einige Minuten, als sich die Tür erneut öffnete und eine zierliche Gestalt hineinhuschte. In einen Umhang gehüllt und die Kapuze übergezogen, konnte Starold nicht erkennen, wer dort kam, doch die Art und Weise, wie sich diese Person verhielt, verriet, dass sie keine Erlaubnis hatte, hier zu sein. Dann, nachdem die Tür leise wieder geschlossen wurde, wandte sich die Gestalt um und blickte aus dem Dunkel heraus zu Starold. Für einen kurzen Moment, musste der Andunier das Gefühl haben, in das Antlitz des Mörders zu blicken, denn der Mantel ähnelte sich doch sehr stark mit dem, den der Angreifer getragen hatte. Doch als die Kapuze abgestreift wurde, kam darunter ein roter Schopf hervor und es war klar, wer sich dahinter verbarg: Tarra. Sie lächelte nicht und blickte Starold nüchtern an. "Was hast du angestellt?!" Es war klar, dass sie keine Antwort darauf erhalten wollte, sondern lediglich die ganze Situation in einem Satz zusammenfassen wollte. "Dir ist schon klar, dass du ganz schön tief drin sitzt, oder? Ich meine.. Mord. Die wollen dich als Sündenbock! Und der Doktor wird nichts dagegen machen können, er schindet lediglich etwas Zeit, damit ich unbemerkt mit dir reden kann. Was jetzt Liraz? Ich meine.. Irgendeine Idee, wie du deinen Hintern aus dem Dreck ziehen kannst, oder besser noch, deinen HALS aus der Schlinge? - Vielleicht benutzen sie auch ein Schafott, wer weiß das schon!" Offenbar fühlte sich Tarra hilflos, denn ihre barsche Art war etwas unangebracht in Anbetracht der Lage. Hatte sie etwas für den Andunier übrig, oder steckte etwas anderes dahinter? Wie dem auch sei, wenn alles gut ging, konnte er das später noch erörtern, doch jetzt blieb nicht viel Zeit...
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Starold Maleynn
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Re: Gefangenschaft!

Beitrag von Starold Maleynn » Mittwoch 7. Dezember 2011, 11:49

Starold merkte schnell, dass ihm die Magie dieses Mal nicht helfen würde. Das bekannt wohlige Gefühl, das seinen Körper durchströmte, wenn ihn die Magie durchfloss, blieb aus. Entweder konnte er nicht ausreichend Konzentration aufbringen oder war zu erschöpft. Vermutlich war es eine Kombination aus beidem. Der Andunier fühlte sich unendlich müde. Alle Hoffnung fahren gelassen, hoffte er darauf, für einige Stunden Schlaf zu finden. Das Wissen, in so kurzer Zeit schon hingerichtet zu werden, einfach zu vergessen. Nicht ständig daran denken zu müssen, wie es sich wohl anfühlte, gehängt, geköpft, gerädert oder was auch immer zu werden. Doch bevor es Starold gelang, endlich einzuschlafen, wurde der Türriegel zum Keller zurückgeschoben. Licht durchdrang die dunkeln Gemäuer und der Wind zog nun noch stärker durch den Raum. Starold fluchte innerlich. Es wäre auch zuviel verlangt gewesen, wenn er wenigstens halbwegs ausgeruht vor den Scharfrichter treten hätte dürfen. An einen fairen Prozess glaubte der Andunier schon lange nicht mehr.

Schwerfällige Schritte waren zu hören und nach einiger Zeit erreichte ein bärtiger Mann mit dickem Bauch die Zellentür. Er schien Starold überrascht zu mustern. Ungläubig drehte sich der Dicke zur anderen Zelle um, schaute dann aber wieder Starold an. Er konnte wohl nicht glauben, dass dieser abgemagerte Lump in der verschlissenen Kleidung zu solchen Gräueltaten fähig wäre. Er hatte ein Monster, eine Bestie erwartet. Was er bekam, war Starold, wie er in der Ecke kauerte und der Dinge, die kommen mochten, harrte. Der dicke Namenlose wirkte freundlich und warmherzig auf den Andunier. Er war wohl der einzige Mensch in ganz Serna, der die Geschichte nicht ganz glauben konnte, die sich zugetragen haben soll. Es musste sich noch eine zweite Person in der Nähe befinden, denn immer wieder sprach der Dicke mit jemandem, den Starold partout nicht ausmachen konnte.

Starold wurde angewiesen aus der Zelle zu treten. Was folgte, war eine Untersuchung. Schnell hatte der Andunier erkannt, dass es sich bei dem Dicken um einen Mediziner handeln musste. Der Arzt untersuchte die Finger des Jungen gründlich, konnte aber nichts finden. Wie auch, fragte sich Starold. Da war nichts. Er war schließlich unschuldig. Auch an Starolds Kleidung ließ sich kein Hinweis auf die Tat erkennen. Starold schnaufte tief durch. Nun würde der ganze Spuk ein Ende haben. Das war doch der Beweis für seine Unschuld!

Das Feuer der Hoffnung war jedoch schnell wieder erloschen, als dieser fiese, unsympathische Kerl in die Zelle trat. Arkadius nannte ihn der Dicke. Arkadius wies den Arzt darauf hin, dass Starold bereits verurteilt worden war. Wegen erdrückender Beweislast. Als der Medizinier Arkadius darauf hinwies, dass keinerlei Blut oder Haare an Starolds Kleidung zu finden waren, hieß ihn der Alte an, mit nach draußen zu kommen. Der Dicke sprach dem Andunier Mut zu und… was?! Roter Zottelkopf?! Tarra? Der Doktor hatte ihm doch tatsächlich schöne Grüße von ihr ausgerichtet. Was meinte er damit? Was hatte sie mit der Sache zu tun? Die beiden Männer ließen Starold mit seinen Fragen außerhalb der Zelle alleine und marschierten davon.

Ob sich die Sache nun aufklären würde, wollte sich Starold nicht ausmalen. Tief im Inneren wusste er, dass das Wort des Arztes wohl unbedeutend sei, wenn es darum ginge, Starold wegen des sechsfachen Mordes anzuklagen. Wobei anklagen das falsche Wort war. Er war immerhin bereits verurteilt. Was den jungen Mann momentan mehr beschäftigte, war die Frage darauf, was Tarra mit alledem zu tun hatte. Warum hatte der Mediziner sie erwähnt? Wie tief hatte sie ihre Finger im Spiel? Plante sie seine Befreiung? Oder hatte sie gar mit der Verschwörung gegen ihn zu tun? Hatte er sich getäuscht, und er hatte sich am Beginn ihrer gemeinsamen Reise doch NICHT getäuscht? War sie mehr als nur eine einfache Händlerin? Womöglich sogar eine Attentäterin? Mit hundertprozentiger Sicherheit konnte Starold nicht sagen, dass es tatsächlich ein Mann war, der ihn umgestoßen und die Menschen getötet hatte.

Die sich öffnende Tür riss den Andunier aus seinen Gedanken. Wieviele Minuten vergangen waren, konnte er absolut nicht sagen. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren hier unten. Starold blickte mit einer Mischung aus Neugier und Furcht zur Tür und erkannte eine zierliche Gestalt in Umhang und Kapuze. Die Person schien, als wäre ihr bewusst, dass sie nicht hier sein durfte. Es war mehr ein schleichen, denn ein zielstrebiges Gehen. Leise schloss die Person die Tür und blickte Starold aus dem Dunkel heraus an. Dem Andunier war bewusst, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder sollte ihm die Person bei der Flucht helfen… oder es war der Mörder, der nun gekommen war um auch ihn zu richten. Er würde es bestimmt wie einen Selbstmord aussehen lassen. Würde ihn erdrosseln und dann aufhängen. Der feige Mörder, der sich vor seiner Bestrafung drücken will.

Dann, nach unendlicher Zeit – so schien es Starold zumindest – streifte die Person ihre Kapuze ab. Rote Haare kamen zum Vorschein. „Tarra“, murmelte der Andunier. Dennoch war er sich nach wie vor nicht sicher, ob sie auf seiner Seite stand oder eben nicht. Die Rothaarige begann gleich drauf los zu sprechen. Ein Redeschwall, wie er nur von Tarra stammen konnte. Aber irgendetwas in ihrer Art war anders. Sie war… rauer, barscher. Entweder überforderte die Situation die junge Frau, oder es war etwas anderes. Starold vermochte es nicht zu sagen. „Ich bin unschuldig, Tarra. Warum sollte ich die einzige Person töten, die mir beim Aufbau einer neuen Existenz helfen kann?“ Er blickte die Grandessanerin an. „Hast du eine Idee?“, fragte er Tarra. „Wie viel Zeit bleibt mir noch? Hast du etwas gehört? Ich befürchte, die einzige Möglichkeit meine Unschuld zu beweisen, ist den wahren Attentäter zu finden. Aber wie sollte das möglich sein? Erstens ist er bereits bestimmt über alle Berge, zweitens sitze ich hier fest… Und drittens… wie sollten wir… du… ihn zur Strecke bringen? Die Alternative wäre natürlich zu fliehen. Wie bist du hier reingekommen? Glaubst du, wir können auf demselben Weg von hier verschwinden?“ Starold sah Tarra hilflos an. „Ich weiß nicht was ich tun soll, Tarra!“

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Re: Gefangenschaft!

Beitrag von Erzähler » Sonntag 15. Januar 2012, 23:30

Die Rothaarige, sah Starold einige Augenblicke an, als dieser seine Hilflosigkeit offenbarte. Dann verdrehte sie die Augen und fluchte zischend: “Nagut, also schön! Dann nehme ich das eben in die Hand, aber glaub‘ ja nicht, dass ich diesen Gefallen nicht irgendwann zurückfordere, klar?!“ Inzwischen musste Starold damit rechnen, dass Tarra ihr explosives Wesen auf ihn ablud und er sollte sich kaum noch wundern, auch wenn sie sich noch nicht so lange kannten. Doch auch wenn Tarra des Öfteren über die Stränge im Ton schlägt, so war sie ihm doch seltsamer Weise eine Freundin. Eine helfende Hand, die sich für ihn in die Bresche warf, ohne eigentlich viel voneinander zu wissen. Welch seltsames Band, sich da knüpfte zwischen den beiden.
Tarra stülpte sich wieder die Kapuze über den Kopf und wisperte aus dem Dunkel: “Lass geschehen, was geschieht und vertrau mir einfach, in Ordnung? Ich lasse mir etwas einfallen! Ganz bestimmt!“ sie wandte sich zum Gehen, blieb jedoch noch einmal stehen und wandte sich, grinsend aus ihrer Kapuze heraus, um: “Und wenn nicht, dann wirst du es ohnehin nicht mehr erleben, oder?“ Seltsamer Humor war das und aus Starold’s Sicht mit Sicherheit unangebracht, doch sie schien es witzig zu finden.
Nach ihren aufwühlenden Worten, verschwand die einzige Rettung für Starold, auf dem selben Weg, wie sie gekommen war und ließ den Andunier zurück und ohne einen Funken Sicherheit. Er hatte lediglich ihr Wort, doch wie viel war das wert? Immerhin war sie her gekommen und hatte ihn aufgesucht. Sie hatte Zeit geschunden, indem sie den Arzt schickte. Musste er sein Leben wirklich bedingungslos in ihre Hände legen? Vielleicht war das seine einzige Chance…

Nur kurze Zeit später, nachdem Tarra den Raum verlassen hatte, betraten der Arzt und Arkadius wieder sein Gefängnis. Am Gesicht des Dicken konnte Starold wohl oder übel ablesen, dass dieser die Debatte verloren hatte. Er klaubte seine Tasche zusammen und murmelte ein “Ich hab’s versucht, Bursche!“, ehe er sich abwandte und mit finsteren Blick auf Arkadius, den Raum verließ. Letzterer neigte arrogant den Kopf zum Abschied und legte seine Finger gegeneinander, als er mit Starold alleine im Raum war. Fiese, dunkle Augen ruhten auf dem Andunier und der Greis lächelte bitter. “Ich kann mir gar nicht vorstellen,..“ begann Arkadius krächzend, “wie man sich so fühlt.. so ganz alleine, ohne Freunde und fremd in einem Dorf, voller Menschen, die einen hassen…Wenn man den Tod für etwas erhält, was man… sagen wir… nicht einmal im Traum zur Vollendung bringen könnte.“ Seine Stimme war bedrohlich und frohlockend gleichermaßen. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man denken, dass der Greis sehr wohl wusste, dass Starold nicht der Mörder war.. Aber das konnte doch nicht sein, oder?
Arkadius fuhr mit seinen dürren Fingern, über den wracken Tisch, der zuvor dem Arzt als Ablagefläche gedient hatte und er glitt einen halben Schritt auf Starold zu. “Nicht wahr, Starold Maleynn? Letzter deiner Familie?“ Bam! Das kam plötzlich. Der Mann kannte ihn! Seinen Namen- seinen VOLLEN Namen! Wie war das möglich? Doch als könne der Greis Gedanken lesen, antwortete er: “Ja, ich weiß sehr wohl wer du bist und ich weiß auch, dass du nicht der Mörder unseres „geliebten“- er spuckte das Wort regelrecht vor Starold’s Füße “Gesandten bist. Aber wer sollte dir glauben? Wer sollte es je erfahren? Hm?“ er lachte und es klang, als ob er eine Lunge aus Papier hatte; als ob etwas riss in seinem Inneren. “Mach dir keine Gedanken darum, wieso ausgerechnet du, Starold – oder sollte ich.. Liraz sagen?“ Er machte ein gespielt überraschtes Gesicht “Ich weiß so einiges, zerbrich dir bitte auch darüber keinen Kopf. Genieße deine letzten Stunden!“ Er wandte sich theatralisch ab und legte schneller als gewöhnlich den Weg zwischen Starold und der Tür zurück, ehe er auf dem Absatz stehen blieb: “Denn morgen wirst du hängen, das ist sicher. Oder enthauptet, das ist noch nicht entschieden. Was würdest du denn bevorzugen?“ Er lachte krächzend und verschloss die Tür hinter sich.

Starold war wieder in der Dunkelheit gefangen und mit sich und der eventuellen Angst gefangen. Er hatte nichts, bis auf das Wort einer Fremden und den seltsamen Enthüllungen eines Irren. Was war damit anzufangen? Wenn Arkadius sich nicht sicher gewesen wäre, dass Starold morgen sein weltliches Ende fand, dann hätte er mit Sicherheit nichts erzählt. Also was tut man in der letzten Nacht, aller Nächte? Alleine? Was macht man da? Was blieb einem noch? Wenn Starold sich noch etwas umschaute in seinem Gefängnis, das sich zumindest etwas vergrößert hatte, da er nicht mehr in der Zelle saß, so würde ihm vielleicht ein kleines, vergilbtes Buch auffallen, das dem Tisch als Stütze diente. Wenn er es aufschlug, könnte er auf den verdreckten und maroden Seiten einige handschriftliche Notizen ausmachen, die er, wenn er vorsichtig war, durchaus entziffern könnte. In schön geschwungener Schrift stand ein kleiner Vers:

“Ein Kind, verirrt im dunklen Raume, entzündet vier Kerzen. Eine Weile brennen sie und spenden Trost und Wärme, als die erste fängt an zu zittern und zu sprechen: „Mein Name ist Ehre. Doch die Wesen dieser Welt haben jedwede Ehre verloren.“ Und sie erlischt. Wenig später beginnt die zweite Kerze zu flackern und spricht: „Ich bin der Glaube, doch die Wesen dieser Welt haben verlernt zu glauben!“ und auch sie erlischt. Nun flackert auch die dritte Kerze und sagt: „Ich war einst der Frieden, doch den gibt es nicht mehr..“ und sie verlöscht. Das Kind fängt an, bitterlich zu weinen, als die vierte Kerze das Wort erhebt: „Ich bin die Hoffnung und solange ich brenne, kannst du mit meinem Licht die anderen Kerzen entzünden!“

Wer auch immer diesen Vers geschrieben hat, der war wohl in einer ähnlichen Situation oder in trauriger Stimmung. Jedenfalls traf es auf die heutige Zeit zu und vielleicht spendete es dem Andunier – wenn er es denn las – etwas Trost. Vielleicht rollte sich Starold aber auch einfach nur zusammen, um endlich etwas auszuruhen..

Die Nacht verging und mit ihr kam das Grauen. Schon früh wurde die Tür zu seinem Gefängnis geöffnet und zwei grobschlächtige Kerle nahmen ihn in ihre Mitte. Ihm wurde ein schwarzer Leinensack über den Kopf gestülpt, damit er nichts sah. Wozu auch immer, doch es kennzeichnete ihn definitiv als Verbrecher, der zu seiner Urteilsvollstreckung geführt wurde. Rabiat wurde der Andunier aus dem Keller gezerrt und über Kopfsteinpflaster geschleift. Um ihn herum war reges Treiben und es lag nahe, dass er sich erneut auf dem Marktplatz befand. Als man ihn vorführte, wurden erneut Stimmen laut, die ihm alles mögliche an den Kopf warfen und ihn beschimpften und verfluchten. Wie begrenzt der Horizont doch manchmal war.. Erst auf dem Podest, wurde ihm die Kapuze abgenommen. Sicherlich brauchte er erstmal eine Zeit, sich an das grelle Licht der Sonne zu gewöhnen, ehe er sich überhaupt orientieren konnte. Er befand sich definitiv auf dem Marktplatz, was an den bunten Wimpeln auszumachen war, und stand auf einem Podest, welches nicht selten für öffentliche Hinrichtungen benutzt wurde. Vor ihm war ein Block aus massivem Holz, mit einer leichten Einkerbung. Also Enthauptung. Vor dem Block lag Stroh, das wohl das Blut aufsaugen sollte. Nicht gerade sehr beruhigend. Rechts von Starold stand der Scharfrichter und Arkadius, links von ihm – was viel beunruhigender sein mochte, der dicke Arzt und ein Dunkelelf. Dunkelelfen?! Hier?! War auch dieses Dorf in ihrer Hand?
Plötzlich, in all dem Trubel, begann es leicht zu schneien. Sanft rieselten die feinen, weißen, Schneeflocken auf die Szenerie herab und bedeckten sie mit einem so reinen Weiß, dass es aussah, als würden sie der Sache hier Einhalt gebieten wollen. Sie waren die Unschuld in diesem Gemälde aus schlammigen, dreckigen Erdfarben.

Es schien so, als ob die Welt für einen Atemzug, die Zeit anhielt, ehe alles dann ganz schnell ging. Es wurde die Anklage laut vorgelesen, die lauter haarsträubende Punkte enthielt, die sich nicht mal bei dem echten Mörder zugetragen hatten, aber „gut“ für die Dramaturgie waren. Die Menge grölte und schimpfte. Dann wurde Starold von kräftigen Händen in die Knie gezwungen und nach vorne auf den Block gedrückt. Der Scharfrichter, hob das Beil, die Menge hielt kollektiv den Atem an, er zielte und ließ die Klinge niedersausen. Alles wartete auf das „zing“ und das „plonk“, das das Durchtrennen des Halses und der rollende Kopf verursachte, doch das blieb aus. Anstelle dessen gab es ein „ronk“ und die Menge kreischte, wirbelte durcheinander und verstreute sich in alle Richtungen. Auch die vier Männer auf dem Podest duckten sich und hielten nach etwas Ausschau. Momentmal… vier? Nein! Drei Männer: Der Arzt, Arkadius und der Dunkelelf. Der Henker lag tot neben Starold, das Beil noch in der Hand. In seiner Brust prunkte ein Wurfmesser, astrein im Herzen verankert. Hufgetrappel folgte, ein Wiehern, direkt vor Starold’s Nase, dann ein “Komm!“, ein Arm der ihm auf das Pferd half und dann rauschender Wind, als das Tier durch die Straßen galoppierte und schließlich das Dorftor passierte. Das alles trug sich in weniger als 5 Minuten zu und es blieb kaum Zeit, zu realisieren.

Eine ganze Zeit lang, galoppierte das Pferd über den gefrorenen Boden und schlug den ursprünglichen Weg Richtung Süden ein. Erst als Serna kaum noch zu sehen war, wurde das Tier langsamer und verfiel in einen gemächlichen Trab. Rotes Haar fiel auf den Rücken, hinter dem Starold saß und offenbarte klar, wer sich hinter der Aktion verbarg…
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Starold Maleynn
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Re: Gefangenschaft!

Beitrag von Starold Maleynn » Montag 16. Januar 2012, 13:50

Starold war heilfroh, dass sich Tarra offensichtlich dazu entschlossen hatte ihm zu helfen. Die rothaarige Grandessanerin war übermütig, frech, bildete sich zu viel ein, vergriff sich immer wieder im Ton und kam aus dem Lager des Feindes, Grandessa. Und dennoch war sie die einzige, die er noch hatte. Sie stand ihm in dieser dunklen Stunde zur Seite. Ohne ihn richtig zu kennen, ohne mit ihm verwandt zu sein, ohne in seiner Schuld zu stehen. Sie schlug sich auf seine Seite, weil sie es so wollte. „Danke“, murmelte Starold, nachdem Tarra wieder verschwunden war. Er hatte keine Ahnung, wie es die zierliche Händlerin – an der durchaus mehr dran sein könnte – schaffen wollte, ihn vor dem Henker zu bewahren. Allerdings hatte er ohnehin nur diese eine letzte Chance. Versagte Tarra, bedeutete dies Starolds Tod. Ein Umstand, den der Andunier nicht sonderlich gutheißen wollte.

Nur wenige Minuten, nachdem Tarra aus der Zelle marschiert war, kehrten der dicke Arzt und Arkadius wieder zurück. Starold blickte den Arzt an und erkannte sofort, dass dieser keine guten Nachrichten für ihn hatte. Es blieb dabei, er würde am nächsten Morgen hingerichtet werden. Der Arzt packte seine Tasche und verließ den Raum. Arkadius, der dürre Unsympathische blieb allein mit dem Andunier zurück. Arkadius sah Starold abschätzig an und begann zu sprechen. “Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man sich so fühlt.. so ganz alleine, ohne Freunde und fremd in einem Dorf, voller Menschen, die einen hassen…Wenn man den Tod für etwas erhält, was man… sagen wir… nicht einmal im Traum zur Vollendung bringen könnte.“ Starold schaute hoch. Wusste der Mann etwas? Kannte er die Wahrheit? Arkadius strich mit seinen hageren Fingeren über den Tisch und machte einen Schritt auf Starold zu. „Nicht wahr, Starold Maleynn? Letzter deiner Familie?“ WAS?! Starold wusste nicht wie ihm geschah. Was hatte Arkadius gerade gesagt? Hatte er wirklich seinen vollen Namen genannt oder fantasierte der Andunier? Als der Dürre ihn auch noch mit Liraz, seinem Pseudonym, das er Tarra genannt hatte, ansprach, war sich der Andunier bewusst, dass er tatsächlich das Opfer einer gewaltigen Verschwörung geworden war. Arkadius sprach weiter, und gab offen zu, dass er wusste, Starold hatte den Gesandten nicht getötet. Warum ausgerechnet Starold? Wie konnte Arkadius so viel von ihm wissen? In so kurzer Zeit? Starold war keine volle Stunde im Dorf gewesen, ehe der Mord geschehen war. Wie konnten die Verschwörer so viel vorausplanen und damit durchkommen? Wer war involviert? Arkadius selbst, das stand außer Frage. Auch einige der Wachmänner vor dem Haus des Gesandten? Woher wussten sie, dass er auf dem Weg zu Gesandten war? Tarra? Oder der Mann, der ihm den Weg erklärt hatte? Einer der beiden musste sein Ziel weitergegeben haben. Aber war Tarra wirklich dazu fähig? Und warum hätte sie dann heute Abend zu ihm in die Zelle kommen sollen? Also war es wohl der Auskunftgeber gewesen. Oder die Verschwörer verfügten über ausgezeichnete Ohren... Einzig dass Arkadius involviert war, ließ sich zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit sagen. Die Ansprache bezüglich der Hinrichtungsmethode hatte Starold nur noch unterbewusst mitbekommen. In seinem Kopf konkurrierten die verschiedensten Theorien und Modelle.

Wieder alleine im Gefängnis konnte Starold partout nicht aufhören, all die Neuigkeiten zu aufzuarbeiten. Zumindest saß er nun nicht mehr in der kleinen Zelle, sondern hatte ein Tischchen zur Verfügung. Der Andunier bewegte sich auf das Holzgestell zu und erkannte, rein zufällig, dass der Tisch auf einer Seite von einem kleinen, vergilbten Büchlein gestützt wurde. Auch wenn er sich eigentlich keine Ablenkung leisten wollte, übermannte ihn die Neugier und er zog das Buch vorsichtig hervor. Die Seiten waren allesamt verdreckt und zerschlissen. Der Großteil der Schrift war verblichen oder durch den Zerfall unleserlich geworden. Nur ein einziger, kleiner Vers war noch zu entziffern. In schön geschwungener Handschrift stand:

“Ein Kind, verirrt im dunklen Raume, entzündet vier Kerzen. Eine Weile brennen sie und spenden Trost und Wärme, als die erste fängt an zu zittern und zu sprechen: „Mein Name ist Ehre. Doch die Wesen dieser Welt haben jedwede Ehre verloren.“ Und sie erlischt. Wenig später beginnt die zweite Kerze zu flackern und spricht: „Ich bin der Glaube, doch die Wesen dieser Welt haben verlernt zu glauben!“ und auch sie erlischt. Nun flackert auch die dritte Kerze und sagt: „Ich war einst der Frieden, doch den gibt es nicht mehr..“ und sie verlöscht. Das Kind fängt an, bitterlich zu weinen, als die vierte Kerze das Wort erhebt: „Ich bin die Hoffnung und solange ich brenne, kannst du mit meinem Licht die anderen Kerzen entzünden!“

Ohne es zu merken hatte Starold zu nicken begonnen. Es war die Wahrheit. Solange es noch Hoffnung gab, war nichts verloren. Und in seinem Fall gab es noch Hoffnung. Er durfte tatsächlich darauf hoffen, dass Tarra ihn nicht hintergangen hatte. Vielleicht ließ sie sich ja tatsächlich etwas einfallen und rettete ihn irgendwie. Vermutlich starb er am nächsten Morgen. Aber die Möglichkeit bestand, dass er es überlebte. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass er tatsächlich überlebte, würde er gewappnet sein. Sein Hab und Gut müsste er wohl zurücklassen, wenn nicht zufällig Tarra es besorgen könnte. Aber er lebte. Und er hatte Informationen zum heimtückischen Mord am Gesandten. Er wusste, dass Arkadius einer der Verschwörer war. Zwar war sich Starold noch nicht bewusst, wie er sein Wissen belegen konnte, aber das würde sich durch Nachforschungen ergeben.

Starold faltete das Stück Papier mit dem Vers darauf und steckte es sich in die Hose. Der kleine Trostspender sollte ihn fortan daran erinnern, dass nichts verloren war, solange es noch Hoffnung gab. Daraufhin rollte sich der Andunier zusammen und schlief endlich ein. Starold erwachte erst, als zwei Hünen ihn hochzerrten und einen schwarzen Leinensack über seinen Kopf stülpten. Sie schliffen ihn grob hinter sich her, die Stiegen des Gefängniskellers nach oben und ins Freie über Kopfsteinpflaster. Es war laut um ihn herum und Sarold vermutete, dass er sich wieder am Marktplatz befand. Er wurde von einer wütenden Menge verflucht und beschimpft und Starold konnte nicht umhin, sich als eine Marktattraktion zu fühlen. Wo sonst Waren feilgeboten wurden, Theaterstücke aufgeführt wurden oder Kuriositäten hergezeigt wurden, stand nun er und wurde gescholten. Ihm wurde die Kapuze vom Kopf gezogen und das grelle Sonnenlicht blendete ihn. Der Andunier konnte nicht die Kleinigkeit erkennen. Erst nach einigen Sekunden hatten sich seine Augen so weit ans Tageslicht gewöhnt, dass er zumindest Umrisse erkennen konnte. Details erkannte er erst nach etwas mehr als einer oder zwei Minuten. Starold konnte die bunten Wimpel ausmachen, die den Marktplatz definitiv als solchen kennzeichneten. Vor ihm befand sich ein Holzblock mit einer leichten Einkerbung. Er würde also enthauptet werden. Starold betete inständig, dass der Scharfrichter seine Axt geschliffen hatte. Er hatte von reisenden Geschäftspartnern Geschichten von Enthauptungen gehört, wo der Scharfrichter fünf oder sechs mal zuschlagen musste, bis das Opfer endlich verstorben war. Während sich rechts von Starold der Henker und Arkadius befanden, standen auf der linken Seite der dicke Arzt und ein Dunkelelf. Der Umstand, dass sich hier im Dorf offensichtlich Dunkelelfen – oder zumindest einer – aufhielten, beunruhigte Starold ungemein. Es passte aber in seine Geschichte. Der Mörder. Wie er sich bewegt hatte, diese Schnelligkeit, Leichtigkeit, Eleganz. Und doch die unglaubliche Kraft und Genauigkeit. Das war kein Zufall. Starold flocht das Netz der Verschwörer weiter und fügte zu Arkadius nun auch den Dunkelelfen hinzu. Starold sah den dicken Arzt an. Er war zweifelsohne keiner der Verschwörer. Sonst wäre die Hilfe eher kontraproduktiv gewesen. Starold konnte ihm wohl vertrauen. Als der Andunier merkte, dass der Arzt seinen Blickkontakt erwiderte, schielte er zu Arkadius und wieder zurück zum Arzt.

Es begann zu schneien. Feine, weiße Schneeflocken rieselten vom Himmel und standen im Kontrast zu den schlammigen Erdfarben. Starold blickte in die johlende Meute. Er konnte Tarra nicht unter ihnen ausmachen. Ob dies nun gut oder schlecht war, vermochte Starold nicht einzuschätzen. Die Hoffnung schwand mit jeder Sekunde. Arkadius trat vor und las die Anklagepunkte laut vor. Darunter befanden sich Anschuldigungen wie Folter und Leichenschändung. Die wahnwitzigsten Punkte wurden aufgebracht, die sich noch nicht einmal beim eigentlichen Mord abgespielt hatten. Der Menge schien es zu gefallen. Oder eben nicht. Sie grölte nun noch lauter als zuvor. Kräftige Hände packten Starold und zwangen ihn in die Knie zu gehen. Er wurde nach vorne auf den Holzblock gedrückt. Noch ein mal schaute Starold in die Runde der Dorfbewohner und sah nichts als Verachtung und blanken Hass. Tarra konnte er noch immer nicht sehen. Es wurde totenstill am Marktplatz. Für Starold schien die Zeit still zu stehen. Die letzte der vier Kerzen wurde immer schwächer. Ein „ronk“ durchbrach die Stille und mit einem Mal begannen die Dorfbewohner panisch zu kreischen und in alle Richtungen zu laufen. Der Scharfrichter fiel tot neben ihn, sein Beil noch in den Händen haltend. Ein Wurfmesser steckte in der Brust des grobschlächtigen Mannes. Starold blickte auf. Es herrschte heilloses Durcheinander auf der Straße. Ein Reiter hielt vor ihm an und reichte ihm die Hand. „Komm“, hieß er Starold an. Mit der anderen Hand riss der Andunier das Wurfmesser aus der Brust des Toten und warf sich hinter dem Reiter auf das Pferd. Der Wind rauschte ohrenbetäubend und die Gebäude des Dorfes zogen nur so an ihm vorbei. Auch nachdem sie das Dorftor passiert hatten, wurde das Pferd nicht langsamer. Es galoppierte immer weiter über den pickelharten Boden in Richtung Süden. Immer wieder hatte Starold zurück gesehen, hatte aber niemanden deutlich ausmachen können, der sie verfolgte. Als Serna nur noch als kleines Pünktchen am Horizont zu sehen war, wurde das Tempo gedrosselt und das Pferd verfiel in gemächlichen Trab. Starolds Retter warf die Kapuze zurück und Starold erkannte rotes Haar. „Tarra!“, stieß Starold hervor. Auch wenn er es schon längere Zeit vermutet hatte, nun war es gewiss. Die Grandessanerin hatte ihn tatsächlich gerettet.

„Danke, Tarra!“ Starold reichte ihr das erbeutete Wurfmesser nach vorne. „Ich glaube, das gehört dir.“ Der Andunier sprach weiter: „Wohin reiten wir? Hast du einen Plan? Gestern, nachdem du aus der Zelle verschwunden bist, kam dieser dürre Arkadius zurück.“ Starold erzählte Tarra lang und ausführlich, was er herausgefunden hatte. Er vergaß auch nicht auf den ominösen Dunkelelfen und dessen Rolle in der Verschwörung. „Hast du zufällig meine Tasche?“ fragte er seine Retterin. „Darin ist all mein Besitz. Mein Geld, mein Messer, einfach alles!“ Nicht einmal seine Trinkschläuche hatte er noch. Alles, was er noch besaß, trug der Andunier momentan am Körper. „Was hältst du von der Geschichte, Tarra? Glaubst du wir können die Wahrheit aufdecken? Ich werde gesucht, und sofern sich jemand an dich erinnern kann, wirst auch du gesucht werden. Wir müssen die Wahrheit ans Licht bringen. Und ich hätte auch eine Idee, wo wir anfangen können. Der dicke Arzt, den du beauftragt hast. Er weiß dass ich unschuldig bin. Und ich weiß, dass er keiner der Verschwörer ist. Vielleicht weiß er mehr über die Sache! Wir müssen irgendwie unerkannt ins Dorf kommen, oder ihn herausbringen, um mit ihm zu sprechen.“ Es war schon eine Ironie. Er hatte sich nichts sehnlicher gewünscht als aus dem Dorf zu entkommen, und nun, da er endlich fort war, musste er wieder zurück um seinen Namen reinzuwaschen. „Weißt du wer auch mit drin stecken könnte? Der Hauptmann der Wache oder einer seiner Soldaten. Irgendwie musste der Mörder entkommen sein. Ich glaube nicht, dass keiner der Männer einen Beweis für sein Verschwinden finden konnte. Entweder wurde der Beweis von einem der Soldaten unterdrückt, vom Hauptmann unterdrückt, oder aber einer der Soldaten hat den Mörder nach getaner Arbeit einfach bei der Tür rausspazieren lassen.“ In Gedanken fügte Starold den Punkt „Wachmannschaft“ zum Dunkelelfen und Arkadius hinzu. „Warum ich?“, fragte er mehr sich selbst als Tarra und schaute noch einmal zurück zum Dorf.

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Re: Gefangenschaft!

Beitrag von Gestalt » Sonntag 22. Januar 2012, 18:01

Starold verlässt das Dorf als Flüchtling
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