Blut, Schweiß und Stahl - Kaserne IV

Das Grenzdorf, geschützt durch seinen Wall und die Spähtürme, steht an der Grenze zu Grandessa. Die Soldaten nächtigen in Gaststätten oder bei freundlichen Familien, die einen Platz frei haben.
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Blut, Schweiß und Stahl - Kaserne IV

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 7. August 2019, 09:01

Wieland kommt von "Die Waffenschmiede"

Die Sonne tauchte die Kasernen des Grenzdorfes in morgendliches Licht. Am Rande der schützenden Mauer hatte man einige Höfe eingerissen und ihre Bewohner auf die andere Seite Jersas umgesiedelt. Es hatte seinen Vorteil: sie wohnten nun näher an ihren Äckern. Dafür mussten die Feldarbeiter deutlich länger schuften, weil sie früher am Ziel ihres Tagwerks eintrafen. Der Großteil der Ernte ging immer noch an die Soldaten, aber Jersas Bauern gaben es gern. Das Militär beschützte sie hier dicht an der Grenze. Für sein eigenes Überleben gab man, so viel wie nun einmal möglich war und manch wenige lieferten sogar noch mehr.
Wieland zählte nicht zu jenen Menschen, die auf Nahrung oder Wasser verzichten mussten, um dem Königreich zu dienen. Er produzierte die Klingen,welche sich ins Fleisch des Feindes bohren sollten, geführt von jorsanischer Hand. Gewissermaßen befand sich Wieland in einem steten Wettrüsten um die bessere Fertigung, ohne seine Kontrahenten jemals zu Gesicht zu bekommen. Und dazwischen ging es um Leben und Tod.
Nicht ganz so dramatisch, doch dadurch nicht minder wichtig ging es heute zu einem gewissen Teil auch um Johannes Leben. Die Frage war nur nicht, ob ihn der Gevatter holen würde, um seine Seele auf Lysanthors Waage der guten und bösen Taten zu werten, sondern ob sein Leben in der Welt der Sterblichen ein weiteres Veilchen bedeuten könnte.
Gemeinsam mit dem Burschen erreichte Wieland die Kasernen. Sie schmiegten sich direkt an die sterinerne Dorfmauer, wohingegen ihre eigene Abgrenzung lediglich aus Holzpalisaden bestand. Stein war kostbar, vor allem hier draußen, wo es wenige Berge und Hügel gab, von denen man sie hätte abbauen können. Die Kasernen beschränkten sich daher bei ihren Steinbauten auf das Nötigste. Wichtige Gebäude wie das Haupthaus, das Büro der Offiziere und das Arsenal sollten symbolisch den unüberwindbaren Stein vorweisen. Die einfachen Barracken der Soldaten hingegen waren aus Holz gezimmert und reihten sich selbst wie ihre Einwohner stets auf der Südseite einer Kaserne auf. Die Struktur war bei allen gleich.
Johannes schwenkte seinen Gang Richtung Kaserne IV ein. Der Junge konnte die Symbole nicht lesen, die die Einrchtung als vierte von vielen Militärbasen bezeichnete. Er sah sie allerdings als Bild an, das Wiedererkennungswert besaß. Auf einem Messingschild neben dem bewachten Eingang kündeten die beiden Lettern davon, dass Wieland und der Zeugwartssohn hier richtig waren. Vielleicht erinnerte sich Ersterer daran, dass es sein Mentor und Meister Alberich war, der diese Schilder für alle Kasernen selbst angefertigt hatte. Das war nun schon eine ganze Weile her. Damals fiel es dem Mann nicht schwer, die filigranen Lettern in das Metall zu arbeiten. Gelegentlich hatte er solche Kunstwerke geschaffen. Sie hatten Abwechslung und Herausforderung zugleich bedeutet, denn selten wagte sich ein Grobschmied an derart feine Handwerkskunst. Doch Alberich war befähigt gewesen, auch Filigranarbeiten herzustellen. Damals. Heute hatten seine Augen eine Trübung angenommen, die es ihm unmöglich machte, überhaupt die fein gearbeiteten Linien der Lettern IV klar zu erkennen. Gelegentlich klagte er über "verschwommene Tage", an denen seine Sicht irgendwie erschwert schien und er sich häufiger die Augen rieb als Wieland es herabspielen könnte. Die Erkenntnis, ein hohes Alter erreicht zu haben und mit dessen Problemen zu kämpfen, war nicht nur für den Alten selbst eine bittere Pille. Angehörige sahen Freunde und Familienmitglieder altern, vergesslicher aber vor allem kränklicher werden. Das Leben war nicht leicht. Für niemanden.
Auch für Johannes nicht, doch heute zeigte er sich zuversichtlich. Er hatte seinen Auftrag erfüllt. Wieland geleitete ihn durch die Tore in den Hof der Kaserne hinein. Mit einem seichten Salut grüßte der Burschen die postierten Wachen, passierte sie und hielt auf das Zeughaus zu, das sich am anderen Ende des Hofes an den Palisadenzaun schmiegte. Soldaten drehten ihre Runden, wobei sie in militantem Rhythmus immer wieder anspornende Parolen riefen. Obgleich laut, wandelten sich die forschen Anpreisungen an Jorsans Königreich und die loyalen Rufe für das eigene Vaterland zu einem Beiwerk der allgemeinen Geräuschkulisse. Dumpf nur drangen sie an die Ohren. Der Fokus lag andernorts; nämlich bei Johannes' Vater. Der Zeugwart saß vor dem Gebäude wie üblich an einem dort aufgestellten Holztisch. Darauf fanden sich nebst einigen Papieren, die von einem dicken Stein vor dem fortfliegen festgehalten wurden, auch eine große Kasse und ein Teller. Er war leer. Der Zeugwart hatte sein Frühstück bereits beendet und genoss nun eine Tasse dampfenden Kaffees. Man konnte das Aroma der Bohnen über den halben Kasernenhof riechen.
Als Johannes mit einem freundlichen "Hier bin ich wieder, Vater!" vor dem Tisch hielt, setzte der Zeugwart seine Tasse ab und erhob sich schwerfällig von seinem Stuhl. Sogleich wippte der speckige Wanst über den Gürtel seiner Rüstung hinweg. Er trug keine Platte, sondern lediglich einen Waffenrock, unter dem der Stoff seiner Tunika an Bauch und Oberarmen straff saß. Der Mann mochte auf den ersten Blick ob seines massigen Körpers niemals als Teil des Militärs durchgehen, aber wer die Augen von seiner breiten Erscheinung zum Gesicht wenden konnte, sah, dass auch er Teil der Armeen war. Das blonde Haar militärisch kurz gehalten und an den Seiten sogar bis auf wenige Milimeter getrimmt, der blonde Bart so weit gestutzt, dass die Härchen keine gekräuselten Locken bilden konnten und ein Blick so hart und kalt wie das Eisen, das Wieland aus der Esse in den dafür vorgesehenen Wassereimer gab: grau und bar jeder Emotion, denn zum Töten schienen sie geschaffen.
Unter den streng zusammengezogenen Brauen funkelte der Blick böse auf den eigenen Sohn hinab. Johannes zog sofort den Kopf etwas zwischen die Schultern. Bei seinem Vater war selbst der trotzige Widerstand klein gehalten.
"Das Vater will ich überhört haben, aber den unangemessen Gruß nicht übersehen. Zeugwartssohn, auch Ihr seid Soldat. Benehmt Euch entsprechend", bellte der Vater, ohne wirklich laut zu werden. Seine bauchige Stimme unterbrach den allgemeinen Ablauf der Kaserne nicht. Im Hintergrund drehten die Soldaten weiterhin ihre Runden.
"Entschulige, Vater..."
"Was habe ich eben gesagt?!"

Johannes erstarrte, bis seine Haltung kerzengerade war. Dann riss er die Hand empor, um sie mit zackiger Bewegung an seine Stirn donnern zu lassen für den militanten Salutgruß. Er gelang ihm um so vieles besser als dem Zeugwart, dessen plumpe Pranke nicht einmal die eigene verschwitzte Stirn berührte. Dann winkte der Zeugwart ab.
"Weggetreten. Mach dich im Zeughaus nützlich. Da gibt's immer noch einiges zu Sortieren."
"Jawohl, Herr!"
Johannes verabschiedete sich mit einem flüchtigen Blick gen Wieland, ehe er an ihm vorbei und in das Gebäude hinter dem Tisch eilte. Schon war er verschwunden und Wieland mit dem Vater des Jungen allein. Wie war doch gleich noch sein Name?
"Franz-Josef Brunnerling, Zeugwart der Kaserne IV der Zweiten Kompanie Jorsans Stahl heißt Euch, Schmied, Willkommen." Auch Wieland wurde salutiert. Dann ließ sich der Mann zurück auf seinen Stuhl sinken, welcher unter dem Gewicht aufächzte. "Wollt Ihr einen Kaffee oder kann ich gleich zum Wesentlichen übergehen?"
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Re: Blut, Schweiß und Stahl - Kaserne IV

Beitrag von Wieland » Samstag 17. August 2019, 18:15

Mit jedem langen Schritt, den Wieland platschend in den Schlamm des schmalen Pfades vor sich setzte, schien sich seine Laune zusehends zu trüben. Er hasste es, seine Arbeit unvollendet und seinen Mentor in einer dermaßen schlechter Verfassung zurückzulassen. Doch er hatte keine andere Wahl. Sein Tagewerk umfasste schließlich mehr als nur das Fertigen von Waffen, obgleich in diese Tätigkeit sein ganzes Herzblut floss. All die organisatorischen Pflichten zum Erhalt der Schmiede, die ihm früher nebensächlich und banal erschienen waren, traten nun in Alberichs Abwesenheit immer stärker in den Vordergrund und diktierten zusehend seinen Alltag. In dieser Hinsicht war es kein Wunder, dass ihn alle binnen weniger Wochen mit „Meister“ zu grüßen begonnen hatten! Gab es wieder einmal Engpässe bei der Erzlieferung, so war er selbst es, der beim Vorarbeiter förmlich die Tür einrennen musste, um an die unerlässliche Grundsubstanz für seine Klingenrohlinge zu gelangen. Ähnlich stand es mit der Versorgung ihres Haushalts durch die umliegenden Höfe oder die Steuerzahlungen an die zuständigen Autoritäten. Zudem wickelte Wieland mittlerweise fast sämtliche Waffenaufträge persönlich ab, da Alberich zusehends Probleme mit dem Berechnen des angemessenen Preises oder der benötigten Menge an Rohmaterialien bekam. Schon einmal war es vorgekommen, dass der Alte eine Bestellung an Übungsschwertern schlichtweg vergessen und dafür prompt am Tag der vermeintlichen Übergabe den Zorn eines pausbäckigen Ausbildners auf sich gezogen hatte. Als dieser den Schmiedemeister nach allen Regeln seines Metiers lautstark zur Schnecke gemacht hatte, war Wielands Geduldsfaden gerissen. Schlimmeres wäre passiert, hätte Alberich ihm nicht beschwichtigend die Hand auf die Schulter gelegt und die Situation mit ruhigen Worten entschärft.
Der Alte hatte immer schon ein Gespür für den Umgang mit Menschen gehabt – eine Fähigkeit, die er seinem Gesellen leider nicht zu vermitteln vermocht hatte, denn trotz seines vergleichsweise Jungen Alters war Wieland ein Eigenbrötler wie er im Buche stand. Wenn die anderen Handwerker des Dorfes unter der Woche ihre Arbeit für den Tag niederlegten und in die örtliche Schenke einkehrten, stand er meistens noch am Amboss, hämmerte munter vor sich hin, bis das königliche Gesetz zur Wahrung des öffentlichen Friedens Stille verlangte. Die Ruhe- und Feiertagen verbrachte er bei Würfel- und Kartenspiel mit Alberich oder an der vom Dorf abgewandten Wiese hinter dem Haus, die er für das Training mit seinem selbstgefertigten Anderthalbhänder nutzte. Menschen mied er, aus dem einfachen Grund, dass er sie nicht wirklich verstand. Im Gegensatz zu Stahl, der allein durch Klang, Härte und Färbung alles von sich Preis gab, was ein Schmied über ihn zu wissen wünschte, so waren Menschen doch um ein Vielfaches komplizierter. Sie sagten nicht was sie dachten und verbargen ihre wahren Gefühle hinter aufgesetzten Masken und geistlosen Floskeln. Sich mit ihnen einzulassen bedeutete zwangsläufig an diesem umfassenden Spiel teilzunehmen, an einem Spiel, mit dessen Regeln Wieland viel zu wenig vertraut war. Doch durch Alberichs fehlender Präsenz war er wohl oder übel dazu gezwungen.
Im Gehen warf Wieland noch einen letzter Blick über die Schulter, während er gegen das beklemmende Gefühl in seiner Brust ankämpfte. Doch da war die Schmiede auch schon hinter der schiefen Hütten des Hanges verschwunden. Nur die Rauchsäule des Essefeuers ragte über allem hinweg und bohrte sich zielstrebig in den wolkenlosen Morgenhimmel.
Sie waren bald an ihrem Ziel angelangt und Wieland hielt einigen Abstand um Johannes Gelegenheit für seine förmliche Meldung zu geben. Wie jeder Bewohner Jersas war der Schmied einigermaßen mit den Formalitäten vertraut, die im jorsanischen Heer vorherrschten, obwohl er sich nicht ganz sicher war, was er davon halten sollte. Einerseits begrüßte er das Vorhandensein von festen Anleitungen, die den für ihn so unübersichtlichen Bereich der zwischenmenschlichen Interaktion reglementierten – ihn ähnlich eines Schmiedeplanes zu etwas leicht erlernbaren umformten. Zugleich war ihm bewusst, dass die penetrante militärische Genauigkeit auch seine Schattenseite hatte, wie es ihm anhand der Behandlung Johannes’ nun mit eigenen Augen vorgeführt wurde. Wieland verfolgte das Schauspiel kommentarlos, das ihn an seine eigene Kindheit erinnerte. Es war die selbe unwirsche Kälte die in der Stimme des Zeugwarts mitschwang, die der Schmied von seinem eigenem Ziehvater kannte. War es in Wielands Fall die beschämende Herkunft gewesen, so war es bei Johannes wohl seine schmächtige Statur, die in den Augen des Zeugwarts zu einem persönlichen Affront herangewachsen war. Vielleicht hatte der Junge aber noch eine Chance, eines fernen Tages den Respekt seines alten Mannes zu erlangen. Schließlich war er dessen eigen Fleisch und Blut sowie unzweifelhaft jorsanischer Herkunft – zwei Dinge, welche nach Wielands eigener Lebenserfahrung durchaus einen Unterschied machen konnten.
Als Johannes an ihm vorbeieilten nickte er ihm aufmunternd zu. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Zeugwart, der die Hand zum militärischen Gruß hob. Der Schmied erwiderte die Geste nicht. Er war Zivilist. Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen horchte er auf die Worte des dicklichen Mannes und war sogleich froh, dass er seinen Namen preisgab. Er war sich sicher, ihn schon ein dutzend Mal gehört zu haben, doch war sein Namensgedächtnis nicht das beste. Um ehrlich zu sein war er sich sicher, ihn binnen der nächsten Stunde schon wieder vergessen zu haben. Er merkte sich nur das, was für seine Arbeit von Bedeutung werden würde. Denn dafür war er ja schließlich hier.
„Seid gegrüßt Herr.“
Wieland trat vor und blieb vor dem Tisch stehen, den intensiven Geruch des tiefschwarzen Heißgetränkes in seiner Nase. Kaffee. Er wusste, dass es aus zerstoßenen braunen Bohnen aus dem fernen Urwald Kapayu hergestellt wurde und deshalb in Jorsa nicht gerade weit verbreitet war. Obwohl er es selbst noch nie probiert hatte, hatte er gehört, dass es einen bitteren Geschmack besaß, sich jedoch dafür auszeichnen sollte, den Geist zu erquicken und den Körper mit frischer Energie zu versorgen. Auch sollte es die natürliche Müdigkeit bekämpfen und somit Schlaf praktisch hinfällig werden lassen. Wieland war jedoch skeptisch, was solche enthusiastischen Behauptungen anbelangte – es klang einfach zu gut um wahr zu sein. Bestimmt würden bald schon die Gerüchte aufkommen, dass Kaffee das Beste Stück des Mannes wachsen lies oder Blinde heilen konnte. Und eine Gruppe von Händlern würde sich eine goldene Nase verdienen...
„Nein, danke. Kommen wir lieber zum Wesentlichen. Ich habe viel zu tun wie Ihr bestimmt wisst. Je schneller ich wieder in die Schmiede komme, umso besser.“
Wieland bemühte sich nicht den ungeduldigen Tonfall zu verbergen, hätte es vermutlich ohnehin nicht hinbekommen. Der Zeugwart wusste, dass er den Schmied mit seiner „Bitte“ um persönliche Absprache von der Arbeit abhielt. Vielleicht war Wieland auch gerade nur eine Figur in seinem kleinen Machtspielchen, das man zu sich beordern und mit exotischen Getränken einschüchtern konnte. Was immer es war, Wieland hoffte auf eine baldige Entlassung. Er sollte Alberich nicht zu lange alleine lassen.

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Re: Blut, Schweiß und Stahl - Kaserne IV

Beitrag von Erzähler » Freitag 23. August 2019, 20:16

Hätte man Wieland nicht immer wieder in die Kasernen beordert, wäre er einer von vielen Jorsanern gewesen, die mit dem Begriff Kaffee nichts hätten anfangen können. Das Heißgetränk galt als Luxus, fernab der jorsanischen Hauptstadt, wo es zumindest in Adelskreisen sich reger Beliebtheit erfreute .. und offenbar auch hier in den Kasernen. Die Offiziere gönnten sich das erfrischende Gesöff gemahlener Bohnen, selbst wenn es nicht ganz billig war. Der Urwald Kapayu, wo die begehrten Schoten gewonnen werden konnten, war nicht allzu weit entfernt. Leider lag jedoch das feindliche Grandessa dazwischen und so gelangte der Kaffee über einen weiten Umweg vom Kapayu Richtung Santros und wieder den Meerweg entlang an die jorsanischen Küsten. Seltener kam er auch aus Andunie, aber nur dann, wenn einer der Händler dort den Auftrag gab, die gefährliche Mission in den Urwald für ein paar Bohnen auf sich zu nehmen. In letzter Zeit hatten keinerlei Handelsschiffe der Hafenstadt an jorsanischen Stegen angelegt. Auch sie kämpften gegen die dunklen Völker auf ihrem Eroberungszug. Dass Andunie den Kampf verloren hatte, war Jorsan - wenn überhaupt - nur an den Küstengebieten und vielleicht in der Hauptstadt bekannt. Hier, an der unmittelbaren Grenze zum verfehdeten Königreich interessierte nicht, was weitab in Celcia geschah.
Hier gab es nur Kaffee, von weit her importiert und offenbar nicht teuer genug für den Zeugwart. Der Duft war verlockend und wehte neuerlich zu Wieland herüber, als Franz-Josef Brunnerling mit einem Schulterzucken die Tasse wiederholt zum Mund führte. Derweil schob er mit der Stiefelspitze einen Hocker unter dem Tisch hervor, damit der heran geholte Schmied sich bei Bedarf setzen konnte. Im Hintergrund rannte der gut zwei Dutzend große Truppe zum wiederholten Male an ihnen vorbei. Ihre Rufe mischten sich in die Klänge des Morgens. Noch vier Runden und sie wären entlassen. Wie lange würde es dauern, bis Wieland zurück in seine Schmiede und zu Alberich konnte?
"Seid Ihr der einzige, der die Schmiede noch führt, Meister Wieland?", erkundigte sich der Zeugwart. Auch er nannte ihn Meister. Wann war Alberich das letzte Mal in einer der Kasernen gewesen? "Wie auch immer, es wäre möglich, dass Ihr die Schmiede eine Weile geschlossen halten müsst." Der Mann ließ die Information ein wenig sacken. Allzu viel Aufklärung hatte er ja noch nicht geleistet. Ein weiterer Schwall des gerösteten Aromas zog an Wielands Nasenlöchern vorbei.
"Nun gut, das Wesentliche. Wir sind schließlich nicht zum Plaudern hier. Da ich mit Euch in besonders häufigem Kontakt stehe, wurde mir die unangenehme Aufgabe zuteil, mich vorab auch um Euch zu kümmern. Ha! Ich, der Zeugwart! Aber sei's drum. Meister Wieland, das Königreich braucht Euch, mehr denn je. Nicht als Schmied, gebunden an einen Amboss und dazu verdammt, Euch lokal die Kraft aus den Armen zu hämmern. Meine Vorgesetzten haben entschieden, dass Ihr Euch dem nächsten Trupp anschließen und ein Stück weit ins Feindesland mit marschieren werdet.Ihr habt heute und morgen Zeit, das Notwendigste zu packen. Dann erwartet man Euch hier im Kasernenhof, um Euch der Truppe Eiserne Spürhunde für eine Mission anzuschließen. Seht also zu, dass Ihr pünktlich seid. Kurz nach Sonnenaufgang geht es los."
Als wollten die trainierenden Truppen diese Nachricht mit einem Ton unterstreichen, der nicht minder erschütternd war, drang ihr choral gerufenes "Für Jorsan!" mit einem kräftigen Luftzug an Wielands Ohren. Dann zogen die Laufenden erneut vorbei. Noch drei Runden für sie. Noch zwei Tage für Wieland. Dann sollte er seine Schmiede samt Alberich zurücklassen, um sich - als Schmied oder als Soldat? - einer Gruppe disziplinierter Männer anzuschließen, die seinen Stahl trugen, um ihn durch feindlich Körper zu stechen und deren Blut fließen zu lassen. Wer hatte das entschieden und warum? Warum er? Franz-Josef Brunnerling schaute Wieland ebenfalls nicht begeistert an, doch er hielt seine persönliche Meinung zurück. Das musste er. Ein Soldat stellte die Entscheidungen des Vorgesetzten nicht in Frage. Wieland aber war kein Soldat. Er war Schmied ... und er sollte mit Soldaten ziehen. In zwei Tagen.
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