Unter Soldaten

Man könnte es mehr Militärstützpunkt nennen als Dorf. Denn hier stehen zwei große Spähtürme, sowie kleine Baracken für Soldaten des Landes. Hier handelt es sich um die Grenze zum Reich Jorsan, welches nicht gerade positiv gesinnt ist.

Re: Unter Soldaten

Beitragvon Soldat/in » Sonntag 14. Juli 2013, 10:27

Caleb durfte Veränderungen erkennen. Er wünschte sich ein Bad. Er bedachte zumindest seine Bedürfnisse und durfte wohl den Luxus erkennen, Diener in einem Schloss gewesen zu sein, denn hier in Troman liefen viele schmutzig herum. Sie gingen schmutzig ins Bett und standen schmutzig auf ... und sie kamen damit zurecht, weil Schmutz kein Blut war. Erst wenn man in Blut gebadet hatte, wurde ein Zuber aufgestellt. In dieser Hinsicht gab es wohl doch etwas, das man einer Arbeit als Diener vorziehen konnte. Die Soldaten jedenfalls starrten gewissermaßen vor Dreck. Einige sammelten sich draußen bei den Barracken zwar an einem Trog ähnlichen Becken, doch dort ließen sich auch nur Gesich und Hände waschen. Für ein anständiges Bad reichte es bei weitem nicht und es blieb auch nicht die Zeit.
Stimmen von draußen wurden laut, kaum dass Caleb sich angezogen hatte und die Kapuze sein von Sorgen verschleiertes Gesicht verbarg. Rist und Theben, eben noch in ihr Gespräch vertieft, hoben fast zeitgleich die Köpfe. Letzterer aber zeichnete sich schon immer durch etwas schnellere Reflexe aus als der bullige Hüne in seiner schweren Panzerung.
Schreie, gebrüllte Befehle oder Warnmeldungen über Angriffe der Jorsaner waren nicht Unübliches, schon gar nicht in einem Grenzdorf wie Troman. Hier gehörte es zur Tagesordnung, dass sich jemand die Kehle heiser schrie. Aber diese eine Stimme, die gerade laut wurde, kündete nicht von solcher Form der Warnung und ihr Klang kam sicherlich nicht nur Rist und Theben bekannt vor.
"Vince?", fragte der Schütze und tauschte mit Caleb und dem Krieger kurze Blicke. Letzterer nickte langsam, die kantige Stirn in tiefe Falten gelegt. Etwas stimmte nicht. Zorn und wohl auch aufgebrachte Wut schwangen in den sonst unverständlichen Rufen des Prinzen mit, die von draußen an ihre Ohren drangen udn ringsum wurden mehr Stimmen laut, in denen seine alsbald unterging.
Die beiden Soldaten wandten sich - wie andere übrigens - der Barackentür zu. In diesem Moment maunzte es leise, aber kratzig neben Caleb. "Du wolltest Informationen? Nun, ich habe eine. Die Soldaten sind nicht gerade erfreut über die Anordnung des Prinzen." Rhazir hockte neben Caleb. Wie auch immer der altersschwache Kater es ins Innere und direkt neben ihn geschafft hatte, er saß da und begann sich beiläufig zu putzen, als ginge ihn der ganze Tumult draußen rein gar nichts an. "Grandessa gegen Jorsan. Sie sind wütend, dass dein Prinz den Tod eines Feindes aufhalten möchte, den der tromanische Hauptmann angeordnet hat."
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Sonntag 14. Juli 2013, 13:56

Für einen Augenblick huschte ein Lächeln über Calebs Lippen. Der Prinz hatte also doch anders entschieden.
Aber dieser Gedanke wurde schnell von etwas anderem verdrängt. Nun rebellierten die Soldaten gegen ihn. War das...seine Schuld? Warum konnten sie nicht einfach den Befehl des Prinzen befolgen, so wie er es immer getan hatte; selbst wenn es nicht mit seiner eigenen Meinung überein gestimmt hatte. Wollten sie so dringend Blut sehen, wo sie doch gestern schon Dutzende von Jorsaner vor den Toren Tromans abgeschlachtet hatten? War es das wert? Wo bitte lag die Loyalität dieser Soldaten?
Beim Krieg, oder beim Prinzen?
"Glückwunsch. Du hast versucht das Leben eines Feindes zu retten und dabei den Prinz seiner Autorität beraubt. Niemand da draußen schert sich darum, was er zu sagen hat. Hör ihnen doch zu!"
Des Prinzens Stimme war nicht mehr in dem Tumult auszumachen. Der Kapuzenträger hinter ihm schien es auf eine gewisse Weise zu genießen. Einzusaugen. "Vortrefflicher Chor!"
Caleb konnte Wut in sich aufbrodeln spüren, hatte sich aber genug unter Kontrolle, es einfach runterzuschlucken. Der Prinz stand da draußen allein gegen eine Meute, ohne die Hand des Prinzen um sich. Sie mussten zu ihm!
"Der Prinz versucht die Vollstreckung aufzuhalten! Wir müssen ihm helfen!" Seine Stimme klang fester als sonst, als er sich mit diesen Worten zu Rist und Theben umdrehte, wobei er vor allem den Schützen fixierte, der bis eben noch so freudig über das kommende Spektakel geschwärmt hatte. Jetzt würde er wohl ein ganz Anderes erleben.
Weiter konnte er nicht warten. Kurz drehte er sich um und nickte Rhazir dankend zu, dann rannte er aus der Baracke hin zum Prinzen.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Montag 22. Juli 2013, 00:34

Theben und Rist hatten die Tür der Baracke bereits erreicht. Sie spähten nach draußen, so dass sich Caleb seinen Weg quetschen und winden musste, um ins Freie zu gelangen. Von dort aus den richtigen Weg zu finden, war kein Problem. Man musste nur den Rufen und den tumultartigen Lauten folgen. Sie führten nicht nur Caleb zum Exerzierplatz. Die beiden anderen Mitglieder der Hand der Prinzenkrone folgten. Keiner von beiden sagte etwas, aber ihre Blicke lagen auf Calebs Hinterkopf, während sich dieser seinen Weg bahnte.

Der Exerzierplatz war gut gefüllt. Normalerweise kamen nur wenige Soldaten, um die Hinrichtung eines Jorsaners zu beobachten. Nicht, weil sie sich daran nicht erfreuen würden wie das einfache Bauernvolk des Dorfes, das sogar faules Gemüse zu dem Anlass mitbrachte, um es zu werfen. Nein, die Soldaten konnten sich einen solchen Luxus selten leisten, mussten sie doch weiterhin die Stellung im Grenzdorf halten. Jetzt aber schienen nur wenige dieser Pflicht nachkommen zu wollen.
Grund dafür bot Prinz Vincent der IV. von Grandessa persönlich, der auf der Empore des Galgengerüsts neben dem Henker stand und beide Arme in die Höhe gerissen hatte. Es half nicht, die militärische Meute zu beruhigen. Man beschimpfte ihn und den Jorsaner, spuckte nach Letzterem und viele rissen ihre Fäuste in die Lüfte.
Da stand er tatsächlich, ruhig, fast schon gelassen: Hector, der grandessarische Soldat. Seine Hände waren gefesselt, ruhten ebenso ruhig wie seine erhabene Gestalt vor ihm am unteren Bauch. Um seinen Hals lag bereits die Schlinge, die sich zusammenziehen und sein Leben aushauchen sollte, aber noch stand er. Noch hatte der Henker nicht den Hebel betätigt, der die Luke unter seinen Beinen öffnen und ihn richten würde. Hector ließ den Blick schweifen und für den Bruchteil einer Sekunde schien es, dass er jenen von Caleb fand. Zwinkerte er?

Der Prinz versuchte immer noch, die Meute ruhig zu halten. Die Soldaten scharten sich um einen groß gewachsenen, breitschultrigen Mann in Rüstung, dessen Helm und Umhang ihn eindeutig als Hauptmann deklarierten. Er blickte mit verschränkten Armen zum Prinzen auf, zeigte sich aber sonst stramm und ungerührt, als gehörte er gar nicht hierher.
Rist war es, der sich vor Caleb und Theben drängte, nach und nach Soldaten beiseite schob und sie so bis an den Rand des Galgengerüstes führte. Dort nickte er Vincent grüßend zu und erhob die Stimme zu einem donnernden Ruf: "GENUG! SEID STILL UND HÖRT ERSTMAL ZU!" Etwas ruhiger, da sich die Meute tatsächlich in die Schranken gewiesen fühlte, wandte sich der Hüne an den Prinzen: "Was geht hier vor?"
Doch noch ehe Vincent antworten konnte, meldet sich der Hauptmann zu Wort. Seine Stimme klang, vom Krieg und dessen Schrecken gezeichnet, ebenso wie sein Gesicht. "Eine Hinrichtung, Soldat. Woran dachtet Ihr?" Er ließ ein spöttisches Glucksen erklingen, doch ihm fehlte jeglicher Sinn für Humor.
"Eine Begnadigung vielleicht", raunte Rist zurück und spähte zu seinem Prinzen hinauf. Vincent nickte. "Genau das, mein großer Freund", bestätigte er und hob erneut beide Hände. "Soldaten von Troman! Ihr wisst, wer sich seit gestern Kriegsgefangene des Grenzdorfes nennen darf."
Die Meute johlte.
"Und Ihr wisst, dass dieser Mann hier, den der Hauptmann zum Tode verurteilen lassen will, ein enger Vertrauter der jorsanischen Prinzessin ist." Hector wurden Buhrufe und Verwünschungen entgegen gebracht. Der Mann aber ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Sein Blick lag geduldig sanft auf Caleb.
"Euer Hoheit, Ihr werdet es bereuen, wenn Ihr ihn ziehen lasst!", rief ein wackerer Soldat aus der Menge. Theben blickte zu Vincent hinauf. Seinen Augen war anzusehen, dass er diese Vorstellung durchaus teilte. Aber er senkte ergeben das Haupt, als Vincent langsam mit dem Kopf schüttelte. "Ich werde die Prinzessin ihrem Königreich überliefern und so versuchen, einen Friedensvertrag zu erzwingen. Wenigstens solange Jorsan das kleinste Problem ist, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Dieses Dorf haben die Dunkelelfen noch nicht erreicht, aber sie beherrschen bereits unsere Hauptstadt und unterjochen dort das Volk, in dessen Namen ihr kämpft. Mein Vater, der König, mag blind für diese Fakten sein. Ich aber sehe ihnen mit klarem Verstand und klaren Augen entgegen und ich sage euch: wenn wir uns jetzt ausschließlich auf Jorsan konzentrieren, werden es die Dunkelelfen sein, die nach der Eroberung des übrigen Celcias uns in den Rücken fallen. Sie waren schon immer ein düsteres Volk, das keine Bündnisse mit anderen eingeht. Warum sollten sie es plötzlich anders halten? Warum sollten sie ihr Wort halten? Wer daran glaubt, mag vortreten und diesen Mann richten."
Die Soldaten schweigen. Einige blickten einander an, aber niemand reagierte. Niemand bis auf einer. "Ich mache es." Der Hauptmann schwang sich auf das Gerüst.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Montag 22. Juli 2013, 22:08

Je näher Caleb dem Exerzierplatz kam, umso langsamer wurden seine Schritte, bis Rist und Theben ihn einholten und weiter trieben. So viele standen dort und grölten ihren Protest dem Mann entgegen, der dort mit Henker und Verurteilten auf einer Bühne stand. Das Podium und der Mast für den Strick wirkten abgenutzt und vom Wetter gepeinigt. Hier wurde der Todesapparat nicht, wie in kleinen Dörfern wo kaum etwas geschah - oder dem Schloss Grandea, extra für jede Hinrichtung neu aufgebaut. Hier bestand dauerhafter Bedarf.
Der Anblick der Bühne, auf der sicher schon Hunderte ihr Leben gelassen hatte, schauderte Caleb.
In diesem Moment der Starre trafen ihn die Augen Hectors. Wie ein Fels in der Brandung stand er dort, unbeteiligt, als würde es hier nicht um sein Leben gehen. Caleb hatte schon bei ihrer ersten Unterhaltung den Eindruck gehabt, dass er sich schon für Tod hielt. Oder empfand er seine Existenz als so wertlos? Ein Soldat, den man stets durch einen anderen ersetzen konnte.
Dabei hatte diese Hinrichtung weit größere Bedeutung. Die Prinzessin würde nicht vergessen, dass sie ihren letzten überlebenden Landsmann vor versammelter Mannschaft ermordet hatte. Genauso wenig würde sie es vergessen, wenn sie ihn verschonten. Vielleicht ging es wirklich weniger um Hectors Leben, als um einen reinen politischen Streich.
Was auch immer sich der Prinz dabei denken mochte; Caleb würde Hector einfach gern verschont sehen.
Das Gedränge durch die Meute gestaltete sich viel einfacher, da Rist eine Schneise in die Menschenleiber schnitt, dennoch fühlte sich Caleb eingeengt, beinahe bedroht von all den schreienden und aggressiven Soldaten um sich herum. Da ihre Wut gegen den Prinzen gerichtet war, fühlte auch er sich betroffen und fürchtete sich beinahe davor, selbst angegriffen zu werden.
Endlich hatte sie das Podium erreicht. Um den Prinzen ins Gesicht zu sehen, musste Caleb den Kopf in den Nacken legen. Seine Miene schien Besorgnis und Entschlossenheit gleichermaßen auszudrücken. Beides wohl durchaus angebracht. Die Augen den Katzenjungen richteten sich jedoch sehr schnell auf die Gestalt, die sich in der Mitte der Aufrührer als Gegenstück zum Prinzen herausbildete. Ein Hauptmann, wahrscheinlich der Grund für all das hier. Rhazir hatte von Einem gesprochen, der die Hinrichtung erst angeordnet hatte. Das würde wohl jener sein.
"GENUG!", Rists Schrei dröhnte über den Exerzierplatz und ließ die Menge den Atem anhalten. Nun war alle Aufmerksamkeit auf den kleine Kreis gerichtet, der aus der Hand der Prinzenkrone und dem Hauptmann bestand. Caleb wagte nicht, irgendetwas zu sagen. Doch fühlte er die Blicke auf sich. Ganz besonders einen Blick. Flüchtig sah er hinauf zum Strick. Hector sah ihn an. Nicht flehend. Nicht erwartungsvoll. Und trotzdem spürte der kleine Diener eine unheimliche Last auf such ruhen.
Dabei konnte er doch gar nichts tun. Wenn der Hauptmann schon dem Prinzen nicht gehorchte; und dazu war es auch recht offensichtlich, dass hier jeder Hector hängen sehen wollte. Dabei waren die Worte des Prinzen doch so einleuchtend. Warum verstanden sie es nicht!?
Dann stille. Der Prinz hatte gesprochen. Sie aufgefordert Stellung zu beziehen. Niemand rührte sich. Bis auf den einen, wo Caleb ohne Zweifel hätte sagen können, dass er es sein würde, der sich widersetzte. Der Hauptmann, der die Exekution überhaupt erst angeordnet hatte, sprang auf das Podest und wollte es selbst zu Ende bringen.
Caleb hatte das unbändige Bedürfnis, ihm einen Stein an den Kopf zu schmeißen. Hier lagen genug auf dem Schotterboden, um ihm eine schöne Beule zu verpassen. Aber Caleb war kein Gewalttätiger Mensch. Zumindest behauptete er das immer gerne.
"Dabei hättest du Hector sterben lassen, wenn es der Wille des Prinzen gewesen wäre. Oder etwa nicht...?"
Er begann diese lästige Stimme wirklich zu hassen. Allerdings nur, weil er ihr nicht widersprechen konnte. Was hätte er wohl getan?
Was würde er jetzt tun?
Das Erste, was er tat, war beten.
'Feylin. Kind der Götter. Gib diesen Soldaten Vernunft, die Worte des Prinzen zu begreifen. Und spiel diesem Hauptmann den übelsten Strich!'
Viel mehr fiel ihm auf die Schnelle auch nicht ein. Caleb wollte nur, das alles gut ausging. Alles.
"Kannst du nichts tun, Rist. Er wird ihn noch umbringen!", flüsterte er verzweifelt.
Der Hauptmann lief auf den Hebel zu.
"Ein Mann darf das nicht entscheiden!", er redete sich in Rage, ohne jedoch lauter zu werden. Caleb geriet in Panik, versuchte eine fixe Idee zu haben, wie alles geregelt werden kann. "Lass sie abstimmen. Die Vernunft muss doch gewinnen. Sie haben den Prinzen gehört. Wenn wir ihn umbringen, sind die Verhandlungen mit Jorsan schon erledigt. Die Prinzessin wir das nicht so einfach vergessen. Wir müssen doch irgendwas tun!"
Aber Caleb war immer noch nur ein einfacher Diener.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Samstag 27. Juli 2013, 16:00

Etwas reckte beide Ohren in die Luft. Weiß schimmerten sie, ebenso wie der gesamte schmale Körper. Hell wie ein kleiner Silberstreif, als er über den Platz huschte. Neugierige Augen musterten die Versammelten. So viele! Und doch sah ihn keiner. Keck und glockenhell kicherte es, dabei öffnete das Etwas nicht seinen Mund. Da wäre sowieso kein Lachen herausgekommen. Nein, andere Quellen erzeugten diesen hauchdünnen Nachhall, der nicht Ohren, sondern Herzen traf. Ihrer waren es vier, die das Wesen vorwärt bewegten. Schritt für Schritt, so klein sie auch sein mochten. Das Etwas bewegte sich rasch vorwärts, kaum gesehen.
Nur einer schaute es an, an Caleb vorbei und über die Menge hinweg. So reckte er ein wenig den Kopf, was manchen Soldaten dazu veranlasste, ihn für arrogant und zu stolz zum Sterben zu halten. Doch Hector sah über sie alle hinweg, sah nicht die Verachtung in ihren Augen oder den wachsenden Zweifel an dieser Tat in ihren Seelen. Er schaute nach dem kleinen silberweißen Streifen, der sich nun einen Weg zwischen den gerüsteten Männern hindurch schlängelte. Noch immer hatte niemand sonst dieses kleine Etwas entdeckt.

Calebs Aufmerksamkeit galt Rist, den er nun verzweifelt bat, einzugreifen. Der Soldat blickte auf den viel kleineren Katzenjungen herunter. Er legte ihm eine der gewaltigen und gepanzerten Pranken auf die Schulter und seufzte. "Die Soldaten sollten auf ihren Prinzen hören. Er ist ein Mann, der das entscheiden darf ... und auch ein Hauptmann sollte sich der Krone fügen." Diesen Hinweis sprach Rist betont lauter aus, damit der Kerl, der soeben den Galgen erklomm, es auch ja nicht verpasste. Er warf ihm einen düsteren Blick zu, dann schaute er zu seinem Prinzen.
Die Worte, die er nun leiser raunte, waren aber an Caleb gewandt. "Auch wir sollten uns dem Willen des Prinzen fügen und nicht eingreifen, sonst wird es hier zu einer Diskussion mit Fäusten kommen. Grandessaner sollten nicht gegeneina..." Der Hüne brach ab, ebenso verstummte die Menge. Es tat einen Rumms, dann keuchte jemand erstickt. Im ersten Moment mochte man glauben, Hector habe es den Boden unter den Füßen fort gerissen, wenn man den Geräuschen nach urteilte. Aber der Jorsaner stand noch immer gefesselt und mit Schlinge um den Hals an Ort und Stelle. Es war der Hauptmann, der bei seinem Griff nach dem Hebel ausgerutscht und unsanft auf die Bretter gestürzt war - warum ihm die Kettenhose bis in die Kniekehlen geruscht und sich so mit dem unteren Teil des Wappenrocks verheddert hatte, konnte niemand sagen.
Prinz Vincent starrte auf den Hauptmann, den es in die Bewusstlosigkeit gehauen hatte. Diese Chance nutzte Theben, um nun ebenfalls auf das holzgerüst zu steigen und das Wort an seinen Prinzen zu richten. "Stimm ab, Vince. Leben oder Tod für diesen Mann. Sei ein demokratischer Thronfolger."
Vincent nickte, dann rief er in die Menge seiner Soldaten: "Ich habe bereits erklärt, warum ich persönlich diesen Jorsaner lieber lebend sehen würde! Doch ich frage euch, als Teil meines künftigen Volkes: geben wir sein Leben in die Hände der Götter oder bleibt er noch eine Weile unter unserer Kontrolle?"
Die Soldaten schwiegen - geschlossen. Und dann salutierten sie - geschlossen, ehe sie nach und nach ihre Köpfe ergeben senkten. Da war man sich plötzlich, da der Hauptmann nicht mehr aufrufen konnte, sich sehr einig.
"Gegenstimmen?", rief der Prinz nun fragend in die Menge. Sein Blick wanderte zum Hauptmann. "Schön, dass Ihr Eure Meinung geändert habt." Er konnte sich ein sachtes Schmunzeln nicht verkneifen. Minuten später gab er Befehl, Hector den Strick abzunehmen. Die Fesseln blieben jedoch. Der Prinz schickte die Soldaten fort, ließ einige den bewusstlosen Hauptmann zum Lazarett tragen. Dann setzte er sich auf den Rand des Gerüstes und wischte sich über die Stirn. Theben klopfte ihm die Schulter, auch wenn sein skeptischer Blick nicht von Hector weichen wollte. Dieser wurde nun von Rist bewacht, der sich einfach neben ihm aufstellte. Beide Männer schwiegen, der Jorsaner verhielt sich noch immer vollkommen ruhig.
Am Rand des Galgens, ungesehen, hockte eine kleine, weiße Katze und beobachtete neugierig wie gleichermaßen schelmisch das Geschehen. Dann tappste sie davon, hinterließ mit jedem Pfotenschritt ein glockenhelles Lachen in der Luft.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Sonntag 28. Juli 2013, 23:19

Alles was Caleb tun konnte war dazustehen und zuzusehen, wie alles seinen Gang nahm. Sein Gebet war gesprochen, sein Flehen vorgetragen. Es war jedoch mehr als überraschend, dass beides erhört wurde! Und in welchem Ausmaß! Vielleicht waren es Rists Worte gewesen, die den Hauptmann so...erschüttert hatten, dass seine Hose den Weg bergab genommen hatte, oder es hatte ihn abgelenkt und er hatte sich verheddert und...
Was machte sich Caleb eigentlich vor? Das konnte niemals ein Zufall gewesen sein!
So stand der kleine Diener wirklich sprachlos mit offenem Mund vor dem Podest und starrte auf den am Boden liegenden Soldaten, den seine Garderobe durch zahllose Scharmützel durch Dutzende Jorsaner nicht im Stich gelassen hatte und ihm nun den Dienst verweigerte.
Der Katzenjunge brauchte eine Weile, bis sein Gehirn verarbeitet hatte, was gerade geschehen war. Sicher, Caleb war ein gläubiger Mensch, aber er betete zu Feylin, weil ihm der Kindsgott am nächsten zusagte, und er irgendwo glaubte, dass die weiße Katze, die ihn damals gebissen hatte, einer seiner Boten war, aber nie hatte er ein Erlebnis gehabt, dass ihn wirklich an die Existenz einer solchen, oder überhaupt irgendeiner Gottheit glauben ließ, wirklich glauben!
Caleb konnte praktisch behaupten, dass ein Gott sein Gebet erhört hatte.
Und als ihm das langsam klar wurde, konnte er sich ein Lachen nicht verkneifen. Erschrocken presste er die Hände vor den Mund und würgte es damit ab, aber es war dennoch passiert. Über einen Hauptmann zu lachen, egal in welch einer entstellter Position er sich befand, war nicht sonderlich gut, wenn man keine Schläge kassieren wollte.
Sich räuspernd riss Caleb sich zusammen. Der Abstimmung der Soldaten, die auf ihn ziemlichen Eindruck gemacht hatte, war es zu verdanken, dass Hector sein Leben behielt. Bisher zeigte sich auf seiner Miene dagegen noch nicht viel. War es ihm wirklich so egal? Er könnte sich wenigstens ein bisschen freuen!
Er selbst fühlt sich unglaublich erleichtert. Das dieser Morgen so stressig werden würde, hatte er wirklich nicht erwartet. Vielleicht sollte er sich bei dem Prinzen bedanken, dass er sich für Hector so eingesetzt hatte, aber am Ende hatte Vincent selbst entschieden, es war nicht wegen einer Bitte seinerseits geschehen, auch wenn er es hatte anklingen lassen.
Wahrscheinlich sollte Caleb einfach froh sein, dass sie es alle heil überstanden hatten. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Ziel, das sich der Prinz gesetzt hatte, und auf das Caleb nun auch hinarbeiten würde. Nebenbei sah er zu, wie der bewusstlose Hauptmann abtransportiert wurde. Im Lazarett würde er sich selbst wohl erst einmal nicht blicken lassen, obwohl er unmöglich erahnen konnte, dass Caleb irgendetwas mit seinem Fall zu tun hatte.
"Das lief alles viel besser, als ich gedacht hätte.", meinte er dann fröhlich, an niemanden wirklich gerichtet und wippte von Ballen zu Fußsohle und wieder zurück. Er wusste nicht wirklich, was jetzt geschehen würde, und wartete deshalb darauf, dass irgendwer ihm sagte, was nun zu tun war, während er Hector ein aufmunterndes Nicken schenkte; und sich nach Rhazir umschaute. Vielleicht war der Kater ihm gefolgt?
Er hätte schwören können, eben noch einen Katze geseh'n zu haben!
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Mittwoch 7. August 2013, 15:45

"Besser als du gedacht hast. Na ich weiß nicht." Theben setzte ein skeptisches Gesicht auf, während sein Blick zu dem gefangenen Jorsaner hinauf flog und sich mit dessen traf. Man nahm Hector gerade den Strick ab. Vincent unterhielt sich in gedämpfter Lautstärke mit Rist. Beide waren abgelenkt und die Soldaten zogen es nun vor, wieder ihren Pflichten nachzugehen. Theben und Caleb konnten sich ebenfalls ungestört unterhalten. Lediglich der Blick des jorsanischen Soldaten wanderte zum Katzenjungen.
"Auch wenn er vielleicht beginnt, dir sympathisch zu werden und wir alle uns freuen, dass ein Menschenleben verschont worden ist, Kleiner, so ist es doch immer noch ein jorsanisches Leben." Theben spähte zu dem Kerl auf dem Galgenpodest auf. "Ich rate dir, trau ihm nicht. Er wird dich von hinten eiskalt abstechen, wenn er die Möglichkeit dazu hat."
Doch das hatte der Jorsaner im Moment nicht vor. Rist legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Stehst jetzt unter meiner Obhut, Soldat", hallte die tiefe Stimme des Hünen durch den Tag. Der Prinz beobachtete beide, wandte sich dann Caleb zu. Er ließ sich einfach auf das Galgenpodest sinken, hockte da wie ein junger Bursche und ließ sogar die Beine etwas baumeln. Er atmete durch, dann hob sich sein Kopf und er lächelte Caleb wie erschöpft an. "Das ging nochmal gut, aber sicherlich wird es Ärger geben." Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Caleb, du hast dich mit dem Mann schon unterhalten. Hilf mir." Sacht neigte er sich vor, schob sich schließlich vom Podest herab.
Inzwischen war Hector jeglicher Stricke befreit, nur noch die Eisenfesseln lagen um seine Handgelenke. Er wirkte nach wie vor ruhig, fast schon gelassen. Der Mann runzelte lediglich die Stirn, als Prinz Vincent so von unten mit ihm sprach. Ihre Positionen hätten wahrlich getauscht werden sollen, doch dem Prinzen schien das nichts auszumachen. "Ihr seid der Vertraute der Prinzessin zu Jorsan?"
"Ich bin ihr Soldat."
"Sie sagte, sie sucht jemanden."
Hector nickte. "Hauptmann Sterlyn. Er sollte als Truppenführer nach Jersa gesandt werden, zur Verstärkung."
"Um gegen Tromsn vorzugehen, ich verstehe schon. Hmm. Was könnte ihr so wichtig an einem Soldaten sein? Ihr als Prinzessin."
Hector hob die Schultern, schüttelte den Kopf. Er wusste es wohl auch nicht. "Sie war fest entschlossen, nicht ohne ihn zurückzukehren."
Der Prinz nickte langsam. Dann huschten seine wachen Augen nachdenklich über Rist, Theben und Caleb. "Glaubt ihr, dass Aleksander uns schon begleiten kann?"
"Natürlich, Vince!", rief Theben sofort. "Er kann vielleicht nicht kämpfen, aber sonst steckt er das weg."
"Hrm, ich weiß nicht. Wo willst du hin?", fragte Rist. Da leuchteten die Augen des jungen Prinzen auf. "Erste Friedensverhandlungen führen. Die Prinzessin möchte nicht ohne ihren Hauptmann zurück? Dann haben wir eine Aufgabe, Hand der Prinzenkrone!"
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Mittwoch 7. August 2013, 21:41

Der Morgen war immer noch jung und graue Wolken verdeckten den Himmel und ließen alles in einem dumpfen Licht erscheinen. Ein trübes Wetter, dass zu einem Tag gepasst hätte, an dem jemand gehängt wurde. Caleb war wirklich froh, dass es nicht so gekommen war; blickte hinauf in den Himmel und atmete einmal richtig tief durch. Er war bereit für einen neuen Tag und eine neue Aufgabe.
Dennoch setzte ihm Theben einen zwickenden Hintergedanken in den Kopf, den er jedoch gleich abzuschütteln versuchte.
"Er hat mir quasi gezeigt wie viele Grandessaner er schon umgebracht hat. Ich werde versuchen ihm nicht zu vertrauen, solange wir noch im Krieg sind, aber er ist kein vollkommen schlechter Mensch, genauso wie du. Wer weiß-"
Der Katzenjunge drehte sich zu Theben um und grinste ihm offen ins Gesicht.
"Wenn er ein Grandessaner wär, wär er vielleicht auch in der Hand der Prinzenkrone.", schnurrte er, wohl wissend, dass es Theben gar nicht gefallen würde, wenn er so redete. Hoffentlich verstand er, dass es mehr ein Scherz war. Wenn auch vielleicht ein Stück Wahrheit darin hätte stecken können.
"Ihr werdet sicher noch beste Freunde.", stichelte er weiter, wedelte mit dem weißen, bauschigen Schweif und zuckte mit den Ohren, fügte dann aber doch noch ernst hinzu, "Aber ich werd' an deinen Rat denken."
Momentan fühlte sich der kleine Diener wirklich wohl zwischen den Soldaten. Frei sprechen zu können und all diese neuen Privilegien standen einem Gehilfen wie ihm vielleicht nicht gut zu Gesicht, aber langsam schien er sich ihrer bewusst zu werden und sie auch zu gebrauchten. Oder es lag an der morgendlichen Freunde über die vereitelte Vollstreckung von Hectors Ermordung.
Der Prinz rief, und die spitzen Katzenohren stellten sich auf und ruckten herum in seine Richtung. Caleb nickte ihm zu und trat heran. Der Wortwechsel zwischen Vincent und Hector bedurfte nicht wirklich seiner Hilfe, dennoch hörte er aufmerksam zu, ohne mitzubekommen, dass die Tatsache, dass Vincent ihn von unten hinauf ansprach, irgendwie merkwürdig war. Wenn er König an der Stellen seines Sohnes gestanden hätte, wäre es ihm sicher aufgefallen.
Als schließlich gefragt wurde, ob Aleksander sie begleiten könnte, wollte Caleb eigentlich Einspruch erheben, aber Theben war etwas schneller als er. Deshalb gab er sich geschlagen und fügte ein "Ich könnte mich um seinen Verband kümmern, wenn er mitkommt" hinzu, stolz darauf, etwas betragen zu können.
Somit schien es beschlossen. Um den Plan des Prinzen zu verwirklichen, mit Jorsan Friedensverhandlungen aufzunehmen, würden sie den General Sterlyn suchen und der Prinzessin Bodvika zurückbringen, um somit hoffentlich ihre Gunst zu gewinnen. Wenn sie dies wirklich schafften, ständen ihre Aussichten gar nicht mal so schlecht!
Nur...
Sie würden auf eine Mission in feindliches Gebiet aufbrechen und nicht in friedlicher Absicht mit Bodvika zur Hauptstadt marschieren? Was wenn sie in einen Kampf gerieten! Dafür war er noch gar nicht ausgebildet! Er hatte doch erst eine einzige Stunden gehabt!
"Wann brechen wir auf?", fragte er deshalb. Eigentlich hatte er versucht es motiviert klingen zu lassen, als könnte er es gar nicht erwarten. So wie Theben es vielleicht gesagt hätte. Aber man hörte raus, dass er sich nicht sicher bei der Sache war. Er wollte eigentlich erfahren, wie viel Zeit ihm noch zur Vorbereitung blieb.
Da gab es noch ein Regal voll Bücher im Lazarett, die er lesen musste. Reiten konnte er auch noch nicht, und mit seinen Krummdolchen umgehen schon gar nicht.
Er war noch nicht bereit!
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Samstag 17. August 2013, 12:48

Theben musterte Caleb und hob eine Braue. Erstmals, seit die beiden sich kannten, schwand dieses schelmische Sorglosigkeit von den Zügen des Soldaten. Selbst im Kampf hatte er etwas Verwegenes präsentiert, das dem Feind spottete. Doch jetzt? Er wirkte nachdenklich ob Calebs Worten. Dann schüttelte er langsam den Kopf, stieß ein Seufzen aus.
"Ahnst du überhaupt, wie viele durch die Hand solcher jorsanischen Schweine gestorben sind, Kätzchen? Glaub mir, wenn er auch nur einmal falsch blinzelt, ist das bisschen Vertrauen dahin, das ich ihm nur wegen Vince entgegen bringen werde." Er klang ernst und offenbar rang er sich wirklich die Beherrschung ab, Hector nicht an die Kehle zu gehen oder ihn mit einem gezielten Armbrustbolzen das Leben auszuhauchen. In Theben steckte eine tiefe Wut gegenüber den Jorsanern, die er weiter schürte, derzeit jedoch auf niedriger Flamme hielt, seinem Prinzen zuliebe. Wie viele hatte dieser Mann schon auf seiner Seite fallen gesehen, dass er die Option nicht hinnahm, dass Hector auch nur ein Mensch war? Ein Soldat, wie Theben selbst. Nicht einmal Calebs Lächeln oder seine Worte drangen zu dem Schützen durch. Nur einmal blitzten seine Augen auf. "Das ist Blasphemie, Kätzchen", raunte er ihm zu, wandte sich ab. Einen Scherz hatte er nicht darin gesehen, ausnahmsweise einmal nicht.

Doch es gab jetzt ohnehin Wichtigeres zu besprechen. Vincent lehnte sich gegen das Podest des Galgens. Sein Blick wanderte an Hector herauf. Er fragte, wie beiläufig: "Begleitet Ihr uns oder wollt Ihr bei Eurer Prinzessin bleiben, Soldat?"
Hectors Augen flogen zu Caleb. Warum er den Katzenjungen immer wieder anschaute, ließ er nicht verlauten. Er stellte dem Prinzen eine Gegenfrage: "Wohin werdet Ihr aufbrechen, grandessanischer Thronerbe?"
"Man hat Euren Hauptmann zuletzt in Jersa erwartet. Dann möchte ich dorthin - und wir brechen noch heute auf", beantwortete er nebenher gleich noch Calebs Frage. Nicht nur Hector blieb bei diesen Worten die Spucke weg. Rist zog die Stirn in tiefe Runzeln und selbst Theben drehte sich wieder um, die Augen ungläubig aufgerissen. Doch der Prinz blieb ganz gelassen. Er nickte nachdrücklich, wandte sich an den Hünen seiner Streiter. "Wir haben viele jorsanische Soldaten besiegt. Was glaubst du, wie viele Rüstungsteile sich finden lassen?"
Rist nickte langsam. Er hatte verstanden. "Sicherlich genug. Ich mach das." Somit löste sich der klotzige Krieger von der Gruppe und stapfte zu den Toren der schützenden Palisade, dorthin, wo sie tags zuvor noch gekämpft hatten. Unterwegs brüllte er einigen Soldaten Befehle zu. Diese schlossen sich sofort an.

Theben, Prinz Vincent, Hector und Caleb blieben zurück. Der Schütze musterte seinen Prinzen kritisch und nahm auch kein Blatt vor den Mund, ihn an die Kühnheit seines Plans zu erinnern. "Vince ... bist du dir sicher, was du da vor hast? Das ist ein Himmelfahrtskommando! Du willst nicht ernsthaft in die feindlichen Reihen einmarschieren, freundlich winken und nach deren Hauptmann fragen?"
"Nicht in grandessarischen Rüstungen, daher wäre es hilfreich einen Soldaten der anderen Seite bei sich zu haben, der uns einige Gepflogenheiten beibringt und gegebenenfalls für uns bürgt." Vincent schaute zu Hector herauf. Dieser atmete tief durch, meinte: "Das bedeutet, meine Befehlshaberin im Stich zu lassen. Wer bürgt dafür, dass sie hier wohlbehalten versorgt wird?"
"Das wird sie", bestätigte Vincent.
"Ach? Von einem dieser Hauptmänner, die mich ohne Euer Zutun eben gerichtet hätten, ja?" Ganz unrecht hatte der Soldat nicht. Das sah auch Vincent ein, biss sich sacht auf die Unterlippe. Doch umso entschlossener reckte er anschließend das Kinn. "Niemand wird Bodvika von Jorsan auch nur ein Haar krümmen. Ihr habt mein Wort. Wir legen unser Leben ebenso in Eure Hand, Soldat. Ihr führt uns unter die Euren, könntet uns jederzeit in einen Hinterhalt schicken. Vertrauen gegen Vertrauen, der Wunsch nach Frieden auf beiden Seiten. Bitte, Soldat, entscheidet Euch für das Wohl beider Reiche."
Hector musterte erneut Caleb. Er sah ihm direkt in die Augen. Dann nickte er langsam. "Ich führe Euch ... Hoheit."
"Nur Vincent", entgegnete der Prinz.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Samstag 24. August 2013, 14:09

Ein 'normaler', grandessanischer Soldat aus Troman hätte sich bei den Worten Thebens wohl beleidigt gefühlt. Gerade so, als würde er ihm vorwerfen, sein Land zu verraten, wenn er so redete. Aber Caleb überkam ein anderes Gefühl, dass ihn sogar ein wenig überraschte, auch wenn er es sehr logisch fand; Mitleid. Er konnte sich gar nicht ausmalen, wie viele Freunde Theben schon hatte sterben sehen, während er aus der Ferne zusah und nur tatenlos durch sein Visier schauen konnte.
Sicher, als Diener könnte man denken, auch Caleb würde wissen, wie sich Hass anfühlte. Hass auf die Aufseher, die sie schlugen und traten, auf die weniger freundlichen Adeligen, die sie behandelten wie Dreck oder Vieh. Oder gar auf sein eigenes Königshaus. Aber der kleine Junge hatte nie so empfunden. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass jemand anderes als er selbst für sein Leben und seine Strafen verantwortlich war. Es war so merkwürdig für ihn, einen offensichtlich netten Kerl wie Theben im Angesicht eines Jorsaners wie zum Aufseher verwandelt zu sehen. Diese Abscheu in den Augen und die pure Abneigung in seinen Worten und Gesten. Da saß etwas wirklich tief in ihm drin, und wenn es jemals geändert werden sollte, würde es Zeit und Mühe benötigen. Und viel davon. Doch wenn Theben es selbst nicht wollte...
Da war es wieder, dass Mitleid. Caleb seufzte und ließ die Ohren ein wenig hängen. Das Hochgefühl von vorhin war schon wieder verflogen. Er würde so gerne helfen, konnte sich aber nicht ausmalen, wie. Er konnte immer noch recht wenig tun.
Deshalb war er besonders schockiert über die Nachricht, dass sie noch heute aufbrechen wollten.
"Aber...", Caleb musste sich die Hand vor den Mund schlagen und für diesen Moment konnte man wieder die alte Unterwürfigkeit erkennen. Wie er den Kopf senkte, und die Entscheidung des Prinzen hin nahm. Das überhaupt ein Lau über seine Lippen gekommen war, wäre für Boran oder Irella daheim in Grandea schon ein Skandal gewesen.
Doch ihm ging so viel im Kopf herum. Er konnte nichts tun. Kochen konnte auch Rist; und Soldaten würden auch ohne köstliche Mahlzeiten überleben. Und Aleksanders Verwand könnte wohl jeder der Soldaten hier auch so zumindest provisorisch verbinden. Wozu war er dann noch gut? Er hatte noch nie versucht, sich als jemand anderes auszugeben. Oder sonst etwas vergleichbares getan. Und wenn dann noch etwas schief ging, wäre er nur eine Bürde für die Anderen.
Für niemandem zu sehen, strich ihm eine kapuzenvermummte Gestalt über den Kopf, langsam und genüsslich. Wie minderwertig er sich doch fühlte. Immer noch. Immer wieder. Auch er hatte, wie Theben, Wunden, die tiefer saßen als das Auge blicken konnte...
"Es wäre wohl besser, wenn ich dann nicht mitgehen, Eure Hoheit.", sagte er. Er wollte es nicht, aber ein wenig zitterte seine Stimme dabei. Er sah wieder auf, ein Lächeln auf den Lippen, das nicht eine Spur echt aussah. Es war an den Prinzen gerichtet, und dann entschuldigend an Hector.
"Es wird wohl kaum ein Jorsaner glauben, dass ich als Soldat durchgegangen bin, außerdem hätten sie jemanden wie mich wohl kaum vergessen, wenn ich wirklich in Jersa gedient hätte. Sie werden Fragen stellen."
Im Hinterkopf sagte ihm eine kleine, kindliche Stimme, dass es doch mit Rist das selbe sein würde. Der war auch nicht gerade jemand, den man schnell vergaß. Viel schlimmer für den Kleinen jedoch war, dass er in seinem Innerste, egal wie gefährlich es war, oder ungeeignet er selbst war, unglaublich gerne mit der Hand der Prinzenkrone und Hector mitgehen wollte.
Dass diese Worte aus seinem Mund kamen, fühlte sich schrecklich an.
"Und wenn wir erwischt werden..."
Es war nur eine ein oder zwei Tages Reise zu Pferd nach Jersa. Kaum Zeit, ihm irgendetwas beizubringen. Der Prinz ging mit der ganzen Mission schon ein wirklich großen Risiko ein. War er wirklich bereit, mit Caleb das Risiko noch zu erhöhen?
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Montag 2. September 2013, 00:16

Ließ man den Charakter eines jeden Individuums außer auch und berücksichtigte somit dessen Persönlichkeit nicht, die sich zwar auch durch äußeren Einfluss prägte, letztendlich aber als tiefen und eigenen Kern die Seele besaß, die bei einem jeden anders sein mochte, so ließen sich die Gründe, weshalb Caleb im Gegensatz zu Theben keinen Hass auf seine Peiniger empfand durchaus auf einen wichtigen Punkt zurückführen: Caleb war es gewohnt. Er war als Diener aufgewachsen, kannte bislang nur diese Form des Lebens. Er war hineingewachsen und auf dem Pfad eines Dieners geboren worden. Dass sich ihm jetzt neue Wege mit allerlei Abzweigungen erschlossen, hatte er sich vor wenigen Tagen noch nicht einmal ausmalen können.
Bei Theben musste es fast umgekehrt sein. Er mochte kein so individuelles, freies Leben genossen haben wie jemand auf Wanderschaft, der absolut sein eigener Herr sein konnte oder wie ein König, für den nur zählte, was er selbst entschied. Aber er musste ein anderes Leben als das eines Soldaten besessen haben, immerhin war jemand wie Theben auch einmal Kind gewesen. Er hatte sich also von Beginn an bewusst sein können, dass es Freiheiten gab und er niemandem in der Form dienen musste wie der Katzenhybrid es tat. So mochte es nicht ganz untypisch, vielleicht sogar nachvollziehbar für Außenstehende sein, wenn ein Mann wie Theben einen Hass entwickeln und sogar über Jahre hinweg hatte pflegen können. Und doch diente auch er. Sie alle dienten - ihrem Königreich und somit dem Willen ihres Herrschers. Ein Mann, der niemals sehen würde, wie andere Männer mit gleichem Ehrgeiz, aber für ein anderes, befeindetes Land ebenso in den Krieg zogen - ebenso Hass schürten.

Etwas musste sich ändern, um armen Seelen wie Theben oder anderen Soldaten den Hass zu nehmen und ihn mit etwas zu ersetzen, das ihr Leben mehr erfüllte. Etwas, das besser sein könnte. Der Schlüssel hierzu zeigte sich nicht im König Grandessas, sondern in dessen Sohn. Vincent der IV. besaß ein Herz, das gewillt war, Veränderungen herbei zu führen. Aber es schlug auch mit Eifer, vielleicht etwas zu wild, denn der Prinz sehnte sich danach endlich zu handeln. Er wollte noch heute aufbrechen, um spontan geschmiedete Pläne zu verwirklichen. Wenn man bedachte, mit welchem Vorhaben er überhaupt nach Troman gekommen war, so hatte selbst bei Vincent in dieser kurzen Zeitspanne eine interessante Entwicklung stattgefunden. Immerhin wandelte er sich gerade vom Soldaten, der gegen Jorsan hatte vorgehen wollen zum Diplomaten, der der feindlichen Prinzessin bei ihrer Suche nach einem vermissten Hauptmann helfen wollte! Und dies auch tun würde. Er wirkte fest entschlossen.

Mit Calebs Laut jedoch, der von den Händen unterbrochen wurden, die sich vor den katzenhaften Mund warfen, blitzte etwas in Vincents Augen auf. Sie huschten zu dem Katzenjungen herüber, musterten ihn schweigend. Da gab Caleb auch schon seine Erklärung bekannt. Im Blick des Prinzen änderte sich nichts. Aber er sprang nun endgültig vom Podest, auf dem Hector noch immer stand und sich die Handgelenke rieb,
"Aber ich brauche dich", sagte der Thronfolger. In seiner Stimme lag Ruhe, die wohl auf Caleb übergehen sollte, aber der angenehme Timbre machte seine Worte nicht so weich, dass es wie eine Bitte klang. Mehr lag dahinter ein sanfter Befehl. Ich werde nicht ohne dich gehen.
Das bemerkte auch Rist, der kurz dazu geneigt war, nach der Schulter seines Prinzen zu greifen, ihn aufzuhalten. Seine Pranke blieb für Sekunden in der Luft hängen, als Vincent sich Caleb näherte. Er sank vor dem Burschen auf ein Knie herab, er begab sich auf eine niedrigere Ebene als sein ehemaliger Diener! Hector beobachtete das Ereignis aufmerksam.
"Sie werden Fragen stellen, natürlich. Aber genau aus diesem Grund sichern wir uns mit dem jorsanischen Soldaten ab, nehmen ihn mit. Und ich brauche jemanden, der sich seiner annimmt." Er erhob sich wieder, wandte den Kopf um und richtete die weiteren Worte an Hector: "Einen Knappen vielleicht? Wäre das möglich?"
Hectors Blick suchte Rists. Der Hüne tauschte seinerseits einen mit Vincent. Es war ein Hin und Her von Augenpaaren, bis der Prinz nickte. Rist ließ Hector los und dieser stieg ebenfalls vom Podest. Er trat an den Prinzen heran unter dem wachsamen Auge des Kolosses hinter sich. Vincent brauchte nichts zu befürchten. Rists Pranken wären schnell genug, einen Angriff zu verhindern, aber Hector hatte nicht vor, sein Leben sinnlos wegzuwerfen. Er neigte den Kopf kurz in Calebs Richtung. Erneut musste sich der Katzenjunge einer Musterung unterziehen, dann fragte der Jorsaner: "Hast du militärische Kenntnisse? Sind dir die Tugenden der Ritter vertraut?"
"Nichts dergleichen", beantwortete Vincent die Frage. "Er wird Euch auf der Reise ein unterstützender Gefährte sein, natürlich weiterhin unter unserer Obhut, ebenso wie Euer Leben, jorsanischer Soldat. Doch Ihr könnt Ehre beweisen und die Tugenden Eures Reiches an einen der unseren weitergeben. Ihr müsst nicht antworten, denkt nur darüber nach."
Hector folgte diesem Wort. Er schwieg, behielt den Blick auf Caleb.

"Damit wäre alles gesagt. Caleb", rief der Prinz nach ihm, während er in die Hände klatschte. Eine Angewohnheit aus dem Königshaus, die er wohl nicht einmal unter Soldaten ganz ablegen konnte. "Sieh zu, dass du dem Mann passende Ausrüstung und ein Pferd besorgst. Ihr begleitet den Jungen am besten sofort."
Hector nickte. Der Prinz fuhr fort: "Wir informieren Eure Prinzessin und schauen, ob wir Aleksander dazu bewegen können, uns zu begleiten. In einer Stunde erwarte ich dich vor den Palisaden, Caleb - fertig gerüstet und mit deinem treuen Felix, verstanden?"
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Montag 2. September 2013, 11:12

So sehr er sich auch anstrengte, war es Caleb nicht möglich eine Träne zurück zu halten. Nicht, weil sich der Prinz vor ihm hinkniete, oder weil er doch mit ihm mitgehen konnte, was er sich in Wirklichkeit gewünscht hatte. Sondern weil dem Prinzen ein paar Worte über die Lippen kamen, die Caleb in seinem ganzen Leben noch nie gehört hatte.
Ich brauche dich.
Wenn man als königlicher Diener seinen Job nicht machte, wurde man durch einen Neuen ersetzt. Niemand war unersetzlich. Es war nicht so, dass jemand wirklich gebraucht wurde. Es gab genug arme Hunde im äußeren Kreis die für eine Stelle im Palast getötet hätten. Ja, die Könige und Adligen benötigten ihre Diener. Diese Hilfe war überhaupt nicht wegzudenken. Aber sie benötigten niemals deine Hilfe. Es wurde nicht nach dir gefragt. Man klatschte in die Hände und erwartete, dass irgend ein Gesicht auftauchte, dass die erforderliche Arbeit erledigte.
Man war nichts weiter als eine Arbeiterameise. Ein Name ohne Bedeutung und eine Arbeit, die auch jeder andere erledigen konnte waren jene Dinge, die eine Existenz bestimmten. Caleb hatte sich als Diener des Prinzen ein wenig besser gefühlt, aber niemals hatte er sich so etwas ausmalen können. Er war Mitglied der Prinzenkrone. Trug das Wappen der Medici und wäre beinahe zum Feldarzt ausgebildet worden. Doch am wichtigsten war, dass seine Name Bedeutung für jemanden hatte.
Wie immer war Caleb nicht vollständig in der Lage, sein Glück zu begreifen, und auch wenn vieles in Troman nicht ganz so gelaufen war, wie er es vermutet hätte, so war ihm doch warm ums Herz.
Der Katzenjunge musste sich schnell die Augen reiben, als Rist, Hector und Vincent Blicke wechselte und ihn musterten. Es wurde entschieden, dass er als Hectors Knappe durchgehen sollte. Allerdings schien dies nicht nur seine Tarnung zu sein, im Falle, dass es Fragen gab, sondern auch seine neue Rolle für die kommende Reise.
Das kleine Dienerherz schlug ihm dabei schon wieder etwas höher. Mit den veränderten Plänen des Prinzen wäre es mit der Feldarzt Ausbildung sowieso nicht weiter voran gekommen. Da war er froh, eine neue Aufgabe zu bekommen, die nicht so fernab seiner sonstigen Arbeit war.
Nur vom Militär und den Tugenden eines Ritters hatte er nun wirklich keine Ahnung. Hector würde ihm einiges erklären müssen, bevor er auch nur ansatzweise als jorsanischer Knappe durchging. Dennoch, der Gedanke gefiel ihm. Die Befehle des Prinzen waren eindeutig.
"Jawohl, Vincent.", antwortete er auf die Frage, ob er verstanden hatte. Er war ganz stolz darauf, dass er es geschafft hatte den Vornamen deines Prinzen ohne stottern auszusprechen. Obwohl es sich immer noch nicht ganz richtig anfühlte. Rist verschwand nun auch, immer hin musste er Rüstungen für sie unter den Jorsanischen von gestern heraus suchen. Caleb war sich nicht ganz sicher, ob etwas in seiner Größe dabei sein würde. Aber ein Knappe trug bestimmt keine volle Rüstung, oder?
Da flogen die Fragen ihm nur so durch den Kopf und er sah auf zu Hector, die Ohren gespitzt und mit dem Schweif wedelnd.
"Heißt das ich muss dich nun Sir nennen? Außerdem hat man deine Waffen ja konfisziert. Wollt Ihr Euer altes Schwert wieder haben? Dann müssten wir wohl in der Waffenkammer nachfragen. Oder htten Rist Bescheid sagen müssen. Ich kenn mich mit dem Ablauf in einer Kaserne eigentlich gar nicht aus...ein Pferd kann ich Euch allerdings besorgen. Was brauchen wir sonst noch außer Vorräte und Eure alten Waffen?"
Caleb hatte noch nie so etwas planen müssen, woher auch. Er war ein Küchenjunge! Hector hatte wahrscheinlich viel mehr Ahnung, was nun zu tun war. Caleb würde ihm lediglich den Weg weisen müssen. Er selbst hatte ebenso wie der ehemals Gefangene keine Habseligkeiten, die er noch einsammeln musste. Obwohl es ihm nicht weh getan hätte, vielleicht ein oder zwei oder auch drei Bücher aus dem Regal im Lazarett mitzunehmen, aber das durfte er sich nicht.
Woher bekam man eigentlich einen Beutel oder eine Tasche für all diese Dinge? Würden sie ein extra Pferd für das Gepäck nehmen, oder lediglich die Satteltaschen benutzten. Sie waren immerhin eine militärische Reisegruppe und nicht auf dem Weg zu einem Urlaub am See.
Er hatte wirklich wenig Ahnung. Weshalb er jetzt erwartungsvoll Hector ansah.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Soldat/in » Mittwoch 4. September 2013, 11:43

Ob Vincent die Träne gesehen hatte oder nicht ließ er nicht durchblicken. Seine Miene blieb unbewegt, auch wenn seine Augen lange auf Caleb ruhten. In den eigenen strahlte die Entschlossenheit, seine Pläne umzusetzen, aber es funkelte nach wie vor der Nachhall seiner Worte. Er war ehrlich mit dem Katzenjungen, schien nichts zu sagen, was er auch nicht so meinte. Er war so ganz anders als sein Vater.
Dann aber machte auch der Prinz sich auf den Weg. Theben und Rist waren vorausgeschickt worden und man gewährte Hector tatsächlich freies Geleit durch das Dorf. Immerhin hatte er ja jetzt einen neuen Knappen an seiner Seite. Vincent schien Caleb in diese Richtung zu vertrauen oder zumindest seinen stationierten Soldaten, dass sie mit dem Jorsaner kurzen Prozess machen würden, sollte er ein falsches Spiel mit dem geschenkten Vertrauen spielen. Aber der Soldat machte seinerseits bislang keine Anstalten, einen Fluchtversuch zu wagen, geschweige denn Caleb als Geisel zu nehmen. Nur den Blick hielt er weiterhin auf dem Jungen haften. Er starrte ihn an - ihn, nicht seine Katzenohren oder den zuckenden Schweif. Nur ihn.
Der Mann strahlte Ruhe aus, wo Caleb vollkommen aufgeregt wirkte. Man spürte förmlich, dass er sein Bestes als Knappe geben wollte und deshalb dringend einige Fragen beantwortet haben musste. Er sprudelte wie ein junger Bergquell. Hector unterbrach ihn nicht, ließ ihn sprudeln bis die Quelle für einen Moment versiegte. Er riebt sich daraufhin den roten Bart, schüttelte ganz sacht den Kopf.
"Ich bin kein Ritter, Junge. Nur Soldat, Hauptmann ohne Einheit nunmehr. In Jorsan ist es nicht üblich, sich Knappen zu nehmen, wenn man selbst kein Ritter ist. Du bist dann wohl eher mein Schützling und dieser Titel gefällt mir auch besser. Damit hast du das Privileg, mich Hector nennen zu dürfen. Hauptmann Chivall, wenn dir das lieber ist."
Er schaute sich um. Der Wind fegte sowohl ihm, als auch Caleb durchs Haar. "Ich sollte eine jorsanische Waffe tragen, wenn es dein Prinz dorthin verschlägt", kommentiert er schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit, in der sich nicht bewegt hatte. Wo sollte er auch hingehen, als Gefangener in einem fremden Dorf? Hier musste er sich an Caleb wenden. "Kannst du mich zu den Ställen bringen? Ich bin sicher, du findest heraus, welches Pferd man mir zuteilen wird, Junge."
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Mittwoch 4. September 2013, 13:54

Ehrlich gesagt hatte Caleb keine große Ahnung, was denn der Unterschied zwischen einer grandessanischen und jorsanischen Waffe sein sollte. Ein Schwert war ein Schwert. Sicher es gab verschiedene Arten von Schwertern, aber gab es eine bestimmte Art in Jorsan, wie man Schwerter anfertigte, oder gar eine eigentümliche Markierung, die es als solches kennzeichnete? Da sprach wieder sein außerordentliches Unwissen, was militärische Dinge anging.
Und da viel ihm etwas auf. Für einen Moment hatte er überlegt, ob er nicht ein Buch darüber hätte lesen sollen, aber jetzt; konnte er nicht einfach nachfragen?
"Was ist denn der Unterschied zwischen jorsanischen und grandessanischen Schwertern?", brabbelt er deshalb weiter, während er sich auf den Weg Richtung Stallungen machte. Caleb kannte sich nun wirklich nicht gut in Troman aus, immer hin war er erst seit wenigen Tagen hier, aber die wichtigsten Orte schien er inzwischen schon aufgesucht zu haben. Es würde reichen, um die Vorbereitungen für ihre Mission abzuschließen. Vielleicht traf er ja auch Ben in den Stallungen wieder, denn wenn sie jetzt aufbrachen, würde er ihn sonst gar nicht mehr sehen.
Nachdenklich lief er voraus. In seinen Überlegungen zog er einen seiner Krummdolche aus der Scheide. "Würden man erkennen, in welchem Land diese Waffe gemacht wurde?", fragte er weiter. Es war kaum vorzustellen, dass einer der gefallenen Soldaten ein paar Krummdolche dabei gehabt hatte, und Caleb war nicht wohl dabei die einzigen Waffen, die er jemals in der Hand gehalten hatte, bereits zurücklassen zu müssen.
"Nicht, dass ich mit denen besser umgehen könnte, als mit irgend einer anderen Waffe, aber...ich glaube ich hab dir bei deinem Verhör nicht erzählt, dass ich zwar dem Prinzen mein Leben lang gedient habe, aber nur ein Küchenjunge bin. Oder war. Wie auch immer..."
Dieser Drang sich selbst abzuwerten war wirklich nicht leicht abzuschütteln. Caleb wollte nicht, dass Hector irgendwelche Erwartungen an ihn Stelle. Ihm von Anfang an klar machen, dass er nicht geeignet für diese Aufgabe war.
"Ich hatte gestern meine ersten Stunde mit diesen Dingern.", murmelte er, und steckte sie weg. Beiläufig sah er sich nach Rhazir um, der nach seiner Meldung über die Hinrichtung spurlos verschwunden war. Er musst dem Kater bevor er ging noch dringend einschärfen, dass er ein Auge auf die Prinzessin haben sollte.
"So wirklich reiten kann ich übrigens auch nicht.", sprach Caleb weiter, und dieses Mal musste er sogar ein wenig kichern. Warum es ihn plötzlich belustigte, wie wenig er überhaupt konnte, war ihm schleicherhaft. Wenigsten wusste Hector jetzt, womit er es zu tun hatte.
"Viel Spaß mit deinem Schützling.", grinste er, drehte sich beim Laufen um, die Hände auf dem Rücken, und lächelte Hector an. Sein Schweif wich geschickt den rückwärtsgehenden Füßen aus. Ein wenig hopste er sogar. Caleb war unerwartet guter Laune, obwohl er gerade all seine Schwächen aufgezählt hatte.
"Und wir sind da."
Nun würde er sehen, wer bei Tag in den Stallungen arbeitete, und nicht bei Dunkelheit, wo nur noch ein Stalljunge Wache hielt.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Samstag 14. September 2013, 16:37

Hectors Blick wanderte über Caleb. Aufmerksam musterte ihn, ohne sich offenbar aus der Ruhe bringen zu lassen. Dieser Mann schien ein Berg zu sein. Groß, Ehrfurcht gebietend und kein Sturm konnte ihn zu Fall bringen, höchstens etwas ankratzen, aber das formte nur die Kanten seines Gesichts, schleifte den Stein und hinterließ Spuren der Erfahrenheit.
Auch seine Stimme erinnerte an das Echo eines zerklüfteten Gebirges, so tief und doch warm wirkte sie, als er sprach: "Hast du dir jemals das Soldatenschwert eines Jorsaners richtig angeschaut, Junge? Du wirst die Ähnlichkeit mit einem Rapier erkennen. Unsere Waffen sind leichter und besser im Stich. Grandessaner kämpfen da mehr, indem sie Hiebe verteilen. Eure Schwerter sind wesentlichere Wuchtwaffen, ebenso wuchtig wie Eure Armeen." Der Blick wanderte weiter, während ihrer beide Schritte Richtung Stallungen gelenkt wurde. Die ruhigen Augen betrachteten sich nun den gekrümmten Dolch, welchen der Hybrid gezogen hatte. Überrasch ob der Form der Klinge, legte Hector erstmals seinen Kopf etwas schief. "Das ist weder eine grandessanische, noch eine jorsanische Waffe. Sicher, dass du die nicht von irgendeinem fahrenden Händler bekommen hast, Junge?" Er schüttelte sacht den Kopf. "Diese Machart ist mir unbekannt. Erkennen wird man es aber, vielleicht weiß ein anderer, woher sie stammen."
Er schwieg dann, bis sie die Stallungen erreichten. Zu Calebs Küchenjungen-Geständnis sagte er nichts. Hatte er es überhört? Interessierte es ihn nicht? Hector verzog keine Miene, ließ nichts durchkommen. Es machte es schwer, diesen Soldaten einzuschätzen.

Die Stallungen hatten sich nicht verändert, nur sahen sie bei Tage - selbst bei trübem Wetter - wesentlich freundlicher aus. Auch herrschte jetzt mehr Betrieb. Es gab mehr als nur den Stallburschen Ben, die sie um die Pferde kümmerten. Einige standen auf der Koppel, grasten und wirkten mit diesem Dasein recht zufrieden. Andere wurden gerade in voller Montur aus dem Stall geführt. Sie trugen schwere Metallrüstung, darunter Satteldecken in den grandessarischen Farben. Und im Stall selbst fanden sich zwei Soldaten, die soeben einige Anweisungen zur Handhabung von vier Kriegspferden gaben. Die Soldaten trugen Satteldecken unter den Armen, jene besaßen allerdings nicht das bekannte Gold und Purpur, welches ausschließlich an den gepanzertern Grandessanern zu sehen war. Nein, hier dominierten Rot und Gold - Farben des Feindes.
"Jorsanische Satteldecken", bemerkte Hector, dessen Blick natürlich ebenfalls auf die diskutierenden Soldaten und Stallburschen fiel. Dann jedoch wurde er abgelenkt. Ein Bursche, etwa in Calebs Alter, erschien bei jenem. "Donnerwetter, wann hast du dir die denn wachsen lassen? Hab ich gestern gar nicht an dir gesehen. Du siehst aus wie die olle Katze, die hier immer zu langsam ist, eine Ratte zu erwischen." Ben lehnte eine Mistgabel an den Körper, in der Rechten trug er einen Eimer voll mit stinkenden Überresten der Reittiere. Er hatte eindeutig Stalldienst, so wie er roch.
"Brauchst du Hilfe? Wir sind gerade ziemlich beschäftigt, sollen einige Pferde", er verzog den Mund, "jorsanisch ausstatten. Oh und ich sehe, die Soldaten zieht ihr auch schon so an. Weißt du da mehr zu?" Neugier blitzte in den Augen des Burschen auf. Hector schwieg sich aus. Er ließ Caleb antworten.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Samstag 14. September 2013, 23:40

Schlendernd besah sich Caleb den Himmel. Ob die dunklen Wolken am Horizont noch Nachboten von dem Gewitter gestern Nacht waren? Man sagte ja immer, dass Katzen vorhersagen konnte, ob es bald regnen würde. Irgendwo hatte er mal gelesen, dass man deshalb Katzen auf Schiffe und auf Seereisen mitnahm. Allerdings war ihm selber noch nie so eine Fähigkeit an sich aufgefallen. Vielleicht fehlten ihm ja die Schnurrhaare dafür. Wenn das überhaupt etwas damit zu tun hatte. Eine nützliche Information wäre es schon gewesen. Zwar liebte er leichten Nieselregen, der sich auf die Haut legte wie ein Film und einem das Gefühl gab erfrischt und gereinigt zu sein, aber vor sturmartigen Regenbächen fürchtete er sich dann schon. Es fühlte sich unheimlich eklig an den Ohren an, wenn sie von den harten Tropfen herunter gedrückt wurden. Außerdem war nasses Fell allgemein nicht angenehm. Vor allem sein Schweif war dann immer so schwer und fühlte sich an wie ein Fremdkörper. Aber man konnte damit gut andere Leute vollspritzen. Wenn er das nur gedurft hätte.
Wie schnell er doch wieder mit den Gedanken zu belanglosen Dingen abschweifte. Etwas erschrocken ob der plötzlichen Stille um ihn herum, die er bis eben gar nicht wahrgenommen hatte, erinnert er sich an Hectors Worte über seine Dolche.
"Ach, ich weiß gar nicht woher sie stammen. Als ihr gestern angegriffen habt, wurde ich zur Waffenkammer geschickt um mich rüsten zu lassen. Man hat sie mir einfach gegeben. Gezogen habe ich sie in dem Kampf jedenfalls nicht."
Es kam ihm merkwürdig vor, jetzt so beinahe selbstverständlich und in der Vergangenheitsform darüber zu reden, hatte dieser Moment doch für sie beide so viel verändert. Obwohl sich Caleb im Leben nicht ausgemalt hätte, dass sie am Tag danach so wie jetzt zu den Stallung schlendern würden. In Gedanken dankte er noch ein Mal Feylin für seine Größzügigkeit, denn der Gott hatte sicher seinen guten Teil dazu beigetragen. Wenn er es sich so überlegt, sollte er sicher gehen vor ihrem Aufbruch noch das Papier und die Tinte von Marlin mit zu nehmen. Ein oder zwei Opfer für den Kindergott waren sicher nicht fehl am Platz. Ob Hector auch an einen Gott glaubte? Wahrscheinlich Lysanthor, wenn überhaupt. Obwohl Hector machmal den Eindruck machte, als wäre ihm so etwas wie Glaube recht egal. Oder der Krieg. Er schien nicht wie Theben vom Hass zerfressen zu sein und daraus seinen Antrieb für den Kampf zu gewinnen. Bevor sie die Stallungen erreichten, hatte Caleb noch eine Frage.
"Warum...kämpfst du eigentlich in diesem Krieg? Ist es nur die Loyalität zum Land? Oder gibt es noch andere Gründe?"
Nur die Loyalität zum Land. Wenn Caleb weiter so laut sprach, würde er sich bald noch mehr Freunde machen.

In den Stallungen ging alles recht geschäftig zu, wie eigentlich zu erwarten war. Anscheinend waren bereits Befehle des Prinzen eingetroffen, die Pferde jorsanisch auszurüsten. Hier im stall wusste man sicher, welche Pferde dem Prinzen und den anderen Mitgliedern der Hand der Prinzenkrone gehörten. Seine Aufgabe war es, Felix mit einzureihen und ein weiteres für Hector zu finden. Als ben ihn überfiel, war er so wohl überrascht als auch erfreut. Den Stalljungen gönnte man wirklich keine Pause, wenn er Nachtdienst hatte und nun am Morgen schon am Ausschaufeln war. Hoffentlich gönnte man ihm ab Mittag eine Pause.
"Ach die?", es war gestern wirklich recht dunkel gewesen und wenn sich Caleb recht erinnerte, hatte er seine Kapuze auf gehabt, "Bin eben nur noch halb Mensch. So ne Katze wie eure lahme Stallkatze hat mich mal gebissen." Caleb wedelte demostrativ mit dem Schwanz. Es war neu für ihn, dass Menschen, die ihn auf seine Hybridenmerkmale ansprachen, nicht sofort mit Abscheu auf ihn herab blickten. "Manchmal sogar recht nützlich. Du wir sind genau deswegen hier."
Er stockte. Wie viel durfte er verraten? Der Plan des Prinzen war sicher nichts, was noch heute zum Abendbrot ganz Troman erfahren sollte. Und Hector? Ben war eindeutig, wie jeder andere hier, nicht gut auf Jorsaner zu sprechen. Ob er ihm einfach erzählen konnte, dass Hector einer von ihnen war? Sie hatten noch keine Waffen, und Caleb konnte sich nicht vorstellen, dass er einen ganzen Stall voller Soldaten Hector vom Hals halten konnte. Geschweige den anders herum. Ihm war nicht wirklich wohl dabei.
"Das ist Hauptmann Chivall. Der Prinz hat mich zu einer Art Knappen von ihm gemacht. Er ist so eine Art...Jorsan-Spezialist. Ich soll für ihn auch so ein Pferd wie die da besorgen. Und für mich Felix." Er deutete mit der Schwanzspitze auf die Tiere, die gerade mit gold-roter Montur ausgestattet wurden. Unbewusst hielt er Bens Heugabel im Auge.
"Gehört wohl zu irgendeinem Plan, die Jorsaner auszutrixen. So genau erzählt man mir auch nicht alles. Wahrscheinlich gut so."
Caleb kam sich unheimlich schlecht dabei vor zu lügen. Obwohl es ja eigentlich eher Halbwahrheiten waren. Er erzählte ja nur nicht alles. Trotzdem.
"Und? Kannst du mir dabei helfen?"
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Samstag 21. September 2013, 02:24

Hectors Blick flog erneut zu den Dolchen. Hübsch waren sie ja und wie sie da so an Calebs Gürtel befestigt baumelten, konnte man sich durchaus vorstellen, dass die Klingen scharf waren, Fleisch gut würden teilen können, selbst wenn man nur die Dolchscheiden in Augenschein nahm. Die Form jedoch passte beim besten Willen weder zu einer jorsanischen noch einer grandessarischen Klinge. Der Soldat hob ein wenig die Schultern an, ohne wirklich damit zu zucken. "Vielleicht haben deine Soldaten sie einem armen Söldner abgenommen, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Grandessaner plündern gern, habe ich gehört."

Sie waren schon fast bei den Stallungen, als Caleb dem Jorsaner eine essentielle Frage stellte. Warum kämpfte er in diesem Krieg? "Die Frage könntest du jedem Soldaten beider Königreiche stellen, Junge. Die Antwort ist in den meisten Fällen die gleiche: Weil ich muss."
Man hatte sie gehört - beide. Einige Grandessaner, die sich gerade gegen eine der Barackenwände lehnten, hoben die Köpfe, spähten in ihre Richtung. Zumindest einer der beiden blickte verbissen drein und nickte. Er musste wohl zugeben, dem Jorsaner da zustimmen zu müssen, auch wenn bei weitem nicht alle Kämpfer mit dieser Einstellung in den Krieg zogen. Es gab noch genug, die darin eine Lebensaufgabe sahen, der sie nachgehen wollten. Sehr wenige unter ihnen dürstete es auch einfach nach Blut.

Und andere erfreuten sich daran, ihren Teil durch Mistschaufeln beitragen zu können. Mehr oder weniger. Für Ben war es wohl einfach nur Arbeit, die er zu verrichten hatte, vermutlich aber lieber machte, als irgendwo aufgeschlitzt im Felde zu sterben. Außerdem bekam er bei Tage neue Einblicke, durfte er sich Caleb doch fortan als halben Kater in Erinnerung behalten. Fasziniert starrte er dessen Katzenohren an. "Potzblitz!", stieß der Stallbursche hervor. "Du meinst also, wenn eine der Katzen hier mich beißt, seh ich auch so aus? Meine Frau Mutter würd mich schelten!"
Der Blick wanderte nur flüchtig zu dem Mann, den Caleb als Hauptmann Chivall vorstellte. Wenigstens war Ben höflich genug, ihm einen Gruß auszurichten, wenn auch kleinlaut und ohne ihm direkt in die Augen zu schauen. Da betrachtete er sich doch lieber weiter diese ausgefallenen Ohren. Sowas sah man als Stalljunge schließlich nicht alle Tage. Soldaten - ob Hauptmänner oder niedrigere Ränge - spazierten in Troman den ganzen Tag umher. "Sag mal, die ziehen dich ja ganz schön in was mit rein. Macht sich deine Ma' da nicht Sorgen, wenn du fortgehst? Aber so ein richtiger Knappe sein hat bestimmt auch was! Ein waschechter Knappe, der Jorsaner zerhackstückelt und Drachen jagt und Schätze aus Höhlen birgt, Jungfrauen rettet ... ach nein, das sind ja die Ritter. Die Knappen sterben in den Geschichten immer." Arglos und verschmitzt grinste Ben Caleb entgegen.
Hector gab daraufhin etwas ab, das ein Glucksen hätte sein können. Vielleicht mochte er aber auch nur gebrummt haben.
"Deinen Felix kann ich dir beschaffen. Den hab ich heute früh schon gefüttert und gestriegelt. Soll er auch so eine Satteldecke in Jorsanfarben bekommen? Das arme Tier ... ich hol ihn!" Und schon stellte Ben Mistgabel wie Eimer an eine der Stallwände, eilte fort. Er hatte Caleb nicht einmal ausreden lassen.
"Aufgeweckter Bursche", kommentierte Hector. Sein Blick wanderte über die Pferde und die Soldaten. Die Miene blieb vollkommen ruhig, distanziert fast, aber in seinen Augen leuchtete eine helle Klarheit, die unheimlich sein konnte.

Es dauerte nicht lange, da tauchte Ben wieder auf - mit Felix am Halfter. Das treue Pferd sah immer noch aus wie am ersten Tag, als Caleb auf seinen breiten Rücken gestiegen war. Freudig wieherte es, kaum dass sich die Nüstern gebläht und Calebs Witterung aufgenommen hatten wie ein Hund.
Ben führte das Tier zu ihm, überreichte ihm dann die Zügel. Felix trugt bereits eine josanisch anmutende Satteldecke, groß gerüstet hatte man ihn jedoch nicht. "Ist kein ausgebildete Kriegsross", erklärte Ben. "Der arme Kerl würde sich beim Galoppieren nur selbst verletzen. Ich bring euch noch eins von denen." Er zeigte auf die bereits ausgestatteten Pferde, eilte auch sogleich zu ihnen hin. Kurz wurde sich mit den Soldaten unterhalten, dann zu Caleb und Hector gezeigt. Alles lief bisher nach Plan. Ben kehrte mit einem stolz aussehenden, schwarzen Hengst zurück. "Das ist Samson. Ein kräftiges Tier, kann dich bestimmt tragen." Der Hengst wieherte nicht, nicht einmal, als Felix den Kopf nach ihm reckte. Er legte nur die Ohren an, blickte fast so diszipliniert wie die tromanischen Militäreinheiten. Über seine Schnauze hatte man enige silbern glänzende Platten gelegt. Es war fast wie ein Helm für Pferde.
"Waffen", wies Hector seinem jungen Knappen dann knapp, aber eindeutig an und gab ihm somit die nächste Aufgabe, der sie sich widmen mussten.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Mittwoch 25. September 2013, 15:22

Den Rest des Weges, den sie noch zu den Ställen zurück legen musste, dachte Caleb darüber nach, was Hector gesagt hatte. Sicher, auch er als Diner wusste, dass viele Soldat in den Dienst gepresst wurden. In Grandessa war dies wohl noch viel schlimmer als in Jorsan. Es war eine gewohnte Strafe, dass wenn ein Diener seine Aufgaben nicht sorgsam genug erfüllte, man ihn in die Armee schickte. Dort gab es immer etwas zu tun was auch ein Taugenichts erledigen konnte. Caleb hatte sich vor diesem Schicksal als Kind immer gefürchtet.
Aber war Hector das alles wirklich so egal? Er war gestern der Einzige gewesen, der sich für das wohl seiner Prinzessin von der Gewalt abgewandt hatte und Caleb hatte geglaubt, sie wären sich etwas ähnlicher. Wo er selbst sich doch freiwillig entschieden hatte hier zu bleiben. Der Prinz hatte ihm oft genug die Möglichkeit gegeben, umzukehren. War Hector schlicht ein Mann, der seinen Job ernst nahm, auch wenn er ihn nicht gerne tat? Caleb hatte seinen neuen Vorgesetzte noch rein gar nicht durchschaut.
Die Bemerkung mit den Plünderungen hatte er übrigens gekonnt ignoriert.
Mit zuckenden Ohren belustigte sich Caleb über Bens verdutztes Gesicht. "Nein, nicht jedes Tier hat so einen Virus. Ehrlich gesagt sind sie sogar recht selten.", beruhigte er ihn. Nicht, dass Ben noch Angst vor allerlei Getier bekam...oder sich mit Absicht beißen lassen wollte! In welche richtig er dabei schwingen würde, konnte Caleb nicht mal sicher sagen.
Gerade wollte der junge Diener Ben unterbrechen und ihm erklären, dass er keine Mutter hatte, aber der Stalljunge redete sich in einen Lauf und gab ihm keine Möglichkeit, etwas zu sagen weshalb Caleb nur resignierend ausatmete und dem Rest des Wasserfalls lauschte.
Tatsächlich hatte er Irella und Boran zwar als enge Vertraute empfunden, und sie waren es auch gewesen, die ihn groß gezogen hatten und man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass sie sich den Titel Zieheltern verdient hätten.; doch waren sie auch gleichzeitig Vorgesetzter, Lehrer und Aufseher gewesen. Er hatte ihnen gegenüber mehr als nur ein bisschen Respekt zu zeigen, wenn sie nicht gerade unter sich waren. Und seine richtigen Eltern waren ja nicht tot, sondern einfach nicht da...
Aber das wollte Caleb sowieso jetzt nicht erklären.
Stattdessen musste er sich Bens Spott stellen. In sowas war er nicht gut. Er lief sogar etwas rot an.
"Ich...werde bestimmt nicht sterben!" Der unsichere Blick hinüber zu Hector sprach sich nicht gerade für seine Sicherheit in dieser Aussage aus. Ehrlich gesagt hatte er sich über sterben noch nie Gedanken gemacht...und dass hatte er auch nicht vor. Bis es so weit war. Was am Besten nicht bald war.
Ben lachte ihn nur aus, was ihn nur röter werde ließ. "Bestimmt nicht!" , rief er ihm noch hinterher, als der Stalljunge glucksend und mit federndem Schritt seinen Felix holen ging. Hector betitelte ihn als aufgeweckten Burschen und Caleb meinte eine anerkennende Note darin erkennen zu können. Vielleicht war Ben ja auch ein Knappe, wenn er wieder nach Troman zurück kam. Irgendjemandem musste die Qualitäten des Stalljunge eines Tages auffallen.
Aufgeregt wedelte Caleb mit dem Schweif, als er Felix auf sich zu trotten sah. Zwar erinnerte er sich an die Schmerzen nach seinem ersten Ritt, aber daran würde er sich wohl oder übel gewöhnen müssen. Etwas vorsichtig ließ er die Hand vor die Nüstern des Hengstes schweben, worauf hin dieser die Luft einzog. So etwas hatte er oft in Grandea bei anderen Stallarbeitern gesehen. Dann streichelte er ihm erst über die Schnauze, und dann den Hals hinunter dem Strich des Fells folgend.
"Keine Sorge, ich werde mit ihm wohl eher von Schlachten davon reiten, als in sie hinein.", bemerkte Caleb, als Ben meinte, dass Felix kein ausgebildetes Schlachtross sei. Das brachte er aber auch gar nicht zu sein. Selbst wenn Caleb einmal lernte mit seinem Dolchen umzugehen, war dies kaum ein Kampfstil, den man vom Rücken eines Pferdes betreiben konnte.
Danach führte Ben Samson zu ihnen. Genug wusste Caleb über Kriegspferde nicht, um sich ein fachmännisches Bild über dieses eher stoische Ross zu machen und sah daher zu Hector auf, und festzustellen, ob er das Tier für tauglich hielt, es sollte immer hin ihm gehören. Da dieser ihn kurz darauf anwies, Waffen zu besorgen, hielt er dies für eine Zustimmung.
"Hab vielen Dank, Ben. Hast mir echt einiges erspart.", dabei sah Caleb hinüber zu den Soldaten. Zwei davon hatte er zwar schon in der Stadt gesehen, aber er kannte keinen und sie selbst ansprechen zu müssen, wäre ihm sehr unangenehm gewesen.
"Vielleicht sehen wir uns mal wieder.", brabbelte er dann weiter. Er war sich nicht sicher, ob er den Stalljungen überhaupt noch einmal antreffen würde. Zumindest nicht in nächster Zeit. Aber lebe wohl zu sagen, ging ihm dann doch etwas zu weit. Derenja und Ben waren ein guter Grund, die Mission zu überstehen und heil zurück zu kehren.
"Bis dann."
Daraufhin zog er an Felix' Zügen und führte ihn zu dem großen Tor, dass im Gegensatz zu seinem abendlichen Besuch nun weit offen stand. Die Waffenkammer würde wohl ihre letzte Station sein. Rist würde ihnen die Verkleidungen besorgen, und dann gab es außer Vorräten, um die sich wohl auch Rist als Koch kümmern würde, nichts mehr zu erledigen.
Außer vielleicht einer Sache. Auf dem Weg zum Tor würde sie sowieso wieder an den Baracken vorbei kommen. Caleb führte Hector und ihre Tiere deshalb so, dass sie seine eigene Schlafstatt passierte. So konnte er schnell noch einmal in die Unterkunft huschen und sich Feder und Tinte mitnehmen, die einmal Marlin gehört hatten. Zurück blieben nur das Buch, dass Caleb für ein Tagebuch hielt, und das Bild auf dem der Tote abgebildet war. In einer ihm selbst nicht erklärbaren Anwandlung packte der Katzenjunge auch das Buch ein, legte das Bild auf sein Kissen, und verließ erst dann die Baracke. Er hatte nicht vor darin zu lesen, aber...
"Bin fertig." Nun brauchte er auch hier nicht mehr zurück zu kehren. Die wenigen Gegenstände verschwanden in einer Satteltasche. Bis zu der Waffenkammer würde sie nur noch etwa zehn Minuten durch Troman gehen müssen. Ob die Anderen auch schon da waren?
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Montag 7. Oktober 2013, 11:49

Mit dem Wissen, dass das Soldatenleben auch für einen Diener Grandessas eine mögliche Strafe sein konnte, würde Caleb wohl ernsthaft überlegen müssen, ob er davon nicht bereits betroffen war. Sein Prinz hatte ihn mitgenommen, raus dem Schutz des Palastes und einem geregelten Alltag, hinein in die Weiten des Königreiches und bis hin zur Stadt Troman. Und nun? Er war zu einem der Hand der Prinzenkrone geworden. Er wurde hier praktisch auch als Soldat eingesetzt, hatte er doch zumindest schon eine erste kleine Schlacht miterlebt. Jetzt, da sie sich in feindliches Territorium begeben wollten, würden weitere Kämpfe nicht ausbleiben. Strafte ihn sein Prinz? War Caleb zum Soldat geworden, weil er als Diener nicht taugte und so wenigstens für sein Reich noch einen Nutzen brachte?
Nein, so weit musste er dann doch nicht denken, aber vielleicht wäre ein Nachhaken bei Vincent nicht schlecht.
Worüber er sich jedoch noch mehr und vor allem primär würde Gedanken machen müssen, war die Frage nach dem Tod, ausgelöst durch Bens heiteren Spott. Ein Blick zu Hector half da auch nicht. Der Soldat blickte Caleb mit stoischer Ruhe entgegen. Er schien die Aussicht auf den Tod zu bestätigen. Ja, sterben. Das konnte jederzeit passieren und zwar jedem. Ihm selbst, Caleb ... dem Prinzen. Sie mussten sich alle dessen bewusst werden und durften doch keine Angst davor haben, weil es nur ihre Handlungen lähmen würde und dadurch entstanden Fehler, die zwangsläufig zum Tod führen konnten. Ein schmaler Grat mit schicksalshaftem Ausgang. Bis dahin wäre es aber hoffentlich noch ein weiter Weg.

Der jetzige führte Caleb und Hector mit ihren Pferden aus den Stallungen und die Pfade entlang, auf der Suche nach der Waffenkammer. Während sie so zwischen Häusern und an kleinen Beeten vorbei kamen, auf denen Bäuerinnen selbst zu dieser Jahreszeit noch pflanzten, um das Dorf mit Vorräten zu versorgen, hörte man von den Wehrgängen der Palisaden aus erneut die Soldaten rufen. Es gab wohl wieder kleinere Scharmützel, dieses Mal wohl von ein paar Banditen, die so eben in die Schranken gewiesen wurden. Nichts, worum sich Caleb jetzt kümmern konnte, aber es machte die tägliche Gefahr deutlich, hier zu leben.

Unterwegs klaubte Caleb noch einige Habseligkeiten von Marlin zusammen. Es konnte nicht schaden, sie mitzunehmen. Vielleicht fand er Möglichkeiten, sich in irgendeiner Weise damit zu beschäftigen, wenn man abends an einem Lager saß und Hector ihn nicht mit dem Schrubben der Rüstung beauftragte oder - wichtiger! - sein Prinz etwas von ihm wünschte.
Letztendlich erreichten sie aber auch den Teil der Baracken, in denen keine Schlafunterkünfte zu finden waren. Nein, hier bewahrte man Waffen und Rüstungen auf. Der Zeugwart, ein eher schmaler Soldat höheren Alters, der aber noch die kraftvollen Arme eines Kämpfers besaß, dazu eine gewisse Drahtigkeit wie Theben, stand hinter einem aufgestellten Tisch, vor dem sich bereits einige Männer eingereiht hatten. Der vorderste Kerl erhielt soeben ein Schwert. Hinter ihm stand ein gerüsteter Soldat mit gesplittertem Schild, das ersetzt werden wollte. An der Seite warteten bereits zwei Kameraden, die ihre Notwendigkeiten bereits erledigt sahen, waren sie doch neu ausgestattet worden.
Hector, der Samson am Zügel führte, streckte die Hand nach Felix' Zügeln aus. "Überlass mir das Tier, Junge, und besorg mir ein Schwert und einen Schild. Außerdem wäre ein kleines Messer für den Stiefel nicht schlecht. Eil dich", meinte er zwar mit ruhiger Stimme, darin schwang aber klar und deutlich der Ton eines Befehlshabers mit. Hector Chivall mochte hier nur der gefangene Jorsaner sein, unter seinesgleichen respektierte man ihn aber als Hauptmann und dieses Verhalten legte er nicht ganz ab.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Mittwoch 13. November 2013, 20:56

Auf dem Weg zur Waffenkammer begann Caleb sich etwas von der Außenwelt abzuschotten. Obwohl er voraus lief hatte er den Blick auf den Kiesweg gerichtet. Jene Wege, die er bereits beschritten hatte, waren so in seinen Verstand eingebrannt, dass er sie nicht zu sehen brauchte um sie zu verfolgen. Das Knirschen unter seinen Schuhen, das Gefühl der Zügel in seiner Hand und die fernen Kampfgeräusche verschwammen für diese Momente, wo er sich wie so oft in sich selbst zurückzog und seinen Gedanken freien Lauf ließ.
Nur noch die Waffen. Dann war es soweit. Sie würden aufbrechen zu einer Mission von der vielleicht nicht alle von ihnen zurück kehren würden. Die entweder von großen Bedeutung für die Zukunft von Grandessa sein könnte, oder bereits im Ansatz scheiterte. Was, wenn ihnen die Jorsaner die Verkleidung nicht abkauften? Der Preis, den sie womöglich zahlten - war er das Risiko wert? Der Prinz in feindlicher Hand, Hector würde sich des Verrats schuldig machen, für die Hand des Prinzenkrone hätte man keine Verwendung; würde sie dem entsprechend behandeln. Umbringen.
War ihm sein eigenes Leben so viel wert, dass die reine Möglichkeit es bald beendet zu sehen ihn verängstigte? Caleb hätte diese Frage, wenn sie ihm jemand anderes gestellt hätte, wohl mit 'Nein' beantwortet, aber da sie ihm nun selbst durch den Kopf geschossen war machte ihn unruhig. Was, wenn er im entscheidenden Moment zögerte?
In einer Art Schauder, einem plötzlichen Ruck, er ihm durch den Körper fuhr, richtete er sich auf und atmete einmal tief durch. Wie oft hatte er schon darüber nachgedacht und sich am Ende doch immer für dieses Weg entschieden. Es war Zeit, dass er damit aufhörte zu grübeln.
Etwas entschlossener schritt er nun um die letzte Ecke auf das Arsenal zu. Es gab eine kleine Schlange, von den anderen Mitgliedern der Hand der Prinzenkrone war hier nichts zu sehen. Zugegeben, der Prinz hatte ihnen eine Stunde Zeit gegeben, und wenn Caleb es richtig einschätzte, war diese Frist noch nicht um. Ohne etwas zu sagen, übergab er Hector die Zügen und verneigte sich vor ihm wie ein Diener es im Palast von Grandea tat, bevor er sich der erteilten Aufgabe widmete.
Die Zeit in der Schlange verbrachte er damit, stoisch auf den Rücken seines Vordermanns zu starren. Es war einfach für ihn, ein aufgetragenes Ziel mit Engelsgeduld zu verfolgen und auszuführen, ohne sich zu beschweren. In der Zwischenzeit erinnerte er sich zurück an die Schlacht, in der die Prinzessin verletzt worden war. Viele der Bilder, die ihm dabei durch den Kopf schossen, waren alles andere als schön, aber er wollte sich daran erinnern, wie das Schwert von Hector aussah, denn er hatte es mit Sicherheit irgendwo im Verlauf ihrer ersten Begegnung gesehen. Wenn er ihm sein Schwert brachte, würde er sich vielleicht etwas wohler fühlen. Da kam wieder das Dienerbestreben durch, seine Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen.
Endlich an der Reihe, wurde er mit einem sehr misstrauischen Blick gemustert. Kaum verwunderlich, sah er doch kaum aus wie jemand der hier etwas zu suchen hatte. Der Zeugwart selbst kam Caleb nicht bekannt vor. Es war nicht der Selbe, bei dem er seine Krummdolche erhalten hatte.
Kurz angebunden beschrieb er ihm die jorsanische Waffen, nach der er suchte, zusammen mit dem Schild, dass er ebenfalls sogar mit eigentümlichen Rissen und Einschlagspuren beschrieb, um es möglichst genau zu machen. Den Dolch konnte er schlecht beschreiben, also fragte er schlich nach einem Jorsanischen.
"Ist aber nicht schlimm, wenn es nicht genau dieses Schwert und Schild ist.", fügte er dann noch rasch und kleinlaut hinzu. Seine übergenaue Beschreibung hatte lange gedauert und im Blick des Mannes meinte der Diener zuerkennen, dass er nicht wirklich amüsiert davon war.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Samstag 7. Dezember 2013, 08:00

Was sich wohl Hector Chivall auf dem Weg zur Waffenkammer für Gedanken machte? Ob auch er sich Fragen zum Risiko stellte, die die grandessanische Hand der Prinzenkrone einging? Ob es ihn schauderte wie Caleb? Die Augen des Mannes lagen auf dem hybridischen Nacken seines Vorgängers. Sie waren von einer stoischen Ruhe erfüllt, dass man nicht zu sagen vermochte, worüber er nachdachte, während seine Füße ihn Schritt für Schritt weiter voran trieben. Gemächlich war sein Gang und ebenso aufrecht. Man konnte dem Soldaten eine ritterliche Erhabenheit zusprechen, die man sich gern auch bei einem gütigen König vorstellte. Doch seine Krone wäre aus dem Eisen seines Schwertes und im Blut seiner Feinde geschmiedet worden. Krieg hatte selten etwas mit Güte zu tun.
Caleb, Rist, Theben, sein Prinz Vincent, Hector und vielleicht auch Aleksander, wenn er mitkam, würden ihren ganz eigenen, privaten Krieg austragen. Einen, der sich in das tarnende Gewand einer Mission hüllte, die zwar ein Siegel der Güte und ein Friedensangebot gegenüber Jorsan trug, doch für sie alle nicht minder tötlich enden konnte als auf einem rot gefärbten Schlachtfeld, auf dem Aaskrähen nach den Augen der Gefallenen suchten und es nach deren ausgeweideten Leibern stank.
"Ich warte hier", drang das tiefe Timbre an Calebs spitze Ohren und Hector blieb in gebührendem Abstand zur Waffenkammer stehen. Es genügte, wenn sich der pelzige Bursche einreihte. Immerhin gab er sich nun als sein Knappe aus. Ein Knappe, der sich unter Jorsaner schleichen sollte und rein optisch doch nicht einmal den Grandessanern zugeordnet werden konnte.

In der Schlange fanden sich hauptsächlich Soldaten, deren Rüstungsteile zerschmettert worden oder deren Waffen abhanden gekommen waren. Sie brauchten Ersatz. Lediglich ein jüngerer Mann, kaum älter als Caleb selbst und mit unsicherem Blick, zwei Personen vor dem Hybriden, stellte sich als hier neu stationierter Rekrut vor. Ihm wurde ein Satz der Plattenrüstung, sowie Schwert und Schild in die Arme gedrückt, dass er beinahe darunter zusammenklappte. Dies ließ Calebs Hintermann leise glucksen. Es mochte auch einen amüsierenden Ton besitzen, jener dürfte aber sofort in eine ernstere Komposition umschwingen, sobald das Orchester die Kriegshymne lauter erschallen ließ.
Dann kam Caleb endlich dran. Der Zeugwart, den er bereits hatte kennen lernen dürfen, stand nicht vor ihm. Dieser Mann war größer, besaß zwei entstellende Narben im Gesicht, die ihn grimmig zeichneten und er blickte misstrauisch auf den Jungen vor sich. Caleb konnte deutlich sehen, wie seine Ohren und die roten Augen gemustert wurden. Schließlich fragte der Soldat grunzend, weswegen der "kleine Kater" denn hier wäre.
Die Augen verengten sich einen Deut mehr, als Caleb um jorsanische Waffen bat. Schließlich aber nickte der Zeugwart, verließ seinen Platz am Tisch, um in die Waffenkammer zu treten. Es dauerte nicht einmal lange Zeit, in der er sich im Inneren der Baracke aufhielt. Mit einem Schwert, das keineswegs der Schneide eines Grandessaners glich, sowie einem durch das Wappen sichtbaren jorsanischem Schild kehrte er zurück. "Hab deinen Lieblingsschild nicht gefunden", brummte der Kerl. Sicherlich hatte er trotz Calebs überaus gründlicher Umschreibung nicht einmal im Ansatz so genau nachgesehen. Schild war Schild und solange es nicht zertrümmert war, taugte jedes x-beliebige Exemplar. Der Mann reichte ihm die Sachen.
"Noch was?", fragte er und würde auch das Messer für den Stiefel aushändigen, wenn Caleb nur darum bat. Er fragte hier nicht lange nach Befugnis, solche Waffen zu tragen. Wer in der Schlange stand, bekam, was er verlangte, sofern die Waffenkammer es her gab. Caleb konnte nun mit der neuen "Beute" zu Hector zurückkehren, der bei den Pferden stand und abwechselnd Samson und Felix ein Tätscheln auf die langen Nasen verpasste. Die Luft kondensierte vor den Nüstern der Tiere, als schliche sich der über allem hängende Tod mit Eiseskälte näher.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Samstag 7. Dezember 2013, 21:32

Es war merkwürdig gleichaltrige hier als Rekruten zu sehen, die wie er gerade erst in diese Welt geworfen worden. Sicher, Caleb war bei dieser Wurf schon in kürzester Zeit äußerst tief gefallen und konnte über dieses 'Frischfleisch', wie man es hier vielleicht auch nannte, nur beklemmt lächeln. Wenigstens hatte man ihm keine Plattenrüstung angefrackt. Der Lederharnisch alleine machte ihm schon das Leben schwerer, auch wenn er sich daran zu gewöhnen schien, wenn man von dem zufälligen jucken an nun unerreichbaren Stellen absah.
Der Bursche nahm seine neue Habe, und wanderte davon, an ihm vorbei und Caleb versuchte ihm ein aufmunterndes Lächeln zuzuwerfen. Der flüchtige Seitenblick, der ihm zugeworfen wurde, verriet, dass er gesehen wurde, aber es kam keine Reaktion. Caleb war mehr als beunruhigt ehrlich Angst in den Augen des Jungen gesehen zu haben. Freiwillig war er ganz sicher nicht hier. Und wenn dem so war, dann würde er hier bis zu seinem Tod bleiben. Egal wie lange das dauern würde.
Nun mit dem Gesicht des Jungen ins Gedächtnis gebrannt fragte sich Caleb ehrlich, ob er noch da sein würde, wenn er selbst wieder kam - wobei das 'selber zurück kommen' auch schon recht positiv von seiner Seite aus gedacht war.
Endlich an der Reihe, ließ Caleb in Ruhe die übliche Betrachtung über sich ergehen, die bei älteren Menschen die sich ihm höher gestellt sahen immer vonstatten zu gehen schien, während ihre Augen oft missbilligend zu seinen Ohren fuhren. Er hatte gute Gründe, normalerweise eine Kapuze zu tragen. Ob er für die Mission lieber gleich einen Helm aufziehen sollte damit es keines sah? Seinen Schwanz konnte er sich oft auch um die Hüpfte binden und so verstecken.
Der Spitzname 'Kleiner Kater' überraschte ihn dagegen, nachdem man ihn fertig inspiziert hatte. Gewöhnt war er Dinge wie 'Streuner', 'Mistvieh' oder 'Floschleuder' wenn man sich unbedingt auf seinen offensichtlichen Katzenanteil beziehen wollte. Da war 'Kleiner Kater' ja fast schon putzig. Caleb konnte sich da einen hochgezogenen Mundwinkel nicht verkneifen.
In Ruhe erklärte er, was er wollte und warte ebenso geduldig. Dass er wirklich erwartet hatte, dass der Zeugwart nach dem passenden Sachen suchte, zeigte ihm wieder mal wie sehr er noch von dieser Welt entfernt war. Es war offensichtlich, dass der Mann einfach losgegangen, den ersten tauglichen Schild und das erste scharfe Schwert gegriffen hatte und keinen zweiten Gedanken daran verloren hatte, ob es nun dort einen Kratzer hatte oder nicht. Caleb musste sich zudem eingestehen, dass Hector wohl die selbe Einstellung zu der Sache hatte, wenn man seine bisherige anteilnahmslose Haltung betrachtete. Irgendwo hoffte Caleb aber auch, dass er sich nicht zu sehr verlor. Er wollte lernen und hilfreich sein, aber so werden wie ein Soldat wollte er sicher nicht.
"Ist schon in Ordnung.", meinte er nur, so höflich und entschuldigend wie möglich. Seine typische unterwürfige Haltung ließ des Zeugwart raunen. "Dann fehlt nur noch der Dolch."
Ihn beschlich immer ein unangenehmes Gefühl, wenn er zwei Mal nach etwas fragen musste. Es war immer so, als würde er jemanden auf einen Fehler aufmerksam machen. Hätte er einen Aufseher in Grandea nach einem Mopp und einem Eimer mit Schwamm gefragt, und hätte nicht alles bekommen und nachfragen müssen, hätte er einen Schlag bekommen zusammen mit der Bemerkung, dass er sich beim nächsten Mal deutlicher ausdrücken sollte.
Nur weil er ein vorbildlicher Diener war, hieß das nicht, dass er die letzten Jahre ohne Hiebe verbrachte hatte. Ganz und gar nicht.
Erleichtert sah er dagegen, dass er hier nicht wie Abschaum behandelt wurde, aber inzwischen erwartete er das auch nicht mehr, was es etwas leichter machte seine Bitte zu wiederholen. Anstandslos wurde auch der kleine Dolch für den Schuhe gebracht, Caleb steckte ihn in den Gürtel, nahm das Schild in die eine und die Schwertscheide samt Inhalt in die andere, bedankte sich höflich wie immer, was den Zeugwart etwas verdutzt aussehen ließ und machte sich auf den Weg die paar Schritte zurück zu Hector, dem er seine ergatterte 'Ware' präsentierte.
"Hoffe, dies ist so in Ordnung, Hauptmann Chivall?", fügte er hinzu. Es fühlte sich sehr gewohnt an, so zu reden, auch wenn es nicht wirklich passt und vielleicht sogar als sarkastisch in ihrer Situation aufgefasst werden könnte - nur das Caleb nicht eine Spur davon in der Stimme hatte.
"Wenn Rist die jorsanischen Verkleidung bereit hat, sollten wir bereit sein.", stellte er schlussendlich fest. Ihm kam der komische Gedanke, dass es ihm beinahe schade um seinen schönes schwarzes Wappenrock der Feldärzte war. Er hatte ihm besser gefallen, als der von Grandessa - oder auch Jorsa. Zu farbenfroh. Zu auffällig. Gar nicht seine Art.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Sonntag 22. Dezember 2013, 15:02

Der jorsanische Soldat, bereits kritisch beäugt durch vorbei ziehende grandessanische Kämpfer, senkte die Zügel, welche er hielt. Er reichte sie an Caleb weiter, als er sein Schwert und den Schild entgegen nahm. Beides prüfte der Mann, nahm sich ausgiebig Zeit dafür. Er betrachtete das Schwert mit kritischem Auge, wog es ab fuhr einmal mit der Klinge durch die Leere, zerschnitt Luft. Beides, Schwert wie Schild, würden künftig dazu beitragen, sein Leben zu sichern. Da konnte er sich nicht einfach guten Mutes darauf verlassen, das Erstbeste anzunehmen. Aber Hector schien zufrieden, befestigte die Schneide am Gürtel und den Schild auf dem Rücken. Dem Mann wurden seitens der Grandessaner noch mehr verwirrte, wie skeptische Blicke zugeworfen.
"Dein Prinz hat dir die Aufgabe erteilt, uns in einer Stunde vor den Palisaden zu treffen", meinte Hector schließlich. Er nahm die Zügel seines Rosses wieder entgegen, nickte auffordernd. Caleb sollte ihm den Weg dorthin zeigen. "Gehen wir."

Sie brauchten keine ganze Stunde zu warten. Vor den Pallisaden hatten sich bereits Rist und sogar Aleksander eingefunden. Der Soldat war nicht vollkommen gerüstet. Die Seite mit dem fehlenden Schwertarm lag frei jeglichen Metalls und auch auf die Schulterpanzerung hatte er verzichtet. Dennoch strahlte der Mann, schien froh darüber, wieder aufrecht zu stehen und sich nicht länger im Lazarett aufhalten zu müssen, wo der stete Geruch des Todes allgegenwärtig gewesen war. Die jorsanische Rüstung stand ihm, ganz im Gegensatz zu Rist. Das lag aber daran, dass sie bei dem Hünen viel zu klein wirkte. Es erinnerte an ein Kleinkind, das aus den Säuglingssachen heraus wuchs. Grimmig brummte Rist, rückte sich auch gerade die Armschienen zurecht, zum wiederholten Mal. "Jorsaner sind alle so klein", kommentierte er mit gehobenen Brauen, woraufhin Aleksander unter einem schmalen Lächeln nickte.
Umso breiter wurde Rists Lächeln, kaum dass er Caleb sah. Er ließ von den Ärgernissen ab, die die neue Rüstung an ihm mit sich brachte und stapfte schweren Schrittes auf den Hybriden zu. Eine gepanzerte Hand fuhr durch den Schopf, wobei der Mann ganz bewusst einmal hinter dem linken Katzenohr kraulte. Kein Spott lag in dieser Geste, sondern wachsende Zuneigung für den Burschen. "Hast du all deine Aufgaben zur Zufriedenheit deines Mentors erfüllt?"
Mentor ... das klang nicht schlecht, denn nichts Anderes war ein Hauptmann oder Ritter doch für seinen Knappen. Er kümmerte sich um ihn, lehrte ihn den Alltag und führte ihn in die zu erledigenden Aufgaben ein. Er zeigte ihm, welche Fertigkeiten er sich aneignen musste und das an seiner Seite, auf dem langen Weg durch Abenteuer hindurch, bis aus dem Knappen selbst einmal ein heorischer Mann werden würde.

Noch ehe Caleb antworten konnte, zeigte Aleksander mit dem gesunden Arm nach Troman herein. Zwei gerüstete Gestalten näherten sich, auf den ersten Blick ebenfalls Jorsaner. Aber schnell wurde das verschmitzt schiefe Grinsen Thebens an der Seite seines Prinzen erkennbar. Er hob die Hand zum Gruß. "Na, Aleks, hast es im bequemen Feldbett nicht mehr ausgehalten? Jaja, jetzt stürzt du dich wieder zu uns in die Scheiße, wie es sich gehört." Theben klopfte dem anderen den Rücken. Beide lachten, schienen froh, einander so munter wiederzusehen.
Vincent hingegen trat zu Rist, Caleb und Hector, der etwas abseits aber nicht außer Hörreichweite stand. Er nickte Letzterem zu, winkte ihn gar heran. "Wie macht er sich?"
"Es gibt nichts zu beanstanden, Prinz."
"Bitte", lächelte Vincent entwaffned, "nur Vince ... vor allem, sobald wir draußen sind. Wie sieht es aus, Rist? Können wir los?" Der Hüne nickte. Es schien, als seien alle abreisefertig.
Zuletzt geändert von Erzähler am Dienstag 14. Januar 2014, 10:45, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Caleb » Mittwoch 25. Dezember 2013, 14:01

Abwartend beobachtete Caleb, wie Schild und Schwert inspiziert wurden. Es war ein Vorgang, mit dem der kleine Katzenjunge nicht vertraut war und somit war er auf unnatürliche Art fasziniert von dem Blitzen der Metalle und dem Zurren der Schneide durch stille Luft. Er selbst hatte keine Ahnung, worauf er hätte achten müssen. Vom Blick Hectors zu urteilen, der den Lauf des Schwertes vom Griff aus hinab blickte, meinte Caleb zu erkennen, dass er nachsah ob es eine Krümmung in der Klinge gab. Zudem inspizierte er die Schärfe seine Waffen. Wofür das Schwingen gut war, konnte Caleb dagegen nicht nachvollziehen. Vielleicht das Gefühl des Griffs? Gewicht wäre noch ein Faktor, der ihm auf Anhieb einfallen würde, aber ansonsten? Das Wissen darum würde er wohl kaum benötigen, immerhin war er nicht gemacht für Schwert und Schild, da war sich wohl jeder einig.
Hector jedoch schien zufrieden; und im Umkehrschluss war somit auch Caleb zufrieden mit sich.
"Sehr wohl, Hauptmann.", waren die Worten, mit denen er ihr nächstes Ziel ansteuerte. Dem Katzenjungen war es immer noch suspekt, ob und wann er einen Militärgruß zu vollziehen hatte, um einem Hauptmann Respekt zu erweisen, immer hin war er nie Teil der Armee gewesen. Irgendwie war er sich selbst jetzt nicht sicher, ob er schon dazu gehörte oder nicht. Wenn man ihn selbst gefragt hätte, wäre die Antwort natürlich nein gewesen. Aber kam es darauf jetzt noch an?

Ein ungleicheres und merkwürdigeres Paar wars in Troman wohl noch nicht die Hauptstraße hinunter zum Tor geschlendert. Ein jorsanischer Hauptmann, der sich für das Wohlergehen seiner Prinzessin mit dem Feind arrangiert und ein Albino-Hybride, der als Diener an das Könighaus verkauft wurde und nach Jahren des Teller Putzens und Flure Wischens nun mit Wappen und Waffe dabei war ins Feindesland vorzurücken. Kein Wunder, dass man ihnen mehr als nur verwirrte, sondern auch misstrauische Blick zuwarf. Nicht viele wussten vom Plan des Prinzen und so war Hector in seine alten Farben gehüllt ein seltener Anblick innerhalb der Palisade und an einen frei rumlaufenden Katzenhybriden konnte sich eine ganze Stadt auch nicht in zwei, drei Tagen gewöhnen. Wobei Caleb schon jetzt wieder vergessen hatte, seine Kapuze aufzuziehen um seine Ohren zu verstecken, und auch seinen Schweif hielt er nicht länger unter dem Wappenrock zusammengerollt. Es war in letzter Zeit einfach nicht nötig gewesen. Er musste sich nicht mehr verstecken, auch wenn er sich unbehaglich fühlte, während er durch die Straßen lief und links und rechts immer wieder Einheimische anfingen zu tuscheln oder gar auf beide zu deuten. Kinder, die vorbei liefen, waren noch viel unverfrorener. Caleb war sich in solchen Situationen immer unangenehm seiner Umgebung bewusst, auch wenn nach weniger als zwei Dutzend Schritten seine Sicht langsam verschwommen wurde. Hector dagegen lief stoisch gerade aus, mit Blick nach vorne und keinem Interesse an das Getue um ihn herum.
Caleb musste seinen Mentor wohl oder übel um diese Einstellung beneiden.

Auch wenn der junge Diener sich stets umblickte, konnte er trotzdem niemanden finden, dem er vielleicht noch einen Abschied schuldig war. Derenja möglicherweise, sie wusste bestimmt nicht, dass er bereits wieder gehen würde. Selbst Madleen hätte er zu danken gehabt, wenn seine Zeit hier auch gar zu kurz gewesen war, um mehr von ihr zu lernen. Die drei Katzen hätte er ebenfalls gerne noch einmal gesehen, besonders Rhazir. Er schien der verantwortungsbewussteste von ihnen zu sein, und würde vielleicht auf ihn hören, wenn er ihm noch einmal einredete auf die Prinzessin acht zu geben, während weder der Prinz, noch Hector in Troman waren, um sie zu beschützen.
Jedoch lief ihnen keiner davon zufällig über den Weg.
Dennoch sprach Caleb ein kurzes Dankgebet an Feylin, und bat ihn auf alle, die ihm Gutes getan hatten, ein Auge zu haben und ihnen Glück zu bescheren. Mehr konnte er nicht tun.

Vor den Toren erwarteten sie bereits Rist und Aleksander, was Caleb nicht hätte verwundern sollen, aber das tat es. Aleksander musste sich den Weg aus dem Lazarett freigekämpft haben. Seine grausige Operation war kaum zwei Nächte her und dennoch sah er hier vor den Palisaden, gerüstet und bereit für eine Mission, tausendmal besser aus, als er es im Lazarett je getan hatte. Es lag kaum daran, dass es ihm körperlich besser ging, aber er strahlte von innen heraus. Vielleicht war es genau das gewesen, was ihm auf dem Weg der Besserung gefehlt hatte. Durch und durch Soldat.
Bevor Caleb ihn fragen konnte, wie es seiner Wunde erging, legte sich ein Schatten über ihn und eine riesige Pranke griff nach seinem Kopf. Zwischen dies und einem bevorstehenden Bärenangriff hätte es kaum weniger Unterschied geben können, nur dass er hierbei mit verwuschelter Frisur davon kam.
Rist kraulte ihn sogar ein weniger, und im Affekt legte Caleb den Kopf etwas schief, gegen die Hand und den Widerstand, um den Druck auf die Stelle zu erhöhen. Er musste sich zusammenreißen, nicht zu schnurren. Plötzlich mit einem Lächeln auf den Lippen sah er auf zu dem Hünen und schüttelte kräftig den Kopf auf seine Frage hin, bevor sie sich alle wieder dem Tor zuwandten, durch das gerade Theben und der Prinz schritten. Nun waren sie wieder vollzählig.
Dies war wahrscheinlich das erste Mal, dass Caleb sich bei einem Auftritt es Prinzen nicht verbeugte; und wenn es auch am Rande seines Geistes eine Rolle spielte, war er nun eher von Theben und Aleks eingenommen, die er zum ersten Mal zusammen sah. Die beiden schienen ein gutes dynamische Duo abzugeben und Caleb freute sich, den verletzten Soldaten lachen zu hören. Es war so ein starker Kontrast zu den Bildern, die er im Kopf hatte und er wollte sich stattdessen lieber an diesen Moment hier erinnern.
"Hoffentlich hat man dir genug Verbände und Salben eingepackt!", wandte Caleb dagegen ein und sah wieder ein wenig ernster aus. Immerhin wusste niemand, wie lange sie unterwegs sein würden und Aleksander besaß immer noch eine recht frische Wunde. Es war nicht klug, jetzt ein Risiko damit einzugehen - wobei er sich wahrscheinlich erst recht wie Marlin angehört hatte.
Als der Prinz hinter ihm jedoch nach seiner Arbeit fragte, drehte Caleb sich rasch wieder um und versteifte seine Haltung etwas, bis Hector antwortete. Wenn er auch nie gewollt hatte, Knappe oder Soldat zu werden, besaß er dennoch stets in allem das Bedürfnis seine Aufgaben zur vollen Zufriedenheit auszuführen- und da er dies wohl geschafft hatte, gab es nun in Troman nichts mehr für ihn zu erledigen.
Sie waren bereit.
Unbewusst rückte Caleb etwas näher an Felix heran und legte die Hand auf den Hals des Tieres, die Zügel fester im Griff. Nicht, dass er Angst hatte. Obwohl, ja, er hatte Angst. Nicht vor den Jorsanern, aber davor zu versagen. Nichts wäre schlimmer als das. Nur gab es jetzt kein Zurück mehr.
Als der Prinz in die Runde sah, und jeder von ihnen stumm die Zustimmung nickte, schloss auch er sich an.
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Re: Unter Soldaten

Beitragvon Erzähler » Donnerstag 9. Januar 2014, 01:23

"Hauptmann." Hectors Echo hallte mit einer gewissen Belustigung aus seiner Kehle wider. Vielleicht schwang auch eine Spur Hohn mit. Hohn über diesen Titel, denn was war er im Augenblick? Sicherlich kein Hauptmann. Er führte die Truppe nicht an. Diese Aufgabe würde doch dem grandessarischen Prinzen zuteil werden. Er würde mit dem Thronfolger des feindlichen Königreiches reiten. Er würde ihm antworten und sich seinem Befehl unterstellen, sich zur Not demütigen und schlagen lassen. Und wofür?
Sein Blick fiel ein letztes Mal durch die breiten Straßen Tromans. Irgendwohin, wo er das Lazarett noch vermutete. Er tat es für seine Prinzessin, eine junge Frau, die den Thron nicht so alsbald besteigen würde, denn ihr guter Bruder regierte das Reich. Sein Reich, dem er diente. Doch nicht jetzt und wohl nicht für die nächsten Tage. Im Moment diente er dem Feind. "Vielleicht solltest du einfach nur Meister Chivall sagen. Bursche", meinte Hector schließlich nach einigen Schritten und Zeit, in der er hatte schweigen können. Zeit zum Nachdenken. Er war kein Hauptmann mehr. Nicht, solange Prinz Vincent, Sohn von König Hendrik dem II. zu Grandessa, ihm diesen Titel nicht zugestand. Im Augenblick mochte er Soldat sein - und nicht zuletzt Mentor. Ein Lehrer für einen Jungen, den viele wohl eher als aufrecht spazierende Katze bezeichnet hätten. Ein Junge mit Augen, dämonenglühend gleich. Doch auch das nahm Hector mit stoischer Ruhe hin. Gleichermaßen wie seine Gefangenschaft, den Plan, dem sie alle folgen würden. Der Mann hinterließ einen Eindruck, sich durch nichts abschrecken lassen zu können. Ganz so, als hätte ihn das Leben schon oft genug überrascht. So alt wirkte er allerdings auch wieder nicht.

Im Grunde passte der Mann ganz gut in die Versammlung, die ihr kleiner Haufen bildete. Er mochte neben Rist wohl der Älteste sein, der sich auf die Reise begab. Doch er nahm sich nicht heraus, hier auch gleich Befehle zu erteilen. Hector hielt die Zügel seines Pferdes Samson und sich selbst höflich zurück, als der Prinz und Theben eintrafen. Letzterer grinste Caleb nach dessen Kommentar nur munter entgegen. "Spricht tatsächlich schon wie Marlin, wenn er etwas mehr Demut zeigen würde. Nicht so frech, Katerchen!" Lachend winkte er ab, knuffte stattdessen Aleksander in die Seite. Der hätte es gern mit einem Schubsen erwidert, doch stand er falsch und der fehlende Arm konnte da nicht helfen.
Rist hingegen neigte sich wieder etwas mehr zum Ohr des Hybriden herab. "Ich habe Madleen getroffen. Du solltest Aleksander mindestens alle zwei Tage den Verband wechseln und eine Kompresse mit Wundsalbe bestreichen. Hier." Und schon schob sich die andere Pranke des Hünen vor. Nicht Aleks hatte Arznei für sein Wohlbefinden erhalten. Rist hatte man sie übergeben. Er streckte Caleb einen kleinen Salbentopf hin - Ton mit einem schönen, ockergelben Deckel. Außerdem überreichte er dem Hybriden einen kleinen Zettel. "Falls du nicht lesen kannst, lese ich es dir vor", bot sich der Hüne an.
Die Schrift auf dem Pergament war in geschwungenen Lettern, zudem in Garmisch verfasst.


Lieber Caleb,
Die Salbe ist für Aleksanders Armstumpen vorgesehen. Sie enthält Beinwell und Johanniskraut. Beides lindert den Schmerz und fördert die Wundheilung. Verwende Johanniskraut niemals zu oft bei sehr hellhäutigen Patienten, da es die Lichtempfindlichkeit erhöhen kann und dann schon bei wenig Sonnenschein zu Sonnenbrand führt. Beinwell ist eine sehr stark wirkende Pflanze. Verwende bei geschlossenen Wunden wie Prellungen oder Blutergüssen lieber Arnika.
Ich hoffe, diese wenigen Informationen helfen dir bei deinen Studien. Führe keine Heilungen durch, die du nicht beherrschst!

Mögen die Götter dir gewogen sein.
Madleen

Übrigens: das Johanniskraut riecht sehr gut und sorgt für die rote Färbung der Salbe.
Schriftrolle Fuss


"Alle Mann auf die Pferde", ließ Vincent plötzlich verlauten, während er sich auf seinen Rappen schwang. Der pechschwarze Hengst schlackerte mit den Ohren. Man hatte ihm eine jorsanische Satteldecke aufgelegt, die in Rot und Gold schimmerte. Außerdem konnte Caleb dort auch das Wappen des Königreichs erkennen: ein stolz blickender Adler, ein nobles Tier. Die Farben betonten das Fell des Pferdes gut, wohingegen Calebs guter Felix mit ihnen eher verblasste. Es wirkte fast lächerlich, so fein goldenes Geschmeide auf seinen breiten Pferdehintern zu werfen. Aber das Tier störte es offenbar wenig. Es war froh, seinen Reiter in der Nähe zu wissen, drückte den breiten Pferdekopf gegen Calebs Seite. Es forderte ihn auf. Es wollte endlich wieder ausgeritten werden.
Auch die anderen der Hand der Prinzenkrone saßen auf. Rists Tier war ein mächtiges Streitross und sicherlich nicht aus grandessarischer oder jorsanischer Zucht. Es sah aus wie eine gerüstete Pferdebestie. Die Mähne hing geradezu wild über Kopf und Hals und die Fesseln der Hufe umgaben ebenfalls wuschelige Fellbesätze. Die Hufe selbst waren riesig. Caleb sollte aufpassen, niemals den Kopf darunter zu bekommen. Es würde nicht viel außer Brei von ihm übrig bleiben.
Interessanter umso mehr die Tiere, auf denen Aleks und Theben Platz nahmen. Beides braune Stuten, im Körperbau eher schlank, was einen Kenner dieser Tiere ihnen sofort ihre Wendigkeit und hohe Geschwindigkeit zusprechen lassen würde.

Und dann ging es auch schon los. Ohne große Worte ritt Theben der gesamten Gruppe voraus, seine Armbrust locker auf dem Rücken, aber wohl jederzeit bereit, einen Bolzen abzufeuern. Ihm folgten Vincent und Rist, Seite an Seite. Die Nachhut bildeten somit Hector Chivall, Aleksander, der etwas langsamer ritt und nicht zuletzt: Caleb. "Na los, Knappe! An meine Seite", rief Hector den Befehl aus und gab seinem Tier die Hacken zu spüren, damit es sich in Bewegung setzte.
Der Hybrid sollte Recht behalten: nun gab es kein Zurück mehr.


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