Zwischen Jorsa und Jersa

Dies ist das südliche Königreich unter der Herrschaft des jungen und großzügigen König Richard dem Dritten. Armut findet man hier kaum, sondern meist Wohlstand und Zufriedenheit, einfach ein Reich zum Wohlfühlen.
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Sonntag 23. März 2014, 18:52

Delilah trat aus dem Torbogen heraus halb auf den Weg und hob die Hand. Der Reiter, der sich im leichten Galopp genähert hatte zügelte sein Pferd, das durch die Unterbrechung in seinem gleichmäßigen Lauf leicht stieg und den strahlenden Hals nach oben bog. Ein tiefes Schnauben ertönte voller Widerwillen, aber der Hengst beruhigte sich unter der sicheren Hand des Reiters wieder und blieb dann gut drei Meter vor Delilah stehen. Es scharrte ungeduldig mit den Hufen und sein Herr sprach mit leiser dunkler Stimme:
„Alabaster, ruhig. Schhh...“
Dann legte sich sein Blick auf die junge Novizin und musterte das graue Gewand, was sie als Schülerin der Lichtmagie auszeichnete. Ein erkennendes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab und in seinen grauen Augen funkelten kleine, verwirrende, goldene Sterne. Das Wappen mit den Löwen, welches seine breite Brust zierte, kam Delilah sofort bekannt vor. Sie kannte es von einem bestickten Kissen, welches sie in den letzten Monaten fast täglich vor Augen gehabt hatte. Auch seine Gesichtszüge waren ihr vertraut und doch hatte sie diesen Mann noch nie zuvor gesehen. Doch eines war ganz sicher. Vor ihr stand ein Mitglied der Familie Milagros. Die Ähnlichkeit mit Leon war nicht zu verkennen, auch wenn dieser Mann etwas älter und erfahrener wirkte. Sein Alter war schwer einzuschätzen, vielleicht irgendetwas zwischen 20 und Mitte 30. Seine Haut war vom Wetter gebräunt und sein Haar an den Spitzen ausgeblichen.
„Brauchen sie Hilfe?“
Seine Frage löste tausend Gedanken in ihr aus. Sie musste erbärmlich aussehen und er strahlte eine Selbstsicherheit aus, die schon fast einschüchternd auf sie wirkte. Allein sein Lächeln brach jeden Damm und ließ die Worte aus ihr heraus sprudeln. Sie riet ihm als erstes weiter zu ziehen, bemerkte aber dann die Verwirrung in seinem Gesicht, da sie ihn doch angehalten hatte. Sofort erklärte sie ihm mit schnellen, hastigen Worten die Situation, berichtete vom Ausbruch der Seuche „Morgerias Hauch“ und dunkle Schatten legten sich über seine mandelförmigen Augen, als spiegelte sich ihre Sorge darin. Aufmerksam lauschte er ihren Worten. Sie versuchte ihm die Symptome und erste Zeichen der Krankheit zu erklären, worauf die Menschen achten sollten und sah dabei an ihm vorbei den Weg hinunter, als ihr eine kleine Gestalt auffiel, die sich zu Fuß näherte. Die Stimme des Ritters ließ sie wieder zu ihm auf blicken. Er war inzwischen abgestiegen, aber war noch immer um einiges größer als sie, so dass sie den Kopf leicht in den Nacken legen musste. Wie wohl alle in seiner Familie war er einfach eine imposante Erscheinung mit nicht geringer Austrahlung. Er hob die Hand und wollte sie mit dieser Geste beruhigen, sie bitten langsamer zu sprechen.
„Verzeihen sie, junge Dame. Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass sie gleich umfallen vor Erschöpfung. Mir wäre es lieber sie setzten sich.“
Seine direkte, freundliche Art war entwaffnend und Delilah wusste nur zu gut, dass er die Wahrheit sprach. Sie war seit dem Aufbruch aus Jorsa auf den Beinen und durch die schwere Arbeit hier vor Ort vollkommen erschöpft. Es war nur erschreckend, dass dieser Mann ihr das anscheinend nur zu deutlich ansah. Seine Hand deutete auf einen Stein, nahe des Torbogens an dem überdeutlich die gelbe Fahne flatterte „MORGERIAS HAUCH“.
Nachdem sie sich gesetzt hatte, bemerkte nun auch er die Gestalt, die sich von hinten näherte und hob grüßend die Hand. Dann wandte er sich wieder an die Novizin. Delilah fühlte, dass ihre Knie zitterten. Offenbarte sich hier vielleicht ein klein wenig Hoffnung? Hatte Lysanthor einen seiner Diener gesandt, um die schlechte Kunde schneller zu verbreiten?
„Mein Name ist Verano Milagros, der Erste, Graf von Weißenfels zu Rugta, zu ihren Diensten. Wie ich ihrer Kleidung entnehme, gehören sie zum Stab der Akademie in Jorsa. Ich bin gerade auf dem weg dort hin. Ich muss gestehen, dass ich nicht ganz verstanden habe, was hier vor sich geht, aber wenn ich irgendwie helfen kann ...“
Erneut sah er sich zu dem kleinen, dunkelhäutigen Mann um, der sie nun erreicht hatte und gebot ihm anzuhalten. Die Vorstellung hatte Nahaki mit angehört. Delilah sah sich nun zwei Männern gegenüber, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Der Graf schien jedoch so viel verstanden zu haben, dass er darauf achtete, sie nicht zu berühren, auch wenn seine Hände sie wohl gern gestützt hätten.
„Bitte erklären sie mir noch einmal, was hier geschehen ist, nur etwas langsamer.“
Gleichzeitig nickte er dem Neuankömmling wohlwollend zu, als sei es selbstverständlich, dass sie sich hier getroffen hatten. Eine seltsame Spannung lag in der Luft. Nahaki kannte so etwas aus vergangenen Tagen. Immer wenn schreckliche Dinge geschahen, rückten die Menschen enger zusammen und ihr Flüstern würde lauter. Ob es sich dabei um eine Schlägerei auf offener Straße handelte, oder eben ganze Landstriche betraf; dieses Verhalten war immer gleich. Im letzten Dorf hatte es zur Folge gehabt, dass er aus lauter Angst heraus ausgeschlossen wurde, doch hier war der Kreis kleiner und der Wunsch nach Hilfe lag fast schmeckbar in der Luft. Hier war der Wunsch kein Flüstern mehr, hier spürte er instinktiv, hier wurde er gebraucht und wo das Flüstern der Pflanzen verklungen war, da war es Zeit, dass die Menschen miteinander sprachen, damit sie die Hoffnung nicht verloren.

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Nahaki » Sonntag 23. März 2014, 19:44

Der Hof wurde immer größer, bis man ihn irgendwann als real bezeichnen konnte. Vor dem Druiden spielte sich ein Szenario auf, das er aufmerksam beobachtete. Ein junges Mädchen und der Reiter standen einander gegenüber und sprachen. Über was, das vermochte der Tabiki zuerst nicht erkennen, je näher er aber kam, umso weniger rätselhaft waren die Worte. Morgerias Hauch, ein Graf und ein kleines Mädchen, darum drehte sich das Gespräch also. An sich hätte der Druide so viel auch ohne die Worte erkennen können. Beide Personen waren da und über ihnen wehte eine gelbe Fahne im Wind. Das Gefühl, man brauchte hier Hilfe wurde auch immer greifbarer, fast, wie ein warmer Nebel, deren dicke Tropfen man schon fast physisch fühlen konnte. Das Schicksal zeigte den Menschen ihren Weg auf und das Verhalten der Dörfler wurde von Nahaki nun als ein Zeichen verstanden. Hier würde man ihn gebrauchen können. Daher fasste der kleine, dunkelhäutige Kerl sich ein Herz und drängelt sich in eine Sprechrolle hinein. "Hallo, ich bin der Nahaki!", stellte er sich mit seiner Standardfloskel vor, die er auch schon in vielen Sprachen gelernte hatte, die er ansonsten nicht zu sprechen in der Lage war. "Hab' gehört, Morgerias Hauch ist hier? Vielleischt habe ich genau das Richtige, um hier wieder ein paar Lacher hinzulocken, ja?!". Man konnte deutlich erkennen, dass dies nicht seine Muttersprache war, daher würde man ihm den saloppen Umgang hoffentlich verzeihen. Wenn man genau hinhörte, würde man vielleicht sogar einen gewissen südlichen Anschlag in seiner Stimme erkennen, als ob er mit seinem Akzent einen Dialekt der hiesigen Sprache beherrschte. Das Mädchen vor ihm sah eindeutig mitgenommen aus. Zum Einen wollte er nur zu gerne erfahren, was sie alles durchgemacht hatte, zum anderen war dem Druiden auch ein wenig bang vor dem, was er als Antwort hören könnte. Wieso zeigte sich ansonsten niemand auf dem Hof? War das kleine Mädchen die einzige Überlebende? Hoffentlich gab es hier noch mehrere Personen, die man retten konnte. Was, wenn die Flöhe sie schon befallen hatten? Es musste schnell gehandelt werden, ansonsten würde der Tabhiki nichts mehr unternehmen können. Mit einem Griff in eine seiner Tuchfalten holte er zwei der Säckchen hervor, die deren Träger vor den Flöhen schützen würden. Einen reichte er dem Reiter, während er den anderen deutlich behaglicher dem Mädchen hinhielt. "Das schützt gegen die Flöhe... für die Tierchen stinkt das gewaltig und sie werden euch in Ruh lassen! Nimmt mal, ja?!" Seine Stimme schien für einen recht kleinen Kerl ungewöhnlich laut zu sein, aber unter Naturvölkern war ein lauterer Umgang nicht selten. Schließlich hatte man mehr Platz und weniger zu verbergen, als die 'zivilisierten' Völker.

Kurz darauf stieg dem Druiden ein widerlicher Gestank in die Nase. Verbranntes Menschenfleisch, unverkennbar. Ein Mensch würde Stunden brauchen, um komplett auszubrennen und der Gestank würde noch zäher sein, als der Körper selbst. So etwas riechen zu müssen, betrübte Nahaki eindeutig, aber es lenkte ihn ebenso zu einer weiteren Frage. "Wie viele Menschen gibt's noch hier?", erkundigte er sich. Mehr müssten schließlich zu retten sein. "Und darf ich dich mal angucken, Mädchen? Wenn du schon die Flöhe hast, dann müssen wir schnell handeln, weißt du, ja?!" In seiner Kultur war man sehr direkt, wohl einer der Gründe, wieso Nahaki so geradeaus diskrete Fragen stellte, ohne Höflichkeitsfloskeln oder andere Gesprächsmuster zu beachten. Auf der anderen Seite hatten sie aber wirklich nicht sonderlich viel Zeit, weshalb jede Minute entscheidend sein könnte. Wenn sich der Druide nicht täuschte, hatte er noch ein paar Kräuter im Rucksack, deren Rauch die Flöhe ersticken würde. Da aber die meisten der Kräuter die er besaß nur sehr rudimentär gebraucht wurden, war sich der Tabhiki nicht mehr vollkommen sicher.

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Delilah » Mittwoch 26. März 2014, 19:51

Erst als der fremde Ritter mit den so bekannten Zügen im Gesicht sie darauf ansprach, bemerkte die junge Novizin ihre Erschöpfung wirklich. Schwer wie blei waren ihre Glieder, verspannt ihre Muskeln und kalt ihre Finger. So ließ sie sich widerspruchslos auf dem Stein nieder und legte den schmerzenden Kopf in die Hände. Sie seufzte kurz. "Verano Milagros..." Eine Erinnerung erwachte in ihrem Kopf und sie war im Moment ein wenig durcheinander, sodass es geschah, dass ihre Gedanken den direkten Weg über ihre Lippen nahmen. "Verano Milagros... also seid ihr Leons Verwandter? Brit hat sich einmal beinahe wegen Euch mit ihm gestritten..", murmelte sie. Wie sollte dieser nettwirkende Herr solche Probleme machen, dass sich ihre gutmütige Freundin so darüber erzürnen konnte?

Ja, sie brauchte Hilfe. Ja, sie hätte sie gerne in Anspruch genommen. Nein, im Moment konnte er ihr leider nicht helfen und sie musste es alleine schaffen. Also die ganze Geschichte noch einmal erzählen. Nova hob gerade an um die Umstände noch einmal zu erklären, diesmal ruhiger hoffentlich und geordneter, als eine ungewöhnliche Gestalt zu ihnen stieß. Ein dunkelhäutiger Mann mit seltsam anmutender Kleidung, die schien als bestünde sie nur aus gewickelten Tüchern... Er war kräftig, doch glaubte Delilah fast, dass er noch kleiner war als sie selbst und für eine Jorsanerin war sie sehr klein gewachsen. Man musste nicht erst auf seinen eigenartigen Akzent hören, um zu bemerken, dass er von weit her stammte. „Meine Name ist Delilah Tesséras. An der Akademie nennt man mich jedoch Nova.“, stellte sie sich schließlich als letzte der drei vor. Wie war dieser Nahaki wohl hierher gekommen? Und woher? Verano Milagros jedenfalls, schien seine Anwesenheit weder zu beunruhigen noch zu stören. Sie wollte auch ihn gerade vor der Krankheit warnen, als er sie ganz von selbst ansprach. Er war also schon informiert, schien jedoch so entspannt und fröhlich als wäre es ein sonniger Nachmittag im Sommer, ohne Sorgen und Tod. Seine Art zu sprechen war eigenartig, hier und da kämpfte er noch mit dem Celcianischen und fast jeder seiner Sätze endete mit einem hohen Ton, so dass es klang als wäre es eine Frage. Zwischen all der Erschöpfung kam Neugierde in der Novizin auf. Er wollte helfen können? "Das schützt gegen die Flöhe... für die Tierchen stinkt das gewaltig und sie werden euch in Ruh lassen! Nimmt mal, ja?!" Nun wirklich erstaunt nahm Nova das Säckchen entgegen, öffnete es und besah sich den Inhalt. Sie zog eines der Blätter heraus und besah es sich, doch kam es ihr in keinster Weise bekannt vor. In ihrem Gewächshaus wurde dieses Kraut jedenfalls nicht gezogen, doch kannte sie ein anderes mit einer ähnlichen Wirkung. Als Räucherung half es nämlich perfekt um Flöhen das Leben zu erschweren und zu beenden. Der Mann war ihr sofort sympathisch und sie lächelte ihm, wie auch dem Reiter Milagros müde zu. Sie hatte keinen Grund einem der beiden zu misstrauen. Verano Milagros war ihr sogar halbwegs bekannt und Nahaki schien ehrlich helfen zu wollen. Mit seiner offenen Art konnte sie sich schnell anfreunden, entsprach es doch ihrem früheren Wesen.

"Wie viele Menschen gibt's noch hier?"
Nova nahm diese Frage zum Anlass, um auch dem Wunsch des Ritters nachzukommen. „Eine Frau hier ist schon gestorben.“, sie nickte zu dem Feuer, das noch immer qualmte und stank. „Ihr Mann war bei uns in der Akademie, jedoch wegen etwas anderem, und ist in unserem Heilertrakt gestorben. Ich bin nur hierher gekommen um die Familie zu informieren. Da war sie schon tot.“ Sie stockte einen Moment und holte neuen Atem. „Der Sohn ist verschwunden, vermutlich über die Grenze, er glaubt der Hauch sei von dort gekommen. Die Tochter, Olia, lebt noch. Die Krankheit ist jedoch schon ausgebrochen.“ Sie sah nun direkt Nahaki an. „Wie weit kennst du dich mit der Krankheit aus? Wie würdest du ihr helfen?“ Sie hatten nichts dagegen, dass er sie untersuchen wollte. Innerlich war sie heilfroh nicht mehr allein an aussichtsloser Front kämpfen zu müssen...
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Nahaki » Freitag 28. März 2014, 15:38

Nahaki empfand größten Respekt für das kleine Mädchen, das in etwa seine Größe erreichte. Anscheinend hatte sie sich alleine um die Situation hier gekümmert und vermutlich hat sie auch mit dem noch immer etwas beißenden Geruch von verbranntem Menschenfleisch zu tun. In so einer Lage ließe sich aber auch nicht mehr tun, eine Leiche, die mit dem Hauch Morgeria's infiziert war, musste verbrannt werden. Für ein noch so junges Mädchen, wie Delilah war dies sicherlich eine Herkulesaufgabe, die sie dennoch gut gemeistert zu haben schien. Als sie sich vorstellte, nickte der Druide ihr lediglich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu. Auch bemerkte er, wie Delilah das Kräutersäckchen betrachtete und sogar einen Blick hineinwarf. Anscheinend konnte sie zumindest grob etwas mit den Blättern anfangen, als ob sie mit der Materie der Pflanzen- und Kräuterkunde zumindest ein war. Ob dies nun der Fall war, vermochte Nahaki nicht zu sagen, aber zumindest überraschte es ihn leicht, dass das Mädchen sich den Inhalt des Säckchens angeguckt hatte. Die Informationen, die Delilah ihm verriet, beantwortete er mit einem Nicken, begann jedoch dann, etwas zu Schmunzeln. "Heilen kann ich die Krankheit nicht, ja?! Es gibt da eine Möglichkeit, die würde aber vielleicht sehr lange dauern. Wisst Ihr, ob das Mädchen denn schon erkrankt ist oder war es nur die Mutter?" Dem Druiden war nicht ganz klar, was Delilah damit meinte, als sie sagte, die Krankheit sei bereits ausgebrochen. Auf dem Hof? Oder bei dem Mädchen speziell. Wenn das Mädchen erkrankt war, würde er nicht mehr allzu viel tun können. Vielleicht wäre er in der Lage, die Krankheit zumindest ein wenig zu verlangsamen, aber auch das stand in den Sternen. Ein Ass hatte Nahaki aber noch im Ärmel. Unter Umständen mochten die Pflanzen mehr über die Heilung wissen. Aber zumindest müsste er so höchstwahrscheinlich eine lange Zeit warten, um eine Antwort zu erhalten. Mit einem Zauber könnte er seine Frage durch das ganze Land jagen, aber es bräuchte genau so lang, um eine Antwort zu erhalten, wenn denn überhaupt eine Pflanze sich zu einer Antwort verpflichtet fühlte. Außerdem würde er nicht weiterwandern können, da er in der Lage sein musste, die erste Pflanze, die er fragte auch wieder für eine Rückmeldung anhören zu können. Was im Endeffekt auch der Grund war, wieso er diesen Zauber vorher noch nicht angewendet hatte. Vielleicht würde es Stunden oder sogar Tage dauern. Und ob die Antwort ihm dann gefallen würde, war auch nicht gesagt.

So viel also zur Theorie. Sinnvoller war es nun allerdings, die Erkrankte oder nicht Erkrankte einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. "Könnt Ihr mich zu dem Mädschen führen? Vielleicht kann ich helfen, ja?!" Auch wenn Nahaki ein lustiger Geselle war, der ganz gerne seine eigene Geschwindigkeit an den legte, so wusste er dennoch, wann man Not zur Eile bestand. Und dies war ein solcher Moment. Zumindest würde er die Flöhe fernhalten können, und falls das Mädchen schon befallen war so könnte er zumindest die schon vorhandenen Flöhe abtöten und ein wenig näher untersichen. Vielleicht war an ihnen ja etwas besonderes, das weiteren Aufschluß über die Krankheit, den Überträger und vielleicht sogar die Quelle geben könnte. Und falls Delilah bereits befallen sein sollte, so würde man ihr vermutlich noch eher helfen können, als dem Mädchen.

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Delilah » Dienstag 15. April 2014, 19:08

Nova war müde. Schrecklich müde. Ihre Gedanken wurden bleiern, ihre Glieder ebenso. Ihr Herz schlug hart gegen ihren Brustkorb und das Atmen viel ihr so viel schwerer. Doch nach dem kurzen Informationsaustausch richtete sie sich langsam wieder auf. Ihr Körper protestierte, doch ihr Geist zwang die Schwäche nieder. Sie blickte Nahaki noch einmal kurz an. Es widerstrebte ihr, die beiden gesunden Männer an diesen Ort der Krankheit zu führen, aber sie wollte ersteinmal auf Nahakis Kräuterkünste vertrauen. Mit nun festen Schritten ging sie über den Hof an der brennenden Leiche der Mutter vorbei auf das Häusschen zu, in dem es nun wärmer war als zuvor, denn sie hatte den Ofen wieder in Gang gesetzt. Dabei klärte sie Nahaki weiter auf. "Es haben sich bereits die schwarzen Flecken auf ihrer Haut gebildet... bald werden sie zu Beulen werden, wenn sie nicht inzwischen sogar schon so weit sind... Fieber hatte sie vorhin noch nicht..." Sie öffnete die Tür, drehte sich aber vorher noch einmal zu Nahaki um und hob den Finger an die Lippen. "Olia...Sie schläft..." Nova wollte das Mädchen eigentlich nicht aus diesem Frieden reißen. Jeder Moment ohne Schmerzen würde sie bald zum Geschenk werden. Sie musterte die beiden so unterschiedlichen Männer. Nahaki, klein und kräftig, selbst jetzt ein breites Grinsen auf den Lippen. Er schien ein offenes Buch, ein helles Licht. Verano Milagros war groß und stattlich und er hatte diese bemerkenswerten Augen, die ständig die Farbe zu wechseln schienen, doch trotz seiner höflichen Art umgab ihn etwas Geheimnissvolles. Nicht unbedingt etwas Bedrohliches, nur etwas ... Verborgenes. Früher und vermutlich jetzt auch noch, wenn sie sich nicht gerade in solch einer brenzligen Situation befinden würde, hätte sie ihn bewundern beobachtet. Und sie hätte in Gedanken ihre Geschichten um ihn gesponnen, wie sie ihr aus den vielen Büchern bekannt waren, die sie gelesen hatte. Auch jetzt huschte so einer durch ihren Lockenkopf. Was er wohl schon erlebt hatte als Ritter des Lichts? Ob er sich hier wohl fürchtete? Einem Feind gegenüber gegen den er noch viel weniger ausrichten konnte, als selbst Nova und Nahaki?
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Freitag 25. April 2014, 14:32

Nahaki folgte der zierlichen Frau ins Haus. Das Feuer in dem noch die Leiche beinahe lautlos, jedoch umso Geruchs intensiver verbrannte, war mit ausreichend Abstand zum Haus errichtet worden und befand sich auch nicht in unmittelbarer Nähe zu den Gärten die Nahaki bis jetzt nur erahnen konnte. Vielleicht könnte er dort später nach brauchbaren Pflanzen sehen und die vorhandenen Pflanzen etwas aus der momentanen Lethargie reißen. Doch gerade verschwendete der junge Druide keinen Gedanken an Pflanzen und die Freuden der Natur. Er musste nun abwägen welche Möglichkeiten ihm zur Verfügung standen und konzentriert und entschlossen handeln, sonst wäre vielleicht nicht nur das Leben des Kindes in Gefahr, sondern ihr aller.
Klar war in jedem Fall, dass dem Druiden nicht viel Zeit bleiben würde, um alles genau zu überlegen. Instinkt und Wissen mussten ihn nun so gut führen, wie sie es vermochten.
Das Haus wirkte beim Betreten heimelig. Ein paar getrocknete Kräuter hingen von der Decke und der sorglos in die Ecke gestellte Badezuber zeugte davon, dass hier Menschen wohnten. Oder gewohnt hatten. Doch abgesehen davon vermittelte das Haus doch irgendwie einen beinahe genauso kränkelnden Eindruck, wie seine Bewohnerin, die noch unbehelligt in ihrem Bett schlief. Obwohl Delilah das Haus bereits gründlich gereinigt hatte, schienen die Sonnenstrahlen sich nur zögerlich durch die Fensterscheiben zu wagen. In diesen Strahlen tanzten jene winzigen Staubkörner, die man selbst durch die gründlichsten Putzkolonnen nicht vertreiben kann, einen lautlosen und irgendwie fehl am Platz wirkenden, fröhlichen Tanz
In der Ecke konnte Nahaki das Bett erkennen, in welchem Olia für einen kostbaren Augenblick der grausamen Realität entflohen war. Bald schon würden er und Delilah sie wecken müssen. Sie würden auch die Laken abbrühen und die Matratze erneut reinigen müssen. Doch zunächst stand dieses kleine, wehrlose Kind an oberster Stelle.
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Nahaki » Samstag 26. April 2014, 10:38

Kaum hätte der Druide in einer prekäreren Lage sein können. Es schien, als ob man ihm still und heimlich in die Rolle des Mediziners gesteckt hatte. Nicht aus Absicht, sondern mehr aus jenen gesellschaftliche Prozessen, die jeden in eine Rolle positionierten, die im besten Fall passend, ansonsten einfach nur gebraucht wurde. Ein Philosoph, den Nahaki vor einiger Zeit an der Akademie traf, formulierte es in etwa so: Das Leben ist ein Schauspiel. Niemals ändert sich das selbst, ständig jedoch Bühne und Rollen. Und so war es nun er, der die Rolle des Medicus, des Heilers oder Baders einnehmen musste. Wie er mit dem armen Mädchen, dass dort so krank im Bett lag verfahren sollte, wusste er selbst nicht. Zu lange würde es dauern, sich an die Natur zu wenden oder den Kräutergarten zu durchforsten. Wie sagte man hierzulande? Nach der Nadel im Heuhaufen suchen? Das träfe es wohl recht gut. Aber für diese Nadelsuche blieb recht wenig Zeit. Was sollte er also tun? Aufgeben, ihr einen möglichst angenehmen Tod verschaffen und die anderen schützen oder einfach nur auf gut Glück all seine Kräuterressourcen aufbrauchen? Da musste man realistisch sein. Zeit fehlte und es hätte wenig Sinn, an dieser Stelle willkürlich kostbare Medizin zu verschwenden. Die womöglich nicht wirken würde. Morgeria's Hauch ist keine alltägliche Krankheit, die man mit ein bisschen Kamille und Schafgarbe aus der Welt schafft. Ein Gegenmittel zu finden würde sicherlich länger dauern, als das Mädchen noch in einem rettbaren Zustand bliebe. Jeder Plan des Tabiki scheiterte an exakt einer Komponente, einem Vektor, einem Faktor, der so alltäglich und vielleicht gerade deswegen so unterschätzt wurde: Zeit. Aber halt. An die simpelste aller menschlichen Denkweisen gerichtet: Was sollte man tun, wenn man keine Zeit mehr hat. Antwort: Sich beeilen oder sich Zeit verschaffen. Erstes würde, wie mehrfach abgewogen, wohl nicht viel Ertrag liefern, zweites hingegen...

Nach außen hin wirkte Nahaki auf ein mal angestrengt, Falten zogen sich über seine Stirn, von seinen Augen weg, gleich den flüchtenden Rinnsalen eines umgeworfenen Glases. Man konnte erkennen, dass er doch nicht nur der fröhliche, lachende Geselle war, als den er sich gab. Kratzende Geräusche spalteten sich von seiner Schädeldecke ab, als seine Hand über die kurz rasierten Stoppeln fuhr. Wie könnte man die Zeit verlängern? Zwei generelle, wahrscheinlich viel zu simple Möglichkeiten schwebten ihm vor dem inneren Auge. Zum einen würden sich Prozesse im Körper durch Kälte verlangsamen. Eis gab es zu dieser Zeit wohl kaum, aber zumindest könnte man einen kühlenden Sud anmischen und magisch verstärken. Andererseits bestand die Möglichkeit, heißes Wasser in den Zuber zu lassen. Hitze simuliert Fieber und Fieber ist, entgegen vieler Annahmen, sogar recht hilfreich, da es viele Bakterien abtötet. Wie hartnäckig Morgeria's Hauch war, wusste wohl kaum jemand, vielleicht war aber auch gerade der Punkt dieser Krankheit, durch so simple Behandlungen heilbar zu sein? Kaum ein Arzt, der sich mit etwas derart Exotischen, wie dem Hauch beschäftigte, würde auf die Idee kommen, es mit den einfachsten Mitteln zu bekämpfen. Vielleicht war genau das der Denkfehler? Aber welche der beiden Möglichkeiten wäre die bessere? Kühlen und verlangsamen oder künstliches Fieber, für welches das arme Mädchen bereits zu schwach sein könnte? Nützlich wäre es auf jeden Fall, ein paar weitere Informationen dazu zu sammeln. Hatte er nicht etwas in seinem eigenen Notizbüchlein aufgeschrieben? Womöglich ja, vielleicht aber auch nicht. Nachdenklich blickte er Delilah an. "Vielleicht habe ich da was... ich bin mir aber nicht sicher." Seine Stimme war dabei leise, nicht drängend, untermalt vom leichten Bass, der seiner breiten Brust entsprang. Auf einem Bein kniend, machte sich der Tabiki daran, in seinem Rucksack nach seinem Notizbüchlein zu suchen. Hoffentlich war es noch da und hatte ein paar essentielle Informationen.

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Montag 28. April 2014, 08:22

Delilah hatte die beiden Männer leise in das kleine Bauernhaus geführt. Es ging eine, wenn auch morbide, Faszination von diesem verseuchten Ort aus. Die junge Licht-Magi ahnte inzwischen, dass alles Unheil hier seinen Anfang genommen hatte und das kleine Mädchen hier und nirgends anders mit dem ursprünglichen Keim des Hauchs in Berührung gekommen war. Alles Wissen, das sie sich in den letzten Monaten angeeignet hatte, lag noch frisch hinter ihrer zarten Stirn auf der die Perlen ihrer Anstrengung glitzerten. Oliana im Bett ihrer toten Eltern zu sehen, so still, wie eine Mahnung, dass auch ihr viel zu kurzes Leben bald zu Ende sein könnte, war wie eine Fessel die straff ihr Herz umspannte. Wie schnell und wie ungerecht schlug oftmals der Tod zu und wie grausam war es für jene die allein zurück blieben. Doch durfte sie in diesem Moment an so etwas denken? Musste sie nicht für das Leben dieses Kindes kämpfen, auch wenn es vielleicht hoffnungslos war und sie am Ende doch den letzten Weg beschreiten würde? Raphael hatte ihr sehr deutlich einen Gedanken in ihr Herz gepflanzt. Egal wie es ausgehen würde, sie musste alles tun, was in ihrer Macht stünde und vielleicht noch mehr, wenn sie später mit reinen Gewissens mit dem Tod des Mädchens leben wollte. Und hatte ihr nicht das Schicksal gerade zwei Helfer an die Seite gestellt? Einer der starke Arme besaß und der Einer der wache Gedanken in sich trug. Nahaki war Naturmagier, kein Heiler aber wenn sie ihre Fähigkeiten, ihr Wissen zusammen warfen, so konnten sie vielleicht etwas großes bewirken. Verano war Krieger, am wenigsten geeignet um den Kampf gegen den Tod aufzunehmen aber er wirkte hoch motiviert. Der Graf von Weißenfels war als letzter durch die für ihn fast ein wenig zu niedrige Tür getreten und stand nun verloren inmitten des Hauses. Seine Augen waren dunkel und eine senkrechte Falte zog sich zwischen seinen Brauen in Richtung Nase hinunter. Was er wohl dachte? Delilah, die sie Nova nannten, betrachtete ihn kurz aus dem Augenwinkel und wäre es eine andere Zeit, ein anderer Ort, so hätte sie ihn wohl möglich für schön empfinden können oder für eben jenen geheimnisvollen Prinzen aus ihren Geschichten. Doch an diesem Ort verschluckte die Dunkelheit sein Stahlen und einzig sein Blick bot Halt, Stärke und Entschlossenheit zu handeln, auch wenn er nicht wusste, wie er helfen sollte. So trat er halb hinter sie und schaute über ihre Schulter hinweg auf das schlafende Mädchen, während sich sein Gesicht ihrem näherte und er leise fragte:
„Was kann ich tun?“
Seine Hände waren geballt, als wollte er gegen den unsichtbaren Feind zu Felde ziehen, ihn notfalls mit bloßer Hand hinaus prügeln. Seine Lippen waren ernst und leicht zusammengepresst. Nova sah von ihm wieder auf das Kind und konnte ihm nicht gleich antworten, da Oliana gerade leise stöhnte. Das Mädchen drehte seinen Kopf zur Wand und dabei sah die Heilerin einen weiteren schwarzen Fleck in ihrem Nacken. Die Haut an der Oberfläche war trocken und rissig, aber das würde nicht lange so bleiben. Sehr bald würden sie sich zu wölben beginnen und dann musste Delilah das schlimmste tun, was sie jedem Kranken gerne erspart hätte, ihm zusätzliche Schmerzen bereiten. Sie musste die Beulen aufschneiden um den Eiter zu befreien, damit die Keime nicht nach innen in den kleinen Körper wandern konnten und so auch in ihr Blut um dort den Tod zu bringen. Sie war diese Prozedur theoretisch schon viele mal durch gegangen, doch sie praktisch durchzuführen war eine ganz eigene Herausforderung. Noch wies das Mädchen keine Zeichen von Fieber auf und der prophezeite Schüttelfrost hatte auch noch nicht eingesetzt. Die Krankheit war noch im Keimen. In diesem Stadium konnte man dem jungen Körper noch helfen, seine eigenen Selbstheilungskräfte zu entfesseln … nur wie?
Der Tabaki blickte Delilah an.
"Vielleicht habe ich da was... ich bin mir aber nicht sicher."
Seine Stimme hatte einen angenehmen leichten Bass, der seiner breiten Brust entsprang. Auf einem Bein kniend, machte er sich daran, in seinem Rucksack nach etwas zu suchen und zog dann ein Notizheft hervor. Es war klein und fest gebunden und vom vielen Blättern waren die Ecken abgegriffen, fast rund. Nahaki überflog es und fand dann einige Stellen nach der er gesucht und über die Jahre zusammen getragen hatte. Leise flüsternd las er erst in seiner Heimatsprache vor und übersetzte dann jedoch gleich:
„ … Mm ... Brennesel blutreinigend, schmerzlindernd, entzündungshemmend … Eiche äußerlich bei heißen Entzündungen und nässenden Ekzemen … Engelwurz schützt vor Ansteckung! Das könnten wir gut gebrauchen. Holunder wirkt schweißtreibend und könnte von innen bei einem künstlichen Fieber unterstützen, wo hingegen Weidenrinde fiebersenkend wirkt. “
Er blätterte vor und zurück, zögerte:
„… Hm ... Nein, zu selten und gefährlich ...“
Verano sah in auffordernd an und zischte:
„Wenn ihr etwas wisst, sagt es. Egal wie unwahrscheinlich, egal wie hoffnungslos, wir müssen alles versuchen, oder könntet ihr mit damit leben, es nicht wenigstens versucht zu haben?“
Sie sahen einander fest an und fast unwillkürlich huschte das letzte Wort was er gelesen hatte Nahaki über die Lippen. Es handelte sich dabei mehr um eine Legende unter den Naturmagiern, als um tatsächlich greifbare Hilfe.
„Die Seelenrose … aber sie zeigt sich nicht jedem ...“
Er blätterte weiter und kam an die Stelle, die beschrieb, wie man sich bei Krankheiten mit Fieber oder Kälte Zeit verschaffen konnte. Als er dort vorlas, erinnerte sich auch Nova sofort, was sie über Morgerias Hauch gelernt hatte. Man sollte die Patienten warm halten, denn der Kern der Krankheit bestand vor allem darin, dass sie dem Patienten seine Energie und damit auch Lebenswärme entzog. Oliana brauchte als aller erstes Wärme! Einen Badezuber hatten sie und die Feuerstelle hatte Delilah auch wieder in Gang gebracht. Wenn sie vielleicht Verano dazu überreden könnte den Zuber mit heißem Wasser zu füllen, ihn so zu präparieren, dass man Oliana hinein legen könnte, ohne dass sie darin unter gehen konnte und Nahaki für die Behandlung der Beulen Kräuter und Holunder für ein herbeigerufenes Fieber besorgen könnte … Vielleicht war doch noch nicht alle Hoffnung verloren. Sie mussten nur zusammen arbeiten.
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Dienstag 27. Mai 2014, 09:57

(in Absprache mit Deli)

Delilah stand einen Moment grübelnd über dem Kind am Kopfende und ging in Gedanken ihre Möglichkeiten durch. Dann trat sie zurück und dirigierte die beiden Männer in den vorderen Teil des Hauses, damit sie leise Sprechen konnten:
„Bitte helft mir. Nahaki, wir brauchen Kräuter! ... Holunder für den Tee, Brennesel, Eichenlaub für das Bad und Engelwurz für uns. Es gibt ein Gewächshaus hinter der Küche. Es ist vernachlässigt, aber vielleicht findest du dort schon viel von dem was wir brauchen. Wir müssen sie stabilisieren … Verano ...“
Sie sah kurz schüchtern zu dem Grafen auf, den sie so unförmlich angesprochen hatte, doch dieser schien es überhauptnicht bemerkt zu haben. Für Etikette blieb in Situationen wie diesen keine Zeit.
"Verano, ich brauche eure Hilfe hier. Bitte kocht Wasser und füllt den Zuber. Wir brauchen eine Möglichkeit sie dort hinein zu legen, ohne dass sie untergehen kann, aber ganz mit Wasser bedeckt ist. Schafft ihr das?"
Verano sah sich um, nickte und machte sich sofort an die Arbeit.
"Nahaki, ihr habt die kleineren Hände. Falls ich ... aus igendeinem Grund nicht greifbar sein sollte und die Geschwühre sich zu wölben beginnen, müsst ihr sie aufschneiden! Das ist wichtig! Sie weird sonst sterben! Ich ... behalte sie im Auge. Ich ... versuche ihr etwas Zeit zu verschaffen."
Nova drehte sich zu Oliana um und presste die Lippen aufeinander. Mit langsamen Schritten näherte sie sich dem Kind und hatte die Fäuste geballt. Sie stetzte sich neben sie auf das frisch bezogene Bett und streichelte die kalte Stirn. Unter ihren Fingern konnte sie fühlen, wie die Krankheit bereits begonnen hatte an ihrer Lebensenergie zu nagen. Ob Oliana noch einmal erwachen würde, lag im Willen der Götter, den sie still erflehte. Eine Weile beobachtete sie wie Verano den Zuber mitten im Raum zurecht rückte, ihn mit zwei kleinen Hockern bestückte und eine Haltevorichtung für den Kopf bastelte. Einmal klemmte er sich einen Finger in seinem Konstruckt und raunte irgendwelche Flüche, sah dann betreten zu ihr, als hätte er etwas schlimmes gesagt und fuhr eilig fort. In einem Kessel über dem Feuer begann Wasser zu kochen und Nahaki war ab und an leise hinter dem Haus zu hören, wo er das Gewächshaus begutachtete.
Deli war fast allein mit dem Kind und alles war damit beschäftigt ihr das Leben zu retten. Sie waren quasi ngestört. Nun war ihr Teil gekommen. Sie hatte es noch nie getahn, aber sie wusste, dass sie es konnte. In Gedanken ging sie ihre Möglichkeiten durch, bevor sie eine Wahl traf.
Verstand des Heilers
Dies ist ein Zauber, der dem Lichtmagier ein grobes Verständnis der Anatomie und physiologischen Abläufe seines Ziels vermittelt. Hierfür überträgt er einen Lichtpunkt, den er aus seiner Stirn zieht, in den Körper seines Opfers, der dort mindestens eine Stunde verweilen muss, um dann zurück genommen zu werden. Der Magier wirkt den Zauber auf sich selbst.
-Nein, dafür habe ich wohlmöglich keine Zeit mehr. Sie ist ein Mensch und ein Mädchen, also wird ihre Anatomie auch die gleiche sein wie bei mir.
Fluss des Lichts
Dieser Zauber lässt reine Energie von einem Wesen zum anderen fließen. Man kann Kraft geben, anderen aber auch entziehen. Letzteres wird unter Lichtmagiern einzig und allein zur Sterbehilfe eingesetzt. Es ist die reinste Form der Heilung, aber nicht sehr zielgerichtet. Der Zauberer verbraucht immer doppelt so viel Energie wie er geben kann und muss deswegen immer auf der Hut sein, sich nicht zu verausgaben. Die Stärke und Intensität des Zaubers ist abhängig von Grad der Ausbildung. Ein junger Magi vermag so vielleicht nur leichte Schnittverletzungen behandeln, wo ein Meister ganze Gliedmaßen ersetzen kann.
-Das werde ich brauchen...
Lichte Innenschau
Ein besonderer Zauber der ein hohes Maß an Konzentration erfordert. Der Zauberer lässt sein Licht in den zu Heilenden fließen, aber behält es dort unter Kontrolle, bis er die zu behandelnden Stellen vor seinem inneren Auge visualisieren kann. Erst dann, lässt er seine „Lichtpartikel“ frei und kann so gezielt und schonender mit seinen eigenen Kräften haushalten. Der Fluss des Lichts wird so in eine ausgewogene Balance gesteuert, benötigt aber einige Zeit an Vorbereitung und innerer Kontemplation.
-Vielleicht sogar noch besser als der „Fluss des Lichts“ … aber sollte ich vorher noch etwas anderes versuchen? ...
Sonnenaura
Der Magier umgibt sich mit einer Aura aus Licht, die sogar in der Lage ist, die Umgebung zu erhellen. Lichtscheue Kreaturen fliehen meist, weil sie die Helligkeit nicht ertragen können. Solange der Magier die Sonnenaura aufrecht erhält, ist er in der Lage, seine Heilzauber um eine Stufe zu verstärken, allerdings benötigt er dazu absolute Konzentration. Schon die kleinste Ablenkung kann seine Pläne zum Scheitern verurteilen und sogar Schaden verursachen. Heilung im Zusammenspiel mit der Sonnenaura ist gefährlich und kräftezehrend, doch auch sehr wirksam.
-Gut. So werde ich es machen.

Nova sah noch einmal zum Kessel schleppenden Fürsten hinüber und lächelte in an. Etwas verstört schaute er zurück und arbeitete dann aber eilig und leise weiter. Deli stand auf und zog den Vorhang, der die Schlafstätte vom Hauptraum trennte zu. Sie wusste Verano würde dieses Zeichen verstehen und sie nur im äußersten Notfall stören. Sicher dachte er, sie würde nun dem Kind ein Nachthemd anziehen wollen oder dergleichen und sie vor seinen Augen schützen. Genau das tat sie auch, aber dann legte sie sich zu Oliana ins Bett und betrachtete die zitternden Lieder. Sie war nicht mal erwacht, als sie sie hatte umdrehen müssen um die Schnürung ihres Kleides zu lösen. Jetzt lag sie ausgestreckt neben ihr und atmete flach. Deli lächelte, strich ihr über die Wange und dachte an ihre eigene Kindheit.
Dann begann die junge Lichtmagi ihr Werk.

Verano Milagros, der Erste, Graf von Weißenfels zu Rugta sah auf, als ein fahles Leuchten sein Blickfeld streifte. Unter dem schweren Vorhang war deutlich ein helles Leuchten zu sehen und er hielt in seinem Tun inne. Gebannt starrte er auf das Leuchten, doch wagte kaum sich zu regen. Lautlos setze er den Kessel ab und tat den ersten Schritt. Eine Bodendiele knarrte leise und das Licht flackerte wie zur Antwort. Er hielt still, auch wenn er nicht genau wusste warum. Regungslos verharrte er und beobachtete mit nur mehr als einem Sinn, wie Magie in schillernden Farben und goldenem Licht einander berührten. Seine Fähigkeit war es mehr zu sehen, als die meisten Menschen und manches Mal hatte er sich schon dafür verflucht, doch heute boten ihm seine Sinne ein unglaubliches Schauspiel. Ergriffen sah er mit glänzenden Augen dem Wirken zu, bis es verblasste. Er war ein Ritter und doch hatte er Furcht. Furcht sich zu früh zu bewegen und somit den Zauber zu zerstören. Das kleine magische Wunder, was sich hinter diesem Vorhang abgespielt hatte wirkte so zerbrechlich, dass er kaum zu atmen wagte. Erst, als wieder die Geräusche seiner Umwelt zu ihm durchdrangen, der Gesang der Vögel, der wieder eingesetzt hatte, das leise Rauschen des Windes, da rührte er sich. Langsam ging er auf die Trennwand zu und seine langen, kräftigen Finger schoben behutsam den Stoff zur Seite. Oliana und Nova lagen still in dem breiten Bett was für eine ganze Bauernfamilie gedacht gewesen war. Sie hielten einander an den Händen und das kranke Mädchen wirkte überraschend rosig. Ihr Wangen waren nicht mehr so weiß, wie zuvor. Sie schlief, atmete langsam, aber tief, schnarchte sogar leise. Dann fiel sein Blick auf die Heilerin neben ihr und er erstarrte. Ihre Augen waren offen und doch nicht. Die Spiegel ihrer Seele waren erblindet. Ein weißer lichter Schleier hatte sich über ihre Augen gelegt. Reglos wie tot lag sie da, doch als er zögernd ihre Hand berührte, war sie zwar kalt, aber nicht leblos. Zitternd kniete er neben dem Bett und flüsterte:
„Nova … geh nicht!“
Dann sprang er auf und hechtete nach draußen. Er schaute sich um, rannte hinter das Haus und stieß fast mit Nahaki zusammen.
„Sie... *keuch*... sie hat … Nova hat dem Kind … sieh selbst.“
Beide Männer liefen zurück zum Haus wo der Naturmagier sich von Veranos stammelnden Worten selbst ein Bild machen konnte. Inzwischen hatte er, bis auf die Seelenrose, alle Kräuter zusammen und stopfte sich eine handvoll Engelwurz in den Mund. Kauend reichte er ebenfalls Verano eine Portion der zwar nicht gleich verstand, aber doch das gleiche tat. Der Fluch Morgerias war nicht besiegt, aber Nova hatte ihnen Zeit verschafft. So viel Zeit, dass Nahaki eine Chance gewonnen hatte, vielleicht ein Gegenmittel für diesen Fluch zu entwickeln. Leider hatte die junge Lichtmagie dabei ihre eigenen Grenzen weit überschritten. Beide sahen sich an und Verano biss die Zähne aufeinander. Dann sprach er:
„Ich helfe dir noch mit dem Kind soweit ich kann, dann werde ich Nova mit mir nehmen. Ich bringe sie in die Stadt. Die Magier der Lichtakademie werden ihr helfen können.“
Der Badezuber war fast fertig und Nahaki brauchte nur noch seine Kräuter hinein zu geben. Verano hob Oliana vorsichtig hoch und legte sie in das warme Wasser. Sie atmete einen Moment etwas schneller und schien sich dann zu entspannen. Die Wärme half. Dann hüllte der Graf die Lichtmagi in eine Decke und nahm sie auf seine Arme.
„Ich lasse dich ungern allein, kleiner Mann. Ich werde dir Hilfe schicken. Du hast mein Wort!“
Dann ging er mit Delilah hinaus und überließ Nahaki seinem Schicksal. Ein kalter Wind strich durch die offene Tür und drückte sie hinter ihm zu. Durch das Fenster konnte der Tabaki die beiden fortreiten sehen. Dann war er allein.

(Deli, weiter bei: Zwischen Jersa und Rugta
Zwischenspiel Ende.)
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Nahaki » Dienstag 27. Mai 2014, 15:22

Nahaki bekam von den außergewöhnlichen Anstrengungen des Mädchens nicht viel mit. Der Kräutergarten befand sich dafür zu sehr abgelegen. Als Verano angerannt kam, wusste der Tabiki sofort, dass etwas nicht stimmte. Im Haus angekommen bestätigte sich die noch frische Vermutung sofort, während er schwerer atmete, als sonst. Die Magierin hatte ein sehr riskantes Manöver gewagt und musste nun dafür ihren Tribut zahlen. Armes Ding. Was exakt abgelaufen war, konnte der kleine Mann nicht so einfach rekonstruieren, Lichtmagie war nicht sein Metier. Die Magie an sich spürte er hingegen umso deutlicher, was nur davon zeugte, dass Delilah einen Herkulesakt vollbracht hatte. Mutig war sie gewiss, mancher mochte es töricht nennen. Nahaki entschied sich für ersteres.
Gemeinsam mit dem Grafen Verano legte er das andere, kranke Mädchen in den Badezuber, die Arme behutsam über den Rand gelegt, damit sie nicht hineinrutscht und ertrinkt. Die kleinen Dinge waren es, die oft vernachlässigt worden. Um sie würde er sich später kümmern müssen.

Als die beiden davonritten, empfand Nahaki so etwas, wie Bedauern. Zu gern hätte er ihnen noch ein wenig gekräftigtes Essen mit auf den Weg gegeben, aber es lief alles so schnell ab, dass er schlichtweg überfordert war. Auch so würden sie es schaffen und die Magier in der Stadt würden sich mit Verlaub sicherlich gut um die beiden kümmern. Viel mehr würden sie ausrichten können, als der Naturmagier. Vermutlich war es besser so. Er hätte sie nur unnötig aufgehalten.

Das Wasser noch bei ausreichender Temperatur, es hatte sich nicht allzu viel verändert. Zunächst gab er die zuvor gesammelten Kräuter hinzu. Sie würden hoffentlich ihren Dienst erfüllen und die Krankheit, beziehungsweise deren Fortwachsen eindämmen. Wenn nicht, so würde das Mädchen bald wieder zu Erde werden. Ein Zustand, der genauso natürlich, wie das Leben selbst war. Von diesem Gedanken erfüllt, begann der Tabiki seine Möglichkeiten zu erörtern. Lange konnte er das kleine Ding nicht im Zuber lassen. Fast wäre sie schon hinein gerutscht. Hierfür müsste er erst einmal eine Lösung finden. Seelenrosen würde er auch noch brauchen. Und darin lag wohl der schwerste Teil des ganzen Vorhabens. Wo würde er diese herbekommen? Sicherlich würden sie nicht gleich am Wegesrand wachsen und nur darauf warten, von ihm gepflückt zu werden. Dem Mädchen gab er in dieser labilen Lage nicht mehr als einen Tag. In diesem Umkreis müsste sich also eine Seelenrose befinden oder es gab keine Zukunft mehr für seine Patientin. Und was war mit all den anderen? Er müsste das Mädchen weiterhin betreuen, wenn Verano sein Wort nicht halten sollte. Zwar gab es zunächst keinen Grund, dem Grafen nicht zu vertrauen, aber Vorsicht sei immer Obacht geboten. Sollte er sie also sterben lassen? Könnte er das? Relativ sicher. Nahaki vertritt keine derart altruistische Einstellung, wie Delilah, er sieht viel mehr die Natürlichkeit der Dinge als oberstes Gebot an. Welches er heute schon mehrfach ausgereizt hatte. Wenn sie also sterben würde, so wäre es vollkommen natürlich. Wenn es hingegen möglich war, ihr zu helfen, ohne alle anderen zu vernachlässigen, so würde der Tabiki dies tun. Auf derart dünnem Eis zu spekulieren, machte aber im Moment keinen Sinn. Zunächst musste er sich über möglichst viele Faktoren für einen Planung informieren. In seinem Notizbuch würde vielleicht etwas mehr über die Seelenrose stehen. Bisher hatte er diesen Abschnitt nur überflogen. Außerdem würde er eine Karte brauchen, mit der er grob die Umgebung einschätzen konnte. Aber zuerst? Zuerst musste er die Lage des Mädchens stabilisieren.

In der Speisekammer konnte der Tabiki ein Seil auftreiben, aus dem Schlafzimmer nahm er zudem eine Decke. Erstes in zweitem eingewickelt band er dem Mädchen unter die Arme, um den Brustkorb herum. Jetzt bräuchte er nur noch etwas schweres. Den Kamin? Wohl kaum? Einen Stuhl? Zu leicht. Aber ein Tischbein könnte Abhilfe leiste. In Bauernhäusern waren Tische meist grob und massiv, dadurch bedingt schwer, also ideal für sein Vorhaben. Auch der Tisch in dem Zimmer entsprach derlei Gütekriterien und so band der Tabiki das Seil um den massiven Hausmöbel. Ein kräftiger Ruck mit der Schulter bestätigte seine These. Das ganze würde halten, dem Mädchen aber, trotz Decke, auf die Länge hin die Haut wund scheuern. Nun bräuchte er nur noch mehr Informationen und eine Karte...

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 5. Juni 2014, 18:07

Alles in allem Betrachtet, hatte der Naturmagier durch die überragende, aber auch leicht unbedacht wirkende Aktion der Lichtmagi vor allem etwas Zeit gewonnen. Zeit, die er sehr gut gebrauchen konnte. Das Mädchen war nun zunächst versorgt und würde erstmal auch nicht spontan in der Wanne ertrinken müssen. Eine langfristige Lösung war seine Konstruktion wohl nicht, aber zunächst hatte er keine andere Wahl.
Als erstes nahm Nahaki nochmal sein Notizbuch zur Hand, um nachzuschlagen was dort Genaueres über die Seelenrose zu finden war. In seinem Notizbuch selbst konnte er zunächst nichts finden, doch als er es gerade enttäuscht in seinen Rucksack packen wollte, fiel ein kleiner Bogen Pergament heraus, bei welchem Nahaki sich nicht einmal mehr erinnern konnte, von wem er ihn erhalten hatte. Zumindest fand der Magier darauf genau das, was er suchte.

Seelenrose
Kategorie: Gefährliche Pflanze
Beschreibung: Diese Pflanze wird auch oft als Heilige Rose bezeichnet und sie kommt nur äußerst selten vor. Sie soll angeblich eine Verbindung zwischen einem Lebewesen und der Natur schaffen indem sie die Seele des Betroffenen mit reiner Energie der Natur versorgt und ihm sehr viel Kraft zur Verfügung stellt. Deshalb haben sich viele Magier (die meisten davon waren Naturmagier) auf den Weg gemacht, um die Seelen-Rose zu finden. Jedoch sind sie alle mit leeren Händen zurückgekommen. Man munkelt, dass die Seelen-Rose sich ihren Besitzer selbst aussucht und ihm dann einfach erscheint. Viele Naturmagier haben schon versucht die Rose zu züchten, sind jedoch immer gescheitert. Nur einmal gelang es einem Magier diese Pflanze wachsen zulassen, aber sie zerfiel jedoch nach einem Tag wieder zu staub, ohne dass sie ihm Energie gegeben hatte.
Verbreitung: Niemandem ist bekannt, wo sie bislang am häufigsten wächst.
Verwendung: Man drückt die Noppen der Blüte an sein Herz und der Energiestrom beginnt.
Schriftrolle Fuss
Mehr Informationen hatte Nahaki jetzt zwar, aber ob ihm das helfen würde blieb fraglich. Er benötigte diese Seelenrose, allerdings ließ sich diese scheinbar weder züchten noch finden.
Der Naturmagier überlegte angestrengt weiter, während er eifrig in den Schränken des Bauernhauses nach einer Karte der Umgebung fandet. Der Naturmagier befand sich gerade bis zur Brust in einer Truhe, als er auf dem Hof ein seltsames schleifendes Geräusch vernahm. In Regelmäßigen Abständen schien ein Gegenstand hart auf dem Boden zu schlagen, woraufhin ein deutliches Schleifen zu vernehmen war. Als der kleine Mann sich aus der Truhe hochgekämpft hatte und auf den Hof trat, sah er die Erklärung für diese Geräusche.

Gebeugt, winzig (sogar kleiner als Nahaki selbst), grimmig und vor allem Alt, kam langsam eine Frau auf den Magier zu. Das natürliche Verfallsdatum ihres Körpers, musste das Wesen vor ihm schon mehrfach überschritten haben. Ihr Gesicht vermittelte den Eindruck, als sei es ein zerknitterter Faltenrock und scheinbar war die Frau auf mindestens einem ihrer Augen blind. Sie zog ihr linkes Bein stark nach und stützte sich beim Laufen deshalb auf einen knorrigen Ast, der den Eindruck vermittelte, als hätte sie ihn einfach von der Straße aufgehoben. Sie trug ein weites, ausgeleiertes und ausgewaschenes Hauskleid, dessen Saum von einer langen Bekanntschaft mit dem Staubigen Boden zeugte. Die Stimme der Alten war kratzig und krächzend wie der Ruf eines Raben. Langsam und schwerfällig aber mit einer deutlich wahrnehmbaren Schärfe in der Stimme stellte sich die Alte als Großmutter Bea vor und blaffte Nahaki dann an: „Wo ist das Mädchen?“
Ohne seine Erwiderung abzuwarten blickte Bea überraschend wendig und gewitzt an Nahaki vorbei ins Häuschen und stieß einen unterdrückten Fluch hervor als sie Olia in der Wanne hängen sah. Mit einem gemurmelten „Männer und ihre Erfindungen…“ huschte sie mit einem Mal an dem überraschten Magier durch die Tür und zog das Kind mit erstaunlicher Kraft aus seiner Konstruktion und legte sie ihn ihre Arme. Beflissen fühlte die Großmutter die Stirn des Kindes und nickte erfreut, als sie die hohe Körpertemperatur feststellte. „Gut so Junge. Immer schön warm halten des Leben, dann schwitz der Körper alles aus…“
Nach dieser Feststellung hockte sich Bea gemütlicher auf den kahlen Boden des Bauernhauses und blickte Nahaki abschätzend ins Gesicht. „Was stehst du denn noch rum? Dein Freund meinte es sei eilig und das du so ne Seelenrose bräuchtest. Ich persönlich halt ja nichts von diesen komischen Pflanzen, aber ich denk mal ab und zu nen bisschen Mutterkorn zu essen, gehört zu eurer Lebenseinstellung, was? Meine Schwester Cleo meinte, die Seele fände den Weg der Rose, aber ich sag dir, das war nur einer dieser Anfälle. Hat sie schon seit ihrer Kindheit, immer wieder dieses Geschwafel. Mimt in unserem Dorf die Wahrsagerin und die Trottel dort glauben ihr auch noch…nur weil sie vorhersagt, wer heiraten wird oder wann der nächste Regen fällt. Ich sag dir Junge, dass kann ich mit meinem Bein auch. Pah! Bisschen Weidenrinde und ne ordentliche Mahlzeit, sag ich dir, dann würde das Mädchen schon wieder…“
Zuletzt geändert von Erzähler am Freitag 15. August 2014, 15:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Nahaki » Dienstag 10. Juni 2014, 11:07

Nahaki war überaus glücklich, als er endlich ein Stück Papier fand, das ihm weiterhalf. Gleichzeitig wurde aber auch seine Hoffnung, eine Seelenrose zu finden, ernüchtert. Sie würde sich ihm offenbaren. Dies klang eher nach einem Märchen, als nach einem botanischen Befund, der ihm weiterhelfen könnte. Sollte er nun einfach warten und sich wünschen, die Pflanzen würde einfach so aus dem Boden sprießen? Oder sollte er auf Wanderschaft gehen, um so vielleicht irgendwann einmal auf dieses Gewächs zu stoßen? Wenn diese Pflanze überhaupt existierte, was der Tabiki nicht mit Sicherheit sagen konnte, welche Anforderungen würde sie an ihn stellen? Alles zu vage. Einem Märchen würde er nicht hinterherjagen können. Stattdessen widmete er sich der Suche nach einer Karte. Vielleicht könnte diese ihm helfen. Weder in den Schränken, noch in den Schubladen, Regalen oder in sonst irgendeinem fand er das gewünschte Utensil. Bis ihn schließlich aus dem Augenwinkel heraus eine Truhe angrinste. Nach ein wenig Wühlerei war es vollbracht. Nahaki hielt eine Karte in der Hand. Zum Entrollen kam er hingegen nicht. Tock-Tock-Tock ertönte es mehrere Male.

Was kam nun auf ihn zu? Schallerndes Lachen. Von ihm selbst. Es war fast, als ob jemand wollte, dass die Situation noch schwerer gestaltet wird, als sie schon ist. Als ob das Götterpaar ihm Steine vor die Füße würfe, um ihn entweder zu verteufeln oder zu prüfen. Was sich ihm offenbarte, war aber vollkommen anders, als erwartet. Nicht ein Krieger, ein Bandit oder ein böser Magus standen vor ihm, als er das Haus verließ. Nein, ein kleines runzliges Dingchen, das ihm helfen wollte. Welch Spiel wurde hier gespielt. Ein erneutes Lachen. Die Art der Frau gefiel dem Tabiki. Sie war forsch, direkt, etwas tuttelig aber an sich doch eine nette Person. Am liebsten hätte er einen Tee aufgekocht und mit ihr über alles mögliche geplaudert. Zunächst legte er aber die ihm in die Arme geworfene Restkonstruktion beiseite, da begann das alte Energiebündel schon wieder, weiter zu erzählen. Immerhin sprach sie etwas Lob aus, das er mit einem bassreichen Lacher beantwortete. Als sie dann das Wort Mutterkorn erwähnte, schlug eine Synapse derart heftig von einem Ende eines Wissensstrangs zum anderen, dass man fast an eine fallende Torbrücke erinnert wurde. Vielleicht musste er gar nicht so arg nach der Seelenrose suchen. Vielleich würde sie wirklich ihn finden. Alles in allem schien sie eine magische Zutat zu sein. Ein Weg, sich der Magie zu öffnen, die Kanäle und Ventile offen zu legen, mit denen empfänglicher wurde, waren sinneserweiternde Stoffe. Drogen. Wie Mutterkorn. Was er brauchte, war vielleicht ein anderer Blickwinkel, dann könnte er die Rose auch sehen. Leider wusste Nahaki nicht viel über diese einheimische Droge. Einen Großteil seines Lebens hatte er in einem Dschungel verbracht, den Rest in einer verfluchten Piratenstadt. Was er wusste war Folgendes: Mutterkorn war eine Art Parasit, der vor allem in ländlichen Gebieten in Verbindung mit Weizen wuchs. Man könnte ihn als Heilmittel bei Schwangeren, wieso wusste er nicht, benutzen und es galt als Droge unter Bauern und sogar einigen Dunkelelfen. An der Universität versuchte man, dadurch eine Art Überlegenheit zu untermalen, die zwischen den Elfen und Dunkelelfen bestehen würde. Dunkelelfen seien Opfer ihrer Sinne und ihres Verlangens. Ihr Wille sei schwach, weshalb sie den Atem Florencias so stark konsumierten.

Wie sollte er aber die Droge zu sich nehmen? Wie sollte er sie vor allem herstellen? Mutterkorn essen..., erwähnte die alte Frau. Ob es reichen würde, die Pflanze einfach so zu konsumieren? Mutterkorn selbst könnte ihm diese Frage beantworten, aber allzu viel Magie war ihm nicht mehr vorhanden und wer wusste schon, was er mit der Seelenrose alles anstellen müsste, um effektiv heilen zu können? Vielleicht gab es destilliertes oder getrocknetes Mutterkorn in diesem Haus? Ansonsten müsste er wandern gehen. Mit einem lauten, herzlichen Lachen stürmte er aber zunächst auf die alte Dame zu und drückte ihr einen Schmatzer auf die Wange. "Danke Mama! Ich glaub, ich hab' ne Idee, ja." Damit verschwand er in der Vorratskammer. "Sag mal Mama: Wie viel von dem Mamakorn muss nimmt man eigentlich? Kenn' das nicht, ne.", rief er rüber, während er weiter nach Gläsern, Flaschen, Schatullen oder Kästchen suchte, in denen Mutterkorn vorhanden sein könnte.

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 23. Juli 2014, 13:53

Abschätzig schüttelte Bea den Kopf und murmelte: „Bin nun ich die Naturkundige oder du? Woher soll ich wissen wie man dieses verfluchte Kraut zubereitet? Ich kann dir sagen, was du für einen Kuchen brauchst, wie du einen Braten richtig zubereitest und einem Kaninchen das Fell über die Ohren ziehst, aber vom Mutterkorn weiß ich nichts. Trink es als Tee, verbrenne es und atme den Rauch ein oder würze damit deinen Salat, ich denke nicht, dass es da große Unterschiede gibt.“

Bea überprüfte die Wassertemperatur, legte den Kopf des Mädchens vorsichtig auf den Rand der Wanne und ging mit ihren langsamen Schritten zur Feuerstelle um neues Wasser zu erwärmen. Über ihre Schulter meinte sie knarrend zu dem Tabiki: „Wenn ich es mir recht überlege,...wir hatten im Dorf einmal jemanden, der sich mit diesem Kraut auskannte. Ein komischer Kautz war das, kann ich dir sagen.“ 
Emsig schütte sie Wasser aus einem Eimer in einen Topf über der Feuerstelle. „Schien nach einer Weile nicht einmal mehr zu wissen, wo er wohnte. Sprach nur noch von Wiesen aus Wolken und einem Himmel aus Gras. Ihr solltet mit diesem Mutterkorn besser vorsichtig umgehen. Er murmelte immer vor sich hin:
„Des Johannes sauren Saft
und ein Hauch des Pulvers, keine Hast...


dann irgendwas mit 10 Minuten und spucken...
Nein! Sputen. Und das Ende war...oh je, wie war dass noch...ach genau:

Um sicher zu finden, des Körpers Heim,
rühr einen Tropfen Leben mit rein.

Ja! ungefähr so muss es gewesen sein. Ich sag ja, er war nicht mehr ganz richtig im Kopf und seine Reime waren schrecklich. Ich bitte dich...Heim auf rein?“ Kopfschüttelnd hob sie den Topf vom Feuer, schüttete das erhitzte Wasser vorsichtig in die Wanne und nahm wieder ihren vorherigen Platz neben dem Kopf des Mädchens ein.
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Nahaki » Freitag 25. Juli 2014, 22:24

Nahaki rollte mit den Augen. Nun stand er vor einem Rätsel, das ihm nur wenig Anhaltspunkte gab. Wieso waren die Weißen denn auch immer so erpicht darauf, Rätsel zu kreieren? Der ehemalige Sklave war dort eher pragmatischer Natur, ein Grund, wieso er sein Studium nur mit mäßigem Erfolg beenden konnte. Abstrahieren war nicht sein Talent, transferieren schon gar nicht. Somit stand er vor dem Lied eines anscheinend abhängigen Kerls, ohne den blassesten Schimmer, was damit gemeint sein konnte. Irgendwie lustig, das Götterpaar stellte einem oft Steine in den Weg, am häufigsten an Stellen, an denen sich bereits einige Steine befanden. Wie auch im jetzigen Moment. Der Tabiki musste sich hinsetzen. Er musste den Vers analysieren, ansonsten würde er niemals darauf kommen, was eigentlich dahinter steckte. Vorher antwortete er der älteren Frau noch mit einem "Hmm..."

So betrachtet hatte er einige unbekannte Variablen: Den sauren Saft des Johannes, ein Hauch des Pulvers, dann keine Hast, aber noch zehn Minuten sollte er sich sputen. Und zu guter Letzt musste auch noch Leben in dem Rezept sein. Wahrlich ein Rätsel. Zunächst zum sauren Saft des Johannes: Nahaki waren sowohl Johannesbeeren, als auch Johanneskraut bekannt und beides passte zumindest klimatisch in diese Gegend. Aus ersterem war es wohl leichter einen Saft herzustellen und das Kraut war vermutlich eher Heilern und Hexern bekannt, als dem gemeinen Trunkenbold. Zunächst entschied sich der Naturmagier also, von Johannisbeeren auszugehen. Dann musste der Saft aber sauer sein. Wenn er sich recht entsinnte, gab es diese Beeren in süßer oder saurer Version, abhängig vor allem vom Reifegrad. Junge Johannisbeeren also oder sollten sie vielleicht gegoren sein? Gegorenes war oft saurer, als die Grundlage, die man dafür nahm. Letzteres klang somit ein wenig, wie die Worte eines Säufers, denen Nahaki nicht ohne Weiteres trauen wollte. Vielleicht war das Ganze auch das Gebräu eines Dorfwirtes nahmen Johannes? Als nächstes zum Pulver. Hier war der Mann aus dem Dschungel vollkommen in den Seilen. Was für ein Pulver? Mehl, Heilkräuter oder sonst irgendetwas Gemahlenes? Wo der Johannisbeersaft zumindest noch ein wenig Klarheit zuließ, war das Pulver für Nahaki einfach nur unergründlich. Dann sollte er sich nicht beeilen. Es setzen lassen vielleicht? Oder es auf die zehn Minuten hin vermischen? Danach sollte er sich aber sputen. Mit der Einnahme? Oder würde die Wirkung schnell nachlassen? Und was war mit dem Leben gemeint? Aus seiner Sicht lebte alles, vor allem aber die Pflanzen. Ob das auch für den Glauben der Menschen hier galt? Oder war damit etwas aus dem Tierreich oder gar sein eigenes Blut gemeint.

Nahaki erhob sich, nachdem er rekapituliert hatte und wandte sich erneut an seine bisher eher praktische Hilfe: "Sag noch mal Mama, wie is' das mit dem Saft vom Johannis? Gibt's bei euch im Dorf da so einen Mann oder ist das von den Beeren ein Saft oder von dem Kraut? Das ist wichtig, ja?! Und das Pulver: Hat der Mann immer ein bestimmtes Pulver gekauft, gegessen oder bei sich gehabt? Pulver ist ein bisschen viel, ja?!" Mehr Fragen sollten zumindest jetzt nicht sein. Außerdem würde er nicht ewig Zeit haben. Vielleicht war es auch einfach besser, blindlings suchen zu gehen, bevor er noch weiter Rätsel erraten musste. Nahaki wusste nicht, wie er mit dieser Situation verfahren sollte. Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf riet ihm sogar, das Mädchen hier zu lassen und einfach nicht mehr wiederzukommen. Ein anderer Teil, ein weit größerer fühlte sich aber sowohl Delilah, als auch dem Mädchen verschuldet, Hilfe zu leisten, so lange er denn konnte. Außerdem könnte das Heilmittel sich vielleicht sogar vermehren und reproduzieren lassen, wenn er es richtig anstellte.

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Freitag 15. August 2014, 15:39

„Keine Sorge mein Kind.“, murmelte Bea leise und strich Olia vorsichtig über den Kopf bevor sie sich wieder an den etwas hilflos drein sehenden Tabiki wandte. „Ich denke kaum, dass dieser Trunkenboldvon unserem Dorfältesten Johannes sprach. Die konnten sich ja nicht mal ansehen ohne dass sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen wollten. Nein,nein er sprach wohl eher von dem Saft der jungen Johannisbeeren. Jedes Jahr wird im Dorf ein großes Fest veranstaltet, wo alle zusammen zuerst die Beeren pflücken und diese dann zu diesem ungenießbaren Gebräu verhunzen.
Ich kann dir sagen, Bea hält ja viel aus, wenn es um die Sinnlosigkeit des Handelns bei den Menschen in diesem Dorf geht, anders kenne ich sie ja auch gar nicht, aber was für einen Nutzen das gemeinsame Zerstampfen von unreifen Johannisbeeren haben soll, will mir einfach nicht in den Kopf.“ Ein sichtbarer Schauer durchließ die alte Frau bei diesen Worten und sie schüttelte fassungslos den Kopf.
„In jedem Haushalt gibt es einen Vorrat von diesem widerlichen Gesöff. Sieh,“ mit einem angeekelten Gesichtsausdruck wies die Alte auf ein Regal neben der Tür zur Vorratskammer, „da vorne steht auch so eine Flasche. Ekelig, aber auf meinen Vorschlag die Beeren einfach etwas reifen zu lassen hört ja niemand. Tss.“

„Ragna, so hieß dieser Trunkenbold, war aber auch einfach eine komische Person. Seine Fingerspitzen waren dauernd zerstochen und ich sagte ja bereits, der hatte nicht mehr alle Hocker in seiner Stube.“ Kopfschüttelnd strich Bea Olia den Schweiß von der Stirn und legte sie wieder etwas bequemer hin.
„Saß andauernd vor seinem Haus und rührte bedächtig in seinem blöden Topf herum. Hat sich um nichts gekümmert, dass Haus wäre, wenn er nicht vorher gestorben wäre, irgendwann über ihm eingebrochen, seine Kleider hingen in Fetzen an ihm runter. Nichts schien ihn zu kümmern, hielt sich immer mit ein, zwei Tagen auf dem Feld aushelfen über Wasser. Irgendwie hat er es immer geschafft zu überleben. Man hätte ihn dafür bewundern können, wenn er nicht so bemitleidenswert gewesen wäre. Nichts konnte seine Aufmerksamkeit länger als ein paar Minuten von diesem blöden Topf, seinen Mahlsteinen und dem kleinen Beutel mit Mutterkorn an seiner Hüfte. Diese paar unnützen Gegenstände bedeuteten ihm alles. Ich sag ja, total verrückt.“
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Nahaki » Donnerstag 11. September 2014, 12:38

Nachdem die etwas verschrobene, ältere Dame ihm erneut auf die Sprünge geholfen hatte, begann er, langsam zu schalten. In seinem Kopf machte ertönte ein Klick. Zumindest war etwas Logik in das Ganze gebracht. Löcher im Finger, Pulver, Mahlstein und den Saft... anscheinend musste er also getrocknetes Mutterkorn zermahlen und beimischen, dazu einen Tropfen Blut vielleicht. Also musste er nach getrocknetem Mutterkorn suchen. Galt es nicht auch als Heilmittel? Irgendetwas war da... Vielleicht würde er es ja hier im Haus finden, frisches ließe sich jedenfalls nicht ohne Magie zu Pulver verarbeiten und einer Pflanze grausam die Lebensenergie auszudörren, das würde er niemals tun. Rasch griff er nach der Flasche, auf die seine unverhoffte Helferin gedeutet hatte und öffnete sie kurz. Er konnte schon fast riechen, wie sauer das Gesöff war. Und den Alkohol. Eigentlich hatte er sich geschworen, dieses Gift des weißen Mannes nie wieder anzurühren, aber hier ging es um das Leben eines kleinen Mädchens und eventuell sogar um viele hundert oder tausend weitere. Einen kleinen Mahlstein fand er zudem auch noch, genauso, wie etwas, das man als Brett verwenden konnte, um das Mutterkorn ordentlich zu mahlen. Letzteres fehlte natürlich, er wusste auch nicht genau, wie es aussah. Daher wandte er sich erneut an das Großmütterchen: "Sag mal Mama, wo gibt's denn das Mutterkorn. Also getrocknet, ja? Ihr Leute habt das sischer irgendwo im Haus, ja?". Hoffentlich könnte sie auch genauso treffsicher auf die Pflanze verweisen, wie auf das Gesöff, dessen vergorener Duft noch immer in der Luft hing. Um eine Nadel machte sich der ehemalige Sklave keine Sorgen, er sollte eine dabei haben und selbst, wenn nicht, könnte er sich noch immer in den Finger beißen. Was dann passieren würde, wusste er nicht. Zwar hatte er schon von Ritualmagie und Schamanismus gehört, aber so etwas am eigenen Leib erfahren hatte er noch nicht. Seine Gedanken gingen zurück an die Zeit an der Hochschule. Selbst unter den Elfen gab es Exemplare, die einer Sucht anheim gefallen sind und, ähnlich wie der Dorftrottel, der beschrieben wurde, nur noch sabbernd und auf den nächsten Rausch warteten. Zum einen fühlte der Tabiki Mitleid, zum anderen war er nicht bereit, diesen Personen zu helfen. Wenn die Natur wollte, so holte sie sich jene, die sich zu sehr an ihren Geschenken gütig taten. Dass er nicht dazu gehören würde, wusste er. Nur dieses eine Mal würde er sich selbst auf anscheinend so harte Rauschmittel setzen und das nur, um jemanden zu helfen. Hoffentlich hatte das Götterpaar Nachsicht und der Tiger und das Eichhörnchen würden ihre schützende Hand über sein Haupt heben, um ihm in einer so noch nie erlebten Situation beizustehen. Nervosität schwang bei diesen Gedanken natürlich mit, aber mit einem kurzen und bassigen Lachen, war sie wieder aus seinem Körper verbannt. Wenn er nun anfing zu zweifeln, könnte er gleich seine sieben Sachen packen und das Weite suchen.

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Samstag 27. September 2014, 11:30

Bea stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus und winkte den Naturmagier energisch zu sich. Sobald dieser ihren Platz bei Olias Kopf eingenommen hatte, erhob sie sich ächzend aus ihrer knienden Position und verschwand, leise Verwünschungen ausstoßend im Vorratsraum. Der Druide konnte zwar nicht alles verstehen, doch dass sich die Verwünschungen auf ihn oder Männer im Allgemeinen bezogen war offensichtlich. In der Vorratskammer besah sich Bea die einzelnen Behälter und ihr blick blieb kurz neidisch an den prall gefüllten Regalen hängen. Was auch immer dieser Familie widerfahren war, vorher hatten sie ein gutes und recht Sorgloses Leben geführt. Zwischendurch warf Bea schnell einen kurzen, überprüfenden Blick in die Stube um sich zu vergewissern, dass dieser kleine, laute und fröhliche Mann auch gut auf das kranke Kind achtete. Nachdem sie sich einen kurzen Überblick in der Kammer verschafft hatte, griff sie sich einen irdenen Tonbehälter, in dem ca. 5 länglichen, Korn ähnlichen Auswüchsen des Mutterkornpilzes lagen. Die Pilze waren dunkelbraun bis schwarz und sonderten einen erdigen, leicht an Verwesung erinnernden Geruch aus. Triumphierend stellte die alte Frau das Gefäß neben dem Mahlstein ab.
Mit einem selbstzufriedenen Blick bedeutete die Alte dem Tabiki er solle ihr wieder Platz machen und nahm wieder ihre vorherige Position ein.
Nun sollte der Nahaki alles haben um mit seinen Vorbereitungen beginnen zu können.
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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Nahaki » Montag 29. September 2014, 13:28

Nahaki hielt das Mädchen, während Bea nach dem Mutterkorn suchte. Die Flüche wurden vom Tabiki ignoriert, er gab sich nicht viel daraus. Wahrscheinlich würden die Alten in seiner Heimat auch einen unbeholfenen Weißen schelten, der nicht in der Lage war, eine Affenbanane von einer Eichhörnchenbanane zu unterscheiden. Und wenn die Person noch nicht mal Feuerpilze finden könnte... nun, man würde sie vermutlich in die Affenfestung oder gleich in eine Jaguarhöhle schicken. Da hatte er mit der murrenden Bea noch weitaus mehr Glück und Geduld.

Sobald die Zutaten zusammengeklaubt waren, begann der Druide mit dem Mischvorgang. Zuerst wurde das Mutterkorn gemahlen, bis es nur noch aus feinstem Pulver bestand. Danach wurde der sauer stinkende Saft in eine kleine Schale geschüttet, der anschließend die fast noch schlimmer stinkenden Mutterkornrückstände ebenso hinzugefügt. Dass man aus etwas so einfachem bereits eine Art Zaubertrank mischen konnte? Nahaki wollte dies noch nicht so ganz glauben. Auch war er der Verwendung von Blut gegenüber mehr, als nur skeptisch. Magie, die Lebenssaft benötigte, war keine gute Magie. Sie war nicht gut genug, um alleine existieren zu können, nein, sie musste in das Gefüge der Natur eingreifen und sich von ihr ernähren. Grundlegend wollte ein Druide mit einer derart parasitären Form von Zauberei nichts zu tun haben. Wenn es aber um den Erhalt dieser ging und man in Betracht zog, dass vermutlich erst ähnlich boshafte Magie und Rituale diese Plage ausgelöst haben, so kam man immer näher an eine Position heran, die den Aufwand schon fast wieder rechtfertigte. Also gut, dann wollen wir mal..., dachte Nahaki und fuhr sich mit dem langen Fingernagel kräftig über die Kuppe. Einmal, zweimal, dreimal in die gleiche Kerbe, da begann das blasse Rosa eines Kratzers in einem tiefen Rot an die Oberfläche zu kommen. Ein kleiner, kaum bedeutender Schnitt, der womöglich einen ganzen Landstrich retten konnte. Wieder spielte die Zahl drei eine entsprechende Bedeutung, denn drei Tropfen schenkte der Tabiki dem Trunk, bevor er den Finger wieder wegzog und sich dem Mischvorgang zuwendete. Fertig gemischt, setzte er an und beförderte das nach einem in unreifen Wein verendeten Mader schmeckende Gesöff seine Kehle hinab in den Magen. Er machte sich auf alles bereit...

... doch nichts geschah. Irgendwie enttäuschend. Da hatte er noch etwas Hoffnung in solch Dorfgeschwätz gesetzt und nun würde er wohl höchstens beschwipst werden. All die Regeln, die er dafür gebrochen hatte, machten ihn auf eine eigentlich lächerlich kindliche Art wütend. Mit seinem Blick wollte er Bea strafen, ihr ganzes Dorf und ihr Mutterkorn und ihren ekelhaft sauren Saft verwünschen, aber die alte war nicht mehr da. An ihrer statt saß ein grauer Affe von etwa gleicher Größe, der genüsslich an einem Flachmann mit Rum nuckelte. Woher Nahaki wusste, dass es Rum war? Er wusste es einfach, auch wenn sein Geruchssinn noch nicht das Getränk wahrgenommen hatte. Der Druide schmiss etwas nach dem Affen, nur um zu erkennen, dass er eigentlich nichts in der Hand hatte. Es folgte ein kehliges Lachen und das Tier erhob die Stimme, mit einem grimmigen, basstiefen Zwergendialekt: "Da geht's lang, kleiner Mann, genau da." Seine Hand deutete auf die Eingangstür, streckte sich über einige Meter in die Richtung und schnellte wieder zurück. Als der Druide aufstand, schien die Welt im Wanken zu sein. Jeder schritt erinnerte an ein lockeres Tuch, das als Sprunghilfe gespannt wurde. Fast schien er zu fliegen. Auch änderte sich die Distanz zur Tür ständig, als ob er vollkommen unergründeten Launen ausgesetzt sei. Und jeder Schritt erzeugte einen Ton wie auf einer alten Buschtrommel. Tänzelnd bewegte er sich auf die launische Tür zu und schritt nach einige versuchen ins Freie...

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Re: Zwischen Jorsa und Jersa

Beitrag von Erzähler » Montag 13. Oktober 2014, 15:15

Hinter Nahaki schlug die Tür zu. Versperrte die Sicht auf den vergnügt kichernden Affen und seine Rumflasche und ließ den Druiden alleine zurück. Als er sich umsah, sah der Druide eine weite, endlos wirkende Landschaft. Rechts neben dem kleinen Mann war ein Wald mit riesigen Bäumen zu sehen und links neben ihm erstreckte sich eine Wiese auf der hunderte unterschiedlicher Blumen ihre Köpfe reckten und sich besonders eindrucksvoll präsentierten. Gras wogte unter seinen Füßen, im Wald erkannte er ein Eichhörnchen, das einen Stamm hinauf hetzte und in der Ferne konnte Nahaki das Schimmern eines Flusses erahnen. Es war schön, es war friedlich und es war definitiv total seltsam. Denn die Bäume, die Blumen, der Fluss, der Boden, einfach alles war absolut farblos. Kein einziger Flecken von Farbe war in der Landschaft zu erkennen. Die Pflanzen schienen aus eine wabernden, milchig-weißen Masse zu bestehen, die sich auf irritierende Weise zu bewegen und verändern schien und trotzdem konnte der Naturmagier jede noch so feine Kontur genau erkennen. Es wirkte allerdings beinahe so, als ob Nahaki jederzeit durch die Stämme der Bäume oder das Gras hindurch fassen könnte, fast so, als ob alles hier in Wirklichkeit aus Wolken bestehen würde. Wie die Wolken an dem Himmel, den Nahaki zuletzt vor der Hütte von Olias Bauernhof erblickt hatte, schien sich hier oben alles, wie von einem unsichtbaren Wind getrieben zu verändern und willkürliche Formen zu bilden. So konnte der Druide aus dem Augenwinkel erkennen, wie sich einer der Bäume zu seiner rechten langsam zu neigen schien. Innerhalb weniger Augenblicke war dort, wo vorher der Baum gestanden hatte, ein Steinhaufen zu erkennen, der beängstigend exakt Nahakis Gesicht, samt seines ungläubigen, verwirrten Gesichtsausdruckes widerspiegelte.
Doch das war noch nicht das einzige, was an diesem Ort seltsam war. Denn sobald sich der Druide von der Farblosig- und Formlosigkeit der Umgebung losreißen konnte, bemerkte er die Stille, die diesen Ort umgab.
Es war eine andere Stille als die, die manchmal eintritt, wen ein Gespräch abrupt abbricht, ohne das noch jemand weiß, was er zu dem anderen sagen könnte. Es war auch nicht die Stille, die einem manchmal in Herbst oder im Winter nach dem ersten Schneefall auf den Straßen begegnet.
Es war eine alles umfassende, absolute Stille. Kein noch so winziges Geräusch erreichte das Ohr des Druiden. Er konnte den Wind, der die Blätter der Bäume streichelte zwar sehen und fühlen, aber er konnte ihn nicht hören. Es gab kein Rascheln der Blumen, die sich gegenseitig bewunderten, noch ein Ächzen der Äste, wenn der Wind an ihnen rüttelte. Nicht einmal seinen eigenen Atem konnte er hören, doch wenn er etwas sagte, hallte es in der Landschaft nach, als würde der Schall keinerlei Widerstand treffen.

Doch so seltsam dies alles auch schien, nichts übertraf das, was der Naturmagier entdeckte, als er in den Himmel hinauf sah. Dort, nicht weiter ein paar Meter entfernt, war ebenfalls eine Wiese zu sehen. Es war nicht exakt die selbe Landschaft wie die, in der Nahaki sich befand, doch sie ähnelte ihr sehr. Abgesehen davon, dass dort das Gras grün, die Blumen bunt und sowieso alles in leuchtenden, kräftigen Farben strahlte. Von einer Baumkrone die unweit entfernt über ihm endete, blickte ein Eichhörnchen verwundert zu ihm hinunter. Es schien, als wäre eine Welt, so wie Nahaki sie kannte, direkt über ihn, ganz in der Nähe und doch soweit entfernt, dass er sie nicht erreichen konnte. Doch so wunderlich all dies auch wirkte, lange konnte er sich mit den Begebenheiten nicht befassen, denn er hatte eine Aufgabe und kaum Zeit.

Gerade als der Druide losziehen wollte, drang ein ohrenbetäubender Schrei an seine Ohren, welcher durch die Stille, die er zerstörte, noch an Lautstärke gewann.
„WAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAS, bist du den für ein sonderlicher Kautz?“, drang eine Stimme von irgendwo her an das Gehör des Druiden. Wie auch seine eigene Stimme, hallten auch die Worte in der hier herrschenden Stille hohl nach. Nach einem kurzen Rund-Um-Blick konnte der Naturmagier feststellen, dass die Stimme nicht von seiner Seite gekommen war, sondern von der Farbenfrohen beinahe Kopie über seinem Kopf.
Genaugenommen exakt von der Stelle, von wo ihn eben noch das Eichhörnchen angestarrt hatte, denn dort hockte inzwischen ein Mädchen und ihre Augen blitzen ihn herausfordern an.
„Sonst kommt selten jemand hier her“, plaperte es weiter vor sich hin, während sie ihre Beine unter einem Ast hakte, sich Kopfüber vom Baum hängen ließ und Nahaki fröhlich die Hand hinhielt. „Ich bin Katika.“
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