Pflichtversagen

Das nördliche Königreich steht unter den Fittichen des Königs Hendrik dem Zweiten. Strenge Sitten herrschen hier und das Volk ist zweitrangig. Hier kann man nur ein schönes Leben führen, wenn man Reichtum und adeliges Blut besitzt.
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Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Donnerstag 27. Januar 2011, 20:29

Die Nächte waren kalt dieser Tage und seit Kyren aus Bernar geflüchtet war, setzten sie ihm noch sehr viel mehr zu. Sein Weg hatte ihn in Richtung des Kapayu geführt, dennoch war dieser nicht sein Ziel, denn er hatte keines. Zudem war es ungewiss, ob er in seinem Zustand den Kapayu überhaupt erreichen würde. Kyren selbst wusste nicht wo er sich befand, seine übereilte Flucht und die der Umstand, dass er in den letzten Tagen kaum zu irgendeinem vernünftigen Gedanken fähig war, hatten ihn Orientierungs- und Zeitgefühl verlieren lassen.

Und auch in dieser Nacht sollten Kyrens Gedanken um wenig mehr als Selbsthass und Gebete der Reue drehen. Nur am Rande bemerkte er die Schneeflocken, die neuerlich seine ohnehin schon verschwommene Sicht einschränkten. Seine Stiefel waren von dem Marsch mittlerweile recht mitgenommen, hielten aber zumindest noch den gefrorenen Schnee ab über den Kyren gerade stapfte, als er sich ohne es recht wahr zu nehmen auf eine kleine Baumgruppe zubewegte die er in einiger Entfernung wahrnahm. Holz! Vielleicht finde ich noch etwas um Lysanthor etwas in den Flammen eines Lagerfeuers zu opfern. Vielleicht ist er dann gnädig, und schenkt mir einen raschen Tod. Natürlich dachte er in diesem Moment nicht daran, dass er keinerlei Werkzeuge mit sich führte um ein Feuer zu machen, noch daran, dass er keinerlei Kenntnis darüber besaß wie man sich in einem solchen Fall helfen sollte. Vielleicht hätte er mehr Zeit mit den Kundschaftern verbringen sollen.. Mechanisch zog er den grauen Kapuzenmantel fester um seine fröstelnde Gestalt zusammen, verstärkte damit die Kälte ins einem Körper aber nur. Der Mantel war vom Schnee mittlerweile gründlichst durchnässt, Kyren hatte aber noch keinen Gedanken darauf verwendet ihn abzulegen. Wozu auch? Vielleicht erfror er ja im Schlaf.

Der Schneefall wurde stärker und verwischte alsbald die Spuren seiner schlurfenden Schritte, als er der Baumgruppe näher kam. Sie lag an einem kleinen Hügel, aus dem wohl einst ein Bach entsprungen war. Nun war das Bachbett vereinzelt vereist, wo Schnee geschmolzen und über Nacht wieder gefroren war und wurde von dicken Baumwurzeln und allerlei Pflanzen in Beschlag genommen. Vereinzelt war es auch komplett mit Schnee gefüllt, wo die kargen Äste der Bäume ob der Last abgebrochen waren, oder nie Äste gewesen waren um dem Schneefall Einhalt zu gebieten.
Ein weiterer Ast brach zufällig ab, als Kyren unter einem Baum Unterstand suchte und Husten musste. Der Ast schlug ein paar Schritt vor Kyren in dem ausgetrockneten Bachbett ein und wirbelte weiteren Schnee in Kyrens Richtung. Missmutig schüttelte er sich jenen ab, spürte aber dennoch wie er in seinem Nacken gerann und nun auch noch die Kleidung unter seinem Mantel durchnässte. Mit einem Seufzen zuckte er die Schultern, spürte dabei das Gewicht seines nassen Mantels, ignorierte es aber. Hier gab es Holz, und er würde Verwendung dafür finden.

Nach erfolglosen Stunden des Suchens nach Steinen, in Kyrens Fall bedeutete dies das Aufwühlen von Neuschnee , hatte er sich schließlich damit begnügt aus den abgebrochenen Ästen und Zweigen die er gefunden hat, eine Fackel zu bauen. Im Endeffekt glich seine behelfsmäßige Fackel eher einer primitiven Keule aus Ästen die mit Pflanzenhalmen und abgerissenen Stoffstreifen von seinem Mantel zusammen gehalten wurde. Neuerliche Hustenanfälle plagten ihn, als er abermals begann das Bachbett nach Steinen abzusuchen. Das nicht gleich jeder Stein als Feuerstein taugte, kam ihm nicht in den Sinn. Der Schlafmangel und die Kälte der letzten Tage, der Gram und die Trauer um den Verlust seiner Tochter, die Ereignisse die sein Leben innerhalb weniger Stunden vollkommen zerstört hatten, ließen wenig Platz für logische Gedankengänge. Er war verzweifelt, nicht nur ob der Unfähigkeit weiter zu Leben, sondern auch ob der Unfähigkeit zur rechten Zeit zu sterben. Er hatte in seiner Pflicht seine Tochter zu schützen versagt. Und darum drehten sich seine Gedanken auch, als seine tauben Hände weiter durch den Schnee wühlten. Das Feuer, dass er zu entzünden suchte, sollte nicht um seiner Willen brennen. Es wäre nur sein tägliches Opfer an Lysanthor.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Erzähler » Mittwoch 9. Februar 2011, 16:00

Kyren verbrachte die Tage wie in Trance, er konnte nicht glauben, was geschehen war und noch wollte er sich dieses auch nicht eingestehen. Immer wieder versuchten seine Gefühle die Oberhand zu übernehmen, aber sein Verstand war noch zu wach und stark, er musste gerade überleben und konnte es sich nicht erlauben, Schwäche zu zeigen. Doch die Frage nach dem Warum geisterte stetig am Rande seines Bewusstseins.
Er konnte sich im Moment über gar nichts im Klaren werden, nicht mal, wo er hin wollte. Zurzeit führte in sein Weg in Richtung des Kapayu, aber ob ihm das bewusst war, war ebenfalls zu bezweifeln.
Ein wenig Unterschlupf hatte er in einer mickrigen Baumgruppe gefunden, die hier mitten in der Ebene wuchs und trotzig dem eisigen Wetter standhielt. Zwischen den Stämmen der Buchen, wurde er etwas weniger vom Wind geschüttelt. An den Bäumen türmte sich bereits der Schnee, der so einen natürlichen Schutz bot, vielleicht konnte er hier wieder einen klaren Gedanken fassen.
Seine jetzige Situation erforderte es allerdings, dass er überleben musste. Auch wenn seine Gefühle ihm anderes rieten, so war doch der menschliche Selbsterhaltungstrieb stärker.
Die Baumgruppe wuchs neben einem, mittlerweile ausgetrocknetem Nachbett, in der Zeit der Abendsonne, mochte dies hier ein idyllischer Flecken sein.
Zumindest etwas war ihm das Glück hold, ein relativ großer Ast war unter der Last der dicken Schneedecke abgebrochen und keine zwei Schritte neben ihm auf dem Boden aufgeschlagen. Wenn er nun am Ufer der Bachbettes nach Feuersteinen suche würde, könnte er sich sogar ein kleines Feuer zum Wärmen erhschaffen. Das würde seinen Lebensgeistern neuen Aufschwung geben. Bisher hatte er in und um die Baumgruppe nach irgendwelche Steinen gesucht, stoisch und vollkommen weggetreten.
Beim ständigen Bücken, geriet ihm Schnee in den Nacken und die körperliche Reaktion des Fröstelns holte seine Gedanken wieder in die Wirklichkeit zurück. Wenn er nicht vorhatte, hier zugrunde zu gehen, musste er sich jetzt zusammen reißen. Er musste nachdenken und sich an sein Wissen erinnern. Eine Fackel würde ihm hier nicht lange von Nutzen sein. Die noch blasse Sonne des Erwachens neigte sich schon wieder gen Horizont und würde bald dahinter verschwinden.
Kyren wollte nur seiner Pflicht für Lysanthor nachgehen, sein tägliches Opfer an den Gott des Lichtes, der einzige Gedanke, der ihm Trost spendete… Rationalität und Irrationalität kämpften gegeneinander und eines musste gewinnen.
Die Sonne stand nun schräg am Horizont, die dichten, grauen Schneewolken waren aufgerissen und leicht wärmende, blass goldene Strahlen fielen über das weiße Land und brachten alles leicht zum Glitzern. Eine Schönheit, wenn man dafür das Auge hatte.
Die Sonnenstrahlen trafen auch ihn, den, der nur noch funktionierte. Je länger die Sonnenstrahlen auf ihn schienen, desto wärmer wurde ihm. Die Temperatur war äußerlich gleich geblieben, es war immer noch sehr kalt und sein Atem dampfte. Die Wärme schien mehr aus seinem Inneren heraus zu kommen und schenkte ihm ein wenig Frieden. Wie eine wärmende Decke legte sie sich über seinen inneren Aufruhr und gab so die nötige Luft, um mal aufzuatmen. Langsam klärten sich Kyrens Gedanken, sie wurden so klar, wie die eisige Luft um ihn herum und langsam drängt sich nur eine Frage in seinen Kopf. Was hatte er davon, wenn er hier und jetzt starb? Machte nicht jeder Fehler?!
Seine Mutter hatte ihm einst gesagt, schwach ist nur der, der liegenbleibt und nicht kämpft. Was wollte Kyren?
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Mittwoch 9. Februar 2011, 19:52

Langsam aber sicher gewann sein Verstand die Oberhand in diesem Kampf. „Lysanthors Licht blendet jene, die unvorbereitet sind.“ Rezitierte er leise, als er die langsam aufkommende Wärme in sich bemerkte und irritiert an sich hinab blickte. "Und lässt die Gerechten und die Wahrheitssuchenden in seiner Gnade erstrahlen und Hoffnung finden.“ Sofort schüttelte er leicht verwirrt den Kopf. Hatte er das eben gesagt? Für einen Moment lang schloss er fest die Augen und versuchte sich zu konzentrieren, sich in Erinnerung zu rufen was er die letzten Stunden getan hatte. Kurz wurde ihm schwindlig, als die Realität – oder eher was von seiner Vernunft noch übrig war – ihn wieder einholten. Er öffnete die Augen wieder und blickte auf das von Gräsern und Farnen, sowie einem Stoffstreifen zusammengehaltenen Bündel an kleinen Hölzern und Ästen in seiner Hand. Das Licht der untergehenden Sonne schien darauf und Kyren schüttelte bei dem Gedanken daran, dass dies eine Fackel sein sollte den Kopf. Das Sonnenlicht darauf mochte seine Fantasie beflügeln, aber trotzdem war dies kaum ein Opfer, dass Lysanthors würdig wäre. Er holte tief Luft und fröstelte gleich darauf. Es war noch immer kalt, teils schmerzte die Kälte in seinem Brustkorb beim Luftholen – Aber er fühlte sich nun deutlich besser, als wäre ein Teil der Lethargie und Taubheit die Kälte und Gefühle verursacht hatten, von ihm abgefallen. Er ließ seinen Blick über den aufgewühlten Boden schweifen und schüttelte abermals den Kopf. Als er daraufhin seinen Blick wieder durch das Blätterwerk seines Unterstands schweifen ließ, erhaschte er noch einen Blick auf die untergehende Sonne. „Ich muss vorbereitet sein..“ Murmelte er schließlich und ballte seine freie Hand zur Faust. Es tat gut wieder – zumindest zum Teil – Herr seiner selbst zu sein. „Ich verdiene deine Gnade nicht, Lysanthor..“ Sprach er dann, schüttelte sich den Schnee von den Schultern und wrang sein nasses Haar aus. Die Aussicht, sich durch die Kälte den Tod zu holen war noch immer sehr verlockend, aber ihm wurde diese Gnade wohl noch nicht zu Teil. Er steckte sein Fackelimitat in eine seiner Manteltaschen und setzte nun auch seinen Verstand bei der Suche nach Feuersteinen ein. Alles musste seine Ordnung haben und nach Plan angegangen werden.. Wie damals bei der Ausbildung der Rekruten. Was hätte er einem seiner Männer gesagt, wäre er in seiner Situation? Überleben, Sammeln, nächsten Befehl abwarten. Unweigerlich entwich ihm ein Lachen ob seines Gedankengangs und den damit verbundenen Erinnerungen, welches aber sofort in einem Hustenanfall erstickt wurde. Nach einer Weile des Suchens, als er schon meinte seine Hände würden beim nächsten Zusammenstoßen jener zwei Steine wie Eis zerbrechen, sprang schließlich ein Funken, zog einen kleinen Lichtschweif und verblasste schließlich wieder. Aber Kyren hatte gefunden was er wollte. Die Feuersteine verschwanden in seiner Manteltasche und nun machte er sich daran, der beißenden Kälte den Kampf anzusagen. Mittlerweile war es gar nicht mehr so schwer für ihn, seinen Verstand beisammen zu halten. Ein kleines, winziges Ziel vor Augen, er brauchte nur etwas, auf das er sich konzentrieren konnte und schon hatte er einen kleinen Wall gegen die Flut aus mühsam gebändigten Gefühlen, die ihn zu überwältigen suchten. Er keuchte als er den zuvor gefallenen Ast anhob und durch heftiges Schütteln vom Schnee befreite. Im Schutze einiger großen Wurzeln sorgte er mit seinen Stiefeln für einen trockenen Untergrund für das Lagerfeuer, welches er nun vorbereitete. Vor allem aus Respekt aus Florencia legte er zur Sicherheit Steine um seine Feuerstelle und versenkte sie unter heftigen Anstrengungen halb im Boden. Und in jener provisorischen Feuerstelle sammelte er nun alles trockene Holz, dass er zu tragen vermochte und schlichtete es fein säuberlich auf. Und schließlich holte er die beiden Feuersteine hervor und schlug sie zuerst mit wenig Erfolg aneinander. Doch als er schon wieder aufgeben wollte, sprang abermals ein Funke über und er mühte sich dann mit pusten und husten damit ab, ihn und das Feuer am Glühen zu halten. Seinen Bemühungen war Glück beschieden und langsam entzündete sich das Holz. Es rauchte recht stark, aber spendete ebensoviel Wärme. Nun wartete er, konzentrierte sich auf den Flammenschein um nicht denken zu müssen. Sein Opfer an Lysanthor hatte er nicht vergessen, eine Hand hielt die dürftige Fackel in seinem Mantel umklammert. Wenn das Feuer am höchsten loderte würde er sie opfern und beten. Es war kein großes Ziel, aber es war ein Anfang. Und es half, Gedanken und Gefühle zu verbannen. Es spendete ihm unendlich viel Trost, einfach nur in die tanzenden Flammen zu blicken und zu spüren wie die Kälte langsam aus seinem Körper wich. "Muss vorbereitet sein.." Wiederholte er ein ums andere mal dabei.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Erzähler » Montag 21. Februar 2011, 00:31

Was auch immer genau geschehen, Kyren konnte es sich nicht genau erklären. Im Grunde, wusste er sich gar keine Antwort zu geben. Er nahm die Hilfe, wie er sie definierte, einfach dankbar an. Sein Verstand hatte nun wieder die Führung übernommen und erinnerte ihn an das, was ihm wirklich wichtig war und ihm Halt gab … Lysanthor. Alles was er an den Gott des Lichtes richtete, waren so etwas wie Rituale für ihn, die seinen Alltag und sein Leben geformt hatten.
Die Litaneien zitierend, setzet er das um, was er gelernt hatte. Die Worte hatten etwas sehr vertrautes, altruistisches an sich, die ihm Sicherheit und ein Gefühl tiefen Vertrauens gaben. Er hielt sich an seinem Glauben fest und konzentrierte sich darauf, dass dies nicht sein Ende sein dufte und konnte. Seine Mutter hatte ihm einst an die Hand gegeben, dass jeder Mensch, ja jedes humanoide Wesen hier war und eine bestimmte Aufgabe hatte, die ihm die Götter mit auf den Weg gaben. Es lag nun an jedem selbst, heraus zu finden, was die Aufgabe vorher sah und wie es sie zu erledigen hatte. Warum gerade dieser Satz seiner Mutter aus seiner Erinnerung hervor trat, dass wusste sich Kyren nicht zu beantworten. Aber, es gab ihm Hoffnung, dass nichts ohne Grund geschah und er seinen Weg wiederfinden musste, wollte er seine Aufgabe, hier auf Celcia beenden.
Kyren wusste zur Zeit zwar nicht so genau, wo er sich befand, aber dafür war am morgigen Tag noch Muße genug, das heraus zu finden. Er hatte es immerhin nicht eilig und auch kein eigentlich Ziel oder einen Ort vor Augen, zu dem er wollte. Die Natur konnte nutzen, um seinen Geist zu klären ein Ziel zu suchen.
Die Zeit verging und er hatte es geschafft, sich ein kleine Feuer zu entfachen. Die Wärme tat wirklich gut und verscheuchte die Kälte aus seinem Körper, die Einzug erhalten hatte. Zum Glück war das Feuer nicht so groß, dass es die Barriere aus Schnee in seinem Rücken zum Schmelzen brachten.
Soviel hatte er schon einmal geschafft, er konnte stolz auf sich sein.
Zum ersten Mal in den vergangenen Tage, war es so, dass ein Blick klar genug für seine Umgebung war.
Wenn er ihn schweifen ließ, konnte er erkennen, dass diese Baumgruppe doch nicht so weit weg vom ausgetrockneten Bachbett lag, wie er dachte. Zu beiden Seiten des Bachbettes wuchsen Sträucher und kleinere Bäume, immer wieder unterbrochen, von kleinen und mittleren Felsformationen, offenbar war er in einer steinige Gegend geraten. Je genauer er sich umsah, desto mehr Wissen schoss in seine Gedanken zurück. Er konnte so einiges an abgebrochenen und abgestorbenen Ästen sammeln, um damit seinen Lagerplatz noch weiter auszustatten, dass er die Nacht hier würde überleben können. Im Unterholz gab es noch genügend totes Laubwerk, welches er zwischen die Äste stopfen konnte. Das was ihm die Natur bot, war nicht weit weg, so konnte er sein Feuer im Auge behalten und sich nach und nach eine Art Dach bauen und den Untergrund gegen die Kälte auspolstern. Zum Schluss könnte er den Kreis schließen und einen Wall aus Schnee aufhäufen, davon gab es ja mehr als genug.
Das Wetter hatte sich soweit beruhigt und die ersten kleineren Tiere regten sich im Unterholz wieder.
Auf Fleisch würde er dennoch wohl für den heutigen Abend verzichten müssen, es sei denn, er kannte
eine effektive Art, schnell und ohne Waffe zu töten. Verhungern müsste er dennoch nicht, Flechten und
Moose waren oft an Steinen, die an einem Fluss lagen, zu finden und hier und da würde er mit
Sicherheit auch noch ein paar gefrorene Beeren finden.
Vorerst begnügte er sich damit, einfach nur ins Feuer zu starren. Es wirkte befreiend und reinigend und
konnte, richtig eingesetzt läuternd sein.
Nun musste er für sich entscheiden, wollte er sich Lysanthors Gnade versagen und hier eingehen oder
stellte er sich den Prüfungen und Hürden, die das Leben bereit hiel
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Dienstag 22. Februar 2011, 18:02

Und er entschied sich dafür, sich den Prüfungen und Hürden des Lebens zu stellen. Eines Lebens, dass er nun vollends der Verpflichtung seinem Glauben und seinem Gott gegenüber widmen würde. Er blickte in die Flammen bis seine Augen tränten und schmerzten, bis sein Blick verschwomm und ihm mehr wie ein Fenster in seine Erinnerungen, in seine Seele schien. Erinnerungen die er nun vor den reinigenden Flammen noch einmal erlebte, prüfte. Sein bisheriges Leben zog wie im Traum an ihm vorbei. Da waren zahllose Gesichter, die Mehrzahl von ihnen Soldaten die er ausgebildet hatte. Sein Vater, seine Mutter.. Barin, Ithiljiera, Dorfbewohner Bernars die er einst gekannt hatte. Sein Verstand arbeitete fieberhaft daran die wirren Fetzen von Erinnerungen, Gesichtern, Taten und Aufgaben zu einer Geschichte zusammen zu setzen. Zu seiner Geschichte. Bislang hatte er sich nie ernsthaft Gedanken über sein Leben gemacht. Jeden Tag hatte eine neue Aufgabe auf ihn gewartet, eine weitere Pflicht darauf gedrängt, erfüllt zu werden. Es war über weite Strecken ein vergleichsweise einfaches Leben gewesen. Soldat, Hauptmann im Dienste Grandessas. Für Männer wie ihn, fähig Waffen und auch Soldaten zu führen, hatte es immer Platz in Grandessa gegeben. Und später, als er Ithiljiera aufzog, war er auch als einfacher Bauer willkommen gewesen. Das Leben konnte so einfach sein, wenn man sich fügte und sich mit dem zufrieden gab, was man hatte. Wieso hatte Ithiljiera das nicht getan? Abermals stellte er sich die Frage nach den Motiven seiner Tochter. Welche Ungerechtigkeit war ihr Widerfahren, die sie letztendlich in einen unnötigen Tod getrieben hatte? Ungerechtigkeit. Er wiederholte das Wort ein paar mal in seinen Gedanken und wog es ab. Es rief Unbehagen und einen leichten Zorn in ihm hervor, ein verstärktes Klopfen seines alten Herzens. Aber warum? Wann hatte er Ungerechtigkeit erfahren? Wann war er Zeuge von Ungerechtigkeiten geworden? Kaum fasste er diesen Gedanken, schien ihn das Feuer an eine andere Begebenheit zu erinnern. An die sengende Hitze über den Feldern, wenn die Sonne am höchsten stand. Sein Vater hatte ihm von der Rangordnung in Grandessa erzählt. Die Bauern waren an ihrem untersten Ende gewesen, sein Vater war nie müde geworden dies zu betonen. Kyren war damals noch ein kleiner Junge gewesen, er hatte sich gut mit den anderen Kindern im Dorf verstanden. Es war ihm damals immer ein Rätsel gewesen wieso sie trotz der großen Felder die sie bewirtschafteten, Hungern mussten. Erst viel später lernte er die erdrückende Last der Steuern und Abgaben an den Adel Grandessas kennen, erst viel später als er schon lange nicht mehr darüber nachdachte, wie gerecht das Los der Menschen Grandessas war. Jetzt kam es ihm wieder in den Sinn. Hatte Ithiljiera versucht dies zu bekämpfen? Langsam schüttelte er den Kopf. Er hätte mehr tun können, hätte mehr tun müssen. Aber was? Das Gesetz Grandessas und insbesondere seine Stellung hätten ihm verboten, gegen die Autorität des Königs in Bernar vorzugehen. Aber wäre es vielleicht das richtige gewesen? Wäre das Gerechtigkeit gewesen? Würde Ithiljiera dann noch leben? Hatte er nicht selbst seinen eigenen Soldaten versichert, dass sie am Ende ihrem eigenen Gewissen und Lysanthor verantwortlich sind? Das das Urteil ihrer Vorgesetzten, der Autoritäten, vor allem im Krieg, manchmal falsch sein kann? Das es besser sei, für eine gerechte Sache zu sterben, als einer ungerechten zu dienen, einem ungerechten Befehl zu folgen? Nach dem Gebet an Lysanthor hatte er oft solche Reden gehalten, seine Männer ermuntert und ihren Glauben gestärkt. Wie hatte er all dies vergessen können?
Die Antwort war so einfach wie erschreckend: Bequemlichkeit. Ein angenehmes, ruhiges Leben zusammen mit seiner kleinen Familie. Kein Krieg, kein Morden, keine Schmerzen und Verluste mehr. Nur mehr zusehen wie seine Tochter aufwächst, sie anleiten und auf die Welt die vor ihr lag vorbereiten, um dann unendlich langsam zu entschlafen. Er hatte seine Pflicht gegenüber allem das ihm heilig war vergessen, vernachlässigt und ihr ein bequemes Leben vorgezogen. Vielleicht war dies nun die Strafe dafür. Vielleicht hatte ihm Lysanthor mit Ithiljieras kommen aber auch nur eine Chance gegeben, die Welt zum besseren hin zu verändern und er hatte damit versagt. Müde barg er sein Gesicht in seinen Händen und stoppte für einen Moment lang seine unruhigen Gedankengänge. Ihm war, als hätte er sein ganzes Leben lang in einer Illusion gelebt. Nach Wahrheit in allen Dingen gestrebt, aber trotzdem nur eine Illusion erschaffen. Eine Illusion die mindestens ein, wahrscheinlich aber viele Leben gekostet hat. Und diese Illusion fiel nun langsam von ihm ab. Adel und König waren nicht notwendigerweise gerecht, die von ihnen erlassenen Gesetze um so weniger.
Nach Wahrheit zu streben bedeutete auch, zu hinterfragen und zu zweifeln, zu misstrauen und vorsichtig mit seinem Urteil zu sein. Eine Lektion die Kyren in ihrer Gesamtheit erst jetzt bewusst wurde. Prüfend betrachtete er seine faltigen, schwieligen Hände und strich mit dem Daumen über die Innenfläche seiner Hand. Er war alt, und er fühlte dies in diesem Moment besonders stark. Aber er fühlte auch, dass seine Zeit noch nicht gekommen war. Die Trauer über seinen Verlust wich für den Moment zurück und machte einer grimmigen Schicksalsergebenheit Platz, die er freudig willkommen hieß. Ithiljiera's Opfer sollte nicht vergebens sein. Seine Tochter war nun bestimmt in den Hallen Lysanthors und beobachtete sein tun. Eine naive, kindliche Vorstellung – aber sie zauberte ein raues Lächeln auf Kyrens Züge. Er legte ein paar weitere Äste ins Feuer und beobachtete den Flug der Funken. “Dann soll mein Leben fortan dir gehören, mein Herr Lysanthor.“ Murmelte er leise, fühlte sich aber seltsam feierlich dabei. Dein Opfer wird nicht umsonst gewesen sein, Ithiljiera. Er verharrte noch eine Weile am Feuer und suchte sich dann im Lichtschein von ebenjenen ein paar Flechten und Moose zusammen, von denen er wusste, dass sie ungiftig waren. Seine Kenntnis war allerdings recht beschränkt, sodass es ein recht karges Abendmahl wurde. Dennoch stillte es seinen Hunger, und am nächsten Morgen würde er mit mehr Licht vielleicht auch mehr zu Essen finden. Kurz nach seinem Abendmahl übermannte ihn auch schon der Schlaf. Am nächsten morgen wachte er noch vor Sonnenaufgang auf und schüttelte seine kalten Glieder ausgiebig. Er fühlte Tatendrang in sich, aber auch eine gewisse Unruhe, weil er nicht wusste wohin er sich wenden sollte. Vorerst beruhigte er sich jedoch damit nach etwas essbaren zu suchen und hatte diesmal deutlich mehr Glück. Ein von Schnee und Eis halb zugedeckter Busch versorgte ihn mit Beeren. Er wischte und schüttelte ihn vom Schnee frei und steckte einen Teil der Beeren in seine Manteltaschen, um zumindest etwas Verpflegung mit sich zu führen. Die anderen taute er über der Glut des Feuers wieder auf und verzehrte sie rasch. Noch immer trieb ihn etwas zur Eile an, dessen Ursprung er nicht ganz fassen konnte. Er lief aus dem Schutz der Baumgruppe hinaus ins freie und drehte sich einmal um die eigene Achse um das Gebiet in das es ihn verschlagen hatte noch einmal genauer zu betrachten. Und da wusste er plötzlich, warum er es so eilig hatte: Die Sonne würde gleich aufgehen. Das Symbol seines Gottes.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Erzähler » Sonntag 27. Februar 2011, 15:14

Kyren hatte die Gnade Lysanthors angenommen und hatte sich wieder aufgerappelt. Es zählte schließlich nicht, wie oft man hinfiel, sondern dass man wieder aufstand. Dazu war er gern bereit, auch wenn er noch nicht wusste, wie es weiter gehen sollte.
Noch war die Sonne nicht aufgegangen, auf deren Licht er sehnsüchtig wartete, aber ihre ersten strahlen verkündeten das Morgenrot. Da er nun wusste, wo Osten war, konnte er auch die Richtung erkennen, die er seit seinem Verlassen aus Bernar eingeschlagen hatte, er war die ganzen Tage über nach Südwesten gelaufen. Wenn er sich also recht erinnerte, hatte er in seinem Rücken den Kapayu und weiter voraus, irgendwann dann Grandea und Alberna.
In seiner jetzigen Situation nicht gerade erstrebenswerte Städte, aber irgendetwas musste er sich überlegen, lange würde er hier draußen in der Wildnis so ohne alles nicht auskommen.
Wenn er immer weiter in die Ebene hineinlaufen würde, müsste er ja zwangsläufig irgendwann auf die ganzen Gehöfte und Gutshöfe stoßen. Er konnte aber auch wieder umdrehen, an Bernar vorbei und dann bis zur Küste laufen. Vielleicht konnte er dort ein neues Leben beginnen und sich etwas vollkommen anderem widmen. Mit dem Meer und den damit verbundenen Aufgaben, hatte er bisher noch nichts zu tun gehabt. Oder er wandte sich wieder dem alten Leben mit der Landwirtschaft zu.
Unentschlossen machte Kyren sich erst einmal daran, noch mehr Nahrung zu finden. Immerhin war er ein stattlicher Mann, der mehr zu essen brauchte, als ein paar dürftige Beeren. Wenn er noch nicht wusste, wohin seine Füße ihn tragen sollten, wäre auch der weitere Aufenthalt hier noch mal zu überdenken. Seinen Unterschlupf konnte er ausbauen und genügend Feuersteine schien es hier im Flussbett auch zu geben. Mit ein bisschen Glück, könnte er in der Umgebung auch Zunderschwamm finden. Während er also darauf wartete, dass die Sonne in all ihrer Pracht am Himmel stand, kam ihm noch eine andere Idee. Was wäre, wenn er sich vollkommen in den Dienst Lysanthors stellte? … Aber auf offiziellem Wege? Was wusste er darüber? Wollte er das überhaupt oder reichte es ihm, ihm auf seine Art und Weise zu dienen?
Hier draußen nun stand er an seinem persönlichen Scheideweg, der vermutlich sein weiteres Leben maßgeblich bestimmen würde. Wie würde er sich entscheiden?
Während die Möglichkeiten in seinem Kopf herumgeisterten, Formen annahmen und er das Für und Wider abwägte, trat die Sonne vollends über den Horizont und die ersten, goldenen Strahlen trafen ihn.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Dienstag 1. März 2011, 18:51

Schnell wurde Kyren klar, was er nun wirklich wollte. Was vielleicht schon immer durch seinen Kopf gegeistert war, an all jenen Tagen in denen er sich nach mehr sehnte, in denen er sich der Ungerechtigkeit der Welt in der er lebte, bewusst wurde. Ein Leben im Dienste Lysanthors, mit seinem Segen. Die Freiheit, einer Pflicht nachzukommen, die wichtiger war als alles weltliche, wichtiger als alles, für dass er gelebt hatte. Als der Gedanke in seinem Kopf Gestalt annahm und er ihn sorgfältig abwog, blickte er in die Richtung in der er Bernar wähnte. Der Flottenstützpunkt, seine Familie, Ithiljiera.. Er fühlte wie ihm das Herz schwer wurde bei dem Gedanken, dass davon nichts mehr übrig war. Es gab nichts mehr, zu dem er zurück kehren könnte. Nicht als Kyren, Sohn von Alasdair und Thyrfijenna. Nicht als Hauptmann Leah, Ausbilder der Rekruten Grandessas. Nicht als Sohn, Vater, Soldat, Hauptmann, Bauer. Was Grandessa zu seinem Platz gemacht hatte, war nun Tod oder unerreichbar für ihn. Täuschung, Lüge und Verrat, Ungerechtigkeit und Illusion zum Opfer gefallen. Zum Teil auch durch sein Verschulden, dass war ihm klar, dennoch gab er sich nicht abermals seinen Schuldgefühlen hin oder ließ sie zu stark werden. Er konnte sich kein zweites Versagen leisten, es würde keine zweite Chance geben. Er hatte nur diese eine und diese hatte er nun zu nutzen. Nicht mehr zu seinem eigenen Besten, sondern zur Erfüllung der Aufgaben, die ihm Lysanthor nun auftragen würde – so hoffte Kyren zumindest. Nun stand sein Ziel also fest: Ein Diener Lysanthors zu werden und die Ketten abzuwerfen die ihn noch an dieses Leben hefteten. Aber wie? Kyren war ein geduldiger Mann, aber er hasste es Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen. So gab er sich nicht lange dem herumstehen und nachdenken hin, sondern verschwand bald nachdem die ersten Sonnenstrahlen ihn in ihr goldenes Licht getaucht haben wieder in seinem Unterschlupf. Es half ihm, sich seine bevorstehend Reise wie eine militärische Expedition vorzustellen. Aber da waren zu viele ungewisse Faktoren in seinem Schlachtplan. Und vom, in seinem Plan als feindlich eingestuften Grandessa, umzingelt zu sein, verschaffte ihm auch ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Andererseits ermöglichte es ihm auch, Grandessa an unzähligen Punkten anzugreifen. Die lokalen Garnisonen und Grandessas Truppenstärke im Allgemeinen ließ dies zwar in keinem guten Licht erscheinen, aber das kümmerte Kyren im Moment nicht besonders.
Er hatte eine große Eisplatte im Bachbett freigelegt und ritzte darauf nun mit einem seiner Feuersteine die Daten seines Schlachtplans ein. Geschätzte Truppenstärke, Fraktionen, militärische und zivile Ziele, eventuelle Züge seiner „Feinde“. Und darunter eine Karte Celcias. Letzteres war der am schwierigste aufzuzeichnende Teil, aber er war mit seinem Ergebnis zufrieden. Wohl kaum ein Kartograph hätte die skurile Ansammlung von Punkten, kaum leserlichen Ortsnamen und Linien als Karte identifizieren können. Die Bauern Bernars hätten sein Werk wohl gar als Kinderzeichnung abgetan. Kyrens Wissen über Celcias Geographie war sehr begrenzt und so war es auch seine Karte. Dennoch zeigte sie die wichtigsten Orte Celcias, die er kannte, darunter alle Städte und Dörfer Grandessas. Auch Pelgars Position dürfte er richtig erraten haben, von den Inseln die Celcia umgaben fehlte aber jede Spur. Die Position und vor allem die Grenzen Jorsans waren sehr detailliert, von Andunie und dem Eisreich war aber wiederum nichts zu sehen. Wenn er sich anstrengte, könnte er vielleicht noch den ein oder anderen Punkt anfügen, aber für den Moment sah er sein Werk als vollendet an. Nun musste er sich um die Verpflegung kümmern, alle Ziele die er ausmachen konnte waren mindestens einen Tagesmarsch weit weg, und er wollte Kontakt mit der Bevölkerung Grandessas vermeiden, so lange es ihm möglich war, oder er weit genug von Bernar entfernt. So machte er sich ein weiteres mal daran, seinen Unterschlupf zu durchsuchen – Alles, von dem er wusste, dass es genießbar war, wanderte in seine Taschen. Seine Funde an Gräsern und Beeren, vorwiegend an ersteren, sollten für ein oder zwei weitere Tage reichen, wenn er sie weiterhin streng rationierte. Als er sich gerade wieder aufrichtete, nachdem er ein paar gefrorene Beeren vom Boden aufgehoben hatte, sah er, dass die Sonne ihr Licht in kleinen Pünktchen durch das Blätterdach in seinen Unterschlupf scheinen ließ. Mit dem Wiegen der Blätter und Äste und dem Lauf der Sonne, schien sich einer dieser Punkte geradewegs auf seine ins Eis geritzte Karte zuzubewegen. Kyren schickte sich an, seinem Lauf mit Blicken zu folgen. Vielleicht würde dies ihm sein Ziel zeigen.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Erzähler » Sonntag 13. März 2011, 21:14

Kyren hatte die Schultern gestrafft und war nun zuversichtlich, was sein weiteres Leben betraf, er stellte es von nun an direkt in die Dienste von Lysanthor. Auch, wenn er nicht genau wusste, wie. Nach dessen Grundsätzen zu leben, sollte ihm nicht weiter schwer fallen, er hatte dies bereits getan.
Nun half ihm der Glaube an den höchsten der Götter, um neuen Lebensmut zu fassen und wieder einen Sinn im Leben zu sehen.
Nun musste er die ersten Schritte in diesen Lebensabschnitt hinter sich bringen und das hieß, erstmal, raus aus der Wildnis, denn hier würde er Lysanthor kaum etwas bringen.
Kyren packte alles Essbare zusammen, was er finden konnte. Kaum zwei handvoll Beeren und einige Gräser kamen dabei zusammen, immerhin würden die gefrorenen Körner ihm etwas Kraft bescheren.
Draußen an den Büschen, die am Bachbett wuchsen, würde er vielleicht noch ein wenig Wegerich finden und von den Bäumen könnte er sich Flechten herunter schaben. Hungern musste er nicht mehr wirklich, wenn er auch schmackhafteres und pikanteres Essen vorzog. Mittlerweile sah er die ganzen Entbehrungen als Möglichkeit, seinen Geiste zu klären und eine andere Sicht, frei von Rachegedanken und Schuldzuweisungen zu suchen.
Seine nächste, selbst gewählte Aufgabe, die er sich stellte, sah vor, dass er sich eine Karte von Celcia erstellte. Als material dazu, diente ihm eine Platte aus Eis, die er aus dem Flussbett heraus geholt hatte. Die Arbeit war mühselig, brachte aber, einen für ihn zufrieden stellenden Erfolg. Das einzige Problem an seiner Karte war, dass er kaum Details einzeichnen konnte. Aber das störte ihn zu diesem Zeitpunkt auch nicht. Optimistisch sah er zur Sonne und auf ein baldiges, besseres Leben.
Nachdem er alles zusammen gepackt hatte, was er mitnehmen wollte, machte er sich auf in Richtung aufgehender Sonne. Die frühmorgendlichen Strahlen begangen gerade erst wieder, Wärme zu entwickeln. Trotzdem genoss er sie auf seiner Haut und der Wohltat in seiner Seele.
Er überquerte den ausgetrockneten Bach und entschied sich auf dessen linken Seite entlang zu laufen. Dieser Bach, führte in Richtung Osten und damit irgendwann an die Küste. Konkrete Gedanken hatte er sich dazu nicht gemacht.
Auf der linken Seite, kam Kyren noch ein Stückchen durch einen kleinen Wald, der in den warmen Jahreszeiten prächtig aussehen musste. Hier konnte er noch weiter Essen suchen, bevor auf weite Ebene kam.
So zog sich er Vormittag dahin, die Sonne stand nun schräg am Himmel, endlich war das Wetter mal wieder gut und es schien auch so, dass es des ganzen Tag so anhalten würde. Gegen Mittag trat er aus dem Wald heraus und fand vor sich eine mit Schnee bedeckte Ebene, die von sanften Hügeln durchzogen wurde. Ein paar weiße Schäfchenwolken waren aufgezogen und tanzten als Schattenbilder über den Schnee. Ein Blick zum Himmel verriet ihm, dass aber noch kein Schnee zu befürchten war.
Lediglich der Wind war hier mehr wahrzunehmen.
Am Blickfeld seines Horizonts, in leicht südöstlicher Richtung, konnte Kyren dunkle Schatten sehen, für Details war er noch zu weit weg. Es konnte eine Ansammlung von Bäumen sein, genauso gut eine Ansammlung von Gehöften. Da diese Schatten in seiner Richtung lagen, lief er erstmal auf sie zu.
Gegenspäten Mittag war er so nahe heran gekommen, dass er mit Sicherheit sagen konnte, dass es eine kleinere Anzahl an Bauernhöfen war. Während seines Marsches durch diese schöne Gegend, war er sich immer sicherer geworden, dass es das war, was er im schatten vermutete. Denn nach und nach wandelte sich die einfache Grasebene mit ihren vereinzelten Büschen und Sträuchern zu brachliegenden Feldern.
Wenn er einen Schritt zulegte, könnte er gegen späten Nachmittag diese Gehöfte erreichen.
Ein weiterer Lichtblick.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Mittwoch 13. April 2011, 19:19

Kyren hielt sich am Rande der Felder und sah sich immer wieder genau um. Seine Schritte hatten ihn nicht aus Grandessa fort geführt, sondern weiter in das Landesinnere. Das brachte sowohl Chancen als auch Gefahren mit sich, seiner Meinung nach allerdings mehr an Letzteren. Südlich von Bernar lag Grandea, doch war er als ein ehemaliger Hauptmann vom Flottenstützpunkt West wichtig genug, auf dass man Boten in die Hauptstadt senden würde um ihn zu jagen? Oder würde die ganze Angelegenheit vom Geheimdienst des Reiches als erledigt angesehen werden? Kurz blieb er stehen und blickte hinter sich. Seine Fußspuren waren noch deutlich im Schnee zu sehen, aber die Wärme des Tages setzte dem Schnee bereits stark zu. Bald würde für ein ungeschultes Auge nichts mehr an seine Reise erinnern. Und allzu bald würde man Hauptmann Kyren aus Bernar wohl ebenso vergessen haben, gleichsam seine Tochter, Ithiljiera - so zumindest wenn die Herren Grandessas dies wünschten. Vielleicht würde man seine Geschichte, oder eher die seiner Tochter, auch ausschlachten. Sie als gefährliche Rebellen darstellen, die dem Wohl Grandessas und seiner Bürger zu schaden suchten. Der Gedanke lies ihn traurig den Kopf schütteln. Nun, es liegt mir fern um Gerechtigkeit um meiner Willen zu bitten.. Dachte er sich und quittierte seinen Gedankengang mit einem Schulterzucken. Das lag jetzt hinter ihm, und so Lysanthor es wollte, würden all jene die ihm daraus einen Galgenstrick zu drehen versuchen auch bald hinter ihm liegen. Sich wieder auf das konzentrierend was vor ihm lag, musterte er die Felder die nicht mehr, oder nur mehr zum Teil von Schnee bedeckt waren sorgfältig als er an ihnen vorüber schritt. Er konnte den Ertrag gut abschätzen, hatte er doch auch einige Jahre als Bauer gelebt. Er konnte auch gut abschätzen, wie viel den Leuten hier von ihrem Ertrag übrig bleiben würde. Ich werde den Bauern dort nicht als ärmer erscheinen, als sie sich selbst wähnen. Ob die Steuern höher sind, je näher die Siedlungen bei Grandea liegen? Er kam nun näher an die Bauernhöfe heran, einige hatte die Last des Schnees hart mitgenommen - Zumindest so weit er dies aus der Entfernung beurteilen konnte. Vielleicht waren sie auch aufgegeben worden, oder mussten aufgegeben werden. So wie sein Elternhaus in Bernar. Was wohl nun damit geschehen würde? Hoffentlich bereicherten sich seine und Ithiljieras Freunde vor den Lakaien des Königs daran. Der Gedanke entlockte ihm ein leises Auflachen - Gutheißen von Diebstahl! Vor ein paar Tagen noch wäre ihm das nie in den Sinn gekommen. Wenn er so zurück dachte, dann erschien ihm alles wie ein komplett anderes Leben. Ein geborgenes Leben, ein gutes Leben. Aber will ich es zurück? Unbewusst schüttelte er den Kopf. Er fühlte Ablehnung, konnte sie sich aber nicht ganz erklären. Die aufkommende Kälte in seinen Füßen, weil er nun schon wieder stehen geblieben war, riss ihn aus seinen Gedankengängen und trieb ihn wieder zur Eile an. Solang ich in Bewegung bleibe, solang ich handle.. Ist alles gut. Die Bauernhöfe kamen indes immer näher in sein Blickfeld, eine willkommene Abwechslung zu all dem Weiß, dass wenn er zu lange darauf starrte, an seiner Sehkraft zehrte. Welche Art von Prüfung ihn dort wohl erwartete? Nun, zuerst sicher einmal das Unterfangen sich der Wahrheit genüge tuend vorzustellen, ohne gleich von den Vorfällen in Bernar erzählen zu müssen. Aber wahrscheinlich wusste man hier nichts davon. Würde der Stadthalter von Bernar nicht beschließen den Vorfall auszuschlachten, würde man wahrscheinlich nicht einmal in Bernar besonders viel darüber wissen - Außer natürlich den wildesten Spekulationen über den Verbleib der kleinen Leah Familie. Er würde sich als Kyren vorstellen. Lysanthor wird mir doch nicht zürnen, wenn ich zwar wahr spreche, aber nicht die ganze Wahrheit erzähle? Mir wurde mein Land in Bernar genommen - Deswegen bin ich von dort fort gegangen und suche nun meinem Herrn Lysanthor zu dienen. Das entspricht der Wahrheit. Größtenteils. Wie sich die Geschichte von Kyren, dem landlosen Bauern der auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit nach Süden zieht wohl machen würde? Vielleicht würde er sich für etwas zu Essen und ein Bett für die Nacht als Knecht anbieten können - eine sehr wahrscheinliche Perspektive, wenn er so darüber nachdachte. Arbeit gab es immer.. Aber auch eine Aufgabe? Bald schön würde er den ersten Hof erreicht haben. Er glättete was von seiner Kleidung noch übrig war und marschierte zielstrebig darauf zu.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Erzähler » Freitag 29. April 2011, 14:03

Den ganzen Weg hin zu den Gehöften, die er im Augen behielt, grübelte er nach. Seine Gedanken kreisten immer um das, was geschehen war und was diese Vorfälle und tragischen Ereignisse mit sich ziehen könnten. Alles versuchte er abzuwägen, von dem, was mit seiner Familiengeschichte geschehen könnte, bis hin zu den Vermutungen, ob man hier bereits auf ihn aufmerksam geworden ist. Das alles könnte sein oder auch nicht. Kyren konnte es nicht wissen, wenn er es nicht ein wenig darauf anlegte.
Schwerer wog für ihn die Entscheidung, ob er sich nun vollkommen vorstellen sollte, mit allem, was sein Name vielleicht mit sich zog oder ob er es bei seinem Vornamen belassen sollte. Dabei fürchtete er nicht mögliche Konsequenzen der Bauern, vielmehr drückte ihn eine mögliche Verstimmung Lysanthors nieder. So entschied er sich erstmal für den einfacheren Weg. Ihm war schließlich nur nach etwas zu Essen, einer Waschgelegenheit und einem warmen Bett, alles unter einem Dach über dem Kopf. Dafür war er auch bereit, zu arbeiten, er kannte es schließlich nicht anders.
Zu allererst musste er allerdings wissen, ob diese bäuerlichen Häuser noch bewohnt waren. So lange konnte er sich seine Gedanken auch sparen, obwohl sie den Weg über die Felder verkürzten.
Die Felder lagen natürlich brach und warteten darauf, bestellt zu werden, denn die ersten scheuen Sonnenstrahlen waren ja schon da. Langsam neigte sich er tag den Ende zu und mittlerweile tauchten goldene Strahlen das Land in ein wunderbares Licht. Ein Licht, wie es Lysanthor zu Ehre gereichte. Vielleicht ein weiteres Zeichen dafür, dass er auf dem richtigen Weg war?! Immerhin waren die Wege der Götter unergründlich.
Die Distanz zu den Häusern verringerte sich immer mehr und langsam konnte er hier auch Pfade erkennen, einige deutlicher, da sie wohl mit Karren befahren wurden und einige erinnerten eher an Trampelpfade. Diese Pfade verliefen zwischen zwei Feldern und jenes zu seiner Linken, beherbergte das erste, untrügerische Zeichen, dass hier noch Leben war. Im gefrorenen Erdreiche schlummerten Kohl und Steckrüben. Nun konnte Kyren auch die Gehöfte näher in Augenschein nehmen, wie er bereits vermutet hatte, waren sie nicht im besten Zustand, aber immerhin nicht so baufällig, dass sie einsturzgefährdet oder nur unzureichend bewohnbar waren. Seine Nähe lies nun auch zu, dass er Rauch aus einem der Schornsteine aufsteigen sehen konnte.
Wenn er sich so umsah, konnte er genügend finden, wo er seine Arbeit anbieten konnte. Das Feld mit dem Gemüse musste bestellt und abgeerntet werden. Ebenso konnte er seine Hilfe beim Ausbessern der Häuser anbieten, ob um auf dem Dach oder am Fachwerk.
Wie er noch 300 Schritt von einem der Hauptgebäude entfernt war, konnte er auch diese genaue bauweise erkennen. Es waren Langhäuser, in denen die Ställe mit den Tieren und die Heuschober integriert waren. Er kannte diese Art der Häuser, sie hatte eindeutige Vor-, aber auch Nachteile.
So konnte er auch dort seine Arbeitskraft anbieten, beim Versorgen der Tiere, Umschichten des Heus oder auch Ausmisten der Ställe und Trocknen des Dungs - ein hervorragendes Dämm- und Brennmaterial.
Sein Kommen blieb natürlich nicht unbemerkt. Ein Wachhund hatte sich aus seinem Unterschlupf hervorgewagt und hatte schon einige Minuten auf dem Hof gesessen. Nun schlug dieser laut kläffend Alarm, immerhin näherte sich ein Fremder. Der Hund war aber gut abgerichtet, da er sich kaum von der Stelle bewegte und Kyren im Blick behielt. Kurze Zeit später kam ein kräftiger Mann in mittleren Jahren aus dem Haupthaus herauf und beruhigte den Hund. Dieser blieb jedoch neben seinem Tier stehen und sah fragend in Kyrens Richtung.
Er war gut einen halben Kopf größer wie Kyren, hatte aber ebenfalls braunes Haar, welches kurz gehalten war und einen Vollbart, der ihm gut gestutzt zu Gesichte stand. Dessen Kleidung war ledern, praktisch und gut gepflegt. So armselig diese kleine Ansammlung auch war, die Menschen schienen es ihnen nicht nachzueifern. Das Gesicht des Mannes wirkte neutral, aber offen.
… und im Hintergrund öffnete sich die Tür erneut und neugierig dreinblicke Augenpaare beäugten ihn.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Donnerstag 26. Mai 2011, 20:05

Kyren spürte Hoffnung in sich aufsteigen, als er sah, dass die Felder teils noch gut bewirtschaftet waren und bald Ernte einbringen würden. Es war ein Glücksfall; zum einen würde es mehr Arbeit für ihn bedeuten und zum anderen das Einkommen der ansässigen Bevölkerung sichern. Beides sollte wohl seine Chancen erhöhen, gebraucht zu werden. Obwohl alles was er sah auf eine eher unbeschwerte Zeit hindeutete, wollte er sich nicht ganz der Hoffnung und dem Glück verschreiben. Wer wusste schon wie es die Leute hier mit dem König hielten? Er war Hauptmann im Dienste Grandessas gewesen und nun war er de facto ein Ausgestoßener, ein Feind Grandessas. Soldaten wurden teils hoch geachtet, das kam aber auch ganz darauf an in welcher Truppstärke man ihnen begegnete. Und einen Verbrecher hieß wohl niemand gerne willkommen, auch nicht wenn es gegen die Männer des Königs ging. Mit einem Schulterzucken tat er jene Gedankengänge jedoch ab – Sein Leben lag nun in Lysanthors Hand, seine Weisungem hatten ihn bis hierher gebracht und nun würde er ihn schon nicht fallen lassen. Und wenn doch, dann könnte sich Kyren bei seinem Ende zumindest nicht vorwerfen es nicht versucht zu haben. So konzentrierte er sich wieder auf seine unmittelbare Umgebung und schwenkte auf einen der Trampelpfade ein um keine der Pflanzen in den Feldern zu zertreten. Wie viele Leute hier wohl lebten? Ob Soldaten unter ihnen waren? Die Ansiedlung sah, soweit er erkennen konnte, nicht befestigt aus. Wahrscheinlich würde das Gebäude des oder der Vertreter der königlichen Gewalt Grandessas hier schwerer und sicherer gebaut sein, aber er hatte ohnehin vor sich vor jeglichen Autoritäten zu verstecken - falls es hier überhaupt welche gab. Zumindest bis er herausgefunden hat, ob das offizielle Grandessa ihn abgeschrieben hat oder nach ihm auf der Suche ist. Beim Anblick der Gehöfte und Felder überkam ihn aber auch noch ein anderer Gedanke – Der wieder gebraucht zu werden. Es war durchaus befreiend durch Grandessa zu vagabundieren, aber ohne das Gefühl gebraucht zu werden oder einer Pflicht nachkommen zu müssen war es.. nur ein halbes Leben, vergeudete Zeit und Energie. Das Leben als Bauer war ihm damals als die beste Lösung für ein Leben zusammen mit Ithiljiera erschienen, dennoch hatte ihn seine Zeit als Soldat zu sehr geprägt um einige Gewohnheiten und Ansichten abzulegen. Es war ein gutes Leben gewesen, zusammen mit seiner Tochter, ein anständiges Handwerk, wenn er es seiner Familie widmen konnte. Jetzt wurde ihm klar, dass es ohne diesen Zweck deutlich weniger attraktiv war – und wohl bald sein würde. Er war dafür geschaffen Leben zu schützen, nicht dafür es aufzuziehen, dafür barg alles, dass er sich in seinem Leben angeeignet hatte zu viel Potenzial, dass nur dem Kampf und Krieg diente. Dennoch.. Er würde sich anstrengen. Und genau dies dachte er, als er das Kläffen des Wachhunds vernahm. Er würde sich anstrengen müssen, um nicht verdächtig zu erscheinen. Oder einfach so gut arbeiten, dass seine Geschichte nicht weiter interessant war, solange seine Arbeitsmoral die Leute in ihren Bann schlug.
Als Kyren sah, wie der Mann den Hund beruhigte hob er eine Hand zum Gruß und verwarf aufkommende Zweifel, ob er nicht lieber umkehren sollte sofort wieder – Das würde ihn nun wirklich suspekt erscheinen lassen. So ging er raschen Schrittes auf den Mann zu und blieb einige Schritte vor ihm stehen. Er würde seine Meinung über diese Ansiedlung wohl revidieren müssen, der Mann wirkte recht stattlich und trug praktische Kleidung – Höchstwahrscheinlich einer der ansässigen Bauern. Seine Statur ließ darauf schließen, dass es den Bauern hier besser ging als in Bernar, aber hier zog man wohl auch nicht alle paar Jahre den Ärger des Königs auf sich. Vielleicht ließ es sich hier ja ganz gut leben, wenn man nicht auf sich aufmerksam machte?
“Ich grüße euch, Herr!“ Sprach Kyren an jenen Mann gewandt, gefolgt von einer leichten Verbeugung. Hoffentlich benahm er sich gerade angemessen? Leider funktionierte hier nicht alles über das gewohnte Heereszeremoniell.
“Ich habe meinen Hof und mein Land verloren, weil ich nicht mehr in der Lage war, all dies alleine zu bewirtschaften – Seitdem biete ich mich als Knecht und Tagelöhner an. Dennoch verstehe ich mich auf mein Handwerk, und wenn ihr noch einen fähigen Knecht für die baldige Erntezeit oder andere anfallende Arbeiten sucht, würde ich mich euch anbieten.“ Vielleicht erzählte er gerade zu viel, oder redete sich bereits um Kopf und Kragen. Wie würde man es wohl auffassen, dass er seinen Hof verloren hat? Und wie ging man hier mit Vagabunden und Tagelöhnern um?“Ich bitte um nichts mehr als eine Mahlzeit am Tag, ein Dach über dem Kopf und vielleicht etwas Proviant, wenn ihr meiner Dienste nicht mehr bedürft, Herr, und ich weiter reise.“ Eine Ungereimtheit würde wohl auch sein, dass Kyrens Erscheinung, Sprache und Begehren wohl ganz zueinander passten. Er war alt und mitgenommen, vermittelte aber keineswegs den Eindruck eines verbrauchten Tagelöhners.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Gestalt » Donnerstag 7. Juli 2011, 04:59

Kyren hatte den Mut gefasst und den fremden Mann, der eindeutig ein Bauer, war anzusprechen. Dessen Miene war neutral und die graublauen Augen musterten Kyren aufmerksam. Er nickte und lauschte Kyrens Ausführungen.
“Seyd auch ihr gegrüßt!” Der Mann bot Kyren zum Gruße seine Hand und zum ersten Mal huschte ein Lächeln über die wettergegerbten Züge des Mannes, ein wohl eindeutiges Zeichen dafür, dass Kyren sich entspannen konnte.
“Hierher verirren sich nicht oft Reisende, wie sind weit ab von einem Dorf … wie ihr sehen könnt, sind wir hier so ziemlich auf uns allein gestellt.” Seine Stimme war von einem tiefen und warmen Bass und passte wunderbar zu dessen Statur. Obwohl er ein Mann des Landes war, stand er stolz und aufrecht vor Kyren. Nein, dieser Schlag Menschen hier, musste definitiv nicht gram gebeugt unter der Willkür des Königs leiden.
Der Bauer hatte mit einer ausladenden Geste, ausschweifend über die sichtbaren Häuser gezeigt. Erst jetzt fiel es Kyren auf, dass dies kein kleines Dorf war, wie er vermutet hatte. Augenscheinlich schien hier nur eine größere Familie zu leben. Denn von sonstigen Häuser, wie etwas eine Taverne oder das offizielle Haus des Büttels war nichts zu sehen. Die Häuser sahen eher nach Ställen, Wohnstube, Scheunen, Schuppen und dergleichen aus. Die Gebäude waren wohl gut in Schuss, aber zu tun gab es auf dem Land immer etwas.
“Ich sehe, dass ihr euch in einer wirklich misslichen Lage befindet, ihr tragt ja kaum noch etwas anderes an euch, bis auf eure Kleidung. Seine Stimme färbte ein leichter Ton der Sorge mit ein, während er Kyren genauer beäugte.
“Ihr müsst wahrlich bessere Zeiten hinter euch gehabt haben, ich erkenne, wen ich vor mir habe, jedenfalls keinen räudigen Landstreicher … euch soll es vorerst nicht an Gastfreundschaft mangeln. Aber lasst mich euch vorstellen, mein Name ist Gerion Baerhildson und ich bin der Herr dieser Wirtschaft.” Gerion trat einen Schritt beiseite und bedeutete seinem Gast an, den Hof zu betreten.
Das Glück war ihm an diesem Tage wirklich hold, Lysanthor war ihm hold und das brauchte er nun wirklich. Nach all der Zeit und den tagen voll des Haderns und der Schicksalsschläge, schien es ihn an diesen Ort geführt zu haben, an dem er erst einmal würde aufatmen und zu Kräften kommen können.
Gerion führte ihn über den Hof, hin zu einer schweren Holztür, die reich verziert war. Nicht durch edle Metalle oder dergleichen, sondern die Schnitzereien im Holz machten sie besonders.
Innen war es schlicht, dennoch gemütlich eingerichtet, halt ländlich rustikal. Das versprach gleich ein Stückchen Heimat.
Dies schien wohl das Hauptgebäude zu sein, in dem die meisten Aktivitäten stattfanden. Die Familie oder Familien waren immer so gut betucht, dass sie es sich leisten konnten, für die Nutztiere ein eigenes Gebäude zu haben, denn hier waren sie, mal abgesehen von einigen Katzen, nicht vertreten.
Kyren wurde in eine Art Windfang geführt, der durch einen schweren Vorhang von anderen ‘Räumen’ abgetrennt war. Hier hingen Mäntel, Umhänge, Tücher und dergleichen an eisernen Haken, wohl die Garderobe. Hier bat Gerion ihn, sich seines Schuhwerkes zu entledigen und stellte ihm hölzern Schuhe parat.
“Euren Umhang könnt ihr an der Feuerstelle trocknen, kommt …” Damit ging Gerion wieder voraus, schob den Vorhang beiseite und führte seinen Gast zum Herzstück. Kyren kannte die Bauweise dieses Hauses, sie war typisch für ländliche Gegenden. In der Mitte des größten Raumes, befand sich die Feuer- und Kochstelle und logischerweise brannte zu dieser Jahreszeit ein Feuer, wie eigentlich meist. Der Bereich um das Feuer war sauber und großzügig mit Stroh ausgelegt, in dem sich die Katzen aalten. Von dieser Stelle sternförmig ausgehend, konnte Kyren noch weitere sieben Öffnungen in den Wänden sehen, die vermutlich zu den Schlafstätten führten.
In der Nähe des Feuers standen Sitzgelegenheiten und auch einige Tische an den Wänden. An einem Schemel bedeutete Gerion ihm, Platz zu nehmen. Er schenkte eine heiße Flüssigkeit in zwei große Becher ein und gab einen davon Kyren. Es tat wirklich gut, alleine schon den heißen Becher in den Händen zu halten. Erst jetzt bemerkte er, wie sehr im die eisige Kälte in den Knochen steckte.
Gerion holte ihn aus seinen Gedanken.
“Ihr sollt zumindest für diese Nacht einen Schlafplatz und eine Mahlzeit erhalten … über euer Anliegen werde ich mit meiner Familie sprechen. Sagt, was für Fähigkeiten beherrscht ihr? … erzählt von euch!” Er setzte sich Kyren gegenüber und wartete.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Donnerstag 4. August 2011, 13:52

Kyren drückte die Hand des Mannes kräftig und warf dann noch einmal, der Geste des Mannes folgend, einen Blick auf die Ansiedlung und die umliegenden Felder. Allem Anschein nach mangelte es den Leuten hier nicht, den meisten Bauern die Kyren aus Bernar kannte ging es schlechter. Es musste einiger Hände bedürfen um dies alles in stand zu halten, wo war er hier nur gelandet? Auf jeden Fall abseits genug von größeren Ansiedlungen um erst einmal aufzuatmen – Dennoch, die wahre Nagelprobe stand noch bevor.
„Ihr scheint dem dennoch gewachsen zu sein, wenn ich mir euren Hof und euer Land so ansehe!“ Erwiderte Kyren ehrlich anerkennend. Als ihn Gerion kurz darauf genauer begutachtete und seinen Zustand kommentierte blieb Kyren nur mit einem schiefen Lächeln zu nicken. „Der Winter hat sich mir von seiner kältesten Seite gezeigt. Aber ich bin ich froh, eure Bekanntschaft zu machen, Herr. Wenn ich mir auch angenehmere Umstände dafür gewünscht hätte, ich werde eure Gastfreundschaft gerne annehmen. Seid versichert, dass ich willens bin euch diese Schuld zurück zu zahlen!“
Daraufhin betrat Kyren den Hof und folgte Gerion, die reich verzierte Tür ließ ihn aber dennoch aufmerken. Vielleicht bestand das Einkommen dieser Familie nicht nur aus den Erträgen von Vieh- und Feldwirtschaft? Entweder hier verstand sich jemand auf das Drechslerhandwerk, oder man hatte sich diesen Prunk für teures Geld geleistet. Während er sich im Hauptraum seiner durchnässten Stiefel entledigte und in die Holzschuhe schlüpfte unterzog er diesen einer genaueren Musterung. Kyren war nicht von Natur aus misstrauisch oder besonders neugierig, aber er wollte trotzdem so viel wie möglich über seinen Gastgeber in Erfahrung bringen. Womöglich würde ihm dies noch nutzen, aber – und das war ihm schon beim Eintreten schmerzlich klar gewesen – wie sein weiterer Aufenthalt hier weitergehen würde, würde sich in den nächsten Minuten entscheiden. Gerade dass es den Leuten hier so gut ging, ließ Kyren nur schwer einschätzen auf wessen Seite sie stehen würden. Und dabei drängte es ihn gar nicht, die Leute derart einzuteilen – dennoch, solange er nicht wusste ob er verfolgt wird, konnte er nicht riskieren Gerion und seine Familie in Gefahr zu bringen. Zwar war die Chance hier gefunden zu werden sicherlich gering und die Arbeit hier würde ihn wohl auch vor den Augen möglicher Häscher gut verbergen, aber..
Gerade als Kyren zu sprechen ansetzen wollte, und Gerion vor sich selbst warnen, führte dieser ihn auch schon weiter. Der Raum kam ihm gleich vertraut vor, Barin hatte auch so gehaust. Das Gefühl der Vertrautheit ließ ihn einen Moment lang seine Anspannung vergessen, die gleich darauf aber der Neugier wich. Als er sich in dem Raum umsah, zählte er noch 7 Öffnungen im Raum. Wenn auch nur die Hälfte davon Schlafstätten beherbergen, so hatte Gerion eine große Familie zu umsorgen. Kyren's Respekt vor dem Mann wuchs nun noch mehr, damit allerdings auch seine Besorgnis über sein hiersein.
Lysanthor mochte ihn hierher geführt haben und ihm damit große Gnade erwiesen, doch hatte er dabei auch seine schützende Hand über Gerion und seine Heimstatt gehalten?
Er legte sich in Gedanken die Worte zurecht während er Platz nahm und kurz darauf spürte wie sich wieder langsam Wärme in seinem Körper ausbreitete, es tat wahrlich gut wieder ein Dach über dem Kopf und eine nahe Feuerstelle zu haben. Gerions Frage traf ihn etwas unvermittelt, obwohl er sich schon seit er Gerion in den Hof gefolgt war Gedanken darüber machte wie er ihm seine ganze Geschichte begreiflich machen sollte.
Doch als er zu sprechen begann, fiel es ihm leichter als erwartet: „Ihr habt ein Recht darauf zu Wissen wer ich bin und wer ich war, Gerion. Nicht nur weil ich euer Gast bin und ihr mir damit große Gnade erweist, sondern auch weil ich ob meines hierseins um eure Sicherheit Sorge und euch keineswegs ein Risiko aufbürden möchte, dass niemals die Sicherheit und den Frieden eurer Heimstatt aufwiegt..“Erklärte er zuerst ernst, nahm dann einen kleinen Schluck von der Flüssigkeit und setzte ungeachtet des nun folgenden Brennens in seiner Kehle wieder zu sprechen an.
„Ich bin Kyren Alasdair Leah, Sohn von Alasdair und Leofwenna Leah aus Bernar. Mein Vater war Soldat und ich bin beim Flottenstützpunkt West in seine Fußstapfen getreten. Nach meiner Beförderung zum Hauptmann habe ich mich hauptsächlich um die Ausbildung der neuen Rekruten gekümmert, um ehrlich zu sein, ich konnte mich nie mit dem Dienst auf den Schiffen anfreunden. Nun, vor 5 Jahren bin ich auf eigenen Wunsch aus dem Dienst ausgeschieden – Ein Freund meiner Familie hatte ein Waisenkind meiner Fürsorge anvertraut.“
Ein weiterer Schluck des heißen Getränks half Kyren dabei seine Fassung zu wahren. „Ithiljiera war ihr Name. Man hat mir nie erzählt was aus ihren Eltern geworden ist, und um ehrlich zu sein, es hat mich auch nie interessiert. Sie hatte schon einige Sommer gesehen als sie zu mir kam, aber sie nahm mich dennoch als ihre Ziehvater an. Wir bauten eine kleine Landwirtschaft auf, gerade genug um die Steuern des Königs zu bezahlen und uns selbst am Leben zu halten.“ Unbemerkt von Kyren huschte ein Lächeln über seine Züge. Nicht alle Erinnerungen die er mit sich führte waren schmerzlicher Natur. „Natürlich wusste sie wer ich war und worin meine Fähigkeiten bestanden. Man setzt sich nicht von heute auf morgen vom Leben eines Hauptmanns zur Ruhe und bestellt Felder – So sehr ich mir das auch gewünscht hätte. Sie bat mich, sie im Kriegshandwerk zu unterweisen und Anfangs erfüllte ich ihren Wunsch. Später dann bat sie mich eine Handvoll anderer Männer aus Bernar ebenso zu unterweisen – Wiederum erschien es mir nicht falsch, wenn die Bürger Bernar sich selbst verteidigen konnte.“ Er seufzte tief und schüttelte langsam den Kopf.
„Es dauerte zwar nicht lange, bis ich beschloss dem ganzen ein Ende zu setzen, weil ich es weder für meine Tochter noch für die paar Männer aus Bernar für Sinnvoll erachtete, aber da hatte ich schon genug Unheil angerichtet.“
Er hörte einen Moment lang auf zu sprechen und starrte nachdenklich auf seine leicht zitternden Hände. Rasch zwang er sich wieder zur Ruhe und sprach dann weiter: „Als ich eines Abends von der Arbeit auf dem Feld nachhause kam, fand ich unser Haus verlassen vor. Das war nicht weiter ungewöhnlich, Ithiljiera hielt sich oft in den Tavernen Bernars auf. Ich setzte mich wie jeden Morgen und Abend zum Gebet an meinen Herren Lysanthor und als ich endete, war mir, als hätte ich etwas gespürt.. Etwas unangenehmes.. Mehr aus Gewohnheit wollte ich meine vertraute Streitaxt in der Hand wissen nur um vorzufinden, dass die Truhe die sie barg geöffnet und die Axt verschwunden war. Ich weiß nicht mehr woher ich den Gedanken nahm, aber damals schloss ich aus allem was in den letzten Wochen geschehen war, dass Ithiljiera diese Nacht nur einen Weg eingeschlagen haben konnte. Zusammen mit den Männern die ich, und wie ich glaube auch sie, ausgebildet hatte zum Haus des Statthalters.“
Abermals setzte er ab und konzentrierte sich einen Augenblick lang, um die Geschehnisse jener Nacht wieder klar vor Augen zu haben – keine große Anstrengung.
„In Bernar brodelt immer irgendwo Hass gegen den König auf, nicht nur dann wenn uns die Steuereintreiber einen Besuch abstatten.. Ich hätte früher Ahnen müssen, dass Ithiljiera dort hinein geraten würde. Jedenfalls war meine Vermutung richtig – Die Tür zum Haus des Statthalter stand offen und im unteren Stockwerk davon war keine Menschenseele. Im Oberen fand ich Ithiljiera und ihre.. Gefährten.“ Kyren lachte müde und freudlos. „Die beiden Männer die sie im Gang postiert hatten, hielten ihre Mistgabeln noch immer wie blutige Anfänger..“ Abermals hörte er zu sprechen auf und schloss einen Moment lang die Augen um sich zu sammeln. Was er nun aussprechen würde, fiel ihm scheinbar nicht leicht.
„Meine Tochter stand mit meiner Waffe vor dem Bett des Stadthalters – Er saß darauf, noch im Nachthemd. Die Szene war so grotesk, ich hätte lachen müssen, wäre mir nicht das Atmen so schwer gefallen.. Und hätte mich nicht der wissende Blick des Stadthalters erstarren lassen.“ Er lockerte den verkrampften Griff seiner Hände um den Becher. Sie zitterten nicht, aber Kyren schien trotzdem große Willenskraft aufbringen zu müssen um so ruhig zu bleiben. „Wir waren in eine Falle getappt. Ehe ich mich versah, spürte ich die Mistgabel eines der Bauern in meinem Rücken. Die beiden hatten Ithiljiera verraten, ich weiß nicht wie lange sie meine Tochter schon beobachteten. Im nächsten Moment stürmten auch schon Soldaten durch den Gang herein, Armbrustschützen bezogen Stellung. Ich weiß nicht mehr genau was dann passiert ist, aber als ich mich gerade zwischen die Schützen und Ithiljiera stellen wollte, tat sie selbiges mit mir – Sie warf sich gegen mich, sodass der Bolzen der mir gegolten hätte sie traf und ich Rücklings aus dem Fenster stolperte. Ich sah noch wie sie ihr Leben aushauchte bevor ich in den Stallungen neben dem Haus landete.“
In diesem Moment war Kyren sehr froh, seine wahren Gefühle verbergen zu können. Seine Miene blieb ernst und gesetzt, wenn auch sein Blick etwas von dem Kampf der Gefühle und Erinnerungen verraten mochte, dem er ausgesetzt war.
„Mindestens einer der Soldaten die den Hinterhalt vorbereiteten, war einer von den meinen gewesen – Obwohl man mich hätte sehen müssen, vernahm ich wie einer der Soldaten dies verneinte – Damit hatten sie mir die Flucht ermöglicht..“ Kyren leerte langsam den Rest der nun nur mehr lauwarmen Flüssigkeit und blickte dann Gerion wieder fest in die Augen.
„Ich hatte ein gutes Leben, und dies habe ich mir durch meine eigene Torheit verwirkt. Lysanthor war mir gnädig und hat mir eine weitere Chance gewährt, während ich halb Wahnsinnig durch Schnee und Eis stapfte. Ich suche nun nach nichts weiter, als Lysanthor dafür zu dienen – So wie ich es mein ganzes Leben schon versuchte, aber mir scheint, als würde ich erst jetzt die Chance dazu bekommen.“ Er endete wieder und schüttelte abermals den Kopf.
„Aber das hilft euch nun nicht weiter – Ich bin kräftig und verstehe mich auf die Arbeit auf den Feldern und in den Ställen, die 4 Jahre die ich als Bauer zugebracht habe, sind natürlich kein großartiges Zeugnis. Aber wenn ihr meine Hilfe benötigt, so biete ich sie euch gerne an. Ich muss euch aber nur um eines Bitten.“ Nun trat ein anderer Ausdruck in Kyren's Augen – tiefe Besorgnis. „Bringt weder euch, noch eure Familie, noch eure Wirtschaft wegen mir in Gefahr. Ich weiß nicht, ob man nach mir suchen lässt. Aber ich würde es vorziehen noch heute Nacht wieder weiter zu ziehen, als euch in Gefahr zu wissen.“
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Gestalt » Mittwoch 9. November 2011, 04:44

Kyren hatte es sich erlaubt, zu verschnaufen, sich ein wenig auszuruhen und zum ersten Mal seit tagen wieder heimisch zu fühlen. Ja, dieses haus hatte etwas von Heimat, von Geborgensein, Ruhe und Ankommen. Nichts desto Trotz funkte ihm immer wieder sein Verstand dazwischen, wollte ihn warnen, diese hart arbeitenden Menschen keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen. Aber seine gepeinigte Seele wollte zur Ruh kommen. Vor kurzem noch, wollte er sich seinem Schicksal in der Wildnis ergeben, doch schon kurze zeit später, eine hatte die warme, helfende hand Lysanthors nach ihm gegriffen und ihn daran erinnert, dass alles einen Sinn hatte.
Sein Weg hatte ihn nun hierher geführt und er wollte viel dafür tun, dass er sich beweisen konnte, vor sich selbst und vor diesen ehrlichen Menschen.
Kyren war nicht auf Gerions Fragen vorbereitet, aber er hatte sich schnell wieder gefasst und erzählte recht freimütig, mit klarer Stimme. Er wollte diesen rechtschaffenen Mann nicht im Dunklen über seine momentane Situation lassen. Gerion hörte aufmerksam, mit wachen Augen zu.
Dass Kyren nun hier war und damit die Sicherheit dieser Familie, in seinen Augen, in Gefahr war, quittierte Gerion mit einer hochgezogenen Augenbraue, ließ ihn aber weiter erzählen.
Minuten vergingen, in denen Kyren quasi sein ganzes Leben in offene Sätze verpackte. Er selbst wusste nicht warum er sich dies alles so frei von der Seele redete, aber es tat gut. Nicht einmal in der Zeit, unterbrach ihn Gerion. Wie Kyren mit seiner Geschichte endete, sah ihn der Landwirt mit festem Blick an, keinesfalls gleichmütig, geschweige denn feindselig.
“Nun, Kyren, ich danke euch für eure Offenheit … ein Mann wie ihr es seid, hat das Herz am rechten Fleck. Es kommt nicht immer so, wie wir uns das vorstellen oder wünsche. … Glaubt mir, es wird schon seinen Grund haben, warum dies alles so geschah … wer weiß schon, ob es nicht Lysanthors Wille direkt war . Niemand hat gesagt, dass das Leben einfach ist, geschweige denn, seine Prüfungen leicht zu verkraften sind.” Mit einem leichten Lächeln, schenkte er seinem Gast den Tonbecher erneut mit der wärmenden Flüssigkeit voll.
“Wisst ihr, Gastfreundschaft wird in diesem Teil des Landes groß geschrieben und wenn ich euch mit so wenig helfen kann, dann seid herzlich willkommen und wenn es nur für diese eine Nacht sein sollte. Aber kommt … “ Gerion stand auf und gebot seinem Gast, ihm zu folgen.
“Ich zeige euch eure Schlafstatt … es ist nichts großartiges, aber sie hält warm und ist recht bequem.
Kyren wurde zu einem der hinteren Öffnungen geführt, die ebenfalls nur mit einem schweren Vorhang vom großen Wohnbereich abgetrennt war. Gerion schob den Vorhang zusammen und befestigte ihn mit einer Kordel.
“Es ist ziemlich kalt hier drinnen, zu solch’ einer Jahreszeit haben wir wenig Besuch hier. Lasst den Vorhand einstweilen auf, dann wird es schnell angenehm.
Der Raum dahinter war nicht besonders groß, aber er enthielt alles notwendige. Gegenüber der Raumöffnung, befand sich ein kleines, bleiverglastes Fenster, welches von liebevoll verzierten Gardinen gesäumt war. Davor stand ein kleiner, massiver Tisch, auf dem Kyren eine größere Schale mit einem Krug befand, daneben ein Stuhl. Links von der Waschgelegenheit, war ein schmales Brett angebracht worden, auf praktischer Höhe. Auf diesem stand auch eine Stumpenkerze.
Ganz rechts, befand sich das Bett, sowie eine schmale Möglichkeit, damit Gäste ihre Kleidung verstauen konnten. Beides war in die Wand eingelassen und zusammen mit dem Schaffell auf dem Boden, herrschte auch hier, ein heimelige Atmosphäre.
Der Zugang zur Schlafstatt selbst war nicht groß, aber ungemein praktisch, was die Wärme betraf und dort drinnen, konnte Kyren eine dicke Daunendecke erblicken.
“Nun, Nachbar, kommt erstmal an und fühlt euch wohl … wollt ihr euch gleich zur Ruh’ begeben oder vorher ein Bad nehmen und etwas speisen? … Überlegt es euch, ich werde meine Familie unterrichten.”
Damit hatte Kyren wenigstens ein paar Minuten Zeit, sich über die nächsten Tage Gedanken zu machen. Es war wirklich eine glückliche Fügung … warum sollte er sie nicht als solche annehmen?
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Freitag 23. Dezember 2011, 21:37

Kyren nahm dankbar noch einen Schluck von der heißen Flüssigkeit und spürte, wie nicht nur die Kälte in seinem Körper langsam wich, sondern auch die in seiner Seele. Entweder Gerion war sich der Gefahr die Kyren darstellen mochte nicht bewusst, oder er hielt sie für unbedeutend. Beinahe schmerzlich hoffte Kyren letzteres, doch wollte er in diesem Moment der jäh aufkeimenden Hoffnung keinen Abbruch tun. Die Erleichterung sollte andauern - Die Erleichterung, seine Geschichte erzählt zu haben und nicht sofort ausgeliefert worden zu sein, nein, sogar eine Heimstatt gefunden zu haben. Einen Platz um die Flucht für einen Moment lang abzubrechen. Er rang sich dazu ab, Gerions Lächeln zu erwidern. Es fiel ihm überraschend leicht. Es fühlte sich überraschend befreiend an.
"Euch die Wahrheit über mich zu erzählen, war das mindeste, nach dem Ihr mich so freundlich und vorbehaltlos unter euer Dach genommen habt, Herr. Wenn dies wirklich Lysanthors Wille ist, dann hat er in euch einen würdigen Diener gefunden. Habt Dank für eurer Ohr und euren Trost, ich stehe tief in eurer Schuld." Gerion schien nicht unwohl dabei zu sein, Kyren zumindest für diese Nacht zu beherbergen. So sehr sich Kyren auch anstrengte, er konnte nichts finden, das diesen Traum zerstören könnte. Er musste sich nur dazu durchringen, ihn zu glauben. Die schlichte und ergreifende Wahrheit anzunehmen, dass er für den Moment sicher war.Wieso sollten die Tugenden denen sich Kyren verschrieben hatte, nicht auch bei anderen Menschen zu finden zu sein?
Mit einem Nicken erhob er sich zu den Worten Gerions und folgte ihm zu seiner zukünftigen Schlafstatt. Nur für diese eine Nacht.. Oder bis ich mehr darüber weiß, wohin es mich genau verschlagen hat und wie weit wir vom nächsten Dorf entfernt sind. Vielleicht sind die Patrouillen Grandessas hier tatsächlich rar gesät.. Die Gedanken kamen fast ungebeten, denn es war umheimlich verlockend sich der Gelassenheit Gerions anzuschließen.
Als Kyren hinter seinem Gastgeber den kleinen Raum betrat, musste er ein Lachen unterdrücken. Mit einem mal erschien ihm die Situation komisch - Das Zimmer war einladend, beinahe verlockend. Auf den ersten Blick erschien es ihm sogar besser ausgestattet, schöner, als alles was er in Bernar besessen hatte. Wahrscheinlich nur die Reaktion darauf in einem warmen Bett geschützt vor Wind und Wetter schlafen zu können, wahrscheinlich nur die berechtigte Freude darüber, heute Nacht nicht mit einem Lagerfeuer ringen zu müssen. Einen Moment lang fühlte er sich beinahe glücklich, war beinahe gerührt. Über etwas so einfaches.. harmloses. Im nächsten Moment musste er ebenso ein Kopfschütteln und einen leichten Anflug von Groll unterdrücken. Er war - zwar nicht mehr offiziell, aber dennoch - ein Soldat Grandessas. Er sollte weder darüber klagen sich halbnackt durch Schnee und Eis wühlen zu müssen, noch in Tränen ausbrechen weil er wieder in einem anständigen Bett schlafen konnte. Nun, zumindest für letzteres hätte er durchaus Verständnis gehabt, auch in seiner Zeit als Hauptmann. Wie sich die Zeiten doch ändern..
Nachbar. Das Wort riss Kyren aus seinen Gedanken und er dachte einen Moment lang über dessen Bedeutung nach, bevor ihm klar wurde dass Gerion ihm gerade eine Frage gestellt hatte.
"Ich habe eure Gastfreundschaft für heute schon genug in Anspruch genommen, Gerion. Antwortete er mit einem müden, aber aufrichtigen Lächeln.
Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich mich nun gerne zur Ruhe begeben. Auch wollte er nicht auch noch die Speisekammer des Hauses in Anspruch nehmen, oder Gerion weitere Arbeit mit ihm aufbürden. Sich hinzulegen, ohne Angst vor der Kälte haben zu müssen, würde eine gute Wahl sein. Am nächsten Tag konnte er sich immer noch den Schmutz der Reise abwaschen und sich dann dem Rest der Familie präsentieren. Nun brauchte er erst einmal Zeit zum Nachdenken und Ruhen.. oder hauptsächlich um zu schlafen. Nun da mit einem Mal der Zwang weiter zu marschieren, weiter zu kämpfen, der wohligen und nahen Vorstellung in einem - zumindest bald - beheizten Raum unter einer dicken Daunendecke zu schlafen gewichen war.Enthaltet eurer Familie um euretwillen nichts vor, Gerion. Ob ich nun euer Gast oder euer Knecht bin, ich bin es der auf eure Hilfe angewiesen ist und euch damit in Gefahr bringt. Beinahe wäre ihm dies nicht über die Lippen gekommen - Aber sein Pflichtgefühl, so fehl am Platze es auch sein mochte, ließ nicht locker. Selbst wenn wirklich keine Gefahr drohte, woran Kyren langsam selbst gefallen fand, war dies kein Grund für ihn in seiner Wachsamkeit nachzulassen. Niemand sollte je wieder durch seine Nachlässigkeit zu Schaden kommen.
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Erzähler » Dienstag 14. Februar 2012, 06:19

Gerion hatte seine Zweifel nun soweit im Griff, dass er langsam sich selbst gestattete, Ruhe zu finden. Wie er sich selbst schon gefragt hatte, warum sollten nicht auch andere den Idealen folgen, denen er sich verschrieben hatte?! Er hatte doch stets zu sagen gepflegt, “Lysanthor wird es richten”. Wie oft hatte er dadurch anderen Hoffnung und neunen Mut gespendet. Selbst daran unerschütterlich zu glauben und zuversichtlich nach vorne zu schauen, dass fiel ihm wirklich schwer.
Aber hier saß er nun, ohne Vorbehalte in einer warmen Kammer, auf einem frisch gemachten Bett, ohne Untermieter und einem Dach über dem Kopf. Fürs erste, stellte sich tatsächlich Glück ein, wieder einmal, musste Kyren nur zulassen, dass dieses kleine Quäntchen Glück, welches in seinem Inneren schimmerte, ihn ganz erfüllen durfte.
Es war bereits dunkel draußen geworden … lange, hatte er einfach nur so dagesessen und den Frieden genossen, den er nach den langen, entbehrungsreichen Tagen schon fast vergessen hatte.
Von der Feuerstelle her, drangen wohlige Wärme und goldenes Licht in seine Kammer. Obwohl er hier fremd war, fühlte er sich dennoch nicht ausgeschlossen, denn die schweren Vorhänge, verliehen den kargen Kammern eine gewisse Heimeligkeit. Leise und durchaus auch mal lautere Stimmen, Kinderlachen und aufgeregtes Geplapper, zeugten von einer ‘reichen’ Familie.
Wie Kyrens schon vermutet hatte, war diese Familie recht groß, sie mochte aus mindestens zehn Personen jeglichen Alters bestehen, wie es auf dem Land nun mal üblich war.
Das Geräusch von leisen Schritten, die auf seine Kammer zu kamen, holten seine Gedanken wieder in das Hier und Jetzt zurück. Offensichtlich war dies kein Erwachsener, der vor dem Vorhang stand, er hörte leises Kichern und Getuschel, bis eine Ermahnung seitens Gerion durch den Raum hallte.
Kyren konnte sehen, wie der Vorhang ein klein wenig angehoben wurde und etwas, mit einem schabenden Geräusch drunter durch geschoben wurde. Dann schallte wieder Kinderlachen und flinke Füße, die sich entfernten.
Nach genauerem Betrachten, entpuppte sich dieses Ding als ein hölzernes Tablett, auf dem etwas zu Essen stand, ein großer Krug, gefüllt mit einer dampfenden Flüssigkeit und ein paar Zündhölzern. Er hatte zwar schon welche neben der Kerze gesehen, aber draußen ging die Familie wohl davon aus, dass in dem Zimmer keine zu finden waren. Das Abendessen bestand aus zwei dicken Scheiben dunklen Körnerbrotes, einem Stück Käse, mehreren Scheiben saftigen Schinkens, ein wenig Gemüse und sogar Schmalz befand sich auf dem Tablett … die dampfende Flüssigkeit, entpuppte sich als wohlschmeckender Kräutertee. Eine einfach, aber sehr leckere Mahlzeit, deren einzelne Zutaten vermutlich vom hiesigen Hof stammten, was nichts ungewöhnliches war. So abgeschieden auf dem Land, war es besser, man konnte sich selbst versorgen.
So ging ein ereignisreicher und langer Tag zu ende, an dem er morgens noch nicht damit gerechnet hatte, dass ihm das Schicksal hold war.
Die Nacht war angenehm ruhig, im Klang von prasselnden Flammen und knackendem Holz, wurde Kyren sanft in den Schlaf geschickt, während der Schein des Mondes, alles in ein silbriges Licht tauchte, welches die Harmonie der Jahreszeit unterstrich.
Der nächste Morgen kam unweigerlich … und dieses Mal, tatsächlich viel zu schnell für Kyren, der sonst zur Fraktion gehörte, die immer früh aufstand. Er hatte gut geschlafen, tief und fest und wurde von Gerion geweckt. Wie es auf dem lang üblich war, stand man mit den Hühnern auf, folglich war es draußen noch dunkel. Am östlichen Horizont jedoch, kündigte sich bereits das Morgengrauen an.
Gerion kam ein weiteres Mal, um nach seinem Gast zu sehen.
“Wasser steht bereits erwärmt am Feuer, holt euch, was ihr braucht. … übrigens, wenn ihr dann soweit seid, dann kommt doch bitte zur Feuerstelle, damit wir planen können.” Damit ließ er Kyren wieder allein.
Wie Kyren sich zu Gerion gesellte, ward er Morgen bereits voran geschritten. Heute schien es eher düster und bedeckt zu bleiben, dennoch mussten die Arbeiten getan werden. In den Kammern, die an den großen Wohnraum grenzten, war geschäftiges Treiben zu hören … lediglich die kleinen Kinder schienen noch zu schlafen.
Gerion begrüßte Kyren und bedeutete ihm, platz zu nehmen. Ermatte seinem Gast bereits ein ordentliches Frühstück aufgetischt, welches dem Abendessen ähnelte.
“Lasst es euch schmecken.” Auch sein Gastgerber langte ordentlich zu, ehe er das Gespräch auf das Thema lenkte, welches Kyren eigentlich beschäftigte.
“Ich habe mit meiner Familie gesprochen und ihnen von eurer Geschichte erzählt …” er machte eine Pause und beobachtete Kyren.
“Ich mache keinen Hehl daraus, dass ihr euch durchaus in einer prekären Lage befindet, wenn gleich wir eurer Geschichte glauben und mit euch fühlen. … Ihr sollt eure Chance bekommen. Es gibt hier immer genug zu tun und so könnt ihr euren Wert unter Beweis stellen.” Gerion nahm einen großen Schluck, ehe er fortfuhr.
“Sagt Kyren, woran wollt ihr euch versuchen? … Was liegt euch am Meisten?”
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Kyren » Sonntag 17. Juni 2012, 18:47

„Danke!“ sagte er, hoffentlich laut genug sodass Gerions Familie es noch hören konnte, als er das hölzerne Tablett vom Boden aufhob. Wie er wohl auf Gerions Kinder wirken musste? Wahrscheinlich wie ein herumziehender Tagelöhner, den der strenge Winter überrascht hatte. Die Vorstellung ließ ihn grinsen, hätte er doch vor kurzem noch alles darauf gegeben wie ein vorbildlicher Soldat aufzutreten. Mit prüfenden, allzeit wachsamen Blick, perfekter Haltung, befehlsgewohnter Stimme..
Sein Bild und Auftreten mussten sich wohl stark verändert haben. Zumindest würde er nach einer Nacht schlaf und einer weiteren Mahlzeit nicht mehr befürchten müssen, den Kindern Angst zu machen. Trotzdem.. wie ein loyaler Hauptmann hatte er wohl nicht gewirkt. Lag das nun hinter ihm? Würde er nie wieder Männer und Frauen in der Kriegskunst unterweisen? Diesen unbändigen Stolz verspüren, wenn sie selbst seine kühnsten Erwartungen übertrafen?
Oder die Torwachen anweisen, die Pforten zu schließen, wenn ein weiterer Trupp ausgezogen war um Grandessas Grenzen gegen Jorsan zu schützen.
Ihnen vom Kai aus zusehen, wenn Sie mit den Schiffen davonsegelten um Ihrer Pflicht nachzukommen, während er zurückblieb. Immer öfter auf Schlachtfeldern von denen er nichts wusste, an die er seine Soldaten nie würde begleiten können. Der Pakt mit den Dunkelelfen hatte vieles langsam verändert, an dass er geglaubt hatte. Für das er gekämpft hatte. Für dass seine Soldaten gestorben waren, während er es Geschick oder Glück verdanken konnte, ein weiteres Scharmützel an der Grenze zu Jorsan überlebt zu haben. Er hatte die Dunkelelfen nie zu Gesicht bekommen, damals war er schon lange abkommandiert um im Flottenstützpunkt seinen Dienst zu tun. Vielleicht hätte er sich dann früher von Grandessa abgewandt? Vielleicht wäre dann nicht Lilljiels Tod notwendig gewesen, um ihn dazu bringen, all dies zu hinterfragen? Die Gedanken waren müßig, und er wusste nicht woher sie so plötzlich kamen während er sein Nachtmahl zu sich nahm. Sie waren ihm nicht neu, die meisten Soldaten suchten am Ende ihres Tages, am Ende der Kämpfe nach einem Warum. Viele zerbrachen daran, einige wenige genossen das Morden um des Morden willens, die meisten taten es mit Pflicht und Notwendigkeit ab – so wie Kyren. Er hatte Abstand dazu gewonnen, während er seinen Dienst im Flottenstützpunkt tat. Der Krieg, die Dunkelelfen, das Morden waren dort schon weit entfernt gewesen. Er hatte Glück gehabt, schon in jungen Jahren die Karrieresprosse im Heer Grandessas hoch genug hinauf geklettert zu sein, um nicht an der „Front“ zermürbt zu werden. So konnte er sich seine Menschlichkeit bewahren, eine relativ heile Welt aufrecht erhalten, die so gar nicht in einen militärischen Stützpunkt passen wollte.
Seine Überlegungen taten wohl einen neuen Lebensabschnitt kund. Einen Neuanfang. Die Idee brachte etwas Hoffnung mit sich, aber Kyren fühlte sich nicht geläutert. Eher als würde es eine zusätzliche Bürde bedeuten, diese Last der Vergangenheit mit sich zu schleppen. Untätig gewesen zu sein, Unrecht – war es Unrecht gegen Jorsan zu kämpfen? Sind die Kriege die grandessanische Soldaten für die Dunkelelfen führen Unrecht? – geschehen zu lassen. Mit einem müden Seufzer, zwischen zwei großen Schlucken des Kräutertees, musste Kyren erkennen, dass es zwei völlig unterschiedliche Dinge waren eine Pflicht zu erfüllen und sich einer Pflicht in ihrer Gesamtheit bewusst zu sein. Die Konsequenzen ihrer Erfüllung zu tragen. Sie zu hinterfragen, jeden Tag aufs neue, um sich ihrer Richtigkeit bewusst zu sein.
Sein restliches Leben damit zu verbringen, Buße zu tun was er in blinden Gehorsam angerichtet hatte, war keine angenehme Vorstellung. Aber zumindest fand er sie richtig. Er würde abwegen müssen, was er wann getan hatte, was daran richtig und falsch war, was er hätte vermeiden können und was anders machen. Welche Konsequenzen er aus all dem ziehen musste.
Nach Wahrheit zu suchen, war wohl immer ein schmerzliches Unterfangen. Insbesondere dann, wenn man nach der Wahrheit in der eigenen Geschichte sucht.
Kyren ließ nichts von seinem Abendmahl übrig. Einerseits wollte er nicht undankbar oder wählerisch erscheinen in dem er etwas davon unangetastet ließ, andererseits war der Hunger der sich in den letzten Tagen angesammelt hatte noch immer nicht ganz besänftigt gewesen.
Bevor er sich schließlich zu Bett begab, nutzte er den verbliebenen Rest seiner Kerze um ein Gebet an Lysanthor zu richten. Es fühlte sich richtig an, aber dennoch schien es ihm, als wären seine Worte unbeholfener. Als würde er aus dem Schema herausfallen das Jahrelang seine Gebete an Lysanthor bestimmt hatte. Seine Verunsicherung darüber dauerte aber nur kurz an und er vollendete sein Gebet als die Kerze schon heruntergebrannt war.
Danach ließ er sich auf seiner Bettstatt nieder und noch bevor er wieder in Gedanken versinken konnte, versank er bereits in einem tiefen traumlosen Schlaf. Der Drang zu schlafen war wohl stärker gewesen, als der Drang nachzudenken.
Geweckt wurde er von Gerion, der es ihm glücklicherweise nicht übel zu nehmen schien, dass er verschlafen hatte. War er so erschöpft gewesen? Nachdem er sich gewaschen und für präsentabel genug befunden hatte, kam Kyren der Einladung Gerions nach und gesellte sich zu ihm.
„Noch einmal meinen Dank, dass ihr mich aufgenommen und verköstigt habt, Gerion.“ Bemerkte Kyren als er Platz nahm. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen seit er die letzten Reste Schlaftrunkenheit abgelegt hatte und sich seiner Umgebung und Situation wieder klarer war. Dass er hier alleine mit Gerion am Tisch saß, war vielleicht nur eine Vorsichtsmaßnahme? Sodass Gerion Kyren ohne viel Aufhebens wieder ziehen lassen konnte? Die Pause die Gerion nach seinen Worten machte, ließ Kyren nur noch weiter an diesen Gedanken glauben. Dennoch hielt er Gerions Blick hoffnungsvoll stand. Und seine Hoffnung sollte sich erfüllen. Er konnte ein erleichtertes Aufatmen nicht unterdrücken und die Anspannung auf seinen Zügen machte einem leichten Lächeln Platz. „Ich stehe tief in eurer Schuld, Gerion. Ich habe nichts, mit dem ich euer Mitgefühl und eure Gnade aufwiegen könnte, aber ich werde die Chance die ihr mir bietet nicht ungenutzt lassen.“ Auf Gerions Frage hin machte Kyren einen nachdenklichen Gesichtsausdruck und überlegte. „Nun.. Ich weiß nicht nur im Kampf mit einer Axt um zu gehen, jedoch werdet ihr wohl kaum einen hofeigenen Holzfäller benötigen? Meine Wirtschaft in Bernar hat stets immer nur für unsre eigenen Bedürfnisse gereicht, und das war manchmal schon schwer genug zu bewältigen. Vielleicht war der Boden den wir bestellt haben unfruchtbar, aber ich glaube eher, dass es an meinen Fertigkeiten gelegen hat – Mir fehlt das Wissen, wann ich die Saat ausbringen muss, wie viel Regen sie verträgt und wie lange Land brach zu liegen hat, ich habe kein Gefühl dafür, so gerne ich es hätte. Am besten lasst ihr mich Reperaturen an eurem Hof und euren Werkzeugen durchführen, falls ihr Vieh habt sollte ich es auch auf die Weiden treiben können. Sichel und Sense sind mir auch nicht fremd..“ Nach einem Schulterzucken fügt er noch an: „Behandelt mich wie einen jeden anderen Knecht, Gerion. Wenn es sein muss, werde ich auch eure Plugschar ziehen. Aber vielleicht könnt ihr mir zuerst zeigen, wie groß euer Hof tatsächlich ist? Dann werde ich sicher etwas finden, bei dem ich mein weniges Wissen zu eurem Vorteil einsetzen kann."
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Re: Pflichtversagen

Beitragvon Gestalt » Freitag 18. Januar 2013, 06:38

Nach etlichen Grübeleien und Gedanken, die sich ständig in seinem Kopf drehten, um seine jetzige Situation, hatten Kyren dann doch irgendwann spät in der Nacht einschlafen lassen. Entgegen seinen Befürchtungen, schlief er gut und kam am nächsten Tag sogar recht gut aus den Federn.
Das Frühstück, welches er serviert bekam, war hervorrageng, einfach, dafür aber sehr lecker. Auch wenn diese Familie nicht viel zu haben schien, so hatten sie kein Problem damit, ihr Hab und Gut zu teilen, eine rührende Geste, die ein wärmendes Gefühl in seiner Brust hinterließ. Lysanthor meinte es wirklich gut mit ihm, obgleich sich Kyren dies selber eigentlich nicht zugestehen wollte. Aber vielleicht war es einfach mal an der Zeit, dass er etwas durchatmen und nach vorne blicken konnte.
Gerion quittiere Kyrens Dank nur mit einem kräftigen Nicken. Sein Weib war bereits an der Kochstelle am Arbeiten und ein leises Lied kam ihr freudig über die Lippen. Daran sah man mal wieder, dass ein einfaches Leben nicht das schlechteste war. Die kleinen Kinder hingegen schienen noch zu schlafen, während aus einer anderen Kammer, die am Wohnraum angrenzte, das warme Licht einer Kerze schwach am Boden zu vernehmen war. Kyren hatte es augenscheinlich mit einer großen Familie zu tun bekommen, denn eventuelle Knechte oder wandernde Arbeiter, schliefen nie im Wohnhaus.
Zu Essen gab es kräftiges Brot, Schmalz, Käse vom Laib, herrlich duftenden Schinken und ein wenig Gemüse, zu Trinken gab es frisch aufgebrühten Tee oder Wasser.
Es vergingen einige Sekunden, ehe Gerion das Gespräch wieder aufnahm.
“Ihr habt doch allerhand zu bieten, womit ihr euch eure täglich Brot und diese karge Unterkunft hier bestreiten könnt”, gab der Landwirt grinsend von sich. Sein Gesicht wirkte erfahren, aber freundlich. “Ihr seid gesund, wisst was Arbeit bedeutet uns scheut euch offensichtlich nicht davor, tatkräftig mit anzupacken … das ist es, was ich schätze und was meine Familie und ich gebrauchen können. Es scheint eine strenge Zeit zu werden, der Herr des Lichts meint es gut mit uns, da werde ich nicht nein sagen … also, langt kräftig zu, dass ihr mir nicht vom Fleische fallt.” Er deutete auf das Mahl und reichte dem blonden Recken eine weitere, dicke Scheibe Brot.
Dann begann Kyren damit, seinem Gastgeber aufzuzählen, worin seine Fähigkeiten lagen und das er nahezu zu allem bereit war, was auf diesem Hof anfiel. Gerion hörte ihm aufmerksam zu, unterbrach seinen Gast nicht und nickte nur bestätigend.
Nachdem erbaulichen und stärkenden Frühstück, führte Gerion seinen Gast und neue helfende Hand über seinen Hof. Es war ein beachtlich bebautes Grundstück und Gerion kam nicht umhin, stolz darauf zu verweisen, dass alles von seiner Familie eigenhändig aufgebaut worden war, sie lebte schon seit unzähligen generativ auf diesem Stück Land.
An sich gab es das große Wohnhaus, dann angrenzend eine Scheune, auf der, wie er hinwies, einige Dachschindeln erneuert werden mussten. Mehrere kleinere Gebäude, die dicht bei einander standen, wurden als Unterbringung und Nutzen gebraucht. Hier gab es sogar einen Brunnen und ringsherum große Felder, an die hier und da kleinere Wälder grenzten.
“Ihr habt also noch die freie Auswahl …”, lächelte er verschmitzt. “Es muss natürlich weiteres Holz gehackt werden, die Ställe gehören ausgemistet, das Stroh von den Feldern geholt, die Tiere gefüttert, die Dächer kontrolliert, Werkzeuge geschliffen und wenn ihr dann noch Langeweile habt, wissen wir auch diese zu bekämpfen.”
Wie Kyren sehen konnte, er wurde hier durchaus gebraucht und konnte sich tatkräftig mit einbringen.
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