Der Scheideweg

Das nördliche Königreich steht unter den Fittichen des Königs Hendrik dem Zweiten. Strenge Sitten herrschen hier und das Volk ist zweitrangig. Hier kann man nur ein schönes Leben führen, wenn man Reichtum und adeliges Blut besitzt.
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Der König ist mit den Dunkelelfen ein Bündnis eingegangen und lässt sie über seine Armee verfügen. Das gesamte Königreich hat sich den Wünschen der Dunkelelfen zu beugen!
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Der Scheideweg

Beitrag von Erzähler » Montag 29. Oktober 2018, 21:24

Die folgenden Wochen verbrachten die beiden, Meister und Lehrling, auf Feldwegen, und kleineren Waldpfaden fernab der Hauptstraße. Sie heilten sich versteckt vor dem dunklen Volk, dass auch hier draußen immer wieder kleine Spähtrupps aussandte. Aber um so weiter sie sich von der Hauptstadt entfernten, um so seltener wurde diese Bedrohung. Ein kleines Aufatmen schien auch durch den Meister zu gehen und auch wenn sich seine Laune dadurch nicht wirklich besserte, so ging er aufrechter und sie machten häufiger Pausen. Balian hatte nicht die geringste Ahnung, wohin die Reise ging und mittlerweile wusste er es besser, als den Alten danach zu fragen. Er folgte ihm einfach, alleine den schweren Rucksack schleppend, und bestaunte die grüne Natur um sie herum. Oftmals hielten sie, um ihre Wasserflaschen zu füllen oder diverse Kräuter zu sammeln, die der Meister für seine Phiolen verlangte. Er beobachtete den Meister bei seiner Arbeit genau, ließ sich kein Detail entgehen. Er sah zu wie einzelne Ingredienzien ihren Weg in den Mörser des Meisters fanden und lernte gerade in der Heilkunst und der Kräuterkunde hier draußen viel besser, als in der Theorie. Auch wenn Heilung nicht das Spezialgebiet seines Meisters war, so konnte er Balian doch viele nützliche Dinge beibringen. Die Pflanzen nicht nur auf Bilden zu sehen, sondern sie zu riechen und zwischen den Fingern reiben zu können, brachte ihm einige wertvolle Erfahrungen. Sie kamen zwar so sehr langsam voran, aber er erlangte so genug Wissen, um seine eigenen ersten Experimente anzustellen. Experimente, die ihm nach zahlreichen Fehlschlägen eine den Schmerz lindernde Brandsalbe bescherte, die seine zahlreichen Wunden pflegte. Vieles lernte er in diesen Wochen, an Magie und sonstigem Handwerk, und war doch noch gerade am Anfang seines Weges.

Sie waren schon eine Weile unterwegs als sie der Weg an eine Gabelung führte. Ein verwitterte Wegestein sollte hier dem Reisenden eigentlich die Richtung weisen, doch irgendjemand hatte grob darauf eingeschlagen und die Bruchstücke langen verstreut im Gras herum. Natürlich war es Balians Aufgabe das Puzzle zusammen zu fügen, während der Meister eine kleine Mahlzeit am Wegrand einnahm. Es dauerte eine ganze Weile bis der Lehrling Erfolg hatte und wenigstens zwei Richtungen wieder her stellen konnte.
Die eine war wohl, die Richtung aus der sie kamen, Grandea.
Bei der anderen fehlte ein Stück am Anfang des Wortes. Es war nur
„...erna“
zu entziffern. Balian war noch nie außerhalb Grandeas gewesen, aber er wusste, dass es drei Dörfer im Königreich gab: Troman, Berna und Alberna. Troman schied als Ziel sowieso aus, da jeder in der Stadt wusste, dass es nahe der Front zu Jorsa lag und dort die königlichen Truppen, sowie einige kleinere Regimente der Dunkelelfen dort unterwegs waren. Vielleicht erinnerte er sich an noch ein bisschen mehr, aber so oder so hatte er gerade die Möglichkeit sich und seinen Meister in eine von ihm bestimmte Richtung zu führen. Da er das Puzzle zusammen setzte, konnte auch er bestimmen, in welchen Dorf sie als nächstes landeten. Er musste es dem alten Mann nur gut verkaufen.
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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Balian » Dienstag 20. November 2018, 11:22

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Ein Kamm. Ein Ohr. Ein Nest. Ein Zelt. Ein Esel. Ein weiteres Nest. Ein Tisch. Der merkwürdige Wurm mit Beinen, der ihm so viel Probleme beschert hatte, bis er sich schließlich als Raupe herausgestellt hatte. Ein Apfel. Noch ein Tisch. Das stachelige Tier, das der Meister Igel nannte. Wieder ein Ohr. Und ein letztes Nest. „K-O-N-Z-E-N-T-R-A-T-I-O-N.“ Balian blickte von seinem bebilderten Alphabet auf und verglich es noch einmal mit dem soeben mühsam entzifferten Wort aus dem aufgeschlagenen Buch vor ihm. „Konzentration.“ Das in rubinroter Tinte geschriebene Wort stach aus der dichten Wand an Text hervor und war zu allem Überfluss noch zwei Mal unterstrichen worden. Neben dem Absatz waren in einem kunstvoll verziertem Rahmen zwei Gestalten zu erkennen. Sie sahen beide identisch aus, trugen die selben wallenden Roben, lange Bärte und dümmlich-ausdruckslosen Mienen zur Schau. Die linke Figur hatte die Handflächen in Form eines Korbes zusammengefaltet, eine Kugel aus roten Flammen ruhte darin, von der übertrieben zackige Lichtstrahlen ausgingen. Sein rechter Gegenpart hingegen war etwas anders dargestellt, seine Handhaltung war schief, der Kopf kasperhaft quer gelegt und die Beine übereinandergeschlagen. Ganz zu schweigen von den Flammen, die nicht gebündelt in seinen Händen, sondern in der Form roter Dreiecke über seine ganze Robe verteilt waren. Die Botschaft schien klar zu sein. Mach es wie das linke Männchen, sonst endest du so wie das rechte. Ein Narrativ, welches das Lehrbuch scheinbar nicht müde wurde zu perpetuieren.
Balian gähnte und strich sich übers tränende Auge. Es war wieder einmal spät geworden. Zu spät, wenn man ihn fragen würde — doch wer käme denn auf die Idee, das zu tun? Wie gewohnt hatte der Meister darauf bestanden, bis Sonnenuntergang in Bewegung zu bleiben. Für seine hohen Jahre war der Alte außerordentlich fit, sein Tempo äußerst zügig und nicht selten hatte Balian ihn keuchend um eine Pause erbeten, während jener vom andauernden Gewaltmarsch kaum aus dem Atem gekommen zu sein schien. Es half nicht, dass dem Jungen unfreiwillig das Dasein des Packesels zuteil geworden war. Am Rücken und über den Schultern, um die Hüfte und sogar den Hals zerrten tagein tagaus an ledernen Gurten das Gewicht der verschiedenen Besitztümer des Meisters. Manche klirrten und schepperten, andere raschelten und rauschten, wiederum andere pochten dumpf auf wenn er auch nur eine falsche Bewegung tat. Die Sohlen an seinen Schuhen nutzten sich am rauen Gelände jenseits der blank geschliffenen Straßensteine so schnell ab, dass er bald nur noch auf den improvisierten Einlagen aus Gras und Blättern ging, die er sich unter die wunden Füße band.
Das tägliche Reisen war eine Tortur, doch eine Tortur, die Balian trotz allem gerne auf sich nahm. Zu groß war der Lohn für seine Mühen, die im Vergleich dazu lächerlich unbedeutend wirkten. Allein die alltägliche Szenerie, die sie morgens bis abends umgab, war jede Anstrengung wert, die der Alte dem Jungen auftat. Balian hatte in seinem bisherigen Leben nichts anderes gekannt als die Enge der Stadt und die trostlose Grubenlandschaft, die im Schatten ihrer Mauern lag. Hier draußen jedoch, tat sich ihm eine gänzlich neue Welt auf, eine Welt reich an vielfältiger Wunder. Bäume, die bis in den Himmel ragten, wild rauschende Flüsse mit glänzenden Fischen, kniehohe Gräser, die vor ungebändigtem Leben nahezu summten, prallgefüllte Büsche mit Beeren nie gekosteter Süße. Oft war er versucht gewesen, seinen schweigsamen Reisegefährten zu fragen, ob sie sich immer noch im Königreich Grandessa befanden. Demselben Königreich Grandessa, das allseits für seine unbarmherzige Strenge bekannt war, ein Land, in dem nur die Reichen lebten und die Armen auf den Tod hofften. Die Offenbarung, dass an den Geschichten seiner Kindheit, den Erzählungen über ferne und wundersame Orte, auch nur ein Funken Wahrheit haften konnte, sei er noch so klein und unscheinbar, löste in ihm ein unvergleichliches Hochgefühl aus. Er nahm sich vor, die Welt in den kommenden Jahren zu erkunden, so gut er es konnte. Doch noch war es nicht er, der den Kurs angab und dieser Kurs führte zurzeit — sofern Balian es beurteilen konnte — ins Ungewisse.
Das Feuerholz knackte und riss ihn aus seinen Gedanken. Beschämt senkte er den Blick wieder in das Lehrbuch. „Konzentration.“ Es war ihm nicht leicht gefallen, noch zu so später Stunde den ledernen Folianten aufzuschlagen. Das tat es nie. Wie immer lockte der Schlafsack, der die ersehnte Rast für die schmerzenden Glieder bot. Sein Meister zeigte stets vor, wie leicht es gehen konnte: Kaum hatte sein treuer Lehrling das Lager aufgeschlagen und das Feuer entzündet, brach er bereits das Brot und wenn Balian sich zu ihm setzte, wandte sich dieser bereits zum Schlaf um. Doch die wenigen Stunden der Nacht waren die einzigen Momente, die er nur für sich allein hatte. In denen er tun konnte, was er wollte. Und er wollte noch immer das selbe, wie vor jenem verheißungsvollem Abend, an dem er den Meister das erste Mal begegnet war. Er wollte lernen. Er wollte sich verbessern, wachsen, jene unergründliche Rolle annehmen, die ihm der Gott des Feuers und des Lichts mit seinem Geschenk zugewiesen hatte. Und dies geschah bestimmt nicht von allein im Schlaf.
Balian strich die Seite glatt und überflog noch einmal die Anweisungen auf dem Pergament. Diese waren vage und nicht besonders hilfreich, verwiesen auf Namen und Werke die er nicht kannte oder setzte das Wissen bestimmter Begriffe voraus, die er nie zuvor gehört hatte. Oftmals lies ihn das Lehrbuch mit mehr Fragen als Antworten zurück. Doch ab und zu gelang es ihm, dem alten Wälzer einige nützliche Tipps abzugewinnen, die er auf Anhieb verstehen und sich einprägen konnte. So wie heute. „Der Atem des Magiers sei ruhig, sein Körper entspannt." Balian rutschte auf dem moosbedecktem Boden herum, bis er mit aufrechtem Oberkörper dasaß, die Hände flach auf die Knie gelegt. Mit vollen Lungen zog er die kalte Waldluft in sich auf, die vom feinen Rauch des Lagerfeuers durchzogen war. „Er schließe die Augen.“ Balians unversehrtes Auge schloss sich. „Den Kopf reinige er von jeglichem Gedanken“. Stille. Um ihn herum nur das Geräusch des Waldes, das leise Schnarchen des Meisters sowie das knisternde Feuerholz. In der Ferne heulte ein Tier. Vermutlich ein Wolf. Nein, etwas größeres. Ein Bär vielleicht. Wie hörte sich der Schrei eines Bären wohl an? Gab es in diesem Wald denn eigentlich Bären? Balian runzelte angestrengt die Stirn. Konzentration. Wenn es doch nur so einfach wäre. Schon immer hatte er Probleme gehabt, Herr seiner eigenen Gedanken zu werden. Sein Unterbewusstsein kam ihm zumal wie eines der mehrköpfigen Schlangenwesen aus den Geschichten vor — während er eine ablenkenden Eingebung verdrängte, fielen ihn gleich zwei weitere hinterrücks an. Nachdem er auf diese Weise einige Minuten in sich hineingehorcht hatte und der Meinung war, dem inneren Seelenfrieden wohl so nahe gekommen zu sein wie es ihm irgendwie möglich war, fuhr er fort. „Der Magier entzünde eine Flamme“ Balian hob die Hand von seinem Bein, die Handfläche vor sich gen Himmel gestreckt. Er wartete auf die allzu vertraute wohlige Wärme, die langsam aus dem Inneren seines Körpers schwappte, durch seine Adern in die Arme wanderte, die Handfläche allmählich zum Glühen brachte. Bis er es spürte. Das leise Kitzeln einer Flamme, klein und schmächtig, sich mit aller Kraft gegen den schwachen Wind der Lichtung aufbäumend und doch jeden Moment den verfrühtem Tod erwartend. Der erste Atem eines Feuers. Balian wölbte die Handfläche, sodass seine Finger einen schützenden Kranz um das Flämmchen bildeten, welches sich darauf dankbar aufrichtete und sogleich hell erstrahlte. Es züngelte munter auf seiner nackten Haut, strich mit der wabernden Zunge über die Linien seiner Handfläche und hinterließ dabei weder Schmerz noch das unangenehme Gefühl von Hitze. Es war zahm. Es war seine Flamme. Es würde ihm keinen Schaden zufügen, solange er die Kontrolle behielt. Dies war die Regel.
Licht und Schatten huschten über Balians vernarbtes Gesicht, das in stiller Anstrengung verzogen lag. Warum war es nur so verdammt schwer? Immer noch. Er war von der Meisterschaft über das Feuer so weit entfernt, wie die Sonne vom Mond. Warum war ihm nicht durch seine anhaltende Beharrlichkeit, durch seine vielen Opfer, die er bereits geleistet hatte, ein wenig Erfolg vergönnt? Er fühlte sich wie eine winzige Ameise, die einen riesigen Berg erklomm, dessen Gipfel weit in die Wolken ragte, sodass das Ziel nie vor Augen lag. Ein Berg, der zu allem Überfluss Tag für Tag zu wachsen schien, ihm schwere Steine in den Weg legte und durch herabbrechendes Geröll seinen Fall hervorrufen wollte. Ein Berg, den sein Meister einst erklommen hatte — ja vermutlich sogar mit Leichtigkeit — und von dessen Spitze er ihn herablassend betrachtete. Seine Magie war rein, makellos und ging scheinbar ohne jegliche Anstrengung von der Hand. Neben ihm wirkte Balian wie ein kleines Kind, dass mit dem Feuer spielte. Und sich dabei regelmäßig die Finger verbrannte.
Balian beugte sich vor und hob sein kümmerliches Flämmchen ans Gesicht. Die weisen Ratschläge des Lehrbuches waren schon längst vergessen, er hatte die Geduld verloren. Behutsam doch bestimmt blies er in seine Handfläche. Der schwache Luftzug brachte die Flamme zum Flackern, stachelte sie auf. Die wohltuende Wärme auf seiner Haut wich einem unbehaglichem Pochen. Genährt von seinem Atem stieg das Flämmchen in die Höhe, wuchs, unnatürlich schnell doch folgsam, dem Hauch ihres Herren folgend. Binnen weniger Augenblicke füllte es seine gesamte Handfläche aus und wandte sich eifrig dem Himmel entgegen. Sie wurde größer. Stärker. Balian erhob sich rasch, den Arm immer noch ruhig haltend. Er langte mit der Linken nach dem Kern der Flamme, wich hastig zurück, als ihre Spitzen nach ihm schnappten. Doch er gab nicht auf. Behutsam umschloss er das Feuer mit beiden Händen. Formte es. Ignorierte die kleinen Stiche, die sich nun schmerzhaft in seine Handflächen bohrten. Noch hatte er die Kontrolle. Aus dem Augenwinkel spähte er ein letztes Mal auf das Buch zu seinen Füßen, auf die kunstvolle Überschrift der aufgeschlagenen Seite. Die verschnörkelten Letter formten eine fremdartige Abfolge an unbekannten Begriffen, waren jedoch durch die schnellen Striche einer fremden Feder kommentiert. Eine Notiz eines Vorbesitzers, wohl ein Lehrling, wie er. „ Einfacher Feuerball“
Die Beine fest in den Erdboden gestemmt, hob Balian die Hände an die Brust, zwischen den Fingern pulsierte das Licht hervor und tauchte die Wiese in flackernd-rötliche Schlieren. Der eben noch ruhige Puls war binnen Sekunden auf Höchstleistung gestiegen, sein Herz raste. Schweiß stand auf seiner Stirn, brannte auf seiner vernarbten Haut wie das Feuer in seinen Händen. Es sog die Kraft aus ihm, drohte ihn zu verzehren wie eine Kerze. Stück für Stück, bis nichts mehr von ihm übrig war als seine Überreste. Doch Balian gab nicht auf. Nun, da er so weit gekommen war. Nun, da das Feuer so gleißend hell brannte. Ein leiser Schmerzenslaut entwich seinen Lippen. Vor Anstrengung zitternd sah er sich hektisch auf der Lichtung um. Sein Auge blieb an der Silhouette eines umgefallenen Baumes hängen. Er drehte sich in dessen Richtung. Fixierte den knorrigen Kadaver, der allmählich zu verschwimmen schien. Sein Sichtfeld begann sich einzuschränken, die Schwärze kroch aus allen Ecken auf ihn zu. Er war kurz davor, die Bewusstlosigkeit zu verlieren. Dann tat er, worauf er sich den gesamten Abend vorbereitet hatte. Mit letzter Kraft stieß er den Ball aus Flammen von sich. Ließ ihn fliegen über die Lichtung. Seinem Ziel entgegen, den Aufprall erwartend.
Es geschah anders, als erwartet. Kaum hatte Balian seine Hände geöffnet, brachen die Flammen in sich zusammen, verkümmerten von einer gebündelten Kugelform zu einem instabilem eiförmigen Feuer. Es verließ seine Hände, schoss etwa einen Meter in die ungefähre Richtung des geplanten Zieles, dann verpuffte es ins Nichts und ließ einen kleinen Funkenregen zurück, der harmlos, gleich toten Leuchtkäfern, gen Boden rieselten. In einem Augenblick war alles vorüber. Die Lichtung lag wieder im Halbdunkel. Vielleicht dunkler, als sie es zuvor war.
Balian sank keuchend auf die Knie. Sein Kopf fühlte sich schwer an. Schwer und leicht zugleich. Seine Glieder zitterten. Eine unbeschreibliche Kälte erfasste ihn, hielt sein Herz umklammert und lies ihn nicht mehr los. Merkwürdige bunte Punkte tänzelten vor seinem Auge und bevor er es wusste übergab er sich gekrümmt über das sanft wiegende Gras. Eine Weile verbrachte er würgend und spuckend auf der dunklen Wiese. Dann wischte er sich das Erbrochene aus den Mundwinkeln und kroch wie ein lahmer Krüppel zurück ans Lagerfeuer. Sein Meister lag noch auf gleicher Weise dort. Nur schnarchte er nicht mehr.
Noch immer am ganzen Leib bebend nestelte Balian am Verschluss seiner Tasche herum, bis er ein kleines hölzernes Döschen hervorbrachte. Nach mehreren Versuchen gelang es ihm es zu öffnen und sofort entwich ihr der intensive Duft von Kräutern. Zaghaft begann Balian seine krebsroten und mit Blasen übersäten Hände mit der groben Paste zu bestreichen. Die schmerzlindernde Wirkung trat fast augenblicklich ein und entlockte ihm einen erleichterten Seufzer. Während er sich unbeholfen bandagierte, sah er hinauf in den Sternenhimmel. Zählte geistesabwesend die hellen Punkte am Firmament, bis ihm die Zahlen ausgingen und das Augenlid unerträglich schwer wurde. Bevor er jedoch endgültig auf seinem Lager zusammenbrach, faltete er noch einmal die Hände zu einem stillen Gebet an Lysanthor. Er dankte dem Gott des Feuer und Lichtes, ersuchte ihn um Vergebung und wiederholte seine Bitte, die er seit seiner Kindheit auf gleiche Weise formulierte. Er tat es so, wie er es jede Nacht tat. Und Lyanthor schwieg, so wie er es jede Nacht tat. Dann fiel der Schlaf über Balian hinweg und tauchte ihn in wohltuende Ohnmacht.

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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Erzähler » Samstag 24. November 2018, 15:22

Der Vortag war so lang und anstrengend gewesen, dann hatte Balian auch noch den ganzen Abend für seine Studien genutzt. Seine Hände brannten auch wenn die Salbe wirkte. Das Brennen verfolgte ihn in seine Träume:

„Dummer Junge!“
, schalt der Meister ihn und packte unwirsch seine Hände. Die starken knorrigen Finger umschlossen seine Handgelenke und der alte Mann drückte seine Handflächen zurück in die gerade noch glimmende Glut, als würde dies das Feuer nähren können. Tat es aber nicht. Ganz das Gegenteil war der Fall. Wieder einmal versagte die Magie Balian den Dienst. Die Glut unter seinen Händen erlosch und nur unnatürlich eisig kalte Asche schmerzte an seiner überreizten Haut.
„Du hast das Feuer ausgehen lassen! Jetzt muss ich kalten Tee trinken!“


„Dummer Junge, du hast das Feuer ausgehen lassen! Soll ich kalten Tee trinken?“
Balian erwachte und setzte sich ruckartig auf. Der Meister stand am Lagerfeuer, das herunter gebrannt war und schalt ihn einmal wieder. Seine starren alten Augen bohrten sich in seine und er schüttelte missbilligend den Kopf. Dabei rutschte einer der langen Zöpfe aus seiner Kapuze und er streckte sie wieder zurück. Diesen kurzen Moment konnte Balian nutzen um sich zu sammeln, dann beobachtete er, wie der Meister mit einer schon beneidenswerten Leichtigkeit die Hand nach der Glut ausstreckte und die Flammen neu entfachte. Rasend schnell stiegen knisternde Funken unter der Asche hervor und fraßen sich in die äußeren Reste des Holzes. Für einen Moment sah es fast so aus, als würden kleine Hände aus Flammen die Äste und den Reisig zusammen suchen und in der Mitte zusammen sammeln. Es wirkte wie ein lebendiges Wesen, dann trat der Meister in Balians Sichtlinie und versperrte ihm damit die Sicht.
„Streck die Hände aus!“
Der junge Mann tat wie ihm geheißen und der Meister inspizierte die neusten Brandblasen. Wie immer, wenn er mürrisch war, murmelte er etwas in einer unverständlichen Sprache. Dann trat er zwei Schritte zurück und musterte Balian eingehend. Die starren Augen des Alten blieben an seinen Füßen hängen und er schüttelte noch einmal missbilligend den Kopf, sagte aber nichts dazu. Er drehte sich nur ruckartig um und setzte sich auf sein eigenes Lager. Dort nestelte er an seinen Habseligkeiten herum.
„Koch Tee und mach Frühstück. Ich will bald weiter.“
Da es Balians Aufgabe war, seinen Meister zu umsorgen, im den Alltag angenehmer zu gestalten und er dafür den Geheimnissen der Magie näher kam, beeilte er sich dem Wunsch des Meisters nachzukommen. In den Taschen war noch Proviant und so öffnete er gerade eine als der Alte leise sprach:
„Du willst zu sehr und konzentrierst dich zu wenig...“
Was?... Meinte er den Tee? Nein, sicher nicht. Hatte der alte Mann ihn gestern Abend doch beobachtet? Er hatte nach einer Weile aufgehört zu schnarchen.
„... Dein Maß an Motivation übersteigt noch deine Fähigkeiten. Es verzehrt dich, wenn du zu viel auf einmal willst. Der Feuerball, an dem du gestern Abend dich versucht hast, er hat deine Energie verbraucht, weil du sie nicht richtig kanalisierst... Ich kann dein Erbrochenes immernoch riechen und wünsche das nicht noch einmal zu erleben!“
Er verzog angeekelt seine Nase und holte eine Phiole mit einer pulverisierten Substanz darin aus seinen Taschen. Vorsichtig öffnete er sie, tupfte etwas davon auf seinen linken Handrücken und verschloss das Gefäß wieder sorgsam. Dann schnupfte er das Pulver erst in das linke dann in das rechte Nasenloch und hielt einen Moment die Luft an. Als er dann wieder den Mund öffnete stieß er bläulich-weißen Rauch hervor und sein Rachen leuchtete im Innern blau. Er hustete einmal kräftig, wobei ein paar bläuliche Funken aus ihm heraus stoben.
„...*räusper*...Besser!“
Er verstaute die Phiole wieder und sah zu Balian.
„Konzentration ist nur der halbe Weg zu wahrer Magie. Du musst auch etwas in deinem Innern finden, was deine Macht fokussiert, lenken und zusammen halten kann. Du bist allerdings noch sehr jung und manchen von uns gelingt es nie dieses eine Gefühl zu finden.“
Er musterte seinen Schüler abschätzend, als wog er gerade ab, ob es sich lohnte noch weiter zu reden. Dann stand er plötzlich auf und murmelte:
„Die Natur ruft.“
und verschwand im nahen Unterholz. War seine Entscheidung gefallen? Lohnte es sich Balian zu fördern, seine Neugierde und seinen Wissensdurst zu nähren? Begierig genug war er, aber reichte das?
Für einen Moment war Balian mit seinen Gedanken allein. Das er irgendetwas falsch machte, dass er sich oft nicht konzentrieren konnte, das wusste er selbst. Aber was meinte sein Meister mit „dem halben Weg“? Was meinte er mit diesem „Gefühl“ was er in sich finden musste um zu wahrhaftiger Magie zu gelangen? Der alte Mann „fütterte“ ihn nur hin und wieder mit solchen Gedankenanstößen, aber heute morgen, da war er regelrecht gesprächig gewesen. Verbesserte er sich? War das eine Belohnung für seine Mühen? Der Alte war schlecht zu durchschauen, aber er hatte ihn als seinen Schüler akzeptiert. Und der Trick mit dem glühenden Rachen war auch faszinierend gewesen, fast als hätte er im nächsten Moment Feuer speien können! Und da auf seinem Lager lag die Tasche mit der Phiole, greifbar nah und verboten gut! Balian war allein, sein Meister im Wald um seine Notdurft zu verrichten und niemand sah ihm zu. Neugierde keimte sicher in ihm, aber auch Vernunft und Verstand war ihm gegeben. Trotzdem wäre es interessant zu wissen, was dieses Pulver genau bewirkte.
Doch bevor Balian die Phiole untersuchen konnte, bevor der Tee gezogen war und der Haferbrei fertig gekocht, da hörte er in einiger Entfernung Getrappel und das Knirschen von beschlagenen Rädern auf dem Weg. Sie hatten ihr Lager gut gewählt, so dass man es von der Straße aus nicht sah, aber das hell lodernde Feuer, was der Meister entfacht hatte, das könnte doch ihren Standort verraten, wenn aufmerksame Augen suchten. Instinktiv hob er schnell eine der Decken um den Lichtschein im Morgennebel in Richtung der Geräusche abzuschirmen. Mit weit ausgebreiteten Armen stand er da. Ein paar angestrengte Minuten verstrichen, in denen er sich nicht sicher sein konnte, ob sie gesehen worden waren oder nicht...
Plötzlich stand der Meister hinter ihm:
„Was soll der Unsinn! Pack die Sachen ein.“
Er setzte sich an das Feuer, unterhielt sich sogar leise mit den Flammen und aß dabei den Brei und trank den Tee, während Balian ihr Lager abbrach. Zum Schluss machte der alte noch eine merkwürdige Geste am Feuer, die wie ein Dank, oder eine Verabschiedung zwischen Freunden wirkte. Es war seltsam anzusehen. Er berührte sein Herz, dann seine Lippen, seine Stirn und führte dann seine Hand sich öffnende Hand zurück zu seinem Herzen. Das Feuer knisterte, flackerte kurz und erlosch vollkommen rauchfrei. Der Meister schulterte jene Habseligkeiten, die er selbst trug und weiter ging die Reise.

Sie waren schon eine Weile unterwegs als sie der Weg an eine Gabelung führte. Ein verwitterter Wegstein sollte hier dem Reisenden eigentlich die Richtung weisen, doch irgendjemand hatte grob darauf eingeschlagen und die Bruchstücke langen verstreut im Gras herum. Natürlich war es Balians Aufgabe das Puzzle zusammen zu fügen, während der Meister eine kleine Mahlzeit am Wegrand einnahm. Es dauerte eine ganze Weile bis der Lehrling Erfolg hatte und wenigstens zwei Richtungen wieder her stellen konnte.
Die eine war wohl, die Richtung aus der sie kamen, Grandea.
Bei der anderen fehlte ein Stück am Anfang des Wortes. Es war nur
„...erna“
zu entziffern. Balian war noch nie außerhalb Grandeas gewesen, aber er wusste, dass es drei Dörfer im Königreich gab: Troman, Berna und Alberna. Troman schied als Ziel sowieso aus, da jeder in der Stadt wusste, dass es nahe der Front zu Jorsa lag und dort die königlichen Truppen, sowie einige kleinere Regimente der Dunkelelfen dort unterwegs waren. Vielleicht erinnerte er sich an noch ein bisschen mehr, aber da es ihm gleich war, wohin der Meister ihn führte, wies er ihn auf die Bruchstücke hin und der Meister entschied nach einigem missmutigen Gemurmel über Vandalen, dass sie den linken Weg nehmen würden. So ging der lange Fußmarsch weiter, sehr zu Lasten von Balians geschundenen Füßen. Auch die Ledergurte der Taschen schienen mit jeder Stunde tiefer in sein Fleisch eindringen zu wollen. Sogar seine Hände brannten wieder ein wenig mehr und eine Pause war dringend nötig.

Die Landschaft änderte sich langsam und Balian merkte, dass er sich mehr und mehr von seiner Heimat entfernte. Die Stadt, die er nie verlassen hatte, lag schon lange hinter ihnen und derzeit dominierten Felder das Bild, auch wenn in der Ferne schon erste dichte Wälder in der ansteigenden Gegend zu erkennen waren. Bauern grüßten hin und wieder oder starrten ihnen nur argwöhnisch hinterher. Am Wegesrand fanden sie einige Kräuter, die sie gut gebrauchen konnten und so duldete der Alte, dass sie ihr Tempo verlangsamten und Balian einige sammeln konnte. Kamille wuchs hier viel, Brenneseln und einige Ähren auf den Feldern waren schwarz verfärbt. Ein Bauer, der mit seiner Sichel gerade sein Feld aberntete kam etwas näher, als er beobachte, wie die beiden Wanderer hin und wieder etwas vom Wegesrand zupften:
„Vorsicht, mein Junge!“
, sprach er den jungen Magier an. Er war bestimmt schon über 50 Sommer, wirkte aber noch rüstig. Sein Haar war schon weiß, wie auch sein Bart. Er war hager und drahtig gebaut, mit gegerbter Haut von der Arbeit auf den Feldern. Sein Blick wanderte in Balians Gesicht und seine Augen weiteten sich ein Stück. Der junge Magier fühlte den Blick auf seinen Narben, aber der Bauer sprach einfach weiter:
„Was du da pflückst ist Mutterkorn! Wenn du nicht krank werden willst, lass lieber die Finger davon.“
Der Meister hielt sich im Hintergrund und musterte seinen Schüler mit dem Bauern, wie diese sich austauschten. Balian erfuhr auf Nachfragen von dem gesprächigen Mann, dass Mutterkorn als Heilpflanze, wie auch als Droge eingesetzt werden konnte, aber immer mit Vorsicht zu genießen sei.
„Der Mutterkornpilz ist ein Parasit, der sich während der Getreideblüte an der Frucht festsetzt. Schau die breiten, blauschwarzen, kornähnlichen Gebilde an. Das Mutterkorn ist wesentlich größer als ein Getreidekorn und daher recht auffällig. Vor allem bei den schlechten Ernten in letzter Zeit sprießen sie wie verrückt! Man muss aufpassen, dass nichts davon ins Mehl gerät, kann ich dir sagen! Verdirbt alles, kann ich dir sagen!"
Der Mann redete gerne und erfreute sich anscheinend an der unverhofften Gesellschaft.
„Das Zeug ist wirklich giftig. Hast du schon mal von Florencias Feuer gehört? Soll ne schlimme Krankheit sein, die man davon bekommen kann. Aber die Dunkelelfen lieben das Zeug und machen sich sogar Drogen daraus. Lass da aber lieber die Finger von, Junge. ...“
Der alte Meister näherte sich langsam von hinten und der Bauer nickte ihm grüßen zu, wandte sich doch dann ab.
„Ich wünsche euch noch eine gute Reise. Muss heute noch viel schaffen. Alberna ist ist mehr weit, da wollt ihr doch hin, oder? Liegt gleich hinter dem nächsten Hügel.“
Er griff wieder nach seiner Sense, winkte damit zum Abschied und lief langsam auf sein Feld zurück wo er in einem stetigen, fast meditativen Rhythmus sein Werkzeug schwang. Ein netter Mann, wenn auch ein wenig einsam wirkend. Wer so weit ab der Hauptstadt wohnte, der freute sich über jedes Gesicht.

Der nächste Hügel offenbarte dann tatsächlich den Blick auf ein kleines Dorf, das eingebettet in ein sanftes Tag malerisch sich an einen kleinen Bach schmiegte. Der Meister blieb neben Balian auf der Kuppe stehen und sie schauten einen Moment auf die vor ihnen liegende Szenerie. Seine Hand stützte sich auf Balians Schulter. Die Geste hätte fast väterlich wirken können, wenn da nicht sein starrer Blick voraus gewesen wäre.
Ein paar Felder säumten noch den Weg, aber die Straßen waren hier breiter. Alberna war schon immer ein wichtiger Handelsknoten des Landes. Es verband Berna, das Landesinnere des Königreiches mit dem Rest von Celcia und war das Tor zum Westen. Die Einheimischen nannten es die Kornkammer Grandessas, für Reisende war das Dorf eher ein Umschlagplatz für Güter und Informationen.
„Wir werden heute Nacht dort unter kommen. Ich muss noch etwas besorgen, bevor wir weiter reisen... Es gefällt mir nicht und ich hoffe, dass dort keine Dunkelelfen sind... Falls wir welche sehen, halte dich bedeckt.“
Damit setzte er sich wieder in Bewegung, in Richtung der langsam unter gehenden Sonne. In weniger als einer Stunde würden sie in Alberna ankommen.
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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 31. Juli 2019, 17:10

(Mia kommt von: Ein kleines Schäfchen, zwei kleine Schäfchen...)

Eine ganze Weile ging es sehr mühevoll voran, denn die Wege zwischen den Feldern und Weiden waren kaum als solche zu erkennen. Als Trampelpfade zogen sie sich durch die Gegend und verlangsamten die beiden „großen“ Mädchen. Fidel kümmerte sich vorerst um die Herde und bot dann nach einer Weile, ganz von selbst, seine Hilfe an. So wechselten sie sich ab und kamen dann doch recht gut voran. Auch das Wetter war ihnen hold und so konnten sie die Reise eine Weile genießen.
Sie zogen durch flache Landschaften, ohne große hügelartige Erhebungen oder Gebirge, die vor allem in der Zeit des Erwachens und der Zeit des Wandels morastartige Teilgebiete aufweisen konnten. Solche saisonal bedingten Moore entstanden durch Hochwasser von der Küste her und den erhöhten Niederschlag, wenn eine kältere Jahreszeit herein brach, doch noch waren sie davor verschont geblieben. Generell ließ sich durchaus sagen, dass Grandessa ein Landschaftsgebiet mit viel Niederschlag ist. Dennoch blieb es auch in der Zeit des Übergangs immer warm genug, dass nicht das ganze Land in Eis erstarrte. Das Wetter heute war mild und auch wenn immer wieder Wolken über den Himmel jagten, so war der Wind noch warm und auch der ab und an einsetzende leichte Nieselregen störte nicht. Es war gutes Wanderwetter.
Die Landschaft war geprägt von einem vielfältigen Bewuchs aus verschiedenen Nadel- und Laubbäumen, meist zu kleineren Wäldchen zusammengefasst, um die sich in Hochwasserzeiten Bäche und Strömungen, sowie morastische Tümpel und Sumpfteiche bilden. Selbst jetzt sah man hier und da so etwas wie kleine Flussbetten, die noch kein Wasser führten. Doch wenn die Zeit kommen würde, so ragten die Wälder oftmals wie kleine Inseln aus dem Land heraus, die dann kaum zu erreichen waren.Die hohe Feuchtigkeit der Landschaft sorgte allerdings auch für einen überaus fruchtbaren Boden. So wird in Grandessa weniger Wert auf Jagd, als vielmehr auf Ackerbau und Weideland gelegt. Die Viehzucht bildet eine wesentliche Nahrungsgrundlage für jeden Grandessarer und in der Zeit des Erwachens zieht es Pflanzenkundige, sowie Kräutersammler gern ins Landesinnere, um dort die Vorräte aufzustocken. Eine diese Liebhaberinen lief gerade neben Mia und zog gemeinsam mit Fidel den Wagen. Die drei wählen Wege, die zwar für den Wagen gerade so geeignet waren, aber wo sie nicht all zu vielen Leuten begegneten, denn noch etwas anderes prägt Grandessa:
Die andauernde Kriegszustände mit dem im Fehde gelegenen Königreich Jorsan machten die Landschaft vor allem an den Grenzen zu weiten Teilen unfruchtbar. Zu viel Blut war dort geflossen, zu viel des kostbaren Lebenssaftes hat den Boden getränkt. Unfruchtbarkeit war die andauernde Folge, wo jetzt einzig eine besonders wiederstandsfähige Distelart gedeiht. Lisa erzählte auf dem Weg davon und erzählte aber auch noch etwas anders in diesem Zusammenhang:
"Wir sollten uns von den großen Straßen fern halten. Das bedeutet, dass wir länger brauchen, aber das dunkle Volk ist dort vermehrt unterwegs."
Mia hatte bisher zum Glück und weil gütige Götter eine schützende Hand über sie gehalten hatten, noch kaum Kontakt zu den Dunkelelfen oder ihren Schergen den Orks gehabt. Es war bekannt, dass Morgeria als Verbündete angesehen wurden, doch außer dem Adel und den König selbst, brachte das dem Volk von Grandessa kaum Vorteile.
"Ich hoffe, dass wir keinen von denen über den Weg laufen."
Finster starrte sie vor sich hin, aber auch Sorge ließ sie sich immer wieder umsehen.
"In Alberna sind sie kaum aktiv, aber die Hauptstadt ist nicht weit weg. Warst du schon mal in Alberna? Es liegt wenige Kilometer vor der Stadt, es ist sozusagen die Vorhut. Dort ist eines der wichtigsten Handelszentren, neben der Stadt. Auch viele Bauern leben dort, welche rundum ihre Felder bestellen. Neben Grandea ist es vermutlich noch der beste Ort zum Leben... und Grandea ist nur gut zu einem, wenn man Geld hat. Wir sollten Grandea weiträumig meiden, was meinst du?“
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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Mia » Sonntag 4. August 2019, 01:41

Knarrende Holzreifen auf knirschendem Grund, ein Wind der nicht zu stark wehte aber Kühle brachte und ein Wolkenspiel am Himmel, was Fantasie-Schlösser, dreibeinige Katzen und fliegende Einhörner gebar, so waren die Tage gestaltet, die Mia, Fidel und Lisa miteinander verbrachten, während sie angefüllt mit Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit, ihren Weg in Richtung des Hofes von Job Logerfleld fortsetzten. Mia freute sich. Ja, denn zum ersten Mal seit langem hatte sich Fidel wieder einigermaßen ruhig verhalten, zwar nicht mehr so sorglos und naiv wie früher aber doch so, dass sich die Hirtin nicht mehr wie eine Schuldige vorkommen musste, die emsig den Fehler in ihrem Verhalten suchte. Nein, er bot sogar selbständig an, den Wagen zu ziehen und beschwerte sich nicht über die Arbeit die sie verrichten mussten. Sie war zufrieden, denn die Entscheidung, ihn mit Bauer Wenzel alleine zu lassen, war wirklich gut gewesen und nun zeigten diese Gespräche erste Wirkung. Blieb nur zu hoffen, dass dies anhalten würde. Aber Mia verzichtete darauf, ihre Gedanken allzu weit in die Zukunft zu lenken, denn vermiesen wollte sie sich diesen Augenblick nicht. Sie besaßen Essen, Geld und ein Ziel. Mehr wollte die Hirtin für sich und ihre Schützlinge vorerst nicht. Trotzdem hieß das nicht, dass Mia sorglos neben den anderen beiden hertrottete und die Schafe vor sich her trieb, als gäbe es nichts Böses in der Welt. Vorsicht und Wachsamkeit waren Tugenden, die sie sich hatte angewöhnen müssen, denn selbst wenn sie weit weg von der Front waren, die mehr und mehr kriegsverdrossene, frustrierte Soldaten ausspie, die sich sonst was mit den Einwohnern des Landes erlaubten, auf ihrer Flucht vor ihrer Pflicht, so gab es doch nun auch eine Gefahr, der Fidel und Mia zum Glück bislang noch nicht begegnet waren. Das dunkle Volk. Es gab Geschichten über sie, doch immer, wenn eine solche ihr Ende gefunden hatte, beteuerte sie in ihrer Schlusspointe noch einmal, dass es noch weitaus schlimmere Erzählungen gab und das man besser weghörte, wenn man zu seinen Lebtagen noch einmal ruhig schlafen wollte. Das schlimmste an diesen Geschichten war nämlich, dass sie einer grausamen Wahrheit entsprachen, die irgendeine arme Seele auf dieser Welt am eigenen Leib erfahren hatte, nein ganze Siedlungen und Dörfer zugrunde gerichtet hatten. Wie konnte Grandessa mit diesen Kreaturen der Finsternis einen Pakt schließen? Es war Mia nicht in den Kopf gegangen, doch sie musste damit leben oder besser: sie musste versuchen diese scheußliche Tatsache aus ihrem und dem Leben ihres Bruders fern zu halten und das war ihr in den bisherigen vier Jahren zum Glück ganz gut gelungen. Sie blieben also dabei die gut befahrenen Straßen zu meiden und über weite Flur Ausschau zu halten. „Nein, ich will ihnen auch nicht begegnen.“, gab die junge Hirtin also kund und die Sorge es könne doch eben das passieren, beherrschte für einen Moment die Atmosphäre rund um die Reisegruppe. Auch wenn die Schafe weiter blökten und in trippelnden Schritten vor ihnen hermarschierten und auch wenn die Landschaft in ihrer malerischen Ruhe eine gewisse Sicherheit vermittelte, war die Angst der Reisenden doch nur allzu deutlich zu spüren.
„Nein, wir waren noch nie in Alberna.“ Doch gesehen hatten sie es schon mal. Von weitem. Es war nicht gerade so, dass sie nie mit dem Gedanken gespielt hatte, nach Alberna zu gehen, jedoch hatte es irgendwie immer andere Ziele gegeben. „Ja...“ fügte sie gedankenverloren an, denn um die Dunkelelfen und Orks zu meiden hatte sie auch Grandea gemieden. Sie hatte nichts dagegen, dieses Verhalten beizubehalten. „Wie lange brauchen wir wohl noch bis zu diesem ...Schafszüchter? Kennst du ihn?“ Dann richtete sie ihren Blick in die Ferne und schmälerte ihn um eine Winzigkeit. „Ich frage mich, was das für Schafe sind. Angora... Hast du solche schon einmal gesehen?“

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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Erzähler » Montag 5. August 2019, 21:48

„Nein, ich will ihnen auch nicht begegnen.“
, gab die junge Hirtin also kund und die Sorge es könne doch eben das passieren, beherrschte für einen Moment die Atmosphäre rund um die Reisegruppe und unangenehme Stille legte sich über das Land, als wenn allein die Erwähnung des dunklen Volkes, dieses herauf beschwören könnte. Sogar Fidel, der sonst so unschuldig und verspielt in die Welt geschaut hatte, war still geworfen und schaute sich aufmerksam und ein wenig ängstlich um. Weit hinten am Horizont zwischen den Feldern war eine kleine Staubwolke zu sehen, doch sie kam nicht näher. Das Schweigen hielt, bis Mia die andere Frage beantwortete und sich damit der Knoten in ihrer aller Bäuchen wieder löste.
„Nein, wir waren noch nie in Alberna.“
Doch gesehen hatten sie es schon mal. Von weitem. Es war nicht gerade so, dass sie nie mit dem Gedanken gespielt hatte, nach Alberna zu gehen, jedoch hatte es irgendwie immer andere Ziele gegeben.
„Wie lange brauchen wir wohl noch bis zu diesem ...Schafzüchter? Kennst du ihn?“
Dann richtete sie ihren Blick noch einmal in die Ferne und schmälerte ihn um eine Winzigkeit. Ihr Gesichtsausdruck wirkte dabei sehr angestrengt und nachdenklich.
„Ich frage mich, was das für Schafe sind. Angora... Hast du solche schon einmal gesehen?“
Lisa schüttelte bei den Fragen den Kopf und meinte dann:
„Ich hab von beidem nur gehört, hab sie nie gesehen, weder den Züchter, noch seine Schafe. Ich weiß nur das, was man sich so in der Umgebung erzählt, was die alten Weiber bei uns so tratschen und auf deren Worte gebe ich nicht viel. Sie sind alle samt bösartige und gemeine...“
Lisa biss die Zähne aufeinander, bevor ein arg unfeines Wort ihr in der Gegenwart des Jungen heraus schlüpfen konnte. Da schwang wohl unausgesprochene eigene Erfahrung mit. Sie sah auf die kleine Herde und ihren Wagen, zuckte dann mit den Schultern und sprach weiter:
„Ich denke, ein paar Nächte unter freiem Himmel werden wir brauchen. Mit unseren kleinen Wollnasen kommen wir halt langsam voran und einen Umweg machen wir ja auch. Aber Sicherheit geht vor.“
Sie lächelte dabei aufmunternd und sah auch zu Fidel. Dieser lächelte sogar kurz zurück und dirigierte dann ein Schaf zurück zur Herde, dass gerade eine kleine Staude leckeren Löwenzahn gefunden hatte.

So reisten sie eine Weile weiter, erzählte sich allerlei kleine Geschichten und später kam das Gespräch noch einmal auf den Bauern Logerfeld und was man sich so erzählte. Dieses Mal hatte Fidel nach gefragt, dem das Thema wohl auch noch im Kopf herum spukte. Lisa wand sich etwas, aber rückte dann doch mit ihrem Wissen heraus:
„Trude, dieses dumme Weib vom Bauer Eckhard, die hat erzählt, dass der Mann nur geheiratet hat um die Gerüchte zu zerstreuen, dass er eigentlich auf junge Kerle steht. Meiner Meinung nach, spricht aus dieser Frau nur der Neid. “
Fidel sah plötzlich äußerst irritiert aus und murmelte leise etwas von:
„... aber das geht doch garnicht...“
Lisa sprach auch schnell weiter:
„Sie hat auch gesagt, dass sein Hof der einzige Wolllieferant für den Königshof sei. Deshalb sei er auch so reich. Er soll sogar seine eigene Spinnerei haben, Weber und Schneider. Ach ja, und einen unverheirateten Bruder hat er wohl auch. Der soll wohl der „Prachtkerl“ der Familie sein und wohnt in Alberna, wo sein Bruder sein Land nicht weit von hier hat.“
Lisa kratzte sich am Kopf und überlegte kurz.
„Die Wegbeschreibung meines Vaters gab an, dass wir uns nördlich halten sollen und dann...“
Sie sah sich nach einer Landmarke um und entdeckte sie dann auch.
„Dort hinten müssen wir noch durch ein Trockenmoor, dahinter sollte Lagerfelds Land beginnen. Bis nach Alberna ist es noch weiter. Ich begleite dich zu diesem Bauern, aber davor müssen wir noch zur Spinnerin.“
Gesagt, getan.

Am Abend erreichten sie eine kleine, schon arg in die Jahre geratene Hütte, die malerisch vor einem verwunschenen wirkenden Moor lag. Nur dass der Maler einen Hang zu dunklen und gruseligen Themen gehabt haben musste, als er diese Landschaft erschuf. Die Bäume waren hier knorrig und schief, oft tot. Die Gräser wuchsen dick und Wurzeln luden zum stolpern ein. So manch ein Tier, so manch ein Zweibeiner, fiel mit der Nase voran, doch das dicke Moos überall auf den moderigen Ästen und Steinen federte und verhinderte ernsthafte Verletzungen. Sogar das Hausdach war von Moos komplett überwuchert.
Lisa klopfte an der etwas schief in den Angeln hängenden Tür, doch niemand antwortete. Dafür schwang die Tür durch den Druck einen Spalt auf und zeigte ein im Halbdunkel liegendes kleines Heim. Mehrere Spinnräder fielen einem sofort auf und ein aufgerissener fast leerer Jutesack mit Wolle lag daneben. Rings herum hatten sich die kleinen Wollwolken auf dem Boden verteilt. In der Kochstelle hing ein Topf und darunter brannte noch etwas Glut. In der anderen Ecke des Raumes saß eine Gestalt in einem Schaukelstuhl und schlief anscheinend.
Lisa trat in den Raum hinein und ging vorsichtig auf die Gestalt im Stuhl zu. Etwas an der Szenerie ließ einen die Luft anhalten.
„Frau Sila?“
fragte Lisa in die vollkommene Stille hinein...
War die Frau tot? War sie garnicht da und da saß ein Fremder, der sie gleich überfallen würde, so wie im Märchen, wo das Böse den Platz der Großmutter einnahm???
Ein lautes Grunzen, ließ alle zusammen zucken und verwandelte sich im nächsten Moment in ein sonores Schnarchen!
Puh!
„Frau SILA!“
sprach nun Lisa etwas lauter und trat an ihre Seite. Erst als sie die Frau an der Schulter berührte zuckte diese unwillig und murmelte etwas unverständliches. Dann machte sie aber doch die Augen auf und fragte mit knarrender lauter Stimme:
„HILDE, BIST DUUU DAS?“
Frau Sila brüllte eben wie jemand der schwerhörig war.
„Nein Frau Sila, ich bin es Lisa Wenzel.“
„LILA SCHWÄNZE?“
„NEIN, ICH BIN ES. LISA WENZEL. ICH BRING EUCH NEUE WOLLE!“
Die schwerhörige Frau richtet sich nun doch in ihrem Stuhl auf und fuchtelte gebieterisch in eine Richtung.
„MACH DOCH DIE LAMPE AN, KIND! ICH SEH JA GARNIX!“
Lisa nickte und eilte zu einer Lampe, die auf einer windschiefen Kommode stand, die nur noch aus guter Absicht zusammen die Seitenteile zusammen hielt. Das Holz war schon so verzogen, dass die Schubladen schräg in den Führungen hingen und sicher furchtbar klemmten. Lisa nahm die Lampe oben auf, holte einen Holzspan vom Kaminsims und entzündete die Lichtquelle.
„AH, DIE WENZEL-TOCHTER! UND WER SEID IHR?“
Damit wies sie auf Mia und Fidel, die noch nah der Tür standen. Brav stellten sie sich vor.
Dann wandte sich Lisa wieder deutlich und laut sprechend an die alte Frau:
„Ich habe euch neue Wolle mitgebracht.“
„DAS IST GUT, KIND!“
Das Gebrüll zwischen Lisa und Frau Sila ging weiter, während Lisa Mia und Fidel mit einem Handzeichen bat, die Wolle von draußen rein zu holen. Sie diskutierten lautstark über die fallenden Preise und die schreckliche Lage im Land. Viel weniger Silber als gehofft, wechselte den Besitzer und Frau Sila dankte laut den Göttern:
„LYSANTHORS LICHT AUF UNEREN WEGEN! ... DOCH LANG WERDEN SICH MEINE SPINNRÄDER NICHT MEHR DREHEN. ICH SPÜHR DAS ALTER IN DEN KNOCHEN UND KANN KAUM NOCH DIE NADEL HALTEN! MEIN GUTER SEELIGER EGON IST LANG VOR MIR GEGANGEN UND SEIT DEM LEBE ICH HIER ALLEIN.
ICH WEISS NICHT OB ICH MICH GLÜCKLICH SCHÄTZEN SOLL ODER NICHT, SO WEIT AB VOM WEG ZU WOHNEN? SO FINDET MICH GEVATTER TOD UND AUCH DIE DUNKLEN NICHT UM MEIN LEID GEPLAGTES LEBEN EIN ENDE ZU BEREITEN! EINZIG HILDE KOMMT MICH NOCH BESUCHEN UND BRINGT MIR WEIN UND BROT IM TAUSCH FÜR GELD UND GARN.“
Sie seufzte schwer und faltete die Hände andächtig vor der hageren Brust. Die alte Sila war ein Jammerbild der grandessanischen Unterschicht. Vielleicht hatte deshalb Lisa auch nicht groß gehandelt und den Löwenanteil der alten Frau überlassen.
„IHR KÖNNT HEUTE NACHT HIER RUHEN, WENN IHR WOLLT?“
Lisa wechselte einen kurzen Blick mit Mia. Eigentlich wollten sie noch an diesem Tag den Hof von Job Lagerfeld erreichen. So weit war es nicht mehr, aber sie würden wohl in die Nacht hinein laufen müssen. Die Sonne stand schon tief und der Himmel begann sich rot zu färben. Die alte Frau bemerkte wohl Mias gehetzten Blick und sprach:
„IHR HABT ES EILIG! JA JA, DIE JUGEND! IMMER IN EILE. WARTET, ICH BEGLEITE EUCH HINAUS...“
Sie erhob sich umständlich und wackelte dann mit vor die Hütte. Sie begutachtete kurz noch den nun leeren Handkarren und Lisas schicken Korb auf dem Rücken und schüttelte dann deren Hand liebevoll.
„ICH WÜNSCH EUCH SICHER PFADE UND GLÜCK IM LEBEN...!“
So wie sie es sagte klang es merkwürdig endgültig und als Mia, Lisa und Fidel sich nach einer Weile zu ihr umsahen, stand sie immernoch einsam vor ihrer Hütte.
Es war schon traurig. Einsamkeit und Leid hatte diese früher sicher lustige Frau gebeutelt und gebrochen. Lisa meinte:
„Frau Sila war früher eine echte Schönheit und so fleißig und flink mit dem Spinnrad, dass sie ganz bekannt war. Sie hatte das Talent die Wolle so fein zu spinnen, dass sie Aufträge aus dem ganzen Land bekam. ...Heute ist sie arm und alt. Ihr Mann ist tot... Er … Als er das Alter nahen spürte, gestand er ihr, dass dafür nicht den Mut hätte und ging in die Wälder. Er kam nie zurück.“
Die Stimmung war nach diesem Besuch etwas gedrückt, aber gleichzeitig auch von einer gewissen Hektik erfüllt. Sie mussten sich beeilen, den Hof zu erreichen, damit Mia noch für den Auftrag vorsprechen konnte, bevor sich zu viele Schäfer eingefunden hätten und die Chance vergeben war. Zügig trieben sie also die kleine Herde durchs Moor. Zum Glück war der Boden um diese Jahreszeit noch trocken und der Torf gut begehbar. Dann erreichten sie eine kleine Anhöhe und Lisa zeigte mit ausgestrecktem Arm auf ein kleines Glitzermeer aus Lichtpunkten das in der Abenddämmerung vor ihnen lag.
„Das muss es sein. Wir sind fast da.“
Endlich lächelte auch wieder Fidel und stupste seine Schwester von der Seite an.
„Mia...? ...“
Sie sah ihn an und er grinste:
„Jetzt wird alles besser, oder?“
Auch Goliath gesellte sich kurz zu ihnen und rieb seinen Kopf an Mias Hüfte. Zum Streicheln blieb er jedoch nicht, sondern kannte schon wieder Anne hinterher, die den Hügel schon hinab gelaufen war.
„Wir sollten ihm folgen.“
, meinte Lisa und lief den kleinen Abhang hinunter.

Schon bald hatten sie die äußeren Weiden des Landsitz der Lagerfelds hinter sich gelassen und passierten ordentliche Zäune, Hirten und Wächter auf Hochsitzen die ihnen gern den Weg wiesen, wenn gleich so mancher einen eher „Nase-rümpfenden-Blick“ auf ihre Schafe warfen. Es gab auf jeder Weide eine Tränke und Heuballen. Es gab Stallungen und Unterstände, damit die Tiere nicht nass wurden, wenn sie nicht wollten. Dann gesellten sich die ersten gepflegten Bauten zwischen die Wiesen. Hübsches Fachwerk und dicke Natursteine wechselten sich ab. Es roch überall frisch und sauber, als würden Schafe keine Köddel scheißen, sondern Klee. Höchst seltsam... Lisa wurde etwas unruhg und zupfte an ihrem Kleid herum um sich so respektabel wie eben möglich dar zu stellen. Plötzlich hielt sie an und sah Mia ernst an.
„Warte...“
Sie nahm ihren Rucksackkorb ab, legte ihn auf den Karren und kramte darin nach einem Kamm, wie sie leise murmelte, doch was sie dann heraus zog ließ sie blass werden. Langsam richtete sie sich auf und hielt einen kleinen Lederbeutel in der Hand. Fassungslos sah sie in an und schüttelte immer wieder den Kopf.
„Sie hat... Sie hat doch nicht... Mia, du musst das hier allein machen! Ich muss schnell zurück zu Frau Sila!“
Sie sah Mia an und da erkannte auch diese den kleinen Beutel, in dem es leise klimperte, eben jener Beutel mit Geld, den die Wenzel-Tochter für die Wolle von der alten Frau bekommen hatte, nur dass er deutlich dicker wirkte.
„Ich glaub, sie will in den Wald!“
, flüsterte sie atemlos und blinzelte mit den Augen. Die Tränen kamen trotzdem.
„Ich hol auch morgen ein. Nimm du den Karren. Dann machen wir uns hoffentlich gemeinsam mit vielen neuen Wollnasen nach Alberna auf. Ich wünsch dir Glück.“
Dann drehte sie um und rannte den Weg zurück, den sie gekommen waren. Da war Mia wieder allein mit Fidel und der stellte sich nah neben sie. Plötzlich fühlte sie sogar seine Hand in ihrer – Etwas, dass er lange nicht mehr getan hatte.
„Hab keine Angst, wir schaffen das … gemeinsam. Ich bin bei dir. Und … die Lisa wird hoffentlich die alte Frau noch finden.“
Versuchte ER SIE zu trösten? Normaler Weise war das wirklich IMMER anders herum gewesen!
Fidel hatte sich verändert!
Er wurde erwachsen.
„Komm, lass uns gehen.“
Fidel pfiff nach Goliath der immer häufiger knurrend durch die Gegend lief und Streit mit fremden Hunden und Menschen suchte. Um so näher sie dem Haupthaus kamen, um so garstiger wurde er, bis sie ihm eine Leine anlegen mussten. Die Geschwister liefen weiter, passierten kleinere Stallungen für Pferde und kamen dem Zentrum immer näher, wo sie Gelächter und Gesang hörten. Jemand spielte auf einer Klampfe und irgendjemand schlug einen blechern klingenden Takt dazu. Fehlte noch eine Flöte für die Melodie.
Das Haupthaus präsentierte sich zweistöckig und herrschaftlich in der rot untergehenden Sonne. Es war mit weißer Kalkfarbe gestrichen. So etwas hatte Mia noch nie von nahem gesehen! ...Oder überhaupt? Es hatte Säulen die das vorgezogene Obergeschoss hielten und darauf standen ein paar Leute wie auf den Terrassen der Weinbauern. Die Leute da oben sahen fein aus und hielten feine Kelche in ihren Händen, während die deutlich mehr Personen unten, einfache Krüge hatten und von hölzernen Tellern speisten. Trotzdem hörten sie die gleiche Musik und lachten über den gleichen Unsinn. Der ganze Hauptplatz war mit Fackeln erleuchtet und war das Zentrum des abendlichen Lebens. Ein Brunnen zierte rund die Mitte und um ihn herum standen Bänke und Tische aufgebaut. Andere Hirten und Mägde, Feldarbeiter und Knechte saßen hier zusammen und beäugten neugierig die Neuankömmlinge. Fidel hielt sich jetzt doch noch etwas zurück und es war ja auch Mias Aufgabe Kontakt zu suchen.
Kontakt fand sie dann auch schneller als erwartet.
Ein junger Mann von Ende 20 oder Anfang 30 sah sie, stand auf und schlenderte auf sie zu. Er lächelte freundlich und seine Augen glitzerten nett. Er war groß und gut genährt, stattlich würde manch einer sagen, vielleicht ein klein wenig zu lang für sein Gewicht, aber er hatte freundliche blaue Augen, die im Schein des Feuers nur so funkelten. Das ein solches Exemplar Mann noch nicht an die Front eingezogen worden war, war schon erstaunlich. Seine Nase hatte er sich wohl schon mal gebrochen, aber das gab seinem Gesicht etwas schelmisches und der Mund war zu einem Schmunzeln verzogen, als er sich vor sie stellte:
„DA BIST DU JA!“
Mia wirkte sichtlich irritiert. Hatte man sie erwartet? Sicher nicht. Der junge Mann zwinkerte verstohlen und raunte ihr eilig zu:
„Ich heiße Leif. Spiel mit, dann bekommst du...“
Er ließ kurz seinen Blick schweifen.
„... ihr was umsonst zu essen. Das fällt keinem auf.“
Er lachte und sprach wieder laut, so dass es sicher einige der Umstehenden hören konnten:
„SCHÖN DASS DU ES NOCH GESCHAFFT HAST! KOMM ICH STELL DICH DEN ANDEREN VOR!“
Abermals senkte er die Stimme:
„Schnell, wie heißt du?“
Was ging hier vor? Sollte sie mitspielen oder lieber grade raus sagen was sie wollte? Leif trat auf sie zu und war im Begriff seine Hand in vertrauter Geste auf ihre Schulter zu legen. Irgendwo hinter ihr grollte es tief, aber Fidel hatte Goliath an der Leine. Der Hund konnte in solchen Momenten ein echtes Problem sein, wenn man ihn nicht kurz hielt. Selbst wenn Leif der freundlichste Mann der Welt wäre, würde der Wolfshund ihn einfach zerfleischen und nachher sogar freudig mit dem Schwanz wedeln. Mit Männern hatte er es nicht so und hatte sie schon zuweilen damit in Schwierigkeiten gebracht. Bei Frauen war er schnell zugänglicher. Leif jedoch war ein Mann und roch so aus der Nähe nach Heu, Holz und dem Fleischstück was er noch in der anderen Hand hielt. Er hatte Werkzeug am Gürtel. Eines erkannte Mia auch sofort. Es war ein Hufausschaber für Pferde. Leif war vermutlich hier Stallbursche.
Mias Blick glitt noch kurz über die abendlich zusammen gekommene Menge. Da winkte ihr eine rundliche Frau mit der Kelle, hier sah sie einen Mann einen Krug Bier in sich hinein schütten und dort rannten Kinder hinter einem Welpen her. Dazwischen saßen Menschen und genossen ihren Feierabend. Auf dem „Oberdeck“ ging es anders zu. Da hatten die Tische weiße Tücher und man aß mit Besteck.
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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Mia » Donnerstag 8. August 2019, 22:44

Mia konnte nicht behaupten, dass sie jemals an so einen Ort gekommen war. Ihre Welt war bislang von einfachen Freuden, praktischer Kleidung, abwechslungsarmer Nahrung und dem Schmutz des Alltags geprägt gewesen. Ein Luxus wie „Sauberkeit“ hatte sie sich bei alledem natürlich nicht leisten können und so war alles und jeder der saubere Fingernägel und oder duftende Haare besaß für sie wie aus einer anderen Welt. Adlige, reiche Händler und derlei Gestalten eben.
Ebenso surreal kamen ihr die Weiden vor, die so penibel gepflegt und scharf abgegrenzt waren, dass man meinen konnte, jemand wäre mit einem riesigen Besen drüber gegangen und hätte danach alles feinsäuberlich mit spitzen Fingern geordnet. Selbst die Menschen, denen sie hier begegneten glichen keinen gewöhnlichen Hirten, wie Mia sie kannte. Es waren keine Reisenden, die mit zerlumpter Kleidung von Dorf zu Dorf wanderten sondern selbstbewusste – und wie Mia schnell merken sollte, auch sehr überhebliche – Männer, die vergessen zu haben schienen, wie ihr Gewerbe einst mal angefangen hatte. Mia tat alles für ihre Herde und pflegte sie so gut sie konnte, aber das schien diesen Herren hier kaum zu reichen. Aber das war auch kein Wunder, wenn man so verdammt frische Luft atmen durfte. Wie war das überhaupt möglich? Ein Rätsel nach dem nächsten reihte sich hier auf, weiter ging es nämlich damit, dass Lisa – ja, sie hatte sich ihren Namen endlich merken können - plötzlich anhielt und ihren Weidenkorb von den Schultern hob.

Da war diese Sache gewesen. Diese Sache mit dieser Spinnerin, die bereits ihre besten Tage hinter sich hatte und ganz allein in ihrem Haus verweilte. Mia hatte bereits wieder vergessen wie sie hieß, allerdings war ihr in Erinnerung geblieben wie schwerhörig sie war und wie leid sie der Hirtin getan hatte. So ganz allein in einem so großen Haus zu enden... wer wollte das schon? Allein sein...
Ihr Mann sollte in den Wald gegangen und nie wieder gekommen sein. Warum er das getan hatte, war der jungen Frau nicht ganz klar, vielleicht ertrug er es nicht alt zu werden? Krank und gebrechlich zu sein? Das war absolut kein Zuckerschlecken, das wusste Mia genau. Ihre eigenen Großeltern hatten unzählige Probleme, angefangen bei harmloser Appetitlosigkeit, bis hin zu unkontrolliertem Wasser lassen und starker Vergesslichkeit...Es war, als hätte man plötzlich viel zu alte Kinder, die man rund um die Uhr versorgen musste. Wie schaffte ihre Mutter das bloß?
Vor allem jetzt, da Fidel und sie nicht mehr da waren? Half ihr Vater ihr? Bestimmt nicht. Waren ihre Großeltern vielleicht schon gestorben?

Als Mia Lisas Blick sah und darin las, dass etwas nicht stimmte, runzelte sie fragend die Stirn. Auf eine Antwort musste sie nicht lange warten. Denn der schwere Geldbeutel, den die Bauerstochter da emporhob war eben genau das. Schwer. Schwerer als er sein sollte und da brauchte es nur noch ein geflüstertes Hauchen, um die gesamte Bandbreite dieses Umstandes zu verstehen. Die Spinnerin wollte ihrem Mann nacheifern, genauso wie er, in den Wald gehen und ihrem Leben damit ein... ungewisses Ende bereiten. Das brachte irgendetwas in der Hirtin zum frösteln. Wälder waren schließlich auf unterschiedlichste Arten gefährlich und wenn die Greisin es ganz schlimm traf, dann...verhungerte sie einfach. Verhungern... so etwas dauerte lange, oder? Mia wusste noch wie es war, als Fidel und sie am Anfang nichts weiter hatten, als ein paar Füchse und einem trockenen Stück Brot. Sie wachten mit einem Hungerschmerz auf und verzehrten sich bis in die Abendstunden nach einem ordentlichen Mahl. Damals hatte sie sich unglaublich schuldig gefühlt, weil sie ihrem Bruder so ein Leben zumutete und häufig war da der Gedanke aufgekommen, einfach wieder umzukehren und in die schützenden Fittiche ihrer Eltern zu fliehen. Aber sie waren hartnäckig geblieben, hatten ausgeharrt und waren deswegen am heutigen Tag auf eben diesem Land angekommen. Vielleicht war ihr deswegen so flau in der Magengegend als sie Lisa davon eilen sah. Nicht, weil sie dadurch mit einer unbekannten Situation alleine gelassen wurde, nein. Vielmehr bangte sie um die Alte und hoffte, Lisa würde sie noch rechtzeitig finden, ehe sie in den Untiefen des Waldes verschwand und nie wieder gesehen wurde.

Dennoch ließ es die Hirtin ein wenig unschlüssig zurück. Sollte sie die Bauerstochter nicht doch aufhalten? Noch war sie schließlich zu sehen und es war gefährlich nachts allein durch Grandessa zu streifen. Dunkelelfen... hatten sie heute Mittag nicht noch darüber gesprochen? Nein, das war nicht gut... ganz und gar nicht gut, aber Mia konnte jetzt auch nicht einfach so umkehren. Sie waren fast da und der Auftrag war wirklich wichtig für ihr Überleben. Zeitgleich war Lisas fortschreiten wichtig für das Überleben der Spinnerin und Fidel würde sie bestimmt nicht hinterher schicken, denn eine junge Frau und einen kleiner Junge waren eine mindestens genauso leichte Beute.
… Mia konnte wenigstens mit der Steinschleuder umgehen!
Aber gut, es war wie es war und die Hirtin konnte zunächst nichts tun, um daran etwas zu ändern. Es würde das beste sein, wenn sie sich weiter beeilten, damit sich das alles auch lohnen... warte, was war das? Fidels Hand? Verwundert drehte Mia ihren Kopf und sah hinab, zu dem Jungen der sie bald schon mit seiner Größe überholt haben würde, ihr aber noch bis zur Brust reichte. Hatte sie so sorgenvoll ausgesehen? War ihr Blick zu nachdenklich geworden? In jedem Fall sandte ihr kleiner Bruder tröstende, ja verdammt erwachsene Worte an seine Schwester, ganz so als wäre er da um sie zu beschützen und nicht andersherum. Worte eines Mannes, keines Kindes... Mia sah ihn an und schloss die Lippen, um sie unschlüssig zu kräuseln. Was hatte Bauer Wenzel nur zu ihm gesagt, um so eine Veränderung in ihm wach zu rufen? Na ja, sie fühlte sich dadurch tatsächlich ein wenig ruhiger... weniger allein... und das obwohl sie vorher nicht einmal gewusst hatte, dass auch das auf ihren Schultern lastete: Die Angst allein darzustehen und alles zu vermasseln.
„Danke Fidel.“ antwortete sie ihm also, nun sogar lächelnd und drückte die Hand, die er in ihre gelegt hatte. „Ja, das schaffen wir schon.“ - „Komm, lass uns gehen.“
Und so gingen sie, wie eh und je zu zweit, mit Goliath und den Schafen über das restliche Land des Züchters, nach dessen Namen sie Fidel immer wieder fragen musste. Er war besser in so etwas als sie.

Schlussendlich erreichten sie einen Ort an dem Musik hallte. Goliath zwang sie dazu, ihn eng an der Leine zu halten und eben jene an den Karren zu binden, damit er ihnen nicht ausbüchste. Mit vielen Fremden kam er eben nicht zurecht und besonders wenn sie viel Lärm machten, wurde der gute Hütehund zu einem übernervösen Kläffer. Das sollte er auch, schließlich hatte er eine ganze Herde zu beschützen. Aber dieses Verhalten war manchmal eben auch hinderlich, so wie jetzt. „Das ist ja riesig...“ ein ehfürchtiges Murmeln war es, was Mia da entwich. Gewiss, die Ländereien allein waren schon riesig, da passte das Hauptgebäude schon ganz gut, aber... allein durch die Zucht von Schafen wurde man doch nicht so reich oder? Es sah aus wie ein Palast. Nein, wirklich das war ein Palast! Da war sich die junge Hirtin mehr als sicher! Dabei musste sich Mia wirklich zusammenreißen, um nicht einfach stehen zu bleiben und die Kinnlade aufzusperren, denn ja... je näher sie diesem Prachtwerk menschlicher Baukunst kamen, desto größer wurde es und desto kleiner fühlte sich Mia in dessen immer länger werdendem Schatten. Und hier saßen unzählige Menschen beisammen, speisten, tranken, lachten und grölten und... feierten. Adlige wie auch einfache Bauern wie es schien, denn ein weitschweifender Blick ließ verschiedene Gewandungen und untetschiedliche Gestecke erahnen, auch wenn sie durch Wow... war so etwas überhaupt erlaubt? Mia konnte sich nicht daran erinnern, dass ein Adliger, sie oder ihre Eltern je einmal zu einem solch einen Festgelage eingeladen hatte. Die waren sich doch viel zu fein, um sich mit feinen Menschen abzugeben, oder? Nein, bei aller Anstrengung, Mia schaffte es nicht ihr Staunen zu verbergen. Ihre Augenbrauen hoben sich, ihr grün-brauner Blick huschte über die Szenerie und beinahe übersah sie dabei, dass Anne wieder einmal aus der Gruppe ausbrechen wollte. Zum Glück war Goliath aufmerksamer als sie und rannte dem nunmehr nackten Wollschiffchen in den Weg, sodass es eifrig seinen Rückweg antrat. Ein Bellen konnte der Hütehund dabei nicht unterlassen. Nun also an dem Platz angekommen, der von vielen Fackeln erleuchtet war, stellten Fidel und sie den Karren ab und bestaunten das ganze noch ein bisschen. „Das ist...“ begann Mia gerade ihrem Staunen Luft zu machen, da fing ein Mann ihren Blick ein, der gerade aufstand und... ja, tatsächlich auf sie zumarschierte. Schlagartig begann ihr Herz einen Hüpfer zu machen. War er ein Konkurrent? Zumindest ging er ziemlich zielstrebig auf sie zu. Sonderlich feindselig sah er aber nicht aus und wenn sie es recht bedachte... war er sogar eigentlich recht... also... irgendwie... er sah jedenfalls nicht schlecht aus!

Mia räusperte sich und senkte den Blick. Worte zurechtlegen, Kopf heben und dann zur Sprache kom... „DA BIST DU JA!“ Die Hirtin blinzelte. Meinte er... sie? Wurde sie bereits erwartet? Hatte man von ihrer Ankunft erzählt? Sie drehte kurz den Kopf zu Fidel, als wüsste er eine Antwort darauf, was natürlich nicht so war und schon machte ihr Gegenüber das Schauspiel weiter, indem er zwinkerte und leise Worte an sie richtete. „Oh...!“ Das hatte er also vor! Sofort musste sie lächeln. Das war... also, damit hatte sie wirklich nicht gerechnet! Noch ehe sie ihm jedoch ihre Dankbarkeit kundtun konnte, hatte er auch schon seinen Arm um ihre Schulter gelegt und war im Inbegriff sie den anderen vorzustellen. Wer auch immer die anderen waren, denn davon gab es entweder sehr viele, oder er meinte nur einen kleinen Bekanntenkreis innerhalb dieses Zusammentreffens. „Eh...“
Man, war das unangenehm! Plötzlich war ihr dieser Fremde so nah, dabei hatte sie so selten überhaupt irgendeinen Körperkontakt! Sie nahm den Geruch von Stall und Holz wahr, der sich irgendwie angenehm mit dem Fleischduft vermischte und sie irgendwie an Wenzels Hof erinnerte. Zeitgleich wurde ihr bewusst, dass er sie nun genauso erschnuppern konnte und der Geruch war sicher nicht angenehm, nach dem Fußmarsch mit all diesen Schafen, Mias Gesicht wurde auf einmal ziemlich warm doch ein: „Ich bin Mia...“ bekam sie dann doch noch heraus. Sie musste sich zusammenreißen! Das hier war schließlich wichtig und solange sie nicht die genauen Spielregeln kannte, benahm sie sich besser vernünftig.... höflich und so! „Und das ist mein Bruder Fidel.“
So weit so gut. Bekam sie dafür wirklich freies Essen hier? Das wäre der absolute Hauptgewinn, doch was wäre mit den Schafen? Auf dem schnellsten Weg würde sie erfragen, wo sie ihre Schützlinge lassen konnte und dann erst würde sie sich um das Essen kümmern, wonach sich ihr Magen so sehnsuchtsvoll verzehrte.

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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Erzähler » Montag 12. August 2019, 20:25

Der fesche Mann, der sich als Leif vorgestellt hatte, schien sich nicht an ihrem Geruch zu stören.
„Ich bin Mia...“
bekam sie dann doch noch heraus. Sie musste sich zusammenreißen! Das hier war schließlich wichtig und solange sie nicht die genauen Spielregeln kannte, benahm sie sich besser vernünftig.... höflich und so!
„Und das ist mein Bruder Fidel.“
Leif sah über ihre Schulter hinweg zu ihrem Bruder und nickte ihm freundlich zu. Doch was war mit den Schafen? Auf dem schnellsten Weg erfragte sie, wo sie ihre Schützlinge lassen konnte und wollte sicher erst dann um das Essen kümmern, wonach sich ihr Magen so sehnsuchtsvoll verzehrte.
„Ach so. Das sind also eure... Dann bringt sie am besten...“
Er ließ Mias Schutler los, die sich plötzlich etwas kühl anfühlte und drehte sich um die eigene Achse, auf der Suche nach einem geeigneten Stall. Dann blieb er stehen und winkte Fidel zu. Er rief etwas lauter:
„Siehst du das kleine Haus mit der blauen Tür?“
Fidel nickte etwas unsicher.
„Direkt dahinter geht ein Weg links rein und führt auf eine kleine Weide, die für eure kleine Herde ausreichen sollte. Kannst du sie dort allein hin bringen und findest dann wieder her?“
Fidel zögerte kurz, aber dann siegte wohl sein Stolz und er rief:
„Klar, schaff ich das. Bin gleich wieder da.“
Leif rief und zeigte auf eine Bank im Kreis um den Brunnen.
„Ich setzt deine Schwerster dort drüben ab.“
Fidel nickte und löste Goliath von der Leine. Dieser machte einen Schritt auf Leif zu, aber Fidel hatte ihn schon im Nackenfell. Mia hörte noch ihren Bruder schimpfen:
„Nein, Goliath! Du machst hier keinen Unsinn!“
und dann waren sie schon außer Sichtweite. Fidel, weil er zwischen den Schafen verschwand, um sie auf den Weg zu bringen und Mia, weil der Arm des Mannes neben ihr sie sanft wieder zur Feier drehte.
„Wo kommt ihr eigentlich her?“
, fragte er leise. Als Mia geantwortet hatte, zuckte er mit den Schultern, als würde er es nicht kennen.
„Hm... Ich denk mal, du und dein Bruder, du bist hier um dich für die Angora-Herde zu melden, hab ich recht?“
Ja, das hatte er und dass sah er ihr wohl an. Er nickte zufrieden und zog sie nun nach ihrer Hand greifend durch die ersten Tisch und Bänke mit lachenden Leuten. Seine Finger fühlte sich rau und stark an ihren an... Er winkte mal hier mal da und alles schienen sich zu kennen. Dann kamen sie an der Bank am Brunnen an und dort saßen drei Frauen und zwei weiter Männer, die nun neugierig aufsahen. Ihre Teller hatten sie am Brunnenrand abgestellt und einer kaute gerade genüsslich auf der Keule eines Hahns. Leif stellte vor:
„Das sind Raja, zweites Hausmädchen, Stef, erste Küchenmagd und Heike, zweite Zofe der Herrin und meine Schwester. Die Rabauken da, das sind Harald, mein Halbbruder und Björn, sein Vetter dritten Grades. Keine Sorge, dass musst du dir nicht merken.“
Leif ließ sich auf den Brunnenrand nieder und zeigte auf einen freien Platz neben sich und seiner Schwerster.
„Das ist Mia. Sie ist mit ihrem Bruder hier. Er kommt auch gleich. Sie wollen die Angora-Herde.“
Verstehendes Nicken folgte und das zweite Hausmädchen meinte:
„Da hast du aber Glück, dass du so früh hier bist. Die Ausschreibung war eigentlich erst für morgen, aber wenn du den Herrn zu Gesicht bekommst...“
Sie zuckte mit den Schultern und grinste breit.
Der Halbbruder fragte:
„Habt ihr denn nen guten Hund?“
Leif antwortete begeistert für Mia, während die jungen Frauen eher an Mias Lippen hingen und gleichzeitig mit seiner Antwort:
„Ja, ham se! Und was fürn Monster! Wollt mich glad fressen! Der ist gut, denk ich. Damit könnte sie Eindruck beim Herrn schinden.“
„Und woher kennt Leif dich?“
„Willst du was essen?“
„Ist das dein Bruder, der da winkt?“
Die Fragen konnte Mia garnicht alle so schnell beantworten. Aber ja, es war Fidel, der sich da winkend durch die Menge schob und auf sie zu steuerte. Die jüngste der Frauen meinte prompt:
„Der ist ja niedlich! Der wird mal nen Herzensbrecher. Hihihi“
Die anderen stimmten mit ein und Mia kam nicht umhin Fidel mal genauer zu betrachten. Ja, er hatte was. Wenn er noch an Männlichkeit zu legte, etwas kantige Züge bekommen würde und etwas Muskelmasse dazu kommen würde... ja, vielleicht würde mal aus ihm ein hübscher Kerl werden. Jetzt sah er wirklich einfach nur „niedlich“ aus, mit seinen verwuschelten Haaren, den etwas zu großen Kleidern und den großen neugierigen Augen. Er kam an und hob grüßen die Hand.
„Nabbend! Ich bin Fidel. Mias Bruder. Hab gehört hier gibt es was zu futtern?“
Der Vetter dritten Grades meinte:
„Der gefällt mir. Kommt gleich zum wesentlichen! Komm mal mit, Kleiner. Wir besorgen dir und deiner Schwester mal was zum beißen.“
Er stand auf, legte Fidel die Hand auf die Schulter und ging mit ihm zu einem langen Tisch, wo jede Menge Essen stand. Mia konnte Fidels Augen selbst aus der Entfernung strahlen sehen und von Sekunde zu Sekunde wuchs der Haufen auf den Tellern, die er fleißig belud. Leif sah dem ganzen amüsiert zu während die Mädchen um ihn herum munter weiter plauderten, ohne wirklich nachzubohren, wenn Mia nicht alle Fragen beantwortete. Es war eine lustige Runde, Menschen die sich mochten und neckten, die mitsummten, wenn ein bekanntes Lied gesungen wurde. Die beiden Musiker waren echt nicht schlecht und die Stimmung war ausgelassen. Auch auf den oberen Terrassen lachten die Menschen und Mia fiel auf, dass auch dort oben hin und wider so jemand wie ein „Arbeiter“ zu sehen war. Irgendwann stupste Leif sie an, beugte sich nah an ihr Ohr und sein warmer Atem kitzelte etwas ihre Wange:
„Na? Willst du dein Glück versuchen? Ich kann dich hoch bringen, wenn du magst. Dann würdest du vor allen Anderen deine Chance bekommen dich vorzustellen.“
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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Mia » Dienstag 20. August 2019, 19:42

Eigentlich war es nicht in ihrem Sinne, all ihre Schützlinge aus den Augen zu lassen. Sie war sowohl für die Schafe als auch für Fidel und Goliath verantwortlich und es war wirklich selten der Fall, dass sie allen auf einmal den Rücken kehrte. Besonders an diesem Ort war es ihr unangenehm ihren kleinen Bruder mit Hirtenstab und Hütehund davon eilen zu sehen und für kurz kam ihr da auch wieder Lisa in den Sinn, die in dieser dämmrigen Dunkelheit ganz alleine zu der alten Spinnerin eilte. Was war, wenn sie die Greisin nicht fand und dann Hals über Kopf in den Wald lief? Auch das hätte Mia zu verantworten und es machte ihr immer mehr Kopfzerbrechen je länger die junge Bauerstochter fern blieb. Wenn ihr was geschähe, könnte sie nie wieder in ihr Spiegelbild schauen ohne sich zu schämen, nein sich zu verabscheuen! Daran konnte nicht einmal die Anwesenheit dieses schmucken Kerls neben ihr etwas ändern, der über den Hof hier einen guten Überblick zu haben schien. Er hatte Fidel eine Aufgabe anvertraut, die der Junge gern erledigte und Mia wunderte sich über den plötzlichen Feuereifer den er dadurch an den Tag legte. Aber es machte sie auch glücklich, denn ein Lächeln ihres Bruders war für sie echtes Gold wert. Er schien stolz und war der Aufgabe auch gewachsen, denn er wusste auch Goliath zu bändigen, der kurz davor war, Leif an die Gurgel zu gehen. Kurz danach war er aber verschwunden und was in Mias Herzen verblieb, war Vorsicht, Unsicherheit und Unbehagen. „Wir eh...“ sie musste tatsächlich überlegen, war ihr Heimatort doch physisch wie auch gedanklich so weit entfernt, dass er sie nicht mehr scherte. „Troman“ gab sie dann an, merkte aber, dass dies nicht einmal eine Rolle spielte, denn Leif schien ihren Heimatort nicht zu kennen. Gut so.

„Ja genau!“ Es gab schließlich etwas wichtigeres, um dass sie sich kümmern musste und das waren die Angora Schafe... vorausgesetzt man überließ ihr diesen Auftrag. Oh Feylin, gib mir die Kraft und den Mut das durchzustehen... und dann spürte sie plötzlich seine - Leifs - Hand an der Ihrigen und eine unaufhaltsame Röte breitete sich auf ihren Wangen aus. „Huh?“ stieß sie noch verwundert aus, doch er zog sie bereits mit sich und ließ ihr damit nicht die Chance zu protestieren. Himmel... er ist... so warm. Etwas, was sie bereits vorhin gemerkt hatte, als er seinen Arm um ihre Schulter gelegt hatte, auch so eine Geste die ihr vollkommen fremd war. Aber irgendwie... ja, irgendwie... gefiel es ihr. Ihre Hand lag sicher und geborgen in seiner und weil er so tat als kenne er sie, hatte die Hirtin für einen kurzen Augenaufschlag das Gefühl als wäre es tatsächlich so. Ja, sie kannten sich. Warum sollte es auch anders sein? Er, der große, starke Leif... und sie, die brave einsame Hirtin... Moment, wieso einsam? Sie war doch gar nicht einsam! Sie hatte Fidel und Goliath und ihr Schafe! Und überhaupt: Was dachte sie denn was das hier wurde? Ein romantisches Treffen zweier Fremder? Hah, sie hatte wohl vergessen, dass sie eine einfache Hirtin ohne wirklichen Besitz war. Bettelarm und krankheitsgezeichnet, das war sie und das machte sie für andere Männer bestimmt nicht attraktiver! Außerdem wäre ihr ein Mann nur im Weg wenn sie weiterhin frei sein wollte, oder nicht? Richtig! Und deswegen war sie mehr als froh, als sie am Brunnen anlangten und dort drei weitere Frauen und zwei Männer trafen, die Leif ihr nun vorstellte. Namen über Namen folgten, doch wie immer blieben sie nicht in Mias Kopf hängen. Anders sah dies mit ihren Berufen aus, oder vielmehr die Zahlen mit denen Leif jeden einzelnen von ihnen bedachte. Zweites Hausmädchen - Zweite-Eins - und Zweite Zofe - Zweite-Zwei- sowie erste Küchenmagd - Erste - schienen ganz freundliche Frauen zu sein, die sich gleich sehr interessiert an Mia und ihrem Vorhaben zeigten. Halbbruder - Einhalb - und Vetter dritten Grades - Dritter - machten ebenfalls einen sehr sympathischen Eindruck und alle zusammen sorgten dafür, dass sie sich rasch nicht mehr so verloren vorkam, an diesem heiter, lauten Ort. Fidel sollte auch bald wieder dazu kommen. Auch das machte sie weniger nervös und die Ausgelassenheit, mit der die Leute hier miteinander umgingen wurde zusehends ansteckend. Mia versuchte die Fragen der Gruppe so gut es ging zu beantworten, wich aber jenen aus, die sie nicht wirklich beantworten konnte oder wollte. Wie etwa: woher sie denn Leif kenne. Nein, diese kleine Lüge behielt sie bei, denn genau wie Fidel hatte auch sie einen großen Hunger doch da sich Dritter seiner annahm verzichtete Mia darauf, ebenfalls aufzustehen. Es war noch immer schwer einzuschätzen, was ihr kleiner Bruder wollte und was nicht. Alles was er früher schön gefunden hatte war nun irgendwie nicht mehr so schön für ihn und da sie aus der Ferne sein Lachen beobachten konnte, befand sie, dass sie sich auch weiterhin besser damit zurückhielt. Es war schwer aber sie fand sich schon irgendwie damit ab.
Ja, ihr kleiner Bruder belud seinen Teller wie ein waschechter Mann, das musste man sagen. Demnach würde er einmal nicht nur ein gutaussender Bursche sondern auch ein guter Esser werden. Vielleicht würde er aussehen wie ihr Vater... zumindest würde er so umsichtig sein wie er, wenn Mia an die Worte zurückdachte, die Fidel an sie gerichtet hatte, nachdem Lisa zurückgelaufen war.

Doch die Zeit schritt voran und nachdem sie gegessen und weiter gelacht und geredet hatten, wandte sich Leif plötzlich wieder an sie und bot ihr an, sie ... hoch zu bringen. Neben de Tatsache, dass er ihr wieder so unschicklich nah gekommen und ihr einen sanften Hauch von Gänsehaut beschert hatte, lockte er auch mit einer Idee, die der Hirtin durchaus gefiel. Ein Blick hinauf zu dem Balkon bestätigte ihr, dass sie da oben nicht die einzige wäre, die aus dem einfachen Volk käme und wenn sie sich nicht allzu dumm anstellte und Goliath wirklich Eindruck schinden könnte... vielleicht hätte sie den Auftrag dann in der Tasche?
Mia nickte. „Das wäre nett, ja!“ sagte sie also leise und machte sich dann daran aufzustehen. Doch ohne Fidel würde sie nicht gehen wollen. Schließlich wollten sie das beide erledigen und so würde sie ihn vorher fragen, ob er bei diesem Gespräch dabei sein wolle oder nicht.

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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Erzähler » Samstag 24. August 2019, 17:55

Die Zeit schritt voran und nachdem sie gegessen und weiter gelacht und geredet hatten, wandte sich Leif plötzlich wieder an sie und bot ihr an, sie zum Gutsbesitzer hoch zu bringen. Neben der Tatsache, dass er ihr wieder so unschicklich nah gekommen und ihr einen sanften Hauch von Gänsehaut beschert hatte, lockte er auch mit einer Idee, die der Hirtin durchaus gefiel. Ein Blick hinauf zu dem Balkon bestätigte ihr, dass sie da oben nicht die einzige wäre, die aus dem einfachen Volk käme und wenn sie sich nicht allzu dumm anstellte und Goliath wirklich Eindruck schinden könnte, vielleicht hätte sie den Auftrag dann in der Tasche?
Mia nickte.
„Das wäre nett, ja!“
, sagte sie also leise und machte sich dann daran aufzustehen. Fidel kam gerade mit zwei voll beladenen Tellern wieder und hatte sich eine Scheibe knusprig gebratenen Speck noch zwischen die Zähne geklemmt, als er ihr ihren Teller reichte. Der Duft von frisch Gegrilltem ließ sie einen Moment vergessen was sie gerade hatte tun wollen, aber dann nahm sie wieder Platz und berichtete ihrem Bruder von der Idee, sich unter die „Oberen Zwanzig plus“ zu mischen. Fidel sah sie mit vollem Mund an und schluckte schnell bevor er zu grinsen anfing. Anscheinend fand er die Idee klasse und noch etwas anderes ließ seine Schultern sich straffen. Mia hatte es nicht alleine entschieden, sondern ihn gefragt. Sie hatte ihn nicht als ihren „kleinen Bruder“ vorgeführt, der einfach auf sie hören mußte, sondern ihn mit einbezogen. Also kostete er den Moment aus, tat so als würde er über ihre Idee nachdenken und dann erst zustimmen, auch wenn sie ganz genau wusste, was in ihm vor ging. Sie kannte ihren Bruder zu gut, als dass sie sein kleines Schauspiel nicht durchschaute. Er war halt doch noch immer ihr „kleiner Liebling“.
„Jooaaaaa, ich denke, das ist ne gute Idee. Könnte klappen.“
, antwortete er auf ihre Frage dann etwas „gönnerhaft“ und stopfte sich dann schnell wieder etwas von einer gebackenen Kartoffel in den Mund. Auf die Frage, ob er denn auch dabei sein wollte, sah er wehleidig auf seinen Teller und sein Alter purzelte prompt wieder zurück auf 5 Jahre.
„... ich will aber essen!“
, klang aus maulend aus seinem vollen Mund. Tja, also blieb es wohl an Mia hängen, bei dem Züchter vorzusprechen. Leif schaltete sich ein, legte seine Hand auf die Schulter Mias Bruders und Fidel sah von seinem Teller auf.
„Wenn der Chef aber dich und euren Hund sehen will, dann zeig dich von deiner besten Seite!“
Fidel zuckte ein bisschen zusammen, nickte dann aber wieder eifrig und schaufelte noch schnell zwei Stücke Fleisch zwischen die Zähne. Leif grinste und bot Mia dann seinen Arm an, so wie sie es mal bei einem Herrn auf einem Markt gesehen hatte. Die Dame musste dann ihren Arm unter den den Mannes schieben und auf den Unterarm legen, das wusste sie. Leif lächelte, als sie das dann auch tat und nickte anerkennend.
„Na dann lass uns mal den Chef besuchen.“

Leif hatte sie zielsicher durch die ganzen Arbeiter des Hofes gelotst und sie stiegen eine außen am Haus gelegene gewundene Treppe hinauf, die auf der Rückseite des Hauses, mit Blick auf einen sehr gepflegten Garten lag. Vielleicht hatte Mia kurz gezögert, als Leif sie dort hin geführt hatte, denn der Park lag im Dunkeln und bot viele lauschige Plätzchen. Der junge Stallbursche hatte ihren nervösen Blick gesehen, war ihm zu einem stark bewucherten Pavillon gefolgt und hatte gelächelt. Seine Braune hatten sich für einen Moment etwas gehoben und er hatte sie fragend angesehen, doch dann waren Stimmen zu hören gewesen und er war schmunzelnd weiter gegangen.
Jetzt da sie die Treppe hinauf stiegen, war der Moment vergessen. Hier oben auf der Terrasse, das war eine ganz andere Welt!
Die Tische waren gedrechselt und verziert, weiße Tücher hingen darüber und Dienstboten huschten umher. Teller wurden auf und abgeräumt und die Kelche, die unten aus Ton oder sogar Holz gewesen waren, waren hier aus Metall oder sogar Kristall. Die Menschen trugen prächtige Farben und feine Stoffe. Verzierungen, Stickereien, Spitze, Rüschen blitzten an den Dekolletees der Damen und an den Revers der Herren. Leif zog Mia an der Hand weiter, so dass sie nicht all zu viele Details aufnehmen konnte. Die Gruppe, auf die er zusteuerte, stand an einem kleinen Tisch mit hoher Platte, so dass man im Stehen gut seine Gläser darauf abstellen konnte. Zwei junge Männer, vermutlich in Leifs Alter, aber deutlich besser gekleidet und drei junge Damen, die fleißig mit den Herren kokettierten, standen bei einem älteren Herrn. Dieser hatte den Neuankömmlingen den Rücken zugewandt, so dass er sie nicht kommen sah. Dafür sahen aber alle anderen Mia und Leif! Es war ein merkwürdiges Gefühl hier unter diesen Paradiesvögeln zu wandeln.
Eine Dame zu Mias linken, saß mit ihrem keinen „Hofstat“ an einem Tisch und scheuchte gerade einen Diener weg:
„Das Fleisch ist viel zu hart! Da beiße ich mir ja die Zähne aus. Hol mir ein neues Stück!“
Der junge Diener beeilte sich weg zu kommen und die sehr voluminöse Frau sah zu Mia, kräuselte die Nase und zog leicht pikiert die Brauen hoch, als ob sie auf diese Entfernung sie riechen könnte. Mia roch gewiss nicht frisch, aber so sehr konnte sie garnicht stinken, dass die Dame sie hätte wahrnehmen können! Ein anderer Mann zog Mias Blick auf sich, als er unglaublich hoch kicherte. Er hatte seine Haare Gold gefärbt und goldene Schleifen hingen zwischen goldenen Löckchen. Golden waren auch seine Augenlider bemalt und sogar seine Fingernägel waren lang und golden... war er eine Frau? Er wirkte fast so und auch die Stimme war hoch und ausgesprochen sanft, als er mit seinem Nachbarn tratschte:
„Darling, wenn du mein Mann wärst, würde ich nie zu spät kommen! Ich komme immer wann es gewünscht wird.“
Irgendwie klang das ganze sehr anrüchig. Der Angesprochene sah über die Schulter des Goldjungen hinweg kurz Mia an, wirkte genervt und widmete sich dann wieder seinem Gesprächspartner, wenn auch unwillig. Leif blieb mit ihr stehen und drückte kurz ihre Hand, damit sie ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorne richtete. Der Mann in dessen Rücken sie stand, hatte bereits weiße Haare, oder sehr hell gefärbte, mit silbrigen Strähnchen, die mit einem silbernen Band im Nacken zusammen gehalten wurden. Sein Gehrock war in einem schlichten Schwarz gehalten und als sich der Schafzüchter Job Logerfleld umdrehte, schätzte sie ihn auf 37Jahre. Ein paar Falten umrahmten seine Augen. Sein weißes Haar passte gut zu dem hoch geschnittenen Hemdkragen, der seinen Hals komplett verdeckte. Ein schwarzer Binder hielt es zusammen und feinste Stickereien zierten den Saum seiner Jacke, so wie seine Hose. Seine Augen konnte sie nicht gut sehen, denn er trug eine recht dunkle Bernsteinbrille auf der Nase, obwohl es nicht sonderlich hell war.
„Herr Logerfeld, darf ich ihnen Mia vorstellen?“
, sagte Leif und Jobs Gesicht straffte sich zu einem höflichen Lächeln, bis sein Blick auf Mia fiel und es wieder ein bisschen in sich zusammen sackte. Fast etwas betroffen wirkend, sah er viel zu aufmerksam ihre vernarbte Gesichtshälfte an.
„Himmel, was ist dir denn geschehen, Kind? So ein feiner Knochenbau und dann solche Narben! Oh entschuldige, ich hab mich hinreißen lassen! Ich will bestimmt niemanden zu nahe treten. Also... was führt dich in mein kleines Reich?“
Kleines Reich passte wirklich gut. Er wirkte wie der König dieser Terrasse, bzw. seines Landsitzes.
So angesprochen war es nun an Mia sich und ihr Abliegen vorzubringen und gut zu verkaufen. Und sie merkte sofort, dass sie schnell sein musste, den mindestens eine der jungen Damen an dem Hochtisch rückten auf und würden Logerfelds Aufmerksamkeit bald wieder in Beschlag nehmen.
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Ausrüstung: [br][/br]
ein Hirtenstab
eine Panflöte
eine Steinschleuder
eine Schere
zwei Rucksäcke (einen trägt ihr Bruder)
Zwei Decken
Zwei Trinkbecher aus Holz
Zwei Teller aus Holz
Zwei Holzlöffel
Zwei Schüsseln aus Ton
Blechtopf
ein Messer
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Ein Hanfseil
Wasserschlauch
ein Laib Brot
sechs Äpfel
Geldbeutel (50 F)
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12 Schafe ( 5 sind fremd)
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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Mia » Montag 2. September 2019, 19:01

Auch Mia hatte Hunger, aber der Appetit hatte sich schon seit langem verflüchtigt. War es die Nervosität oder die Angst um Lisa? Die Sorge um ihren Auftritt vor diesem ach so feinen Schafszüchter, oder etwa die Aufregung, wegen der vielen anderen Gäste? Eine ungesunde Mischung aus allem? Was es auch sein mochte, es rückte ihr Bedürfnis zu Essen in den Hintergrund und machte es ihr damit auch leicht, Fidel mit seinem eigenen Teller hier unten alleine zu lassen. Wenn er Hunger hatte, dann sollte er essen und so zeigte sich die Hirtin mit seinem Entschluss einverstanden. Zudem war sie ein wenig stolz auf sich, dass sie ihrem Bruder mal wieder etwas Gutes getan hatte. Mit ganz geradem Rücken hatte er sich ihrer Frage geöffnet und ihr mittgeteilt was er von einer früheren Vorstellung hielt, ganz so, als habe sie ihn damit irgendwie aufgebaut und als erfreue er sich an dieser neuen Erfahrung. Natürlich hatte sie dies absichtlich gemacht, aber dass dieser bloße Versuch, Fidel ein wenig mehr wie einen Erwachsenen zu behandeln, auf so fruchtbaren Boden stoßen würde, das hatte sie nicht erwartet und so war die Überraschung darüber umso freudiger ausgefallen, sodass sie selbst beim Treppenaufstieg noch ein zufriedenes Lächeln im Gesicht trug.

Das hätte man auch falsch verstehen können. So wie sie und Leif da gingen, hätte man meinen können, es handle sich um ein verliebtes Pärchen. In Wahrheit kam sich Mia in diesem Moment aber ziemlich unbeholfen vor. Sie war noch nie so neben einem Mann hergegangen, einfach weil sie sich die Kerle stets erfolgreich vom Leib gehalten und auch nicht das Interesse gehabt hatte, ihnen zu nahe zu kommen. Hier und jetzt passierte all das aber so schnell und auf so erschreckend selbstverständliche Weise, dass sich Mia ernsthafte Sorgen, um ihren Verstand machte. Wieso fasste er sie so an? Und wieso fasste sie ihn so an? Sie konnte schließlich selbst gehen! Aber vielleicht war dies diese „höfliche Art“ von der Bauer Wenzel gesprochen hatte. Besser sie machte keine Sperenzchen, schließlich wollte Leif sicher auch nur helfen und meinte es damit nur gut. Das musste aber noch lange nicht heißen, dass sie es auch genießen musste. Ihr wurde ekelhaft warm, ihre Hände wurden schwitzig und ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um mögliche Gesprächsverläufe - nicht mit Leif sondern mit dem Schafszüchter. Aber auch der weitere Umgang mit diesem fremden Burschen machte ihr Kopfzerbrechen. Was sollte diese vertrauliche Art? Und wo würde dies noch hinführen? Der Garten an dem sie vorbei kamen, als sie die Treppen nahmen, pflanzte so manch einen unzüchtigen Gedanken in ihren Kopf, der wohl gewisse Wellen schlug und sich in einem Blick voll zaghafter Ratlosigkeit entfaltete, denn Leif reagierte mit einem belustigten Schmunzeln und gehobenen Brauen, die all ihre Befürchtungen schalkhaft infrage stellten. Vielleicht... musste sie sich also doch keine weiteren Sorgen machen?

Die nächsten Augenblicke sollten ihre Bedenken zerstreuen, denn nun erreichten sie die obere Terasse an der sich ein ganz anderes Bild ergab, als sie es von unten her gewohnt war. Mia erstarrte ob des Anblickes, denn ihr war, als packe eine eiskalte Hand ihre Schulter und erwische sie damit bei einer dreisten Schandtat. Überall wo ihr fahrig gewordener, braun-grüner Blick hin zuckte, erkannte sie feine Herrschaften und elegante Damen. Diener eilten von hier nach dort und von schmutzigen Gesichtern, strähnigen Haaren oder vor Anstrengung ganz miefig riechender Kleidung, fehlte jede Spur. Das hier war ein Ort an dem sie nichts zu suchen hatte und das wusste nicht nur sie, sondern auch die gesamte Gesellschaft hier oben. Sie spürte sogleich, dass man sie ganz genau beobachtete, auch wenn sie nicht hinsah spürte sie doch die Augen auf sich wie brennende Nadelstiche. Da war es ihr auch irgendwie egal, dass Leif sie an der Hand nahm und durch diese Meute hindurch führte, denn was war schlimmer: Eine gesellschaftliche Sünde zu begehen, oder Rot zu werden, weil sie von einem – doch recht stattlichen Mann – angefasst wurde? Beides zusammengenommen ergab jedenfalls, dass ihr Kopf hochrot anlief und einer Tomate ähnelte. Beschämt neigte sie also das Haupt und sah sich an Leifs Hacken fest, die ihren Weg zielsicher und bestimmt suchten. Etwas, was ihr in diesem Moment sicher nicht gelungen wäre!

Trotzdem schaffte sie es nicht in dieser Neigung zu verharren, denn hie und da schafften es ausgesprochen seltsame Gestalten ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Mann mit goldenem Zierrat in Haaren, im Gesicht und auf den Fingerkuppen, lachte glockenhell wie ein zierliches Mädchen und eine dickliche Frau beschwerte sich über das köstlich, duftende Fleisch. Was von beidem verwirrender war konnte die Hirtin dabei nicht einmal sagen, weil sie zu aufgeregt war, es machte ihr aber nur noch deutlicher, in was für einer anderen Welt sie sich hier gerade befand und wie sehr sie hier nicht hingehörte! Leif führte sie direkt an einen viel zu hohen Tisch heran und als sich einer der daran stehenden Personen umdrehte, wusste sie direkt, dass sie hier mit dem Richtigen sprach. Warum das so war, konnte sie nicht einmal sagen... es gab hier viele außergewöhnliche Gestalten, die sich in ihrer Einzigartigkeit hervortaten, aber dieser Mann... hatte eine ganz besondere Ausstrahlung, die keiner anderen hier oben glich. Mia kam nicht umhin als dieses weiße Haar, die silbernen Strähnen darin, das fein rasierte Gesicht und die viel zu dunklen, falschen Augen anzustarren, aus denen er schlecht hinausgucken konnte... oder? Leif stellte ihn als Job Logerfeld vor und sie... ja, sie nannte er auch gleich beim Namen.
20-10-7... begann sich sogleich ihr Zahlengedächtnis zu regen und dieses Gesicht mit eben jenen Ziffern zu betiteln. Er wiederum verband ihr Gesicht nun wohl für immer mit diesen grässlichen Narben, die leider nicht nur auf beiden Wangen und der Stirn sondern auch an anderen Stellen ihres Körpers zu finden waren, aber wem konnte sie eine solche Reaktion verübeln? Sie erschreckte sich schließlich selbst regelmäßig davor. Sogleich erinnerte sie sich an die Worte des Bauern Wenzel und gab sich Mühe das zuvor noch aufgesetzte Lächeln des Schafzüchters mit einem milden Schmunzeln zu erwidern. „Es freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen, Herr..." sie stockte kurz und brachte dann ein wenig zu spät den Namen „...Logerfeld.“ hervor. Seine Bemerkung bezüglich ihrer Narben ignorierte sie hingegen gekonnt. „Ich bin hier wegen Eurer Schafe. Also wegen Eurer Anfrage, nach einem Hirten und einem geübten Hütehund. Ich...“ Seit wann war es so schwer vor anderen Leuten zu sprechen? Mia schluckte schwer und versuchte sich zu sammeln. Atmen nicht vergessen... „Ich und mein kleiner Bruder Fidel sind seit vier Jahren als Hirten im Land unterwegs und sind daher sehr erfahren im Umgang mit Schafen.“ Da es schwer war die Gesichtszüge ihres Gegenübers zu lesen – immerhin war die Hälfte dessen von großen dunklen Gläsern verdeckt – tat sie sich schwer damit abzuschätzen, ob sie noch etwas hinzufügen sollte, konnte oder durfte. Trotzdem fügte sie noch ein unbeholfenes: „Unser Hund Goliath ist wirklich groß und weiß, wie er die Herde zu beschützen hat!“ hinzu. Ob das genügen würde? Sie hatte absolut keine Ahnung.

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Re: Der Scheideweg

Beitrag von Erzähler » Sonntag 22. September 2019, 10:54

„Es freut mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen, Herr..."
Sie stockte kurz und brachte dann ein wenig zu spät den Namen
„...Logerfeld.“
hervor. Seine Bemerkung bezüglich ihrer Narben ignorierte sie hingegen gekonnt.
„Ich bin hier wegen Eurer Schafe. Also wegen Eurer Anfrage, nach einem Hirten und einem geübten Hütehund. Ich...“
Seit wann war es so schwer vor anderen Leuten zu sprechen? Die Leute hinter dem Herrn verdrehten schon die Augen. Er aber blieb gelassen und ruhig. Mia schluckte schwer und versuchte sich zu sammeln. Atmen nicht vergessen...
„Ich und mein kleiner Bruder Fidel sind seit vier Jahren als Hirten im Land unterwegs und sind daher sehr erfahren im Umgang mit Schafen.“
Da es schwer war die Gesichtszüge ihres Gegenübers zu lesen – immerhin war die Hälfte dessen von großen dunklen Gläsern verdeckt – tat sie sich schwer damit abzuschätzen, ob sie noch etwas hinzufügen sollte, konnte oder durfte. Trotzdem fügte sie noch ein unbeholfenes:
„Unser Hund Goliath ist wirklich groß und weiß, wie er die Herde zu beschützen hat!“
hinzu. Ob das genügen würde?
Herr Logerfelds Gesichtsausdruck verriet nicht viel, aber sein Mund zog sich zu einer nachdenklichen Mimik spitzt zusammen und er verschränkte die Arme vor der Brust, wobei er eine behandschuhte Hand zum Kinn führte und leicht darauf tippte. Seine Reaktion ließ auf sich warten und er musterte ihr Äußeres eingehend. Sein Warten zerre an ihren Nerven, aber Mia wusste, dass sie jetzt Geduld beweisen musste. Logerfeld nahm sich sogar heraus, dass er sie langsam umrundete und zu einem der Herrschaften an seinem Tisch sah. Der andere Mann dort, ein etwas kleinerer Herr mit leichtem Bauchansatz hob fragend die Brauen und verstand dann wohl das nicht gesagte. Er nickte eifrig und rieb sich aufgeregt die Hände.
Was ging hier nur vor?
Logerfeld hatte seine Runde beendet und stand nun wieder nachdenklich vor Mia.
„Kind, ich bin durchaus geneigt, dir und deinem Bruder meine Schafe anzuvertrauen... natürlich nach einer Prüfung eurer Fähigkeiten und die eures Hundes...“
Er drehte sich um seine eigene Achse und schien nach jemanden Ausschau zu halten. Dabei sprach er weiter:
„Es gäbe da jedoch noch etwas wobei du mit behilflich sein könntest. Es wäre auch nicht zu deinem Schaden... ah, da ist er ja.“
Der Herr des Hauses hob die Hand und winkte jemanden. Es war ausgerechnet der goldene Gockel, der sich auf das Zeichen hin nun gemächlich näherte. Logerfeld sah wieder Mia an und lächelte wirklich freundlich, während der Andere etwas zögerlich an seine Seite trat. Missbilligende Blicke trafen sie.
„Würdest du mir bei einem kleinen Streit helfen, den ich schon ein Weilchen mit diesem Herrn hier habe? Darf ich vorstellen, der Abgesandte des königlichen Hofes, Oberst Heraldo, Gunibert von Pickerig“
Der Vorgestellte verzog leicht die Miene, als würde es ihm nicht gefallen, dass ein armes Mädchen wie sie auch nur seinen Namen kannte. Das war dann wohl die Stelle, wo man sich verbeugte, oder als Dame einen Knicks machte.
„Mein guter Bekannter hier...“
Logerfeld nannte ihn nicht Freund, was merkwürdig beruhigend war.
„...ist der Meinung, dass Schönheit nur im Blut des Adels zu finden sei. Ich hingegen bin der Meinung, Kleider machen Leute. Es wäre mir eine riesige Freunde ihm zu beweisen, dass ich Recht habe.“
Logerfelds dem Goldjungen abgewandtes Auge zwinkerte hinter der getönten Brille und sein Mundwinkel war leicht gehoben, was ihm einen verschwörerischen Ausdruck verlieh. Es bereitete ihm Freude dem goldigen Herrn eins rein würgen zu können, sofern Mia ihm half.
„Ich werde dir so oder so die Herde überlassen, vorausgesetzt ihr seid nicht vollkommen unfähig, was sich ja schnell klären lässt. Leif hier kann sich von den Fähigkeiten eures Hunds überzeugen...und von denen deines Bruders Fidel, richtig?“
Den Namen von Goliath hatte er sich nun nicht gemerkt, aber den ihres Bruders.
„Ich bin beeindruckt von deinem Mut hier herauf zu kommen und würde dir gern diese Chance geben. Für den Trieb bekommst du den üblichen Lohn, aber wenn du mir heute Abend hilfst bekommst du zusätzlich … sagen wir 10 Lysanthemer?“
Der Oberst von Pickerig schaltete sich nun ein:
„Ich erinnere daran, dass wir um Gold gewettet hatten!“
Logerfeld lächelte. Der Oberst lächelte immer weniger, denn vermutlich hatte er gehofft, den Hausherren so von seiner Idee noch abbringen zu können.
„Ihr habt Recht! Sie soll ihren Anteil haben! EINE DRACHME! Eine Drachme für einen Abend still stehen und sich von mir ankleiden lassen! Was sagst du Kind?!“
Mia war gut im Rechnen! Eine Drachme waren 20 Lysanthemer oder 400 Fuchsmünzen. Dafür arbeiteten manche Monate, andere sogar Jahre! Oberst Gold kniff die Augen zusammen und starrte auf sie herab, als sei sie eine Kakalake, die es zu zertreten galt, dann zog er aber angewiedert die Oberlippe hoch.
„Sie ist hässlich! Herr Logerfeld,... ihr werdet nicht gewinnen! Ihr verliert nicht nur eurer Geld, ihr verliert auch euren guten Ruf, wenn ihr darauf besteht. ICH bin einverstanden! Nicht einmal die feinste Seide könnte aus dieser Kröte einen Schwan machen! Alle hier können das sehen!“
Logerfelds Gesichtsausdruck veränderte sich.
„Da habt ihr zum Teil Recht. Niemand hier der Anwesenden sollte der Richter in unserem Streit sein. Wir brauchen eine dritte unparteiische Person, die Fräulein Mia noch nicht gesehen hat und unser beider Respekt genießt in Modefragen... Was haltet ihr von der Gräfin Dion? Channel's Urteil wird euch doch genügen? Ich könnte einen Boten schicken und bis morgen wird sie sicher unserer Einladung folgen, wenn es um so etwas wichtiges geht.“
Der Oberst zierte sich ein wenig, stimmte dann aber zu:
„Gräfin Dion soll es sein. Einverstanden. Auch wenn ich glaube ich würdet nicht in einem Monat aus diesem...“
Logerfeld hob mahnend den Finger, da der Oberst schon wieder beleidigend zu werden drohte. Erstaunlich, dass er tatsächlich auf ihn hörte.
„...Mädchen!“
Himmel, er hätte auch ausspucken können, so verächtlich klang das Wort.
„...eine ansehnliche Person machen! Es bedarf wohl einiges an eurer Zauberkunst. Ein Nacht wird niemals reichen! Ich bin mir meines Sieges gewiss und dieser Fauxpas wird sich herum sprechen.“
„Aber nur, wenn ich verliere!“
Logerfelds Enthusiasmus war mitreißend. Auch wenn Mia noch nicht mal „Ja“ gesagt hatte, so fühlte sie doch mit jeder Faser ihres Seins, dass wenn sie sich entscheiden musste, sie Logerfeld bevorzugen würde. Eben jener trat nun an ihre Seite und winkte den kleineren Hände reibenden Herrn zu sich, der sofort an ihr herum maß.
„Das ist mein Assistent Sebastian Jondo. Er wird die ganze Zeit bei dir sein und dir helfen, wo er nur kann. Hab keine Angst, niemand wird dir hier ein Leid antun. Die wirst gewaschen und herausgeputzt. Mehr nicht. Es werden sich natürlich auch ein paar Damen um dich kümmern...“ Er räusperte sich plötzlich etwas verlegen.
„Du lässt mich doch jetzt nicht hängen, oder? Vor diesem Fatzke mein Gesicht zu verlieren wäre mir nicht mal so wichtig, aber siehst du die Leute hier?“
Er wies auf andere hohe Persönlichkeiten, die das ganze aufmerksam beobachtet hatten.
„Es gibt hier mehr als einen der mir mein Geschäft ruinieren könnte und nur zu gerne würde, wenn ich verliere. Bitte hilf mir.“
Himmel, wo war sie da nur hinein geraten!?! Der Oberst hatte gegen den Hausherren gewettet, dass dieser es nicht schaffen würde aus Mia in einer Nacht eine Schönheit zu machen! War das überhaupt möglich? Glaubte Mia daran? Logerfelds flehender Blick sagte, dass ER sehr wohl daran glaubte! Jetzt musste sie nur entscheiden, ob sie sich diesem „Experiment“ unterzog oder lieber schnell das Weite suchte. Das ganze wirkte alles äußerst surreal! Wie eines dieser Bühnenstücke, die sich die Reichen ansahen, in denen viel gesungen wurde. Nur war sie hier das „arme Mädchen“, dass verwandelt werden sollte, weil zwei Herren wetteten. Mit nem kleenen Stückchen Glück, da würde sie bald Besitzerin eines Goldstücks sein. Wäre det nich wunderscheen?
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