Stille Wunden

Sie steht direkt am Strand. Hier wird die Wassermagie gelehrt, aber das ist offensichtlich. Das Wasser fließt nämlich aus Fenstern und über Zinnen, wie kleine Wasserfälle, bildet einen Graben um sie und strömt schließlich ins Meer hinein.
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Azura
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Azura » Freitag 7. April 2023, 13:19

Allein der Gedanke, dass ihr Rabe nach ihrer Rettungsmission eingesperrt worden sein können, anstatt endlich wieder seine Flügel... oder zumindest seinen restlichen Flügel ausbreiten zu können, ließ den Zorn in ihr hochbrodeln und machte sie beinahe zu jenem unwissenden, naiven Mädchen von vor... wie lange? Wenigen Wochen? Oder sollte sie schon in Monate zu zählen beginnen? Azura wusste es nicht.
Was ihr hingegen unmissverständlich klar war, war die Tatsache, dass sie sich weiterhin als seine Beschützerin fühlte, umso mehr, je weniger er es konnte. Doch zu ihrer aller Glück gab es keinen richtigen Grund für sie, erneut ihre magischen Kräfte ausreizen zu müssen... oder zu prüfen, ob ihre Zunge noch immer so spitz sein konnte, wie sie es von sich kannte.
Denn er beruhigte sie mit einer simplen Antwort, die ihr den Wind aus den Segeln nahm. Nun ja... großteils zumindest, denn sie verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte leise. Beinahe schon so, als wäre sie jetzt wiederum beleidigt, keinen Grund zu haben, dem Waldelfen die spitzen Ohren noch länger zu ziehen. Oder sonst irgendwie in seine Nähe zu gelangen, um noch einmal dieses Herzklopfen bei seinem Blick...
Nein, Schluss, das waren unnütze und gefährliche und vor allem widersinnige Gedanken, die sie gar nicht zulassen durfte! Besser, sie blieb bei der Wirklichkeit und bei dem Mann, der noch immer mit ihr sprach und ihr ein paar Dinge erzählte, die er in den letzten Tagen erlebt hatte. Wobei sie es nicht verhindern konnte, dass sich ihre Wangen röteten und sie mit einem kleinen Schmollmund beiseite sah, als er auch ihren Fehler anschnitt.
"Ich hoffe, du hast ausgelassen, wie ich dich aus deiner Unsichtbarkeit hervor geködert habe.", murmelte sie und sprach etwas Harmloseres an, das für so viel mehr stand. Für ihre gemeinsame Zeit auf dem Schiff, von der sie das meiste nicht mehr wusste, von dem gemeinsamen Spiel in den heißen Quellen, von dem... Traum, den sie mit keiner Schändung verbinden konnte. Einfach davon, wie nahe sie sich gewesen waren, obwohl alle Konventionen sie dafür verurteilen würden. Ihn nicht, natürlich nicht, schließlich war er ein Mann. Aber sie... wie sie dann dastehen würde... Oh, es war zu peinlich, um darüber näher nachdenken zu wollen!
Leise seufzte sie und versuchte, diese Überlegungen zu verscheuchen und sich ein Lächeln abzuringen, wenngleich dieses eher zu einem schiefen Grinsen wurde, als sie ihn wieder ansah. "Es war nicht so einfach wie die Partie Schach.", murmelte sie und zuckte daraufhin mit einem weiteren Seufzen die Schultern. "Sagen wir es so, sie hat mir eine Aufgabe gegeben, bei der ich viel zu viel Zeit zum Lösen gebraucht hätte. Also habe ich ihr eine Abmachung vorgeschlagen und sie so lange gerufen, bis sie es akzeptiert und mir noch mal geholfen hat.", fasste sie die Momente in der jenseitigen Bibliothek zusammen.
Dennoch bemerkte sie auch seinen Blick und zog unwillkürlich die Schultern etwas hoch. Auch senkte sie die Lider und machte sich etwas kleiner. "Ich hoffe, das vergeht... irgendwann... und bevor du dich vor mir ekelst.", nuschelte sie und spürte, wie ihr die Augen verräterisch zu brennen begannen. Auch wenn sie sich noch nicht im Spiegel betrachtet hatte, es reichte, was sie gesehen und von sich auch gerochen hatte, um darüber zu verzweifeln. Wie gut, dass sein Schillern es so vortrefflich verstand, sie von allem anderen, auch und gerade von sich selbst, abzulenken.
Nur leider... dauerte es nicht lange, bis er sie daran erinnerte. Sein Kompliment, ganz gleich, ob ernst gemeint oder nicht, ließ sie trocken aufschluchzen und gegen ihn sinken, sodass sie kurzfistig ihr Gesicht an seiner Schulter verbergen konnte. "Oh Corax... ich wünschte, es wäre noch so...", schniefte sie und klammerte sich an ihn, um wieder Halt finden zu können.
Wie konnte er sie nur noch so sehen und es ihr obendrein sagen? Es klang so schön, aber sie wusste, dass sie in Wahrheit aussah, als wäre sie direkt einem Alptraum entsprungen! Nein, sie konnte sein Kompliment nicht annehmen, nicht, solange ihr klar war, was mit ihrem Körper geschehen war. Und nie, niemals könnte sie sich unter diesen Umständen ihm noch einmal nackt zeigen, ganz gleich, wie sehr sie sich früher oder später danach sehnen würde, wieder mit ihm ungestört... Nein, auch daran sollte sie lieber gar nicht erst denken! Was sollte sie ihm denn noch bieten können als vertrocknete Pflaume, bei der er sich höchstens wundscheuern würde? Dabei hatte sie solch gute Erinnerungen an ihn und sein Können... Ablenkung, sie brauchte eindeutig Ablenkung!
Die erhielt sie auch, wenngleich sich dadurch auch ihr Misstrauen meldete. Bei der Erwähnung, dass sie Führung bräuchte, konnte sie lediglich trocken schnauben. Sollte er es doch versuchen! Sie würde ihm dann schon mitteilen, was sie davon hielt! Bei Corax hingegen...
"Dann werde ich diejenige sein, die dich auf die Probe stellt, wie gut du dein Gleichgewicht halten kannst.", begann sie ihn zu necken und konnte nun sogar schon wieder grinsen. "Am besten auf einer dünnen Stange, auf der du balancieren musste, und ich kümmere mich um das Wasser, in das du fällst, wenn ich dich aus dem Gleichgewicht gebracht habe! Und bitte, mit schön viel Gefieder, damit du danach schön wuschig aussiehst, wenn ich dich trocken gerubbelt hab. Hm... vielleicht finde ich ja auch ein paar Schleifchen für dich, so richtig schön in zarten Pastelltönen, damit sie einen guten Kontrast zu deiner Rabenschwärze abgeben!" Die Vorstellung hatte merklich ihren Reiz, denn die Vorfreude auf solch ein... Szenario war ihr deutlich anzusehen. Und es machte Spaß, sich beinahe schon wie früher wieder necken zu können.
Bedauerlicherweise... hielt es nicht lange an und obwohl sie danach auf ihn einging, war seine Reaktion... merkwürdig. So sehr, dass sie sich erneut unwohl zu fühlen begann und nicht recht sagen konnte, was sie falsch gemacht hatte. Aber es reichte, um davon abzulenken, auch wenn ihr die Antwort darauf überhaupt nicht gefiel, ja, definitiv nicht gefallen konnte!
Es tat ihr leid, dass er wegen ihr seinen Arm gegeben hatte, und sie hätte es nur zu gerne rückgängig gemacht. Nicht, weil sie diesen Anblick nicht ertragen würde, da hatte sie an ihm schon weitaus schlimmeres gesehen und es vollkommen vergessen können. Nein, es war vielmehr für ihn selbst, weil dieser Anblick ihn Tag für Tag daran erinnern würde. Ob es denn eine magische Möglichkeit gäbe, ihm zu helfen? Sofern er es wollen würde... Azura beschloss, es herauszufinden zu versuchen, ohne ihm falsche Hoffnungen zu machen und ihn dann enttäuschen zu müssen.
Jedoch davor beschloss sie etwas anderes, nämlich noch einmal auszusprechen, was sie fühlte, in diesem einen Moment, ohne sich selbst einzuschränken, indem sie an die Zeit danach dachte. Also formulierte sie die drei, irgendwie magischen Worte und ließ sie über ihre Lippen kommen. Und um sie noch mehr zu betonen, ließ sie auch seinen Namen erklingen.
Mit der Reaktion hingegen rechnete sie keineswegs. Zuerst war da sein Blick, als seine Augen größer wurden und sich dann von ihr abwandten. Warum? Hatte sie es auch jetzt falsch gemacht... schon wieder?
Ehe sie jedoch zu unsicher werden und sich ihrerseits von ihm hätte zurück ziehen können, begann es in ihrem Inneren zu prickeln und eine wohlige Wärme wollte sich in ihr ausbreiten. "Was...?", entkam es ihr keuchend und sie sah instinktiv an sich herab, als erwartete sie, dass sich dort sichtlich etwas tun würde, dass er seine Hand auf ihrer Brust hätte... oder ihr einen Dolch hinein gestoßen hätte, sodass die Wärme von dem heraustretenden Blut käme. Oder dass Ventha so gnädig wäre und den Fluch ihres Aussehens von ihr nehmen würde...
Stattdessen schoss plötzlich farbenfroh schillerndes Wasser aus ihrem Oberkörper und platschte auf ihren Schoß, um sich dort selbst zu trocknen und... zu einer Schriftrolle zu formen? Blinzelnd und absolut verständnislos starrte sie auf das Ding herab und begriff überhaupt gar nichts.
Seine Stimme drang indes an ihr Ohr und obwohl sie im Moment den Sinn seiner Worte nicht begreifen konnte, sorgte dieser Klang dafür, dass sie aufsah. Und nun selbst diejenige war, die große Augen bekam, während sie seinen körperlichen Wandel beobachtete. Es war... wunderschön und zugleich trotzdem auch irgendwie... befremdlich, sodass sie leise keuchte und minimal zurück zuckte.
"Was...? Wer...?", wisperte sie und wusste nicht, was sie von dieser Erscheinung zu halten hatte. Sie ließ ihr Herz wie wild klopfen, das schon, aber es war vielmehr die Verwirrung, die dafür sorgte. So sehr, dass sie sich auch nicht wehrte, als diese neue, ihr fremde Gestalt mit der viel zu vertrauten Stimme sie in seinen Arm zog.
Azura hingegen blieb anfangs recht steif und sank nicht gegen ihn, sondern versuchte zu begreifen, was hier vor sich ging. Es wollte ihr nicht so wirklich gelingen, auch nicht nach seinen Worten.
Erst, als sich seine nun weißen Schwingen um sie legten und es in dieser Umarmung mehr als kuschelig wurde, drang auch seine Magie bis in ihr Innerstes durch. Mit einem leisen, beinahe schon seligen Seufzen entspannte sie sich und sank gegen ihn, während ihre Lider sich wie von allein senkten. Plötzlich war alles andere unwichtig geworden, sie fühlte sich nur noch wohl und wollte um nichts in der Welt dieses Gefühl je wieder missen.
Umso mehr bedauerte sie es, als es im nächsten, viel zu rasch folgenden Moment auch schon wieder vorbei war, wenngleich eine Erinnerung warm in ihrem Inneren zurück blieb und ihr ein weiteres Seufzen entlockte. Sie schmiegte sich enger an ihn, als könne sie so viel mehr davon behalten, und hätte er geschwiegen, sie hätte einfach nur dieser Empfindung nachgelauscht und darüber die Zeit vergessen mögen. Aber da war sein Raunen und obwohl sie es nicht bewusst tat, gab sie einen zufrieden klingenden Laut von sich, der nicht wohliger hätte sein können nach einer ganzen Nacht voller erfüllender Ekstase kurz vor dem erlösenden Sinken in erschöpfte, befriedigte Mattigkeit.
Erst daraufhin und igendwie... widerwillig hob sie ihre Lider langsam an. Dem folgte ihr ganzes Gesicht, bis sie zu dem erneut vollkommen dunklen Mann aufsehen konnte. Mit einem kleinen Lächeln hob sie ihre Hand an seine Wange und dirigierte ihn so, dass sie sich nach seinen Lippen recken konnte. Um direkt vor dem Kuss, sollte er es nicht ablehnen, zu brummeln:"Und mir gefällst du kohlrabenschwarz eindeutig besser!" Ganz so, als solle er sich diese Typveränderung nicht zu oft einfallen lassen!
Dann aber haschte sie nach seinen Lippen und wollte tun, weswegen sie sich ihm so entgegen streckte.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Sonntag 9. April 2023, 13:36

In der einen Woche, die Azura bewusstlos verbracht hatte, schien Corax an seinen erwachten Tagen einige Bande zu Kjetell'o geknüpft und auch gefestigt zu haben. Er schwärmte zwar nicht von dem anderen Elfen und sprach auch nicht einmal seine optische Anziehung an, doch dass er ihn als Verbündeten sah, war nicht abzustreiten. Vor allem hatte Corax sich ihm recht schnell anvertraut. Azura schoss bei dem Gedanken, was ihr Rabe dem anderen erzählt haben könnte, sofort die Röte in die Wangen.
"Ich hoffe, du hast ausgelassen, wie ich dich aus deiner Unsichtbarkeit hervor geködert habe." Das war gewiss noch der kleinste ihrer intimen Momente, aber selbst er reichte aus, dass auch Corax einen rosigen Schimmer auf den Wangenknochen erhielt. Er umfasste Azuras Finger mit festem Griff, mehr um sich an ihr festzuhalten als ihr Halt zu bieten. Sein Blick glitt nach unten, allerdings nicht reuevoll. Er musterte die schwarze Feder an seinem Handgelenk. "Diese Erfahrungen behalte ich für mich", sagte er. "Es gibt Dinge, die muss er nicht wissen. Dinge, die niemand wissen muss und sollte. Sie ... gehören mir allein." Sklaven besaßen nichts und durften auch nichts besitzen. Sie waren Besitz. Nur ihre Gedanken, ihre Träume und Erinnerungen konnte man ihnen nicht nehmen, wenngleich es auch genug Herrschaften gab, die es versuchten. Zu viele hatten Erfolg. Sie brachen ihr Eigentum, bis nichts mehr blieb und sie eine gefühls- wie seelenlose Hülle unter ihrem Befehl hielten. Corax hatte all dem standhalten können, nicht zuletzt weil er inzwischen Freunde gefunden hatte und auch jemanden, den er liebte. Ansonsten wäre er genau das geworden: eine Hülle. Doch er hatte sich im Moment der Entscheidung, als Serpentis befahl, das Schwert gegen seine eigenen Gefährten zu erheben, für die richtige Seite entschieden. Jetzt durfte er wieder Träume haben. Er durfte seine Erinnerungen behalten und musste sie mit niemandem teilen. Sie gehörten ihm, voll und ganz. Das sollte so bleiben.
Dass Azura und auch Madiha einige dieser Erinnerungen in Erfahrung gebracht hatten durch die Albtraumschlange aus silbernen Nadeln, hatte er nicht verhindern können. Allerdings waren es fast nur negative Erinnerungen gewesen und die einzige glückliche davon hatte er mit Azura geteilt. Dass sie inzwischen wesentlich mehr von den Emotionen wusste, die Corax dabei empfunden hatte, ahnte er ja nicht. Er wusste nichts vom Inhalt der Schriftrollen, die sicher in ihrer Tasche lagen, verborgen in einer Truhe ihres Schlafraumes. Wie würde er dazu stehen oder hatte Azura vor, sie auf ewig geheim zu halten? Nun, da er ihr so offen gezeigt hatte, was er für sich allein beanspruchen wollte, schien es vielleicht besser zu sein, wenn er niemals davon erfuhr. Andererseits bedeutete diese Geheimhaltung einen Riss im Vertrauen füreinander, der sich unter keinen Umständen zu einer Schlucht ausbreiten durfte. Wie Azura sich auch entscheiden würde, nun war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Sie hatten gerade erst wieder zueinander gefunden und sollten ihren Herzen diese Pause gönnen. Außerdem sah Corax trotz all der Umstände gut aus. Er wirkte nicht vollends niedergeschlagen und bei weitem nicht so zerstört, wie man hätte befürchten können. Was immer Kjetell'o alles mit dem Raben besprochen hatte, es tat ihm offensichtlich gut.
Die beste Medizin war es aber, Azura wieder bei sich zu wissen - lebendig. Er kümmerte sich weder um ihren Geruch noch um ihr Aussehen. Im Gegenteil, Corax behauptete noch immer ohne eine Spur von Zweifel, sie wunderschön zu finden. Trotzdem wünschte Azura sich natürlich, nicht für immer so herumlaufen zu müssen. "Ich hoffe, das vergeht ... irgendwann ... und bevor du dich vor mir ekelst."
"Das werde ich nicht", erwiderte er sehr schnell, aber mit der Ruhe von Aufrichtigkeit. Er zog Azuras Hand zu seinen Lippen und setzte Küsse auf jeden einzelnen Finger. "Ich bleibe dir treu ergeben, bis in alle Ewigkeit. Ganz gleich, unter welcher Herrin oder welchem Herrn ich dienen werde." Sein Blick heftete sich an sie und seine Augen könnten nicht ehrlicher sein. "Ihr habt mich gerettet, die kleine Herrin und du. Ich werde keinem mehr so loyal sein können wie ich es für euch beide bin."
Dementsprechend wollte er es ihnen auch vergelten, indem er Kjetell'os Hilfe annahm, sie in ihren magischen Fähigkeiten zu leiten und das, obwohl er selbst noch einiges zu lernen hatte. Der Waldelf wollte ihn ins Gleichgewicht bringen, denn das musste der Rabe lernen und zwar anders als Azura es annahm. Sie bot ihm sofort an, seinen Balanceakt im Fall eines Falles mit genug Wasser zu bremsen, neckte ihn anschließend aber auch damit, ihn waschen, trocknen und mit reichlich Schleifchen versehen zu wollen. Corax blickte sie zunächst nur an, blinzelte und wirkte ein wenig entgeistert. Dann aber brach durch, was sie so lang an ihm vermisst hatte. "Du ... rubbelst also gern an mir herum?", konterte er und schmunzelte. "Meinetwegen kannst du auch ein Schleifchen binden, sobald die Stange ... steht." Er konnte selbst nicht ganz ernst bleiben und musste glucksen. Dass seine Liebste natürlich eher das Gefieder meinte, wussten sie beide.
"... so richtig schön in zarten Pastelltönen, damit sie einen guten Kontrast zu deiner Rabenschwärze abgeben!"
"Vielleicht hat Kjetell'o solche Schleifchen. Hast du seine Strähnen gesehen? Er scheint Pastelltöne auch zu mögen."
Dass Azura viel zu schnell mit einem farblichen Kontrast seitens Corax konfrontiert werden sollte, war ihr in diesem Moment noch nicht bewusst. Es offenbarte sich ihr aber, kaum dass sie endlich vollkommen offen zu ihm war und aussprach, was ihr Herz schon lange fühlte. Es bewegte etwas in ihm, aber nicht nur das. Auf ihren Schoß floss, in einer Welle aus farbigen Regenbögen, eine versiegelte Schriftrolle, deren Verzierungen aus Muscheln, kleinen Seesternen und Algen deutlich machte, worum es sich handelte. Zu schnell wurde Azura aber durch Corax' Verwandlung abgelenkt. Für geraume Zeit veränderte sich beinahe sein ganzes Bild. Wo die Hautfarbe gleich dunkel blieb, da veränderten sich seine Haare und auch der Umhang aus Federn, den er wie lange Schwingen über seinen Schultern trug. Beides nahm ein wunderschönes, cremiges Weiß an, das jedoch bei jeder noch so kleinen Bewegung einen Glanz aus allen Farben Celcias über seine Oberfläche schickte. Und auch Corax' Augen schillerten wie Perlen, geformt aus gepressten Regenbögen. Es war einfach nur zauberhaft. Er umarmte sie und schlang auch sein Gefieder wie Flügel um ihren Leib. Beides wärmte. Beides machte unendlich glücklich. Beides hielt nur Momente. Zurück blieben lediglich die Erinnerung an einen Atemzug reinster Glückseligkeit und Corax, der wieder aussah wie zuvor: Ein Dunkelelf mit nebelkrähenschwarzem Haar, dunkler Haut und tiefroten Augen, die sich daraus abhoben wie Juwelen aus einem Berg aus schwarzen Kohlen. Sein schwingenartiger Umhang aus Gefieder hatte sich jedoch gänzlich aufgelöst. Weder weiße Regenbogen-, noch schwarze Rabenfedern waren geblieben.
Azura streckte die Finger nach seiner Wange aus. Sie sehnte sich nach seinen Lippen, denn auch diese vermochten es, ihr ein Gefühl von Glück zu bescheren. Corax kam ihr bereits unaufgefordert entgegen. "Und mir gefällst du kohlrabenschwarz eindeutig besser!" Schon haschte sie nach seinen Lippen. Er ließ es zu, erwiderte es. Sie küssten einander lang, immer wieder auf's Neue und jede weitere Verbindung wuchs an ihrer Sehnsucht füreinander. Bevor die Leidenschaft jedoch zu sehr durchbrechen konnte, raunte ihr Rabe: "Dann werde ich stets darauf achten, nicht zu glücklich zu sein." Für den Moment jedoch war er es und man sah es ihm an. Falls sich auch nur irgendeine Faser seines Körpers vor Azuras Erscheinung ekelte, so tötete er dieses Gefühl mit seinem nächsten Kuss auf ihre Lippen sofort ab. Er zögerte nicht, ihr nahe zu kommen. Er genoss es und er kostete es lange aus. Seine Hand suchte bereits nach einem Zugang unter ihre Kleidung. Er wollte Azuras Haut berühren, sie streicheln und ihr all die Zärtlichkeiten schenken, nach denen sie sich sehnte.
"Sobald Kjetell'o seine Tarnung ablegen kann, darfst du dir etwas wünschen. Irgendetwas. Ich werde es dir erfüllen...", versprach er. Dabei hatte er bereits vergeblich versucht, ihr Äußeres wiederherzustellen. "Und bis dahin ... lass mich dir jeden anderen Wunsch erfüllen, für den es keiner Magie bedarf."
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Azura » Montag 10. April 2023, 13:08

War es sonderlich verwunderlich, dass sie befürchtete, dass die beiden Elfen auch Intimes über sie besprochen hatten? Vor allem nach dem, was ihr Rabe damals mit dem Kapitän getuschelt hatte? Nein, wahrscheinlich nicht und dennoch war ihre Sorge, zu ihrer großen Erleichterung, unbegründet. Mehr noch, sie erlebte tatsächlich, wie er rot wurde bei der Erinnerung... oder aus welchem Grund auch immer.
Etwas, das sie nicht für möglich gehalten hätte, denn in ihren Augen war er erfahren und abgebrüht genug, um über derartige Themen vollkommen unbefangen reden zu können. Es war fast schon... niedlich, ihn so zu sehen, sodass sie einen Moment lang davon abgelenkt war und ihm nur mit einem Ohr zuhörte.
Dennoch erreichten sie seine Worte und ließen sie am Ende sogar aufhorchen, ehe sie sich auf die Unterlippe biss und ihrerseits den Blick senkte, so, als wolle auch sie jene Feder an seinem Handgelenk betrachten. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie es war, ein Sklave zu sein, Zeit seines Lebens nur zu tun, was man in von anderen gesteckten Grenzen tun und denken durfte, auch wenn es durchaus die ein oder andere Parallele zu ihrem Stand geben mochte. Allerdings verstand auch jemand wie sie die Botschaft, dass es Dinge gab, die er für sich behalten wollte.
Gedanken und Gefühle... solche, die auf magischen Schriftrollen zum geschriebenen Wort geworden waren und die sie... und nicht nur sie zu lesen und zu hören bekommen hatten. Scham stieg in ihr auf und sie biss sich auf die Zunge, um nichts Unbedachtes von sich zu geben, das ihn womöglich gekränkt hätte... oder sie verraten hätte. Was sollte sie in der Angelegenheit nur tun?
Dass er wusste, dass sich etwas in ihrem Besitz befand, war ihr eigenes Verschulden von vorhin, als sie in plötzlichem Schrecken danach gefragt hatte. Aber sie hatte nicht genau erzählt, was ihr so siedendheiß eingefallen war. Noch könnte sie sich also rausreden, sofern er sich überhaupt daran erinnern würde. Jedoch wäre das irgendwie eine Lüge, ein Geheimnis vor ihm, das sich nicht richtig anfühlte. Es wäre der bequemere Weg, jener, bei dem sie nicht fürchten müsste, ihn zu verletzen, wenn er erfahren würde, dass sie das ein oder andere von seinen Gedanken wusste, obwohl er sie für sich haben wollte.
Sollte er allerdings per Zufall darauf stoßen... oder jemand von den beiden Turteltäubchen es ihm gegenüber erwähnen, wäre er dann nicht noch mehr enttäuscht? Darüber, dass sie geschwiegen hätte? Azura rang innerlich mit sich und verschob die Entscheidung, weil sie ihr unangenehm war, auf später.
Nun ja, die Realität sah für sie im Moment auch nicht unbedingt besser aus, als sie sein Kompliment nicht annehmen konnte und ihm auch ihre Befürchtung gestand, während sie an ihm lehnte und ihr Gesicht an seiner Schulter verbarg. Sie ließ es zu, dass er ihre Hand zu sich hinauf zog und seine Lippen an ihren Fingerspitzen ließen sie leicht erschauern, ganz ähnlich wie bei... Fest kniff sie die Augen zusammen, bis sie Sterne zu sehen vermeinte, und seufzte verhalten.
"Wie machst du das...?", wisperte sie und hob langsam ihren Kopf, fand die Kraft, ihn wieder anzusehen. "Wie kannst du dir da so sicher sein... ohne das Morgen zu kennen? Vor allem..." Sie schlug die Augen nieder und atmete hörbar aus. "Vor allem, weil du ohne mich nicht in diese Situation geraten wärst...", fügte sie kleinlaut und tatsächlich schuldbewusst hinzu. Daran hatte sie schließlich bei ihrem Sprung nicht gedacht und ohnehin niemals gewollt, dass ihm neuerliches Leid widerfuhr, geschweige denn wegen ihr.
Wie gut, dass die Beiden sich derzeit emotional so nah wie nur selten waren, sodass die Stimmung sich auch wieder aufhellen ließ und sie sich gegenseitig neckten. Wenngleich natürlich nicht, ohne den anderen dabei mit dem ein oder anderen Wort so vor den Kopf zu stoßen und herauszufordern, dass sie sich gegenseitig hochzuschaukeln vermochten. So auch, als sie ihm ihre Vorstellung von seinem Gleichgewicht-finden präsentierte und sich schon ausmalte, wie sie mit Freuden zusehen würde, wenn er in von ihr bereit gestelltes, selbstverständlich eiskaltes Wasser plumpsen würde.
Er vergalt es ihr hingegen mit einem anzüglichen Konter, der ihre Augen zuerst groß werden und ihren Mund leicht aufklappen ließ. Dann schoss ihr auch schon die Röte ins Gesicht, sie kniff die Lippen zusammen und boxte ihm mit wenig Kraft gegen den Oberkörper. "Du bist unanständig!", zischte sie, weil ihr derart die Sprache wegblieb, dass ihr lediglich diese eher harmlose Wortwahl einfiel.
Daraufhin wurde er noch konkreter, weckte damit bei ihr allerdings eine andere Erinnerung. Die Röte verblasste und auf ihre Lippen schlich sich ein feines, gemeines Grinsen. "Soll ich sie denn so eng binden wie meine Finger zugepackt haben, als ich mal... halten sollte?", fragte sie zuckersüß gegen sein Glucksen an und war sich sicher, dass sie ihm damit wieder einen Punkt voraus wäre.
Als er im Anschluss daran jedoch, ein weiteres Mal, den Waldelfen erwähnte, kratzte er dabei an ihrer Ehre, sodass sie leise schnaubte. "Tz! Meinst du nicht, in meinem Besitz befindet sich genug Zierrat für deine Schmückung? Also bitte! Eine junge Dame von Welt hat natürlich Schleifen in sämtlichen Pastelltönen, die es in Andunie zu erstehen gibt!", plusterte sie sich auf, als wäre es unbestreitbar, dass all ihre Habe vor Plünderung und Zerstörung gefeit gewesen wäre. Wie es hingegen tatsächlich mit ihrem Zuhause aussähe, wusste sie nicht. Und war sich obendrein nicht sicher, ob sie das tatsächlich herausfinden wollte...
Stattdessen erfuhr sie nicht nur, wo sich die Schriftrolle der Wassermagie aufhielt, sondern auch, wie Corax in einer farblich anderen Zusammensetzung aussehen mochte. Es war... faszinierend und erschreckend zugleich, ehe ein Moment vollkommenen Glücks und Geborgenheit in seinem Arm alles andere überdeckte. Viel zu schnell war es wieder vorbei, hinterließ jedoch eine wärmende, wohlige Erinnerung und den Wunsch, sich so viel wie möglich zu erhalten, indem sie sich ihm entgegen streckte und einen weiteren Kuss haben wollte. Nicht natürlich, ohne ihn noch ein bisschen zu necken.
Aber seine Lippen auf den ihren, seine Weichheit und Wärme und seine Zunge, die sich mit ihrer in allen erdenklichen Duellen zu messen versuchte, ließen ihr Herz schneller schlagen und ihre Sinne dahin schmelzen. Es kümmerte sie nicht, wie lange sie so dasaßen und sich küssten, denn am liebsten hätte sie damit nie mehr aufgehört.
Auch nicht, als er ihr eine Erwiderung entgegen raunte, die sie leise und beinahe schon sinnlich tief kichern ließ. Ohne die Lider mehr als einen winzigen Spalt breit anzuheben, gurrte sie:"Das habe ich nicht gesagt!" Sie schnappte nach seiner Unterlippe, um sanft daran zu knabbern, ehe sie hinzufügte:"Beim nächsten Mal will ich nur Pinsel und Farbe bereit stehen haben." Um sich im nächsten Kuss beinahe ebenso und noch mehr zu verlieren wie beim vorherigen.
Wenn... ja, wenn da nicht seine Finger gewesen wären. Finger, die ihr wohlige Schauer zu bereiten vermochten und die sie ebenfalls nur allzu gerne auf ihrer Haut gespürt hätte. Sobald sie allerdings merkte, dass sich an ihrem Oberteil etwas tat, das nicht sein sollte, erstarrte sie und löste sich von seinen Lippen. Rasch griff sie nach seiner Hand und wollte ihn auf diese Weise aufhalten.
"Nicht, bitte...", wisperte sie und schluckte mehrmals. Leicht schüttelte sie den Kopf, konnte ihn nicht ansehen vor peinlicher Berührtheit. "I... ich... ich will nicht, dass du mich siehst... so siehst.", fuhr sie stockend fort und versuchte, ein wenig von ihm abzurücken, obwohl alles in ihr nach mehr Nähe und Wärme schrie.
Ja, er hatte es geschafft, in ihr Dinge, Wünsche... Sehnsüchte zu wecken, die er auch erfüllen konnte, das hatte er ihr schon gezeigt. Aber damals war sie keine wandelnde Leiche gewesen mit schlaffer Haut und trockenem Reibeisen zwischen den Beinen. Nein, niemals sollte er das zu Gesicht und zu fühlen bekommen! Das führte ihr auch sein Versprechen vor Augen, denn auch ihr war noch zu sehr bewusst, dass er vorhin bei ihrem Aussehen gescheitert war. Und ohne diesem... Nein, es ging einfach nicht!
Aber... vielleicht könnte sie ja... nur so aus Neugier und Ablenkung... um ihn wiederum schmachten zu lassen... nun ja... Azura bis sich einen Moment lang auf die Unterlippe und kaute kurz daran herum, während er weiter sprach.
Da fällte sie einen Entschluss, der dafür sorgte, dass sie ihre Schultern straffte die Kraft zurück fand, um ihn wieder ansehen zu können. Wenn auch mit merklich geröteten Wangen. "Und was, wenn es mein Wunsch ist... dir einen zu erfüllen?", fragte sie leise, schüchtern und mit heftig pochendem Herzen. "Etwas... nun ja... etwas, das du gerne hättest... oder fühlen würdest...", fuhr sie fort und senkte ihren Blick.
Einerseits, weil sie sich gerade verboten verrucht vorkam, auch nur etwas in die Richtung anzudeuten, und andererseits, weil ihre Hand, die noch auf seinem Oberkörper gelegen hatte, anfing, tiefer zu wandern, mit neugierigen, trippelnden Fingern. Sie nahm ihren Weg bis... zur Höhe seines Nabels, wo sie begann, langsame Kreise zu zeichnen, einen, zwei...
Nach dem Dritten hielt sie inne und sah zu ihm auf. "Gibt es denn... so etwas?", hauchte sie.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Montag 10. April 2023, 14:42

Erfahren genug war Corax gewiss. Das hatte Azura aus den Bruchstücken seiner Erinnerungen leider nur zu deutlich erkennen können. Er war schließlich auch Sexualpartnern näher gekommen und hatte Dinge tun müssen, die nicht einvernehmlich gewesen waren. Galt das überhaupt für ihn, jenseits von seinem Liebesspiel mit ihr in den heißen Quellen? Färbten sich deshalb seine Wangen rot? Es war eine Ausnahme und etwas Besonderes, daran erinnerten Azura die geschriebenen Worte auf eben jener einen Schriftrolle, auf die sie ihre Antwort verfasst hatte und die Corax so nicht zu lesen bekam, denn Serpentis hatte sich ihrer bedient. Aber seine verzeichneten Gedanken und Gefühle waren echt. Es mochte das einzige Mal in seinem Leben gewesen sein, da er diese Form der körperlichen Nähe überhaupt hatte genießen können. Und es schien auszureichen, dass er Azura, aber auch Madiha ewige Treue schwor. Das und die Tatsache, dass er die Andunierin necken konnte. Es fühlte sich frei an, mit ihr herum zu albern und Freiheit war etwas, das Sklaven nicht kannten. Kein Wunder also, dass es ihn reizte. Außerdem lenkte es wunderbar davon ab, dass Azura ihm noch immer nicht gestanden hatte, was auf ihren Schriftrollen alles geschrieben stand. Er fragte auch nicht weiter danach. Er akzeptierte es oder hatte es bereits vergessen. Die wichtigste Schriftrolle von allen befand sich ohnehin derzeit in ihrem Schoß und doch schaffte ihr Rabe es, Azura auch davon vollkommen abzulenken. Seine Anwesenheit, seine Augen, seine Nähe, Worte und Küsse vermochten, sie in seinen Bann zu ziehen. Es tat gut, von ihm geliebt zu werden und ihn ebenfalls zu lieben. Ewige Treue könnte sie ihm allerdings nicht schwören. Schon die drei bedeutenden Worte des Herzens waren Azura nur schwer über die Lippen gekommen. So fragte sie: "Wie machst du das...? Wie kannst du dir da so sicher sein ... ohne das Morgen zu kennen?"
"Weil ... es dieses Mal keine Verzweiflungstat ist, um nicht verloren zu gehen." Dass er sich sofort unter das Kommando irgendeines Herren oder einer Herrin begab, war nichts Neues. Das Sklavendenken saß noch immer sehr fest in seinem Gefüge und es würde Zeit brauchen, dass Corax sich davon lösen lernte. Er brauchte eine Position über sich, die ihm Anweisungen erteilte. Jemand, der sein Leben lenkte und ihm Sinn brachte, wo er selbst nicht in der Lage war, diesen Raum auszufüllen - noch nicht. Aber Madiha als Herrin zu haben und Azura endlich als die Geliebte, die er verdiente, war etwas Anderes. Er folgte beiden nicht aus Verzweiflung oder Angst, frei und herrenlos zu sein. "Ihr habt mich gerettet", wiederholte er und spielte damit erneut Azuras Argument aus, schuldig an seinem Schicksal zu sein. Selbst wenn es stimmte, verzieh er ihr ... weil sie, Madiha, Caleb und Jakub gekommen waren, um ihn zu sich zurückzuholen. Es bedeutete ihm eindeutig sehr viel. "Und ich möchte das ... euch loyal sein. Bei dir wollte ich das schon lang, aber jetzt bin ich mir sicher, dass es wirklich mein Wille ist. Das heißt ... falls ihr mich lasst. Ich nehme es hin, wenn du es nicht duldest." Ihm bliebe schließlich keine Wahl. Dass es sein Gefüge erschüttern und seine Seele in einen Abgrund reißen könnte, würden Madiha oder Azura ihn nach allem nun verstoßen, könnte selbst ein Idiot erraten und doch war er bereit, es zu akzeptieren. Er verlangte nichts, er bat darum. Vielleicht würde er gar betteln, stellte Azura in Aussicht, ihn so nicht an ihrer Seite zu dulden. Aber dass er nicht einmal vor seinen Gliedmaßen Halt machen würde, um ihre Gunst zu erlangen, stand ebenso fest. Sie wollte ihren Raben aber auch nicht gehen lassen. Ihr Herz und ihr Körper schrien Sehnsucht. Beidem gab sie nach und so küsste sich das ungleiche Paar lang und innig.
Wahrscheinlich wären sie weiter gegangen, hätte Azura noch immer ihre alte Schönheit besessen. Angesichts ihres vermoderten Leibes konnte sich allerdings nicht über ihren Schatten springen. Ein Zucken genügte bereits, dass er seine Finger aufhielt und ihr Wispern ließ seine Hand von ihr weichen. Er legte sie in seinen eigenen Schoß, musterte Azura jedoch besorgt.
"I... ich... ich will nicht, dass du mich siehst ... so siehst."
"Ich liebe dich." Wie oft er es nun sagte, da er keine Furcht mehr haben musste, daraufhin Blut zu spucken und tot umzufallen. Der Fluch der finsteren Stockmännchen war endlich von ihm gewichen und Corax hatte sich ein Stück seiner Freiheit zurückerobern können. Natürlich kostete er sie dann auch aus. Natürlich teilte er Azura seine Gefühle dann jedes Mal mit, wenn er es für passend hielt. Kein anderer Dunkelelf in Andunie nutzte diese Phrase wohl so häufig wie er. Und doch reichte es nicht. Das erkannte er. "Ich würde dir dieses Leid gern nehmen, aber das kannst wohl nur du selbst." Dabei stupste er die Schriftrolle der Wassermagie an, die Azura noch immer auf ihren Schenkeln gebettet hatte. Ventha wartete darauf und zumindest ihr Rabe schien überzeugt, dass es ihren optischen Fluch aufheben könnte. Wie, wo und wann Azura jedoch Gelegenheit erhielt, die Aufgabe ihrer Göttin zu erfüllen, musste sie erst noch herausfinden. Ventha war ihr schließlich bisher nicht mehr erschienen und dass sich draußen gerade dunkle Wolken vor die Sonne schoben, hatte nichts mit einem Besuch der Allmächtigen zu tun.
Bis sich dieser Wunsch erfüllte, würde es noch etwas dauern. So lange könnte die Andunierin es jedoch nicht ertragen, sich Corax anzunähern. Nicht so wie in den heißen Quellen. Nicht, wenn sie ihren Körper würde zeigen und gleichzeitig fürchten müssen, allein ob des Aussehens von ihm verachtet und verstoßen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür war gering, aber Angst war nichts Rationales. Trotzdem wollte sie ihm nicht verwehren, die gemeinsame Zeit schön zu verbringen. So bot sie ihm zwischen den Zeilen an, sich um seine Wünsche zu kümmern. Das hieß, falls er welche hatte. Sklaven gaben diesen Teil ihrer Seele sehr schnell auf. Es war ihnen nicht erlaubt. Ob Corax überhaupt noch in Erwägung zog, sich Dinge zu wünschen?
Azura half ihm auf die Sprünge, indem sie ihren Finger nahe seines Nabels auf dem Stoff der Kleidung kreisen ließ. "Etwas ... nun ja ... etwas, das du gerne hättest ... oder fühlen würdest ... Gibt es denn ... so etwas?" Seine Augen verfolgten jede ihrer Bewegungen, huschten bei der letzten Frage aber zu ihren empor. "Ja", erwiderte er und ein tieftrauriger, ein reuiger Ausdruck trat in seinen Blick. Er senkte ihn. "Aber er kann nicht erfüllt werden ... dafür hab ich gesorgt." Er sog rasselnd die Luft ein, um ein Schluchzen zu unterdrücken, während es in seinem Nacken erneut verräterisch raschelte, als winziger Flaum dort eine fingerlange, schwarze Feder bildete. Corax schluckte. "Jedenfalls könnte sich der Wunsch nicht in dieser Form erfüllen." Er breitete seinen Arm ein wenig aus und blickte an sich herab. Er sah an Azuras Fingern vorbei und tiefer. "Allerdings... in jeder anderen Form..."
Sein Bild verschwamm und wo seine linke Schulter in einem Stumpf endete, wuchs plötzlich ein geschmeidiger, schlanker Arm von exotischer Farbe. Seine Haut nahm einen anderen dunklen Ton an, wie von gebrannten Ziegeln, die über Jahre hinweg die Wüstensonne geküsst hatte. Seine Nase formte sich, die Augen stellten sich anders auf und erhielten die Farbe dunkler Käferflügel. Auch sein Haar war nicht mehr das einer zerrupften Nebelkrähe, sondern seidig und glatt, als es in Strähnen über seine Schultern hing. Goldschmuck zierte sein Haupt, ein wohlgeformter Busen wie Azura ihm nun nachtrauern würde, entstand zwischen ihnen und von einer feinen Taille hingen Gewänder aus bunter Seide herab, um seine Beine zu bedecken. Er hatte erneut die Form der Frau angenommen, die Caleb Dunia genannt hatte. In ihrer Gestalt ließ er beide Arme tanzten, drehte die Finger verführerisch und formte mit ihnen einen Fächer vor seinem Gesicht. Seine Stimme war Sand, der über Haut rieselte und Härchen aufrichtete. "In dieser Gestalt könnte ich dich richtig halten", sagte die Frau, die Azura gegenüber saß. Dann verschwamm auch ihr Bild und Corax verwandelte sich erst in Caleb, dann in Kjetell'o. Goldene Sprenkel aus Sonnenlicht funkelten Azura aus waldgrünen Tiefen heraus entgegen. Sofort nahm sie den Duft von Vanille und Zitrone wahr. "Und so könnte ich ... meinem Wunsch zumindest nahe kommen." Kjetell'o schien vollständig zu sein. Es würde sich bestätigen, falls Azura einen prüfenden Griff wagte, aber Corax behielt Recht: Er würde eine andere Form tragen und nicht er selbst sein, dem seine Liebste sich widmete. Kjetello's Bild verflüchtigte sich und Corax kehrte in seine eigene Optik zurück.
"Ich kann jeder sein, der dich anspricht ... jeder, den ich zumindest einmal gesehen habe. Es fällt mir leichter bei denen, die ich länger studieren konnte, aber es würde gehen. Dann könntest du ... wenn du möchtest." Er wischte mit seiner Hand erneut an Azuras Gestalt vorbei. Nichts geschah. Ihr konnte er keine Illusion auferlegen und er kniff die Augen schmerzlich zusammen. Gegen göttliche Flüche war er nun einmal machtlos. Alle anderen Träume - vor allem, wenn es sein eigenes Äußeres beträfe - ließen sich jedoch verwirklichen.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Azura » Dienstag 11. April 2023, 12:30

Es war für sie weiterhin schwierig, sich in andere hinein zu versetzen, ihre Gefühle und Gedanken zu erahnen, vor allem, je weiter weg ihr sozialer Status ihrer eigenen Lebenswelt sein mochte. Aber sie hatte in ihrer Zeit im Jenseits einen positiven Entwichlungsschritt gemacht, sodass sie sich nun nicht mehr ausschließlich für sich selbst interessierte und somit langsam auf jenen Pfad einbiegen konnte, den man "Empathie" nannte. Es würde auf jeden Fall noch dauern und viel Geduld mit ihr bedürfen, sofern nichts gravierend Negatives dazwischen käme, doch zumindest ein Anfang war gemacht.
Trotzdem... oder vielleicht gerade deshalb wagte sie es nicht, ihrem Raben jede Frage zu stellen, die ihr in den Sinn kam. Oder ihm zu offenbaren, was sie über ihn herausgefunden hatte, so unabsichtlich es auch gewesen sein mochte. Sie wollte ihn nicht verletzen und brauchte selbst erst einmal die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie sie ihm das Vorhandensein seiner Schriftrollen erklären sollte mitsamt der Tatsache, dass sie den Inhalt teilweise kannte.
Im Gegensatz zu jenen Worten, die auf der neu erschienenen Rolle festgehalten worden waren, für die sie sich eigentlich begeistern sollte. Allerdings war Corax, in all seinen Facetten, viel zu ablenkend, als dass sie sich schon jetzt diesem Werk wirklich widmen konnte. Auf der einen Seite brachte er ihr Herz zum Klopfen und ihre Sinne zum Erschauern, auf der anderen hingegen verunsicherte er sie und nährte ihr schlechtes Gewissen, das sie wegen ihrer untreuen Gefühle ohnehin schon hegte. Umso mehr musste sie nachhaken, wollte versuchen, auf diese Weise womöglich ebenfalls die ein oder andere... Sicherheit zu finden.
Seine Antwort ließ sie anfangs seufzen vor Erleichterung. Es tat gut zu hören... und ihm auch glauben zu können, dass er sich nicht aus Verzweiflung an sie klammerte. Bei seiner Betonung indes musste sie unwillkürlich grinsen und gab ihm noch einmal ihre Faust leicht gegen seinen Oberkörper zu spüren, ehe sie sich wieder an ihn schmiegte. "Natürlich haben wir das. Wenn dir einer den Hintern versohlt, dann bin das ich und nur ich!", frotzelte sie, während sie ihre Hand hob und liebevoll seinen Oberkörper vor ihrer Nase durch den Stoff durch kraulte.
In dieser Position hörte sie ihm weiter zu und nickte leicht, ehe sie sich eine Spur weit von ihm löste, um ihm direkt und mit einem sanften Lächeln auf den Lippen ins Gesicht sehen zu können. "Das ist doch genau das, was ich auf dem Schiff von dir wollte.", sprach sie leise mit einem warmen Timbre und strich ihm die Haare aus der Stirn, obwohl das bei seiner Frisur eigentlich nicht nötig gewesen wäre.
Ihre Finger wanderten weiter über seine Schläfe zu seiner Wange und schließlich zu seinen Lippen, über die sie einmal streichelte. "Ich will und wollte nie einen Sklaven, verstehst du? Ich wollte einfach dich an meiner Seite, aber nicht, weil du es sein musstest, sondern weil du es wolltest.", fuhr sie fort und neigte sich zu ihm, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu hauchen.
Denn so, wie er ihr derzeitiges Aussehen ertrug, akzeptierte sie auch das seine. Es tat ihr weiterhin weh und würde es vermutlich noch lange Zeit über, dass er nicht mehr beide Arme besaß. Jedoch war das für ihre Gefühle für ihn kein Grund, ihn zu verstoßen. Da gab es ganz andere Dinge, die sie von ihm weglocken könnten... und gegen die sie anzukämpfen hatte.
Wenngleich nicht in diesem Moment, denn aus dem leichten Kontakt ihrer Lippen wurde rasch ein längerer, inniger... und leidenschaftlicher, als sie einander küssten. Einer, der nur der Startschuss für so viel mehr hätte sein können, wenn... ja, wenn sie sich ihres Äußeren nicht so überaus deutlich bewusst gewesen wäre. Gerne hätte sie seine Berührungen ausgekostet und genossen, aber auf diese Weise konnte sie es einfach nicht.
Seine erste Reaktion waren erneut die drei mächtigen Worte und sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln dafür, bis es verblasste. Seufzend senkte sie ihren Blick und sah zu der Schriftrolle auf seinen Wink hin.
Mit einem weiteren Seufzen zuckte sie leicht mit den Schultern und nahm sie... um sie ein wenig zur Seite zu legen. "Ja, ich sollte sie suchen und finden, aber... wir haben nie darüber geredet, was ich danach damit tun soll.", gestand sie murmelnd und schüttelte den Kopf. Nein, daran wollte sie jetzt auch nicht denken.
Vielmehr kam ihr etwas anderes in den Sinn, etwas, das sie einerseits meinte, ihm im Gegenzug für ihre Weigerung anbieten zu müssen, und das andererseits jedoch auch ein wenig ihrer eigenen Neugier entsprang. In welche Richtung ihr Vorschlag dabei gehen würde, machte sie mit der Wanderung ihrer Finger deutlich, weil sie sich dann trotz allem nicht traute, es direkt auszusprechen. Entsprechend rötlich gefärbt waren auch ihre Wangen, als sie wieder zu ihm hochsah und auf seine Antwort wartete, während sie sich auf die Unterlippe biss und dadurch unter anderen Umständen womöglich einen appetitlichen Anblick geboten hätte.
Dass sie damit allerdings an inneren Wunden rührte, bedachte sie nicht. So irritierte sie seine traurige Miene und bei seinen Worten musste sie mehrmals blinzeln. "Wie...?", fragte sie wenig zielführend und brauchte einen Moment länger, um sich an seine eigene Verstümmelung zu erinnern. Mehr noch, an seine Offenbarung, dass er die Klippe nicht mehr überqueren konnte, und an ihren vergeblichen Versuch in den heißen Quellen, ihn eines besseren zu belehren.
Als hinter ihrer Stirn die zahlreichen Rädchen ineinander griffen und sie sich dessen bewusst wurde, war er schon weiter und direkt vor ihr verschwamm seine Erscheinung einen Atemzug lag. Davon überrumpelt, löste sie sich von ihm und rieb sich die Augen, in Erwartung dessen, dass es daran gelegen hatte. Dem nicht so war, da er plötzlich nicht mehr vor ihr saß, sondern eine ihr unbekannte Frau, eine... die sie dennoch auch schon gesehen hatte, weil er diese Gestalt ein paar Mal bereits bemüht hatte. Trotzdem fühlte sie sich davon vor den Kopf gestoßen und deutete lediglich stumm ein Kopfschütteln an bei seinem Vorschlag.
Dann kam noch mehr, zuerst wurde er zu jenem Mann, den sie als letztes noch einmal gestatten würde, sich ihr körperlich zu nähern, und danach in jenen anderen, von dem sie geträumt hatte. Ein Umstand, der sie leise aufkeuchen und erst recht zurück weichen ließ, während ihre Wangen zu glühen begannen. Zu ihrem Glück vermutlich passend zu den Worten, sodass er hoffentlich nicht bemerken würde, dass sie von dieser letzten Gestalt durchaus gerne noch einmal berührt worden wäre. Und doch...
Ihr Rabe verwandelte sich zurück und machte ihr erneut diesen Vorschlag, der es endlich schaffte, ihre Verlegenheit und ihre Unsicherheit zu durchbrechen und ihre Empörung zu wecken. Ein weiteres und nun deutlich entschiedenes Mal schüttelte sie den Kopf, während ihre Miene einen entschlossenen Ausdruck annahm. "Ich will aber niemand anderen!", wehrte sie sich und ignorierte die wispernde Stimme in ihren Gedanken, die sie daran erinnern wollte, dass es da durchaus jemanden gäbe. Aber eben nicht jetzt und hier!
"Ich will dich und keinen anderen! Hörst du?", bekräftigte sie noch einmal und rutschte wieder näher, um ihm die Hände auf die Wangen zu legen. "Warum soll es bei dir nicht gehen? Warum willst du es mich nicht..." Ihre Gesichtshaut begann regelrecht zu glühen und sie musste schlucken, um weiter sprechen zu können. "... versuchen lassen? Du sagst doch auch immer, ich muss nur daran glauben! Warum tust du es also nicht? Und außerdem..."
Sie biss sich einen Moment lang auf die Unterlippe, ehe sie ihre Haltung straffte und ihm fest in die Augen sah, als dulde sie keine Widerrede in dieser Angelegenheit. "Und außerdem, wenn es nicht klappt, dann gehen wir zu einem Heiler. Irgendwo in diesen Mauern muss es ja schließlich jemanden geben, der diese Bezeichnung auch verdient, jawohl!"
So, und damit war für sie das letzte Wort gesprochen! Nun ja, die romantische Stimmung zwischen ihnen mit dem Hauch Erotik war damit vermutlich ebenfalls hinüber, aber... sie konnte und wollte einfach nicht länger akzeptieren, dass er nicht auch etwas... Vergnügen haben durfte!
"Also, komm mir jetzt nicht mit irgendwelchen Ausflüchten. Die lasse ich nämlich nicht mehr gelten, du sturer Esel... Rabe... Flattermann!" Ein feines Grinsen schlich sich auf ihre Lippen, das sie nicht unterdrücken konnte, und in ihren Augen hatte es angefangen, herausfordern zu blitzen.
Sollte er es ruhig versuchen, sich ihrem Willen entgegen zu stellen, er würde schon noch merken, dass sie bei weitem dickköpfiger sein konnte als er. Viel zu lange schon bekam sie nicht mehr ständig, was sie wollte, umso mehr würde sie in diesem Punkt demnach nicht bereit sein, auch nur einen Millimeter weit nachzugeben.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 12. April 2023, 21:44

Corax lächelte auf, als Azura mit der Faust gegen seine Brust schlug. Eine spielerische Geste der Zuneigung, deshalb unterband er sie keineswegs. Auch er lehnte sich enger an sie, als sie daraufhin erneut seine Nähe suchte. Ihre Worte hingegen erzeugten bei ihm einen Moment nachdenklicher Stille. Er ging in sich, erinnerte sich an alles, was seit seiner Flucht aus der Taverne geschehen war. "Ich ... hab nicht mehr damit gerechnet. Ich wusste nicht einmal, dass du lebst!", gestand er ihr und es wäre sicherlich einiges anders gelaufen, hätte sie ihn vorher noch durch ihre bloße Anwesenheit - ihre Existenz - aufhalten können. "Der kleinen Herrin zu dienen, ist nicht leicht, aber noch schwerer war es für mich, Caleb zu dienen. Er ... ich kenne ihn noch nicht so lange, als dass ich einschätzen könnte, was er als Fehler ansieht. Aber genau das muss ich schnell lernen. Manche Fehler sind unverzeihlich und ..." Corax schauderte. Er erinnerte sich nur ungern an die letzten Tage zurück. Es schmerzte ihn in der Seele und Azura konnte sehen, wie das genügte, dass sich in seinem Nacken eine weitere Feder bildete. Wieder war sie schwarz und etwa so groß wie ihre gesamte Hand. Daran musste man sich erst gewöhnen.
"Ich dachte, sie hätten mich verstoßen - Caleb und die Herrin. Ich dachte..." Bevor die Stimmung endgültig kippen konnte, schüttelte er den Kopf und wieder bildete sich eine Feder. Er nahm nicht nur das Leid anderer, sondern auch sein eigenes. Aber solange es half, war es doch eine gute Sache. Denn so konnte Corax immer noch lächeln. Er beteuerte seine Loyalität und dass er sie Madiha und Azura auf ewig anbieten würde. Der Lohn war nicht nur ein sanftes Zurückstreichen seiner Haare durch Azuras Finger, sondern auch Worte, die ihre Sicht erklärten. Corax verstand es dennoch nicht ganz. Das Denken eines Sklaven steckte ihm immer noch in den Knochen und Loyalität sah bei ihm dann doch anders aus als Azura sie interpretieren mochte.
"Auf dem Schiff ... ich wollte dein sein. Ich dachte, du bis meine Herrin. Ich brauche doch eine ... nicht nur, um an deiner Seite sein zu können. Aber jetzt ist es perfekt. Jetzt ... verzeih mir, aber jetzt will ich nicht mehr dir gehören, sondern der kleinen Herrin." Er nickte. "Ja. Ich gehöre ihr und Caleb, aber sie werden mich nicht von dir fortreißen." Wo er zunächst entschlossen und beinahe angriffslustig klang, da veränderte sich seine komplette Körperspannung ins Gegenteil, bis er warm lächelte und sich an Azuras Finger schmiegte, die seine Lippen strichen. "Madiha ist eine gute Herrin. Sie wird es verstehen und mir keine Tat abverlangen, die dich zum Ziel hätte. Sie ist nicht eifersüchtig, sondern freut sich, dass mein Herz für dich schlägt. Sie würde mir niemals befehlen, dir etwas anzutun." Er pausierte kurz, setzte dann noch nach: "Und Caleb ist das, was ich einen Freund nennen würde. Freunde tun einander keine Grausamkeiten an.
Er schlang seinen Arm enger um Azura. Sie konnte fühlen, wie er sich geradezu an sie klammerte, wenngleich ihr Rabe es auch nur mit einem Arm tun konnte. "Ich werde an deiner Seite bleiben, solange du mich willst. Das wollte ich von Anfang an. Ich ... hab dich nicht nur entführt gehabt, weil du wassermagisch begabt warst." Er hatte sie ausgesucht, damals schon. Ausgesucht für sich jemand zu werden, den er neben sich haben könnte. Eine weitere Sklavin, die mit ihm hätte das Leid teilen dürfen, das Serpentis ihm auferlegte. Nicht, um Azura leiden zu lassen, sondern um einen kleinen Lichtblick in seinem eigenen Leben zu haben. Er hatte sich damals so sehr dafür entschieden, dass aus einer simplen Eisenfessel ein nicht zu brechendes, goldenes Kettchen wurde, nur um die Bindung aufrecht zu erhalten.
Zwischen den Zeilen gestand er ihr unglaublich viel, das sie aber schon lange aus den Schriftrollen seiner Seele heraus hatte lesen können. Trotzdem wärmte es das Herz, diese Worte nicht nur zu lesen, sondern auch von ihrem Raben zu hören. Sie küssten einander, lang und liebevoll. Wenn es nach Corax gegangen wäre, hätten sie sogar direkt hier und jetzt einen Schritt weitergehen können, aber Azura wagte es nicht. Sie konnte es nicht tun, so sehr sie sich selbst nach ihm sehnte. Und zwar nur nach ihm. Weder ließ sich sie dadurch nun von der magisch aufgetauchten Schriftrolle des Wassers ablenken, noch wollte sie ihn in einer anderen Gestalt haben - schon gar nicht als Frau oder Caleb! Bei Kjetell'o hingegen ... Azura kämpfte den Impuls nieder, der Illusion des Waldelfen nahe zu kommen. Allein seinen Duft in sich aufzunehmen, lockte bereits die Sinne. Aber wie sollte sie Corax das nur erklären? Sie konnte doch unmöglich mit ihm als Kjetell'o intim werden, nur weil jener zwei Arme und vorhandene Manneskraft besaß. Noch ehe sie der Verführung endgültig nachgeben könnte, verwandelte Corax sich zurück, bot ihr aber sogleich an, absolut jede ihm bekannte Gestalt anzunehmen, nach der sie sich verzehren könnte.
Energisch schüttelte Azura daraufhin den Kopf. "Ich will aber niemand anderen! Ich will dich und keinen anderen! Hörst du?" Gerührt von ihren Worten erwiderte ihr erneutes Ergreifen seines Gesichts mit einem fast unglücklichen Ausdruck. "Ich kann dir aber nicht alles geben, was du brauchst. Es ist keine Sache des Wollens, Azura. Ich ... mein Körper ist nicht mehr fähig dazu." Er senkte die Lider, bildete neues Leid in seinem Nacken aus, bis dort gleich mehrere Federn zu einem Kragen wuchsen, der ihm mehr denn je den Namen eines Raben verlieh. Er litt sehr unter seiner Tat der Verangenheit, mehr noch als durch den fehlenden Arm, denn er wusste, dass er mit Azura niemals die Freude erfahren würde, die sie durch ihn erfuhr.
"Du sagst doch auch immer, ich muss nur daran glauben! Warum tust du es also nicht? Und außerdem, wenn es nicht klappt, dann gehen wir zu einem Heiler." Da war sie, die Empörung, welcher sich nur eine Adlige bediente. Azura war es in Fleisch und Blut übergegangen, sich zu echauffieren und an manchen Dingen änderte sich nichts. Sie mochte sich entwickelt haben, das hieß aber nicht, dass sie ihren Standpunkt nicht weiterhin vertrat - so naiv und unschuldig er auch war. Corax brachte er zum Glucksen, besonders als sie ihm verbat, irgendwelche Ausreden zu finden. Leider fehlte die Belustigung in seinem Laut. "Glaubst du nicht, ich hätte in meinen Jahrzehnten, in denen ich schon entmannt bin, versucht, das heilen zu lassen? Lichtmagie konnte meine Wunden schließen, aber auch sie lässt nichts ... wachsen." Er seufzte aus. "Wenn ich dran glaube, wird es wahr. Ja. Das ist das erste, was ich gelernt haben muss in meinem Leben als Grauschelm. Als Anwender von Magie. Einer Magie, die Illusionen erzeugt. Sie werden wahr, wenn man an sie glaubt und ich muss sie nicht mit meinen eigenen Kräften aufrecht erhalten. Der Glaube genügt. Ob es meiner oder der anderer ist. Aber wie du siehst, kann ich mir selbst keine Illusion dieser Art auferlegen." Um es zu verdeutlichen, löste er sich ein wenig von Azura und wischte über die Leere unterhalb seiner linken Schulter entlang. Nichts geschah. Corax biss die Zähne verbittert zusammen. "Es ist irgendwie wie bei dir und doch anders. Bei mir fühlt es sich an, als wäre dort schon eine Illusion. Ich kann keine doppelte Illusion auflegen, das ist ja lächerlich! Bei dir aber spüre ich das nicht. Da funktioniert es nur einfach nicht." Er wischte sich mit der Hand durch das Gesicht und sein schwarzer Federkragen raschelte. "Vielleicht haben irgendwelche Götter mit verflucht, als ich mir alles abgeschnitten habe. Es ... erzürnt irgendjemanden." Er zerrte sich wütend an den Haaren und stieß einen verzweifelten Laut des Zorns aus, ehe er beide Schultern und den Kopf hängen ließ. "Ich bereue es, zutiefst. Aber ich hab ja nicht ahnen können, dass Dekaden später jemand wie du auftauchst oder die kleine Herrin. Und dass ihr mich rettet. Es tut mir leid, Azura."
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Azura » Mittwoch 26. April 2023, 20:49

Es tat gut, sich an ihn schmiegen und seinen vertrauten Duft wahrnehmen zu können, auch wenn sie mitunter ausblenden musste, was sie ihm in Gedanken alles bereits angetan hatte, dass sie ihn hintergangen hatte. Zumindest in ihrer Vorstellung, denn in der Wirklichkeit wäre das bei ihrer derzeitigen Erscheinung ohnehin alles andere als denkbar.
Bei seinem Geständnis seufzte sie lautlos und verbarg ihr Gesicht an seinem Oberkörper. "Du warst in deinem Traum plötzlich weg und... und... und ich wollte dich dort einfach nur festhalten, bis du mir glaubst, dass ich zurück komme.", murmelte sie und kniff die Augen fest zusammen, um nicht schon wieder an all die wohligen Gefühle zu denken, die er ihr dort beschert hatte. Die sie vielleicht nie wieder haben könnte...
Als er fortfuhr, schnaubte sie leise und wollte etwas sagen, als sie zu ihm aufsah und merkte, dass sich da eine weitere Feder zu den übrigen gesellte. Also änderte sie ihre Wortwahl und sah ihn stattdessen herausfordernd an, um ihn abzulenken von dem Schmerz, den sie in seinem Blick erkennen konnte. "Ach, aber für eure Männergespräche an Bord hat es doch auch gereicht? Ihr habt euch ja richtig verbrüdert dort!", spottete sie neckend.
Aber scheinbar drang sie nicht sofort zu ihm durch, denn er fuhr fort, um kurz darauf ein weiteres Mal abzubrechen und sich sein Federkleid zu zulegen. Und, weil sie ihn nicht in sein Leid hinabsinken lassen wollte, kam ihr noch etwas in den Sinn, das ihn gewiss aufheitern würde. "Also mit anderen Worten, es wäre das Beste, wenn du allein mir zur Verfügung stehen würdest in Zukunft, nicht wahr? Ich bin absolut unkompliziert und du kannst mir meine Wünsche ruhig von den Augen ablesen!", warf sie sich in die Brust, als wäre sie absolut dieser Überzeugung und wisse es gar nicht besser.
Als wäre es tatsächlich ein Leichtes, sie wunschlos glücklich zu machen, und als hätte sie überhaupt keine anspruchsvollen Vorstellungen davon, wie man ihr jegliche Steine aus dem Weg räumen würde. Dass sie es hingegen nicht gänzlich ernst meinte, verriet das feine, spöttische Grinsen, das sich in ihren Mundwinkel geschlichen hatte, und das mutwillige Funkeln in ihren Augen, das beinahe schon danach schrie, dass er ihr widersprach.
Daraufhin kamen sie wieder auf das Thema Besitz zurück und lautlos seufzte sie bei seinen Worten. Gerne hätte sie ihm einen Konter gegeben, ihm die Augen geöffnet und ihm so einiges in seinen Gedanken zurecht gerückt, doch sie merkte, dass es nichts brachte. Es war schließlich nicht der erste Versuch von ihrer Seite aus und allmählich wurde auch sie lernfähig.
Trotzdem war es ihr nicht ganz geheuer, denn wo er meinte, dass die Sarmaerin keine Eifersucht verspüren würde, da gab ihr das Wissen, dass er nicht nur für sie da wäre, durchaus einen Stich in ihr Herz. So lange war sie es gewohnt gewesen, volle, ausschließliche Aufmerksamkeit zu bekommen und der umschwärmte Mittelpunkt aller zu sein, dass sie sich schwer damit tat, diesen Platz auch nur in den kleinsten Zügen mit jemandem teilen zu müssen. Sie ließ es zu, dass er sie fester an sich drückte und beschloss im Stillen, dass es gut wäre, nicht länger von der anderen zu reden, einfach, damit es zu keinem neuerlichen Konflikt... oder Missverständnis kommen könnte, zumindest nicht so bald.
Während er sie somit hielt, hob sie ihre Arme und verschränkte ihre Finger in seinem Nacken ineinander. Bei seinem nächsten Geständnis hob sie ihre Augenbrauen ein wenig an und zeigte ein kleines Grinsen, das ein schwacher Abglanz ihres früheren Ausdrucks von Selbstbewusstsein war. "Natürlich konntest du mir nicht widerstehen, bei meinem guten Aussehen, dem bezaubernden Klang meiner Stimme...", säuselte sie und streckte sich, als wolle sie ihn küssen, in Wahrheit allerdings schnappte sie nur sanft mit ihren Zähnen nach seiner Unterlippe.
Dennoch konnte sie der Verlockung nicht widerstehen und ihr kleines Spiel entwickelte sich zu einem verheißungsvollen Kuss, der so viel mehr versprach, als sie zulassen konnte. Weder in seiner wahren Gestalt, noch in einer anderen. Obwohl es ihr bei dem Waldelfen wirklich schwer fiel und sie unbewusst durchaus empfänglich dafür gewesen wäre, wäre der Verrat an ihrem Raben dann trotz allem zu viel für ihr erstaunlich ausgeprägtes Gewissen gewesen. Nein, sie wollte sich nur auf ihn einlassen, wenn er er selbst wäre! Alles andere wäre nichts weiter als Lug und Trug... für sie beide.
Stattdessen wollte sie etwas anderes erreichen und im Gegensatz zu ihm nicht hinnehmen, dass es keine Chancen auf Heilung seines... Problems geben sollte. Trotzig und zurück in ihrem adeligen Gebaren beharrte sie darauf, dass es eine Lösung geben musste und dass sie willens war, diese zu finden, ganz gleich, wie sehr er dagegen anzureden versuchte.
Jedoch brachte er sie auch auf eine Idee, sodass sie diese in ihren Gedanken ergriff und weiter verfolgte, ohne ihm noch richtig zu zuhören. Sie merkte erst auf, als er sich von ihr löste und über seinen fehlenden Arm wischte, ohne, dass dieser wieder erschien.
Sie starrte daran vorbei und erst am Schluss, als er schon den Kopf hängen ließ, nahm sie seine Worte bewusst wieder in sich auf. "Pfff, also wirklich! Wie konntest du nicht vorhersehen, dass du einst mir unbeschreiblichem Wesen zu Füßen liegen wollen würdest?", beschwerte sie sich gespielt und griff nach seinem Kinn, damit er sie wieder ansah.
Da verschwand auch bei ihr die Frotzelei und ihre Mimik war ernst, damit er auch verstand, dass sie die nächsten Worte genauso meinte. "Und was ist, wenn...", begann sie den Faden zu ergreifen, den sie in ihren Gedanken gefunden und verfolgt hatte. "Was ist, wenn es keinen Lichtmagier braucht, um dich zu heilen? Die Wunden sind geschlossen, das schon, aber..." Ein weiteres Mal legte sie beide Hände auf seine Wangen. "Hast du es auch schon mal mit jemandem probiert, der Dinge... wachsen lassen kann?"
Sie hatte keine genaue Vorstellung, zu was Naturmagier alles imstande wären, dazu hatte sie sich viel zu wenig dafür interessiert bisher. Und sie dachte auch nicht an einen bestimmten Waldelfen dabei, ausnahmsweise nicht. Vielmehr stellte sie sich lediglich vor, dass es durchaus möglich sein sollte, wenn jemand aus einem Samenkorn in Windeseile eine Blume heranwachsen lassen könnte, dass dies auch bei fehlenden Gliedmaßen bewerkstelligbar wäre. Warum auch sollte sie nicht groß träumen und das Unmögliche erwarten? Das hatte sie schließlich getan, seit sie denken konnte!
Und wenn auch das nichts helfen würde... vielleicht könnte sie ja mit Ventha reden, wenn sie die Schriftrolle...
"Moment mal, was heißt hier eigentlich Dekaden?!", entfuhr es ihr plötzlich, als hätte sie gar nicht recht verstanden, was er vorhin gesagt hatte. Mit großen, runden Augen sah sie Corax an. "Willst du mir etwa sagen, ich habe mich mit einem alten Knacker eingelassen, der eigentlich schon ein Greis ist?!" Da war sie wieder, jene adelige Empörung, die sie so lange gehegt und gepflegt hatte, dass sie eben auch bei der größten Leuterung ihrer Seele nicht ganz verschwinden konnte.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Sonntag 30. April 2023, 09:50

Nicht nur Azura genoss die Nähe. Auch Corax schmiegte sich eng an sie, so eng man jemanden mit nur einem Arm eben halten konnte. Dabei drückte er sie nicht zu grob, ganz im Gegensatz zu ihren gemeinsamen Anfängen, die hier in Andunie begonnen hatten. Oh, wie rau und kalt er dort doch gewesen war. Jetzt schien er so um Azura Wohlergehen bemüht zu sein, dass beide Charakterzüge sich wie Widersprüche verhielten. Dass Corax Rabenschrey aber ohnehin ein laufender Widerspruch war, ließ sich nicht abstreiten. Nicht nur sein Gemüt machte eine regelmäßige Berg- und Talfahrt mit. Sein gesamtes Leben kam einem einzigen Widerspruch gleich. Selbst im Traum konnte er sich nicht entscheiden, zu schlafen oder zu erwachen.
"Du warst in deinem Traum plötzlich weg und ... und ... und ich wollte dich dort einfach nur festhalten, bis du mir glaubst, dass ich zurückkomme." Jetzt konnte sie ihn festhalten, ganz fest und Corax erwiderte es. "Ich weiß nicht, was geschehen ist. Der Traum war ... so ... intensiv. Er hat mich an vieles erinnert. An Gutes, das ich mit dir hatte. Es war so ... so gut..." Der Rabe sprach längst nicht mehr zu ihr. Seine Worte fand Zuhörer in der Stille ringsum, während er sich erinnerte, was er mit seiner Liebsten in Manthalas Reich getan hatte. "Irgendetwas hat mich aus dem Schlaf gerissen und als ich erwachte, da ... da lag ich ..." Nein, das hatte er ihr bereits gestanden und sie ihm verziehen. Er würde es nicht wieder zwischen ihnen ausbreiten. Es war vorbei, sie hing in seinem Arm. Alles war gut. Er seufzte und schob sein Gesicht in ihre Halsbeuge. Trotzdem war es schwer, die Gefühle abzuschütteln. Corax drohte, erneut in Leid zu verfallen. Er sprach von Fehlern, von jenen, die er bei Madiha und auch Caleb begangen hatte. Um ihn abzulenken, griff Azura das letzte Gespräch zwischen Rabe und Kapitän auf, bevor sie selbst sich von Bord gestürzt hatte.
Corax löste sich ein wenig und blinzelte sie an. Die Ablenkung wirkte. "Du hast das mitbekommen?", fragte er und musterte sie. Niemand der damals Anwesenden hatte mitgekriegt, dass Azura heimlich gelauscht hatte. Niemand wusste, dass dieses Männergespräch mitunter Grund für ihren Höhepunkt der persönlichen Krise gewesen war, der sie hatte handeln lassen. Niemand wusste von dem Missverständnis. Und so ging Corax nicht direkt darauf ein. Aber ihre Ablenkung half, dass er sich beruhigte und sogar knapp lächelte, als er an den Kapitän der Blauen Möwe dachte. "Caleb und ich waren schon vorher zu Freunden geworden. Das war uns beiden nur noch nicht so recht klar. Er ist mir ein sehr guter Freund, endlich wieder." Ohja, es half wirklich! "Aber wo er ein Freund und die kleine Herrin meine beste, kleine Herrin ist, die ich hätte bekommen können, da bleibst du der Mensch, den ich liebe, Azura. Auf ewig lieben werde und ja ... ich will dir jeden Wunsch von den Augen ablesen. Nein! Von den Lippen." Sein Raunen ging in einem Kuss unter, den er ihr an den Kiefer setzte, bevor besagte Lippen bis zu den ihren wanderten.
"Ich weiß beispielsweise immer noch, dass du deine Eltern sehen willst. Wir könnten dein Heim aufsuchen und schauen, ob sie es bis zurück in die Stadt geschafft haben und ob es ihnen gut geht", schlug er vor. "Nicht direkt jetzt, aber vielleicht morgen früh." Was das für die Zukunft brächte, stand allerdings noch in den Sternen. Vorausgesetzt, Azuras Mutter und ihr Ziehvater befänden sich wirklich wieder in Andunie und vorausgesetzt, sie wären wohlauf, was würden sie zu ihrer aktuellen Vebrindung sagen? Dass sie sich einen Dunkelelfen auserkoren hatte, war angesichts der aktuellen, politischen Lage vielleicht nicht einmal die schlechteste Idee. Sie knüpfte Kontakte zum Feind, der zur neuen Regierungsinstanz geworden war. Sie verwob Fäden zu einem Band, aus dem für ihren Vater möglicherweise sogar neue Handelsbeziehungen entstehen könnten. Nicht alles musste in Mord und Todschlag enden. Allerdings war Corax weder adlig noch überhaupt angesehen, nicht einmal unter seinesgleichen. Er war Madihas Sklave und was ihr Vater von einem Partner auf dieser gesellschaftlichen Ebene hielt, wusste sie nicht. Ihre Mutter würde wohl Toleranz zeigen angesichts ihrer eigenen Vergangenheit. Da Alycide van Ikari sich seiner Zeit jedoch gerade für sie entschieden hatte, deutete doch ebenfalls daraufhin, dass er es mit der eigenen Stellungen und jener anderer nicht so ernst nahm. Die Chancen standen gut. Was sich letztendlich aber daraus entwickelte, würde Azura nur erfahren, falls sie ihren Eltern zusammen mit Corax würde gegenüber treten können.
Aber so wie sie nun aussah? Wohl kaum! Nicht jeder sah über ihr Äußeres so hinweg wie es ihr Rabe tat. Er kümmerte sich nicht, küsste und liebkoste sie, als wäre sie noch so schön und vor allem unverwest wie früher. Seine Küsse nahm Azura zwar an, doch den nächsten Schritt konnte sie mit ihm nicht gehen. Nicht so, nicht jetzt.
Um sich von ihren eigenen Problemen abzulenken, sprach sie lieber die seinen an. Sie glaubte nämlich noch immer, dass seine entmannende Tat rückgängig gemacht werden könnte. Da blieb sie ganz der adlige Trotzkopf und würde jenen auch mit voller Kraft durchsetzen wollen - selbst, wenn es bedeutete, damit Festungswände zu durchbrechen. Corax konnte ihren Eifer nicht teilen. Das schreckte Azura nicht ab, im Gegenteil. Sie war Feuer und Flamme für ihren Raben, wenn es darum ging, ihn wieder intakt zu setzen. Denn auch sie würde gewiss davon profitieren. Außerdem ertrug sie nicht einen einzigen seiner leidenden Blicke mehr. Das schwarze Gefieder wuchs schon bis über seine Schultern, legte sich wie ein gefiederter Überwurf darüber. Der Flaum fühlte sich zwar weich an, aber das Wissen, warum dieses Vogelgewand ihn zierte, versetzte Azura in Unbehagen. Corax war zum Leidträger geworden und jede Spur von Leid - ob seine eigene oder die anderer, derer er sich annahm - zeigte sich in Gestalt einer Feder an seinem Körper. Sie hatte bereits gesehen und sogar gefühlt, dass er diesen Umhang aus Leid in reine Freude verwandeln konnte. Oh und wie sie es gespürt hatte! Bereits die Erinnerung an die bunten Federn und die Wärme seiner Umarmung damit weckten in Azura eine tiefe Sehnsucht, es zu wiederholen. Doch dazu müsste sie ihrem Raben die Freude zurückbringen. Er durfte nicht in seinem eigenen Leid ertrinken, niemals wieder. Denn sie wusste, dass er aus purer Verzweiflung nach jedem Strohhalm griff, selbst dann wenn es mehr Unglück bedeutete. Und sie wusste, dass die falsche Seele ihre eigenen gefühlvollen Worte missbrauchen könnte, um sie Corax wie ein Gift einzuflößen. Er sollte nie wieder in eine Rolle geraten wie er sie unter Serpentis Mortis hatte einnehmen müssen! Dafür würde Azura sorgen und es sollte dabei anfangen, dass sie ihn heilen wollte. Irgendwie würde es schon gehen!
Ihr kam mit einem Mal eine Idee in den Sinn. "Und was ist, wenn ... Was ist, wenn es keinen Lichtmagier braucht, um dich zu heilen?" Corax ah sie verwundert an. Er konnte ihrem Gedankengang nicht folgen, denn was blieb noch außer Lichtmagie, um zu heilen? Normale Medizin reichte erst recht nicht aus. Man könnte vielleicht zu Teilen annähen, was versehentlich abgetrennt worden war, aber dann hätte er alles aufbewahren müssen und über einen so langen Zeitraum wie den seinen wäre seine verloren gegangene Manneskraft optisch sicherlich noch schlimmer dran als Azura. Schrumplige, schwarze Rosinchen konnte niemand mehr irgendwo anbringen!
Azuras Idee hingegen formte sich in eine etwas andere Richtung. "Hast du es auch schon mal mit jemandem probiert, der Dinge ... wachsen lassen kann?" Naturmagier waren solche Personen. Corax blickte sie jedoch fragend an. In all der Zeit, die er nun schon auf Celcias Boden wandelte oder als Rabe darüber hinweg flog, war ihm diese Magierichtung nicht in den Sinn gekommen. Aber sein Leben hatte sich auch nicht so offen gestaltet, als dass er einfach mal sämtliche magischen Möglichkeiten Celcias in Augenschein hätte nehmen können. Wohin er überhaupt schon gereist, welche Länder und Kulturen er gesehen haben mochte, wusste Azura schließlich nicht. Sie erfuhr ja gerade einmal jetzt erst, dass er offensichtlich älter war als es sein Äußeres vorgab. Da wirkte er um die zwanzig Jahre, verglich man seine elfischen Züge mit denen eines Menschen. Aber das war das Vertrackte an Elfenvölkern: Ihre glatte, ebene Haut bildete erst in sehr hohem Alter Runzeln aus, wenn überhaupt. Corax könnte bereits Hunderte von Jahren alt sein und so wie er plötzlich sprach, mochte das sogar stimmen. Schon war der Naturmagier als Rettung seiner Männlichkeit vergessen.
"Willst du mir etwa sagen, ich habe mich mit einem alten Knacker eingelassen, der eigentlich schon ein Greis ist?!"
Das brach das Eis. "Was? Neeein!" Nach dem ersten Schrecken auf auf Corax' Seite lachte dieser auf, löste sich etwas und schüttelte den Kopf. Endlich wirkten seine Züge wieder etwas heller, sein Blick befreiter. Oh, wie schön die Rubine doch funkeln konnten, wenn seine Gedanken nicht so schwer waren. "Ich bin überhaupt nicht alt! Das heißt, wie alt ich genau bin, weiß ich gar nicht. Du kannst wohl ein paar Jahre mehr oder weniger drauf rechnen, schließlich hat man mich als Kleinkind irgendwo in der Toten Ebene aufgesammelt. Oh, das ist ewig her." Er verstummte, musterte Azura kurz und knuffte sie dann neckisch in die Seite. "Erspar dir einen kommentar! Du würdest von deiner eigenen Kindheit ebenso sprechen." Dann lächelte er sie etwas milde an, durchaus sogar eine Spur verlegen. "Im Grunde dürfte ich noch ziemlich jung sein, gerade einmal dem Kindesalter selbst entsprungen für ein paar Jahrzehnte. Nach meiner eigenen Schätzung könnte ich zwischen 115 und 130 Jahren alt sein. Genau kann ich es nicht sagen und..."
Plötzlich wurde er unterbrochen, als die Tür zu seiner Schlafkammer sich öffnete. Sie schob sich allerdings gerade weit genug auf, dass ein Kopf hindurch gesteckt werden konnte. Wer nun allerdings ins Innere lugte, war aktuell für Azura wohl der am wenigsten liebsame Gast. Corax zauberte das sonnengebräunte Gesicht mit dem feinen Stoppelbart und den wilden Strähnen, die sich wieder einmal aus dem gebundenen Zopf gewunden hatten, ein Lächeln auf das eigene. Caleb erwiderte es mit einem Aufblitzen der grünblauen Augen. Dann richtete er den Fokus allerdings direkt auf Azura. "He, ihr beiden!", grüßte er sie. "Kjetell'o möchte mit magischem Unterricht für dich und Madi beginnen, Azura."
Die Stimme des genannten Elfen drang vom Gang außen bis in ihren Raum hinein. Nein, im Grunde war es Serpentis' Stimme, aber man verknüpfte sie inzwischen mit Kjetell'o, denn die Feuerhexe war endgültig tot. "Der Unterrichtsraum ist am Ende des Ganges rechts und zwei Etagen höher in einem der Türme. Ach und mein lieber Leidträger, könntest du es für heute beenden?"
Mit "es" meinte Kjetell'o seine Tarnung. Die Art und Weise wie Corax reagierte zeugte von Routine. Es war nicht das erste Mal, dass er die Illusion für den Elfen aufgab. Seine Hand löste sich von Azuras Gestalt und er wischte damit einmal durch die Luft. Dass es funktioniert hatte, bestätigte der Dank, den Kjetell'o nun wieder wirklich mit seiner eigenen Stimme in den Raum schickte. "Du kannst jederzeit nachkommen, werte Azura. Sobald du soweit bist", richtete er die Worte an die Andunierin. Dann aber waren Schritte jenseits der Tür zu hören. Mehr als eine Person entfernte sich aus dem Korridor. Caleb war er nicht, denn der steckte noch immer seinen Kopf durch die Tür. "Ich, äh ... würde gern mit dir sprechen, Corax." Plötzlich wirkte der Kapitän etwas verlegen. Er legte sich eine Hand in den Nacken und murmelte: "Ich warte einfach hier." Dann verschwand sein Gesicht und die Tür schloss sich. Corax blickte Azura entgegen.
"Willst du sofort zu deinem Unterricht? Ich habe nun wohl auch zu tun." Er würde Azura ziehen lassen, wenn sie es wünschte. Falls sie sich vorher frisch machen oder sogar noch einmal umziehen wollte, könnte sie sich dafür aber ebenso die Zeit nehmen wie weiterhin für ihren Raben. Dann müsste Caleb eben noch etwas warten!
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Azura » Dienstag 9. Mai 2023, 13:02

Auch in ihr gab es so manchen Widerspruch, der immer wieder zutage treten konnte. Ja, teilweise hatte sie diesen Umstand sogar gepflegt, um im Kreise ihrer Bewunderer interessant und weniger durchsichtig zu bleiben. Doch wie sah es in Wahrheit aus? Was gehörte zu der echten, der tief in ihr verborgenen Azura, fernab jeglichen aristokratischen Hochmuts, den sie sich so perfekt zu eigen gemacht hatte?
Ab und zu hatte es begonnen, hervor zu blitzen und dafür hatte ihr Rabe gesorgt, sei es, indem er sie verbal herausgefordert hatte, sei es, indem er ihr Herz und ihren Körper erobert hatte. Aber war das schon alles? Würde sie sich jetzt, da sie wieder an seiner Seite sein konnte, weiter in jene positive Richtung entwickeln, die in ihrem jenseitigen Palast vorangeschritten war? Oder würde die Nähe zu ihren menschlichen Wurzeln diese neuen Anwandlungen verschütten und irgendwann auch ersticken?
Sie wusste es nicht und sie wollte auch nicht wirklich darüber nachdenken. Vielmehr wollte sie bei ihm sein und versuchen, nur an ihn zu denken und es zu genießen, solange sie es konnte. Trotzdem entwickelte sich ihr Gespräch nicht gänzlich in angenehme Richtungen, obwohl sie sich darum bemühte, den Pfad zurück immer wieder aufs Neue einzuschlagen.
So auch, als sie von dem Traum sprach, der für sie keiner gewesen war. Bei seiner Erwiderung färbten sich ihre fahlen Wangen etwas und sie biss sich auf die Unterlippe, was bei ihrem früheren Aussehen eine durchaus reizvolle Reaktion gewesen sein mochte. "Intensiv... ja... so, könnte man es nennen.", murmelte sie bei der Erinnerung daran und grinste leicht, verspürte allerdings auch die Sehnsucht nach einer Wiederholung. Einer, die nicht abrupt endete. Jedoch wäre ihr das verwehrt, wer wusste schon, für wie lange!
Also blieb sie lieber an einer anderen Aussage hängen und verpasste ihm sogar einen leichten Schlag mit der flachen Hand gegen den Brustkorb. "So gut? Ach, und das in der heißen Quelle war dann was...? Nicht so gut?", versuchte sie ihn zu necken und wusste dennoch selbst nicht, welche Antwort sie hören wollte.
Das damals, als er sie entjungfert hatte, hatte sich herrlich angefühlt und war zugleich so vollkommen anders gewesen als jenes kurze, heftige Zusammenstoßen mit ihr als Geist. Und sie selbst konnte gerade nicht sagen, was ihr besser gefallen hatte.
Also wechselte sie erneut das Thema, sowohl um ihn, als auch sich selbst davon abzulenken. Leise schnaubte sie und wirkte auch ein wenig beleidigt. "Er hat dich einfach von mir weggezerrt! Als ob ich mir so was bieten lasse!", entrüstete sie sich im Nachhinein in gewohnt adeliger Manier.
Aber auch sie erwähnte nicht den Zusammenhang von dem danach Gehörten und ihrem verzweifelten Sprung in die eisigen, tödlichen Fluten. Somit ließ sie lieber ihn reden und behielt ihre Gedanken für sich, als auch er es verstand, sie wieder von ihrer kleinen Laune abzulenken. Sein Raunen sorgte bei ihr für ein leises, wohliges Seufzen und ihre Lider senkten sich, noch ehe seine Lippen die ihren gefunden hatten. Oh, wie gerne würde sie sich trotz allem ihm hingeben, so völlig wie in den heißen Quellen... oder in seinem Traum... oder noch besser: beides, abwechselnd! Nur leider, ihr Aussehen... und seine Gedanken, die sie rasch von erotischen Phantasien zu kurieren wussten.
Blinzelnd hob sie ihre Lider an und spürte, wie ihre Augen verräterisch zu brennen begannen, als er ihre Eltern erwähnte. "I... ich...", stammelte sie und musste noch einmal die Augen schließen. Tief atmete sie durch und senkte ihren Kopf, den sie leicht schüttelte. "Natürlich will ich wissen, ob es ihnen gut geht, wo sie sind, was ihnen passiert ist, aber..." Sie seufzte tief und schüttelte erneut ihr Haupt, diesmal energischer. "Sie sollen mich nicht sehen, nicht so! Verstehst du das?"
Die junge Frau hob ihren Blick an und nun war sie es, die ihr Leid zeigte. "Sie sollen sich keine Sorgen wegen mir machen, aber das würden sie. Wer weiß, wie groß der Schrecken wäre, wenn ich so vor ihnen stünde!" Ihre Hand fuchtelte einmal an ihr herab und wieder hinauf, um zu verdeutlichen, was sie meinte.
Dann seufzte sie ein weiteres Mal und lehnte sich wieder an ihn, um Trost in seiner Berührung zu finden. "Eine Nachricht hingegen... die könnte ich ihnen schreiben. Einfach, damit sie wissen, dass ich noch lebe und... na ja..." Sie zuckte mit den Schultern und brach ab, weil sie in diesem Moment nicht weiter wusste.
Dafür kam ihr ein anderer Gedanke, sodass sie zu ihm hoch sah, ohne den Körperkontakt zu unterbrechen. "Was ist eigentlich mit dir?", fragte sie scheinbar aus dem Nichts und lächelte sanft. "Jetzt weißt du ja, dass nicht diese Ungeheuer mit den grauenhaften Fratzen deine Eltern waren. Willst... willst du denn nicht herausfinden, woher du wirklich kommst?" Sie hob ihre Hand an, um mit ihren Fingern liebevoll seine Wange zu streicheln. "Vielleicht bietet sich ja hier eine Möglichkeit, wo so viele jetzt in der Stadt sind?", führte sie weiter aus.
Das wäre sicherlich nicht verkehrt! Zwar würde dieser Umstand keine vergangene, verlorene Zeit zurück bringen, doch wenn er seine Wurzeln kennen würde... vielleicht würde es ihm helfen, endlich nicht mehr von sich als Sklave zu denken?
Und es gab noch etwas, von dem sie nicht die Finger lassen wollte, im wahrsten Sinne des Wortes! Er hatte ihr, bereits mehrfach, gesagt, dass es für ihn keine absoluten Freuden mehr geben konnte, ganz gleich, wie intensiv mancher Traum auch sein mochte. Aber im Gegensatz zu ihm wusste sie noch nicht lange genug davon, als dass sie es schon aufgeben wollte zu glauben, dass man da nichts mehr machen könnte. Wenn jedoch Lichtmagie nicht geholfen hatte... dann war es womöglich die falsche Art Magie gewesen!
Ihre Gedanken waren vermutlich verquer und mochten recht unsinnig wirken, allerdings... sie war in das adelige Leben hinein gewachsen und hatte ihren Willen in den letzten Jahren immer, absolut immer bekommen! Also wollte sie ihn auch jetzt durchsetzen! Und wenn diese Methode nicht helfen würde... nun, dann würde sie sich eben was Neues ausdenken und an ihm herum experimentieren. Irgendwie müsste das schließlich zu kitten sein, was er aus Dummheit einst begangen hatte! Und womöglich wäre es dadurch auch eine Lösung für seinen fehlenden Arm...
Das Problem hierbei war jedoch... ihre Flatterhaftigkeit! Den Großteil ihres Lebens hatte sie sich nicht ernsthaft mit Dingen ausgiebig beschäftigen müssen, sodass ihre Gedanken gut und gerne sprunghaft wie bei einem Kind geblieben waren. Das zeigte sich auch jetzt, als endlich die Information, die er ihr zuvor gegeben hatte, in ihre Überlegungen eindringen und dort einige Schalter umlegen konnten.
Prompt sprach sie es aus und starrte ihn an, als wäre er mit einem Mal der schrumpelige Apfel, als den sie sich fühlte! Er hingegen... protestierte und begann daraufhin tatsächlich zu lachen. Sie hingegen löste sich und verschränkte die Arme vor ihrer schlaffen Brust. "Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll!", maulte sie und verbarg damit, dass sie sich eigentlich über seine Reaktion freute, weil sie ihn gerne lachen hörte. Ehrlich und amüsiert, nicht irgendwie boshaft oder voller Selbsthass.
Bei seinen Worten runzelte sie die Stirn und legte den Kopf etwas schief, wollte schon Luft holen, als er verstummte. Dennoch kam er ihr zuvor, als er sie in die Seite knuffte. "Hey!", beschwerte sie sich und bekam dann noch eine Ladung Gemeinheiten zu hören, sodass sie die Hände in die Seite stemmte.
"Gar nicht wahr! Ich bin viel zu jung, als dass das ewig her sein könnte, und absolut knackig und..." Sie seufzte und sah einen Moment lang betrübt an sich herab. "Na ja... das war einmal...", murmelte sie und drohte nun ihrerseits in trübe Gedanken zu versinken, wenn er nicht weiter gesprochen hätte.
Langsam hob sie ihren Kopf wieder an und als er die möglichen Jahre nannte, wurden ihre Augen groß. Schon trat ein Funkeln darin auf und schien sich in einem weiteren, frechen Kommentar entfalten zu wollen, wenn sie nicht just in diesem Moment gestört worden wären. Mehr noch, es zeigte sich ausgerechnet ein Gesicht, dass sie jetzt gewiss nicht sehen wollte. Allerdings bemerkte sie auch die Freude bei Corax, sodass sie lediglich kurz die Lippen aufeinander presste, sich ihre Bemerkung jedoch verkniff.
Was nicht bedeutete, dass sie gänzlich schwieg, denn bei der neuen Information verschränkte sie ablehnend die Arme vor der Brust. Auch, weil sie hoffte, damit das plötzliche, kräftige Herzklopfen verbergen zu können, dass sich bei der Aussicht auf ein wenig Zeit mit dem anderen Elfen einstellen wollte. "Und wann genau habe ich noch mal beschlossen, Unterricht haben zu wollen?", murrte sie scheinbar überhaupt nicht erfreut.
Tatsächlich erfüllte sie der Gedanke an diese Möglichkeit mit zwiespältigen Gefühlen, nachdem sie von ihren Eltern so lange von dieser Möglichkeit ferngehalten worden war. Hinzu kam diese bekannte und dennoch nicht gerade wohlgelittene Stimme, die prompt erklang und dafür sorgte, dass sie unbehaglich die Schultern hoch zog. Und noch eine Spur höher, als kurz darauf das echte Timbre erklang und dafür sorgte, dass sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufstellten. Hoffentlich bemerkte das niemand!
Sie hingegen konzentrierte sich somit lieber auf den Kapitän und sah ihn mit einem leichten Stirnrunzeln an. Schon waren sie jedoch wieder unter sich und sie konnte es sich nicht verkneifen, ihrem Raben einen Blick in der Mischung aus Frage und leisem Spott zu zuwerfen. "Mit dir sprechen, so, so. Männergespräche wieder, hm? Natürlich, bei deinem Alter hast du viel Wissen weiter zu geben... wenn du dich noch an alles erinnern kannst.", stichelte sie mit einem kleinen Grinsen.
Doch das verblasste rasch bei seiner Frage, bei der sie unschlüssig mit den Schultern zuckte. "Ich... ich weiß es nicht. Ich weiß ja nicht mal, ob ich überhaupt Unterricht haben will!", nuschelte sie und sah zu der Tür.
Ob es daran lag, dass sie mit ihm dabei zusammen sein sollte? Oder an der Tatsache, dass sich ihr lang gehegter Wunsch so unverhofft erfüllen sollte? Jedenfalls war sie unsicher und wäre jetzt lieber erst einmal für sich gewesen, nahe am Wasser, um durch dessen Ruhe womöglich zu einer Einsicht gelangen zu können. Außerdem fehlte ihr der Anblick des Meeres, nachdem sie so lang bewusstlos gewesen war.
Schließlich seufzte sie und rang sich ein schiefes Grinsen ab, als sie ihn wieder ansah. "Na ja, ich kann es mir ja vielleicht mal anhören, was er zu bieten hat und dich deinen... Männergesprächen überlassen.", versuchte sie, sich selbst Mut zu machen, und reckte sich ihm entgegen zu einem letzten, abschließenden, kurzen Kuss.
Dann wandte sie sich zur Tür und öffnete diese mit einem schnellen Ruck, um einen neugierigen Van Tjenn zu überrumpeln, sollte dieser gelauscht haben. Und auch wenn nicht, konnte sie sich nicht verkneifen, für beide laut und deutlich zu verkünden:"Du kannst jetzt rein. Aber pass auf und überfordere ihn nicht. Alte Leute hören nicht mehr so gut, brauchen mehr Zeit zum Denken und müssen früh ins Bett!" Sie warf Corax einen frechen, herausfordernden Blick über die Schulter hinweg zu, trat hinaus auf den Gang und konnte nicht umhin, den Kapitän noch einmal zu mustern.
Denn ihr kam etwas in den Sinn, das sie mehr als tief seufzen und den Kopf schütteln ließ. "Na toll... zuerst der Vaterverschnitt und dann der Opa... Warum nicht einmal meine Generation?", murmelte sie und wollte an ihm vorbei gehen, um eventuell den Weg zu dem Waldelfen und seinem Unterricht einzuschlagen. So ganz sicher war sie sich da noch nicht... und eilig hätte sie es erst recht nicht!
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Montag 15. Mai 2023, 08:44

Corax stutzte. Seine Augen huschten zu der getroffenen Stelle am Brustkorb, ehe sie sich an Azuras hefteten. "Wahrscheinlich kann ich nur im Traum noch das empfinden, was im richtigen Leben nicht mehr möglich ist", erwiderte er und senkte den Blick. In Manthalas Reich gab es keine Grenzen. Dort konnte er noch immer der Mann sein, der er auf Celcia nicht mehr war. Dennoch fügte er nach einem Atemzug an: "Es war trotzdem gut, auf einer anderen Ebene. Ich werde es nicht vergessen."
Hätte er nur geahnt, dass Azura sich dessen durchaus bewusst sein konnte! Sie hatte seine Emotionen als niedergeschriebene Erinnerung auf einer der Schriftrollen gelesen, die aktuell noch in ihrer Tragetasche im Schlafzimmer sein mussten. Corax' Erinnerungen und Gefühle und er hatte sich auf einer gesamten Rolle nur dem Moment in der heißen Quelle von Nogrot gewidmet. Azura wusste, wie gut es für ihn gewesen war, aber er hatte Recht. Körperliche Befriedigung mochte er eher in den Wirren eines Traum finden. Auf emotionaler Ebene aber hatte er an jenem schicksalshaften Tag in den heißen Gewässern seinen Höhepunkt gefunden.
Corax bemerkte nicht, wie er lächelte und dass sich unter dem Mantel aus schwarzem Gefieder viele schillernde Farben bewegten. Bei jedem Rascheln der Federn lugte eine andere darunter hervor. Er verbarg einen Regenbogen aus reinstem Glück unter dem Leid, das er sich übergeworfen hatte und Azura konnte es hervorkitzeln. "Es war gut ... für dein erstes Mal", entgegnete Corax mit einem Aufblitzen der roten Juwelenaugen und einem schiefen Grinsen.
Azura wechselte rasch das Thema, um nicht länger auf ihre Entjungferung zu sprechen zu kommen - so schön sie sich auch angefühlt hatte. Stattdessen wandte sie sich dem Gespräch zu, das Corax mit Caleb seiner Zeit noch auf der Blauen Möwe gehabt hatte. "Du magst Caleb nicht sonderlich, oder? Woran liegt es? Weil ihr euch geküsst und er dich nackt gesehen hat?" Woher auch immer Corax es wusste, blieb Azura zunächst verborgen. Aber er wusste, was Caleb an ihr gesehen hatte. Er wusste sogar von dem Kuss, den sie sich in ihrer Trauer um ihren tot geglaubten Raben gestohlen und den Caleb sich zurückgeholt hatte. Er wusste alles! Aber er blieb vollkommen ruhig, ohne weitere Federn aus Leid zu entwickeln. Er nannte Caleb nach wie vor einen Freund, schien sogar irritiert darüber, dass Azura ihm so viel Ablehnung entgegenbrachte. Zwischen beiden Männern musste mehr als nur ein Gespräch stattgefunden haben. Ihr Herz schlug aber nur für ihn - pochte vielleicht etwas zu heftig in Kjetell'os Nähe, aber für den Kapitän aus Andunie hatte sie nichts übrig. Nicht auf jener Ebene. Er würde niemals bei ihren Eltern vorstellig werden, um sich als potenzieller Schwiegersohn anzubieten. Diese Chance hatte er verpasst. Corax hingegen ...
Er erinnerte an sein Versprechen, Azura mit ihren Eltern wieder zusammenzubringen, doch das weckte Sorge in ihr. Rasch erklärte sie ihm den Grund und er nickte verstehend. "Dann müssen wir dich endlich von diesem Fluch befreien." Corax' Augen flogen erneut zu Azura Schoß, in dem noch immer die Schriftrolle der Wassermagie lag. Ihre elementaren Kräfte würden kaum das Untote von der Andunierin nehmen können, aber eine Göttin vermochte es vielleicht. Eine Göttin, die nach dieser Schrift gierte, warum auch immer. Azura lenkte ihn erneut ab.
"Was ist mir dir? Jetzt weißt du ja, dass nicht diese Ungeheuer mit den grauenhaften Fratzen deine Eltern waren."
Ihr Rabe erwiderte ihr sanftes Lächeln. "Richtig. Ich habe gar keine Eltern."
"Willst ... willst du denn nicht herausfinden, woher du wirklich kommst?" Corax' überraschter Blick verdeutlichte ihr, dass er vielleicht schon einige Jahrzehnte auf Celcias Boden wandelte, aber diese Überlegung niemals in Erwägung gezogen hatte. Das bewiesen auch die Erinnerungsbilder, die Azura und Madiha gesehen hatten. Erinnerungen und Sehnsüchte eines kleinen, dunkelelfischen Jungen mit Blessuren und missbrauchter Seele, der am Fenster stand und eine Mutter ihr Kind verteidigen sah, bis sie totgeprügelt worden war. Ein Junge, der sich eine solche Frau wünschte, nur um das Gefühl zu kennen, eine Mutter zu haben. Er hatte es nie erfahren. Er verband nichts mit dem Begriff von Eltern.
"Vielleicht bietet sich ja hier eine Möglichkeit, wo so viele jetzt in der Stadt sind?"
"Hm..." Zumindest dachte er darüber nach. Doch dann hob er ratlos die Schultern. "Wo soll ich anfangen? Ich habe nicht einen Ansatzpunkt." Corax schüttelte sanft den Kopf. "Diese Vergangenheit muss ich ruhen und loslassen. Aber vielleicht lässt sich eine Zukunft formen." Seine Augen bekamen ein warmes Leuchten, verheißungsvoll und geschwängert von Hoffnung. Er drückte Azuras Hand in seiner.
Kurz darauf begannen sie beide aber zu scherzen, als Azura das Alter ihres Raben erfruhr. Eine Zukunft mit einem so alten Knacker bilden? Sie veralberte ihn, aber er fühlte sich nicht wirklich gekränkt. Beide scherzten herum mit tiefer Zuneigung füreinander und vielleicht hätte Azura sogar die Hürde ihres Äußeren überwunden und sich in seinen Armen liegend wiedergefunden - befriedigt und glücklich - wäre ihre Zweisamkeit nicht von einem Kopf unterbrochen worden, der sich durch den Spalt der geöffneten Tür drängte. Ausgerechnet Caleb war der Störenfried, wenngleich er im Auftrag des jüngst zur Gruppe gestoßenenen Elfen handelte. Und als Azura Kjetell'os Stimme im Hintergrund vernahm, flatterte ihr Herz erneut auf. Aber nicht nur sie sollte in den Genuss eines anderen kommen. Caleb wollte sich mit Corax unterhalten und sofort neckte sie ihn erneut mit den Sagen umwobenen Männergesprächen, die beide offensichtlich verbanden. Dieses Mal ließ Corax sich nicht auf die Stichelei ein.
"Ich rede mit ihm und du könntest an diesem Unterricht teilnehmen - falls du ihn überhaupt nötig hast." Sein Blick fiel noch einmal auf die Schriftrolle der Wassermagie. Er fragte nicht nach. Azura würde entscheiden müssen, ob sie das kostbare Kleinod mitnahm oder nicht. Vielleicht wollte sie sich auch erst darum kümmern, ehe sie zu den Unterrichtsräumen aufbrach. Doch dass sie gehen würde, machte sie mit einem letzten Kuss auf Corax' Lippen deutlich. Es war erneut Zeit für Abschiede, wenngleich sie kurz ausfallen sollten.
Schon machte Azura sich auf, den Gang zu betreten. Dabei riss sie die Tür bewusst sehr hektisch auf, fast schon in der Hoffnung, einen lauschenden Caleb zu ertappen. Der Dieb aber lehnte mit verschränkten Armen neben der Tür an der Wand. Er musterte Azura mit gerunzelter Stirn ob ihres Auftritts.
"Du kannst jetzt rein. Aber pass auf und überfordere ihn nicht. Alte Leute hören nicht mehr so gut, brauchen mehr Zeit zum Denken und müssen früh ins Bett!"
"Hä?", erwiderte Caleb vollkommen perplex, während Corax aus dem Raum hinter seiner Liebsten amüsiert rief: "Ich bin nicht alt!" Azura ließ ihn und einen verständnislos dreinschauenden Caleb hinter sich. Sie machte sich auf, den Anweisungen Kjetell'os zu folgen und das Unterrichtszimmer aufzusuchen.

weiter bei Eine Lehrstunde in Sachen Magie
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 1. Juni 2023, 22:10

Madiha kommt von Eine Lehrstunde in Sachen Magie

Madiha verließ das Turmzimmer. Stufe umd Stufe lenkte sie ihre Schritte zurück in die unteren Ebenen der Akademie. Draußen tobte noch immer ein ordentlicher Regenguss und der Wind, welcher durch die glaslosen Fensternischen herein wehte, war kalt und salzig. Der Donner hallte von den Steinwänden wider als begleitete er das Kind der Wüste die Wendeltreppe hinab. Aufzuckende Blitze erhellten ihr den Weg, aber hier brannten glücklicherweise ohnehin überall Laternen in regelmäßigen Abständen. Wer auch immer sie entzündete, hatte allein damit wohl schon den halben Tag zu tun. Die Akademie war groß. Sie bot auf diese Weise reichlich zum Bestaunen, Entdecken und Nachdenken. Madiha dachte auf ihrem Weg jedoch vor allem nochmal an Kjetell'o.
Der Waldelf hatte seine Ansichten geändert. Er zeigte sich offen, schon einen großen Kontrast zu Madihas bisherigen Bekanntschaften darstellte - ihre Freunde ausgenommen. Denn viel zu oft war sie bisher an richtige Sturköpfe geraten oder gar an Personen, die sich mit ihren Entscheidungen über sie stellten, nur weil sie eine Sklavin war und somit nicht wirklich ein Mitspracherecht. Aber inzwischen hatte sich einiges geändert. Ehemalige Sklavin, Schülerin der Feuermagie und noch dazu bei einem Lehrmeister, der sie auf einer Augenhöhe behandelte. Er sah nicht auf sie herab. Sein Blick hing noch als festes Bild in Madihas Gedanken. Vor allem den letzten, den Kjetell'o vor ihrem Abschied auf sie gerichtet hatte. Dieser scharfe, wachsame Blick aus tiefen Wäldern mit Sonnensprenkeln. Seine feinen Elfenohren hatten ihr Murmeln definitiv gehört.
Du brauchst unsere Hilfe, das hatte sie gesagt. Es war ihr mehr für sich selbst über die Lippen gekommen, als sie die Erkenntnis traf. Kjetell'os Blick hingegen hatte es ihr endgültig bestätigt. Es brauchte keine Worte. Seine Augen hatten still zugestimmt. Er dachte weiter als sie alle zusammen, aber seine Worte - so kryptisch er sie auch hatte halten müssen - deuteten daraufhin, dass er in mehr verstrickt war als den erfolgreichen Versuch, Serpentis Mortis zu stürzen. Wäre das sein einziges Ziel gewesen, dann würde er sich nun nicht Corax' Mächten bedienen, um die dunkelelfische Hexe weiterhin zu mimen, während er Dinge in die Wege leitete. Was hatte Caleb ihr noch gleich erzählt? Ihr Plan sah vor, Serpentis als angeschlagen zu zeigen, so dass sie sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückzog und ihren Posten an andere vergab. An Personen, denen Kjetell'o in dieser Hinsicht offenbar traute. Die Magier-Akademie würde unter dunkelelfischem Deckmantel weiter bestehen, tatsächlich aber von einer Gruppierung geführt, die sich nicht damit abgab, im Schatten der dunklen Völker zu leben. Kjetell'os Anwesenheit zog eindeutig weitere Kreise und er plante nicht nur, weil es ihm Freude oder Nervenkitzel bereitete. Er lehrte Madiha und Azura sicherlich nicht nur aus reiner Nächstenliebe die Magie. Er plante. Er hatte Dinge vor und wollte sie einbinden. Deshalb benötigte er ihren Gehorsam und sei es nur für einen einzigen Moment. Einen, der offenbar entscheidend wäre ... für viele andere, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren.
Es gab eine Menge nachzudenken, bis sich Madiha und Kjetell'os Wege erneut kreuzen sollten. Für's erste aber war sie entlassen und durfte sich auch anderen Themen widmen als jenen, die noch immer zum Großteil in Gewänder aus Geheimnissen gehüllt waren. Ihr Hezr zog sie zurück zu dem Zimmer, das Corax bewohnte. Dorthin, wo sie Caleb zurückgelassen hatte. Sie wollte zu ihm. Er würde ihr nicht nur allein durch seine Anwesenheit eine Stütze sein, sondern konnte ihr sicherlich auch den einen oder anderen Rat erteilen. Madiha beschleunigte ihre Schritte, nachdem sie den Turm und die Wendeltreppe hinter sich gelassen hatte. Die langen, flauschigen Läufer in den Korridoren schluckten ihre Schritte, so dass sie sich trotz eines zügigen Vorankommens recht lautlos bewegte. Es war also nicht verwunderlich, dass sie sowohl von Caleb als auch Corax nicht sofort bemerkt wurde, nachdem sie den Gang erreichte, der sie zum Zimmer des Raben gebracht hätte. Sie entdeckte beide schon aus der Ferne. Die Männer standen neben der Tür. Corax lehnte mit dem Rücken an der steinernen Wand und Caleb stand vor ihm. Er redete auf den Elfen ein, legte ihm schließlich eine Hand auf die Schulter, welche in einem verbundenen Stumpf endete und dann starrte er ihn an. Corax wirkte unschlüssig. Plötzlich seufzte er auf, dass die Geste allein Madiha sofort nochmal an Kjetell'o denken lassen musste. Ob sie anschließend aber überhaupt noch an irgendetwas dachte, wusste nur sie allein.
Corax nickte langsam, wobei er die Lider sinken ließ und das löste bei Caleb eine heftige Reaktion aus. Er jauchzte auf, dass Madiha es aus ihrer Distanz heraus noch hören konnte. Anschließend packte der Kapitän seinen Gegenüber an beiden Schultern, zog ihn von der Wand fort und dicht an sich heran, um ...
Die Welt hielt für einen Moment den Atem an. Selbst Blitz und Donner schienen für diesen Augenblick verstummt, da Caleb den Kopf leicht neigte, so wie er es bei Madiha schon getan hatte. Nur dieses Mal zögerte er nicht in unerfahrener Verlegenheit wie bei ihr. Er ging sehr entschlossen vor, fast stürmisch. Das Kind der Wüste wusste genau, was Corax nun schmecken würde, denn sie erinnerte sich, wie Caleb schmeckte. Seine vom Wetter leicht spröde gewordenen Lippen, an denen die Freiheit hing. Sie legten sich auf Corax sanft geschwungenen Elfenmund, den er in Überraschung eine Spur weit geöffnet hatte. Caleb versiegelte ihn mit dem seinen. Er drängte sich gegen den Elfen, dass Madiha seinen Adamsapfel hüpfen sehen konnte. Sie glaubte sogar, die Bartstoppeln erkennen zu können, wie sie sich im Kuss leicht an Corax' dunkler Haut rieben. Sicherlich kratzten sie, aber auf eine angenehme Weise, die Madiha nun nicht zuteil wurde.
Und Corax? Er wirkte im ersten Moment wahrlich überrascht, doch ganz der Sklave sträubte er sich nicht dagegen, wenn sein Freund und Liebhaber seiner Herrin - somit auch sein Herr - sich ihm aufdrängte. Nach dem ersten Schrecken gab er nach. Madiha konnte erkennen, wie er langsam die Lider senkte, dass sie auf Halbmast standen. Sie konnte sehen, wie die Überraschung aus seinen angespannten Muskeln wich und er sich fügte. Er stand da, gehalten von Caleb und ließ sich küssen. Und er begann, es zu erwidern. Doch ehe es zu tiefergehenden Zungenspielen kommen könnte, löste Caleb sich von ihm. Er grinste breit. Er strahlte! Er wirkte voller Freude, aber sein Blick ähnelte nicht im geringsten dem, wenn er Madiha nach einem Kuss anschaute. Es fehlte die verliebte Zuneigung und doch lag etwas in dem Grünblau seiner Iriden, das seinen ganzen Körper mit Euphorie erfüllte.
"Gibt mir etwas Zeit", plapperte er auf den Dunkelelfen ein. "Ich muss einige Vorbereitungen treffen, ehe wir ... das wird wunderbar ... ich kann es kaum erwarten. Ich bin richtig nervös! Aber du darfst ihr nichts verraten, ja? Ich..."
Wenn Menschen sich näherkamen, entwickelten sie ein Gespür füreinander. Zwillinge besaßen die schon von Geburt an, denn sie fanden bereits im Mutterleib zueinander und teilten neun lange Monate ihre Zeit miteinander. Geschwister, Freunde oder Liebende mussten dieses Gespür erst entwickeln. Aber so wie getrennte Zwillinge instinktiv wussten, dass es ihrem Gegenpart gut ging oder er in unmittelbarer Nähe war, so gelang es manchmal auch anderen Paaren, diesen Faden aufzugreifen, so dass kein Zweifel bestand. Just in diesem Moment durchzuckte Caleb jenes Gespür und er wandte instinktiv den Kopf herum. Grünblaue Augen trafen auf blaugraue Seen. Er blinzelte, um sich klar zu werden, dass Madihas Anwesenheit keine geisterhafte Erscheinung war. Er ließ Corax los und wich einen halben Schritt von ihm zurück. Dann räusperte er sich, hob eine Hand und legte sie sich in den Nacken. Schon setzte er das spitzbübische Grinsen auf, mit dem er schon so manchen Sarmaer Halunken daran hatte hindern können, ihm den Kopf abzureißen.
"Madi!", grüßte er sie und nun öffnete auch Corax wieder seine Augen, um zu ihr zu schauen. Er wirkte lange nicht so verlegen wie Caleb. "Ist dein Unterricht schon vorbei?", plapperte jener drauflos. "Dann hast du jetzt Zeit? Ich wollte mit dir noch in die Stadt hinunter. Keine Sorge, das wird funktionieren, solange wir uns nicht mit den Dunkelelfen direkt anlegen. Aber ich dachte, dir tut auch ein Wechsel ganz gut."
Ein Wechsel ... so wie er es offenbar gerade mit seinen Kusspartnern anging.
"Mach dir keine Sorgen, Herrin", bat Corax leise.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Freitag 9. Juni 2023, 21:59

Als sie die Stufen hinabstieg, verlor sich ein wenig der Zauber, der in diesem Turmzimmer stattgefunden hatte. Madiha war überwältigt von ihrem eigenen Potenzial gewesen und mit Sicherheit am meisten überrascht darüber, dass ausgerechnet sie so etwas beschwören konnte. Während sie den Wind spürte, der ihr unbarmherzig durch die Scharten um die Ohren wehte, bemerkte sie eine weitere kleine Neuerung: Sie fror weit weniger als noch beim Aufstieg. Es mochte Einbildung sein, doch anhand dessen, dass sie spüren konnte, wie die Flammen in ihrem Innern gemächlich flackerten und sich die Magie mit jedem Pulsschlag bis in ihre Fingerspitzen verteilte, verlor die Kälte ihre Schärfe. Als hätte Kjetell’o einen Knoten aus schwarzem, verdorrten Geäst gelöst und sich mit seinem Glauben an ihr Können einen Weg hindurchgeschnitten. Der schwarze Klumpen, den sie sonst immer gespürt hatte, wenn sich ihre Magie einen Weg nach draußen bahnte, war verschwunden. Stattdessen floss der sinnbildliche Lavastrom gemächlich dahin und sie hatte keine Angst mehr davor. Es war wundervoll zu erkennen, dass sie durchaus auch mit ihrer Magie in der Lage war, niemanden zu gefährden. Natürlich wusste die Sarmaerien, die inzwischen den Fuß der Treppe erreicht hatte und den Weg zum Zimmer ihres Aufwachens einschlug, dass sie noch viel würde lernen müssen. Aber anstatt daran zu verzweifeln, fühlte Madiha nur Vorfreude. Sie stutzte. Vorfreude? Obwohl der Elfemann Bedingungen stellte, die sie in eine Zwickmühle bringen könnten? Sie wollte frei sein… aber machte sie sich dann nicht mit einer Einwilligung wieder zu einer Dienerin? Sie würde lernen, was er für richtig hielt. Sie würde erfahren, was er glaubte, dass sie erfahren müsste. Gäbe es denn Raum für ihre Neugierde? Oder würde er, einmal eingewilligt, eine andere Seite zeigen? Und was wäre das, was sie für ihn zu tun hätten, sollten sie sich seinen Bedingungen unterwerfen? Madiha seufzte tonlos. Es war gar nicht so einfach eigene Entscheidungen zu treffen und damit dann auch leben zu können. Was wenn sie etwas übersah? Was wenn sie in eine Falle lief? Aber sollte sie deshalb ihre erste Chance auf etwas sinnvolles wegwerfen? Was würde sie sonst in dieser Welt hervorbringen? Sie hatte nichts gelernt und sie hatte – abgesehen von ihrer Freiheit – auch kein wahres Ziel. Natürlich wollte sie die Welt kennenlernen, auf der sie lebte. Sie wollte zu dem Gebirge reisen, das Kjet ihr gezeigt hatte, wollte in einem Wald die Magie erleben, die er beschrieb. Sie wollte sehen, was die Götter erschaffen hatten, und sie wollte ihren Platz finden. Madiha schritt die Gänge gemächlich entlang, denn ihre Gedanken wogen schwer und verlangsamten ihren Schritt. Sie spürte, dass sie allein nicht sehr weit kommen würde. Das Für und Wider dieser Sache kollidierte mit ihrer Neugierde, ihre Magie noch weiter zu erforschen. Oh, Madiha wollte lernen und sie hätte Kjetell’o wohl alles versprochen. Einzig ihrer hart erlernten Vorsicht war es zu verdanken, dass sie sich Bedenkzeit erbat. Sie brauchte jemanden, der neutral auf die Lage blickte und ihr einen Rat erteilte, was sie tun sollte. Und wer käme da besser in Frage als Caleb? Bisher hat er sich noch immer bemüht, dass ihr nichts widerfuhr, das nicht ihrer eigenen Idee entsprang. Er wäre für sie da und sie konnte sich auf ihn verlassen. Das wusste Madiha. Mit dem Gedanken an den Dieb, lächelte sie flüchtig und beschleunigte ihren Schritt. Auf den weichen Teppichen war es eine ganz andere Freude immer wieder einzusinken und niemand hörte ihre Schritte darin. Madiha fand sich recht gut zurecht und bog schließlich in den Gang ein, der die Tür zum Zimmer beherbergte, in das sie wollte. Ihr Blick traf jedoch bereits vor der Tür auf Caleb und Corax und sie lächelte, wollte sich bemerkbar machen, bevor sie etwas zurückhielt.

Madiha hielt inne und beobachtete die Szene vor sich mit einem verblassenden Lächeln. Die Art und Weise, wie die beiden zugange waren, löste in ihr einige Fragen aus, doch ging sie langsam dennoch weiter. Leise, dass man sie nicht kommen hörte. Dann schien Corax widerwillig in etwas einzuwilligen, was Caleb wiederum hoch erfreute. Madiha runzelte die Stirn, verstand sie doch nicht. Dann erstarrte sie in ihrer Bewegung, während Caleb in seiner Freude etwas tat, was in Madiha so einiges auslöste. Er küsste Corax… Sie stand stockstill da und starrte mit großen, graublauen Augen auf die Männer. Es dauerte an. Das war kein freudiger Kuss im Überschwang…oder? Caleb genoss diesen Kuss, er zögerte ihn hinaus, bis selbst Corax ihn erwiderte. Madiha’s Herz verlangsamte das Tempo, bis es stillstand. Ihre Ohren rauschten und dieses Mal wusste sie, dass es nicht ihre Magie war. Trocken wurde ihre Kehle, während ihr Inneres mit Gefühlen bombardiert wurde, die sie nicht kannte. Da war Verwunderung. Überraschung. Dann war da ein ekliges Gefühl, das sie oftmals bei Azura hatte, wenn sie und Caleb gemeinsam agierten. Es pikste und stach sie tief ins Herz. Dann aber war da auf einmal ein ganz anderes Gefühl: Ein Brennen in ihrer Brust. Madiha wich einen Schritt zurück, weil sie nicht ertragen wollte, was sich ihr in die Netzhaut brannte. Doch plötzlich war es vorbei und Caleb strahlte über beide Ohren. Unschlüssig, ob sie sich bemerkbar machen oder lieber gehen sollte, zögerte sie zu lange: "Gibt mir etwas Zeit. Ich muss einige Vorbereitungen treffen, ehe wir ... das wird wunderbar ... ich kann es kaum erwarten. Ich bin richtig nervös! Aber du darfst ihr nichts verraten, ja? Ich..." Sie verstand seine Worte nicht und hörte nur das Geheimnis heraus. Sie hörte die Worte, dass Corax nichts verraten sollte. Wem nicht? Dann erinnerte sich Madiha daran, dass Caleb Corax aufsuchen wollte, weil er an Dunia gedacht hatte. Ihr Herz wurde noch etwas schwerer. Das anfängliche Lächeln war nun gänzlich gewichen. Unsicher und betreten stand sie zwischen den Männern und einer Flucht und wusste sich noch nicht recht zu entscheiden, da wurde sie bemerkt. Ertappt sah sie auf und bekam weder ein Wort noch eine Regung hervor. "Madi!“, sie zuckte zusammen. "Ist dein Unterricht schon vorbei? Dann hast du jetzt Zeit? Ich wollte mit dir noch in die Stadt hinunter. Keine Sorge, das wird funktionieren, solange wir uns nicht mit den Dunkelelfen direkt anlegen. Aber ich dachte, dir tut auch ein Wechsel ganz gut." Ihr Mund war so trocken, dass sie kein Wort herausbrachte. Madiha blickte von Caleb zu Corax und wieder zurück. Ihre Blicke brannten auf unangenehme Weise. „Unterricht?“, fragte sie nach und musste sich erstmal wieder erinnern, dass sie ja eigentlich gerade ziemlich euphorisch von Kjetell’o gekommen war, und ihren Fortschritt mit Caleb teilen wollte. Als wäre alles ausradiert, kamen diese Informationen nur langsam zu ihr zurück. „Oh! Ehm… Ja, wir… also ich bin fertig. Ich… wollte …“, sie runzelte die Stirn und sah zu Boden. "Mach dir keine Sorgen, Herrin", hörte sie da und sah zu Corax. Sie suchte in seinen Rubinen nach einer Erklärung und ließ ihn im Gegenzug erkennen, dass sie die Situation nicht einzuordnen vermochte.
Doch dann fiel ein Vorhang und Madiha schloss ihre Überraschung und ihre Verletzung ein. Sie straffte die Schultern und reckte etwas das Kinn. „Worüber sollte ich mir Sorgen machen?“, entgegnete sie etwas schärfer als beabsichtigt. Ihr Blick flackerte zu Caleb, hielt seinem aber nicht stand. „Jeder kann machen, was er will.“, murmelte sie bitter und schüttelte ihre Gefühle dazu ab. Oder versuchte es zumindest. Sie war verletzt und verstand nicht. Doch das sollte weder Corax noch Caleb erkennen. Sie tat so als wäre es ihr egal. Worin sie eher schlecht war. „Ich habe jetzt Zeit ja. Gehen wir in die Stadt.“, antwortete sie etwas kühler als gewöhnlich in Richtung Caleb. Dann sah wandte sie sich zu Corax. „Komm doch mit.“, bot sie an und zuckte die Schultern dabei. Wenn Caleb sich schon mit absolut jedem vergnügte, dann machte es für Madiha keinen Unterschied, ob sie die Zeit zu zweit hatten oder sie alle drei gingen. Offenbar wurde für einige alles geteilt. Und Corax wusste ebenso wie sie, dass man immer entbehrlich war. Und austauschbar. Sie hätte nicht einer falschen Annahme erliegen dürfen, es wäre dieses Mal etwas anderes. Was ihre Gefühle für Caleb jedoch nicht schmälerte. Das war ja das Problem. Madiha verschluckte ihr eigenes Anliegen und sah die beiden abwartend an. „Meinetwegen können wir.“, bemerkte sie noch auffordernd, ehe sie den Blick abwandte und wartete, als wäre sie diejenige, die mitkommen dürfte und das auch nur, um nach einem Bummel auf dem Markt, die Einkäufe zu tragen.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Dienstag 13. Juni 2023, 08:43

All das Feuer, all die Euphorie ... Caleb vermochte beides nicht nur neu in Madihas Herzen zu entfachen, sondern auch mit einer einzelnen Geste zum Verlöschen zu bringen. Jedenfalls kurzzeitig und im Schreck des Bildes, das er bot. Seine Lippen, die sich auf Corax' drückten! Er küsste den anderen Mann, zwar ohne Einsatz seiner Zunge, aber dennoch war hier eine Grenze überschritten. Eine Grenze, die Madiha nun erstmals in ihrem Leben kennen lernte, denn irgendwo tief in ihrem Inneren stach der Anblick ein Messer in ihr Herz. Es brannte und es weckte auch Wut. Ob auf Caleb, Corax oder einfach nur die Situation bemünzt, würde sie selbst entscheiden müssen. Wichtig war, dass sie nun nicht direkt aus der Haut fuhr. So gut hatte sie ihre Feuermagie nämlich noch nicht unter Kontrolle, aber sie spürte sicher auch, wie das Stechen sich als Hitzewallung in ihrem Leib ausbreitete, bereit, aus den Fingerspitzen zu schießen.
Der Unterricht, ihre Erfolge, Kjetell'os Angebot und auch seine Bedingungen waren vergessen. Jetzt existierte nur diese Szene und Madiha wurde Teil von ihr. Sie war entdeckt worden, aber nicht nur sie fühlte sich ertappt. Sie kannte Caleb, kannte die Anzeichen von Nervosität. Es war ihm unangenehm, dass sie diese Szene hätte sehen können. Er ging wohl sogar davon aus, dass sie alles mitbekommen hatte, überspielte es aber sofort. Er war nicht bereit für Erklärungen. Hätte Corax sich nicht an Madiha gewandt, wäre wohl ein weiterer Dolch in ihr Herz gerammt worden und das Feuer doch noch ausgebrochen. Aber der Rabe hielt sie mit sanften Worten zurück. Mach dir keine Sorgen, hatte er sie wissen lassen. Damit erreichte er sie. Madihas Augen trafen auf Corax'. Er erwiderte den Blick mit einer Dringlichkeit, die sie aufforderte geduldig zu sein. Dann huschten die Rubine zu Caleb herüber. Jener kaschierte alles bereits mit dem Vorhaben, in die Stadt zu wollen, um Madiha den Markt zu zeigen. Wo war seine Empathie hin? Wo seine Rolle als Fels in der Brandung, wenn es ihr schlecht ging? Das konnte er nicht sein, nicht jetzt, da es ihn direkt betraf. Er merkte es selbst und es schien ihn nur nervöser zu machen. Hastig wischte Caleb sich die störrischen Haarsträhnen nach hinten, damit sie wieder in sein Gesicht fallen konnten, sobald er sich den Nacken hielt. Seine Wangen glühten und er wich dem Blick des Wüstenkindes aus. Er wirkte erst erleichtert, als Madiha entgegnete: "Worüber sollte ich mir Sorgen machen?" Caleb atmete sogar erleichtert aus. Nur Corax bemerkte die Schärfe in ihrer Stimme und der Rabe war auf ihrer Seite. Er trat neben sie, hätte ihr wohl auch eine Hand auf die Schulter gelegt, wenn sein linker Arm nicht fehlte. Mit dem rechten herüber zu greifen, wäre nun zu umständlich. Aber Corax stand neben ihr. Seine Wangen glühten nicht, nur in seinem Nacken raschelte es wie von frischem Gefieder.
"Jeder kann machen, was er will."
"W-wieviel hast du ... mitbekommen?" Nun bemerkte auch Caleb, dass keine Zeit für Erleichterung war. Sie hatte ihn gesehen, vielleicht gar gehört. Sein Lächeln schwand zusammen mit seiner Vorfreude. Damit ahmte er Madihas letzte Minuten nach, als sie den Gang herab gekommen war und beide Männer entdeckt hatte. So schuldbewusst, so reuig hatte sie ihren Dieb selten gesehen und doch schien er nicht mit der Sprache herausrücken zu wollen. Das machte es allerdings nur schlimmer, denn es entstand eine unangenehme Stille zwischen den dreien. Madiha durchbrach sie, als sie Corax spontan einlud, das Paar zum Markt zu begleiten. Caleb blinzelte. Er hatte offensichtlich andere Pläne gehabt. Corax hingegen musterte erst ihn, dann Madiha und ... nickte entschieden. "Natürlich", nahm er das Angebot an. Und dann wandte er sich mit einer so dominanten Stimme an den Dieb, dass selbst dieser darunter zusammenzuckte. "Du solltest vorgehen und irgendetwas finden, damit wir im Gewitter nicht nass werden!"
Wer war hier der selbst ernannte Sklave und wer der...?
"Herr", fügte Corax nun doch devoter an, aber Caleb bekam es kaum mit. Er nickte hastig und wandte sich zum Gehen. Nein, er floh. Seine Schritte waren eilig und sein Abschied knapp. "Bis gleich!", rief er beiden noch zu. Dann eilte er davon, froh, der Situation entkommen zu sein. Selbst Corax war ihm einen missbilligenden Blick hinterher. Seine Augen waren noch auf den Gang geheftet, als er die Worte an Madiha richtete.
"Ich kann dein Leid förmlich riechen."
Jetzt drehte er sich so, dass seine Hand ihre Schulter hätte halten können, aber er hob die Finger zu ihrem Gesicht an. Noch berührte er sie nicht, so schwebten sie einfach auf Höhe ihrer Wange in der Luft. "Ich kann es nehmen, aber dieses Mal weiß ich nicht, ob das ... richtig wäre." Corax sank vor Madiha auf ein Knie herab, dann auf das zweite. Er neigte sich vor, die Stirn wieder gen Boden gerichtet. Sie konnte ein paar schwarze Federn sehen, die aus seinem Nacken wuchsen. Es waren nicht viele und sie sahen weich aus mit ihrem dunklen Flaum, aber es wirkte trotzdem noch immer sehr befremdlich. Gleichermaßen musste Madiha sich weiterhin daran gewöhnen, dass ein Sklave sich vor sie in der ihr nur allzu gut bekannten Haltung niederkniete. Corax sah sie noch immer als seine Herrin an und dieses Mal war es vielleicht das Beste, das ihr passieren konnte.
"Dein Wort hat mehr Gewicht", begann er. "Wenn du es also wünschst, werde ich dir verraten, was er vor hat." Dann richtete er sich auf, um sie anzusehen. Seine Augen funkelten warm im Licht. Sein Blick blieb allerdings gefestigt und entschlossen. Er rutschte näher an Madiha heran, immens nahe. Dann neigte er sich vor, um seine Stirn und die kohlrabenschwarzen Haare gegen ihren Bauch zu drücken. "Oder du vertraust mir, dass er niemanden mehr liebt als dich und es genau das ist, was zu diesem ... Moment geführt hat. Es wird gut ausgehen, ich verspreche es dir."
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Montag 26. Juni 2023, 23:45

"W-wieviel hast du ... mitbekommen?" Der graublaue Blick hob sich in die Augen des Diebes. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos und für einen Moment schaute sie nur. Dann hob sie leicht die Schultern an und brach den Blickkontakt wieder ab als Corax neben sie trat. Die Stille war beinahe greifbar und auch wenn Madiha nicht auf die Frage von Caleb geantwortet hatte, war wohl allen klar, dass sie genug mitbekommen hatte. Doch sie ließ sich nicht beirren. Das unsichere Mädchen hatte eine kleine Verwandlung durchgemacht. Wie eine versteinerte Rose, die allmählich im Glanz der Sonne und mit genügend Wasser die Hülle verlor und erstrahlte. Zwar sah Madiha sich gewiss nicht selbst so, doch konnte sie auch nicht verbergen, dass ihre Erlebnisse etwas mit ihr machten. Sie hatte eben erst ein wenig Auftrieb erhalten. Hatte endlich mal erkennen dürfen – selbst erkennen dürfen! -, dass sie durchaus zu etwas im Stande war. Dass man sie ihr Leben lang darauf hatte trimmen wollen, dass sie absolut nichts wert wäre, sollte nun Lügen gestraft werden. Das Mädchen konnte die Magie noch immer in sich fühlen. Sie war da, jede Sekunde und es fühlte sich so an, als hätte man so einige Barrieren entfernt, die diesen Fluss hatten verhindern wollen. Nun war ihr Feuer vorhanden und es fühlte sich gut an. Es war wie ein stummer Freund, der fortan vielleicht immer bei ihr sein würde. Und sie nicht verletzte, wenn sie es richtig anstellte. Sie würde es gewiss lernen dürfen, wenn sie sich entschied, Kjetell’os Anweisungen anzunehmen. Nun aber stieß sie erneut an eine Grenze, die sie nicht hatte kommen sehen können. Caleb’s Reaktion auf welche Pläne auch immer, taten ihr weh. Für sie war er einzigartig. Aber sie erkannte, dass das längst nicht auf Gegenseitigkeit beruhen musste. Und sie würde es verstehen, wenn sie nur ein wenig länger darüber nachdenken könnte. Ja, sie würde ihm jede Freiheit gewähren. Weil sie ihn aufrichtig liebte und nicht wollte, das er etwas tat, was ihm unangenehm wäre. Oder einschränkte. Und wenn das bedeutete…. Ihr Blick glitt zum Raben und sie schluckte. Den Schmerz konnte sie nicht leugnen. Trotzdem aber reckte sie das Kinn und wirkte eine Spur zu trotzig. Wer sollte es ihr verdenken? So lud sie Corax kurzerhand mit ein, um auf den Markt zu gehen. Der Rabe würde sich vielleicht an so etwas erfreuen, glaubte sie. Dabei kam ihr nicht der Gedanke, dass er es lediglich aus Pflichtgefühl tun könnte. Madiha glaubte, dass auch Corax inzwischen verstanden hatte, dass er Freiheiten hatte, die es ihm ermöglichten, eigene Entscheidungen zu treffen. Und als er plötzlich die Masken wechselte, sah selbst Madiha auf und blinzelte über die Dominanz, die er anschlug. "Du solltest vorgehen und irgendetwas finden, damit wir im Gewitter nicht nass werden!". Das Mädchen zuckte leicht zusammen und sah zweifelnd zu Caleb, der sie wie ein erschrecktes Tier duckte und sich sofort aufmachte, um zu tun, was ihm gerade der ‚Sklave‘ auftrug. Madiha verzog den Mundwinkel leicht, während sie ihm nachsah. Sie vergaß für einen Moment den Raben neben sich, denn Caleb blieb eben eine gute Seele, die sich nicht von Standesdünkel verbiegen ließ. Sie schätzte das an ihm und gerade deshalb tat es so weh, dass er offensichtlich nicht das gleiche Maß an Gefühlen ihr gegenüber entgegenbrachte. Corax riss sie aus ihren Gedanken, während sie mit ihrer Aufmerksamkeit wieder zu ihm zurückkehrte.

"Ich kann dein Leid förmlich riechen." Madiha’s Blick traf seine Rubine. Sie wirkte ernst und schweigsam. Ohne eine genaue Regung, musterte sie Corax für einen Moment und verleitete ihn somit, zum Weitersprechen: "Ich kann es nehmen, aber dieses Mal weiß ich nicht, ob das ... richtige wäre." Kurz sah sie zur Seite auf seine Finger und runzelte die Stirn, während er innehielt. Madiha wich seinem Blick aus. „Schon gut. Wie gesagt, ich..“, er sank vor ihr auf den Boden und sie wich instinktiv zurück. Ihr Blick lag fragend und fast schon peinlich berührte auf dem Raben: „Corax… bi-“, er fiel ihr ins Wort: "Dein Wort hat mehr Gewicht. Wenn du es also wünschst, werde ich dir verraten, was er vor hat." Madiha runzelte nun tatsächlich die Stirn. Sie schüttelte ihren Kopf, zögerte dann aber und sah zum Gang, in dem Caleb verschwunden war. Ihr Herz klopfte bei dem Gedanken zu erfahren, was Caleb so umtrieb. Madiha aber ging schlicht davon aus, dass der Dieb seinem Leben als Freigeist frönen wollte. Eine Bewegung, richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Corax. Er rutschte dicht an sie heran und schon spürte sie seine Stirn, die gegen ihren Bauch lehnte. Sie hielt die Luft an. Für sie war das immer noch alles merkwürdig und noch immer fühlte sie sich sehr überfordert mit diesem Miteinander. Für Madiha war Corax einfach… Corax. Er war kein Sklave, er war ein Freund. Oder … auf dem Weg dorthin? So sicher war sie sich diesbezüglich eben auch nicht. Manchmal glaubte Madiha, dass er einfach seinem bekannten Weg folgte, um ein sicheres Netz zu haben. Hier und dort brach er daraus hervor, kehrte aber immer wieder in den Schoß des Bekannten zurück. Und es war in Ordnung, denn sie verstand ihn gut. Allerdings brachte er sie immer mal wieder mit seiner Handlung in eine Zwickmühle und zeigte ihr, dass auch sie längst nicht frei von allen Ketten war.
"Oder du vertraust mir, dass er niemanden mehr liebt als dich und es genau das ist, was zu diesem ... Moment geführt hat. Es wird gut ausgehen, ich verspreche es dir." Ihre Miene verdunkelte sich. Wo eben noch sein warmer Blick dafür gesorgt hatte, dass sie leicht lächelte, trat sie nun zurück. Sie achtete darauf, dass er nicht den Halt verlor, doch sie entzog sich seiner Nähe. „Du musst das nicht sagen, um ihn zu schützen... Ich werde nicht von dir verlangen, sein Geheimnis zu verraten.“ Madiha hob den Blick und räusperte sich. Sie glaubte nicht, dass Corax die Worte aufrichtig meinen könnte. Für sie war es eine Schutzbehauptung. Sie wünschte, Corax würde aufstehen und sie könnten auf einer Ebene miteinander sprechen. Wie…. Freunde. Aber auch da war sie vielleicht eher die treibende Kraft hinter dem Gedanken. Ihr Blick fiel abermals auf den Raben und sie schien kurz zu überlegen. Dann sank sie ebenfalls auf die Knie und brachte sich auf seine Ebene. Sie waren gleichgestellt. Wenn er das nicht sah, dann zeigte sie es ihm eben auf ihre Weise. Das Mädchen seufzte leicht und schüttelte abermals den Kopf. „Caleb ist… er ist eben jemand, der keine Ketten erträgt.“, sie sah erneut auf die Stelle, an der er verschwunden war. Ihr Blick war sehnsüchtig, aber auch verstehend. „Wer wäre ich, wenn ich verlangen würde, nur mich… zu sehen?“, man sah ihr durchaus an, dass sie sich das wünschte, aber gleichwohl nahm sie ihren Wunsch zurück, um jemand anderem Platz zu lassen. „Er kann tun, was er will.“, sie sah zu Corax zurück und einen Moment wirkte sie unschlüssig. „Das bedeutet aber nicht, dass ich deine Freundschaft zu ihm gefährde. Er sollte es selbst wollen…“, murmelte sie und versuchte, die Stimmung etwas zu lockern. „Komm jetzt…“, sie rang sich ein Lächeln ab und legte ihre Hände auf seine Schultern. Mit leichtem Druck gab sie ihm zu verstehen, aufzustehen. „Warst du schon mal auf einem Markt?“, fragte sie und versuchte die unschöne Szene einfach zu ignorieren. Sie lenkte ab. Für einen Moment ließ sie Raum für ihre Frage, bevor sie weitersprach: „Ich kenne nur den Basar in Sarma.“, ließ sie Corax teilhaben und ging neben ihm her, falls sie bereits den Weg einschlugen. Plötzlich aber hielt sie inne und stutzte. „Corax… kennst… weißt du etwas über… den Adel hier?“, fragte sie ihn und sah aus, als wäre ihr gerade etwas eingefallen. „Caleb’s Familie lebt hier.“, erzählte sie dem Raben und wirkte mit einem Mal ein wenig unruhig. „Er sagte, er wolle sein Elternhaus besuchen später…“, erzählte sie weiter und tastete sich allmählich an eine Idee heran, die just in diesem Moment auftauchte. „Auch wenn er… also auch wenn er offenbar nicht so… wie ich für.. ihn...“, sie stammelte und verhaspelte sich, sodass sie ihre Gefühle durcheinander bekam. Madiha ballte die Hände zu Fäusten und schnaufte einmal, ehe sie sich entschlossener zu Corax wandte. „Ich will ihn nicht blamieren…“, rückte sie mit der Sprache heraus und wurde wieder kleinlauter. „Weißt du, wie ich mich am besten verhalten sollte, seinen Eltern gegenüber?“, fragte sie leise und räusperte sich. Es war ihr unangenehm, weil sie durchaus offenlegte, dass er ihr äußerst wichtig war und sie einfach gar nichts über etwaige Gepflogenheiten wusste. Und gerade nach der Szene eben und ihren vermeintlichen Erkenntnissen über sie beide, war es umso verletzender genau das zuzugeben. Madiha wäre nicht davor geschützt, wenn Caleb beschloss sie auszunutzen oder auszutauschen. Sie würde ihre Gefühle nicht ändern können… Und sie verstand auf einmal, während sie in die Rubine des Raben blickte, wieso Corax nicht von Azura loskam, egal wie sie sich aufführte oder die Menschen um sich herum behandelte. Er würde alles für sie tun. Und Madiha?… Sie würde alles für den Dieb tun.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Dienstag 27. Juni 2023, 20:09

Corax hatte sich entwickelt, so wie Madiha sich verändert hatte. Sie hatte bereits miterlebt, wie er gelegentlich aus seinem Käfig ausgebrochen war. Nicht jede seiner Aktionen war von Glück geprägt, denn damals hatte auch er sich entschieden, wie er Madihas Sorgen und Ängsten ein Ende setzen konnte - in der andunischen Taverne, in der er mehreren Dunkelelfen und zwei Orks ein Ende gesetzt hatte. Diese Tat würde nicht vergessen bleiben und sicherlich auch nicht bei Corax. Selbst das Massaker hatte seine Freunde nicht davon abgehalten, weiterhin zu ihm zu stehen. Sie hatten ihn gesucht, gefunden und aus Serpentis' Fängen befreit, endgültig und für immer. Er lernte, dass Fehler nicht unverzeihlich waren, obwohl durchaus Diskussionsbedarf bestand. Er war ein mehrfacher Mörder. Vielleicht fiel es Madiha deshalb so schwer, die letzten Grenzen zu einer Freundschaft zu überschreiten. Sie traute ihm. Sie entdeckte so viele Ähnlichkeiten zwischen ihr und dem Raben an ihm. Aber er hatte sie auch gewürgt, war bereit gewesen, sie zu töten. Er hatte für sie getötet. Es würde Zeit brauchen und nicht jedes seiner Worte konnte sie blind glauben.
Als er so vor ihr kniete, wieder in dieser devoten Haltung eines jeden Sklaven, da glaubte sie ihm nicht. Es fiel ihr schwer, ausgerechnet in einer Sache zu vertrauen, die Caleb betraf. Nein, das stimmte nicht. Es kam auf die Situation an und Caleb hatte den Raben mit reichlich Zuneigung geküsst. Es war kein freundschaftlicher Schmatzer im Überschwang gewesen. Warum sollte Madiha nun darauf vertrauen, dass sie die einzige für den Wüstendieb wäre?
"Du musst das nicht sagen, um ihn zu schützen."
Corax schaute zu ihr auf. Seine Rubine waren wie so oft schwer zu deuten. Seine Seele war nicht gebrochen, der Blick besaß Glanz - Hoffnung. Mehr als er es je gezeigt hatte. Seine Wege schlugen neue Bahnen ein, auf denen er vielleicht eines Tages wandeln würde und zwar auf gleicher Ebene wie alle anderen. Er wollte es tun, ihm fehlte vielleicht nur noch etwas Mut dazu. Madiha sank zu ihm herab. Eine Ebene, zwei Augenpaare, die sich auf dieser Höhe trafen.
"Tu ich nicht", erwiderte er. "Caleb muss nicht beschützt werden. Er kann gut auf sich selbst aufpassen. Ich bin hier, um dich zu schützen, Herrin." Corax zögerte nur kurz. "Madiha."
"Ich werde nicht von dir verlangen, sein Geheimnis zu verraten." Er nickte, wirkte sogar ein wenig erleichtert. Er hätte es auf ihre Bitte ohne Umschweife getan. Ungern, aber Caleb stand in seiner eigens aufgeführten Hierarchie unter Madiha. Und sie stand ihrerseits vielleicht auch unter Azura. "Caleb ist ... er ist eben jemand, der keine Ketten erträgt." Corax nickte. Das verstand er. Natürlich tat er das! Niemand wusste besser wie es ist, Ketten zu tragen, als ein Sklave. Madiha wusste das auch. Kein Lebewesen wollte diese tragen, aber Caleb würde unter ihnen schneller zerbrechen. Er würde hart kämpfen, aber falls er fiel, wäre er nicht mehr zu retten. Seine Seele brauchte Freiheiten und Madiha befürchtete seinen vollkommenen Verlust, wenn sie ihm diese Freiheiten nicht gewährte. Langsam verstand sie, warum der Rabe bereit war, für Azura alles zu tun und zu riskieren. Liebe war ein zweischneidiges Schwert und wenn ein Partner das erkannte, es ausnutzte, konnte es verheerend sein. Vor allem, weil der Ausgenutzte wider besseren Wissens weiterhin in Liebe und Zuneigung handelte ... und in zerstörerischer Selbstaufgabe. Liebe war gefährlichere Magie als es Madihas Feuer je sein könnte.
"Er kann tun, was er will." Wenig später erhob sich die getroffene Wüstenblume. Ihre Blüten waren von einem neuen Wind zerrissen worden. Ob sie für immer herabfielen oder sie neue Knospen würde tragen können, wusste nur die Zeit. Sie forderte Corax auf, ihr zu folgen. Beide konnten schon einmal zum Ausgang der Akademie gehen und darauf hoffen, Caleb dort anzutreffen oder unterwegs wieder einzusammeln. Solange niemand einen umweg machte, konnten sie sich nicht verpassen.
Der Rabe erhob sich ebenfalls und war mit schnellen Schritten an Madihas Seite. Er ging immer eine Nuance langsamer als sie, um nicht direkt neben ihr zu laufen wie sie feststellen könnte. Er war auf einem guten Weg, aber noch immer nicht soweit. Nicht bei ihr. So wie es ihr schwer fiel, ihn bedingungslos als Freund anzusehen. Da legte Corax im Gehen seine einzige Hand auf ihre Schulter. Die Finger besaßen kaum Gewicht und doch konnten sie einen Hals so spielend leicht zudrücken, wenn sie wollten. Ob Corax auch mit nur einer Hand dazu in der Lage wäre?
"Vertrau mir. Und sprich mit mir. Ich werde dir dein Leid diesbezüglich nicht nehmen, aber ich kann dir zuhören." Kam er deshalb der Aufforderung nach, sie und Caleb auf den andunischen Markt zu begleiten oder tat er es aus reinem Pflichtgefühl heraus? Corax sprach sich dazu nicht aus und alsbald wechselte das Mädchen aus Sarma das Thema. Sie wollte den Schmerz in ihrem Herzen für eine Weile vergessen, wollte es nicht zerdenken und sich nicht hineinsteigern. Andernfalls hätte sie Corax vielleicht doch nocht nach Calebs Motiven gefragt. Den Dieb konnte sie einfach nicht aus ihren Gedanken bannen und so kam es, dass sie ihre Gelegenheit nutzte, um ihren Sklaven - ihren Gefährten, vielleicht Freund - nach etwas zu fragen, das bei Azura besser aufgehoben gewesen wäre. Die Adlige gehörte in die andunischen Kreise. Sie kannte Caleb sogar von dort. Sie wusste, wie man sich verhalten musste, um sich nicht vor einer noblen Familie zu blamieren. Madiha fürchtete sich davor und konnte nur hoffen, dass Azura Corax möglicherweise bereits ihre Welt gezeigt oder wenigstens davon erzählt hatte. Aus den Traumbildern seiner Vergangenheit heraus hatte Madiha kaum absehen können, aus welcher Welt Corax gekommen war. Als Säugling hatte er in einem anständigen Bettchen gelegen, in einem Zimmer, dem mütterliche Liebe ebenso zuteil geworden war wie dem Kind. Er wäre sicherlich wohlbehütet aufgewachsen, hätten die gruseligen Männchen ihn nicht geraubt. Darüber hinaus aber wusste sie nichts von ihm. Das hinderte Madiha nicht daran, einen Versuch zu wagen. Sie mochte Corax nicht gänzlich vertrauen, aber weit genug, um sich auf dieser Ebene ihm anzuvertrauen.
Er lauschte. Er hörte zu. Dann meinte er: "Ich bin in ihre Häuser eingebrochen. Das ist Monate her. Ich war einer von vielen Soldaten, die geplündert haben, aber ich hatte meine eigene Mission. Nur ... wollte ich der nicht nachgehen." Er schüttelte den Kopf, musste aber schmunzeln. "Ich sollte eine Wassermagierin suchen, eine Begabte. Ich wollte nicht. Es war das erste Mal, dass ich mich gegen Herrin Serpentis auflehnte - passiv. Ich wollte einfach nur die Stadt der Menschen sehen und schloss mich den Plünderern an. Ich bin in die reichsten Anwesen adliger Andunier eingebrochen. Ich frage mich, ob ich auch in Calebs Haus war..." Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann fuhr Corax fort: "Ich könnte dir sagen, wie sie sich einrichten und dass ihre Frauen schrill aufschreien, bevor sie in Ohnmacht fallen, während Männer entweder feige fliehen oder mit winzigen Degen versuchen, gegen schwer gerüstete Soldaten und Dunkelelfenschwerter anzukommen." Er schaute zu Madiha herüber. Sein Blick war ernst. "Ich hab mich nicht an den Morden beteiligt. Daran nicht und auch nicht an den Vergewaltigungen, selbst wenn ich damit drohte. Ich wollte nur ..." Ausbrechen. Einen Moment lang nicht er selbst sein. Er seufzte und griff sich in den Nacken, als dort das Gefieder raschelte, weil es um eine weitere schwarze Feder ergänzt wurde.
"Auch wenn er ... also auch wenn er offenbar nicht so ... wie ich für ... ihn... Ich will ihn nicht blamieren... Weißt du, wie ich mich am besten verhalten sollte, seinen Eltern gegenüber?" Corax' Blick haftete auf Madiha und sie musste stehenbleiben, weil er plötzlich nicht mehr weiterging. Seine Hand lag im Nacken. Es erinnerte nich ansatzweise an Caleb. Der Rabe war nicht nervös, selbst wenn er an seinem Gefieder herum nestelte.
"Nein", erwiderte er. "Ich könnte dir verraten, wie ein Sklave sich ihnen gegenüber verhält ... aber ... das weißt du. Jetzt musst du eine Herrin sein. Oder vielleicht ... einfach nur du. Ah!" Er stieß einen knappen Schmerzenslaut aus, als er sich eine Feder direkt aus dem Nackenfleisch zupfte. Tatsächlich schimmerte ihre Spitze blutig, als er sie Madiha präsentierte. "Siehst du die hier? Das ist seine", erklärte Corax. Er musste Calebs Namen nicht extra nennen. "Er liebt dich sehr und er sorgt sich sehr darum, dir nicht zu genügen. Deshalb ist er Kapitän. Deshalb plant er, seine Eltern aufzusuchen. Er legt sich Ketten an, um dich nicht zu enttäuschen."
Er drehte die Feder einmal herum und aus den schwarzen Anteilen wurden plötzlich weiße. Dann schimmerten sie in allen Regenbogenfarben, als hätte jemand einen vom Himmel geholt, um die Feder darin zu ertränken. Er schimmerte und glänzte kostbarer als jeder Edelstein. Corax lächelte warmherzig. "Und das ist seine Freude, jedes Mal, wenn er deinen Namen ausspricht. Sein Glück, als ich ... zustimmte, etwas ... bevor er mich küsste." Corax wusste im Gegensatz zu Caleb sehr wohl, was Madiha alles mitbekommen hatte und er schob hierbei kein Blatt vor den Mund. Er sprach es offen an. "Er liebt dich, weil du nicht adlig bist. Weil du einfach du bist. Er ist das Kind seiner Eltern. Sie werden dich auch lieben." Der Rabe reichte ihr Calebs Feder. Sie blieb weiß mit buntem Schimmer. Das schwarze Leid, die Sorge, behielt Corax für sich zurück. "Nimm sie und betrachte sie, wenn du zweifelst. Gib sie mir zurück, wenn Caleb ... naja, du willst nicht, dass ich es verrate. Du wirst sie mir zurückgeben können, Herrin. Sobald keiner von euch mehr Zweifel hat."
Schritte durchbrachen die Stille, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. Sie kamen eilig den Gang herauf, brachten Feuchtigkeit mit sich, sowie einen abgehetzten Wüstendieb, der trotz allem zufrieden wirkte. "Oh gut, ihr seid mir entgegen gekommen", rief er ihnen zu und bremste haarscharf vor ihnen ab. Dann setzte Caleb sein verschmitztes Lausbubengrinsen auf. Seine Augen aber lugten mit Vorsicht zu Madiha herüber. "Ich habe einen richtig schönen, großen Schirm gefunden." Er präsentierte ihnen beiden eine aufklappbares Schirmgestellt aus biegsamen Holz, das mit schwarzem Tuch bespannt war. Es musste auf eine besondere Weise imprägniert worden sein. Es fühlte sich Wasser abweisend an und war im Gegensatz zu Caleb kein bisschen feucht. "Wir können uns beim Tragen abwechseln, aber er sollte groß genug sein, dass wir ... alle drei ... drunter passen." Der Dieb warf Corax einen Blick zu. Er lehnte dessen Anwesenheit nicht kategorisch ab. Beide waren Freunde! Außerdem hatte Madiha ihn eingeladen, mitzukommen. Trotzdem sah man Caleb an, dass er lieber allein mit ihr losgezogen wäre. Daraus wurde nun nichts. Sie würden als Trio den andunischen Markt unsicher machen.

weiter bei Die Hafenstadt Andunie -> Marktplatz Andunies -> Andunische Marktvielfalt
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Montag 25. März 2024, 16:33

Madiha kommt von Das Wohnviertel Andunies -> Das Anwesen der Familie van Tjenn

Es wurde immer leichter, die Akademie der Wassermagie zu Andunie zu betreten. Zwar hielten noch immer Dunkelelfen am Eingang Wache, aber sie führten keine allzu strengen Kontrollen mehr durch und schienen mit dieser Änderung von oben auch zufriedener zu sein. Außerdem machte ihnen das Wetter zu schaffen. Noch immer regnete es, als wollte Ventha ganze Ozeane über der Stadt ausschütten. Nicht wenige in der Akademie selbst schnieften und husteten. Tatsächlich herrschte inzwischen aber eine ungewohnte Normalität, die auch die dunklen Völker einbezog. So sah man zwei Jungmagier mit einem Rollwagen hinter einer älteren, beleibten Zauberin herlaufen. Sie machte immer wieder Halt bei den Dunklen, die ihren angestammten Posten zu bewachen hatten. Sie bot ihnen eine heiße Tasse Tee und ein Filzbeutelchen an, aus dem sie sich bedienen durften. In der Tat nahmen die meisten das Angebot an. Der Beutel enthielt Bonbons, für den Hals wohl, denn beim Passieren der Wachen schwebte plötzlich ein angenehmes Aroma diverser Kräuter in der Luft. Madiha kannte nicht alle. Sarma rühmte sich eher mit pikanten Gewürzen, aber auch sie bemerkte, wie wohltuend allein der Duft war. Vor allem aber behagten ihr und Caleb die Wärme. Auch wenn es sich um eine Akademie der Wassermagie handelte, so musste das feuchteste aller Elemente nicht überall sein. Die Magier hatten jeden Kamin und jede Feuerschale angezündet, damit die Eleven sich daran etwas aufwärmen und vor allem trocknen konnten. Es ging geschäftig zu in den dicken Mauern dieser Lehrreinrichtung. Langsam schienen sich auch die Optionen zu wandeln. Längst sah man nicht nur andunische Schüler durch die Gänge streifen oder waldelfische Studenten von außerhalb. Auch die ersten Dunkelelfen und sogar zwei Goblins huschten in den Roben der Akademie umher. Ein Ork schleppte einer blonden Magierin die Bücher nach, während sich hier und da Grüppchen aus Professoren und Dunkelelfen bildeten, um miteinander zu debattieren.
"Es wirkt so ... normal", bemerkte Caleb, dem die ersten Veränderungen ebenfalls auffielen. Er hatte Recht. Immer mehr fügten die dunklen Völker sich in den andunischen Alltag ein und nicht alles machte einen so schlechten Eindruck wie frisch nach den Eroberungen. Natürlich würden sehr viele Andunier dieses Ereignis nicht vergessen und ein Großteil von ihnen garantiert auch nicht verzeihen, aber gerade die jüngeren Generationen versuchten, offen zu sein. Wenigstens hier auf der Akademie funktionierte es schon recht gut.
auf dem Weg zu Kjetell'os Zimmer - das eigentlich Corax und ihm gehört hatte - schnappten Madiha und Caleb Gespräche und Gerüchte auf, die Serpentis Mortis betrafen. Die Leiterin der Akademie sei lang nicht mehr in der Öffentlichkeit gewesen. Man munkelte wohl, dass sie bereits den Folgen des missglückten Attentats erlegen war. Andere behaupteten sie habe sich wie so viele hier wegen des Regens eine saftige Erkältung eingefangen und das schien den meisten Erklärung genug. Immerhin war sie eine Feuermagierin. Caleb schnaufte, als sie an einer Gruppe Andunier vorbeikamen, die sich über das Feuer als schwaches Element lustig machten.
"Die haben ja keine Ahnung", säuselte er und drückte Madihas Hand. Dann erreichten beide endlich die Tür, hinter der sich Kjetell'os Zimmer befand. Dass der Elf anwesend sein musste, hörte man sofort heraus. Ein Niesen von der anderen Seite brachte die schwere Tür zum Erzittern und dann hörte man den Elfen mit nasaler Stimme sprechen: "Würdest du mir noch einen Tee zubereiten, Jakub?"
"Und so willst du losziehen?" Das Brummen war unverkennbar der Glatzkopf. Schon hörte man Schritte und dann zog eben jener die Tür von innen auf. Er musterte Caleb und Madiha, nickte beiden zu. "Hättet ruhig noch länger ... ähem ... ihr wisst schon. Liebe machen ... am besten noch eine Woche lang. Kjetell'o sollte das Bett hüten." Caleb machte dem Ersten Maat Platz, als dieser sich mit einem Räuspern an ihm vorbei schob, um Tee zu holen. Er verkündete, für alle gleich genug mitzubringen. Dann verschwand er im Gang.
Seine Worte entsprachen der Wahrheit. Das erkannte das Paar, als es den Raum betrat und Kjetell'os Zustand gewahr wurde. Der Elf sah nicht gut aus. Er war blass, aber die Haut von einem fiebrigen Film überzogen. Sein Haar hing ihm verschwitzt und matt in die Stirn. Der Blick war glasig und obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, stand er lieber am Kamin als sich ins warme Bett zu legen. Wenigstens trug er gestreifte Socken an den Füßen und eine Wolldecke über den Schultern.
"Da bist du ja", grüßte er Madiha und lächelte ihr zu. "Hast du alles erledigt? Dann könnten wir ja heute noch-" Ein Husten unterbrach sein Vorhaben, als wollte es ihn daran erinnern, dass er in diesem Zustand nirgends würde hingehen können. Hier zeigte sich wohl doch, dass Azura seine Tochter war. Unter gewissen Umständen entpuppte Kjetell'o Aschwurz sich nämlich nicht minder stur als die Adlige.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Dienstag 26. März 2024, 12:08

Madiha musste viel lernen und sie war auch bereit dazu. Dass sie bei Jivvin so hart reagierte, hatte mehrere Gründe. Sie brauchte Personen um sich herum, die ihr halfen, sich in der komplizierten Welt zurechtzufinden. Und wenn jemand sich als Lehrer aufschwang, dann vertraute Madiha diesem. Sie vertraute Kjetell’o, sie vertraute Jivvin und beide waren nicht ehrlich zu ihr gewesen, binnen kürzester Zeit. Das Mädchen brauchte aufgrund ihrer Herkunft nur wenig, um tatsächlich verunsichert zu werden. Und es waren jene Momente, die sie weit zurückwarfen in ihre bekannte Haltung. Madiha zog sich lieber zurück, machte Platz und senkte den Kopf, wenn andere sich hervortaten und mit ihren strahlenden Lichtern die Umgebung erhellten. Sie war noch nicht soweit, das ebenfalls tun zu können. Allerdings war ihre Liebe bedeutend stärker als man vielleicht glauben mochte. Als Caleb vielleicht wusste. Madiha war so aufrichtig darin, dass sie sogar ihre antrainierte Haltung verließ und klarmachte, dass sie nicht verdrängt werden wollte. Jivvin’s Unverfrorenheit machte es zu etwas persönlichem. Und Caleb, der einfach geschwiegen hatte, hatte sie schließlich verunsichert. Beides in Kombination hatte Madiha schließlich zu eben jenen Punkt gebracht, da sie erkennen musste, dass sie dieses Mal kein Verständnis aufbringen und akzeptieren konnte, was andere taten. Aber das Gefühl war ihr neu. Bisher hatte sie noch für jeden einen Platz gehabt in ihrem Herzen. Aber nicht so… das wollte sie nicht mehr. Sie wollte, dass man sie sah und vor allem respektierte. "Es ist vollkommen verständlich. Ich würde dich auch mit niemandem teilen wollen." Sie musterte Caleb, nachdem sie zugegeben hatte, dass sie sich verärgert fühlte. Sie verstand es nicht, aber sie war weitaus hilfloser als tatsächlich richtiggehend zornig. Allein seine Worte waren aber dazu angetan, Madiha Hilfe angedeihen zu lassen. Sie schloss die Augen für einige Sekunden und atmete durch. „Nein?“, fragte sie und blickte ihn wieder an. Aber wieso setzte er sie dann den Bildern aus? Wieso hegte er diese Freundlichkeit für all jene, die, in Madiha’s Perspektive besser waren? Sie schaffte es nicht, das zu verstehen. Sie wollte es von ihm wissen, weil sie glaubte, sie könnte es ihm anvertrauen. Sie wollte so nicht sein. "Madi..." Sie zog die Augenbrauen zusammen und senkte den Blick. Ja, sie war ein Scheusal, weil sie so dachte und fühlte. Es fühlte sich nicht gut an und schien nicht recht zu ihr passen zu wollen. Es war unbequem und doch… war es real. Caleb verhinderte mit seinem Näherkommen, dass Madiha weiter dem Regen ausgesetzt wurde und hob sanft ihr Kinn an, damit sie auch den Blick auf ihn richtete.
"Komm schon, sieh mich an, du kleines Scheusal." Das tat sie. Und sie konnte nicht anders als mit ihm gemeinsam zu Lächeln. Wie immer, wenn sie in seine Augen blicken durfte. Sie übernahm den Schirm und folgte seiner Bewegung hinunter auf ein Knie. Seine Hand wärmte nicht nur ihre Finger, sondern auch ihre Seele.

"Nehmen wir einmal an, es stimmt. Sie sind hübsch, wortgewandt, charmant ... und trotzdem.. Ich bin hier, bei dir." Das Zornige bröckelte bereits. Nur er schaffte das, weil er sie nicht verurteilte. Weil er sie in der Sicherheit bettete, die sie brauchte, um die Dinge zu verstehen. Weil er sich die Zeit nahm, wahrhaftig das Interesse besaß und ihr die Welt erklärte. "Ist schon gut, Madi. Ich glaube, das ist ganz normal, irgendwo. Solange du gegen niemanden vorgehst, um mich bei dir zu haben, ist es doch nur natürlich. Das allein wäre mir wichtig ... Mach allen anderen klar, dass du es bist, die mein Herz erobert hat, aber sperr es nicht ein, indem du mir verwehrst, neben dir andere Freunde zu haben. Freunde, mit denen ich freundschaftlich umgehen kann." Sie öffnete ihre nachdenkliche Miene und schüttelte sofort den Kopf. „Das würde ich niemals, wirklich nicht. Ich… ich war nur so überrumpelt von allem und wusste nicht mehr, was ich tun kann. Ich will niemandem etwas wegnehmen, weißt du? Ich weiß doch, wie es ist, nichts zu haben… haben zu dürfen. Und ich wünsche niemandem etwas Vergleichbares… aber… aber mir eben auch nicht mehr.“, räumte sie ein und biss sich auf die Unterlippe. "Ganz gleich wie schön, wortgewandt und charmant sie alle sein mögen, wirst du immer diese eine Stufe über ihnen stehen, Madi. Du bist die Schönste mit der besten Wortwahl und einem Funken sprühenden Charme, dem ich mich nicht entziehen kann. Nicht will! Mit der Zeit wirst du das erkennen und bis dahin: Mach dir keine Sorgen, ja? Rede mit mir, falls es so ist." Sie strahlte ihn an. Ihre Augen bekamen wieder einen ihr innewohnenden Glanz. Sie wirkten nicht mehr so trist, weil sie die Unsicherheit freigelassen hatte. Madiha atmete tief durch und schüttelte ihre Zweifel ab. Nur er konnte das auf diese Weise erreichen. Sie drückte seine Finger und lehnte sich etwas gegen ihn. „Ich verspreche, ich rede mit dir und… urteile nicht wieder zu schnell.“ Sein Blick bekam etwas Schelmisches und sie hob fragend die Augenbrauen, als sie sich auch schon plötzlich in seinen Armen wiederfand. Madiha lachte überrascht und dann umso ausgelassener, als er sich mit ihr drehte und durch den Regen wirbelte. Sie streckte eine Hand aus und genoss das schwindelige Gefühl, welche eine Mischung aus Drehwurm und Liebe war. Madiha lachte gelöst und legte ihre freie Hand an seine Wange, als er seine Lippen ihren entgegenneigte, um sie zu küssen. Das war es doch, worauf es ankam! Diese Momente… Madiha begann zu verstehen. "Wenn alles nichts hilft, treibe ich dir dieses kleine Scheusal aus ... mit Vorzügen, die keine andere jemals wird genießen dürfen. Das gehört allein dir. Ich gehöre allein dir, Madi. Ich liebe dich.Und ich liebe dich, von ganzem Herzen, Caleb.“, seufzte sie in eine winzige Unterbrechung ihres Kusses, bevor sie ihre Worte erneut mit einem Kuss unterstrich.
Nachdem sie wieder Boden unter den Füßen hatte, schwebte ihr Herz immer noch hoch oben in den Wolken. Sie lächelte selig, während sie sich bei ihm einhakte und mit ihm gemeinsam den Weg zur Akademie zurücklegte. "Weißt du, dass du am schönsten bist, wenn du mich ansiehst?“ Sie hob den Blick seitlich und das Funkeln zeigte überdeutlich, dass sie nur warme Gefühle für ihn hatte. "Und das beste Wort mein Name, gesprochen von deinen Lippen ist? Und du am charmantesten bist, wenn ich dir in irgendeiner unpassenden Situation meine Liebe gestehen kann? Das kann gar keine andere hinkriegen, denn da fehlt dieser Part an allen anderen, der es wert ist, von mir geliebt zu werden." Eine Gänsehaut fuhr ihr über den Körper und sie presste ihren Körper gegen seinen. Sie schloss für einen Moment lächelnd die Augen und konnte ihr Glück nicht fassen. Sie war töricht gewesen zu glauben, dass er sie einfach verlassen würde. Sie durfte nie wieder glauben, dass er sich stets nach etwas Besserem umschaute. Oder gar aus Berechnung handelte. Das war er nicht und sie hatte es für einen Moment vergessen. Das durfte nicht mehr passieren und Madiha nahm sich fest vor das nicht mehr zuzulassen.

"Wieder besser? Dann lass uns gehen. Irgendwo da oben erwartet uns ein Elf, der dir einige Antworten schuldig ist." Sie nickte. „Viel besser – danke, für deine Geduld, Caleb… Ich weiß, dass das manchmal… anstrengend ist. Aber ich lerne, versprochen!“, sie lächelte und schließlich gelangte sie mit einem weitaus beruhigteren Herzen zurück in die Akademie. Auch jene verlor mehr und mehr ihren Schrecken und auch wenn Madiha das gegensätzliche Element beherrschte und sich hier und dort mal der eine oder andere lustig machte, konnte das nicht mehr ihre Stimmung trüben. "Die haben ja keine Ahnung", Madiha’s Blick funkelte. „Haben sie nicht!“, erwiderte sie gelöst und gut gelaunt, regelrecht selbstsicher. Nur kurz darauf standen sie vor der Tür, die Kjetell’os Zimmer verschloss. Bereits durch das Holz erkannte Madiha die Stimme von Jakub und war erleichtert, dass er ebenfalls im Trockenen war. Tatsächlich taten die vielen, brennenden Kamine den Mauern hier gut. Es entfaltete sich eine wohlige Wärme und Madiha fröstelte nicht mehr so sehr. Als Jakub die Tür aufriss, lächelte Madiha ihm zu, nur um gleich erheblich zu erröten. "Hättet ruhig noch länger ... ähem ... ihr wisst schon. Liebe machen ... am besten noch eine Woche lang. Kjetell'o sollte das Bett hüten." Sie blieb verlegen, grinste aber ertappt und schaute daraufhin in das Zimmer, wo der Elf reichlich desolat am Kamin stand. „Meine Güte…“, murmelte sie und betrat mit Caleb das Zimmer, bevor sie seine Hand losließ. Madiha betrachtete den Elfen einen Moment und schüttelte den Kopf. „Er hat Recht, wir können so nicht los!“, versuchte sie es. "Da bist du ja. Hast du alles erledigt? Dann könnten wir ja heute noch-" Madiha verzog das Gesicht bei seiner Hustenattacke und schüttelte den Kopf. „Aber Kjetell’o, so kannst du nicht losziehen. Du… du willst nach Kosral und … Alycide befreien. Wie willst du das anstellen, ich meine… wie soll ich das schaffen, wenn du auf dem Weg dorthin am Fieber stirbst?“, fragte sie und leitete damit auch gleich schon das Thema ein. Sie seufzte und verschränkte dann die Arme. „Im Übrigen hättest du mir ruhig sagen können, dass du mich anstelle von Azura opfern möchtest, damit sie unbeschadet in ihr Leben zurückkehren kann… Was ihr überhaupt nicht schmeckt, nebenbei bemerkt.“, spielte sie auf das desaströse Verhalten der Adeligen an.
„Sie fühlt sich ungerecht behandelt von dir und… allen. Sie ist der Meinung, wir wollen sie alle nur einsperren und sie zum Warten verdammen.“ Madiha spürte erneut den Unglauben in sich Aufsteigen, aber Caleb hatte ihre Seele gereinigt. „Wie auch immer. Ich… gab dir mein Wort aber ich verlange etwas mehr Ehrlichkeit. Gerade wenn es… wenn es um mein Leben geht, das ich dir einfach so überlasse“, wurde sie wieder etwas kleinlauter. „Es fühlt sich einfach nicht schön an, wenn man weniger wert ist. Du magst das nicht kennen, aber… ich versuche wirklich etwas aus mir zu machen, weißt du. Und ich dachte, dein Unterricht könnte mir dabei helfen.“ Madiha verlor auf einmal die Scheu, Dinge anzusprechen, die ihr missfielen. Caleb stärkte ihr den Rücken und so traute sie sich auch, Kjetell’o gleich zu sagen, dass er sich falsch verhalten hat. „Aber ich verstehe auch, dass du Azura nicht mitnehmen willst, weil du sie in Sicherheit wissen möchtest“, sie hob den Blick. „Ich verstehe das wirklich aber…“, sie zögerte und hielt ihren Blick in seinem. „Kjetell’o… ich…. ich bin auch etwas wert!“, versuchte sie ihm mit Nachdruck klarzumachen, auch wenn es noch etwas bröckelig und ungewohnt klang, als sie es laut aussprach. Madiha spürte eine Aufregung in sich aufkommen. Es war irgendwie ein gutes Gefühl, es endlich auch mal zu sagen. Alle sollten es hören! Sie, Madiha, war kein Nichts. Sie war etwas wert.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Dienstag 26. März 2024, 18:33

Caleb besaß nicht nur Madiha gegenüber eine gütige Geduld, die ihresgleichen suchte. Er verurteilte weder sie, noch hatte er es mit Corax, Jakub oder Azura getan. Zugegeben, gegenüber dem Raben war ihm die Hand ausgerutscht, nachdem dieser im falschen Glauben, Madiha schützen zu müssen, ein Massaker an Dunkelelfen und Orks begangen hatte. Doch Caleb war auch nicht unfehlbar. Umso mehr hatte er sich bei Azura bemüht, immer wieder diplomatisch zu bleiben und nicht auf ihre eigene Abneigung ihm gegenüber einzugehen. Er war einfach so. Wenn jemand etwas nicht verstand und Caleb ihm einen Rat oder aufklärende Worte zukommen lassen konnte, dann tat er dies. Er verurteilte nicht einmal eine gesamte Volksgruppe, nur weil deren oberste Regierungsinstanz einen Feldzug gegen ganz Celcia anführte. Er hoffte darauf, dass Beste aus der Situation machen und Völker zusammenführen zu können, die sich vorher gegenseitig bekriegten.
Auch Madiha verurteilte Caleb nicht für ihr Verhalten. Er scherzte ein wenig darüber, meinte es aber vollkommen liebevoll. Diese familiären Neckereien gehörten für ihn eben dazu und Madiha nahm sie mit einem wohlwollenden Herzschlag nur allzu gern an. Weil Caleb so mit ihr umging, fühlte sie sich nach wie vor bei ihm geborgen und wagte es, ihm Dinge anzuvertrauen, die sie gegenüber anderen mit in die Schatten genommen hätte, in die sie sich selbst zurückgezogen und klein gemacht hätte. Caleb half ihr nicht nur, durch den Schleier ihres eigenen Zorns zu schauen, sondern auch, ihn beiseite zu schieben und wieder ins Licht zu treten. Er half ihr zu wachsen.
"Ich war nur so überrumpelt von allem und wusste nicht mehr, was ich tun kann."
"So ging es mir doch auch. Jedes Mal, wenn irgendeine Frau plötzlich an mich herantritt und direkt sagt, dass sie mich attraktiv findet ... das ... wirft mich vollkommen aus der Bahn." Er schnaubte amüsiert und rieb sich den Nacken. "Ist mir in Sarma nie passiert."
"Ich will niemandem etwas wegnehmen, weißt du? Ich weiß doch, wie es ist, nichts zu haben ... haben zu dürfen. Und ich wünsche niemandem etwas Vergleichbares ... aber ... aber mir eben auch nicht mehr."
"Du wirst nie wieder nichts haben, Madi. Du hast mich ... damit musst du nun leben", feixte Caleb. Er schien immer die richtigen Worte zu wissen, aber es waren auch seine Gesten, mit denen er sie wieder aus ihrem Trübsal herausheben konnte. Gerade als der Dieb Madiha anhob, sie herum wirbelte, da fühlte sie sich befreit aus ihrer Unsicherheit. Da wusste sie, dass sie sogar zu ihm kommen konnte, wenn das Gefühl sie zu erdrücken drohte. Caleb würde ihr zuhören. Er würde geduldig sein und ihr antworten, weil er sie aufrichtig liebte. Keine andere - weder Dunia, noch Azura oder Jivvin - hatten ihn davon abbringen können. Er hatte lediglich Zeit und etwas Mut gebraucht, um es offen an Madiha heran zu tragen. Er würde Zeit brauchen, um sich nicht mehr überrumpeln zu lassen und nicht zu schweigen, wo er die Worte direkt aussprechen und anderen klar machen konnte, dass ihre Versuche an ihm abprallten, weil er Madiha hatte. Er würde auch nicht nach einem besseren Treffer Ausschau halten. Er hatte aus seiner Sicht bereits voll ins Schwarze getroffen. Und Madiha würde es ebenfalls eines Tages so sehen können. Auch sie brauchte Zeit.

Es zeigte sich, dass Zeit im Allgemeinen ein unglaublich kostbares Gut war. Sie war es, die hatte vergehen müssen, damit sich ein Alltag in der Akademie der Wassermagie entwickelte, der verschiedene Gruppierungen langsam zueinander führte. Gewiss herrschte noch immer Misstrauen und man würde wohl die dunklen Völker in vielerlei Hinsicht noch bevorzugen, solange sie die Stadt regierten, aber es besserte sich und mit der Zeit würden weitere Veränderungen eintreten.
Aber auch jemand wie Kjetell'o benötigte Zeit. Etwas, das er sich selbst nicht erlaubte, denn kaum dass Madiha und Caleb seine Stube innerhalb der Akademie betreten hatten und seinen Zustand miterleben mussten, hatte er nichts Besseres zu tun als über die Abreise zu sprechen. Madiha ließ Calebs Hand los, um an den hustenden Elfen heranzutreten. "Aber Kjetell'o, so kannst du nicht losziehen. Du ... du willst nach Kosral und ... Alycide befreien."
Er schmunzelte leidlich. Sein Blick galt dem Feuer, doch dann hob er den Kopf und wandte sich halb zu Madiha um. Caleb schloss inzwischen die Fenster. Frischluft hin oder her, der Shyáner würde nicht gesund, wenn er ständig der Kälte ausgesetzt wäre. Anschließend ließ er sich still auf dem einzigen Bett im Raum nieder, da es für sie alle nicht genug Stühle oder Sessel gab. Er schwieg. Das Gespräch fand zwischen Madiha und Kjetell'o statt und er war jetzt nur Zuschauer.
"Ich möchte endlich hier weg", gestand der Elf überraschend offen. Er musste wirklich krank sein, dass er seine ansonsten eher Geheimnis umwobene Fassade fallen ließ. Seine Augen wanderten zum Feuer zurück, so dass die goldenen Sprenkel in seinen Wäldern mit einem Flackern reflektiert wurden. "Alles, was noch zwischen mir und dieser Entscheidung steht, ist meine persönlich auferlegte Mission."
"Was ist mit der Akademie und deiner Rolle als Serpentis?", mischte Caleb sich nun doch ein. Der Elf war niemals nach Andunie gekommen, nur um Azura zu suchen. Dass er sie entdeckt und gefunden hatte, schien eher ein nebensächlicher Effekt seiner eigentlichen Handlung zu sein. Nach wie vor war so wenig über seine Motive bekannt, aber Madiha würde das gleich ändern. Sie würde nicht mehr zurückstecken. Calebs Worte beflügelten sie, gaben ihr Sicherheit. Doch eines nach dem anderen. Natürlich war gewiss auch sie an einer Antwort auf die Frage des Diebes interessiert.
"Es ist alles schon geklärt", meinte Kjetell'o, der erneut von einem Husten geschüttelt wurde. Wenigstens war er nun vernünftig genug, sich in den Sessel am Kamin sinken zu lassen. Die Decke zog er von seinen Schultern herunter und legte sie sich über die Beine, dass er wie ein junger, schöner, eil elfischer Großvater aussah. Er war vermutlich Jahrzehnte von Kathars Alter entfernt. "Ohne die Hilfe des Leidträgers kann ich mich ohnehin nicht in ihrer Rolle zeigen, aber die Eingeweihten verbreiten bereits Gerüchte über eine Krankheit oder gesundheitliche Folgen des versuchten Anschlags. Serpentis wird nur noch spärlich bis gar nicht in Erscheinung treten, bis alle organisatorischen Angelegenheiten der Akademie geregelt sind. Anschließend wird man sie für tot erklären und andere Ausgesuchte übernehmen die Verwaltung des Lehrinstitutes." Er seufzte, lächelte Madiha an. "Bis dahin sind wir schon lange fort. Ich möchte wirklich schnell abreisen."
"Wie willst du das anstellen, ich meine ... wie soll ich das schaffen, wenn du auf dem Weg dorthin am Fieber stirbst?", fragte Madiha und streute bereits erste Krümel aus, um zum Kern der Lage heran zu pirschen. Sie würde Kjetell'o trotz seines Zustandes nun nicht schonen. Sie würde die Antwort von ihm erfahren. Sie wollte und sie musste hören, dass er nichts weiter mit ihr vor hatte als sie zu benutzen. Die Annahme dessen war schon schlimm genug für sie, aber um endgütlig die bittere Bestätigung zu erhalten, brauchte sie seine Worte. Er musste es ihr sagen, damit ... sie abschließen konnte, so wie sie es zuvor mit Azura getan hatte. "Im Übrigen hättest du mir ruhig sagen können, dass du mich anstelle von Azura opfern möchtest, damit sie unbeschadet in ihr Leben zurückkehren kann ... was ihr überhaupt nicht schmeckt, nebenbei bemerkt."
Kjetell'o richtete sich im Sessel etwas auf. Seine feinen Brauen bildeten hoch geschwungene Bögen über seinen Augen. Dann schmunzelte er kurz, als Madiha seine Tochter erwähnte. Er schüttelte leicht den Kopf. "Natürlich rebelliert sie...", murmelte er, als hätte er es von Beginn an geahnt. Sie kannten einander noch nicht sehr lange, aber Kjetell'o kannte Azuras Mutter nur zu gut und hatte in Madihas Abwesenheit tatsächlich auch bereits Bekanntschaft mit dem Dickschädel seines Kindes gemacht. Seinem Schmunzeln fehlte jedoch eine gewisse Wärme, wie Väter sie besaßen, die sich über die Flausen und Unvernunft ihrer Kinder amüsierten. Kjetell'os Augen schimmerten bekümmert. Er verdrängte, welch Gedanke ihn auch immer in eine tiefe Traurigkeit stürzte. Stattdessen konzentrierte er sich auf Madihas Vorwurf, der ihn sichtlich ein wenig überrumpelte.
"Es ist besser für Azura, wenn sie hierbleibt. Keines ihrer Elternteile muss sich so um ihre Unversehrtheit sorgen und sie kann sich um ihre Mutter und den Leidträger kümmern", war alles, was Kjetell'o zu Azura zu sagen hatte. Er hatte seine Entscheidung getroffen und würde sie nicht mit nach Kosral nehmen. Was sie entgegen dieser Worte selbst ausheckte, würde er bedauern, stand aber nicht mehr in seiner Verantwortung. Jene schob er von sich, nicht jedoch die, die er sich durch Madihas Zusage aufgebürdet hatte. Er hustete erneut, so dass er auf den Kern des Gesprächs noch nicht eingehen konnte. Madiha nutzte die Gelegenheit, ihn daran zu erinnern.
"Ich ... gab dir mein Wort, aber ich verlange etwas mehr Ehrlichkeit. Gerade wenn es ... wenn es um mein Leben geht, das ich dir einfach so überlasse. Es fühlt sich einfach nicht schön an, wenn man weniger wert ist." Erneut wanderten die Brauen des Elfen empor, aber er unterbrach die Samraerin zunächst nicht. Er wollte sich alles anhören, bevor er sie aufklärte. Denn Kjetell'o erkannte gerade, dass es dessen benötigte. Dringend. Er biss sich auf die Unterlippe, lehnte sich wieder im Sessel zurück und wartete ab. "Ich versuche wirklich, etwas aus mir zu machen, weißt du. Und ich dachte, dein Unterricht könnte mir dabei helfen."
Die Tür öffnete sich. Jakub kehrte zurück. Er hatte ein Tablett in den Händen, auf dem eine walförmige, graue Teekanne den Duft ihres Inhalts sofort im Raum verteilte. Eine Kräutermischung, die speziell für Erkältungen zubereitet worden war. Madiha kannte die wenigsten Aromen, aber Caleb schnupperte. "Salbei, Thymian und Holunder", raunte er und lächelte. "Hat meine Mama mir auch ständig gemacht, wenn ich Halsschmerzen hatte oder verschleimt war, dass es mir aus den Augen lief." Er nickte Kjetell'o zu. "Trink das, es wird helfen."
Kjetell'o erwiderte das Nicken: "Das weiß ich. Vielen Dank, Jakub."
Der Erste Maat brummte, verteilte Tassen an alle und schenkte ein. Außerdem erhielt jeder noch eine kleine Leckerei: Ein weiches Gebäck, das an ein Brötchen erinnerte und mit Puderzucker bestreut war. Wer hineinbiss, wurde mit einer leckeren Füllung aus andunischer Apfelmarmelade belohnt. Kjetell'o war sofort Feuer und Flamme für die Leckerei. Er ließ Madiha gewaltig zappeln, weil er nun erst die Süßspeise vertilgte, dann ein paar Schlucke vom Tee nahm, ehe Jakub ihn noch tadelte. In Madiha wuchs die Ungeduld: "Kjetell'o ... ich ... ich bin auch etwas wert!"
Der Elf senkte die Tasse. Er stellte sie sogar auf ihren Untersetzter ab und schob beides auf einen kleinen Beistelltisch, der bislang schräg hinter dem Sessel versteckt gestanden hatte. Dann schaute Kjetell'o zu Madiha herüber. Er betrachtete sie mit der unendlichen Ruhe einer Jahrhunderte alten Eiche. Seine Iriden bargen Geheimnisse der tiefsten celcianischen Wälder und goldene Feenflügel funkelten zwischen den Blättern hindurch. Es war zauberhaft, lud ein, sich für immer darin zu verlieren, doch umrahmt wurde diese unsagbare Aussicht von einem Ernst, der nicht zu ihm passen wollte. Er ließ Kejtell'o um so vieles älter und härter wirken.
"Natürlich bist du etwas wert - mehr als jeder von uns hier im Raum", entgegnete er endlich. "Und niemand weiß das so gut wie ich." Seine Augen huschten flüchtig zu Caleb herüber, der sich räusperte. Kjetell'o wiederholte: "Niemand weiß es so gut wie ich." Dann erhob er sich. Die Wolldecke purzelte von seinen Beinen, aber er ließ sie dieses Mal liegen. Er trat an Madiha heran, legte ihr beide Hände auf die Schultern. Er löste leichten Druck dort aus, schaute sie an. "Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, aber ich hatte und habe nicht vor, dich zu opfern. Im Gegenteil. Wenn jemand neben Alycide diese Mission überstehen musst, dann bist du es. Du, Madiha. Du bist das Wertvollste, das ich nach Kosral mitnehme ... ich brauche dich dort." Seine Worte klangen weniger ernst, als er schniefte, um den Schleim in seiner Nase etwas hochzuziehen. Im Hintergrund rollte Jakub mit den Augen und warf ein gefaltetes Taschentuch nach dem Elfen. Er fing es um Haaresbreite, nickte dankbar und schneuzte sich.
"Erinnerst du dich an die Bedingung, die ich dir für meinen Unterricht abverlange?" Er wartete keine Reaktion seitens der Sarmaerin ab. Er ging davon aus, dass sie sich erinnerte. "Es hat nichts damit zu tun, dich zu opfern. Nun ... vielleicht doch. Aber da kommen wir nicht drum herum, falls es eskaliert. Das hängt von den stationierten Dunkelelfen ab."
"Sie sind militant und skrupelloser als jeder, der hier in Andunie herumläuft", kommentierte Jakub von der Seite. Caleb aber hielt es nicht mehr aus. Er sprang vom Bett auf und trat neben Madiha. Seine Augen funkelten finster. "Was hast du mit Madi vor?", fragte er und unterdrückte den Drang, den Elfen am Kragen zu packen. Kjetell'o ließ sich weder einschüchtern noch ablenken. Er hob eine Hand zu Madihas Gesicht, legte sie an ihre Wange. "Ich glaube, ich hätte dich auch unterrichtet, wenn du abgelehnt hättest. Madiha, du ahnst nicht, welches Potenzial in dir steckt ... und wie gut du damit bereits umgehen kannst. Fremdfeuer so lange in sich zu halten, ohne dass etwas passierte! Oh, du bist dir deiner Fähigkeiten kein bisschen bewusst." Er löste sich von ihr, trat zurück und schaute nun in die gesamte Runde.
"In dieser Frau steckt mehr Macht als ich in meinen deutlich längeren Jahren an Lebenszeit auf Celcia habe fördern und ausbilden können. Meine Feuermagie kann es vielleicht mit einer Hand voll Dunkelelfen aufnehmen, ehe sie mich überwältigen könnten. Du aber, Madiha, könntest ganz Kosral brennen lassen ... und wenn es zum Äußersten kommt, werde ich das von dir verlangen müssen. Du darfst nicht zögern, sollte ich dir ein Zeichen geben." In seine Mimik mischte sich tiefes Bedauern für all jene Soldaten, die in einem Flammenmeer von ihr umkommen könnten. Zugleich blieb aber der feste Entschluss, seine Mission durchzuziehen. "Ich stelle diese Bedingung auch nur an dich, damit du im Fall der Fälle den Rest deines Lebens nicht mit Schuld belasten musst. Wenn du meine Forderung ausführst, bist du in diesem Moment ein Werkzeug, geschwungen von meiner Hand. Du wirst dir nicht einen dunkelelfischen Tod auf die Seele laden, aber es ist wichtig, dass ich mich darauf verlassen kann, dass du meinem Befehl in diesem einen Moment der Not Folge leistest. Ich weiß, ich verlange viel. Vielleicht opfere ich dein Seelenheil ... unfreiwillig. Es ist nicht meine Absicht, dir zu schaden, aber ohne deine geballte Macht an feuermagischem Potenzial wird mir eine Rettung nicht gelingen. Ich greife ungern auf dich zurück. Ich würde dich viel lieber fördern und an einem sicheren Ort unterrichten als dich vor diese Aufgabe zu stellen, aber ich muss es tun. Ich gab Aqui...", er räusperte sich und in seinen Blick trat tiefe Trauer, "Aquila mein Wort. Die Rettung ihres Gatten für eine Kontaktaufnahme mit meiner Tochter - einmalig und ohne Aussicht auf weitere, wenn sie es nicht will." Kjetell'o wandte sich ab. Er trat zurück zum Sessel, hob die Wolldecke auf und knetete sie zwischen den Fingern, während er ins Feuer blickte. "Sie sill es nicht. Das hat sie mir deutlich zu verstehen gegeben." Er straffte seine Haltung. "Ich werde nach Kosral gehen und diese Mission erfüllen. Falls ich dabei sterbe, musst du die gesamte Stadt sprengen und Alycide van Ikari sicher zurück nach Andunie bringen, Madiha. Hörst du? Du musst ... mir zuliebe." Er atmete tief durch. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann wandte er sich erneut zu allen Anwesenden um. Seine Miene war ausdruckslos. Er richtete den Blick zurück auf die einzige Frau im Raum. "Wenn wir es überleben, werde ich Himmel und Harax in Bewegung setzen, um dich zur besten Feuermagierin Celcias ausbilden zu lassen. Es ist ein egoistischer Wunsch ... ich möchte Teil dieser Historie sein. Ich möchte sehen, wozu das Element fähig ist, das ich kaum bändigen kann."
Kjetell'o streckte ihr die Hand entgegen. "Nun weißt du alles. Was sagst du? Wirst du mich immer noch begleiten? Wirst du dich an meine Bedingung halten? Es ist deine letzte Gelegenheit, abzulehnen. Aber dann weiß ich nicht, ob ich meinen Teil einhalten kann, denn ich muss nach Kosral."
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Sonntag 31. März 2024, 21:02

Worum es im Leben ging, davon hatte Madiha keine Ahnung. Sie konnte nur darauf schauen, was sie glücklich machte oder was die Schatten heraufbeschwor. Ihre Unsicherheit in vielen Dingen war etwas, das sie wirklich hartnäckig zu quälen wusste. Madiha wusste darum, denn sie wurde immer wieder daran erinnert, dass jene Unsicherheit gar nicht nötig war. Im Grunde hatte sie kaum etwas zu befürchten, denn sie besaß das Glück, dass sie Menschen und Elfen um sich scharte, die ihren Wert längst erkannt hatten. Und sie wurden nicht müde, ihr eben jenen Wert auch zu zeigen und sie mit ihren Worten und Taten daran zu erinnern, dass sie diesen Kampf aus einem ganz bestimmten Grund führte. Madiha hatte sich aktiv dazu entschlossen, aus ihrem alten Leben auszubrechen. Sie hatte sich ein Herz gefasst und war losgezogen, um das Glück zu finden. Rückschläge bedeuteten allerdings nicht, dass sie umsonst kämpfte. Madiha lernte, dass sie nur nicht aufhören durfte, ihren Glauben an sich selbst zu verlieren. Nur durch ihn war sie doch überhaupt erst dem Regime in Sarma entkommen. Sie wusste es wartete etwas Besseres auf sie – irgendwo. Das Mädchen wurde durch Caleb mehr daran erinnert, als sie es selbst je gekonnt hätte. Man konnte mitunter an Dinge fest glauben und der tiefen Überzeugung sein, dass sie der Wahrheit entsprachen – aber man musste auf seine Umgebung hören. Man musste den Personen um einen herum zuhören und den Worten Respekt entgegenbringen, damit jene ein Gewicht bekamen. Natürlich öffnete man dann auch der Schattenseite Tür und Tor, aber es war wichtig, dass man Personen bei sich wusste, die einem nicht durch Schönrederei eine Illusion auferlegten. Madiha hatte mit Caleb nicht nur einen wahren Freund gefunden, sondern auch jemanden, dem sie vertrauen konnte. Er würde ihr die Wahrheit sagen, auch wenn sie manchmal vielleicht unbequem wäre. Aber Madiha erhielt damit eine Sicherheit, die sie nun auch nutzen wollte. Mit Caleb in ihrem Rücken, traute sie sich, Kjetell’o auf den Kopf zu zu sagen, was sie durch ihn empfand. Dass er sie zu respektieren hatte. Dass sie etwas wert war und man sie, Madiha, so nicht behandelte. Sie stand zu ihrem Wort, aber sie musste deshalb noch lange nicht hinters Licht geführt werden. Sie verlangte Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit! Innerlich wappnete sich Madiha für eine Auseinandersetzung. Sie glaubte schon beim ersten Atemzug des Elfen daran, dass er sie mit Ausflüchten berieseln würde, doch es kam noch völlig anders: Kjetell’o gedachte erstmal in aller Seelenruhe, sein Essen zu essen. Das junge Mädchen starrte ihn fassungslos an. So respektlos hatte sie ihn nicht eingeschätzt.
Madiha spürte, wie die Wut sich in ihrem Innern zusammenziehen wollte, wie sie es früher getan hatte. Sie hatte im Moment keinen Sinn für das süße Brötchen, sondern starrte den Elfen an, wie er sich an dem Gebäck gütlich tat. Madiha bereute immer mehr, dass sie sich für Kjet entschieden hatte. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und funkelte ihn an. Ein kurzer Blick zu Caleb bestärkte sie darin, jetzt nicht aufzugeben und ihm mitzuteilen, dass auch sie Wert besaß! Und sie glaubte daran! Sie wusste es und würde dafür kämpfen, wie sie es von Anfang an getan hatte. Der friedliche Blick, den seine Augen durchaus zu zaubern wussten, prallten an Madiha’s Trotz ab. Das Mädchen ließ sich nicht von ihm becircen, denn sie hatte einen Standpunkt klarzumachen! Und der Elf musste erkennen, dass er mit ihr nicht so umgehen konnte. Als er seine Tasse abstellte und endlich den Mund öffnete, um etwas zu sagen, war Madiha drauf und dran ihm direkt ins Wort zu fallen, um noch mal nachzutreten – so angespannt war sie. "Natürlich bist du etwas wert - mehr als jeder von uns hier im Raum. Und niemand weiß das so gut wie ich." Madiha stutzte und sofort wurde ihrer Streitlust der Wind aus den Segeln genommen.

Das Mädchen entspannte sich augenblicklich. „Was?“, japste sie völlig überrascht von diesen Worten. Damit hatte sie nun überhaupt nicht gerechnet. Sie sah dem Elfen regungslos entgegen, als er sich erhob und zu ihr kam. Der Druck seiner Hände auf ihren Schultern, ließ sie blinzeln und den Blick heben. "Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, aber ich hatte und habe nicht vor, dich zu opfern. Im Gegenteil. Wenn jemand neben Alycide diese Mission überstehen musst, dann bist du es. Du, Madiha. Du bist das Wertvollste, das ich nach Kosral mitnehme ... ich brauche dich dort." Ihr lief eine Gänsehaut über den Rücken. Dennoch glomm der Zweifel in ihrem Graublau auf, das sich jetzt doch mit seinem Goldgrün verbinden wollte. „Wie… meinst du das?“, wollte sie halb erstickt wissen. Dieses Gespräch glitt in eine vollkommen andere Richtung, als sie noch vor wenigen Sekunden erwartet hatte. Sie war drauf und dran gewesen, sich gehörig mit Kjetell’o zu streiten, um ihm begreiflich zu machen, dass er sie nicht willenlos bekam! "Erinnerst du dich an die Bedingung, die ich dir für meinen Unterricht abverlange?“ Sie nickte. s hat nichts damit zu tun, dich zu opfern. Nun ... vielleicht doch. Aber da kommen wir nicht drum herum, falls es eskaliert. Das hängt von den stationierten Dunkelelfen ab."
"Sie sind militant und skrupelloser als jeder, der hier in Andunie herumläuft."
Stirnrunzelnd betrachtete sie den schniefenden Elfen und argwöhnte seinen Aussagen. Sie wusste noch nicht recht, was sie davon jetzt so recht halten sollte. Jakub lenkte Madiha ab, als sie zu ihm sah und seufzte. "Was hast du mit Madi vor?", sprang ihr Caleb zur Seite und seine Nähe erdete sie erneut. Sie blickte nun Kjetell’o ebenso abwartend an und engte etwas die Augen. Sie würde sich von seinem Schöngerede nicht blenden lassen! Caleb erinnerte sie daran, dass sie wissen wollte, worum es dem Waldelfen wirklich ging. Seine Berührung allerdings machten sie stutzig. Unsicher flackerte ihr Blick. Was sollte das alles? Lullte er sie etwa ein? War es ein Spiel? Um endlich Antworten zu erhalten, zuckte Madiha nicht zurück. Auch, weil Kjetell’o es meisterlich verstand, eine gewisse, ernsthafte Ruhe an den Tag zu legen, die seine Worte mit Wahrheit tränkten. Madiha wollte endlich wissen, was er vor hatte:
"Ich glaube, ich hätte dich auch unterrichtet, wenn du abgelehnt hättest. Madiha, du ahnst nicht, welches Potenzial in dir steckt ... und wie gut du damit bereits umgehen kannst. Fremdfeuer so lange in sich zu halten, ohne dass etwas passierte! Oh, du bist dir deiner Fähigkeiten kein bisschen bewusst." Nun aber öffnete sich ihr Blick überrascht. Erstaunt blinzelte sie dem Elfen ins Gesicht und wusste im ersten Moment nichts zu sagen. Erst als sich seine Finger von ihrer Wange lösten und er zurücktrat, klappte sie wortlos den Mund auf. Sie war sprachlos. "In dieser Frau steckt mehr Macht als ich in meinen deutlich längeren Jahren an Lebenszeit auf Celcia habe fördern und ausbilden können. Meine Feuermagie kann es vielleicht mit einer Hand voll Dunkelelfen aufnehmen, ehe sie mich überwältigen könnten. Du aber, Madiha, könntest ganz Kosral brennen lassen ... und wenn es zum Äußersten kommt, werde ich das von dir verlangen müssen. Du darfst nicht zögern, sollte ich dir ein Zeichen geben." „Ich?!“, fragte sie völlig ungläubig. Ja, regelrecht zweifelnd, ob er sich einen Scherz erlaubte! Madiha musste sich unweigerlich an die Situation der Prüfung ihres Potenzials erinnern, als sie in Sarma vor dem Gremium stand. Da hatte niemand geglaubt, dass sie überhaupt nur einen Funken Magie in sich fand. Und nun sollte sie… „Warte – du… du meinst das ernst?“, japste sie und auf einmal kam Leben in ihre zierliche Gestalt. Madiha fächelte sich Luft zu und stützte sich daraufhin auf ihren Oberschenkeln ab. Sie versuchte zu atmen und war ein wenig aus dem Häuschen. „Ich soll …. Ich … du meinst ich… ich bin magisch wirklich begabt? Ich soll das…“, sie stammelte und überschlug sich. Gedanken und Worte fanden keinen Einklang und sie starrte schließlich auf ihre Handflächen.

"Ich stelle diese Bedingung auch nur an dich, damit du im Fall der Fälle den Rest deines Lebens nicht mit Schuld belasten musst. Wenn du meine Forderung ausführst, bist du in diesem Moment ein Werkzeug, geschwungen von meiner Hand. Du wirst dir nicht einen dunkelelfischen Tod auf die Seele laden, aber es ist wichtig, dass ich mich darauf verlassen kann, dass du meinem Befehl in diesem einen Moment der Not Folge leistest. Ich weiß, ich verlange viel. Vielleicht opfere ich dein Seelenheil ... unfreiwillig. Es ist nicht meine Absicht, dir zu schaden, aber ohne deine geballte Macht an feuermagischem Potenzial wird mir eine Rettung nicht gelingen. Ich greife ungern auf dich zurück. Ich würde dich viel lieber fördern und an einem sicheren Ort unterrichten als dich vor diese Aufgabe zu stellen, aber ich muss es tun.“ Nur allmählich drang die Bedeutung der Worte in ihren Verstand. Sie hob den Blick zu Caleb und suchte darin nach seiner Meinung. Dann aber lächelte sie ihn plötzlich strahlend an. „Ich!“, formte sie mit ihren Lippen und deutete auf sich. Sie freute sich. Er konnte es sehen, sie war vollkommen überwältigt von dieser Offenbarung. Dann aber sickerte auch verzögert der Rest der Worte in ihren Frontallappen. Madiha wandte sich an Kjetell’o und schüttelte den Kopf. „Ich kann doch aber nicht einfach zig Männer und Frauen töten, weil… du das willst!“, protestierte sie und schüttelte energisch den Kopf. Sie kam zwei Schritte auf Kjetell’o zu und beobachtete, wie er die Wolldecke aufhob. Seine Haltung wurde zerknirscht. Sie stockte. “Ich gab Aqui... Aquila mein Wort. Die Rettung ihres Gatten für eine Kontaktaufnahme mit meiner Tochter - einmalig und ohne Aussicht auf weitere, wenn sie es nicht will. Sie will es nicht. Das hat sie mir deutlich zu verstehen gegeben.“ Dann wurde ihr Gesichtsausdruck etwas zurückhaltender. Ihre Freude war da, aber sie erkannte sehr wohl, dass es dem Elfen nicht leichtfiel das Scheitern in Bezug auf Azura zu verkraften.
"Ich werde nach Kosral gehen und diese Mission erfüllen. Falls ich dabei sterbe, musst du die gesamte Stadt sprengen und Alycide van Ikari sicher zurück nach Andunie bringen, Madiha. Hörst du? Du musst ... mir zuliebe.“ Das Mädchen runzelte die Stirn bei seinen Worten. Einen Moment schwieg sie, überlegte, dann aber trat Madiha dichter und nun war sie es, den Kjetell’o berührte. Sie legte ihre Finger auf seinen Handrücken und wollte seinen Blick auffangen. Zaghaft hob sie einen Mundwinkel, aber er sprach bereits weiter: "Wenn wir es überleben, werde ich Himmel und Harax in Bewegung setzen, um dich zur besten Feuermagierin Celcias ausbilden zu lassen. Es ist ein egoistischer Wunsch ... ich möchte Teil dieser Historie sein. Ich möchte sehen, wozu das Element fähig ist, das ich kaum bändigen kann. Nun weißt du alles. Was sagst du? Wirst du mich immer noch begleiten? Wirst du dich an meine Bedingung halten? Es ist deine letzte Gelegenheit, abzulehnen. Aber dann weiß ich nicht, ob ich meinen Teil einhalten kann, denn ich muss nach Kosral." Madiha griff nach seiner Hand, die er ihr reichte. „Kjetell’o ich kann nicht einfach zig Männer und Frauen töten, weil du es sagst!“, hob sie die Schultern. Sie war keine Mörderin und sie wollte sich auch nicht instrumentalisieren lassen. Nie mehr. „Ich kann verstehen, dass du dieses Versprechen einhalten willst, und ich will dir auch eines geben: Ich werde dir helfen, dass du dein Wort halten kannst. Wir retten Alycide, wir bringen ihn nach Andunie zurück. Aber… wir finden einen anderen Weg. Gemeinsam fällt uns etwas ein und ich bin mir sicher, dass wir es nicht soweit kommenlassen müssen!“ Sie hatte mit einem Mal Tränen der Rührung und Ergriffenheit in den Augen. Sie konnte ihr Glück kaum greifen und fühlte sich, als hätte man sie mit Glück übergossen. Sie, Madiha – ein Nichts aus Sarma – sollte wirklich etwas beizutragen haben zu dieser Welt! „Wenn du Recht hast, dann… dann… will ich nicht mein Potenzial in so einer Tat finden!“, entschied sie sich und drückte seine Hand, bevor sie sie losließ. „Wir finden einen Weg!“, nickte sie ihm bestimmend zu und lächelte dann plötzlich ausgelassen sowohl Caleb als auch Jakub an. Dann warf sie sich etwas albern in die Brust und ließ ihre Augen strahlen: „Wer hätte das gedacht, häh?“, machte sie und grinste stolz bis über beide Ohren. Und in ihrem Innern hatte sie das Gefühl, ihre Magie noch ein Stück mehr, wie eine Freundin willkommen zu heißen. Es fühlte sich plötzlich noch normaler an! Madiha begann an sich zu glauben. Wie könnte sie auch nicht?
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Montag 1. April 2024, 15:14

Dass Kjetell'o nicht ganz auf der Höhe war, zeigte seine eigene Prioritätenliste. Er kehrte zunächst zu seinem Platz zurück, verputzte das Gebäckteil und trank von seinem Tee. Auf Madihas Vorwürfe hatte er allerdings noch nicht geantwortet. Da aber weder Jakub noch Caleb deshalb bisher laut wurden, hielt auch die Sarmaerin sich zurück - noch! Sie alle zeigten sich geduldig und irgendwo hatte Kjetell'o es sogar verdient, verglich man ihn mit seiner Tochter. Es war so viel Geduld und Mühe in den Versuch geflossen, Azura die Augen für mehr als sich selbst zu öffnen, dass es nur gerecht erschien, wenn man ihrem biologischen Vater wenigstens eine Scheibe davon ebenfalls gönnte. Auch wenn es Kraft kostete und Madiha glaubte, kaum mehr Reserven übrig zu haben. Sie hatte vielleicht kein so grausames Leben wie Corax hinter sich und bei weitem kein so langes, aber auch sie war stets der Spielball anderer gewesen. Man nutzte sie, ihre Großzügigkeit und Milde regelmäßig aus. Irgendwann war Schluss. Solche Entscheidungen traf man meist bei jenen, die mit ihrer Haltung einen selbst mitten ins Herz trafen. Nahestehende konnten mit weniger schrecklichere Wunden reißen als der am meisten verhasste Feind, eben weil man ihnen Vertrauen entgegen gebracht hatte.
Madiha hatte gehofft und wahrlich geglaubt, Kjetell'o würde sie mit seinem Unterricht auf einen Weg führen, bei dem sie etwas aus sich machen könnte. Sie hatte geglaubt, dadurch endlich den Wert zu erhalten, den sie sich selbst gern geben würde. Stattdessen wollte er sie opfern ... für das Überleben eines Mannes, dessen Tochter sie mit dem Dreck an ihrer Schuhsohle gleichsetzte.
Aber es sollte ganz anders kommen. Zwei Sätze, ausgesprochen zur rechten Zeit und vor allem mit so viel Bedacht, dass man die Aufrichtigkeit dahinter nicht anzweifeln konnte, wendeten das Schicksal um 180 Grad. "Natürlich bist du etwas wert - mehr als jeder von uns hier im Raum. Und niemand weiß das so gut wie ich."
"Was?"
Madiha erstarrte. Sie hörte die Worte, aber konnte sie noch nicht vollends begreifen. Sie trafen sie so unvermittelt, dass ihr kaum mehr als eine perplexe Reaktion blieb. Kjetell'o ergriff die Gelegenheit, sie an den Schultern zu berühren und sich zu erklären. Immer mehr breitete er die Wahrheit vor ihr aus, welche nicht nur ihre falschen Annahmen fortspülte, sondern under all dem Schutt der Unsicherheiten ein winziges Pflänzchen freilegte, damit es seine Halme gen Sonne strecken, wachsen und knospen konnte. Wenn es stimmte, was der Elf sagte, war Madiha mächtiger in Sachen Feuermagier als er selbst. Sie könnte etwas bewirken, wenn sie nur fördete, was naturell bereits so potenziell in ihr schlummerte. Kjetell'o hatte dies erkannt und wollte es für sich nutzen. Nicht aber, um sich daran zu bereichern. Er wollte Aquila und Azura van Ikari wahrlich helfen, auch wenn sein erhoffter Lohn ausbliebe. Aber damit hatte er rechnen müssen. Doch der Elf war ein Mann von Ehre und würde von seinem Teil des Vertrages nicht zurücktreten. Ebenso wenig wollte er Madiha die Schuld am Tod anderer aufbürden. Er machte sie zum Werkzeug, ja, er benutzte sie, aber nicht so wie andere. Er tat es, um ihr die Verantwortung für ihr Handeln zu nehmen. So reagierten Könige, wenn sie ihre Armeen in Kriege schickten. So entschieden Kommandanten, wenn sie ihre Soldaten mit einem Befehl auf den Feind losstürzen ließen. So verziehen Götter diesen Seelen, nachdem sie mit blutiger Klinge massenhaft Leben genommen hatten.
Madiha und Caleb hatten Corax verziehen, der auch nur wie ein Werkzeug gehandelt hatte und nur deshalb war ihm Absolution möglich gewesen. Es war niemals sein Wille gewesen, das Leben anderer zu nehmen. Nun würde Kjetell'o es von Madiha verlangen, weil er schon vorab genau ahnte, dass sie sich dagegen entscheiden könnte. Aber jetzt hatte er ihr Wort. Sie würde sich an seine Bedingung halten und mit geballter Feuermagie zuschlagen, sobald er den Befehl dazu gab. Sie würde Kosral niederbrennen, wenn es sein musste. Das war die einzige Bürde, die er ihr auferlegen musste.
"Warte - du ... du meinst das Ernst? Ich soll ... ich ... du meinst, ich ... ich bin magisch wirklich begabt? Ich soll das...?"
Kjetell'o erhöhte den Druck auf ihren Schultern. Er schaute Madiha tief in die Augen, während in seinen das Gold so warm leuchtete, dass sie glaubte, darin den Kern seines Feuers erkennen zu können. Sie spürte die Wärme sogar. Sie spürte sie unterhalb der Fignerspitzen des Elfen. Er übertrug einen winzigen Teil seiner Kraft auf sie. Madiha erkannte es, weil sein Feuer sich anders anfühlte als das ihre. Es war wild wie das Fremdfeuer der Fackel, besaß aber den magischen Kern seiner Seele, von dem es sich nährte. Es erkundete sie, wanderte umher und begrüßte ihre eigene innere Flamme. Dann zog es sich zurück, allerdings mit der ungezähmten Freiheit eines Wildpferdes, dem man Zügel hatte anlegen müssen, um es halbwegs zu bändigen und das es nur zuließ, weil es ihm gerade noch in den Sinn passte. Wo sich Madihas Feuerkraft für sie so natürlich und eher wie eine Freundin anfühlte, da wirkte das Verhältnis zwischen Kjetell'o und seiner Macht auf sie eher wie ein Waffenstillstand ... den das Feuer jederzeit brechen würde, wenn es die Lust dazu verspürte.
"Wenn ich all meine feuermagischen Reserven auf dich übertrage, könntest du sie überreden, für dich zu kämpfen. Du könntest sie und auch dein Feuer lenken, ohne dabei größere Schäden befürchten zu müssen - jetzt schon." Kjetell'o ließ endlich ihre Schultern los. Er zog sich in den aufrechten Stand zurück, blickte sie aber weiterhin an. "Ja", sagte er. "Ich meine es Ernst."
Caleb trat nun an Madiha heran. Er schaute erst den Elfen an, dann sie. Ihm war sein Stolz auf sie anzusehen. Ihm schwappte fast das Herz über die Ränder seiner Augen. Er strahlte regelrecht vor Freude für Madiha. "Ich wusste, dass etwas in dir steckt - über deine ohnehin wertvollen Aspekte deiner selbst hinaus", raunte er ihr zu und lächelte. Jakub hielt sich still im Hintergrund. Mit Magie konnte er nicht viel anfangen. Da ersparte er sich und anderen wie üblich einen Kommentar. Außerdem gab es Tee und er genoss ihn auch hier sichtlich.
Madiha hingegen war so freudig erregt wie Caleb. Sie war überwältigt von der Intensität, mit der Kjetell'o sie sah. Sie war nicht nur feuermagisch begabt, sondern sein letzter Strohhalm für die Rettungsmission von Alycide van Ikari. Sie war die Macht, auf die er zurückgreifen würde, wenn alles schief ging. Das bedeutete aber auch, dass sie zu einer Waffe und dem Ende vieler werden könnte. Die Erkenntnis sickerte endlich in ihren Verstand und führte zu einer Reaktion, welche der Shyáner längst erwartet hatte.
"Ich kann doch aber nicht einfach zig Männer und Frauen töten, weil ... du das willst!"
"Du hast zugestimmt, dich an meine Bedingung zu halten", erinnerte er sie, ohne herablassend auf sie hinab zu schauen. Ihm war bewusst, was er ihr abverlangen würde. Er versuchte es, für sie so schonend wie möglich zu gestalten. "Du wirst niemanden töten. Du wirst meinen Befehl ausführen. Ich übernehme die Verantwortung. Du ... bist mein Werkzeug, an eine Bedingung gebunden." Es machte es nicht leichter, schon gar nicht für eine Seele wie Madihas. Sie hatte stets geglaubt, dass sie sich selbst die nächste wäre, denn nur so konnte man in ihrer Position in Sarma überleben. Sie hatte immer versucht, nichts und niemanden in ihr Herz zu lassen und vielleicht war das auch eine ganze Zeit lang gelungen ... weil niemand in ihrem Herzen war, wenn sie es schützend über alle anderen ausbreitete. Mit Caleb hatte es angefangen. Er hielt ihr Herz, damit es nicht auseinanderbrach. Aber inzwischen fanden so viele Platz darin und jeder einzelne war ich wichtig. Madiha konnte selbst jetzt noch genug eigene Herzenswärme für Azura aufbringen, um ihren Ziehvater nicht seinem Schicksal überlassen zu wollen. So sehr die Adlige sie auch immer wieder denunziert, ignoriert und mit aller Arroganz ihrer Selbst wie Zuckerguss auf einem Kuchen überzogen hatte, wünschte Madiha auch ihr nur, dass sie ihre Familie wieder in die Arme schließen können würde. Und ebenso dachte ihr Herz nun an zahlreiche Soldaten der dunklen Völker, denen es ähnlich ging. Sie waren sicher nicht vollkommen freiwillig in Kosral. Nicht, um dort andere zu töten. Auch ihnen sagte man zu, als Werkzeug des Dunklen Herrschers und für dessen Ziele einem Zweck zu dienen. Sie alle versuchten nur, zu überleben und das Beste daraus zu machen.
Niemand von ihnen verdiente den Tod, auf keiner der beiden Seiten. Auch nicht für eine Rettungsmission.
Madiha war es nun, die sich von Calebs Seite löste, um zu Kjetell'o herüberzugehen. Ihre Finger berührten seinen Handrücken und erst dann richtete er den Blick auf sie aus. Sie sah ihm an, dass er sich ebenfalls einen anderen Weg wünschte. Er hatte sich in seiner Ehre verrannt, konnte und wollte nun aber nicht hinaus. Würde er es tun, müsste ein Unschuldiger in Kosral bleiben und eine Familie verlor einen Vater, den sie sich wünschten. Er - der Unerwünschte - würde alles tun, dieses Band zu halten, auch wenn es ihn das Leben kostete. Ein Leben ohne die Tochter, an deren er nur immer mal aus der Ferne als Beobachter hatte teilhaben können und die offenbar auch nicht mehr wünschte als das. Es war schwer für ihn, das zu akzeptieren, aber es war die Konsequenz seines eigenen, unbedarften Lebens, bei dem auch er für reichlich Tränen bei anderen gesorgt hatte. Ein Leben lang traf man Entscheidungen und sie alle brachten Konsequenzen mit sich. Manche ließen sich reparieren, vor allem, wenn man an sich selbst arbeitete und sich im Vergleich zu seinem alten Ich entwickeln konnte. Manche aber blieben auf der Strecke und jene mussten dann jenen Weg gehen, den sie sich selbst bereitet hatten. Manchmal gab es Aussicht auf Rettung.
"Kjetell'o, ich kann nicht einfach zig Männer und Frauen töten, weil du es sagst!" Er musterte sie. Er hatte damit gerechnet, dass sie sich sträuben würde, aber Madiha auch eingeschätzt, sich an vereinbarte Verträge zu halten. Das traf in den meisten Fällen sicherlich auch zu, aber nicht bei Mord. Madiha war keine Soldatin, die ihre eigene Moral hinter den Befehl eines Vorgesetzten stellen konnte. Der Shyáner erkannte das. Er nickte langsam und versuchte, sich mit dieser neuen Information zu arrangieren.
Er war schon drauf und dran, sie von der Bedingung zu entbinden. Sie würde es nicht tun und er wollte sie nicht zwingen. Dann müsste Kjetell'o eben allein losziehen und in Kosral improvisieren. Er war nicht auf den Kopf gefallen, besaß einen gewissen Charme, der ihm Türen öffnete und er war fähig, andere so zu manipulieren, dass sie es nicht einmal merkten, dass er am Ende an den Strippen zog. Doch auch er hatte sich unter Madihas Herzen verfangen und ... wollte seine Fähigkeiten bei ihr nicht einsetzen. Seine Lippen spalteten sich, um sie von allem zu lösen, das beide miteinander verband, abgesehen von der Lehre, die er ihr angeboten hatte. Falls er überlebte, würde er ihre Feuermagie fördern, so gut es ihm gelingen mochte. Doch auch für ihn sollte es anders kommen.
"Ich werde dir helfen, dass du dein Wort halten kannst. Wir retten Alycide, wir bringen ihn nach Andunie zurück."
Kjetell'o stutzte. Nun war er es, der von dieser Nachricht vollkommen überrascht wurde. Er zog den Schleim in seiner Nase hoch, da sich inzwischen wieder reichlich angesammelt hatte. "Du wirst mich begleiten? Immer noch?" Madiha merkte erst jetzt, da sie seine Hand hielt, wie kalt seine Finger eigentlich entgegen aller Erwartungen waren. Er gehörte ins Bett und nicht auf eine Rettungsmission. Auch ohne geballte Feuermacht könnte es für ihn mehr als gefährlich werden. Sein Körper war nicht in bester Verfassung.
"Wir finden einen anderen Weg. Gemeinsam fällt uns etwas ein und ich bin sicher, dass wir es nicht soweit kommen lassen müssen!"
"Nicht? Meinetwegen könnt ihr mit den dunkelelfischen Bastarden tun, was euch beliebt." Es war die erste emotionale Regung seitens Jakub zu einem Thema seit langem. Ansonsten hatte er sich mit Kommentaren vielleicht nicht ganz neutral, aber trocken gezeigt und es eher wie eine Figur am Rand des Geschehens erlebt. Jetzt jedoch schwang etwas in seiner Stimme mit, das ihm mehr Emotion zusprach als sein strenger Blick verlauten ließ. Aber er hatte auch Folter erlebt, auf sich gezogen, um Informationen für eine Frau zu beschaffen, die weder ihn noch sein Opfer zu würdigen gewusst hatte. Im Gegenteil. Jakub zählte nun ebenfalls zu den Feinden, so wie ... die Sarmaerin und ... der Kapitän.
Dass ausgerechnet Caleb da weiterhin urteilsfrei bleiben konnte, sprach für seinen Charakter. "Wir müssen niemanden töten", stimmte er Madiha zu. Er war ein Dieb, aber kein Mörder. Das Attentat an Serpentis ließ er nicht zählen und nach wie vor verfolgte er den inneren Kodex, kein Leben zu nehmen - auch nicht das von Feinden, solange ihn der Selbsterhaltungstrieb nicht dazu zwang. "Wie Madi sagt, es gibt viele Möglichkeiten. Wir müssen ja auch nicht durch das Haupttor in die Stadt gelangen und ..." Er stutzte, grinste. "Vielleicht kann Corax uns helfen. Er hat uns schon einmal in Dunkelelfen verwandelt. So kämen wir zumindest rein, meint ihr nicht?"
"Der Leidträger?", hakte Kjetell'o nach und schaute von Caleb zu Madiha. "Hast du ihm deine Nachricht übermitteln können? Warum ... ist er nicht hier? Er weiß, dass seine Fähigkeiten auch in der Akademie gebraucht werden."
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Mittwoch 3. April 2024, 16:15

Gab man Madiha die Chance, dass sie sich wahrlich über etwas freuen konnte, dann durfte man getrost Zeuge dessen werden, was sie daraus machte. Das Mädchen hätte niemals den Gedanken fassen können, dass Kjetell’o in eine gänzlich andere Richtung dachte. Sie hätte niemals geglaubt, dass er so viel von ihr hielt und sich lediglich in einer ausweglosen Situation befand! Madiha könnte sich beinahe darüber ärgern, dass sie das Vertrauen in andere und in sich nicht besser beherrschte, denn dann wären die letzten Stunden gänzlich anders gelaufen – mit Sicherheit! Dann hätte sie nicht Caleb unterstellt, dass er nur darauf wartete, dass sich eine bessere Gelegenheit für ihn ergab. Sie hätte womöglich etwas mehr Verständnis für Azura’s Verhalten aufbringen können, obgleich jenes auch immer rarer geworden war. Sie hätte sich nicht in diesen Pfuhl aus Leid und Traurigkeit begeben müssen. Und sie hätte Kjetell’o nicht unterstellt, sie einfach nur als austauschbare Ware mitzunehmen. Madiha hätte an sich glauben sollen, aber das Mädchen hatte nie den Grund dazu erlebt. Erst allmählich wuchs das Vertrauen darin, dass man sie nicht als minderwertig ansah, sondern tatsächlich als vollwertiges Mitglied einer Gemeinschaft, dessen Schatten sie nicht länger sein musste. Mit den Worten von Kjetell’o trat das Mädchen endgültig aus diesen Schatten hervor und zeigte den Stolz, den sie über die Informationen empfand. Sie! Sie, Madiha ohne Nachnamen, sollte also enormes, magisches Potenzial besitzen. Corax hatte recht behalten und sie erinnerte sich mit einem warmen Gedanken an seine Worte, dass alles gut werden würde. Er hatte es gewusst… er hatte da bereits gesehen, dass es nicht anders sein konnte. Madiha schloss einen Moment die Augen und dachte an den Raben, bevor sie wieder lächelte. Sie verbarg ihre Freude darüber nicht. Auch nicht, als sie mitbekam, wie der Waldelf scheinbar darunter litt, dass er keine Beziehung zu Azura haben würde, weil jene es nicht wünschte. In diesem einen Moment, war es Madiha egal. Denn das, was Azura aufgrund ihrer Verbohrtheit ablehnte, sollte ihre Chance werden. Und sie hielt ihr Wort. Trotz seiner Forderung! Dass sie Kjet nun zum Stutzen brachte, handelte ihm ein sanftes Lächeln ein. "Du wirst mich begleiten? Immer noch?" Sie nickte. „Natürlich!“, bestätigte sie abermals und drückte kurz die kühle Hand des Elfen. Aber sie würde niemanden umbringen. Das war sie nicht. „Ich weiß, dass ich mich an diese Bedingung gebunden habe, aber ich… wandle sie um.“, zuckte sie mit den Schultern. "Wir finden einen anderen Weg. Gemeinsam fällt uns etwas ein und ich bin sicher, dass wir es nicht soweit kommen lassen müssen!"
"Nicht? Meinetwegen könnt ihr mit den dunkelelfischen Bastarden tun, was euch beliebt."


Sie blickte zu Jakub und verzog kurz den Mund. „Sicher. Aber wenn wir so denken, dann sind wir keinen Deut besser. Es…“, sie runzelte nachdenklich die Stirn, „Es geht um Rettung, nicht um Rache. Und die Folterungen sind… sind unsere Bürde, Jakub“, Madiha wandte sich dem ersten Maat zu und zog dann tatsächlich etwas an ihrem Kragen, damit er erkennen konnte, dass ihre Narben im Gesicht auch hinuntergingen bis über ihre Schulter. Auch sie hatte Folter erlebt – nicht nur durch Missbrauch, auch durch die Bestrafung, nachdem sie Khasib angegriffen hatte, ohne damals überhaupt zu ahnen, wie das möglich war. „Aber die Genugtuung, wenn wir ihnen zeigen, dass wir trotz ihrer Taten zu einem glücklichen Leben finden – die ist doch viel mehr wert als … Hass und Rache, oder nicht?“, fragte sie schließlich in die Runde. "Wir müssen niemanden töten", mischte sich jetzt auch Caleb ein und Madiha’s Blick richtete sich auf ihn, während sie ihre Kleidung wieder zurückschnellen ließ und die Narben zu Teilen verbarg. "Wie Madi sagt, es gibt viele Möglichkeiten. Wir müssen ja auch nicht durch das Haupttor in die Stadt gelangen und ... Vielleicht kann Corax uns helfen. Er hat uns schon einmal in Dunkelelfen verwandelt. So kämen wir zumindest rein, meint ihr nicht?" "Der Leidträger? Hast du ihm deine Nachricht übermitteln können? Warum ... ist er nicht hier? Er weiß, dass seine Fähigkeiten auch in der Akademie gebraucht werden." Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Corax lernt seine Familie kennen und muss sich… um Azura kümmern. Ich hoffe sehr, dass er Gelegenheit erhält, sich nun um sich zu kümmern, aber er…“, sie fingerte in einem der Beutel herum und fischte die kleine Perle heraus, die Corax für Kjetell’o übergeben hatte, „gab mir die hier für dich. Ich sollte sie dir aushändigen.“, was sie auch gleich tat. Sie reichte dem Elfen die Perle und schaute neugierig darauf. „Was ist das?“, fragte sie und musterte die hübsche Kugel neugierig. Tatsächlich wurde Madiha etwas wehmütig zu mute, als sie an Corax dachte. „Ich wünschte, er könnte mit uns kommen.“, murmelte sie plötzlich und musste erkennen, dass der Rabe zu einem wirklich festen Bestandteil geworden war. „Ich wünsche ihm alles Glück… Und er hat es verdient, nicht wahr?“, fragte sie in die Runde und lächelte dann. „Bevor ich mir das ganze noch anders überlege… wir sollten vielleicht aufbrechen?“, fragte sie daraufhin und spürte eine gewisse Nervosität in sich aufkommen. Reisen… es war noch immer vollkommen fremd für sie und selbst mit dem Wissen, was sie am Ziel zu tun hätte, war es doch vordergründig erstmal die Reise selbst, die sie neugierig werden ließ.
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Samstag 6. April 2024, 13:34

Kjetell'o meinte es wahrlich gut mit ihr. Natürlich wollte er ihre Fähigkeit nutzen, aber nicht in dem Ausmaß, wie Madiha es sich ausgemalt hatte. Außerdem stellte es einen Unterschied da, ausgenutzt zu werden oder seine Fähigkeiten anwenden zu dürfen. Fähigkeiten, die er weiterhin und inzwischen unabhängig von ihrer Entscheidung fördern wollte, weil der Elf so sehr an ihr Potenzial glaubte. Madiha schwebte über den höchsten Wolken. Nur Caleb konnte ihr sonst ein derartiges Hochgefühl bescheren. Vielleicht nicht einmal das, denn es machte auch hier einen Unterschied aus, ob jemand gute Worte fand, den man liebte oder jemand, dem man eben nicht so nahe stand. Ihrem Herzen, ihren Sorgen und ihrem Selbstwertgefühl tat es auf alle Fälle gut. Der einzige Wermutstropfen war das Ziel. Madiha sollte gegen die stationierten dunklen Völker in Kosral vorgehen. Sie sollte ... töten, wenn es nicht anders ging. Das konnte sie nicht und so teilte sie es Kjetell'o auch mit. Bevor der Elf sich jedoch in seiner nun scheinbar ausweglosen Situation allein wiederfand, baute sie ihn auf. Sie würde mit ihm diese Mission durchführen und sie würden eine Alternative finden. Caleb stimmte zu. Auch er blieb an Madihas Seite und sie wiederum an der Kjetell'os. Jakub brummte zwar nur, man konnte es jedoch ebenfalls als Bestätigung sehen.
"Meinetwegen könnt ihr mit den dunkelelfischen Bastarden tun, was euch beliebt."
"Sicher. Aber wenn wir so denken, dann sind wir keinen Deut besser. Es geht um Rettung, nicht um Rache. Und die Folterungen sind ... sind unsere Bürde, Jakub."

Der Erste Maat brummte. Er löste sich von seinem Platz, um neben Kjetell'o zu treten, dem er die Decke um die Schultern schlang. Der Elf wagte es nicht, Jakub anzuschauen. Er wusste, was jener riskiert und wie man es ihm gedankt hatte. Dabei hatte Kjetell'o nicht einmal Azuras Reaktion mitbekommen, sonst wäre er nun wohl beschämt rot angelaufen.
"Ich hab das für dich getan", entschied der Matrose und klopfte dem Elfen auf die Schulter. "Zum Glück kann ich das sagen, denn sonst würde ich bereuen. Bei allem, was Recht ist, Kjet - deine Tochter ist eine undankbare Göre, die weder meine noch deine Hilfe verdient hat. Mach dir 'ne neue, sage ich." Wenn Jakub etwas sagte, meinte er es auch so. Er war pragmatisch und Azura hatte ihm gegenüber gezeigt, was sie von ihm hielt. Nun hielt der Mann sich ebenfalls nicht länger zurück. Höflichkeiten und Etikette konnte man in Adelskreisen erwarten, aber nicht auf See. Aber nicht nur hier gingen die Meinungen auseinander. Auch beim Töten der Dunkelelfen sah Jakub es anders. Dies war seinen gemachten Erfahrungen zuzusprechen, denn er konnte zu Madihas Wunsch einer Alternative und Calebs unterstützender Bestätigung nur müde mit dem Kopf schütteln. "Ihr seid alle zu nett. Manchmal nervt's richtig." Wenigstens schmunzelte er dabei schwach. Dann rammte er seine Faust in die eigene, hohle Hand. "Könnt euch drauf verlassen, dass ich das Grobe erledige, wenn ihr euch für alles zu fein seid." Und für einen kurzen Moment kehrte diese düstere, nahezu skrupellose Strenge in seinen stahlgrauen Blick zurück, die Madiha bei ihrer ersten Begegnung schon hatte erstarren lassen. "Keiner ist unschuldig", sagte er. Man musste ihm in gewisser Hinsicht zustimmen, auch wenn es niemand tat. Jeder hatte sein Päckchen zu tragen und auch wenn nicht immer Mord auf dem Etikett stand, so besaßen sie alle doch ihre dunklen Geheimnisse und jedes davon wog schwer für den einzelnen. Es schloss weder Madiha, noch Caleb und Kjetell'o aus und auch nicht Corax.
Sie kamen alsbald auf ihn zu sprechen, denn der Shyáner vermisste die Anwesenheit des Leidträgers. Er brauchte ihn, allein schon um Serpentis in der Öffentlichkeit darstellen zu können.
"Corax lernt seine Familie kennen und muss sich ... um Azura kümmern. Ich hoffe sehr, dass er Gelegenheit erhält, sich nun um sich zu kümmern, aber er ... gab mir die hier für dich. Ich sollte sie dir aushändigen." Madiha erinnerte sich an das Geschenk des Raben. Sie griff in eine ihrer Taschen und hielt Kjetell'o anschließend die Perle entgegen. Klein wie eine Haselnuss lag sie bequem in der Hand, war weiß, aber besaß einen Schimmer, der in der Lage zu sein schien, sie in allen Regenbogenfarben schillern zu lassen. Sie stammte unverkennbar von Corax. Kjetell'o konnte mit dem Geschenk auf den ersten Blck nichts anfangen. Verwirrt suchte er Madiha Augen. "Was soll mir das sagen?", fragte er, griff aber nach dem Kleinod. Kaum, dass die Perle zwischen seinen Fingern lag, überzog sie das Farbspektrum im Ganzen. Rot, Blau, Grün, Orange, Geld und Lila wirbelten über die glatte Oberfläche der kleinen Kugel. Sie waren nun mehr als ein Schimmer. Sie färbten das Kleinod vollkommen ein und was immer sie dadurch auslösten, ließ Kjetell'o erstarren.
"Heda, alles in Ordnung?", fragte Jakub, der noch neben dem Elfen stand. Er berührte seine Schulter, zuckte im nächsten Moment aber zurück, als ein regenbogenfarbener Blitz ihm einen kleinen Schlag versetzte. Die Luft um den Shyáner flirrte wie unter großer Hitze. "A-aber Corax...", sagte er den Namen des Leidträgers zum ersten Mal direkt, während ihm Tränen die Wangen hinab rannen. Anschließend verdrehte er die Augen und bewies, dass Azura Frucht seiner Lenden war und ganz nach ihrem Vater kam. Kjetell*o brach zusammen. Caleb reagierte wie immer rechtzeitig, weil er erst handelte und später nachdachte. Auch er hatte gesehen, dass Jakub einen Schlag abbekommen hatte, dennoch zögerte er nicht, Kjetell'o aufzufangen, damit jener sich beim Sturz nicht verletzte. Dieses Mal aber blieb das Blitzen aus. Der Erste Maat brummte verstimmt über die Ungerechtigkeit der Welt.
Caleb aber ließ den Elfen behutsam zu Boden sinken. Dann tätschelte er ihn. "He, Kjetell'o! Wach auf, was ist denn geschehen?"
"Was immer die Perle ausgelöst hat, es war zu viel für den Guten." Jakub nickte zu seinem Gesicht. Dem Shyáner stand der Schweiß auf der Stirn. Er war blass, aber die Wangen glühten förmlich. Wenigstens atmete er, wenn auch schwer. "Käpt'n", forderte Jakub und griff dann nach Kjetell'os Beinen. Caleb nahm seine Arme. Gemeinsam schleppten sie den Elfen in das Bett, wo sie ihn sofort dick einpackten. Die Perle blieb am Boden liegen. Sie hatte ihre Farben wieder verloren und war erneut weiß geworden. Wer auch immer sie aufhob, konnte es tun, ohne ein ähnliches Schicksal wie Kjetell'o befürchten zu müssen. Es handelte sich um eine simple Perle.
"Weiß jemand, wo die Küche ist oder irgendein Ort hier, an dem man ihm eine kräftigende Brühe bereiten kann?", fragte Caleb nach und Jakub nickte. "Du weißt auch, wo sie ist", erinnerte er ihn und Caleb wischte sich die Haare aus dem Gesicht. "Oh, richtig!" Er lächelte Madiha warm zu. "Wir haben euch gepflegt, als ihr bewusstlos wart. Du hast wahrscheinlich die halbwachen Momente nicht einmal mitbekommen. War nicht leicht, euch zu füttern." Er hatte sich also ähnlich um sie gekümmert wie sie und Corax es bei ihm und Azura auf dem Schiff getan hatten. Jetzt aber brauchte Kjetell'o ihre Hilfe.
Caleb ergriff Madihas Hand. "Komm, wir kümmern uns darum. Jakub, du bewachst ihn."
"Aye", gab der Maat zurück. Dann machten Caleb und Madiha sich schon auf den Weg. Der Dieb gab ihn vor, brauchte jedoch selbst Zeit, um sich zu orientieren. Die Akademie war groß und es war lange her, dass er sich bis in die Küche begeben hatte. Wenn ihm der Weg dorthin jetzt überhaupt gestattet war! Die positionierten Dunkelelfenwachen hielten ihn nicht auf, aber sie schienen auch kaum zu wissen, wohin Caleb mit seiner Begleitung wollte. Mehrmals wechselte er die Richtung, ging eine Treppe wieder hinab, die sie schon halb emporgestiegen waren und fand sich doch schlechter zurecht als er erwartet hatte. Plötzlich fanden er und Madiha sich in der großen Eingangshalle wieder mit Blick auf die lange Brücke, die aus der Akademie selbst führte. Es regnete immer noch, aber nicht mehr so stark. Doch das Wetter wandelte sich in eine simple Kulisse vor dem Bühnenspiel, welches sich dem Paar auftat. Am Eingang, umringt von gleich drei bewaffneten Dunkelelfenwächtern, stand - schwer atmend und reichlich durchnässt, aber unverletzt - Jivvin. Ihr Haar hatte sich zu großen Teilen aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst, die die silbernen Nadeln nur noch gerade so halten konnte. Schwarze Strähnen klebten ihr in der Stirn und im Nacken. Von ihren Spitzohren tropfte der Regen und ihre Wangen waren ähnlich gerötet wie die von Kjetell'o. Sie fieberte im Gegensatz zu ihm aber nicht. Man konnte es körperlicher Anstrengung zuschreiben, gleichermaßen wie ihre ungezügelte Atmung. Sie diskutierte gerade sehr eifrig mit den Elfen. Vielleicht klang es aber auch nur deshalb so hart und fordernd, weil sie sich auf Lerium mit ihnen unterhielt. Caleb und Madiha verstanden kein Wort.
"Was sucht sie hier?", wunderte sich der Dieb, da traf ihn schon der goldene Blick der Elfe.
"Euch", erwiderte sie, wollte zu ihnen stürmen, aber wurde von den Wachen gepackt. Es wäre für Jivvin wohl ein Leichtes, sich aus den Pranken herauszuwinden, aber entweder wollte sie ihre Fähigkeiten in der Öffentlichkeit nicht präsentieren oder nicht noch mehr Ärger verursachen. Da sie nicht zu Madiha und Caleb vordringen konnte, rief sie ihnen eben zu: "Da ist ein Schiff im Hafen angekommen, voll mit Leuten. Mit Kindern! Flüchtlinge aus Sarma!" Und als wäre das nicht schon genug, fügte Jivvin an: "Es ist ein Schiff aus deines Vaters Werft."
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Madiha Al'Sarma » Freitag 12. April 2024, 19:30

Madiha hatte lange genug allein im Leben zurechtkommen müssen, um jetzt andere damit zu strafen. Das Mädchen wollte zwar nicht mehr benutzt oder für andere Zwecke eingespannt werden, aber sie würde im Umkehrschluss nicht einfach auf dem Absatz kehrtmachen. Madiha wollte dennoch eine Lösung finden und bot Kjetell’o eben jene an. Sie würden gemeinsam einen anderen Weg finden, damit beide Seiten Luft zum Atmen behielten. Es verhielt sich ähnlich, wie mit ihrer Magie: Madiha wusste, dass ihr Feuer zerstörend sein könnte. Sie wusste das besser als jemand sonst. Aber sie wollte auch daran glauben, dass sie mit ihrer Magie nicht zwangsläufig verletzen musste. Zwar kannte sie sich mit dieser arkanen Kraft noch nicht so gut aus, aber sie glaubte einfach steif und fest daran, dass es andere Lösungen geben würde. "Zum Glück kann ich das sagen, denn sonst würde ich bereuen. Bei allem, was Recht ist, Kjet - deine Tochter ist eine undankbare Göre, die weder meine noch deine Hilfe verdient hat. Mach dir 'ne neue, sage ich." Madiha biss sich auf die Unterlippe. Jakub hatte Recht. Aber sie blickte unsicher zu Kjetell’o, denn immerhin war Azura seine Tochter und das, was Jakub sagte, gewiss nicht unehrlich gemeint. Und nach der letzten Reaktion, konnte Madiha dem auch nichts entgegensetzen. Azura war verbohrt und würde niemals einen anderen Standpunkt zulassen als ihren eigenen. Dabei war es so wichtig, auch andere mal zu Wort kommen zu lassen und sich ihre Sichtweisen anzuhören. "Ihr seid alle zu nett. Manchmal nervt's richtig." Ihr Blick funkelte auf bei seinem Brummen. "Könnt euch drauf verlassen, dass ich das Grobe erledige, wenn ihr euch für alles zu fein seid." Madiha seufzte. „Das wird nicht nötig sein.“, murmelte sie und schüttelte den Kopf leicht. "Keiner ist unschuldig" „Darum geht es aber auch nicht“, hielt Madiha dagegen. „Es geht darum, dass es nicht immer der einzige Weg ist, Blut zu vergießen“, zuckte sie abermals die Schultern. Sie würden hier wohl auf keinen grünen Zweig kommen. Dafür waren die Ansichten zu verschieden. Aber das machte nichts. Keiner von ihnen rannte aus dem Zimmer, weil er nicht ertrug, dass Meinungsverschiedenheiten existierten. Am Ende würde man sehen, wer Recht behielt. Das Augenmerk legte sich auf Corax und Madiha überreichte Kjetell’o die Perle, die er ihr mitgab. Offenbar konnte der Elf damit nicht viel anfangen: "Was soll mir das sagen?" Madiha hob nur ratlos die Augenbrauen und schüttelte den Kopf. Sie wusste es nicht. Dann erstarrte Kjetell’o auf einmal und ihre Brauen senkten sich fragend. Auch Jakub mischte sich ein und als er einen Schlag bekam, zuckte Madiha zurück. „Kjetell’o?“, fragte sie unsicher, doch da weinte der Elf, stammelte Corax‘ Namen und … fiel zu Boden. Madiha zuckte erschrocken vor und wollte ihn im Affekt fangen, doch erreichte sie ihn nicht, dafür war Caleb schneller. In der Folge mussten die Verbliebenen erkennen, dass er bewusstlos blieb und Madiha sah besorgt zwischen Jakub und Caleb hin und her, bevor sie sich entschieden, dass sie ihm die Ruhe gönnten. „Was auch immer es war, er braucht dringend Ruhe…“, murmelte das Mädchen und seufzte leise. Nur kurz darauf erklärten sich Caleb und Madiha bereit, dem Elfen etwas zum Essen zu besorgen und Jakub würde bleiben und auf ihn achten. Nachdenklich folgte Madiha Caleb und bekam gar nicht richtig mit, dass der Andunier sich offenbar verlaufen hatte. Er suchte den Weg und am Ende gelangten sie in die große Eingangshalle. Madiha lächelte leicht. „Ich glaube nicht, dass wir hier richtig sind, Caleb!“, neckte sie ihn ein wenig und lächelte tatsächlich. Kjetell’o hatte mit seinen Worten eine gehörige Schippe Selbstvertrauen auf ihre kümmerliche Seele geworfen und Madiha wollte darauf aufbauen. Man sah es ihr gar an. Sie ging etwas aufrechter und ihr Blick war längst nicht mehr so unsicher. Sie spürte in sich eine Wahrheit ruhen, die sie neugierig erkunden wollte. Sie wollte ihr Potenzial ausschöpfen und mit eigenen Augen sehen, was sie erreichen könnte.

Bevor sie aber einen anderen Weg zur Küche einschlagen konnten, wurde auch Madiha von dem kleinen Tulmult am Eingang abgelenkt. Das Mädchen stutzte, als sie im Augenwinkel meinte, etwas Vertrautes zu sehen. Als sie Jivvin erkannte, furchte sich aber ihre Stirn. Caleb sprach aus, was auch Madiha dachte. "Was sucht sie hier?" "Euch" Madiha musterte Jivvin einen Moment und straffte ihre Schultern. Wollte sie doch nicht aufgeben? Doch dann klärte die Elfe über ihre Beweggründe genauer auf. "Da ist ein Schiff im Hafen angekommen, voll mit Leuten. Mit Kindern! Flüchtlinge aus Sarma! Es ist ein Schiff aus deines Vaters Werft." Madiha’s Ohren rauschten. Für einen Moment konnte sie nichts anderes wahrnehmen als diese Worte: Flüchtlinge aus Sarma. Sarma… Ein eisiger Schauer durchlief ihren Körper, denn sie wusste in diesem Moment nicht, was sie davon halten sollte. Es war eigenartig so direkt mit ihrer Heimat konfrontiert zu werden und es barg eine seltsame Intention, dass Jivvin diese Neuigkeit an sie herantrat. Madiha presste die Lippen aufeinander. „Aus Sarma?“, brachte sie hervor und schnaufte leise. Das war ein Brocken. Doch dann ging ein Ruck durch ihren Körper und sie ließ sogar Caleb hinter sich. „Lasst sie!“, sagte sie mit fester Stimme und ohne darüber nachzudenken, ob man überhaupt auf sie hören würde. MAdiha trat an Jivvin heran und betrachtete sie eingehend. Noch immer lag da diese Spannung zwischen ihnen, aber Madiha ließ sich jetzt davon nicht mehr verunsichern. Fest sah sie in das Gold. „Zeig es mir.. uns!“, berichtigte sie sich und warf einen Blick zu Caleb zurück, ob er folgen würde. „Oder willst du Kjetell’o das Essen bringen und ich gehe zum Hafen?“, fragte sie zögernd, bis ein entschlossener Ausdruck auf ihr Gesicht trat. „Jakub wird ihm schon etwas bringen. Das hier ist jetzt wichtiger!“, entschied sie sich dann doch und wandte sich erneut an Jivvin. „Geh voraus, wir folgen dir.“
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Montag 22. April 2024, 01:59

Die Sorge um Kjetell'os Wohlbefinden ließ Madiha und Caleb durch die halbe Akademie laufen. Ihr Ziel erreichten sie dabei nicht, wohl aber nach einigen Umwegen erneut die große Halle, von wo aus es auch zurück auf die Brücke ging, die aus der Akademie heraus führte. Spätestens jetzt rückte der erkrankte Shyáner in den Hintergrund, zusammen mit jeglichen Spekulationen, ob denn nun ein krankheitsbedingter Schwächeanfall oder die überreichte Perle seine Bewusstlosigkeit herbeigeführt haben mochte. Denn eine andere vertraute Figur betrat erneut die Bühne, auf der Madihas Stück aufgeführt wurde. Die Sarmaerin entdeckte Jivvin zuerst. Sie befand sich in einer Diskussion mit den ansässigen, dunkelelfischen Wachen, welche sie nicht in die Akademie lassen wollten. Es musste einen gewichtigen Grund geben, dass sie sich nicht abwimmeln lassen wollte. Es dauerte auch nicht lang, da erfuhren Caleb und Madiha jenen. Jivvin war wegen ihnen hier. Sie hatte Madiha entdeckt und schien jeglichen Zwist vollkommen beiseite zu schieben. Sie sprach neutral und auch ihre Miene zeugte nicht davon, dass sie einander nicht unbedingt in Freundschaft getrennt hatten. Dafür flackerte eine gewisse Hektik in ihrem Blick, der ihr etwas das Selbstbewusste zu nehmen schien. Madiha bemerkte, dass hier mehr im Argen lag als ihre Nachricht über ein heimgekehrtes Schiff vermuten ließ. Aber Madiha erhielt auch die Nachricht, woher das Schiff stammte.
"Aus Sarma?" Jivvin nickte. Ihr Blick huschte zwischen Madiha und Caleb umher. Er war eindringlich. Ihre Erwähnung über sarmaer Flüchtlinge bereitete nicht nur der Elfe Kopfzerbrechen. Sofort schwirrten Bilder vor Madihas innerem Auge. Sie hatten Sarma verlassen, während es einer Belagerung durch die dunklen Völker hatte standhalten müssen. Wenn ein Schiff aus der Werft des verstorbenen Gregor van Tjenn zurückkehrte und Flüchtlingskinder an Bord waren, ließ es darauf schließen, dass der Bund der Wüstendiebe seine Finger im Spiel hatte. Und das bedeutete, dass dieses Schiff indirekt von Dunia kam. Sie würde niemals zulassen, dass unschuldige Kinder bei dem Angriff verletzt wurden. Auch wenn ihre Chance gering war, eine lange Seereise heil zu überstehen, so griff die sarmaer Heilkundige auch nach diesem Strohhalm. Eine winzige Überlebenschance war allemal besser als auf brutale Weise abgeschlachtet zu werden. Aber was bedeutete dies dann für Sarma? War Madihas Heimat in größerer Gefahr als sie befürchtet hatte?
"Lasst sie!" Mit einer Bestimmtheit, die selbst Caleb sprachlos vor Überraschung zurückließ, wandte Madiha sich direkt an die Wachen. Die drei Dunkelelfen schauten zunächst perplex, dann verfinsterten sich ihre Mienen. Schon wollten sie eingreifen, aber die störrische Menschenfrau ignorierte sie bereits. Sie wandte sich an Jivvin: "Zeit es mir ... uns!"
Die Elfe nickte und plötzlich machten auch die Wächter Platz. Sie schlussfolgerten, dass der Störenfried offenbar nur Madiha abholen wollte und es besser wäre, beide ziehen zu lassen. Aber da gab es noch jemanden. Doch wie schon bei der Aussicht, allein in den Kosral zu müssen, enttäuschte Caleb seine Liebste nicht. Er nickte ihr zu. Auch er würde mitkommen. Da es sich um ein Schiff aus der Werft seines Vaters handelte, fühlte er sich offensichtlich sofort verpflichtet, nach dem Rechten zu sehen. Trotzdem wies Caleb mit einem Fingerzeig darauf hin, noch nicht gleich loszustürmen. Er rieb sich durch die wilde Mähne und blickte zu den Wachen herüber. "Kennt jemand von euch Kjetell'o? Ziemlcih erkälteter Elf - keiner von eurem Schlag." Dann gab er eine nähere Beschreibung ab und einer der Wächter stöhnte. Er kannte ihn. "Der ist in seinem Zimmer zusammengebrochen und braucht dringend Hilfe. Ein Freund von uns - Jakub Tauwetter - ist bei ihm. Jemand muss ihm ausrichten, dass Madi und ich rasch zum Hafen sind." Wieder stöhnte der Wächter auf, ließ sich aber breitschlagen. Er winkte ab: "Wenn der Tumult hier dadurch endet..."
"Wird er", bestätigte Jivvin. Sie winkte Caleb und Madiha zu. "Folgt mir, zum Hafen." Und schon liefen sie gemeinsam los. Selbst Ventha schien den Aufbruch gutzuheißen, denn plötzlich ließ der Regenguss nach und die Wolkendecke wirkte nicht mehr ganz so dunkel wie bisher.

Weiter bei Der Hafen Andunies -> Gestrandet in Andunie
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Re: Stille Wunden

Beitrag von Erzähler » Freitag 10. Mai 2024, 14:20

Madiha kommt von Der Hafen Andunies -> Gestrandet in Andunie

Der weitere Rückweg gestaltete sich ereignislos, dennoch interessant. Kein Wunder, dass Ilmengard Wollweber so sehr von Madiha beeindruckt war und ihren Mut immer wieder in höchsten Tönen lobte. Sie selbst entpuppte sich als kleiner Feigling. Jedes Mal, wenn die beiden Freundinnen Mitglieder der dunklen Völker passierten, zuckte die gebürtige Andunierin zusammen, klammerte sich nur noch fester an Madihas Hand und rückte ihr dicht auf die Pelle. Der Angriff auf Sarma hatte sie bereits erschreckt. Die jüngsten Ereignisse - der Verlust eines waschechten Drachen auf ihrer Seite - musste sie regelrecht traumatisiert haben. Es fühlte sich auch nicht allzu gut an, von Ilmys Hand gedrückt zu werden, denn ihre eigenen wiesen ähnliche Merkmale auf, wie Madiha sie bereits bei sich selbst erkannt hatte - damals, als sie es mit der Feuermagie übertrieben hatte. Die Haut war schwarz von Verbrennung, würde glücklicherweise aber nicht abfaulen. Es war eine eher optische Nachwirkung, auch wenn sie Sarmaerin sicher sein konnte, dass Ilmy Schmerzen haben musste. In jener Hinsicht war zeigte ihre Freundin sich doch als tapfer, denn sie klagte nicht einmal über ihre Verletzungen. Doch die Dunkelelfen machten ihr Angst.
Am Tor der Akademie angekommen duckte Ilmy sich in Madihas Windschatten hinein. Sie machte sich hinter ihr ganz klein und wagte nicht, die Hand ihrer Freundin auch nur eine Sekunde loszulassen. Dabei wirkten die Wachen am Zugang der Brücke reichlich desinteressiert. Sie erkannten Madiha wieder und dass weder Caleb noch Jivvin in ihrer Begleitung waren, scherte sie wenig. Wortlos winkten sie die beiden Frauen hindurch. Auch sonst nahmen die dunkelelfischen Wachen innerhalb der Akademie wenig Notiz von ihnen. Es hatte sich eine Alltagsroutine eingestellt, bei der sowohl Dunkelelfen als auch Menschen auf neutraler Ebene miteinander auskamen. Solange niemand Ärger machte, funktionierte es auf beiden Seiten. Außerdem konnte Madiha schon erste des dunklen Volkes ausmachen, die nicht in Rüstungen, sondern in Magierroben durch das Institut wanderten. Was Caleb sich wohl für ganz Andunie wünschte, schien in der Akademie erste Früchte zu tragen. Man lernte, miteinander zu leben, ohne sich gegenseitig zu unterdrücken und es funktionierte grötßenteils wunderbar. All die Bilder und Eindrücke konnten Ilmengard allerdings nicht aus ihrem Schneckenhaus hervorlocken. Sie taute erst dann etwas auf, als Madiha und sie sich in dem Zimmer einfanden, das einst Corax zugeteilt worden war und in dem Kjetell'o zusammengebrochen war.
Der Shyáner lag nun in Corax' ehemaligem Bett, die Decke bis unter die Nase gezogen. Wangen und Stirn glühten, während der Schweißfilm darauf alles rötlich glänzen ließ. Der Elf atmete schwer und schien noch immer nicht zu Bewusstsein zurückgefunden zu haben. Auf der Bettkante saß Jakub, der ihm mit einem kalten Lappen die Stirn abtupfte. Auf einem Nachttisch neben dem Bett fand sich eine volle Wasserschale. Das Essen, das der Erste Maat hatte zubereiten lassen, stand achtlos auf dem Schreibtisch. Er hatte eine große Terrine Hühnersuppe mit ganzen Fleischstückchen für Kjetell'o organisieren lassen und genug Schalen mitgebracht, dass auch Madiha, er selbst und Caleb hätten mit essen können. Caleb war nicht anwesend, aber da Madiha Ilmy bereits eine Mahlzeit versprochen hatte, würde sie dessen Platz einnehmen können.
Jakub schaute auf, als die beiden jungen Frauen den Raum betraten. Er musterte Ilmy kurz. Da sie allerdings in Madihas Begleitung eintrat, schien er sie sofort als Verbündete anzusehen. Er nickte ihr knapp zu und wandte sich dann an die Dunkelhaarige. "Noch immer nicht wach und sein Fieber bekomme ich einfach nicht in den Griff."
"Habt Ihr ihm Wadenwickel gemacht?", mischte Ilmy sich nun todesmutig ein. Die Heilkunde war zu ihrem Steckenpferd geworden und sie lebte diese deutlich leidenschaftlicher aus als eine Ausbildung zur Feuermagierin. Endlich ließ sie Madihas Hand los und wagte sich an der Freundin vorbei. auf einen höflichen Abstand verzichtete sie ebenfalls, teilte Jakub nur rasch mit, dass sie bei der Heilerin Dunia lernte und helfen könne. Der Maat warf Madiha einen fragenden Blick zu, machte aber Platz. Ohne große Umschweife machte Ilmy sich daran, die Decke zurückzuschlagen und Kjetell'os Hosenbeine hochzuziehen. "Ich brauche Handtücher in doppelter Ausführung und frisches Wasser, möglichst kalt."
Jakub erhob sich wortlos. Es dauerte nicht lange, da hatte er Ilmy alles Notwendige gebracht und würde sich auch von neuem losschicken lassen. Diese Prozedur kannte er, fand Sicherheit darin und übernahm alles ohne zu klagen. Ilmengard seufzte ebenfalls nicht, im Gegenteil. Sie stürzte sich geradezu in die Aufgabe, Kjetell'o Wadenwickel anzulegen und ihn anschließend wieder gut einzupacken. Außerdem zählte sie Medikamente auf, die man ihm geben sollte - natürlich nur unter ihrer Aufsicht. Es war gut, dass Madiha ihre Freundin mitgenommen hatte. Wenig später schlief der Elf zwar immer noch, aber sein Gesicht glänzte nicht mehr unter Schweiß und seine Zwangsruhe wirkte etwas friedlicher. Das verbliebene Trio konnte sich endlich der Hühnersuppe widmen.
"Kalt", brummte Jakub, als er darin herum rührte. Er hatte sie zu lange stehen lassen. Ilmy aber zeigte sofort auf Madiha. "Sie ist eine bessere Feuermagierin als ich. Madi, du kannst die Suppe doch bestimmt wieder aufheizen." Gewiss würde ihr das gelingen. Sie musste nur aufpassen, bei ihrem Zauber nicht gleich die Terrine in Brand zu stecken. Vorausgesetzt, sie achtete auf die Speise. Während Ilmy und Jakub sich nämlich Kjetell'o angenommen hatten, besaß sie die Gelegenheit, sich im Raum umzuschauen. Die mitgebrachte Perle, die Corax ihr überreicht hatte, war kaum zu übersehen gewesen. Jakub hatte sie bisweilen ignoriert. "Ich fass das Ding nicht an", knurrte er. "Was, wenn's den Elfen deshalb umgehauen hat?" So lag die Perle mitten im Raum, glänzte ebenfalls, wenn auch nicht fiebrig und schien nur darauf zu warten, dass man sie in Empfang nahm. Aber auch die Suppe wartete, sofern Madiha sich magisch daran versuchen wollte. Anschließend stünde wohl ein Gespräch an. Kein angenehmes, es sei denn, sie tauschte sich zuerst mit Jakub aus.
"Warst ja reichlich lang weg", stellte jener auch schon fest. "Wo ist Caleb hin und wer ist die Kleine hier?"
"Oh, äh ... Ilmengard Wollweber. Ilmy genügt aber schon. Ich komme aus Sarma und ich muss Madiha abholen. Wir müssen zurück, um die Wüstenstadt vor den Dunkelelfen zu retten." Jakub schaute Ilmy ausdruckslos an. Sie blickte zuversichtlich und mit stoischer Ruhe zurück. Plötzlich lachte der Seemann knapp auf, stämmte die rauen Hände in die Hüften und blickte zu Madiha herüber. "Und Caleb macht wieder den Kapitän? Nehmt mir ja mit, aye? Am besten ich geh ihm nachher noch zur Hand. Das Schiff braucht sicher ein paar Reparaturen. Wann geht's los?"
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