Unter Tage

Diese große Graslandschaft liegt im Herzen des östlichen Teiles Celcias. Bei einem Unwetter verwandelt sich diese schöne Ebene in ein sehr gefährliches Gebiet, da es kaum Schutz bietet. Der große Fluss Ilfar teilt die Ebene in zwei Hälften.
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Unter Tage

Beitrag von Erzähler » Montag 5. Oktober 2015, 17:24

Azura kommt von Die Hafenstadt Andunie -> Der Tempel Venthas -> "Der geschändete Tempel"

Der Gang war schmal. Er mochte nicht mehr als etwa einen Meter breit messen, so dass man kaum die Arme zu beiden Seiten ausstrecken konnte, ohne an das unebene Erdreich zu stoßen. Wenigstens für nötige Sicherheit hatte sein Konstrukteur gesorgt. Alle anderthalb Meter waren hölzerne Stützbalken ins Erdreich getrieben, um den Fluchttunnel stabil zu halten. Einige davon mochten im Lauf der Zeit morsch geworden und nicht mehr erneuert worden sein, doch noch zeigten sich keine Risse in der erdigen Decke über ihnen. Jedenfalls nicht viele. An einer Stelle hingen Wurzeln herab. Hier hatte sich irgendein Baum oder dicker Strauch über ihren Köpfen den Weg nach unten gebahnt. Corax, der mitsamt Laterne vorausschritt, musste die knorrigen Wurzeln mit der Schulter zur Seite drücken, um sich selbst und Azura das weitere Vorankommen zu gewährleisten. Hier und da rieselte etwas Erdreich auf sie herab. Es roch nach feuchter Erde, abgestandener Luft, so dass sich selbst in des Elfen Gliedern Beklemmung breitmachte. Corax ließ sie sich nur nicht anmerken. Er setzte beständig einen Fuß vor den anderen.
Weder er noch Azura konnten sagen, wie weit sie schon gegangen waren. Mehr als die wenigen hundert Meter, die ihre betuchte Freundin Azura damals genannt hatte, wenn sie von diesem Tunnel erzählte. Möglich war auch, dass man ihn doch noch erweitert hatte. Solange die dunklen Völker ihn nicht entdeckt hatten, war jedoch alles gut. Bisweilen. Hier unten verlor man jegliches Zeitgefühl, die stickige Luft machte sowohl Atmen als auch das Denken schwer. Sie förderte zunehmend eine Schläfrigkeit, die nicht natürlich war.
Irgendwann blieb Corax stehen. Er setzte die Laterne ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Erdwand. Selbst jetzt im spärlichen Licht flimmerten seine Augen wie blutrote Edelsteine. "Es kann nicht mehr weit sein." Versuchte er, Azura oder sich selbst hier Mut zuzusprechen? Staubfarbene Strähnen hingen ihm in die verschwitzte Stirn. Ja, der Elf schwitzte. Man mochte ihm einen Heiltrunk eingeflößt haben, der seine Wunden verschlossen hatte, doch sein Körper war nach wie vor erschöpft. Azura und er hatten eine Pause gehörig nötig. "Weißt du in etwa, wo wir wieder an die Oberfläche stoßen?", erkundigte er sich, wartete dann aber keine Antwort ab. Sie würden es nicht herausfinden, wenn sie stehenblieben. Also griff er erneut nach der Lichtquelle, um den einzig möglichen Weg fortzusetzen.
In jenem Moment erschütterte die Erde ringsum. Zum Glück nicht über ihnen, aber einige Meter vor den beiden bröckelte Erde aus einer Seitenwand, bevor mehrere klauenartige, schwarzsilbrige steife Spitzen sich einen Zugang in ihren Fluchttunnel bahnten. Die Geräusche, die das Erdreich in ihren Gang beförderte, waren ein von Knurren und Schnaufen begleitetes Grunzen. Zudem breitete sich ein äußerst beißender, schweißiger Gestank aus.
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Re: Unter Tage

Beitrag von Azura » Samstag 5. Dezember 2015, 19:23

So wirklich war sie trotz allem noch immer nicht in der Realität angekommen. Dazu konnte sie das Geschehen gekonnt verweigern und so verdrehen, dass sie in ihr Weltbild passten. Manche Tatsachen jedoch konnte selbst sie nicht leugnen, sodass sie sich dem stellen musste, was auf sie zukam.
Im Moment bedeutete das, dass sie in einen dunklen, engen Schacht, der Urängste in ihr weckte, steigen musste, um der herannahenden Gefahr entgehen zu können. Und dass der Lärm solch eine bedeutete, war sogar der jungen Frau klar, da hätte es der Ungeduld ihres erzwungenen Begleiters nicht bedurft. Sein Knurren hörte sie gar nicht mehr, während es in ihrem Kopf arbeitete, sodass sie ihm keine Vorwarnung kam, ehe sie zu ihm kletterte und das mit etwas zu viel Schwung. Sie war nicht so weit gekommen, um nun die Felle leichtfertig davon schwimmen zu lassen und all ihr Wissen zu opfern. So groß konnte die Urangst auch nicht sein, dass sie dafür ihr Leben verschenkt hätte. Dass sie es schon einmal beinahe vollkommen verloren hätte, war ihrem Gedächtnis schließlich längst wieder entfallen, und selbst wenn nicht, hätte sie vermutlich nicht an den seltsamen Ort zurück gewollt, von dem sie ein goldenes, dünnes Bändchen fortgelockt hatte.
Die nächsten Momente flossen an Azuras Bewusstsein regelrecht vorbei, sie konzentrierte sich auf nichts anderes als den Weg hinab, was dazu führte, dass sie sich unten nicht daran erinnern konnte, wie sie dorthin gelangt war. Fest stand, dass sie Boden unter ihren Füßen verspürte und keine rostigen Sprossen, während ihr das Herz hämmerte, als wolle es aus ihrem Brustkorb springen. Die Angst kroch ihre Glieder hoch und wäre das Licht ausreichend gewesen, hätte man die Gänsehaut erkennen können, die ihren gesamten Leib ergriffen hatte.
Trotz der fesselnden Kette hob sie beide Arme und legte die Hände auf ihre Schultern, da ihr kalt wurde. Es war nicht nur kühl hier, sondern auch die Furcht sorgte für diese Reaktion. Leise begannen ihre Zähne zu klappern und sie wagte es nicht, sich umzusehen. Viel zu erkennen wäre zwar sowieso nichts gewesen, doch so blieb es ihrem Begleiter übrig, den rechten Weg zu finden, der sie hier heraus und in Sicherheit bringen würde.
Sogar die freche Zunge war ihr derzeit abhanden gekommen, die junge Frau blieb stumm. Auch dann, als er ihr einen Befehl erteilte, den sie tatsächlich befolgte und das ohne einer Erwiderung. Beinahe war ihre Reaktion unheimlicher als die Dunkelheit und der Gang um sie herum, in den sie eintauchten, wenn man ihr sonstiges Verhalten kannte. Allerdings kam es ihnen beiden wahrscheinlich nur zugute, sollten sie sich an diesem Ort eine Streiterei ersparen, weil ihr die Worte fehlten.
So trottete sie stumm, aber mit Zähnegeklapper hinter ihm her, die Schultern fröstelnd hochgezogen und mit derart weichen Knien, das jeder Schritt ein kleiner Erfolg war. Alles kam ihr abhanden, der Wunsch zu sprechen, das Zeitgefühl, die Erinnerung daran, wie es draußen gewesen war, lediglich die Angst in ihren Knochen blieb nicht nur, sondern setzte sich immer stärker fest.
Immer wieder bemerkte sie die Enge des Ganges, wenn sie leicht taumelte und ziemlich rasch an eine Wand aus modrig-feuchter Erde stieß. Auch das herabrieselnde Erdreich ließ sie zusammen fahren und einmal entkam ihr sogar ein leiser, spitzer Schrei. Azura fühlte, wie ihr jeder Schritt mit mehr Mühe noch als der vorherige gelang und sollten sie nicht bald hier heraus kommen, würde sie vermutlich vor Panik eine Dummheit begehen.
Es war einstweilen von Vorteil, dass sie beide einander in Ruhe ließen und nichts weiter als dem Weg folgten. Wie lange das jedoch noch gut gehen würde, war lediglich eine Frage der Zeit. Irgendwann, mochten Minuten oder Stunden vergangen sein, die junge Frau wusste es nicht zu sagen, blieb er stehen und lehnte sich gegen die Wand. Auch sie atmete schwer und fühlte sich äußerst matt, sodass sie nun, wo die Pause entstanden war, sich einfach nicht mehr auf den Beinen halten konnte.
Sie knickten unter ihr weg wie Streichhölzer unter einem zu starken Gewicht. Einen leisen, schluchzenden Laut stieß sie dabei aus und schrumpfte zu einem Häufchen Elend zusammen. Seine Worte nahm sie lediglich am Rande wahr und wollte nur noch die Hände vors Gesicht schlagen, um nichts um sich herum mehr sehen… oder eher nicht sehen zu müssen.
Ein weiteres Schluchzen kroch ihre Kehle hoch und sie schüttelte kraftlos den Kopf auf seine Worte. Zu einer anderen Antwort war sie nicht länger fähig.
Als plötzlich die Erde bebte und sie vor Schreck regelrecht erstarren ließ. Ihr war, als würde ihr Herzschlag aussetzen, als sie hochsah und sich obendrein den grauenhaften Gestank in ihrer Nase festsetze. Ihre Augen weiteten sich und als könne sie somit die Gefahr von sich abwenden, öffnete sich ihr Mund zu einem hochkriechenden Schrei, der markerschütternd und verräterisch sein würde, sollte man ihn nicht irgendwie unterdrücken. Sie allerdings wäre dazu nicht in der Lage.
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Re: Unter Tage

Beitrag von Erzähler » Samstag 12. Dezember 2015, 08:47

Des Todes Nachhall eines wieder geschenkten Lebens wühlte Seelen auf. Wer dem Gevatter entkam, vergaß ihn ... meistens. Denn das Leben war zu kostbar, zu groß und fantastisch, als dass man sich dessen erinnerte, am Ende davon lauerte. Keine Seele wäre länger unbefangen, niemand geleitet vom Leben, wenn man wüsste, was danach geschah. Ob ewiger Schrecken oder glückseliges Paradies, beide Formen eines Nachlebens hätten Einfluss auf das jetzige genommen. Wer sich vor einem bitteren Jenseits fürchtete, würde seine wertvolle Zeit in Angst verbringen und nicht auskosten, wie es ihm bestimmt war. Wer auf etwas Besseres hoffte, weil er wusste, es käme, würde sich dem Leben, das er aktuell führte, mit zu wenig Hingabe widmen. Wer weiß, vielleicht versuchte eine solche Seele sogar dann, bewusst ins Reich des Zeitlosen zu treten. Etwas, das er sicherlich nicht mit einem Paradies für die jeweilige Seele entlohnte.
Nein, es war gut, nichts davon zu wissen, was geschehen war. Auch für Azura. Doch ganz konnte sich ihr Körper den Auswirkungen Kata Mayans nicht enziehen. Etwas hallte immer nach, ließ sie im Geiste straucheln. Es ließ sie benommen zurück, zumindest für einige Zeit. So war es schwierig, die widergewonnenen Realität aufs wiederholte Mal zu begreifen. Auch Azura fiel dies immer noch schwer, vor allem wohl, weil sie den Grund für ihre leichte Konfusion nicht fassen konnte. Die Realität kam von ihrer ganz eigenen Seite erschwerend hinzu. Es war nicht gut für eine zurückgekehrte Seele, sich sofort den Gefahren des Lebens wieder auszusetzen. Sie könnten sie nur allzu schnell zum Gevatter treiben und ein ewiges Hin- und Herspringen hätte Konsequenzen. So wuchs der Überlebenswille unbemerkt in der jungen Frau heran, trieb sie tiefer in den Gang hinein, den sie mit ihrem verknüpften Fluchtpartner durchquerte.

Der Gang war schmal. Mehr jedoch störte das goldene, bislang unzerstörbare Band, das Azura und Corax zusammenhielt. Letzterer knurrte erneut auf, als seine Begleiterin die Arme um die eigenen Schultern legte. So musste er nämlich seinen linken Arme zurückstrecken. Er warf einen Blick nach hinten. Ihr Anblick entlockte ihm dann allerdings doch ein seichtes Grinsen, dass seine Eckzähne zum Vorschein kamen. "Angst?", säuselte er und ergötzte sich für Sekunden an dem Bild. Dann erschütterte etwas die Erde, dass er selbst zusammenzuckte. Weniger vor Schreck, als vielmehr in wachsamen Maß. Er blieb immer noch Soldat - Leibwache, um genau zu sein. Wie lange hatte er seiner Herrin gedient, die ihn nun wie ein Stück Abfall von sich entfernt und verstoßen hatte! Doch antrainierte Instinkte blieben und so ruckte er in eine defensive Haltung. Die Hand fuhr bereits zum Gürtel, wo in besseren Zeiten sein treues Schwert schwer, sowie griffbereit gehangen hatte. Nun, da es fehlte, mekrte er auch das mangelnde Gewicht. Was immer da die Seitenwand des Fluchttunnels durchbrach, sie waren ihm hilflos ausgeliefert. Corax knurrte erneut auf.
Da brach Azura hinter ihm ein. Ihre Knie knickten einfach zusammen, so dass ihr Vordermann mit ein stück nach unten gerissen wurde. "Vermaledeites Weib! Reiß dich zusammen!", fuhr er sie an. Dann huschte sein Blick wieder vor, dass die Augen feurig aufblitzten im matten Schein ihrer Lichtquelle. Sein Körper spannte sich an. Sie konnten nicht zurück. In Andunie warteten die Dunkelelfen darauf, sie zu finden. Sie mussten sich dem stellen, was vor ihnen lag. Tatsächlich schickte selbst Corax ein stilles Stoßgebet an seine Götter, dass er dieses Aufeinandertreffen unbeschadet überstehen mochte. Noch sahen weder er oder Azura schließlich mehr als diese spitzen Silberklauen, die sich ihren Weg in den Fluchttunnel frei hackten. Der Schweißgeruch wurde stärker, ebenso das seltsame Grunzen und Schnaufen.
Schließlich brach das Etwas ganz in den Tunnel herein. Es war unförmig, wie eine Masse hügeliger Buckel und kleiner Hörner. Es besaß viele, dicke, wulstige Arme, von denen diese silbrigen Krallen ausgingen. Was war das für eine Bestie da im Zwielicht? Azura schrie. Kaum eine Sekunde später verstummte das Grunzen und die Buckel gerieten in Wallung. Das Wesen ... oder Teile davon ... drehte sich den beiden Flüchtlingen zu. Es besaß mehrere Augen, die schwarz und immer in Paaren aufblitzten.
Plötzlich erhoben sich neue Geräusche. Kein bestialisches Kreischen, aber auch kein Grunzen mehr. Es klang beinahe wie eine Sprache, hart und kantig war sie.
"Wir haben es in einen anderen Tunnel geschafft."
"Habt ihr den Schrei gehört?"
"Jau ... und ich sehe sogar etwas!"
"Was ist das? Zwei ... Gestalten?"
"Jau, jau! Eine davon muss ein Kind sein. Oder einer von uns?"
"Nein, es ist 'ne Frau. Ich kann es riechen. Haha, sogar ein Jungfrau, würde ich sagen. Ich fühl's in meinem Urin!"

Die Geräusche wurden lauter. Entweder hatte das Wesen sogar mehrere Mäuler, die sich unabhängig voneinander, aber miteinander unterhielten oder es war gar nicht eine Bestie. Konnten es mehrere Ungeheuer sein?
"Zurück!", rief ihnen Corax entgegen. Azura und er waren längst entdeckt. Es hatte keinen Sinn, heimlich zu tun. Also versuchte er, das Wesen einzuschüchtern. Da es ihm an einer Waffe fehlte, streckte er den Laternenarm aus, um so auch endlich einen besseren Blick auf das Wesen zu erhalten. Er würde hier nicht kampflos untergehen. Mit dem linken Arm zerrte er an der Goldkette, damit Azura wenigstens aufstehen mochte. Er wollte jede noch so geringe Chance nutzen.

Da fiel das Licht auf die Bestie. Die Buckel teilten sich auf. Wo sie Hörner besaßen, entpuppte sich der Anblick als verzierte Eisenhelme. Wo sie nur hügelig waren, erkannte man von Staub und Erdreich verschmutzte Glatzen oder wirres Filzhaar, das kräuselig in alle Richtungen abstand. Augenpaare blickten Corax und Azura wie schwarz glänzende Käfer entgegen. Sie lagen über kohleschwarzen, rußigen, ebenfalls von Staub verdreckten Knollennasen und unter jenen gab es keinen Mund, der nicht von einem mächtigen Bart umgeben gewesen wäre. Die Buckel setzten sich in Bewegung. Sie besaßen jeweils zwei Beine und zwei Arme. Die silbernen Klauen entpuppten sich als die Enden von Spitzhacken, welche ein jeder der kleinen Gestalten in den wulstigen Händen hielten.
Corax staunte nicht schlecht, die zu kurz geratenen Männer hier anzutreffen. "Zwerge?!", entfuhr es ihm. Seine Haltung entspannte sich dadurch aber kein bisschen. Er genehmigte sich einen flüchtigen Blick zu Azura. wenn das hier Zwerge waren, wie weit führte der Fluchttunnel wirklich unter Celcia entlang? Sie konnten doch unmöglich in Nogrot herausgekommen sein!
"Jau, Zwerge", sagte eine der rußigen Gestalten. Es war einer der wenigen Glatzköpfe, aber offenbar ernannte er sich gerade zum Anführer seiner Gruppe. Er trat vor, auf Corax und Azura zu. Ein schmuddeliger Zwerg in Arbeitskleidung. Nebst der Spitzhacke trug er noch eine kleine Handaxt am Gürtel, einen Hammer und anderes Werkzeug. Seine Kumpane sahen nicht minder wie Bergarbeiter aus. Nur einer - ein rundlicher Zwerg mit rostrotem Bart - besaß doch tatsächlich die Dreistigkeit, einen kleinen gelben Vogel im Bauer mit sich zu führen. Das gefiederte Tierchen zwitscherte leise. "Und wer seid ihr beiden? Was macht ihr hier?", fragte der Zwerg mit der Glatze.
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Re: Unter Tage

Beitrag von Azura » Sonntag 24. Januar 2016, 20:09

Es war nicht so, dass sie es vollkommen hätte vergessen oder gar verdrängen können, denn ein Abglanz des Erlebten, auch wenn sie nicht wusste, wo sie dabei gewesen war, hatte sich in ihr Innerstes eingeprägt. Vermutlich würde sie es niemals wirklich fassen können, auch in Träumen nicht, allerdings bedeutete das nicht, dass sie in gewissen Situationen nicht scheinbar unerklärlich reagieren könnte. Doch all das würde sich erst zeigen oder vielleicht auch nicht, je nachdem, was sie noch erleben würde. Derzeit kämpfte sie auf jeden Fall noch mit den Anforderungen, die ihr das wiedergewonnene Leben stellte, nicht vollkommen gelöst von dem Erlebten, und dennoch auch gefordert von dem, das gerade vor ihr lag, die Flucht in Begleitung eines Kerls, den sie nicht leiden konnte. Zumindest, weil er sie nicht so behandelte, wie sie es gewöhnt war und glaubte, das Recht zu haben, es einzufordern.
All das wurde indes unwichtig, als sie den Geheimgang gefunden hatten. Nicht, weil die junge Frau so stolz darauf war oder dadurch Anerkennung erhalten hätte, in der sie sich regelrecht hätte suhlen können. Sondern, weil ein unheimlicher, dunkler, muffig riechender Gang vor ihr lag, der ihr eine beinahe panische Angst einjagte.
Das lag nicht an dem, von dem ihr Wesen zurückgekehrt war, sondern an etwas, das viel, viel früher in ihrem Leben geschehen und diese Furcht in ihr verwurzelt hatte. Sie hasste solche Enge. Mit der Dunkelheit hätte sie womöglich noch klar kommen können, nicht aber mit diesen nahe stehenden Wänden, die ihr die Luft zum Atmen rauben würden. Und trotzdem… hatte sie eine andere Wahl? Der Lärm in ihrem Rücken, in der Villa, zwang sie zum Handeln und das nicht gerade zum Rückzug.
Regelrecht todesmutig stürzte sie sich demnach vorwärts und hätte dadurch beinahe mehr Schaden angerichtet als Nutzen, bei der baufälligen Leiter, die hinab führte. Als der Abstieg allerdings gelungen war, hieß es, den weiteren Weg erst einmal zu finden. Azura konnte sich kaum rühren, geschweige denn, eine wirkliche Hilfe dabei sein, sodass es ihrem Begleiter oblag, den Eingang zu finden.
Es glückte rechtzeitig und ab dann begann der wahre Alptraum erst für sie. Ihr wurde die Luft immer knapper, sie schwitzte unangenehm und dennoch war ihr kalt, sie zitterte und lediglich die unaufhaltsame Bewegung konnte sie noch aufrecht halten. Als es jedoch zu Ende war, weil auch er eine Pause benötigte, verließ sie alle Kraft, die sie bislang besessen hatte. Schluchzend schlug sie die Hände vors Gesicht und sank in die Knie, als könne sie dadurch ihre Panik und ihre Qual herauslaufen lassen, um sich dann wieder zu erheben. Letzteres indes war fraglich, ihr war, als brächte sie niemals wieder die Kraft auf, etwas anderes zu tun, als ein Häufchen Elend hier auf dem dreckigen Boden zu sein.
Sie war nicht einmal mehr dazu fähig, den unverschämten Kerl anzufauchen oder überhaupt einen wütenden Blick zu zuwerfen, als er scheinbar Freude ob ihres Zustandes empfand. Es war nicht wichtig, es brachte sie nicht dazu, wieder Haltung zu gewinnen. Dazu bekam sie auch keine Gelegenheit mehr, als die Erde bebte und sie endgültig aus der Fassung brachte. Der Schrei entkam ihr, ehe sie sich dessen bewusst war und sie ihn hätte unterdrücken können, um sich nicht zu verraten.
Nun war sie endgültig vor Entsetzen gelähmt und hatte sogar das Gefühl, ihr Herz würde zuerst stehen bleiben, um dann so heftig zu schlagen, als wolle es aus ihrer Brust herausspringen. Wie gerne hätte sie die Welt nun verlassen, aber ihr Körper gewährte ihr trotz allem keine Ohnmacht, als ahne er, dass sie dann nie mehr aufwachen würde. So konnte sie nur tatenlos zusehen, mit tellerrunden, ängstlichen Augen, was sich vor ihr abspielte, ohne es tatsächlich begreifen zu können.
Wie, als wäre sie nicht daran beteiligt, beobachtete sie, was sich vor ihr abspielte, hörte Worte, ohne sie zu verstehen, ganz gleich, in welcher Sprache sie gesprochen worden waren. Solange, bis einer der Kerle näher an sie heran trat und sie direkt ansprach, ihnen Fragen stellte. In diesem Moment erkannte etwas in ihrem Unterbewusstsein anscheinend, dass sie nicht mehr in unmittelbarer Gefahr sich befand. Die Anspannung fiel ein wenig von ihr ab, das Zittern ließ nach, die Tränen versiegten…
Nur, damit sie im nächsten Moment die Augen verdrehen konnte und mit einem Seufzen kund tat, dass ihr die Sinne schwanden. Schlagartig wurde alles um sie herum schwarz und sie merkte nicht mehr, dass sie nach hinten kippte. Bewusstlos würde sie, wenn niemand ihr half, mit dem Oberkörper auf den harten, dreckigen Boden fallen und dort liegen bleiben, bis die gnädige Ohnmacht sie wieder aus ihren Klauen lassen würde. Die Frage war nur, wann das wäre, und ob diese Kerle, mit den zu kurz geratenen Leiber, sie besser behandeln würden, als ihr Begleiter es tun würde.
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Re: Unter Tage

Beitrag von Erzähler » Dienstag 26. Januar 2016, 08:27

Erst die Nahtoderfahrung, dann die Eroberung Andunies, ihr unfreiwilliges Hängen an diesem Dunkelelfen, der von seiner Herrin verstoßen worden war, dann die Flucht, der viel zu enge, lehmige Tunnel und nun ... wenigstens keine Bestie, die sie fressen wollte. Zwerge waren es. Ob sie und Corax gerade in einen neuen Untergang gelaufen waren, blieb dabei erst einmal gleichgültig. Sie würden kaum als Mahlzeit der kleinen Männer enden. Vielleicht waren diese ihnen sogar wohlgesonnen.
In jedem Fall sorgte ihr Anblick dafür, dass Azura einen Moment zum Durchatmen erhielt. Das genügte ihrem Körper schon, um sich in eine Ohnmacht zu flüchten. Es reichte. Sie war schon vor ihrer Flucht an der Schwelle ihrer Kraftreserven angelangt. Nun musste sie den Tribut dafür zollen. Ihr Körper gab nach, ließ sich und ihr Bewusstsein in tiefe Schwärze fallen. Der letzte Gedanke, der wie ein Haken schlagendes Kaninchen durch ihren Geist huschte, war die Erkenntnis, dass Schmerzimpulse laut wurden. Niemand hatte sie aufgefangen! Sie war zu Boden gestürzt und es tat weh!
Zum Glück nur kurz, denn dann umfing sie bereits Manthalas Reich. Azura träumte.

Der Raum war erfüllt von sanftem, goldenen Licht, das von dem glatt polierten weißen Marmor reflektiert wurde. Leise angeregte Gespräche, übertönt durch angenehme Musik, erfüllten die Luft. Trotz allem nahm Azura das Wispern des edlen teuren Stoffs ihres Ballkleides auf dem Boden wahr. Als sie den großen Festsaal gänzlich betrat, setzte erwartungsvolle Stille ein. Alle Augen waren auf die junge, bildhübsche Frau gerichtet. Sie legte keck den Kopf leicht zur Seite und schenkte ihnen ihr lieblichstes Lächeln. Der Raum barst in Jubelrufen und Applaus. Ihr Haar war in einer aufwändigen Frisur gestaltet, Diamanten und Goldgeflecht hielten es in Form und glitzerten im Kerzenlicht. Das Geschmeide, das ihr um den Hals hing, hätte ein kleines Königreich bezahlen können, aber für sie war es nur eine geschmackvolle Ergänzung. Ihr Kleid war ausladend und eng an den genau richtigen Stellen. Das Dekolletée war schmeichelhaft und tief, gerade an der Grenze zur Unsittlichkeit, aber sie wusste, sie konnte es sich leisten. Vermutlich würde sie damit einen neuen Trend setzen. Feine Goldfäden liefen von ihrem Ausschnitt herab zu der Schlanken Taille, um dann in einem weiten bauschigen Rock mit Schleppe zu enden. Spitze, Seide, Goldfäden und kleine Diamanten waren zu einem Meisterwerk kombiniert worden, das der ohnehin schon gutaussehenden jungen Frau etwas Göttliches verlieh. Die vielen Stoffschichten hätten sie belasten müssen, aber sie ging wie auf Wolken. Anmutig hob sie die Hände und sagte: „Aber, aber, genug der Schmeichelei, lasst uns weiter feiern, meine Freunde!“
Sie klatschte kurz in die Hände, um ihre Aussage zu untermalen, und die Musik setzte wie auf Kommando wieder ein. Diesmal war es keine Untermalung sondern ein Walzer. Eine Hand fand ihre und ihr Tanzpartner verbeugte sich vor ihr. Etwas irritiert registrierte sie dessen schlichte Rüstung und das wenig zierende Schwert an seiner Seite. Aber gegen sie hätte ohnehin alles schäbig gewirkt. Die Schritte ihres Tanzpartners waren anmutig, aber auch aggressiv. Sie wirbelten so schnell über die Tanzfläche, dass sie daran zweifelte, dass sie noch Walzer tanzten. Doch die Musik passte sich einfach ihren Bewegungen an, wurde immer aggressiver und wilder. Mit Entsetzen bemerkte sie, wie die hübschen Diamanten auf ihrem Kleid sich lösten und davon stoben wie kleine Sterne, während sich der Tanz mehr anfühlte wie ein Kampf. Das Gesicht ihres Tanzpartners war verzerrt, er fletschte die Zähne und seine Augen glühten vor unverhohlenen Hass. Sie hätte den Tanz beendet, aber wie hätte das denn vor den anderen Gästen ausgesehen?! Der Raum wurde dunkler und nur die Tanzfläche war noch erhellt. Von den Gästen waren nur noch die rot glühenden Augen zu sehen. Moment, rot glühend? Und hatte sie nicht eigentlich gar nicht auf das Fest mit ihren Eltern gehen wollen?


Das Rot schwand aus den Augenpaaren, die Azura verschwommen zwischen ihren Wimpern erkennen konnte. Blicke ruhten auf ihr, bestimmt ein halbes Dutzend, aber wenigstens war das rote Glühen aus ihnen verschwunden. Nun ja, fast! Ein Augenpaar blieb, dessen Iriden sie heimsuchten wie flüssiges Feuer. Für den Bruchteil einer Sekunde erinnerten sie an die Edelsteine aus ihrem Traum und als diese glitzernd durch die Luft geflogen waren. Wären es Rubine gewesen, sie hätten bestimmt auch so gefunkelt wie dieses Iridenpaar jetzt.
Stimmen drangen an ihre Ohren. Mehrere Stimmen, sie murmelten sich gegenseitig etwas zu. Es fiel ihrem Bewusstsein noch schwer, Genaueres heraus zu hören. Alles blieb ein verwaschendes Tuscheln, bis sich darüber eine einzige Stimme erhob. Scharf war sie, einer Messerschneide gleich ... und vertraut. "Sie ist wach, wir können los."
"Gib ihr Zeit, Spitzohr. Wir sollten..."
Die brummig tiefe Stimme wurde harsch von der ersten unterbrochen. "Wir sollten überhaupt nichts, Winzling. Seid froh, dass ich mich auf dieses Wagnis einlasse. Euer Glück, dass sie viel zu schwer ist, um sie den ganzen Weg zu tragen."
"Wäre auch schwer mit der Kette am Arm." Leichtes Lachen. Endlich wurden die Augen zu Gesichtern. Azura lag im Freien. Kühle Luft strich über ihre Haut. Der Himmel war grau, nicht länger erhellt von den Feuern der eroberten Stadt. Himmel! Sie lag im Freien und auf irgendetwas Kratzigem. Wenigstens nicht direkt im Schnee. Mehrere schwarze Käferaugen betrachteten sie. Mehrere rußige Gesichter mit knubbeligen Nasen und verfilzten Bärten nahmen Konturen an. Münder grinsten teils zahnlos auf oder lächelten erleichtert. Nur einer verzog keine Miene. Der Rotäugige, der Dunkelelf. Corax. Man sah ihm an, dass er sich am liebsten und sogleich für immer abgewandt hätte. Die Zwerge hingegen begrüßten Azura mit Freundlichkeit, obgleich sie allesam abgeschafft und ausgemergelt wirkten.
Wieder war es der Glatzkopf, der direkt zu ihr sprach. Ihr Erinnerungsvermögen half ihr auf die Sprünge, ihn aus dem Tunnel wiederzuerkennen. "Jau, kleine Dame. Seid Ihr wohlauf? Keine Sorge! Wenn Euer ... höhö ... Verbandelter" - von Corax kam ein spöttisches Schnaufen - "auch noch so stark drängen mag. Wir geben Euch etwas Zeit. Nur nicht zu viel. Sie werden unsere Flucht auch bald bemerken."
"Jau", mischte sich ein weiterer Zwerg ein. "Konnten ja nich' ahnen, dass wir auf'n richtigen Tunnel stoßen würden. Hätt nich' gedacht, dass ihr Menschen sowas überhaupt bau'n könnt!"
"Und jetzt sind wir draußen. Irgendwo nahe des Kad Harad, aber immer noch viel zu weit weg von der Heimat", meldete sich der erste Zwerg wieder. "Aber wir können es schaffen. Ihr müsst Euch jetzt nur ein bisschen zusammenreißen, jau, kleine Dame?" Azura wurde eine wulstige, schwielige und von Ruß verschmutzte Hand hingehalten.

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Re: Unter Tage

Beitrag von Azura » Montag 29. Februar 2016, 16:39

Die junge Frau wurde von Eindrücken überschwemmt, ohne, dass sie die Gelegenheit hätte, auch nur einen wirklich begreifen zu können, ehe der nächste heranrauschte. Es waren wie Wellen des Meeres, die sie zu verschlingen drohten. Und letzteres war es schließlich auch, was geschah, die Dunkelheit umfing sie und enthob sie für einen kurzen Zeitraum der Realität, um ihren Geist zu schonen… mehr oder weniger.
Denn trotz allem hatte sie eine Art Traum, obwohl sie eigentlich nichts weiter als Schwärze hätte wahrnehmen sollen. Mit einem Mal fand sie sich in jener Umgebung wieder, die ihr vertraut war, die sie kannte und schätzte, in der sie sich sicher fühlte. Was waren harmlose Intrigen und spitze Zungen gegen das, was sie hatte durchmachen müssen! Nein, hier befand sie sich in ihrem Element, in einem wunderbaren Kleid, der richtigen Umgebung und alles wirkte perfekt. Fast schon zu perfekt…
Irgendetwas stimmte hier nicht, obwohl sie den Grund ihres Zweifels kaum zu fassen vermochte. Ihr fiel in dieser Vorstellung nicht auf, dass sie viel zu teuer gekleidet war, selbst für ihre Maßstäbe, dass ihr zu sehr geschmeichelt und sie zu stark hofiert wurde. Doch all das drang nicht so weit in ihr Bewusstsein, dass sie es hätte greifen können. Erst der Ritter in der nicht sonderlich strahlenden Rüstung und sein regelrecht aggressiver Tanzstil bereiteten ihr ein Unbehagen, das sich vor ihr selbst nicht verbergen ließ, obwohl sie ihre Maske noch aufrecht erhalten konnte.
Lange gelang ihr das nicht mehr, die Musik änderte sich, ihre Kleidung litt unter den vielen Drehungen und Bewegungen, bis ihr schwindelig wurde. Der Raum wandelte sich, schien kleiner und dunkler zu werden, und vor allem die Augen um sie herum nahmen eine Farbe an, die ihr Herz regelrecht einen Schlag lang vor Schreck aussetzen ließ. Hier stimmte eindeutig etwas nicht!
Und als hätte es dieser Erinnerung an die Wirklichkeit bedurft, kehrte ihr Bewusstsein allmählich dorthin zurück, mit dem unangenehmen Wissen um diese rot glühenden Augen, die sie zwar kannte, aber am liebsten für immer vergessen hätte. Ein kalter Schauer holte sie endgültig zurück und als sie ihre Lider flatternd ein wenig anhob, erschrak sie im ersten Moment, ehe ihr klar wurde, dass die Farbe eine andere war.
Dennoch war sie besorgt, als sie ihre Augen ganz öffnete und leicht atemlos in die Runde starrte, als würden all diese Personen sie gleich fressen wollen. Die ganze Zeit über hatte sie das Gefühl, ein Rauschen in den Ohren zu haben, bis sie allmählich begriff, dass das Stimmen waren. Im selben Moment erklang eine Tonlage, die in ihr neben einem weiteren Schauer auch eine Welle der Wut durch den Körper jagte. Ihr Gesicht verfinsterte sich sofort und sie funkelte ihn flüchtig an.
Das Geplänkel ging danach weiter, als wäre sie nicht anwesend, sodass sie leise und abfällig schnaubte. Gerne hätte sie auch die Arme vor der Brust verschränkt, doch der Zug an ihrem Handgelenk erinnerte sie an die vermaledeite Kette, die sie an den Kerl band. Notgedrungen musste diese zumindest diese Geste sein lassen, was allerdings nicht bedeutete, dass sich ihr Gemüt beruhigte.
Das half ihr auch, dass ihr Blick sich endlich klärte und wäre sie noch so benommen wie zuvor gewesen, hätte sie wahrscheinlich wieder das Unbehagen und die leise Angst gespürt, die in ihr schlummerten. Stattdessen indes klammerte sie sich an ihren Unmut, vor allem ihrem unfreiwilligen, unwillkommenen Begleiter gegenüber. Zumindest anfangs, bis ihr klar wurde, dass die Mienen dieser rußigen, teils stinkenden, kleinen Kerle kein angriffslustiges Zähnefletschen verriet, sondern eher freundliches, ein bisschen sogar fröhliches Lächeln ihr gegenüber.
Die Worte erreichten ihre Ohren und sie verstand sie auch, allein so wirklich begreifen konnte sie diese noch nicht. So blickte sie auch etwas verständnislos auf die große, sie an eine Schaufel erinnernde Hand hinab, die ihr im Anschluss daran gereicht wurde.
Schließlich hob sie ihren Blick wieder an, aus dem der Zorn gewichen war und einem großen Fragezeigen Platz gemacht hatte. „Wer seid Ihr?“, frage sie leise, aber für ihre Verhältnisse erstaunlich freundlich, da sie ihn förmlich ansprach. Das hätte sie bei einem Kerl wie ihrem Begleiter niemals getan. „Wohin wollt Ihr mich bringen? Und…“
Gerade noch rechtzeitig biss sie sich auf die Unterlippe, um ihre unausgesprochenen Worte rasch zu ersticken. Sie hatte anfügen wollen, warum sie diesem Mann mit seiner Horde mehr trauen sollte als dem Dunkelelfen, bei dem sie kein gutes Gefühl hatte, sobald es allein um ihr Leben gehen würde. Doch so jung sie damals auch gewesen war, sowohl auf der Straße, als auch in einem Ballsaal… Bei diesem Gedanken rieselte es erneut eiskalt ihren Rücken hinunter. Wie auch immer, sie hatte gelernt, dass Misstrauen durchaus angebracht war, es allerdings mehr als unvorteilhaft werden könnte, dieses zu deutlich zu zeigen.
Also schwieg sie lieber und wartete ein wenig, ehe ihr eine passende Ergänzung ihres angefangenen Satzes einfiel. „Und kennt Ihr eine Möglichkeit, diese Fessel zu lösen?“ Das war wirklich ein dringliches Anliegen ihrerseits, obwohl sie Zweifel hatte, dass sie darauf eine Antwort erhalten würde, die ihr weiterhelfen könnte. Aber ein Versuch war es nun einmal wert!
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Re: Unter Tage

Beitrag von Erzähler » Montag 7. März 2016, 07:59

Die kleinen Gestalten mit ihren runden Knollennasen, den käferartigen Augen und den von Staub und Ruß geschwärzten Bartgesichtern mochten gruselig aussehen, aber tatsächlich ging von ihnen weniger Gefahr aus als von jenem Elfen, der an Azura gebunden war. Er mochte durchaus einen stattlichen Eindruck hinterlassen für einen Dunkelelfen, doch sie wusste, was hinter ihm steckte. Er war genau das, was alle Dunkelelfen waren. Oder doch nicht? Azura musste sich selbst ein Bild machen. Ihr jetziges teilte ihr zumindest mit, dass die Zwerge, die sie offenbar an die Oberfläche gebracht und behutsam gebettet hatten, mit weniger Misstrauen zu behandeln waren. Sie mochten schmutzig und nicht ganz der Etikette entsprechen, aber sie zeigten sich deutlich freundlicher als es Corax ihr gegenüber bisher nur im Ansatz verdeutlich hatte.
Trotzdem klammerte sich Azura im ersten Moment genau an jenem Spitzohr fest. So gewann sie Corax' Aufmerksamkeit. Mit finsterer Miene blickte er zu ihr herab, bevor er dezent und doch bestimmt den Arm schüttelte, um sie loszubekommen. Derweil streckte ihr einer der Zwerge - ein Glatzkopf - seine klobige Hand entgegen. Der Vergleich mit einer Schaufel mochte passen. Unter den rundlichen Fingernägeln befanden sich dicke Schmutzringe und die Hautrollen der von Schwielen übersäten Handfläche zeichneten sich Dank des Rußes sichtbar ab. Das Muster lud dazu ein, es zu verfolgen, die einzelnen Linien als Ganzes und doch wieder getrennt sehen zu wollen. Letztendlich verlor man sich aber zwischen all dem staubigen Dunkel und dem eher grauen Teint des Zwergs. Er kam wohl nicht oft an die Oberfläche, dass seine Haut sowohl als sonnenblass wie gleichermaßen gebräunt bezeichnet werden konnte. Ein höhlengesunder Teint, für einen Untergrundbewohner allemal passend.

Noch immer lächelte der zu klein geratene Mann ihr entgegen. Dann folgt ein Nicken. Natürlich würde er sich vorstellen. Sich und die gesamte Truppe, die neugierig ihre rundlichen Nasen an ihm vorbei streckte, um Azura zu bestaunen. Insgesamt waren es sieben Zwerge, allesamt eher grimmig dreinblickend. Die einzige Ausnahme machte ein breit lächelnder Zwerg mit braunen Locken und Bart. Er strahlte allein durch sein Lächeln eine positive Wärme aus und wurde auch gleich als Erster vorgestellt, weil er dicht an Azura herantrat, um sich zu verbeugen.
"Gestatten, Fimbur Fäustchen. Ich war mit den Kumpels in Rugta, um dort eine neue Schmiede errichten zu lassen. Leider wurden wir von den dunklen Völkern aufgegriffen, gefangen genommen und verschleppt. Ich leitete diesen Trupp, auch wenn die Kumpels sich sehr gut selbst leiten können."
"Die Kumpels, dat sind wir", mischte sich ein weiterer Zwerg mit langer schwarze Mähne ein. Auch sein Bart zeigte sich so wallend. Doch er war nicht der einzige mit dieser Optik. Ein Spiegelbild stand neben ihm. Da bestand kein Zweifel, diese beiden Zwerge mussten Zwillinge sein. "Snorri und mein Bruder Skorri vom Hinkel-Clan. Und der schweigsame Glatzkopf hier ist Hugnir."
Ein Brummen kam von Zwerg Nummer vier. Tatsächlich besaß er nur eine Halbglatze. Das genügte aber, um ihn als Kahlschädel zu bezeichnen. Der richtige Glatzkopf schmunzelte. Er machte den Eindruck eines Anführers und ließ somit jedem seiner Truppe respektvoll den Vortritt. Es stellten sich also noch der älteste Zwerg - Ambosch Eisenhauer - und der Dickste mit dem roten Haar vor. Sein Name lautete Gorm Kupferstich. Er schien an Azura und Corax am wenigsten interessiert. Sein Blick fiel immer wieder auf den kleinen gelben Vogel in seinem Käfig. Schließlich blieb nur noch ein Zwerg übrig: der Kahlschädel.
"Jau, könnt mich Kugelkopf nennen. Das machen alle hier. Aber eig'ntlich heiße ich Cranneg Hammerdorn. Bin der Chef der Kumpels. Tja, das sind wir. Sind ein eingeschwor'nes Grüppchen. Deshalb war klar, dass wir auch nur zusammen abhauen."
"Jau!", stimmten die anderen Zwerge ein wie ein Mann. Corax entlockte dies nur ein Schnaufen.
"Wollt ihr euch uns anschließen? Also zumindest Ihr, Fräulein? Euren langohrigen Freund müss'n wir natürlich mitnehmen. Hängt ja ziemlich an dir, was?" Cranneg lachte tief brummig auf. "Es steht euch natürlich frei, einfach zu geh'n."
"Wir bleiben", mischte sich plötzlich der Dunkelelf ein. Seine Stimme klang fest genug, um zu signalisieren, dass Azura kein Mitspracherecht besaß, zumindest nicht aus seiner Sicht. Er hatte längst für sie beide entschieden. Cranneg und die anderen sechs Zwerge akzeptierten es. Sie nickten, dass ihre pummeligen Köpfe vor und zurück wippten.
Schließlich meldete sich der freundlich blickende Fimbur mit heller Stimme zu Wort: "Wir wollen versuchen, am Rand des Eldoras bis nach Nogrot zu gelangen. Und vielleicht können wir auch euer kleines Problem mit dieser Kette lösen." Da war es, das Motiv, weshalb Corax die Zwerge freiwillig begleiten wollte. Nur wie sie die Kette lösen wollten, blieb für Azura zunächst ein Geheimnis. "Was sagt Ihr, Fräulein? Wollt Ihr es versuchen, der verlorenen Stadt Andunie den Rücken zu kehren?"
"Will sie", schnarrte Corax. "Und wir sollten endlich aufbrechen. Sie ist wach, sie kann gehen. Bewegt eure Ärsche in die Zwergenstadt, klar!"
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Re: Unter Tage

Beitrag von Azura » Sonntag 8. Mai 2016, 21:19

Obwohl sie sich noch keine Gedanken darüber gemacht hatte, wer ihre unerwarteten Helfer waren und ob sie diese eher in die Kategorie Diener oder Knecht einordnen sollte, waren sie ihr um einiges sympathischer als ihr bisheriger Begleiter. Immerhin waren sie in ihrer verwirrenden Art freundlich zu ihr und behandelten sie um Welten besser als der Kerl, wenngleich noch nicht ganz so, wie es ihr gebührte. Aber da bestand zumindest noch Hoffnung. Dass sie schmutzig waren war indes ein zu verkraftender Umstand, schließlich ging es ihr derzeit nicht wirklich besser, wodurch sie in diesem Punkt nachsichtiger sein konnte als für gewöhnlich.
Trotzdem war der an sie Gekettete vorerst derjenige, an dem sie ihren Halt wieder fand, denn sie kannte ihn und konnte sich soweit auf ihn konzentrieren, dass sie ihr Bewusstsein und ihre Aufnahmefähigkeit zurück gewann. Doch das bedeutete selbstverständlich nicht, dass sie ihm dadurch wohlgesinnter gewesen wäre. Ihr Blick war alles andere als freundlich, ganz so, wie er erwidert wurde, wenngleich mit vielleicht etwas mehr Arroganz um ihren angespannten Mund.
Schließlich konnte sie sich ihren neuen Helfern zuwenden, von denen einer sich ihr genähert hatte, um ihr beim Aufstehen seine Unterstützung anzubieten. Nun ja, eigentlich hätte man sie ja auffangen müssen, jedoch ging sogar ihr auf, dass dies kleinlich gewesen wäre.
Vorerst galt es nun einmal, die dringendsten Fragen zu stellen und auf Antworten zu beharren, sollten diese nicht sofort gegeben werden. Dann konnte man schließlich weiter sehen. Immerhin wirkte derzeit alles relativ ruhig, kein Lärm wie vorhin in dem Anwesen ihrer ehemaligen Freundin, sodass Azura glaubte, sich die Zeit dafür nehmen zu können, ganz gleich, wie sehr ihr Begleiter auf ein weitermarschieren drängen mochte. Sollte er an seiner Ungeduld doch ersticken…
Für die junge Frau war die Gefahr in den Hintergrund gedrängt worden und sie wollte sich nicht ein weiteres Mal jemandem anschließen, der ihrer nicht würdig wäre. Den letzten war sie eben noch immer nicht losgeworden, obwohl er sich als Packesel gut eignete… vorläufig…
Schließlich kamen die kleinen Kerlchen zu ihr und folgten ihrem Wunsch, sich vorzustellen. Einer lächelte sogar freundlich und verbeugte sich vor ihr, was ihr ebenfalls ein Lächeln auf die Lippen zauberte und wie ein Abglanz verdeutlichte, dass sie einmal sehr hübsch gewesen war und es wieder werden könnte… nach einem Bad in Dauer mindestens einer Woche und einer neuen Frisur, von den Kleidern ganz zu schweigen.
Doch ihre Haltung straffte sich ein wenig, nahm etwas mehr von der huldvollen Eleganz an, die sie stets besessen hatte und die zu ihrem Stand schlichtweg dazu gehörte. Jedem, der vorgestellt wurde, nickte sie zu und wusste gleichzeitig, dass sie sich die Namen nicht merken würde. Nein, jeder würde einen Spitznamen von ihr bekommen, passend zu seinem Äußeren, und durfte sich dessen glücklich schätzen, da diese weitaus freundlicher ausfallen würden als derjenige für den Dunkelelfen.
Schließlich war die Vorstellrunde beendet und Azura entschloss sich, ihre besten Manieren und ihr Können in der Konversation heraus zu holen. Ein Lächeln stahl sich erneut auf ihre Lippen, das früher einfach umwerfend genannt worden war, doch bei ihrem derzeitigen Aussehen konnte es all die Makel nicht ganz wettmachen.
Trotzdem ging sie auf den kleinen Scherz, auf ihre Kosten, ein. „Ja, er war so fasziniert von mir, dass er sich nicht von mir trennen wollte.“, bemerkte sie im leichten Plauderton. „Ich war ja schon immer fesselnd, haben alle von mir erzählt, doch so…“ Sie hob ihren Arm. „… wörtlich hat das irgendwie noch keiner genommen.“ Sie zwinkerte dem Kugelkopf spöttisch zu und hoffte, den richtigen Ton gefunden zu haben, um den Humor dieser Kerlchen zu treffen.
Außerdem wollte sie auf diese Weise ihren Begleiter umso mehr ärgern. Dass ihr das schon mal gelang, bewies seine ruppige Bemerkung, die sie, vorerst, gnädig überging.
Kurz darauf wurden die Pläne der Kleinen erwähnt und schon wollte sie Luft holen für eine zustimmende Antwort, als ihr der Söldner schon wieder dazwischen fuhr und glaubte, für sie einfach bestimmen zu können. Lächelnd hob sie ihre freie Hand. „Hört besser kurz weg, das könnte unschön werden.“, warnte sie mit ihrem freundlichsten Timbre und Gesichtsausdruck, ehe sie sich zu dem Dunkelelfen umwandte.
Mit einem Schlag wurde ihre Miene finster und ihre Augen sprühten regelrecht vor Zorn. „Und will er…“, begann sie fauchend wie eine Katze, die ihre Krallen gerade gewetzt hatte und nun einsetzen wollte. „… keinen Tritt in eine Region, die besonders schmerzhaft ist, sollte er endlich seine Klappe halten. Ich kann für mich selbst reden!“
Als sie sich einen Moment später wieder den Zwergen zuwandte, lächelte sie erneut honigsüß, als wäre nichts gewesen. „Also, wo waren wir? Ach ja, ihr wollte nach Nogrot? Habt ihr auch genug Proviant? Wisst ihr, wie lange dieser Weg dauern wird? Wir haben schließlich keine Reittiere.“ Sie seufzte, als wäre diese Reise ein Vergnügen für sie alle und keine Flucht, und als wäre sie besonders betrübt, auf eine Annehmlichkeit verzichten zu müssen.
Natürlich könnten sie diese Fragen auch auf dem Weg klären, schließlich konnte man auch während des Gehens sprechen. Aber sie wollte bewusst etwas Zeit herausschinden, um ihren Begleiter zu ärgern. Das war ihr einfach eine gewisse Genugtuung, auf die sie nicht zu verzichten bereit war. Schon gar nicht nach seinem letzten Verhalten ihr gegenüber.
Wer glaubte er eigentlich, wer er war?! Nichts weiter als ein unwichtiger Söldner, der froh darüber sein sollte, wenn sie ihn auch nur eines Blickes würdigte! Das sollte er endlich einmal einsehen, allmählich ging ihr sein Betragen schließlich auf die Nerven! Wenigstens hatte sie die berechtigte Hoffnung, dass die Zwerge besseres Benehmen an den Tag legen würden auf ihrer nun bevorstehenden Reise.


Occ: die sieben Zwerge? Und wer ist dann Corax? Die böse Königin oder der Apfel? :D
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Re: Unter Tage

Beitrag von Erzähler » Dienstag 17. Mai 2016, 08:57

Eines musste man sich erst einmal klar machen und würde Corax Rabenschrei darüber nachdenken, so dürfte er ziemlich überrascht sein. Oder auch nicht. Fest stand, dass das namhafte Fräulein von Azura von Ikari sich lieber mit über einem halben Dutzend von Kohle verschmutzter, nach Schweiß und Schutt müffelnder, haariger oder vollkommen kahler Zwerge abgab als mit einem einzigen, durchaus stattlichen dunkelelfischen Soldaten. Der Grund war simpel: Der Ton machte die Musik. Azura gefiel nun einmal das Konzert nicht, das Corax ihr vortrug. Zu hart war es, zu sehr von sich überzeugt. Es bezauberte nicht, sondern stieß mit typisch morgerianischer Kälte zurück. Ein Verhalten, das sich in Azuras Augen kein Soldat erlauben konnte. Die Zwergengruppe der Kumpels hingegen gab sich dermaßen freundlich, dass ihre und auch die Not der beiden Aneinandergeketteten zusammenschweißte. Die Zwerge versuchten wenigstens ein nötiges Maß an Höflichkeit aufzubringen, ungeachtet ihrer Situation. Die kleinen Männer sollten belohnt werden. Als Azura nebst adligen Manieren auch noch ein Lächeln an den Tag legte, das einem Sonnenaufgang glich, ging ein Raunen aus "Ahh" und "Ohh" durch die versammelten Kurzen. Augenpaare richteten sich auf die junge Frau. Da mochte sie schmutzig und zerrupft aussehehen, ihr Charme verfehlte seine Wirkung nicht. Ja, man konnte sie beinahe mit dieser Märchenprinzessin vergleichen. War jene nicht auch mit sieben Zwergen unterwegs gewesen? Und hatte ein schöner Prinz sie nicht mit einem Kuss gerettet, nachdem sie zu gierig einen Apfel verschlingen musste? Nun, Azuras Magen konnte sicherlich langsam etwas vertragen wie auch jener ihres Begleiters. Der war allerdings kein Prinz, obgleich enger an sie gebunden als jeder noch so bezaubernde Schönling, den man ihr für eine mögliche Ehe schon frühzeitig als Gesellschaft vorgestellt haben mochte.
Jetzt besaß Azura die Wahl aus acht Männern. Keiner davon dürfte auch nur in eine zweite Entscheidungsrunde gelangen. Für die weitere Flucht waren aber sieben von ihnen durchaus geeignet. Der Letzte durfte den Packesel spielen, sollte es etwas zu schleppen geben. Man lachte auch bereits über den armen Tropf. Corax hatte für die albernen Wortspiele der Frau lediglich ein Schnauben übrig. Sie beide wussten, warum die goldene Kette sie miteinander verband. Er würdigte ihrer Witzelei nicht einmal eine Rechtfertigung, geschweige denn erinnernde Mahnung. So ganz ließ er es dann dennoch nicht über sich ergehen und zerrte etwas an der Kette, als Azura ihren Arm hob. Der Ruck riss sie gewiss nicht von den Füßen, würde ihren Worten aber ein deutliches Signal geben, was er davon hielt.
Die Zwerge konnten darüber allenfalls lachen. Sie waren auf Seite der Adelstochter. So versuchten sie zwar, ihrer Bitte nachzukommen und wegzuhören, aber jeder von ihnen reckte den Kopf. Vielleicht schnappte man ja zufällig etwas auf. Ach, sie mussten sich gar nicht bemühen. Die Gruppe stand so dicht beisammen, man hörte selbst das Zischen. Corax ließ sich dadurch ... tatsächlich beeindrucken. Es trat sogar ein Funkeln in seine Augen, das Azura bisweilen möglicherweise schon einmal bemerkt hatte. Es war fraglich, ob und wieviel Aufmerksamkeit sie seinen Rubinen bisher überhaupt geschenkt hatte. Jetzt leuchteten sie hell auf, dass sogar der lockenbärtige Fimbur Fäustchen nochmal ein staunendes "Ohhh, Rubine!" nachsetzte. Daraufhin schauten auch die Zwergenzwillinge. Ambosch Eisenhauer verpasste Fimbur jedoch nur einen Klaps auf den braun gelockten Hinterkopf. "Steinkopf noch eins! Das sind Augen, du!"
Fimbur kicherte. Da wandte sich Azura auch schon wieder ihnen zu. Die zwergischen Streiterein verstummten.
"Jau, Nogrot ist unser Ziel", bestätigte Kugelkopf Hammerdorn. Seine Kameraden nickten ihm zu. Dann ergänzte Ambosch: "Proviant haben wir kaum noch, aber wir sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Das schaffen wir schon." Wieder nickten alle im zu klein geratenen Rund. Sie wirkten felsenfest entschlossen. "Brocknar wird uns zum Stein zurückleiten", meinte Snorri. Sein Zwillingsbruder Skorri stimmte mit ein. "Brocknar behütet seine Kinder der Berge." Daraufhin wippten die Köpfe zum widerholten Mal. Eines musste man der Truppe lassen: sie waren sich generell einig.
"Wir reiten auf Schusters Rappen, werte Dame. Aber wenn Ihr des Laufens zu müde seid, kann unser Ambosch sicher tragen."
"Jawoll, ich bin ziemlich stark." Ambosch ließ seine Muskeln spielen. Im Hintergrund schnalzte Corax entnervt mit der Zunge. "Ich trage sie", gab er zu Gehör. Dafür erntete er überraschte Blicke, niemand der Zwerge machte ihm diese Aufgabe jedoch streitig. Wenn er denn unbedingt wollte ... "Es ist einfacher", setzte der Elf in Azuras Richtung nach. "Wegen der Kette, nicht wegen dir. Und nun sollten wir los oder hofft ihr, dass euch längere Beine wachsen?" Die beleidigende Frage galt der Zwergengruppe, kam aber nicht wie beabsichtigt an. Fimbur lachte auf, Snorri und Skorri stimmten mit ein.
Ihr Anführer, Cranneg mit dem Kahlschädel, winkte den Fluchttunnel entlang. "Hoffen wir, dass dieser Weg an die Oberfläche führt. Danach machen wir uns erstmal zur Bucht von Kad Harat auf. Wenn wir Glück haben, begegnen wir dort vielleicht jemandem, der uns helfen kann."
"Falls sie den Hafenzugang nicht bereits verschlossen haben, um die Eindringlinge hier in Andunie fernzuhalten", brummelte der Zwerg mit dem gelben Vogel im Käfig. Seine Freunde nickten. Azura und Corax verstanden wohl kein Wort. Dann aber setzte man sich wirklich in Bewegung. Leicht würde es für die Langbeinigen unter ihnen nicht. So kurz die Zwerge auch sein mochten, sie waren kräftige Burschen. Sie konnten marschieren und das taten sie. Corax kam damit bedeutsam einfach zurecht. Als Soldat war er einen harten Marsch gewohnt. Nur wie sah es mit Azura aus? Und würde der Elf sie wirklich schleppen, wenn es hart auf hart käme?

Es dauerte nicht lange, da erreichte man das Ende des Fluchttunnels. Er führte zu einer Stiege, die leider schon etwas morsch geworden war, aber die Zwerge wussten sich tatsächlich zu helfen. Mit ihren Werkzeugen - sie besaßen mehr als nur ein paar Pickel, wenigstens Seile hatten sie auch - verstärkten sie die wackligen Stellen der Trittleiter. So gelangte jeder von ihnen zurück an die Oberfläche. Die Luft war hier kühler. Schnee lag jedoch keiner. Es herrschte nur ein rauer Wind von Seeseite aus. Er wehte die salzige Brise heran. Kad Harat konnte nicht weit sein.
"Wie sieht es aus, Fräulein? Tragen Euch Eure Beine noch? Wir werden nicht langsamer laufen." Fast entschuldigend und dennoch weiter zur Eile drängend klang Cranneg.
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Re: Unter Tage

Beitrag von Azura » Samstag 16. Juli 2016, 17:32

Nicht nur der Ton machte in Azuras Augen für gewöhnlich die Musik, sondern auch Aussehen und Stand. Doch ihr Begleiter hatte es sich derart mit ihr bereits verscherzt, dass sie ihn nur noch abwertend betrachten konnte, sodass ihr die Zwerge allemal lieber waren als er. Außerdem schien trotz allem noch immer ein wenig nachzuhallen, dass sie einst auf der Straße aufwuchs. So kurz diese Jahre auch gewesen sein mochte, so weit sie zurücklagen, sie waren einfach prägend gewesen. Nicht offensichtlich oder so, dass sie es sich selbst eingestehen musste, aber unterschwellig und intuitiv.
Ihre Berührungsängste konnten sich demnach bei den richtigen Worten schon einmal in Grenzen halten, wie sich in diesen Momenten zeigte. Außerdem wollte sie überleben und endlich von diesem Kerl loskommen, sodass sie sich nicht scheute, zu eher unorthodoxen Mitteln und Verbündeten zu greifen.
Demnach legte sie sich ein wenig ins Zeug, um ihrem ramponierten Aussehen zum Trotz ihre neuen Bekanntschaften für sich einzunehmen und dadurch auch gegen den Dunkelelfen zu stimmen. Ihr Lächeln hatte sie schon lange perfektioniert, ebenso wie ihre Manieren, auch wenn sie das nicht immer zeigte, wodurch es ihr nicht schwer fiel, dieses auf ihre Lippen zu zaubern, sobald es für sie angebracht erschien. So wie jetzt.
Die Reaktion gefiel ihr, wie man an dem zufriedenen Funkeln ihrer Augen erkennen konnte, sollte man diesen Ausdruck zu deuten wissen. Selbstverständlich schmeichelte es ihr und sie konnte sich einen flüchtigen Seitenblick zu ihrem Begleiter nicht verkneifen, der diesem signalisieren sollte, dass er sich an dem Verhalten der kleinen Männer eine gehörige Scheibe abschneiden könnte. Auf diese Weise behandelte man eine Dame wie sie!
Daraufhin verdrängte sie seine Anwesenheit wieder ein wenig aus ihrer direkten Aufmerksamkeit und widmete sich den Zwergen. Trotzdem ließ sie es sich nicht nehmen, über den Kerl herzuziehen, was er schließlich mit einem Ruck der Kette zu beantworten gedachte. Es war unangenehm, weil ihr Arm einfach bewegt wurde und sie nicht damit gerechnet hatte.
Sofort verfinsterte sich ihre Miene und sie sah erneut zu ihm hin. „Ja?“, fragte sie kühl. „Gibt es etwas, dass du uns zu sagen gedenkst?“ Mit Absicht drückte sich die junge Frau gespreizt aus, um noch deutlicher zu machen, dass sie beide in absolut unterschiedlichen Ligen spielten und ihre eigene Feinheit herauszustreichen.
Kurz darauf allerdings hatte sie erneut Gelegenheit genau dieses zu zeigen. Dabei ignorierte sie wie eh und je das Aufleuchten seiner Augen, weil es sie einfach nicht kümmerte. Für sie war ihr Begleiter nichts weiter ein Untergebener und hatte seine Gefühle im Zaum zu halten, weswegen sie dem keine Beachtung schenkte. Zumindest wäre es so gewesen, hätte nicht einer der kleinen Männchen Bewunderung geäußert.
Einen Moment lang war sie aus dem Konzept gebracht und hob eine Augenbraue an, während sie versuchte, hinter den Sinn zu kommen. Es dauerte nur flüchtig, bis sie es mit der Farbe der Augen des Kerls in Verbindung brachte und noch einen Lidschlag später dafür sorgen wollte, dass die Aufmerksamkeit wieder allein auf ihr ruhte. „Also, ich bin ja mehr für den grünen Jaspis. Der passt besser zu mir. Oder zu welchem Edelstein würdest du mir raten?“, wandte sie sich an denjenigen, der so begeistert von dem Rot gewesen war.
Schließlich wandten sie sich jedoch dem Wichtigeren zu, indem sie über ihren Weg zu sprechen begannen. Da gab es noch ein paar Dinge zu klären und die Aussicht auf wenig Proviant ließ sie innerlich seufzen. „Zu schade, dass wir kein Wurfholz haben.“, murmelte sie, denn dann hätte sie wenigstens jagen gehen können.
Ein Zeitvertreib, den sie nie sonderlich gerne ausgeübt hatte, so beliebt er auch in den Kreisen des Adels sein mochte. Deswegen konnte sie auch nur relativ bescheiden mit einem Wurfholz umgehen, doch mit anderen Waffen oder gar mit Falken hatte sie nie geübt. Nun ja, irgendwie würden sie es dennoch schaffen, Azura wollte zuversichtlich sein und daran glauben, dass die kleinen Helfer sie schon versorgen würden.
Wer hingegen Brocknar war, wusste sie nicht, wollte allerdings auch nicht nachfragen. Es würde sich ja schon noch früh genug zeigen, vermutete sie, wenn dieser sie leiten solle.
Das darauf folgende Thema lenkte ihre Aufmerksamkeit sowieso vollkommen auf sich und sie wollte schon abwehrend die Hände heben, um nicht von einem Zwerg huckepack genommen zu werden, als sich auch der Kerl unbedingt einmischen wollte. Gut, er hatte ihr die Entscheidung mehr oder weniger abgenommen. Äußerst kühl und mit hochgezogener Augenbraue sah sie ihn an, ließ ihren Blick betont langsam an ihm hinab und wieder hinauf gleiten.
„Danke, da laufe ich mir lieber die Füße wund!“, gab sie schnippisch zurück und würde zu ihrem Wort stehen. Blieb ihr lediglich zu hoffen, dass die Stiefel ihrer ehemaligen Freundin von guter Qualität waren und lange halten würden!
Sie wandte sich betont schroff von dem Spitzohr ab und nickte dem letzten Sprecher zu, obwohl sie sich bei der Beschreibung wenig vorstellen konnte, schon gar nicht entsprechende Entfernungen. Die Bemerkung in der ihr fremden Sprache konnte sie generell nicht verstehen, sodass sie beschloss, diese zu ignorieren. Und dann ging es endlich los.
Rasch bewegten sich die Kleinen voran und auch ihr Begleiter schützte alles andere als Müdigkeit vor, sodass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als sich diesem Tempo anzupassen. Was ihr nach einigen Minuten auch immer besser gelang, vorerst zumindest, da sie schon immer gerne zu Fuß gegangen war. Zwar war das alles andere als standesgemäß, weswegen sie das lediglich auf dem Anwesen ihres Stiefvaters hatte machen können, aber wenigstens kannte ihr Körper diese Art von Bewegung. Außerdem beflügelte sie die Aussicht, bald wieder an die Oberfläche zu gelangen.
Tatsächlich dauerte es bei weitem nicht so lange, wie es zuerst den Anschein gehabt hatte und nachdem die Zwerge für mehr Sicherheit gesorgt hatten, kletterte sie zurück an die frische Luft unter freiem Himmel. Da störte es sie auch nicht, dass sie es vor dem Kerl tat und er ihr theoretisch unter den Rock schauen konnte. So nahe am Ziel wollte sie nichts weiter als hinaus.
Oben angekommen, holte sie tief Luft und spürte sofort den Schweiß am Körper, den der Wind zu trocknen gedachte. Fröstelnd hob sie die Schultern hoch und wollte die Arme um sich schlingen, aber die blöde Kette hinderte sie daran. Als könne ihr Begleiter etwas dafür, warf sie ihm einen bösen Blick zu, ehe sie sich dem Sprecher der Zwerge zuwandte und ihm ein leicht schiefes Grinsen zuwarf.
„Und vom Stehen wird uns nicht wärmer werden. Also sollten wir weiter.“, gab sie betont lässig zurück, als wäre der kleine Marsch unter der Erde in diesem Tempo eine Kleinigkeit gewesen. Dem war zwar mitnichten so, ihr Herz hämmerte noch immer schnell und ihre Füße brannten ein wenig, doch war sie nicht gewillt, schon jetzt einfach so aufzugeben.
Außerdem wollte sie so rasch wie möglich am Ziel ankommen, um endlich wieder ihre Freiheit zurückgewinnen zu können. Und in diesem Kad Irgendwas würde das ja hoffentlich der Fall sein!
Allein ihr Magen knurrte in diesem Moment eine Spur zu laut und fordernd für ihren Geschmack, aber sie würde eher erneut in diesen Tunnel steigen, als das zu zugeben.
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Re: Unter Tage

Beitrag von Erzähler » Montag 22. August 2016, 09:05

Die Zwerge musterten sowohl Azura als auch Corax von der Seite. Naja, eher von seitlich unten, denn die kurzen Männer mussten zu ihnen aufsehen, was nicht hieß, dass sie gerade dem Dunkelelfen sonderlich viel Respekt zollten. Es war wohl eher der jungen Schönheit zu verdanken, dass der Trupp noch nicht mit Spitzhacken auf Corax losgegangen sein mochte. Immerhin zählte er zum Volk derer, denen sie ihre Lage zu verdanken hatten. Corax jedoch gab sich nun überraschend umgänglich. Azuras Frage quittierte er sogar mit einem leichten Kopfschütteln. Lediglich sein Blick verriet ihr, dass das Kettenrucken alles andere zu bedeuten hatte als der Wink, sich in den Plausch einmischen zu wollen.
Die Gespräche wendeten sich ohnehin bald in eine andere Richtung. Von der Farbe der Augen gingen die Zwerge und Azura auf das Thema über, welcher Edelstein der jungen Dame nur noch mehr Glanz verleihen könnte. Die Kumpels waren sich da recht schnell einig. Nach wiederholtem Mustern - irgendwie schauten sie sich Azura sowieso sehr gern an - und kurzem Beratschlagen sprach Cranneg, ihr Anführer: "Es ist nicht schwer, Euch einen Stein zuzuordnen. Da passt am besten der von Euch genannte Jaspis oder auch ein simpler Smaragd. Ganz eindeutig." Er nickte, um seine Entscheidung zu untermauern. Seine Zwergenfreunde taten es ihm gleich.
Man unterhielt sich auf dem Weg durch den Fluchttunnel aber noch über andere Dinge. Jene, die des Überlebens wichtiger waren. Die Zwerge lauschten neugierig, was es mit diesem Wurfholz auf sich hatte, schüttelten jedoch den Kopf. Für einen kleinen Mann der Berge kam eine solche Jagdwaffe nicht in Frage. Unter dem Stein war es in der Finsternis schwer zu zielen, weshalb es kaum Fernkämpfer bei den Zwergen gab. Jedenfalls nicht bei den Nogrotern. Ein echter Bartträger hielt lieber ordentlich Metall in Händen. Maximal ein Satz Wurfbeile war noch drin, wobei auch hier zumindest der Trupp der Kumpels gespaltener Meinung war. Man einigte sich rasch darauf, dass jeder von ihnen am liebsten eine große, mächtige Streiaxt hätte. Mit denen könnte man ein paar Köpfe spalten und selbstverständlich ebenfalls auf die Jagd gehen.
"Schon einmal Trollfleisch gegessen?", grinste Ambosch Eisenhauer zu ihr herüber. Bei jeder Kopfbewegung tockte der schwere Eisenring in seinem Bart gegen die Brust und hinterließ ein einzigartiges, seltsam schabendes Geräusch. Er war der Älteste der Schürfer. Somit konnte man wenigstens ihm ohne jeglichen Zweifel Glauben schenken, dass er wusste, wie Troll schmeckte. "Ist nicht ganz ungefährlich", führte er weiter aus. Dann folgte eine schier endlos lange Berichterstattung darüber, wie viele Zwerge schon dabei zu Grunde gingen, einen Troll verspeisen zu wollen. Die musste man nämlich erstmal ordentlich entlüften, denn selbst nach ihrem Tod konnten sich im Innern noch unbeschreibliche Gase befinden, die laut Amboschs Aussage nicht nur Zwergennasen innerlich verätzten, sondern auch Explosionen im Stein verursachen konnten, wenn man ein Zündholz zu dicht an den offenen Trollkörper hielt.
"Bist du dabei mal in eine Explosion geraten?", fragte der lockenbärtige Fimbur. Ambosch schaute ihn dabei fast empört an. "Natürlich! Sicher ein Dutzend Male. Ich hab dabei auch mein Bein verloren!" Fimbur stierte auf beide Beine des Zwergenkameraden. Sie waren noch wunderbar in Schuss. Er ging mit ihnen wie jeder andere auch unter den Kumpels. Es tockte auch nicht wie bei manchem Piraten, der sich ein Stück Holz in den Schenkel rammen ließ. Da wusste auch der gutmütige Zwerg, dass Ambosch Seemannsgarn gesponnen hatte, ohne selbst je auf dem Wasser gewesen zu sein. Er lachte in sich hinein. Die anderen stimmten ein. Trotz ihrer Lage waren die Kumpels nach wie vor ein harmonischer Trupp, der das Beste aus seiner Lage zu machen schien.
Auch Azura musste hier Abstriche tun. Wenigstens durfte die feststellen, dass die Stiefel ihrer Freundin gut verarbeitetes Schuhwerk waren. Nichts, womit man sich die Beine müde stand. Man konnte mit ihnen wirklich richtig laufen, stolperte nicht bei jedem kleinen Stein pder knickte gefährlich um. Sie saßen zwar nicht perfekt, aber auch nicht so, dass sich Azura Blasen laufen würde. Ein Paar Socken wäre jedoch angenehmn. Der linke Stiefel scheuerte ein wenig an der Ferse. Aber weder das noch die Möglichkeit, dass Corax einen Blick unter ihren Rock hätte riskieren können, hielten Azura davon ab, weiterzumachen. Sie wurde mit der seichten Brise belohnt, die kühl über ihren Kopf strich. Der Wind verwehte die Reste ihrer Haare. Jene waren größtenteils erneut freigelegt worden, denn das tarnende Tuch, das sie sich noch im geschändeten Ventha-Tempel umgebunden hatte, war durch die ganze Lauferei unter Tage längst gelockert worden. Es hing inzwischen mehr auf ihren Schultern als schützend über Stirn und Ohren. Letztere betrachtete Corax sich eine ganze Weile. Er sagte allerdings nichts dazu. Seine Stimme erhob sich erst etwas, als die Zwerge erneut miteinander beschäftigt waren, um die richtige Richtung gen Nogrot zu finden. Oder Kad Harad? Sie diskutierten erneut in ihrer eigenen Sprache. Dem Elfen blieb hierbei auch nicht mehr übrig als Azura: Ignorieren. Was er nicht ignorieren konnte, war Azuras Versuch, die Arme um den eigenen Körper zu schlingen. Aber das schien nicht der Grund, weshalb er leise mit ihr sprach. "Tigerauge", raunte er, scheinbar zusammenhanglos. Er erklärte sich auch nicht, solange seine Zwangsbegleitung nicht nachfragte.
Die Kumpels hatten sich unterdessen endlich für eine Richtung entscheiden können. So zog man weiter. Der Wind peitschte jedoch zunehmen und Azura wurde sicherlich nicht wärmer. Das fiel auch Corax auf. Dieser war es nun, der ihr süffisant zugrinste. "Kalt?", hakte er mit einem Nicken auf ihre Brüste nach. Ob es stimmte und ihr Körper reagierte, war dabei vollkommen uninteressant. Er wagte lediglich den Versuch, sie zu necken. Eine kleine Rache für das Verhalten ihm gegenüber. Die beiden würden wohl niemals auf einen grünen Zweig kommen. Wo sie hin kamen, das war Kad Harat. Von einem Hügel aus konnten sie auf die Bucht niederblicken, die sich in das Festland schmiegte wie ein Kind in die Arme seiner Mutter. So still und friedlich lag sie da, dass man kaum glauben mochte, dass wenige Meilen entfernt das schöne Andunie den dunklen Völkern anheim gefallen war.
Kleine braune Flecke trieben auf den Wassern. Das konnten nur Boote sein. Die meisten gehörten den Fischern aus dem namenlosen Dorf. Sie fuhren mit ihnen den Ilfar bis zur Bucht entlang. Dort gab es bessere Fänge als an dem schmalen Flusslauf ihrer Heimat. Doch ein braunes, ovales Ding fiel besonders auf, weil es sich nicht um ein Boot handelte. Das war ein Schiff, ein richtiges Schiff. Es lag am Ufer der Bucht vor Anker. Die Segel waren eingeholt, so dass sie keine weißen Wolken über dem Rumpf bildeten. Es sah demnach nicht so aus, als wollte das Wassergefährt mit der nächsten Flut die Bucht verlassen.
"Es liegt noch vor Anker", ließ sich Cranneg zufrieden vernehmen. Dieses Mal war Corax der Schnellere, der fragen konnte: "Ihr habt ein Schiff? Seit wann bewegen sich Zwerge denn auf dem Meer? Mit euren kurzen Armen und Beinchen könnt ihr doch kaum schwimmen." Er erhielt von Ambosch einen üblen Rippenstoß .... in seine Kniekehle, denn tatsächlich war der grobklotzige Zwerg nicht in der Lage, die elfischen Rippen zu treffen. Seine Geste zeigte dennoch Wirkung, als Corax unter unwirschem Knurren etwas einknickte. Der Spott lag auf seiner Seite. Die Zwerge grinsten ihn munter an. Aber der gutmütige Fimbur gab sich über alle Maße hinaus freundlich. Sicherlich interessierte schließlich auch Azura die Frage und ihr wollte er eine Antwort nicht vorenthalten.
"Fräulein", sprach er sie direkt an als hätte sie die Frage gestellt, "wir sind aus den unterirdischen Häfen Nogrots mit dem Schiff bis nach Kad Harat geschippert und hier an Land gegangen. Es ist erstaunlich, dass unsere Matrosen noch immer vor Anker liegen, aber jetzt wird es uns eine große Hilfe sein."
"Gut gesprochen, Fimbur." Cranneg zeigte zur Bucht herunter. Dann winkte er seinen Begleitern, ihm zu folgen. Nach wie vor führte er die gesamte Truppe an. Während sie den Hang herab stiegen, wobei Corax und Azura etwas langsamer machen mussten, um nicht zu stürzen, setzte er im Namen des lockigen Fimbur fort: "Wir müssen nicht durch diesen von Elfen und Blümchenbestäubern verseuchten Eldar spazieren. Ich kann Bäume nicht leiden. Die werden so ... so ... von euresgleichen gekuschelt!" Fast anklagend nickte er in Corax' Richtung. Der Dunkelelf hatte nur ein Augenroillen dafür übrig. Immerhin war er ganz eindeutig kein Elf der Wälder. Den Unterschied schien Cranneg jedoch nicht zu kennen. Für ihn war ein Spitzohr wie jedes andere auch. Nur bei Azura machte er eine Ausnahme, wenngleich auch ihre Ohren nicht vollkommen abgerundet waren. Dem Zwerg mochte das bisher einfach nur nicht aufgefallen sein. Im Vergleich zu den dunkelelfischen Ohren ihres Begleiters konnte man es nämlich sehr leicht übersehen. "Auf dem Schiff dürften Vorräte sein. Notfalls hat die Mannschaft, die uns her brachte, gefischt und wir speisen heute noch mit Lachs und Thunfisch, haha!" Nicht nur Azuras Magen knurrte bei der Vorstellung einer ordentlichen Mahlzeit auf. "Die Jungs werden uns schon sicher unter den Berg zurück bringen. Nogrot, wir kommen!"
"Nogrot, wir kommen!", stimmten die Kumpels in den Ruf ein. klopften sich die müden Schultern und suchten noch einmal letzte Reserven zusammen. Es war schließlich noch ein recht langer Abstieg, bis man die bucht erreichte und tatsächlich: Nebst einer Menge kleiner teils besetzter Fischerboote lag da noch ein mächtiges Zwergenschiff vor Anker. Es sag keinem der Schiffe auch nur ansatzweise ähnlich, die sonst in Andunies Hafen zu finden waren. Die Scholle erinnerte mehr an eine gepanzerte Schildkröte aus Holz, der man einen Mast obenauf gesetzt hatte. Das Deck besaß an der Reling schützende Schirme aus gefächerten Holzbohlen, zwischen denen es sich gut nach außen schauen ließ, aber nur schwer nach innen. So könnten mitfahrende Fernkämpfer einiges bei feindlichen Schiffen bewirken, ohne selbst allzu viel Schaden zu nehmen. Ein paar gut postierte Schützen oder Magier würden das Zwergenschiff in ein fahrendes Kriegsgerät verwandeln. Der Name war übrigens in Nogret an die Seite des Schiffsrumpfes eingebrannt, so dass Azura und Corax Schwierigkeiten haben würden, ihn zu lesen. Sie hörten ihn aber bereits lange bevor, die Zwerge unter ihnen auf sich aufmerksam machen konnten. Immer wieder lobten sie schließlich die Mannschaft, wie umsichtig man wäre, mit der Scholle hier gewartet zu haben.
Nun standen sie allesamt am Ufer und winkten zu der Holzschildkröte herüber. Die Fischer jedoch waren es, die zuerst und mit deutlicher Verwirrung den kleinen, verrußten Haufen, den Dunkelelfen und die ramponierte Azura beobachteten.
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Re: Unter Tage

Beitrag von Azura » Donnerstag 22. September 2016, 10:53

Sie fühlte sich wieder besser und ganz so, als hätte sie das Oberwasser zurück bekommen. Ganz so, wie sie glaubte, dass es ihr zustünde. Als ob sie sich von einem einfachen Soldaten, egal, wie finster er wirken und wie viel stärker als sie er sein mochte, etwas sagen lassen würde. So weit käme es noch!
Die Zwerge indes, die wussten sich zu benehmen, und obwohl sie schmutzig, klein und eher hässlich waren, bemühte sich die junge Frau um ihre charmante Seite, wie sie es in den unzähligen Konversationen im Adelskreis gelernt hatte. Was ihr zugute kam, war, dass sie jemanden hatte, den sie mit Spott überziehen und somit als Bauernopfer verwenden konnte. Selbst, wenn er es nicht hundertfach schlimmer verdient hätte, als mit simplen Bemerkungen und Spitzen ein wenig bloßgestellt zu werden!
So richtete sie selbstverständlich auch ab und zu das Wort an ihn, selbstredend herablassend, wie es ihm gebührte. Er schüttelte auf ihre Frage den Kopf und sie ignorierte, wie fast immer, dass sein Blick ihr eigentlich eine andere Botschaft mitteilen wollte. Doch jetzt, mit sieben kleinen Kerlen an ihrer Seite fühlte sie sich bedeutend überlegener und sah noch weniger als zuvor die Notwendigkeit, auf solche Zeichen zu achten. Azura glaubte sich unangreifbar, auch wenn sie mit dem Kerl noch durch die Kette verbunden war.
Also lenkte sie das Thema lieber wieder auf sich, als sie befürchten musste, den Platz als Mittelpunkt der Aufmerksamkeit räumen zu müssen, und lächelte fast schon engelsgleich, als sie gemustert wurde. Eine kurze Beratung, dann kam schon die Antwort.
„Aber Smaragde sind so intensiv in ihrer Farbe. Das könnte aufdringlich wirken.“, gab sie lieblich zu bedenken. Ganz so, als käme es ihr niemals in den Sinn, auffällig zu sein oder gar Aufmerksamkeit auf sich bewusst ziehen zu wollen. Um das Ganze noch zu unterstreichen, klimperte sie mit ihren Wimpern, zumindest, soweit diese noch vorhanden und nicht verbrannt waren.
Sie waren einst schön, dicht und lang gewesen, doch wie sie jetzt aussahen, wusste sie nicht und wollte es auch gar nicht. Lieber verdrängte sie den Umstand, dass sie halb verbrannt worden war und sogar ihre Haarpracht darunter gelitten hatte. Von ihrer Kleidung ganz zu schweigen, aber diese hatte sie ja mehr oder weniger ersetzen können.
Darüber konnte sie sich später ebenso Gedanken machen, denn nun musste sie sich darauf konzentrieren, einen Rhythmus zu finden, der sie nicht zu schnell ermüdete und sie gleichzeitig das Tempo mithalten ließ. Das erforderte ihre gesamte Aufmerksamkeit, schließlich war sie nicht täglich mit Zwergen oder Soldaten marschiert, sondern wenn, dann für sich allein, wenn nur sie die Geschwindigkeit und Länge vorgab. Jedoch würde sie sich lieber die Zunge abbeißen, als um eine Verlangsamung zu bitten. Also hielt sie sich aufrecht und bemühte sich um eine Miene, die nichts von ihrer Anstrengung verriet.
Um mögliche Entgleisungen ihrer Mimik zu verbergen, versuchte sie, das Gespräch ein wenig in Gang zu halten, indem sie mit den Zwergen plauderte. Dabei war sie erstaunlich ehrlich, als wisse sie instinktiv, dass ihr Überleben nicht gerade leichter werden würde, sollte sie sich Fähigkeiten brüsten, die sie gar nicht besaß und in Erklärungsnot geraten würde, sobald es einmal darauf ankäme. Also blieb sie sogar bei der Wahrheit, wenngleich diese nicht gerade besonders ruhmvoll wäre. Das Wurfholz… Effektiv, nicht nur bei der Jagd, wenn es sein musste, aber alles andere als eine adelige Waffe. Doch sie wäre einfach herzustellen und könnte bei der Nahrungsbeschaffung in der Wildnis helfen, sollten sie nicht wieder so rasch in die Zivilisation gelangen können.
Dass die kleinen Männer nichts damit anfangen konnten, konnte sie demnach nachvollziehen, wenn auch aus anderen Gründen. Eine Streitaxt wäre jedoch definitiv nichts für sie. Viel zu grob, klobig und schwer. Aber sie hütete sich, etwas davon verlautbaren zu lassen.
Dennoch musste sie kurz darauf leidend das Gesicht verziehen, denn allein die Vorstellung war… grauenhaft! „Nein, und wenn ich kann, verzichte ich lieber, danke.“, erwiderte sie erstaunlich gerade heraus, ein Umstand, der ihrer körperlichen Anstrengung geschuldet war.
Nur bedauerlicherweise ersparte ihr das nicht eine gar grausige Schilderung, bei der sie rasch beschloss, die Worte an sich vorbei plätschern zu lassen und sich keine dazugehörigen Bilder auszumalen, damit ihr nicht übel würde. Etwas flau im Magen war ihr schließlich schon. Umso dankbarer war sie dem Unterbrecher, dessen Bemerkung sie innerlich aufatmen und tatsächlich leicht schmunzeln ließ.
Um diesen obendrein noch zu unterstützen und hoffentlich keine weiteren Einzelheiten heraufzubeschwören, meinte sie mit gespielten, heftigen Erstaunen:„Ein Dutzend? Na, du musst ja robust und tollkühn sein, dass du dich dann noch immer daran wagst!“ Sie zwinkerte dem Unterbrecher, der bezeichnend auf die vorhandenen beiden Beine seines Kameraden sah, verschwörerisch zu und grinste flüchtig, ehe sie wieder große Augen machte, um ihr Spiel aufrecht erhalten zu können.
Es schien zu wirken, die Gruppe wirkte weiterhin gelöst und endlich musste sie sich nichts weiter anhören, was ihren Magen in Aufruhr versetzte, auf negative Weise. Auch gewann sie immer mehr an Rhythmus in ihren eigenen Bewegungen, wurde sicherer und konnte ihre Gedanken allmählich auf andere Dinge richten. Die Stiefel waren gut eingelaufen inzwischen, sodass sie das Scheuern an ihrer Ferse nicht wahrnahm. Noch nicht zumindest, da die Haut einstweilen dem noch standhielt und keine Wunde eröffnete. Auch das verbergende Tuch, das ihr herab gerutscht war, nahm sie als gegeben hin, während die Luft ihren Schweiß im Nacken ein wenig trocknete.
Dass ihre Ohren in den Fokus eines Augenpaares gelangt waren, nahm sie nicht wahr, da sie ihren Blick weiterhin bevorzugt nach vorne richtete. So lange, bis sie eine kurze Pause einlegten, weil die Zwerge miteinander in ihrer Sprache reden mussten. Azura war diese Unterbrechung willkommen, jetzt, wo sie allmählich müde wurde und vor allem hungrig.
Die Brise war anfangs angenehm gewesen, doch langsam wurde ihr zu kühl aufgrund des Schweißes, der ihren gesamten Körper in Besitz genommen zu haben schien. Nachdem sie ihre Arme nicht schützend um ihren Oberkörper schlingen konnte wegen dieser blöden Kette, griff sie instinktiv nach dem Tuch und zog es enger um ihre Schultern. Nicht viel, aber immerhin ein kleiner Schutz.
Dabei hörte sie etwas und drehte ihren Kopf zu ihrem unfreiwilligen Begleiter. Ihre linke Augenbraue leicht erhoben, sah sie ihn skeptisch an. „Hm?“, machte sie nur, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sie beide zu lenken. Was wollte er jetzt wieder mit einem Edelstein?
Wenigstens ging es rasch wieder weiter, sodass sie sich erneut warm laufen konnte, mehr oder weniger. Denn der Wind wurde kräftiger und ob sie es wollte oder nicht, eine Gänsehaut nach der anderen bildete sich auf den bloßen Stellen ihres Körpers, zeitweise sogar auf ihrem Gesicht. Wenn sie nicht bald in eine warme Stube käme und etwas heißes zu trinken bekäme, könnte sie sich leicht und viel zu rasch eine gefährliche Lungenentzündung holen.
Mit sich selbst beschäftigt, bemerkte sie den Blick des Kerls in ihren Ausschnitt nicht. Erst sein einzelnes, gefragtes Wort ließ sie aufsehen, gerade noch rechtzeitig, um sein Nicken in ihre Richtung zu bemerken. Unwillkürlich folgte sie der Bewegung und schlang hastig das Tuch enger, um ihre Brüste besser verbergen zu können, die sie sonst durchaus zur Schau gestellt hatte, um attraktiver und anziehender zu wirken.
„Als ob deine Hände wärmer wären!“, gab sie spitz zurück, um ihm gleich der Idee zu berauben, er könne versuchen wollen, ihre Haut zu bedecken. Trotz ihres Tonfalls röteten sich ihre Wangen noch eine Spur mehr und sie sah rasch von ihm weg, um ihm ihre Verlegenheit nicht sehen zu lassen. Das konnte sie jetzt gewiss nicht gebrauchen!
Nur leider hatte er trotz allem recht, denn ihr wurde immer kälter, obwohl sie sich noch immer in einem strammen Tempo bewegten. Es würde nicht mehr viel fehlen und ihre Zähne würden zu klappern beginnen. Auch fielen ihr die Bewegungen immer schwerer, ihre Beine waren müde, der Atem wurde zu einem leisen Keuchen, ihr Magen knurrte vernehmlich und ihre Augen brannten, sodass sie sich des Öfteren darüber reiben musste, damit sie nicht tränten.
Schließlich schienen sie ihrem Ziel endlich nahe zu kommen. Die junge Frau allerdings hatte keinen Blick für die Schönheit der Bucht oder was sich dort alles abspielen mochte. Sie sehnte sich nur noch nach Wärme und einem weichen Bett, in dem sie sich unter einer kuscheligen Decke zusammen rollen und schlafen konnte. Dies indes schien noch ein weit entfernter Traum zu bleiben, denn auf der Klippe, auf der sie sich nun befanden, blies der Wind ihr noch schärfer ins Gesicht, sodass sie ihr Tuch so eng wie möglich zog und sogar unbewusst einen Schritt in Richtung Corax machen, um Wärme zu suchen. Inzwischen hatten ihre Zähne unvermeidlich zu klappern begonnen und sie konnte es nicht mehr zu hundert Prozent unterdrücken. Umso fester presste sie die Lippen aufeinander.
So ignorierte sie auch den Schlagabtausch zwischen ihrem Begleiter und dem Prahler von vorhin. Stattdessen bemühte sie sich, der Erklärung zu folgen und ein Lächeln zustande zu bringen, als sie diese direkt erhielt. „Dann sollten wir sie nicht länger warten lassen, oder?“, brachte sie, ein wenig bemüht, hervor und nickte in die Richtung des Schiffes.
Dass dies indes bedeutete, einen nicht gerade einfachen Hang hinab zu steigen, hatte sie nicht bedacht, sondern geglaubt, der Weg wäre ebener. Doch ihr blieb nichts anderes übrig. Das Problem allerdings war ihre Erschöpfung, denn immer wieder glitt sie bei dem feinen Kies aus, auch wenn sie sich noch jedes Mal wieder fangen konnte. Ihr Zustand wurde auch offensichtlich, da sie auf die Spitze gegen ihren Begleiter nicht einging, ja, sie nicht einmal mehr richtig zur Kenntnis nahm, weder im positiven, noch im negativen Sinne.
Was sie wollte, war Wärme und Ruhe, mehr nicht. Immer öfter musste sie sich an größeren Steinen auf dem Weg hinab abstützen und einmal wollte sie sogar stehen bleiben, um Atem zu schöpfen und den leichten Schwindel, der sie befiel, zu überwinden. Letzteres hingegen wollte nicht so recht gelingen, sodass sie sich damit abfinden musste, wollte sie hier nicht ewig bleiben. Die Frage war nur noch, ob das klug war und ob sie den restlichen Weg bis zum Schiff alleine auf ihren eigenen Beinen schaffen würden. Diese fühlten sich inzwischen recht weich an und sie beschlich die Sorge, ob sie auf den letzten Metern nicht mehr durchhalten würde. Wenn ihr nur nicht so kalt und wenn sie nur nicht so müde wäre!
Der Hunger half ihr auch nicht sonderlich dabei, das Ganze zu bewältigen, denn ihr Magen knurrte immer öfters, vor allem, seit der Vorstellung von heißem, gebratenem Fisch, den die Zwerge ihr in Aussicht gestellt hatten. Wenn es nur schon geschafft wäre!
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Re: Unter Tage

Beitrag von Erzähler » Sonntag 16. Oktober 2016, 00:07

"Smaragde ziehen die Aufmerksamkeit nicht auf dich, sondern sich selbst", raunte Corax auf ihren fragenden Laut hin. Er hielt das Gespräch gedämpft. Die Zwerge sollten davon nichts mitkriegen. Diese waren derzeit aber so mit sich selbst beschäftigt, dass er keinen Grund zur Besorgnis hatte. Solange der Elf die Stimme nicht unnötig erhob, verstand sich. "Tigeraugen locken, weil sie Exoten unter den Edelsteinen sind. Aber sie sind nicht so schön, als dass sie sich neben der wahren SChönheit in den Vordergrund drä..." Da stutzte er plötzlich. Erneut entwich seinen geblähten Nasenflügeln ausgeschnaubte Luft. Das seidenartige Haar hob sich wie Bausch, als er den Kopf zur Seite herum riss, um bloß dem kleinsten Blick von Azura zu entgehen. Er ging nicht mehr näher auf seine Aussage ein.
So setzten zumindest die beiden den gemeinsamen Weg schweigend gegenüber fort. Bald gab es neben der einsetzenden Kälte, die sich wie eine zweite Haut über die Reisenden legte, aber noch genug an Ablenkung. Das schildkrötenhafte Zwergenschiff trieb vor ihnen auf seichten Wellen. Die Flut würde bald einsetzen. Sie hatten wirklich eine ideale Zeit erwischt, denn es hörte sich ganz danach an als würden die Kumpels die Mannschaft kennen. Sicherlich ging es bald an Bord, wo es etwas wärmer wäre. Zunächst musste sich die illustre Gruppe aus halbverbrannter Menschin, störrischem Elfensoldaten und sieben rußigen Zwergen allgemeiner Neugier aussetzen.
"Was für ein wirrer Haufen", hörte die Gruppe bereits den ersten Fischer sagen, der mit Hochwasserhosen und einem fleckigen Leinenhemt neben einem Eimer voll Fisch stand. Der Duft, der daraus entströmte, mischte sich mit dem salzigen Geruch von Seeseite. Ein solches Aroma konnten nur Katzen und Möwen lieben. Der Fischer trug eine Angel geschultert und reihte sich somit nahtlos bei den weiteren Schaulustigen ein, die sich nun zu einer kleinen Traube bildeten. Es handelte sich hauptsächlich um Männer. Nur zwei Frauen mit vollen Wäschekörben befanden sich unter ihnen. Sie waren älteren Jahrgangs und gut beleibt. Ihre Männer sorgten für sie, wie es schien. Mit wippendem Busen stakten sie an den Zwergen, Azura und Corax vorbei. Während die eine Azura offen zulächelte, tuschelte die andere hinter gehobener Hand.
"... Rauch ... bei Andunie ... Gerüchte, dass Dunkelelfen ... ob der da ... Gefangener ...?"
Ihre Begleiterin suchte ungeniert Corax' Statur ab. Dieser warf ihr düstere Blicke zu, knurrte animalisch in ihre Richtung, als sie sich nicht demütig abwandte und trat sogar nach ihr aus. Da eilte die Waschfrau zügigeren Schrittes, zurück zu ihrer kleinen Hütte zu gelangen. Nicht viele gab es davon an der Bucht. Bei Kad Harat existierte kein Dorf wie man es von der Stillen Ebene her kennen mochte. Dennoch hatten sich hier vereinzelte Fischerfamilien angesiedelt. Keine von denen, die die aus Andunie Entkommenen sahen, war zwergisch. Dennoch schob sich eine rüstige, runde Gestalt, nicht größer als einen Meter, zwischen den langen Beinen der Fischer hindurch. Auch dieser Zwerg trug einen Bart und den ziemlich wild. Weder Eisenringe noch Lederbänder hielten die wallende Mähne zusammen, die ihm direkt aus dem Gesicht heraus wuchs. Aschgrau war sie mit vereinzelten weißen Strähnen. Der Zwerg trug eine Brille auf der knolligen Nase, war in Leinenhemd und dunkelblaue Hose gekleidet. Am Gürtel hingen zusammengerollte Pergamente, sowie ein Instrument kunstvollen Handwerks. Wer sich in der Seefahrt auskannte, würde den Sextanten sofort erkennen. Corax warf dem Gerät einen skeptischen Blick zu.
"Da soll mich doch der Brocknar mit dem Hammer klöppeln! Kumpels! So nah an Nogrot dran? Wolltet ihr nicht in den Süden?"
"Mahnwart, alter Freund. Lass uns das auf dem Schiff deines Kapitäns besprechen"
, entgegnete Cranneg Hammerdorn. Die beiden Zwerge breiteten die Arme aus, bevor sie sich gegenseitig kameradschaftliche Schulterklopfer verpassten. "Wir sind nur knapp aus Andunie entkommen. Da ist der Faldor los, sag ich dir! Belagert und eingenommen, die ganze Stadt!"
"Da soll mir der Brocknar doch den Amboss in den Hintern jagen, hab ich richtig gehört? Potzblitz! Und wie ist die Lage?"
Mahnwart, der Zwergenmatrose, neigte sich an Crannegs kahlem Glatzkopf vorbei. Er warf einen Blick auf Azura, nickte ihr zu und fokussierte dann Corax an ihrer Seite. Seine kleinen, aber wachen Augen kehrten zu Cranneg zurück. "Das Mädchen sieht schrecklich aus. Misshandelt? Und das Spitzohr neben ihr ist euer Gefangener?"
"Alles zu seiner Zeit, lieber Mahnwart. Wir haben eine anstrengende Flucht hinter uns und ich glaube, dass nur noch ihr Stolz das Fräulein auf den Beinen hält. Lass uns an Bord, die beiden in eine Kabine stopfen, Essen an meine Kumpels verteilen und mich mit deinem Kapitän sprechen. Dann wirst auch du alles erfahren."

Mahnwart nickte nur. Er löste sich von Cranneg, winkte den Kumpels mit weiteren Ausrufen auf Nogret zu und schob sich zurück durch die Fischer Richtung Uferstege. Ihm folgten die Kumpels mit gut gelaunten Mienen.
"Wir werden auf der Scholle untergebracht und bekommen etwas zu Essen. Es wird alles gut, Fräulein." Fimbur Fäustchen war geneigt, Azura den Arm zu tätscheln, wäre er nur heran gekommen. Wenigstens blieb der optimistisch grinsende Zwerg lang genug zurück, um ihr das Wichtigste aus dem Gespräch zu übersetzen. Dann folgte er aber seinen Kameraden, winkte Azura jedoch auffordernd zu. "Mir nach, Fräulein."

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