Im Haus der Lathimeras

Die Wohngebäude der Bürger sind meist sehr eckig und flach gebaut. Bestehend aus braunem Sandstein spenden sie, im Gegensatz zu dem heißen Wetter, einen kühlen Schutz.
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Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Rajakjel » Sonntag 26. Juni 2011, 13:38

Es war still im ganzen Haus, die Mittagshitze legte sich wie dickflüssiger Sirup über alle Bewohner und verlangsamte jede Bewegung. Einzig der Schweiß floss immer schneller.
Die Hitze war keine freundliche, trockene, die ab und an ein laues Lüftchen durchschnitt. Nein, sie war schwer, schwül und bösartig, legte jedes Lebewesen in Ketten und erstickte jeden Antrieb.
Rajakjel lag in ihrem leichtesten Kleid lang hingestreckt auf ihrem Bett. Sie hatte sich nicht dazu überwinden können, die schwarze Trauerkleidung anzuziehen, ihr Kleid war weiß. Überhaupt fand sie die schwarze Tracht von Tag zu Tag lächerlicher. Als ob es ihm helfen würde, wenn sie sich hier zu Tode schwitzten – sie wären höchstens schneller wieder vereint, doch das wäre nicht in seinem Sinne gewesen, ganz sicher nicht. Hier in Santros gab es diesen Brauch eh nicht – eine kluge Entscheidung – doch da ihr Vater Andunier gewesen war… Seufzend rollte sie sich auf die Seite, eine leise Wehmut im Herzen. Doch es stiegen ihr keine Tränen in die Augen, nicht wie die ganze Zeit vorher, wo der kleinste Gedanke in seine Richtung zu wahren Güssen geführt hatte. Das war vorbei.

Und was war da stattdessen? Mühsam hob Rajakjel den Kopf, dann ballten sich ihre Hände zu Fäusten, als sie sich aufsetze. Einmal mehr rief sie sich ins Gedächnis, dass sie sich Müßiggang nicht erlauben durfte, nicht nach einem Monat der Ohnmacht. Es war so viel Arbeit liegengeblieben, dass jeder weitere Tag schwere Verluste bringen konnte. Das Problem war nur, dass Rajakjel wenig bis keine Ahnung hatte, wie sie diese Arbeit angehen sollte. Zur Zeit war…

Erschrocken riss sie die Augen auf, als ihr etwas einfiel. Verflucht noch eins! Ich habe Serena Turan nicht benachrichtigt!
In einem Tempo, das bei dieser Hitze praktisch unerhört war, stürzte Rajakjel zu ihrem Schreibtisch. Mit fliegenden Fingern kramte sie nach Briefpapier, dann tunkte sie die Feder in die Tinte und schrieb schnell einige Zeilen nieder. Danach zündete sie eine kleine Kerze an – noch mehr Hitze – ließ ein wenig daran erhitzten Siegellack auf das gefaltete Papier tropfen und drückte voller Vorsicht den Siegelring hinein, der immer auf dem Tisch lag. Beim ersten Mal war sie zu schnell gewesen, der Lack war ihr auf die Finger getropft und sie hatte wie am Spieß geschrien. Seitdem ließ sie Vorsicht walten.
Doch sobald der Lack erstarrt war, stürmte Rajakjel aus ihrem Zimmer, während sie aus vollem Halse nach ihrer Dienerin rief.
Harla! Harlaaaaa! Wo bist du? Harla!
Da kam sie auch schon um die Ecke gelaufen, in der Hand eine halb geschälte Möhre und im Gesicht einen erschrockenen Ausdruck.
Da bist du ja! Hör zu, leg dieses Gemüse weg und bring den Brief zur Bürgermeisterin. Ich muss dringend, wirklich sehr dringend mit ihr sprechen – betone das, wenn sie sich nicht drauf einlassen will. Ich weiß nicht, wo sie ist, vielleicht im Rathaus, vielleicht bei sich zu Hause – es ist mir auch egal, du musst sie finden, ja? Und bring mir ihre Antwort so schnell es geht!
Sie wollte sich schon wieder umdrehen, da setzte das Mädchen etwas kleinlaut hinzu:
Tut mir wirklich leid, dass ich dich bei dieser Hitze rausjage. Aber es ist wichtig.
Damit wandte sie sich endgültig wieder ihrem Schlafzimmer zu. Drinnen schloss sie die Tür hinter sich und öffnete die Kleidertruhe, um sich umzuziehen – sie konnte schließlich nicht ein einem Unterkleid aus Leinen bei der Bürgermeisterin aufkreuzen.

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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Erzähler » Montag 27. Juni 2011, 08:17

Staub wirbelte auf und legte sich um jene Beine, die es wagten in der größten Hitze, irgendwelchen Tätigkeiten nachzugehen. Das Erlahmen der Stadt, während die Sonne am Himmel brannte, war ein inzwischen normales Stadtbild, welches sich Neuankömmlingen bot. Jeder wusste, dass das Leben in Santros erst nach Sonnenuntergang stattfand. Vorher waren wirklich nur diejenigen lebhaft, die nicht anders konnten, weil sie ihren Geschäften nachkommen mussten und diese jeden einzelnen Tag verfluchten.
Doch auch wenn die Häuser Santros’ der Hitze angepasst wurden, sodass die Wärme nicht allzu groß Einzug fand, war es auch innen merklich anstrengend, überhaupt eine Bewegung zu machen. Irgendwo, inmitten der Stadt, lag Rajakjel auf ihrem Bett und starrte, gedankenverloren, an die Decke.

Die hektischen Bewegungen, die der plötzlichen Erkenntnis, etwas vergessen zu haben, folgten, trieben der hübschen Frau die Schweißperlen auf die Haut. Nach nur wenigen Augenblicken, fühlte sich selbst das leichte Kleid klebrig und eng auf ihrer Haut an. Doch nun galt es schnell zu handeln und nicht darüber nachzudenken, wie sie der Hitze am besten entgehen konnte.
Mit geübten Fingern, flog die Feder über das Pergament und hinterließen eine Nachricht an die erste Frau der Stadt: Serena Turan – die Bürgermeisterin Santros’.
Nachdem das Siegelwachs getrocknet war, eilte die zierliche Rajakjel durch das Anwesen der Familie Lathimera und rief nach ihrer Dienerin.

In der Küche rackerte sich Harla schweißgebadet mit dem Essen für die Familie ab. Unaufhörlich rann ihr ein Rinnsal der salzigen Körperflüssigkeit über den Rücken, nach dem anderen. In der Hand hielt sie gerade eine Möhre, die sie schälte und war mit ihren Gedanken ganz woanders. Die Zeiten in der Küche, halfen dem Mädchen sich in ihre Traumwelt zu fantasieren, wo sie ein reges und freudiges Leben führte. Natürlich waren die Lathimera’s nicht schlecht zu ihr, doch so hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Irgendwann würde sie Abenteuer erleben und ihr Herz schlug freudig schneller, bei dem Gedanken. Während sie sich jedoch weiter aufregende Abenteuer, herzzerreißende Romanzen und wonnige Glückseligkeit vorstellte, hörte sie nicht das aufgeregte Rufen ihrer jungen Herrin. Erst nach dem dritten Mal, zuckte Harla und blinzelte überrascht die Luftblasen weg, die sie sich ersponnen hatte. Eilig flog sie aus der Küche, in der Hand die Möhre für die heutige Suppe. “Ja Herrin?“ antwortete die dünne Gestalt mit den großen, braunen Augen.
Rasch verkündete Rajakjel ihren Auftrag und innerlich stöhnte Harla. Um Himmels Willen – bei der Hitze, soll sie rausgehen? Doch sie gehorchte natürlich – das war ihre Aufgabe. Sie betrachtete die Möhre in ihrer Hand und sah dann fragend zu ihrer jungen Herrin. “Wer wird das Essen bereiten, junge Herrin? Ich muss noch die Suppe kochen und den Braten garnieren, sowie das Obst für den Salat schneiden. Soll ich sofort aufbrechen, junge Herrin?“ Es war eine kleine Zeitschinderei, dass Harla noch mal fragte, was sie zuerst tun sollte. Aus den Anweisungen ging deutlich hervor, was nun Priorität hatte. Mit einem klitzekleinen Seufzer, ging die Dienerin in die Küche zurück, wischte sich die Finger in einem Küchentuch ab und kam zurück zu Rajakjel. Sie richtete ihr Haar, auch wenn das bei der wilden Mähne, die sie hatte, wohl kaum etwas brachte. “Ich werde die Bürgermeisterin schon finden, junge Herrin“ sagte sie aufmunternd und nahm den Brief an sich. Sicher verstaut, in ihrem Rock, unterhalb des Leinenhemdes, welches sie trug, knickste sie vor ihrer Herrin und eilte dann flugs aus der Tür heraus, um die wichtige Nachricht zu überbringen.

Es vergingen die Stunden und Rajakjel wartete geduldig, oder ungeduldig – je nach Stimmung – auf eine Nachricht von ihrer Dienerin. Konnte es solange dauern, jemanden wie die Bürgermeisterin zu finden? War es denn so schwer? Vielleicht mischte sich ein wenig Ärger zu der Stimmung der jungen Frau, vielleicht aber ruhte sie geduldig auf ihrem Bett und versuchte sich sowenig wie möglich zu bewegen.

Das Licht im Zimmer Rajakjel’s veränderte sich mit jeder Stunde; solange, bis sich dunkle Schatten warfen und die Abenddämmerung einläutete. Langsam sollte die Erbin eines angesehenen Handelsgeschlechts aufmerken. Hier stimmte etwas nicht. Harla hätte schon lange zurück sein müssen und sie selber hätte bereits mit Serena Turan sprechen müssen. Was ging da vor sich? Sollte sie selber losgehen? Immerhin war nun eine angenehme Atmosphäre draußen und die Hitze kroch zurück in ihre Höhle. Wenn sie rausginge, wo sollte sie hin? Sollte sie nach der Bürgermeisterin suchen, oder nach Harla? Wo war dieses verfluchte Mädchen? War es eine Fehlentscheidung, sie zu schicken? Zweifel dürften aufkeimen und ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend.
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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Rajakjel » Montag 27. Juni 2011, 10:48

Braten? Bist du verrückt? Wer soll sowas denn um die Zeit essen? Wenn ich Hunger habe, finde ich schon was.
Schon bei dem Gedanken an ein dampfendes, frisch im Ofen gegartes Viech, von dem das Fett herabtriefte, drehte sich Rajakjel der Magen um. Da nahm sie lieber mit etwas Obst oder Ähnlichem Vorlieb.
Aber das war jetzt auch nicht wirklich von Belang, schließlich war die Frage eher ein Ausdruck von Harlas Unmut gewesen als ein wirklicher Einwand, und so ging sie dann auch.

Zurück in ihrem Zimmer wählte Rajakjel ein cremefarbenes Kleid aus, dass etwas aufwändiger gestaltet war als das, was sie grade im Moment trug. Mit zweifelnder Miene musterte sie es. Sollte sie es wirklich jetzt schon anziehen? Sie würde innerhalb von fünf Minuten im Schweiß schwimmen. Wie lange konnte Harla schon brauchen? Eine halbe Stunde musste man schon einberechnen, und das auch nur, wenn sie die Bürgermeisterin direkt auf Anhieb fand und dann auch durchgelassen wurde. Also konnte sie getrost noch eine halbe Stunde warten.
Zuerst legte sie sich wieder aufs Bett, doch das dünne Laken schien eine Hitze auszustrahlen, als ob sich darunter eine zweite Sonne verbarg. Nach zwei Minuten wechselte Rajakjel auf den Boden, der wenigstens etwas kühler war.
Hier hielt sie es ganze zehn Minuten aus, bevor sie sich einbildete, dass ihr Rücken von dem harten Untergrund tierisch schmerzte.
Mit einem Seufzer setzte sie sich auf und ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen. Was nun? Ohne echte Begeisterung griff sie sich einen Stapel der Papiere, die sich auf ihrem Schreibtisch türmten. Sie blätterte weiter zehn Minuten durch Ladungsberichte, Logbücher, Zollauflistungen, Schadensprotokolle und Handelsverträge, bis die Zahlen vor ihren Augen einen kleinen Stepptanz aufzuführen schienen. Eher resigniert als wütend legte sie das Zeug wieder weg. Sollte sie Galdir – den erste Quartiersmeister ihres Vaters, inzwischen kannte sie seinen Namen – holen lassen? Er hatte die letzten drei Tage praktisch bei ihr gewohnt und ihr geholfen, diese ganz eigene Schiffmannssprache zu verstehen. Heute aber hatte er sich zum Hafen aufgemacht, um nach dem beschädigten Schiff, bei dem die Reparatur in vollem Gange war, zu sehen. Da sollte sie ihn nicht stören.

Die Zeit floss zäh. Nach drei Stunden stand Rajakjel – inzwischen in dem schon wieder halb durchgeschwitzten cremefarbenen Kleid – vor dem Zimmer ihrer Mutter. Nur Stille drang heraus. Sollte sie hereingehen? Vielleicht hatte sie ja grade etwas Ruhe gefunden. Lieber nicht.

Nach vier Stunden machte sich Rajakjels Magen bemerkbar, sie registrierte es voller Unglauben. War wirklich schon so viel Zeit vergangen?
In der Küche schwirrten Fliegen um den rohen Braten herum, den Harla so überstürzt hatte stehen gelassen. Der war nicht mehr zu gebrauchen, aber Rajakjel stibitzte sich ein paar Datteln, die geschälten Möhren und was sonst noch herumlag und verzog sich wieder auf ihr Zimmer.

Die Sonne sank. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch sah Rajakjel ihr dabei zu. Jetzt konnte sie es nicht länger leugnen, irgendetwas war passiert. Selbst wenn Harla immernoch auf der Suche gewesen wäre, hätte sie irgendwo einen Straßenjungen aufgegabelt und zu ihr geschickt. Sie würde niemals einfach so wegbleiben.
Ihre Finger zitterten leicht. Die junge Frau hatte extra in dem Schreiben keinen Grund für das Treffen genannt, sondern nur die Wichtigkeit betont. Ihre Gedanken rasten. Was konnte sie nur tun? Noch jemanden schicken? Nein, wenn sie schon Harla abgefangen hatten, würde ein weiterer Bote nichts bringen. Es gab eine Wache im Haus, ein etwas tumber Kerl namens Tarmanto, doch der musste hier bleiben. Sie wollte es sich zwar nicht eingestehen, doch tief in ihrem Innern hatte Rajakjel Angst, dass ihre Mutter sich etwas antat. Seit dem Tod ihres Vaters war sie nicht mehr dieselbe.
Und ihr Bruder war auch nicht da. Verflucht. Was nun? Sie konnte und wollte nicht einfach aus dem Haus spazieren, sonst würde ihr noch das Gleiche zustoßen wie Harla – was immer das war. Aber vielleicht konnte sie…

Ja, seine Sachen passten. Zufrieden schaute Rajakjel an sich herunter. Nur ihre Haare musste sie noch verstecken – aus einem Schal improvisierte sie einen Turban. Besonders authentisch sah er nicht aus, aber die einsetzende Dämmerung sollte ihr übriges tun.
Vorsichtig öffnete sie das Tuch vor ihrem Zimmerfenster und kletterte hinaus. Im Garten war niemand zu sehen, doch die Mauer könnte zu einem Problem werden. Sie ragte gut zwei Meter auf, doch der raue, von Spalten und Rissen durchzogene Lehm machte es erstaunlich einfach, sie zu erklettern. Das würde Rajakjel in Zukunft ändern müssen.
Nun, die Mauer wäre einfach zu erklettern gewesen, wäre man wenigstens ein bisschen sportlich. Rajakjel schaffte es mit Ach und Krach und aufgeschrammten Fingern. Oben verschnaufte sie erstmal, bevor sie sich vorsichtig an der anderen Seite wieder hinunterließ. Dann marschierte sie in einem eiligen Tempo zum Hafen. Ihr etwas diffuser Plan sah vor, die Seeleute ihrer beider Schiffe auf die Suche Harla zu schicken, sich dabei selbst eine Leibwache oder etwas Ähnliches zu besorgen und dann die Bürgermeisterin zu finden. So schwer konnte das doch nicht sein.

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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 29. Juni 2011, 19:53

In den Sachen ihres Bruders, wagte sich Rajakjel aus ihren Zimmer im oberen Teil des Hauses. Sicher hätte sie auch durch die Tür spazieren können, da ihre Mutter ohnehin das Zimmer nicht verließ, Harla nun offensichtlich nicht zugegen war und die Wachen sie mit Sicherheit nicht aufhalten würden, wenn sie sagte, sie müsse sich die Beine vertreten. Doch irgendwo wohnte auch eine Rebellin und Abenteurerin in Rajakjel und es war ein klein wenig aufregend, sich aus dem Haus zu stehlen. Vielleicht würde die Erbin das nicht zugeben wollen, doch es blieb spannend.
Unbehelligt, passierte das Mädchen den Garten und ließ diesen bald hinter sich. Die hohe Mauer, die ringsherum das Anwesen vor neugierigen Blicken schützte, stellte eine ernstzunehmende Hürde dar. Nun galt es, der lehmigen Mauer den Kampf anzusagen. Sportlich und elegant war etwas anderes, doch es sollte nicht lange dauern und Rajakjel saß obenauf. Inzwischen hatte die Sonne die Erdoberfläche hinter sich gelassen und tauchte nun den Abendhimmel in ein sattes Rot. Dunkle Wolken zierten hie und da das Himmelszelt und unterbrachen die einträchtige Farbe. Vielleicht würde es noch Regen geben, in der Nacht. Der Flora und Fauna würde es mit Sicherheit gut tun, wenn sich der Himmel über ihr ergoss.

Nichtsdestotrotz glitt die junge Frau an der anderen Seite der Mauer hinunter und landete, mehr schlecht als recht, auf ihren Füßen. Ein Schmerz durchzuckte ihre Beine, da sie unglücklich aufgekommen war. Doch so schnell er gekommen war, ging er auch wieder und Rajakjel hatte die Konzentration, sich auf ihre Umgebung einzustellen.
Auch wenn sie sicherlich das ein oder andere Mal im Garten spazieren gegangen war und auch hinter dem Haus, das Land drum herum erkundete, so musste sie dennoch erstaunlicherweise feststellen, dass sich hinter ihrem schönen Anwesen, direkt ein Viertel der Stadt befand. Nachdem die Mauer überwunden wurde, befand sich das zierliche Mädchen in einer dunklen Gasse wieder. Zu ihrer Rechten konnte sie eine große Pfütze ausmachen, die einen üblen Geruch absonderte, der stark an Exkremente jeglicher Art erinnerte. Zu ihrer Linken befand sich ein stark abgenutztes Haus, das eigentlich nur noch von schlecht zusammen gezimmerten Balken gehalten wurde. Offensichtlich war sie im ärmsten aller Viertel gelandet. Hatte sie davon gewusst? Oder vielleicht einfach nur die Augen verschlossen?

Über grobes, löchriges, Kopfsteinpflaster, welches verdreckt und beschmutzt war, führte Rajakjel der Weg geradeaus. Links und rechts taten sich immer mehr schäbige Häuser auf. Menschen sah sie zurzeit keine, was ungewöhnlich war, da sie zur besten und belebtesten Stunde, ihr Haus verlassen hatte.
Um zum Hafen zu gelangen, musste das junge Mädchen - in den Klamotten ihres Bruders nicht zu erkennen – einfach bei der nächsten Möglichkeit rechts gehen. Sie würde das Seemannsviertel verlassen und das Meer war auch hier zu hören. Ob Rajakjel wusste, dass auch im Seemannsviertel Armut herrschte? So unweit ihres eigenen, schönen Hauses? Wie verschieden die Welten doch waren und wie nahe sie beieinander lagen.
Die Dämmerung, die ja nun für viele ein Segen darstellte, war nun der Antrieb für das Unbehagen, welches sich in dieser Gasse verbreitete. Hier war es düster und still; keine Seele regte sich und dennoch dürfte Rajakjel das Gefühl haben, dass sie beobachtet wurde. Nur eine Ahnung, doch verfehlte diese ihr Ziel nicht. Beklemmung machte sich breit und wurde von der Atmosphäre des Viertels unterstützt. Oder bildete sie sich das alles nur ein? Vielleicht hatte sie ja auch zu viele Bücher gelesen? Immerhin befand sie sich im Seemannsviertel. Hier brauchte sie keine Angst zu haben. Zumal sie keiner erkennen würde, in ihrer Verkleidung.

Doch während das junge Mädchen ihren Gedanken nachhing und sich den Weg durch die Gassen suchte, folgten ihr gierige Augen. An dem nächsten Hauseingang, konnte Rajakjel nur noch einen Schatten im Augenwinkel wahrnehmen, bevor sie auch schon etwas großes, dunkles, aus dem Zwielicht ansprang und zu Boden riss. Fauliger Atem schlug ihr entgegen, als ein immenses Gewicht ihre Lungen quetschte, als es sich auf sie setzte. Geifernd und gierig grinsend, drückte eine wettergegerbte Fratze einen spitzen Dolch gegen die zarte Haut des Mädchens. “Dein Geld, Bursche!“ kamen die boshaften Worte und verdeutlichten, dass der Kerl keine Ahnung hatte, dass sich hinter den groben Klamotten, ein zierliches, minderjähriges Mädchen versteckte. Vielleicht war das ihre Rettung. Hässliche Glubschaugen starrten verbissen auf das Gesicht ‚des Jungen’ unter sich und die Klinge drückte sich noch tiefer in das Fleisch der Wehrlosen. Auch wenn Rajakjel sich wehren würde, Chancen hatte sie keine. Der haarlose Seemann hatte sie fest im Griff und war obendrein fast doppelt so groß wie sie. Ohne Hilfe, würde sie hier sicher nicht wieder herauskommen.

Gerade in dem Moment, als ihre Gedanken fieberhaft eine Lösung suchen wollten, hörte sie ein Gurgeln. Starr wurden die glubschigen Augen und fixierten erschrocken seine Beute. Dann konnte Rajakjel spüren, wie der Körper des Mannes steif wurde und wenige Sekunden später, über ihr zusammen klappte.
Mit einem Schlag wurde ihr die Luft aus dem Leib gepresst und es erschien fast unmöglich, neue zu atmen. Flugs konnte sie Schritte vernehmen, die sich ihr näherten. Ein weiterer Dieb, der einem anderen die Beute wegschnappte?
Doch ehe sich ein klarer Gedanken spinnen konnte, wurde Rajakjel von dem Druck auf ihrer Brust erlöst. Der schlaffe Körper über ihr, rollte zur Seite und gab sie frei. Über ihr, die Hände in die Hüften gestemmt und breit grinsend, stand ein Junge, vielleicht Mitte Zwanzig. Sein Gesicht wurde von längerem, blondem Haar eingerahmt. Seine Statur war muskulös und athletisch, sein Gesicht wettergegerbt und markant-männlich. Wenn schon eine Rettung, dann doch von jemanden wie ihm – wer er wohl war? Gentleman-like hielt er der Geretteten die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen.
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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Rajakjel » Mittwoch 29. Juni 2011, 23:23

Ein stechender Schmerz schoss durch Rajakjels Fuß, als sie hinter der Mauer etwas ungeschickt auf dem Boden aufkam. War der Fuß nun verstaucht? Das war so ziemlich das Letzte, was sie hier gebrauchen konnte. Vorsichtig zog sie ihn an und streckte ihn wieder, dreht ihn versuchsweise in alle Richtungen – alles in Ordnung. Ein wenig Glück muss der Mensch ja haben.
Dann erst nahm Rajakjel wirklich wahr, wo sie sich befand, und man konnte das Erstaunen in ihren blauen Augen sehen. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie noch nie hinter dem Garten und der Mauer gewesen war – sie hatte einfach ganz selbstverständlich angenommen, dass sich auch hier noch die reicheren bürgerlichen Häuser fortsetzten. Das war wohl ein Fehlschluss. Nur gut, dass sie sich nicht in Kleidern über die Mauer gewagt hatte.
Suchend wanderten ihre Augen umher, ignorierten die Pfütze ( die, wäre sie ihr vor ihrer Haustür aufgefallen, sicherlich Ekel hervorgerufen hätte) und das wirklich sehr baufällige Haus und hielten stattdessen Ausschau nach irgendwelchen Bewegungen, Augen, ungewöhnlichen Schatten… Nichts. Jedenfalls nichts Sichtbares. Ein komisches Gefühl blieb trotzdem. War es Paranoia? Die selbe Paranoia, die Rajakjel statt den offensichtlichen Weg durch die Haustür den vermeintlich sichereren (weil unerwarteten) Weg über die Gartenmauer hatte wählen lassen?

Mit einem trotzigen Kopfschütteln ging die junge Frau los. Sie konnte nicht verhindern, dass sie manchmal in die Winkel spähte, obwohl sie sich vornahm, so selbstsicher wie möglich zu gehen. Niemand sollte auf den Gedanken kommen, dass sie nicht hierhergehörte.
Es war ein wenig beklemmend, die Armut aus solcher Nähe zu sehen. Rajakjel wusste, dass sie existierte. Sie war keineswegs weltfremd, ihre privilegierte und glückliche Situation war ihr schon lange bewusst gewesen – das hieß aber nicht, dass sie das Gegenteil wirklich kannte.
Nun konnte sie es also kennenlernen, doch sie hätte gerne ein Kutschenfenster zwischen ihr und diesen trostlosen Aussichten gehabt, oder vielleicht wenigstens einen Bewaffneten, ein Gefühl von Sicherheit. Nun war sie aber alleine hier, da half alles innerliche Lamentieren nicht.

Erst nach einer Weile fiel ihr auf, dass gerade die Leere der Gasse die Beklemmung auslöste. Es war Truglicht, die Stunde, in der das Leben noch einmal aufblühte, bevor die Nacht alles mit Dunkelheit zudeckte! Sollte es nicht auch hier von Leuten wimmeln, gab es nicht auch hier noch dringende Dinge zu erledigen?
Vielleicht war sie aber auch in einer Gegend gelandet, in der längst keiner mehr wohnte, die selbst den Armen zu schäbig war. Ihres Wissens nach existierte eine solche Gegend in Santros zwar nicht, aber auch sie konnte ja nicht alles wissen. Diese Erkenntnis veranlasste ihre Augen dazu, noch einmal nervös umherzuhuschen. Deswegen sah sie die Bewegung, den Sprung aus dem Hauseingang – doch helfen tat ihr das nicht, sie wurde von dem Riesen trotzdem fast zerquetscht, wie er sich so auf sie schmiss.
Das erste, was ihr in den Sinn kam, war: Er stinkt.
Das zweite war: Er will mich überfallen. Die Richtigkeit dieses Gedankens wurde sodann von dem Mann – ein großer, glatzköpfiger Seemann, wie Rajakjel nun erkannte – bewiesen, als er ihr Geld forderte. Danach kreuzten sich Gedanken verschiedenster Art, während sie ihn wie erstarrt ansah.

Ein Glück, dass ich nicht mein Kleid anhabe! Er will mein Geld. Ich muss den Jungen weiter spielen. Ich habe doch gar kein Geld dabei! Meine Beine tun weh! Ob meine Stimme mich als Mädchen verrät? Er wird mich durchsuchen, wenn ich ihm sage, dass ich nichts habe! Dann wird er wissen, dass ich kein Junge bin. Der Dolch ist bestimmt scharf, wird er mich schneiden, wenn ich Luft hole? Vielleicht kann ich ihm die Waage geben – nein, dann weiß er, dass ich nicht aus dem Viertel stamme. Sie ist zu kostbar.
All diese Gedanken endeten in einem finalen: Was soll ich jetzt bloß tun?

Sie wollte gerade den Mund öffnen (und hoffte daraus, dass etwas Sinnvolles herauskommen würde), als der Druck des Dolches auf ihren Hals nachließ und stattdessen das Gesamtgewicht des Seemanns auf sie fiel und ihr alle verbliebene Luft aus den Lungen presste. Erschrocken kniff sie die Augen zu, nur um sie direkt wieder zu öffnen – und in die starren, eindeutig toten Augen des Seemanns zu schauen.
Ich liege unter einer Leiche! Warum ist er bitte tot?
Dann kamen schnelle, leichte Schritte auf sie zu, der schwere Körper wurde beiseite gewuchtet und die Luft strömte mit einem „Ffffff“ in ihre Lungen zurück. Blinzelnd schaute Rajakjel nach oben und erkannte einen jungen, blonden Mann, nicht viel älter als sie selbst. Der sollte diesen Riesen getötet haben? Und warum war er erst danach angelaufen gekommen? Er musste wohl auf ihn geschossen haben. Diese Erkenntnis verließ ihr Gehirn und schlängelte sich in ihren immernoch geöffneten Mund, ohne den Umweg über den Verstand zu nehmen. Deshalb hörte sie sich sagen:
“Spinnst du? Du hättest mich damit treffen können!“
Kaum gesagt, erkannte ihr ach so scharfsinniger Verstand, dass dies kein angebrachter Satz gewesen war. Nach einem verwirrten Blinzeln schickte sie ein
“Ich meine, danke. Wirklich.“
hinterher. Die freundlich ausgestreckte Hand ignorierte sie trotzdem – sie hatte Angst, dass er ihre würde zittern spüren – und kam dann alleine und etwas unbeholfen auf die Füße. Da stand sie nun und taxierte ihn. Er war muskulös, von Wind und Wetter gezeichnet – wohl ein Seemann, allerdings keiner aus Santros, dafür hatte er zu blonde Haare.
“Wer bist du?“
Rajakjel schickte die Frage recht schnell hinter ihren anderen Sätzen hinterher – nicht einschüchtern lassen, Oberhand behalten. Vielleicht hatte er ja sogar auf einem ihrer Schiffe angeheuert, da könnte das hier später üble Folgen haben.
Trotzdem kam sie nicht umhin, ein paar Gedanken daran zu verschwenden, dass er einem Helden recht ähnlich sah. Rajakjel hatte natürlich auch Geschichten verschlungen, in denen die gutaussehenden Helden die Frauen retteten, die sich dann hoffnungslos verlieben mussten. Hoffentlich würde sie da drüber stehen.
Wo sie grade daran dachte – saß ihre Verkleidung eigentlich noch? Einen schnellen Griff zum „Turban“ konnte die junge Frau grade noch unterdrücken, aber er fühlte sich schon verdächtig locker an.

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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Gestalt » Donnerstag 30. Juni 2011, 10:52

Ob der Antwort, die ihm entgegen schlug, lachte der Retter vergnügt auf. Er zog seine Hand zurück, nachdem Rajakjel von alleine aufgestanden war. Sein schelmisches Lächeln verebbte nicht, als er sich den Geretteten genauer besah. “Man, Junge. Ich habe dir gerade das Leben gerettet!“ kam seine Antwort, doch es lag keinerlei Zorn in seiner Stimme, lediglich Belustigung. Doch in seiner Antwort steckte noch eine ganz andere Wahrheit: Er war der Meinung einen Jungen vor sich zu haben.
In dem diesigen Licht, war das Gesicht des Mannes nicht richtig zu erkennen, zumal Rajakjel sicherlich ein paar Schwierigkeiten haben dürfte, ob der Atemnot, ihre Augen richtig zu benutzen. Doch das was sie erkennen konnte, war deutlich die Kluft eines Seemannes: Eine lockere Leinenhose umschmeichelte die schmale Hüfte des Mannes, während seinen Oberkörper lediglich eine Leinenweste zierte. Der Mann war viel draußen, soviel stand fest, denn er hatte kräftige Arme und eine breite Brust. Auch die Tatsache, dass er kein Hemd trug, veranlasste dazu, ihn als Seemann einzustufen, der wusste, dass es tagsüber definitiv zu heiß wurde, um sich mit unnötigen Stoffen zu belasten. Vermutlich trug er die Weste auch nur deswegen, weil er sich in der Stadt aufhielt.

Kurz betrachteten die braunen Augen, das Bild vor sich. Dann schürzte der Retter seine Lippen, legte ein erneutes Lächeln auf und meinte: “Also, für einen Seemann bist du doch recht schmächtig, hm?!“ Er klopfte Rajakjel unangenehm fest für ein Mädchen auf die Schulter und bugsierte sie dann langsam die Straße entlang. Den Toten hatte er offenbar schon völlig vergessen.
Nach ein-zwei Schritten, ließ er aber den vermeintlichen Jungen los, damit ‚dieser’ sich frei bewegen konnte. “Mein Name ist Luca.“ Antwortete er nach längerer Pause, auf die Frage, wer er war. “Und wer bist du, Kurzer?“ Er lachte auf “Und was tummelst du dich hier in diesen Gassen herum? Ehrlich Mann, dass ist nicht die beste Gegend, weißte?“ Seine Art zu reden war locker und doch charmant. Es war klar, dass er sicherlich in jeder Stadt fünf Frauen hatte, die ihn alle umgarnten. So ein Typ entsprach hundertprozentig dem, was in den Büchern als Held verkauft wurde. Es würde nicht wundern, wenn er die Vorlage aller Helden wäre. Traumhaft! Oder doch etwas zu perfekt?

Dennoch, Luca hatte Rajakjel das Leben gerettet und vielleicht war es klug, dass sie sich nicht allzu weit von ihm entfernte. Immerhin hatte sie eine Aufgabe! Wenn sie es geschickt anstellte, würde Luca sich vielleicht bereit dazu erklären, mit ihr gemeinsam nach Harla zu suchen. Doch wie sollte sie ihn bitten und gleichzeitig in der Rolle des Jungen bleiben? Als Mädchen hatte sie gewiss bessere Chancen den attraktiven Luca für sich zu gewinnen. Sollte sie den Spieß vielleicht umdrehen und ihm die Wahrheit sagen? Oder in der Rolle des Jungen bleiben?
Während sich Rajakjel für eine der Möglichkeiten entschied, waren die beiden bereits ein gutes Stück gegangen und befanden sich nun innerhalb des Seemansviertels. Hier war das Treiben ein ganz anderes, als zuvor. Grimmige Seebären und solche, die es werden wollten, gingen ihren Geschäften nach oder genehmigten sich in den Tavernen ein bis neun Bierchen. Eine raue Gegend und doch hatte sie Charme. Hin und wieder hob Luca die Hand zum Gruß, wenn er Bekannte traf und wurde galant, wenn ein Frauenzimmer ihren Weg kreuzte. Immer wieder führte er eine andere Frauenhand zu seinen Lippen, um einen Kuss darauf zu setzen, der die Frauenherzen höher schlagen ließ. Ein gekonntes, keckes Lächeln und die Damenwelt gehörte ihm. Auch wenn das äußere Erscheinungsbild des Mannes mehr als anziehend war, so war doch Vorsicht geboten. Er war ein Spieler. Und es würde nicht wundern, wenn er ein ebenso guter ‚Jongleur’ war…
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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Rajakjel » Donnerstag 30. Juni 2011, 23:54

Ein mittelgroßer Stein fiel von Rajakjels Herzen, als er sie mit „Junge“ ansprach. Eine etwas gründlichere Musterung bestätigte ihren ersten Eindruck – er war eindeutig ein Seemann. Ein starker Seemann, der ordentlich zufassen und auch zuhauen konnte, das wurde ihr nach dem derben Klaps auf ihre Schulter klar.
“Also, für einen Seemann bist du doch recht schmächtig, hm?!“
“Eh… nein, ich bin kein Seemann, also… noch nicht, ich will aber gerne. Und mein Name ist Raj.
Das letzte kam ohne Zögern, denn Rajakjel hatte sich schon im Vorneherein überlegt, was sie auf solche Fragen antworten könnte. Und nun… wenn er sie schon für einen Jungen hielt, konnte sie diese Geschichte ja ruhig weiterspinnen. Die Leiche schien für ihn nicht weiter von Interesse zu sein, als er sie wegzog. Er hatte sie nichtmal gefilzt. Und womit hatte Luca den Seemann nun getötet? Einen Bogen trug er nicht, das schied aus. Und Wurfmesser? Doch warum hatte er es sich nicht zurückgeholt? Oder hatte er es getan und sie hatte es nicht bemerkt? Das konnte natürlich gut sein.
Nun wurden die Straßen voller. Aus den Augenwinkeln warf Rajakjel einen Blick auf Luca, der immer wieder die verschiedensten Personen grüßte – auch Frauen, und das wohl besonders gerne, wie sie nicht umhin kam zu bemerken. Die nächste Frage ließ sie allerdings schmunzeln.
“Und was tummelst du dich hier in diesen Gassen herum? Ehrlich Mann, dass ist nicht die beste Gegend, weißte?“
“Umgekehrt wird ein Schuh draus – du warst doch auch dort, oder? Ich kenne mich in Santros nicht aus und hab mich etwas verlaufen. Das kommt bei dir ja aber nicht in Frage.“

Langsam frischte der Wind auf und trug den salzigen Geruch des Meeres herbei. Der Hafen konnte nicht mehr weit sein. Dort würde Rajakjel Galdir finden und diese Farce beenden können, aber trotzdem war sie zu neugierig, um sich jetzt einfach von Luca zu verabschieden. Vielleicht erzählte er ihr ja ein bisschen über seine Arbeit, wenn sie eine unverfängliche Frage stellte.
“Sag mal, kennst du einen Galdir? Man sagte mir, bei ihm könnte ich anheuern.“
Sollte Luca wirklich auf einem ihrer Schiffe arbeiten? Das wäre sicher ein äußerst… komischer Zufall. Die Möglichkeit bestand natürlich, aber momentan lagen nur zwei von Rajakjels Schiffen am Hafen. Zwei von sehr vielen, denn der Hafen war pickepackevoll. Schließlich war Santros die einzige größere Hafenstadt, die sich nicht in dunkelelfischer Hand befand – naja, bis auf Sarma, aber die Nachricht über die Rückeroberung war noch nicht bis hierhin vorgedrungen.

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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Gestalt » Freitag 8. Juli 2011, 20:51

Luca schaute verschmitzt auf Rajakjel hinab und schlenderte lässig neben ihr her. Der salzige Geruch des Meeres, umspielte das blonde Haar des Mannes und ließ es tanzen. Gekonnt klemmte er mit einer Handbewegung eine nervtötende Strähne hinter sein Ohr, während er hin und wieder nickte, wenn Rajakjel etwas sagte. “So-so, Raj, du willst also Seemann werden, hm?!“ Etwas an seinem Tonfall, ließ Zweifel daran, ob er sich über seine Wegbegleiterin lustig machte, oder nicht. “Also..“ setzte er an, wurde jedoch jäh unterbrochen, als ein breitschultriger Mann ihnen den Weg versperrte. Er war noch gut einen halben Kopf größer als Luca und hatte kaum mehr Haare auf dem Kopf, als ein Baby bei seiner Geburt. Kleine, verschlagene Augen blickten auf Luca herab und fixierten ihn böse. Am Ohr des Mannes hing ein seltsam anmutender Ohrring; er war aus angelaufenem Kupfer und hatte ein kleines Stück Knochen als Zierde. Ob es ein menschlicher Knochen war? Anatomisch sah er aus, wie ein Fingerglied, doch wer wusste das schon so genau?
Der Hüne, der ihnen den Weg versperrte, hatte es sogar geschafft, die Abendsonne, die sich nach und nach hinter den Horizont stahl, von ihnen fernzuhalten, sodass nun der Wind frisch und irgendwie frostig durch ihre Kleidung fuhr. Wenn in Santros die Sonne verschwand, wurde es doch kälter, als man es erwarten mochte.

Luca hob, ganz legere, seine Hand zum Gruß und lächelte dem Hünen entgegen. “Fisko!“ sagte der junge Mann und seine Lippen wurden schmal. Auch wenn sich keiner der beiden darum zu scheren schien, dass Rajakjel nach wie vor anwesend war, lag Unheil in der Luft. Der Angesprochene gab nur ein grimmiges Grollen von sich und Luca wich einen halben Schritt nach hinten. Er wirkte nun unsicher und schluckte mehrmals, offenbar war ihm der Mund trocken geworden.
“Wo ist mein Geld?!“ grollte die tiefe, doch nicht laute Stimme von Fisko ihnen entgegen. Aha – darum ging es also. Geld. Wie immer. Die Situation drohte zu kippen und niemand schien sich um die beiden zu scheren. Luca rang nach einer Antwort und verstrickte sich in verschiedene Anfänge einer Erklärung, die jedoch alle ins Leere liefen. Nun wurde es ungemütlich, denn Fisko ging auf den im Gegensatz zu ihm schmächtig wirkenden Luca zu und war drauf und dran den Mann am Kragen zu packen. Doch Luca wich immer weiter zurück und ließ Rajakjel stehen. “Hör mal, Fisko.. also – Ich.. Du bekommst dein Geld… ehm, heute noch! Ja! Heute.. Abend?“ stotterte der sonst so wortgewandte Schönling, während er nach einem Ausweg suchte. Seine Augen suchten nach einer Lösung und er erfasste Rajakjel. Ohne darüber nachzudenken, schnellte seine Hand nach vorne und deutete auf sie. “Ja, siehst du, Fisko. Mein Freund Raj hier, der, ehm.. der schuldet mir noch Geld und, naja – also wir wollten gerade die Formalitäten über die Bühne.. eh bringen – aber da hast du uns schon gestört.. Also – wie wäre es, wenn wir uns später in der Kneipe am Hafen treffen und.. ja da bekommst du dann dein Geld?“ Was für eine Lüge, was für ein Seemannsgarn. Hoffnungsvoll und flehend zugleich, ruhten die haselnussbraunen Augen auf Rajakjel. Fisko drehte sich zu der Verkleideten um und fixierte nun sie mit den kleinen Augen. “Ist das wahr, Schwächling?“ motzte ihr der Hüne entgegen. “Natürlich ist das wahr, hör mal – ich bin ein Ehrenmann, Fisko!“ Der Hüne schnaubte verächtlich und beäugte abermals Rajakjel, ehe er Luca packte und zu sich heranzog: “Wehe, wenn das ein Trick ist, Luca, ich finde dich. Überall. Und den da auch!“ drohte er, mit einem Fingerzeig auf Rajakjel. Dann stampfte der Geldeintreiber in die dunkle Gasse davon und Luca, leicht zerzaust, kam charmant lächelnd auf Rajakjel zu. “Ehm.. Wo waren wir? Achja – Galdir – kenne ich ja, der hat auf einem Schiff der Lathimeras angeheuert. Komm mit, ich zeig dir wo sie liegen.“ sagte er und schien den Vorfall schon wieder vergessen zu haben. Er zog Rajakjel mit sich und schlug den Weg zum Hafen ein. Während sie weiter gingen, richtete er sein Haar und seine Kleidung. Du willst also Seemann werden, was?“ führte er das Gespräch unbeirrt fort, als hätte sie lediglich eine Fliege gestört. “Nunja, also – bei Galdir wirste wohl kein Glück haben, der ist n echt harter Brocken. Der nimmt nich’ jeden, habs auch schon versucht.“ offenbarte er und zuckte die kräftigen Schultern. Rajakjel erhielt einen Seitenblick seinerseits. “Ganz ehrlich, wenn du auf die See willst, musst du aber etwas zulegen. Sonst verreckst du noch.“ Während Luca weiter plauderte, kamen sie dem Hafen immer näher.

Rajakjel findet sich im Hafen wieder
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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Erzähler » Montag 8. August 2011, 18:15

Erfolglos kehrt Rajakjel von Serana Turan zurück.


Während Luca breit grinsend mit Rajakjel am Arm durch die Straßen spazierte, folgte Galdir in angemessenem Abstand. Er hatte gelernt sich in der Gegenwart von höhergestellten Personen, wie Rajakjel ja nun mal war, zurück zu halten. Ganz im Gegensatz dazu, verhielt sich der blonde Seemann und führte die junge Frau sicheren Weges zu ihrem Zuhause. War es denn klug, Luca zu zeigen, wo sie wohnte? Ihm vor die Nase zu halten, wie sie lebte? Doch es war bereits zu spät, denn Rajakjel klopfte wenige Zeit später an ihre Haustür. Es dauerte nicht sehr lange, bis jemand die Tür öffnete. Das Licht einer Kerze flutete die Dunkelheit, die sie nun umgab, da Galdir den Wegbeleuchter bereits bezahlt und nach Hause geschickt hatte. Die Gestalt, die sich dort aufbäumte, war ganz klar Tarmanto – der Sicherheitsbeauftragte im Hause Lathimera. Argwöhnisch wie eh und je war sein Blick, als er das Dreiergespann musterte. Sein Blick fiel auf Rajakjel und er atmete geräuschvoll aus. Der Umstand, dass sie ohne sein Wissen das Haus verlassen hatte und nun in Männerkleidung vor ihm stand, erzeugte in ihm einen gewissen Groll auf das Gör.
Sichtlich bemüht, nicht die Beherrschung zu verlieren, biss er sich mit seiner Oberlippe auf die Untere und trat zur Seite. Die wachsamen Augen ruhten auf Luca, den er nicht kannte. Prüfend lag sein Blick auf dem Blonden und taxierte ihn unverhohlen. “Ihr dürft eintreten, wenn das der Wunsch von Rajakjel ist.“ meinte er steif und monoton. Luca hingegen feixte und betrachtete mit schamloser Neugierde das Innere des Hauses, welches sich ihm freizügig darbot. Galdir räusperte sich vernehmlich und hoffte inständig, Rajakjel möge sich auf ihre Erziehung besinnen und diesen Taugenichts davon jagen. Doch was die junge Lathimera tat, war ganz alleine ihre Entscheidung. Tarmanto wandte sich, ganz gleich, ob Luca nun eintrat oder nicht, an seine Herrin und meinte im leisen, diskreten Ton: “Herrin, Eure Mutter ist wohlauf und hat von alldem nichts erfahren. Doch nach Eurem Verschwinden, sah ich mich gezwungen Euren Bruder rufen zu lassen. Er befindet sich im Salon und wartet ungeduldig auf Euch.“ Er war lediglich der Bote. Dass Serblen extra aus der Kaserne nach Hause gekommen war, weil seine Schwester auf eigene Faust Detektiv spielen musste, trug bestimmt nicht zu seiner Erheiterung bei. Es war vielleicht klug, das ganze Debakel alsbald zu klären und Serblen zu beruhigen.
Nach dem Tod ihres Vaters, waren alle etwas konfus und schnell in Rage. Gerade Serblen, der sich nach dem Tod doch sehr zurückgezogen hatte. Gut war, dass Tarmanto ihrer Mutter nichts erzählt hatte, wer weiß, wie sie darauf reagiert hätte in ihrem jetzigen Zustand. Einen weiteren Verlust würde sie sicher nicht überleben.

Luca stand nach wie vor im Eingang des Hauses und lauschte mit gespitzten Ohren, dem vernehmlichen Treiben im Hausflur. Es war deutlich zu erkennen, dass er angestrengt versuchte, zu erfahren, worum es bei Tarmanto’s und Rajakjel’s Gespräch ging. Vielleicht etwas zu neugierig. Irgendwie war der Junge nicht zu durchschauen. Doch je mehr sich die Erbin mit ihm einließ, desto verworrener wurde sein Charakter. Mal charmant und galant, dann wieder spitzbübisch und kindlich. Eines war doch sicher, dass Luca bestimmt noch die eine oder andere Überraschung bereit halten würde und es sicherlich klüger, ihn fortzuschicken. Dennoch war es doch seltsam, was er gesagt hatte. Über Galdir und sein Verhalten, sein ganzes Auftreten war ein Nachhaken wert, oder? Dass Rajakjel’s Rettung ein Zufallen war, war doch etwas weit hergeholt. Ausgerechnet in der Sekunde, die sie in Gefahr schwebte?

Doch auch wenn das alles zurzeit verworrener denn je war, es galt nun erstmal ihren Bruder zu beruhigen und Galdir loszuwerden. Vielleicht sollte sie ihn auf die Suche nach Harla schicken? Er kannte sich schließlich aus. Doch wenn er etwas mit der Sache zutun hatte? Vielleicht war das doch keine schlechte Idee. Denn er würde sich sicher hüten, ihr falsche Nachrichten zu überbringen, bezüglich Harla’s Verbleib. Denn immerhin kannte er diese Stadt wie seine Westentasche und wenn er mit leeren Händen kam, machte er sich nur umso mehr verdächtig. Ein Versuch war es wert, oder nicht?
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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Rajakjel » Samstag 27. August 2011, 11:52

Als sich die Haustür öffnete, kurz bevor das Türblatt den Blick auf die Person dahinter freigab, zuckte ein Bild durch Rajakjels Gedanken – die Tür war offen, doch es waren niemand da, der sie geöffnet hatte, das Haus war leer und tot und alle Bewohner verschwunden.
Dann sah sie Tarmanto, und die Bilder wurden von seinem Anblick weggewaschen. Noch nie war sie so froh gewesen, ihn zu sehen. Während Luca eintrat, wandte Tarmanto sich an Rajakjel, die ihn mit einem bangen Ausdruck im Gesicht musterte.

“Herrin, Eure Mutter ist wohlauf und hat von alldem nichts erfahren. Doch nach Eurem Verschwinden, sah ich mich gezwungen Euren Bruder rufen zu lassen. Er befindet sich im Salon und wartet ungeduldig auf Euch.“

„Ja, ich geh gleich zu ihm… Tarmanto, ist Harla da? Ist sie wieder zurückgekommen?“


Einen kurzen Augenblick lang hoffte sie, doch Tarmantos betrübter Gesichtsausdruck sagte ihr genug – auch er hatte Harla… Nein, er mochte Harla, und er würde sie auch weiterhin mögen können, denn SIE WAR NOCH AM LEBEN. Wenn sie daran nicht mehr glauben konnte, dann würde sie aufgeben, und das wollte sie nicht.
Gut. Schluss mit diesen Gedanken, jetzt musste sie schauen, wie es weiter ging. Rajakjel trat etwas zurück, außer Hörweite von Luca, der inzwischen die ganze Einrichtung so betrachtete, als kalkulierte er schon den Verkaufsgewinn. Vielleicht war er damit beschäftigt genug, doch sie senkte ihre Stimmte trotzdem zu einem fast tonlosen Flüstern, sodass Tarmanto sich sehr anstrengen musste, um alles mitzubekommen.

“Das ist Luca. Ich hab ihn zwischendurch aufgegabelt, er weiß irgendwas, doch er will noch nicht damit rausrücken. Pass auf, dass er nichts anstellt, oder verschwindet, während ich mit Serblen rede. Beschäftige ihn, gib ihm was zu Essen oder so. Ich wollte ihm noch eine Belohnung auszahlen – sag ihm, dass ich es mache, wenn ich zurückkomme, und dass er warten muss. Du kannst dich ruhig mit ihm unterhalten – vielleicht erzählt er dir ja was. Aber sei vorsichtig, er ist gerissen.“

Nachdem sich die junge Frau vergewissert hatte, dass Tarmanto verstanden hatte, ging sie zu Galdir. Der stand noch immer halb im Haus und halb draußen auf der Straße und war damit beschäftigt, sich unwohl zu fühlen und Luca zu beäugen.

“Galdir, ich will, dass du Harla suchst. Ich weiß nicht, was ihr passiert ist, aber… es wird wohl nichts Gutes sein. Nimm dir so viele Matrosen, wie du brauchst. Wenn sie nicht wollen, versprich ihnen Geld – aber nicht zu viel. Durchkämm die Stadt, rede mit den Leuten – wenn einer sie finden kann, dann du.“

Als sein Blick schon wieder zu Luca hinüberflatterte, senkte sie die Stimme und beugte sich vor.

“Keine Sorge, Galdir. Mit ihm werde ich schon fertig, Tarmanto und Serblen sind ja hier. Ich versichere dir, dass ich ihm genauso wenig traue wie du.“

Das war knapp. Beinahe hatte sie „wie dir“ gesagt, und das hätte böse geendet. Ohne ihm Zeit zu geben, sie aufzuhalten, drehte sie sich um und ging auf die Salontür zu. Galdir loszuschicken, konnte nicht schaden. Wenn er unschuldig war, hatte er eine gute Chance, Harla zu finden, und falls nicht, würde er jetzt wahrscheinlich so tun, als würde er sie suchen, und dann wäre er beschäftigt.
Jetzt würde sie erstmal Serblen beruhigen müssen.

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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Erzähler » Freitag 2. September 2011, 23:07

Dem Sicherheitsmann standen die letzten Stunden ins Gesicht geschrieben. Er hatte sich Sorgen um Rajakjel gemacht, nachdem auch er das Verschwinden von Harla bemerkt hatte. Sein Gesicht hatte einige Furchen mehr und er wirkte angestrengt, gealtert. Die Sorge um Rajakjel hatte Spuren hinterlassen und jetzt, da sie wieder aufgetaucht, aber Harla nach wie vor verschwunden war, ging es ihm nur unwesentlich besser. Er war schließlich verantwortlich für die Sicherheit der Anwesenden in diesem Haus und das schloss die Bediensteten ebenfalls ein. Er hörte Rajakjel aufmerksam zu und nickte, zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Innerlich schickte er ein Stoßgebet zum Himmel, da er der Meinung war, sie sollten die Wachleute alamieren und nicht selber auf die Suche gehen. Vielleicht war Harla auch einfach irgendwo hängen geblieben, auch wenn das untypisch für das Mädchen war.

Dass nun ausgerechnet Rajakjel Detektiv spielen musste, passte Tarmanto überhaupt nicht. Er hieß es nicht gut, dass sie sich solcherlei Gefahren aussetzte, ohne die Konsequenzen zu kennen. Auch wenn er nicht immer der "Sicherheitsmann" gewesen war, hatte er doch inzwischen so einiges erlebt und konnte auf gewisse Erfahrungswerte zurückgreifen. Hier war mehr als eine Sache unstimmig, jedenfalls soweit er mitbekommen hatte, und Rajakjel schien dem Ganzen nicht zwangsläufig gewachsen zu sein. Er machte sich auch Sorgen um das Mädchen. Nach dem Tod ihres Vaters, hatte sie sehr schnell lernen müssen, was es heißt erwachsen zu werden und für sie tat es ihm leid. Immerhin hatte er die Familie beobachten können. Durch den Verlusst des Vaters, war die Welt der Familie Lathimera ein Stück weit düsterer geworden. Tarmanto hing seinen Gedanken nach, während er mit düsterem Blick Rajakjel dabei beobachtete, wie sie sich wappnete, um mit Serblen zu sprechen. Nachdem die junge Hausherrin im Nebenzimmer verschwunden war, befreite sich der Sicherheitsmann aus seiner Gedankenwelt und widmete sich, wie aufgetragen, Luca. Dieser feixte Tarmanto an, die Hände auf dem Rücken verschrenkt. "wo darf ich Platz nehmen?" fragte er großspurig, und verschaffte sich selber Einlass. Er ging an Tarmanto im andächtigen Schritt vorbei und dieser folgte ihm, mit seinem Blick. Er mochte Luca schon jetzt nicht. Tarmanto wandte sich an Galdir und dieser nickte dem Sicherheitsmann zu. "Also dann Galdir, du weißt was du zutun hast. Viel Glück und..." er machte eine kleine Pause ".. und bring sie heil zurück!" meinte er dann etwas leiser. Galdir, dem seine neue Aufgabe nicht gerade zusagte, nickte lediglich und verabschiedete sich dann.

Luca war inzwischen zur Küche durchgegangen und nachdem Tarmanto die Tür geschlossen hatte, konnte er im Vorbeigehen, Serblen reden hören. Ohne zu lauschen, folgte er dem Weg und gelangte schließlich ebenfalls in die Küche. "So. Luca." bemerkte er knapp "Was treibst du so? Was führt dich her?" Das Gespräch war im Plauderton gehalten. Luca, der die Fragerei natürlich durchschaute, antwortete jedoch im selben Ton: "Ich habe auf einem Schiff angeheuert - keines der Lathimera-Flotte - und bin hier mit der Crew vor Anker gegangen. Landgang, verstehste?" Inzwischen hatte er es sich auf einem Küchenstuhl gemütlich gemacht. Auf dem Tisch stand noch immer das geschälte Gemüse und die Reste davon, die Harla zurückgelassen hatte. Beim Anblick, presste Tarmanto die Lippen aufeinander und schluckte vernehmlich. Dann zwang er sich, seine Aufmerksamkeit ungeteilt auf Luca zu lenken. "Möchtest du etwas essen? Trinken?" fragte er, ohne auf das Vorgeplänkel einzugehen. Luca nickte und meinte knapp: "Beides. Danke!" Es war ein Spiel, welches sie spielten und beide waren sich dessen bewusst.

Nachdem Tarmanto dem Aufschneider sowohl zu Essen, als auch zu trinken hingestellt hatte, setzte er sich dem Burschen gegenüber. Der Blondschopf stillte seine Bedürfnisse an den dargebotenen Gaben und tat so, als würde er nicht wissen, dass Tarmanto ihn beobachtete. Diesem wurde das Katz-und-Maus-Spiel langsam zu doof und er fragte mit fester, unverwüstlicher stimme: "Was willst du von Rajakjel?" Luca unterbrach seine Mahlzeit und musterte den Mann vor sich. "Nichts. Ich habe ihr Leben gerettet und dafür wollte sie mich entlohnen. Bin gerade knapp bei Kasse, weißte?" Rotzfrech. Eingebildet. Schmierig. Luca konnte irgendwie alles sein und es war kaum zu erkennen, was der Junge wirklich für Absichten hatte. Tarmanto hingegen war schon ein alter Hase und er hatte schon öfters mit solchen Jungen zu tun, die meinten, sie können sich aufführen, wie sie wollen, ohne dass ihnen jemand Einhalt gebot. Doch nicht mit dem Sicherheitsmann. Wenn es um die Familie Lathimera ging, würde er kurzen Prozess machen, mit jedem, der meinte diesen Menschen - seiner Familie - schaden zu wollen. Er lehnte seinen massigen Oberkörper auf den Tisch und musterte Luca unverhohlen. "Hör mir jetzt genau zu, Bursche. Wenn du dieser Familie auch nur ein Haar krümmst, werde ich dich in Stücke reißen. Wenn du etwas Wichtiges zusagen hast, dann sag es jetzt, ansonsten verschwinde und lass dich nicht mehr in der Nähe dieses Hauses oder irgendeiner Person dieser Familie blicken, haben wir uns verstanden?!" Tarmanto's Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte.

Luca schluckte gerade einen Bissen seiner Mahlzeit hinunter, als er sich Tarmanto's Gesicht genauer besah. Offenbar wog er seine Chancen ab und erwiederte trotzig den Blick des Mannes. Doch dann, nur wenige Augenblicke später, bröckelte die Fassade des Jungen und er räusperte sich. Offenbar war er zu dem Entschluss gekommen, dass es besser war, das Handtuch zu werfen. Mit weniger Trotz in der Stimme, sagte er: "Ehm, also.. Ich." Tarmanto ließ eine Augenbraue in die Höhe schnellen. "War das alles?!" grollte er und Luca rutschte etwas unruhig auf seinem Stuhl hin und her. "Okay, ist ja gut. Ich habe gelogen!! Ich weiß gar nichts und der Überfall war fingiert, damit die Kleine Kohle rausrückt." Tarmanto schien noch nicht zufrieden: "Und woher wusstest du, dass es Rajakjel war? Sie war doch verkleidet!" Luca ließ ein Lächeln vernehmen, ehe er sich jedoch eines Besseren besann: Jetzt war nicht die Zeit für Spielchen, dieser Hüne würde Hackepeter aus ihm machen, wenn er es wollte. "Nun, sie war zwar verkleidet, doch ich hatte das Anwesen schon seit geraumer Zeit beobachtet zusammen mit meinem Partner. Wir hatten diese Strategie schon in anderen Städten erprobt und es hat... bisher... jedes Mal geklappt. Ich spiele den Retter, die Kleine zahlt. Einfaches, aber geniales Konzept." Tarmanto lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und beäugte Luca argwöhnisch. Dann jedoch, schenkte er ihm Glauben und nickte. "Gut, dann weißt du ja jetzt wo die Tür ist." Luca stockte und blickte kurz in de Flur hinaus, ehe er noch etwas anmerkte: "Hör mal, das mit Galdir ist aber wahr. Der Kerl ist gefährlich und das nicht zu knapp. Ich habe die Leute am Hafen reden hören, dass er ein Sympathisant ist." Tarmanto's Augen öffneten sich etwas mehr. Fieberhaft verarbeitete sein Gehirn die Information, die ihm da geliefert wurde: Galdir ein Sympathisant der Dunklen? Sollte es möglich sein? Aber das hieße ja.. Dass es gut möglich war.. das... Nein! Tarmanto entschied sich gegen diese Möglichkeit und er würde den ausgebufften Lügenmärchen eines Halbstarken keine Beachtung schenken. Stattdessen sagte er: "Verschwinde jetzt!" und erhob sich, um Luca aus der Tür zu scheuchen. Nachdem der Blondschopf das Weite gesucht hatte, setzte sich Tarmanto in die Küche zurück und starrte auf das halb fertig geschälte Gemüse. Er würde mit Rajakjel darüber reden, wenn sie wieder zurück kam, doch vorerst musste er sich darüber Gedanken machen.


[Mod-Anmerkung: Rajakjel, du darfst das Gespräch mit Serblen eigenverantwortlich führen.]
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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Rajakjel » Donnerstag 8. September 2011, 10:48

Nach einem letzten Blick zurück auf die merkwürdige Versammlung im Flur eilte Rajakjel auf den Salon zu. Das schlechte Gewissen plagte sie schon jetzt, noch bevor sie überhaupt Serblens Gesicht sah. Die Tür zum Salon öffnete sie vorsichtig, schob sich in den Raum und schloss sie wieder, bevor sie sich umwandte.
Ein eisiger Blick aus hellblauen Augen begegnete ihr. Serblen stand noch in voller Trainingsmontur neben einem kleinen Tisch, die Arme vor der Brust verschränkt. Rajakjel nahm sich einen Moment Zeit und betrachtete ihn, sah ihn zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig an. Wie sehr er sich doch verändert hatte! Die schmächtige Gestalt war nun schlank und athletisch, die Haltung kerzengrade. Trotz seines geringen Alters von fünfzehn Jahren hatte ihr Bruder den Großteil der Metamorphose vom schlaksigen Jungen zum wohlproportionierten Mann bereits hinter sich gebracht. Nur sein Gesicht war noch ein wenig zu weich, ein wenig zu rund, doch auch hier zeichnete sich die Entwicklung bereits ab, nicht zuletzt an dem weichen Flaum, der Kinn und Wangen bedeckte. Und sein Blick… hatte er schon früher diese Härte gehabt? Nein, sicher nicht, das war etwas Neues, etwas, dass mit den letzten Ereignissen zusammenhing. Mit einem Mal spürte Rajakjel den Drang, mehr als jemals zuvor, die Zeit zurückzudrehen und das Leid, das hinter dieser Härte stand, verschwinden zu lassen.

Doch genug der nostalgischen Gedanken. Zwischen den beiden Geschwistern hatte sich eine große, tiefe Stille aufgebaut, die mit jeder Sekunde schwerer zu durchbrechen war. Als Rajakjel es doch versuchte, klang ihre Stimme wackelig, wie hohl über einem tiefen Abgrund.

“Serblen…“

Der stechende Blick wurde unerträglich.

“Entschuldige… Ich hätte nicht einfach gehen dürfen. Ich habe euch Sorgen bereitet.“

“Ja, das hast du.“

„Ich habe nichtmal einen Zettel geschrieben… Es tut mir wirklich Leid, ich hab es in diesen letzten Stunden wirklich bereut. Wirklich.“


Sie trat einen Schritt nach vorne, ein halbherziger Versuch, Serblen zu umarmen. Doch schon auf halbem Wege stoppte sie, und ihre Arme fielen kraftlos wieder herab. Sie hatte ihn erneut in den Augen ihres Bruders gesehen – den Kampf zwischen dem Kind, das sie schluchzend empfangen hätte und ihr entgegengestürmt wäre, und diesem neuen, kalten Wesen, dass auch diesmal wieder siegte. Wie oft hatte es in den letzten drei Monaten eine ähnliche Situation gegeben? Sie waren eine zerrüttete Familie, die nur von Erinnerungen gekittet wurde. Mit einem Seufzer lies Rajakjel sich in einen Sessel fallen, kämmte einmal mit den Fingern durch ihr Haar und starrte auf den Boden. Dann fing sie an, zu berichten. Sie ließ nichts aus, weder das seltsame Verhalten der beiden Seeleute und ihre Vorbehalte ihnen gegenüber, noch das demütigend erfolglose Gespräch mit der Bürgermeisterin. Irgendwann während ihres Berichts hatte Serblen sich auf den Sessel ihr gegenüber gesetzt, die Augen unablässig auf seine Schwester gerichtet. Als sie geendet hatte, schwiegen sie beide, bevor Serblen das Wort ergriff.

“Du hast also das Wort eines unbekannten Seemanns, der dir das Leben gerettet hat, dass irgendetwas mit Galdir nicht stimmt.“

„Ja. Mehr konnte er nicht sagen, weil Galdir auftauchte.“

“Und dieser Luca ist hier?“

„Ja, ich habe ihn bei Tarmanto gelassen.“

„Dann will ich mit ihm reden.“

„Das hatte ich auch vor. Aber vielleicht verrät er dir ja mehr als mir.“


Ohne ein weiteres Wort stand Serblen auf, genau wie Rajakjel. Als beide auf die Tür zugingen, spürte Rajakjel überrascht, dass ihr Bruder ihr die Hand auf die Schulter legte, ohne ein weiteres Wort. Nun, vielleicht ließ sich diese Familie ja doch noch wieder zusammenbringen?
Im Eingangsraum war niemand mehr, und so suchten die Geschwister die Küche auf. Hier war alles noch so, wie Rajakjel es in Erinnerung hatte – der von Fliegen umschwirrte Braten, das halbgeschälte Gemüse und der Eindruck des Fehlens einer wichtigen Person. Das konnte auch Tarmanto nicht wieder wettmachen, der das Gemüse anstarrte, als wüsste es die Antwort auf alle Fragen der Welt. Was Rajakjel jedoch wirklich besorgte, war der Umstand, dass Luca nicht da war.

“Tarmanto? Wo ist Luca?“

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Re: Im Haus der Lathimeras

Beitrag von Gestalt » Sonntag 11. September 2011, 22:16

Tarmanto hockte stumm auf seinem Stuhl, während er mit den Gedanken woanders war. Es dauerte eine ganze Weile, bis Rajakjel's Anwesenheit und Frage bis zu seinem Gehirn durchgedrungen war und so blinzelte er etwas perplex und sah Serblen und Rajakjel peinlich berührt an: "Ehm, wo Luca ist?" wiederholte er die Frage unnötigerweise. Er erhob sich unter dem frustrierten Ächzen seiner Kniegelenke und blickte zurück zu dem Gemüse. Ausweichend, spielte er an einer Karotte, die nicht ganz richtig auf dem Schneidebrett lag. "Also, der...der.. sein Blick wurde fest, so als ob er einen Entschluss gefasst hatte. Dann richtete er sich auf, straffte die Schultern und meinte: "Den Burschen habe ich nach Hause geschickt. Er ist nicht das, wonach er aussah!" Serblen holte gerade Luft, um etwas darauf zu erwiedern, womöglich etwas in der Richtung, dass es nicht Tarmanto's Aufgabe sei, soetwas zu entscheiden oder dergleichen, doch der Sicherheitsmann kam ihm zuvor: "Ich weiß, Serblen - Aber Rajakjel bat mich, mich mit ihm zu unterhalten und das habe ich getan." Er sah zu der Erbin. "Ich habe mit ihm gesprochen und ihm gründlich ins Gewissen geredet. Er hat gestanden, dass alles nur fingiert war! Er hat zugegeben, dass er un irgendso ein Freund von ihm, die ganze Sache geplant und auch schon andersorts durchgezogen haben! Er spielt den Retter und die geretteten Frauen zahlen brav!"

Serblen stand hinter Rajakjel und vielleicht spürte sie, wie ihr Bruder sich innerlich in Rage brachte. Seine KÖrperhaltung veränderte sich und auch sein Gesicht hatte noch härtere Züge angenommen. Tarmanto jedoch, schilderte weiter: "Zudem sagte er, dass er bei Galdir die Wahrheit gesagt hätte." Serblen schaltete sich endlich dazwischen: "Genau, Tarmanto! Und eben deshalb wollte ich mit ihm sprechen! Ist er schon weit weg? In welche Richtung ist er gegangen?!" Tarmanto schnellte nach vorne, als Serblen schon halb aus der Küche gestürmt war, um dem blonden Schönling nachzusetzen. Er hielt den Jungen fest und gebot ihm somit Einhalt. "Für wie dämlich, hältst du mich eigentlich Junge?!" Es war ungewöhnlich, dass man Rajakjel's Bruder als >>Junge<< bezeichnete, da er im Herzen diese Bezeichnung wohl schon lange verloren hatte. Und auch Serblen schien etwas perplex, zumindest bröckelte kurz die raue Fassade. "Wie bitte?" fragte er etwas pikiert, dass es Tarmanto ein Grinsen ins Gesicht zauberte. Dieser musterte die beiden Lathimera's und auf seine Züge schlich sich eine väterliche Milde. Er wusste, dass es nicht leicht für die beiden war, so schnell und so plötzlich erwachsen zu werden. Beide waren noch Kinder und sollten als solche behandelt werden. Doch dafür war es weisgott zu spät. Doch hin und wieder gebot er ihnen Einhalt und sorgte dafür, dass sie sich darauf besinnten, was sie sind: Jugendliche, die diese Bürde nicht tragen sollten. "Ich wollte damit sagen, dass ich natürlich die Informationen, die er hatte, in Erfahrung gebracht habe und ihn nicht einfach habe gehen lassen, Serblen! Überstürze nicht alles immer gleich!" Der junge Kadett verlor etwas an seiner Härte und ließ sogar die gestählten, steif wirkenden, Schultern etwas hängen. Dann sah er jedoch mit gewohnter Entschlossenheit zurück zu Tarmanto und forderte ihn mittels eines Blickes dazu auf, ihm alles mitzuteilen, was er erfahren konnte.

Tarmanto nickte stumm und begann dann zu erzählen: "Dieser Luca ist ein windiger Bursche, das habe ich gleich gemerkt. Aber was er über Galdir gesagt hat, das ist doch eine Spur ernster, als dass es sich einfach mal so rausposaunen ließe. Zudem hatte er keinen Grund mehr, mich anzulügen, weshalb ich mir um so mehr den Kopf zerbrochen habe. Luca hat gesagt, dass Galdir ein Sympathisant der Dunklen Armee ist!" Nun war die Bombe geplatzt und alles was folgen würde, lag nicht mehr in Tarmanto's Ermessen. Er konnte sich gar nicht ausmalen, was es hieß, wenn das Gesagte der Wahrheit entspräche. Was würde das bedeuten? Konnte es dann auch möglich sein, dass er etwas mit dem Hinterhalt auf die Lathimera-Flotte zutun hatte? Wusste er etwas davon? Oder war gar er selbst der Iniziator gewesen? Gab es noch andere, die unter seiner Fuchtel standen? Hatte er die Crew bereits auf seiner Seite? Abwartend, was nun geschehen würde, stand Tarmanto schweigsam da und betrachtete die beiden KInder vor sich.
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