Im Bettlerviertel: Das Haus der Bryna

Die Wohngebäude der Bürger sind meist sehr eckig und flach gebaut. Bestehend aus braunem Sandstein spenden sie, im Gegensatz zu dem heißen Wetter, einen kühlen Schutz.
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Im Bettlerviertel: Das Haus der Bryna

Beitrag von Nica » Dienstag 15. Januar 2019, 02:23

Nica schlenderte zwischen flachen Sandsteinbauten entlang. Die Mittagssonne jagte brütende Hitze auf die Häupter der Santroner und wer nicht gerade einen Dreispitz trug, von bezahlten Schirmträgern verfolgt oder in einer Sänfte getragen wurde, flüchtete vor der Hitze in den Schatten der engen Gassen. Die Finger seiner Rechten fuhren für ihn beinahe unbewusst über das raue Relief der Wände. Der Sandstein hatte die für niedere Qualität typische dunkelbraune Farbe und war schlecht bearbeitet. Müll sammelte sich in den ganz dunklen Ecken und manchmal sah und hörte man es darin rascheln. Die Hitze war der Geruchskulisse nicht unbedingt zuträglich.

Ein Hauch von Nostalgie überschwemmte Nica, während er so durch das Bettler- und Gaunerviertel von Santros ging.

In der Linken hielt er ein Gebäck, dass er sich gerade auf dem Markt gekauft hatte und von dem er ab und zu einen Bissen nahm. In seiner Kindheit hatte er von diesem billigen Straßenstand oft auf dem Heimweg von den Privatstunden im Adelsviertel eben diese Kleinigkeit erhascht. Der Geschmack war nichts besonders, aber Nica hatte bei dem Anblick einfach nicht widerstehen können.

Die Zahl der guten Erinnerung war im Vergleich zu den Schlechten durchaus geschrumpft, deshalb nahm er sich etwas Zeit und genoss jeden Happen. Außerdem hatte er ganz dringend eine Aufmunterung gebraucht, nachdem er erst am Morgen im Hafen von einer ganzen Familie Abschied genommen hatte.

Genau das war der Zirkus für ihn gewesen, eine Familie. Fast zwei Jahre war mit ihnen durch den Westen Celcias gereist. In Santros hatte er sich ihnen angeschlossen, und hier hatte er sie wieder verabschieden müssen. Das war ihm durchaus nicht leicht gefallen. Kaum jemand in Santros bedeutete ihm noch so viel wie die Mitglieder des Zirkus. Die Versuchung war groß gewesen mit ihnen den Rest von Celcia zu bereisen, aber zu viele lose Enden verbanden Nica mit Santros. Obwohl er sich den Einzelheiten nicht ganz bewusst war, hatte er doch das Gefühl hier etwas abschließen zu müssen. Ein Aufbruch wäre einer Flucht vor dieser Verantwortung gleich gekommen.

Deshalb war Birtes Haus sein erster Anlaufpunkt. Nica war damals vollkommen impulsiv nach Zyranus aufgebrochen, hatte er doch nach seiner Begegnung mit Birtes Geist über ein Jahr mit sich und seinen neuen magischen Fähigkeiten gehadert. Damit, und mit der Miete, die er ohne Birte und ihrer Tätigkeit als Wahrsagerin Bryna nicht mehr hatte bezahlen können. So genau wusste er gar nicht, wem das Haus überhaupt gehörte, oder was inzwischen mit Birtes Hab und Gut und vor allem mit ihrer Sammlung kurioser Gegenstände passiert war.

Damit wollte er anfangen...und außerdem war er ohne den Zirkus ein klein wenig obdachlos. Er würde seine alte Kammer in Birtes Haus heute Nacht sicher vermissen.

Nica stopfte sich den Rest Nostalgiegebäck in den Mund und bog dann in eine andere Gasse ab. Vor ihm in einem verdunkelten Hauseingang hatte er eine Gestalt entdeckt, die mit ihren verschränkten Armen und den wachsamen Augen nicht gerade einen liebevollen Eindruck gemacht hatte. Ihm war nicht nach Ärger zumute, aber am meisten Angst hatte er davor, in einen Spion zu laufen. Am Stadttor hatte er sich als Mitglied des Zirkus einen temporären Passierschein aushändigen lassen können und hatte so nicht seinen persönlichen Einwohnerschein vorzeigen müssen. Deshalb hatte er die Hoffnung, dass der etwas hinterlistige Teil seiner Familie – allen voran seine Großmutter Ylva – noch nicht wusste, dass er zurückgekehrt war. Irgendwann würde er sich nicht mehr verstecken können, aber das wollte Nica dann doch so weit wie möglich in die Zukunft verdrängen.

Nach ein oder zwei weiteren Umwegen kam er endlich an seinem Ziel an. An der Ecke blieb er stehen und spähte zu dem Haus herüber, indem er schon als Kind so viel Zeit verbracht hatte. In diesem Teil des Bettlerviertels stapelten sich einige der flachen Sandsteinbauten wie Bauklötze. Auch Birtes Haus war eigentlich ein zweites Geschoss, dass man über eine Treppe an der Außenwand erreichte. Überhaupt kam es einem, wenn man die richtigen Wege kannte, oft so vor als hätte das Bettlerviertel eine zweite Ebene. Die Dächer waren immer flach, viele waren mit losen Brettern verbunden und es gab dort oben genauso viele Abzweigungen, Gassen und versteckte Ecken wie hier unten.

Nica zögerte. Es war zu früh am Tag um nach Licht in den Fenstern Ausschau zu halten und zu heiß am Mittag, um auf irgendwelche Bewegung zu hoffen. Ohne es zu bemerken leckte sich der junge Santroner nervös die letzten Krümel von den Fingern. Seine Rechte glitt unter seinen Umhang und fühlte die Form der Maske, die er unter seinem schwarzen Umhang und außer Sichtweite an seinem Gürtel festgeschnallt hatte. Wäre es zu verdächtig, sie aufzusetzen? Was, wenn jemand aus seiner Familie dort eingezogen war? Nica konnte sich nicht entscheiden was schlimmer war. Die Vorstellung so schnell seiner Familie über den Weg zu laufen oder einfach zu klopfen und sich Fremden erklären zu müssen.

Er war kurz davor sich seiner Maske zu bedienen, aber da erinnerte Nica sich an die Karte, die er im Morgengrauen für den heutigen Tag gezogen hatte. Sie hatte ihn dazu aufgefordert, sich einer schwierigen Situation zu stellen und nicht davon zu laufen. Er mochte diese Karte überhaupt nicht, aber genau deshalb schien sie besonders oft den Weg in seine Hand zu finden.

Heute war ein Tag für Marius, nicht für Nica. Also tauchte er aus dem Schatten den Gasse auf und huschte hinüber zum Treppenansatz. Dort horchte er noch einmal - vielleicht konnte er Stimmen erhaschen - dann fasste er sich ein Herz und erklomm die wenigen Stufen. Vor der Tür zögerte er wieder eine Weile, bevor er sich schlussendlich zu einem zurückhaltenden Klopfen durchrang.

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Re: Im Bettlerviertel: Das Haus der Bryna

Beitrag von Erzähler » Montag 21. Januar 2019, 04:48

Den jungen Mann, welcher den Namen Marius Butterland schon lange nicht mehr nutzte, hatte es in die ärmeren Gefilde seiner Heimatstadt verschlagen. Wie von selbst waren seine Füße dem gepflasterten Grund gefolgt, bis der Stein immer mehr sandigem Boden wich, festgetreten von Generationen Santronern und trotz all der hinterlassenen Spuren kaum gerade. Jede Unebenheit war selbst beim kleinsten Schlendergang zu spüren. Das gehobene Volk der wüstigen Küstenbewohner mied das Armenviertel. Hier fanden sich keine pompösen Kaufmannsmäntel, keine blasierten Nasen, welche sich gen Himmel streckten, keine Sänften, keine gepuderten Gesichter oder mit Spitze und Seide verzierte Sonnenschirme für die Damen.
Im Armenviertel schützte man sich mit heruntergekommenen Markisen und hölzernen Unterständen vor der Hitze von oben. Die Gassen waren eng, die Gebäude übereinander getürmt wie Packkisten am Hafen. Trotzdem lebte in jeder Etage gut und gern eine fünfköpfige Familie für sich. Zwischen den Häuserschluchten waren Leinen aufhegängt. Sie trugen Wäschestücke, aber manchmal auch einfach nur gespannte Laken. Fluch und Segen, hielt ein solches Spanntuch zwar die Mittagssonne fern, aber die dicke Luft auch in der Nische, welche man kaum als Häusergasse bezeichnen konnte.
Nica hatte einen Teil der Stadt betreten, in dem der Gestank fast unerträglich wurde. Hirten trieben Zeigen und Schweine durch die engen Straßen und die Tiere hinterließen ihren Dreck, wo sie nur konnten. Vor mancher Haustür und wo man es sich leisten konnte, hatte jemand Binsen oder Stroh gestreut, um dem Unrat Herr zu werden. Gegen den Geruch half es allerdings nichts und die Fliegen zog es dennoch an.
Eben landete ein besonders dickes Exemplar auf der Nasenspitze unserer Abenteurers. Mit winzigen Füßchen trippelte sie zwei Runden, dann schwirrte das Insekt wieder davon. Heute war es stechend heiß. Viel zu warm, um seine Energie an Ungeziefer zu verschwenden. Solang es sich nicht um eine blutdurstige Mücke handelte, überlegte das gemeine Volk es sich zwei Mal, ob man überhaupt die Hand heben und nach dem Quälgeist schlagen sollte.
Geist war im übrigen ein gutes Stichwort! Denn es war ein Geist, der den erwachsenen Burschen überhaupt zwischen verschwitzte Leiber und von Urin und Mist verschandelte Hausmauern führte. Trotz seiner abenteuerlichen Zeit mit dem Zirkus und all der Eindrücle, die Nica mit Personen hatte gewinnen können, welche ihm mehr Familie gewesen waren als die eigene Verwandtschaft, so hatte er sich doch für eine Trennung entschied. Ein großer Abschied war nicht gefeiert worden, obgleich wenigstens die beiden Tänzerinnen ihren Madjionica innig umarmt hatten. Kasimir war der Abschied wohl mindestens so schwer gefallen wie Nica selbst, aber er hatte sich nie vor aller Augen herzerwärmend an ihn geschmiegt, um seine Gefühle auszudrücken. Jedoch war Nica das feuchte Glitzern in den Augen seines Freundes aufgefallen, bevor er ihm und seinem Zirkusleben vorerst den Rücken gekehrt hatte.
Nun war es an der Zeit, sich wieder Dingen zuzuwenden, die er vermeintlich hinter sich gelassen hatte. Aber sie ließen ihn nicht los, vor allem nicht der Gedanke an die geisterhafte Stimme seiner Tante damals, in den letzten Tagen seiner Heimat. Endlich erreichte er sein Ziel. Birtes Haus, das man zunächst für den zweiten Stock einer realistisch gewordenen Bauklötzchenburg halten konnte, hatte sich kaum verändert. Die Tür war geschlossen, ebenso die hölzernen, aber bunt gestrichenen Fensterläden. Noch immer stand eine morsche Holzbank unter dem Fenster neben der Tür und daneben lehnte ein Besen mit viel zu kurzem Griff, dass einem der Rücken schmerzte, wenn man seine Arbeit mit diesem Schindwerkzeug verrichtete. Vom Besenstiel aus wanderten mehrere Fäden silbrig feiner Spinnweben zum inoffiziellen Bruder des Putzwerkzeugs: dem Holzeimer. Eine Spinne hatte es sich dort offenbar vor Monaten gemütlich gemacht. Ihr achtbeinig gewebtes Heim spannte sich in ganzem Umfang über die Öffnung des Eimers und bis zum Henkel hin, dass man glauben mochte, jemand hätte ein mit Fliegen gespicktes Seidentuch dort abgelegt.
Dies und die vor Ewigkeiten verkümmerten Blumen und Kakteengewächse in den Kästen unterhalb der Fenster schienen alles zu sein, was sich seit Nicas Aufbruch verändert hatte. Wenn es das denn war, konnte der Neffe von Glück sprechen, dass niemand das Haus der Tante in seiner Abwesenheit ausgeraubt hatte. Andererseits konnte man auch gerade diesen Umstand als äußerst beunruhigend einstufen.
In Santros lebten viele Menschen, vor allem das Armenviertel quoll über und an heißen Tagen in der Zeit der Abendsonne wurde man sich dessen nur zu deutlich bewusst. Wenn irgendwo ein Unterschlupf frei wurde, zögerte niemand, ihn für sich zu benaspruchen. Vor manchen Häusern in den dunkelsten Nischen herrschte sogar Bandenkriege zwischen kriminellen Gruppen, die das verlassene Haus als neuen Hauptsitz nutzen wollten. Dort fand man oft die bräunlichen Flecken getrockneten Blutes an den Sandsteinwänden.
Tante Birtes Haus allerdings ... wirkte wie in der Zeit stehengeblieben. Unversehrt machte es abgesehen von den Anzeichen unbewohnter Verwahrlosung einen passablen Eindruck. Sogar das kleine Glockenspiel aus Hölzern, Perlen udn verzierten Vogelfedern hing noch an seinen Lederschnüren von der Decke. Die Klanghölzer erzeugten einen für Nica nur allzu vertrauten Ton, wenn eine sanfte Brise von der Küste es bis ins Armenviertel schaffte ... und den Gestank von Fisch mit sich führte.
Nica zögerte und das war gut. Er sollte sich mehr Zeit nehmen, die Einzelheiten des Hauses zu betrachten. Dann würde ihm die Angst vor einem Zusammenstoß mit seiner unliebsamen Familie sicherlich vergehen. Nichts, aber auch absolut nichts deutete auf Leben in dem Haus hin. Kein Licht drang nach außen, aber das konnte man sich mit der vorherrschenden Tageszeit noch erklären. Jedoch waren die Fenster nicht geputzt. Nica konnte den Abdruck einer flachen Hand - nicht größer als die eines Kindes! - auf dem Glas eines unverschlossenen Fensters entdeckten, wenn er aufmerksam genug war.
Birte hatte ihre Fenster tatsächlich mit viel Aufwand und Kosten verglasen lassen. Eine Seltenheit im Armenviertel, aber es hatte sich gelohnt. Hier, wo jede Hand die eines Diebes war, stellte Milchglas ein weiteres Hindernis dar, in das Heim eines anderen zu gelangen. Die wenigstens Gebäude des Vierteles besaßen überhaupt etwas, das man als richtiges Fenster bezeichnen konnte. Viele der Sandsteinhütten waren mit grob behauenen Löchern versehen. Es gab allerdings auch genug, deren Fenster immerhin einen Holzrahmen und gelegentlich sogar hölzerne Querstreben besaßen. Und dann waren da Tante Brynas dicke Milchglasfenster, die Nica in seiner Zeit bei ihr oft genug hatte putzen müssen. Das einzige Fenster, dessen Läden nicht zugeklappt waren, starrte nur so vor Schmutz. Feinster Sandstaub hatte sich in die Rillen der gewölbten Glaskreise abgesetzt. Es würde Stunden dauern, alles davon zu befreien. Niemand machte sich diese Arbeit gern, aber würde jemand in dem Haus leben, hätte er es getan!
Weitere Anzeichen einer Unbewohntheit waren der bereits erwähnte unangetastete Besenstiel samt Eimer, sowie einige weitere Spinnweben vor der Tür. Zumindest konnte binnen einer Nacht niemand mehr hiergewesen sein, der das Netz des Arachnoiden hätte vernichten können.
War es dann überhaupt sinnvoll zu klopfen? Nica tat es. Er hatte sich durchgerungen, bis nach Santros und an das Haus seiner Tante zu kommen. Er lief jetzt nicht davon. Seine Fingerknöchel pochten gegen das dicke Holz der Tür. Dumpf verklang das Klopfen.
Nichts. Niemand öffnete ihm. Niemand fragte, wo er all die Jahre gewesen war. Kein Geist erschien ihm. Nicht einmal eine Maus huschte unter den Ritzen der Tür hindurch. Dahinter wartete Dunkelheit auf ihn. Und auch aus den Schatten der einer über Eck gelegenen Gasse heraus beobachtete jemand den jungen Santroner unbemerkt.
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Re: Im Bettlerviertel: Das Haus der Bryna

Beitrag von Nica » Sonntag 27. Januar 2019, 20:32

Der Atem, den Nica vor der Tür angehalten hatte, entwich ihm in einem Anflug von Erleichterung. Allen Anzeichen zum Trotze fiel ihm erst jetzt ein kleiner Stein vom Herzen. Der Kloß in seiner Kehle begann sich zu lösen, die nervös zitternden Hände fuhren fahrig durch seine roten Locken. Sein ganzer Körper schien sich von einer Anspannung zu entledigen, die er bis vor Kurzem nicht wahrgenommen hatte.
Ein kurzes Lachen entkam ihm. Wie erbärmlich er war. Hatte er in den letzten zwei Jahren wirklich keinen Funken Selbstvertrauen dazu gewonnen?
Unglaublich.“, murmelte er zu sich selbst. Wenn Kasimir ihn so sehen könnte, Nica würde im Boden versinken vor Scham. Ihm kamen die Augen des Samaers in den Sinn, die heute Morgen mit einem Funken Enttäuschung feucht geglitzert hatten. Diese großen, haselnussbraunen Augen...
Nichts da!“, ermahnte sich Nica, nun durchaus etwas lauter, klatschte sich zweimal mit den Händen auf die Wangen und schüttelte noch einmal kräftig den Kopf, damit ihn auch die letzten Flausen verließen. Kasimir war fort und vor ihm lag eine neue Aufgabe.
Birtes Haus stand offensichtlich leer und dennoch verströmte es eine eigentümliche Aura.
Die dreckigen, undurchsichtigen Fenster. Die Spinnweben. Das sachte Klimpern des Glockenspiels, das in den Ohren Fremder unheimlich anmuten könnte. Niemand schien sich in das Haus zu trauen...
Für Nica ließ das Ganze nur einen Schluss zu: Er stand vor einem Geisterhaus.
In seiner Jugend hatte ihn sein Cousin Kristoffer einmal dazu herausgefordert bei einer verlassenen, vollkommen heruntergekommenen Villa im Adelsviertel den rostigen Türklopfer zu betätigen. Als Nica ohne zu zögern zur Tür gegangen war, hatte Kristoffer hinter ihm das Tor zum Vorhof der Villa geschlossen. Der verblüffte Ausdruck in seinem Gesicht, als Nica einfach über die Hofmauer geklettert kam, während er noch versuchte das Tor zuzuhalten, zauberte ihm ein kleines Lächeln auf die Lippen. An diese Art von Mutprobe erinnerte ihn der Abdruck der kleinen Kinderhand im Fenster, den Nica nun problemlos mit seiner eigenen Hand überdeckte. Wie lange diese unbeschwerten Tage doch zurücklagen.
Die große Frage war nur: Spuckte Birte wirklich in ihrem eigenen Haus, oder hatte sich in der Nachbarschaft nur eine gewissen Ehrfurcht vor der alten Bryna gehalten?
Es gab nur einen Weg das herauszufinden. Nica kramte kurz in einer der Taschen seines Umhangs, bevor ein kleiner Kupferschlüssel zum Vorschein kam. Ein Schloss wie dieses hätte wohl jeder noch so unwichtige Taschendieb in Santros öffnen können, aber Nica wollte sich dann doch lieber auf die ehrliche Art und Weise Einlass in seine alte Lehrstube gewähren.
Der Schlüssel passte, das Schloss knackte und das sperrige Stück Holz, das man hier Tür nannte, machte dank einigen Druckes den Weg frei. Die Spinnweben zogen sich wie zähe Nebelschwaden in die Länge und ließen schließlich ab. In einem fast unmerklichen Windzug, der einem wie das Aufatmen des Hauses selbst vorkam, wirbelten die Fäden noch kurz auf und glitten dann behutsam zu Boden. Nica lief ein kleiner Schauer über den Rücken, gefolgt von tiefen Seufzer.
Jenseits des staubigen Halbkreises, den er gerade mit der Tür auf den Boden gezeichnete hatte, fand er die Bilder aus seiner Erinnerung größtenteils unangetastet wieder. Nicht nur, dass das erste Zimmer unglaublich klein war, es war dazu noch so vollgestopft, dass es so wirkte also könnte man kaum einen Schritt hinein wagen. Der Boden war übersät mit Kissen, die Art mit den Quasten an jeder Ecke, welche sich besonders um einen kniehohen, runden Tisch scharten. Zusammen mit den beiden ebenso halbhohen Kommoden an der linken Wand waren dies die einzigen Möbelstücke. Von der Decke hing eine Messingschale so tief, dass sie erst knapp einen Schritt über der Tischplatte halt machte.
Die restlichen Wände waren zugenagelt mit billigen, krummen Brettern, welche als provisorische Regale für ein gar einzigartiges Sammelsurium von Kuriositäten dienten. Vieles davon hatte mit der Zeit für ihn an Bedeutung gewonnen. So zum Beispiel die merkwürdigen Konstruktionen, die wohl Sternzeichen am Himmel nachbilden sollten. Wozu allerdings ein Schrumpfkopf in einer Ecke zu finden war, hatte Nica nie so ganz verstanden. Angeblich war es ein Geschenk gewesen.
Eine besonders merkwürdig verzierte Holzkisten hatte er nie öffnen dürfen. Ihre alte Kristallkugel lagerte auf einem Kissen weiter oben. Ein Becher mit Räucherstäbchen stand darunter. Vieles von den Gegenständen würde jedoch von jedem normalen Menschen als wertloser Plunder angesehen werden. Sperrige Flusssteine, verkrüppelte Äste, die Hand einer Statur. Egal zu welchem davon er ihr eine Frage gestellt hatte, Birte hatte ihm eine Geschichte erzählen können. Nur manchmal hatte sie den Finger vor die Lippen gelegt und voller Schadenfreude gekichert. Nica war es immer so vorgekommen, als würde sie die besten Geschichte für sich behalten.
Für eine Sekunde verharrte der junge Santroner noch vor der Türschwelle, dann trat er endlich ein und schloss die Tür hinter sich. Im Halbdunkel konnte er kaum erkennen, ob jedes Dingelchen noch an seinem angestammten Platz war, aber das kümmerte ihn vorerst nicht. Zielstrebig durchquerte er das Zimmer mit weniger als drei Schritten, wobei er aufpassen musste nicht über die Kissen zu stolpern.
Beim Anblick der verstaubten Habseligkeiten seiner Tante kribbelte es Nica in den Fingern. Die draußen so schrecklich brennenden Sonnenstrahlen wurden hier vom Schmutz der Fenster fast vollständig ertränkt. Die feinen Muster auf der runden Tischplatte konnte man unter all dem angesammelten Schmutz kaum erkennen. Das Haus seiner Lehrmeisterin hatte viel von seinem alten Charme verloren und Nica hoffte innigst, einen Teil davon wieder erwecken zu können.
Er nahm sich eines der Räucherstäbchen aus dem Becher und holte seine Zunderbüchse und eine Kerze heraus. Nachdem er den Duftspender angezündete hatte, legte er ihn in die extra dafür vorgesehene Messingschale. Für Kerzen gab es in Birtes Haus mehrere selbstgemachte Tongebilde, welche oft wenig pragmatisch waren. Auf dem Tisch hatte Nica zuletzt ein Solches zurückgelassen, das mit viel Fantasie einem Drachen ähnlich sah. Mit Ton hatte seine Großtante Birte zwar mit Leidenschaft, aber wenig Finesse gearbeitet.
Er entzündete die Kerze und ließ ein Paar Tropfen Wachs in ein Loch im Rücken der Großechse gleiten bevor er die Kerze selbst darin befestigte.
Nica hatte sich vorsichtig auf einem Stapel Kissen niedergelassen und trotzdem eine kleine Staubwolke aufgewirbelt. Im schwachen Schein seiner einsamen Lichtquelle wirkte alles um ihn herum grau und stumpf. Ganz anders als früher, wenn Birte am Tag die Fenster mit farbigen Stoffen verhangen, oder abends ein Dutzend Kerzen in Laternen oder Tongefäßen mit sternförmigen Löchern überall im Raum verteilt hatte.
Er fühlte sich einsam. Genauso sollte man sich wohl fühlen, nachdem man ein wichtiges Familienmitglied an den altbekannten Gevatter Tod verloren hatte. Zwei Jahre nach ihrem Tod könnte man vielleicht eine Art Akzeptanz erwarten. Aber nicht bei Nica, denn er hatte Hoffnung. Einen Ausweg. Er musste nicht einsam sein. Er konnte sie wiedersehen.
Nica begann sich auf die kleine Flamme vor sich zu konzentrieren. Eine winzige Rauchschwade verbreitete langsam den Geruch von Patschuli und mit dem vertrauten Geruch erwachten in ihm auch die alten Bilder. Der Raum war wieder erfüllt mit Wärme. Das Licht der Kerze war nicht mehr gelb sondern purpur, verdeckt durch dünnen Leinen. Ohne es zu merken griff Nica in seinen Umhang und fand dort die Karten. Er begann zu mischen und das Geräusch schien nicht von ihm auszugehen.
Früher hatte Nica an diesem Punkt begonnen zu hinterfragen, sich zu wundern was passierte. Dann war alles wie vorher und er fühlte sich als wäre er gerade aus einem Traum erwacht. Erst, als er gelernt hatte sich davon tragen zu lassen, ließ ihn der Traum nicht mehr los.
Sein Atem wurde langsamer, seine Augen verloren den Fokus. Das Wandern auf der Grenze zwischen Schlaf und Bewusstsein kam einem Seilakt gleich. Nicas Mund stand halb offen und sein Unterkiefer bewegte sich kaum als er sprach.
Birte, bist du da?"

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Re: Im Bettlerviertel: Das Haus der Bryna

Beitrag von Erzähler » Dienstag 5. Februar 2019, 14:41

Birtes Haus lag noch da wie eh und je, hier in Santros. Nichts deutete auf Einbruch hin, aber auch nicht von Leben. Unberührt, abgesehen vom nagenden Zahn der Zeit stand es nach wie vor an jener Stelle, die Nica für lange Zeit hinter sich gelassen hatte. Nichts an Brynas Heim hatte sich verändert. Zwar schwirrte die Frage nach einer spukenden Großtante durch den rotgelockten Kopf, aber eine Antwort konnte Nica sich selbst nicht geben, solang er reglos vor Birtes Tür stand.
Er hätte die Nachbarn fragen können! Auch wenn man in unmittelbarer Umgebung niemanden sah, so ließe sich bestimmt jemand finden. Zu dieser Tageszeit lungerten viele Santroner im Schatten ihres Heimes herum oder machten es sich auf Bänken unter einer gespannten Markise bequem, um der Hitze zu entkommen. Es hatte keinen Sinn, bei den hohen Temperaturen hart zu arbeiten, jedenfalls nicht, wenn der Hunger und das eigene Überleben einen nicht dazu zwangen. Würde Nica sich nur aufmerksam genug umschauen, hätte er Nachbarn finden können, die ihm vielleicht seine Frage beantwortet hätten. Oder ihm wäre das neugierige Augenpaar aufgefallen, das ihn nach wie vor aus seinem Versteck heraus beobachtete. Aber unser Held entschied sich, das Haus der Bryna einfach zu betreten.
Die Zeit war hier stehengeblieben. Sie hatte lediglich etwas Staub angesetzt und sich achtbeinige Künstler in den Kreis geladen. Wie herrlich die Spinnweben im matten Tageslicht glitzerten, das nur schwerlich durch die Milchglasfenster fiel. Es gab der gesamten Atmosphäre nur zusätzlich etwas Zauberhaftes, erinnerte jeder einzelne der silbrigen Fäden doch an Geisterhaar oder glitzernden Feenstaub, den jemand zu einem Faden gesponnen hatte. Selbst jetzt in Brynas Abwesenheit vermochte ihr kleines Reich mit unheimlicher Mystik zu glänzen. Und noch immer war alles beim Alten.
Nica erkannte die Wohnstube wieder. Nichts schien auf den ersten Blick entwendet worden und abgesehen von den feinen Spuren von Mäusepfoten fanden sich keine Abdrücke im Staub. Die pelzigen Tiere hatten als einzige Besucher ihre Spuren hinterlassen. Ansonsten war fast kein Unterschied zu damals zu erkennen. Wo waren die Jahre geblieben, die er fortgewesen war? Nicht hier, nicht in Brynas Domäne! Es fehlten der Duft von Tee und Räucherwerk, sowie der Klang der Großtante. Kein Ächzen, kein vom Alter begleitetes Auflachen oder sanftes Summen, wie sie es damals immer mal begleitend zu ihren Vorbereitungen angestimmt hatte, bevor sie einen Kunden empfing. Nica hatte auf diese Weise die eine oder andere fremdländische Melodie aufgeschnappt, ohne zu wissen, aus welchem Teil Celcias sie stammte. Texte waren von Bryna nie gesungen worden, aber der Klang ihrer Stimme schien sich gerade wieder als ferne Erinnerung in den Gehörgang ihres einstigen Zöglings zu verirren. Oder hörte er sie wirklich?! Schon einmal war es ihm vergönnt gewesen, damals als er seinen Hang zum Geisterhaften in der Magie entdeckte. Vielleicht nicht ganz bewusst, aber damals hatte er Birte gehört. Und nun? Nein, Nica musste sich geirrt haben. Alles lag friedlich und so still da, nicht einmal die Geräusche von Außen wagten es, die Ruhe im Haus der alten Meisterin zu stören. Als wäre ein Schutzzauber gewoben worden, blieb selbst das vom Hafen ferne Kreischen der Möwen nichts weiter als eine Vorahnung, dass jenseits der von Nica geöffneten Tür noch eine ganze Stadt voll Leben auf ihn wartete. In Brynas Haus stand die Zeit beinahe still.
Möglich, dass es sich der Rotschopf deshalb zur Aufgabe machte, ein wenig Leben in die vier Wände zu zaubern. Er weckte das Räucherwerk. Sein Duft verbreitet sich schnell im Raum, zusammen mit etwas Staub, den Nica allein durch seine Bewegungen aufwirbelte. Er kratzte im Hals. "Hatschi!" Nicht laut, nein, das wirklich nicht. Tatsächlich reichte das Geräusch eines Niesens nicht einmal aus, um eine Maus aufzuschrecken, aber wenn absolute Stille vorherrschte, vernahm man auch das. Es konnte keine Einbildung gewesen sein! Oder doch?
Mit aufkeimender Hoffnung machte Nica sich daran, es herauszufinden. Für die nötige Stimmung sorgte er allein dadurch, dass er das Haus wieder mit etwas Vertrautem füllte und damit war nicht allein seine Anwesenheit gemeint. Die feinen Säulen aus duftendem Qualm, die dem Keramikdrachen entstiegen, das sanfte Kerzenlicht, welches die Schatten all der winzigen Kästchen, Schatullen, Figuren und übrigen Ramsch zum Tanzen brachte, der schwebende Staubschleier und Nicas ruhiges Atmen. Es genügte allein, in Brynas Kissen zu sitzen, um eine Stimmung zu erzeugen, die nicht passender für eine Geisteranrufung hätte sein können. Doch dann ...
Nichts. Niemand reagierte. Niemand antwortete auf Nicas Frage. Es regte sich nichts, abgesehen von Enttäuschung, die ihren Platz verließ, um Hoffnung von der Bühne zu schieben, welche der junge Mann in seinem Innersten mit so viel Passion aufgebaut hatte. Er war allein.
In einem solchen Moment sollte man meinen, die Einsamkeit legte sich über den Körper wie ein in Eiswasser getränkter Schal; kalt und klamm, dass man vor Seelenkummer frösteln wollte. Aber bei Nica fühlte es sich anders an. Vielleicht mochte Enttäuschung da sein, aber zugleich auch eine seltsame Wärme. In vergangenen Jahren hatte Bryna ihm gelegentlich die Hand auf die Schulter gelegt. Diese einfache Berührung reichte damals so oft aus, um Nica in die richtigen Bahnen zu lenken, sei es gedanklich oder wenn die Tante wünschte, dass er handelte. Diese Erinnerung kehrte soeben zurück und mit ihr die Wärme einer alten Hand, welche spürbar und dennoch ohne Gewicht auf eben jener Stelle an Nicas Schulter ruhte. Er konnte sie nicht sehen, aber er fühlte. Und er hörte, als die vertraute Stimme seinen Geist streichelte.
"Mein Junge. Es ist so schön, dass du dich mal wieder hier blicken lässt, aber meinst du nicht, es wäre sinnvoller, erst einmal Staub zu wischen anstatt eine Séance zu halten? Oder putze mir wenigstens die Fenster. Ich habe so lange nicht mehr nach draußen sehen können, Liebchen."
Das war keine Einbildung. Bryna. Seine Tante Birte. Sie war hier.
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Re: Im Bettlerviertel: Das Haus der Bryna

Beitrag von Nica » Sonntag 10. Februar 2019, 15:06

Stille durchflutete den Raum wie ein Welle, die Nica zu ertränken drohnte.
So oft wie er in den vergangenen Jahren nach Geistern gerufen hatte, so oft war er auch enttäuscht worden. Das Gefühl war stets beklemmend. Jedes mal begann er daran zu zweifeln, ob er je wirklich ein magisches Talent besessen hatte. War am Ende doch alles nur Einbildung gewesen?
Noch heute konnte er sich kaum vorstellen, wie sich Magie wirklich anfühlte. Für ihn war es ein Träumen, ein Schweben, kein Blitzgewitter knisternder Entladungen. Er fühlte sich nicht so, als würden in ihm geballte Mächte nur darauf warten hervorzusprießen. Es kam zu Nica im Traum, es wartete auf ihn am Rande seines Bewusstseins. Es erforderte Kontrolle über seine Gedanken, verlangte von ihm keine Anspannung, sondern Ruhe im Geiste.
Wenn er sich daran zurückerinnerte, wie sehr es seiner kleinen Schwester manches Mal zugetan hatte, ihre Schatten zum Tanzen zu bringen, kam er nicht umher sich zu wundern. Wie rot ihre Bäckchen als Kind geworden waren. Kraftlose Ärmchen, die zusammen mit den Schatten in sich zusammen sackten. Nichts von alledem fand er in seiner Magie wieder. Genau deshalb war sie so ungreifbar.
Sein Blickfeld war verschwommen, voll von Rauchschwaden, Staub und Licht, vor dem alles unglaublich langsam zu tanzen schien. Oder es lag an dem Wasser, dass sich in seinem Augen zu sammeln drohte. Die Karten lagen so vertraut in seinen Händen und trotzdem fühlte er sich in der Bewegung stocken. Nica drehten die oberste Karte um, sah sie aber nicht an. Ein Schauer lief ihm über den Rücken und dann spührte er die Präsenz.
Die Hand auf der Schulter.
Nica lehnte sich in die vertraute Wärme, auch wenn ein kleiner, stechender Teil seines Verstandes wohl wusste, dass sie nicht Teil dieser Welt war.
"Ich bin wieder daheim.", flüsterte er, viel mehr zu sich selbst als zu Birte. Er musste schniefen, und atmete einmal tief durch, bevor er sich die Tränen aus den Augen rieb. Als Nica wieder aufsah, schaute er nicht in das Gesicht seiner Tante, wie er sie begraben hatte, sondern in ihr Lächeln von vor 15 Jahren. So, wie sie ihm vor so langer Zeit zum ersten Mal ihre Tür geöffnet hatte. Damals schon war ihr Haar eine krause Wolke weißer Locken gewesen. Sie waren so aufgebauscht, dass es aussah als könnte ihre hagere Gestalt damit davon fliegen. In ihren tiefblauen Augen spiegelten sich seine Eigenen.
Sie sprach zu ihm, und mit jedem Wort spürte sich Nica tiefer sinken. Er nannte es einen Anker. Die Präsenz eines Geistes machte ihm bewusst, dass er nicht träumte. Machte ihm bewusst, dass er nicht wirklich wach war. Mitten in seinem Seilakt wurde ihm plötzlich ein Stab in die Hände gegeben, der ihn ausbalancierte. Doch anstatt von einer Seite auf die andere überzuwandern, gab es hier nur tiefer hinein oder zurück an die Oberfläche.
Für Birte war er bereit haltlos zu fallen. Alles, was nicht wirklich war, wurde ersetzt durch Bilder ihrer gemeinsamen Vergangenheit, bis der graue Staub selbst nur noch eine Erinnerung zu sein schien.
"Verzeih mir, aber schmutzige Fenster sind mir im Moment nicht ganz so wichtig.", sagte Nica lächelnd. "Ich hab dich vermisst."
Es tat gut ihr diese Worte persönlich sagen zu können. Wie gern hätte er sie in die Arme geschlossen, aber er wollte kein Risiko eingehen. Vieles war ihm selbst noch ein Rätsel und diese Visionen waren leicht zerbrechlich. Stattdessen sah er ihr fest in die Augen, welche er vor seinem Inneren klar und deutlich zu erkennen glaubte.
"Birte, ich hab mich entschieden! Ich will den Menschen helfen genau so wie du es all die Jahre getan hast. Ihnen Trost spenden und Hoffnung. Für sie da sein in schweren Zeiten, wenn sie es nur schaffen mir genug Vertrauen entgegen zu bringen."
Sie musste es einfach wissen. Nica wusste, dass ihm seine Großtante niemals eine solche Verantwortung selbst aufbürgen würde. Die Entscheidung musste von ihm selbst kommen und irgendwann war der Wunsch danach in ihm erwachsen. Er war vor dieser Wahl geflohen, dass musste er sich eingestehen. Aber er hatte im Zirkus und in Zyranus wertvolle Erfahrungen gesammelt und sich selbst ein Stück besser kennen gelernt. Sein Entschluß stand fest, aber...
"Ich glaube, ich brauche dazu deine Hilfe.", gab er schließlich zu. Für einen Moment umschwammen ihn wieder die Bilder der Wohnstube. Gefüllt mit Plunder, dessen Bedeutung er kaum kannte. Übersäht mit Staub, der nur durchbrochen wurde durch die Mäuse, die sich wahrscheinlich in der Nähe der Herdstelle eingenistet hatten. Nur erhellt durch ein kleines Licht, das kaum ein Anfang darstellte um dem Ort seine alte Wärme wiederzugeben.
"Kannst du mir nicht einen Rat geben? Ich glaube du hast mir nie erzählt, wie du selbst diese Reise begonnen hast."
Er brauchte einen Schubs in die richtige Richtung. Birtes Haus war nur der erste Anlaufpunkt auf einer wie er befürchtete langen und beschwerlichen Reise. Hier waren für ihn damals die Fäden seines Lebens zusammengelaufen und er hoffte hier den einen Roten zu finden, der ihn weiterführen würde.
Nach einem kurzen Zögern regte sich dann doch das Kind in ihm, dass verzweifelt versuchte der Tante eine ihrer Geschichten zu entlocken. "Ich mach auch alles fein sauber, versprochen!"

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Re: Im Bettlerviertel: Das Haus der Bryna

Beitrag von Erzähler » Dienstag 26. Februar 2019, 14:49

Es konnte kein echtes Gewicht sein. Das musste er sich einbilden. Da befand sich keine Hand auf Nicas Schulter. Nichts war dort und dennoch ... wenn er sich lange genug auf eben jene Stelle konzentrierte, so fand er vertraute Spuren. Wärme wie sie nur von einem anderen Körper kommen konnte und trotzdem fühlte es sich zeitgleich aus eisig kalt an. Schauer wanderten von genau jener Schulter aus durch seinen gesamten Körper. Sie jagten ihm heiße und kalte Wechselwirkungen durch die Adern, die sein Blut in verwirrte Wallungen versetzte.
Und auch seine Augen wollten ihm einen Streich spielen. Sicher lag es an all den duftenden Rauchschwaden, die mit ihrem bläulich violetten Dunst den Raum erfüllten. Sie forderten den Staub von Jahren zum Tanz auf und dieser regte sich zwischen den wenigen Sonnenstrahlen, die doch noch einen Weg durch das schmutzige Milchglas des kleinen Fensters ins Innere fanden. Sie hüllten sich in die wabernden Farben der Tücher, welche der junge Mann über sämtliche Lichtquellen der Kammer gelegt hatte. Natürlich glaubte man, in einem derartigen Ambiente daran, Geistergestalten zu sehen! Damit hatte seine Tante ihr tägliches Brot verdient! Ein wenig List, etwas Illusion und der Zauber war perfekt. Hier konnte unmöglich Magie im Spiel sein ... oder doch? Sah Nica doch die Gestalt Birtes vor sich?
Sie hatte sich abgesehen von ihrer milchig, halb durchschimmernden Präsenz kein bisschen verändert. Nicht eine Falte schien sich tiefer in ihr Gesicht gegraben zu haben. Nicht eine Wimper hatte sie verloren. Aber sie konnte noch immer so warmherzig für ihren Verwandten lächeln wie damals. Das Strahlen fand sich in den Augen wieder, die sofort den Fokus für sich einfuhren, denn sie glitzernden ein wenig, wenn der Zimmerstaub hindurch schwebte. Eine Erscheinung! Diese alte Frau, deren Haut-, Haar-, Augen- und Kleidungsfarbe Nica nur aus seiner Erinnerung abrufen konnte, daß vor ihm als hätte er sie zu einer Tasse abendlichem Gewürztee gerufen. Zu diesem Bild gesellte sich mit einem Mal der Duft von Nelken, Ingwer und Pfeffer. Birte hatte ihren Tee oftmals etwas schärfer gewürzt, so dass Nica bei jedem Schluck auch ohne die Sonne ordentlich ins Schwitzen gekommen war. Und nun, wo sie so geisterhaft vor ihm saß, spielten auch seine Sinne mit jener Erinnerung.
Birte waberte ein wenig. Wenn Nica versuchte, sich fester auf ihre Konturen zu konzentrieren, schienen sie nasser Farbe gleich zu verlaufen. Lediglich ihr Gesicht änderte sich nicht. Er konnte Mimik darin ausmachen, die ihm wohlgesonnen war. So warm, so herzlich, schuf Birte damit altgewohnte Geborgenheit, die Nica bei seinen eigenen Eltern und Geschwistern selten gespürt hatte. Vor allem in seinen Jugendjahren nicht mehr.
"Mein lieber Junge ... mir ist es wichtig. Denn ich habe nicht nur dich vermisst, sondern auch den Blick nach draußen. Ich musste die letzten zwei Jahre mit ansehen, wie mir das Auge hinaus immer blinder wurde." Sie seufzte sehr tief, dass es ihre Stube mit einer frostigen Brise erfüllte, die sogar die kleinen Kristalle an einer ihrer Lampen zum klirren brachte. Dann aber lächelte die Tante erneut und Wärme kehrte in den Raum zurück. "Ich habe dich sehr vermisst, Madjionica." Ihr milchiger Körper erhob sich, glitt durch den Raum und obwohl sie Schritt für Schritt tat, um an ihren Neffen heran zu kommen, hinterließ keine ihrer Bewegungen auch nur das kleinste Geräusch. Nica konnte sie nicht einmal atmen hören. Sie atmete auch nicht. Das Seufzen von eben war somit nur eine theatralische Geste.
Birte erreichte den Platz neben ihrem Neffen und ließ sich von neuem dort nieder. Ihre Kleidung oder das, was Nica dafür hielt, waberte zu ihm herüber. Versuchte er, es zu berühren, lösten sich die äußersten Ränder in kleine wolkenartige Fetzen auf, die sich schnell verflüchtigten. Eine Umarmung wäre somit wirklich nicht die beste Idee.
Sie lauschte seinen Worten, nickte seine Bitte um Hilfe ab und auch den Wunsch nach einem Ratschlag. Dann hob sich ihr Finger. Ein Ring mit einem dicken Stein schimmerte daran. Nica wusste, dass dieser Stein einst eine Mischung aus dunklem Grün und beherztem Violett zeigte. Nun war er milchig, aber seine Erinnerung genügte, ihm irgendwie die gewohnte Farbe zu verpassen. "Ich werde dir helfen. Und ich habe auch schon einen Rat an dich. Wenn du den Menschen helfen, ihnen Trost und Hoffnung spenden willst und ihnen in schweren Zeiten beistehen, dann fang bei denen an, die dich am meisten brauchen. Im Moment, mein lieber Junge, bin ich das. Es hat sich im Haus so viel Staub angesammelt und in den zwei Jahren habe ich nicht erlernen können, das Haus zu verlassen, den Putzeimer zu füllen oder auch nur einen Lappen aufzuheben! Ein Stern sank vom Himmel herab, um mich in meinem Heim endlich wieder zu besuchen. Mein kleiner Stern, hilf mir, den Nachthimmel wiederzusehen. Dann werde auch ich dir helfen, so gut ich kann. Und das soll dein erster Schritt für deine eigene Reise sein."
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