Der Beginn der Reise

Ein magisches Tor versperrt euch den Weg. Keine Wachen weit und breit zu sehen, wie bekommt man hier nur Einlass? Und wer hat diese vielen Kanonen erfunden, die alle schützend auf die Stelle vor dem Tor zeigen?
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Der Beginn der Reise

Beitrag von Kalida Viorel » Mittwoch 10. August 2011, 18:21

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Früh an diesem Morgen erwachte Kalida, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge dringen und sie wecken konnten. Blinzelnd blickte sie sich um, als auch schon von irgendwoher etwas auf ihren Brustkorb sprang. „Guten Morgen Kalida. Gut, dass du endlich wach bist. Ich habe Hunger“, plapperte eine eindeutig männliche Stimme, die dennoch nicht sonderlich tief klang. Der Halbelfe war sogleich klar, um wen es sich handeln musste und streckte die Hand aus, bis ihre Finger das weiche Fell des Ottsels berührten. „Guten Morgen Gwynn“, begrüßte sie das Tierchen mit einem milden Lächeln. Es erwies sich als ziemlich kompliziert, mit einem Ottsel auf der Brust in eine halbwegs sitzende Position zu gelangen. Doch es gelang ihr, sodass sie Gwynn mit beiden Händen festhalten und auf dem Boden vor ihrem Bett absetzen konnte. „Das ist aber nicht sehr nett“, beklagte sich das Kerlchen. Kalida achtete jedoch gar nicht darauf. Stattdessen stand sie auf, scheuchte Gwynn aus ihrem Zimmer und machte sich fertig. Es dauerte lange, bis sie ihr Reisegewand angelegt hatte und noch einen letzten Blick in den Spiegel an der Wand werfen konnte. Zwei strahlende Augen begegneten ihrem Blick und lockten ein Lächeln auf ihre Lippen.
Da ertönte eine Stimme vom Flur aus, die in der Sprache der Magie nach Kalida rief. Das war mit großer Wahrscheinlichkeit ihre Tante, die die Gewohnheit einfach nicht ablegen konnte, Melongiar zu sprechen. Dabei verstand doch Kalidas Mutter Aaliyah kein Wort davon. „Ich komme schon!“, rief sie in derselben Sprache zurück. Die Heilerin wandte sich ab und durchschritt ein letztes Mal ihr Zimmer, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Dafür zog sie die Vorhänge zur Seite und öffnete eine Seite, um sich ein Stück hinausbeugen zu können. Unter ihr lagen die Straßen der magischen Stadt Zyranus. Erst langsam erwachte das Leben in ihnen und die wenigen Frühaufsteher, gingen gemäßigten Schritts die Straßen entlang auf ihrem Weg zur Arbeit oder um Besorgungen zu machen. Heute Abend werde ich schon an einem ganz anderen Ort sein, dachte Kalida und ohne dass sie es selbst wollte, seufzte sie ergriffen. In einer einzigen, fließenden Bewegung trat sie einen halben Schritt zurück und schloss das Fenster, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte und nach unten in die Küche lief.
Dort wartete bereits Filea, die ungeduldig mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte trommelte. „Das hat aber lange gedauert. Komm her und setz dich, ich habe dir bereits dein Drühstück hergerichtet“, sagte sie schöne Frau. Daraufhin nahm Kalida ihr gegenüber am Tisch Platz. Während sie aß redete Filea über Gott und die Welt, als wolle sie sich selbst von der Tatsache ablenken, dass ihre Nichte bald nicht mehr da sein würde. Das schien Gwynn allerdings wenig zu stören, sodass das Ottsel über den Tisch huschte und sich etwas zu Essen klaute. Ehe Kalida oder Filea etwas tun konnten, hatte der kleine Kerl es auch schon verspeist. Mit einem amüsierten Lächeln schüttelte die Halbelfe den Kopf über ihren kleinen Freund, als Filea abermals das Wort an sie richtete. „Wo und wann triffst du dich mit diesem Soldaten?“, erkundigte sie sich. „Am Stadttor, ein paar Stunden nach Sonnenaufgang“, lautete die Antwort, als auch schon Gwyyn dazwischen redete: „Worum geht es? Ich versteh kein Wort!“ Die beiden Frauen lachten und Kalida antwortete knapp: „Darum, dass wir nun los müssen.“
Am Vorabend hatte Kalida bereits alles Notwendige eingepackt, sodass sie ihr Gebäck nur noch schultern brauchte. Gwynn machte es sich auf ihren Schultern bequem, indem er sich um ihren Nacken legte und genüsslich gähnte. Der Abschied verlief glücklicherweise reibungslos, da Kalida und ihre Eltern bereits alles besprochen hatten. Es wurden noch einige Worte des Abschieds gewechselt, ehe die Halbelfe sich von ihrer Familie abwandte und den Weg in Richtung Stadttor einschlug. „Wehe wenn dieser Kerl nicht pünktlich ist“, murrte Gwynn, obwohl er halb döste und sich nicht darum zu scheren bräuchte. „Natürlich wird es da sein“, entgegnete Kalida überzeugt. Dabei wurde ihr langsam klar, dass sie in Zukunft kaum noch ihre eigentliche Muttersprache würde nutzen können und auch mit Melongiar kam sie sicher nicht weit. Trotzdem war es eine gewisse Umstellung, nun nur noch celcianisch zu sprechen. Mit gesenktem Haupt und ein wenig in ihre eigenen Gedanken versunken, näherte sie sich dem Stadttor. Nun hob sie wieder den Blick und sah sich um, aber von Lir war noch nichts gesehen. Er kommt sicher gleich, dachte die Heilerin optimistisch. Sie verharrte an Ort und Stelle, während ihr Blick über die vorbei kommenden Gesichter huschte in der Hoffnung, bald den Soldaten unter ihnen ausmachen zu können.

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Re: Der Beginn der Reise

Beitrag von Erzähler » Montag 22. August 2011, 18:37

Obwohl die Sonne sich bereits über den Straßen von Zyranus befand und versuchte, ihre warmen Strahlen zu verbreiten, war es ziemlich kalt. Das lag einfach an der Jahreszeit, wobei es Zyranus und das Grasland noch ganz gut traf. Immerhin schneite es nicht, ein gutes Zeichen, wenn man eine längere Reise vor sich hatte. Auf den Straßen begegnete Kalida kaum jemand und je näher sie dem großen Stadttor kam, desto leerer wurden auch die Wege. Logisch, schließlich spielte sich das Leben der magischen Stadt nicht in dessen Randgebieten ab. Als die Heilerin endlich beim Tor angekommen war, schien das Gebiet wie ausgestorben und keine Menschenseele lies sich blicken. Auch nicht Lir, obwohl der von ihm angesetzte Zeitpunkt wohl bald überschritten war. Verspätete sich der Soldat etwa? Aber zur Fliegenden Schenke zu eilen, um den Reisepartner aufzusuchen, wäre keine kluge Idee. Am ende liefen die Beiden noch aneinander vorbei, sehr wahrscheinlich sogar bei den verwinkelten Gassen der Stadt und dann wäre niemanden geholfen.
Die zeit verstrich und die Sonne beschrieb langsam ihren Weg über den Himmel. Ein Schatten fiel auf die Halbelfe, als etwas kurz die Sonne verdeckte. Dort oben am Himmel zog ein großer Greifvogel seine Kreise. Er kam von der anderen Seite der Mauer und schien sich auf den Weg ins Herz von Zyranus zu machen, als er sich mitten in der Bewegung abfing und wieder umkehrte. Das ganze Spektakel dauerte keine zwei Minuten, dann war der große Falke wieder aus Kalida Sichtfeld verschwunden. Dafür öffnete sich fast sofort das große, magische Stahltor, dass die Zauberer von der restlichen Welt trennen sollte. Es schwang nicht komplett auf, denn die Wächteraugen erkannten stets genau, wie viele Leute eintreten wollte. Nur ein Mann trat durch den Spalt und verfiel in einen kurzen Dauerlauf, bis er bei Kalida ankam. Der blonde Schopf war unverkennlicht, ebenso wenig, wie die leichte Rüstung, die unter einem Wintertauglichen Mantel zusehen war. Lir, der jorsanische Soldat.
Ohne außer Atem zu sein, blieb der junge Krieger vor der Magierin stehen und verneigte sich leicht, wie vor einer militärischen Vorgesetzten. Leichter Raureif lag auf dem Pelzkragen seines Mantels, was darauf schließen lies, das er bereits längere Zeit dem Wind ausgesetzt war, der im Grasland herrschte und vor dem Kalida durch die hohe Mauer geschützt gewesen war. Sein Gesichtsausdruck wirkte leicht zerknirscht, als er zu einer Entschuldigung ansetzte. „Bitte verzeiht mir Herrin,“ setzte der Jorsaner an und versuchte ein freundliches Lächeln, dass Jedoch misslang. „es scheint so, als hätte ich mich etwas unklar ausgedrückt. Als wir unser Treffen vereinbarten und ich ‚Vor dem Tor’ sagte, meinte ich draußen vor dem Tor. Das ist ganz alleine mein fehler, ich hätte klarer sein sollen. Sicherlich habt ihr bereits lange auf mein Erscheinen erwartet.“ Abermals verneigte sich der junge Soldat tief, fast wie vor einer Herrscherin. Da er keinerlei Ausrüstung mit sich führte, hatte er diese bestimmt auf der Seite jenseits von Zyranus zurück gelassen.
Lir drehte sich leicht zur Seite und wies mit der Hand zum Tor. „Wir sollten nun gehen. Die anderen sind bereits begierig darauf, euch kennen zu lernen, Herren Viorel“ Dann setzte er sich auch schon in Bewegung und auf das Portal zu, dass sich bald wieder schließen würde. Noch stand es einladend offen, als wäre es begierig, die Halbelfe in die wilde Welt hinaus zu lassen.

Tatsächlich führte ihr Begleiter Kalida zu einem ganzen duzend Männer, die in der nähe der Stallungen warteten. Die meisten trugen die selbe Rüstung und den selben, kälteabweisenden Mantel, wie auch Lir es tat, was bedeutete, dass sie ebenfalls Soldaten des Königreichs Jorsan waren. Den Spuren nach hatten sie hier draußen ein kleines Lager aufgeschlagen. Plattgedrückte Grasflächen verrieten, wo vor kurzem noch Zelte standen und in einigen Steinkreisen befanden sich die Reste von Lagerfeuern. Ein Grossteil der Soldaten hatte sich an einen einfachen Wagen gepresst, mit dem bestimmt die Ausrüstung transportiert wurde, einige drückten sich auch an ihre Pferde. Besonders ins Auge jedoch viel eine Gestallt, die in einer lauernden Position auf dem Wagen kniete, genauer gesagt auf dem Planendach. Lange dunkelbraune Haare verdeckten einen großen Teil seines Gesichts und im Gegensatz zu den anderen trug er nur eine sehr dünne Ledergewandung, deren dunkelgrün und braun gefärbter Umhang sich deutlich von den roten Mänteln der Jorsaner unterschied. Er schien sich jedoch nicht im mindesten für den Neuankömmling zu interessieren.
Ganz anders war es da bei dem anderen Mann, der sich ebenfalls vom Rest abhob, jedoch in einer ganz anderen Weise. Der groß gebaute, schwarzhaarige Mann trug eine wesentlich aufwendigere Rüstung und hielt einen typischen, gehörnten Topfhelm unter dem Arm. Ganz eindeutig war dieser Mann der Befehlshaber des kleinen Trupps. Mit neugierigem Blick verfolgte er, wie die Heilerin und der Soldat sich der Truppe näherten, ging den beiden sogar ein Stückchen entgegen. „Ahh, da ist sie ja endlich, die Zauberin, die von meinem Besten angeheuert wurde,“ begann der Hauptmann dröhnend und streckte seinen Arm zur Begrüßung hin. Sein gewaltiger Schnauzbart zitterte leicht, wenn er den Mund öffnete um zu sprechen. „Ich bin Hauptmann Phau und werde zusammen mit meinen Männern dafür Sorge tragen, dass ihr sicher bis nach Jorsan gelangt. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mit weit mehr Unterstützung durch die Magier gehofft hatte.“ Er lies die Schultern hängen und die Männer begannen allmählich ihre Pferde zu besteigen. Bald würde es losgehen!
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Re: Der Beginn der Reise

Beitrag von Kalida Viorel » Montag 17. Oktober 2011, 15:09

Die junge Halbelfe folgte gerade noch mit dem Blick ihrer klaren Augen dem bewundernswerten Vogel am Morgenhimmel, als sie ein bekanntes Geräusch vernahm. Somit wandte sie sich von dem Wesen am Himmel, welches sowieso längst aus ihrem Blickfeld entschwunden war, nun dem prächtigen Stadttor zu. Mit lautem Knacken und Knarren öffnete es sich. Allerdings nicht besonders weit, sodass Kalida den Hals recken musste, um einen Blick auf den Besucher werfen zu können. Wer mag das sein?, überlegte sie noch, als auch schon Lir durch das mächtige Portal schritt und auf sie zueilte. Er trug dieselbe Rüstung wie bei ihrer ersten Bekanntschaft oder vielleicht sahen auch nur alle Rüstungen haargenau gleich aus. Das wusste sie nicht zu sagen. Überraschung zeichnete sich dafür auf den Zügen der jungen Frau ab, während der Soldat schließlich bei ihr ankam. Mit einer angedeuteten Verbeugung grüßte er sie, was die Heilerin mit einem leichten Kopfnicken erwiderte. Dabei glitt ihr Blick an der Aufmachung des Mannes entlang. Schon kamen die ersten Zweifel. Nicht in Hinblick auf ihre Entscheidung, sondern vielmehr, ob sie nicht doch etwas anderes hätte anziehen sollen. Nun sah sie an sich selbst hinab, betrachtete ihr Reisegewand und den langen Kapuzenmantel. Diese Reise würde mit Sicherheit kein Vergnügen für sie werden.
Als Lir zu sprechen begann, hob Kalida den Blick und richtete ihn direkt auf die Augen ihres Gegenübers. Dieser entschuldigte sich ein wenig umständlich und versuchte zu erklären, warum sie so lange hatte warten müssen. Als er geendet hatte und noch immer reichlich unzufrieden mit sich selbst wirkte, erwiderte die Halbelfe sanft: „So etwas kann doch jedem mal passieren. Grämt euch deswegen bitte nicht, es war gewiss nicht allein euer Fehler.“ Ein Lächeln unterstützte diese Worte. Die Heilerin wartete, bis der Jorsaner sich ein weiteres Mal vor ihr verneigt hatte und schließlich in Richtung des Tores wies, durch welches er eben die magische Stadt Zyranus betreten hatte. Mit einem einfachen Nicken stimmte sie seinen Worten vorbehaltlos zu, ehe sie ihm in Richtung des Eingangsportals folgte. Bevor sie ihre Wohnstadt jedoch verließ, hielt sie noch einmal inne. Wie lange war Zyranus für sie eine Art zweite Heimat gewesen, einen großen Teil ihrer Kindheit hatte sie zwischen diesen hohen Mauern verbracht. Und nun war der Tag gekommen, an dem sie die Stadt der Magie für eine sehr lange Zeit verlassen würde. Eine seltsame Wehmut überkam die Halbelfe, die sich eilig von dem Anblick der Bauten hinter sich löste, zu denen sie sich ein letztes Mal umgewandt hatte. Lir war bereits ein gutes Stück voraus gegangen, sodass sie nun ihre Schritte beschleunigen musste, um den Soldaten wieder einzuholen.
Vor dem prächtigen Stadttor, welches hinter ihnen bereits wieder zu schließen begann, staunte Kalida. Ihr Begleiter hatte sie in Richtung der Stallungen gebracht, wo sie nun eine kleine Lagerstätte bewundern durfte. Neugierig, zugleich aber auch auf vorsichtige Zurückhaltung bedacht, sah sich die junge Frau um, während sie etwas abseits stehen blieb. Die Männer hatten ihr Lager bereits abgebrochen und schienen nur noch auf sie gewartet zu haben. Ein Kribbeln im Nacken verriet Kalida, wie ausgeregt sie tatsächlich war, obwohl sie sich alle Mühe gab, dies nicht offen zu zeigen. Stattdessen musste sie sich selbstbewusst und zuversichtlich geben, um schnell das Vertrauen dieser Männer zu bekommen. Sicher waren sie nicht ganz von der schmächtigen Halbelfe überzeugt, zumal sie in den Augen der Jorsaner sicher die Einzige war, die gewillt war sich mit ihnen abzugeben. Nachdem sich die Heilerin jeden der Männer zumindest einmal kurz angesehen hatte – sie alle wiesen eine für sie irritierende Ähnlichkeit mit Lir auf – blieb ihr Blick an einer geduckten Gestalt hängen, die auf dem Planendach hockte. Was tut er da?, fragte sie sich verwirrt über diese Person und versuchte auf die Entfernung, mehr von der seltsamen Gestalt zu erkennen. Aber das war unmöglich, sodass sie kurzum beschloss, später jemanden nach diesem Mann zu fragen.
Viel mehr Zeit blieb Kalida auch gar nicht, um sich darüber weitere Gedanken zu machen, da ein – in ihren Augen – äußerst stämmiger, schwarzhaariger Mann auf sie zukam. Auf den ersten Blick ließ sich erkennen, dass er kein gewöhnlicher Soldat war, sondern vermutlich der Befehlshaber der umstehenden Männer. Noch vermochte sie nicht zu sagen, ob er ihr sympathisch war oder ob sie sich lieber von ihm fernhalten wollte. Seine tief klingende, volle Stimme erweckte auch nicht wirklich den Hauch einer Zuneigung. Dennoch gab sich die Halbelfe höflich und erwiderte den Gruß, blieb jedoch vorerst ein wenig distanziert und übte sich in Zurückhaltung. Hauptmann Phau, wie er sich kurz darauf vorstellte, bezeichnete Lir als seinen besten Mann. Ob das lediglich eine Floskel oder ehrlich gemeint war, konnte Kalida nur schwer erahnen. Dennoch vermutete sie, dass Lir tatsächlich sein bester Mann war, denn warum hätte der Schwarzhaarige sonst ausgerechnet ihn losschicken sollen? „Es freut mich euch kennen zu lernen, Hauptmann Phau“, sagte die junge Heilerin mit sanfter Stimme. Bei seinen nächsten Worten verspürte sie ein schlechtes Gewissen, obgleich es nicht ihre Schuld war, dass sonst keiner den Jorsanern beistehen wollte oder konnte. Das war sicher auch der Grund, warum sie versuchte diesen Umstand zu rechtfertigen. „Es tut mir wahrlich sehr Leid. Aber ihr seid zu einer ungünstigen Zeit gekommen“, begann Kalida, brach jedoch ab. Wie sollte sie auch einem Fremden verständlich machen, warum die Zyraner so handelten, war es doch manchmal auch ihr noch ein Rätsel. So verschloss sie wieder ihre Lippen und brachte ihm stattdessen ein, wie sie hoffte, aufmunterndes Lächeln entgegen. Seine Körperhaltung zeigte ihr, wie niedergeschlagen er sein musste, was sogleich ihr Mitleid weckte. Wie gern wäre sie ihm nun nicht allein gegenüber gestanden und hätte mehr geben können, als ihre eigenen Fähigkeiten. Aber dies blieb ihr versagt, sodass sie nichts weiter tun konnte, als zu warten.
In der Zwischenzeit hatten sich die restlichen Soldaten von der Stelle gerührt und bestiegen nach und nach ihre Pferde. So wie es aussah, würde die Reise in wenigen Augenblicken beginnen. Nervös umklammerten ihre Finger die Riemen des Lederrucksacks auf ihrem Rücken, als sie eine Bewegung an ihrem Hals spürte. Die junge Frau verrenkte sich fast den Hals, um einen Blick auf den Übeltäter zu erhaschen, wenngleich sie bereits wusste um wen es sich handeln musste. „Verdammt noch mal, wann geht es denn endlich los? Mir ist kalt“ murrte Gwynn, der treue Begleiter der Halbelfe. Bisher hatte er sich ungewöhnlich ruhig verhalten, womit jetzt offensichtlich Schluss sein sollte. Stattdessen begann er mit fauchenden Lauten zu schimpfen, sodass keiner verstehen konnte, was er eigentlich ausdrücken wollte. Vermutlich schlicht und einfach seinen Ärger darüber, dass man ihn warten ließ und bisher noch niemand beachtet hatte. „Sch-sch“, sagte Kalida leise und kraulte den kleinen Störenfried am Kopf, sodass er nach einigen Augenblicken endlich wieder Ruhe gab. Während sie die Streicheleinheiten fortsetzte, wandte sie sich wieder dem Hauptmann zu. „Ob ich wohl eine Frage stellen dürfte?“, erkundigte sie sich vorsichtig. Da er ihr dies anscheinend nicht verwehren wollte, fragte sie mit etwas leiserer Stimme: „Wer ist dieser Mann?“ und wies dabei mit einer leichten Bewegung ihres Kopfes auf den Mann in dem dunkelgrün und braun gefärbten Umhang, mit den langen, dunkelbraunen Haaren hinter denen er sich auch weiterhin zu verstecken schien. Bis ihr jemand ein Pferd zuteilte oder andere Anweisungen für sie hatte, konnte sie die Gunst der Stunde ebenso gut nutzen, um sich über diese merkwürdige Person zu erkundigen, die so gar nicht zu dem Rest passen wollte. Denn das interessierte sie im Moment fast noch mehr, als ihr Reiseziel und ihre künftige Aufgabe an der Front der Jorsaner.

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Re: Der Beginn der Reise

Beitrag von Erzähler » Samstag 5. November 2011, 14:59

Auch wenn alle Männer, oder zumindest fast alle, sich redlich bemühten beschäftigt zu wirken, so bestand doch kein Zweifel daran, dass alle Augen auf die Halbelfe gerichtet waren. Lediglich der Hauptmann und Lir sahen Kalida ganz offen an, der erste, weil er mit ihr im Gespräch war, der andere, weil er die Augen einfach nicht abwenden konnte. Tatsächlich wirkte der Blick von Phaus „besten Mann“, ziemlich verträumt, als würde er an etwas ganz anderes denken, während er die hübsche Heilerin begaffte. Der jorsanischen Soldaten war bisher noch nicht auf den Gedanken gekommen, dass es sich bei der Magierin vielleicht um keine zyranische Menschenfrau handelte und dass sie als Halbelfe fast dreimal so alt war wie er selbst. Für ihn war sie nur eine besonders hübsche Frau. Und bei hübschen Frauen träumte man hin und wieder mal.
Von ganz anderen Gedanken war hingegen der Kopf des Befehlshabers erfüllt. Er machte keinen Hehl aus seiner Enttäuschung. Dabei waren die Erfolgsaussichten von vornherein nicht gut gewesen. Zyranus hatte sowohl Pelgar als auch Andunie bereits zwei kleine Kontingente gesandt und zumindest jenes, das in die Hauptstadt gesendet worden war, galt als verloren. Der Rat hatte daraufhin klar gemacht, dass er nicht gewillt war, weitere Magier auszusenden, wenn diese es nicht freiwillig tun wollten.
Wenn man es genau nahm, hatte Phau mit einer einzelnen Magierin bereits fast so etwas wie einen Erfolg vorzuweisen. Als Kalida damit begann, eine rechtfertigende Erklärung abzugeben, weshalb nicht mehr Magier sich der Expedition anschlossen, hob der Hauptmann die Hand, eine harte Geste des Schweigens, die aber durch sein freundliches und verständliches Lächeln wein wenig abgeschwächt wurde. „Ihr müsst euch nicht Entschuldigen, Magierin,“ meinte der bullige Soldat mit seiner durchdringenden Stimme. „Wir leben nun mal in schwierigen Zeiten.“ Ein schlaksiger Soldat führte ein anmutiges, schwarzes Schlachtross an den Zügeln zu Phau und der Hauptmann schwang sich Augenblicklich, wenn auch ein wenig Steifbeinig in den Sattel. Für einen Augenblick lies er den Blick schweifen, um sich ein Bild davon zu machen, wie das Abbrechen des Lagers fortschritt.
Dann drehte er sich zurück zu der Elfe und öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber überrascht wieder, nur um sofort darauf ein „Was zum ..?“ von sich zu geben. Zentrum der Überraschung war das kleine pelzige Ding, dass grade seinen Kopf in die Höhe streckte. Dabei war es nicht das seltsame Tier – dass der Soldat noch nie in dieser weise gesehen hatte – dass ihn so ablenkte, sondern vielmehr die Tatsache, dass das Wieselartige Wesen sprechen konnte. Der Hauptmann legte den Kopf unbewusst leicht schräg, um das Wesen genauer betrachten zu können. Eindeutig, so etwas hatte er noch nie zuvor gesehen.
„Ob ich wohl eine Frage stellen dürfte?“ Die Frage riss ihn zurück in die aktuelle Situation und er versteifte seinen Körper leicht, ein Versuch seine vorige Reaktion zu überspielen. Phaus blick folgte der Kopfbewegung, die Kalida machte und traf dabei auf den einen Mann, der so gar nicht zum Rest der Truppe passen wollte. „Oh,“ meinte der Jorsaner und drehte sich abrupt zu Lir um. „Na los Mann, hör auf zu träumen und schwing dich in den Sattel!“ Lir erwachte augenblicklich aus seinem recht lebhaften Tagtraum und er lief los zu einem der wenigen Pferde, die noch keinen Reiter hatten. Die Augen seines Vorgesetzten folgte ihm und dabei entging ihm nicht, dass der Mann mit den langen dunkelbraunen Haaren sein Haupt in ihre Richtung gedreht hatte. Nun sah auch er die Halbelfe an, zumindest konnte man das Erahnen. Die linke hälfte seines Gesichts war von einem seinen Haaren komplett verhüllt, die glatt wie ein Vorhang bis fast zu seinem Gürtel reichten.
Phau beugte sich in seinem Sattel zur Seite, um sein Gesicht den Ohren der Magierin anzunähern und zog dabei seinen Umhang strammer, in den soeben eine Windböe gefahren war. „Das dort ist Yasou, Herrin. Ihr, mhh, solltet euch vielleicht von ihm fernhalten. Er ist einer von den Waldelfen und führt uns durch den Arus. Geht nicht anders,“ bei diesen Worten richtete der erfahrene Recke sich wieder auf und wandte sein Ross in Richtung des nahen Waldrandes. „Dunkelelfen und Orks wimmeln nur so in den Wäldern herum. Ohne einen erfahrenen Jäger ist es einfach zu gefährlich. Yasou ist ein Söldner, aber das macht ihn nicht zu einer angenehmen Persönlichkeit. Wie ich bereits sagte, ich rate euch, seinen Umgang zu meiden ...“
Falls der Hauptmann noch etwas hinzufügen wollte, so ging es in dem lauten Schrei eines Raubvogels unter. Kaum war der Laut verhallt, als auch schon ein Schatten anrauschte, sich kürz über Kalida abfing und in einer schleife wieder an Höhe gewand. Das gefiederte Raubtier zischte so knapp an der Halbelfe vorbei, dass sie den Windhauch auf dem Gesicht spüren konnte. „HILF MIR,“ hallte plötzlich die hohe Stimme Gwynns durch die Morgenluft. Der Raubvogel – es handelte sich unzweifelhaft um das selbe Tier, dass Kalida bereits auf der anderen Seite des Tors gesehen hatte – hatte die Magierin nicht knapp verfehlt, es hatte sein Ziel exakt getroffen: Dass auf ihrer Schulter sitzende Ottsel! Eine Klaue des Affenadlers hielt Gwynn fest in seinem Griff und drehte mit dem jammernden Wicht eine Runde über dem Lager. ”Ischariot! Das Reicht! Bring mir die Ratte her, sie gehört jemandem!”
Es war unzweifelhaft die Stimme des Elfen, der von Phau ’Yasou’ genannt worden war. Er hatte sich auf dem Dach des Planwagens zu seiner vollen Größe aufgerichtet, stand dabei auf der dünnen Strebe des Wagendachs und hatte den linken Arm ausgestreckt. Auf seinen Befehl hin drehte der kleine Adler im Flug ab und zischte dicht über seinem Herren vorüber. Dabei öffnete sich seine Klaue und Gwynn – zerzaust aber soweit unverletzt – fiel ein kurzes stück, ehe der Elf ihn auffing. Der wiederum sprang nun auf der abgewendeten Seite des Planwagens herab und landete in dem speziellen Sattel seines eigenen, schwarzen Pferdes. Hinter ihm, auf einer eigens dafür konstruierten Stange, landete der Affenadler und faltete seine Flügel zusammen. In gemächlichem Tempo und den sich windenden Gwynn im harten Griff, lenkte Yasou sein Reittier auf Phau und Kalida zu. Dort angekommen, lies er das Ottsel auf die Schulter seiner Besitzerin zurück plumpsen. „Pass lieber auf dein Haustier auf ... Ischariot liebt es, kleine Tiere zu Jagen.“ An der kalten Stimme des Elfen war ganz klar zu erkennen, dass er es nicht für nötig hielt, sich für die Tat seines gefiederten Begleiters zu entschuldigen. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und trabte entspannt zum Rand des ehemaligen Lagerplatzes.
Phau entschuldigte sich umständlich und murmelte etwas von Notwendigkeiten, wobei das meiste in seinem Bart unterging. Dann entfernte er sich, aber stattdessen kehrte Lir zu Kalida zurück. Auch er war nun beritte und führte ein zweites Tier an den Zügeln hinter sich her. Er warf dem unhöflichen Elfen einen jener Blicke zu, die töten konnten und wandte sich dann an die Heilerin. „Arroganter Schnösel. Hab gehört sein Stamm hat ihn verstoßen. Kein Wunder.“ Der Soldat schüttelte leicht den Kopf und richtete seine volle Aufmerksamkeit auf ein etwas angenehmeres Ziel. „Ich weiß nicht, ob ihr Reiten könnt, Herrin. Wenn es euch lieber ist, könnt ihr auch in dem Planwagen Mitfahren. Oder ... ihr könnt bei mir mitreiten ... wenn es euch beliebt.“ Bei seinen letzten Worten färbten sich seine Wangen leicht rot.
Ein kurzer Hornstoß erklang. Anscheinend waren die restlichen Soldaten alle bereit, auch der Planwagen war angespannt worden. Fast jeder der Soldaten hatte ein zweites Pferd an seinem Sattel festgebunden und sein Gepäck darauf geladen. Ein weiteres Zeichen dafür, dass der Trupp auf mehr Begleiter aus der Stadt der Magie gehofft hatten. Weitere würden natürlich nicht kommen. Kalida würde die einzige Zyranerin bleiben, die nun mithelfen würde um Jorsar zu unterstützen.
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