Neuanfang im Kloster

Ein alter Priester hat dieses wunderschöne Kloster errichtet. Es besitzt einen Garten, Friedhof und neben den Beträumen und Schlafzellen sogar einige Zimmer für Reisende.
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 20. Oktober 2016, 20:57

Merek fluchte innerlich. Langsam glaube er zu wissen, dass Bruder Levin gar keine genaue Antwort auf die Frage nach der Anzahl der Dreiecke wollte.
Du bist heute aber auch ein ganz Schneller, Merek.

Hatte der Mönch es nicht sogar gesagt? Ein Wettkampf, wer die meisten fand, war es nur für die Schüler, die den eigentlichen Sinn der Aufgabe noch nicht zu erkennen vermochten. Aber vermochte es Merek?
Als Kind hätte er jetzt die Arme vor der Brust verschränkt und geschmollt, weil er keine Lust mehr hatte. Es befanden sich Dreiecke in weiteren Dreiecken. Es war schon schwierig genug, einen Quadratmeter so auszuzählen, aber den gesamten Raum? Dann auch noch in rot und gelb? Unmöglich.

Aber wenn das nicht der Sinn der Sache war, was denn dann? Das Bild vor seinen Augen verschwamm leicht. Gab es hier überhaupt Drachen an der Wand? Ja, er vermeinte schließlich den Kopf und ein Stück des Halses von einem Drachen zu erkennen, und Levin hatte wohl recht: da waren dreieckige Bereiche, die die gelblichen Zähne darstellten, viele Dreiecke für die gezackten Schuppen auf dem Hals... aber es brauchte etwas Fantasie, um die Form tatsächlich gelten zu lassen. Denn ein Teil der Ohren schienen wiederum auch schlanke Bäume in einem anderen Bild darzustellen, dass sich in anderer Größenordnung im Mosaik befand. Eine solche komplexe Verschachtelung hinzubekommen, war schlicht ein Meisterwerk der Handwerkskunst. Wer mochte das hier bloß entworfen haben?
Es war eigentlich schön... wenn man nicht gerade Dreiecke zählen musste.
Sein Kopf schmerzte vor Anstrengung. So gerne er auch aufhören wollte, er würde Levins Spielchen mitspielen. Er musste.

Der Mönch beobachtete zurückhaltend, aber aufmerksam den Eindruck, den Merek auf ihn machte. Die Gesichtszüge des Magiers wirkten verspannt, fast schon verbissen.
"Lasst es, wenn es Euch quält", meinte er nach einer Weile ruhig und ohne jeden Ton von Vorwurf in der Stimme, "Ihr seid auch nicht die Sorte Mensch, die Schafe zählt, um zur Ruhe zu kommen, stimmts? Was tätet Ihr gerade lieber?"
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Freitag 21. Oktober 2016, 18:09

Eine solche komplexe Verschachtelung hinzubekommen, war schlicht ein Meisterwerk der Handwerkskunst. Wer mochte das hier bloß entworfen haben?
Sicherlich nicht die Mönche, die hier lebten. Das war alte Handwerkskunst. Wer auch immer dies beherrschte, hatte vermutlich Generationen von Wissen weitergegeben. Es war wunderschön, das konnte er keineswegs leugnen. Doch wer stellte ein Kloster inmitten eines Waldes auf, am Rande des Nichts? Und vor allem: zu welchem Zweck wurde es gebaut? Fragen, die sich Merek bei seiner Ankunft nicht gestellt hatte - war er nur froh gewesen, eine Unterkunft für den Winter gefunden zu haben. Vielleicht ergab sich die Möglichkeit, Bruder Levin nach der Historie dieses Gemäuers zu fragen, wenn sie fertig waren. Er hatte bei seinen Studien gewiss etwas darüber erfahren.
Merek konzentrierte sich wieder aufs Zählen.
"Lasst es, wenn es Euch quält", meinte er nach einer Weile ruhig und ohne jeden Ton von Vorwurf in der Stimme, "Ihr seid auch nicht die Sorte Mensch, die Schafe zählt, um zur Ruhe zu kommen, stimmts?“
Der Magier lachte auf. Er wusste nicht, was er so komisch fand, aber er konnte einfach nicht an sich halten. „Qual..“, begann er, musste jedoch kurz nach Luft schnappen, um sich zu fangen, „Qual ist vielleicht ein wenig weit hergeholt“, grinste er. Er sah weg von der Wand zu Bruder Levin. „Von Euch hätte ich erwartet, dass Ihr Eure Schüler gerne quält“ Noch immer konnte er seine Mundwinkel nicht in ihre gehörige Position bringen. Wenn er Levin ganz genau beobachtete, meinte er auch auf seinem Gesicht den Hauch einer erhellten Miene sehen zu können.
Merek hätte es niemals zugegeben, aber diese Beschäftigung war, trotz des Fluchens, eine gewesen, die ihm ‚gefallen‘ hat. Wie lange war er nicht mehr geistig gefordert worden? „Ich beende nur gerne meine Aufgaben“, fügte er an, „Und die Gewissheit, dass ich Eure Aufgabe nicht lösen werde, zehrt an mir.“ Merek hatte nun keine Ahnung mehr, wo genau er im Ornament gewesen war. Aber es war ihm egal. Anspannung war völlig unerwartet von ihm gefallen und er fühlte sich entspannt. Ob das am Weihrauch lag?

„Was tätet Ihr gerade lieber?“
Was für eine Frage, es ließen sich sicherlich einige Sachen finden. Er hätte erwartet, dass ihm zunächst seine Familie in den Sinn kam. Doch das erste, voran er dachte, war ein Buch. Ein gutes Buch, das ihn lehrte und dennoch interessant war. Lesestoff, der ihn mitreißen konnte und der ihm das Gefühl der Einsamkeit nehmen würde, wenn er abends alleine auf seiner Matratze lag, bevor er schlief. Wenn er ehrlich darüber nachdachte, war Bruder Levin eine sehr erquickende Gesellschaft. Ein älterer Gelehrter, der nicht nur redegewandt, sondern auch gewillt war, sein Wissen weiterzugeben. Eigentlich war er in diesem Moment so zufrieden, wie er es lange nicht mehr gewesen war. Wenn auch auf eine verquere Art, wie ihm schien.
„Was ich gerade lieber täte, könnt und wollt Ihr mir sicher nicht bieten!“ Merek zwinkerte dem Mönch zu. Im nächsten Moment hielt er sich die Hand vor den Mund. An einem Ort wie diesen sollte er seine lose Zunge hüten. Die dick gewordene Luft im Raum machte das Denken vor dem Sprechen nicht leichter.
„Aber wenn wir fertig sind, würde ich mich sehr über ein Buch freuen. Ihr habt hier sicherlich lehrreiche Bücher, von denen ich mir eines borgen kann? Oder Schriften über die Entstehung dieses beeindruckenden Klosters. Vielleicht wollt Ihr mir ja auch bei Gelegenheit darüber erzählen?“

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Freitag 21. Oktober 2016, 21:42

„Von Euch hätte ich erwartet, dass Ihr Eure Schüler gerne quält“ Noch immer konnte er seine Mundwinkel nicht in ihre gehörige Position bringen. Wenn er Levin ganz genau beobachtete, meinte er auch auf seinem Gesicht den Hauch einer erhellten Miene sehen zu können. Mit nur leicht übertrieben gespielter Empörung hoben sich die Brauen seines Sitznachbarn. Aber gab es überhaupt Lehrer, die nicht ab und zu gerne 'quälten'?
„Ich beende nur gerne meine Aufgaben“, fügte er an, „Und die Gewissheit, dass ich Eure Aufgabe nicht lösen werde, zehrt an mir.“ Der Mönch nickte lediglich schlicht und knapp.

„Was ich gerade lieber täte, könnt und wollt Ihr mir sicher nicht bieten!“ Merek zwinkerte dem Mönch zu. Im nächsten Moment hielt er sich die Hand vor den Mund.
Mhm. Es wirkt, und auch wieder nicht... In den Augen Levins schien ein verstehendes Schmunzeln zu liegen, aber es blieb noch dezenter als die Reaktion zuvor. Ob die Möche hier überhaupt...? Wollte er darüber jetzt nachdenken?
Die dick gewordene Luft im Raum machte das Denken vor dem Sprechen nicht leichter. Für einen flüchtigen Moment schien ihn ein desorientierender Schwindel zu ergreifen, nicht stark, aber es half nicht beim Sortieren der Gedanken. Der Mönch hingegen schien von der in der Luft hängenden Rauchmischung völlig unbeeindruckt, höchstens noch ruhiger als ohnehin schon. Gewöhnung?
Aus den Räucherschalen selbst stieg inzwischen auch so gut wie kein weiterer Qualm mehr, doch was sich hier in diesem Raum befand, würde sicher noch so einige Zeit in der Luft hängen. Wie gerne hätte Merek sich jetzt hingelegt und einfach geschlafen.

„Aber wenn wir fertig sind, würde ich mich sehr über ein Buch freuen. Ihr habt hier sicherlich lehrreiche Bücher, von denen ich mir eines borgen kann? Oder Schriften über die Entstehung dieses beeindruckenden Klosters. Vielleicht wollt Ihr mir ja auch bei Gelegenheit darüber erzählen?“
"Das lässt sich sicher einrichten", erwiderte Levin ohne genaueren Bezug, welchen Teil der Wünsche genau er damit nun meinte, "Vielleicht könnt Ihr mir vorher aber noch erzählen, wie in Eurer Ausbildung in Magie mit Dingen wie 'Meditation' umgegangen wird? Beherrscht Ihr Meditationstechniken? Und wenn ja, zu welchen Zwecken?"
Doch, der Rauch musste auch auf den Mönch Auswirkungen haben: er sprach so tief und fast schon sonor, dass Merek allein schon beim Klang fast hätte einnicken können. Er klang wie eine so tiefe Glocke, dass man sie schon kaum mehr hörte, verströmte eine unglaubliche Ruhe. Wie der sprichwörtliche Fels saß er da, hinter ihm an der Wand entdeckte Merek plötzlich völlig nebenbei eine wild versprenkelte Blumenwiese, wo er vorher nur geometrische Mosaikflächen zu sehen geglaubt hatte. Aber wenn man nicht so auf die Linien achtete...
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Samstag 22. Oktober 2016, 19:25

Ob die Möche hier überhaupt...? Wollte er darüber jetzt nachdenken?
So unanständig war er doch sonst nicht. Aber wenn er genauer drüber nachdachte - oder zumindest das tat, was Merek als Nachdenken empfand - war es doch gar nichts Unanständiges. Oder? In einem Anflug von Vernunft entschied er sich, solch philosophische Fragen zu einem späteren Zeitpunkt bearbeiten zu wollen.

"Vielleicht könnt Ihr mir vorher aber noch erzählen, wie in Eurer Ausbildung in Magie mit Dingen wie 'Meditation' umgegangen wird? Beherrscht Ihr Meditationstechniken? Und wenn ja, zu welchen Zwecken?“
Doch, der Rauch musste auch auf den Mönch Auswirkungen haben: er sprach so tief und fast schon sonor, dass Merek allein schon beim Klang fast hätte einnicken können. Er klang wie eine so tiefe Glocke, dass man sie schon kaum mehr hörte, verströmte eine unglaubliche Ruhe.
Sein Kopf knickte kurz weg, so als wäre er in einen Sekundenschlaf gefallen und gleich wieder hochgeschreckt. Er blinzelte mehrfach mit den Augen und bemühte sich um Orientierung. Die Blumenwiese war wieder weg. Er sah nur noch eine verschwommene Mischung der verschiedenen Farben, in denen die einzelnen Linien gemalt waren. Oder waren es doch Blumen? Er wollte sich formulieren, dass seine Augen ihm Streiche spielten, diese Information kam jedoch nicht dort an, wo er sie hätte verarbeiten können. Er war müde.
Wo waren sie noch gleich stehen geblieben?
„Merek? Meditationstechniken?“
Merek fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Richtig, da waren sie gewesen.
„Uns wird die richtige Atmung gelehrt und darüber das ‚normale‘ Denken zu vergessen. Wir nutzen das, wenn wir andere heilen und uns auf die Verletzungen konzentrieren müssen“, ihm entwich ein Gähnen, „Je weniger man denkt, desto einfacher ist es, Wunden zu heilen.“ Da waren sicherlich noch mehr Inhalte gewesen, auf die er gerade keinerlei Zugriff hatte. Sein Oberkörper schwankte gefährlich. Wann hatte er sich das letzte Mal so müde gefühlt?

Gerne hätte er Bruder Levin gefragt, was er dem Weihrauch beigemischt hatte, doch seine ganze Konzentration steckte darin, die Augen offen zu halten, die immer schwerer wurden. „Ihr behaltet die Kontrolle“, hatte Levin gesagt. Er hätte sich ja denken können, dass dies leeres Gerede gewesen war. Dreckskerl. Erneut fiele seine Augen kurz zu. Bei dem Versuch sie wieder zu öffnen, spürte er seine Lider flackern. In seinem Kopf drehten sich die Farben, die er noch zuvor an der Wand gesehen hatte. Sein Kopf unternahm noch einen letzten Versuch, ihn davor zu warnen, sich so verletzlich preiszugeben, aber Merek konnte nur lächeln. Was auch immer geschehen sollte, es würde geschehen.

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Montag 24. Oktober 2016, 22:30

„Merek? Meditationstechniken?“
Oh oh, ich habe hoffentlich nicht doch zu viel genommen?
Merek fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Richtig, da waren sie gewesen.
„Uns wird die richtige Atmung gelehrt und darüber das ‚normale‘ Denken zu vergessen. Wir nutzen das, wenn wir andere heilen und uns auf die Verletzungen konzentrieren müssen“, ihm entwich ein Gähnen, „Je weniger man denkt, desto einfacher ist es, Wunden zu heilen.“

Der Mönch sah ihn weiterhin ruhig an und nickte leicht, beobachtete aber auch aufmerksam die immer träger ausfallenden Reaktionen des ehemaligen Magiers.
Das klingt doch vielversprechend, dann verstehe ich fast nicht, warum er den Sinn des Ganzen hier nicht zu begreifen scheint... Sind die Techniken so unterschiedlich? Scheinbar. Levin atmete tiefer aus, was bei anderen Menschen einem Seufzer entsprochen hätte. Ich habe tatsächlich zu viel genommen, wir werden das Ganze wiederholen müssen. Hoffentlich ist er nicht erbost darüber...

"Alles in Ordnung...", flüsterte er dem jüngeren Mann zu, als er den langsam nach vorne sackenden Oberkörper abfing und Merek kontrolliert zum Schlafen auf die Matte bettete. "Schlaft ruhig."
Vielleicht braucht er das auch, wurde er nachdenklicher, Was mögen so einen Menschen wohl für Alpträume plagen? Ich muss aufpassen, dass ihn jetzt keine überkommen, das wäre außerordentlich ungünstig, aber die schwarzen Einflüsse scheinen auch außer Gefecht gesetzt zu sein, hm. Levin sah sich Pläne schmiedend um.
Eigentlich ist das hier gar nicht so verkehrt. Ich werde Pater Serdon verständigen und ihn sich das selber ansehen lassen. Wenn ich mich hierbei getäuscht habe, muss ich wohl selber nochmal ein paar Schulbücher lesen! 'Ich würde mich über ein lehrreiches Buch freuen', ha! Typisch Zyraner...
Der Mönch stand wieder auf, schob in einer der Wände eine Vertäfelung beiseite und öffnete so eine Verbindung zu einer nebenan befindlichen Kammer mit mehreren einfachen Liegen.

Als Merek wieder erwachte, war er in einem anderen Raum. Er war sehr schlicht, nur wenig beleuchtet und mit mehreren Liegen ausgestattet. Auf einer der Liegen befand er sich selber. Links und rechts von ihm standen flache breite Schalen mit großzügig ausgestreutem getrockneten Basilikum, der einen entsprechenden Geruch verströmte.
Merek fühlte sich noch etwas seltsam, was weniger an den leichten Kopfschmerzen lag, die er bald nach seinem Aufwachen registrierte. Es war, als hätte man ihm einen Brustverband zu eng angelegt. Den ersten üblichen Impuls, die Beine aus dem Bett schwingen zu wollen, unterließ er - irgend etwas an seiner Situation kam ihm vor, als wäre er an die Pritsche gefesselt, nur dass sich nirgends Fesseln wie Seile oder ähnliches erblicken ließen.
Aber seine Bewegungen wurden registriert:
"Ihr seid wach. Gut."
Wenige Worte, schlicht und ruhig gesprochen. Und doch weiteten sich im ersten Moment Mereks Augen, als wäre er gerade vom Schuldirektor in Zyranus angebrüllt worden. Was für ein selbstsicher herrischer Unterton in der Stimme!
Die Stimme gehörte zu einem Mönch, der auf einem Stuhl im Raum gesessen hatte und nun aufstand, dabei eine derart tadellose aufrechte Haltung einnahm, dass es zu der Stimme bestens passte. Aus einem scharf geschnittenen, fast hager wirkenden Gesicht sahen helle Augen zu Merek, deren Iris etwas zu klein aussahen, um angenehm zu wirken. Ein 'Raubvogelgesicht', wie man manchmal Menschen beschrieb, aber es fehlte die Hakennase. Die Nase war eher zu kurz geraten und direkt darunter befand sich ein dicker, aber streng getrimmter grauer Schnauzbart.
Als er stand, griff er zu einem mannshohen kunstvoll gedrechselten, schwarzen Stab mit silbernen Einlegearbeiten und einem violetten Kristall am Kopf, in dem sich graue Schwaden zu drehen schienen. In Mereks Magengrube zog sich unangenehm etwas zusammen, als er den Stab sah.
Irgend etwas daran...
kam ihm irgendwie bekannt vor.
Er spürte, wie sich ihm die Nackenhaare sträubten und das beengende Gefühl um seinen Brustkorb nochmal bewusster wurde.

"Ihr habt etwa drei Stunden geschlafen, was an einer falsch bemessenen Dosierung des Weihrauchs lag. Bruder Levin drückte sein Bedauern darüber aus. Er wird Euch sicher noch selber sprechen. Später.
Ich bin Pater Serdon, Lehrling der vierten Stufe."
'Lehrling'? DAS war kein Lehrling, so viel stand fest! Merek hatte diesen Bewohner des Klosters bisher noch nicht gesehen, sonst hätte er sich definitiv an diesen Anblick erinnert.
"Ihr werdet nicht aufstehen wollen, nehme ich an.
Ihr solltet es zunächst auch lassen", stellte der Pater schrecklich nüchtern fest und deutete auf den Boden unter Mereks Liege: dort war mit violetter Kreide ein Zirkel gemalt, der mit verschiedenen Symbolen bestückt war, von denen die meisten Merek trotz seiner Ausbildung nichts sagten. So viel aber erkannte er: es war ein Bannzirkel. Und das in Schach zu haltende - er - befand sich auf der Liege in der Mitte...
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Mittwoch 2. November 2016, 19:07

"Alles in Ordnung...", flüsterte er dem jüngeren Mann zu, als er den langsam nach vorne sackenden Oberkörper abfing und Merek kontrolliert zum Schlafen auf die Matte bettete. "Schlaft ruhig.“
‚Danke‘ ging ihm noch durch den Kopf, doch seine Lippen bewegten sich nicht mehr dazu. Es wurde schwarz um ihn herum. Alle seine Nächte begannen mit einer schier endlosen Dunkelheit, aus der er einen Ausweg suchte. Dunkles Grau traf auf undurchsichtiges Schwarz. Doch irgendetwas war anders. Ein Lichtschimmer drang von weit weg in seine Richtung. Er blinzelte. Langsam tastete er sich durch die Finsternis, Schritt für Schritt. Das Licht kam näher. Langsam aber sicher konnte er wieder seine Hände vor Augen sehen.
Plötzlich stand er auf einer Wiese. Eine große, grüne Wiese mit verschiedensten Blumen. Und Kleeblättern. Der Duft des saftigen Grases kitzelte seine Nase. Eine frische Brise wehte durch seine Haare. Es fühlte sich nach einem jungen Frühlingstag an.
In der Ferne vernahm er ein heiteres Lachen. Kinderlachen.
Mereks Blick fiel auf eine Decke, die inmitten der Wiese auf dem Boden ausgebreitet war. Er hielt inne. „Ana…“ Seine Stimme war nur ein Hauchen, bevor sie gänzlich versagte. Dort saß sie. Ihre langen Haare hatte sie zu einer komplizierten Hochsteckfrisur frisiert. Sie trug ein roséfarbiges Kleid mit langen ausgestellten Ärmeln und aufwendiger Verzierung. Er kannte dieses Kleid. Sie hatte es bei ihrer Verlobung getragen. Ein Anblick, den er niemals vergessen würde.
Ana winkte ihm zu: „Schatz, komm jetzt endlich her!“ Ihre Augen strahlten ihn an. Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Beinahe wäre er gerannt. Schnell und hart klopfte das Herz in seiner Brust. Was auch immer das hier war, hier wollte er bleiben. Wenn das der Tod war, so war er wunderschön. Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen. Er war zufrieden. Nein - er war glücklich.

Eine unsagbare Kälte durchdrang Mereks Körper. Weg war die Wiese, weg war seine Familie. Stattdessen befand er sich in einem wenig beleuchteten Raum. Für einen Moment bedauerte er, dass es nur ein Traum gewesen war. Vielleicht wäre ihm der Tod lieber gewesen. Aber das wäre zu einfach gewesen. Er musste sich noch immer im Kloster befinden. Doch wo genau war er? Er suchte die Ornamente, die Dreiecke. Levin. Doch nichts von alledem befand sich in seiner Nähe.
Merek fühlte sich noch etwas seltsam, was weniger an den leichten Kopfschmerzen lag, die er bald nach seinem Aufwachen registrierte. Es war, als hätte man ihm einen Brustverband zu eng angelegt. Den ersten üblichen Impuls, die Beine aus dem Bett schwingen zu wollen, unterließ er - irgend etwas an seiner Situation kam ihm vor, als wäre er an die Pritsche gefesselt, nur dass sich nirgends Fesseln wie Seile oder ähnliches erblicken ließen.
Langsam bewegte er den Kopf von rechts nach links. Doch bis auf ein paar Liegen war dieser Raum sehr trist gehalten. Er hatte nichts von der Pompösität des Raumes von vorhin. Wann auch immer dieses vorhin gewesen sein mochte. Mit einer Hand fuhr er sich durch die Haare. Er wollte ächzen, doch kein Laut entkam seinen Lippen, zu sehr war er damit beschäftigt, ein und aus zu atmen.

"Ihr seid wach. Gut.“
Wenige Worte, schlicht und ruhig gesprochen. Und doch weiteten sich im ersten Moment Mereks Augen, als wäre er gerade vom Schuldirektor in Zyranus angebrüllt worden. Was für ein selbstsicher herrischer Unterton in der Stimme!

Was bildete der Mann sich ein, so mit ihm zu sprechen? Er hatte nichts angestellt. Oder doch? Wenn er ehrlich war, konnte er sich an nicht viel erinnern, außer Rauch. War er eingeschlafen?
Erst als der Mann sich scheinbar von einem Stuhl in der Ecke des Raumes erhob, konnte Merek ihn erkennen. Steif und erhaben stand er da, ein hagerer Mann in langer Robe.
Sein Schnauzer war perfekt in Form geschnitten. Zu perfekt.
Als er stand, griff er zu einem mannshohen kunstvoll gedrechselten, schwarzen Stab mit silbernen Einlegearbeiten und einem violetten Kristall am Kopf, in dem sich graue Schwaden zu drehen schienen. In Mereks Magengrube zog sich unangenehm etwas zusammen, als er den Stab sah.
Irgend etwas daran...
kam ihm irgendwie bekannt vor.

Ja, so einen Stab hatte er tatsächlich schon einmal gesehen. Nicht ganz so edel und prächtig, aber dieser Kristall war unverkennbar. Rowan.
Wie elektrisiert zuckte es einmal durch seinen Körper. Rowan... hatte einen ähnlichen Stab bei sich getragen.
Er spürte, wie sich ihm die Nackenhaare sträubten und das beengende Gefühl um seinen Brustkorb nochmal bewusster wurde.
Doch nun war er wieder vollkommen Herr seiner Sinne. Angespannt blickte er den Fremden an. Je länger er sich diese düstere Gestalt ansah, desto flauer wurde ihm im Magen.
"Ihr habt etwa drei Stunden geschlafen, was an einer falsch bemessenen Dosierung des Weihrauchs lag. Bruder Levin drückte sein Bedauern darüber aus. Er wird Euch sicher noch selber sprechen. Später.
Ich bin Pater Serdon, Lehrling der vierten Stufe.“
'Lehrling'? DAS war kein Lehrling, so viel stand fest!

"Ihr werdet nicht aufstehen wollen, nehme ich an. Ihr solltet es zunächst auch lassen", stellte der Pater schrecklich nüchtern fest und deutete auf den Boden unter Mereks Liege: dort war mit violetter Kreide ein Zirkel gemalt, der mit verschiedenen Symbolen bestückt war, von denen die meisten Merek trotz seiner Ausbildung nichts sagten. So viel aber erkannte er: es war ein Bannzirkel. Und das in Schach zu haltende - er - befand sich auf der Liege in der Mitte…
Der erste Schock wandelte sich bald in Wut um. Wie um alles in der Welt war er in diese Situation geraten? Levin hatte ihn hier alleine gelassen, mit einem Fremden, den er ohne Weiteres für das Böse in Person gehalten hätte. Doch er hatte kein Recht, wütend auf den Mönch zu sein. Dieser hatte eigennützig seine eigenen Ziele verfolg - so wie Merek. Dass er nun derjenige war, der hier in eine Art Gefangenschaft geraten war, war ihm selbst zuzuschreiben. Er alleine trug die Schuld dafür. Hätte er nicht so darauf gebrannt, Informationen zu erlangen…
Er musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Ihm gegenüber stand ein Magier - ein sehr wahrscheinlich mächtiger Magier. Doch warum befand er sich dann in einem Bannzirkel? Hatten sie Angst vor ihm? Der Gedanke war im ersten Moment so absurd, dass er beinahe laut loslachen musste, wenn ihm denn nur irgends zum Lachen zumute gewesen wäre. Er war niemand, vor dem man Angst haben musste. Oder? War dies von vornherein Levins Plan gewesen? Er verwarf diesen Gedanken - dann hätten sie ihn schon von Anfang an im Schlaf unschädlich machen können. Anscheinend wollten sie ihn auch lebendig - ansonsten würde er nicht mehr unter ihnen weilen.
Merek setzte sich im Bett auf. Es dauerte ein wenig, bis er seine Glieder in die richtige Position gewuchtet hatte. Wenigstens konnte er sich bewegen. Wohl fühlte er sich jedoch nicht.

Merek sah auf den violetten Kreis. Kreide. Selbst wenn er selbst nicht zum Rand gelangen konnte, so hatte er ein Bett, mit dem er vielleicht die Möglichkeit hatte, über den Boden zu schrammen. Doch der Blick aus dem Augenwinkel auf Pater Serdon vernichtete diesen Gedanken gleich wieder. Was sollte er dann tun? Kämpfen mit einer Magieart, die er nicht kontrollieren konnte? Gegen einen Magier, der wahrscheinlich nicht nur so aussah, als hätte er mehr Wissen und vor allem Macht, als es Merek jemals zu erreichen gedachte?
„Was wollt Ihr von mir, Pater? Und warum bin ich hier?“ Merek deutete auf den Bannzirkel. Er bemühte sich um einen festen Blick in Richtung des Paters, aber seine Erscheinung gefiel Merek überhaupt nicht. Er hatte das ständige Bedürfnis, seinen Blick zu senken, sich unterzuordnen. Welch blöde Angewohnheit. Er hatte es nicht nötig, Demut zu zeigen. Er hatte keinen Fehler begangen.

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Freitag 4. November 2016, 14:38

Merek setzte sich im Bett auf. So wirklich wusste er noch nicht, was er von seiner Lage halten sollte, aber er befand sich viel deutlicher in der Defensive, als er es je vorgehabt hätte. Er schien im Moment nicht einmal viel Handlungsspielraum zu haben. Mit dem Bett die Kreide verwischen? Möglich. Klug? Vermutlich nicht.
Was sollte er dann tun? Kämpfen mit einer Magieart, die er nicht kontrollieren konnte? Gegen einen Magier, der wahrscheinlich nicht nur so aussah, als hätte er mehr Wissen und vor allem Macht, als es Merek jemals zu erreichen gedachte?
„Was wollt Ihr von mir, Pater? Und warum bin ich hier?“ Merek deutete auf den Bannzirkel. Er bemühte sich um einen festen Blick in Richtung des Paters
und dieser wurde ohne Umschweife erwidert.

"Unter anderen Voraussetzungen würde ich erwidern: 'Das wisst Ihr ganz genau', aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass Ihr Euch Eures Problems nicht bewusst seid, ja?"
Der Pater, der bisher von den hiesigen Mönchen die meiste Ähnlichkeit mit den macht- und aufgrund dessen bis ins Unerträgliche selbst-bewussten Magiern von Zyranus hatte, drehte den Stab zwischen den Fingern und starrte Merek an, als wäre der Blick eigentlich auf seine Knochen fokussiert.
"Verschwenden wir nicht unsere Zeit, Herr Merek."
'Herr Merek'? Hatte Bruder Levin dem Pater nicht den ganzen Namen verraten? Serdon wirkte nicht, als wenn es etwas gäbe, was er nicht wüsste, aber dass er auf Mereks Befindlichkeiten Rücksicht nähme, schien noch abwegiger. Aber da rückte die Frage nach seinem Namen auch schon in den Hintergrund:
"Ihr seid Opfer einer dämonischen Verseuchung oder eher wohl aktiven Besessenheit des mindestens vierten Grades, womit auch auf der Hand liegt, was ich von Euch will: ..."
Er hob beide Hände, zeichnete mit den gespreizten Fingern der Linken ein Symbol in die Luft und richtete in der Rechten die Stabspitze gezielt auf Merek,
"Ich will, dass Ihr dem Kloster und den ihm zugehörenden Menschen nicht schadet."
Der letzte Satz schnürte Merek kurz die Luft ab und er starrte für einen Moment auf den Stab, besser gesagt den violetten Kristall, in dem sich der Rauch für diesen Augenblick anders verteilte und ein unangenehmes Gleißen in seine Richtung zu senden schien. Er konnte die Augen nicht davor verschließen. Die Worte hämmerten sich in seinen Kopf und er spürte, wie er nickte, egal ob er es selber gerade gewollt hätte oder nicht. Was hatte Serdon gerade gesagt? Er verstand die Worte nicht und ahnte dennoch überraschend konkret, was sie bedeuteten. Ein wenig erinnerte ihn der Klang an Lerium. Gleichzeitig tobte die Wut in ihm und in seiner Vorstellung zeigten sich grausam abgeschlachtete Tiere des Klosters, darunter auch ein weißes Pferd, und die schreckgeweiteten Augen eines Zwergen, den er hier mal gesehen hatte...
Was passierte hier?!

Pater Serdon entspannte sich. Was lediglich bedeutete, dass er nach dieser Feststellung - besser gesagt: diesem Befehl - nicht mehr ganz so herrisch auftrat. Er nickte einmal knapp für sich.
"Besessenheit. Eindeutig. Bruder Levin wollte diesem Umstand auf deutlich... nun, man könnte sagen 'nettere' Weise nachforschen, doch ich teile seine Meinung nicht. Mit Dämonen ist nicht zu spaßen."
Er straffte wieder authoritärer die Haltung und musterte Merek für einige Augenblicke abwartend.
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Sonntag 5. Februar 2017, 19:45

“Verschwenden wir nicht unsere Zeit, Herr Merek.”
Unter anderen Voraussetzungen hätte er erwidert: ‘Ihr seid derjenige, der hier meine Zeit verschwendet.’ Doch er tat gut daran, sein Mundwerk geschlossen zu halten. Auch beschloss er, zunächst nicht auf Pater Sermons Anrede einzugehen. Den wahren Hintergrund würde er sicherlich nicht durch den Pater herausfinden. Falls doch, konnte er nicht einschätzen, ob das Preisgeben seiner vollständigen Identität nicht vielleicht sogar einen Nachteil bedeutete.

“Ihr seid Opfer einer dämonischen Verseuchung oder eher wohl aktiven Besessenheit des mindestens vierten Grades, womit auch auf der Hand liegt, was ich von Euch will: …”
Im ersten Moment wollte Merek ein großes Fragezeichen in den Raum werfen. Seine Kinnlade klappte ein Stück weit nach unten. Doch bevor er die Worte des Paters revue passieren lassen konnte, fuchtelte dieser mit einer Hand ihm unbekannte Symbole in die Luft, während er mit seinem Stab auf ihn deutete.
“Ich will, dass Ihr dem Kloster und den ihm zugehörenden Menschen nicht schadet.”
Wie benommen starrte Merek auf den Rauch, der in dem violetten Kristall umher wirbelte. Die Worte, die der Pater gesprochen hatte, hallten in seinem Kopf wieder. Unwillentlich nickte er. Er kannte die Sprache nicht, und dennoch hatte er das Gefühl, sie genau zu verstehen.
Gleichzeitig tobte die Wut in ihm und in seiner Vorstellung zeigten sich grausam abgeschlachtete Tiere des Klosters, darunter auch ein weißes Pferd, und die schreckgeweiteten Augen eines Zwergen, den er hier mal gesehen hatte...
“Fiora…”, hauchte er. Hatte er das angerichtet? Wünschte er sich, dies zu tun? Wünschte sich etwas in ihm, diese Gräueltaten zu begehen? Wünschte ER selbst das?
Mereks Herz hämmerte deutlich in seiner Brust. Er wusste, er sollte schockiert sein. Angewidert. Doch irgendetwas in ihm lechzte nach genau dieser Verwüstung. Mit stechenden Augen fixierte er den Pater. Dann erinnerte er sich an dessen Worte und atmete pfeifend aus. Die Wut war verflogen.

Pater Serdon wirkte zufrieden. Merek war alles andere als das.
“Besessenheit. Eindeutig. Bruder Levin wollte diesem Umstand auf deutlich... nun, man könnte sagen 'nettere' Weise nachforschen, doch ich teile seine Meinung nicht. Mit Dämonen ist nicht zu spaßen.”
“Soll ich Bruder Levin nun dankbar für seine Methoden sein, die mich dennoch hierher brachten?”, fragte Merek forsch. Er glaubte, den Anflug eines Grinsens in Pater Serdons Gesicht zu sehen. Schnell rückte er seine Mundwinkel wieder in ihre richtige Position. Er war zu professionell, um einen Ausbruch an Gefühlen preiszugeben.
Dämonen. Seiner Meinung nach war dieses Wort in den vergangen Augenblicken zweimal zu häufig gefallen. Besessenheit. Merek wollte nicht weiter fragen. Er fühlte sich naiv und dumm, beinahe wie ein kleiner Junge, dem man zum ersten mal die Tragweite der Magie erläuterte. Er hätte es wissen müssen. Und wenn Serdon Recht behielt, konnte dies nur eins Bedeuten: Rowan war nicht tot - er lebte in ihm.
Merek fühlte einen Schwall von Übelkeit in sich aufsteigen. Er hätte sterben sollen, wie seine Familie. Den Mörder seiner Lieben am Leben zu halten war ein weitaus schlimmerer Gedanke, als seine Tochter sterben sehen zu müssen.

“Was habt Ihr nun mit mir vor?”, fragte Merek. Hätten sie ihn umbringen wollen, wäre dies bereits geschehen. “Soll ich als Exorzismus-Übung für Eure Schüler herhalten?”

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Montag 6. Februar 2017, 21:20

"Fiora...", hauchte Merek und die Augenlider des Magiers ihm gegenüber zuckten, als er aufmerksam aufzuschnappen versuchte, was der Mann in dem Bannkreis in diesem Moment von sich gab. Ob er ihn verstanden hatte?
Pater Serdon wirkte zufrieden. Merek war alles andere als das.
“Besessenheit. Eindeutig. Bruder Levin wollte diesem Umstand auf deutlich... nun, man könnte sagen 'nettere' Weise nachforschen, doch ich teile seine Meinung nicht. Mit Dämonen ist nicht zu spaßen.”
“Soll ich Bruder Levin nun dankbar für seine Methoden sein, die mich dennoch hierher brachten?”, fragte Merek forsch.

"Ihr könnt ihm dankbar sein, dass dies alles Euch hierher brachte und nicht woanders hin", erwiderte Serdon nüchtern, ließ sich aber zunächst nicht weiter darüber aus, was er mit 'woanders' meinte. “Was habt Ihr nun mit mir vor?”, fragte Merek. Hätten sie ihn umbringen wollen, wäre dies bereits geschehen. “Soll ich als Exorzismus-Übung für Eure Schüler herhalten?”

"Ein verlockender Gedanke", lautete wieder nur der trockene Konter mit einer mitleids- bis ausdruckslosen Miene. "Aber das würde gegen den Geist dieses Ordens verstoßen." Ob diese Bemerkung Merek beruhigte? Es klang, als würde Pater Serdon es ansonsten ohne Umschweife tun.
"Trotz Eurer momentanen zur Passivität verdammten Situation geht es gerade weniger darum, was wir mit Euch vorhaben, sondern was Ihr vorhabt."
Der Adlerblick taxierte Merek weiterhin wachsam, eine unangenehme Pause entstand, in der Merek zu grübeln begann.
"Und wer ist Fiona?"
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Dienstag 7. Februar 2017, 20:06

“Und wer ist Fiora?”
“Mein verdammter Gaul, den ich gerade vor meinem inneren Auge eiskalt abgeschlachtet habe”, zischte Merek. Und das einzige Lebewesen, welchem ich in diesen Zeiten mein Leben anvertrauen würde. Damit beendete er das Thema zunächst. Nicht, dass er dem Pater irgendeine Erklärung schuldig war, ganz egal, in welch unterlegener Situation er sich gerade befand.

“Trotz Eurer momentanen zur Passivität verdammten Situation geht es gerade weniger darum, was wir mit Euch vorhaben, sondern was Ihr vorhabt.”
Der Adlerblick taxierte Merek weiterhin wachsam, eine unangenehme Pause entstand, in der Merek zu grübeln begann.

Ja, das war eine gute Frage. Was hatte er vor? Merek atmete tief durch. Besessenheit, das sollte also die Lösung seines Problems sein. Was hatte er erwartet? Dass Bruder Levin ihn in Trance versetzen würde und all seine Schwierigkeiten sich in Luft auflösen würden? Er war dem Mönch gefolgt, weil er Antworten wollte. Jetzt musste er auch so konsequent sein und diese Antwort annehmen. Nur, weil ihm die Wahrheit nicht gefiel, durfte er nicht die Augen davor verschließen.
Er war gefährlich. Für sich, für seine Mitmenschen, für alle, die seinen Weg kreuzten. Sie waren gefährlich.
Merek fixierte die fremdartigen Glyphen, die den Bannkreis zierten. Er konnte nicht auf ewig hier sitzenbleiben. Aber welche Möglichkeiten hatte er?

Er hätte dem Pater sagen können, er verlasse das Kloster und komme niemals wieder. Vielleicht würde er ihn sogar ziehen lassen. Doch was dann? Würde er sein restliches Leben alleine mit seiner Stute dahinsiechen und auf seinen Tod warten, während er eine Gefahr für alle diejenigen war, die seinen Weg kreuzten? Wie viele Lebewesen hätte er irgendwann auf dem Gewissen, wenn er die Kontrolle über sich niemals vollständig erlange? Merek blickte auf seine Hände. Er ahnte, dass das Dunkle in ihm nur mehr Besitz von ihm ergreifen würde. Vielleicht wäre er irgendwann nicht mehr. Vielleicht würde er zu dem blutrünstigen Monster werden, das er zuvor vor seinem geistigen Auge gesehen hatte. Vielleicht würde man ihn vorher umbringen.
Damit gewann sein Bruder - wenn es denn tatsächlich er war, der sich in seinem Körper eingenistet hatte. Ein Schwall Übelkeit überkam ihn. Rowan würde leben - und er würde als Wirt dieses dreckigen Parasiten leiden, bis sein Körper vollkommen von ihm verzehrt war.

Er hätte sich das Leben nehmen können. Vielleicht hätte auch Serdon außerhalb des alten Gemäuers Freude daran, ihm diese Arbeit abzunehmen.
Niemand anderes würde Schaden nehmen, wenn er dies tat. Doch Rowan hätte gewonnen. Er hätte auch ihn vernichtet. Die Suche nach einer Lösung wäre völlig umsonst gewesen. Die Zeit in Einsamkeit würde ihren Sinn verlieren. Alle Anstrengungen, Kontrolle über seinen Körper zu gewinnen, wären umsonst gewesen.

Exorzismus. Sie mussten voneinander getrennt werden, Rowan und er. Seinen Körper wieder zu spüren, wie er einmal war - Merek schloss die Augen und versuchte die Erinnerung daran aufzusaugen, die Wärme und Hoffnung, die er in sich trug zu spüren - es gab wenig, was er sich sehnlicher wünschte. Die Möglichkeit zu haben, zurückzukehren zu Ana, sie in seine Arme schließen zu können mit dem Wissen: Sie ist sicher vor mir.
Doch zu welchem Preis war dies möglich? Sie waren Zwillinge: War es im Bereich des Möglichen, sie voneinander zu trennen? Was, wenn er derjenige war, der aus seinem eigenen Körper verbannt würde, während alles, was blieb, das Böse war? Oder wenn Rowan während der Prozedur vollständig die Kontrolle über seinen Körper gewann? Er war ein mächtiger Magier gewesen. Merek traute ihm zu, aus den Fittichen des Paters entwischen zu können. Er hätte Unheil anrichten können, auf der ganzen Welt.
Wenn es funktioniert, ist er geschlagen. Wenn es funktioniert…

Wenn er ehrlich war, blieb ihm nur eine dieser Möglichkeiten. Er musste tun, was man von ihm erwartet hätte. Was man von einem Zyraner mit seiner Ausbildung erwarten konnte. Er musste derjenige sein, den er selbst achtete. Es gab kein Davonlaufen mehr. Er musste sich seinem Schicksal stellen.
Merek blickte entschlossen auf zu Pater Serdon, der ihn noch immer mit seinen Adleraugen anstierte, als hätte er ihn am liebsten in der Luft zerrissen.
Merek wollte Serdon sagen, er wollte den Dämon in sich loswerden. Er wollte ihm versichern, dass er dazu bereit war, alles dafür zu geben. Er wollte um Hilfe dabei bitten.
Doch etwas schnürte ihm die Kehle zu. Seine Hände begannen zu zittern, während er nur mit Mühe genügend Luft durch die Nasenlöcher pressen konnte. Plötzlich war ihm heiß. Auf seiner Stirn bildeten sich ein paar Schweißtropfen, die langsam sein Gesicht entlang rannen, bevor sie das Bettlaken tränkten. Sein Kopf schmerzte.
Er wusste es. Er wusste, dass Merek sich entschieden hatte. Und es schien ihm nicht zu gefallen.
“Könnt Ihr mir helfen?” Es war mehr ein Keuchen, das seinen Lippen entwich.

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 9. Februar 2017, 22:20

“Mein verdammter Gaul, den ich gerade vor meinem inneren Auge eiskalt abgeschlachtet habe”, zischte Merek. Eine Aussage, die Pater Serdon aufmerksam und nachdenklich kritisch die Stirn tief furchen ließ. Nach einem Moment nickte er bedächtig für sich, als ziehe er irgendwelche Schlussfolgerungen oder als passe etwas ins Bild.

Es war zu sehen, wie der ehemalige Magier in dem Bannkreis einen harten inneren Kampf mit sich ausfocht. Hatte er wirklich den Geist seines verdorbenen Bruders in sich, seines Zwillings? Ein furchtbarer Gedanke. Aber schon Bruder Levin hatte das zumindest für möglich gehalten, nicht?
Es gab nur eine vernünftige Antwort auf diese Frage.
Merek wollte Serdon sagen, er wollte den Dämon in sich loswerden. Er wollte ihm versichern, dass er dazu bereit war, alles dafür zu geben. Er wollte um Hilfe dabei bitten.
Doch etwas schnürte ihm die Kehle zu. Seine Hände begannen zu zittern, während er nur mit Mühe genügend Luft durch die Nasenlöcher pressen konnte. Plötzlich war ihm heiß. Auf seiner Stirn bildeten sich ein paar Schweißtropfen, die langsam sein Gesicht entlang rannen, bevor sie das Bettlaken tränkten. Sein Kopf schmerzte.

Der ranghöhere Energiemagier beobachtete weiterhin mit Argusaugen, was vor sich ging. Er warf einen Blick auf den Bannkreis, der ganz schwach zu leuchten angefangen hatte und brummte sehr leise. Die Finger spielten an dem Stab, eine typische Geste, mit der man sich unterbewusst der Anwesenheit des Gegenstandes versicherte.
“Könnt Ihr mir helfen?” Es war mehr ein Keuchen, das seinen Lippen entwich. Sein Unwohlsein verschlimmerte sich aber zum Glück nicht - oder war es der Bannkreis, der Schlimmeres verhinderte?

"In gewissem Rahmen... sicher", war die prompte und nüchterne Antwort, als hätten die Worte schon längst auf der Zunge bereit gelegen. Der ältere Magier hob den Blick und suchte den von Merek, legte den Kopf kritisch etwas schief. "Ihr wollt sicher keine relativierenden Antworten hören, nicht wahr?" Es klang fast spöttisch, aber dafür wirkte der ganze Mann zu ernst. "Aber wir sind hier keine Lichtmagier. Die Energiemagie vermag sich eine gewisse Oberhoheit über alle Spielarten der Magie zu verschaffen" - dabei streckte Serdon seine Haltung etwas und hob wie zum Beweis ein wenig seinen Stab - "Aber vielleicht gerade deshalb stößt auch sie recht schnell an gewisse Grenzen. Etwas, das unsere Zyraner Kollegen nie gerne hören wollen." Das Selbstbewusstsein des Paters war mal wieder leicht als arrogant zu bezeichnen.
"Ja, wir können Euch helfen. Aber wie Ihr selber gerade offensichtlich merkt, wird es Euren aktiven Willen dazu brauchen, und ein nicht geringes Maß an geistiger Kraft und Entschlossenheit. Und Geduld." Bohrend sah er ihn weiter an, achtete forschend auf die Reaktionen Mereks, auf Zustimmung, Resignation oder ähnliche Dinge.
"Bruder Levin erzählte grob zusammenfassend, was zu Eurem Schicksal führte, doch es sind noch viele Fragen offen. Zum Beispiel, mit was genau wir es hier zu tun haben. Bevor wir das nicht wissen, kann ich natürlich noch keine zuverlässigen Aussagen machen."
Wieder wartete er für einen Moment Mereks Reaktionen ab. Vielleicht auch Auskünfte.
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Samstag 11. Februar 2017, 19:27

Sein Unwohlsein verschlimmerte sich aber zum Glück nicht - oder war es der Bannkreis, der Schlimmeres verhinderte?
Der violette Kreis, der ihn umgab, schimmerte matt. Die Energie, die von diesen Zeichen ausging, lastete schwer auf Mereks Schultern. Er spürte diese unsichtbare Schwere, die ihn an diesen Ort band. Oder wurde gar nur der unerwünschte Teil in ihm an Ort und Stelle gehalten?
Der junge Magier begriff langsam, dass Pater Serdon nicht nur das Kloster zu schützen schien, sondern auch ihn vor sich selbst. Ob willentlich, war dabei für ihn unerheblich. Wie er bereits richtig bemerkt hatte, gab es für den Pater sicherlich durchaus andere Methoden, um Unheil abzuwenden. Serdon verstand sein Handwerk besser, als Merek es wahrscheinlich jemals würde - ob dadurch seine überzogene Arroganz gerechtfertigt wurde, wagte er jedoch zu bezweifeln.

“Könnt Ihr mir helfen?” - "In gewissem Rahmen... sicher", war die prompte und nüchterne Antwort, als hätten die Worte schon längst auf der Zunge bereit gelegen. Der ältere Magier hob den Blick und suchte den von Merek, legte den Kopf kritisch etwas schief.
Merek schloss kurz die Augen und fuhr mit den Händen durch seine Haare, in der Hoffnung, der stechende Kopfschmerz würde wieder verschwinden. Doch sie blieben konstant auf einem Niveau. Es war dieses pulssynchrone Pochen, das ihn in den Wahnsinn treiben konnte. Ein Schmerz, der immer dann aufgetreten war, wenn er sich der Schattenmagie bedient hatte.
In gewissem Rahmen. Wie sehr er diese kryptischen Aussagen Serdons verachtete. Doch er verkniff sich ein abschätziges Seufzen und öffnete seine Augen wieder.
“Ihr wollt sicher keine relativierenden Antworten hören, nicht wahr?"
Beinahe unbewusst stieß Merek mit einer verbitterten Grimasse einen Hauch Luft durch seine Lippen. Habe ich die Wahl, mir die Modalitäten Eurer Antworten aussuchen zu können?
"Aber wir sind hier keine Lichtmagier. Die Energiemagie vermag sich eine gewisse Oberhoheit über alle Spielarten der Magie zu verschaffen" - dabei streckte Serdon seine Haltung etwas und hob wie zum Beweis ein wenig seinen Stab - "Aber vielleicht gerade deshalb stößt auch sie recht schnell an gewisse Grenzen. Etwas, das unsere Zyraner Kollegen nie gerne hören wollen.”
Sofort tobte etwas in ihm: Diese Arroganz war unglaublich. Doch das Stechen in seinem Kopf rief Merek gleich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: “Ich bin gerade in keiner Situation, in der ich mir an irgendeiner Magieform Kritik erlauben dürfte”, die Worte verließen wieder unbeschwerter seinen Mund.
In Zyranus wurde selten Energiemagie gelehrt. Sein rudimentäres Wissen beruhte sich auf Bruder Levins Erzählungen und überschaubaren Passagen in Literatur, die er vor vielen Jahren als Kind hatte studieren müssen. Dennoch, alle Eitelkeit beiseite geschoben - welcher Meister seines Fachs erhob seine Magie nicht über die anderen: Der ehemalige Lichtmagier hatte eine schwache Idee von dem, was der Pater ihm zu vermitteln versuchte. Er wusste, dass die Energiemagie sich alle Elemente zu Nutzen machen konnte. Dennoch konnte er es nicht unterlassen, anzufügen: “Auch wenn Eure Worte in den falschen Ohren tatsächlich etwas anmaßend klingen könnten.”
Merek schüttelte kurz sich selbst berichtigend den Kopf. Es sollte ihm gleichgültig sein, wie dieser Raubvogel über sich und andere dachte. Wenn er ihm aus dieser Misere helfen würde, ganz gleich in welcher Form, zeigte er Anstand und Nächstenliebe genug. Außer aber er hatte einfach Angst davor, wozu Merek fähig sein konnte, wenn sich ihre Vermutung bewahrheitete.
Lachhaft. Mein Tod wäre besiegelt.
Merek entnahm Serdons Aussage, dass auch der Pater ein Energiemagier zu sein schien - etwas, das ihn ein wenig verwunderte, wirkte er doch so anders als seine Mitmagier hier im Kloster. Die Wärme und Schönheit dessen, was er bei den Schülern in ihrer Meditationsübung gesehen hatte, spiegelte er nicht im Geringsten wider. Er wirkte eher wie das kalte Gemäuer, das dieses Kloster umgab. Er gehörte mit Sicherheit zu den Ranghöchsten hier.

"Ja, wir können Euch helfen. Aber wie Ihr selber gerade offensichtlich merkt, wird es Euren aktiven Willen dazu brauchen, und ein nicht geringes Maß an geistiger Kraft und Entschlossenheit. Und Geduld." Bohrend sah er ihn weiter an, achtete forschend auf die Reaktionen Mereks, auf Zustimmung, Resignation oder ähnliche Dinge.
Merek presste seine Lippen fest aufeinander. Geistige Kraft. Geduld. Tugenden, mit denen er sich immer gerühmt hatte. Viel war nicht mehr davon übrig geblieben. Früher konnte er alle positiven sowie negativen Gefühle mit Hilfe der Lichtmagie von sich abwenden. Das Leben war einfach, wenn man nichts an sich herankommen lassen musste. Wenn man ohne Mühen für seine eigene Ausgeglichenheit sorgen konnte. Zu merken, dass er an seinen Grundlagen arbeiten musste, erfüllte ihn mit Scham. Seine Lehrer hätten ihn dafür gerügt, sich nicht auf das Wesentliche besinnen zu können. Meditation war ein wichtiger Aspekt in jeder Abschlussprüfung eines Lehrjahres. Unbewusst hatten sich seine Fingernägel in die Unterarme gebohrt. Das Pochen in seinem Schädel wirkte so etwas weiter weg. Denken wurde einfacher.
Merek setzte sich auf den Rand des Bettes und stellte die Füße auf den Boden ab. Dies gab ihm zumindest den Anschein von Kontrolle über sich selbst wieder.
“Ich kann Euch nicht versprechen, dass ich so klar und sicher bleiben werde, wie es gerade bin.” Dieses Mal suchte Merek den Blick des Älteren. Seine Augenbrauen hatten sich entschlossen zusammengezogen.
“Aber ich kann Euch versprechen, dass ich dafür kämpfen werde.” Gerne wäre er aufgestanden, um seine Entschlossenheit zu untermauern, aber ein einlullender Schwindel vom langen Liegen überkam ihn. Also blieb er sitzen.
Wenn er nicht die Kontrolle übernimmt.
Niemals hätte er zugegeben, dass er Zweifel hatte. Zweifel, dass er stark genug war, sich zu kontrollieren. Es war zu einfach, ihn in Rage zu bringen. Merek wusste zu genau, dass er sich dann nicht mehr steuern konnte. Der Wunsch, seine Magiekünste dann gegen den Verursacher zu wenden, war unendlich groß. Eine Welle von Hass, mit der er nie umzugehen gelernt hatte.
Wieder fuhr er sich durch die Haare.
Resignation ist keine Möglichkeit. Ich habe mich entschieden. Es gibt kein Zurück mehr.

"Bruder Levin erzählte grob zusammenfassend, was zu Eurem Schicksal führte, doch es sind noch viele Fragen offen. Zum Beispiel, mit was genau wir es hier zu tun haben. Bevor wir das nicht wissen, kann ich natürlich noch keine zuverlässigen Aussagen machen."
Zum ersten Mal in den letzten Minuten ließ Merek einen Seufzer von sich. Natürlich waren viele Fragen offen. Geduld.
“Wisst Ihr, mein Bruder und ich, wir stammen aus einer traditionellen Lichtmagier-Familie. Es gibt in unserer Ahnenfolge keine bekannten Ausreißer in eine andere Magieart. Umso erstaunter waren alle, als Rowan sich schon als Kind von der Schattenmagie angezogen fühlte. Ich bin natürlich nicht darüber unterrichtet, ob es in unserem Stammbaum irgendwelche…Ungereimtheiten gibt.”
Merek hielt kurz inne, sich fragend, ob er seinen nächsten Gedanken tatsächlich teilen wollte, “Ihr seid ein gelehrter Mann, Ihr wisst sicherlich um die Mythen, die sich um Zwillinge drehen: Ausgeburt des Bösen, Dämonen und Ähnliches.”
Vielleicht sollten unsere Seelen einst eins werden. Vielleicht ist dies nur der natürliche Prozess der Wiedervereinigung von etwas, das eigentlich nicht existieren durfte.
Es schüttelte ihn bei diesem Gedanken.
“Es existieren wenig Schriften, in denen Zwillinge nicht für Untaten verantwortlich sind. Und sei es bloß der Tod der Mutter bei der Geburt." Er erinnerte sich nicht gerne daran, wie oft seine Familie zu Anfang auf Ablehnung gestoßen war. Aber sie waren Lichtmagier. Sie waren die Guten.
Pater Serdon hatte den Kopf erneut leicht schief gelegt, als würde er abwägen, ob die Worte seines Gegenübers Sinn ergaben. Merek fühlte sich in seine Ausbildung zurückversetzt. Gab er von sich, was der ‘Prüfer’ hören wollte?

“Ich weiß nicht, was Bruder Levin Euch erzählt hat. Aber was immer es ist, ich bin nicht mehr in der Lage, Lichtmagie anzuwenden. Es ist nicht, als hätte ich vergessen, wie Lichtmagie funktioniert.” Ohne auf seine Hände zu blicken streifte er seinen Ehering ab. “Aber wenn ich mich darauf konzentriere, kribbelt es mich höchstens noch am Ringfinger, ansonsten geschieht absolut gar nichts.”
Pater Serdon beäugte die Stelle an seinen Händen mit dem gleichen Ausdruck, mit dem er den Magier immer ansah. Merek hatte für sich entdeckt, dass es leichter war, den Pater genauso anzustieren und den Blick einfach nicht zu lösen. Der Magier löste dennoch weiterhin Unbehagen in ihm aus. Bruder Levins Gesellschaft war dagegen beinahe schon erquickend gewesen.
“Und sobald ich in Angst oder Aggressionen verfalle, gebrauche ich Schattenmagie, als wäre mir dies gelehrt worden.” Merek dache an seine unbeholfenen Anfänge. “Der Gebrauch zehrte zu Anfang sehr an meinem Körper, als würde es mir das Leben entziehen. Aber je mehr ich diese Magie für mich zu nutzen wusste, desto einfacher wurde es. Dennoch glaube ich, dass mich diese Art der Magie vernichten könnte. Es gibt viele Momente, in denen ich einem völligen Kontrollverlust unterliege.” Merek hielt inne. Im Nachhinein klangen all seine Worte unerheblich und unsinnig. Er hatte gar nicht wahrgenommen, wie viel er gesprochen hatte.

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Sonntag 19. Februar 2017, 22:04

So unerheblich seine Worte für Merek im Nachhinein klingen mochten, Pater Serdon sog jedes Wort in sich auf, hatte bei der Entscheidung, für seine Selbstkontrolle zu kämpfen, abgezirkelt genickt und ließ bei Mereks Ehrlichkeit, dass er für seinen Zustand nicht garantieren konnte, ein strenges kurzes "Hm" hören.
Ja, von Bruder Levin hätte er hier sicher mehr Zuspruch oder ähnliches erhalten.

Bisher hatte sich der Pater überhaupt nicht von der Stelle bewegt, doch nun begann er in kurzen, energischen Schritten ein Auf und Ab in dem Gang an den Liegen vorbei, den der Raum ihm bot; immer nur drei oder vier kurze Schritte. Das "Tock Tock" seines Stabes erfüllte dabei so bilderbuchhaft das Klischee vom strengen Lehrer, dass es zum Lachen hätte reizen können, wäre Serdon nicht eine zu reelle Verkörperung genau dessen gewesen.
"Da sind Widersprüche", stellte er zunächst fest, als doziere er vor einer größeren Menge von Schülern, "Denn der Hinweis auf Euren Bruder mag nicht von der Hand zu weisen sein, doch diese Verfärbungen" - die Spitze des Stabes deutete in die Richtung von Mereks Händen - "sind ein typisches Zeichen dämonischer Präsenz und nicht der von Rachegeistern." Er starrte für einen Moment innehaltend wieder Merek an, um seine Reaktionen zu beobachten.
"Bruder Levin schlug angesichts weiterer offensichtlicher Einflüsse wie dem des Ringes - setzt ihn wieder auf" - die eingeschobene Bemerkung war ganz klar ein Befehl -
"vor, Eure Geistes- und Lebensströme auf fremde Präsenzen zu sondieren. Oberflächlich betrachtet Unfug, denn dass weitere Präsenzen anwesend sind, ist offensichtlich, doch es dürfte trotzdem weitergehende erhellende Informationen zutage fördern und die Situation präzisieren. Wie ich bereits sagte: wir müssen erst genauer wissen, womit wir es zu tun haben."

Er hielt erneut inne und drahte sich zu Merek um. Die gerade Haltung war unerträglich. Die Nebensächlichkeit, mit der er Merek vor den Latz geknallt hatte, dass mehrere verschiedene Einflüsse auf ihn einwirkten, war unerträglich. "Präsenz-en"? In seinem Ehering sollte eine "Präsenz" sein, hatte er das richtig gehört?

"Und wenn ich Euch richtig verstanden habe, hat sich der Dämon noch nicht zu Wort gemeldet, sondern lediglich auf emotionaler Ebene versucht, die Kontrolle über Euch zu erlangen, ja?"
Der Pater hätte genausogut in diesem Tonfall gerade feststellen können, dass heute aber wieder ein kaltes Wetterchen war... wollte er etwa Mereks eben gegebenes Versprechen, dass er um seine Selbstbeherrschung kämpfen würde, schon auf die Probe stellen?
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Mittwoch 22. Februar 2017, 20:22

“Hm”.
Serdon schien in der Blüte seines Mitgefühls zu sein. Merek hatte versucht, all seine Fragen zu seiner Zufriedenheit zu beantworten und alles, was er als Reaktion bekam, war ein Kopfnicken? Ein Hauch von Unzufriedenheit, gar Wut, keimte in ihm auf, doch er erstickte diesen schnell wieder. Wut führte ihn hier nicht ans Ziel.

Merek beobachtete den Pater dabei, wie dieser wie ein unruhiges Tier den wenigen Platz im Zimmer immer und immer wieder entlang ging. Vier Schritte in die eine Richtung, dann wieder vier in die andere. Dabei hallte das Klackern des Stabes laut an den kahlen Wänden des Krankenzimmers wider. Merek verfolgte die Bewegungen des Älteren. Er wirkte beinahe hektisch. Vielleicht dachte er auch einfach nur nach.
"Da sind Widersprüche", stellte er zunächst fest, als doziere er vor einer größeren Menge von Schülern, "Denn der Hinweis auf Euren Bruder mag nicht von der Hand zu weisen sein, doch diese Verfärbungen" - die Spitze des Stabes deutete in die Richtung von Mereks Händen - "sind ein typisches Zeichen dämonischer Präsenz und nicht der von Rachegeistern."
Wer oder was könnte sonst einen Vorteil aus mir ziehen? Aus mir, einem durchschnittlichen Lichtmagier aus Zyranus.
Kurz dachte er darüber nach, ob sein Bruder vielleicht Besessen gewesen sein konnte. Anstatt mit ihm in die ewigen Jagdgründe einzugehen, hatte der Dämon das einzig rationale getan: Sich auf die nächstbeste Seele gestürzt, die er an sich reißen konnte: Er, Merek Fiónn.
Dies erklärte nur nicht, was ein Dämon mit seinem Bruder gewollt hatte. Noch viel mehr: warum er seine Familie vollständig auslöschen wollte.
Der junge Magier stützte den Kopf in seine Hände. Er hatte genug nachgedacht. Er konnte alles sein und gleichzeitig auch nichts von alledem.
Diese Ungewissheit zehrte an ihm.

"Bruder Levin schlug angesichts weiterer offensichtlicher Einflüsse wie dem des Ringes - setzt ihn wieder auf" - die eingeschobene Bemerkung war ganz klar ein Befehl - "vor, Eure Geistes- und Lebensströme auf fremde Präsenzen zu sondieren. Oberflächlich betrachtet Unfug, denn dass weitere Präsenzen anwesend sind, ist offensichtlich, doch …”
Präsenzen. Merek riss den Kopf hoch. Den Rest des Satzes bekam er nicht mehr mit. Serdon hatte im Plural gesprochen. Der Pater wählte seine Worte stets präzise und bewusst.
Großartig, ging es ihm durch den Kopf, Jetzt reißt sich nicht nur einer um mich, jetzt sind es gleich mehrere. War eine nicht bereits genug?
Er betrachtete den Ring, den er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, eindringlich. Er funkelte in einem satten Gelbgold. Zwei dünne Linien zogen sich wie Helices um den Ring. Ana hatte den gleichen getragen, nur zierte ein geschliffener Edelstein den ihren. Er vermisste es, wie er sie gelegentlich dabei erwischte, wenn sie zufrieden ihren Ring betrachtete.
Er drehte den Ring in seinen Fingern. Eigentlich fühlte sich das Stück Gold an wie immer. Nicht ungewöhnlich. Für ihn persönlich dennoch magisch. Doch etwas hatte von ihm Besitz ergriffen. Merek fand keine Antwort auf seine Frage nach dem Grund.
“Ich hatte nicht geglaubt, so wichtig zu sein, als dass diverse Präsenzen um Machtansprüche in mir buhlen…”, murmelte er eher zu sich als zu Serdon. Er war sich nicht einmal sicher, ob der Pater seine leisen Worte überhaupt verstanden hatte. Wenn seine Ohren so scharf waren, wie seine Augen stachen, vielleicht.

"Und wenn ich Euch richtig verstanden habe, hat sich der Dämon noch nicht zu Wort gemeldet, sondern lediglich auf emotionaler Ebene versucht, die Kontrolle über Euch zu erlangen, ja?”

“Sehe ich so aus, als würde ich mich nebenher mit einem Dämon unterhalten?”, fragte Merek schnippisch. Er schüttelte verständnislos den Kopf.
Lediglich auf emotionaler Ebene…Tzz

Merek zischte abwertend. Er hätte lieber mit einem Dämon diskutiert, als sich mental von einem steuern zu lassen. Was fiel diesem Geier eigentlich ein, weiterhin so mit ihm zu reden? Er schüttelte kaum sichtbar den Kopf.
Er umfasste den Ring mit der gesamten Hand. Anziehen sollte er ihn wieder, hatte Serdon befohlen. Befohlen. Für wen hielt er sich eigentlich? Wollten sie nicht eigentlich beide etwas voneinander? Ein sicheres Kloster und eine Lösung seines Problems?
Merek hätte nicht sagen können, ob es Absicht war, oder gar schiere Schusseligkeit. Doch der Ring löste sich aus seiner Hand. Wie in Zeitlupe fiel er zu Boden und rollte los: Sein Weg führte ihn durch den Bannkreis durch das halbe Zimmer. Ein leises “Klong” erfüllte den Raum, als er an Serdons Stab zum Stillstand kam.
“Oh”, Merek tat überrascht, “Da ist mir wohl etwas runtergefallen.” Seine Stimme klang beinahe wertfrei, auch wenn er den Pater gerne seinen Spott hätte spüren gelassen.
Irgendetwas in ihm fühlte sich befreit.
“Aber Ihr wolltet doch wissen, womit wir es hier zu tun haben. Nehmt ihn ruhig.” Kaum sichtbar war das schelmische Grinsen, dass sich auf Mereks Lippen gelegt hatte. Er suchte nach Serdons Augen. Sah er dort gerade tatsächlich die Spur einer Gefühlsregung?

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Samstag 25. Februar 2017, 17:27

“Ich hatte nicht geglaubt, so wichtig zu sein, als dass diverse Präsenzen um Machtansprüche in mir buhlen…”, murmelte Merek zu sich und Serdon hielt kurz in seinem Gang inne, um zu lauschen, doch er schien nicht wirklich gehört zu haben, was der Magier sagte.
"Und wenn ich Euch richtig verstanden habe, hat sich der Dämon noch nicht zu Wort gemeldet, sondern lediglich auf emotionaler Ebene versucht, die Kontrolle über Euch zu erlangen, ja?”
“Sehe ich so aus, als würde ich mich nebenher mit einem Dämon unterhalten?”, fragte Merek schnippisch. Er schüttelte verständnislos den Kopf und zischte abwertend. Er hätte lieber mit einem Dämon diskutiert, als sich mental von einem steuern zu lassen. Was fiel diesem Geier eigentlich ein, weiterhin so mit ihm zu reden? Er schüttelte kaum sichtbar den Kopf.

Reaktionen, die Serdon immernoch alle aufmerksam studierte und etwas in seiner Haltung nahm mehr und mehr Spannung an. Als schließlich der Ring "aus Versehen" zu Boden fiel und durch den Bannkreis rollte, wurde das erste Mal eine emotionale Reaktion bei dem Pater deutlicher sichtbar: Seine Pupillen weiteten sich in stillem Schrecken und er sog tief die Luft ein, hielt sie.
“Oh”, Merek tat überrascht, “Da ist mir wohl etwas runtergefallen.” Das linke Augenlid Serdons zuckte in einem stummen Anflug von Ärger. Auf den Arm nehmen kann ich mich selbst.

“Aber Ihr wolltet doch wissen, womit wir es hier zu tun haben. Nehmt ihn ruhig.”
Etwas in Merek hatte sich befreit gefühlt, als der Ring zu Boden fiel, und dieses Gefühl nahm zu, wollte zu einem triumphierenden Lachen anschwellen.
Auch Serdon sagte nun etwas und blieb dabei leise:
"Das... war dumm..." und hob in abwehrender Geste den Stab waagerecht vor sich.
Merek hörte ein Lachen - sich selber? - ehe seine Haut an den Händen entsetzlich zu spannen begann, als drohe sie aufzuplatzen. Er warf noch einen Blick auf seine linke Hand, wo das Band rosig-heller Haut, die unter dem Ring bewahrt worden war, verschwand und von dem Schwarz darüber und darunter 'zugewuchert' wurde. Serdon ging, ohne die Haltung des Stabes zu ändern, in die Knie und hob den Ring mit der Linken auf, drehte ihn betont zwischen Daumen und Zeigefinger, während er auf Merek starrte und begann beschwörend etwas zu flüstern: "Sag mir, was du weißt..."
Die Kreidelinien des Bannkreises, der Merek umgab, schienen durch den Ring nicht beschädigt worden zu sein, was ihn kurz sehr verärgerte. Aber eine bessere Gelegenheit, hier heraus zu kommen, würde sich trotzdem nicht bieten! Während die Hände grausam schmerzten und die zuvor glatte, schwarze Haut verhärtete und kleine Schuppen auszubilden begann, durch die sich stellenweise in unregelmäßigem Muster winzige Stacheln bohrten, warf sich sein Körper gegen die unsichtbare Wand, die der Bannkreis formte und die Kreide leuchtete so grell lila auf, dass es das Zimmer erleuchtete.
Es funkte und schmerzte. Er kam nicht durch und warf sich brüllend noch einmal dagegen.
Ein Teil von ihm geriet in Panik, als er spürte, wie auch die Haut um sein schwarzes Auge herum zu spannen begann.
Merek bekam nicht mehr mit, wie Serdon weiter flüsternd mit dem Ring den Kristall seines Stabes berührte, aber er hörte plötzlich Ana schreien:

"Nein! Du wirst Quinn nicht auch noch bekommen, du Monster! Du wirst nicht einmal mich bekommen, hörst du! MEREK!"
Mereks Kiefer bebte vor Anspannung und Schmerz, dass seine Zähne hart aufeinander schlugen. Es hörte das Geräusch knallenden Holzes und sah durch das lilane Gleißen noch, dass Bruder Levin in den Raum gestürmt kam und zu Pater Serdon lief, der zum Bannkreis starrend unentwegt zu sprechen schien, aber Merek hörte keine Worte, in seinen Ohren rauschte und knisterte es nur noch. Wie lange hatte Levin dort schon gestanden und gelauscht? Wut, blanker Hass riss Merek mehr und mehr weg. Ein letzter Anblick brannte sich in sein Gedächtnis: das war Levins Mimik, der besorgte und mitleidige Blick, den der Mönch ihm schenkte, während er Serdon die Hand auf die Schulter legte und ihm offensichtlich Kraft schenkte.

Bleierne Schwärze, die seine Rebellionen gegen die Dunkelheit immer wieder nieder drückte. Eine dünne Linie aus Schmerz wurde um seinen Hals gelegt. Er sah, nein, erinnerte sich an Ana, wie sie mit einem Arm den schreiende Quinn an sich presste und den anderen Arm in seine Richtung streckte, schrie, aber sie war zu weit weg. Lilaner Nebel verschleierte ihm die Sicht, bis sich alles wieder in Dunkelheit wandelte.
Irgendwo wieherte ein Pferd. Fiora?
Eine aufgebrachte Stimme: "Warum sollte ich DAS tun?!" - er kannte sie nicht.
"Weil wir Euch geholfen haben. Jetzt zahlt Ihr Eure Schuld zurück." - Levin.


Wie oft sollte es sich eigentlich noch wiederholen, dass er aufwachte und nicht wusste, wo er war? Langsam wurde es fast vertraut.
Seine Augenlider - nein, sein linkes Augenlid - hob sich schwer wie Blei und ließ allmählich erkennen, dass er sich wohl in einer kleinen Holzhütte befand. In einer kleinen gemauerten Feuerstelle brannte ein Feuer. Er lag auf einer einfachen Schlafstatt - ohne Bannkreis - und hatte zwei Wolldecken auf sich liegen. Soweit Möbel zu sehen waren, waren sie grob zusammengezimmert. Der Raum war insgesamt spärlich und nur mit dem Notwendigsten eingerichtet, es ließ sich nichts Persönliches entdecken, was auf einen Besitzer hätte schließen lassen. Auf einem Tisch lagen eine Ledermappe und eine dünn mit Holz umrandete, flache und polierte Kupferplatte. Daneben stand ein Tontiegelchen.
Sein Hals schmerzte, als läge ein dünnes Band darum, das kurz davor war, ihn zu strangulieren, aber als er mit der linken Hand dorthin fasste, war da nur eine Halskette, die nicht einmal besonders eng anlag, er konnte sie aber nicht über den Kopf ziehen. An der Kette, die teils auch aus kleineren Plättchen statt rein aus Kettengliedern zu bestehen schien, hing ein Ring.
Sein Ehering?
Als er die linke Hand in sein Blickfeld hob, sah er eine schwarze Schuppenhaut wie bei einer Echse, aus der unregelmäßig winzige Horndornen stachen. Seine Fingernägel waren zu dicken Krallen geworden, bis auf den Ringfinger, an dem der Fingernagel noch halbwegs normal aussah, soweit man das so nennen konnte. Seine Finger waren so ausgestreckt wie möglich immernoch leicht gekrümmt, ganz flach machen konnte er seine Hand nicht mehr.
Seine rechte Hand... sah genauso aus, aber mit fünf Krallen.
Die schwarze Haut zog sich bis kurz über die Ellbogen, wo das Schwarz ausfasernd in seine normale Haut überging. Das konnte er feststellen, weil er bis auf eine einfache grobe Wollhose unbekleidet war. Seine eigenen Sachen ließen sich nach genauerem Hinschauen auf einem Stuhl bei dem Tisch finden.

Durch eine Luftluke weit oben drang Kälte, es gab zwei kleine Fenster, die mit Holzläden aber fest von innen verschlossen waren. Eine geschlossene, ebenso einfache Tür, die mit einem Querbalken von innen gesichert werden konnte. Durch Ritzen schimmerte Tageslicht.
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Sonntag 26. Februar 2017, 20:01

"Das... war dumm…" Pater Serdon sprach ungewöhnlich leise dafür, dass er eine Rüge aussprach. Zum allerersten Mal hatte Merek an ihm etwas wie Emotionen beobachtet: Zunächst der Anflug von Panik, die sich baldig mit Ärger vermischt hatten. Merek konnte nicht leugnen, dass ihm die Reaktion nicht ein wenig Befriedigung einheimste.
Doch das Gefühl sollte nicht lange halten. Serdon schien es zu merken, noch bevor dem jungen Magier die Konsequenzen seiner Handlung bewusst wurden. Er hielt seinen Stab abwehrend vor sich, bereit, sich zu verteidigen.
Ein gehässiges Lachen drang in seine Ohren. So dreckig, dass er sich fragte, ob es tatsächlich aus seinem Munde kommen konnte. Es war seine Stimme. Eindeutig.
Er hätte in Panik ausbrechen sollen. Er hätte schreien sollen. Aber in diesem Moment schien es richtig. Seine Hände schmerzten, als würden sie jeden Augenblick zerbersten, dennoch fühlte er sich befreit: Als würde gleich etwas aus ihm ausbrechen, was seit langem in ihm schlummerte. Für einen Moment dachte er, alles würde gut werden. Bald würde es enden.
Er warf noch einen Blick auf seine linke Hand, wo das Band rosig-heller Haut, die unter dem Ring bewahrt worden war, verschwand und von dem Schwarz darüber und darunter 'zugewuchert' wurde.
Was habe ich getan?, war ein einziger klarer Gedanke, bevor er versank in einem Strudel aus Schmerz, Wut und Hass.
Merek blickte auf den Bannkreis. Sie hielten ihn hier wie Vieh. Die Kreise schien nicht einen Kratzer durch den Ring abbekommen zu haben. Serdon hatte seine Arbeit gut gemacht. Natürlich hatte er das. Er, das Maß aller Dinge. Er, der den jungen Magier nun auf Knien anstarrte, während er seinen Krückstock vor sich hielt. Wie gerne hätte er ihn kaltblütig getötet. Dem Pater gezeigt, dass sein Benehmen unerträglich war. Dass er unerträglich war. Ihre Augen trafen sich, als Serdon Mereks Ehering in seine knochigen Finger nahm.
Seine Zeit war gekommen. Er musste fliehen. Dies war die beste und wahrscheinlich einzige Möglichkeit, die er bekommen würde. Mit lautem Schlachtgebrüll warf Merek sich gegen die unsichtbare Wand des Bannkreises. Schmerzerfüllt prallte er davon ab. Ein gleißendes Licht erfüllte den Raum. Alles an ihm biss und brannte; der Schmerz in seinen Händen wuchs ins Unermessliche. Irgendetwas fühlte sich anders an als sonst, doch er sah nicht hin. Dem Bannkreis galt seine volle Aufmerksamkeit.
“Naaargh!”, brüllte er, während er sich erneut gegen den Bannkreis warf.
Schwer atmend blickte er den alten Mann an, der noch immer vor ihm kniete. Er hielt den Kreis aufrecht. Dieser verfluchte Pater! Woher nahm er nur diese Kraft?

Plötzlich begann auch die Haut um seinem Auge herum, schmerzhaft zu spannen. Ein Teil in ihm ahnte, dass dies nichts Gutes bedeutete.
Er musste fliehen. Jetzt.
"Nein! Du wirst Quinn nicht auch noch bekommen, du Monster! Du wirst nicht einmal mich bekommen, hörst du! MEREK!"
Mit weit aufgerissenen Augen blickte er sich um. Ana. Sie rief nach ihm. Sie brauchte ihn. Er drehte sich im Kreis, blickte suchend um sich. Das gleißende Licht brannte in seinen Augen. Er sah sie nicht. Wieder schmiss er sich gegen den Bannkreis. Sie taten ihr weh, er musste ihr helfen. Merek keuchte. Sein Kiefer bebte vor Anspannung und Schmerz, dass seine Zähne hart aufeinander schlugen. Sein Kopf dröhnte. Schon lange verstand er die Worte nicht mehr, die Serdon stetig vor sich hin zu murmeln schien.
Irgendwo knallte eine Türe. Schemenhaft sah er durch das grelle Licht die Umrisse von Bruder Levin. Er war Schuld. Er hatte ihn dazu überredet, nach Antworten zu suchen. Laut fluchte Merek vor sich hin, während er sich die Ohren zuhielt. Das Rauschen blieb.
Wie lange hatte Levin dort schon gestanden und gelauscht? Wut, blanker Hass riss Merek mehr und mehr weg. Ein letzter Anblick brannte sich in sein Gedächtnis: das war Levins Mimik, der besorgte und mitleidige Blick, den der Mönch ihm schenkte, während er Serdon die Hand auf die Schulter legte und ihm offensichtlich Kraft schenkte.
Dann übermannte ihn die Finsternis.

Bleierne Schwärze, die seine Rebellionen gegen die Dunkelheit immer wieder nieder drückte. Eine dünne Linie aus Schmerz wurde um seinen Hals gelegt. Er wollte die Augen öffnen, doch er konnte nicht. Er fühlte sich schwach und ausgemergelt. Vielleicht war dies das Ende? Würde er nun auf ewig in der Dunkelheit bleiben? War er nun ein Gefangener seiner selbst? Oder was es der Tod, der ihn langsam zu sich zog?

Verschwommen nahm er die Umrisse einer kleinen Feuerstelle war. Warme Luft drang von dort zu ihm. Ein knurren aus seiner Magengegend erfüllte den Raum. Er hatte lange nichts mehr gegessen. Sein Kopf dröhnte noch immer. Wo befand er sich?

Sein Hals schmerzte, als läge ein dünnes Band darum, das kurz davor war, ihn zu strangulieren, aber als er mit der linken Hand dorthin fasste, war da nur eine Halskette, die nicht einmal besonders eng anlag, er konnte sie aber nicht über den Kopf ziehen. An der Kette, die teils auch aus kleineren Plättchen statt rein aus Kettengliedern zu bestehen schien, hing ein Ring.
Sein Ehering?

Behutsam tastete er die Oberfläche des Ringes ab. Irgendetwas fühlte sich anders an. Die dezenten Einkerbungen, die den Ring zierten, spürte er kaum unter seinen Fingern. Doch er war sich sicher, es war sein Ehering. Er hatte ihn fallen gelassen. Oder weggeworfen? Merek wusste es nicht mehr.
Er blinzelte ein paar Mal, bis seine Umgebung klarer wurde. Sein rechtes Auge fühlte sich komisch an, doch er konnte nicht ausmachen, warum. Mit seiner linken Hand wollte er prüfen, was mit seinem Auge nicht stimmte. Was war noch gleich geschehen?

Als er die linke Hand in sein Blickfeld hob, sah er eine schwarze Schuppenhaut wie bei einer Echse, aus der unregelmäßig winzige Horndornen stachen. Seine Fingernägel waren zu dicken Krallen geworden, bis auf den Ringfinger, an dem der Fingernagel noch halbwegs normal aussah, soweit man das so nennen konnte. Seine Finger waren so ausgestreckt wie möglich immer noch leicht gekrümmt, ganz flach machen konnte er seine Hand nicht mehr.
Seine rechte Hand... sah genauso aus, aber mit fünf Krallen.
Die schwarze Haut zog sich bis kurz über die Ellbogen, wo das Schwarz ausfasernd in seine normale Haut überging.


Es mussten mehrere Sekunden vergangen sein, bis er einen erneuten Atemzug tat. Seine Hände, vielmehr seine Pranken, hielt er ausgestreckt vor sich. Er bewegte alle Finger einzeln durch, als würde er nicht glauben können, dass er diese widerwärtigen Finger willkürlich bewegen könnte; dass sie zu ihm gehörten.
Was habe ich nur getan?
Ja, was hatte er nur getan? Zunächst kamen die Bilder und Emotionen nur schemenhaft wieder. Seine unkontrollierbare Wut auf Serdon und Levin. Das Spannen seiner Haut. Die Schmerzen. Ana.

Mühsam schleppte sich Merek zum Bettrand und setzte sich auf. Kein Bannkreis, er konnte sich anscheinend frei bewegen. Er blickte sich um. Die kleine Holzhütte wirkte nicht, als wäre sie in irgendeiner Form bewohnt. Niemand außer ihm befand sich hier. Er war allein.
Er wollte den Kopf in seinen Händen vergraben, hielt aber inne, als er auf die schwarzen Pranken vor sich starrte. Ein verzweifelter Schrei drang durch seine Kehle, während er mit weit aufgerissenen Augen auf seine Hänge starrte.
Erneut keimte Wut in ihm auf.
Wieso hatten sie ihn nicht getötet? War das die klösterliche Nächstenliebe? Ihn hier zum verrotten in eine kleine Hütte zu stecken? Ihn darauf warten zu lassen, dass er trotz des Rings immer weiter mutierte, wie das Schwarz schon zuvor immer weiter seine Arme hinauf gekrochen war? Was würde von ihm, von Merek, übrig bleiben? Er würde immer weiter die Kontrolle über sich verlieren. Er würde ein Monster werden.
]Ich hasse Euch, Serdon. Warum habt Ihr es nicht zu Ende gebracht?
Mit der Faust schlug er auf den Bettrand. Durch die dicken Schuppen spürte er den Aufprall kaum. Er schlug erneut zu. Ein Lachen hallte in seinen Ohren wider. Einbildung?
Dann erinnerte er sich an die Worte, die er Ana hatte rufen hören:
"Nein! Du wirst Quinn nicht auch noch bekommen, du Monster! Du wirst nicht einmal mich bekommen, hörst du! MEREK!"
Woher waren diese Worte gekommen? Hatte er sich ihre Stimme eingebildet? Hatte der Ring mit Serdon gesprochen? Es waren nur Fetzen, die sich vor seinem inneren Auge abspielten.
Er sah, nein, erinnerte sich an Ana, wie sie mit einem Arm den schreienden Quinn an sich presste und den anderen Arm in seine Richtung streckte, schrie, aber sie war zu weit weg.
Angestrengt bemühte er sich, diese Szene einzuordnen, doch es gelang ihm nicht. Was war danach geschehen? Hatte er sie erreicht? Hatte er sie beide retten können? Oder hatte er tatenlos zusehen müssen, wie dieses…Monster… sie umbrachte?
Er blickte auf seine Hände. War es ihn ihm? Wurde er nun zu ebendiesem Monster? Eine Hand griff an den Ring um seinen Hals. Er schrammte mit den Stacheln über seine Haut. Drei feine rote Linien bildeten sich dort, wo die Stacheln ihn berührt hatten. Es war ihm egal.
War seine Frau, war Ana, gebannt in ihrem Ring?
Merek schüttelte den Kopf. Solch mächtige Magie hatte er niemals besessen.

Erst im zweiten Anlauf schaffte es Merek, auf die Beine zu kommen. Sie fühlten sich schwer und wackelig an. Die Welt drehte sich um ihn.
Langsam begriff er, dass all seine Erklärungen nichtig waren. Wie Schneeflocken im Wind wurden sie weggeweht. Nicht von einer sanften Brise, der er hinterherrennen hätte können, nein, vielmehr durch einen Sturm, der nichts hinterließ als Kälte: in ihm und um ihn.
Serdon hatte Recht gehabt: Es war nicht sein Bruder. Es war weitaus mehr geschehen, an das er sich allerdings nicht erinnern konnte. Er hatte verletzt im Wald gelegen - Rowan hatte ihn nicht verletzt. Nur was war dann geschehen?
Merek zog scharf die Luft ein, während er sich stolpernd auf dem Stuhl niederließ. Der Gedanke, dass Serdon ihm womöglich wirklich hätte helfen können, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Hatte er nicht davor noch Zusammenarbeit und Kontrolle geschworen? Er hatte seine Gelegenheit vertan.
Seine Wut war verflogen. Ihn alleine traf die Schuld an allem. Tränen rannten seine linke Wange hinab. Es war lange her, als er das letzte Mal geweint hatte.
Warum hat er mich nicht gehen gelassen? Warum hat er mich nicht vernichtet?
Als seine Tränen versiegt waren und er wieder einigermaßen klar sehen konnte, begutachtete er die Utensilien auf dem Tisch. Vorsichtig griff er nach der Ledermappe. Mit den dicken Krallen, die aus den Enden seiner Finger herausragten, war dies gar nicht so leicht. Er brauchte ein paar Anläufe, bis er die Mappe so in den Händen hielt, dass er sie hochnehmen konnte. Mit den Stacheln auf seiner Rückhand schrammte er dabei über den einfachen Holztisch.
Er zischte böse, als das Kratzen ein unangenehmes Gefühl auf seiner Haut hinterließ.
Aus dem Augenwinkel erblickte er die Kupferplatte. Sie war blankpoliert und warf einen Sonnenstrahl zurück, der durch die offene Luke in die Hütte fiel. Vielleicht konnte er so sein Auge begutachten? Vorsichtig schob er seinen Kopf darüber, bis er sein undeutliches Spiegelbild darin sah.

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Sonntag 19. März 2017, 23:14

Tränen rannten seine linke Wange hinab. Es war lange her, als er das letzte Mal geweint hatte.
Warum hat er mich nicht gehen gelassen? Warum hat er mich nicht vernichtet?

Dann wäre er, Merek, jetzt 'einfach' im Harax, nicht? Er hatte es während seiner Studien gerne umgangen und ausgeblendet, was oft irritierend religiös motivierte Fanatiker an die Studenten der Lichtmagie hatten herantragen wollen: die Natur des Harax und die Kräfte dunkler Mächte. Er hätte dauernd an Rowan denken müssen, und so hatte er sich allein auf das Heilen wollen an sich konzentriert.
Aber so einfach war es nun für ihn nicht mehr, und er musste sich fragen, ob die Brocken an Informationen, die er trotz seines Widerwillens doch aufgeschnappt hatte, wahr waren: Menschen, die zu eng in Kontakt mit dämonischen Mächten kamen oder gar von ihnen besessen waren oder paktierten, denen drohte die ewige Verdammnis?
Was immer man sich darunter vorstellen mochte.
Hätte er nur besser zugehört.

Genauso, wie die Frage nach Anas und Quinns Schicksal fürchterlich frustrierend war. Wieder hatte er diese Szene vor Augen, als sie die Hand nach ihm ausstreckte, aber was danach geschehen war, löste dieses Gefühl aus, wie wenn man nach einem Wort suchte, das einem auf der Zunge lag, aber nicht wirklich einfallen wollte.
Die Ledermappe in diesen widerlichen Klauen haltend, schob er sein Gesicht über den Kupferspiegel, den man ihm hier offensichtlich hinterlegt hatte.
Was er sah, war dank einer wirklich glatten Oberfläche mehr, als er hätte sehen wollen:
Wie befürchtet, war die Haut um sein rechtes Auge herum zwar ohne Dornen, aber genauso von einer schwarzen Schuppenhaut bedeckt wie seine Hände. Ein häßlicher Wulst formte die Augenhöhle, und ein echsisch anmutendes Auge mit geschlitzter Pupille schaute ihm entgegen. Das Kupfer verfälschte die Farben, aber das, was man die Iris nennen konnte, schien rot mit helleren Einschlüssen zu sein? Es war etwas größer als sein normales Auge, so dass sein ganzes Gesicht erschreckend asymetrisch wirkte. Schlimmer: der Augapfel begann wie zum Hohn, sich unabhängig von ihm zu bewegen, schielte einmal zu ihm, schien zu zwinkern und dann einmal herum zu rollen, ohne dass Merek irgend etwas dagegen hätte tun können. Wieder glaubte er in sich dieses befremdende gehässige Lachen zu hören.
Das Verwirrendste war, dass er trotzdem auch mit dem rechten Auge 'sehen' konnte.
Es war ein Eindruck, der sein Gehirn eine Weile zu überfordern drohte, denn es waren je nach Bewegung also zwei seperate Eindrücke, die verarbeitet werden wollten, und das Bild, das das rechte Auge vermittelte, wirkte ständig 'milchig', als wäre die Luft durch neblige Schlieren getrübt.

Irgendwann widmete er sich der Mappe. Es war kurioserweise ziemlich einfach, mit den Krallen den Deckel aufzuklappen, die Seiten umzublättern, auch wenn ein böser Gedanke im Hinterkopf ihm sagte, dass die Klauen viel besser dazu gegeignet waren, Kehlen aufzureißen.
Die Mappe enthielt mit Fäden gebundene, halbwegs stabile Pergamentseiten. Eine Art dünnes Heft, offenbar für ihn hergestellt und mit sauberer Handschrift beschrieben.
Schon die erste Seite hielt in extra groß verfassten Lettern eine Art neuen Schock für ihn bereit:

[center]"Merek, WENN IHR DIESE MAPPE ZERSTÖRT,
sind Ana UND Quinn tot!"[/center][/size]



Die Buchstaben nahmen zentral platziert fast die ganze Seite ein, aber am unteren Ende stand noch in normalerer Schriftgröße:

"Im Tiegel sind Kräuter. Ihr Duft kann Euch helfen, besser einen klaren Kopf zu behalten."
Schriftrolle Fuss
Falls der Magier den Rat befolgen oder dem Hinweis zumindest näher nachgehen wollte, fand sich im Tiegel getrockneter Basilikum.

Erst auf der zweiten Seite setzte sich die Handschrift fort:

"Verzeiht die drastischen Worte, aber es ist im Groben und Ganzen wahr. Wenn Euch an Eurer Frau und Eurem Sohn noch etwas liegt, dann behaltet die Kontrolle über den Dämon in Euch.
Und
IHR
KÖNNT
die Kontrolle über ihn behalten!
Aber dazu werdet Ihr einen starken Willen oder einen geschwächten Dämon brauchen; deshalb der Basilikum. Ihr scheint es nicht zu wissen, aber die Luft in unserer Welt ist für Dämonen streng genommen Gift. Ohne einen dies-weltlichen Körper, ohne einen Wirt, könnte ein Dämon nicht lange in dieser Welt verweilen, genauso wenig, wie Menschen in der "Luft" des Harax lange überleben können.

Wenn Ihr die Kontrolle über den Dämon völlig verliert, werdet Ihr im Harax enden, und nicht nur Ihr, sondern eben auch Ana und Quinn. Aber nichts von Eurem oder ihrem Zustand ist unumkehrbar, hört Ihr? Nur übersteigt die Hilfe, die Ihr für die komplizierteren Schritte benötigen würdet, die Kompetenz des Klosters. Es war zu riskant, Euch weiter dort zu lassen. Doch drei Menschen zu opfern, indem wir Euch an den Dämon verloren geben, war ebenfalls nicht mit unserem Kodex zu vereinen. Ihr seid vorerst wieder weitgehend auf Euch gestellt und ich bete, dass dies kein schwerer Fehler war. Enttäuscht mich nicht, Merek. Ich könnt als Lichtmagier nicht so schwach sein!
Schriftrolle Fuss
(Seite 3)

Wir können Euch selbst nicht im Detail erklären, wie es vonstatten ging oder was alles im Einzelnen zu bedenken wäre, doch unsere Möglichkeiten des Zugriffs auf Geistermagie und das energiearkane Ausloten Eurer Lebens- und Präsenzströme hat uns offenbart, dass die Reste von hauptsächlich Anas Präsenz/Geist/Seele (nennt es, wie Ihr wollt) an Euren Ehering gebunden sind.
Besser gesagt, an eure beiden Eheringe.
Und Ana ist es auch, die einen nicht zu unterschätzenden eindämmenden Einfluss auf den Dämon zu haben scheint. Deshalb haben wir schlussendlich den Ring mit einer nach Möglichkeit die Eindämmung verstärkenden Kette um Euren Hals gelegt. Es verhindert zum Beispiel, dass Ihr schon jetzt keine Kontrolle mehr über Eure beiden Hände hättet. Dass Ihr keine Kontrolle mehr über Euer rechtes Auge habt, dürftet Ihr bereits festgestellt haben.
Ihr, Merek, braucht Ana.
Und Ana braucht Euch.

Sitzt Ihr?
Wenn nicht, setzt Euch.
Wenn Ihr bis hierher gelesen habt, habt Ihr schon viel geschafft, und Ihr dürft die Hoffnung nicht aufgeben, denn dann hat der Dämon gewonnen. Noch aber besteht die Möglichkeit, ihm auch Ana und Quinn wieder zu entreißen. Ana versicherte uns, dass der Dämon keinen Zugriff auf ihre Seelen hat. Sie scheint sowohl Euch als auch Quinn "festzuhalten". Ihr müsst eine unglaublich starke Frau haben, Merek. Es ist alles etwas schwer zu glauben, selbst für uns, aber Liebe, besonders Liebe, vermag gerade im Harax Berge zu versetzen.
Allerdings müssen wir aus Anas teils kryptischen Auskünften und Wahrnehmungen (Geister halt) vermuten, dass ihr Ring sich im Harax befindet. Fähigen Magieren, auch lichter Gesinnung, sollte es möglich sein, ihn selbst von dort zurück zu holen!
Schriftrolle Fuss
(Seite 4)

Was dann möglich oder anzuraten wäre, vermag ich Euch nicht zu sagen. Ich kann Euch nicht einmal sagen, wo hin Ihr euch am besten wenden solltet. Die Lichtakademie von Jorsan wäre sicher eine gute Anlaufstelle, doch der Weg dort hin ist lang. Fähige Geistermagier sind wie Perlen und schwer zu finden, da sie sich verständlicherweise lieber bedeckt halten. Ritualmagiere, die sich mit der Be- und Entschwörung von Dämonen auskennen und dieses Wissen für löbliche Zwecke einsetzen... noch schwerer.
Bevor es in den Hintergrund rückt: Über den Dämon selbst haben wir verhältnismäßig wenig in Erfahrung bringen können, er war ohne Euer Zutun zu schwer unter Kontrolle zu halten. Doch es handelt sich definitiv um einen Dämon, der dem Bereich der "Rache" in all ihren Variationen zugerechnet werden dürfte.
Ich schätze, das kommt diversen Gelüsten von Euch in letzter Zeit recht nahe? Bleibt Euch bewusst, dass dies in den seltensten Fällen von Euch selbst kommen dürfte, doch Ihr seid der Nährboden, auf dem der Dämon agieren kann. Ich kann Euch nur zu allem raten, was Euren Geist in guter Hinsicht stärkt. Die Lage wirkt erschütternd schwierig, aber behaltet vor Augen, was Ihr aufs Spiel setzt, wenn Ihr nachgebt.

Ich wünsche Euch Glück, und die Gnade wohlwollender Mächte.

Levin
Schriftrolle Fuss

(#ooc: Solltest du den Brief, warum auch immer, nicht zuende lesen wollen, betrachte den Rest als ooc-Wissen. Es war leichter, das jetzt zusammenhängend zu schreiben, als es auf bloßen Verdacht hin irgendwie zu stückeln.)
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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Merek » Montag 17. April 2017, 19:41

Merek nahm die Mappe zwischen seine Klauen. Erst dachte er, er würde sie niemals öffnen können, doch die Krallen ließen sich mit unglaublicher Präzision einsetzen. Weder das Leder, noch das Pergament bereiteten ihm auch nur geringste Probleme. Wenn man flink damit umging, waren sie die perfekte Nahkampfwaffe… Doch dieser Gedanke verschwand mit den ersten Worten auf dem obersten Pergament:

'Merek, WENN IHR DIESE MAPPE ZERSTÖRT, sind Ana UND Quinn tot!'

Scharf zog er die Luft ein. Wer auch immer das geschrieben hatte, er wusste, wie er Mereks Aufmerksamkeit auf sich richten konnte. Doch was konnte eine Mappe mit Ana und Quinn zu tun haben? Mit ihrem Tod? Mit einem Finger fuhrt er über die großen Buchstaben, die das gesamte Blatt einnahmen. Er hatte sie seit ewigen Zeiten nicht gesehen. Vielleicht hielt diese Mappe eine Antwort für ihn bereit. Eine Antwort auf Fragen, die ihn seit einer Ewigkeit quälten. Ein Hinweis darauf, wie er zu seiner Familie finden würde.

'Im Tiegel sind Kräuter. Ihr Duft kann Euch helfen, besser einen klaren Kopf zu behalten.'

Merek hielt seine Nase über den keinen Tontiegel und schnupperte an seinem Inhalt. Seine Nase kitzelte. “Basilikum”, schnaubte Merek leise, konnte sich allerdings ein verbittertes, beinahe dahingerotztes Lachen nicht verkneifen. Es mussten Bruder Levins Worte sein, die er gerade las. Levin, der ihn aus versehen ‘vergiftet’ und mit dem Pater alleine gelassen hatte. Er erinnerte sich an seine barmherzigen Augen, die ihn mittleidig angesehen hatten, während er zu dem wurde, was er jetzt war. Ein Blick, den er zutiefst verabscheut hatte. Den Hass, den er in diesem Moment empfunden hatte, jagte ihm einen Schauer den Rücken hinunter. Doch er tat sich ihm nicht mehr auf. Gerade spürte er lediglich Verwirrung.
Levin schien zu wissen, dass Ana und Quinn lebten. Er hatte Informationen, die Merek nicht hatte.
Sie lebten. Sie lebten und anscheinend hatte er wirklich etwas damit zu tun, wie es ihnen ging. Warum sonst hatte Levin diese drastischen Worte gewählt? Levin war kein Mensch, der zu Übertreibung neigte.

Er blätterte weiter. Jedes Mal, wenn sein Blick seine Hände kreuzte, zog sich sein Magen zusammen und ein Schwall von Übelkeit kam in ihm auf. Immer wieder fragte er sich, ob dies tatsächlich seine Gliedmaßen waren oder ob seine Augen ihm nicht einen Streich spielten. Doch die Bewegungen, die diese abartigen Klauen machten, waren tatsächlich die, die Merek ausführen wollte.

Die nächsten Seiten las Merek mehrfach, ohne auch nur einmal abzusetzen. Wieder und wieder ging er Levins Worte durch, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Zu viele Informationen prasselten auf ihn ein. Gefühle überschlugen sich. Erst nach dem dritten Lesen kamen die ersten wohlgeformten Gedanken in ihm auf. 
Levin hatte die ganze Zeit versucht, ihm zu helfen. Ein Fakt, der ihm in diesem Moment erst schmerzlich bewusst wurde. Sein Mitleid war keine Floskel gewesen, nicht gespielt.

"Wenn Euch an Eurer Frau und Eurem Sohn noch etwas liegt, dann behaltet die Kontrolle über den Dämon in Euch.
Und
IHR
KÖNNT
die Kontrolle über ihn behalten!
Aber dazu werdet Ihr einen starken Willen oder einen geschwächten Dämon brauchen. Wenn Ihr die Kontrolle über den Dämon völlig verliert, werdet Ihr im Harax enden, und nicht nur Ihr, sondern eben auch Ana und Quinn.’

‘Im Harax enden…’
Der Harax war für Merek immer nur ein Konstrukt gewesen. Ein Konstrukt aus wirren Erzählungen und Mythen. Nichts Greifbares. Das Ende von Zeit und Raum, wie sie es kannten. Sphären, parallel zu ihrer Welt. Verdammnis.
Hätte er sich damals doch nur mehr damit beschäftigt. Die wenigen Informationen, die er hatte, reichten jedoch, um den Harax als abscheuliche Umgebung zu erkennen. Ein Leben im Harax war kein lebenswertes.

‘Aber nichts von Eurem oder ihrem Zustand ist unumkehrbar, hört Ihr? Nur übersteigt die Hilfe, die Ihr für die komplizierteren Schritte benötigen würdet, die Kompetenz des Klosters. Es war zu riskant, Euch weiter dort zu lassen.’
Verständlich. Niemals hätte er um Hilfe bitten sollen. Niemals hätte er überhaupt dort aufschlagen sollen. Er hatte sie alle in Gefahr gebracht.
Mereks Kopf fühlte sich schwer an.
Wie konnte mein Egoismus so weit gehen?
‘Doch drei Menschen zu opfern, indem wir Euch an den Dämon verloren geben, war ebenfalls nicht mit unserem Kodex zu vereinen. Ihr seid vorerst wieder weitgehend auf Euch gestellt und ich bete, dass dies kein schwerer Fehler war. Enttäuscht mich nicht, Merek. Ich könnt als Lichtmagier nicht so schwach sein!’
Hatte er nicht noch kurz zuvor Stärke gelobt? Er war eine Schande für seinen Stand. Eine Schande für einen Magier. Doch hätte er ahnen können, dass das Abnehmen seines Ringes solche Auswirkungen haben würde? Hätte er wissen müssen, dass er mit dieser Dummheit alles riskieren konnte? Nicht nur sein Leben, sondern auch das vieler andere?
Ich hätte es wissen müssen. Magie ist kein Spielzeug, mit der man leichtfertig umgehen kann. Wissen, dass ich besitze. Wissen, dass mich hätte aus dieser Situation retten können.
‘…, dass die Reste von hauptsächlich Anas Präsenz/Geist/Seele (nennt es, wie Ihr wollt) an Euren Ehering gebunden sind.
Besser gesagt, an eure beiden Eheringe.
Und Ana ist es auch, die einen nicht zu unterschätzenden eindämmenden Einfluss auf den Dämon zu haben scheint. Deshalb haben wir schlussendlich den Ring mit einer nach Möglichkeit die Eindämmung verstärkenden Kette um Euren Hals gelegt. Es verhindert zum Beispiel, dass Ihr schon jetzt keine Kontrolle mehr über Eure beiden Hände hättet. Dass Ihr keine Kontrolle mehr über Euer rechtes Auge habt, dürftet Ihr bereits festgestellt haben.
Ihr, Merek, braucht Ana.
Und Ana braucht Euch.’

Sein rechtes Auge kugelte sich in seiner Augenhöhle, als amüsierte es sich über die Situation. Es war, als würde die Welt vor ihm verschwimmen. Er konnte die verschiedenen Bilder nicht übereinander legen.
Mit seinen schuppigen Fingern fuhr er über die einzelnen Kettenglieder, die um seinen Hals gelegt waren. Er war sich nicht sicher, ob er sie nicht einfach abreißen konnte, sobald er wieder bei Kräften war; aber er war sich sicher, dass er es nicht versuchen würde. Nicht jetzt und auch nicht, wenn der Dämon in ihm nach Freiheit lechzte. Ana lebte. Ana würde nur überleben, wenn er sie nicht wegstieß. Und er würde nur überleben, wenn sie bei ihm blieb. Eine Symbiose, die sie sich beide nicht ausgesucht hatten. Nein. Die er sich nicht ausgesucht hatte. Sie hielt an ihm fest. An ihm und der Hoffnung, dass er sie retten würde, wenn sie ihn nur unterstützte.
Wieso hatte er davon nichts gemerkt? Wieso war ihm nie klar gewesen, wie nah seine Frau war?
Der Ring glitt durch seine Finger. Durch die Schuppung waren sie zu dick, als hätte er den Ring anlegen können. Es hatte Momente gegeben, in denen er ihre Präsenz zu spüren gedacht hatte. Momente, in denen er sie nahe bei sich wusste. Seine Blindheit erschütterte ihn zutiefst.

‘Wenn Ihr bis hierher gelesen habt, habt Ihr schon viel geschafft, und Ihr dürft die Hoffnung nicht aufgeben, denn dann hat der Dämon gewonnen. Noch aber besteht die Möglichkeit, ihm auch Ana und Quinn wieder zu entreißen. Ana versicherte uns, dass der Dämon keinen Zugriff auf ihre Seelen hat. Sie scheint sowohl Euch als auch Quinn "festzuhalten". Ihr müsst eine unglaublich starke Frau haben, Merek.’
Eine einzelne Träne lief seine Wange hinab und tropfte auf das Pergament, auf dem es ein paar Buchstaben unleserlich erscheinen ließ.
‘Es ist alles etwas schwer zu glauben, selbst für uns, aber Liebe, besonders Liebe, vermag gerade im Harax Berge zu versetzen.’
Ein warmer Schauer erfüllte seine Brust und ergriff für einen kurzen Moment seinen gesamten Körper. Merek schloss kurz die Augen und seufzte erleichtert. Er erinnerte sich an einen Vers, den er vor Jahren einmal gelesen hatte:


Ich laufe barfuß über Scherben
Ich bau aus Trümmern einen Thron
Ich tanz mit jedem meiner Feinde
Solange Liebe in mir wohnt


Levin hatte Recht. Die Liebe hatte ungeahnte Kräfte. Sie hielt Ana am Leben, und somit auch ihn. Sie kämpfte um sich und um seinen Sohn. Sie kämpfte um ihn.
Was hatte er bisher unternommen, um sie zu finden? Die Leere bei der Beantwortung dieser Frage schlug hart auf ihn ein. Sie hatten sich ewige Liebe versprochen. Treue. Verbundenheit. Bis das der Tod sie schied. Er hatte sie aufgegeben. Sich eingeredet, sie würde ihn nicht mehr wollen. Mit der Unfähigkeit, seine Magie ausführen zu können. Mit all der Wut, die sich in ihm angestaut hatte. Er hatte sie alleine gelassen. Alleine im Kampf gegen einen Dämon, der ihn ihm selbst wohnte. Selten hatte er sich so schlecht gefühlt. Angewidert von seinen eigenen Taten - oder vielmehr von dem, was er nicht getan hatte.
Ich hätte wissen müssen, dass sie mich nicht aufgibt. Ich hätte mich auf die Suche machen müssen.
Sie hatte solch einen schlechten Ehemann nicht verdient. Doch er würde es wieder gut machen. Er musste. Ana hatte den Glauben an ihn noch nicht aufgegeben. Sie wartete auf seine Hilfe. Geduldig, wie sie immer war.

‘Allerdings müssen wir aus Anas teils kryptischen Auskünften und Wahrnehmungen (Geister halt) vermuten, dass ihr Ring sich im Harax befindet. Fähigen Magiern, auch lichter Gesinnung, sollte es möglich sein, ihn selbst von dort zurück zu holen!’

Wie um alles in der Welt sollte er das anstellen? Die Lichtakademie von Jorsan? Würden die Jorsanier ihn nicht fortjagen, wenn sie ihn sahen? Er würde sich selbst in keine Stadttore hineinlassen.
Einen Geistermagier oder, noch absurder, einen Ritualmagier um Hilfe bitten? Freudlos lachte Merek auf. Welch guter Ratschlag von Bruder Levin. Doch so abwegig diese Gedanken auch waren, er würde sich aus der Misere nicht alleine retten können. Wie er sich Hilfe erkaufen konnte, war ihm noch fraglich. Er besaß nichts mehr. Nichts, außer Schwierigkeiten.

‘Bevor es in den Hintergrund rückt: Über den Dämon selbst haben wir verhältnismäßig wenig in Erfahrung bringen können, er war ohne Euer Zutun zu schwer unter Kontrolle zu halten. Doch es handelt sich definitiv um einen Dämon, der dem Bereich der "Rache" in all ihren Variationen zugerechnet werden dürfte.
Ich schätze, das kommt diversen Gelüsten von Euch in letzter Zeit recht nahe?’


Ein Rachedämon. Natürlich. Er war empfänglich gewesen für ebendieses Gefühl. Er, ein Lichtmagier, hatte so enorme Rachegefühle zugelassen, dass es einen Dämon angezogen hatte. Oder, dass er ihn ihm entstanden war. Ein beinahe unerträglicher Gedanke, die Quelle dieses Übels sein zu können, nicht nur der Zwischenwirt.
Welche Absurdität. Ein Dämon, der einen Lichtmagier zu besitzen gesuchte. Einen geschwächten Lichtmagier, aber das war es doch, was er war, oder? Wo auch immer seine Kräfte hin entfleucht waren, irgendwo gab es sie noch. Es musste sie geben. Sonst war dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt.
Doch langsam verstand er seinen Traum. Ana, die ihre Hand nach ihm ausstreckte, ihn jedoch nie erreichte, nach ihm schrie. Quinn in ihren Armen. Diese Bilder waren mehr als nur ein einfacher Traum. Es war ein Blick in seine Seele. In Anas Seele.
Wenn er sie erreichen konnte - wenn auch nicht physisch - konnte er etwas über ihre Situation herausfinden? Konnte er sich mit ihr verbünden über irgendeine Form von Magie, die ihnen beiden helfen konnte? Er fragte sich, wie er diesen ‘Traum’ auslösen konnte. Vielleicht war Meditation eine Möglichkeit, sie zu erreichen. Seine letzten meditativen Versuche waren zwar grauenhaft gewesen, aber nun waren die Karten neu gemischt. Er wusste, wofür er das tat. Er wusste, mit jedem Tag, der verging, musste Ana weiter aushalten.
Er musste sie retten.
Sie hielt ihn fest.

Mit einer Hand hielt Merek sich sein rechtes Auge zu. Der milchige Eindruck verschwand und sein Kopf schien zu entspannen. Das zweite Bild, das sich ständig zu ändern schien, bereitete ihm Kopfschmerzen. Er brauchte eine Augenklappe. Nicht nur aufgrund des Sehens: Er musste sich draußen blicken lassen, unter Menschen. Waren seine schwarz gefärbten Hände vorher noch gut mit Handschuhen zu verstecken, so konnte er diese Klauen keinesfalls einfach bedecken. Doch das Auge war… Merek nahm die Hand runter und wagte erneut einen Blick in den Kupferspiegel.
Wer hört mich so an?
Mit einem lauten Knall landete der Kupferspiegel auf dem Boden. Ein helles Schellen hallte ein paar Augenblicke nach, bis sie ruhig auf dem blanken Holz zum Liegen kam. Es war egal, wie er aussah. Es war egal, dass er nichts von Wert besaß. Wenn ihr Ring der Schlüssel war, dann würde er ihn finden. Er würde Ana finden. Koste es, was es wolle. Es war ihre einzige Möglichkeit.

Flinker als vermutet streifte Merek sich die Kleidung über. Er musste wissen, wo er sich hier befand. Er musste aufbrechen. Eine Karte wäre hilfreich gewesen. Mit Schwung riss er die leichte Holztüre auf. Das Gleißende Licht brannte in seinen Augen, die er feste zusammenkniff. Stand dort seine Stute Fiora? Seine Augen gewöhnten sich nur schwer an das grelle Licht. Schützend hielt er seinen Arm davor, doch besonders der milchige Blick durch sein rechtes Auge war noch verschwommener als bereits in der Holzhütte.
Merek spuckte abfällig auf den Boden. Wohin wollte er eigentlich? Jorsan, wie Bruder Levin es ihm empfohlen hatte? Jeder Ort wirkte auf einmal besser, als die Einsamkeit in einem tiefen Wald. Jeder andere Ort barg Hoffnung. Hoffnung, die er in sich tragen musste, wenn er diesen Weg gehen wollte. Für Ana. Für Quinn.

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Re: Neuanfang im Kloster

Beitrag von Erzähler » Freitag 21. April 2017, 23:46

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